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Lenins Heimreise 1917

Lenin, der grosse, fürchter­liche russische Revolutionär, soll einmal gesagt haben, die Deutschen seien nie zu einer Revolution imstande, weil sie, wenn es denn soweit wäre, auf den Bahnhof stürmten – und zuerst eine Bahnsteigkarte kauften. Das Zitat ist unbelegt, vielleicht hat es auch Karl Radek gesagt, ein anderer Kommunist – belegt aber ist, was Lenin tat, bevor er sich 1917 aufmachte, die Russische Revolution auszulösen: Er sprach beim Polizeivorstand von Zürich vor, wo er damals wohnte, meldete sich und seine Frau ordnungs­gemäss ab und zahlte die restlichen Steuern, die er dem Schweizer Staat noch schuldete: 11 Franken und 30 Rappen für die drei Monate des ­angebrochenen Jahres, das entspräche heute etwa 290 Franken. Wahrscheinlich gab man ihm eine Quittung. Eine Woche später, am 9. April 1917, vor fast genau hundert Jahren, bestieg er mit rund dreissig anderen Russen den Zug im Haupt­bahnhof Zürich und fuhr Richtung Russland.

Es ist vielleicht die grauenhafteste Zugfahrt, die je in der Schweiz begonnen hatte, und es war ohne Zweifel eine der welthistorisch folgenreichsten, denn einige Monate später gelang es Lenin, diesem humorlosen, brutalen, intelligenten Mann tatsächlich, was er seit Jahrzehnten angestrebt hatte: Er ergriff mit einem Putsch die Macht in Petrograd, dem heutigen Petersburg, und er und seine Nachfolger gaben die Macht in Russland nicht mehr ab, bis die Sowjetunion in den 1990er-Jahren zusammenbrach. 1991 war der sozialistische Spuk vorbei, ein Menschenexperiment zur angeblichen Beglückung der Menschheit, das ­insgesamt rund 20 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Sie waren verhungert und ver­rottet, erschossen und vernichtet, ­psychiatrisiert oder in den Tod getrieben worden.

«Ich bin zum Schluss gekommen», ordnete Lenin 1922 an, «dass man jetzt den reaktionären Kirchenleuten den Krieg erklären muss, und zwar auf eine entschiedene und unbarmherzige Art und Weise, man muss ihren Widerstand mit einer solchen Brutalität brechen, dass auf Jahrzehnte hinaus das niemand mehr vergisst. Ich stelle mir das so vor» und Lenin, der einstige, frugale Intellektuelle, der in der Zürcher Zentralbibliothek seine scheinbar menschenfreundlichen Manifeste und Bücher geschrieben hatte, gab im Detail vor, wie man die Leute in einem Ort zusammenzutreiben hatte («so viele Vertreter des lokalen Klerus, des Kleinbürgertums und der Bourgeoisie wie möglich»), wie man ihnen mit «maximaler Geschwindigkeit» einen Prozess zu machen hatte, um sie dann alle zu erschiessen. Lenin legte Wert auf Details. Die Priester, die Lenin exekutieren liess, hatten sich getraut, den Bauern zu helfen, die am Verhungern waren.

Der Rote Terror

Eigentlich hatte der Terror angefangen, kaum waren die Bolschewiki, wie die radikalsten Sozialisten hiessen, im Oktober 1917 an die Macht gekommen. Im September 1918 schrieb Lenin: «Es ist nötig, dass wir geheim und dringend den Terror vorbereiten. Am Dienstag werden wir ­entscheiden, ob wir das durch den Rat der Volkskommissare tun.» Was als Roter Terror in die Geschichte einging, sollte Jahre dauern, Hunderttausende würden sterben, als Vorwand hatte ein Attentat gedient, dem Lenin kurz zuvor entronnen war. Auf Befehl von Lenin wurden nun Konzentrationslager errichtet, es wurde umgebracht, wer adelig oder bürgerlich aussah, es wurde gefoltert und enteignet, es wurde als Feind bekämpft, wer nicht der Meinung von Lenin war.

Dass diese Orgie von Intoleranz in einem Land angefangen hatte, das tolerant genug war, einen Lenin, einen erklärten Feind des Kapitalismus und der Bourgeoisie, zu beherbergen, nämlich in der Schweiz, einem Land, das als überaus kapitalistisch und so bürgerlich galt, dass es selbst den Bürgerlichen manchmal zu langweilig erschien: Es gehört zu den übleren Ironien der Weltgeschichte. Rund zehn Jahre lang – mit Unterbrüchen – hat Lenin als politischer Flüchtling mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja (und seiner Mätresse Ines Armand) in der Schweiz gelebt, in Genf, in Bern, in Zürich. Auch wenn er unserem Land also viel verdankte – denn wäre er nach Russland ausgewiesen worden, er hätte sich längst in einem Gefängnis in Sibirien befunden –, verstanden hat er die Schweiz nie. Von deren Demokratie blieb er unberührt, die Schweizer Genossen fand er selten radikal, ja lächerlich, wenn sie mitregierten, vom Zürcher Stadtrat zum Beispiel, wo vier Sozial­demokraten sassen, einer hiess Erismann, schrieb er: «Erismann & Co. sind keineswegs gewöhnliche Überläufer in das Lager des Feindes, sie sind einfach friedliche Spiesser, Opportunisten, die sich an den parlamentarischen Kleinkram gewöhnt haben und mit konstitutionell-demokratischen Illusionen belastet sind.» Obwohl er recht gut Deutsch sprach, an Veranstaltungen teilnahm, viel herumreiste, ja gar wanderte: Heimisch wurde er hier nie. Russland, der Zar, die Welt, der Umsturz, das blieb die Heimat seiner Gedanken.

Kein Anlass zur Unruhe

1916 war Lenin von Bern nach Zürich gezogen. Seit zwei Jahren wütete der Erste Weltkrieg, noch war völlig offen, wer gewann, die Deutschen und die Österreicher oder die Alliierten, selbst Russland schien stabil, auch wenn es ächzte. Sogar Lenin ging davon aus: Noch im Januar 1917 – kurz vor der ersten Revolution in Russland, die im März ausbrechen sollte – hielt er im Zürcher Volkshaus einen Vortrag und erklärte, dass er und seine Generation vielleicht die Revolution in Russland nie erleben würden. Sieben Wochen später war es so weit: «Wir sind heute in Zürich ganz aus dem Häuschen», schrieb er Ines Armand, nachdem er die Zeitungen gelesen hatte. «Wenn das nicht eine Lüge der Deutschen ist, so ist das wahr. Dass in Russland in den letzten Tagen die Revolution vor der Türe stand, das unterliegt keinem Zweifel.» Kaum verdichteten sich die Informationen, drängte Lenin darauf, nach Russland zu ­fahren. Dass er die Revolution versäumen könnte: Nichts schien ihm grauenvoller, zumal er von Anfang an auf den Sturz der neuen bürgerlichen Regierung hinarbeitete. Von seiner Mission ­überzeugt, war er sicher, dass es ihn in Petrograd brauchte. In Zürich sass er in der Hölle der ­Tatenlosigkeit.

Wie aber nach Russland kommen? Es herrschte Krieg, die Reisefreiheit, vor allem für Revolutionäre, war nicht vorhanden. Weil bekannt war, dass manche russischen Revolutionäre um jeden Preis den Frieden wollten, verhinderten Frankreich und England, dass diese Emigranten heimkehrten. Denn würde Russland aus dem Krieg ausscheiden, stiegen die Chancen, dass Deutschland siegte. Umso mehr waren die Deutschen daran interessiert, die russischen Unruhestifter zurückzuschicken, in jenes Land, das ohnehin brannte, wollten sie Sprengstoff tragen. Man müsse in Russland das «grösstmögliche Chaos» schaffen, meldete der deutsche Gesandte in Dänemark nach Berlin: «Wir sollten dagegen meines Dafürhaltens alles daransetzen, unter der Hand die Gegensätze zwischen den gemässigten und den extremen Parteien zu vertiefen.» In Berlin war die Regierung längst ­dieser Auffassung. Auf Befürchtungen, eine ­Revolution herbeizuführen, komme es jetzt nicht an, schrieb ein Berater des Reichskanzlers, wichtiger sei die «Empfindung, dass es sich heute um Deutschland und seine Existenz handelt und dass wir freveln, wenn wir an etwas anderes denken». Weil alle wussten, wo die meisten revolutionären Russen lebten – in der Schweiz –, wurde der deutsche Gesandte in Bern zum zentralen Mann eines Projektes, das auch die Deutschen später nur bedauern sollten. Das Projekt hatte keinen offiziellen Codenamen, man könnte es das Projekt «Kaiserliche Weltrevolution» nennen oder gerade so gut das Projekt «Fundamentale Dummheit».

Verführung der Weltgeschichte

Denn die deutsche kaiserliche Regierung sorgte dafür, dass in Russland die Kommunisten an die Macht gelangten, indem sie Lenin half, nach Russland zurückzukommen. Ausgerechnet jene Kommunisten also, die kurz nach der deutschen Niederlage auch in Deutschland die Revolution durchzusetzen versuchten – mit Folgen, die am Ende den Aufstieg Hitlers begünstigten. Selten hat ein Land in der Verzweiflung einen solch fatalen Fehler begangen. Es wäre aber den Deutschen vielleicht nicht gelungen, sich selber dermassen zu schaden, wären ihnen dabei nicht die Schweizer behilflich gewesen.

Arthur Hoffmann (FDP) war der erstaunlichste, begabteste, mächtigste Bundesrat jener Zeit – und der gefährlichste. Er führte damals die Aussenpolitik. Vordergründig hatte er es fertiggebracht, die Schweiz aus dem Krieg herauszuhalten und als vollkommen neutral erscheinen zu lassen, tatsächlich stand er in engem, allzu vertraulichem Kontakt mit den Deutschen. Viele Deutschschweizer waren damals deutschfreundlich, besonders im Bürgertum, und setzten auf den deutschen Sieg. Doch wenige waren so deutschfreundlich wie Hoffmann aus St. Gallen, dessen Vater einst aus Frankfurt eingewandert war. Wenn Hoffmann den Deutschen in ihrem Krieg helfen konnte, dann tat er es – selbst wenn es die Neutralität der Schweiz verletzte. Vielleicht war seine Schwäche nicht die nachvollziehbare Loyalität zum Land seines Vaters vor allem, sondern die Eitelkeit: Hoffmann bildete sich ein, den Frieden vermitteln zu können, er stellte sich vor, Russland zum Frieden zu zwingen, wenn er Lenin heimschickte, weil Lenin das versprach. Also unterstützte er den deutschen Gesandten, als dieser anfing, die Heimreise der Russen zu bewirken. Die Schweizer hätten das verhindern können, niemand hätte Lenin erlauben müssen, das Land zu verlassen. Hoffmann sah zu, dass das möglich war. Der Zug, der am 9. April 1917 den Hauptbahnhof Zürich verliess, war auch ein Schweizer Zug, selbst wenn die Deutschen das meiste organisiert hatten.

Es bleibt bizarr. Ausgerechnet die Schweiz, das bürgerlichste und kapitalistischste Land der Welt, exportierte damit die Revolution nach Russland, in Form eines Menschen, der zu den grössten Verbrechern der Weltgeschichte werden sollte. Lenin war revolutionäres Dynamit, er war so wichtig für den Durchbruch der zweiten Russischen Revolution im Oktober, dass sie ohne ihn wohl nie stattgefunden hätte. So gesehen, wäre es besser gewesen, der Polizeivorstand von Zürich hätte besser aufgepasst.

Arthur Hoffmann trat wenig später zurück, nachdem weitere geheime Friedensvermittlungsversuche bekannt geworden waren. Er starb 1927, verfrüht und verbittert. markus.somm@baz.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.04.2017

http://bazonline.ch/schweiz/standard/lenins-heimreise/story/24956091