Macron will Frankreich „transformieren“ – ob Frankreich das will, ist mehr als zweifelhaft


Macron will Frankreich „transformieren“ – ob Frankreich das will, ist mehr als zweifelhaft

Wer er­war­tet hatte, dass der Sieg Em­ma­nu­el Ma­crons bei den Stich­wah­len um das fran­zö­si­sche Prä­si­den­ten­amt Ju­bel­stür­me oder zu­min­dest tiefe Ge­nug­tu­ung beim doch so os­ten­ta­tiv pro­eu­ro­päi­schen po­li­ti­schen Per­so­nal Deutsch­lands aus­lö­sen werde, wurde zu­nächst ent­täuscht. Kaum war der zwei­te Tag nach dem Wahl­gang an­ge­bro­chen, gab es in den Vor­mit­tags­nach­rich­ten des Deutsch­land­funks Fol­gen­des zu hören: „Der künf­ti­ge fran­zö­si­sche Prä­si­dent Ma­cron stößt mit sei­nen Ideen für eine eu­ro­päi­sche Fi­nanz­po­li­tik auf Wi­der­stand aus Deutsch­land. Uni­ons-Frak­ti­ons­vi­ze Fuchs sagte, die Bun­des­re­gie­rung sei wei­ter­hin gegen ge­mein­sa­me eu­ro­päi­sche Staats­an­lei­hen, die so­ge­nann­ten Eu­ro­bonds. Jedes Land müsse für seine Schul­den ver­ant­wort­lich blei­ben. Sonst nehme jeder so viel Geld auf, wie er wolle, und dann bre­che ‚die ganze Sache zu­sam­men‘, warn­te Fuchs. Ähn­lich äu­ßer­te sich der Prä­si­dent des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges, Schweit­zer, in der Rhei­ni­schen Post. Auch Ma­crons Vor­schlag, für die Eu­ro-Zo­ne einen Fi­nanz­mi­nis­ter mit ei­ge­nem Bud­get zu in­stal­lie­ren, ern­te­te so­for­ti­gen Wi­der­spruch. EU-Haus­halts­kom­mis­sar Oet­tin­ger sagte der Rhein-Ne­ckar-Zei­tung, es gebe kei­nen Grund, die der­zei­ti­ge Struk­tur zu än­dern.“ Dass der „Wi­der­stand aus Deutsch­land“ keine Par­tei­en kennt, zeig­te auch der FDP-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Lind­ner; er warn­te davor, „für den künf­ti­gen fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron ‚die Schleu­sen­to­re für die Staats­ver­schul­dung zu öff­nen’“, und fügte hinzu: „Seine Re­form­vor­schlä­ge blei­ben hin­ter einer Agen­da 2010 zu­rück. Und wenn mit ihm über die Neu­ver­mes­sung des eu­ro­päi­schen Ei­ni­gungs­pro­jekts ge­spro­chen wird, wird es un­ge­müt­lich. Er ist für eine EU der Ver­ein­heit­li­chung und Ver­wi­schung von Ver­ant­wort­lich­kei­ten.“ (FAZ, 10.5.2017) „Wir brau­chen keine Eu­ro­bonds und nicht noch mehr Ge­mein­schafts­haf­tung, als wir es über den Eu­ro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus und die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank be­reits haben“, ließ auch der stell­ver­tre­ten­de SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Bun­des­tag, Cars­ten Schnei­der, ver­lau­ten. (FAZ, 9.5.2017) Wei­ter als Sig­mar Ga­bri­el, der Ma­crons Ideen eher scham­haft igno­rier­te und als Pla­ce­bo-Ga­be an­reg­te, „als Deut­sche jetzt ge­mein­sam mit den Fran­zo­sen an einem deutsch-fran­zö­si­schen In­ves­ti­ti­ons­fonds“ (Spie­gel on­line, 9.5.2017) zu bas­teln, woll­te auch aus sei­ner Par­tei kei­ner gehen.

Eigensinniges Dickerchen

Der Ton än­der­te sich in den Fol­ge­ta­gen zwar durch­aus – Mer­kel be­müh­te sogar Her­mann Hes­ses Aus­spruch, wo­nach jedem An­fang ein Zau­ber in­ne­woh­ne (Die Welt, 16.5.2017) ­–, dass aber die Wün­sche man­cher Leit­ar­tik­ler sich tat­säch­lich be­wahr­hei­te­ten, dass etwa Schäu­b­le sich ge­gen­über Ma­crons „ra­di­ka­len Eu­ro-Zo­nen-Plä­nen offen“ (Welt on­line, 12.5.2017) zei­gen werde, hielt der Rea­li­täts­prü­fung nicht stand. Denn was Schäu­b­le in einem Ge­spräch mit der ita­lie­ni­schen Ta­ges­zei­tung La re­pubb­li­ca (11.5.2017) als seine Art des Ent­ge­gen­kom­mens dar­leg­te, dürf­te Ma­crons Ab­sich­ten deut­lich wi­der­spre­chen, ging es Schäu­b­le doch le­dig­lich um eine noch stär­ke­re Über­wa­chung der Haus­hal­te der Eu­ro-Mit­glie­der: Als Lö­sung schwe­be ihm vor, „einen eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­fonds zu schaf­fen, indem man den ESM-Ver­trag wei­ter­ent­wi­ckelt.“ Statt der EU-Kom­mis­si­on solle der Eu­ro-Ret­tungs­fonds ESM künf­tig die Ein­hal­tung der so­ge­nann­ten Sta­bi­li­täts- und Kon­ver­genz­kri­te­ri­en in den Haus­hal­ten der Eu­ro-Län­der über­wa­chen, in Schäu­bles Wor­ten „die Haus­halts­dis­zi­plin kon­trol­lie­ren“, also Deutsch­land einen noch di­rek­te­ren Zu­griff auf die Wirt­schafts- und So­zi­al­po­li­tik der an­de­ren Eu­ro-Staa­ten be­kom­men. Dem von Ma­cron ge­for­der­ten „Eu­ro-Par­la­ment“ woll­te Schäu­b­le le­dig­lich „In­for­ma­ti­ons­rech­te beim ESM“ ein­räu­men, an des­sen grund­sätz­li­cher Aus­rich­tung er hin­ge­gen kei­nen Zwei­fel auf­kom­men ließ: „Der Ge­dan­ke ist ein­fach: Wenn wir Re­geln schaf­fen, müs­sen wir diese auch an­wen­den.“

Warum der eu­ro­päi­sche He­ge­mon auch mit sei­nen treu­es­ten Va­sal­len alles an­de­re als groß­zü­gig um­zu­sprin­gen ge­denkt, legte die be­reits zi­tier­te Nach­rich­ten­sen­dung des Deutsch­land­funks gleich einen Atem­zug spä­ter offen, als es in der nächs­ten Mel­dung hieß: „Die deut­schen Ex­por­te und Im­por­te haben im März einen neuen Re­kord­wert er­reicht. Die deut­schen Un­ter­neh­men führ­ten Waren im Wert von rund 118 Mil­li­ar­den Euro aus. Wie das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt mit­teil­te, waren das 10,8 Pro­zent mehr als im März 2016 und 0,4 Pro­zent mehr als im Vor­mo­nat.“

Und doch ist Ma­crons po­li­ti­sche Hoff­nung, dass das ei­gen­sin­ni­ge Di­cker­chen im Her­zen Eu­ro­pas mit sei­nen ewi­gen Ex­port­best­mar­ken mög­li­cher­wei­se seine Re­ve­nu­en zu­min­dest als Si­cher­heit für re­form­wil­li­ge eu­ro­päi­sche Mus­ter­kna­ben wie ihn oder auch Mat­teo Renzi, der im Au­gen­blick sein po­li­ti­sches Come­back or­ga­ni­siert, be­reit­stel­len könn­te, damit Frank­reich und vor allem Ita­li­en wie­der zu güns­ti­ger ver­zins­ten Staats­an­lei­hen kämen, nicht völ­lig aus der Luft ge­grif­fen. Denn er kann auf den ame­ri­ka­nisch-deut­schen Kon­flikt rech­nen, den Trump klar be­nennt und wohl auch aus­zu­fech­ten ge­denkt – im Ge­gen­satz zu sei­nen Vor­gän­gern von Bush sen. bis Obama, die es stets noch bei di­plo­ma­ti­schen Er­mah­nun­gen be­lie­ßen. Trump droht (daran ließ sein G7-Gip­fel­auf­tritt wenig Zwei­fel), die bis­lang so be­que­me Po­si­ti­on Deutsch­lands zu er­schüt­tern, eine Po­si­ti­on, aus der das Land bis­lang sei­nen eu­ro­päi­schen Hin­ter­hof nach Be­lie­ben aus­te­ri­tär schu­ri­geln konn­te, weil der Dol­lar­raum als Nach­fra­ger da kom­pen­sier­te, wo schwä­cheln­de eu­ro­päi­sche Märk­te deut­sche Ex­por­te ten­den­zi­ell nicht mehr auf­neh­men konn­ten. Mer­kel und auch ihr Per­so­nal re­agier­ten rasch und än­der­ten zu­min­dest schon ein­mal die Rhe­to­rik: Mer­kel mahn­te im Tru­de­rin­ger Bier­zelt, „dass wir Eu­ro­pä­er unser Schick­sal wirk­lich selbst in die Hand neh­men müs­sen“. (FAZ, 29.5.2017) Au­ßen­mi­nis­ter Ga­bri­el se­kun­dier­te im ZDF am sel­ben Tag: „Wir müs­sen auf­hö­ren, uns als Schul­meis­ter Eu­ro­pas zu be­neh­men“.

Doch ob das jenes in den süd­li­chen Eu­ro-Län­dern er­hoff­te Si­gnal für die Be­keh­rung der Deut­schen zu der von den Fran­zo­sen schon lange ge­for­der­ten „gou­ver­ne­ment éco­no­mi­que“ war, die Be­schnei­dung der Un­ab­hän­gig­keit der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank, ist denk­bar un­wahr­schein­lich. Ideen, wie Ma­cron sie im Wahl­kampf ver­kün­det hatte, etwa, dass die 19 Eu­ro­staa­ten einen ge­mein­sa­men Fi­nanz- und Wirt­schafts­mi­nis­ter be­kom­men sol­len sowie eine ge­mein­sa­me Wirt­schafts­re­gie­rung und ein ei­ge­nes Par­la­ment, das den ge­mein­sa­men Haus­halt fest­legt und Ge­mein­schafts­steu­ern er­he­ben kann, könn­ten von Deutsch­land und den an­de­ren nörd­li­chen Eu­ro-Län­dern viel­leicht sogar hin­ge­nom­men wer­den – aber eben nur zu deren Be­din­gun­gen: Die Süd­län­der könn­ten ihren Eu­ro­fi­nanz­mi­nis­ter be­kom­men, der eine Art „Mar­shall­plan oder fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung“ ge­währt, „damit die süd­eu­ro­päi­schen Wirt­schaf­ten auch wie­der flo­rie­ren, was uns dann am Ende ja auch wie­der zu­gu­te­kommt“, wie es der nie­der­län­di­sche Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Hans van Baa­len (Deutsch­land­funk, 30.5.2017) for­mu­lier­te. Was sie aber nicht be­kom­men, ist eine Lo­cke­rung des so­ge­nann­ten Eu­ro-Sta­bi­li­täts­pak­tes, da ist sich Schäu­b­le mit sei­nen Kol­le­gen der nörd­li­chen Eu­ro-Staa­ten einig. Van Baa­len bei­spiels­wei­se for­der­te klar: „Zu­erst Re­for­men in Frank­reich. Das ist das Wich­tigs­te. Ein mo­der­nes fle­xi­bles Frank­reich, welt­of­fen, Welt­han­del, Bin­nen­markt, und na­tür­lich soll­te Frank­reich auch mit­ma­chen beim Sta­bi­li­täts­pakt“. Josef Jan­ning vom „Eu­ro­pean Coun­cil on For­eign Re­la­ti­ons“ in Ber­lin dürf­te mit sei­ner Emp­feh­lung die Rich­tung er­fasst haben: Man soll­te „viel kla­rer Re­for­men und fi­nan­zi­el­le An­rei­ze mit­ein­an­der ver­knüp­fen statt einer re­la­tiv brei­ten Streu­ung die­ser Bud­gets etwa über die Struk­tur­fonds der Eu­ro­päi­schen Union“. (ebda.) So viel Zu­cker­brot wie un­ver­meid­bar, so viel Peit­sche wie nur eben mach­bar – dar­auf wird sich das Ent­ge­gen­kom­men des Nor­dens be­schrän­ken. Wei­ter­hin fern jeder Rea­li­tät blei­ben Ma­crons Lieb­äu­geln mit der Aus­ga­be von su­pra­na­tio­na­len Staats­an­lei­hen der Eu­ro­zo­ne und sein Hof­fen dar­auf, dass Deutsch­land sei­nen neu­er­dings an­vi­sier­ten geo­stra­te­gi­schen Part­ner China mit einem von Frank­reich an­ge­reg­ten „Buy Eu­ro­pean Act“ ver­är­gern wird, dem­zu­fol­ge Auf­trä­ge aus der EU nur sol­che Un­ter­neh­men be­kom­men sol­len, die min­des­tens zur Hälf­te in Eu­ro­pa pro­du­zie­ren.

Spielraum nach unten

Mit dem le­dig­lich punk­tu­el­len und zö­ger­li­chen deut­schen Ent­ge­gen­kom­men – und dem sei­ner fis­ka­li­schen Ver­bün­de­ten wie den Nie­der­lan­den – aber droht die po­li­ti­sche Blase, die Ma­cron in der Ma­nier Balz­ac’scher Blen­der und Bank­rot­teu­re stei­gen ließ (das fran­zö­si­sche Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Odoxa ana­ly­sier­te Ma­crons Sieg tref­fend als „trom­pe-l’œil“), eher frü­her denn spä­ter zu plat­zen. Denn der Ano­ma­li­en sind viele: Satte 61 Pro­zent der Fran­zo­sen wünsch­ten be­reits am Wahl­tag, dass der Prä­si­dent be­zie­hungs­wei­se des­sen vor einem Jahr erst ge­grün­de­te Par­tei En Mar­che bei den Par­la­ments­wah­len am 11. und 18. Juni keine ab­so­lu­te Mehr­heit zu­stan­de be­kommt (Focus on­line, 8.5.2017)­ – und das, ob­wohl das Wahl­ge­setz ei­gens zur Ver­mei­dung der Si­tua­ti­on, dass ein frisch ge­wähl­ter Prä­si­dent nur von der Min­der­heit der Par­la­men­ta­ri­er un­ter­stützt wird, erst im Jahr 2000 da­hin­ge­hend ge­än­dert wurde, dass die Par­la­ments­wah­len den Prä­si­dent­schafts­wah­len auf dem Fuße fol­gen. Dass Ver­hal­ten der an­de­ren Par­tei­en und das fran­zö­si­sche Mehr­heits­wahl­recht dürf­ten aber dafür sor­gen, dass Ma­crons Par­tei den­noch im zwei­ten Wahl­gang eine ab­so­lu­te Mehr­heit im Par­la­ment er­rin­gen wird (die Wah­len fin­den nach Re­dak­ti­ons­schluss statt). En Mar­che sel­ber wird zwar im ers­ten Wahl­gang nur auf er­wart­ba­re knapp 30 Pro­zent kom­men, aber für den zwei­ten Wahl­gang ge­lo­ben „Bür­ger­li­che, Linke und Ma­cro­nis­ten vie­ler­orts, sich ge­gen­über dem Best­plat­zier­ten zu­rück­zu­zie­hen, um den Sieg des FN-Kan­di­da­ten zu ver­hin­dern“, wie Der Stan­dard am 8. Juni be­rich­te­te. So­zia­lis­ten und Kon­ser­va­ti­ve gehen der­art de­fä­tis­tisch in den Wahl­kampf (der kon­ser­va­ti­ve Kam­pa­gnen­chef François Ba­ro­in sagte dem Wo­chen­blatt Ca­nard Enchaîné am 7. Juni bei­spiels­wei­se: „Wir wer­den an den Wahl­ur­nen Dre­sche be­kom­men“), dass es für En Mar­che so in der End­ab­rech­nung für bis zu 400 Sitze in der 577 Sitze um­fas­sen­den Na­tio­nal­ver­samm­lung rei­chen könn­te. Damit er­tei­len die eta­blier­ten Par­tei­en Ma­cron die Voll­macht, jene Re­for­men durch­zu­zie­hen, an denen sie sel­ber bis­lang schei­ter­ten oder wie die So­zia­lis­ten re­gel­recht un­ter­gin­gen. Die Wahl­al­ter­na­ti­ve Ma­cron–Le Pen sorg­te auch für be­son­de­re Re­kord­zah­len in der Ge­schich­te der fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len: Noch nie zuvor, wie unter an­de­rem Le Monde (7.5.2017) fest­hielt, war die Quote der Nicht­wäh­ler – 25,4 Pro­zent – so hoch wie die­ses Mal, noch nie be­müh­ten sich so viele Fran­zo­sen ins Wahl­lo­kal, um eine un­gül­ti­ge Stim­me ab­zu­ge­ben: Mehr als jeder Zehn­te (11,5 Pro­zent) ent­schied sich damit für ein ein­deu­ti­ges Pro­test­vo­tum.

Ma­cron ist also auf Ge­deih und Ver­derb dar­auf an­ge­wie­sen, dass Deutsch­land ihm ein Plätz­chen auf dem Tritt­brett ein­räumt, das kom­for­ta­bler ist als die bis­he­ri­ge Si­tua­ti­on, in der Deutsch­land le­dig­lich still­schwei­gend to­le­rier­te, dass Frank­reich Jahr für Jahr deut­li­cher gegen die Aus­te­ri­täts­kri­te­ri­en des Maas­tricht-Ver­tra­ges ver­stieß, ohne ernst­haf­te Sank­tio­nen be­fürch­ten zu müs­sen. Doch Deutsch­lands Eli­ten (und das Gros der Wäh­ler so­wie­so) wer­den dem „teu­ren Freund“ (so der Titel des Spie­gel 20/2017) Ma­cron kaum ernst­haft so weit ent­ge­gen­kom­men, dass die öko­no­mi­sche Struk­tur des Eu­ro­raums, von der Deutsch­land über alle Maßen pro­fi­tiert, die ab­stei­gen­den Ex-In­dus­trie­mäch­te wie Ita­li­en und Frank­reich hin­ge­gen mit der kom­plet­ten Ab­wra­ckung be­droht, sich än­dert. Ma­crons Ideen, die auf kaum we­ni­ger hin­aus­lie­fen, als eine Art Län­der­fi­nanz­aus­gleich auf eu­ro­päi­scher Ebene zu in­stal­lie­ren, wird schon al­lein des­we­gen nur sehr be­grenzt und unter strengs­ten Auf­la­gen ent­ge­gen­ge­kom­men wer­den, um nicht zu­zu­las­sen, dass das alte eta­tis­ti­sche Re­gu­la­ti­ons­mo­dell Frank­reichs, ein Staat ge­wor­de­ner Ver­stoß gegen die Re­geln des post­mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus, wo­mög­lich, wenn auch ab­ge­speckt, über­lebt.

An­ge­la Mer­kels freund­li­che Dro­hung (Spie­gel on­line, 10.5.2017), dass man Frank­reich hel­fen wolle, seine Ar­beits­lo­sen­zah­len zu re­du­zie­ren, deu­tet des­halb auf die Art Hin­hal­te­tak­tik hin, an die die Deut­schen sich bis­lang immer ge­hal­ten haben: even­tu­el­le Zu­ge­ständ­nis­se daran zu knüp­fen, dass der je­wei­li­ge Eu­ro­staat zuvor seine „Haus­auf­ga­ben“ mache, sprich, rück­sichts­los aus­zu­lo­ten, wie weit sich die so­zia­len Re­pro­duk­ti­ons­kos­ten der dor­ti­gen Be­völ­ke­rung sen­ken las­sen. Von Frank­reich dürf­te man wohl nicht we­ni­ger ver­lan­gen als die flä­chen­de­cken­de In­stal­la­ti­on eines pre­kä­ren Nied­rig­lohn­sek­tors, in den Deutsch­land mit der Agen­da 2010 in ers­ter Linie seine Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit aus­ge­la­gert hat; die­sen Schritt hat Frank­reich noch nicht ein­mal an­satz­wei­se voll­zo­gen, nicht ein­mal Ma­cron wagt der­lei offen aus­zu­spre­chen. Zwar hat der frisch­ge­ba­cke­ne Prä­si­dent bei sei­nem Ber­lin-Be­such Mitte Mai Kanz­le­rin Mer­kel sei­nen „mu­ti­gen Pro-Ger­ma­nis­mus“ (Welt on­line, 15.5.2017) laut und deut­lich be­teu­ert – „Jeder muss das tun, was er tun muss. Ich werde in Frank­reich Re­for­men durch­füh­ren müs­sen, um das Ver­trau­en wie­der­her­zu­stel­len“, das Ver­trau­en der Deut­schen na­tür­lich (Die Welt, 16.5.2017) –, doch hat Frank­reich nach hie­si­ger, Hartz-IV-ori­en­tier­ter Sicht noch jede Menge Spiel­raum nach unten. Denn im Land sind doch immer noch al­ler­lei Re­lik­te aus der längst ver­gan­ge­nen Ära des so­zia­len Kom­pro­mis­ses mit einer einst­mals kampf­star­ken Ar­bei­ter­klas­se in Kraft: von der 35-Stun­den-Wo­che bis zum Ren­ten­ein­tritts­al­ter von 62 Jah­ren, vom weit­rei­chen­den Kün­di­gungs­schutz für un­be­fris­tet Be­schäf­tig­te über eine ri­gi­de Ein­schrän­kung der Sonn­tags­ar­beit (an der Hol­lan­de und Ma­cron bis jetzt am kräf­tigs­ten ge­rüt­telt haben) bis zum Ver­bot für Fir­men, von der Norm ab­wei­chen­de Haus­ta­ri­fe aus­zu­han­deln; auch die Ver­mö­gens­steu­er gibt es in Frank­reich noch und er­freut sich gro­ßer Po­pu­la­ri­tät. Was hier pa­ra­die­sisch klin­gen mag, ist es tat­säch­lich aber lange nicht mehr für alle Fran­zo­sen, je­den­falls nicht für das ste­tig wach­sen­de Heer pre­kär Be­schäf­tig­ter und ins­be­son­de­re nicht für die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on; die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit be­trägt be­reits nach of­fi­zi­el­len Zah­len statt­li­che 24 Pro­zent. Fran­zö­si­sche Un­ter­neh­men ver­wei­gern seit Jahr­zehn­ten Neu­ein­stel­lun­gen, auf der an­de­ren Seite steht ihnen der deut­sche Weg der Zeit- und Leih­ar­beit, des Out­sour­cing, der Schein­selb­stän­dig­keit und des Sub­un­ter­neh­mer­tums in weit ge­rin­ge­rem Maß offen.

Doch scheint sehr vie­len in Frank­reich klar, dass die Ab­schaf­fung der alten Pri­vi­le­gi­en letzt­lich nichts an­de­res be­deu­tet, als die Pre­ka­ri­sie­rung wei­ter aus­zu­deh­nen, dass so­ge­nann­te Re­for­men nie­mand in Not hel­fen, aber viele in eben diese Not stür­zen wer­den; unter den ge­ge­be­nen Be­din­gun­gen we­cken selbst an sich sinn­vol­le Vor­ha­ben wie die ge­plan­te Ver­ein­heit­li­chung des Ren­ten­sys­tems (der­zeit gibt es etwa 25 Son­der­kas­sen in Frank­reich) oder die Ver­staat­li­chung der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung be­grün­de­tes Miss­trau­en, nicht nur bei den in Frank­reich struk­tu­rell stets be­güns­tig­ten Be­am­ten. Und so lös­ten be­reits die Pläne, die Ma­cron als Wirt­schafts­mi­nis­ter unter Hol­lan­de (2014­–2016) ge­mein­sam mit der ehe­ma­li­gen Ar­beits­mi­nis­te­rin El Kho­m­ry aus­tüf­tel­te, bei deut­schen Li­be­ra­len le­dig­lich ein müdes Lä­cheln, in Frank­reich im ver­gan­ge­nen Jahr aber wü­ten­de Pro­tes­te aus. Nun will Ma­cron – zu­min­dest sei­nem Wahl­pro­gramm nach – sich dar­auf be­schrän­ken, die 35-Stun­den-Wo­che nicht de jure ab­zu­schaf­fen, sie aber de facto aus­höh­len und un­ter­lau­fen: Fir­men sol­len in Zu­kunft Ar­beits­zeit und Ent­loh­nung au­to­nom aus­han­deln dür­fen – bis hin zu 48 Wo­chen­ar­beits­stun­den; gleich­zei­tig soll das so­ge­nann­te Loi El Kho­m­ry, das den Kün­di­gungs­schutz ein­schränkt, bei­be­hal­ten wer­den. Im öf­fent­li­chen Dienst, Frank­reichs mit wei­tem Ab­stand be­schäf­ti­gungs­stärks­tem Sek­tor, will Ma­cron 120.000 Stel­len strei­chen und die Staats­aus­ga­ben im Laufe sei­ner Prä­si­dent­schaft um 60 Mil­li­ar­den Euro sen­ken und gleich­zei­tig einen Schat­ten­ar­beits­markt nach deut­schem Vor­bild – Stich­wort: Fort- und Wei­ter­bil­dung – schaf­fen. Die Un­ter­neh­mens­steu­er und die So­zi­al­ab­ga­ben sol­len ge­senkt, die Ren­ten ver­ein­heit­licht, d.h. im Zwei­fels­fall eben­falls ge­senkt wer­den. Das Ren­ten­ein­tritts­al­ter soll zu­nächst bei 62 blei­ben.

Mit die­sem Pro­gramm aber dürf­ten für Ma­cron größ­te Tur­bu­len­zen vor­pro­gram­miert sein. Dass Deutsch­land der­lei in hie­si­gen Augen läp­pi­sche so­zia­le Ein­schnit­te über­haupt als or­dent­li­che Re­for­men teu­to­ni­schen Zu­schnitts er­ach­tet, kann als aus­ge­schlos­sen gel­ten; als höchst un­wahr­schein­lich wie­der­um kann gel­ten, dass Ma­cron einer Mehr­heit des fran­zö­si­schen Wahl­volks seine Pläne schmack­haft ma­chen kann, schon gar nicht, ohne spür­ba­re po­li­ti­sche Er­fol­ge auf eu­ro­päi­scher Ebene, letzt­lich das Schlüp­fen unter den Schutz­schirm des deut­schen Ex­port­er­fol­ges, vor­wei­sen zu kön­nen. Einen Vor­ge­schmack bekam Ma­cron gleich am Wahl­abend: Knapp 10.000 Men­schen de­mons­trier­ten in Paris, mo­bi­li­siert vom ge­werk­schafts­ori­en­tier­ten Bünd­nis „Front so­ci­al“, gegen Ma­crons Pläne, der linke Ge­werk­schafts­dach­ver­band CGT hat be­reits mit Aus­stän­den ge­droht, soll­te Ma­cron seine An­kün­di­gung wahr ma­chen, erste Re­form­vor­ha­ben mit­tels prä­si­den­ti­el­ler De­kre­te durch­zu­drü­cken. (Frank­fur­ter Rund­schau, 9.5.2017)

Deutschland aus der Retorte

Sein durch­aus mög­li­ches bal­di­ges Schei­tern aber wäre mehr als nur die Bauch­lan­dung eines durch und durch nar­ziss­ti­schen Jung­ban­kers, der sich gerne mit dem „jun­gen Na­po­le­on“ ver­glei­chen lässt und eine ent­fern­te phy­si­sche Ähn­lich­keit durch die pas­sen­de Fri­sur so un­ter­streicht, wie es etwa Sahra Wa­genk­necht mit dem Ro­sa-Lu­xem­burg-Dutt ver­sucht. Denn von Ma­cron, des­sen Be­we­gung „En mar­che“ (vor der Um­be­nen­nung in „La Répu­bli­que en mar­che“) wohl kaum nur zu­fäl­lig mit EM, den In­itia­len des Grün­ders, ab­ge­kürzt wurde, ver­spre­chen sich nicht we­ni­ge, nicht zu­letzt deut­sche Ideo­lo­gen eine neue, dem post­mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus nun auch in Frank­reich an­ge­mes­se­ne po­li­ti­sche Ord­nung: eines Ka­pi­ta­lis­mus, des­sen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se und damit des­sen not­wen­di­ges Pro­le­ta­ri­at, sich längst au­ßer­halb der Gren­zen der na­tio­na­len po­li­ti­schen Re­gu­lie­rung be­fin­den – wes­we­gen nicht nur alte so­zia­le Rück­sicht­nah­men so über­flüs­sig schei­nen wie jene, die von ihnen leben müs­sen, son­dern über­haupt das ganze Sys­tem po­li­ti­scher Re­prä­sen­ta­ti­on aus der Zeit na­tio­na­ler In­dus­trie­pro­duk­ti­on, als der Staat in al­ler­ers­ter Linie den Ge­gen­satz zwi­schen Ka­pi­tal und Lohn­ar­beit zu mo­de­rie­ren hatte.

Ma­cron sel­ber sieht sich genau in der Rolle des gro­ßen Trans­for­ma­tors bei der Ab­lö­sung der alten Ord­nung der Klas­sen­bi­po­la­ri­tät, der so­wohl die klas­sisch kon­ser­va­ti­ven wie auch die klas­sisch so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en ver­pflich­tet waren: „Die Al­ter­na­ti­ve rechts oder links ist über­holt, un­se­re Be­we­gung ist vor allem eins – pro­gres­siv“, tönte er vor dem ers­ten Wahl­gang (Spie­gel, 13.2.2017) und trug vor dem zwei­ten min­des­tens eben­so dick auf: „Ich ver­fol­ge keine Re­form Frank­reichs; ich habe vor, Frank­reich voll­kom­men und grund­le­gend zu trans­for­mie­ren“. (New York Times, 28.4.2017) Was Ma­cron tat­säch­lich auf An­hieb und ganz of­fen­sicht­lich ge­lang, ist, pro­mi­nen­te Prot­ago­nis­ten der bis­he­ri­gen Par­tei­en von ihren her­ge­kom­me­nen Loya­li­tä­ten und Kli­en­te­len zu ent­bin­den. Nicht nur, aber vor allem die Zu­sam­men­set­zung sei­nes Mitte Mai vor­ge­stell­ten Ka­bi­netts ver­weist dar­auf, dass hier ein Pro­zess in Gang ge­setzt wer­den soll, der den Mo­der­ni­sie­rungs­kon­sens, der die eta­blier­ten deut­schen Par­tei­en eint, ohne dass sie sich des­halb ver­ei­ni­gen müss­ten, so­zu­sa­gen aus der Re­tor­te nach­bil­det: „En mar­che“ er­scheint als vol­un­ta­ris­ti­sche Nach­schöp­fung der so­ge­nann­ten ge­sell­schaft­li­chen Mitte deut­schen Zu­schnitts, als Sam­mel­be­we­gung jenes Frank­reichs, das sich ver­zwei­felt um An­schluss­fä­hig­keit ans deut­sche Mo­dell müht, gegen das Frank­reich, das die­sem Mo­dell rein gar nichts ab­ge­win­nen kann – und das des­halb auf den Müll­hau­fen der Ge­schich­te ge­hö­re, wie Tho­mas Schmid in der Welt (4.5.2017) souf­fliert: Mit Ma­cron be­kom­me „Frank­reich die Chan­ce, das alte schon de­mo­lier­te Par­tei­en­sys­tem ganz hin­ter sich zu las­sen und eine zeit­ge­mä­ße po­li­ti­sche Ord­nung zu eta­blie­ren“.

Die an­ge­streb­te neue, re­tor­ten­deut­sche Ord­nung spie­gelt sich in Ma­crons Ka­bi­nett: „Die bei­den engs­ten Füh­rungs­be­ra­ter der zwei alten Po­li­tik­la­ger (Ma­cron bzw. sein kon­ser­va­ti­ver Pre­mier­mi­nis­ter Édouard Phil­ip­pe, beide Ab­sol­ven­ten der glei­chen Ver­wal­tungs­hoch­schu­le, U.K.) wol­len Frank­reichs Po­li­tik fort­an ge­mein­sam ge­stal­ten. Sie sind jung, po­ly­glott und un­er­fah­ren. Sie wol­len die öko­no­mi­schen Blo­cka­den des lin­ken, ge­werk­schafts­na­hen La­gers eben­so ab­schüt­teln, wie den trä­gen Kul­tur­na­tio­na­lis­mus des kon­ser­va­ti­ven La­gers mit sei­nen aus­län­der­feind­li­chen At­ti­tü­den.“ (Zeit on­line,17.5.2017)

Über sehr deut­sche Qua­li­fi­ka­tio­nen bei Ma­crons „Ex­pe­ri­ment, das vor ihm noch nie­mand ge­wagt hat“, ver­fü­gen na­he­zu sämt­li­che Re­gie­rungs­mit­glie­der, die „das Ende des alten Links-rechts-Ge­gen­sat­zes ver­kör­pern“. (Deutsch­land­funk, 20.5.2017) Da wäre bei­spiels­wei­se Ar­beits­mi­nis­te­rin Mu­ri­el­le Péni­caud, der die FAZ hoch an­rech­net, dass es ihr „als Per­so­nal­che­fin beim Kon­zern Da­no­ne etwa ge­lang, Fa­brik­schlie­ßun­gen ohne Ge­werk­schafts­auf­ruhr durch­zu­set­zen“ (17.5.2017), oder In­nen­mi­nis­ter Gérard Col­lomb, bis­lang so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Bür­ger­meis­ter von Lyon, von dem die Zeit sich er­hofft, dass Frank­reich is­la­mis­ti­schen Ter­ror in Zu­kunft schick­sals­er­ge­be­ner hin­nimmt als bis­her: „Col­lomb wurde da­durch be­kannt, dass er sich nach den ers­ten Ter­ror­at­ten­ta­ten in Paris und der Aus­ru­fung des Aus­nah­me­zu­stands im gan­zen Land noch hart­nä­ckig wei­ger­te, sei­ner Stadt­po­li­zei in Lyon Waf­fen aus­zu­hän­di­gen. Aus­ge­rech­net die­ser Col­lomb ist fort­an der Pa­ri­ser Front­mann im Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus. Er ver­spricht vor allem: Er­fah­rung, Si­cher­heit im Ur­teil, Ruhe.“ (Zeit on­line, 17.5.2017) Das Des­in­ter­es­se des In­nen­mi­nis­ters wie auch des Prä­si­den­ten am Sä­ku­la­ris­mus (1) wird schließ­lich – auch darin ganz dem deut­schen Vor­bild ver­pflich­tet – mit Öko­lo­gie kom­pen­siert: Der Öko-TV-Star Ni­co­las Hulot, dem der ehe­ma­li­ge so­zia­lis­ti­sche Bil­dungs­mi­nis­ter Clau­de Allègre (1997–2000) ein­mal „er­schre­cken­de Un­kennt­nis von Li­te­ra­tur, Ge­schich­te und wis­sen­schaft­li­chen Grund­fak­ten“ at­tes­tier­te (2), gibt den Um­welt­mi­nis­ter; er dürf­te aller Vor­aus­sicht dafür sor­gen sol­len, dass in der öf­fent­li­chen De­bat­te die Sorge um das Welt­kli­ma die um das so­zia­le Klima in den ban­lieues über­la­gert und dass so­zia­le Ein­schnit­te als ethi­scher Wachs­tumsverzicht er­schei­nen.

Stürmische Aussichten

Doch die­sem Ver­such der Macht­er­grei­fung einer af­ter­bür­ger­li­chen Elite post­mo­der­ner Kri­se­n­ad­mi­nis­tra­to­ren dürf­te an­ders als hier­zu­lan­de keine auf Dauer be­last­ba­re Mehr­heit be­schie­den sein. Das liegt nicht nur am Un­wil­len Deutsch­lands, ernst­haft zu­guns­ten der Mo­der­ni­sie­rung des Nach­bar­lan­des Ein­schrän­kun­gen sei­ner He­ge­mo­nie in Eu­ro­pa hin­zu­neh­men, son­dern auch daran, dass an­ge­sichts der ge­rin­ge­ren zu ver­tei­len­den Beute und vor dem Hin­ter­grund der fran­zö­si­schen Staats- und Klas­sen­ge­schich­te Pre­ka­ri­sie­rungs­of­fen­si­ven sich nicht wie in Deutsch­land als na­tio­na­le Kraft­an­stren­gung, als „Auf­stand der An­stän­di­gen“ und ins­ge­heim gut­ge­hei­ße­ne Maß­nah­me schwar­zer Päd­ago­gik gegen die Un­nüt­zen ver­kau­fen las­sen. Sie sind stets schon vor ihrem Be­ginn de­chif­friert als das, was sie tat­säch­lich sind: als Kampf der Mit­kom­mer gegen die Ab­ge­häng­ten, als Kampf der Fle­xi­blen gegen die Un­brauch­ba­ren, als Kampf der In­nen­städ­te gegen die Pe­ri­phe­rie, als Kampf derer, die vor­ge­ben, Hoff­nung zu haben, gegen die, die ihre Hoff­nungs­lo­sig­keit offen ein­be­ken­nen.

Dass diese Front­stel­lung auch po­li­tisch ar­ti­ku­liert wird und vor allem sich auch ar­ti­ku­lie­ren darf, ohne dass so­fort jeder, der Par­tei für die An­ti-Ma­cro­nis­ten er­greift, ein­hel­lig-staats­tra­gend als re­ak­tio­när, lo­ka­lis­tisch und fa­schis­tisch ge­brand­markt wird, ver­weist auf grund­le­gen­de, his­to­risch weit zu­rück­rei­chen­de Un­ter­schie­de zwi­schen dem fran­zö­si­schen Mo­dell des in­te­gra­len Eta­tis­mus und der in­ter­na­li­sier­ten Volks­ge­mein­schaft deut­scher Prä­gung. Wäh­rend auch im post­fa­schis­ti­schen Deutsch­land der Staat immer als Mo­bi­li­sa­tor der Ei­gen­in­itia­ti­ve an­ge­se­hen wurde – zu­sam­men­ge­fasst in der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Man­tra von der „Hand­lungs­fä­hig­keit des Staa­tes“ –, spielt in Frank­reich von je her der Staat die Rolle eines sel­ber ak­ti­ven Mo­dera­tors der an­sons­ten un­ver­mit­telt zu­sam­men­pral­len­den ge­sell­schaft­li­chen Ant­ago­nis­men. An­ders ge­sagt: Wäh­rend in Deutsch­land die so­ge­nann­te Zi­vil­ge­sell­schaft als mo­der­ni­sier­te Form des Win­ter­hilfs­werks wie selbst­ver­ständ­lich als Grenz­trä­ger und Hilfs­po­li­zist der Staats­rä­son auf­tritt und der Staat öf­fent­li­che Sek­to­ren pro­blem­los de­le­gie­ren, de­re­gu­lie­ren und pri­va­ti­sie­ren kann, or­ga­ni­sie­ren sich ge­sell­schaft­li­che Mi­lieus in Frank­reich un­mit­tel­bar an den je­wei­li­gen In­ter­es­sen, die ein des­halb po­li­tisch wie öko­no­misch weit aus­grei­fen müs­sen­der Staat in einem kom­pli­zier­ten Sys­tem von ma­te­ri­el­len Zu­ge­ständ­nis­sen zu ver­mit­teln hat. Die Ur­sprün­ge jenes Sys­tems eta­tis­ti­scher Re­gu­la­ti­on hat be­reits Marx in sei­ner Schrift „Der acht­zehn­te Brum­ai­re des Louis Bo­na­par­te“ (MEW 8, 111–207) ana­ly­siert, des­sen Kon­se­quenz, die Ver­staat­li­chung des in­dus­tri­el­len Ap­pa­ra­tes, die fran­zö­si­sche Ge­sell­schaft und ihre po­li­tisch-öko­no­mi­sche Struk­tur bis heute prägt (vgl. Ba­ha­mas 50: Staat und Re­vo­lu­ti­on): Die gro­ßen In­fra­struk­tur­un­ter­neh­men Aveva, EDF (bei­des En­er­gie­kon­zer­ne) oder SNCF (Ei­sen­bahn) sind Staats­un­ter­neh­men eben­so wie die Berg­bau­ge­sell­schaft CMF; die Au­to­mo­bil­kon­zer­ne Re­nault oder Peu­geot-Ci­troën sowie die Air Fran­ce sind über Be­tei­li­gun­gen dem staat­li­chen Re­gle­ment un­ter­stellt; ins­ge­samt ist der fran­zö­si­sche Staat an über 3000 Un­ter­neh­men be­tei­ligt, wes­we­gen die Staats­quo­te in Frank­reich mit knapp 60 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts den EU-Durch­schnitts­wert (in den letz­ten Jah­ren gut 40 Pro­zent) Jahr für Jahr wei­ter über­trifft. Die für den post­mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus be­stim­men­de De­indus­trie­ali­sie­rung in den Me­tro­po­len un­ter­gräbt den fran­zö­si­schen Staat also ganz un­mit­tel­bar fi­nan­zi­ell, die fran­zö­si­sche Krise äh­nelt öko­no­misch somit nicht nur von ferne der Krise des ver­bli­che­nen real exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus.

Das alles macht die ge­sell­schaft­li­che Basis für Ma­crons Be­we­gung eben­so schm­al wie brü­chig: Nicht nur die Ge­werk­schaf­ten sind kaum zi­vil­ge­sell­schaft­lich ein­heg­bar, auch das Mi­lieu, das Rajko Eich­kamp als „fünf­ten Stand“ und „De­re­gu­lie­rungs­ge­hil­fen“ be­zeich­net hat (3), ist in Frank­reich kein ver­läss­li­cher Part­ner. Viele Leh­rer, So­zi­al­ar­bei­ter, In­tel­lek­tu­el­le sind viel eher ge­neigt, die alte Ord­nung zäh und ver­bis­sen zu ver­tei­di­gen, wenn nicht gar zur Re­vol­te gegen die neue auf­zu­for­dern, als der Eta­blie­rung einer „zeit­ge­mä­ßen po­li­ti­schen Ord­nung“ zu­zu­ar­bei­ten. Und das gilt nicht nur für die auch in Deutsch­land be­kann­ten in­tel­lek­tu­el­len Prot­ago­nis­ten der Un­zu­frie­den­heit wie Mi­chel Hou­el­l­e­becq oder Di­dier Eri­bon, son­dern auch für als se­ri­ös er­ach­te­te Wis­sen­schaft­ler wie bei­spiels­wei­se den Geo­gra­phen Chris­to­phe Guil­luy, des­sen viel­be­spro­che­nes Buch La Fran­ce périphérique (2014) offen die Fron­ten be­nennt: die zwi­schen den In­nen­städ­ten, aus denen der links­li­be­ra­le „Bour­geois-Bo­he­mi­en“ die Re­lik­te der Ar­bei­ter­klas­se, das Klein­bür­ger­tum und auch das Dienst­leis­tungs­pro­le­ta­ri­at ver­trie­ben habe, und der Pe­ri­phe­rie, wo die „zum Pen­deln Ver­ur­teil­ten“ ve­ge­tie­ren: „Zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te leben diese Schich­ten in ihrer Mehr­heit nicht da, wo der Reich­tum pro­du­ziert wird, son­dern ab­seits der Me­tropolen […] (Sie) neh­men an der Wirt­schafts­ge­schich­te nicht mehr und an der Kul­tur­ge­schich­te nur noch be­grenzt teil“. Ein an­de­rer jüngst er­schie­ne­ner Best­sel­ler der Kriegs­re­por­te­rin Anne Nivat (Dans quel­le Fran­ce on vit) er­zählt mit Sym­pa­thie die Ge­schich­ten der Ver­ges­se­nen aus dem „Fran­ce pro­fon­de“. Die FAZ (28.3.2017) je­den­falls no­tier­te be­reits mit Be­frem­den, dass „Frank­reichs In­tel­lek­tu­el­le im Wahl­kampf einen Klas­sen­kampf er­ken­nen.“

Das zwei­te „re­pu­bli­ka­ni­sche Bünd­nis“, als des­sen Sie­ger sich Ma­cron prä­sen­tiert, ist un­end­lich viel brü­chi­ger als das erste, das Chi­rac 2002 gegen Le Pen sen. mit über 80 Pro­zent der Stim­men ins Amt hiev­te. Chi­rac ver­sprach den Er­halt des Sta­tus quo, Ma­cron will ihn zer­schla­gen, doch die Aus­gangs­be­din­gun­gen für sein Pro­jekt einer „neuen Mitte“ sind denk­bar schlecht, denn in Frank­reich be­fin­det sich in jener Mitte keine auf Folg­sam­keit und Ex­port ein­ge­schwo­re­ne Volks­ge­mein­schaft der An­stän­di­gen, son­dern le­dig­lich der Staats­ap­pa­rat, dem Ma­cron an den Kra­gen will. Die Kämp­fe, die ihm ins Haus ste­hen, ber­gen, eben weil sie sich so­zi­al or­ga­ni­sie­ren und po­li­tisch ar­ti­ku­lie­ren kön­nen, viel­leicht auch eine Per­spek­ti­ve dar­auf, dass die Un­zu­frie­de­nen bei den nächs­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len an­de­re Mög­lich­kei­ten be­kom­men, als er­neut un­gül­tig zu wäh­len oder sich zwi­schen einer Ma­ri­ne Le Pen, die das Vichy-Frank­reich und seine ge­gen­auf­klä­re­ri­sche Tra­di­ti­on als Erb­last mit­schleppt, und einem Jean-Luc Mélen­chon, der immer ein no­to­risch an­ti­zio­nis­ti­scher Alt-Ap­pa­rat­schik blei­ben wird, ent­schei­den zu müs­sen. Und auch wenn dar­aus nichts wer­den soll­te, so be­steht doch die Hoff­nung, dass das ga­ran­tiert bald nicht mehr zu über­hö­ren­de „Schmet­tern des gal­li­schen Hahns“ (Marx) manch einen hier­zu­lan­de ins Zwei­feln bringt, ob die Par­tei­nah­me für den post­mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus wirk­lich eine an­ti­fa­schis­ti­sche Not­wen­dig­keit ist.

Uli Krug (Ba­ha­mas 76/2017)

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