Kategorie-Archiv: Psychoanalyse

Über Marxismus und Psychoanalyse in Zeiten sexueller Konterrevolution

Buchvorstellung & Diskussion in Berlin

Am Dienstag, den 28. Februar 2017
Laidak, Boddinstraße 42/43, Berlin

Über Marxismus und Psychoanalyse in Zeiten sexueller Konterrevolution

mit Uli Krug

Freuds Psy­cho­ana­ly­se gilt seit lan­gem min­des­tens als ob­so­let, wenn nicht gleich als Fall für die po­li­tisch-wis­sen­schaft­li­che As­ser­va­ten­kam­mer: ver­al­tet, un­his­to­risch, euro-, phal­lo- und an­dro­zen­trisch. Diese idio­syn­kra­ti­sche Re­ak­ti­on gälte es eher als Re­ak­ti­on auf den nach wie vor ver­stö­ren­den Wahr­heits­ge­halt von Freuds Kul­tur­deu­tun­gen zu er­ken­nen. Warum die Psy­cho­ana­ly­se zum Kern der Kri­ti­schen Theo­rie rech­net, was die Kri­tik der see­li­schen Öko­no­mie mit Mar­xens Kri­tik der po­li­ti­schen Öko­no­mie ver­bin­det und warum der Ver­zicht auf psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­kennt­nis zeit­ge­nös­si­sche Theo­rie­mo­den so an­fäl­lig für (anti-)se­xu­el­le Pro­jek­tio­nen macht und sie ins­ge­samt ver­blö­den lässt – das sind The­men des Bu­ches “Der Wert und das Es” von Uli Krug, aus dem der Autor lesen wird.

Buchansicht

Uli Krug

Der Wert und das Es

Über Marxismus und Psychoanalyse in Zeiten sexueller Konterrevolution

November 2016, 112 Seiten, 10 €, ISBN: 978-3-86259-124-4

Nur eine einzige Parallele läßt sich zwischen Marx und Freud ziehen: Die Denunziation eines übersubjektiven Zwanges, der sich doch nur in subjektivem Handeln auszudrücken vermag. So wie die Kritik der Politischen Ökonomie das kapitale Subjekt als „Charaktermaske“ eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte – in der revolutionären Hoffnung, daß kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch seien –, so legt die Kritik der seelischen Ökonomie das Zwanghaft-Unbewußte am vorgeblich freien Willen des Individuums bloß – in der therapeutischen Hoffnung, daß seelische Regression ein rückgängig zu machendes je einzelnes Schicksal sei. In dem Maße aber, wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politi­schen Zwangscharakter der Subjektivität befestigt, steigt auch das Maß der Zwanghaftigkeit des Subjekts: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die – schon immer limitierte – autonome Kontrolle über sein Schicksal, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die – schon immer limitierte – Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: „Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrations­lager Kastration charakteristischer als Konkurrenz“ (Adorno).

Der Zügellosigkeit der öffentlichen Feindkampagnen wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitis­mus, mit Deutschland, den Deutschen und denen, die ihnen nacheifern, nicht so tun, als ob die Wendung von Gesellschaft zu Racket und Rasse im Indivi­duum Kategorien wie Interesse und ­Bewußtsein in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Ich-Libido, herrscht Es.

Aus dem Inhalt

  • Fremde Nähe
  • Etatistische Infantilisierung
  • Feindbild Freud: Die dritte Kränkung
  • Marx und Freud: Das Ich, das Es und das Subjekt des Tausches
  • Marxismus und Psychoanalyse: Die Austreibung des Unbewußten
  • Narzißmus, Judenhaß, Ich-Libido
  • Literatur

http://www.ca-ira.net/verlag/buecher/krug-wert.es.php

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Über Kreativität in der Wissenschaft

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz über pathologischen Haß im Feminismus

“I am a feminist. All this means is that I am extremely hairy and hate all men, both as individuals and collectively, with noexceptions.” – Bridget Christie

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – Grabinschrift von Ingeborg Bachmann

Die sich in ihrem Aufgeschlossensein und ihrer Weltoffenheit Sonnenden sind weder aufgeschlossen noch weltoffen. Sie sind Besserwisser, die es besser wissen wollen, als es die Fakten nahelegen. Die Toleranten sind intolerant. Die Gleichmacher spalten. Die Diversitätsprediger streben nach Hegemonie. Die Antibürgerlichen sind die übelsten Spießbürger. Die Faschisten gebärden sich als Anarchisten, und die frei gewählte Monarchin kennt keine Parteien mehr. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Geschlossenheit ist gut, Diskurs ist Streit, also verwerflich. Sagen ausgerechnet die, die Kritik als Grundprinzip ihrer Profession ausgegeben hatten. Aber nur, bis sie die Meinungsführerschaft errungen hatten. An der halten sie nun fest. Die Psychoanalyse in Deutschland ist heute nur eine affirmative Herrschaftsnahme.

In Deutschland herrscht ein Neuer Totalitarismus der selbsternannten „Guten“, die jede andere als eigene, herrschende Ansicht mit Geschrei, Diffamierungen, Ausschluß und Denunziation zum Schweigen zu bringen versuchen. In Deutschland ist Faschismus nicht verschwunden, er hat nur die Seiten gewechselt und neue inoffizielle mediale helldeutsche Reichsschrifttumskammern aufgestellt, die darüber wachen, daß über ihre Fetische (z.B. die Invasion der Heiligen, pauschal Flüchtlinge genannt) nur huldigend und anhimmelnd gesprochen wird. Für mich sind diese in eigener Moral mit Schaum vor dem Mund sich selbst zur Extase des Hasses hochgeputschte Hetzer gegen jede von ihrer eigenen abweichende Meinung die neuen Nazis. Antifa ist Nazifa. Wie Max Liebermann angesichts des Nazi-Deutschland zuletzt sagte, ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Wie zu Kaisers Zeiten – der Mainstream-Populismus gefährdet die offene Gesellschaft.

In Deutschland herrscht heute die Gemeinde der Gutmeinenden, mit drei zum Fetisch inoffiziell erklärten Totems, die unter Androhung der medialen Todesstrafe unberührbar sind und ausschließlich das Mantra ihrer Heiligen Herrlichkeit gepriesen werden darf. Das Gutmenschen-Syndrom: die Gedankenlosigkeit, die Ignoranz, die Heuchelei (Hypokrisie) und die Verleumdungssucht. Die Linken und Grünen sind heute der Staat, sie feiern sich selbst und ihre Politik unter den knatternden Fahnen. Der Protest der Jugend kommt deswegen von rechts. Da die Herrschenden heute sich Links und Grün nennen, kann Opposition nur Rechts heißen.

Diese neudeutsche immanent religiöse Dreifaltigkeit besteht aus drei tabuisierten Totems: Moslems (und muslimische Flüchtlinge), Frauen und Homosexuelle (und andere Nicht-Heterosexuelle.).

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz wagt (als eine Ausnahme unter deutschen Psychoanalytikern) an den beiden ersten Heiligenfiguren zu kratzen.

(siehe auch: Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz: Merkel hat Größenwahn

https://psychosputnik.wordpress.com/2016/11/25/psychoanalytiker-hans-joachim-maaz-merkel-hat-groessenwahn/

Während in der Türkei Menschen verfolgt, ermordet, drangsaliert und gequält werden, der Islamofaschismus zunehmend erstarkt, und nach Europa greift, echauffieren sich Deutsche über Trumps Wahl auf dem Niveau von Diskussionen über Ergebnisse von Eurovision Song oder DSDS und der große Freund von Erdogan soll zum deutschen Bundespräsidenten gewählt werden.

Die Erkenntnis ist kein fertiges Ding, sondern ein dialektischer Prozeß, in dem eine neue Erkenntnis nur durch Negation und Aufhebung einer bestehenden Erkenntnis gebildet werden kann. Die gegenwärtige Gesellschaft und vor allem ihre selbsternannten „Eliten“ verhindern, diffamieren und bekämpfen andere als gerade herrschende, etablierte Meinungen und verwandeln damit lebendige Erkenntnis in eine tote, verdinglichte Ideologie, die damit vom Wissen zum Unwissen, zum Fetisch wird. Das gilt für alle institutionalisierten lediglich eigene Macht selbst akkumulierenden Bürokratien, die Politik, die Wissenschaft, die Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse und andere.

Die Psychoanalyse muß sich hüten, erbaulich sein zu wollen, sie muß moralinfrei sein, sonst ist sie keine Psychoanalyse mehr. Wer keine Lebensfreude hat, der hat die Moral.

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb; oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“ (Theodor W. Adorno, 1959)

Deutsche neigen zur Wahnbildung einer „Willkommenskultur“ zwecks Angstverdrängung ihres schwachen ICHs angesichts des Islamofaschismus, ihr Autoritärer Charakter (Adorno) erträgt Ambivalenzen nicht. Nicht die Flutwelle der Ankömmlinge, sondern die hier Ansässigen sind traumatisiert. Deutsche erkennen die Verkommenheit der Ankommenden nicht, weil sie die Eigene verdrängen. Das macht Angst.

Deutschland ist eins der am meisten, wenn nicht das am meisten durchtherapierte Land der Welt, Psychotherapie, Selbsterfahrung, Coaching, psychologische Seminare überall, vom Flüchtling bis Bankvorstand. Deutschland ist das Land der Betreuten und der Betreuer, der Behandelten und der Behandler, der Patienten und ihrer Therapeuten. Kein Wunder, daß auch in der Politik Deutschland die Rolle eines Psychotherapeuten für den Rest der Welt, für ihren Patienten, beansprucht. Nach so viel Psychotherapie müßten Deutsche die Vernünftigsten, die Mutigsten und die Zufriedensten in der Welt sein, anstatt die Irrationalsten, die Ängstlichsten und die Unzufriedensten. Wieso ist es so?

Es ist so, weil Deutsche Selbsterkenntnis mit Selbstsucht und Tiefsinnigkeit mit Selbstbezogenheit verwechseln und was sie für Psychotherapie und Selbsterkenntnis halten, lediglich eine Bestärkung eigener narzißtischer Opferrolle ist, mit Erklärungen, daß für das eigene Schicksal nur andere verantwortlich, also schuldig seien, vorwiegend die Mutter, der Kapitalismus, die Amerikaner und die Juden (Israel, Zionisten). Reflektion nirgendwo, überall nur Beschuldigungs- und Betreuungsindustrie. Das ist, was Deutsche für Psychotherapie halten, das ist die herrschende Psychokratie in Deutschland, ein Werkzeug der Volksverdummung. Nirgendwo Aufklärung, nirgendwo Reflektion, die Unwissenheit ist Stärke, rot-rot-grüner Anton Reiser überall, Theodor Wiesengrund nirgends mehr.

Man ist das, was man in der Welt wahrnimmt und in seinem Leben macht. Wer sich mit nur sich selbst beschäftigt, beschäftigt sich mit gar nichts, außer daß er sein narzißtisches Selbst immer mehr aufbläst.

Wenn 1.000.000 Menschen an ein Kalb mit 3 Köpfen glauben, dann nennt man es Religion, wenn 10.000 Menschen an ein Kalb mit 3 Köpfen glauben, dann nennt man es eine Sekte, wenn ein Mensch an ein Kalb mit drei Köpfen glaubt, dann nennt man es Paranoia. Seit 2001 bestimmt eine einzige Religion die Debatte: Der Islamofaschismus. Islam ist eine gewaltverherrlichende faschistische menschenverachtende Antikultur. Es gibt keinen richtigen Islam im falschen.

Zur Psychoanalyse, psychoanalytischer Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierter (psychoanalytisch orientierter) Psychotherapie gehören als zentrales Thema gesellschaftliche Probleme. Es geht nicht immer nur um die Mutterbrust,
sondern auch um Konflikte in der Gesellschaft, in der der Mensch lebt und von der er formiert und deformiert wird.

Die real existierende Psychoanalyse in Deutschland ist ein politisch korrekter institutionalisierter Kastrat, der jedes konflikthafte Thema meidet, verhindert, zensiert, kontroverse Psychoanalytiker mundtot macht. Was Carl Müller-Braunschweig, Felix Boehm, Schultz-Hencke, Ernest Jones eingebrockt und Annemarie Luise Christine Dührssen für die nächsten 1000 Jahre dingfest festgebacken hat, ist für die Katze. „Zwar war Freuds Psychologie des Unbewußten längst von deutschen Mandarinen »verwissenschaftlicht« und die Psychoanalytische Bewegung durch Hitlers Terror zum Stillstand gebracht worden. Doch auch in den aktuellen Theorie- und Praxis-Gestalten der reimportierten, medizinalisierten und konventionalisierten Psychoanalyse glomm noch der Funke der Freudschen Ideologiekritik.“ – (Helmut Dahmer, In: Konkret 02/92, S. 52.) Die Medizinalisierung und Technokratisierung der Psychoanalyse machte sie zum toten Ding, zum Fetisch im saturierten Strukturalismus, der weder die Postmoderne noch den Dekonstruktivismus erfahren hat.

Ich haben nach vielen Auseinandersetzung mit der herrschenden Psychokratie verstanden: das Psychokraten-Racket präsentiert sich aktuell als selbstveredelte Omertà mit Enigma-Chiffriermaschine und Vertuschungshoheit, Verschweigeprivileg, Bemäntelungsbefugnis, Lizenz zum Retouchieren, Zensieren, Relativieren. Aufdeckende Methoden in der Psychotherapie sind damit verbannt und werden bald verboten. Nihil novi sub sole. Unwissenheit ist Stärke. Rackets sind nach Adorno mafiaartige bürokratische alienähnliche selbst machtakkumulierende Verwaltungsorgane, mächtiger als Kapitalismus. Die stärkste alles beherrschende, selbstakkumulierende Macht ist nicht mehr der Kapitalismus, sondern die Bürokratie, die Rackets der nur noch dem Schein nach demokratischen Verwaltung.

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Grell: Die Spaltung der Gesellschaft an politischen Linien in Deutschland ist sehr kritisch, doch es existiert auch eine Spaltung zwischen Männern und Frauen. Doch was hat dazu geführt und wie kommen wir da wieder raus? Dem Zuschauer herzlich Willkommen zu NuoViso Talk, mein Name ist Hagen Grell und zu diesem Thema habe ich mir heute den ärztlichen Psychotherapeuten, Psychoanalytiker und Autor Hans-Joachim Maaz eingeladen, vielen Dank, dass Sie da sind. Herr Maaz, vielleicht gleich als Einstiegsfrage, was halten Sie denn vom heutigen Feminismus?

Maaz: Das ist ein riesen Thema, kann man gar nicht wirklich mit einem Satz beantworten. Also ich will es mal so sagen: So viel wie ich von Feminismus verstehe und mitbekommen habe, war es eine notwendige Entwicklung, um die gesellschaftliche Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung der Frauen, die ja wirklich jahrhundertelang unterdrückt waren, schlecht behandelt worden, also das eher niedrige Geschlecht so in dem sozialen Rang dargestellt war. Das war eine ganz notwendige Bewegung. Übrigens interessant ist, dass es, ich denke, in der DDR ist eine solche feministische Bewegung gar nicht geben musste, weil die Rolle der Frau irgendwie von vornherein unter den sozialistischen Bedingungen eine andere war. Wo ich erhebliche Bedenken habe mit feministischen Tendenzen, wenn sie männerfeindlich sind, damit beziehungsfeindlich also zwischen den Geschlechtern und vor allen Dingen, wenn sie kinderfeindlich sind. Also vor allen Dingen dadurch, dass Mütterlichkeit nicht mehr als ein Wert geschätzt wird, eigentlich überhaupt nicht vorkommt in den feministischen Überlegungen, wie wichtig und notwendig es ist, dass es auch eine gute Mütterlichkeit in der Gesellschaft gibt.

Grell: Mütterlichkeit ist eine Bestätigung des Patriarchats, ich zitiere jetzt mal die Position: Mütter sind faul, eigentlich könnten sie auch arbeiten und sollten ihre Karriere machen und würden damit was für die Frauen eigentlich tun, für die Frauenbewegung usw. Mütter fallen da eigentlich hinten unter.

Maaz: Ja, das ist eine furchtbare Position, die halte ich für auffällig, fast pathologisch, weil es weder dem Frauenbild noch der Beziehungskultur, die wir brauchen, eben noch der Entwicklung in der Gesellschaft gut tut, wenn solche Positionen vertreten werden.

Grell: Vor allem wundert es mich, Entschuldigung, dass ich kurz unterbreche, gerade beim Feminismus, dass da eben so viel, wie Sie schon gesagt haben, auf Hass basiert. Also man möchte ja eigentlich ursprünglich halt pro eingestellt sein und was erreichen und dann ist es eben, wie Sie gesagt haben, ich erlebe es genauso, Männer hassen, Kinder hassen, Weiblichkeitshass, Frauenhass, sogar gegenüber manchen Frauen, die sich nicht in dieses Bild einordnen wollen, Mütterhass. Wie kann das kommen?

Maaz: Ja, das ist der Mechanismus, den wir bei all solchen Entwicklungen sehen, wenn also Hass, Ärger, feindselige Positionen vertreten werden. Es ist immer ein Hinweis für eine innerseelische Problematik. Nun kann man sagen, gut, also über Jahrhunderte sind Frauen schlecht behandelt worden, dass sich da auch jetzt kollektiv etwas angehäuft, ein kollektiver Protest und das Bemühen, da wirklich eine angemessene soziale Rolle einzunehmen, das kann man verstehen, aber häufig sind es eben dann auch Vertreterinnen, die eine ganz individuelle Problematik in sich tragen, die schlechte Erfahrungen mit ihren Vätern, auch mit ihren Müttern gemacht haben und im Grunde genommen wie so oft, dann wird die eigene Identitätsproblematik nicht als solche wahrgenommen, sondern wird in kämpferischen Positionen jetzt gegen vermeintliche Gegner, Feinde usw. ausgetragen und das, denke ich, ist im Feminismus kommt es auch deutlich vor und dort muss man dann wirklich sagen, also da nimmt die Entwicklung keine gute Entwicklung mehr.

Grell: Und das hat ja auch ein Stück weit, wie Sie schon gesagt haben, wenn man sich mit Hass begegnet, das findet ja dann auch in der Kommunikation statt und auch in den Beziehungen selber, treibt dann auch die Menschen auseinander. Sehen Sie das auch in der Gesellschaft? Ich meine, gut, an den Zahlen kann man es ja auch ein Stück weit sehen, die niedrigste Geburtenrate weltweit in Deutschland, riesengroße Singlequoten in Deutschland, aber Sie kennen es ja auch aus der eigenen Praxis als Psychotherapeut und als Psychoanalytiker. Kommen da auch Menschen zu Ihnen mit Beziehungsstörungen und wo Sie diese Problematiken auch drin erkennen?

Maaz: Ja, das ist ein sehr häufiges Thema sogar. Man kann so lax sagen, es wird immer schlimmer, Männer und Frauen verstehen sich nicht mehr. Also Partnerschaften werden immer schwieriger. Das hat natürlich sicher sehr viele Gründe. Das ist einmal begründet mit dem, was bringt die Frau, was bringt der Mann an Problematik mit, dann hat man oft die Erwartung, es wird in der Partnerschaft alles besser, es wird reguliert oder der Partner erfüllt mir endlich die Bestätigungen, die mir so gefehlt haben. Das geht natürlich schief. Dann, wenn Kinder kommen, wird die bisherige Partnerschaft infrage gestellt. Jetzt ist sozusagen eine neue Aufgabe, neue Verpflichtung da und die Hoffnung, dass der Partner jetzt nur für mich da ist, die geht verloren und dann gibt es natürlich die sozialen gesellschaftlichen Bedingungen, wie Männer und Frauen behandelt werden, welche Chancen sie auch auf dem Arbeitsmarkt haben. Ich will, weil mir das ganz wichtig ist, um noch mal diese Tendenz der Gleichmacherei, also Gleichberechtigung ist notwendig und richtig. Das heißt aber nicht gleich Artigkeit. Also diese, sagen wir mal, was man vielleicht mit der Überschrift Unisex vertritt, was ich für wirklich auffällig bis abnorm halte, Menschen sind nicht gleichartig. Männer und Frauen sind nicht gleichartig. Jeder ist individuell unterschiedlich und jetzt mal bezogen auf mein Hauptthema, der Entwicklung und Betreuung der Kinder, gibt es Werte, die man als mütterlich und als väterlich bezeichnen kann. Die sind nicht reduzierbar, das heißt nicht, dass mütterlich nur Frauen sein können, es gibt auch väterliche, es gibt auch Mütterlichkeit bei Vätern und das heißt nicht, dass väterlich nur Männer sein können, sondern es auch gibt auch mütterliche Männer und väterliche Frauen. Das ist nicht ans Geschlecht gebunden, aber es sind die Eigenschaften, die sind für das Kind nicht weiter reduzierbar. Also mütterlich ist zum Beispiel eine Einstellung des Erwachsenen zum Kind, ich nehme dich an, ich bin bemüht, dich zu verstehen, ich bin empathisch bei dir, ich will dich erkennen, ich will dich fördern, ich will dich versorgen, schützen und ernähren. Und das Väterliche wäre der andere Pol, den ein Mensch zur Entwicklung braucht, nämlich ich fördere dich, ich fordere dich, ich bringe dir praktisch Dinge bei, das Leben zu gestalten. Also auch was mit Verantwortung und Pflicht, mit Aktivität, mit Risiko zu tun hat.

Grell: Aggressivität teilweise auch.

Maaz: Ja, auch das, im besten Sinne. Also das Mütterliche ist dem Kind gegenüber das, was für den Schutz, die Versorgung und Geborgenheit sorgen. Das Väterliche wäre das, wo das Kind jetzt aus dem mütterlichen Raum hinaus in die Welt gebracht wird. So, wer das jetzt von den Erwachsenen macht, das ist erst mal zweitrangig, aber diese unterschiedlichen Beziehungsangebote, die braucht jedes Kind und eine alleinerziehende Mutter, ein alleinerziehender Vater hat es besonders schwer, weil er eigentlich beide Funktionen, das Mütterliche und das Väterliche zu vertreten hat. Man darf aber nicht vergessen oder übersehen und das werfe ich einem falsch verstandenen Feminismus vor, dass tatsächlich die leibliche Mutter eine ganz besondere Bedeutung hat, denn sie stellt schon eine Verbindung zu dem Kind her in der Schwangerschaft, unter der Geburt und dann in der ersten Zeit der möglichst guten Stillphase.

Grell: Das finde ich auch interessant, das stellt man sich ja manchmal nicht so vor, aber ich habe auch in letzter Zeit mich damit beschäftigt und dann eben das Kind quasi neun Monate ja im Bauch wächst, das Gehirn sich ja relativ früh anfängt, zu entwickeln, es hat die Verbindung über die Nabelschnur, bekommt Nährstoffe, bekommt die Hormone mit teilweise, Neurotransmitter, bekommt die Geräusche schon mit oder lauter Impulse, das unterschätzt man manchmal und gerade aus dieser Ideologie von Leuten, die dann sagen, das Kind kommt als weißes Papier auf die Welt, das ist dann eben gar nicht oder?

Maaz: Das ist überhaupt nicht der Fall. Wir gehen sogar davon aus, dass etwa bis zu 50 Prozent, was den späteren Erwachsenen ausmacht, was ihn geprägt hat, in dieser ersten Phase Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit entsteht.

Grell: Bis zu 50 Prozent?

Maaz: Bis zu 50 Prozent. Also das kann man gar nicht hoch genug einschätzen, wie wichtig das ist, dass die leibliche Mutter auch in ihrer Mütterlichkeit gute Chancen hat, also auch in der Vorbereitung, was ist eigentlich mütterlich und welche innere Einstellung zu dem Kind kann ich verwalten und natürlich die sozialpolitische Aufgabe in der Gesellschaft, gerade diese Phase so zu unterstützen, dass eine Frau eben gut Mutter werden kann und Mutter sein kann.

Grell: Ich hatte das auch gerade, ich muss nur kurz da reingehen, weil ich das so spannend finde, gerade auch die Hormone, die ja zum Beispiel ausgeschüttet werden, das Kind bekommt das ja auch mit. Ich habe das neulich von einem interessanten Beitrag dort gehört, wenn das Kind zum Beispiel merkt, okay, zum Beispiel der Vater kommt oder so und dann kommen Stresshormone oder es ist eigentlich so, das Kind macht sich selber bemerkbar dadurch, dass es zum Beispiel mal tritt oder so und die Mutter strahlt eben nicht aus „Du bist willkommen“, sondern sozusagen hat dann auch wieder Stress, das kriegt ja das Kind genauso mit und immer, so kann sich auch ein Selbstwert dort schon mitformen oder?

Maaz: Ja, das ist gut dargestellt, genau. Deshalb ist es auch für die Qualität der Betreuung weniger die Frage pädagogischer Verhaltensweisen und Maßnahmen, sondern wichtiger ist die innere Einstellung, also welche innere Einstellung hat die Mutter zu ihrem Kind, ja? Wie kann sie es annehmen, akzeptieren, gutheißen, neugierig sein oder wie sehr fühlt sie sich beeinträchtigt, bedroht vielleicht sogar, angstvoll besetzt, was ist das für ein Kind, was macht das aus meinem Leben usw. Also damit ist das Verständnis der innersten Haltung zum Kind entscheidend. Ich habe zum Beispiel viele Eltern kennengelernt, auch gerade Mütter, die davon überzeugt waren, dass sie das Beste für ihr Kind wollten und gemacht haben, aus Liebe gehandelt haben und sind erschrocken darüber, dass das Kind sich dann doch nicht so entwickelt hat, wie sie es erwartet haben aus ihrer Vorstellung von Liebe und wenn man das genauer analysiert, ist das beim Kind aber nicht als Liebe angekommen. Das Kind hat was ganz anderes gebraucht oder gewollt, als die Mutter gerade gedacht hat, dass es richtig sei und dieser Dissens, der ist nahezu tragisch, dass Eltern denken „Ich bin gut bei meinem Kind“, aber gar kein wirkliches Gefühl haben, was mit dem Kind ist, was das Kind braucht und aber nur das, was beim Kind ankommt, das Gefühlte ist entscheidend für sein Wohlbefinden und damit auch für seine Entwicklung bis hin zur Gehirnentwicklung.

Grell: Ah ja und das macht dann natürlich einen großen Einfluss auch wieder aufs Leben und da natürlich, um zurückzukommen auch zur Mutterrolle, auch was, was eben deswegen nicht zu unterschätzen ist und gerade auch die Abwertung dessen da natürlich auch wieder einen großen Einfluss auch auf die Gesellschaft hat, wieder auch auf das spätere Miteinander.

Maaz: Also ein Feminismus, der tatsächlich mütterfeindlich ist oder nicht auch Mütterlichkeit unterstützt und fördert, ist für die Entwicklung der Gesellschaft gefährlich, weil dort, sagen wir mal, das Mütterliche in einer Gesellschaft ist entscheidend für die Zukunft der Gesellschaftsentwicklung, weil dadurch wieder die nächste Generation geprägt wird, deren Verhalten, deren Persönlichkeitsstruktur, die ja im Grunde genommen die Gesellschaft zu gestalten hat.

Grell: Geistige Gesundheit.

Maaz: Ja. Das ist, deshalb bin ich an der Stelle wirklich sehr empfindlich, wenn also auch selbst gerade von Frauen das Mütterliche so abgewertet wird.

Grell: Denken Sie, dass der Feminismus überhaupt heute noch in der Form nötig ist?

Maaz: Also in der Form nicht mehr, wenn es darum geht, dass es um also die Gleichberechtigung von Frauen geht. Sicher, wir wissen, sie werden immer noch schlechter bezahlt oder so etwas, aber ich glaube, mittlerweile engagieren sich genauso viele Männer zu Recht darum, dass es da auch eine soziale Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gibt. Ich habe eher den Eindruck, dass es jetzt Tendenzen gibt, die über das Ziel hinausschießen, wo es eine neue, fast einen Zwang gibt, das Weibliche hochzupushen, also die ganze Genderproblematik scheint mir sozusagen, dass ein vernünftigen Maß längst verlassen zu haben.

Grell: Wobei das auch sogar in die Richtung geht, Sie sprechen es ja gerade auch an mit Gender, wo sich das völlig von der biologischen Realität auch zu lösen scheint. Also ich höre ja dann immer wieder auch die Aussagen, man kann sich das komplett aussuchen, das ist alles ein soziales Konstrukt. Sie haben vorhin gesagt, 50 Prozent ist vorher, vielleicht sogar bis zu 50 Prozent festgelegt, die sagen gar nichts ist festgelegt, das kann ich mir heute aussuchen, heute bin ich ein Mann, morgen bin ich eine Frau, übermorgen bin ich irgendwas dazwischen. In den USA gibt es Entwicklungen sogar, wo es dann Leute gibt, die sich Transspezies sozusagen, glauben sie sind heute mal ein Pferd oder mal ein Sternenwandler oder irgendwas so, ein Stern, ein Baum oder irgendwas, sehen Sie das, ist das schon wieder pathologisch?

Maaz: Ja, hochpathologisch. Das ist hochpathologisch ja. Es ist vernünftig, danach zu forschen, wie das genetische Mitgegebene und dann die sozialen Verhältnisse einen Menschen prägen. Das ist für jeden einzelnen Menschen in einer spezifischen Art gegeben und das zu verstehen, das ist zwar sicher, dass es da allgemeine Tendenzen gibt, aber jeder Mensch auch ganz individuell beeinflusst wird von seinem Erbgut, aber eben auch von den sozialen Verhältnissen und vor allen Dingen eben von der Beziehungsqualität in seiner Frühentwicklung. Das ist gut und richtig und wichtig, dann kann man auch verstehen, weshalb es auch innerhalb der biologischen Geschlechter, Mann oder Frau erhebliche Unterschiede gibt, das ist in Ordnung, weil man erkennen kann, das ist aus bestimmten Umständen und Zusammenhängen so entstanden. Das würde helfen, dass dann praktisch das Individuelle eines jeden Menschen damit gewürdigt wird. Das ist aber was völlig anderes als wenn man jetzt in einen Kampf zieht, dass es keine Unterschiede mehr gibt, dass alle gleich sind, also da ist, denke ich, längst eine Grenze überschritten, wo es erneut abnorm wird.

Grell: Wie Sie auch gesagt haben, der Unterschied dann auch zwischen Gleichberechtigung, Gleichartigkeit, was was anderes ist, vielleicht sollten wir ja, um das auch mal gerade bewusst zu machen, Sie haben ja auch viel mit dem Verhalten von Menschen zu tun, das auch zu beobachten, dass wir auch wieder Leuten das ein Stück weit vielleicht auch klarmachen können, dass Sie das vielleicht noch mal benennen können von ihrer Beobachtung, was denn gerade auch im Verhalten so typische, vielleicht auch bisschen überzeichnet, Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind, weil tatsächlich, ich erlebe es manchmal, Feministen folgt der Weise, die das sogar für ein soziales Konstrukt halten, dass Männer stärker sind als Frauen. Die halten das für eine Diskriminierung, dass Männer- und Frauensportarten getrennt sind, obwohl Männer durch die Bank weg, die besten Männer schneller als die besten Frauen sind, zum Beispiel beim 100-Meter-Lauf oder so und zurück auf die Eigenschaften bezogen, welche Eigenschaften kann man denn mal so grob vielleicht so ein bisschen sagen, überzeichnet, um das mal ein bisschen zu, es gibt ja immer die Übergänge, Männer und Frauen haben.

Maaz: Also einmal ist es schon, was Sie angesprochen haben, gibt es bleibende biologische Unterschiede, die zwar auch variieren können, ja, die abhängig sind von den jeweiligen Hormonen, der Hormondynamik, wie viel Östrogene und Testosterone da eine Rolle spielen, dennoch bleiben deutliche biologische Unterschiede in der Körperlichkeit, in den Geschlechtsorganen, in den Geschlechtsmerkmalen usw. und damit, vor allen Dingen ich denke auch durch die Biologie, die Hormone sind auch Verhaltensweisen determiniert. Also dass Testosteron eine viel stärkere Aktivität und Aggressivität mit sich bringt, einen Muskelaufbau, das ist so und Menschen, die mehr Testosteron haben als andere und in der Regel hat der Durchschnittsmann mehr als die Durchschnittsfrau davon, dann gibt es auch solche biologischen Unterschiede, die sich auch dynamisch auswirken. Natürlich, wenn ich eine stärkere Muskelkraft habe, dann gibt es auch eine ganz verständliche Tendenz, die umsetzen und einsetzen wollen und daraus entstehen dann auch die sozialen Unterschiede oder die Berufsunterschiede usw. Ich glaube, der Fehler darf nicht gemacht werden, dass man sagt, das eine ist besser als das andere, da sind wir wieder bei dem Spaltungsthema, also auch ein Beruf ist nicht besser als der andere, darauf kommt es an und diese Unterschiede hat es aber häufig gegeben, dass man, na sagen wir mal, abgewertet hat, dass man wieder seine eigene Position überhöht hat und alles andere wieder abgewertet hat. Das, denke ich, ist tatsächlich dann nicht mehr hilfreich oder akzeptabel, aber dann die Unterschiede völlig zu negieren und praktisch eine Gleichartigkeit zu konstruieren, damit wird man nicht nur dem Menschen nicht gerecht, sondern zwingt sie nahezu dazu wieder, das Eigene abzuwerten und das muss man sagen können, ich fühle mich als Mann okay oder als Frau oder so, dass das dann infrage gestellt wird: „Na, stimmt denn das? Könnte das nicht noch anders sein?“. Also ich glaube, da wird sehr viel Unsicherheit produziert und wenn man das jetzt auch Kinder bezieht erst recht. Wenn man sie verunsichert in ihrer Identität.

Grell: Ich finde das auch sehr interessant, dass, es scheint mir gerade auch beim Feminismus zu sein, aber auch bei Ideologien, die da in die ähnliche Richtung gehen, wie eben zum Beispiel Gender usw., dass dort so ein gewisser, wie Sie schon gesagt haben, der Gleichartigkeit, das geht genau in die Richtung, eine Art Kollektivismus angestrebt wird, der ja quasi dazu führt, dass wir eher so eine, ich sage mal metrosexuelle Frauen, metrosexuelle Männern, die aber beide nicht ihre Männlichkeit und ihre Weiblichkeit ausleben, sondern beide in so einem Mittelmaß, so bisschen halbstarkes Mittelmaß, die Frauen sind nicht richtig weiblich, wie gesagt, die Männer sind nicht richtig männlich, mal so auch in den Extremen, leben eine Aggressivität, die sie haben, vielleicht gar nicht aus oder sozusagen ein emotionales Wesen, das die Frauen vielleicht dann haben, auch gar nicht aus. Wozu führt so eine Art, so eine Gleichmacherei, so ein Kollektivismus, so ein „Wir müssen alle irgendwie einer Norm entsprechen“?

Maaz: Die ganze Diskussion ist sozusagen von außen und oben gebracht. Ich würde dagegen und da wird es immer problematisch, weil man sich dann vergleicht, weil man „Gehöre ich dazu? Passe ich dazu? Muss ich mich verändern? Muss ich mich anpassen? Stimmt meine Wahrnehmung noch?“, dort liegt die Hauptgefahr einer solchen, auch ideologisierten Orientierung. Für mich wäre das Gegenteil, dass er einzelne in seiner Einzigartig gewürdigt wird und verstanden wird. Man kann jeden einzelnen fragen: „Wie fühlst du dich als Mensch? Wie fühlst du dich als Mann oder als Frau? Wie fühlst du dich mütterlich, väterlich oder weiblich und männlich?“. Das kann man durchaus fragen und da sieht man die ganze Breite, die ganze Palette der Möglichkeiten, aber das würde nicht mehr bedeuten, dass man sich zu einer Gruppe zählen muss, ja? Sondern ich bin so und so und ich empfinde so und so und das ist dann in der Regel ja auch noch dynamisch. Das kann von Stunde zu Stunde anders sein, von Tag zu Tag anders sein. Diese Einstellung Menschen verstehen zu wollen, wie sie auch zu bestimmten Eigenschaften, Identitätseigenschaften gekommen sind und wie sie die vertreten und wie sie die vielleicht auch verändern können und wollen, das wäre für mich die gesündere Einstellung.

Grell: Und ich sehe da auch gerade, genau wie Sie sagen, Sie kommen quasi vom Individuum, ich sehe dann den gegenteiligen Effekt gerade in diesen Strömungen, die versuchen Obergruppen zu definieren und diesen Obergruppen dann aber viele Eigenschaften anzuheften. Also da gibt es dann wenig Überschneidungen, sondern Frauen und Männer, Frauen sind irgendwie so, Männer sind eben so. Das heißt, wenn jetzt ein neuer Mann kommt, hat der eben so zu sein und dann wird immer mal neu definiert, aber auch wieder von außen und von oben, wie Sie sagen, wie jetzt der Mann zu sein hat, wie jetzt die Frau zu sein hat. Ist das, sagen wir mal, auch gerade von der Steuerung von oben oder die politischen Willen, wo sehen Sie da die Motivation, sowas zu tun?

Maaz: Na ja, es war ja über Jahrhunderte so, das wird ja auch zurecht kritisiert, dass Menschen in Rollen gedrängt wurden, in Geschlechtsrollen, aber auch in soziale Rollen, dass man, wenn man in der und der Position ist oder während dem Beruf, dann muss man sich so verhalten und nicht anders. Das hat es immer gegeben und jetzt scheint es aber eher sozusagen übertrieben, wie das Kind wird mit 24:53 ausgeschüttet, als wenn es solche ja Sozialrollen überhaupt gar nicht mehr geben soll oder die werden wieder von oben, bloß jetzt mit anderen Vorzeichen oder mit einer anderen Orientierung festgelegt, ja und ich glaube, die Politik hat schon immer Interesse daran, Menschen in einer bestimmten Weise festzulegen oder zu manipulieren, weil sie dann auch besser für politische Interessen oder für ökonomische Interessen benutzt, ausgebeutet, orientiert werden können. Für mich ist das ein Widerspruch zu einer grundlegenden demokratischen Position, die vom Individuum ausgehen müsste, von den ganz individuellen Möglichkeiten und da wird man immer fragen, durch was bin ich wie beeinflusst und wie passt das zu meiner wahren Existenz, zu meinem wahren Selbst oder muss ich ein Selbst annehmen oder nach außen demonstrieren, was von mir erwartet wird. Das ist in den meisten Familien so, die haben eine Vorstellung, die Eltern, wie ihre Kinder zu sein haben. Das geht in der Schule weiter, in der Gesellschaft hat man bestimmte Erwartungen, wie ein Mensch sein muss. In der DDR waren wir gut beraten, möglichst im Kollektiv uns zu verbergen und wenig individuelle kritische Positionen zu haben. In der westlichen Gesellschaft muss man immer was hermachen, muss man gut drauf sein, muss man sich gut verkaufen und darstellen können, das sind aber alles Tendenzen ins falsche Selbst, in ein aufgenötigtes Selbst.

Grell: Eine Rolle.

Maaz: Eine Rolle, ja und diese Tendenz sehe ich jetzt auch in der Diskussion über Geschlechtsidentität, dass man in bestimmte, jetzt nur mit anderen Vorzeichen, aber wieder in eine bestimmte Rolle oder Position gedrängt wird, die man bei sich wahrnehmen soll.

Grell: Sie haben ja auch Ratgeber für Beziehungen auch geschrieben, vielleicht können wir jetzt auch noch mal gucken, in welche Richtung kann man das denn ein bisschen anfangen zu heilen irgendwo? Sie haben gesagt, an vielen Stellen hat es schon angefangen, bei Babys fängt es quasi schon an, wie der Umgang dann mit der Mütterlichkeit mit dem Baby ist, später natürlich aufwachsen im Kindergarten, in der Schule, wie da schon die Rollen geprägt sind, jetzt kommt noch Frühsexualisierung mit dazu und dann natürlich auch das Bild, was dann von den Medien vermittelt wird, bis dann der Erwachsene später merkt: „Okay, ich kann vielleicht gar nichts mehr so richtig mit mir selber, mit dem anderen Geschlecht anfangen“. Wie kann man das vielleicht wieder in eine gesunde Richtung drehen?

 

Maaz: Na ja, wir müssen wieder unterscheiden zwischen dem, was wir als Erwachsene jetzt tun könnten und dem, was Kinder brauchen. Bei den Kindern ist es für mich genauso wie prinzipiell für ihre Entwicklung, dass sie Erwachsene brauchen, vor allen Dingen auch Eltern brauchen, die bereit sind, ihr Kind zu entdecken, zu verstehen, nicht mit einer vorgefassten Meinung dem Kind gegenüber treten: „Du sollst so sein, wie ich dich haben möchte und brauche“, sondern eben wirklich das Kind innerlich freilassen, um dessen Möglichkeiten zu fördern, aber auch die immer auch vorhandenen Begrenzungen nicht abzuwerten oder eben auch zu akzeptieren, ja?

Grell: Das dann so erforschen. Das Kind ist da, dann fragt: „Hallo, wer bist du denn und was sind deine Eigenschaften“.

Maaz: Ja und nicht wie du sein sollst, bis hin auch in die Geschlechtsrolle und wir Erwachsenen sind natürlich da schon längst festgelegt. Wir haben schon Rollen eingenommen oder sind zu Rollen verdammt worden. Manchmal sind es mehrere Rollen. Es gibt das öffentliche Gesicht und das private Gesicht oder in der Partnerschaft bin ich anders als in sozialen Arbeitsbeziehungen usw. Das ist auch in Ordnung, also weil die jeweilige soziale Rolle ja auch eine Funktion hat, dass man dort auch gut zurechtkommt usw., aber für viele sind diese sozialen Rollen nicht mehr dynamisch genug, sie sind festgelegt von oben, von außen durch Erziehung, durch ökonomischen Druck festgelegt.

Grell: Durch politische Korrektheit auch?

Maaz: Natürlich und dadurch entstehen dann eben sowohl Krankheiten, weil man leidet unter dieser Einengung und es entstehen jede Menge soziale Konflikte, weil andere Tendenzen, die man in sich hat, nicht mehr sich zeigen dürfen, nicht mehr entfaltet werden, also müssen wir Erwachsenen immer auch danach forschen, ja wie sind wir denn eigentlich.

Grell: Wer sind wir wirklich?

Maaz: Ja, wie sind wir wirklich? Was will ich wirklich? Nicht, was muss ich, was soll ich oder was brauche ich, um äußere Akzeptanz und Anerkennung zu finden, das wissen wir meistens, aber wir wissen oft nicht mehr, wenn wir diese ganze Fassade weglassen, was dann noch übrig bleibt, was unsere wirklichen Bedürfnisse und Wünsche sind und dort würde ich sagen, wäre wieder der Ansatz für jeden einzelnen, danach zu forschen, sich in Gesprächen mit anderen drüber zu verständigen, danach zu suchen und notfalls auch mal professionelle Hilfe anzunehmen, um sozusagen sein wahres Selbst, was oft rudimentär geworden ist, zu entdecken.

Grell: Ich finde es auch manchmal faszinierend, auch gerade bei ja wieder Männer-Frauen-Thematik, Feminismus. Ich bin ja in den 90er Jahren aufgewachsen und dann quasi gerade dort mit der westlichen Sozialisierung, dort in die Schule gekommen und gerade auch in den Medien zum Beispiel auch immer dieses, was ich dann erst später für mich entdeckt habe… Wenn ich jetzt zum Beispiel irgendwo eine Frauensilhouette sehe, gucke ich erst mal hin. Das ist quasi fast wie ein Automatismus, ich habe auch früher, selbst als ich es früher mir nicht gestattet habe, weil es wurde mir quasi so andressiert davon, selbst da ist es passiert und früher habe ich mich immer schlecht dafür gefühlt und ich sehe es ja auch bei den anderen Männern auch so und dann ist eben die Frage, wenn das eben solche biologischen, wie soll man dazu sagen, Imperative quasi schon, dann negativ belegt, kann man doch nur krank werden davon.

Maaz: Das ist richtig, dann entsteht wieder eine neue Form von dem, was richtig sein soll, wie man sich korrekt verhalten soll und dem, wie man tatsächlich ist. Das ist auch die Hauptquelle aller seelischen Erkrankungen, die in der Kindheit festgelegt wird, dass das Kind nicht um seiner Selbstwillen verstanden und akzeptiert wird, sondern immer erst dann, wenn es sich so verhält, wie es die Erwachsenen wollen. Damit ist es aber entfremdet, ja? Und diese Entfremdung, wenn man es wieder biologisch oder physiologisch nennen will, erzeugt einen Dauerstress, weil man ja in einem Dissens lebt zwischen seiner Natur und dem, was kulturell oder sozial gefordert ist und dieser Dauerstress ist dann sozusagen die Matrix für alle möglichen Erkrankungen oder eben Konflikte, die man dann austrägt. Also dort praktisch liegt die Verantwortung, dass man von Anfang an Kinder nicht von sich selbst so sehr entfremdet und wir Erwachsenen haben die Aufgabe zu gucken, okay, das sind soziale Rollen, die sind vielleicht auch nützlich, man kann zum Beispiel sagen, dass die Lüge die Basis der sozialen Beziehungen ist, wenn man immer in jeder Hinsicht ehrlich wäre, würden die meisten Beziehungen gar nicht mehr funktionieren, ja? Also jetzt mal nur zugespitzt, aber dass wir akzeptieren, okay, wir müssen Rollen auch annehmen. Wenn ich mich ins Auto setze, muss ich die Rolle des Verkehrsteilnehmers nach der Verkehrsordnung akzeptieren, sonst mache ich mich strafbar oder bring mich in Gefahr und andere, ja? Und daneben sollte es immer auch Freiräume geben, wo ich zu dem finde oder auch das entfalten kann, was ich wirklich bin, außerhalb dieser sozialen Rolle und das ist, glaube ich, eine Aufgabe, die wir alle immer wieder zu lösen haben.

Grell: Wunderbares Schlusswort, vielen Dank. Liebe Zuschauer, die Spaltung zwischen Männer und Frauen haben wir als Thema heute gewählt und wir haben gerade gesehen, dass nicht unbedingt die Kollektiv-gegen-Kollektiv-Lösung dort anzustreben ist unbedingt, sondern dass es auch bei einem selbst anfangen kann, dass man in sich selbst schauen kann, was ist eigentlich meine Natur, auch dahin wieder zurückzufinden, Konflikte aufzulösen und gerade auch bei Kindern diese Konflikte nicht erst aufzubauen, damit auch gerade an diesen Trennlinien nicht die Geschlechter sich auch spalten, nicht die eigene Persönlichkeit darunter leidet, sondern dass man auch wieder in gesunder Weise zusammenfinden kann. Herr Maaz, lieben Dank. Wo können Zuschauer Sie finden, wenn sie Sie erreichen wollen?

Maaz: Ja, am besten über die Webseite der Stiftung, die Hans-Joachim-Maaz-Stiftung für Beziehungskultur, da ist der Kontakt möglich.
Grell: Vielen Dank, dass Sie da waren. Liebe Zuschauer, vielen Dank fürs Dabeisein und bis zum nächsten Mal, tschüß.

Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz: Merkel hat Größenwahn

… Krise der narzisstischen Normopathie sehe in der vorhin dargestellten Abwehrform in der Kompensation einerseits zum Beispiel Größenwahn, unser deutscher Größenwahn. Ich brauche nur einen Satz zu sagen, der heißt: „Wir schaffen das“. Projektion in der Gesellschaft und zwar die Bösen sind jetzt die Kritiker, die Bösen sind Pegida, Legida und AfD und die Guten, das sind die Flüchtlinge oder die Helfer, also auch wie die riesige Problematik, dieser ganz verschiedene Sozialstatus der Flüchtlinge wird weggewischt. Das sind die, denen geholfen werden muss und das führt zunehmend zur Spaltung der Gesellschaft, jetzt innerhalb unserer eigenen Gesellschaft. Das heißt, es gibt eine auffällige Hetzkampagne gegen Pegida mit einer Abwertung und Deformierung jeder Kritik. Dabei ist bemerkenswert, dass die Politiker die Spaltung hetzerisch begonnen haben. Ich erinnere: Angela Merkel; die haben Hass und Kälte im Herzen, geht da nicht hin. Hannelore Kraft: Es sind Rattenfänger. Yasmin Fahimi: Geistige Brandstifter. Heiko Maas: Schande für Deutschland. Cem Özdemir: Mischpoke. Sigmar Gabriel: Pack. Gauck: Es gibt ein helles und ein dunkles Deutschland. Wieso können demokratische Politiker in eine solche projektive Abwehrhaltung kommen? Was ist mit ihnen los? Wie schwierig muss es für sie geworden sein, dass sie auf diese Weise reagieren und im Grunde genommen die Basis jeder demokratischen Verständigung, nämlich den Dialog, den Austausch, die politische Auseinandersetzung verweigern? In der letzten Zeit: „Also wir reden gar nicht mit AfD oder so, das sind sowieso ganz schlimme Menschen“. Selbst, wenn das stimmen würde, selbst wenn das wirklich alles Rechtsradikale wären, hätten wir doch ein Riesenproblem, ein Problem, das wir als Gesellschaft zu verantworten haben, das wir geschaffen haben. Es wird doch keiner extremistisch geboren, sondern die Erziehung, die Familienverhältnisse, die sozialen Verhältnisse, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind die Ursachen solcher extremistischer Positionen. Also es nutzt überhaupt nichts, zu sagen: „Das sind die Bösen, pfui, weg mit ihnen“, sondern es müsste jetzt alles politisch geschehen, um zu verstehen und zu helfen, dass solche extremistischen Position aufgegeben und verlassen werden können. Und das ist auch das Ende sozusagen demokratischer Verhältnisse. Es gibt eine auffällige Fehleinschätzung der Kanzlerin. Da hätte der Psychoanalytiker wieder sehr viel über Mutti zu sagen, das will ich mir jetzt auch lieber sparen, aber eins kann man wohl wirklich sagen, dass sie als die mächtigste Frau der Welt gesehen wird, ist ja mit Sicherheit auch das Ergebnis einer Projektion. Sie würde sich wahrscheinlich so niemals gesehen haben. Das heißt, wir Deutschen und vielleicht andere in Europa brauchen angeblich eine so mächtige Person. Bei jeder narzisstischen Problematik besteht die Gefahr, dass man sowas allmählich glaubt. Sie kennen das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Das sehe ich hier wieder. Es wird keiner mehr sehen, wie nackt sie eigentlich ist, wie bedürftig, wie problematisch. Das ist aber unsere Projektion. Mutti, hilf, Mutti, Mutti. In sozialen Situationen.

 

Ich will ein paar Worte sagen zum Pro und Kontra der Spaltung, weil damit wesentliche Wahrheiten verloren gehen. Ich will sie wenigstens mal ausgesprochen haben. Flüchtlinge sind nicht alle schutzbedürftig, sondern es gibt auch Wirtschaftsflüchtlinge, es gibt Flüchtlinge, Migranten, die unser Sozialsystem besetzen und es gibt Kriminelle. Flüchtlinge sind nicht nur gut ausgebildet, sondern auch schlecht oder gar nicht ausgebildet. Flüchtlinge suchen auch westliche Kultur für ihre Entwicklung oder sie sind betont Feinde der westlichen Kultur und wollen auch diese Feindseligkeit leben, wie wir in Parallelgesellschaften schon längst zur Kenntnis nehmen müssen. Die humanitäre Hilfe ist selbstverständlich, ich bin Arzt. Es ist so selbstverständlich, dass man Menschen in Not hilft, aber Willkommenskultur ist in meinen Augen eine Störung, eine Neurose, weil eine Willkommenskultur bagatellisiert die Schwierigkeiten der Integration, bagatellisiert die kulturellen, sozialen, religiösen Unterschiede und Konflikte, die auf uns zukommen. Es ist doch keine Kunst, jemanden bisschen Wasser und Schokolade und einen Teddybär zu geben, meine Güte, aber dann, was passiert denn dann? Also die Leute, die das machen und sich dann nicht um weitere Integration kümmern, denen sollte das Handwerk gelegt werden, weil etwas falsch ist, vermittelt und verheißen wird, was nicht eingehalten werden kann. Bereichern, das wäre eine völlig falsche Darstellung und auch das muss mal gesagt werden: Der Islam ist nicht eine Religion wie jede andere, sondern der Islam hat starke patriarchale, Frauen unterdrückende, antisemitische, homophobe und gewalttätige Tendenzen. Das muss auch gesagt werden und beachtet werden. Man kann nicht sagen, der Islam gehört zu Deutschland, geht nicht. Man muss sagen, welcher Islam gemeint ist und was von Menschen dieses Glaubens verlangt werden muss, wenn sie hier leben wollen, sonst geht es nicht. Den Flüchtlingsstrom halte ich für ein Symptom unseres globalen Konfliktes, unseres narzisstischen Lebens, der unterstützt wird durch mediale Einseitigkeiten und eine falsche Willkommenskultur. Das heißt, der Flüchtlingsstrom ist Ausdruck einer globalen Krise und einer Fehlentscheidung unserer Politik und insbesondere unserer Kanzlerin. Wenn das bagatellisiert wird, diese peinlichen Gesten mit den Selfies, wo auf dieser Welt würde sich ein Regierungschef so anbieten und glauben, das hat keine Bedeutung? Meine Güte, wie naiv ist das? Den Streit um eine Obergrenze halte ich für eine irrationale Abwehr, denn das muss man nicht immer diskutieren, dass es eine praktische Obergrenze gibt und wenn das Asylrecht keine Obergrenze kennt, dann muss das Asylrecht verändert werden. Das ist die Aufgabe der Politik. Etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung wären nach deutschem Asylrecht auch asylberechtigt. 60 Millionen Menschen sind im Moment auf der Flucht, wie kann das gehen? Also, es muss dringend politisch reagiert werden, unter Spaltung reguliert. Die soziale politische Destabilisierung, die sozialen Konflikte, also dieses Geschwisterbild, wachsen sich allmählich, wenn das unklar bleibt, zu einer zunehmenden Gewaltbereitschaft aus, die weder mit Polizeigewalt noch mit einer politischen Korrektnesszensur beherrscht werden können. Ich fasse zusammen: Die Flüchtlinge sind nicht die Ursache der Gesellschaftskrise, sondern nur die Auslöser und Symptome unserer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Pegida, AfD, wer auch immer sind nicht die neuen Bösen sondern Symptomträger einer von der Mehrheit nicht erwünschten Kritik, also die Omegas unserer Gesellschaft, die wichtig sind. Wo wir anfangen müssen, unsere Beteiligung an dieser Normopathie besser zu verstehen. Wenn ich das Gesagte in einen Wunsch oder eine Forderung an die Bundesregierung zum Ausdruck bringen möchte, dann sage ich: Erstens: Deutsche und europäische Gesetze müssen eingehalten werden, sonst muss die Regierung verklagt werden. Zweitens: Die Grenzen müssen geschlossen werden und nur, was völlig normal und berechtigt wäre, durch eine kontrollierte Einreise reguliert werden. Wir brauchen eine kontrollierte Einreise auf der Grundlage eines Einwanderungsgesetzes, damit jeder weiß, wer kommen kann und nicht kommen kann. Ich sag das auch mal: Die Willkommenskultur trägt auch dazu bei, dass sich Menschen über das Mittelmeer wagen, weil sie glauben, sie werden hier gerettet. Das muss man auch sagen und denken. Wenn wir ein Einwanderungsgesetz hätten, eine klare Aussage, wer kommen kann und nicht und wer wann und wie zurückgewiesen wird, würde diese ganze Problematik reguliert werden können. Die Integration, also Einwanderungsgesetz und wir brauchen ein den normalen, den veränderten globalen Verhältnissen angepasstes Asylrecht. Es darf kein Politiker mehr sagen: „Das sind unsere Asylgesetze, wir können nicht anders“. Meine Güte, die Politiker sind dazu da, dass sie Politik machen, also Gesetze machen und wenn sie merken, dass sie nicht 60 Millionen Flüchtlinge aufnehmen können, muss das Asylgesetz geändert werden. Also wieso, was sind die Gründe, dass diese eigentlich völlig klare, vernünftige Einsicht nicht angenommen wird? Es kann nur etwas mit der eigenen narzisstischen Problematik derjenigen zu tun haben, die das sagen.

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Seitdem die amtierende Bundeskanzlerin die Worthülse „postfaktisch“ etwas spät entdeckt hat und zum Besten gab, verkleistert diese Vokabel sehr viele Hirne von solchen, die meinen, sich öffentlich damit selber gut zu positionieren, in dem sie auf andere mit dem Wort „postfaktisch“ losgehen.

Das Wort „postfaktisch“ ist ein Riesenblödsinn. Jeder, der damit zu punkten versucht, rutscht auf diesem Wort in peinlichster Weise aus. Faktenfreiheit ist im öffentlichen Diskurs eines der größten Übel für die Demokratie, die auf soliden faktenbasierten Diskurs und freie Analyse angewiesen ist.

Ziemlich faktenfrei kommen die Phrasendrescher mit ihrer Modevokabel des „postfaktischen Zeitalters“ o. Ä. daher. Nun ist „faktenfrei“ erkennbar etwas völlig anderes als postfaktisch. Jedenfalls: Faktenfrei ist das gängige Gelaber über zusammengeklaubte, selektierte, gequirlte und missverstandene Fakten.

Kommen wir zum Beispiel Merkel zurück. Die Kanzlerin findet sich selbst und ihre Politik alternativlos und so simpel wie die Dame gestrickt ist und so listig, wie sie hinter ihrem ewig gleichen Pokergesicht ist, hat sie die Vokabel „postfaktisch“ flugs aufgegriffen und verwendet sie schlicht als logisch-unlogische Verstärkung ihrer Alternativlosigkeit. Wenn sie faktisch eine alternativlose Kanzlerin wäre, die eine alternativlose Politik machte, machte das logisch nur Sinn, wenn sie die relevanten Fakten kennen und logisch stringent verknüpfen würde. Dann allerdings, wenn sie alles immer nur richtig machen würde, wäre jede Kritik falsch (postfaktisch) und jede Demokratie überflüssig. Die Kanzlerin betet die Fakten vor, liefert die Politik und alles, was hinterher kommt und nicht d’accord ist, ist dann postfaktisch. Es ist jedoch genau umgekehrt: Postfaktisch ist Merkels ergänzende Fortführung ihrer selbst attestierten Alternativlosigkeit.

Merkels Satz „Wir schaffen das“ ist eine postfaktische, faktenfreie Phrase

Merkel gehört zufällig zu den Leuten, die es nicht so sonderlich mit den Fakten hat und die nie erklärt, welches die Faktenbasis ihrer Entscheidungen wirklich ist. Merkels „Wir schaffen das“ zur Euro-Krise, die nicht gelöst ist, zur Einwanderungsfrage, die nicht gelöst ist, zur Energiefrage, die nicht gelöst ist, zur Demographie, die nicht gelöst ist, zur Rentenfrage, die nicht gelöst ist, ist eine der Realität nachlaufende, die Realität verkleisternde, postfaktisch faktenfreie Phrase.

Merkels Türkeipolitik, Merkels EU-Politik, Merkels Russlandpolitik, Merkels Menschenrechtspolitik in den Krisenzonen der Welt, alles, was Merkel macht, macht sie fakten- und argumentenfrei.

Die Postfaktiker a la Merkel lieben ihre Joker-Vokabel so innig, weil ihre alten Hetzervokabeln wie „Verschwörungstheoretiker“ oder „krudes Weltbild“, „paranoides Denken“ und eben der Vorwurf irgendeine Art „Phobiker“ (verwirrt, verblendet, ängstlich) gegen jeden, der die regierungsamtliche Politik logisch oder faktisch hinterfragt, wie alle Modewörter nach einer Weile abgenutzt waren und versagten.

Postfaktisch soll, so wie es aktuell verwendet wird, sagen: Bisher verlief der Diskurs auf der Basis von Fakten und plötzlich sind da die Idioten, die die Realität nicht mehr kennen, die die Realität nicht erreicht, die in ihrer parallelen Denkwelt leben, die nur in ihrer Blase vegetieren und sich auf keine Realität mehr einlassen und die im Prinzip vom Wahlrecht auszuschließen wären: die Dumpfbacken, die Dunkeldeutschen oder Dunkelamerikaner oder Dunkelfranzosen oder Dunkelrussen. Dagegen stehen die Gestalten mit ihrem selbst attestierten Heiligenschein und Faktendurchblick.

Dumpfbacken, Dunkeldeutsche, Dunkelamerikaner

Früher, als die Welt angeblich noch in Ordnung war, fiel die Kokusnuss noch vom Baum und der Affe wusste das und beschleunigte das Herunterfallen der begehrten Frucht, in dem er den Ast schüttelte. Heute sind die verbildeten, faktenfreien „elitären“ Faktiker oder Postfaktiker mit genau den persönlichen Mängeln unterwegs, die sie anderen andichten.

Die große Ironie der Zeit: Die GroKo in Deutschland, im Parlament de facto ohne jede Opposition, betreibt eine immer faktenfreiere Politik, schiebt alle Probleme in die Zukunft und beschäftigt sich ausschließlich mit einer Politik der Emotionalisierung gefügiger Mehrheiten und der Verteufelung nicht gefügiger Minderheiten. Die Postfaktiker, die dieses Wort verwenden, sind also in der Tat selber in höchstem Maße postfaktisch.

Vom Affen aus gesehen, der die Kokusnuss in klarer Anerkennung der Gravitation vom Baum schüttelte, der also die Fakten kannte und anerkannte, begann die Menschheit ziemlich schnell postfaktisch zu werden. Wussten die ersten Menschen noch, was der Affe wußte, fingen sie alsbald an eine Religion nach der anderen zu ersinnen und Modelle der Schöpfung zu entwerfen, die sich immer weiter von jeder Faktizität entfernten. Aber die Postfaktiker sind ja nicht nur selber de facto das Problem, das sie auf andere abdelegieren wollen. Sie wollen ja viel mehr. Sie wollen manipulieren. Sie wollen die Fakten, die man nicht manipulieren kann, verkleistern, verdrehen, verschieben und in ihr Gegenteil verkehren.

Beispiel: Die Anti-Trump-Kampagnen und Fidel Castro

Das Moment der Selektion ist das gefährlichste Moment in der Politik und in der Politik der Postfaktiker im Besonderen. Beispiel: Die Anti-Trump-Kampagnen, die jetzt nach dem Faktum des Trump’schen Wahlsieges wie ein Bocksgesang anschwellen. Trump selbst hat es mit dem lieben Gott nicht so dicke. Das stört die Trumphasser. Aber die Teaparty-Leute, die Trump mehrheitlich nolens volens gewählt haben, also de facto eine Machtbasis von Trump sind, wollen die Postfaktiker als minderwertige Volltrottel entlarven („stellen“). Das geht primitiv bis zum Anschlag ganz locker von der Hand. Man postfaktisiert eben selektiv und steigert damit die Postfaktizität ins Unermessliche.

Gerade ist Fidel Castro gestorben. Und wer die postfaktischen Nachrufe seiner revolutionsbesoffenen Westlinge in Politik und Medien liest, in denen sämtliche Fakten ausgeblendet oder in ihr Gegenteil verdreht wurden, um Castro, um den eigenen Irrtum des verherrlichten Revolutionsmythos aufrecht erhalten zu können, wundert sich schon über die Armseligkeit des arg schmalen Reflexionsvermögens der Postfaktiker.

Cuba libre

Historisch gehört Castro in die Kategorie der revolutionsromantischen „linken“…

Vergleich zwischen der Diktatur im Polizeistaat Kuba und der Demokratie im freien Haiti

Ja, es stimmt. Castro ist ein Mythos geblieben und ein Mythos ist eine postfaktische Verklärung in den Hirnen der Anhänger des Mythos, die es als Blasphemie empfinden, wenn jemand, wie ich es in einem politischen Nachruf an dieser Stelle getan habe, die Realität kühl benennt. Der warme oder heiße lateinamerikanische Mythos gegen die temperaturlosen, als kalt empfundenen Fakten. Dass sich Leute finden, die eine politische Bewertung der Figur Castro angesichts des Todes pietätlos finden, zeigt, wie Mythen funktionieren. Linke, die die Individualität herunterfahren und das Persönliche für weniger wichtig erklären, benehmen sich im Angesichte ihrer Idole wie dumpfe Königsgläubige.

Jemand, der Menschen ermorden ließ, der Menschen geschunden hat, unterdrückt, diktatorisch beherrscht hat und sich sehr übler Methoden bediente, um seine Diktatur zu errichten, der Schwule ermorden ließ, der Andersdenkende beiseite schaffte und der jede Freiheit und jede Individualität brutal unterdrückte, zum Herz-Schmerz-Kandidaten hoch zu jubeln, wie es in den Medien und auch in der Politik teils geschehen ist, ist postfaktisch und pervers. Aber das Wesen des Mythos ist, dass er so schön ist: In den Köpfen der Rezipienten, nicht in den Köpfen der Opfer.

Ja, und Castro hätte soviele Mordanschläge auf seine eigene Person überlebt!!! Wieviele davon inszeniert waren, wie viele es gab, wie viele gerichtsfest bewiesen sind und so weiter: All das spielt gar keine Rolle. Der Mythos will es gar nicht wissen. Soviel Mist wie über Castros Tod in die Öffentlichkeit gepresst wurde, postfaktisch bis zum Anschlag, geht auf keine Kuhhaut. Ja, das Batista-Regime auf Kuba war abschaffungswürdig. Aber nicht so.

Ja, Fidel Castro hat es an die Macht geschafft und seine Macht brutal gesichert und er hat es geschafft die Herzen der vielen Millionen Weltrevolutionäre zu begeisteren und das ist selbstverständlich eine enorme Leistung, aber es ist nicht die humanistische  Leistung, die die Postfaktiker daraus gemacht haben. Es war schiere Gewaltherrschaft.

Die Stilblüten der Postfaktiker

Die Kölner Silvesternacht – und die entsprechenden Silvesternächte andern Orts – sind von den Medien und der Politik postfaktisch verschwiegen und unterdrückt worden. Und dann waren die Postfaktiker plötzlich überrascht. Und sie haben gar kein Rezept, wie sie ihr kindisches und brutales Versagen irgendwie bemänteln können. Ziemliche Stilblüten haben die Postfaktiker gebracht:

Es wäre leichter in Deutschland an einem Bananenbrei zu ersticken und zu Tode zu kommen, als Opfer eines Terroranschlages zu werden. Oder: Es wäre leichter auf dem Oktoberfest vergewaltigt zu werden, als in der Kölner, der Hamburger und der Bielefelder Silvesternacht. Es mag sein, dass ein multimorbider Hundertjähriger, Todesursache ganz exakt unbekannt, als letztes einen Bananenbrei vor seinem Ableben eingenommen hat. Die tausend Frauen, die wegen ihrer Erfahrungen in der Kölner Silvesternacht Anzeige erstatteten, gehörten zu der Gruppe der jungen, vitalen, aktiven Menschen in unserer demographischen umgekehrten Pyramide. Und die Zahl der Menschen, die in gesundem Zustand zwischen 14 und 49 am Bananenbrei ersticken, dürfte Null betragen und das jahrein jahraus. Soviel zu den postfaktisch verdrehten Fakten.

Der postfaktische Quatsch, den die Postfaktiker von sich geben, ist das Hauptärgernis. Menschen haben zu allen Zeiten versucht andere Menschen zu veralbern und zu manipulieren, aber mit der Vokabel „postfaktisch“ muss es nun wirklich ein Ende haben.

Noch eine persönliche Bemerkung: Es gibt immer wieder Postfaktiker, die sich selber als links begreifen und mir zumeist recht psychologistisch eine Abneigung gegen alles Linke unterstellen. Diese faktenfreien Unterstellungen stören mich nicht, aber sie veranlassen mich zu der Feststellung, dass es sich mit den Ideologen dieser Welt genauso verhält wie mit den Religionsstiftern. Marx, Lenin, Mao und eben auch Castro haben sich um die Fakten einen Dreck geschert. Sie haben fanatisch und verbissen irgendwelche Denkmodelle erfunden und an ihnen auch noch festgehalten, als die Realität die Denkmodelle schmerzlichst überholt hatte.

Linke Ideologen reden gern über Wirtschaft, nur leider verstehen sie nichts von Wirtschaft, weshalb sie in Extremfällen notfalls zig Millionen Menschen in den Hungertod schicken. Und anschließend verlangen sie, dass das dann nicht als Völkermord bezeichnet wird. Es ist richtig, dass ich mich explizit gegen den Idiotismus der Ideologen ausspreche und dies vor allem deshalb, weil es objektiv ein perverses Ärgernis ist, wenn satte grün-rote Besserwisser mit ihrer besserwisserischen Menschenliebe daher kommen und die Dutzenden von Millionen zu Tode gequälten Menschen der Ideologen wie einen nicht erwähnenswerten Kollateralschaden behandeln.

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Wer die sieben „Altbundeskanzler“ der Bundesrepublik Deutschland (ja, mehr waren es tatsächlich nicht) nebeneinander sehen möchte – in Öl, kann dies im Bundeskanzleramt tun. Wer Schwierigkeiten hat, dort hineinzukommen, kann das auch im Internet machen: entweder hier auf einen Blick oder beim virtuellen Rundgang durch die erste Ebene des Kanzleramtes (Stichwort „Kanzlergalerie“).

Robin Alexander hat kürzlich in der „Welt“ unter der Überschrift „Merkel in Öl“ die Frage gestellt: „Was wäre eigentlich passiert, wenn Angela Merkel am Sonntag [20. November] im Fernsehen gesagt hätte, sie träte nicht noch einmal als Kandidatin an?“ Dann hätte sie sich fragen müssen „Von wem will ich mich eigentlich malen lassen?“ Ob sie nun ihre vierte Amtsperiode erleben wird oder sich nach der Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres nach einem Maler umsehen muss – wir wissen es nicht.

Aber eines wissen wir: Angela Merkel ist und bleibt ein Phänomen. Als Pfarrerstochter in der DDR Physik studieren zu dürfen, das war schon etwas Besonderes. Wer Näheres dazu erfahren möchte sollte von Bettina Ernst-Bertram und Jens Planer-Friedrich „Pfarrerskinder in der DDR – Außenseiter zwischen Benachteiligung und Privilegierung“ lesen, die Untersuchung ist über das Bürgerbüro e. V. einem am 17. Juni 1996 gegründeten „Verein zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur“ zu beziehen (Merkel selbst wird darin nur zweimal kurz erwähnt).

Der Ostberliner Pfarrerstochter, die ich während meines Studiums an der FU Berlin kennenlernte, wurde jedenfalls das Medizinstudium versagt, sie wich notgedrungen auf Krankenschwester aus, wobei Pfarrerstöchter „nicht ‚von Natur aus‘ Krankenschwestern“ werden, wie die Autoren von „Pfarrerskinder in der DDR“ mit leicht ironischem Unterton anmerken. Angela Merkel schloss ihr Physikstudium mit dem Diplom ab („Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“) und promovierte 1986 mit einer „Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden“. An die politischen Assoziationen, die sich bei diesem Thema heute einstellen könnten, hat damals natürlich weder Angela Kassner noch sonst jemand gedacht.

Menschen können nicht ewig an ihren Jugendsünden gemessen werden

Unstreitig ist heute aber wohl, dass Merkel keine „Aktivistin des Sozialismus“ war, auch „keine Rebellin“, aber auch „keine Systemträgerin“. Ihre FDJ-Mitgliedschaft und -Aktivität war nach eigenem Bekunden zu „70 Prozent Opportunismus“. Nicht verwerflich, aber auch nicht unbedingt vorbildlich – normal sozusagen. Nicht gerade eine Empfehlung für ihre politische Karriere, aber auch kein Hindernis. Die hier und da zu lesende Bemerkung „dass die Kanzlerin in der DDR sozialisiert wurde“ (so zum Beispiel Henryk M. Broder in der „Welt“; ebenso Peer Steinbrück im Tagesspiegel) ist, nach einer Merkel-Vokabel, nicht wirklich „hilfreich“.

Andernfalls hätten der Steinewerfer Joseph Martin Fischer  niemals Außenminister, das KB-Mitglied Jürgen Trittin niemals Umweltminister und das KBW-Mitglied Ulla Schmidt niemals Gesundheitsministerin werden dürfen. Von Winfried Kretschmann (der sich in seiner „Studentenzeit in linksradikalen Gruppen verirrt“ hatte, und zahlreichen anderen ganz zu schweigen. Menschen entwickeln sich schließlich weiter (die meisten jedenfalls) und können nicht ewig an ihren Jugendsünden gemessen werden.

Erstaunlich bleibt es natürlich trotzdem, dass jemand wie Merkel es nicht nur bis zur Parteivorsitzenden und Bundeskanzlerin gebracht hat, sondern sich jetzt zum vierten Mal um dieses Amt bewerben will. Allerdings kandidiert sie bei der Bundestagswahl 2017 entgegen ihrer Ankündigung nicht noch einmal „für das Amt der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland“, sondern für das Amt einer Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Dieser wählt dann nach Artikel 63 Absatz 1 des Grundgesetzes den Bundeskanzler auf Vorschlag des Bundespräsidenten. Doch dürften ihr solche Spitzfindigkeiten allenfalls ihr bekanntes nachsichtig-ironisches Lächeln entlocken.

In einem lesenswerten Kommentar über die „Kaputte bürgerliche Mitte“ in der „Welt“  stellt Ulf Poschardt fest: „So gut Merkel über zehn Jahre als Kanzlerin war, so mau ist ihre Bilanz als Parteichefin.“ Diese Bemerkung reizt mich, mal nachzuschauen, wie gut Merkel als Kanzlerin tatsächlich war. Dabei will ich mich nicht mit einem Urteil aufhalten, das Poschardt selber fällt: „Die Kanzlerin ist unfähig, Top-Personal auf Top-Posten neben sich zu hieven oder auch nur zu dulden.“ Ihre Bilanz in „Sachfragen“ sieht auch nicht besser aus, wobei die hier gewählte Reihenfolge keine Rangfolge darstellen soll.

Was meint die Kanzlerin mit der „Geistlichkeit des Islams“?

Nach einem Treffen mit dem damaligen türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu in Berlin erklärte Merkel am 12. Januar 2015: „Unser früherer Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt, der Islam gehört zu Deutschland. Und dieser Meinung bin ich auch“. Es gäbe „Viel Unkenntnis“.  In der Tat. Ein frappierendes Eingeständnis (wenn auch sicher anders gemeint): Sie lässt offen, welchen Islam sie meint, etwa den der Mullahs im Iran oder der Saudis oder gar des IS und der Salafisten. Sie fordert, „den Dialog zwischen den Religionen zu verstärken“, sagt aber nicht, wer denn den Islam dabei repräsentieren soll. Etwa der ZMD unter Aiman Mazyek oder der KRM, dem auch der Ableger der türkischen Religionsbehörde Ditib sowie über den Islamrat auch die IGMG (Milli Görüş) angehören?

In ihrer Regierungserklärung vom Januar 2015 zitiert sie erneut den Wulff-Satz und fährt dann fort:

„Die Menschen fragen mich, welcher Islam gemeint ist, wenn ich diesen Gedanken zitiere. Sie wollen wissen, warum Terroristen den Wert eines Menschenlebens so gering schätzen und ihre Untaten stets mit ihrem Glauben verbinden. Sie fragen, wie man dem wieder und wieder gehörten Satz noch folgen kann, dass Mörder, die sich für ihre Taten auf den Islam berufen, nichts mit dem Islam zu tun haben sollen. Ich sage ausdrücklich: Das sind berechtigte Fragen. Ich halte eine Klärung dieser Fragen durch die Geistlichkeit des Islam für wichtig, und ich halte sie für dringlich. Ihr kann nicht länger ausgewichen werden“

Leider sagt sie uns nicht, was Sie mit der „Geistlichkeit des Islams“ gemeint hat. Und sie hat auch bis heute nichts getan, um die Klärung dieser Fragen einzufordern – von wem auch immer. Auf die Idee, eine Frage, die „die Menschen“ ihr stellen, selbst zu antworten, kommt sie offenbar nicht. Es gibt in der Tat viel Unkenntnis.

Doch das ist keineswegs alles an Unbedarftheit. Bei der feierlichen Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bern im Herbst 2015 erklärte Merkel auf die Frage einer besorgten Dame aus dem Publikum, wie sie denn Europa und unsere Kultur vor der drohenden Islamisierung schützen wolle, Erstaunliches (ab Minute 47:45). Vorweg betonte sie, dass sich der islamistische Terror zwar auf die Länder des Nahen Ostens konzentriere, dass aber die Europäische Union (sic!) leider eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen habe. Dann folgte dieser Satz:

„Wenn man vier Millionen Muslime hat, braucht man nicht darüber zu streiten, ob jetzt die Muslime zu Deutschland gehören und der Islam nicht oder ob der Islam auch zu Deutschland gehört.“ Und weiter: „Wir haben doch alle Chancen und alle Freiheiten, uns zu unserer Religion, sofern wir sie ausüben und an sie glauben, zu bekennen. Und wenn ich was vermisse, dann ist das nicht, dass ich irgendjemand vorwerfe, dass er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, sondern dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind. … Dann haben wir auch, bitteschön, die Tradition, mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder bisschen bibelfester zu sein …  und sich anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch …“

Den Rest spare ich mir, obwohl er es auch durchaus in sich hat. Hören und sehen Sie selbst.

Fremdschämen nannte man das eine Zeitlang

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich beim Abhören dieser Aussagen sehr froh war, nicht leibhaftig dabei gewesen zu sein, ich hätte sicher aus Scham vor diesem unbedarften Gestammel unserer Regierungschefin einen roten Kopf bekommen. Fremdschämen nannte man das eine Zeitlang. Im kanadischen Fernsehen wurde dieses „unglaubliche Video“ der deutschen Bundeskanzlerin gezeigt und kommentiert (Dauer 10:20).

Nun könnte man natürlich einwenden, diese Kritik sei unfair, schließlich sei die Kanzlerin von der Frage überrascht worden und habe „extemporieren“ müssen. Damit könnte man jedoch nur die rhetorischen Mängel, nicht jedoch den Inhalt relativieren. Das war Merkels Überzeugung. Und sie lässt es sich am Ende ihrer Ausführungen nicht nehmen zu betonen, sie habe als deutsche Bundeskanzlerin gesprochen. Auch in einer Rede vor dem Bundestag am 9. September 2015 hat sie sich bezüglich der Herkunft von IS-Kämpfern ähnlich geäußert wie in Bern.

Noch fassungsloser machte mich nur noch Focus online mit dieser Schlagzeile „Die Kanzlerin spricht Klartext . Das ist Merkels großartige Antwort auf die Angst vor einer Islamisierung in Europa“. Das niveaulose Gestammel als großartige Antwort zu qualifizieren – auf die Idee muss man erst mal kommen.

Dass dieses geistige Niveau ihrer Ausführungen kein Zufall war, zeigt auch ihre Rede auf dem Landesparteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern am 3. Juni 2016. Die FAZ berichtete:

„Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat von ihrer Partei mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit den christlichen Wurzeln gefordert. Man sei die Partei mit dem C im Namen, sagte sie bei einem Landesparteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern. Wie viele sängen bei der CDU-Weihnachtsfeier eigentlich noch christliche Lieder, fragte Merkel. Unter dem Gelächter der Delegierten fügte Merkel hinzu: ‚Was bringen wir unseren Kindern und Enkeln bei? Ich meine das ganz ernst.‘ Sie schlug vor, Liederzettel zu kopieren und jemanden aufzutreiben, der Blockflöte spielen kann.“

Die Quittung folgte bei der Landtagswahl am 4. September 2016, bei der die CDU (19,0 Prozent) noch hinter die AfD (20,8 Prozent) zurückfiel. Um die beklagte Unkenntnis zu beheben, wäre es schön, wenn sich jemand fände, der Angela Merkel eines der folgenden Bücher oder noch besser alle vier auf den weihnachtlichen Gabentisch legte:

Hamed Abdel Samad, Mohamed. Eine Abrechnung, Droemer 2015

Hamed Abdel Samad, Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses, Droemer 2016

Samuel Schirmbeck, Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, orell füssli 2016

Nahed Selim, Nehmt den Männern den Koran. Für eine weibliche Interpretation des Islam, Piper 2006 (nicht mehr ganz frisch, aber immer noch lesenswert)

Und wenn die Bundeskanzlerin „zwischen den Jahren“ Zeit und Muße zum Lesen findet, sollte sie vielleicht auch mal über den folgenden Satz des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal nachdenken: „Die Religion erweckt möglicherweise die Liebe zu Gott, doch nichts führt stärker dazu als sie, den Menschen zu verachten und die Menschheit zu hassen.“

Ich gehe nicht so weit, Merkel für größenwahnsinnig zu halten. Das überlasse ich Fachleuten, wie zum Beispiel Hans-Joachim Maaz . Aber das Bild von der Bundeskanzlerin, die in des Kaisers neuen Kleidern auftritt, habe ich schon vor zwei Jahren verwendet (vgl. auch die Beiträge von Monika Bittl und Thomas Rietzschel auf der Achse.

Die Erlösung kommt in dem Märchen von Hans Christian Andersen bekanntlich durch ein Kind, das bei einer Prozession feststellt, dass der Kaiser ja gar nichts anhat. Dieser Aussage schließt sich am Ende das ganze Volk an, während der Kaiser selbst und sein Hofstaat die Prozession eisern durchziehen. So läuft es auch bei Merkel, sonst hätte sie sich nicht für eine vierte Amtszeit als Bundeskanzlerin entschieden. Und genauso haben es Ulbricht, Honecker und Genossen mit dem Sozialismus gemacht und sich durch eine Briefmarke zum Thema „Des Kaisers neue Kleider“ (Ausgabetag 18. November 1975) auch noch selber verarscht – unfreiwillig natürlich.

Mama Merkel machte keine Anstalten, Deutschland den Rücken zu kehren

Merkels Verhalten in der Flüchtlingskrise ist so oft beschrieben, kommentiert und kritisiert worden, dass ich mich hier auf die Punkte beschränke, die für mein Empfinden zu kurz gekommen sind. Während ihr Satz „Wir schaffen das“ bis zum Überdruss seziert wurde, war eine andere Äußerung  weniger Gegenstand der Kritik:

„Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“

Zwar meinte der Tagesspiegel dazu: „Es gibt Sätze, die bleiben. Sätze, die nicht mehr weggehen, nie mehr.“ Aber meine Wahrnehmung ist eine andere.

Die Notsituation, die Angela Merkel veranlasste, die Dublin-III-Verordnung zu missachten und Flüchtlinge entgegen § 18 Absatz 5 Asylgesetz  („Die Grenzbehörde hat den Ausländer erkennungsdienstlich zu behandeln“) unregistriert und ohne Speicherung ihrer Fingerabdrücke in EURODAC  in das Bundesgebiet einreisen zu lassen, war deren Situation am Budapester Keleti-Bahnhof. Dabei ging es um rund 3.000 Menschen. Etwa zur gleichen Zeit kampierten im griechischen Auffanglager Idomeni, das für etwa 1.500 Flüchtlinge ausgelegt ist, zwischen 5.000 bis 6.000 Menschen. Im März 2016 waren es ca. 14.000.

Viele riefen nach „Mama Merkel“, doch die zeigte weder ein freundliches Gesicht, noch machte sie Anstalten, Deutschland den Rücken zu kehren, weil dies nicht mehr ihr Land sei. Dabei kam ihr entgegen, dass die „Refugees welcome“ Rufe leiser geworden waren. Die „Flüchtlingskanzlerin“ scheute sich auch nicht, – im Gegensatz zu EU-Ratspräsident Donald Tusk – die Schließung der so genannten Balkanroute zu kritisieren , konnte sie dies doch ohne Risiko tun, weil andere (vor allem das Nicht-EU-Mitglied Mazedonien) die Drecksarbeit erledigten.

Wenn es um positive Aspekte ging, sprach sie von „meiner Politik“, bei negativem Kontext bevorzugte sie „wir“. Kostprobe:

„Zwar habe sie seit dem September 2015 eine Reihe von Maßnahmen in Gang gesetzt, ‚in der Grundhaltung aber ist meine Politik konstant geblieben‘, sagte Merkel. Ihre Aussage, es seien Fehler gemacht worden, habe sie auf ‚das ganze System der europäischen Flüchtlings- und Migrationspolitik‘ bezogen. Für die Unzulänglichkeiten der sogenannten Dublin-Regelung sei Deutschland mitverantwortlich: ‚Denn wir haben uns vor Jahren dagegen gewehrt, dass der Schutz der Außengrenzen europäisiert wurde. Und wir haben damals auch die Verteilungsquoten nicht gewollt, die wir uns heute für alle Mitgliedsstaaten wünschen.'“

An Stelle von „Wir schaffen das“ ist  „Fluchtursachen bekämpfen“ getreten

Und in entwaffnender Offenheit legt sie dar, wie blauäugig sie bisher die Welt gesehen hat:

„Als ‚strategisch hochwichtige Frage‘ bezeichnet Merkel einen neuen Umgang mit Afrika. ‚Deutschland musste sich dieser Frage früher nie so stellen, Italien dagegen schon, ebenso Spanien‘, so die Kanzlerin. ‚Wir waren die meiste Zeit schlicht zufrieden, dass keine Flüchtlinge kamen.‘ Nun müsse sich Deutschland dem Problem stellen, weil die Menschen ‚vor unserer Tür‘ stünden.“

Hier offenbart sie die gleiche Unbedarftheit wie bei der Beantwortung der Frage jener Schweizerin nach der Islamisierung und verkauft das dem staunenden Publikum auch noch als bahnbrechend neue Erkenntnis.

In ähnlicher Naivität verkündete die deutsche Bundeskanzlerin, dass die deutschen Grenzen nicht zu schützen seien. Jacques Schuster schrieb dazu in der „Welt“: „Bundeskanzlerin Merkel sagt, man könne die deutsche Grenze nicht sichern, zahlt aber der Türkei Geld, damit die ihre Grenze sperrt. Scheinheiliger geht’s kaum noch. Und das ist längst nicht alles.“ Nur nebenbei: Die Länge der deutschen Grenze beträgt 3.714,0 km, die Küstenlänge 2.389,0 km; die Türkei muss dagegen zwar nur 2.816,0 km Grenze, aber 7.200,0 km Küste sichern.

Über den von Merkel durchgesetzten Deal der EU mit dem Despoten ist so oft kritisch berichtet worden, dass hier die bloße Erwähnung genügen mag. Anstelle des beinahe lächerlich wirkenden Mantras „Wir schaffen das“ ist in Merkels Politsprech die Floskel „Fluchtursachen bekämpfen“ getreten. Wobei weder sie noch sonst jemand diese Ursachen klar benennt, geschweige denn ein Konzept zur Bekämpfung vorweisen kann. In diesem Sinne schreibt die Wirtschaftswoche: „Wie die Bundeskanzlerin diese afrikanischen ‚Fluchtursachen‘ bekämpfen will, bleibt schleierhaft. Von einem Plan, der über die Erhöhung bisheriger Hilfsprojekte hinausgeht, ist aus Berlin ebenso wenig zu hören wie aus anderen westlichen Hauptstädten.“

Gefühlspolitik schon bei der Energiewende

Hatte man Merkel bei der Begegnung mit dem 14jährigen palästinensischen „Flüchtlingsmädchen“ Reem Sawihl Gefühlskälte bescheinigt und sie im Zusammenhang mit der Griechenlandkrise als „Eiskönigin“ apostrophiert , so ist eben dieses Gefühl bei der „Energiewende“ mit ihr durchgegangen. Ausgerechnet die promovierte Physikern, als deren Markenzeichen Sachlichkeit und Nüchternheit galten, entschließt sich quasi über Nacht zu dem, was seither als „Energiewende“ durch die politischen Debatten und die Medien geistert. Was war passiert?

11. März 2011: „Um 14.46 Uhr ereignet sich vor der Ostküste Japans, 130 Kilometer östlich von Sendai, ein schweres Seebeben (Stärke 9,0 auf der Richterskala). Die Erdstöße verursachen gravierende Schäden im AKW Fukushima Daiichi, die nachfolgende Flutwelle (Tsunami) verschärft die Situation noch. Stromversorgung und Kühlung aller sechs Reaktoren sowie der sieben Abklingbecken mit hochradioaktiven Brennelementen fallen aus. Die Blöcke 4 bis 6 sind wegen Wartungsarbeiten zufällig außer Betrieb, in den Blöcken 1 bis 3 jedoch scheitern trotz Schnellabschaltung alle Versuche, die Reaktoren ausreichend zu kühlen. In allen drei Reaktoren kommt es deshalb zur Kernschmelze und somit zum Super-GAU – in Block 1 bereits am 12. März, in den Blöcken 2 und 3 wenige Tage später. Explosionen in den Blöcken 1 bis 4 zerstören unter anderem die Gebäudehüllen.“

Dieser Atomunfall hat bei der Bundeskanzlerin offenbar einen Schock ausgelöst. In ihrer Regierungserklärung vom 9. Juni 2011 führte Merkel folgendes aus:

„In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können. Wer das erkennt, muss die notwendigen Konsequenzen ziehen. Wer das erkennt, muss eine neue Bewertung vornehmen. Deshalb sage ich für mich: Ich habe eine neue Bewertung vorgenommen; denn das Restrisiko der Kernenergie kann nur der akzeptieren, der überzeugt ist, dass es nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Wenn es aber eintritt, dann sind die Folgen sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Dimension so verheerend und so weitreichend, dass sie die Risiken aller anderen Energieträger bei weitem übertreffen. Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima akzeptiert, weil ich überzeugt war, dass es in einem Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Jetzt ist es eingetreten.

Genau darum geht es also – nicht darum, ob es in Deutschland jemals ein genauso verheerendes Erdbeben, einen solch katastrophalen Tsunami wie in Japan geben wird. Jeder weiß, dass das genau so nicht passieren wird. Nein, nach Fukushima geht es um etwas anderes. Es geht um die Verlässlichkeit von Risikoannahmen und um die Verlässlichkeit von Wahrscheinlichkeitsanalysen. Denn diese Analysen bilden die Grundlage, auf der die Politik Entscheidungen treffen muss, Entscheidungen für eine zuverlässige, bezahlbare, umweltverträgliche, also sichere Energieversorgung in Deutschland. Deshalb füge ich heute ausdrücklich hinzu: Sosehr ich mich im Herbst letzten Jahres im Rahmen unseres umfassenden Energiekonzepts auch für die Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke eingesetzt habe, so unmissverständlich stelle ich heute vor diesem Haus fest: Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert.“

Ich kann diese Äußerungen so oft lesen wie ich will, ich werde nicht schlau aus ihnen. Vielleicht kann mir ein kompetenter Achse-Leser auf die Sprünge helfen. Aber bitte in verständlicher Form, denn ich bin kein Fachmann, wie kritische Leser sicher schon festgestellt haben. Aber muss man ein Fachmann sein, um zu fragen, was denn die Stilllegung sämtlicher Kernkraftwerke in einem Land wie Deutschland bewirken soll, das von neun Nachbarstaaten umgeben ist, in denen die Sicherheitsstandards der jeweiligen Länder gelten? Dabei liegen einige Kernkraftwerke so dicht an deutschen Städten wie im eigenen Land, beispielsweise Cattenon (eines von 58 französischen KKW) 57 km südwestlich von Aachen oder das belgische Tihange,, 48 km südwestlich von Trier, ganz zu schweigen von dem französische Kernkraftwerk Fessenheim, 25 km südwestlich von Freiburg im Breisgau. Aber selbst die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (Wikipedia) vom 26. April 1986, das 1.727 km von München, 1.523 km von Stuttgart und 1508 km von Frankfurt entfernt ist, hat bei uns messbare Auswirkungen gehabt.

Die Rechnung wird präsentiert, wenn Merkel im Ruhestand ist

„Du machst Europa kaputt“ hat der frühere bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Angela Merkel wegen deren Verhalten in der Flüchtlingskrise vorgeworfen. Ob sie dadurch auch die Hauptursache für das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU, den so genannten Brexit, gesetzt hat, möchte ich ausdrücklich offen lasse. Diese könnte durchaus auch hausgemacht sein, indem diejenigen, die hinterher das Ergebnis bejammert haben, der Abstimmung fern geblieben sind in der Annahme, dass es ohnehin nicht zum Brexit kommen werde.

Unbestreitbar dürfte aber sein, dass Merkel durch ihr Verhalten in der Flüchtlingskrise der europäischen Idee kräftig geschadet hat. Ob das auch für ihre Politik in der Eurokrise gilt, ist dagegen nicht so eindeutig.  „Von einer ‚existenziellen Bewährungsprobe für Europa‘ hat Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) am Mittwoch, 19. Mai 2010, im Bundestag gesprochen. In ihrer Regierungserklärung zu Maßnahmen zur Stabilisierung des Euro sagte Merkel: ‚Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.‘ Die geplanten Maßnahmen bezeichnete sie als ‚alternativlos‘.“ (siehe hier und hier). Das gleiche gilt für die Griechenlandkrise. Beiden ist gemeinsam, dass den deutschen Steuerzahlern (welchen Geschlechts auch immer) die Rechnungen erst präsentiert werden, wenn Merkel und ihr Finanzminister Schäuble bereits im Ruhestand sind.

Auch in diesem Kontext kann man übrigens die gleiche Unbekümmertheit der Kanzlerin im Umgang mit dem Recht beobachten, wie in der Flüchtlingskrise. Ich denke hier vor allem an die so genannte No-Bailout-Klausel in Artikel 127 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEU-Vertrag):

„(1) Die Union haftet nicht für die Verbindlichkeiten der Zentralregierungen, der regionalen oder lokalen Gebietskörperschaften oder anderen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, sonstiger Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentlicher Unternehmen von Mitgliedstaaten und tritt nicht für derartige Verbindlichkeiten ein; dies gilt unbeschadet der gegenseitigen finanziellen Garantien für die gemeinsame Durchführung eines bestimmten Vorhabens. Ein Mitgliedstaat haftet nicht für die Verbindlichkeiten der Zentralregierungen, der regionalen oder lokalen Gebietskörperschaften oder anderen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, sonstiger Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentlicher Unternehmen eines anderen Mitgliedstaats und tritt nicht für derartige Verbindlichkeiten ein; dies gilt unbeschadet der gegenseitigen finanziellen Garantien für die gemeinsame Durchführung eines bestimmten Vorhabens.

(2) Der Rat kann erforderlichenfalls auf Vorschlag der Kommission und nach Anhörung des Europäischen Parlaments die Definitionen für die Anwendung der in den Artikeln 123 und 124 sowie in diesem Artikel vorgesehenen Verbote näher bestimmen.“

Als Generalsekretärin hatte Angela Merkel auf dem 13. Parteitag der CDU vom 9. bis 11. April 2000 in Essen (damals befand sich die CDU bekanntlich in der Opposition) noch erklärt:

Ein glaubwürdiger Staat darf seine Bürger nicht durch Bürokratie tyrannisieren. Ein glaubwürdiger Staat muss dort stark sein, wo der Bürger ihn braucht. Er muss sich an Ordnung, Recht und Gesetze halten und darf nicht anfangen, von Bagatelldelikten zu sprechen. Liebe Freunde, für viele sind 100 DM kein Bagatelldelikt. Deshalb werden wir das nicht zulassen. (Beifall)

Ich sage Ihnen voraus: Jede Aushöhlung des Rechtsempfindens wird die Menschen letztlich nur verunsichern und zu etwas führen, was ich als ganz große Gefahr ansehe: zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft  in  puncto  Sicherheit  –  die  einen  können  sich  Sicherheit  kaufen,  die anderen bekommen sie nicht mehr. Das ist vielleicht eine der Herausforderungen der neuen Gesellschaft. Der Staat muss für die Sicherheit aller sorgen; das ist seine Aufgabe.“ (Protokoll Seite 107)

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“

Konrad Adenauer soll gesagt haben: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden“. In Baden-Württemberg wird diese Satz auch gerne Reinhold Maier, dem ersten Ministerpräsidenten des Südweststaats (und knitzen Schwaben, Günther Oettinger würde vielleicht von „Schlitzohr“ sprechen) zugeschrieben. Er könnte genauso gut von Angela Merkel stammen.

Das Phänomenale an Dr. Angela Merkel ist, dass ihr die Wähler (des ersten und zweiten Geschlechts oder welches auch immer) solche Sprünge offenbar nicht übel nehmen oder jedenfalls lange nicht übelgenommen haben. Kostproben:

Mehrwertsteuererhöhung: Vor der Bundestagswahl 2005 sprach sich die Union für eine Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 auf 18 Prozent aus, die SPD hielt dagegen mit dem Slogan „Merkel-Steuer, das wird teuer“ und lehnte die Anhebung als „unsozial“ ab. Der „Kompromiss“: Anfang 2007 stieg die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent.

Zur NSA-Abhörpraxis: „Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht.“ Konsequenzen? Keine.

PKW-Maut: „Mit mir wird es keine PWW-Maut geben.“ Originalton Merkel im Fernsehen am 1. September 2013. Am 27. März 2015 war die PKW-Maut beschlossene Sache.

Ja, und schließlich die Geschichte mit den (vier) Konvergenzkriterien des AEU-Vertrages (Seite 2), den so genannten Maastricht-Kriterien:

„Frankreich und Deutschland, welches in den 90iger Jahren (öffentlich) für eine besonders strikte Einhaltung der Kriterien plädierte, waren die beiden Länder, die das Kriterium der jährlichen Neuverschuldung von 3 % als erste nicht mehr einhalten konnten. Eine Sanktion aber blieb aus.“  Über die Sanktion entscheidet der Europäische Rat, der von den Regierungen gebildet wird. also von denen, die die Staatsverschuldung erzeugt haben! „Bundeskanzlerin Merkel fasste die Lage mit den bemerkenswerten Worten zusammen: ‚Versprochen. Gebrochen. Nichts passiert.'“ Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich.

Zur Haltung der Bundeskanzlerin in Sachen Staatsschulden schrieb die Spreezeitung 2014: „Während die Merkel-Regierung stringente Sparmaßnahmen anderer europäischer Länder einfordert, damit die Verschuldung dieser Länder sinkt, steigt hierzulande der Schuldenberg in astronomische Höhen. Über 500 Milliarden Euro häuften sich allein in der Zeit von 2008 (1,6 Billionen) bis 2012 (rund 2,1 Billionen) an weiteren Verbindlichkeiten an. Das sind satte 25 Prozent der Gesamtverschuldung.“ Schäubles „Schwarze Null“ soll vergessen lassen, dass Merkel alle Rekorde der Staatsverschuldung gebrochen hat und sich gleichwohl als „Zuchtmeisterin Europas“ aufführte.

An einem Sonntagabend im September 2017

Beim Besuch von Präsident Barack Obama im Sommer 2013 gab Merkel auf der allfälligen Pressekonferenz diesen Satz von sich: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Wow! Und das von einer diplomierten und promovierten Physikerin (bei einem Juristen hätte man das ja vielleicht noch verstanden). Die Reaktion in den so genannten sozialen Medien ließ nicht lange auf sich warten: „Innerhalb weniger Minuten ist der Hashtag #Neuland der meistverbreitete in Deutschland“, meldete Spiegel Online. Für jeden, der sich halbwegs auskennt, ist klar: Das Internet, die globale Vernetzung, die Digitalisierung hat für den Einzelnen und die Wirtschaft den gleichen Stellenwert wie die Erfindung des Buchdrucks oder der Dampfmaschine.

„Die flächendeckende Versorgung unseres Landes mit leistungsfähigen Breitbandanschlüssen und der Ausbau von Hochleistungsnetzen sind wichtige Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum, mehr Beschäftigung und steigenden Wohlstand“, liest man auf der Web­site des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur unter dem Stichwort „Breitbandstrategie“.

Von der Bundeskanzlerin ist allerdings nicht bekannt, dass sie die Bedeutung der Digitalisierung für die Zukunft einer modernen Gesellschaft wirklich erkannt hat. Und wenn doch, hat sie das geschickt zu verbergen verstanden.

Der jüngste Hackerangriff auf die Telekom, über dessen Hintermänner noch spekuliert wird, hat gezeigt, wie sehr alle Personen und Institutionen eines Landes vom Funktionieren der Informationstechnik abhängen. Insofern war es sicher richtig, dass sich die Kanzlerin selbst zu dieser Cyber-Attacke geäußert hat. Ihre Äußerungen klingen allerdings reichlich fatalistisch und offenbaren die gleiche Unbedarftheit, die man auch bei anderen Themen beobachten kann:

„Solche Cyberangriffe, auch solche wie es in der Doktrin ja auch Russlands heißt, hybride Auseinandersetzungen, gehören heute zum Alltag. Wir müssen lernen, damit umzugehen“. „Man darf sich davon auch nicht irritieren lassen“, mahnte sie. „Man muss nur wissen, dass es so etwas gibt, und lernen, damit zu leben.“

Es gehe darum, die Menschen in Deutschland zu informieren, und „ansonsten müssen wir unsere politischen Überzeugungen klar weiter zum Ausdruck bringen“.

Trotz dieser Negativbilanz, die sich noch gehörig verlängern ließe, geht Merkel als Kanzlerkandidatin der CDU ins Rennen, weil sich niemand anderes anbietet. Friedrich Merz wäre vielleicht ein guter Gegenkandidat, aber der hat sich offenbar aus der Politik verabschiedet. Erleben wir also Merkel 4.0 oder Merkel in Öl? An einem Sonntagabend im September 2017 – eventuell auch ein bisschen später – wissen wir mehr.

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