Kategorie-Archiv: Postnazismus

Postnazismus revisited – Das Nachleben d. Nationalsozialismus im 21. Jh. – Mit Grigat & Nachtmann

“Der Band Postnazismus revisited versammelt Beiträge, die grundlegende Überlegungen zum Nachleben des Nationalsozialismus in den postfaschistischen Gesellschaften anstellen. Sie setzen sich sowohl mit der modernisierten Vergangenheitspolitik in Deutschland als auch den Erfolgen der FPÖ unter und nach Jörg Haider auseinander. Die Aufsätze beinhalten Gedanken zur Kritik des Postnazismus im Zeitalter des Djihadismus und formulieren eine Kritik am “Islamophobie”-Begriff vor dem Hintergrund der Diskussionen über den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik.

Eine global orientierte Kritik der postnazistischen Konstellation muß konstatieren, daß sich das Zentrum der offenen antisemitischen Agitation nach 1945 von Europa in den arabisch-islamischen Raum verschoben hat. Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, daß man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann, sondern auch, daß man dafür selbst nach der totalen militärischen Niederlage keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, was für eine ungemeine Attraktivität eine derartig pathologische, sowohl mörderische als auch selbstmörderische Krisenlösungsstrategie für antisemitische Massenbewegungen und Banden in anderen Weltregionen haben mußte.” (Text: http://www.ca-ira.net/verlag/buecher/… | Quelle & MP3: https://www.mixcloud.com/milchkaese/p…)

Transformation der postnazistischen Demokratie

ca-ira.net

Einleitung zur Transformation des Postnazismus

Transformation der postnazistischen Demokratie – Postfaschismus als Begriff der Kritik
Zur Einleitung

Stephan Grigat

Während in der Protestbewegung gegen die blau-braun-schwarze Bundesregierung in Österreich oder auch in der Staatsantifa der Bundesrepublik Deutschland samt ihres aufständisch-anständigen Anhangs manche Haider und seine deutschen Kopieversuche als Antidemokraten bekämpfen und mitunter auch den Rassismus und Antisemitismus thematisieren, aber beharrlich über Staat und Kapital schweigen, wissen andere zwar einiges über Kapital und Staat zu sagen, schweigen dafür aber umso beharrlicher über die deutsche und österreichische Volksgemeinschaft. In den Beiträgen des vorliegenden Bandes wird – wenn auch mit sehr unterschiedlichen Gewichtungen – beides thematisiert: Kapital und Staat als die Voraussetzungen jeder Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung, sowie die Spezifik der österreichischen und deutschen Tätergemeinschaft, ohne deren Berücksichtigung die Kritik an Staat und Kapital zur Geschichtsentsorgung und Volksapologie im kommunistischen Gewand gerät. Die Begriffe ›Postfaschismus‹, ›Postnazismus‹ und ›demokratischer Faschismus‹ stehen bei der Kritik der österreichischen und deutschen Zustände nicht gerade auf der Tagesordnung. Dennoch handelt es sich dabei nicht um völlig neue Begriffe. Es stellt sich die Frage, wie solche Kategorien bisher verwendet wurden und in welchem Kontext sie entstanden. In der BRD (in Österreich fanden solche Diskussionen kaum statt) verstand man in der Nachkriegszeit unter Postfaschismus in erster Linie personelle Kontinuitäten, also die ungebrochene Karriere ehemaliger Nazis in der Demokratie, kaum jedoch strukturelles Fortwesen. Um das Jahr 1968 herum kam es zu einigen Diskussionen, in denen der Begriff des Postfaschismus etwas mehr an Konturen gewann. Man denke etwa nur an einen der wohl am 9 meisten gelesenen Aufsätze Theodor W. Adornos, nämlich Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. Dort weist Adorno nachdrücklich darauf hin, daß er das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher erachte als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie. Er schreibt: »Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.« (GS 10.2, 554) Zu den frühen, auch heute noch relevanten Auseinandersetzungen mit Postfaschismus und Postnazismus gehören auch einige Ausführungen des Adorno-Schülers Hans-Jürgen Krahl (1977, 21 ff.). Ebenfalls in diesem Zusammenhang zu erwähnen ist Johannes Agnoli, der die Linke bereits in den 1960er Jahren mit seinen Überlegungen zum Verhältnis von Demokratie und Faschismus konfrontiert hat (1990, 21 ff.). Große Teile der Linken in den deutschsprachigen Ländern haben sich jedoch in den 1970er und 1980er Jahren kaum für radikale Gesellschaftskritik, sei es in der Adornoschen, sei es in der Agnolischen Ausprägung interessiert, sondern sich lieber dem Naturromantizismus der Neuen Sozialen Bewegungen oder den autoritären Plattheiten des Marxismus-Leninismus gewidmet. Aber selbst bei Marxisten- Leninisten und bei gemäßigten Maoisten kam man nicht ganz um die Diskussion über das Nachwirken des Nationalsozialismus herum, was seinen Niederschlag vor allem in den Diskussionen über eine mögliche Faschisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft in den 1970er Jahren fand. Der Begriff der Faschisierung war und ist aber immer auch ein Gegenbegriff zu den Kategorien Postfaschismus und Postnazismus, da er zwangsläufig die Momente des Bruchs von 1945 überbetonen muß. Überlegungen zur Faschisierung, denen stets eine gewisse Distanz zur Kritischen Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos anzumerken war, fanden sich vor allem im und im Umkreis des vergleichsweise einflußreichen Kommunistischen Bundes, zeitweise auch im linksakademischen Bereich. (Steffen 2002; Weber 1999, 142) Andere Texte, in denen Postfaschismus und Postnazismus jenseits der langwierigen Auseinandersetzungen über die Faschisierungsthese 10 thematisiert wurden, haben zur Zeit ihres Erscheinens kaum zu Diskussionen geführt. Zu erinnern wäre diesbezüglich beispielsweise an Joachim Bruhns Ausführungen zur Kritik des demokratischen Antifaschismus und zur Sozialpsychologie des Postfaschismus (1983, 42 ff.), die zwar den Ruf der Initiative Sozialistisches Forum in der infantilen Autonomenszene der 1980er Jahre als »Psychosekte mit viel Geld« befördern halfen, aber selbst in der theoretisch interessierten Linken kaum für Irritationen gesorgt haben. Eine wichtige Auseinandersetzung über die postnazistische Demokratie fand nochmals Anfang der 1990er Jahre im Zusammenhang mit der auch von vielen Linken begrüßten deutschen Wiedervereinigung statt. Damals ging es mit Bezug auf die Faschisierungsdebatten der 1970er Jahre um die Frage, ob es im Zuge der Renationalisierung zu einer Faschisierung der Demokratie komme, oder aber ob diese sogenannte Faschisierung im Postfaschismus nicht schon längst vollzogen sei und man heute viel eher von einer Demokratisierung des Faschismus reden müßte. (Nachtmann 1995, 25 ff.; Möller 1995, 28 ff.) Diese Debatte ist in den letzten Jahren weitgehend eingeschlafen. Gerade die Entwicklung in Österreich mit dem Siegeszug der Freiheitlichen Partei (FPÖ) bis zu den Nationalratswahlen 1999 und der postfaschistisch- wie postnazistisch-demokratischen Geschichte seit 1945 einerseits und der in der BRD zu beobachtenden Kampagnenpolitik, die durch die rot-grüne Regierung forciert wird und – flankiert durch Äußerungen von Figuren wie Stoiber oder Schill – auf einen selbstbestimmten Autoritarismus abzielt, erfordert es, die Diskussion über Faschisierung der Demokratie oder Demokratisierung des Faschismus nochmals aufzunehmen. Das Nach- und Fortleben des Nationalsozialismus tritt am Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr in der gleichen Weise in Erscheinung wie noch in den fünfziger und 1960er Jahren. Allein schon der partielle, in der BRD sehr viel deutlicher und konsequenter als in Österreich vollzogene Wandel vom Beschweigen oder Schönreden der NS-Vergangenheit hin zur offensiven Auseinandersetzung mit den »eigenen« Verbrechen im Dienste und zum Wohle des gegenwärtigen Souveräns, macht es notwendig, die Transformation der postnazistischen Demokratie in den Blick zu rücken. Der Begriff des ›demokratischen Faschismus‹, den der Schriftsteller Michael Scharang bereits in den 1980er Jahren noch weitgehend 11 unbeeindruckt vom Aufstieg der FPÖ verwendete (1986), versucht das, was für das bürgerliche Bewußtsein das vollkommen Unvereinbare repräsentiert, zusammenzudenken. Gerade in Österreich hat der Begriff zudem den Vorteil, daß er das Augenmerk nicht nur auf die Nazi- Zeit, sondern auch auf den Austrofaschismus und dessen Aktualität lenkt. Zugleich beinhaltet er das Problem, daß der unabdingbare, mal explizite, mal implizite Hauptbezugspunkt der deutschen und österreichischen Politik, der Nationalsozialismus, zugunsten des Faschismusbegriffs verschwindet. Schon deswegen wurde für den Haupttitel der vorliegenden Publikation anstatt der bisher geläufigeren Bezeichnung ›Postfaschismus‹ der Begriff des Postnazismus gewählt, der in mehreren Beiträgen, in denen auch der Frage nachgegangen wird, inwiefern mit der Rede vom ›demokratischen Faschismus‹ tatsächlich etwas Neues versucht wird zu fassen, oder ob der Faschismus und im Speziellen der Nationalsozialismus nicht schon immer eine reichlich demokratische Schlagseite hatten, genauer ausgeführt wird. Daß allein die Verwendung von Begriffen wie Postfaschismus oder Postnazismus nicht zwangsläufig zu einer vernünftigen, also radikalen Kritik führt, haben bereits mehrere Autoren vorgeführt. Einige in der Linken glauben etwa, Postfaschismus als positiven Begriff setzen zu können. Christoph Spehr beispielsweise schreibt davon, daß die »Erfahrung des überwundenen Faschismus, der postfaschistische Konsens, … einen unfertigen Emanzipationsprozeß« darstelle. Dementsprechend wird dann auch eine »Radikalisierung des postfaschistischen Konsenses« gefordert (1997, 16). Das Positive des Postfaschismus wäre demnach also einfach, daß er immerhin kein Faschismus ist. Postfaschismus wird hier als gelungene Ablösung vom Faschismus verstanden, ähnlich wie bei der italienischen Alleanza Nationale, die lange um die Titulierung als »postfaschistische Partei« gerungen hat. In die gleiche Richtung zielt der Wiener Krisis-Redakteur Franz Schandl. Auch für ihn bezeichnet der Begriff des Postfaschismus lediglich den gelungenen Ablösungsprozeß vom Faschismus und vom traditionellen Rechtsextremismus. Deshalb charakterisiert er die Freiheitlichen in Österreich als »das erste gelungene postfaschistische Projekt der Rechten in Europa« (1998, 19) und verkennt damit in einem sowohl das Wesen der postnazistischen Demokratie als auch jene ein- 12 flußreichen Strömungen innerhalb der FPÖ, die sich relativ offen auf den Nationalsozialismus beziehen. Als Begriffe der Kritik zielen Postfaschismus und Postnazismus gerade auf die modifizierte Fortsetzung faschistischer und nationalsozialistischer Ideen in der und durch die Demokratie und sind als positive Kategorien nicht denkbar. Sie beabsichtigen die Denunziation des aktuellen politischen Souveräns mittels des Hinweises, daß jeder Staat auf den Erfahrungen seines Vorgängers aufbaut: »Nichts von dem, was der Souverän je tat und antat, ging verloren… Undenkbar wäre die ›soziale Marktwirtschaft‹ ohne die nazistische Vernichtungsgemeinschaft …; unmöglich die Sozialpartnerschaft von heute ohne die ›Betriebsgemeinschaft‹ des Faschismus; unvorstellbar schließlich die gegen Jugoslawien angewandte Taktik, das ›Recht auf nationale Selbstbestimmung‹ zur Zerschlagung des letzten Systemfeindes in Anschlag zu bringen, ohne die geschichtliche Erfahrung der Okkupation etwa des Sudetenlandes.« (ISF 2001, 67) Daß selbst noch der Postfaschismusbegriff zur Identifikation mit der Nation taugt, hat beispielsweise die Grazer Philosophin Elisabeth List demonstriert. Sie spricht von der postfaschistischen Politik der FPÖ, nicht etwa von der postfaschistischen österreichischen Gesellschaft, und fordert alle Patrioten zum Kampf gegen diese postfaschistische FPÖ auf. »Niemand«, schreibt sie allen Ernstes, »der sein oder ihr Land liebt und bei Verstand ist«, könne die Politik dieser Partei gutheißen. (2001) Die Beschäftigung mit Postfaschismus findet hier statt aus Sorge um die Nation. Eine Sorge, um die es den Autoren dieses Bandes mit Sicherheit nicht geht, die es aber auch anderen Demokratieidealisten wie beispielsweise Armin Thurnher, dem Herausgeber der Wiener Wochenzeitung Falter, angetan hat, für den Postfaschisten einfach »nichts anderes als Demokraten mit zweifelhaftem Verständnis des Rechtsstaates« sind, gegen die man etwas tun müsse, um »Schaden für das Land« (2002, 8 ff.) abzuwenden. In der BRD ist der Begriff des ›Postfaschismus‹ aus öffentlichen, nicht nur in der radikalen Linken wahrnehmbaren Debatten weitgehend verschwunden. In Österreich hat er kurzzeitig durch eine Intervention von außen eine merkwürdige Renaissance erlebt. Die Charakterisierung der FPÖ durch Milos Zeman im Rahmen der Streitereien über das AKW Temelin und die Sudetendeutschen als »post- 13 faschistische Partei« löste in Österreich einen kollektiven Proteststurm aus. Der tschechische Premierminister wurde Anfang des Jahres 2002 sowohl vom Bundespräsidenten als auch von Alfred Gusenbauer, dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten, scharf zurechtgewiesen. An diesen Reaktionen läßt sich auch das Problematische von Zemans Charakterisierung erkennen. So wie in der BRD die rot-grüne Koalition nach den Wahlen 2002 mit der Ernennung von Wolfgang Clement zum neuen ›Superminister‹ für Arbeit und Wirtschaft abermals unter Beweis gestellt hat, daß es für das Anknüpfen an der korporatistischen Tradition der institutionellen und administrativen Verwaltung von Arbeit und Kapital keiner Koalition aus Nachfolgeorganisationen faschistischer Bewegungen wie der Österreichischen Volkspartei und der FPÖ bedarf, verdeutlichen diese Reaktionen nochmals, daß das Problem in Österreich nicht nur eine postfaschistische oder postnazistische Partei ist, sondern es sind ebenso wie in der BRD die postfaschistischen gesellschaftlichen Strukturen und das postnazistische gesellschaftliche Bewußtsein, das keineswegs nur bei den Freiheitlichen, deutschen und österreichischen Neonazis, Edmund Stoiber oder Ronald Schill zu finden ist. Zur Erklärung dessen, warum das so ist, möchten die Aufsätze dieses Buches einen Beitrag leisten. Selbstverständlich sind viele jener Entwicklungen, die in der vorliegenden Publikation beschrieben werden, auch in anderen Ländern als Deutschland und Österreich zu beobachten. Gerade die Wahlerfolge rechtsextremistischer und neo- oder altfaschistischer Parteien in den Niederlanden, der Schweiz, Norwegen, Dänemark, Belgien oder Frankreich lassen es merkwürdig anmuten, die Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus gesondert zu behandeln. Der permanente Hinweis gerade deutscher und österreichischer Autoren, an der Entwicklung in Österreich und der BRD sei doch gar nichts besonderes, die anderen Demokratien hätten schließlich auch ihre Rassisten und Antisemiten, blendet die unterschiedlichen historischen Ausgangslagen bewußt aus. Die Entwicklungen in zahlreichen, durchaus nicht nur europäischen Gesellschaften, verweisen zwar darauf, daß sich das deutsche Krisenlösungsmodell und die deutsche Ideologie zusehends als verallgemeinerungsfähig erweisen. Genau darauf zielt der relativierende Einwurf der Warner vor einem neuen »europäischen Rechtspopulismus«, wie der Siegeszug des faschistischen Ressenti- 14 ments verharmlosend genannt wird, aber gerade nicht. Gegen die etablierte Rechtspopulismusforschung, die zur Verwohlfeilerung der Demokratie und zur Normalisierung der postnazistischen Gesellschaften angetreten ist, bleibt darauf zu beharren, daß ähnliche Entwicklungen schon auf Grund der unterschiedlichen historischen Bezüge nicht die gleiche Bedeutung haben. In Deutschland ist der Nationalsozialismus als massenhaft legitimierte Volksbewegung an die Macht gekommen und die deutsch-österreichische Volksgemeinschaft hat gerade im zur Tat schreitenden Antisemitismus zu sich gefunden. In den Niederlanden hingegen hat die Bevölkerung einen Generalstreik zum Schutz der holländischen Juden organisiert und in Dänemark fanden groß angelegte Fluchthilfeaktionen statt. Auch wenn die Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft und die Verlängerung eines wertverwertungsimmanenten antikapitalistischen Ressentiments zum Massenmord an Juden und Jüdinnen, an einem zugleich abstrakten und biologisch konkretisierten inneren wie äußeren Feind, allen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften als Möglichkeit innewohnt – in Deutschland ist sie Realität geworden. Nationalismus bedeutet immer ideologische Affirmation von Kapitalproduktivität und Staatsloyalität. Der deutsche Nationalismus, dessen ideologischer Gehalt sich heute nicht nur unter der Fahne der Bundesrepublik breit macht, impliziert zudem aber Vernichtung von Menschen um der Vernichtung willen: die in Auschwitz und anderswo praktizierte Übersetzung der irrationalen, nahezu pathologischen Rationalität fetischisierter kapitalistischer Warenproduktion und staatlicher Herrschaft in ebenso industriell wie handwerklich betriebenen und bürokratisch geplanten Massenmord, der Ausdruck des nicht verwirklichbaren Wunsches ist, die abstrakte Seite des Kapitalverhältnisses abzuschaffen, um das Kapitalverhältnis als solches zu retten. Bis auf den Beitrag Österreichische Normalität. Postfaschismus, Postnazismus und der Aufstieg der Freiheitlichen Partei Österreichs unter Jörg Haider handelt es sich bei den Aufsätzen um Referate, die auf dem Kongreß Vom Postfaschismus zum demokratischen Faschismus im April 2001 in Wien gehalten wurden. Der Kongreß wurde von der Basisgruppe Politikwissenschaft und jenem Teil des Kritischen Kreises organisiert, der sich mittlerweile Café Critique nennt. Bei der Konzeption des Kongresses wie auch des Buches ging es nicht dar- 15 um, dem üblichen pluralistischen Meinungsaustausch ein weiteres Podium zu bieten. Das Anliegen war nicht, eine möglichst große Vielfalt von Standpunkten zu versammeln oder diverse mehr oder weniger interessante ›Ansätze‹ zu präsentieren, sondern Personen zu Wort kommen zu lassen, die in ihrer Kritik mit Begriffen wie Postfaschismus oder Postnazismus explizit oder implizit operieren und eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung dieser Kritik verfolgen. Dennoch entstammen die Autoren keineswegs einem einheitlichen Spektrum, was nicht zuletzt in den unterschiedlichen Akzentsetzungen der Beiträge zu merken ist. Bei den Beiträgen von Johannes Agnoli und Ulrich Enderwitz handelt es sich um die Originalreferate des Kongresses, wobei ersterer einen freien Vortrag gehalten hatte, der für diesen Sammelband transkribiert wurde. Die anderen Beiträge wurden mehrfach stark überarbeitet. Insbesonders nach dem dschihadistischen Massaker vom 11. September, der sich daran anschließenden kollektiven Regression der Linken und des drohenden globalen Siegeszuges der deutschen Ideologie und des deutschen Krisenlösungsmodells, erschien es den Autoren notwendig, umfangreiche Ergänzungen vorzunehmen. Es bleibt darauf hinzuweisen, daß schon auf Grund des eingeschränkten Autorenkreises selbstverständlich nicht alle Aspekte, die im Zusammenhang mit Postfaschismus und der Transformation der postnazistischen Demokratie von Interesse wären, thematisiert werden. 1 Vorläufige Fassungen und Vorabdrucke einiger der in diesem Band zusammengefaßten Aufsätze sind in den Zeitschriften Alaska, Jungle World, Bahamas, Konkret, Streifzüge und Utopie Kreativ erschienen. Zu danken ist der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin sowie der Studienrichtungsvertretung Politikwissenschaft und der Fachschaft Informatik in Wien, ohne deren finanzielle Unterstützung das Erscheinen dieses Bandes nicht möglich gewesen wäre.

1 Zum Postfaschismus in der populären Kultur vgl. Georg Seeßlen (1994; 1996). 16

http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/grigat-transformation.postnazismus_lp.php

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Die nachnationalsozialistischen Demokratien haben Struktur- und Ideologieelemente des Faschismus und des Nationalsozialismus in sich aufgenommen.

Die nachnationalsozialistischen Demokratien haben Struktur- und Ideologieelemente des Faschismus und des Nationalsozialismus in sich aufgenommen. So sind beispielsweise der deutsche Korporatismus und die österreichische Sozialpartner- und Sozialpartnerinnenschaft ohne die nationalsozialistische ‚Betriebsgemeinschaft‘ nicht zu verstehen; die spezifischen Ausprägungen des Antisemitismus und Antiamerikanismus oder auch die Gleichzeitigkeit von Antikommunismus und Antiliberalismus in den Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus können ohne Reflexion auf die real gewordene Volksgemeinschaft vor 1945 nicht sinnvoll analysiert werden.

In der Nachkriegszeit wurden unter dem Begriff Postfaschismus in erster Linie personelle Kontinuitäten gefasst, also die massenhaft ungebrochenen Karrieren ehemaliger Nazis in der Demokratie, kaum jedoch ein strukturelles Fortwesen des Nationalsozialismus. Erst in den 1960er Jahren kam es zu Diskussionen, in denen der Begriff des Postfaschismus etwas mehr an Konturen gewann. Man denke nur an einen der wohl meistgelesenen Aufsätze Theodor W. Adornos aus dem Jahr 1959: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. Dort weist der Mitbegründer der Kritischen Theorie nachdrücklich darauf hin, dass er das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie für potentiell bedrohlicher erachte als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie: „Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, dass es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“ 1
Der lange gebräuchliche Begriff Postfaschismus beinhaltet allerdings das Problem, dass der Nationalsozialismus zugunsten eines falsch verallgemeinernden Faschismusbegriffs verschwindet. Deshalb wird seit etwa zehn Jahren der Bezug auf das nazistische Erbe in den Vordergrund gerückt.2 Als Begriffe der Kritik zielen Postfaschismus und Postnazismus auf die modifizierte Fortsetzung faschistischer und national­sozialistischer Ideen in der und durch die Demokratie und sind als positive Kategorien nicht denkbar. Sie beabsichtigen die Denunziation des aktuellen politischen Souveräns mittels des Hinweises, dass jeder Staat auf den Erfahrungen seines Vorgängers aufbaut; und sie kritisieren das gegenwärtige Massenbewusstsein als Ausdruck einer nicht oder falsch aufgearbeiteten Vergangenheit.

Was ‚deutsch‘ ist

Selbstverständlich sind viele jener Entwicklungen, an denen mit dem Begriff des Postnazismus Kritik geübt werden soll, auch in anderen Gesellschaften als der deutschen und österreichischen zu beobachten. Gerade die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien wie auch das erschreckende Ausmaß eines sich oftmals als links begreifenden Israelhasses in anderen Ländern lassen es merkwürdig anmuten, die Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus gesondert zu behandeln. Der permanente Hinweis gerade deutscher und österreichischer Autoren und Autorinnen, dass an der Entwicklung in Österreich und der BRD doch gar nichts besonderes sei – in anderen Demokratien gäbe es schließlich auch Rassismus und Antisemitismus – blendet allerdings die unterschiedlichen Ausgangslagen bewusst aus. Die Entwicklungen in zahlreichen, durchaus nicht nur europäischen Gesellschaften, verweisen zwar darauf, dass sich zusehends das als verallgemeinerungsfähig erweist, was in einem ideologiekritischen Sinne als ‚deutsch‘ bezeichnet werden kann. Darauf zielen die relativierenden Einwürfe aber gerade nicht. Entgegen der etablierten Rechtspopulismusforschung bleibt darauf zu beharren, dass ähnliche Entwicklungen schon auf Grund der unterschiedlichen historischen Bezüge nicht die gleiche Bedeutung haben. In Deutschland ist der Nationalsozialismus als massenhaft legitimierte Volksbewegung an die Macht gekommen und die deutsch-österreichische Volksgemeinschaft hat gerade im zur Tat schreitenden Antisemitismus und im Vernichtungskrieg an der Ostfront zu sich gefunden. In den Niederlanden hingegen hat die Bevölkerung einen Generalstreik zum Schutz der holländischen Juden und Jüdinnen organisiert und in Dänemark fanden groß angelegte Fluchthilfeaktionen statt. Dies ist selbstverständlich kein Grund, die massenhafte Kollaboration mit den Nazis, die es in fast allen europäischen Ländern gegeben hat, nicht ebenfalls zu thematisieren.

Anders ausgedrückt: Auch wenn als Möglichkeit allen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften die Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft und die Radikalisierung des Antisemitismus zum Massenmord an Juden und Jüdinnen, das heißt an einem imaginierten inneren wie äußeren Feind, innewohnt – in Deutschland und Österreich ist sie Realität geworden. Zwar bedeutet Nationalismus immer eine ideologische Affirmation von Kapitalproduktivität und Staatsloyalität. Der Nationalsozialismus impliziert zudem aber Vernichtung von Menschen um der Vernichtung willen: den in Auschwitz und all den anderen Orten praktizierten, aufs Ganze gehenden, industriell wie handwerklich betriebenen, bürokratisch geplanten und von der Welt hingenommenen Massenmord.

Globale Konstellation

Doch wenn heute über Postnazismus geredet wird, darf nicht nur über die Nachfolgegesellschaften des Nazismus gesprochen werden: Eine global orientierte Kritik der postnazistischen Konstellation muss konstatieren, dass sich das Zentrum der offenen antisemitischen Agitation nach 1945 von Europa in den arabisch-islamischen Raum verschoben hat, in den auch schon die Nazis hervorragende Beziehungen unterhalten haben. Die Deutschen haben gemeinsam mit ihren ‚Hilfsvölkern‘ agiert: vornehmlich mit jenen Osteuropäern und -europäerinnen, die sich redlich bemüht haben, sich in das deutsch-österreichische Vernichtungswerk zu integrieren. Dies findet seinen Widerhall heute unter anderem in Ungarn, wo die Nachfahren der Horthy-Faschisten und -Faschistinnen an der Regierung sind und die Erben und Erbinnen der Pfeilkreuzler-Nazis eine der wichtigsten Oppositionsparteien stellen. Die Deutschen und ihre Verbündeten haben nicht nur bewiesen, dass rassistische Weltbeherrschungsfantasien und ein wahnhaft-projektiver antisemitischer Antikapitalismus zur Rettung des Kapitals bis zum industriell betriebenen Massenmord an der jüdischen ‚Gegenrasse‘ und zum rassistischen Vernichtungskrieg gegen die slawischen ‚Untermenschen‘ gesteigert werden kann. Sie haben auch gezeigt, dass man dafür selbst nach der totalen militärischen Niederlage keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten hat. Danach kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, wie attraktiv eine derart pathologische, sowohl mörderische als auch selbstmörderische Krisenlösungsstrategie für antisemitische Massenbewegungen und Banden in anderen Weltregionen sein musste und bis heute ist.

Weil das so ist, gilt es heute neben der unversöhnlichen Denunziation der ‚deutschen Zustände‘, von denen schon der junge Karl Marx wusste, dass sie „unter dem Niveau der Geschichte“ und „unter aller Kritik“ sind,3 insbesondere jene Kollaboration Österreichs und des Rechtsnachfolgers des ‚Dritten Reiches‘ mit dem antisemitischen iranischen Regime ins Visier zu nehmen, aus der dem Staat der Shoah-Überlebenden und ihrer Nachkommen eine existenzielle Gefahr zu erwachsen droht. Israel wird mit dieser Gefahr weitgehend alleine gelassen und die EU weigert sich beispielsweise bis heute, die djihadistische Mörder- und Mörderinnenbande Hisbollah oder die iranischen Pasdaran als Terrororganisation einzustufen. Das zeigt einmal mehr, dass die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus im heutigen Postnazismus zu Gedenkroutine und Erinnerungsrhetorik verkommen ist, aus der kaum Konsequenzen zur Bekämpfung des aktuellen ubiquitären Antisemitismus gezogen werden.

Anmerkungen:
1    Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Bd. 10.2, Frankfurt am Main 1997, S. 554.
2    Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Begriff durch den 2003 erschienenen Band „Transformation des Postnazismus“ bekannt, der 2012 in stark erweiterter und geänderter Fassung unter dem Titel „Postnazismus revisited“ im ça ira-Verlag neu aufgelegt wurde.
3    Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Marx-Engels-Werke, Bd. 1, Berlin 1988 [1844], S. 380.

 

Das Dritte Reich und die DDR waren Wertegemeinschaften – wir sollen uns tunlichst davon fernhalten

Von Giuseppe Gracia. Politiker reden im Moment gern von „Wertegemeinschaft“ oder „Leitkultur“. Als wolle man uns in bewegten Zeiten mit harmonisierenden Werten und Ansichten beglücken. Was bedeutet der Versuch, politische Programme mit Verweis auf höhere Werte verbindlich ans Gewissen der Bürger zu binden und Alternativen als ethisch minderwertig abzukanzeln?

 

Von Giuseppe Gracia.

Im Klassiker „L’etranger“ von Albert Camus (1942) wird der Fremde, eine Figur von verstörender Ehrlichkeit, hingerichtet: letztlich nicht deshalb, weil er auf jemanden schiesst, sondern weil er an der Beerdigung seiner Mutter nicht weint und sich auch sonst weigert, mehrheitsfähige Gefühle und Ansichten an den Tag zu legen. Er verstösst gegen die moralische Konformität, das wird ihm zum Verhängnis.

Wie sieht es heute aus mit dem Zwang zur moralischen Konformität? Kürzlich sprach die Publizistin Cora Stephan hier von „Denkverboten statt Debatte„. Sie beschreibt das Phänomen einer sich verengenden Meinungsäusserungsfreiheit in Europa, bei Reizthemen wie Islam, Migrationspolitik oder Gender. Tatsächlich scheinen nicht wenige Leute das Gefühl zu haben, irgendwo da draussen gäbe es eine fürsorgliche Aufklärungs-Gendarmerie, die zwar nicht über totalitäre Strukturen verfügt, doch aber über eine massenmediale Schwarmintelligenz.  Was bedeutet das für unser Selbstverständnis als säkulare Gesellschaft? Säkularismus meint ja nicht nur die Trennung von Staat und Religion, von Gesetzgebung und persönlicher Weltanschauung. Sondern die Erkenntnis, dass eine liberale Gesellschaft allen Mitgliedern eine gedanklich-moralische Sphäre der Freiheit garantieren muss. Das geht nicht ohne Trennung von Macht und Moral.

Und dennoch reden Politiker im Moment gern von „Wertegemeinschaft“ oder „Leitkultur“. Als wolle man uns in bewegten Zeiten mit harmonisierenden Werten und Ansichten beglücken. Der Mitte-Links-Block tut dies gewöhnlich mit einem merkwürdig missionarischen Relativismus, der zwar nichts wissen will von einer zivilisatorischen Überlegenheit des Westens, aber trotzdem danach strebt, möglichst viele in diesen Westen hinein zu erziehen. Im bürgerlichen Mitte-Block dominiert ein geglätteter Pragmatismus zwecks Machterhalt, verkauft als angebliche Vernunft der Mehrheit. Während man im rechten Block von der Wiedergeburt einer patriotischen Gesinnungsgemeinschaft träumt – von einer Gemeinschaft, die auch als gedanklicher Grenzzaun gegen fremdländische Identitätsverwirrungen taugt.

Das Dritte Reich war eine Wertegemeinschaft – wir sollten uns davon fernhalten

Was ist davon zu halten? Was bedeutet der Versuch, politische Programme mit Verweis auf höhere Werte verbindlich ans Gewissen der Bürger zu binden und Alternativen als ethisch minderwertig abzukanzeln? Dazu der Philosoph Robert Spaemann 2001: „Es ist gefährlich, vom Staat als ‚Wertegemeinschaft‘ zu sprechen, denn die Tendenz besteht, das säkulare Prinzip zu Gunsten einer Diktatur der politischen Überzeugungen zu untergraben. Das Dritte Reich war eine Wertegemeinschaft. Die Werte – Nation, Rasse, Gesundheit – hatten dem Gesetz gegenüber immer den Vorrang. Das Europa von heute sollte sich von diesem gefährlichen Weg fernhalten.“

Und wie sieht es mit unseren Medien aus? Gewiss ist die Rede von der „Lügenpresse“ übertrieben und führt in den Nebel der Verschwörungstheorien. Trotzdem darf man feststellen, dass einige Medienschaffende, sei es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder in der Presse, . Statt für Meinungsfreiheit kämpfen sie lieber gegen die „Hetze“ politischer Gegner. Statt einen Pluralismus der Anschauungen zuzulassen schüchtern sie lieber mit der Diskriminierungs-Keule ein – Seite an Seite mit Politikern und ausgewählten Sozialingenieuren. Das Ziel ist offenbar nicht mehr die Vermittlung umstrittener Sachverhalte, sondern die Formung eines moralisch erwünschten Volkskörpers.

Nur folgerichtig, wenn es dann zur journalistisch verpackten Propaganda für gesinnungsverwandte Regierungsprogramme kommt, wie eine aktuelle Studie der Hamburg Media School zeigt. Die Auswertung von 34 000 Pressebeiträgen zwischen 2009 und 2015 zum Thema Flüchtlinge ergab: 82 Prozent der Beiträge waren positiv, nur 6 Prozent hinterfragten kritisch die Flüchtlingspolitik der Regierung. Leider gibt es keinen Grund zur Annahme, dass eine solche Regierungsnähe nur in deutschen Medien oder nur beim Thema Migration vorkommt. So wenig wie die Verfolgung des sogennaten „Hate speech“ nur bei Facebook stattfindet.

Die Kirchen dienen sich dem Staat als Moralinspender an

Dazu erklärt die Amerikanische Anwaltskammer sinngemäss: Äussert sich jemand heutzutage über eine Gruppe von Menschen, die sich deswegen beleidigt fühlt, ist das bereits „Hate Speech“. Mit anderen Worten: es werden Gefühle und Anschauungen kriminalisiert und aus der Öffentlichkeit verbannt, mit Regierungsbeteiligung. Ein Beispiel aus Deutschland ist Bundesjustizminister Heiko Maas: dieser arbeitet seit 2015 mit Facebook und anderen Organisationen an „Vorschlägen für den nachhaltigen und effektiven Umgang mit Hasskriminalität“. Das geht in Richtung einer Mind Police, die ihre Einsatzwagen bestimmt nicht nur durch die sozialen Medien fahren lassen wird.

Dass diese Probleme zur Zeit durch einen anti-säkularen Islam verschärft werden, ist bekannt. Aber wie verhalten sich eigentlich die christlichen Kirchen? Im Moment empfehlen sie sich der Gesellschaft weniger durch den Anspruch, den geoffenbarten Willen Gottes kundzutun und die Auferstehung von den Toten zu bezeugen, als durch das Angebot, die Gesellschaft durch Wertevermittlung zu stabilisieren. Also auch hier eine Liebschaft zwischen Macht und Moral? Es sieht leider danach aus, wenn man sich dem Staat als zivilreligiöser Moralinspender anbietet.

Und dann gibt es ja auch bei den Christen das Lager der Fundamentalisten, die den Säkularismus überhaupt ablehnen und die Moderne dämonisieren. Das ist eine tragische Entwicklung. Nicht nur deshalb, weil damit der freiheitliche Staat ohne genuin christliche Verteidigung bleibt. Sondern auch deshalb, weil Jesus selbst die Unterscheidung zwischen Gott und Kaiser gemacht hat, zwischen weltlicher Macht und persönlicher Weltanschauung.

Christen, die das ernst nehmen, könnten für die Verteidigung des Rechtsstaates heute sehr wertvoll sein. Sie müssen den Säkularismus nicht als Gegensatz zum Christentum oder als Feind des Glaubens sehen, sondern als Kind aus der gleichen Familie. Dazu erklärt der Oxford-Professor Larry Siedentop im Buch „Die Erfindung des Individuums„, wie das christliche Denken den Weg zum Liberalismus nicht nur geebnet, sondern überhaupt erst ermöglicht hat und warum der Säkularismus aufgrund seiner religiösen Wurzeln gerade von Christen verteidigt werden sollte.

Ein Stein, den wir im Einsatz für die Freiheit immer wieder hochrollen müssen

So scheint die Trennung zwischen Macht und Moral immer weniger Verbündete zu finden. Sei es aufgrund eines Staates, der sich als Wertegemeinschaft versteht, oder aufgrund der Volkstherapeutik einer humanistisch erleuchteten Elite. Aber vielleicht gehört es gerade zum Wesen der individuellen Freiheit, dass ihre Verteidgung so anspruchsvoll ist. Denn der Einsatz für diese Freiheit schliesst stets die Freiheit dessen mitein, der mir Widerstand leistet, der mich ärgert und abstösst. Das bedeutet laufende Toleranzzumutungen und eine Pflicht zur Selbstdisziplinierung.

Natürlich darf man sich in einer Demokratie wünschen, dass die Mehrheit der Menschen, die zum Gesetzesgehorsam verpflichtet sind, die Wertintuitionen teilen, die den Gesetzen zugrunde liegen. Sonst haben auf die Dauer die Gesetze selber keinen Bestand. Aber diese Intuitionen zu teilen, kann nicht selbst wiederum erzwungen oder zur Bürgerpflicht erhoben werden. Denn das wäre ein Verrat an der Freiheit, die es ja gerade zu verteidigen gilt. Eine Verteidigung, die ohne Generallösungen auskommen muss und nie aufhört.

Das bringt uns zu Albert Camus zurück. Im „Mythos von Sysiphos“ (1942) beschreibt er, wie Sysiphos von den Göttern dazu verdammt wurde, auf dem Rücken eines unbesiegbaren Berges auf Ewig einen Stein hochzurollen, nur um ihn jedes Mal wieder hinabrollen zu sehen. Camus sieht darin ein Sinnbild der Existenz: den ebenso absurden wie grossen Kampf um die Freiheit. Camus schlägt vor, dass wir uns Sysiphos als glücklichen Menschen vorstellen, weil er trotz seiner Lage nicht aufgibt und dadurch grösser wird als sein Schicksal. Eine bis heute treffende Parabel. Zumindest dann, wenn wir uns vorstellen, dass unser aktuelles Ringen um die Trennung von Macht und Moral sich so anfühlt wie dieser Stein, den wir im Einsatz für die Freiheit immer wieder hochrollen müssen, auf den Berg menschlicher Schwächen und Bedrohungen.

Giuseppe Gracia ist freier Autor und Infobeauftrager des Bistums Chur

Siehe auch:

Dieses unser Land gehört wieder einmal selbsternannten Eliten, diesmal den neuen Moralisten.

https://psychosputnik.wordpress.com/2016/07/18/dieses-unser-land-gehoert-wieder-einmal-selbsternannten-eliten-diesmal-den-neuen-moralisten/

und

Psychokratie – eine neue Nomenklatura in Deutschland

https://psychosputnik.wordpress.com/2015/06/13/psychokratie-eine-neue-nomenklatura-in-deutschland/

Fun and Function? Anmerkungen zum Verhältnis von „Spaß haben“ und Gesellschaft.

Abgeändert erschienen in: Streifzüge 1/2000

 

Gruber Alexander/ Ofenbauer Tobias

 

Fun and Function?

 

Anmerkungen zum Verhältnis von „Spaß haben“ und Gesellschaft

 

Die Botschaft des Hedonismus, welcher behauptet, das Ziel des Menschens sei die Lust, sowie daß es nur auf den Genuß ankomme, klingt ja erstmal nach einer feinen Sache. Widersetzt sie sich doch scheinbar den nur allzu bekannten Prämissen des Alltags, unter denen mensch sein Leben zu fristen hat. Im Bild des bonvivant erscheint das Gegenüber des/der strebsamen, lustfeindlichen, vom Untertanengeist beseelten Bürgers/Bürgerin. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ob der/die sich dem Hedonismus ergebende Individualist/in, das Gegenteil des konformistischen, das Kollektiv reproduzierenden „Massenmenschen“ darstellt. Dieses Gespenst des widerständigen Konsums geistert durch die zeitgenössischen Subkulturen und ihr ideologisches Beiwerk. Beharrlich wird nach Emanzipations- und Widerstand­s­potentialen gefahndet, die die Grundlage einer alternativen Vergesellschaftung bilden sollen. Während über die Verortunng der widerständigen Phänomene kontrovers diskutiert wird, ist man sich über einen Punkt vorbehaltlos einig: die Existenz eines unmittelbar Freiheit verkörpernden Prinzips, das sich nur noch angeeignet werden müsse. Jede Kritik an diesen Annahmen fängt sich leicht den Vorwurf der Lustfeindlichkeit und Unmenschlichkeit ein. Doch gerade das Beharren auf der Totalität des falschen Ganzen bewahrt den Gedanken an die Möglichkeit des Besseren: Glück und Genuß bedürften zu ihrer Verwirklichung der Freiheit und der Autonomie.

Der Hedonismus unterstellt die unmittelbar vorhandene Freiheit der Individuen. Er reflektiert nicht auf die gesellschaftliche Verfaßtheit dieser Individuen und der Dinge, die sie konsumieren sollen. Erstere sollen in ihrer gegebenen Gestalt letztere unmittelbar zum Gegenstand des Genusses machen. Bereits Marcuse wandte gegen die Hypostasierung des unmittelbaren Genusses ein, daß dieser den vorgegebenen Strukturen der Gesellschaft folge und so niemals aus dieser herausführen könne: „In dieser Form der Gesellschaft kann die Welt, wie sie ist, zum Gegenstand des Genusses nur werden, wenn alles in ihr, Menschen und Dinge, so hingenommen werden, wie sie erscheinen, ohne daß ihr Wesen (…) dem Genießenden gegenwärtig werden.“[1] Unbegriffen bleibt dem Hedonismus das Formprinzip der Ware sowie die gesellschaftliche Bestimmung des bürgerlichen Subjekts, dessen Freiheit der abstrakte Individualimus der Konkurrenz ist. Die Existenz dieser Freiheit ist keine unbedingte, sondern dient der Selbstrverwertung des Individuums unter den Prämissen des freien und gleichen Tausches. Die Affirmation der Charaktermaske der warenförmigen Vergesellschaftung, durch Affirmation ihrer Bedürfnisse, führt zur Verewigung der elenden Realität, die jene hervorbringt. Derart auf die real existierende Subjektivität fixiert, kann der Hedonismus seine eigenen Bedingungnen und Beschränkungen nicht reflektieren und so das objektive Moment des Glücks nicht fassen.

Staat und Kapital stellen die Schranken des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl an Menschen dar; jede Flucht in die Möglichkeiten, die die bürgerliche Gesellschaft bietet, geht somit zwangsläufig mit der Reproduktion dieser Schranken einher und kann sich nicht aus der Verfangenheit in dieser Vergesellschaftung befreien. Das Glück wird nicht zufällig in der Sphäre der Konsumtion verortet, die unzulässigerweise von der der Produktion abgespalten wird. Hier verwirklicht sich jedoch nur die bürgerliche Freiheit, sich als Waren- und Geldmonade zu betätigen – nicht mehr und nicht weniger. Jeder Versuch, das hedonisitische Individuum als unabhängig von der Gesamtstruktur der Gesellschaft zu begreifen, und als ein von deren Zwängen befreites zu denken, muß an der Totalität der wertverwertenden Gesellschaft scheitern. Das bürgerliche Subjekt ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, weswegen Freiheit und Glück unter bestehenden Bedingungen nur negativ gedacht werden können: als Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen, die jene verhindern.

Die in der herrschenden Ordnung vorgefundenen Gegenstände sind ebenso nicht zur direkten Bedürfnisbefriedigung hergestellt, sondern haben die Form der Ware, deren Bestimmung es ist, ihren Wert zu realisieren. Die menschlichen Bedürfnisse sind je schon von dieser Formbestimmtheit geprägt. „In diesen Bedürfnissen und Interessen selbst (und nicht erst in ihrer Befriedigung) steckt schon die Verkümmerung, Verdrängung und Unwahrheit, mit der die Menschen in der Klassengesellschaft aufwachsen.“[2] Der Prozeß der Gesellschaft ist also die Produktion des Immergleichen, und Langeweile ist der subjektive Reflex auf die Deformation, welche der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang den Menschen widerfahren läßt. Die Dynamik der ständigen Pseudo-Aktivität (Adorno) aktueller Subkulturen ist die ebenso deformierte Reaktion, die dazu dient, den Gedanken an an eben jene Statik zu verdrängen. So wird sich eine Identität geschaffen, um der dumpfen Ahnung um die eigene Ohnmacht zu entgehen.

Der unmittelbare Genuß ist also keineswegs widerständig, sondern eine Möglichkeit, die die bestehende Vergesellschaftung selbst hervorbringt, und die in zunehmender Weise deren Reproduktion garantiert. Als der riesige Supermarkt, zu dem die warenproduzierende Gesellschaft sich entwickelt hat, ist sie auf die konsumtive Vereinnahmung und Vertilgung des ungeheuren Warenangebots angewiesen. Das Kapital knüpft die Ausbeutung der produktiven Arbeit zusehends direkt an die Ausbeutung der konsumtiven Bedürfnisse, wodurch die ProduzentInnen zugleich an ihre Rolle als staatlich protegierte KonsumentInnen gekoppelt werden.[3] Insofern ist es kein Wunder, daß mit dem Aufkommen des Massenkonsums im postfaschistischen „fordistischen Zeitalter“ die bis dahin geforderte puritanische Libidokontrolle zum Hemmschuh der umfassenden Wertrealisierung wurde. Es wurde zur Notwendigkeit, neue Bedürfnisse zu wecken, bis dahin unterdrückte freizugeben und die unmittelbare Wunschbefriedigung als Selbstzweck zu propagieren, also der KundInnennation die Lebensanschauung des Hedonismus einzupauken.[4] Mensch muß keinE ExpertIn für Sozialpsychologie sein, um zu erkennen, daß diese Trans­formation, die sich durch sämtliche Lebensbereiche zog, vor den sexuellen Tabus nicht halt machen konnte und diese notwendig nachhaltig verändern mußte. Insofern muß man die 68er und ihre sogenannte sexuelle Revolution als subjektive Verdoppelung der objektiven Entwicklung sehen.

In diesem Prozeß wird ersichtlich, was der Hedonismus seinem Begriffe nach auch immer schon war. In der warenproduzierenden Gesellschaft ist die Konsumtion und damit der Genuß nie als Zweck gesetzt, sondern stets als Mittel der Verwertung. Sowie der Gebrauchswert nur als Träger von Wert existiert, genauso existiert Individualität nie ohne gesellschaftliche Vemittlung, also den Zwang sich als bürgerliches Subjekt begreifen zu müssen. Das Besondere existiert nur als Inkarnation des Allgemeinen, Bedeutung kommt ihm nur insofern zu als es eben da sein muß. Die Menschen müssen ihre individuelle Reproduktion mit dem Zwang zur Kapitalakkumulation vermitteln, ihr eigenes Glück liegt also in ihrer Nützlichkeit für den Gesamt­zusammenhang der Gesellschaft. Der unmittelbare Konsum kann so nur als Anhängsel der Verwertung, sprich als Wertrealisation begriffen werden; jeder Versuch etwas anderes in ihm zu erkennen ist Sinnstiftung, zwanghafte Rationalisierung des gesellschaftlichen Unwesens. Dieser Form der Kritik an der Kulturindustrie geht es nicht darum, den Menschen Genuß zu mißgönnen, sondern die Verschränktheit des Konsums mit der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung aufzuzeigen, die permanant das Versprechen von Glück hintertreibt.

Der Hedonismus als Philosophie des unmittelbaren Genusses will sich über seine eigenen Bedingungen keine Gedanken machen. Zwar ist in der Forderung nach der Erfüllung der individuellen Bedürfnisse ein Moment der Freiheit enthalten, dieses aber unmittelbar mit deren Existenz gleichzusetzen, bedeutet die Verewigung der Unfreiheit. Der unreflektierte Genuß entsagt dem, was möglich wäre, er enthält Resignation. „Glück aber enthält Wahrheit in sich. Es ist wesentlich Resultat. Es entfaltet sich am aufgehobenen Leid.“[5] Alles andere wäre bloßer Schein von Glück, Absenz des Bewußtseins von Unglück und damit Versöhnung mit dem falschen Ganzen.

[1]Marcuse Herbert: Zur Kritik des Hedonismus (1938); in: Ders.: Kultur und Gesellschaft I, Frankfurt/M. 1965, S.132

[2]Ebd., S. 137

[3]vgl. Enderwitz, Ulrich: Der Konsument als Ideologe. 200 Jahre deutsche Intelligenz, Freiburg i. Br. 1994, S. 193

[4]vgl. Böckelmann, Frank: Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit, Freiburg i. Br. 1987, S. 40 ff.

[5]Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1995, S. 70

 

http://www.cafecritique.priv.at/hedonis.html

Der deutsche rot-grüne Biedermann und die islamofaschistischen Brandstifter

 

 

Jeder, der das Stück „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch liest, schüttelt den Kopf und denkt, je nach persönlicher Sprachgewohnheit: „Wie kann man nur so blöd/so naiv sein!“ Und genau das mag auch mancher Zeitgenosse denken, der den Aufstieg Hitlers und der NSDAP in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nachzuvollziehen versucht. Genau wie die beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring hat auch Hitler aus seinen Absichten keinen Hehl gemacht. Doch „die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Das glaubt niemand“ (Eisenring).

Was das jetzt soll? Nun, genau das passiert seit Jahren in Deutschland und Europa mit der Ausdehnung des Islam, kurzerhand als „Islamisierung“ bezeichnet. In der „wirklichkeitsleeren Welt der Politiker“ (Jürgen Leinemann) findet diese natürlich nicht statt, sondern ist lediglich die Kopfgeburt überdrehter „Panikmacher“ (Patrick Bahners), wie Broder, Kelek und anderer.

Güner Yasemin Balcı, die engagierte Journalistin, Autorin und frühere Sozialarbeiterin in Berlin-Neukölln, hat gerade in einem „Welt“-Interview zum wiederholen Mal auf das „rückwärtsgewandte, extrem konservative Religionsverständnis der gängigen Islamverbände in Deutschland“ hingewiesen. Doch warum sollte ein Mann wie Aiman Mazyek diese Haltung des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) ändern, wo er doch am 13. Januar 2015 bei der „Mahnwache“ vor dem Brandenburger Tor vom deutschen Staatsoberhaupt vor aller Welt umarmt wurde und anschließend untergehakt zwischen dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin stand. Mehr Anerkennung durch Angela Merkel genießen allenfalls noch die Mitglieder der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Schauen wir uns die Position der „gängigen Islamverbände“ näher an, wie sie in der Geschäftsordnung des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland (KRM) vom 28. März 2007 zum Ausdruck kommt. In § 1 Absatz 4 bekennt sich der Koordinierungsrat zwar zur „freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland“. Doch schon im nächsten Absatz heißt es:

„Koran und Sunna des Propheten Mohammed bilden die Grundlagen des Koordinierungsrats. Dieser Grundsatz darf auch durch Änderungen dieser Geschäftsordnung nicht aufgegeben oder verändert werden.“ Dieser zweite Satz erinnert stark an die „Ewigkeitsgarantie“ in Artikel 79 Absatz 3 des Grundgesetzes (GG), wonach eine Änderung des Grundgesetzes unzulässig ist, durch die dessen tragende Grundsätze (Föderalismus, Menschenwürde, Demokratie, Sozialstaat, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit sowie das Widerstandsrecht) berührt würden. Diese Parallelität beruht offenbar auf dem gleichen Kalkül wie die Wahl des deutschen Nationalfeiertages am 3. Oktober zum „Tag der offenen Moschee“.

Die Erklärung von Koran und Sunna zu den unveränderlichen Grundlagen des KRM und damit aller von ihm vertretenen Muslime in Deutschland wirft Fragen auf, die weder die Innenminister (Schäuble, Friedrich, de Maizière) in der Deutschen Islamkonferenz (DIK) noch Bundespräsident Wulff („Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“) noch Bundeskanzlerin Merkel (die den Wulff-Satz beim Besuch des damaligen türkischen Premiers Ahmet Davutoğlu bekräftigte) den Verbänden je gestellt haben.

10 Fragen, die gestellt und beantwortet werden müssen

Frage 1: Sieht der KRM im Koran das unmittelbar geoffenbarte Wort Allahs mit der Folge, dass jede Kritik an einer Sure todeswürdige Gotteslästerung ist (in Nr. 3 der Charta des ZMD von 2002 wird der Koran „als unverfälschtes Wort Gottes“ bezeichnet)? Oder ist der Koran das von Menschen niedergeschriebene Wort Gottes, das eine Auslegung aus dem historischen Kontext erfordert? Letzteres vertritt beispielsweise das Muslimische Forum Deutschland (MFD, in Nr. 3 seiner Berliner Thesen , zu dessen Gründungsmitgliedern Güner Yasemin Balcı gehört.

Frage 2: Steht die Scharia, also die Gesamtheit des islamischen Rechts, wie sie in Koran und Sunna zu Ausdruck kommt, über dem weltlichen Recht? Welche Position hat der KRM zu der Äußerung des früheren Großmufti von Bosnien und Herzegowina Mustafa Cerić, dass die Scharia „ewig, nicht verhandelbar und unendlich“ ist (vergleiche Wikipedia, die Originalfundstelle ist mittlerweile unauffindbar, jedenfalls für mich)?

Frage 3: Das Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung umfasst auch das Bekenntnis zu universellen Menschenrechten, wie sie in der Erklärung der UNO vom 10. Dezember 1948 niedergelegt sind . Warum haben dann die Staaten der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC, seinerzeit noch Organisation der Islamischen Konferenz) am 5. August 1990 die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam verabschiedet, die alle Menschenrechte unter Schariavorbehalt stellt (vgl. insbesondere Artikel 24 und 25) bzw. wie steht der KRM zu dieser Kairoer Erklärung? In der Charta des ZMD heißt es lediglich (in Nr. 13) „Zwischen den im Koran verankerten, von Gott gewährten Individualrechten und dem Kernbestand der westlichen (sic!) Menschenrechtserklärung besteht kein Widerspruch.“

Frage 4: Nach Nr. 8 der islamischen Charta des ZMD „ist der Islam Glaube, Ethik, soziale Ordnung und Lebensweise zugleich“. Nach Artikel 4 Absatz 1 GG sind aber nur die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses unverletzlich. Wie grenzen die Verbände den Bereich der geschützten Religionsfreiheit von den übrigen Bereichen ab?

Frage 5: Wie interpretiert der KRM die Suren des Koran, die der Frau ein untergeordnete Stellung in der islamischen Gesellschaft zuweisen (beispielsweise 2, 223; 4, 34)? Über den zuletzt genannt Vers schreibt die gläubige niederländische Muslimin ägyptischer Herkunft Nahed Selim: „Der Schaden, den Vers 4:34 den Frauen überall auf der Welt zugefügt hat, ist nicht zu ermessen“ (Nehmt den Männern den Koran, Seite 66).

Frage 6: Wenn der Islam die Religion des Friedens ist, wie es in Nr. 1 der Charta des ZMD heißt, wie konnte er sich dann innerhalb kurzer Zeit bis nach Spanien (al-Andalus) ausbreiten? War Mohammed Islamist, der die eigene von ihm begründete friedliche Religion missbrauchte?

Frage 7: Wie kann jemand, der nach muslimischen Quellen 43 Morde in Auftrag gegeben hat, „ein schönes Vorbild“ für alle Muslime sein( (Sure 33, 21) und für die Friedfertigkeit dieser Religion stehen?

Frage 8: Nach Nr. 14 der Charta des ZMD anerkennt der Koran religiösen Pluralismus. Wieso hat Mohammed dann verkündet: „Ich wurde angewiesen, die Menschen zu bekämpfen, bis sie bezeugen, dass es keinen Gott außer Gott gibt und Muhammad der Gesandte Gottes ist, bis sie das Gebet verrichten und die gesetzliche Abgabe bezahlen. Kommen sie diesen Forderungen nach, so sind ihr Leben und ihre Habe vor mir sicher. Sie unterstehen dann einzig dem Gesetz des Islams, und Gott wird sie richten.“

Frage 9: Bei der Mahnwache vor dem Brandenburger Tor am 13. Januar 2015 hat der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek sich vom Antisemitismus distanziert und von „unseren Geschwistern in dem jüdischen Supermarkt“ (in Paris) gesprochen. Welche Haltung nehmen Herr Mazyek und die islamischen Verbände dann zu diesem Hadith (Ausspruch) Mohammeds ein: „Ihr werdet die Juden bekämpfen, bis einer von ihnen Zuflucht hinter einem Stein sucht. Und dieser Stein wird rufen: ‚Komm herbei! Dieser Jude hat sich hinter mir versteckt! Töte ihn!'“ Dieses Zitat findet sich übrigens wörtlich in der Hamas-Charta von 1988 wieder (Art. 7 Absatz+ 3).

Frage 10: Wieso werden im Islam alle Nicht-Muslime als Ungläubige bezeichnet: „Die Gläubigen sind nur diejenigen, die an Allah und seinen Gesandten glauben“ (Sure 24, 62)? Schließlich heißt es über die Ungläubigen im Koran (Sure 8,55): „Wahrlich, die schlimmsten der Geschöpfe vor Allah, die auf der Erde laufen, sind jene, die ungläubig sind.“ In anderer Übersetzung: „Siehe, schlimmer als das Vieh sind bei Allah die Ungläubigen.“

Und wenn sich unter den Politikern (beiderlei Geschlechts) niemand findet, der den islamischen Verbänden solche Fragen stellt, was passiert dann in dem viel beschworenen „Dialog der Religionen“? Warum fragt kein Vertreter der beiden christlichen Kirchen oder des Zentralrats der Juden in Deutschland einfach mal nach, was denn Mazyek und seine muslimischen Schwestern und Brüder zu diesen Punkten sagen.

Und die Journalisten der so genannten Qualitätsmedien – haben sie tatsächlich solche Angst, in die Nähe der AfD oder gar – horribile dictu – von Pegida und den Glatzen in Springerstiefeln gerückt zu werden? Alle erklären übereinstimmend und zu Recht, dass die Terroristen es nicht schaffen, unsere freiheitliche „offene Gesellschaft“ (Karl Popper) zu zerstören. Sie übersehen allerdings, dass das gar nicht nötig ist. Vor lauter Angst vor dem Tod, der überall „rechts“ lauert, begehen wir Selbstmord, indem wir das Feld immer mehr den Ideologen des Islam überlassen.

 

Die „Holocaust-Religion“ als Wurzel degenerierter Moral

Ausgabe

#15 vom 31.07.2011

Die „Holocaust-Religion“ als Wurzel degenerierter Moral

Dass ausgerechnet ein Freiburger Philosophieprofessor in der Tradition von Don Quichotte und Martin Heidegger in einer Semester-Vorlesung über ein Wahngebilde schwadroniert, ist nicht besonders erstaunlich. Skandalös daran ist nur, dass ein Skandal ausbleibt.

Mitte Dezember 2009 hielt Prof. Dr. Wilhelm Metz am Philosophischen Seminar der Universität Freiburg eine Vorlesung über die von ihm so bezeichnete „Holocaust-Religion“. [1] Der „Ketzerprozess“ [2], den er gewärtigen zu müssen glaubte, fand anschließend selbstverständlich nicht statt. Gleichwohl ist eine Kritik an Metz’ Weltsicht längst überfällig. Dabei bedarf es einer genauen Analyse, um der ideologischen Tragweite der Phantasmagorie „Holocaust-Religion“ gerecht zu werden. Vordenker dieser Ideologie sind Antisemiten wie Michele Renouf – sie prägte den Begriff „Holocaustianity“ [3] – und Friedrich Romig – auf den der Begriff „Holocaust-Religion“ [4] zurückgeht.

Metz’ sprachliche Metaphorik und seine paraphilosophischen Formen der Wirklichkeitsdeutung sind getragen von einem geradezu unheimlichen Sendungsbewusstsein. Metz schwadroniert vom immergleichen Strahlen der Sonne und – darauf fußt seine gesamte Argumentation – geht von einer grundsätzlichen moralisch-intellektuellen Krise aus. Diese von ihm gesetzte Krise illustriert er anhand einer stark vereinfachenden Weltkurve, in der sämtliche Differenzierungen verschwimmen und aufgelöst werden. [5] Metz phantasiert in Allegorien, um deutlich zu machen, dass die Wurzel des angeblich omnipräsenten Werte- und Sittenverfalls in der „Holocaust-Religion“ zu finden ist. Diese „Holocaust-Religion“ gelte es zu überwinden, um eine neue Moral aufzubauen. Nach Metz befindet sich die gesamte Menschheit der gegenwärtigen Epoche in einer Höhle; die Sonne sei durch die „Holocaust-Religion“ verdeckt, und der Ausgang aus der Höhle ins Licht sei durch die Wolken des endzeitlichen Verfalls verdunkelt. Die Sonne ist Metapher für Jesus Christus. Der Sonnenkult fungiert hier als fundamentalistisches Bekenntnis zum Abendland. [6]

Metz sieht sich in einer Tradition mit Martin Luther. [7] Wie dieser will er im übertragenen Sinn heldenmutig und standfest bleiben, sprich: seine Thesen nicht widerrufen. Dass Luthers religiöses Engagement sich in einigen Schriften in explizit antijudaistischer Demagogie erschöpft, dürfte Metz bekannt sein, ja ihn möglicherweise sogar zu seinem Welterklärungsmodell inspiriert haben. Seine Selbstinszenierung zum Verkünder einer Reformation liest sich so:

In summa: Der sogenannte „Holocaust“ ist, mit Luther gesprochen, der Ablass-Brief für eine ganze Welt. Millionen von „Gutmenschen“ können ihre eigenen Kinder seelisch zertreten und trotzdem „gut“ sein – dieses Kunststück war in keiner bisherigen Ethik möglich oder vorstellbar –; ganze Staaten können Verbrechen von apokalyptischem Ausmaß, die quantitativ die NS-Barbarei sogar übertreffen, entweder als nie geschehen oder doch als unvergleichlich harmloser im Vergleich mit der einzigen wirklichen Sünde, die die Weltgeschichte kennt, deklarieren. Nach dem Vorbild Martin Luthers erkläre ich diesen Ablass-Brief für ungültig, er kommt nicht von Gott der SONNE, sondern sein Absender ist die HÖHLE der Moderne, die in diesem Brief ihre letzte Ideologie geschrieben hat. Noch einmal: Diesen Ablass-Brief hat nicht die SONNE unterschrieben, sondern Seine Majestät die HÖLLE; dieser Brief ist ihre letzte Ideologie. [8]

Metz stilisiert sich hier zum Verkünder einer metaphysischen Wahrheit, zum Tabubrecher und zu einem von „Großinquisitoren“ [9] Verfolgten. Seine Geschichtsphilosophie ist nichts als dumm-dreiste Bagatellisierung der Shoah. Metz’ Verschwörungswahn wird u.a. daran deutlich, dass er vom „sogenannten Holocaust‘“ spricht. Das folgende Zitat verdeutlicht, dass Metz’ Wahrnehmung verschwörungsideologisch durchdrungen ist: Nach Metz wird die „Holocaust-Religion“ von anderen Staaten zur Durchsetzung eigener Interessen instrumentalisiert. Diese Verbrechen „von apokalyptischem Ausmaß, die quantitativ die NS-Barbarei sogar übertreffen“ [10], würden auf dem Rücken der Deutschen ausgetragen. Ganz bewusst wählt Metz das Bild der wehrlosen und missbrauchten Kinder. Auf sie projiziert er Unschuld. Im Bedeutungsgeflecht des Textes erscheint die Unschuld der Kinder auf die Situation der Deutschen in der Gegenwart übertragbar zu sein:

Wie die christliche Religion in ihrer klassischen Gestalt verkündigt hat, dass der gekreuzigte Gottessohn die Schuld der Welt für uns getragen hat, welche Erlösung uns dazu frei macht, mit all unseren Kräften und mit all unserem Denken nach dem Guten und dem Licht zu streben, nämlich zur Gottes- und Nächstenliebe, um immer mehr in der Vervollkommnung Fortschritte zu machen; so verhält es sich mit der gegenwärtig herrschenden „Religion“ bzw. Ideologie gewissermaßen umgekehrt. Die überdimensionale Schuld des „Führers“ deckt wie ein großer Mantel die Schuld einer ganzen Welt zu, unter welchem Mantel sich nicht nur einzelne Menschen der Postmoderne, sondern sogar ganze Staaten wohlig verstecken können. Wenn ein westlicher Mensch z.B. seine Ehe und Familie mutwillig zerstört, seine süßeste und heiligste Pflicht, nämlich die liebende Hingabe an seine Kinder, deren zartes Alter durch eine „Scheidung“ der Eltern seelischen Schaden von unmessbarer Tiefe nehmen kann, aus verabscheuenswürdigem Egoismus heraus verletzt, so gilt dies innerhalb des westlichen Nihilismus als völlig unproblematisch. Ich kann die zarten Seelen meiner eigenen Kinder ruhig zertreten und an meiner kleinen Stelle das menschliche Wohnen verwüsten – niemand zieht mich deshalb zur Rechenschaft, solange ich mich „sensibilisiert“ für den sogenannten „Holocaust“ zeige und bei diesem Thema kein falsches Wort sage. [11]

Zur Veranschaulichung inszeniert Metz ein Bedrohungsszenario. Demnach sind die Deutschen einer Meinungsdiktatur ausgesetzt. Er identifiziert sich mit Jürgen Möllemann; und die entsprechende Passage liest sich so, als hätten imaginäre Sittenwächter der „Holocaust-Religion“ den burlesken Tod des FDP-Politikers verschuldet:

Müssen die Großinquisitoren auf mich gehetzt werden, damit auch ich aus dem Flugzeug springe, ohne den Fallschirm zu öffnen? Diesen Gefallen tue ich den Inquisitoren nicht. […] [W]ir begehen keinen Sturzflug ohne Fallschirmöffnung, weil wir die Wahrheit gesagt haben, dass die Palästinenser wie Indianer behandelt werden. [12]

Aus luftigen Höhen dermaßen hart auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen, ist nicht zwingend notwendig, um zu begreifen, dass die Umwelt Metz keineswegs so feindlich gesonnen ist, wie er annimmt. Dürfte er sonst noch dozieren und unterrichten?

Metz schlüpft in die Rolle eines von der Sonne Erleuchteten, um eine natürliche, kosmologische Ordnung zu re-etablieren. Es zeigt sich allerdings, dass Metz’ missionarische Rolle als vermeintlicher Tabubrecher keineswegs im Widerspruch zum gesellschaftlichen Konsens steht. Im postnazistischen Deutschland, wo die Vergangenheit längst bewältigt ist und wo die offiziellen Gedenkrituale pflichtgemäß aufgeführt werden, ist Metz’ paranoide Angst vor „Großinquisitoren“ pathologisch.

Sein geschichtsverdrehender Irrsinn erfüllt vermutlich selbst die von der Bundeszentrale für politische Bildung gesetzten Kriterien für eine offen antisemitische Argumentation:

Schuldabwehr; Geschichtsrevisionismus; Relativierung der Shoah durch Aufrechnung mit anderen genozidalen Verbrechen; Verharmlosung der Shoah durch Vergleich mit einem fiktiven Kinderseelen-Holocaust, der das Ausmaß eines genozidalen Verbrechens habe; Täter-Opfer-Umkehrung durch die Dämonisierung Israels; der Glaube an die Herrschaft einer von Juden geprägten Moral.

Ursächlich für den Nihilismus der Gegenwart (Stichworte: Ehescheidungen [13], Oralsex [14], Dekonstruktion des männlichen Geschlechts [15], Egoismus, Unsittlichkeit und Sexismus [16], enthemmter Kapitalismus [17]) sei die transzendierende Bedeutung des Holocaust. Dieser werde nicht als geschichtliches Ereignis betrachtet, so Metz, sondern habe überweltlich auf die gesamte westliche Geistesgeschichte gewirkt. Als Folge des Allmachtsanspruchs der „Holocaust-Religion“ setze die Judenvernichtung aus sich heraus die einzig gültige Moral der westlichen Welt, in der jede Handlung verglichen mit dem Holocaust als vernachlässigenswert erscheine:

Wenn die NS-Vernichtungspolitik eine einzigartige Schuld darstellt, so wird jede andere Schuld der Welt gewissermaßen zweitrangig und unbedeutend. Der fatale Umkehrschluss des Hauptdogmas bescheinigt nämlich nicht nur jedem sonstigen Vergehen der Menschen, sondern sogar jedem anderen Massenmord in Geschichte und Gegenwart, dass er vielleicht „schlimm“, aber doch unvergleichlich harmloser und darum im Vergleich mit dem „Holocaust“ eigentlich kaum der Rede wert sei. [18]

Dieses Statement von Metz zeigt, dass die Totalitarismus-Forschung und die vergleichende Genozidforschung an ihm offensichtlich vorbeigegangen sind. Auch das ewig sich wiederholende Mantra von den zwei deutschen Diktaturen ist in Metz’ Wahrnehmung ausgeblendet. Doch es wird noch bösartiger. Strippenzieher der moralisch-geistigen Krise sei der jüdische Intellektuelle. Das folgende Zitat von Metz macht deutlich, dass er Adornos kategorischen Imperativ – das Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschähe – als antimoralische Lehre der „Holocaust-Religion“ begreift:

Weil jede klassische Morallehre und Ethik von dem, was gut ist, ausgeht, hat sie auch einen einzigen Maßstab für das, was in ihr als das Böse gewusst wird. Eine „Ethik“ oder „Religion“ jedoch auf dem Holocaust zu erbauen, heißt, ein Haus nicht auf einen Grund, sondern einen Abgrund zu stellen, bedeutet, die Augen nicht an das Sonnenlicht, sondern an Untiefen, die sich unterhalb der Höhle der Moderne befinden sollen, gewöhnen, heißt, ins Bodenlose zu versinken. [19]

Auch Primo Levi wird von Metz als verderblicher Strippenzieher wahrgenommen. Levi stellte aufgrund der Judenvernichtung die Existenz Gottes in Frage. Metz nimmt dies als eine Strategie zur Etablierung der „Holocaust-Religion“ wahr, um die anderen Religionen zu verdrängen. Metz kämpft gegen die „Holocaust-Religion“ an, indem er ihr einen Absolutheitsanspruch unterstellt. Aus Auschwitz, so wendet Metz gegen Levi ein, könne nicht abgeleitet werden, dass Gott nicht existiere, weil es ihn „in Auschwitz nicht und daher niemals gegeben“ [20] habe.

Für Metz sind Adorno und Levi maßgeblich für die moralisch-intellektuelle Krise der Gegenwart und den amoralischen Kodex der „Holocaust-Religion“ mitverantwortlich. Metz’ Weltbild beinhaltet den Glauben an eine Weltverschwörung. Ursprung der Krise ist Metz zufolge die Dominanz der „Holocaust-Religion“ in sämtlichen Sphären (Kultur, Politik, Ökonomie, Moral, Sexualität etc.). Daher sei es falsch, aus der Shoah handlungsweisende Schlüsse zu ziehen. Und überhaupt:

Die Holocaust-Religion laviert im Halbdunkel; sie diffamiert die Begrenzung des Nationalsozialismus und seine Einordnung in die Geschichte als Leugnung der Einzigkeit [sic] des „Holocaust“; sie jagt einen Menschen, dem man diese These anhängen kann, wie einen Häretiker und Verbrecher bis in den Abgrund. [21]

Hier lässt Metz durchblicken, worum es ihm geht. Für die „Leugnung der Einzigkeit des ,Holocausts‘“, so Metz, würden Menschen wie Häretiker und Verbrecher „bis in den Abgrund“ gejagt. Wäre dem so, dann müssten Leute wie Ernst Nolte, Felicia Langer, Martin Walser, Werner Pirker, Bernd Rabehl, Evelyn Hecht-Galinski, Norman Paech, Norbert Blüm, Helmut Schmidt, Henning Mankell, Jostein Gaarder oder Noam Chomsky schon mehrfach ohne Fallschirm in diesen Abgrund gesprungen sein. Wenn Begriffe wie „Holocaust“ und „Leugnung“ jedoch semantisch mit dem Begriff „Verbrecher“ verflochten werden, entsteht daraus ein Sinnzusammenhang, der andere namhafte Assoziationen hervorruft: David Irving, Ernst Zündel, Horst Mahler, Günter Deckert, Germar Rudolf oder Richard Williamson. Es stellt sich also die Frage, warum Metz die „Holocaust-Religion“ aus der strafrechtlichen Verfolgung der Holocaust-Leugnung ableitet.

Auch Metz’ Parteinahme für die Sudetendeutschen [22] und die Palästinenser [23] ist ideologisch motiviert. Identität und Nation, Blut und Boden, Kultur und Judenhass sind hier die maßgeblichen Parallelen. [24] Metz wiederum beabsichtigt mit seiner Parteinahme, die „unauslöschliche Stigmatisierung“ [25] des „deutschen Volkes“ einerseits abzuwehren, indem er die Deutschen zu Opfern der „Rache-Verbrechen“ [26] Stalins stilisiert. Zugleich sieht er in den israelischen Wehrdienstverweigerern den „besten Teil des israelischen Volkes“ [27] und suggeriert damit, dass Israel in Frieden leben könnte, wenn nur alle seine Bürger dem Dienst an der Waffe entsagen würden. Kein Wort über die strikte Ablehnung eines jüdischen Staates seitens der Araber schon vor dessen Gründung, kein Wort über die antisemitisch motivierten suicide bombings, kein Wort über die Vernichtungsdrohungen von al-Husseini, Nasser, Arafat, Khomeini, Khamenei, Rafsandjani, Khatami, Ahmadinedjad, Maschal, Nasrallah oder der Muslimbruderschaft. Solange die Juden also ihr Recht auf Selbstverteidigung nicht aufgeben, sieht Metz in ihnen den Ursprung des Problems.

Es ist nicht besonders verwunderlich, dass ein Philosophieprofessor in aller Öffentlichkeit eine verschwörungsideologische Welterklärung an der Freiburger Universität predigt und dabei wie Don Quichotte die Rolle eines heldenmutigen Ritters einnimmt. Schließlich zeichnet sich die Freiburger Mentalität durch eine grün-romantische und vernunft-resistente Eigenart aus: Beispiele hierfür sind der ungebrochene Glaube an eine Politik des konstruktiven Dialogs mit dem djihadistischen Gottesstaat Iran [28], die Glorifizierung Heideggers und Filbingers und die starke Dichte an esoterisch-okkulten Heilangeboten. Schöner lässt sich eine Schlussstrichforderung im Jargon der Eigentlichkeit nicht formulieren:

[M]it dem „Nationalsozialismus“ als Obsession, der „fatalsten Form seiner ständigen Würdigung“, um es mit Heidegger zu formulieren, muss gebrochen werden, weil anders der Blick auf die Sonne nicht frei und möglich werden kann. [29]

Ein zu langer Blick in die Sonne kann zur Blendung bis hin zur Verblendung führen. Der lebende Beweis dafür ist Don Quichotte alias Wilhelm Metz. Das Pendant in der jenseitigen Welt ist Werner Pfeifenberger. Diesem fehlte die ritterliche Tapferkeit. In Freiburg bedarf es keiner Tapferkeit und schon gar keines Heldenmuts. Dort stößt man sich nicht an einem Don Quichotte mehr oder weniger. Metz’ Weltbild ist offensichtlich durchaus kompatibel mit dem Minimalkonsens im schwarzhinterwäldlerischen Dickicht aus Dummheit. Aus dem Publikum der gut besuchten Vorlesung sah sich überhaupt niemand veranlasst, die Präsentation antisemitischer Ressentiments ernsthaft zu kritisieren. Metz’ akademischer Ruf ist nicht ruiniert, seine Vorlesungen und Seminare werden weiterhin sehr gut besucht, bei den Studenten ist er beliebt. Selbst im stockreaktionären Spießertum der Freiburger Philosophie ist ein solches Outing keinesfalls selbstverständlich, doch gilt es, jedes Weltbild im Zeichen des Meinungspluralismus und der Artenvielfalt zu tolerieren. Reaktionen blieben folglich aus. Über Metz’ Ansicht lässt sich ja reden. Überhaupt lässt sich in Freiburg über alles reden. Hier gibt es ein unaufhörliches Gebrabbel und Geraune. Selbstverständlich blieb auch im linken Szenemief ein Protest aus. Die Stimmen einiger empörter Zuhörer verstummten schon sehr bald, obwohl man hier üblicherweise über jeden Dreck Dialoge und Diskurse zu führen weiß. Das linke Freiburger Volkskunstensemble – bestehend aus Hippies, Ökos, Stalinisten, Antispezies, Steinzeitlich Deutschen Studenten, durchgeknallten Autonomen, Bauern und unfähigen AStA-Aktivisten – führt immer wieder die gleiche Posse auf. Es ist deshalb kein Zufall, dass in dieser Atmosphäre der Stupidität und Seinsvergessenheit ein geeigneter Nährboden für Verschwörungswahn und andere Irrationalitäten angelegt ist.
Anmerkungen:

[1] Wilhelm Metz, Unterwegs zum HÖHLENAUSGANG der Moderne. Wider die letzte Ideologie der Postmoderne, unter: http://www.ph-ludwigsburg.de/html/2b-frnz-s-01/overmann/baf5/WilhelmMetz HoehlenausgangderModerne.pdf.

[2] Ebd. S. 191.

[3] Vgl. http://www.timesonline.co.uk/tol/comment/faith/article5800802.ece.

[4] Vgl. http://www.kreuz.net/article.8868.html. Der Text von Romig muss Metz bekannt sein, denn die inhaltliche Übereinstimmung ist enorm. Wenn es diese Religion tatsächlich gäbe, dann wäre die millionenfache Ermordung von Juden keine geschichtliche Faktizität mehr, sondern lediglich eine Frage des Glaubens, der sich anzweifeln und leugnen ließe.

[5] Metz, HÖHLENAUSGANG, a.a.O., S. 192.

[6] Beispielsweise markiert der Sonntag als Tag des Herrn (lat.: dies solis) eine explizite Abgrenzung vom jüdischen Shabbat.

[7] Vgl. Knut Germar, Einer unserer Besten. Über Martin Luther, den Reformator des Antisemitismus, in: Bonjour Tristesse, Nr. 3/2007.

[8] Metz, HÖHLENAUSGANG, a.a.O., S. 208.

[9] Ebd., S. 213.

[10] Ebd., S. 208.

[11] Ebd., S. 205.

[12] Ebd., S. 213.

[13] Ebd., S. 205.

[14] Ebd., S. 211.

[15] Ebd., S. 195.

[16] Ebd., S. 210.

[17] Ebd., S. 190.

[18] Ebd., S. 204.

[19] Ebd.

[20] Ebd., S. 196.

[21] Ebd., S. 202.

[22] Ebd., S. 208.

[23] Ebd., S. 208; 213; 214.

[24] Vgl. Tjark Kunstreich, Von Benes zu Sharon …oder von Henlein zu Arafat, in: Bahamas, Nr. 38/2002, auch unter: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web38-2.html.

[25] Metz, HÖHLENAUSGANG, a.a.O., S. 204.

[26] Ebd., S. 207.

[27] Ebd., S. 214.

[28] Vgl. Christian J. Heinrich, Kritischer Dialog (2008), unter: http://lizaswelt.net/2008/11/10/kritischer-dialog/ und Blog von ex-antifareferatfreiburgFriede, Freude, Freiburg (2009), unter:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=412205574&blogId=494204934.

[29] Metz, HÖHLENAUSGANG, a.a.O., S. 191.

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