Kategorie-Archiv: Adorno

Kindergartenniveu deutscher Medien: Die Rechtsextremen sind auf jeden Fall die Bösen, egal ob die Zuwanderer angefangen haben.

achgut.com

Deutsche neigen zur Wahnbildung einer „Willkommenskultur“ zwecks Angstverdrängung ihres schwachen ICHs angesichts des Islamofaschismus, ihr Autoritärer Charakter (Adorno) erträgt Ambivalenzen nicht. (Anm.JSB)

Ein Minimalkonsens für Bautzen

Im Moment werden in Bautzen unter dem Motto „Gib deinen Senf dazu“ die „1. Bautzener Demokratiewochen“ begangen. Dieser Satz ist keine gewollt satirische Bemerkung zu Prügel und Krawall zwischen gewalttätigen Asylbewerbern und ebenso gewalttätigen Einheimischen, unter denen nahezu alle Berichterstatter Rechte und Rechtsextreme ausgemacht haben. Er erzählt nur von einer tatsächlich existierenden Parallelwelt zu den aktuell berichteten Ereignissen. Die Bilder aus dieser Parallelwelt hätten eigentlich die unschöne Wirklichkeit überdecken sollen. Vor der Altstadtsilhouette in schönste Regenbogenfarben getauchte Menschen – das ist das Logo der Demokratiewochen, die von ihren Initiatoren – Schirmherr ist der Oberbürgermeister – so beschrieben werden:

„Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, einen Prozess zu unterstützen, der das friedliche Zusammenleben aller Menschen im Blick hat. Besonders sollen die Möglichkeiten der demokratischen Mitgestaltung in der Stadt Bautzen befördert werden. Ein breites Bündnis von Bürger*innen, Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften, Kultureinrichtungen, Parteien, Unternehmen und der Stadtverwaltung lädt dazu ein, sich zu interessieren, zu informieren und zu beteiligen. Die Anerkennung der Grund- und Menschenrechte (Art. 1-20 Grundgesetz) bildet dabei die Basis der Zusammenarbeit („Minimalkonsens“).

Demokratiewochen, deren Mitwirkende daran erinnert werden müssen, dass die elementaren Grundrechte gelten, scheinen auch offen für, sagen wir mal, problematische Partner zu sein. Aber wenn es darum geht, Menschen zu erreichen, die der Demokratie eher fern stehen, braucht man vielleicht auch ein, wie es die Sozialarbeiter sagen, niedrigschwelliges Angebot. Nur sind Unschärfen auf Seiten der Aktivisten eher auf der linken Seite zu finden, während diejenigen, die bekehrt werden sollen, ja eher den Rechten zuneigen.

Die scheinbare klare Trennung zwischen Gut und Böse ist Teil des Problems

Insofern könnten es die Mitarbeiter an den Demokratiewochen immerhin fast schon als Bestätigung der Notwendigkeit ihrer Arbeit sehen, dass es nun in Bautzen wieder – so ist der allgemeine Zungenschlag der Berichterstattung – brutale rechte Gewalt gegen Zuwanderer gegeben hat. Diese Tonart änderte sich in den Medien auch nicht durch den Fakt, dass die Gewalt mit Stein- und Flaschenwürfen von den Asylbewerbern ausgegangen ist, wobei einer der Einheimischen schwer verletzt wurde. Doch dann wurden die Rechten auch gewalttätig, jagten die Asylbewerber förmlich durch die Stadt. Die konnten noch ins Asylbewerberheim flüchten, wo sie von der Polizei beschützt werden mussten, zum Teil von den Beamten, die sie Stunden zuvor noch mit Flaschen und Knüppeln angegriffen hatten.

Viele deutsche Journalisten und Redakteure, wie auch viele Medienkonsumenten, haben es ja selbst im reiferen Alter noch ganz gern, wenn sie bei Konflikten Gut und Böse klar zuordnen können. Beim Kampf von gewalttätigen Zuwanderern gegen gewalttätige rechtsextreme Einheimische liegt die Zuordnung klar auf der Hand: Die Rechtsextremen sind auf jeden Fall die Bösen, egal ob die Zuwanderer angefangen haben. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man über das Kindergartenniveau mit mildem Lächeln hinwegsehen.

Doch diese Wahrnehmung ist leider Teil des Problems: Haben wir einmal die unzweifelhaft Bösen anhand ihrer menschenfeindlichen Ideologie ausgemacht, dann müssen die, mit denen sie sich schlagen, automatisch die Guten sein. Danach, ob die jungen gewalttätigen Zuwanderer auch durch eine bestimmte Gesinnung oder Ideologie zur Gewalt angestachelt wurden, wird gar nicht erst gefragt. Während die Gesinnung der Einheimischen bei der Bewertung ihrer Taten eine entscheidende Rolle spielt, verliert diese bei Zuwanderern merkwürdigerweise jedwede Bedeutung.

Die Eskalation ist ein typischer Fall von Staatsversagen

Eigentlich ist die Geschichte dieser Eskalation, die allen Politikern gerade wieder dazu dient, vor der rechten Gefahr zu warnen, ein typischer Fall des alltäglichen Staatsversagens. Schon längere Zeit hatten Gruppen junger, meist arabischer Asylbewerber den Kornmarkt für sich okkupiert. Sie trafen sich auf diesem Innenstadtplatz nicht nur eben mal so, sondern es war schon eine Art kleiner Landnahme. Die Stimmung wurde laut und aggressiv, unliebsame deutsche Passanten wurden angepöbelt, das heimische Publikum hielt sich mit der Zeit lieber fern und Anrainer verlangten ein Eingreifen. Aber es griff niemand ein. Nur wenn es krachte, dann rückte die Polizei aus.

Zunächst, so scheint es bei der Lektüre einiger Polizeiberichte, krachte es nur untereinander. Polizei und Lokaljournalisten verzeichnen schon seit geraumer Zeit auch in anderen deutschen Städten, dass sich Zuwanderer zu Gruppen- und Massenfaustkämpfen treffen, etwa um einen Familienstreit zu klären oder ethnische bzw. weltanschauliche Konflikte auszutragen. So überfiel Ende Juni kurz vor Mitternacht eine Gruppe Nordafrikaner mit Holzlatten, Knüppeln und Reizgas junge Syrer. Deutsche werden allenfalls Opfer, wenn sie dazwischen gehen wollen oder von kriminellen Jungmännergruppen überfallen werden.

Holger Thieme Chef des „Best Western“-Hotels in Kornmarkt-Nähe beschwerte sich deshalb mehrfach bei der Stadt, weil sich seine Gäste sich abends kaum noch wagten, durch die schön restaurierte Altstadt zu lustwandeln, weil sie fürchten mussten, angepöbelt oder in Schlägereien hineingezogen zu werden. Als der Kormarkt abends keine normalen deutschen Bürger mehr anzog, verabredeten sich die rechts gesinnten Einheimischen am Treffpunkt der Zuwanderer. Die Spannungen stiegen, doch niemand griff ein.

Ausgerechnet auf dem Kornmarkt sollten dann die am 3. September gestarteten „Bautzener Demokratiewochen“ ihre Eröffnung feiern. Am Abend zuvor wollten die Veranstalter einer linken Kundgebung ihr eigenes Eröffnungszeichen auf dem Platz setzen. Eine zeitgleiche Demonstration rechter Gruppierungen wurde ebenfalls genehmigt, Demokratiewochen kann man auch schlecht mit Versammlungsverboten beginnen. Die zahlenmäßig unterbesetzte Polizei konnte eine Massenprügelei gerade noch so verhindern. Es flogen Flaschen und Böller aus dem linken Block, rechte Schläger belagerten ein soziokulturelles Zentrum, das auch einige der 180 Asylbewerber im Landkreis betreut. „Bei den Provokationen spielten auch einzelne Libyer und Syrer auf Seiten des Pro-Asyl-Bündnisses keine friedliche Rolle. Teils reizten sie lautstark die Rechten, teils warfen sie Flaschen. Im Ergebnis brannte am Wochenende endgültig die Luft.“, beschreibt Harald Lachmann in der Südwestpresse die damalige Situation.

Einer der Rädelsführer posiert auf Facebook mit einer Kalaschnikow

Als nun am Mittwochabend die Zuwanderer losschlugen, da wurden sie – so wird berichtet – provoziert. Aber auch als die Polizei eingriff wurden die Beamten ausschließlich von den Zuwanderern mit Flaschen und Holzlatten attackiert. Zudem, so berichtete der Bautzener Polizeichef Uwe Kilz, sei schon bei einer Schlägerei am Samstag zuvor die Gewalt zuerst von den jungen Zuwanderern ausgegangen. Das macht die Jagdszenen der einheimischen Rechten auf die Asylbewerber nicht besser, auch nicht den Tumult vor dem Asylbewerberheim und die Behinderung eines Krankenwagens, der zum Heim wollte. Nur die Gefahren lauern nicht nur auf einer Seite.

Aber nach der überregionalen Empörung über die rechten Bautzener, gibt es zeitweise mehr Polizei in der Altstadt, die Stadt Bautzen will Streetworker schicken und der Landkreis will den etwa 30 in der Stadt lebenden jugendlichen Flüchtlingen nun ein Alkoholverbot und eine Ausgangssperre ab 19 Uhr aussprechen. Beides muss nur auch jemand durchsetzen.

Die vier „Rädelsführer“ aus einem Wohnheim im Alter zwischen 15 und 20 Jahren wurden schnell an andere Orte gebracht, damit sie keinen Einfluss mehr auf ihre Mitbewohner ausüben können, hieß es aus dem Landratsamt. Die „anderen Orte“ dürfen sich freuen, denn zumindest der Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens scheint den Hintergrund manches jugendlichen Gewalttäters problematisch zu finden: „Einer dieser Rädelsführer, hat auf seiner Facebookseite mit einer Kalaschnikow posiert. Da fall ich echt vom Glauben ab“.

Über die Motive der Gewalt auf Seiten der Asylbewerber wird  nicht nachgedacht

Über die Motive der Gewalt auf Seiten der Asylbewerber wird ohnehin nicht nachgedacht. Programme und Initiativen gegen rechts kümmern sich da gründlicher um das ideologische Fundament ihrer Klientel. Hier sind Gut und Böse ohnehin klar sortiert. Dass es fatal für jeden Diskurs ist, wenn man sich bei den einen Gewalttätern und Extremisten blind stellt, nur weil rechte Extremisten zweifelsfrei zu den Bösen gehören, ficht viele Verantwortungsträger leider auch in Zeiten zunehmender Polarisierung und Radikalisierung nicht an. Liest man beispielsweise die Nachricht über die Reaktion der Bundesregierung, so mutet es an, wie eine Botschaft an uneinsichtige Kleinkinder:

Die Bundesregierung verurteilte die Ausschreitungen in Bautzen scharf. „Das ist unseres Landes nicht würdig“, sagte die Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer laut dpa. „In Deutschland ist kein Platz für derartige Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Extremismus.“ Die Regierung verurteile aggressive, fremdenfeindliche und gewalttätige Ausschreitungen auf das Schärfste. Demmer betonte: „Ohne jetzt auf den konkreten Fall einzugehen, müssen wir natürlich dafür sorgen, dass die Gesetze sowohl von Flüchtlingen als auch von einheimischen Bürgern eingehalten werden.“ Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte: „Ich weiß nicht belastbar, ob diese Dinge von den Asylsuchenden ausgegangen sind oder nicht.“

So einfach kann man also unangenehme Fakten wegdefinieren. Vor Ort weiß man belastbar, dass man genau mit dieser Art die in Bautzen ohnehin schon präsente rechtsextreme Szene nur noch weiter stärkt. Der Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens will nach den Krawallen lieber verbal abrüsten und mit rechten Anti-Asyl-Initiativen über die Probleme in seiner Stadt reden. „Zu einem sachlichen Gespräch bin ich immer bereit“, schrieb der parteilose Kommunalpolitiker am Freitag auf Facebook. Er nahm dabei Bezug auf eine gemeinsame Erklärung von Teilen der rechten Szene in Sachsen, die für vorläufigen Verzicht auf Demonstrationen und Aktionen in Bautzen geworben hatten.

Die „Bautzener Demokratiewochen“ nehmen einen denkwürdigen Verlauf. Wie hieß es doch da so schön einfach: Die Anerkennung der Grund- und Menschenrechte (Art. 1-20 Grundgesetz) bildet dabei die Basis der Zusammenarbeit („Minimalkonsens“).

Dann hoffen wir mal, dass der Bautzener Minimalkonsens hält.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Peter Grimms Blog Sichtplatz hier.

Die Neigung der Deutschen zur Wahnbildung einer „Willkommenskultur“ zwecks Angstverdrängung ihres schwachen Ich angesichts des Islamofaschismus

Die Veränderung des autoritären Charakters

Deutsche neigen zur Wahnbildung einer „Willkommenskultur“ zwecks Angstverdrängung ihres schwachen ICHs angesichts des Islamofaschismus, ihr Autoritärer Charakter (Adorno) erträgt Ambivalenzen nicht. (Anm.JSB)

Zum Verhältnis gesellschaftlicher Bedingungen und Subjektentwicklung

Die Studie The Authoritarian Personality(1), Bestandteil der in den 1940er Jahren in den USA durchgeführten Studies in Prejudice, geht im Anschluss an die Psychoanalyse Freuds davon aus, dass nicht nur die aktuelle politische Lage und die artikulierten politischen Interessen das politische Handeln beeinflussen, sondern gleichfalls die tiefer liegende Charakterstruktur. Es ging den Autoren darum, die Anfälligkeit für faschistische Ideologien und Massenbewegungen erfassen und Erkenntnisse über den Nationalsozialismus in Deutschland gewinnen zu können. Die Frage, weshalb die Individuen faschistischer Ideologien, autoritärer Krisenlösungen oder der Sicherheit in der Gemeinschaft bedürfen, hat an Aktualität keineswegs verloren.(2) Der Ansatz, dass sich der Charakter durch gesellschaftliche Formprinzipien, Normen und Werte, die Familienstruktur und Erziehungsverhalten bildet, erfordert, dass die Erklärungsversuche die Veränderung der Sozialisationsbedingungen und des vorherrschenden Sozialcharakters einbeziehen. In meinem Artikel möchte ich deshalb die Diskussion um die Transformation des autoritären Charakters vorstellen und pointieren.
Das zentrale Merkmal der autoritären Persönlichkeit ist nach Adorno und Fromm eine sado-masochistische Charakterstruktur. Dieser entspricht zum einen die Unterwerfung gegenüber Autoritäten, wobei alle Ambivalenzen des Unterwerfungsaktes, also die Triebunterdrückung und Aggression gegen die Autorität, abgespalten werden. Zum anderen verlangen die abgespaltenen Anteile eine Abfuhr und werden deshalb auf Personengruppen, die nicht zum Kollektiv definiert werden, oder Schwächere übertragen und an ihnen bekämpft. Die Bezeichnung „Radfahrersyndrom“ soll dies veranschaulichen und meint, dass der Autoritäre sich nach oben duckt und anpasst sowie nach unten bestrafen will und tritt. In den Studien zum autoritären Charakter werden sechs Typen des Autoritären unterschieden. Bereits im sozialpsychologischen Teil der Studien zu Autorität und Familie von 1936 und in den Studien zum autoritären Charakter werden der rebellische Typus als „Abweichung von der bürgerlichen Subjektivität“ (Rensmann 1998, S. 56) und der manipulative Typus im nationalsozialistischen Deutschland als gesellschaftlich bedeutend eingeschätzt.
Der „Rebell“ wird insbesondere in Zusammenhang mit dem Wandel der Familienbedingungen gesehen. Dieser drückt sich in der Krise der Familie in der Zeit zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg aus (IfS, S.75 in: Familiensoziologie 1974). Der These, die starke deutsche Kleinfamilie habe den Nationalsozialismus befördert, entgegnet das Institut: „Viel eher bedeutet, in Kategorien einer Sozialpsychologie der Familie, das Dritte Reich den übertreibenden Ersatz für eine nicht länger mehr vorhandene Familienautorität, als daß es an diese sich anschlösse“ (ebd. S. 75f). Man kann, ohne die patriarchale Familie und das Sittlichkeitsdenken idealisieren zu wollen, von einer allgemeinen Lockerung der Familienstruktur und der gesellschaftlichen Tabus sprechen (vgl. Daniel 1989).(3) Gleichzeitig ist die männliche Arbeiterjugend in das Zentrum staatlicher Kontrolle gerückt, da die Jugendkriminalität im Jahr 1914 verglichen mit dem Vorjahr deutlich anstieg und die Verwahrlosungstendenzen die deutsche Kriegswirtschaft und den Militärdienst gefährdeten (vgl. ebd.). Die Autoren des Institutes für Sozialforschung sehen in der autoritaristisch-rebellierenden Arbeiterjugend ein hohes Potential für den deutschen Faschismus. Die Kluft zwischen repräsentierter Macht der Vaterautorität und ihrer tatsächlichen Einlösung nähre den Wunsch nach einer wirklich starken Autorität.
Der manipulative Typus ist derjenige, dessen Denken und Handeln durch eine fast völlige „Absenz von Affekten“ gekennzeichnet ist (Adorno 1973, S. 335). Während der Rebell zu unverhüllten Gewalt- und Hassausbrüchen neigt, stehen beim Manipulativen das rationalistische und funktionalistische Denken und Handeln im Vordergrund. Er kennt keine starken Gefühlsbindungen, Tausch und Gegenleistung beherrschen sein Denken. Nun hängt der kapitalistischen Vergesellschaftung die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber Anderen an, die einem als Konkurrent gegenüber stehen. Pragmatisch orientiert, mit einem Gewissen, „welches moralisch nicht integriert, sondern ausschließlich ideologisch ist“, kann er sich allen Anforderungen des Marktes anpassen und ist vielleicht als der Prototyp der durchkapitalisierten Gesellschaft zu verstehen (Rensmann 1998, S. 86). Der Manipulative identifiziert sich vollkommen mit der sozialen Funktion und der Gruppe, der er angehört und Gewissensimpulse entstehen lediglich dann, wenn die Funktion nicht im erforderlichen Maße erfüllt wird und er sich nicht loyal gegenüber der Eigengruppe oder der Autorität verhält. Das moralische Urteil oder Schuldgefühl, letztlich eine kritische Haltung, die sich eben daran misst, sind dem manipulativen Charakter fremd. Diese Art der Unfähigkeit zum Widerspruch macht ihn für faschistische Inhalte anfällig. Die Ausbreitung des Kapitalverhältnisses macht nicht vor den familiären Beziehungen halt; so ist anzunehmen, dass für das Aufwachsen von Kindern zunehmend Zuwendung in materieller Form und frühe Erfahrungen in der Konsumsphäre prägend sind. Hinzu kommt die Erfahrung der „Beziehungsorganisation“, ich spreche von Eltern, welche einkaufen, arbeiten, ihr Leben verwalten, Freizeit und unterschiedliche Möglichkeiten der Kinderbetreuung planen und organisieren müssen. Zeit für Spontaneität bleibt dort kaum. In dieser Weise könnte sich andeuten, wie Kinder zum Objekt der Verhältnisse gemacht werden.
Die Aktualität dieser beiden Ausprägungen des autoritären Charakters leiten sich weitestgehend aus dem Wandel der Familienstruktur und der allgemeinen Verdinglichung des Menschen unter der Herrschaft des Kapitals ab.

Die Dialektik der Autorität

Eine der zentralen sozialpsychologischen Thesen im Anschluss an die Studien zum autoritären Charakter, ist die allgemeine Schwächung der Vater- und Elternautorität durch Institutionen, Kulturindustrie und Wandel der Familienstruktur. Nun könnte man annehmen, dass diese These nicht hinsichtlich negativer Auswirkungen auf die Subjektkonstitution diskutiert werden muss. Vielmehr könnte dies als emanzipatorische Entwicklung verstanden werden, die mehr Freiheit statt Zwang freisetzt. Und tatsächlich geht das erzieherische Selbstverständnis sowohl von Eltern als auch von Erziehern hin zum konsequent demokratischen und partnerschaftlichen Austausch mit den Kindern. In der bürgerlich-patriarchalen Familie kam dem Vater die Rolle zu, das realitätsgerechte Verhalten vom Kind einzufordern d.h. die Triebwünsche zu hemmen. Selbstbeherrschung und Selbstbehauptung zu erlernen sowie die Rechtsordnung und gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse anzuerkennen, ist ein gewaltvoller Unterwerfungs- und Versagungsakt.(4) Die Aufgabe des Kindes besteht also darin, sich mit den zunächst äußerlichen Forderungen zu identifizieren und diese sich dann selbst abzuverlangen d.h. zu verinnerlichen. Dies gelingt in vielen Fällen lediglich auf Kosten abgespaltener Persönlichkeitsanteile und Verdrängungen, deren Gewalt durchs Ressentiment an anderen wiederholt wird und welche in Persönlichkeitsstörungen wie Neurosen oder Psychosen wieder zutage treten. Rationale (Erfahrungsschatz, Wissen) und irrationale Elemente (Geschlecht, ökonomische Macht) der Autorität sind in der bürgerlich-patriarchalen Familie unlösbar miteinander verbunden; sicherlich sogar mit der Erziehung überhaupt. Der Verinnerlichungsprozess schreibt jedoch nicht nur die Herrschaft des Menschen über den Menschen fort, deformiert die Individuen, indem er sie lehrt, dass es vernünftig sei, dem ökonomisch, physisch (über)mächtigen Vater zu gehorchen, nicht aufzubegehren gegen das väterliche Gesetz, welches später durch andere Personen und Prinzipien ersetzt wird, sondern er ermöglicht auch die Verinnerlichung von Gedanken, Idealen, Erfahrung und Bildung, welche das Individuum anspornen. Beide, Autorität und Über-Ich tragen dieses doppelte Gesicht und binden dadurch Gefühle wie Liebe und Furcht. Ob die anspornenden Inhalte von Autorität und Über-Ich das Ich stärken, indem sie das Glück des Individuums betonen oder das Ich schwächen, indem sie die Pflichterfüllung und die Triebunterdrückung zum Wert erheben, hängt von allgemeinen und gruppenspezifischen, sozialen Bedingungen ab.
Die Bildung des Über-Ich, also der psychischen Instanz, welche die äußere (Vater)Autorität bewahrt, ist nicht so zu denken, dass sie im Laufe der Kindheit abgeschlossen wird und den Erwachsenen im Denken und Handeln von innen her leitet. Vielmehr ist gemeint, dass die erworbenen Inhalte des Über-Ichs auch immer wieder auf gesellschaftliche Autoritäten projiziert werden und sie dann als äußerliche auf das Über-Ich zurückwirken. Wir halten uns also an die verinnerlichten Moral- und Machtvorstellungen nicht nur in der Rechtfertigung vor sich selbst (dem Über-Ich, welches missbilligt oder anerkennt), sondern wir finden reale Autoritäten, denen wir uns aus dem Wunsch nach Anerkennung, des Geliebtwerdens, der Furcht fügen. Trotz der Verbundenheit von Innenleitung durchs Über-Ich und Außenleitung durch Autoritäten trägt ersteres – in integrierter, also nicht regider Form – tendenziell zur Unabhängigkeit von Fremdzwang, Anweisung und Unterwerfung bei.

Persönlichkeitsstruktur und Verinnerlichungsprozess

Ein psychoanalytisches Verständnis des Subjektes geht davon aus, dass die Struktur der Gesellschaft und der Familie die Struktur der Persönlichkeit formt. Dies ist kein Prozess der 1:1-Übertragung; die Verarbeitung des Individuums, das Verhalten der Bezugspersonen spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Trotzdem gibt der Stand der Gesellschaft vieles über die Subjektivität ihrer Mitglieder preis.
In der sozialpsychologischen Debatte stellt eine These zur gegenwärtigen Subjektivität die Flexibilität des Charakters heraus. Diese ist auf die veränderte gesellschaftliche Anforderungsstruktur zurückzuführen. In der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte bildete sich der Sozialcharakter als derjenige, welcher durch „Sparsamkeit, Treue zum erworbenen Besitz, Zurückhaltung der Begierden und langfristige, kalkulierbare Lebensplanung“ geprägt war, heraus (Eisenberg, S. 47). Gegenwärtig erscheint ein solcher Charakter als pathologisch. Erforderlich ist eine konsumorientierte Haltung, die Lockerung von Bindungen an Personen und Orte, welche der Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt bloß im Wege stehen sowie die Fähigkeit, sich an wechselnde Situationen und Rollen anpassen zu können.
Die Sozialisationsbedingungen eines solchen Charaktertyps lassen sich bereits in der Familie finden. Das Ich d.h. Regulations- und Verarbeitungsmuster, welche zwischen Innen- und Außenwelt vermitteln und das Individuum befähigen, eine abgegrenzte Identität auszubilden(5), konnte sich nur in einem gewissen familiären Schonraum und durch prägende Eltern und Personen entwickeln. Unter dem Aspekt des Schwindens der sozialisierenden Kraft der Familie, werden in der Kritischen Theorie und der kritisch-theoretischen Sozialpsychologie die zerstörten Bedingungen einer gelungenen Ichentwicklung besprochen.
Waren Eltern und Bindungspersonen diejenigen, durch welche Gesellschaftliches vermittelt auf die Kinder traf, so ist heute festzustellen, dass Medien, Institutionen und peer groups an Gewicht im Sozialisationsprozess gewinnen. Die Vermittlung wird abstrakter, die Auseinandersetzung mit konkreten Personen, die Aneignung von Gesellschaftlichem im Konflikt mit den Eltern verliert an Bedeutung. Dadurch verändert sich die Art der Verinnerlichung. Sie strukturiert nur oberflächlich und bleibt deshalb tendenziell austauschbar. Das Ich bleibt ein schwaches, da die Erfahrung von Halt und Zuneigung tendenziell durch Erziehungsverweigerung und Abgabe an Institutionen sowie gewisse Gleichgültigkeit, Schwäche und Verunsicherung der Eltern kaum mehr gemacht werden kann.
Bildung und Humanisierung werden heute weitestgehend von Kindergarten, Schule und Vereinen übernommen, die sich auch ihrem „neuen Bildungsauftrag“ stellen und versuchen alle Bildungsbereiche und Lernmöglichkeiten auszuschöpfen. Auch die pädagogischen Ideen, wie Erziehung und Bildung aussehen sollen, konzipieren Aneignungsprozesse nicht mehr mit starken, bildenden Persönlichkeiten, sondern in der „Selbstbildung“ des Kindes, in der die Erzieher beobachten, Materialien und Räume zur Verfügung stellen und die Kinder zu Konstrukteuren der Welt werden. Der Übergang, und das stellt ein Problem dar, zwischen der Demokratisierung der Erziehung und dem Alleinlassen der Kinder ist fließend. Kinder benötigen das stützende Ich von Mutter und Vater, das ihnen bei der Aufgabe, ihre affektiven und triebhaften Impulse abzufangen und bearbeitet zu äußern, helfen soll. Die ersten geglückten und kontinuierlichen Beziehungserfahrungen sind also emotionale Vorraussetzung für die Bildung von Ichstrukturen. Ich habe nicht das Ansinnen, die heile Familie als Hort von gelungener Sozialisation zu preisen, sie gab immer lediglich die Möglichkeit dafür her. Auch die Gewalt und Dressur, die mit ihr verbunden war, ist nicht zu rechtfertigen. Darauf muss sie auch immer zurückfallen, will sie sich heute bloß behaupten, ohne rationalen Gehalt zu besitzen. Aber mit der Auflösung der Familie wachsen die Defizite psychischer Struktur und damit auch die Tendenzen ihrer ungehemmten Artikulation (vgl. Eisenberg, S. 58).

Ausblick

Während der klassische autoritäre Charakter unter zu viel Triebunterdrückung durch einen fordernden und autoritären Vater litt und er sich von allem Versagten und Verdrängten projiziert auf andere zu entledigen versucht, ist nun zu konstatieren, dass es keine ernstzunehmende Triebunterdrückung mehr gibt. Die Individuen werden also nicht unter dem Zivilisationsdruck gebrochen, sondern bleiben nur oberflächlich zivilisiert und deshalb schwach. Die psychische Struktur ist grundlegend labil, so dass sich ein moralisches Gewissen tendenziell weniger herausbildet. Statt eine Persönlichkeitsstruktur, die ein relativ selbständiges Ich, eine Orientierung am Über-Ich und am Ich-Ideal und eine gewisse Integration der Estriebe durch die Fähigkeit zur Kompromissbildung zulässt, entwickeln zu können, gehen die Estriebe, das Über-Ich und die Gesellschaft eine kaum abgegrenzte Verbindung ein. Böckelmann formuliert dies in den 60er Jahren: „Das Kind […] konstituiert […] eine neue Form größter Ich-Schwäche, die nicht mehr wie in der autoritären, sado-masochistischen Psyche ein eingeklemmtes, bedrohtes Ich meint, sondern ein zerfließendes, diffuses, grenzenloses Ich, das eben darum nur noch die eigenen Interessen im Auge behalten kann, wobei das egoistische Interesse mit dem der Konsumgesellschaft identisch ist.“ (Böckelmann, S. 51) „Auf Kosten der Identität, auf Kosten einer bewussten, kritischen und aktiven Haltung gegenüber der Realität, auf Kosten einer zu sich selbst kommenden Sexualität werden uneingeschränkte Triebbefriedigung gewährt und die lähmenden Kontrollen des Gewissens und der Gesellschaft entfernt. Dies meint die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit“ (Böckelmann, S. 55). Böckelmann und Marcuse prognostizieren vor diesem Hintergrund die zunehmende Identität zwischen Individuum und Gesellschaft; das Individuum kann sich Befriedigung über gesellschaftlich Gebotenes (Kulturindustrie, Konsum, sexuelle Freizügigkeit) verschaffen. Deren Schlussfolgerung ist, dass die nicht eingelöste Befriedigung als Ausgangspunkt von Kritik kaum noch wirken kann.
So berechtigt ihre Kritik an der Triebbefriedigung in einer falschen Gesellschaft ist; es bleibt festzustellen, dass individuelles und geschichtliches Leiden Quelle der Kritik bleiben wird, so lange eine Gesellschaft dies hervorbringt. In welcher Form das Leiden zutage treten wird, ist allerdings auch durch die Verfassung der Subjekte bestimmt und lässt keine optimistische Stimmung zu.
Katrin

Literatur

  • Adorno, Theodor W. (1973): Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt a.M.
  • Böckelmann, Frank (1971): Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit. München
  • Daniel, Ute (1989): Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Göttingen
  • Eisenberg, Götz (2000): Amok – Kinder der Kälte. Hamburg
  • Horkheimer, u.a. (1987): Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg
  • Institut für Sozialforschung (1974): Familie. In: Claessens u. Milhoffer (Hrsg.) Familiensoziologie. Frankfurt a.M.
  • Rensmann, Lars (1998): Kritische Theorie über den Antisemitismus. Hamburg

Fußnoten

(1) Die 1950 herausgegebene Studie wurde von Th. W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford verfasst.
(2) Zu kritisieren ist, dass der autoritäre Charakter meist auf Faschismus und Rechtsextremismus bezogen und damit beschränkt wird. Man nimmt an, dieser tauge zur Analyse „der anderen“. Die Sozialpsychologie des autoritären Charakters ist jedoch als Analyse einer allgemeinen Subjektkonstitution zu verstehen.
(3) Zu nennen ist der Kriegsdienst der Väter, der militärpolitische Einsatz reglementierter Prostitution, die „geheime Prostitution“ junger Frauen. Monogamie und Ehe verloren an gesellschaftlicher Realität.
(4) Welche Werte vermittelt werden, ist stets von den historischen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig. Hinzu kommt die unterschiedliche Schichtenzugehörigkeit.
(5)„Es gehört zur `Dialektik des Ichs`, daß es als leibhaftiges Prinzip Selbsterhaltung einerseits in den Schuldzusammenhang der Moderne und der in ihrem Namen begangenen Greuel zutiefst verstrickt ist, dass es aber gleichwohl auch als Garant einer vernünftigen Ordnung der Dinge und eines halbwegs befriedeten Verkehrs der Menschen unter den Bedingungen ihrer warenförmigen Individualisierung und konkurrenzbedingten Partikularisierung fungierte.“ (Eisenberg, S. 46).

http://www.conne-island.de/nf/126/23.html

Adorno war kein Schoßhündchen, sondern ein Wildschwein

Der Philosoph, Soziologe und Zeitkritiker Theodor W. Adorno, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, war einer der prominentesten Vertreter der „Frankfurter Schule“, deren Kritische Theorie entscheidenden Einfluss auf das kulturelle Bewusstsein der Bundesrepublik hatte. Nach ihrem Vorbild wurde die „Neue Frankfurter Schule“ (NFS) benannt, deren Komische Praxis ihrerseits entscheidenden Einfluss auf das spaßkulturelle Bewusstsein der Bundesrepublik hat. Zu den prominentesten Angehörigen der NFS gehört der Lyriker, Satiriker und Zeichner Robert Gernhardt. Mit ihm sprach Uwe Wittstock.

DIE WELT : Welches Verhältnis hat die Neue Frankfurter Schule zu Adorno und der Frankfurter Schule?

Robert Gernhardt : Die Frankfurter Schule ist natürlich viel ehrwürdiger und weit ernster zu nehmen als die NFS. Das Etikett „Neue Frankfurter Schule“ war ursprünglich nur ein Hilfsbegriff, um 1981 einer Münchner Ausstellung mit Arbeiten von Hans Traxler, F. K. Waechter und mir einen Titel zu geben. Das Etikett hat sich dann aber gut bewährt und durchgesetzt. Tatsächlich gab es wohl immer Bewunderung und Sympathie für die Frankfurter Schule bei den Angehörigen der NFS – also neben den drei genannten noch F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Eckhard Henscheid, Peter Knorr und Chlodwig Poth.

DIE WELT : Warum eigentlich? Die Mitglieder der NFS zählen sich doch mit Stolz zu den Spaßmachern, die nichts und niemanden ernst nehmen. Adorno und die Frankfurter Schule gehörten dagegen zu den Ernstmachern, die gravitätisch auftraten und schrieben.

Gernhardt : Die Frankfurter Schule war eine ernste Angelegenheit, sicher. Aber keine bierernste. Adorno hatte durchaus Sinn für Komik, was man ja nicht vielen Philosophen nachsagen kann. Zum Beispiel hat er, als er einmal darüber nachdachte, wer oder was sein Leitbild sein könne, sich für ein Wildschwein entschieden! Das war wohltuend ungravitätisch. Diesen Text findet man in seinem Büchlein „Ohne Leitbild“. Da schreibt er, er habe als Kind erlebt, wie die zahme „Wildsau vom Ernsttal“ angesichts der rot gekleideten Gattin des Postdirektors Stapf ihre Zahmheit verlor, die Frau über den Haufen rannte und mit ihr davon stob. Und dann heißt es: Hätte ich ein Leitbild, so wäre es diese Sau. Und das passt doch schön zum Arbeitsmotto der NFS: Die Sau rauslassen.

DIE WELT : Gibt es jenseits solcher Lebensmottos auch inhaltliche Verbindungen zwischen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und der kritischen Grundhaltung der Satiriker der NFS?

Gernhardt : Dass sich die komischen Autoren und Zeichner der NFS ausgerechnet in Frankfurt zusammenfanden, ist sicherlich kein Zufall. Als die Satirezeitschrift „Pardon“ 1962 in Frankfurt gegründet wurde, hob sich diese Stadt bereits ab von anderen Gemeinwesen Deutschlands. Hier gab es den Generalstaatsanwalt Bauer …

DIE WELT : … der damals in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse vorantrieb …

Gernhardt : … und die Bank für Gemeinwirtschaft, die bereit war, in ein so windiges Unternehmen wie eine Satirezeitschrift Geld zu investieren, und es gab das Frankfurter Institut für Sozialforschung von Horkheimer und Adorno, die – aus dem Exil zurückgekommen – hier wieder Fuß fassen konnten. Das Klima der Stadt war kritischen Geistern sicher wohlgesonnener als beispielsweise Köln mit seinem Volkswartbund, München mit seiner CSU oder Berlin mit seinem Frontstadt-Bewusstsein.

Gernhardt : Dieses Klima wurde mitgeprägt von der Bereitschaft, alles in Frage zu stellen – was ja auch Adornos Schriften seiner amerikanischen Jahre durchzieht. Gerade diese Bereitschaft und Haltung hat die NFS darin bestärkt, ihr nachzueifern. Ich habe damals vor allem die kleinen Schriften Adornos gelesen, wie „Minima Moralia“, „Ohne Leitbild“, „Jargon der Eigentlichkeit“. Letztere waren sehr polemische Texte zum deutschen Geistesleben und zur Kultur der Adenauerzeit.

DIE WELT : Damit hatten Sie ein gemeinsames Feindbild?

Gernhardt : Ich habe 1956 Abitur gemacht und hatte mich vorher jahrelang von den Lehrern mit einem völlig ungefilterten Jargon der Eigentlichkeit füttern lassen müssen. Im Kulturbetrieb war damals ja so ein grauenvoller Heidegger-Verschnitt im Umlauf. Der ging mir schon als Schüler auf die Nerven und reizte zu Scherzen: „Eines der Hauptanliegen deutschen Geistes war und ist …“ Diesen Jargon hat Adorno dann dialektisch durchlöchert und aus aufgeblasenen Begriffen wie „Anliegen“ oder „Leitbild“ die Luft raus gelassen. Das empfand ich als ausgesprochen wohltuend und erleichternd.

DIE WELT : War Adorno für Sie als Autor ein Vorbild?

Gernhardt : In gewisser Hinsicht schon. „Minima Moralia“ handelt letztlich von dem Zweifel, ob man heute noch ein im moralischen Sinne „richtiges“ Leben führen könne. Adorno geht dabei nicht von aufgeplusterten Begriffen aus, sondern von ganz einfachen Dingen des Alltags: Von ihnen aus beschreibt er dann den seiner Meinung nach unübersehbaren Niedergang unserer Kultur. Dieses Verfahren, bei anspruchsvoller Zeitkritik immer von ganz alltäglichen Tatsachen auszugehen, halte ich bis heute für vorbildlich. Zu dem Hammersatz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ kommt Adorno eben nicht durch eine Reflektion über Auschwitz, sondern als er über die Schwierigkeiten nachdenkt, heutzutage „richtig“ zu wohnen. Egal wie man sich einrichtet, man macht es verkehrt, denn alles ist eingebunden in so fragwürdige Kategorien wie Mode und Privatbesitz.

DIE WELT : Das klingt recht dogmatisch. Müsste Sie das als Satiriker nicht zum Widerspruch reizen?

Gernhardt : Nein, in den „Minima Moralia“ ist Adorno nicht wirklich dogmatisch. Er ist zwar der Meinung, dass man sich nicht mehr „richtig“ einrichten oder „richtig“ kleiden kann. Gefällt ihm aber irgendein Kleidungsstück, ist er zu den aberwitzigsten intellektuellen Volten bereit, um es philosophisch zu rechtfertigen. So rehabilitiert er beispielsweise den Pantoffel – „Schlappe, slippers“ – als emanzipatorisches Kleidungsstück. Der Pantoffel, schreibt er, sei ein Denkmal des Hasses gegen das Sichbücken. Man kann nämlich in ihn hineinschlüpfen, ohne den aufrechten Gang aufzugeben. Solche Bereitschaft zur Übertreibung hat mir Adorno sehr lieb gemacht.

DIE WELT : Ist das nicht eher unfreiwillig komisch?

Gernhardt : Sicher, aber solche unfreiwillige Komik ist die Kehrseite der Tatsache, dass Adorno es als einer von wenigen Philosophen des letzten Jahrhunderts verstanden hat, echte Hammersätze in die Welt zu setzen. Wer außer ihm hat so viele erinnerungsfähige Sentenzen geprägt wie er. „Das Ganze ist das Unwahre“ oder „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ oder „Bei manchen ist es schon eine Frechheit, wenn sie „ich“ sagen“. Solche Sätze sind hängen geblieben und an ihnen können sich, weil sie so herrlich übertrieben sind, ganze Generationen abarbeiten. Aber mit derartigen Übertreibungen geht der Autor immer das Risiko unfreiwilliger Komik ein. Deshalb ist Adorno eben manchmal vorn rüber gefallen und manchmal hinten rüber. Trotzdem macht ihn gerade diese Risikobereitschaft zu einem großen Autor. Die Aufgabe jedes Philosophen ist es, behaupte ich, mindestens einen solchen Hammersatz zu prägen. Und wie viele Kollegen Adornos gibt es, die meterweise Bücher geschrieben haben, ohne dass sich die Allgemeinheit an einen einzigen Satz von ihnen erinnert?

Adornos Tod

Sein Tod war zweifelsohne ein Schock. Er traf seine Frau, seine Kollegen und Freunde, seine Schüler und Kritiker völlig unvorbereitet. Seine Witwe Gretel war ebenso wie sein engster Gefährte und Vertrauter Max Horkheimer kaum noch dazu in der Lage, die Trauerfeier für Theodor W. Adorno, den theoretischen Kopf der Frankfurter Schule, angemessen zu organisieren. Während die eine an der Spitze des Trauerzuges auf dem Frankfurter Hauptfriedhof apathisch, beinahe wie gelähmt erschien, so war der andere, wie er in seiner Ansprache freimütig bekannte, kaum noch der Rede mächtig.

Der vor den Nazis zunächst nach Großbritannien, später in die Vereinigten Staaten geflohene Gelehrte, der erst 1949 in seine Heimatstadt Frankfurt zurückkehrte, hatte sich mit dem Gros seiner Schüler entzweit. Während die meisten seiner Studenten ultimativ forderten, dass die Kritische Theorie praktisch werden müsse, um politisch eingreifen zu können, warnte ihr Lehrer vor den Illusionen einer Klassenkampfrhetorik und insistierte darauf, dass ihre Radikalität nicht in einer Tat, sondern nur in der des Gedankens liegen könne.

Auch vier Jahrzehnte später hält ein Streit darüber an, woran der Adorno im Alter von 65 Jahren gestorben sei. Lag es an den monatelangen Konflikten mit seinen Studenten oder an seiner eigenen Sorglosigkeit, trotz gesundheitlicher Probleme an seinem ersten Urlaubstag noch mit einer Seilbahn auf einen Dreitausender in den Schweizer Alpen gefahren zu sein? An dieser Frage teilen sich Zeitzeugen wie Zaungäste noch immer in verschiedene Lager.

Es gibt gewichtige Stimmen, die eine Suche nach einer Mitschuld unter den Akteuren der damaligen Studentenbewegung entschieden von sich weisen. Von seinen ehemaligen Schülern wird in diesem Zusammenhang gerne auf eine letzte gemeinsame Seminarbesprechung verwiesen. Darin hatte ein sichtlich versöhnlich gestimmter Adorno festgestellt: „Wenn Sie alle sich so auf das nächste Semester freuen wie ich, dann kann es eine sehr schöne Arbeit werden.“ Für das Wintersemester 1969/70 war ein Seminar über das Kapitel „Kulturindustrie“ aus der „Dialektik der Aufklärung“ geplant.

Die Warenförmigkeit der Kunst, die immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung der Kultur und die Auflösung ihrer einstigen Autonomie gehörten zu den Themen, die die radikalisierten, zum überwiegenden Teil aus bürgerlichen Elternhäusern stammenden Studenten schon seit längerem besonders fesselten. Doch ist diese Abwehr einer möglichen Mitschuld wirklich einleuchtend, handelt es sich nicht sehr viel eher um ein pro domo vorgebrachtes Argument?

Andererseits war und ist noch immer durchsichtig, warum interessierte Kreise der Studentenbewegung die Schuld an Adornos Tod in die Schuhe zu schieben versuchen. Das Kapitel einer als störend, von vielen gar als irrational empfundenen Revolte auf diese Weise personalisieren und letztlich sogar finalisieren zu können, lag in bestimmten Kreisen damals schon nahe. Bereits im Frühjahr 1969 hatte es in Teilen der Presse nicht an Stimmen gemangelt, die glaubten, die Entzweiung zwischen Adorno und seinen Schülern nach dem Motiv des Zauberlehrlings aus Goethes „Faust“ interpretieren zu können.

Im Grunde verlief die Argumentationsfigur nach dem immergleichen Muster: Wer so radikal zu denken versuche wie Adorno, der dürfe sich nicht wundern, wenn sich dieser Impuls eines Tages gegen seinen eigenen Urheber richte. Wiederholt war gar von einem „Vatermord“ die Rede.

Was Adornos Gemütszustand und seine gesundheitliche Verfassung anbetraf, hatte es allerdings an Alarmzeichen nicht gefehlt. Er klagte über ein hartnäckiges Augenleiden und Anzeichen „äußerster Depression“. Und in seinem letzten, am 6. August an Marcuse adressierten Brief hatte Adorno einen völlig resignierten Eindruck gemacht und seinen Partner darauf hingewiesen, dass er es „mit einem ramponierten Teddie“ – so sein Spitzname – zu tun habe. Es schien fast so, als hätte er sich zu diesem Zeitpunkt, von monatelangen Konflikten erschöpft, selbst längst aufgegeben gehabt.

Vom schlechten Gewissen geplagt

Als schließlich am 13. August 2000 Trauernde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zusammenkamen, fehlte mit Herbert Marcuse ausgerechnet jener seiner einstigen Freunde und Kollegen, mit dem er sich die Monate zuvor am intensivsten auseinandergesetzt und zugleich am heftigsten gestritten hatte. Während der in Kalifornien lehrende Marcuse als entschiedener Befürworter der internationalen Studentenrebellion auftrat und weltweit als einer ihrer Ikonen galt, war Adorno, der die Rolle der Studenten im Jahr zuvor noch mit der der Juden verglichen hatte, zu einem ihrer Skeptiker geworden.

Er warf ihnen nun sogar vor, dass ihre Aktionen in jenen „linken Faschismus“ umschlagen könnten, den Jürgen Habermas Wortführern wie Rudi Dutschke bereits im Sommer 1967 attestiert hatte. Am Ende war es zwischen beiden nur noch um die ziemlich kindisch anmutende Frage gegangen, wer wen wo besuchen sollte – Marcuse Adorno in den Schweizer oder umgekehrt Adorno Marcuse in den Französischen Alpen.

Als sich Letzterer später in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ über Adornos Tod äußerte, merkte man ihm an, wie sehr er von schlechtem Gewissen geplagt war. Was immer er auch sagen wollte, es war vergeblich, er kam einfach zu spät.

Eine andere, die sich mit Schuldvorwürfen regelrecht marterte, war Adornos Witwe. Sie glaubte offenbar, dass sie in der Lage gewesen wäre, das Schlimmste zu verhindern und ihre eigene Unaufmerksamkeit zum Tod ihres Mannes beigetragen hätte. Sie hatte ihn seiner Herzbeschwerden wegen am 5. August in eine Klinik begleitet, war jedoch abends wieder ins Hotel zurückgefahren. Als sie ihm am nächsten Vormittag etwas zum Lesen vorbeibringen wollte, war es schon zu spät. Eine überaus tragische Verknüpfung.

Gretel Adorno fühlte sich so sehr aus der Bahn geworfen, dass sie, von Beruf Chemikerin, im Jahr darauf mit Schlaftabletten einen Selbstmordversuch unternahm. Zuvor hatte sie sich noch pflichtbewusst um das Nötigste gekümmert und die Regelung des Nachlasses betrieben, insbesondere die Fertigstellung der Fragment gebliebenen „Ästhetischen Theorie“ und die Ingangsetzung der „Gesammelten Schriften“. Doch der Suizid schlug fehl. Sie war nicht mehr selbstständig lebensfähig, sie war zum Pflegefall geworden und überlebte ihren Mann um 23 Jahre.

Nicht minder tragisch endete der Konflikt mit der Vaterfigur der Kritischen Theorie für den bedeutendsten unter seinen jungen Kontrahenten. Hans-Jürgen Krahl, der noch einen bemerkenswerten Nachruf verfasst hatte, in dem davon die Rede war, dass in Adornos Ideologiekritik am Tod des bürgerlichen Individuums ein Moment berechtigter Trauer nachzittre, kam im Februar 1970 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

„Walpurgisnacht der Studenten“

Das gleiche Schicksal traf den hessischen Kultusminister Ernst Schütte. Der mit Adorno befreundete Politiker, der selbst zur Zielscheibe studentischer Angriffe geworden war und eine der Trauerreden gehalten hatte, verunglückte im selben Jahr mit seinem Auto in der Türkei. Über dem Konflikt zwischen der Studentenbewegung und ihren Professoren schien ein regelrechter Fluch zu liegen, vielschichtig, unentwirrbar und bedrückend.

Wie verängstigt Adorno bereits Monate zuvor gewesen sein muss, kommt in einem im Dezember 1968 an den in Jerusalem lebenden Religionshistoriker Gershom Scholem adressierten Brief zum Ausdruck. Er glaubt darin von einer „Walpurgisnacht der Studenten“ sprechen zu können und schreibt: „Bis jetzt ist es hier ohne physische Gewalttätigkeiten abgegangen, aber bei der Eskalation ist mit allem zu rechnen.

Dies nur für den Fall, dass Sie in die Lage kommen sollten, bald einen Nekrolog für mich zu schreiben, und auch höheren Ortes für mich vorstellig zu werden.“ Dieser im Nachlass aufgefundene, 2000 erstmals publizierte Brief erscheint im Nachhinein wie ein Menetekel.

Auch wenn es zu der physischen Gewaltanwendung nicht gekommen ist, so könnte die öffentliche Bloßstellung, wie sie in einer, im Nachhinein zum „Busenattentat“ stilisierten Oben-ohne-Aktion in seiner Vorlesung über dialektisches Denken nur am drastischsten zum Ausdruck gebracht worden war, zur intrapsychischen Verletzung geworden sein. Und diese wiederum zu einem Ernst zu nehmenden Faktor für die Auslösung jenes Infarktes, der Adorno schließlich in den Schweizer Alpen zum Verhängnis wurde.

Dies jedenfalls ist die Interpretation eines Arztes, dessen Einschätzung in einem von Hermann Schweppenhäuser herausgegebenen Gedächtnisband publiziert worden ist: „Der Herzinfarkt ist … kein Ereignis ex vacu. Er bereitet sich sehr sorgsam vor, sammelt alle Frustrationen und Erschöpfungen, um dann zuzuschlagen.“ Dem muss also keineswegs widersprechen, dass der Betroffene kurze Zeit zuvor noch guten Mutes gewesen ist.

Eine in einem kausallogischen Sinne zu definierende Ursache wird sich wohl nie finden lassen. Die Suche nach den Gründen für Adornos Tod wird daher wohl auch vier Jahrzehnte später offen bleiben müssen. Schon die Tatsache, dass diese quälende Frage nicht abschließend beantwortet werden kann, bleibt allerdings beunruhigend genug.

Der Autor, einst Aktivist der Studentenbewegung, ist seit Jahren einer ihrer profiliertesten Analytiker und Historiker. Der Politikwissenschaftler arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung.

Adorno: Sur l`eau « sur l‘eau

Auf die Frage nach dem Ziel der emanzipierten Gesellschaft erhält man Antworten wie die Erfüllung der menschlichen Möglichkeiten oder den Reichtum des Lebens. So illegitim die unvermeidliche Frage, so unvermeidlich das Abstoßende, Auftrumpfende der Antwort, welche die Erinnerung an das sozialdemokratische Persönlichkeitsideal vollbärtiger Naturalisten der neunziger Jahre aufruft, die sich ausleben wollten. Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll. Alles andere setzt für einen Zustand, der nach menschlichen Bedürfnissen zu bestimmen wäre, ein menschliches Verhalten an, das am Modell der Produktion als Selbstzweck gebildet ist. In das Wunschbild des ungehemmten, kraftstrotzenden, schöpferischen Menschen ist eben der Fetischismus der Ware eingesickert, der in der bürgerlichen Gesellschaft Hemmung, Ohnmacht, die Sterilität des Immergleichen mit sich führt. Der Begriff der Dynamik, der zu der bürgerlichen »Geschichtslosigkeit« komplementär gehört, wird zum Absoluten erhöht, während er doch, als anthropologischer Reflex der Produktionsgesetze, in der emanzipierten Gesellschaft selber dem Bedürfnis kritisch konfrontiert werden müßte. Die Vorstellung vom fessellosen Tun, dem ununterbrochenen Zeugen, der pausbäckigen Unersättlichkeit, der Freiheit als Hochbetrieb zehrt von jenem bürgerlichen Naturbegriff, der von je einzig dazu getaugt hat, die gesellschaftliche Gewalt als unabänderliche, als ein Stück gesunder Ewigkeit zu proklamieren. Darin und nicht in der vorgeblichen Gleichmacherei verharrten die positiven Entwürfe des Sozialismus, gegen die Marx sich sträubte, in der Barbarei. Nicht das Erschlaffen der Menschheit im Wohlleben ist zu fürchten, sondern die wüste Erweiterung des in Allnatur vermummten Gesellschaftlichen, Kollektivität als blinde Wut des Machens. Die naiv unterstellte Eindeutigkeit der Entwicklungstendenz auf Steigerung der Produktion ist selber ein Stück jener Bürgerlichkeit, die Entwicklung nach einer Richtung nur zuläßt, weil sie, als Totalität zusammengeschlossen, von Quantifizierung beherrscht, der qualitativen Differenz feindlich ist. Denkt man die emanzipierte Gesellschaft als Emanzipation gerade von solcher Totalität, dann werden Fluchtlinien sichtbar, die mit der Steigerung der Produktion und ihren menschlichen Spiegelungen wenig gemein haben. Wenn hemmungslose Leute keineswegs die angenehmsten und nicht einmal die freiesten sind, so könnte wohl die Gesellschaft, deren Fessel gefallen ist, darauf sich besinnen, daß auch die Produktivkräfte nicht das letzte Substrat des Menschen, sondern dessen auf die Warenproduktion historisch zugeschnittene Gestalt abgeben. Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden. Zaungäste des Fortschritts wie Maupassant und Sternheim haben dieser Intention zum Ausdruck verholfen, so schüchtern, wie es deren Zerbrechlichkeit einzig verstattet ist.

Band 4: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Sur l‘eau. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1953-1955 (vgl. GS 4, S. 179)

Die stärkste alles beherrschende, selbstakkumulierende Macht ist nicht mehr der Kapitalismus, sondern die Bürokratie, die Rackets der Verwaltung.

Ich habe einem Richter, der mir einen Kindermörder zur Psychotherapie schicken wollte, geschrieben, daß ich bei dem Täter nichts zum Psychotherapieren sehe und daß es Menschen, gibt, die Böses tun, weil sie es tun _wollen_, und daß dann außer dieses Wollens gar keine andere Ursache gibt, und daß diese Täter nicht psychisch krank sind und nicht behandelt, sondern bekämpft, verfolgt und bestraft werden sollen. Und daß er seine Pflicht als Richter erfüllen soll und sich nicht seiner Verantwortung entzieht und den Verbrecher psychologisiert und in den Bereich der Psychiatrie aus dem Bereich der Justiz aussortiert, denn Verstehen ist nicht Exkulpieren. Ich bekam keine Antwort. Diese meine Meinung teilen die meisten meiner „Kollegen“ nicht, denn die Psychokratie ist sehr bemüht, alles und jedes als behandelbar zu erklären, um die Psychoindustrie maximal auszulasten und die ständig wachsende Macht der Psycho-Rackets weiter auszubauen und zu akkumulieren. Nicht der Kapitalismus ist heute die stärkste Macht, sonder die selbstakkumulierende Macht den Menschen verwaltender, ihn verdinglichender, ständig wachsender, alles fressender bürokratischer Krake der Institionen. So war die SU, so ist die EU.

Die stärkste alles beherrschende, selbstakkumulierende Macht ist nicht mehr der Kapitalismus, sondern die Bürokratie, die Rackets der Verwaltung.

Bürokratie, der Krake, der ohne Wasser leben kann (1)

Eines Morgens, es ist schon eine Weile her, weckte mich mein Radiowecker mit folgender Nachricht: Die Inhaberin einer Würstchenbude in München hat vom Finanzamt einen Umsatzsteuerbescheid über gut zwei Milliarden Euro erhalten. Sie meldete den Irrtum natürlich sofort, aber beim Finanzamt war man nicht so schnell bereit, diesen einzugestehen. Also nahm die Steuerschuldnerin anwaltliche Hilfe in Anspruch. Bei einem Streitwert von rund zwei Milliarden Euro hätte diese – laut Radiomeldung – etwa zwei Millionen Euro gekostet. Indes der Anwalt war bescheiden und wollte sich schon mit 600.000 Euro zufrieden geben. Auch das war dem Finanzamt aber zu viel. Also zog man vor Gericht.

Doch egal wie der Streit ausgegangen ist: Die viel zitierten Steuerzahler, also wir alle, sind die Dummen, denn wir müssen die Zeche zahlen. Auf die Ursache des Fehlers angesprochen, habe das Finanzamt lediglich versichert, man habe die internen Abläufe verbessert. Ein kluger Kopf beim Rundfunk hat ausgerechnet, dass die Inhaberin der Würstchenbude einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Würstchen, mit Brötchen versteht sich, hätte haben müssen, um auf diese Steuerschuld zu kommen. Die 800 Millionen Hungernden dieser Welt hätten es ihr gedankt. Die wahre Schuld betrug übrigens etwas über 100 Euro.

Was lernen wir aus dieser Meldung, die immerhin die segensreiche Funktion hatte, mich sofort hellwach zu machen? Albert Einstein hatte recht mit seiner Bemerkung: „Zwei Dinge sind grenzenlos: Das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum bin ich mir noch nicht sicher.“ Damit hätten wir eine Ursache der Bürokratie ausgemacht. Den Weg zu der zweiten eröffnet uns ein Gedanke des französischen Philosophen und Lyrikers Paul Valéry: „Zwei Dinge bedrohen die Welt: Die Ordnung und die Unordnung“. Fazit: Bürokratie ist unvermeidlich, aus ihren Klauen gibt es kein Entrinnen, nicht für Bürger, nicht für Politiker und schon gar nicht für die Bürokraten selbst.

Was ist eigentlich Bürokratie genau? Was meinen wir, wenn wir über Bürokratie klagen?

„Die Bürokratie ist ein gigantischer Mechanismus, der von Zwergen bedient wird.“ Mit diesem Satz von Honoré de Balzac, dessen ungeheures, unvergleichlich intuitives Wissen kein Geringerer als Stefan Zweig gerühmt hat, ist an sich schon alles gesagt. Nein, dies noch nicht: „Ein Bürokrat ist ein Mensch, der schon als Säugling unter der unendlichen Weite seines Laufstalls gelitten hat“ (Arnulf Rating, Kabarettist).

Das deutsche Wort „Bürokratie“ stammt – wie nicht wenige deutsche Wörter – aus zwei Sprachen: zur Hälfte aus dem Französischen und zur anderen Hälfte aus dem Griechischen. „Bureau“ bezeichnet im Französischen den Schreibtisch, aber auch das Arbeitszimmer, die Amtsstube, eine Gleichsetzung übrigens, die wir auch im Arabischen kennen, dort bedeutet „maktab“ (ﻣﻛﺗﺐ) ebenfalls Schreibtisch und Arbeitszimmer. Bureau leitete sich seinerseits ursprünglich von „bure“ ab, einem groben Wollstoff, mit dem man Schreibtische bezog. Aus dem Bezug wurde dann der Tisch selbst und daraus wiederum, weil er das wesentliche Utensil bildete, der gesamte Arbeitsraum. Den Wortteil „kratie“ kennen wir beispielsweise aus Demokratie, Aristokratie und Theo­kratie; er bedeutet „Herrschaft“ vom griechischen „krateia“. Bürokratie heißt demnach „Herrschaft des Arbeitszimmers oder der Amtsstube“.

Der Begriff „bureaucratie“ wurde von dem französischen Regierungsbeamten (Marineministerium) und Wirtschaftswissenschaftler (ihm wird das Motto zugeschrieben: „Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même“) Vincent de Gournay (1712 – 1759) geprägt, der die Tendenz zu immer mehr Schreibstuben und Kanzleien beobachtete (Werner Bruns, Zeitbombe Bürokratie. So verwalten wir uns zu Tode, S. 29).

Was fangen wir mit diesen Begriffsbestimmungen und Erklärungen an? Und vor allem: Was ist daran so aufregend und bedeutungsvoll, dass der Abbau von Bürokratie zur politischen „Chefsache“ geworden ist, mit der Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und Minister, jeweils beiderlei Geschlechts, in Wahlkämpfen Stimmen zu gewinnen versuchen? Und warum ist „Bürokrat“ zum Schimpfwort geworden?

Bürokratie ist keine europäische Erfindung sondern total international

Schauen wir uns zunächst mal an, wie Verwaltungssysteme funktionierten, bevor sie „vom Schreibtisch aus“ betrieben wurden. An dieser Stelle ist es wichtig zu erkennen, dass wir uns von einer eurozentrierten Betrachtungsweise lösen müssen, zu der wir natürlicherweise neigen. Henry Jacoby (Die Bürokratisierung der Welt, Seite 23) weist darauf hin, dass „Bürokratie keine europäische Erfindung ist. Bürokratie hat es überall dort gegeben, wo es Aufgaben für große Gruppen von Menschen in einem großen Raum zentral zu lösen gab.“ Mag der Begriff „Bürokratie“ auch europäischen Ursprungs sein, sein Inhalt ist es keineswegs.

Zwar hat irgendjemand, der den Europäern schmeicheln wollte, mal gesagt, dass in Europa bereits eine Hochkultur herrschte, als die Bewohner Amerikas, womit wohl die Indianer gemeint waren, noch auf Fellen schliefen. Aber er hätte natürlich auch sagen können, dass die heute als rückständig geschmähten Araber über öffentliche Bäder, Krankenhäuser und Bibliotheken verfügten, als in den europäischen Städten noch ein Gestank herrschte, wie ihn Patrick Süskind für Paris in seinem Buch „Das Parfüm“ so anschaulich beschrieben hat. Entsprechendes ließe sich über das Reich der Inka, der alten Perser, Ägypter, Inder oder Chinesen und natürlich der Römer sagen. „Ägypten ist schon im 12. Jahrhundert vor Christus ein wahrer Beamtenstaat mit allen charakteristischen Zügen einer bürokratischen Verwaltung“ (Otto Hintze, Beamtentum und Bürokratie, S. 28).

Der persische König Dariusch I. (522 bis 486 vor Christi Geburt), den wir bezeichnenderweise überwiegend unter seinem griechischen Namen Dareios kennen, herrschte über ein riesiges Reich, das „nur durch eine bewundernswert funktionierende Verwaltung zusammengehalten werden“ konnte, wie Heidemarie Koch in ihrem lesenswerten Buch „Es kündet Dareios der König …“ schreibt. „Befand sich beispielsweise ein Beamter auf Reisen, so führte er mit sich einen gesiegelten Reisepaß. Auf diesem war vermerkt, in wessen Auftrag er reiste, welche Strecke er zurückzulegen hatte und was er an Mehl, Wein und auch Fleisch für seinen persönlichen Unterhalt und gegebenenfalls für den seiner Begleitung und Dienerschaft zu erhalten hatte. Über diese Ausgaben wurden dann gleich wieder Buch geführt.“ Von jedem in Keilschrift auf kleine Tontafeln geritzten Beleg wurden zwei Abschriften gefertigt. „Ein Exemplar verblieb bei der Poststation, eine Abschrift ging an die Intendatur des Verwaltungsbezirks und eine weitere direkt an die Zentrale in Persepolis.“

Tontafeln und Sechsaugen-Prinzip in Persien

„Doch das achämenidische Kontrollsystem“, schreibt Koch weiter, „erschöpfte sich nicht im Sammeln dieser Einzelbelege. Alle zwei Monate mußte eine zusammenfassende Abrechnung aller Einzelposten angefertigt werden. Diese erleichterte auch der Zentrale in Persepolis die Überprüfung.“ Schließlich wurden noch „Jahresendabrechnungen“ erstellt. „In ihnen werden sämtliche Einnahmen und Ausgaben eines Jahres zusammengestellt. Diese Tontafeln müssen natürlich ein viel größeres Format haben. Für die Richtigkeit dieser Gesamtabrechnungen sind drei Beamte verantwortlich.“ Und so weiter und so weiter. Also, Bürokratie schon vor zweieinhalbtausend Jahren. Und wer weiß, wie es Tausend Jahre davor bei den Chinesen ausgesehen hat!

Wir können also durchaus als Zwischenbilanz festhalten, dass das Phänomen „Bürokratie“ wesentlich älter ist als der Begriff, der dieses Phänomen bezeichnet. Er bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine rationale, systematische, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Methode der Verwaltung. Diese stellt sich einfach als notwendig heraus, sobald das zu verwaltende Gebiet und die Zahl der darin lebenden Menschen eine kritische Größe überschreiten, die ohne bürokratische Hilfen nicht mehr beherrschbar ist. In diesem Sinne ist Bürokratie zunächst wertfrei nichts weiter als ein Hilfsmittel oder eine Methode, ein Bündel von Maßnahmen, mit denen das erstrebte Ziel möglichst effektiv erreicht werden kann. So wird „Bürokratie“ auch heute noch nicht selten als Synonym für „Verwaltung“ gebraucht, ohne dass damit von vornherein ein negativer Beigeschmack verbunden ist.

Wer sich über unsere heutige Bürokratie beklagt, tut gut daran, sich einmal die Regelungen aus der „guten alten Zeit“ in den polizeistaatlich geprägten deutschen Staaten anzuschauen, namentlich in Preußen, aber auch in Bayern, Württemberg, Sachsen und im habsburgischen Österreich. Als Polizeistaat bezeichnen wir einen Staat, der in sehr starker, aus heutiger Sicht zu starker, Weise in das Leben seiner Bürger reglementierend eingreift. Das kann in zwei Richtungen gehen: in Richtung „Wohlfahrtsstaat“ und in Richtung „Überwachungsstaat“, schlimmstenfalls in beide. Dabei wurde Polizei im Sinne der klassischen Formulierung in § 10 II 17 ALR, des Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 (erst 1931 durch Einführung des Preußischen Polizeiverwaltungsgesetzes [PVG] abgelöst), verstanden: „Die nöthigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publico oder einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehenden Gefahr zu treffen, ist das Amt der Policey.“

Die Polizey des 18. und frühen 19. Jahrhunderts unterschied sich nicht nur in ihrer Schreibweise von der heutigen Polizei. Die Polizey war nicht allein für Überwachung und Bestrafung, sondern auch für Gesetzgebung und die private wie allgemeine „Glückseligkeit“ zuständig. Sie leitete sich vom griechischen „politeia“ – Staat, Verfassung – ab und erhob die öffentliche Sorge für die „Wohlfahrt“ der Einzelnen wie des ganzen Gemeinwesens zu ihrem Anliegen. Die Polizey verkörperte damit die gesamte innere Staatsverwaltung, und ihr Gegenstandsbereich wurde nahezu grenzenlos. So gab es eine „Moralpolizey“ neben der „Kultur- oder Bildungs-Polizey“, es existierte die „medizinische Polizey“ ebenso wie die „Armenpolizey“ oder die „Bevölkerungspolizey“, die „Polizey der Sittlichkeit“, die „Polizey der Erziehung“ und viele mehr. Der ganze Komplex der Erziehung und Bildung, der Religion und des sittlichen Verhaltens war in den Bereich der Polizey mit einbezogen.

Wer mehr wissen möchte lese den informativen Beitrag „Die Polizey und die Mütter“ von Sabine Toppe im Forschungsmagazin der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, dem der vorstehende Absatz entnommen ist.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Hat Amerika es besser?

Der Verfasser hat 37 Jahre in der öffentlichen Verwaltung in Baden-Württemberg gearbeitet, davon 35 Jahre im Innenministerium in Stuttgart. In den Jahren 1973/74 war er Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Innere Verwaltungsreform“, die frischen Wind in die Amtsstuben bringen sollte.

Der alte Goethe stieß einst seinen sprichwörtlichen Seufzer aus „Amerika, du hast es besser“. Aber da kannte er die US-amerikanische Bürokratie noch nicht. Wernher von Braun (1912 – 1977) hat dazu lakonisch festgestellt: „Bei der Eroberung des Weltraums sind zwei Probleme zu lösen: die Schwerkraft und der Papierkrieg. Mit der Schwerkraft wären wir fertig geworden.“  In jedem der 50 Bundesstaaten gibt es mindestens eine kuriose, meist uralte Bestimmung, die aber heute noch gilt. Sehr viele betreffen das Sexualleben, wie das bei den als prüde geltenden Amerikanern (Vorsicht „Generalverdacht“!) nicht anders zu erwarten war.

(1) Alabama. Männer dürfen ihre Ehefrauen nur mit einem Stock prügeln, dessen Durchmesser nicht größer ist als der ihres Daumens. Das erinnert fatal an die Festlegung der Steingröße für die Steinigung im iranischen Strafgesetzbuch.

(2) Alaska. In Fairbanks dürfen es Bewohner nicht zulassen, dass sich Elche auf offener Straße paaren.

(3) Arizona. Rock ist Pflicht. In Tucson dürfen Frauen keine Hosen tragen.

(4) Arkansas. In Little Rock, der Heimatstadt von US-Ex-Präsident Bill Clinton (das war der Mann aus dem „Oral Office“), kann Flirten in der Öffentlichkeit mit 30 Tagen Gefängnis bestraft werden.

(5) Colorado. In Denver ist es verboten, seinen Staubsauger an die Nachbarn auszuleihen.

(6) Connecticut. Der Sonntag gehört Gott allein. In Hartford ist es strengstens verboten, Frauen am Tag des Herrn zu küssen.

(7) Delaware. In Lewes gilt es als illegal, figurbetonte Hosen zu tragen.

(8) Florida. Ledige, geschiedene und verwitwete Frauen dürfen an Sonn- und Feiertagen nicht Fallschirm springen.

(9) Georgia. In Modehäusern ist das Entkleiden von Schaufensterpuppen ohne zugezogene Vorhänge illegal.

(10)  Hawaii. Wer sich in der Öffentlichkeit nur mit einer Badehose zeigt, muss mit Bestrafung rechnen.

(11)  Idaho. In Coeur d’Alene steht Sex im Auto unter Strafe; Polizisten, die „Täter“ auf frischer Tat ertappen, müssen vor der Festnahme jedoch hupen und dann drei Minuten warten. Außerehelicher Sex ist seit 1921 verboten.

(12)  Illinois. Wer in Oblong an seinem Hochzeitstag jagen oder fischen geht, muss auf Sex verzichten.

(13) Indiana. In Gary steht es unter Strafe, innerhalb von vier Stunden nach dem Genuss von Knoblauch ins Theater zu gehen.

(14)  Iowa. Mit Fahne läuft nichts. In Aimes dürfen Ehemänner nicht mehr als drei Schluck Bier trinken, bevor sie sich zu ihren Frauen ins Bett legen.

(15)  Kalifornien. In Pasadena dürfen Sekretärinnen nicht mit ihrem Chef allein in einem Zimmer sein.

(16)  Kansas. In Wichita ist die Misshandlung der Schwiegermutter kein Grund für eine Scheidung.

(17)  Kentucky. Frauen dürfen nicht im Badeanzug auf die Straße – es sei denn, sie wiegen weniger als 42 bzw. mehr als 92 Kilo, oder sie sind bewaffnet.

(18)  Louisiana. Gurgeln in der Öffentlichkeit ist verboten.

(19)  Maine. In Portland dürfen Männer Frauen nicht mit einer Feder am Kinn kitzeln.

(20)  Maryland. In Baltimore müssen verliebte Pärchen vorsichtig sein. Es ist illegal, sich länger als eine Sekunde offen zu küssen.

(21)  Massachusetts. In Salem dürfen selbst verheiratete Paare nicht nackt in Mietwohnungen schlafen.

(22)  Michigan. In Detroit ist Geschlechtsverkehr im Auto illegal, außer auf dem eigenen Grundstück. Fluchen in Gegenwart von Kindern ist nach einem Gesetz von 1897 verboten.

(23)  Minnesota. In Alexandria ist Sex zwischen Ehepartnern verboten, wenn der Mann Mundgeruch hat.

(24)  Mississippi. Bärtige Männer müssen sich in Acht nehmen. Das Rasieren auf der Hauptstraße ist verboten.

(25)  Missouri. In Leadwood ist es Piloten verboten, während des Flugs Wassermelone zu essen.

(26)  Montana. In Bozeman steht Sex im eigenen Vorgarten nach Sonnenuntergang unter Strafe.

(27)  Nebraska. In Hastings müssen Ehepartner beim Sex Nachthemden tragen.

(28)  Nevada. In Las Vegas ist es illegal, sein Gebiss zu verpfänden.

(29)  New Hampshire. Wer unter falschem Namen zum Schäferstündchen im Hotel eincheckt, macht sich strafbar.

(30)  New Jersey. Wer in Liberty Corner beim Sex im Auto versehentlich an die Hupe gerät, kann mit Gefängnis bestraft werden.

(31)  New Mexico. In Carrizozo ist es Frauen streng verboten, mit einem Damenbart oder mit unrasierten Beinen in der Öffentlichkeit zu erscheinen.

(32)  New York. In Brooklyn dürfen Esel nicht in Badewannen schlafen.

(33)  North Carolina. Paare dürfen nur dann in einem Hotelzimmer schlafen, wenn die Betten einen Mindestabstand von 60 Zentimetern haben.

(34)  North Dakota. Beim Schlafen Schuhe zu tragen ist verboten.

(35)  Ohio. In Oxford dürfen sich Frauen nicht vor Bildern, die Männer zeigen, ausziehen.

(36)  Oklahoma. In Clinton ist es verboten, anderen beim Sex zuzuschauen und dabei zu masturbieren.

(37)  Oregon. In Willowdale dürfen Ehemänner beim Sex nicht fluchen.

(38)  Pennsylvania. In Harrisburg dürfen Fernfahrer in Kassenhäuschen von Mautstellen keinen Sex haben.

(39)  Rhode Island.In Newport ist Pfeifenrauchen nach Sonnenuntergang verboten.

(40)  South Carolina. Ohne offizielle Erlaubnis darf niemand in Abwasserkanälen schwimmen.

(41)  South Dakota. In den Hotels von Sioux Falls ist Sex auf dem Fußboden illegal.

(42)  Tennessee. In Dyersburg dürfen Frauen Männer nicht zum Rendezvous einladen.

(43)  Texas. In San Antonio ist der Gebrauch von Augen und Händen beim Flirten illegal.

(44)  Utah. In Tremonton ist Sex im Notarztwagen während eines Rettungseinsatzes verboten.

(45)  Vermont. Frauen brauchen für Zahnkronen oder Brücken die schriftliche Genehmigung ihres Ehemanns.

(46)  Virginia. In Lebanon dürfen Männer ihre Ehefrau nicht per Fußtritt aus dem Bett befördern.

(47)  Washington. In Bellingham dürfen Frauen beim Tanzen nicht mehr als drei Schritte rückwärts machen. In Seattle ist Sex mit Jungfrauen vor der Ehe verboten – Hochzeitsnacht eingeschlossen!

(48)  West Virginia. Ärzte dürfen Frauen nur im Beisein einer dritten Person unter Narkose setzen.

(49)  Wisconsin. In Connorsville dürfen Männer nicht ihr Gewehr abfeuern, während ihre Partnerin einen Orgasmus hat.

(50)  Wyoming. Frauen müssen in Bars einen Mindestabstand von 1,50 Meter zum Tresen einhalten.

Und schließlich: Washington D. C. In der US-Hauptstadt ist beim Sex nur die Missionarsstellung erlaubt; alle anderen Positionen stehen unter Strafe.

Da kann man mit Obelix nur sagen „Die spinnen, die Amis“ und so lautete auch der Titel des Berichts im „Focus“ (Nr. 45 vom 8. November 1999), dem ich diese Kuriosa entnommen habe.

Die USA sind übrigens auch das Land, wo Mikrowellen den Warnhinweis enthalten müssen, dass man seine Katze nicht hineinsetzen darf, wenn die Hersteller der Produkthaftung entgehen wollen. Und wo auch schon mal 198 Jahre Freiheitsstrafe verhängt werden. Vor diesem Hintergrund klingt die folgende Geschichte nicht unbedingt überzeugend: „Ein amerikanischer und ein deutscher Brückenbauer wetten, wer schneller bauen könne. Noch einem Monat telegrafiert der Amerikaner: ‚Noch zehn Tage, und wir sind fertig!‘ Der Deutsche kabelt zurück: ‚Noch zehn Formulare, und wir fangen an!'“ (Dieter Lau/Ulrich Fried, Die Herrschaft der Bürokratie, Seite 42). Und wenn man dann noch aus Anlass des Einsturzes einer Brücke am 1. August 2007 im Bundesstaat Minnesota (9 Tote, 60 Verletzte und 20 Vermisste) gelesen hat, dass 40 Prozent aller Brücken allein in diesem Bundesstaat als „strukturell mangelhaft“ eingestuft werden, gerät man doch ins Grübeln, ob Geschwindigkeit tatsächlich immer das Maß aller Dinge ist.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Frankreich und Italien – von wegen Gelassenheit

Der Verfasser hat 37 Jahre in der öffentlichen Verwaltung in Baden-Württemberg gearbeitet, davon 35 Jahre im Innenministerium in Stuttgart. In den Jahren 1973/74 war er Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Innere Verwaltungsreform“, die frischen Wind in die Amtsstuben bringen sollte.

Nachdem wir in der letzten Folge eine kleine Exkursion in die amerikanische Bürokratie unternommen haben, kehren wir also wieder zurück nach Old Europe und schauen uns hier ein wenig um. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele: Frankreich und Italien.

Frankreich. In seinem Buch „Spätburgunder“ schildert Adolf Ströbele, wie er nach seiner Pensionierung mit seiner Frau sechs Jahre lang in einem Dorf in der Nähe von Cluny gelebt und dabei auch die französische Bürokratie kennen gelernt hat. „Ursprünglich hatten wir vor“, schreibt Ströbele, „in Deutschland alle Brücken abzubrechen und unseren ersten und einzigen Wohnsitz in Frankreich zu nehmen. Ich stellte mir das ziemlich einfach vor, da Deutschland und Frankreich Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft sind.“

„So gingen wir frohgemut aufs Rathaus unseres neuen Wohnorts in Frankreich. Der Bürgermeister hatte Sprechstunde, aber die Sekretärin war wegen der Sommerferien nicht da. Wir wurden freundlich empfangen. Aber als wir erklärten, dass wir die Aufenthaltsgenehmigung beantragen wollten, die von vielen Einwanderern heißt begehrte ‚carte de séjour‘, verwies er uns erleichtert an die Sekretärin. Das sei ihre Aufgabe und ziemlich kompliziert. In vier Wochen sei sie wieder da. Die Angelegenheit erfordere ja keine besondere Eile.

Mein Versuch ein Auto in Frankreich zuzulassen lief total ins Leere

Dem stimmten wir gerne zu, und beim Hinausgehen empfanden wir den Vorfall als weiteren Beweis dafür, wie locker es in Frankreich zugehe und dass selbst der Bürokratie hierzulande eine gewisse Gemütlichkeit nicht abzusprechen sei.“ Das sollte sich allerdings als schwerwiegender Irrtum herausstellen. „Mein erster Versuch, unserem Auto eine französische Nummer zu verpassen, blieb im Dickicht der französischen Bürokratie stecken.“

Nach dem Verkauf des alten Wagens und der Anschaffung eines neuen, eines Campingwagens, ging es in die zweite Runde. Da in Frankreich ein anderer Gasdruck für Campingfahrzeuge vorgeschrieben sei, müsse der Druckregler ausgetauscht werden, erklärte der zuständige Ingenieur. „Dass man damit Kühlschrank, Herd und Heizung austauschen müsse, die für einen bestimmten Gasdruck gebaut werden, verschwieg er weise.“ Schließlich drückte dem frankophilen Deutschen ein freundlicher junger Mann vier DIN-A4-Seiten über Campingfahrzeuge in die Hand.

Bei der Übertragung des Amtsfranzösischen ins Deutsche und der Lektüre zahlreicher Querverweise verließ den „Spätburgunder“ dann die Kraft und er verzichtete darauf, sein Fahrzeug in Frankreich zuzulassen. Diese Entscheidung setzte allerdings einen ersten Wohnsitz in Deutschland voraus, der schnell bei seiner Tochter in Freiburg gefunden war. „So brauchte ich auch keine Aufenthaltsgenehmigung mehr. Das Haus in Frankreich war damit unser zweiter Wohnsitz.“

Damit aber noch nicht genug. Bei der anstehenden Volkszählung in Frankreich legte der Bürgermeister großen Wert darauf, dass die beiden Zugezogenen mitgezählt wurden, weil die Gemeinde andernfalls für sie beide kein Geld bekäme. Merke also: Das Wort Bürokratie kommt nicht nur aus dem Französischen und wurde von einem Franzosen geprägt, auch das Phänomen ist in Frankreich durchaus bekannt.

Die Italiener und die Kunst des sich arrangierens

Italien. „Es ist vielleicht keine besondere Ehre, aber ein großes Vergnügen, Italiener zu sein. Wie machen sie das bloß, die Italiener? Wenn deutsche Fernsehzuschauer und Leser der Skandalpresse Berichte über die Zustände in der Spaghetti-Republik sehen, kommen sie aus der Verwunderung nicht heraus. Ein Staat, der jährlich fast 180 Milliarden Mark Defizit macht und dessen Gesamtverschuldung auf 1800 Milliarden angewachsen ist, müßte der nicht längst Bankrott erklären? Ineffiziente Verwaltung, häufige Streiks, Chaos – was funktioniert da unten im Süden überhaupt noch? Vielleicht nur – wie böse Zungen behaupten – die Korruption, die (wenigstens bis vor kurzem) buchstäblich wie geschmiert lief? Oder die Mafia? Wer mit Klischeevorstellungen nach Italien reist, bemerkt jedoch erstaunt: Millionen Bürger dort überleben nicht bloß, sondern sie leben sogar sehr gut; eine gar nicht so kleine Schicht kann sich Luxus leisten, auch wenn sie dies vor dem Fiskus geschickt verbirgt. Die ‚italiani‘, kein Zweifel, haben als Volk mehr Ressourcen, als Statistiken auf den ersten Blick ahnen lassen. Und je deutlicher sie die Wirtschaftskrise spüren, umso mehr bewähren sich ihre charakteristischen Fähigkeiten: Flexibilität, Phantasie und die Kunst des ‚arrangiarsi‘, des Sicharrangierens.“

So begann ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 27. November 1993 unter der Überschrift: „Römische Lebenskünstler. Hauptsache durchwursteln oder: Überleben auf italienisch“.

Weiter erfährt man: „Im Blaumachen leisten die Staatsdiener Beachtliches. Beliebt sind Krankmeldungen; wer lange wegbleiben möchte, läßt sich von einem befreundeten Doktor „nervöse Erschöpfung“ bescheinigen. Auch jene Beamten, die morgens durchaus ins Büro kommen, verstehen es glänzend, den Dienst durch ausgedehnte Kaffeepausen und Einkaufsbummel aufzulockern.“ Das Ummelden eines Autos zum Beispiel ist eine enorm zeit- und geldaufwendige Prozedur, von der außerdem nicht von vornherein feststeht, ob sie am Ende von Erfolg gekrönt ist.

Auf der anderen Seite: Als Papst Johannes Paul II. am 2. April 2005 starb, rätselte die deutsche Presse, wie die italienischen Ordnungskräfte den Ansturm der rund 3,5 Millionen Pilger am Tag der Beisetzung organisatorisch verkraften würden. Und siehe da: Es klappte ohne nennenswerte Probleme.

In dem erwähnten Bericht der Stuttgarter Zeitung heißt es in bemerkenswerter Vorahnung:

„Ordnungsliebende, pingelige Zeitgenossen von nördlich der Alpen können sich an die italienische Konfusion und den italienischen Hang zur Anarchie nur schwer gewöhnen. Aber es gibt Ausnahmen. Mancher im Südstaat tätige Ausländer gewinnt dem Leben all’italiana schnell positive Seiten ab. Der ein oder andere sieht bella Italia gar als Laboratorium, wo man vorexerziert, was andere Völker dann nolens volens nachmachen. So etwa Victor J. Willi, ein seit langem bei Rom lebender Schweizer Publizist und Soziologe, in seinem Buch ‚Überleben auf italienisch‘. Die Italiener, betont der Autor, haben stichhaltige Gründe, mit dem Chaos auf gutem Fuß zu stehen. Denn sie lernen von der Wiege bis zur Bahre seine geheimen Vorzüge kennen. Das italienische ‚System‘ ist niemals langweilig, bietet ständig Überraschungen und spornt somit die geistige Beweglichkeit an. ‚Heute stellt sich die bange und doch, von Rom her gesehen, hoffnungsvolle Frage, ob die Menschheit sich nicht wohl oder übel nach Italien auszurichten habe, wo die Bürger gelernt haben, mit dem Chaos zu leben und immer wieder etwas Gutes aus dem Wirrwarr zu machen.‘ Da kann man nur sagen: Chaoten aller Länder, auf zur Studienreise gen Rom!“

Als Dritten im Bunde könnte man noch Griechenland anfügen. Doch die armen Helenen werden seit Jahren schon genug gebeutelt, so dass ich ihnen einen Auftritt in diesem Zusammenhang erspare.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Deutschland und der Versuch auszumisten

Der Verfasser hat 37 Jahre in der öffentlichen Verwaltung in Baden-Württemberg gearbeitet, davon 35 Jahre im Innenministerium in Stuttgart. In den Jahren 1973/74 war er Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Innere Verwaltungsreform“, die frischen Wind in die Amtsstuben bringen sollte.

Mag unsere Bürokratie uns auch manchmal zu „Wutbürgern“ machen – die Auffassung, woanders sei es besser, erweist sich – wie die vorherigen Folgen gezeigt haben, bei näherem Hinsehen schnell als Irrtum. Es ist alles eine Frage der Gewohnheit. Und der Deutsche meckert und jammert offenbar gern, besonders über „die da oben“. Summa summarum sind wir, im internationalen Vergleich, mit unserer Bürokratie nicht schlecht bedient. Das heißt natürlich keineswegs, dass es hier nichts zu verbessern gäbe. Aber es relativiert doch manche Kritik und manchen Ärger.

„Wir wollen und wir können!“ antwortete der seinerzeitige Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel, Rheinland-Pfalz, auf die Frage „Wollen oder können die Politiker den Gordischen Knoten der Überbürokratisierung nicht durchhauen?“

Volker Giersch, bis Ende 2015 Hauptgeschäftsführer der IHK Saarland schrieb dazu vor einigen Jahren:

„Schon viele Bundesregierungen hatten den Bürokratieabbau auf ihre Fahnen geschrieben, ohne nennenswerten Erfolg. Die derzeitige Regierung scheint es aber ernst zu meinen: Bis 2011 sollen die Bürokratiekosten um ein Viertel gesenkt werden. Das wäre immerhin eine Einsparung von rund 20 Milliarden Euro.

Als einen Schritt zu diesem Ziel hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr einen Normenkontrollrat ins Leben gerufen. Das ist ein unabhängiges Kontroll- und Beratungsgremium, das neue Gesetze auf Bürokratiekosten überprüfen soll. Im ersten Jahr seines Bestehens hat dieses Gremium bereits 190 Gesetzes- und Verordnungsentwürfe geprüft, die zusammen 358 Informationspflichten enthalten. Dank seiner Tätigkeit wurden davon 109 Informationspflichten geändert und 51 aufgehoben.

Damit hat der Rat in zum Teil mühsamer Kleinarbeit das Entstehen von noch mehr Bürokratie durch neue Gesetze verhindert oder abgemildert. Die Wirtschaft spart dadurch jährlich fast 800 Millionen Euro an Bürokratiekosten. Hinzu kommt, dass allein schon die Existenz des Rates dazu führt, dass die Ministerien sich bei der Formulierung von Gesetzen bereits darum bemühen, Bürokratie möglichst einzudämmen.“

Jetzt soll man ja die Hoffnung nicht aufgeben und nicht gleich alles madig machen, was nicht in die eigene Erfahrungs- und Vorstellungswelt passt. Und ich will auch keineswegs ausschließen, dass tatsächlich Informationspflichten entfallen sind und dadurch Kosten reduziert wurden. Eine nachhaltige Verbesserung kann aber von keinen Gremium der Welt (was heißt hier schon „unabhängig“?) erwartet werden.

Ein „Nationaler Normenkontrollrat“ als Bürokratiekiller – nicht doch

Allein Name und Organisation des „Nationalen Normenkontrollrats“ (NKR) – so seine offizielle Bezeichnung – sprechen eine beredte Sprache: Auf Vorschlag der Bundeskanzlerin hat der Bundespräsident am 19. September 2006 acht Mitglieder in den Normenkontrollrat berufen. Mittlerweile sind es zehn. Vorsitzender ist Dr. Johannes Ludewig (Jahrgang 1945, CDU, ehemaliger Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Bahn AG, Staatssekretär a. D. im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie). Die Amtszeit der Mitglieder beträgt fünf Jahre. Eine erneute Berufung ist möglich. Der Rat setzt sich aus Vertretern der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Justiz und Verwaltung zusammen. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich. Zu seiner operativen Unterstützung wurde ein Sekretariat mit Sitz im Bundeskanzleramt eingerichtet. Im Sekretariat arbeiten derzeit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Noch Fragen?

So, jetzt haben wir uns von den alten Ägyptern bis Uncle Sam alle Bürokraten der Vergangenheit und Gegenwart vorgeknöpft. Alle? Und was ist mit der EU? Der Nobelpreisträgerin unter den Bürokraten? Mein Gott, wie konnte ich diesen Superkraken nur übersehen! Den Schrecken aller Bananen- und Gurken-Liebhaber, denen ihr Lieblingsobst und -gemüse je besser mundet, desto krummer es ist, und die deshalb den Megabürokraten aus Brüssel besonders gram waren, weil die ihnen dieses Vergnügen durch ihre Verordnung (EG) Nr. 2257/94 für „Eurobananen“ und die Verordnung Nr. 1677/88/EWG zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken vermiest hatte.

Dabei spielt es keine Rolle, dass die erste Verordnung den Krümmungsgrad der Bananen gar nicht regelt und die Gurkenverordnung seit über sieben Jahren aufgehoben ist. Egal. Es bleiben immer noch rund 12.000 Richtlinien, durch die sich die Briten nach ihrem Brexit während der nächsten zwei Jahre in ihren Verhandlungen mit den EU-Vertretern durchwühlen müssen. Diesen Augias-Stall hat auch Edmund Stoiber in den acht Jahren nicht ausmisten können, in denen er eine Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission zum Abbau der Bürokratie in der EU geleitet hat. Allerdings soll die Arbeit dieser Gruppe dazu beigetragen haben, dass die Unternehmen in Europa jedes Jahr 33 Milliarden Euro an Kosten einsparen.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Parkinsons Gesetz und Murphy’s Law

Der Verfasser hat 37 Jahre in der öffentlichen Verwaltung in Baden-Württemberg gearbeitet, davon 35 Jahre im Innenministerium in Stuttgart. In den Jahren 1973/74 war er Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Innere Verwaltungsreform“, die frischen Wind in die Amtsstuben bringen sollte.

achgut.com

Bürokratie, der Krake, der ohne Wasser leben kann (5)

Was ist eigentlich  Parkinson und einigen anderen? Richtig, das hätte ich fast vergessen. Wenn man Parkinsons Gesetz liest, ist man hin und her gerissen: Ist das Wahrheit oder Satire? Sie erinnern sich noch an den Umsatzsteuerbescheid über zwei Milliarden Euro für die Würstchenbudenbesitzerin, den ich gleich zu Anfang erwähnt habe. Und jede Verwaltungskollegin und jeder Kollege hat ähnliche Geschichten erlebt. Ihr Unterhaltungswert ist allerdings für die Betroffenen wesentlich geringer als für den unbeteiligten Zuhörer oder Leser.

Deswegen ist die Satire ja so wichtig, um mit dem Frust oder der Wut fertig zu werden. Schmunzeln baut Aggressionen ab, Lachen noch mehr. Ein weiterer Brite liefert übrigens zum Thema Bürokratie ebenfalls eine Satire, nämlich Charles Dickens mit seinem „Umständlichkeitsamt“ oder „Amt für Umschweife“ (Circumlocution Office) in „Little Dorrit (1857). Und einige von Ihnen kennen vielleicht aus Wiederholungen auch Monty Python’s Flying Circus aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre mit dem „Ministry of Silly Walks“. Also ohne Satire geht’s bei diesem Thema nicht.

Parkinsons Gesetz und andere Untersuchungen über die Verwaltung

So, damit dürften Sie genügend vorbereitet sein auf „Parkinsons Gesetz und andere Untersuchungen über die Verwaltung“ (rororo). Zu den letzteren gehört eine Abhandlung über das Entwerfen von Fragebögen, einem veralteten Ausdruck für Formulare, die zum Kernbestand jeder Bürokratie gehören. Parkinson bemerkt dazu: „Die Kunst, Fragebögen richtig zu entwerfen, hängt von drei Voraussetzungen ab: Unklarheit, Mangel an Raum und der Androhung schwerer Strafen für falsche Angaben. In der Fragebogen-Entwurfsabteilung eines großen Hauses wird die Forderung nach Unklarheit in der Regel von mehreren Unterabteilungen bearbeitet, welche Spezialisten für zweideutige Ausdrucksweise, für Fragen nach unwesentlichen Dingen und außerdem besondere Jargon-Experten beschäftigen“ (S. 116 f.).

Jetzt übertreibt er aber, denke ich jedes Mal, wenn ich diese Passage lese. Und jedes Mal treffe ich wieder auf ein schlagendes Beispiel gerade für diese These Parkinsons. Wie mag es da dem „Normalbürger“ gehen? Ganz zu schweigen von dem schier unlösbaren Problem, das einst der Kabarettist Dieter Hildebrandt dem verblüfften Fernsehpublikum präsentierte: Es handelte sich um einen Antrag auf Kindergeld, der – wie viele andere Formulare – den Hinweis enthielt, dass alle stark umrandeten Felder nur von der Behörde auszufüllen seien. Soweit, so gut. Aber auch das Feld, in dem der Bürger durch rechtsverbindliche Unterschrift bestätigen sollte, dass er den Antrag nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt habe, war mit einem dicken Rahmen versehen (Dieter Lau/Ulrich Fried, Die Herrschaft der Bürokratie, S. 39 f.).

Murphy’s Law: Der Mensch, das Schicksal und der Hang zum Desaster

Parkinson’s Law wird durch ein anderes Gesetz ergänzt, das besonders in großen Organisationen seinen festen Platz hat, nämlich „Murphy’s Law“. Der Entdecker dieses Gesetzes, Edward A. (Aloysius) Murphy Jr. (1918-1990), ein US-amerikanischer Air Force-Ingenieur, der für die Luftwaffe unfallsichere Pilotensitze konstruieren sollte, hat übrigens dafür posthum (2003) den Nobelpreis erhalten – allerdings nur den Ig-Nobelpreis (von englisch ignoble: unwürdig, schmachvoll, schändlich), gelegentlich als „Anti-Nobelpreis“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine satirische Auszeichnung, die von der Harvard-Universität in Cambridge (USA) für unnütze, unwichtige oder skurrile wissenschaftliche Arbeiten verliehen wird. Die Verleihung fand erstmals 1991 (am MIT) statt.

Die „Dankesrede“ anlässlich der Preisüberreichung darf nicht länger als eine Minute dauern, nach anderer Version nicht mehr als sieben Worte umfassen. Murphys Gesetz besagt, „Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es auch (irgendwann mal) schief.“ Das ist allerdings die volkstümliche Formulierung. Richtig lautet das Gesetz: „Wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt, eine Sache zu erledigen, und eine der Möglichkeiten endet in einem Desaster, dann findet sich jemand, der diesen Weg einschlägt.“ – „If there’s more than one possible outcome of a job or task, and one of those outcomes will result in disaster or an undesirable consequence, then somebody will do it that way.“

Das ist – jedenfalls in einer bürokratischen Organisation – mitnichten eine unnütze oder unwichtige Erkenntnis, sondern von fundamentaler Bedeutung. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst und damit auch so alt wie die Bürokratie. In einem ägyptischen Gedicht („Der Mann, der seines Lebens müde war“) aus dem Jahre 1990 v. Chr. heißt es bereits: „Das Fehlerhafte durchstreift die Erde und kein Ende ist in Sicht.“ Und von Gaius Iulius Caesar stammt der Satz: „Was es Schlechtes geben kann, wird auch geschehen“ (Quod malum posset futurum) .

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Warumdie  Zahl der Beschäftigten sich ständig vermehrt und zwar unabhängig davon, ob die Arbeit zu- oder abnimmt.

Der Verfasser hat 37 Jahre in der öffentlichen Verwaltung in Baden-Württemberg gearbeitet, davon 35 Jahre im Innenministerium in Stuttgart. In den Jahren 1973/74 war er Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Innere Verwaltungsreform“, die frischen Wind in die Amtsstuben bringen sollte.

Theodor W. Adorno: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit,“

Cornell University
Theodor W. Adorno, „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit,“ Gesammelte Schriften 10.2. Kulturkritik und Gesellschaft II: Eingriffe. Stichworte. Anhang by Theodor W. Adorno (Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1977) 555-572. Used by permission of Suhrkamp Verlag, with thanks to Alexander Street Press.

The Danger of (Over)Interpretation: On Adorno’s Plea Against Artistic Semblance and “Micrological Study” — The Home of Schlemiel Theory

When someone sees a great artwork or read a compelling novel or poem, he or she usually wants to know why it has such an affect. Is it the choice or words? Is it the theme? Is it the critique it levels on society? Humanity? Religion? As a literary and cultural critic, I know very […]

über The Danger of (Over)Interpretation: On Adorno’s Plea Against Artistic Semblance and “Micrological Study” — The Home of Schlemiel Theory

Adorno: Reflexionen zur Klassentheorie

Reflexionen zur Klassentheorie

(GS 8: 373–391)

Theodor W. Adorno

I

Geschichte ist, der Theorie zufolge, Geschichte von Klassenkämpfen. Aber der Begriff der Klasse ist mit dem Auftreten des Proletariats verbunden. Noch als revolutionäre nannte die Bourgeoisie sich den dritten Stand. In der Ausdehnung des Klassenbegriffs auf die Vorzeit denunziert die Theorie nicht bloß die Bürger, deren Freiheit mit Besitz und Bildung die Tradition des alten Unrechts fortsetzt. Sie wendet sich gegen die Vorzeit selber. Der Schein patriarchalischer Gutmütigkeit, den jene seit dem Sieg des unerbittlichen kapitalistischen Kalküls angenommen hat, wird zerstört. Die ehrwürdige Einheit des Gewordenen, das natürliche Recht der Hierarchie in der als Organismus vorgestellten Gesellschaft schon zeigt sich als Einheit von Interessenten. Die Hierarchie war von je Zwangsorganisation zur Aneignung fremder Arbeit. Das natürliche Recht ist verjährtes historisches Unrecht, der gegliederte Organismus das System der Spaltung, das Bild der Stände die Ideologie, die dem installierten Bürgertum in Gestalt von redlichem Verdienst, treuer Arbeit, schließlich dem Äquivalententausch am besten zustatten kam. Indem die Kritik der politischen Ökonomie die historische Notwendigkeit aufweist, die den Kapitalismus zur Entfaltung brachte, wird sie zur Kritik der ganzen Geschichte, von deren Unabänderlichkeit die Kapitalistenklasse wie ihre Ahnherrn das Privileg herleitet. Das jüngste Unrecht, das im gerechten Tausch selber gelegene, in seiner verhängnisvollen Gewalt erkennen, heißt nichts anderes als mit der Vorzeit es identifizieren, die von ihm vernichtet wird. Kulminiert in der Moderne, im kalten Elend der freien Lohnarbeit alle Unterdrückung, die Menschen je Menschen angetan haben, so offenbart sich der Ausdruck des Historischen selber an Verhältnissen und Dingen – der romantische Gegensatz zur industriellen Vernunft – als Spur von altem Leiden. Das archaische Schweigen von Pyramiden und Ruinen wird im materialistischen Gedanken seiner selbst inne: es ist das Echo vom Lärm der Fabrik in der Landschaft des Unabänderlichen. Vom Höhlengleichnis der Platonischen Politeia, der feierlichsten Symbolik der Lehre von den ewigen Ideen, argwöhnt Jacob Burckhardt1, es sei nach dem Bilde der grauenvollen athenischen Silberminen gestaltet. Dann wäre noch der philosophische Gedanke ewiger Wahrheit in der Betrachtung gegenwärtiger Qual entsprungen. Alle Geschichte heißt Geschichte von Klassenkämpfen, weil es immer dasselbe war, Vorgeschichte.

 

II

Darin ist eine Anweisung gelegen, wie Geschichte zu erkennen sei. Von der jüngsten Gestalt des Unrechts fällt Licht stets aufs Ganze. So nur vermag die Theorie, die Schwere des historischen Daseins der Einsicht ins Gegenwärtige zugute kommen zu lassen, ohne der Last resigniert selber zu erliegen. Bürgerliche wie Anhänger haben am Marxismus dessen Dynamik zu rühmen gewußt, in der sie jene beflissene Mimikry an die Geschichte witterten, die ihrer eigenen Betriebsamkeit naheliegt. Die marxistische Dialektik hat, der Würdigung Troeltschs im Historismusbuch zufolge, »ihre konstruktive Kraft und ihre Einschmiegung in die grundsätzliche Bewegtheit des Wirklichen bewahrt«2. Das Lob der konstruktiven Einschmiegung weckt Mißtrauen gegen die grundsätzliche Bewegtheit. Dynamik ist bloß der eine Aspekt von Dialektik: jener, den der Glaube an den praktischen Geist, die beherrschende Tat, das unermüdliche Machenkönnen am liebsten hervorhebt, weil die immerwährende Erneuerung das alte Unwahre am besten verbirgt. Der andere, unbeliebtere Aspekt der Dialektik ist der statische. Die Selbstbewegung des Begriffs, die Konzeption der Geschichte als Syllogismus, wie Hegels Philosophie sie denkt, ist keine Entwicklungslehre. Dazu hat sie bloß das einverstandene Mißverständnis der Geisteswissenschaften gemacht. Der Zwang, unter dem sie die rastlos zerstörende Entfaltung des immer Neuen begreift, besteht darin, daß in jedem Augenblick das immer Neue zugleich das Alte aus der Nähe ist. Das Neue fügt nicht dem Alten sich hinzu sondern bleibt die Not des Alten, seine Bedürftigkeit, wie sie durch dessen denkende Bestimmung, seine unabdingbare Konfrontation mit Allgemeinem im Alten selber als immanenter Widerspruch aktuell wird. In allen antithetischen Vermittlungen bleibt somit Geschichte ein unmäßiges analytisches Urteil. Das ist die historische Essenz der metaphysischen Lehre von der Identität von Subjekt und Objekt im Absoluten. Das System der Geschichte, die Erhebung des Zeitlichen zur Totalität des Sinnes, hebt als System Zeit auf und reduziert sie aufs abstrakt Negative. Dem ist der Marxismus als Philosophie treu geblieben. Er bestätigt den Hegelschen Idealismus als das Wissen der Vorgeschichte von der eigenen Identität. Aber er stellt ihn auf die Füße, indem er die Identität als vorgeschichtliche demaskiert. Das Identische wird ihm wahrhaft zur Bedürftigkeit, der der Menschen, die der Begriff bloß ausspricht. Die unversöhnliche Kraft des Negativen, die Geschichte in Bewegung setzt, ist die dessen, was Ausbeuter den Opfern antun. Als Fessel von Geschlecht zu Geschlecht verhindert sie wie die Freiheit so Geschichte selber. Die systematische Einheit der Geschichte, die dem individuellen Leiden Sinn geben oder erhaben zum Zufälligen es degradieren soll, ist die philosophische Zueignung des Labyrinths, in dem die Menschen bis heute gefront haben, der Inbegriff des Leidens. Im Bannkreis des Systems ist das Neue, der Fortschritt, Altem gleich als immer neues Unheil. Das Neue erkennen bedeutet nicht ihm und der Bewegtheit sich einschmiegen sondern ihrer Starrheit widerstehen, den Marsch der welthistorischen Bataillone als Treten auf der Stelle erraten. Die Theorie weiß von keiner »konstruktiven Kraft« denn der, mit dem Widerschein des jüngsten Unheils die Konturen der ausgebrannten Vorgeschichte zu erleuchten, um in ihr seiner Korrespondenz gewahr zu werden. Das Neueste gerade, und es allein stets, ist der alte Schrecken, der Mythos, der eben in jenem blinden Fortgang der Zeit besteht, der sich in sich zurücknimmt, mit geduldiger, dumm allwissender Tücke, wie der Esel das Seil des Oknos verzehrt. Nur wer das Neueste als Gleiches erkennt, dient dem, was verschieden wäre.

 

III

Die jüngste Phase der Klassengesellschaft wird von den Monopolen beherrscht; sie drängt zum Faschismus, der ihrer würdigen Form politischer Organisation. Während sie die Lehre vom Klassenkampf mit Konzentration und Zentralisation vindiziert[i], äußerste Macht und äußerste Ohnmacht unvermittelt, in vollkommenem Widerspruch einander entgegenstellt, läßt sie die Existenz der feindlichen Klassen in Vergessenheit geraten. Solche Vergessenheit hilft den Monopolen mehr als die Ideologien, die schon so dünn geworden sind, daß sie sich als Lügen bekennen, um denen, die daran glauben müssen, die eigene Ohnmacht um so nachdrücklicher zu demonstrieren. Die totale Organisation der Gesellschaft durchs big business und seine allgegenwärtige Technik hat Welt und Vorstellung so lückenlos besetzt, daß der Gedanke, es könnte überhaupt anders sein, zur fast hoffnungslosen Anstrengung geworden ist. Das teuflische Bild der Harmonie, die Unsichtbarkeit der Klassen in der Versteinerung ihres Verhältnisses gewinnt darum nur jene reale Gewalt übers Bewußtsein, weil die Vorstellung, es möchten die Unterdrückten, die Proletarier aller Länder, als Klasse sich vereinen und dem Grauen das Ende bereiten, angesichts der gegenwärtigen Verteilung von Ohnmacht und Macht aussichtslos scheint. Die Nivellierung der Massengesellschaft, die von kulturkonservativen und soziologischen Helfershelfern bejammert wird, ist in Wahrheit nichts anderes als die verzweifelte Sanktionierung der Differenz als der Identität, die die Massen, vollends Gefangene des Systems, zu vollbringen trachten, indem sie die verstümmelten Herrscher imitieren, um vielleicht von ihnen das Gnadenbrot zu erhalten, wenn sie sich nur hinlänglich ausweisen. Der Glaube, als organisierte Klasse überhaupt noch den Klassenkampf führen zu können, zerfällt den Enteigneten mit den liberalen Illusionen, nicht viel anders als die revolutionären Vereinigungen der Arbeiter einmal die Stilisierung der Bourgeoisie zum Stand verlachen mochten. Der Klassenkampf wird unter die Ideale verbannt und hat sich mit der Toleranz und der Humanität zur Parole in den Reden gewerkschaftlicher Präsidenten zu bescheiden. Die Zeiten, da man noch Barrikaden bauen konnte, sind fast schon so selig wie die, da das Handwerk einen goldenen Boden hatte. Die Allgewalt der Repression und ihre Unsichtbarkeit ist dasselbe. Die klassenlose Gesellschaft der Autofahrer, Kinobesucher und Volksgenossen verhöhnt nicht bloß die draußen sondern die eigenen Mitglieder, die Beherrschten, die es weder anderen noch sich selber mehr einzugestehen wagen, weil das bloße Wissen bereits mit qualvoller Angst vorm Verlust der Existenz und des Lebens bestraft wird. So angewachsen ist die Spannung, daß zwischen den inkommensurablen[ii] Polen gar keine mehr besteht. Der unermeßliche Druck der Herrschaft hat die Massen so dissoziiert, daß noch die negative Einheit des Unterdrücktseins zerrissen wird, die im neunzehnten Jahrhundert sie zur Klasse macht. Dafür werden sie unmittelbar beschlagnahmt von der Einheit des Systems, das es ihnen antut. Die Klassenherrschaft schickt sich an, die anonyme, objektive Form der Klasse zu überleben.

 

IV

Das macht es notwendig, den Begriff Klasse selber so nah zu betrachten, daß er festgehalten wird und verändert zugleich. Festgehalten: weil sein Grund, die Teilung der Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete, nicht bloß ungemindert fortbesteht sondern an Zwang und Festigkeit zunimmt. Verändert: weil die Unterdrückten, heute nach der Voraussage der Theorie die übergroße Mehrheit der Menschen, sich selber nicht als Klasse erfahren können. Diejenigen unter ihnen, welche den Namen reklamieren, meinen zumeist ihr partikulares Interesse im Bestehenden, etwa so wie die industriellen Spitzen den Begriff »Produktion« verwenden. Der Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten tritt nicht so in Erscheinung, daß er den Ausgebeuteten Solidarität als ihre ultima ratio vor Augen stellte: Konformität ist ihnen rationaler. Die Zugehörigkeit zur gleichen Klasse setzt längst nicht in Gleichheit des Interesses und der Aktion sich um. Nicht erst bei der Arbeiteraristokratie sondern im egalitären Charakter der Bürgerklasse selber ist das widersprechende Moment des Klassenbegriffs aufzusuchen, das verhängnisvoll heute hervortritt. Bedeutet die Kritik der politischen Ökonomie die des Kapitalismus, so ist der Begriff der Klasse, ihr Zentrum, selbst nach dem Modell der Bourgeoisie gebildet. Diese ist, als anonyme Einheit der Eigentümer von Produktionsmitteln und ihres Anhangs, die Klasse schlechthin. Aber der egalitäre Charakter, der sie dazu macht, wird selbst von der Kritik der politischen Ökonomie aufgelöst, nicht bloß im Verhältnis zum Proletariat sondern auch als Bestimmung der Bourgeoisie als solcher. Die freie Konkurrenz der Kapitalisten unter einander impliziert schon das gleiche Unrecht, das sie vereint den Lohnarbeitern antun, die sie nicht erst als ihnen tauschend Gegenübertretende exploitieren, vielmehr zugleich durchs System produzieren. Gleiches Recht und gleiche Chance der Konkurrierenden ist weithin fiktiv. Ihr Erfolg hängt ab von der – außerhalb des Konkurrenzmechanismus gebildeten – Kapitalkraft, mit der sie in die Konkurrenz eintreten, von der politischen und gesellschaftlichen Macht, die sie repräsentieren, von altem und neuem Conquistadorenraub, von der Affiliation mit dem feudalen Besitz, den die Konkurrenzwirtschaft nie ernstlich liquidiert hat, vom Verhältnis zum unmittelbaren Herrschaftsapparat des Militärs. Die Interessengleichheit reduziert sich auf die Partizipation an der Beute der Großen, die gewährt wird, wenn alle Eigentümer den Großen das Prinzip souveränen Eigentums zugestehen, das jenen ihre Macht und deren erweiterte Reproduktion garantiert: die Klasse als ganze muß zur äußersten Hingabe ans Prinzip des Eigentums bereit sein, das sich real vorab aufs Eigentum der Großen bezieht. Das bürgerliche Klassenbewußtsein zielt auf den Schutz von oben, das Zugeständnis, das die eigentlich herrschenden Eigentümer denen machen, die ihnen mit Leib und Seele sich verschreiben. Die bürgerliche Toleranz will toleriert werden. Sie meint nicht die Gerechtigkeit gegen die drunten, selbst die in der eigenen Klasse nicht, welche die oben vermöge der »objektiven Tendenz« verdammen, und das Gesetz des Äquivalententauschs und seiner rechtlichen und politischen Reflexionsformen ist der Vertrag, der die Beziehung zwischen dem Kern der Klasse und deren Mehrheit, den bürgerlichen Lehensleuten, stillschweigend im Sinne von Machtverhältnissen regelt. Mit anderen Worten, so real die Klasse ist, so sehr ist sie selber schon Ideologie. Wenn die Theorie erweist, daß es mit dem gerechten Tausch, der bürgerlichen Freiheit und Humanität fragwürdig bestellt ist, so fällt Licht damit auf den Doppelcharakter der Klasse. Er besteht darin, daß ihre formale Gleichheit die Funktion sowohl der Unterdrückung der anderen Klasse hat wie die der Kontrolle der eigenen durch die Stärksten. Sie wird von der Theorie als Einheit, als Klasse gegen das Proletariat gebrandmarkt, um das Gesamtinteresse, das sie vertritt, in seiner Partikularität bloßzustellen. Aber diese partikulare Einheit ist notwendig Nichteinheit in sich selber. Die egalitäre Form der Klasse dient als Instrument dem Privileg der Herrschenden über den Anhang, das sie zugleich verdeckt. Die Kritik der liberalen Gesellschaft kann vor dem Klassenbegriff nicht Halt machen, der so wahr und unwahr ist wie das System des Liberalismus. Seine Wahrheit ist die kritische: er designiert die Einheit, in der sich die Partikularität des bürgerlichen Interesses verwirklicht. Seine Unwahrheit liegt in der Nichteinheit der Klasse. Ihre immanente Bestimmung durch Herrschaftsverhältnisse ist der Tribut, den sie an die eigene Partikularität zu entrichten hat, der ihrer Einheit zugute kommt. Vor ihrer realen Nichteinheit wird noch die ebenso reale Einheit zum Schleier.

 

V

In der Marktwirtschaft war die Unwahrheit am Klassenbegriff latent: unterm Monopol ist sie so sichtbar geworden wie seine Wahrheit, das Überleben der Klassen, unsichtbar. Mit der Konkurrenz und ihrem Kampf ist auch soviel von der Einheit der Klasse verschwunden, wie als Spielregel des Kampfes, als Gemeininteresse die Konkurrenten zusammenhielt. Es wird der Bourgeoisie so leicht, dem Proletariat gegenüber ihren Klassencharakter zu verleugnen, weil in der Tat ihre Organisation die Form des Consensus der Interessengleichen abwirft, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert als Klasse sie konstituiert hatte, und durch unvermittelte ökonomische und politische Befehlsgewalt der Großen ersetzt, die auf dem Anhang und den Arbeitern mit der gleichen Polizeidrohung lastet, ihnen gleiche Funktion und gleiches Bedürfnis aufzwingt und damit den Arbeitern es nahezu unmöglich macht, das Klassenverhältnis zu durchschauen. Die Prognose der Theorie von den wenigen Eigentümern und der überwältigenden Masse der Besitzlosen ist erfüllt, aber anstatt daß damit das Wesen der Klassengesellschaft eklatant geworden wäre, wird es von der Massengesellschaft verzaubert, in der die Klassengesellschaft sich vollendet. Die herrschende Klasse verschwindet hinter der Konzentration des Kapitals. Diese hat eine Größe erreicht, ein Eigengewicht gewonnen, durch die das Kapital als Institution, als Ausdruck der Gesamtgesellschaft sich darstellt. Das Partikulare usurpiert vermöge der Allmacht seiner Durchsetzung das Ganze: im gesellschaftlich-totalen Aspekt des Kapitals terminiert der alte Fetischcharakter der Ware, der Beziehungen von Menschen als solche von Sachen zurückspiegelt. Zu solchen Sachen ist heute die ganze Ordnung des Daseins geworden. In ihr wird dem Proletariat mit dem freien Markt, der für die Arbeiter immer schon Lüge war, die Möglichkeit zur Klassenbildung objektiv versperrt und schließlich durch den bewußten Willen der Herrschenden im Namen des großen Ganzen, das sie selber sind, durch Maßnahmen verhindert. Die Proletarier aber müssen, wenn sie leben wollen, sich angleichen. Allenthalben drängt Selbsterhaltung übers Kollektiv zur verschworenen Clique. Zwangshaft reproduziert unten sich die Spaltung in Führer und Gefolge, die an der herrschenden Klasse selber sich vollzieht. Die Gewerkschaften werden zu Monopolen und die Funktionäre zu Banditen, die von den Zugelassenen blinden Gehorsam verlangen, die draußen terrorisieren, loyal jedoch bereit wären, den Raub mit den anderen Monopolherren zu teilen, wenn diese nur nicht vorher in offenem Faschismus die ganze Organisation in eigene Regie nehmen. Der Gang der Handlung macht der liberalen Episode ein Ende; die Dynamik von gestern bekennt sich als die erstarrte Vorzeit von heute, die anonyme Klasse als die Diktatur der selbsternannten Elite. Noch die politische Ökonomie, deren Konzeption die Theorie der liberalen grimmig vorgab, zergeht als vergänglich. Ökonomie ist ein Sonderfall der Ökonomie, des für Herrschaft präparierten Mangels. Nicht haben die Tauschgesetze zur jüngsten Herrschaft als der historisch adäquaten Form der Reproduktion der Gesamtgesellschaft auf der gegenwärtigen Stufe geführt, sondern die alte Herrschaft war in die ökonomische Apparatur zuzeiten eingegangen, um sie, einmal in voller Verfügung darüber, zu zerschlagen und sich das Leben zu erleichtern. In solcher Abschaffung der Klassen kommt die Klassenherrschaft zu sich selber. Die Geschichte ist, nach dem Bilde der letzten ökonomischen Phase, die Geschichte von Monopolen. Nach dem Bilde der manifesten Usurpation, die von den einträchtigen Führern von Kapital und Arbeit heute verübt wird, ist sie die Geschichte von Bandenkämpfen, Gangs und Rackets.

 

VI

Marx ist über der Ausführung der Klassentheorie gestorben, und die Arbeiterbewegung hat sie auf sich beruhen lassen. Sie war nicht nur das wirksamste Agitationsmittel sondern reichte im Zeitalter der bürgerlichen Demokratie, der proletarischen Massenpartei und der Streiks, vorm offenen Sieg des Monopols und vor der Entfaltung der Arbeitslosigkeit zur zweiten Natur, an den Konflikt heran. Nur die Reformisten haben sich auf die Klassenfrage diskutierend eingelassen, um mit der Leugnung des Kampfes, der statistischen Würdigung der Mittelschichten und dem Lob des umspannenden Fortschritts den beginnenden Verrat zu bemänteln. Die verlogene Leugnung der Klassen bewog die verantwortlichen Träger der Theorie, den Klassenbegriff selber als Lehrstück zu hüten, ohne ihn weiterzutreiben. Damit hat die Theorie sich Blößen gegeben, die Mitschuld tragen am Verderb der Praxis. Die bürgerliche Soziologie aller Länder hat sie sich weidlich zunutze gemacht. War sie insgesamt durch Marx wie durch eine Magnetnadel abgelenkt und apologetisch geworden, je mehr sie sich auf die Wertfreiheit versteifte, so konnte ihr Positivismus, die wahre Einschmiegung ins Faktische, dort den Lohn ihrer Mühen einkassieren, wo verkümmerten Theorie Unrecht gaben, die als Glaubensartikel selber auf die Aussage über Faktisches heruntergekommen war. Der Nominalismus der Forschung, der das Wesentliche, das Klassenverhältnis als Idealtyp in die Methodologie verbannte und die Realität jenem Einmaligen überließ, das sie bloß garniert, fand sich mit Analysen zusammen, die die Klasse – etwa in ihrem spezifischen politischen Äquivalent, der Partei – jener oligarchischen Züge überführten, welche die Theorie vernachlässigte oder als Anhang »Monopolkapitalismus« verdrossen berücksichtigte. Je gründlicher man dabei die Fakten vom konkreten Begriff, ihrer Beziehung auf den aktuellen Stand des Ausbeutungssystems, reinigte, die allem Faktischen bestimmend innewohnt, um so besser paßten sie in den abstrakten Begriff, die alle Epochen umfassende Merkmaleinheit hinein, die als von den Fakten bloß abgezogene über diese nichts mehr vermag. Oligarchie, Ideologie, Integration, Arbeitsteilung werden aus Momenten der Herrschaftsgeschichte, deren dunklen Wald man vor den grünen Bäumen des eigenen Lebens nicht mehr sieht, zu generellen Kategorien der Vergesellschaftung der Menschen. Die Skepsis gegen die angebliche Klassenmetaphysik wird normativ im Zeichen der formalen Soziologie: Klassen gibt es nicht wegen der unbeugsamen Tatsachen; deren Unbeugsamkeit aber substituiert die Klasse, und da der soziologische Blick, wo er die Steine der Klassen sucht, immer nur das Brot der Eliten findet und tagtäglich erfährt, daß es ohne Ideologie schlechterdings nicht abgeht, so ist es schon das gescheiteste, bei den Formen der Vergesellschaftung es zu belassen und womöglich blutenden Herzens die Sache der unvermeidlichen Elite zur eigenen Ideologie zu machen. Gegen das phantasma bene fundatum sich auf Gegenbeispiele berufen, den oligarchischen Charakter der Massenpartei abstreiten, verkennen, daß die Theorie im Munde ihrer Funktionäre wirklich zur Ideologie geworden ist, wäre pure Ohnmacht und trüge bloß den Geist der Apologetik in die Theorie, gegen welche die bürgerlichen Apologeten ihr Netz gesponnen haben. Nichts hilft als die Wahrheit aus den soziologischen Begriffen gegen die Unwahrheit wenden, die sie produzierte. Was die Soziologie gegen die Realität der Klassen vorbringt, ist nichts anderes als das Prinzip der Klassengesellschaft: die Allgemeinheit der Vergesellschaftung ist die Form, unter der Herrschaft historisch sich durchsetzt. Die abstrakte Einheit selber, in deren Herstellung aus blinden Fakten die Soziologie ihr Trugbild des Klassenlosen vollendet meint, ist die Disqualifizierung der Menschen zu Objekten, die von Herrschaft bewirkt wird und heute auch die Klassen ergriffen hat. Die soziologische Neutralität wiederholt die soziale Gewalttat, und die blinden Fakten, hinter die sie sich verschanzt, sind die Trümmer, in welche die Welt von der Ordnung geschlagen ward, mit der die Soziologen sich vertragen. Die generellen Gesetze besagen nichts gegen die gesetzlose Zukunft, weil ihre Allgemeinheit selber die logische Form der Repression ist, die abgeschafft werden muß, damit die Menschheit nicht in die Barbarei zurückfällt, aus der sie noch gar nicht herauskam. Daß Demokratie Oligarchie ist, liegt nicht an den Menschen, die nach Ansicht und Interesse ihrer reifen Führer zur Demokratie nicht reif sein sollen, sondern an der Unmenschlichkeit, die das Privileg in die objektive Notwendigkeit der Geschichte eingräbt. Indem aus der Dialektik der Klasse am Ende die nackte Cliquenherrschaft sich erhebt, wird die Soziologie erledigt, die das immer schon gemeint hat. Ihre formalen Invarianten erweisen sich als Voraussagen über jüngste materiale Tendenzen. Die Theorie, die an der Lage heute lernt, die Banden in den Klassen zu identifizieren, ist die Parodie auf die formale Soziologie, welche die Klassen leugnet, um die Banden zu verewigen.

 

VII

Die Stelle der marxistischen Klassenlehre, die der apologetischen Kritik am offensten sich darbietet, scheint die Verelendungstheorie. Das gemeinsame Elend macht die Proletarier zur Klasse. Es folgt als Konsequenz aus ihrer Stellung im Produktionsprozeß der kapitalistischen Wirtschaft und wächst mit dem Prozeß ins Unerträgliche an. So wird Elend selber zur Kraft der Revolution, die das Elend überwinden soll. Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten und alles zu gewinnen: die Wahl soll ihnen nicht schwer werden, und die bürgerliche Demokratie ist soweit progressiv wie sie den Spielraum zur Klassenorganisation gewährt, deren numerisches Gewicht den Umsturz herbeiführt. Dagegen läßt sich alle Statistik ins Feld führen. Die Proletarier haben mehr zu verlieren als ihre Ketten. Ihr Lebensstandard hat sich gegen die englischen Zustände vor hundert Jahren, wie sie den Autoren des Manifests vor Augen standen, nicht verschlechtert sondern verbessert. Kürzere Arbeitszeit, bessere Nahrung, Wohnung und Kleidung, Schutz der Familienangehörigen und des eigenen Alters, durchschnittlich höhere Lebensdauer sind mit der Entwicklung der technischen Produktivkräfte den Arbeitern zugefallen. Keine Rede kann davon sein, daß Hunger sie zum bedingungslosen Zusammenschluß und zur Revolution nötigte. Dafür ist die Möglichkeit von Zusammenschluß und Massenrevolution selber fragwürdig geworden. Der Einzelne gedeiht besser in der Interessenorganisation als in der gegens Interesse, die Konzentration technisch-militärischer Machtmittel auf der Unternehmerseite ist so formidabel, daß sie die Erhebung alten Stils vorweg ins allgemein tolerierte Bereich heroischer Erinnerung verweist, und daß die bürgerliche Demokratie dort, wo ihre Fassade noch existiert, die Bildung einer Massenpartei zuließe, die an die Revolution denkt, von der sie redet, ist ganz unwahrscheinlich. So zerfällt die überlieferte Konstruktion von der Verelendung. Sie mit dem Hilfsbegriff der relativen Verelendung zu flicken, wie man es zur Zeit des Revisionismusstreits versuchte, konnte nur sozialdemokratischen Gegenapologeten beikommen, deren Ohren vom eigenen Geschrei schon so stumpf geworden waren, daß sie nicht einmal den Hohn mehr vernahmen, der aus dem Ausdruck relative Verelendung ihrer Mühe entgegenschallt. Notwendig ist die Erwägung des Begriffs Verelendung selbst, nicht die sophistische Modifikation seines Geltungsbereichs. Er ist aber ein strikt ökonomischer Begriff, definiert durch das absolute Akkumulationsgesetz. Reservearmee, Übervölkerung, Pauperismus wachsen proportional mit dem »funktionierenden Kapital«3 und drücken zugleich den Arbeitslohn herab. Die Verelendung ist die Negativität des freien Spiels der Kräfte im liberalen System, dessen Begriff die Marxische Analyse ad absurdum führt: mit dem gesellschaftlichen Reichtum nimmt unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen vermöge des immanenten Systemzwangs die gesellschaftliche Armut zu. Vorausgesetzt ist der ungestörte, autonome Ablauf des Wirtschaftsmechanismus, wie die liberale Theorie ihn postuliert: die Geschlossenheit des je zu analysierenden tableau économique. Alles andere wird den modifizierenden »Umständen« zugezählt, »deren Analyse nicht hierher gehört«4. Damit aber zeigt sich die Verelendungstheorie selber als abhängig vom Doppelcharakter der Klasse, der Differenz vermittelter und unmittelbarer Repression, die ihr Begriff enthält. Es gibt soweit Verelendung, wie die bürgerliche Klasse wirklich anonyme und bewußtlose Klasse ist, wie sie und das Proletariat vom System beherrscht werden. Im Sinne der rein ökonomischen Notwendigkeit vollzieht die Verelendung sich absolut: wäre der Liberalismus wirklich der Liberalismus, als den Marx ihn beim Wort nimmt, so bestünde schon in der friedlichen Welt der Pauperismus, der heute in den kriegerisch unterjochten Ländern offenbar wird. Aber die herrschende Klasse wird nicht nur vom System beherrscht, sie herrscht durchs System und beherrscht es schließlich selber. Die modifizierenden Umstände stehen extraterritorial zum System der politischen Ökonomie, aber zentral in der Geschichte der Herrschaft. Im Prozeß der Liquidation der Ökonomie sind sie keine Modifikationen sondern selber das Wesen. Soweit betreffen sie die Verelendung: sie darf nicht in Erscheinung treten, um nicht das System zu sprengen. In seiner Blindheit ist das System dynamisch und akkumuliert das Elend, aber die Selbsterhaltung, die es durch solche Dynamik leistet, terminiert auch dem Elend gegenüber in jener Statik, die von je den Orgelpunkt der vorgeschichtlichen Dynamik abgibt. Je weniger die Aneignung fremder Arbeit unterm Monopol mehr durch die Marktgesetze sich vollzieht, um so weniger auch die Reproduktion der Gesamtgesellschaft. Die Verelendungstheorie impliziert unmittelbar Marktkategorien in Gestalt der Konkurrenz der Arbeiter, durch die der Preis der Ware Arbeitskraft fällt, während diese Konkurrenz mit allem was sie bedeutet so fraglich geworden ist wie die der Kapitalisten. Die Dynamik des Elends wird mit der der Akkumulation stillgelegt. Die Verbesserung der ökonomischen Lage drunten oder deren Stabilisierung ist außerökonomisch: der höhere Standard wird aus Einkommen oder Monopolprofiten bezahlt, nicht aus Vernunft. Er ist Arbeitslosenunterstützung auch wo diese nicht deklariert ist, ja wo der Schein von Arbeit und Lohn dicht fortbesteht: Zugabe, Trinkgeld im Sinne der Herrschenden. Guter Wille und Psychologie haben nichts damit zu tun. Die ratio solchen Fortschritts ist das Selbstbewußtsein des Systems von den Bedingungen seiner Perpetuierung, nicht jedoch die bewußtlose Mathematik der Schemata. Die Prognose von Marx ist auf ungeahnte Weise verifiziert: die herrschende Klasse wird so gründlich von fremder Arbeit ernährt, daß sie ihr Schicksal, die Arbeiter ernähren zu müssen, entschlossen zur eigenen Sache macht und dem »Sklaven die Existenz innerhalb seiner Sklaverei« sichert, um die eigene zu befestigen. Im Anfang mochte der Druck der Massen, die potentielle Revolution die Umkehr bewirken. Später, mit der Verstärkung der Macht der monopolistischen Zentralstellen, wird man die Lage der arbeitenden Klassen mehr stets mit der Aussicht auf Vorteile jenseits der eigenen geschlossen definierten Wirtschaftssysteme – nicht unmittelbar durch Kolonialprofite – verbessert haben. Die endgültige Etablierung der Macht ist in alle Posten des Kalküls eingerechnet. Der Schauplatz des kryptogamen, gleichsam zensurierten Elends aber ist die politische und gesellschaftliche Ohnmacht. Sie macht alle Menschen derart zu bloßen Verwaltungsobjekten der Monopole und ihrer Staaten, wie es zur Zeit des Liberalismus nur jene paupers waren, die man in der Hochzivilisation hat aussterben lassen. Diese Ohnmacht er-laubt die Führung des Krieges in allen Ländern. Wie er die faux frais der Machtapparatur nachträglich als profitbringende Investition bestätigt, so löst er den Kredit des Elends ein, das die herrschenden Cliquen klug vertagten, während ihre Klugheit doch am Elend die unverrückbare Grenze hat. Nur ihr Sturz, nicht die wie immer verschleierte Manipulation wird das Elend stürzen.

 

VIII

»Was fällt, das sollt ihr stoßen.« Der Satz Nietzsches spricht als Maxime ein Prinzip aus, das die reale Praxis der Klassengesellschaft definiert. Maxime wird es bloß gegen die Ideologie der Liebe in der Welt von Haß: Nietzsche gehört der Tradition jener bürgerlichen Denker seit der Renaissance an, die aus Empörung über die Unwahrheit der Gesellschaft zynisch deren Wahrheit als Ideal gegen das Ideal ausgespielt und mit der kritischen Gewalt der Konfrontation jener anderen Wahrheit geholfen haben, die sie am grimmigsten als die Unwahrheit verhöhnen, in die sie von der Vorgeschichte verzaubert ist. Die Maxime sagt aber mehr als die These vom bellum omnium contra omnes, die am Beginn des Zeitalters der freien Konkurrenz steht. Das Bündnis von Fall und Stoß ist eine Chiffre für den altehrwürdigen Doppelcharakter der Klasse, der heute erst manifest wird. Die objektive Tendenz des Systems wird immer vom bewußten Willen derer verdoppelt, gestempelt, legitimiert, die darüber verfügen. Denn das blinde System ist die Herrschaft; darum kommt es den Herrschenden stets zugute, auch wo es sie anscheinend bedroht, und die Geburtshelferdienste der Herrschenden bezeugen das Wissen darum und stellen den Sinn des Systems wieder her, wenn er von der Objektivität des geschichtlichen Vollzugs, seiner sich selbst entfremdeten Gestalt, verhüllt wird. Es gibt eine Tradition freier bürgerlicher Tathandlungen von der Pulververschwörung – vielleicht vom athenischen Hermensturz – bis zum Reichtagsbrand, und Intrigen wie die Bestechung der Hindenburgs und die Begegnung beim Bankier Schroeder, auf die der Kenner der objektiven Tendenz desinteressiert herunterblickt als auf die Zufälle, die der Weltungeist benutzt, um sich durch sie hindurch zu realisieren, sind gar nicht so zufällig: es sind Akte der Freiheit, die bezeugen, daß die objektive historische Tendenz soweit Täuschung ist, wie sie nicht ohne weiteres mit den subjektiven Interessen derer harmoniert, die durch Geschichte der Geschichte befehlen. Die Vernunft ist noch viel listiger, als Hegel ihr attestieren mochte. Ihr Geheimnis ist weniger das der Leidenschaften als das von Freiheit selber. Diese ist in der Vorgeschichte die Verfügung der Cliquen über die Anonymität des Unheils, das Schicksal heißt. Sie werden vom Schein des Wesens überwältigt, das sie selber ins Spiel gebracht haben, und darum nur scheinbar überwältigt. Geschichte ist Fortschritt im Bewußtsein ihrer eigenen Freiheit durch die historische Objektivität hindurch und diese Freiheit nichts als das Reversbild der Unfreiheit der anderen. Das ist die wahre Wechselwirkung der Geschichte und der Banden, die »innere Identität, … worin … die Nothwendigkeit zur Freiheit erhoben ist«5. Der Idealismus, dem man zu Recht die Verklärung der Welt vorwirft, ist zugleich die furchtbarste Wahrheit über die Welt: noch in den Momenten seiner Positivität, der Lehre von der Freiheit, enthält er durchsichtig das Deckbild ihres Gegenteils, und wo er den Menschen als entronnenen bestimmt, dort gerade sind in der Vorgeschichte die Menschen dem Verhängnis am vollkommensten verfallen. Zwar nicht im preußischen Staat aber im Charisma des Führers kommt die Freiheit als Wiederholung der Notwendigkeit zu sich selber. Wenn die Massen der Rede von der Freiheit nur ungern mehr lauschen, so ist das nicht bloß ihre Schuld oder die des Mißbrauchs, der mit dem Namen getrieben wird. Sie ahnen, daß die Welt des Zwanges gerade immer die von Freiheit, Verfügung, Setzung war und der Freie der, welcher sich etwas herausnehmen darf. Was anders wäre ist namenlos und was etwa heute dafür einsteht, Solidarität, Zartheit, Rücksicht, Bedacht, hat mit der Freiheit der gegenwärtig Freien nur geringe Ähnlichkeit.

 

IX

Die gesellschaftliche Ohnmacht des Proletariats, in der die auseinanderweisenden Tendenzen ökonomischer Verelendung und extra-ökonomischer Besserung des Lebensstandards resultieren, ist als solche von der Theorie nicht vorausgesagt worden. Der überwiegenden Einsicht in die erste Tendenz entspricht jene Erwartung, daß der Druck der Armut unmittelbar zur Kraft gegen die Unterdrücker wird. Aber der Gedanke an die Ohnmacht ist doch der Theorie nicht fremd. Er erscheint unter dem Namen der Entmenschlichung. Wie die Industrie ihre Opfer an physisch Verstümmelten, Erkrankten, Deformierten fordert, droht sie das Bewußtsein zu deformieren. Der Brutalisierung der Arbeiter, die zwangshaft was ihnen angetan ward den von ihnen Abhängigen nochmals antun, und ihrer wachsenden Entfremdung vom mechanisierten Arbeitsprozeß, den sie nicht mehr verstehen können, geschieht ausdrücklich Erwähnung. Die Frage, wie die so Bestimmten zur Aktion fähig sein sollen, welche doch nicht bloß Klugheit, Überblick und Geistesgegenwart, sondern die Fähigkeit zur äußersten Selbstaufopferung verlangt, wird nicht erhoben. Die Gefahr des Psychologismus – der Autor[iii] einer »Psychologie des Sozialismus« ist nicht zufällig am Ende Faschist geworden wie der Soziologe des Parteiwesens – ist im Ursprung abgewandt, längst ehe die bürgerliche Philosophie verbissen sich daran machte, ihre Objektivität in der Erkenntnissphäre zu verteidigen. Marx hat sich auf die Psychologie der Arbeiterklasse nicht eingelassen. Sie setzt Individualität, eine Art Autarkie der Motivationszusammenhänge im Einzelnen voraus. Solche Individualität ist selber ein gesellschaftlich produzierter Begriff, der unter die Kritik der politischen Ökonomie fällt. Schon unter den konkurrierenden Bürgern ist das Individuum weithin Ideologie, und denen drunten wird Individualität versagt durch die Ordnung des Eigentums. Nichts anderes kann Entmenschlichung heißen. Die Gegenüberstellung mit dem Proletariat desavouiert den bürgerlichen Begriff des Menschen so wie die Begriffe der bürgerlichen Ökonomie. Er wird festgehalten bloß, um in seinem eigenen Widerspruch exponiert zu werden, nicht aber von einer marxistischen »Anthropologie« bestätigt. Mit der Autonomie der Marktwirtschaft und der an ihr gebildeten bürgerlichen Individualität ist auch ihr Gegenteil, die blutige Entmenschlichung des von der Gesellschaft Verstoßenen, vergangen. Die Figur des Arbeiters, der in der Nacht betrunken nach Hause kommt und die Familie verprügelt, ist an den äußersten Rand gedrängt: seine Frau hat mehr als ihn den social worker zu fürchten, der sie berät. Von einer Verdummung des Proletariers, der den eigenen Arbeitsprozeß nicht mehr begriffe, kann gar keine Rede sein. Die höchstgesteigerte Arbeitsteilung hat zwar den Arbeiter dem zusammengesetzten Endprodukt, wie es dem Handwerker vertraut war, immer ferner gerückt, zugleich aber die einzelnen Arbeitsvorgänge in ihrer Disqualifikation einander immer mehr angenähert, so daß, wer eines kann, virtuell alles kann und das Ganze versteht. Der Mann am laufenden Band bei Ford, der immer denselben Handgriff machen muß, weiß doch mit dem fertigen Wagen sehr wohl Bescheid, der kein Geheimnis enthält, das nicht nach dem Muster jenes Handgriffs vorzustellen wäre. Selbst der Unterschied zwischen dem Arbeiter und dem Ingenieur, dessen Arbeit selber mechanisiert ist, dürfte nachgerade aufs bloße Privileg hinauslaufen; unterm Bedarf des Krieges an technischen Spezialisten zeigt sich, wie flexibel die Differenzen, wie wenig die Spezialisten mehr welche sind. An der Ohnmacht aber ändert das zunächst so wenig wie zuvor das nackte Elend in die Revolution umschlug. Die hellen Mechaniker von heute sind so wenig Individuen geworden wie die dumpfen Insassen der working houses vor hundert Jahren es waren, und freilich ist unwahrscheinlich, daß ihre Individualität die Revolution beschleunigte. Der Arbeitsprozeß indessen, den sie verstehen, modelt sie noch gründlicher als der unverstandene von dazumal: er wird zum »technologischen Schleier«. Am Doppelcharakter der Klasse haben sie ihren Anteil. Hat das System der Entmenschlichung Einhalt geboten, die die Herrschenden gefährdet, bis diese sie für die eigene Unmenschlichkeit einspannen, so ist dafür die Einsicht von Marx, daß das System das Proletariat produziere, zu einem Maße eingelöst worden, das schlechterdings nicht abzusehen war. Die Menschen sind, vermöge ihrer Bedürfnisse und der allgegenwärtigen Anforderungen des Systems, wahrhaft zu dessen Produkten geworden: als ihre eigene erfassende Verdinglichung, nicht als unerfaßte Roheit vollendet unterm Monopol die Entmenschlichung sich an den Zivilisierten, ja sie fällt mit ihrer Zivilisation zusammen. Die Totalität der Gesellschaft bewährt sich daran, daß sie ihre Mitglieder nicht nur mit Haut und Haaren beschlagnahmt, sondern nach ihrem Ebenbild erschafft. Darauf ist es in letzter Instanz mit der Polarisation der Spannung in Macht und Ohnmacht abgesehen. Nur denen die wie es sind zahlt das Monopol die Zuwendungen, auf denen heute die Stabilität der Gesellschaft beruht. Dies sich Gleichmachen, Zivilisieren, Einfügen verbraucht all die Energie, die es anders machen könnte, bis aus der bedingten Allmenschlichkeit die Barbarei hervortritt, die sie ist. Indem die Herrschenden planvoll das Leben der Gesellschaft reproduzieren, reproduzieren sie eben dadurch die Ohnmacht der Geplanten. Herrschaft wandert in die Menschen ein. Sie müssen nicht, wie Liberale kraft ihrer Marktvorstellungen zu denken geneigt sind, »beeinflußt« werden. Die Massenkultur macht sie bloß immer nochmals so, wie sie unterm Systemzwang ohnehin schon sind, kontrolliert die Lücken, fügt noch den offiziellen Widerpart der Praxis als public moral dieser ein, stellt ihnen Modelle zur Imitation bereit. Einfluß auf Andersgeartete ist den Filmen nicht zuzutrauen, denen schon die Gleichgearteten nicht ganz glauben: mit den Resten der Autonomie vergehen auch die der Ideologien, die zwischen Autonomie und Herrschaft vermittelten. Entmenschlichung ist keine Macht von außen, keine wie immer geartete Propaganda, kein Ausgeschlossensein von Kultur. Sie ist gerade die Immanenz der Unterdrückten im System, die einmal wenigstens durch Elend herausfielen, während heute ihr Elend ist, daß sie nicht mehr herauskönnen, daß ihnen die Wahrheit als Propaganda verdächtig ist, während sie die Propagandakultur annehmen, die fetischisiert in den Wahnsinn der unendlichen Spiegelung ihrer selbst sich verkehrt. Damit aber ist die Entmenschlichung zugleich ihr Gegenteil. An den verdinglichten Menschen hat Verdinglichung ihre Grenze. Sie holen die technischen Produktivkräfte ein, in denen die Produktionsverhältnisse sich verstecken: so verlieren diese durch die Totalität der Entfremdung den Schrecken ihrer Fremdheit und bald vielleicht auch ihre Macht. Erst wenn die Opfer die Züge der herrschenden Zivilisation ganz annehmen, sind sie fähig, diese der Herrschaft zu entreißen. Was an Differenz übrig ist, reduziert sich auf die nackte Usurpation. Nur in ihrer blinden Anonymität erschien die Ökonomie als Schicksal: durchs Entsetzen der sehenden Diktatur wird ihr Bann gebrochen. Die Pseudomorphose der Klassengesellschaft an die klassenlose ist so gelungen, daß zwar die Unterdrückten aufgesaugt sind, alle Unterdrückung aber manifest überflüssig geworden ist. Ganz schwach ist der alte Mythos in seiner jüngsten Allmacht. War die Dynamik immer das Gleiche, so ist ihr Ende heute nicht das Ende.

 

Fußnoten

1 Cf. Jacob Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte, Bd. 1, 4. Aufl., Stuttgart 1908, S. 164, Anm. 5.

2 Ernst Troeltsch, Der Historismus und seine Probleme, Tübingen 1922, S. 315.

3 Cf. Marx, Kapital I, ed. Adoratskij, S. 679f.

4 ibid. 5 Hegel, Sämtliche Werke, ed. Glockner, Bd. 4: Wissenschaft der Logik, 1. Teil, Stuttgart 1928, S. 719.

[i] von lateinisch vindicare → la „als Eigentum beanspruchen, Anspruch erheben“

[ii] Inkommensurabilität (Gegensatz: Kommensurabilität, adj. (in)kommensurabel; von lat. mensura für Maß, wörtlich etwa „nicht zusammen messbar“, „ohne gemeinsames Maß“)

[iii] Hendrik de Man (französisch Henri de Man; * 17. November 1885 in Antwerpen; † 20. Juni 1953 nahe Murten) war ein belgischer Sozialpsychologe, Theoretiker des Sozialismus und Politiker.

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