Monatsarchive: Mai 2016

Judenhass – nach und wegen Auschwitz

Was haben der ehemalige Schweizer Nationalrat Geri Müller von den Grünen, der palästinensische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Rijad Mansur, der Pegida-Vorsitzende Heinz Meyer, der deutsche Bischof Gregor Maria Hanke und der langjährige Frontmann von «Pink Floyd», Roger Waters, gemein? Die Antwort ergibt sich aus deren Äusserungen über Israel. «Der Holocaust ist schrecklich, aber das berechtigt nicht, dass man an einem anderen Ort das Gleiche macht mit einer anderen Bevölkerung», sagt Müller. Der jüdische Staat bezeichne, wie schon die Nazis, Widerstandskämpfer als Terroristen, meint Mansur. «Das grösste Konzentrationslager der westlichen Hemisphäre steht wo? Nicht in Deutschland. Nein, es steht in Israel», glaubt Meyer. «Morgens in Yad Vashem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem der Deckel hoch», lässt Hanke verlautbaren. Die Parallelen zwischen Israel und «dem, was in den dreissiger Jahren in Deutschland geschehen ist, sind offensichtlich», findet Waters.

Fünf ziemlich verschiedene Menschen, die politisch sonst mehr trennt als verbindet, sind sich also in einem einig – darin nämlich, dass die Israelis mit den Palästinensern verfahren wie einst die Deutschen mit den Juden. Es sind dies nur fünf Beispiele von unzähligen, denn es ist ausgesprochen populär, den jüdischen Staat mit dem NS-Regime nicht nur zu vergleichen, sondern sogar gleichzusetzen. Umfragen zufolge tun dies allein in Deutschland je nach politischer Konjunktur zwischen 40 Prozent und zwei Dritteln der Bevölkerung. Diese Gleichsetzung ist bösartig, und deshalb soll hier auch nicht der – ohnehin zum Scheitern verurteilte – Versuch unternommen werden, sie durch Fakten zu widerlegen. Israel führt keinen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser, betreibt keine Konzentrationslager und keine Gaskammern, nimmt keine ethnischen Säuberungen vor und bedient sich auch keiner anderen Nazimethoden. Wer etwas anderes behauptet, dämonisiert und delegitimiert den jüdischen Staat, und zwar wider besseres Wissen.

Alle wollen Opfer sein

Von Interesse ist vielmehr, wie Holocaustvergleiche ideologisch angetrieben werden, warum sie sich so grosser Popularität erfreuen und mit welcher Motivation und Argumentation sie ausgestattet sind. Israel zu beschuldigen, eine Shoa an den Palästinensern zu verüben, ist dabei die infamste und degoutanteste Variante dieses Vergleichs (respektive dieser Gleichsetzung), weil sie unterstellt, die Opfer der Judenvernichtung seien selbst zu Tätern geworden, die ihren früheren Peinigern in nichts nachstünden. Es gibt jedoch zahllose weitere Beispiele für die Parallelisierung des Holocaust mit anderem vermeintlichen oder tatsächlichen Unrecht. Besonders beliebt ist es dabei, sich selbst einen gelben Stern anzuheften und damit zu behaupten, man werde auf ähnliche Weise zum Opfer wie die Juden unter den Nazis. Entsprechende Aktivitäten gab es in der jüngeren Vergangenheit unter anderem in Bezug auf die Situation von Arbeitslosengeldempfängern, Rauchern, AfD-Politikern, Muslimen, Eigenheimbesitzern, Managern und Scientologen.

Gemein ist allen diesen Vergleichen und Gleichsetzungen, dass mit ihnen die Präzedenzlosigkeit der Shoa in Abrede gestellt wird. Die Judenvernichtung erscheint dadurch nicht mehr als einzigartiges Menschheitsverbrechen, sie wird somit in ihrer Bedeutung und ihrem Ausmass stark relativiert, und ihre antisemitischen Spezifika werden geleugnet. Zugleich wird die unfassbare Monstrosität des Holocaust missbraucht, um ein angebliches oder reales Leid in seiner Grösse und Bedeutung extrem zu überhöhen, wodurch die Shoa ausserdem trivialisiert, ja, banalisiert wird. Denn natürlich ist die Situation der Palästinenser im Gazastreifen, der Raucher in Deutschland oder von Managern überall auf der Welt nicht im Entferntesten so aussichts-, recht- und hoffnungslos, so lebensgefährlich und so unmenschlich, wie es die Lage der Juden in Deutschland unter der Herrschaft der Nationalsozialisten war. Und mit jedem Holocaustvergleich – gleichgültig, aus welcher Motivation heraus er geschieht – wird die tatsächliche Shoa immer noch ein bisschen mehr relativiert, trivialisiert und banalisiert. Wenn es selbst den Eigenheimbesitzern heute so geht wie weiland den Juden, kann das «Dritte Reich» schliesslich nicht so schlimm gewesen sein.

Wird der jüdische Staat mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt, kommen noch weitere Aspekte hinzu, die dieses Unterfangen besonders ungeheuerlich werden lassen. Denn wenn die Israelis die neuen Nazis sind, stehen sie auf einer Stufe mit den seinerzeitigen Judenmördern. Was für eine Gewissenserleichterung vor allem für jene, deren Vorfahren die Shoa ins Werk gesetzt haben! Die vermeintliche Parteinahme für die Palästinenser – die in Wahrheit nichts anderes ist als eine Parteinahme gegen Israel – erscheint so als eine Art nachholender Antifaschismus, was einer der Gründe dafür ist, warum sie vor allem in der Linken weiterhin grosse Popularität geniesst. Nicht selten wird dieser «Antifaschismus» mit dem belehrenden und anmassenden «Argument» garniert, die Juden hätten aus der Vergangenheit nichts gelernt, dabei müssten doch gerade sie aus eigener Erfahrung wissen, wie grausam Verfolgung, Mord und Krieg sind. Als hätte es sich bei den Vernichtungslagern um Besserungsanstalten gehandelt, deren Schüler im Unterricht leider nicht besonders gut aufgepasst haben.

Jüdische Souveränität soll und darf nicht sein

Es ist bezeichnend, dass diese Art von Argumentation nahezu ausschliesslich bei Israel zur Anwendung kommt. Niemand würde beispielsweise sagen, dass «die Kenianer ihre ‹Lektion› aus der Kolonisierung ihres Landes nicht ‹gelernt› haben, weil sie nun somalische Flüchtlinge schlecht behandeln», wie Seth Frantzman in einem lesenswerten Beitrag für «The Algemeiner» schreibt. «Nur die Juden werden konstant mit den Nazis verglichen. Und das ist pathologisch.» Jüdische Souveränität soll und darf einfach nicht sein, schon deshalb nicht, weil sie gerade den ach so aufgeklärten und friedliebenden Europäern vor Augen führt, dass der Antisemitismus stärker war und ist als das Gleichheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber den Juden und dass Emanzipation und Assimilation nicht nur zum Scheitern gebracht wurden, sondern in der Vernichtung der Juden endeten, die eine Vernichtung um ihrer selbst willen war. Theodor Herzls Diktum, dass es in einer nationalstaatlich organisierten Welt einen wehrhaften jüdischen Staat geben muss, der den Juden Schutz und Zuflucht bietet, hatte durch die Shoa noch einmal eine beispiellose Bekräftigung erfahren.

Seit der Gründung Israels gibt es diesen Staat, und durch ihn sind die Juden nicht mehr als Minderheit auf den guten Willen von Mehrheitsgesellschaften angewiesen. Sie können sich gegen den Vernichtungsdrang von Antisemiten nun auch bewaffnet verteidigen – und tun dies, wenn es notwendig ist. Dass ihnen das regelmässig als «Holocaust» ausgelegt wird, sagt nichts über sie selbst aus, dafür aber umso mehr über diejenigen, die eine solche Behauptung aufstellen und kolportieren. Es ist ein Schuldabwehrantisemitismus, der sich – wie jede Form des Antisemitismus – als Notwehr im Namen der Menschenrechte ausgibt; es ist eine Dämonisierung und Delegitimierung Israels als Unrechtsstaat par excellence; es ist die Negierung jüdischer Souveränität mit dem Ziel, diese zum Verschwinden zu bringen. Allein die schiere Existenz eines jüdischen Staates lässt den Hass der Antisemiten jeglicher Couleur ins Unermessliche steigen, deshalb dürstet es sie nach Satisfaktion.

Der Antisemitismus hat sich nicht trotz, sondern wegen Auschwitz als modernisierungsfähig erwiesen und richtet sich längst weniger gegen «den Juden» als vielmehr gegen den jüdischen Staat, der als Kollektivsubjekt fungiert. In dessen Aussonderung – wie sie nicht zuletzt durch den Holocaustvergleich betrieben wird – manifestiert sich die Transformation des Judenhasses, der sich selbst erhält, indem er Israel als Pariastaat des Pariavolkes begreift und behandelt. Die Insinuation, Israel wiederhole an den Palästinensern die Shoa – eine lupenreine Projektion –, bestätigt ausserdem, was bereits Adorno befand: Wenn man schon zugibt, dass Verbrechen geschehen sind, will man auch, dass das Opfer mitschuldig ist. Und dass es nicht rückfällig wird, weshalb sich vor allem zahlreiche Deutsche gegenüber Israel wie Bewährungshelfer aufführen, die Lob und Tadel verteilen, wie es der Publizist Wolfgang Pohrt einmal schrieb. Sein Kollege Eike Geisel nannte diesen neuen Antisemitismus die «Moralität von Debilen» und die «Vollendung der Inhumanität» als «Banalität des Guten».

Das trifft den Punkt haargenau, und so, wie der Antisemitismus ganz grundsätzlich in ansonsten recht verschiedenen politischen Strömungen und Organisationen beheimatet ist – und damit ein volksgemeinschaftliches Projekt darstellt sowie als ideologischer Kitt fungiert –, so sind auch die Holocaustvergleiche als seine Ausdrucksform lagerübergreifend höchst populär. Gerade ihre Camouflage als menschenrechtliches Engagement, als Warnung vor dem Äussersten verfängt vielfach, dabei wird dadurch bloss die Shoa diminuiert und Israel beizeiten dämonisiert. Und genau das ist auch beabsichtigt.

Zuerst erschienen auf der Seite www.audiatur-online.ch/

Herbert Marcuse – Repressive Toleranz

Herbert Marcuse

Repressive Toleranz

in: Wolff, Moore, Marcuse: Kritik der reinen Toleranz; 1965, deutsch bei Suhrkamp Ffm 1996

Dieser Essays untersucht die Idee der Toleranz in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Er gelangt zu dem Schluß, daß die Verwirklichung de Toleranz Intoleranz gegenüber den herrschenden politischen Praktiken, Gesinnungen und Meinungen erheischen würde – sowie die Ausdehnung der Toleranz auf politische Praktiken, Gesinnungen und Meinungen, die geächtet oder unterdrückt werden. Die Idee der Toleranz erscheint, mit anderen Worten, heute als ein parteiliches Ziel, ein subversiver, befreiender Begriff und als ebensolche wieder als dasjenige, was sie an ihren Ursprüngen war, zu Beginn der Neuzeit -Praxis. Umgekehrt dient, was heute als Toleranzverkündet und praktiziert wird, in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung.                                               –                                          

Der Verfasser ist sich dessen voll bewußt, daß gegenwärtig keine Macht, Autorität oder Regierung vorhanden ist, die eine befreiende Toleranz in Praxis übersetzen würde, doch er meint, daß es Aufgabe und Pflicht des Intellektuellen ist, an geschichtliche Möglichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren – daß es seine Aufgabe ist, die unmittelbare Konkretheit der Unterdrückung zu durchbrechen, um die Gesellschaft als das zu erkennen, was sie ist und tut.

Toleranz ist ein Selbstzweck. Daß die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen, sind die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft existiert noch nicht; mehr denn je wird heute der Fortschritt zu ihr hin aufgehalten durch Gewalt und Unterdrückung. Als Abschreckungsmittel gegen einen nuklearen Krieg, als Polizeiaktion gegen Umsturz, als technische Hilfe im Kampf gegen Imperialismus und Kommunismus, als Methoden zur Befriedung in neokolonialistischen Massakern werden Gewalt und Unterdrückung gleichermaßen von demokratischen und autoritären Regierungen verkündet, praktiziert und verteidigt, und den Menschen, die diesen Regierungen unterworfen sind, wird beigebracht, solche Praktiken als notwendig für die Erhaltung des Status quo zu ertragen. Toleranz wird auf politische Maßnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen, behindern, wo nicht zerstören.

Diese Art von Toleranz stärkt die Tyrannei der Mehrheit, gegen welche die wirklichen Liberalen aufbegehrten. Der politische Ort der Toleranz hat sich geändert: während sie mehr oder weniger stillschweigend und verfassungsmäßig der Opposition entzogen wird, wird sie hinsichtlich der etablierten Politik zum Zwangsverhalten. Toleranz wird von einem aktiven in einen passiven Zustand überführt, von der Praxis in eine Nicht-Praxis: ins Laissez-faire der verfassungsmäßigen Behörden. Gerade vom Volk wird die Regierung geduldet, die wiederum Opposition duldet im Rahmen der verfassungsmäßigen Behörden.

Toleranz gegenüber dem radikal Bösen erscheint jetzt als gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dient auf dem Wege zum Überfluß oder zu größerem Überfluß. Die Nachsicht gegenüber der systematischen Verdummung von Kindern wie von Erwachsenen durch Reklame und Propaganda, die Freisetzung von unmenschlicher zerstörender Gewalt in Vietnam, das Rekrutieren und die Ausbildung von Sonderverbänden, die ohnmächtige und wohlwollende Toleranz gegenüber unverblümtem Betrug beim Warenverkauf, gegenüber Verschwendung und geplantem Veralten von Gütern sind keine Verzerrungen und Abweichungen, sondern das Wesen eines Systems, das Toleranzbefördert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und die Alternativen zu unterdrücken. Im Namen von Erziehung, Moral und Psychologie entrüstet man sich laut über die Zunahme der Jugendkriminalität, weniger laut über die Kriminalität immer mächtigerer Geschosse, Raketen und Bomben, das reifgewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation.

Einem dialektischen Satz zufolge bestimmt das Ganze die Wahrheit nicht in dem Sinne, daß das Ganze vor oder über seinen Teilen ist, sondern in der Weise, daß seine Struktur und Funktion jede besondere Bedingung und Beziehung bestimmen. So drohen in einer repressiven Gesellschaft selbst fortschrittliche Bewegungen in dem Maße in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie sie die Spielregeln hinnehmen. Um einen höchst kontroversen Fall anzufahren: die Ausübung politischer Rechte (wie das der Wahl, das Schreiben von Briefen an die Presse, an Senatoren usw., Protestdemonstrationen, die von vornherein auf Gegengewalt verzichten) in einer Gesellschaft totaler Verwaltung dient dazu, diese Verwaltung zu starken, indem sie das Vorhandensein demokratischer Freiheiten bezeugt, die in Wirklichkeit jedoch längst ihren Inhalt geändert und ihre Wirksamkeit verloren haben. In einem solchen Falle wird die Freiheit (der Meinungsäußerung, Versammlung und Rede) zu einem

Instrument, die Knechtschaft freizusprechen. Und doch (und nur hier zeigt der dialektische Satz seine volle Intention) bleiben das Vorhandensein und die Ausübung dieser Freiheiten eine Vorbedingung für das Wiederherstellen ihrer ursprünglichen oppositionellen Funktion, vorausgesetzt, daß die Anstrengung, ihre (oft selbstauferlegten) Beschränkungen zu überschreiten, intensiviert wird. Im allgemeinen hängen Funktion und Wert der Toleranz von der Gleichheit ab, die in der Gesellschaft herrscht, in welcher Toleranz geübt wird. Toleranz selbst bleibt umfassenderen Kriterien unterworfen: ihre Reichweite und Grenzen lassen sich nicht gemäß der jeweiligen Gesellschaft definieren. Mit anderen Worten: Toleranz ist nur dann ein Selbstzweck, wenn sie wahrhaft allseitig ist und von den Herrschern so geübt wird wie von den Beherrschten, von den Herren wie von den Knechten, von den Häschern wie von ihren Opfern. Solch allseitige Toleranz ist nur dann möglich, wenn kein wirklicher oder angeblicher Feind die Erziehung und Ausbildung des Volkes zu Aggressivität und Brutalität erforderlich macht. Solange diese Bedingungen nicht herrschen, sind die Bedingungen der Toleranz »belastet«: sie werden geprägt und bestimmt von der institutionalisierten Ungleichheit (die sicher mit verfassungsmäßiger Gleichheit vereinbar ist), das heißt von der Klassenstruktur der Gesellschaft. In einer derartigen Gesellschaft wird Toleranz de facto eingeschränkt auf dem Boden legalisierter Gewalt oder Unterdrückung (Polizei, Armee, Aufseher aller Art) und der von den herrschenden Interessen und deren »Konnexionen« besetzten Schlüsselstellung.

Diese im Hintergrund wirkenden Beschränkungen der Toleranz gehen normalerweise den expliziten und juristischen Beschränkungen voraus, wie sie festgelegt werden durch Gerichte, Herkommen, Regierungen usw. (zum Beispiel »Notstand«, Bedrohung der nationalen Sicherheit, Häresie). Im Rahmen einer solchen Sozialstruktur läßt sich Toleranz üben und verkünden, und zwar i. als passive Duldung verfestigter und etablierter Haltungen und Ideen, auch wenn ihre schlagende Auswirkung auf Mensch und Natur auf der Hand liegt; und 2. als aktive, offizielle Toleranz, die der Rechten wie der Linken gewährt wird, aggressiven ebenso wie pazifistischen Bewegungen, der Partei des Hasses ebenso wie der der Menschlichkeit. Ich bezeichne diese unparteiische Toleranz insofern als -abstrakt« und »rein«, als sie davon absieht, sich zu einer Seite zu bekennen – damit freilich schützt sie in Wirklichkeit die bereits etablierte Maschinerie der Diskriminierung.

Die Toleranz, die Reichweite und Inhalt der Freiheit erweiterte, war stets parteilich intolerant gegenüber den Wortführern des unterdrückenden Status quo. Worum es ging, war nur der Grad und das Ausmaß der Intoleranz. In der festgefugten liberalen Gesellschaft Englands und der Vereinigten Staaten wurde Rede- und Versammlungsfreiheit selbst den radikalen Gegnern der Gesellschaft gewährt, sofern sie nicht vom Wort zur Tat, vom Reden zum Handeln übergingen.

Indem sie sich auf die wirksamen, im Hintergrund stehenden Beschränkungen verließ, schien die Gesellschaft allgemeine Toleranz zu üben. Aber bereits die liberalistische Theorie hatte die Toleranz unter eine wichtige Bedingung gestellt: sie sollte »nur für Menschen in der Reife ihrer Anlagen gelten«. John Stuart Mill spricht nicht nur von Kindern und Minderjährigen; er führt näher aus: »Als Prinzip ist Freiheit nicht anwendbar auf einen Zustand vor der Zeit, in der die Menschheit die Fähigkeit erlangte, sich durch freie und gleiche Diskussion fortzuentwickeln.« Vor jener Zeit dürfen die Menschen noch Barbaren sein, und »der Despotismus ist eine im Umgang mit Barbaren legitime Regierungsform, vorausgesetzt, daß sie darauf abzielt, jene höher zu entwickeln, und die Mittel dadurch gerechtfertigt sind, daß sie tatsächlich zu diesem Ziel führen.« Mills oft zitierte Worte enthalten eine wenig bekannte Implikation, von der ihr Sinn abhängt: den inneren Zusammenhang von Freiheit und Wahrheit. Es gibt einen Sinn, in dem Wahrheit der Zweck der Freiheit ist und die Freiheit durch Wahrheit bestimmt und umgrenzt werden muß. In welchem Sinn kann nun Freiheit um der Wahrheit willen sein? Freiheit ist Selbstbestimmung, Autonome – das ist fast eine Tautologie, aber eine Tautologie, die sich aus einer ganzen Reihe synthetischer Urteile ergibt. Sie unterstellt die Fähigkeit, daß man sein eigenes Leben bestimmen kann: daß man imstande ist zu entscheiden, was man tun und lassen, was man erleiden und was man nicht erleiden will. Aber das Subjekt dieser Autonomie ist niemals das zufällige, private Individuum als das, was es gegenwärtig oder zufällig gerade ist; vielmehr das Individuum als ein menschliches Wesen, das imstande ist, frei zu sein mit den anderen. Und das Problem, eine solche Harmonie zwischen der individuellen Freiheit und dem Anderen zu ermöglichen, besteht nicht darin, einen Kompromiß zwischen Konkurrenten zu finden oder

zwischen Freiheit und Gesetz, zwischen allgemeinem und individuellem Interesse, öffentlicher und privater Wohlfahrt in einer etablierten Gesellschaft, sondern darin, die Gesellschaft berbeizeihren, worin der Mensch nicht an Institutionen versklavt ist, welche die Selbstbestimmung von vornherein beeinträchtigen. Mit anderen Worten, Freiheit ist selbst für die freiesten der bestehenden Gesellschaften erst noch herzustellen. Und die Richtung, in der sie gesucht werden muß, und die institutionellen und kulturellen Veränderungen, die dazu beitragen können, dieses Ziel zu erreichen, sind – zumindest in der entwickelten Zivilisation – begreiflich, das heißt, sie lassen sich identifizieren und entwerfen auf der Basis der Erfahrung, durch Vernunft. Im Wechselspiel von Theorie und Praxis werden wahre und falsche Lösungen unterscheidbar – niemals im Sinne bewiesener Notwendigkeit, niemals als das Positive, sondern nur mit der Gewißheit einer durchdachten und vernünftigen Chance und mit der überzeugenden Kraft des Negativen. Denn das wahrhaft Positive ist die Gesellschaft der Zukunft und deshalb jenseits von Definition und Bestimmung, während das bestehende Positive dasjenige ist, über das hinausgegangen werden muß. Doch die Erfahrung und das Verständnis der bestehenden Gesellschaft können durchaus identifizieren, was nicht zu einer freien und vernünftigen Gesellschaft führt, was die Möglichkeiten ihrer Herbeiftihrung verhindert oder verzerrt. Freiheit ist Befreiung, ein spezifischer geschichtlicher Prozeß in ‚ Theorie und Praxis und hat als solcher sein Recht und Unrecht, seine Wahrheit und Falschheit.

Die Ungewißheit der Chance bei dieser Unterscheidung setzt die geschichtliche Objektivität nicht außer Kraft, sie erfordert jedoch Denk- und Ausdrucksfreiheit als Vorbedingungen, den Weg zur Freiheit zu finden – sie erfordert Toleranz. Diese Toleranz kann allerdings nicht unterschiedslos und gleich sein hinsichtlich der Inhalte des Ausdrucks in Wort und Tat; sie kann nicht falsche Worte und unrechte Taten schützen, die demonstrierbar den Möglichkeiten der Befreiung widersprechen und entgegenwirken. Solche unterschiedslose Toleranz ist gerechtfertigt in harmlosen Debatten, bei der Unterhaltung, in der akademischen Diskussion; sie ist unerläßlich im Wissenschaftsbetrieb, in der privaten Religion. Aber die Gesellschaft kann nicht dort unterschiedslos verfahren, wo die Befriedung des Daseins, wo Freiheit und Glück selbst auf dem Spiel stehen: hier können bestimmte Dinge nicht gesagt bestimmte Ideen nicht ausgedruckt, bestimmte politische Maßnahmen nicht vorgeschlagen, ein bestimmtes Verhalten nicht gestattet werden, ohne daß man Toleranz zu einem Instrument der Fortdauer von Knechtschaft macht.

Die Gefahr »zerstörerischer Toleranz« (Baudelaire), »wohlwollender Neutralität« gegenüber der Kunst ist erkannt worden: der Markt, der (obgleich oft mit ganz plötzlichen Schwankungen) gleich gut Kunst, Anti-Kunst und Nicht-Kunst, alle möglichen einander widerstreitenden Stile, Schulen und Formen in sich aufnimmt, liefert ein »behagliches Gefäß, einen freundlichen Abgrund«2, in dem der radikale Impuls der Kunst, ihr Protest gegen die etablierte Wirklichkeit untergeht. Gleichwohl ist die Zensur von Kunst und Literatur unter allen Umständen rückschrittlich. Das authentische Kunstwerk ist keine Stütze der Unterdrückung und kann keine sein, und Pseudokunst (die eine solche Stütze sein kann) ist keine Kunst. Die Kunst steht gegen die Geschichte, leistet ihr Widerstand, einer Geschichte, welche stets die der Unterdrückung gewesen ist; denn die Kunst unterwirft die Wirklichkeit Gesetzen, die andere als die etablierten sind: den Gesetzen der Form, welche eine andere Wirklichkeit hervorbringt – die Negation der etablierten selbst dort, wo Kunst die etablierte Wirklichkeit abschildert. Freilich unterwirft sich die Kunst in ihrem Kampf mit der Geschichte selbst der Geschichte: die Geschichte geht ein in die Definition der Kunst sowie in die Unterscheidung von Kunst und Pseudokunst. So geschieht es, daß zur Pseudokunst wird, was einmal Kunst war. Frühere Formen, Stile und Qualitäten, frühere Weisen von Protest und Absage lassen sich nicht in einer anderen Gesellschaft oder gegen sie wiederaufnehmen. Es gibt Fälle, in denen ein authentisches Werk eine rückschrittliche politische Aussage enthält – das gilt von Dostojewski j . Dann aber wird die Aussage durch das Werk selbst widerrufen: der

rückschrittliche politische Inhalt wird absorbiert, aufgehoben in der künstlerischen Form: im Werk als Literatur. Die Toleranz der freien Rede ist der Weg der Vorbereitung und des Fortschreitens der Befreiung, nicht weil es keine objektive Wahrheit gibt und Befreiung notwendigerweise ein Kompromiß zwischen einer Mannigfaltigkeit von Meinungen sein muß, sondern weil es eine objektive Wahrheit gibt, die nur dadurch aufgedeckt und ermittelt werden kann, daß erfahren und begriffen wird, was ist, sein kann und zur Verbesserung des Loses der Menschheit getan werden sollte. Dieses öffentliche und historische »Sollen« ist nicht unmittelbar einsichtig, liegt nicht auf der Hand: es muß enthüllt werden, indem das gegebene Material »durchschnitten«, »aufgesparten«, »zerbrochen« (dis-cutio) wird – wodurch Recht und Unrecht, Gut und Schlecht, Richtig und Falsch auseinandergehalten werden. Das Subjekt, dessen »Vervollkommnung« von einer progressiven geschichtlichen Praxis abhängt, ist jeder Mensch als Mensch, und diese Universalität reflektiert sich in der Diskussion, die a priori keine Gruppe, kein Individuum ausschließt. Aber selbst der alles einschließende Charakter der liberalistischen Toleranz beruhte, zumindest in der Theorie, auf dem Grundsatz, daß alle Menschen (potentielle) Individuen wären, die lernen könnten, selbst zu hören, zu sehen und zu fühlen, ihre eigenen Gedanken zu entfalten, ihre wahren Interessen, Rechte und Fähigkeiten zu erfassen, auch gegen die eingerichtete Autorität und Meinung. Das war die rationale Grundlage der Rede- und Versammlungsfreiheit. Allseitige Duldung wird fragwürdig, wenn ihre rationale Grundlage nicht mehr besteht, wenn Toleranzmanipulierten und geschulten Individuen verordnet wird, die die Meinung ihrer Herren als ihre eigene nachplappern, für die Heteronomie zur Autonomie geworden ist.

Das Telos der Toleranz ist Wahrheit. Es ist eine geschichtlich klare Tatsache, daß die authentischen Wortführer der Toleranz auf mehr und eine andere Wahrheit aus waren als die der Aussagenlogik und akademischen Theorie. John Stuart Mill spricht von der Wahrheit, die in der Geschichte verfolgt wird und die über die Verfolgung nicht aufgrund der ihr »eigenen Macht« triumphiert, die wirklich »gegenüber dem Kerker und dem Pfahl« keine eigene Macht hat. Und er zählt die »Wahrheiten« auf, die grausam und erfolgreich in den Kerkern und am Pfahl liquidiert wurden: die von Arnold von Brescia, von Fra Dolcino, von Savonarola, die der Albigenser, , Waldenser, , Lollarden und Hussiten. Der Toleranzbedarf es zunächst und vor allem um der Ketzer willen – der geschichtliche Weg zur humanitas erscheint als Ketzerei: Ziel der Verfolgung durch die bestehenden Mächte. Indessen ist Ketzerei als solche noch kein Zeichen für Wahrheit.

Das Kriterium des Fortschritts in der Freiheit, wonach Mill diese Bewegungen beurteilt, ist die Reformation. Es handelt sich um eine Bewertung ex post, und seine Liste enthält Gegensätze (auch Savonarola hätte Fra Dolcino verbrannt). Selbst die Bewertung ex post ist in ihrer Wahrheit anfechtbar: die Geschichte korrigiert das Urteil – zu spät. Die Korrektur hilft den Opfern nicht und spricht ihre Henker nicht frei. Die Lehre daraus ist jedoch klar: die Intoleranz hat den Fortschritt aufgehalten, das Hinschlachten und Foltern Unschuldiger um Jahrhunderte weitergehen lassen. Spricht dies nun für unterschiedslose, »reine« Toleranz? Gibt es geschichtliche Bedingungen, unter denen eine solche Toleranz die Befreiung hemmt und die Opfer des Status quo vermehrt? Kann die unterschiedslose Garantie politischer Rechte und Freiheiten rückschrittlich sein? Kann eine solche Toleranz dazu dienen, eine qualitative gesellschaftliche Änderung zu hintertreiben?

Ich werde diese Frage nur in bezug auf politische Bewegungen, Einstellungen, Denkrichtungen und Philosophien erörtern, die ältesten Sinne »politisch« sind. Außerdem werde ich den Brennpunkt der Diskussion verlagern: sie wird sich nicht nur und nicht in erster Linie mit der Toleranz gegenüber radikalen Extremen, Minderheiten, Umstürzlern usw. befassen, sondern eher mit der Toleranz gegenüber Mehrheiten, der offiziellen und öffentlichen Meinung, den etablierten Schutzherren der Freiheit. Damit kann die Diskussion nur eine demokratische Gesellschaft zum Bezugsrahmen haben, in der das Volk in Gestalt von Individuen und Mitgliedern politischer und anderer Organisationen an der Durchführung, Beibehaltung und Änderung der Politik teilhat. In einem autoritären System toleriert das Volk die etablierte Politik nicht – es erleidet sie.

Unter einem System verfassungsmäßig garantierter und (im allgemeinen und ohne zu viele und zu augenfällige Ausnahmen) ausgeübter bürgerlicher Rechte und Freiheiten werden Opposition und abweichende Ansichten geduldet, sofern sie nicht zur Gewaltanwendung führen und sofern nicht zu einem gewaltsamen Umsturz aufgerufen und dieser organisiert wird. Zugrunde liegt die Annahme, daß die etablierte Gesellschaft frei sei und daß jede Verbesserung, selbst eine Änderung der gesellschaftlichen Struktur und Werte, im normalen Gang der Ereignisse zustande käme, vorbereitet, bestimmt und untersucht in freier und gleicher Diskussion auf dem offenen Forum der Ideen und Güter3 . Indem ich nun an die Stelle aus John Stuart Mill erinnerte, machte ich auf die in dieser Annahme versteckte Prämisse aufmerksam: freie und gleiche Diskussion kann die ihr zugeschriebene Funktion nur erfüllen, wenn sie rational ist – Ausdruck und Entfaltung unabhängigen Denkens, frei, von geistigem Drill, Manipulation, äußerer Autorität. Der Begriff des Pluralismus und des Ausgleichs der Mächte kann dieses Erfordernis nicht ersetzen. Man könnte theoretisch einen Staat konstruieren, in dem eine Vielheit verschiedener Zwänge, Interessen und Autoritäten einander ausbalancieren und zu einem Wahrhaft allgemeinen und vernünftigen Interesse führen. Eine solche Konstruktion paßt jedoch schlecht zu einer Gesellschaft, in der die Mächte ungleich sind und bleiben und ihr ungleiches Gewicht noch erhöhen, wenn sie ihren eigenen Lauf nehmen. Sie paßt noch schlechter, wenn die Mannigfaltigkeit von Zwängen sich zu einem überwältigenden Ganzen vereinigt und verfestigt und dabei die einzelnen ausgleichenden Mächte integriert aufgrund eines zunehmenden Lebensstandards und einer zunehmenden Machtkonzentration. Die Arbeiter,

deren wirkliches Interesse dem der Betriebsleitung widerstreitet, der gewöhnliche Konsument, dessen wirkliches Interesse dem des Produzenten entgegengesetzt ist, der intellektuelle, dessen Beruf in Konflikt gerät mit dem seines Arbeitgebers, sehen dann, daß sie sich einem System unterwerfen, dem gegenüber sie machtlos sind und unvernünftig erscheinen. Die Idee verfügbarer Alternativen verflüchtigt sich in eine äußerst utopische Dimension, in der sie auch beheimatet ist; denn eine freie Gesellschaft ist in der Tat unrealistisch und wesentlich verschieden von allen bestehenden Gesellschaften. Welche Verbesserung auch »im normalen Gang der Ereignisse« und ohne Umwälzung eintreten mag, unter diesen Umständen wird sie eine Verbesserung sein, die in der von den partikulären Interessen bestimmten Richtung liegt, die das Ganze kontrollieren.

Aus demselben Grunde wird man jenen Minderheiten, die bestrebt sind, das Ganze selbst zu ändern, unter optimalen Bedingungen (die selten herrschen) gestatten, Erwägungen anzustellen und zu diskutieren, zu sprechen und sich zu versammeln – und diese werden angesichts der überwältigenden Mehrheit, die sich einer qualitativen gesellschaftlichen Änderung widersetzt, harmlos und hilflos dastehen. Diese Mehrheit ist fest gegründet in der zunehmenden Befriedigung der Bedürfnisse sowie der technologischen und geistigen Gleichschaltung, die die allgemeine Hilflosigkeit radikaler Gruppen in einem gut funktionierenden Gesellschaftssystem bezeugen. In der Überflußgesellschaft herrscht Diskussion im Überfluß, und im etablierten Rahmen ist sie weitgehend tolerant. Alle Standpunkte lassen sich vernehmen: der Kommunist und der Faschist, der Linke und der Rechte, der Weiße und der Neger, die Kreuzzügler für Aufrüstung und die für Abrüstung. Ferner wird bei Debatten in den Massenmedien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intelligente, der Ununterrichtete darf ebenso lange reden wie der Unterrichtete, und Propaganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falschheit. Diese reine Toleranz von Sinn und Unsinn wird durch das demokratische Argument gerechtfertigt, daß niemand, ob Gruppe oder Individuum, im Besitz der Wahrheit und imstande wäre zu bestimmen, was Recht und Unrecht ist, Gut und Schlecht. Deshalb müssen alle miteinander wetteifernden Meinungen »dem Volk« zur Erwägung und Auswahl vorgelegt werden. Ich habe jedoch bereits angedeutet, daß das demokratische Argument eine notwendige Bedingung einschließt, nämlich: daß das Volk fähig sein muß, auf der Basis von Erkenntnis etwas zu erwägen und auszuwählen, daß ihm wahrhafte Information zugänglich sein und deren Bewertung autonomem Denken entspringen muß.

In der gegenwärtigen Periode wird das demokratische Argument zunehmend dadurch hinfällig, daß der demokratische Prozeß selbst hinfällig wird. Die befreiende Kraft der Demokratie lag in der Chance, die sie abweichenden Ansichten auf der individuellen wie gesellschaftlichen Ebene gewährte, in ihrer Offenheit gegenüber qualitativ anderen Formen der Regierung, Kultur und Arbeit – des menschlichen Daseins im allgemeinen. Die Duldung der freien Diskussion und das gleiche Recht gegensätzlicher Positionen sollte die verschiedenen Formen abweichender Ansichten bestimmen und klären. ihre Richtung, ihren Inhalt, ihre Aussichten. Aber mit der Konzentration ökonomischer und politischer Macht und der Integration gegensätzlicher Standpunkte einer Gesellschaft, welche die Technik als Herrschaftsinstrument benutzt, wird effektive Abweichung dort gehemmt, wo sie unbehindert aufkommen konnte: in der Meinungsbildung, im Bereich von Information und Kommunikation, in der Rede und der Versammlung. Unter der Herrschaft der monopolistischen Medien – selber bloße Instrumente ökonomischer und politischer Macht – wird eine Mentalität erzeugt, für die Recht ‚ und Unrecht, Wahr und Falsch vorherbestimmt sind, wo immer sie die Lebensinteressen der Gesellschaft berühren. Das ist, vor allem Ausdruck und aller Kommunikation, ein semantischer Tatbestand: blockiert wird die effektive Abweichung, die Anerkennung dessen, was nicht dem Establishment angehört; das beginnt in der Sprache, die veröffentlicht und verordnet wird. Der Sinn der Wörter wird streng stabilisiert. Rationale Diskussion, eine Überzeugung vom Gegenteil ist nahezu ausgeschlossen. Der Zugang zur Sprache wird denjenigen Wörtern und Ideen versperrt, die anderen Sinnes sind als der etablierte – etabliert durch die Reklame der bestehenden Mächte und verifiziert in deren Praktiken. Andere Wörter können zwar ausgesprochen und gehört, andere Gedanken zwar ausgedruckt werden, aber sie werden nach dem massiven Maßstab der konservativen Mehrheit (außerhalb solcher Enklaven wie der Intelligenz) sofort »bewertet« (das heißt: automatisch verstanden) im Sinne der öffentlichen Sprache – einer Sprache, die »a priori« die Richtung festlegt, in welcher sich der Denkprozeß bewegt. Damit endet der Prozeß der Reflexion dort, wo er anfing: in den gegebenen Bedingungen und Verhältnissen. Sich selbst bestätigend, stößt der Diskussionsgegenstand den Widerspruch ab, da die Antithese im Sinne der These neubestimmt wird. Zum Beispiel, These: wir arbeiten für den Frieden; Antithese.- wir bereiten Krieg vor (oder gar: wir führen Krieg); Vereinigung der Gegensätze: Kriegsvorbereitung ist Arbeit für den Frieden. Frieden wird dahingehend neubestimmt, daß er, bei der herrschenden Lage, Kriegsvorbereitung (oder sogar Krieg) notwendig einschließt, und in dieser Orwellschen Form wird der Sinn des Wortes »Frieden« stabilisiert. So wirkt das Grundvokabular der Orwellschen Sprache im Sinne apriorischer Kategorien des Verstehens: aller Inhalt wird präformiert. Diese Bedingungen entkräften die Logik der Toleranz, welche die rationale Entwicklung des Sinnes einschließt und dessen Abriegelung verbietet. Folglich verlieren die Überzeugung durch Diskussion und die gleichberechtigte Darstellung gegensätzlicher Positionen (selbst wo sie wirklich gleichberechtigt ist) leicht ihre befreiende Kraft als Faktoren des Verstehens und Erfahrens; weit wahrscheinlicher ist es jedoch, daß sie die etablierte These stärken und die Alternativen abwehren.

Unparteilichkeit bis zum äußersten, gleiche Behandlung konkurrierender und im Konflikt liegender Meinungen ist in der Tat ein Grunderfordernis dafür, daß im demokratischen Prozeß Entscheidungen getroffen werden können – und sie ist ein Grunderfordernis zur Bestimmung der Grenzen der Toleranz. Aber in einer Demokratie mit totalitärer Organisation kann Objektivität eine ganz andere Funktion erfüllen, nämlich die, eine geistige Haltung zu fördern, die dazu tendiert, den Unterschied zwischen Wahr und Falsch, Information und Propaganda, Recht und Unrecht zu verwischen. Faktisch ist die Entscheidung zwischen gegensätzlichen Ansichten schon vollzogen, ehe es dazu kommt, sie vorzutragen und zu erörtern – vollzogen nicht durch eine Verschwörung, einen Führer oder Propagandisten, nicht durch irgendeine Diktatur, sondern vielmehr durch den »normalen Gang der Ereignisse«, der der Gang verwalteter Ereignisse ist, sowie durch die darin geformte Mentalität. Auch hier bestimmt das Ganze die Wahrheit. Denn ohne daß die Objektivität offen verletzt würde, setzt die Entscheidung sich durch in Dingen wie der Aufmachung einer Zeitung (darin, daß eine höchst wichtige Information zerstückelt und mit nicht dazu gehörigem Material und unwesentlichen Einzelheiten durchsetzt wird, wodurch einige radikal negative Nachrichten eine unauffällige Stelle zugewiesen bekommen), in der Nebeneinanderstellung von prächtigen Annoncen und unabgeschwächtem Grauen, darin, daß Rundfunksendungen, die Tatsachen mitteilen, durch eine überwältigende Reklame eingeleitet und unterbrochen werden. Das Ergebnis ist eine Neutralisierung der Gegensätze, eine Neutralisierung freilich, die auf dem festen Boden der strukturellen Einschränkung der Toleranz und im Rahmen einer präformierten Mentalität stattfindet. Wenn eine Zeitschrift nebeneinander einen negativen und einen positiven Bericht über den FBI abdruckt, dann erfüllt sie ehrlich die Erfordernisse der Objektivität: es ist jedoch mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß der positive das Rennen macht, weil das Image der Institution dem Bewußtsein des Volkes tief eingeprägt ist. Oder wenn ein Nachrichtensprecher über die Folterung und Ermordung von Menschen, die für die Bürgerrechte eintraten) in dem gleichen geschäftlichen Tonfall berichtet, dessen er sich bedient, wenn er den Aktienmarkt oder das Wetter beschreibt, oder mit der gleichen großen Gemütsbewegung, mit der er seine Reklamesprüche aufsagt, dann ist solche Objektivität unecht, mehr noch, sie verstößt gegen Humanität und Wahrheit, weil sie dort ruhig ist, wo man wütend sein sollte, und sich dort der Anklage enthält, wo diese in den Tatsachen selbst enthalten ist. Die in solcher Unparteilichkeit ausgedrückte Toleranz dient dazu, die herrschende Intoleranz und Unterdrückung möglichst klein darzustellen oder gar freizusprechen. Wenn jedoch Objektivität irgend etwas mit Wahrheit zu tun hat und wenn Wahrheit mehr als eine Sache der Logik und Wissenschaft ist, dann ist diese Art Objektivität falsch und diese Art Toleranz unmenschlich. Und wenn es notwendig ist, das etablierte Universum der Bedeutung (und der in diesem Universum enthaltenen Praxis) zu durchbrechen, um den Menschen in den Stand zu setzen, herauszufinden, was wahr und was falsch ist, dann müßte diese trügerische Unparteilichkeit aufgegeben werden. Die dieser Unparteilichkeit ausgesetzten Menschen sind keine tabulae rasae, sie werden geschult von den Verhältnissen, unter denen sie leben und denken und über die sie nicht hinausgehen. Um sie zu befähigen, autonom zu werden, von sich aus herauszufinden, was für den Menschen in der bestehenden Gesellschaft wahr und was falsch ist, müßten sie von der herrschenden Schulung (die nicht mehr als Schulung erkannt wird) befreit werden. Das aber bedeutet, daß der Trend umgekehrt werden müßte: sie hätten Information zu bekommen, die in entgegengesetzter Richtung präformiert ist. Denn die Tatsachen sind niemals unmittelbar gegeben und niemals unmittelbar zugänglich; sie werden durch jene, die sie herbeiführten,  etabliert und »vermittelt«; die Wahrheit, »die ganze Wahrheit«, geht über die Tatsachen hinaus und erfordert den Bruch mit ihrer Erscheinung. Dieser Bruch – Vorbedingung und Zeichen aller Denk- und Redefreiheit – läßt sich nicht im etablierten Rahmen abstrakter Toleranz und unechter Objektivität vollziehen, weil eben sie die Faktoren sind, die den Geist gegen den Bruch präformieren.

Die tatsächlichen Schranken, welche die totalitäre Demokratie gegen die Wirksamkeit qualitativ abweichender Ansichten errichtet, sind, verglichen mit den Praktiken einer Diktatur, die das Volk in der Wahrheit zu erziehen beansprucht, schwach und angenehm genug. Bei all ihren Grenzen und Verzerrungen ist demokratische Toleranz unter allen Umständen humaner als eine institutionalisierte Intoleranz, welche die Rechte und Freiheiten der lebenden Generationen künftigen Generationen zuliebe hinopfert. Es fragt sich, ob dies die einzige Alternative ist. Ich werde jetzt versuchen, die Richtung anzudeuten, in der eine Antwort gesucht werden kann. Auf jeden Fall geht es nicht um den Gegensatz von Demokratie in abstracto und Diktatur in abstracto. Demokratie ist eine Regierungsform, die sich für sehr verschiedene Typen der Gesellschaft eignet (das gilt sogar für eine Demokratie mit allgemeinem Stimmrecht und Gleichheit vor dem Gesetz), und die menschlichen Kosten einer Demokratie sind stets und überall die von der Gesellschaft verlangten, deren Regierung sie ist. Der Umfang dieser Kosten erstreckt sich von normaler Ausbeutung, Armut und Unsicherheit bis auf die Opfer von Kriegen, Polizeiaktionen, militärischer Hilfe USW., auf welche die Gesellschaft sich eingelassen hat – und nicht nur auf die Opfer innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Solche Erwägungen können zwar niemals rechtfertigen, daß andere Sach- und Menschenopfer im Namen einer künftigen, besseren Gesellschaft gefordert werden, aber sie gestatten doch, die mit der Erhaltung einer bestehenden Gesellschaft verbundenen Kosten gegen das Risiko abzuwägen, Alternativen zu befördern, die der Befriedung und Befreiung eine vernünftige Chance bieten. Sicher ist von keiner Regierung zu erwarten, daß sie ihre eigene gewaltsame Beseitigung begünstigte, aber in der Demokratie ist ein solches Recht im Volk verankert (das heißt in der Mehrheit des Volkes). Das bedeutet, daß die Wege, auf denen sich eine umstürzende Mehrheit entwickeln könnte, nicht versperrt werden sollten, und wenn sie durch organisierte Unterdrückung und Indoktrination versperrt werden, dann wird ihre Wiedereröffnung offenkundig undemokratische Mittel erheischen. Dazu würde gehören, daß Gruppen und Bewegungen die Rede- und Versammlungsfreiheit entzogen wird, die eine aggressive Politik, Aufrüstung, Chauvinismus und Diskriminierung aus russischen und religiösen Gründen befürworten oder sich der Ausweitung öffentlicher Dienste, sozialer Sicherheit, medizinischer Fürsorge usw. widersetzen. Darüber hinaus kann die Wiederherstellung der Denkfreiheit neue und strenge Beschränkungen der Lehren und Praktiken in den pädagogischen Institutionen erfordern, die ihren ganzen Methoden und Begriffen nach dazu dienen, den Geist ins etablierte Universum von Rede und Verhalten einzuschließen – und dadurch a priori einer rationalen Einschätzung der Alternativen vorzubeugen. Und in dem Maße, wie Denkfreiheit den Kampf gegen Unmenschlichkeit mit sich bringt, schlösse die Wiederherstellung einer solchen Freiheit auch Intoleranz gegenüber wissenschaftlicher Forschung ein, die im Interesse tödlicher »Abschreckungsmittel«, des Ertragens unmenschlicher, abnormer Bedingungen usw. erfolgt. Ich werde jetzt die Frage diskutieren, wer über die Unterscheidung zwischen befreienden und repressiven, menschlichen und unmenschlichen Lehren und Praktiken befinden soll; ich habe bereits angedeutet, daß diese Unterscheidung keine Sache bloß subjektiven Vorziehens von Werten, sondern rationaler Kriterien ist.

Während es denkbar ist, daß die Umkehrung des Trends wenigstens im erzieherischen Bereich sich von den Schülern und Lehrern selbst durchsetzen ließe und damit selbstauferlegt wäre, ließe sich der systematische Entzug von Toleranz gegenüber rückschrittlichen und repressiven Meinungen und Bewegungen nur als Ergebnis eines massiven Drucks vorstellen, was auf eine Umwälzung hinausliefe. Er würde, mit anderen Worten, voraussetzen, was noch zu leisten ist: die Umkehrung des Trends. Jedoch kann Widerstand bei besonderen Anlässen vielleicht dafür den Boden bereiten. Der umstürzlerische Charakter der Wiederherstellung von Freiheit erscheint am deutlichsten in derjenigen Dimension der Gesellschaft, in der falsche Toleranz wahrscheinlich den größten Schaden anrichtet: in Geschäft und Publicity. Ich bestehe darauf, daß Praktiken wie geplantes Veralten von Gütern, das Einverständnis zwischen Gewerkschaften und den Politikern des Establishment, die betrügerische Publizität nicht einfach von oben einer ohnmächtigen breiten Masse auferlegt, sondern von dieser geduldet werden – und von den Konsumenten insgesamt. Es wäre jedoch lächerlich, wollte man hinsichtlich dieser Praktiken und der von ihnen geförderten Ideologien von einem möglichen Entzug der Toleranz reden. Denn sie gehören zur Basis, auf der die repressive Gesellschaft beruht und sich und ihre lebenswichtigen Abwehrstellungen reproduziert – ihre Beseitigung wäre jene totale Revolution die von dieser Gesellschaft so wirksam unterbunden wird.

Toleranz in einer solchen Gesellschaft diskutieren heißt, den Tatbestand der Gewalt und die traditionelle Unterscheidung von gewaltsamer und gewaltloser Aktion neu zu untersuchen. Die Diskussion sollte nicht von vornherein durch Ideologien vernebelt werden, die der Verewigung von Gewalt dienen. Selbst in den fortgeschrittenen Zentren der Zivilisation herrscht faktisch Gewalt: sie wird ausgeübt durch die Polizei, in Straf-und Irrenanstalten, im Kampf gegen rassische Minderheiten; sie wird von den Verteidigern der »freien Welt« in die rückständigen Gegenden getragen. Allerdings gebiert diese Gewalt neue. Aber sich angesichts einer weit überlegenen Gewalt dieser Gewalt zu enthalten, ist ein Ding, a priori aus ethischen oder psychologischen Gründen (weil sie Sympathisanten verschrecken kann) auf Gewalt gegen Gewalt zu verzichten, ein anderes. Gewaltlosigkeit wird den Schwachen normalerweise nicht nur gepredigt, sondern abgezwungen – sie ist mehr eine Notwendigkeit als eine Tugend, und normalerweise gefährdet sie die Interessen der Stark n nicht ernstlich. (Ist der Fall Indiens eine Ausnahme? Dort wurde passiver Widerstand in großem Umfang geleistet, der das Wirtschaftsleben des Landes auflöste oder aufzulösen drohte. Quantität schlägt in Qualität um: in solchem Ausmaß Ist passiver Widerstand nicht mehr passiv – er hört auf, gewaltlos zu sein. Dasselbe gilt für den Generalstreik.) Robespierres Unterscheidung zwischen dem Terror der Freiheit und dem des Despotismus und seine moralische Verherrlichung des ersteren zählen zu den am überzeugendsten verdammten Verirrungen, auch wenn der weiße Terror blutiger war als der rote. Die vergleichende Beurteilung der verschiedenen gesellschaftlichen Systeme nach der Anzahl ihrer Opfer wäre das quantifizierende Verfahren, das den von Menschen bereiteten Schrecken offenbart, der die Gewalt zu einer Notwendigkeit machte. Hinsichtlich der geschichtlichen Funktion gibt es einen Unterschied zwischen revolutionären und reaktionäres Gewalt, zwischen der von den Unterdrückten und der von den Unterdrückern geübten Gewalt. Ethisch gesehen: beide Formen der Gewalt sind unmenschlich und von Übel – aber seit wann wird Geschichte nach ethischen Maßstäben gemacht? Zu dem Zeitpunkt mit ihrer Anwendung beginnen, wo die Unterdrückten gegen die Unterdrücker aufbegehren, die Armen gegen die Verfügenden, heißt dem Interesse der tatsächlichen Gewalt dadurch dienen, daß man den Protest gegen sie schwächt.

»Comprenez enfin ceci: si la violence a commencd ce soir, , si l’exploitation ni l’oppression n’ont jamais existd sur terre, peut-Otre la non-violence affichde peut apaiser la querelle. Mais si le reime tout entier et jusqu’a vos non­violentes pensdes sont conditionndes par une oppression milldnaire, votre passivitd ne sert qu’a vous ranger du cöte des oppresseurs.«4

Gerade der Begriff der falschen Toleranz und die Unterscheidung zwischen gerechtfertigten und ungerechtfertigten Grenzen der Toleranz, zwischen progressiver und regressiver Schulung, revolutionärer und reaktionäres Gewalt erfordern, daß Kriterien ihrer Gültigkeit festgesetzt werden. Diese Maßstäbe müssen allen verfassungsmäßigen und gesetzlichen Kriterien (wie »Notstand« und anderen etablierten Definitionen bürgerlicher Rechte und Freiheiten) vorausgehen, die in einer bestehenden Gesellschaft aufgestellt und angewandt werden; denn solche Definitionen setzen selbst Maßstäbe von Freiheit und Unterdrückung als in der jeweiligen Gesellschaft anwendbar oder nicht anwendbar voraus: sie sind Spezifikationen allgemeiner Begriffe. – Durch wen und nach welchen Maßstäben läßt sich die politische Unterscheidung zwischen wahr und falsch, progressiv und regressiv (denn in diesem Bereich sind diese Begriffspaare gleichbedeutend) treffen und ihre Gültigkeit rechtfertigen? Ich behaupte, daß sich die Frage nicht anhand der Alternative von Demokratie und Diktatur beantworten läßt, der zufolge in der Diktatur ein Individuum oder eine Gruppe sich ohne wirksame Kontrolle von unten die Entscheidung anmaßen. Historisch sind selbst in den demokratischsten Demokratien diejenigen lebenswichtigen Entscheidungen, welche die Gesellschaft als ganzes berühren, verfassungsmäßig oder faktisch durch eine oder mehrere Gruppen getroffen worden, ohne daß das Volk selbst eine wirksame Kontrolle ausgeübt hätte. Die ironische Frage: wer erzieht die Erzieher? (das heißt die politischen Führer), gilt auch für die Demokratie. Die einzige wahrhafte Alternative zur Diktatur und deren Negation wäre (im Hinblick auf diese Frage) eine Gesellschaft, in der »das Volk« zu autonomen Individuen geworden ist, die befreit sind von den repressiven Erfordernissen eines Kampfes ums Dasein im Interesse von Herrschaft und als solche befreite Menschen ihre Regierung wählen und ihr Leben bestimmen. Eine solche Gesellschaft existiert nirgendwo. Inzwischen muß die Frage in abstracto behandelt werden – eine Abstraktion nicht von den geschichtlichen Möglichkeiten, sondern von den Realitäten in den herrschenden Gesellschaften.

Ich gab zu verstehen, daß die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Toleranz, zwischen Fortschritt und Regression sich rational auf empirischem Boden treffen läßt. Die realen Möglichkeiten menschlicher Freiheit sind relativ zur erreichten Zivilisationsstufe. Sie hängen von den auf der jeweiligen Stufe verfügbaren materiellen und geistigen Ressourcen ab, und sie lassen sich weitgehend quantifizieren und berechnen. Das gilt auf der Stufe der fortgeschrittenen Industriegesellschaft für die rationalsten Weisen, diese Ressourcen zu nutzen und das Sozialprodukt bei vorrangiger Befriedigung der Lebensbedürfnisse und mit einem Minimum von harter Arbeit und Ungerechtigkeit zu verteilen. Mit anderen Worten: es ist möglich, die Richtung zu bestimmen, in der die herrschenden Institutionen, politischen Praktiken und Meinungen geändert werden müßten, um die Chance eines Friedens zu vergrößern, der nicht mit Kaltem Krieg identisch ist, sowie einer Befriedigung der Bedürfnisse, die nicht von Armut, Unterdrückung und Ausbeutung lebt. Es ist dem zufolge auch möglich, politische Praktiken, Meinungen und Bewegungen zu bestimmen, die diese Chance befördern würden, und diejenigen, die das Gegenteil täten; de Unterdrückung der regressiven ist eine Vorbedingung für die Stärkung der fortschrittlichen.

Die Frage, wer qualifiziert sei, alle diese Unterscheidungen, Definitionen und Ermittlungen für die Gesamtgesellschaft vorzunehmen, hat jetzt eine logische Antwort: jedermann »in der Reife seiner Anlagen«, jeder, der gelernt hat, rational und autonom zu denken. Die Antwort auf Platons erzieherische Diktatur ist die demokratische erzieherische Diktatur freier Menschen. John Stuarts Mills Konzeption der res publica ist nicht das Gegenteil der Platonischen: auch der Liberale fordert die Autorität der Vernunft nicht nur als geistige, sondern auch als politische Macht. Bei Platon ist die Rationalität auf die kleine Zahl der Philosophen-Könige begrenzt; bei Mill hat jeder Mensch teil an der Diskussion und Entscheidung aber nur als vernünftiges Wesen.

Wo die Gesellschaft in die Phase totaler Verwaltung und Indoktrination eingetreten ist, wäre das allerdings eine kleine Anzahl und nicht notwendig die der gewählten Volksvertreter. Es geht nicht um das Problem einer erzieherischen Diktatur, sondern darum, die Tyrannei der öffentlichen Meinung und ihrer Hersteller in der geschlossenen Gesellschaft zu brechen. Angenommen selbst, daß die Unterscheidung zwischen Fortschritt und Regression empirisch als rational ausgewiesen werden kann, und angenommen, daß sie auf die Toleranz angewandt werden und aus politischen Gründen eine streng unterscheidende Praxis rechtfertigen kann (Abschaffung des liberalen Glaubens an freie und gleiche Diskussion), so ergibt sich daraus noch eine unmögliche Konsequenz. Ich sagte, daß kraft innerer Logik der Entzug der Toleranz gegenüber regressiven Bewegungen und eine unterscheidende Toleranz zugunsten fortschrittlicher Tendenzen gleichbedeutend wäre mit der »offiziellen« Förderung des Umsturzes. Der geschichtliche Fortschrittskalkül (der gegenwärtig der Kalkül der voraussichtlichen Verringerung von Grausamkeit, Elend und Unterdrückung ist) scheint die wohlüberlegte Wahl zwischen zwei Formen politischer Gewalt einzuschließen: die seitens der gesetzlich bestellten Mächte (durch ihre legitime Aktion, ihr stillschweigendes Einverständnis oder ihr Unvermögen, Gewalt zu verhindern) und die seitens potentiell umstürzlerischer Bewegungen. Außerdem würde im Hinblick auf die letzteren eine Politik ungleicher Behandlung den Radikalismus von links gegen den von rechts schützen. Kann der geschichtliche Kalkül vernünftigerweise auf die Rechtfertigung der einen Form von Gewalt gegen die andere ausgedehnt werden? Oder besser (da »Rechtfertigung« einen moralischen Beigeschmack hat), gibt es einen geschichtlichen Beweis, der dahin geht, daß der gesellschaftliche Ursprung und Impuls der Gewalt (ausgehend von den beherrschten oder den herrschenden Klassen, den Verfügenden oder den Armen, der Linken oder der Rechten) sich in einem nachweisbaren Verhältnis zum Fortschritt (wie er oben definiert wurde) befindet?

Bei allen Einschränkungen, deren eine Hypothese bedarf, die auf einer unabgeschlossenen geschichtlichen Vergangenheit beruht, scheint es, daß die aus dem Aufstand der unterdrückten Klassen erwachsene Gewalt das geschichtliche Kontinuum von Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Stillschweigen für einen kurzen Augenblick durchbrach, kurz aber explosiv genug, um eine Erweiterung des Spielraums von Freiheit und Gerechtigkeit, eine bessere und gleichmäßigere Verteilung von Elend und Unterdrückung in einem Gesellschaftssystem zu erreichen – mit einem Wort: einen Fortschritt der Zivilisation. Die englischen Bürgerkriege, die Französische Revolution, die Chinesische und die Kubanische Revolution können diese Hypothese veranschaulichen. Demgegenüber wurde der eine geschichtliche Wechsel von einem Gesellschaftssystem zum anderen, der den Beginn einer neuen Epoche der Zivilisation markierte, nicht von einer wirksamen Bewegung »von unten« inspiriert und durchgesetzt, nämlich der Zusammenbruch des Römischen Reiches im Westen, der zu einer langen Verfallsperiode führte, die Jahrhunderte währte, bis eine neue, höhere Periode der Zivilisation in der Gewalt der ketzerischen Revolten des dreizehnten Jahrhunderts und in den Bauern- und Arbeiteraufständen des vierzehnten Jahrhunderts entstand.5

Hinsichtlich der geschichtlichen Gewalt, die von den herrschenden Klassen ausging, scheint sich kein derartiges Verhältnis zum Fortschritt nachweisen zu lassen. Die lange Reihe dynastischer und imperialistischer Kriege, die Liquidation von Spartakus in Deutschland im Jahre 1919, der Faschismus und der Nationalsozialismus durchbrachen das Kontinuum der Unterdrückung nicht, sondern festigten und modernisierten es vielmehr. Ich sagte, »ausgehend von den herrschenden Klassen«: freilich gibt es kaum eine organisierte Gewalt von oben, die keine Massenunterstützung mobilisiert und aktiviert; die entscheidende Frage ist, im Namen und im Interesse welcher Gruppen und Institutionen wird solche Gewalt freigesetzt? Und die Antwort ist nicht notwendigerweise eine Antwort ex post: bei den soeben erwähnten geschichtlichen Beispielen ließ sich vorwegnehmen und wurde vorweggenommen, ob die Bewegung dazu dienen würde, die alte Ordnung zu stärken, oder dazu, eine neue herbeizuführen.

Befreiende Toleranzwürde mithin Intoleranz gegenüber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links. Was die Reichweite dieser Toleranz und Intoleranz angeht, so müßte sie sich ebenso auf die Ebene des Handelns erstrecken wie auf die der Diskussion und Propaganda, auf Worte wie auf Taten. Das traditionelle Kriterium »eindeutiger und gegenwärtiger Gefahr« scheint einer Stufe nicht mehr angemessen, auf der sich die ganze Gesellschaft in der Lage des Theaterpublikums befindet, wenn jemand »Feuer« schreit. Es ist eine Lage, in der sich in jedem Augenblick die totale Katastrophe auslösen ließe, nicht nur durch ein technisches Versagen, sondern auch durch eine rationale Fehleinschätzung der Risiken oder eine unbesonnene Rede eines der Führer. Unter den vergangenen Umständen waren die Reden der faschistischen und nationalsozialistischen Führer das unmittelbare Vorspiel zum Massaker. Der Abstand zwischen der Propaganda und der Aktion, zwischen der Organisation und ihrer Entfesselung gegen die Menschen war zu gering geworden. Aber die Verbreitung des Wortes hätte unterbunden werden können, ehe es zu spät war: hätte man die demokratische Toleranz aufgehoben, als die künftigen Führer mit ihrer Kampagne anfingen, so hätte die Menschheit eine Chance gehabt, Auschwitz und einen Weltkrieg zu vermeiden.

Die gesamte nachfaschistische Periode ist eine Periode eindeutiger und gegenwärtiger Gefahr. Folglich erfordert wahre Befriedung, daß die Toleranz vor der Tat entzogen werde: auf der Stufe der Kommunikation in Wort, Druck und Bild. Allerdings ist eine derart extreme Aufhebung des Rechts der freien Rede und freien Versammlung nur dann gerechtfertigt, wenn die Gesamtgesellschaft in äußerster Gefahr ist. Ich behaupte, daß unsere Gesellschaft sich in einer solchen Notsituation befindet und daß diese zum Normalzustand geworden ist.

Verschiedene Meinungen und »Philosophien« können nicht mehr friedlich um Anhängerschaft und Überzeugung aus rationalen Gründen wetteifern: das »Forum der Ideen« wird durch diejenigen organisiert und begrenzt, die über das nationale und individuelle Interesse verfügen. In dieser Gesellschaft, für welche die Ideologen das »Ende der Ideologie« verkündet haben, ist das falsche Bewußtsein zum allgemeinen Bewußtsein geworden – von der Regierung bis hinunter zu ihren letzten Objekten. Den kleinen und ohnmächtigen Gruppen, die gegen das falsche Bewußtsein kämpfen, muß geholfen werden: ihr Fortbestehen ist wichtiger als die Erhaltung mißbrauchter Rechte und Freiheiten, die jenen verfassungsmäßige Gewalt zukommen lassen, die diese Minderheiten unterdrücken. Es sollte mittlerweile klar sein, daß die Ausübung bürgerlicher Rechte durch die, die sie nicht haben, vorausgesetzt, daß die bürgerlichen Rechte jenen entzogen werden, die ihre Ausübung verhindern, und daß die Befreiung der Verdammten dieser Erde nicht nur die Unterdrückung ihrer alten, sondern auch ihrer neuen Herren voraussetzt.

Daß rückschrittlichen Bewegungen die Toleranz entzogen wird, ehe sie aktiv werden können, daß Intoleranz auch gegenüber dem Denken, der Meinung und dem Wort geübt wird (Intoleranz vor allem gegenüber den Konservativen und der politischen Rechten) – diese antidemokratischen Vorstellungen entsprechen der tatsächlichen Entwicklung der demokratischen Gesellschaft, welche die Basis für allseitige Toleranz zerstört hat. Die Bedingungen, unter denen Toleranz wieder eine befreiende und humanisierende Kraft werden kann, sind erst herzustellen. Wenn Toleranz in erster Linie dem Schutz und der Erhaltung einer repressiven Gesellschaft dient, wenn sie dazu herhält, die Opposition zu neutralisieren und die Menschen gegen andere und bessere Lebensformen immun zu machen, dann ist Toleranz pervertiert worden. Und wenn diese Perversion im Geist des Individuums anfängt, in seinem Bewußtsein, seinen Bedürfnissen, wenn heteronome Interessen Besitz von ihm ergreifen, ehe es seine Knechtschaft erfahren kann , dann müssen die Anstrengungen, seiner Entmenschlichung entgegenzuwirken, am Eingang beginnen, dort, wo das falsche Bewußtsein Form annimmt (oder vielmehr: systematisch geformt wird) – sie müssen damit beginnen, den Werten und Bildern ein Ende zu bereiten, die dieses Bewußtsein nähren. Das ist allerdings Zensur, sogar Vorzensur, aber eine, die sich offen gegen die mehr oder weniger verkappte Zensur richtet, welche die Massen-Medien durchdringt .Wo das falsche Bewußtsein im nationalen und Massenverhalten vorherrschend geworden ist, übersetzt es sich fast augenblicklich in Praxis: der beruhigende Abstand von Ideologie und Wirklichkeit, von repressivem Denken und repressivem Handeln, zwischen dem zerstörerischen Wort und der zerstörerischen Tat verkürzt sich gefährlich. So kann das Durchbrechen des falschen Bewußtseins den archimedischen Punkt liefern für eine umfassendere Emanzipation – an einer allerdings unendlich kleinen Stelle, aber von der Erweiterung solcher kleinen Stelle hängt die Chance einer Änderung ab.

Die Kräfte der Emanzipation lassen sich nicht mit einer gesellschaftlichen Klasse gleichsetzen, die aufgrund ihrer materiellen Lage von falschem Bewußtsein frei ist. Heute sind sie hoffnungslos über die Gesellschaft zerstreut, und die kämpfenden Minderheiten und isolierten Gruppen stehen oft in Opposition zu ihrer eigenen Führung. In der Gesamtgesellschaft muß der geistige Raum für Verneinung und Reflexion erst wiederhergestellt werden. Zurückgeworfen durch die verwaltete Gesellschaft, wird die Anstrengung zur Emanzipation »abstrakt«; sie wird darauf reduziert, die Anerkennung dessen zu erleichtern, was geschieht, die Sprache von der Tyrannei der Orwellschen Syntax und Logik zu befreien, die Begriffe zu entwickeln, welche die Realität erfassen. Mehr denn je gilt der Satz, daß Fortschritt in der Freiheit Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit erfordert .Wo der Geist zum Subjekt-Objekt der Politik und ihrer Praktiken gemacht worden ist, ist geistige Autonomie, die Anstrengung des reinen Denkens, eine Sache politischer Erziehung (oder vielmehr: Gegenerziehung) geworden. Das bedeutet, daß vormals neutrale, wertfreie, formale Momente des Lernens und Lehrens jetzt auf eigenem Boden und aus eigenem Recht politisch werden: zu lernen, die Tatsachen, die ganze Wahrheit zu kennen und zu begreifen, bedeutet in jeder Beziehung radikale Kritik, intellektuellen Umsturz. In einer Welt, in der die menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse gehemmt oder verkehrt sind, führt autonomes Denken zu einer »verkehrten Welt«: Widerspruch und Gegenbild zur etablierten Welt der Unterdrückung. Und dieser Widerspruch ist nicht einfach ersonnen, nicht einfach das Produkt wirren Denkens oder der Phantasie, sondern die logische Entwicklung der gegebenen, der bestehenden Welt. In dem Maße, wie die Befreiung durch das Gewicht einer repressiven Gesellschaft und die Notwendigkeit, in ihr ein Auskommen zu finden, behindert wird, wandert die Unterdrückung in den akademischen Betrieb selbst ein, noch vor allen Beschränkungen der akademischen Freiheit. Daß der Geist im vorhinein mit Beschlag belegt wird, beeinträchtigt die Unparteilichkeit und Objektivität: wenn der Student nicht in entgegengesetzter Richtung zu denken lernt, wird er geneigt sein, die Tatsachen in den herrschenden Rahmen der Werte einzuordnen. Gelehrsamkeit, das heißt der Erwerb und die Übermittlung von Kenntnissen verbietet, die Tatsachen vom Zusammenhang der ganzen Wahrheit zu reinigen und zu isolieren. Zur Wahrheit gehört wesentlich die Anerkennung des erschreckenden Ausmaßes, in dem Geschichte von den Siegern gemacht und für sie aufgezeichnet wurde, das heißt des Ausmaßes, in dem Geschichte fortschreitende Unterdrückung war. Und diese Unterdrückung ist in den von ihr eingesetzten Tatsachen selbst enthalten; damit sind sie selbst mit einem negativen Wert als Teil und Aspekt ihrer Tatsächlichkeit behaftet. Die großen Kreuzzüge gegen die Humanität (wie die gegen die Albigenser) mit derselben Unparteilichkeit zu behandeln wie die verzweifelten Kämpfe für die Humanität, bedeutet ihre gegensätzliche historische Funktion zu neutralisieren, die Henker mit ihren Opfern zu versöhnen und die Überlieferung zu verzerren. Solch trügerische Neutralität dient dazu, die Hinnahme der Herrschaft der Sieger im Bewußtsein des Menschen zu reproduzieren. Auch hier ist in der Erziehung jener, die noch nicht gänzlich integriert sind, im Bewußtsein der jungen Menschen, der Boden für befreiende Toleranz erst noch zu bereiten. Die Erziehung bietet noch ein weiteres Beispiel für trügerische, abstrakte Toleranz, die sich als Konkretion und Wahrheit verkleidet: sie faßt sich im Begriff der Selbstverwirklichung zusammen. Von der Tendenz, dem Kind alle Arten von Zügellosigkeit zu gestatten, bis zur fortwährenden psychologischen Beschäftigung mit den persönlichen Problemen des Studenten ist eine Bewegung großen Stils im Gange gegen die Übel der psychischen Unterdrückung und für das Bedürfnis, man selbst zu sein. Häufig wird die Frage übergangen, was unterdrückt werden muß, ehe man ein Selbst, man selbst sein kann. Das Potential des Individuums ist zunächst ein negatives, ein Teil des Potentials seiner Gesellschaft: der Aggression, des Schuldgefühls, der Unwissenheit, des Ressentiments, der Grausamkeit, die seine Lebensinstinkte beeinträchtigen. Soll die Identität des Selbst mehr sein als die unmittelbare Verwirklichung dieses Potentials (schädlich für das Individuum), so erfordert sie Unterdrückung und Sublimation, bewußte Umformung. Dieser Prozeß schließt auf jeder Stufe (um die lächerlich gemachten Begriffe zu benutzen, die hier ihre bündige Konkretheit offenbaren) die Negation der Negation ein, die Vermittlung des Unmittelbaren, und Identität ist nicht mehr und nicht weniger als dieser Prozeß. »Entfremdung« ist das beständige und wesentliche Element der Identität, die objektive Seite des Subjekts – und nicht, als was man sie heute erscheinen läßt: eine Krankheit, ein psychologischer Zustand. Freud kannte durchaus den Unterschied zwischen progressiver und regressiver, befreiender und zerstörerischer Unterdrückung. Die Reklame der Selbstverwirklichung fördert die Beseitigung beider, sie fördert das Dasein in der Unmittelbarkeit, die in einer repressiven Gesellschaft (um noch einen Hegelschen Terminus zu verwenden) schlechte Unmittelbarkeit ist. Sie isoliert das Individuum von der einen Dimension, in der es »sich selbst finden« könnte: von seinem politischen Dasein, das den Kern seines gesamten Daseins ausmacht. Statt dessen ermutigt sie Nonkonformität und Entfesselung in Richtungen) welche die wirklichen Unterdrückungsmaschinen der Gesellschaft gänzlich unberührt lassen, die diese Maschinen sogar stärken, indem sie die mehr als private und persönliche und deshalb wirkliche Opposition durch die Befriedigungen einer privaten und persönlichen Rebellion ersetzen. Die mit dieser Art Selbstverwirklichung einhergehende Entsublimierung ist insofern selbst repressiv, als sie die Notwendigkeit und Macht des Intellekts schwächt, die katalytische Kraft jenes unglücklichen Bewußtseins, das nicht in der archetypischen, persönlichen Befreiung von der Frustration schwelgt hoffnungsloses Wiederaufleben des Es, das früher oder später der allgegenwärtigen Rationalität der verwalteten Welt unterliegen wird -, sondern das den Schrecken des Ganzen in der privatesten Versagung erkennt und sich in dieser Erkenntnis verwirklicht, Ich habe zu zeigen versucht, wie die Veränderungen in den fortgeschrittenen demokratischen Gesellschaften, die die Grundlage des ökonomischen und politischen Liberalismus untergruben, auch die liberale Funktion der Toleranzverändert haben. Die Toleranz, welche die große Errungenschaft des liberalen Zeitalters war, wird noch vertreten und (mit starken Einschränkungen) geübt, während der ökonomische und politische Prozeß einer allseitigen und wirksamen Verwaltung im Einklang mit den herrschenden Interessen unterworfen wird. Daraus ergibt sich ein objektiver Widerspruch zwischen der ökonomischen und politischen Struktur auf der einen Seite und der Theorie und Praxis des Gewähren-Lassens auf der anderen. Die veränderte Sozialstruktur tendiert dazu, die Wirksamkeit der Toleranz gegenüber abweichenden und oppositionellen Bewegungen zu schwächen und konservative und reaktionäre Kräfte zu stärken. Die Gleichheit der Toleranz wird abstrakt, unecht. Mit dem faktischen Niedergang abweichender Kräfte in der Gesellschaft wird die Opposition in kleine und häufig einander widerstreitende Gruppen isoliert, die selbst dort, wo sie innerhalb der engen Grenzen toleriert werden, wie die hierarchische Struktur der Gesellschaft sie setzt, ohnmächtig sind, weil sie innerhalb dieser Grenzen verbleiben. Aber die ihnen erwiesene Toleranz ist trügerisch und fördert Gleichschaltung. Und auf den festen Grundlagen einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die sich gegen qualitative Änderung nahezu abgeriegelt hat, dient selbst die Toleranz eher dazu, eine solche Änderung zu unterbinden, als dazu, sie zu befördern.

Eben diese Bedingungen machen die Kritik solcher Toleranz abstrakt und akademisch, und der Satz, daß das Gleichgewicht zwischen Toleranz gegenüber der Rechten und gegenüber der Linken wiederhergestellt werden müßte, um die befreiende Funktion der Toleranz zu erneuern, erweist sich rasch als eine unrealistische Spekulation. Allerdings scheint eine solche Änderung gleichbedeutend damit, daß ein »Widerstandsrecht« eingesetzt wird, das bis zum Umsturz geht. Es gibt kein derartiges Recht für irgendeine Gruppe oder ein Individuum gegen eine verfassungsmäßige Regierung, die von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, und es kann ein solches Recht auch nicht geben. Aber ich glaube, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein »Naturrecht« auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen; es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie kämpfen – nicht für persönlichen Vorteil und aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen. Es gibt keinen anderen Richtet über ihnen außer den eingesetzten Behörden, der Polizei und ihrem eigenen Gewissen. Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte. Da man sie schlagen wird, kennen sie das Risiko, und wenn sie gewillt sind, es auf sich zu nehmen, hat kein Dritter, und am allerwenigsten der Erzieher und Intellektuelle, das Recht, ihnen Enthaltung zu predigen.

 

1 Dieser Essay ist meinen Studenten an der Brandeis University zugeeignet. zurück

2 Edgar Wind, Art and Anarchy, New York 1964, 5.101; deutsch: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1979 zurück

3 Ich möchte bezüglich der anschließenden Diskussion nochmals betonen, daß Toleranz selbst in der demokratischen Gesellschaft de facto nicht unterschiedslos und rein ist. Die auf S. 138 f. aufgeführten, »im Hintergrund wirkenden Beschränkungen« erlegen der Toleranz Schranken auf, noch ehe sie wirksam zu werden beginnt. Die antagonistische Struktur der Gesellschaft beeinträchtigt die Spielregeln. Die gegen das etablierte System Stehenden sind a priori im Nachteil, was durch die Duldung ihrer Ideen, Reden und Zeitungen nicht behoben wird. zurück

4 Jean Paul Sartre, Vorwort zu Frantz Fanon, Les Damnis de la Terre, Paris 1961, S. 22; deutsch: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt/M. 1966: »Man verstehe dies endlich: wenn die Gewalt heute abend angefangen hätte, wenn Ausbeutung und Unterdrückung niemals auf Erden existiert hätten, dann könnte vielleicht die sich anpreisende Gewaltlosigkeit den Streit beilegen. Wenn aber das gesamte Regime bis in euere gewaltlosen Gedanken hinein durch eine tausendjährige Unterdrückung bedingt ist, dann dient eure Passivität nur dazu, euch ins Lager der Unterdrückung einzugliedern.«  zurück

5 In der neuesten Zeit war der Faschismus eine Folge des Übergangs zur Industriegesellschaft ohne Revolution. Vgl. dazu Barrington Moores demnächst erscheinendes Buch Social Origins of Dictatorship and Democracy (deutsch: Soziale Ursprünge von Diktatur und Demokratie, Frankfurt/M. 1974).

Die Legende von Europas Nahostschuld von 1916, von Gutmenschen propagiert, ist ein Kernelement der IS-Propaganda.

Die Armenien-Abstimmung im Bundestag Mitte der Woche ist ein guter Anlass, sich etwas näher mit Frage auseinander zu setzen, ob und inwieweit Europa historisch für die heutigen Zustände in Nahost mitverantwortlich ist. So haben mehrere deutsche Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Berliner Zeitung, einem Ereignis, das am 16. Mai 1916 stattfand, große Beiträge gewidmet. An diesem Tag wurde das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen geschlossen. Es ist benannt nach dem Engländer Mark Sykes (Unterhaus-Abgeordneter der britischen Konservativen) und dem Franzosen Francois Georges-Picot (Diplomat und ehemaliger Generalkonsul in Beirut) und leitete die territoriale Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches ein.

„Einleiten“ ist der angemessene Ausdruck, denn das Abkommen ist – in einem längeren historischen Zeitraum betrachtet – ein Zwischenschritt. Während das Deutsche Reich auf die Kontinuität des Osmanischen Reiches setzten und die Mittelmächte mit ihm im 1. Weltkrieg verbündet waren, setzten die Entente-Mächte auf Teilung und Neubildung von Mächten. Großbritannien und Frankreich hatten dabei durchaus koloniale Ziele, aber sie mussten gegenüber dem  osmanischen Imperium doch auf die zentrifugalen Kräfte setzen und haben diese, im historischen Ergebnis, gestärkt.

So formten sich aus den Einflusszonen des Sykes-Picat-Abkommens schon in den 20er Jahren schrittweise eigenständige staatliche Einheiten im rechtlichen Rahmen des Völkerbundes. Und diese Entwicklung trieb weiter. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu neuen Unabhängigkeitsbewegungen und zur Bildung neuer Eliten, die ihre Staaten stärker vom Westen absetzten und eigene Modernisierungswege versuchten. Es sind diese Versuche, die seit geraumer Zeit in eine Entwicklungskrise geraten sind. Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sind in ihrem Kern keine europäisch, westlich oder russisch verursachten Konflikte, sondern Ausdruck einer inneren Krise dieser Staaten.

Europa Täter und Nahost Opfer? – ein nicht haltbarer Schuldzusammenhang

Umso erstaunlicher sind die Überschriften, unter die deutsche Zeitungen in diesem Mai 2016 den Jahrestag des Sykes-Picot-Abkommens stellen. „Vor 100 Jahren die Konflikte von heute geschaffen“, titelt die „Berliner Zeitung“ (14.5.2016), und fährt in der Unterzeile fort: „1916 teilten Briten und Franzosen den Nahen Osten in Einflusssphären. Zum Frieden hat es nicht beigetragen“. Im gleichen weltbelehrenden Ton ist die Überschrift in der FAZ gehalten: „Imperialer Federstrich – Wie die Großmächte keine neue Friedensordnung im Nahen und Mittleren Osten schufen“. Hier wird ein äußerer Schuldzusammenhang hergestellt.

Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 soll die Ursache für die heutigen Krisen, Kriege und Bürgerkriege sein. Von der inneren Entwicklungs-Krise in den seit vielen Jahrzehnten unabhängigen Staaten  ist nicht mehr die Rede. Der Nahe und Mittlere Osten ist das Opfer, Europa ist der Täter. Man wirft den Europäern vor, dass sie „keine Friedensordnung schufen“. Als wäre das in ihrer Macht gewesen. Und als wäre so eine von außen geschaffene Friedensordnung überhaupt sinnvoll gewesen.

Diese Artikel erscheinen jetzt, im Jahr 2016, mitten in einem Massenansturm von Flüchtlingen auf Europa. Das kann man eine Rückwärtsprojektion und eine historische Legendenbildung nennen. In einem Rückgriff über einen ganzes Jahrhundert wird eine europäische Urschuld konstruiert. Das Datum „1916“ soll heute für eine fortdauernde Schuld Europas im Nahen und Mittleren stehen. Und das hat eine ganz handfeste Konsequenz: Das heutige Europa soll für die Krise der arabisch-islamischen Welt geradestehen. Es soll für die Notlagen, Konflikte und nicht zuletzt für die Massen-Emigration aufkommen – weil es „Folgen von 1916“ sind.

Nah am Gedankengut des Panarabismus und Panislamismus

Bei genauerer Lektüre der Artikel stellt sich heraus, dass die Legende von der „europäischen“ Schuld eigentlich eine britisch-französische Schuld meint. Diese Länder sollen die heutigen Konflikte geschaffen haben. Dabei wird der Sündenfall des Sykes-Picot-Abkommens in dem trennenden Element der Grenzziehungen gesehen. Der Zeitungsleser bekommt den Eindruck, die Durchtrennung der alten osmanischen Reichseinheit hätte die Konflikte geschaffen. Damit argumentieren die Autoren recht nah am Gedankengut des Panarabismus und Panislamismus. Und genau an dieser Stelle fällt eine Auslassung auf: Das Deutsche Reich, das 1916 auf der Seite des Osmanischen Reiches stand, wird mit keinem Wort erwähnt.

Standen die europäischen Mittelmächte damals vielleicht auf der richtigen Seite der Geschichte? Kann Deutschland daher jetzt als europäischer Schulmeister auftreten? Was bedeutet die Aussage, dass die Politik der Aufteilungen gegenüber dem Osmanischen Reich „keine Friedensordnung“ schuf? Soll damit angedeutet werden, dass die Krisenlösung heute an die Verhältnisse vor den Grenzbildungen im Nahen und Mittleren Osten anknüpfen soll? Auf jeden Fall gibt es ganz real eine irritierende Entwicklung: Unter deutscher Führung ist die Europäische Union dabei, ein strategisches Bündnis mit der Türkei zu schließen. Mit einer Türkei, die deutlich hegemoniale Ziele in der Region anstrebt. Ist die deutsche Politik also dabei, wieder in die „osmanische Sackgasse“ zu schlittern?

Die deutsche Politik erneut auf dem Weg in die osmanische Sackgasse?

Zu Beginn seines Artikels führt uns der FAZ-Autor, Rainer Hermann, in die Downing Street 10 „am Morgen des 16. Dezember 2015“. In Anwesenheit des britischen Premierministers und drei weiterer Kabinettsmitglieder sollte Mark Sykes erläutern, wie ein Deal zwischen Briten und Franzosen aussehen könnte. Und da habe Sykes „seinen Zeigefinger über die Karte, die vor ihnen auf dem Tisch lag, gezogen“ und folgenden Satz gesprochen: „Ich meine, wir sollten die Linie von dem `e´ in Acre bis zum letzten `k´ in Kirkuk ziehen.“ Das war eine Linie von der Mittelmeerküste bis zur östlichen Grenze Mesopotamiens. Diese Linie bildet in der Tat noch heute einen Teil der Grenze zwischen dem Irak und Syrien. Es ist ein suggestives Bild, das mit dieser Einleitung gezeichnet wird. Ein paar noble Herren ziehen mit imperialer Geste ihre Striche auf der Landkarte. Hermann lässt keinen Zweifel, dass es darum gegangen sei „zu bestimmen, welche Provinzen sich Großbritannien einverleiben solle“.

Und dann macht der Autor von der Szene im Dezember 2015 einen schnellen Sprung über ein ganzes Jahrhundert: „Bis zum 3.Januar 1916 einigte er (Sykes) sich mit Picot auf die Aufteilung der osmanischen Beute mit Frankreich und damit auf die Grenzen die Grenzen der Staaten in der Levante, die bis zum heutigen Tag Bestand haben. Am 16.Mai unterzeichneten der britische Außenminister Edward Grey und der französische Botschafter in London, Paul Cambon, die Vereinbarung, die wie keine andere in der Neuzeit die Geschichte des Nahen Ostens prägen und beeinflussen sollte.“ Für den FAZ-Autor steht fest, dass hier eine imperiale Logik („einverleiben“) am Werk ist. Die Möglichkeit, dass mit dem Ende des Osmanischen Reiches ein neuer Prozess zunehmend unabhängiger Staatenbildungen begann, wird nicht mal angedeutet.

Ein genauerer Blick auf eine historische Kartenskizze (die in dem Artikel der Berliner Zeitung/Quellenhinweis „AFP“ veröffentlicht wurde, leider nicht online) zeigt, dass die heutigen Grenzen im Nahen Osten nur zu einem kleinen Teil wirklich mit den Grenzlinien von Sykes-Picot deckungsgleich sind. Der historische Prozess der wachsenden Unabhängigkeit hat die territoriale Ordnung nochmals modifiziert.

Ein Jahrhundert wird einfach unterschlagen

Ein erstaunlicher Zeitraffer ist in den Gedenk-Artikeln am Werk. Sie erzählen viel von 1916 und machen dann einen großen Sprung in unsere Gegenwart. Was dazwischen geschah, erscheint als bloße Fußnote – obwohl es um ein ganzes Jahrhundert geht. Das ist eigentlich recht geringschätzig und lieblos gegenüber einer großen Region dieser Welt. Für die Autoren der beiden Artikel, die an anderer Stelle schon sehr kenntnisreich über die Region berichtet haben, ist das eine merkwürdige Verkürzung der Realität. Da hilft vielleicht eine kleine Liste von Vorgängen, die im Zeitraffer verschwunden sind.

  • Syrien wurde, zusammen mit dem Libanon, in den 1920er Jahren als Mandatsgebiet des Völkerbundes an Frankreich übertragen. 1946 wurde es unabhängig. Der Libanon erhielt 1926 seine Eigenstaatlichkeit und 1943 die volle Unabhängigkeit (Er war Gründungsmitglied der Vereinten Nationen). Der Irak wurde ab 1921 zum Königreich Irak, dann ab 1958 zur Republik. Zu einer „Einverleibung“ durch Frankreich oder Großbritannien kam es also gar nicht.
  • Es gab in den 1950er Jahren verschiedene Versuche grenzüberschreitender Zusammenschlüsse: Irak und Jordanien („Arabische Föderation“); Syrien und Ägypten („Vereinigte Arabische Republik“). Sie wurden nach kurzer Zeit wieder getrennt. Die Grenzen erwiesen sich als dauerhafter als der Panarabismus. Zugleich fand der verheerendste Krieg im Nahen Osten (der Iran-Irak-Krieg) an einer Grenze statt, die viel älter ist als die Sykes-Picot-Linien.
  • Alle Staaten des Nahen Ostens können im Jahrhundert-Rückblick erhebliche Fortschritte beim Bruttoinlandsprodukt und bei den Infrastrukturen aufweisen. Aber die Bevölkerungsentwicklung lief noch schneller und entkoppelte sich besonders in den letzten Jahrzehnten: Syrien 1,5 Mio (1918) – 2,5 Mio (1938) – 6,3 Mio (1970) – 20,9 Mio (2010); Irak 6,7 Mio (1957) – 12,0 Mio (1977) – 22 Mio (1997) – 29,6 Mio (2010).

Diese Realitäten sprechen nicht für eine Geschichtsschreibung, die das gesamte Jahrhundert seit 1916 als Irrweg für den Nahen und Mittleren Osten wertet. Es spricht eher dafür, auf dem errungenen Staatenpluralismus aufzubauen und die Souveränität der Staaten als Schlüssel für mehr Selbstverantwortung zu verteidigen.

Kritik an den „Kunststaaten“ – im Namen der guten alten osmanischen Reichsordnung

Hingegen zeigt der Schluss des Artikels von Rainer Hermann, in welches Rückwärtsszenario die Legende von der europäischen Urschuld führt. Der Schlussabsatz ist es wert, zur Gänze zitiert zu werden:

„Diese Gebiete (Hermann schreibt vorher von den „Kunststaaten“ Syrien, Irak und Jordanien, GH) waren unter osmanischer Herrschaft relativ friedlich gewesen. Die Osmanen hatten durch eine kleinteilige Aufteilung des Gebiets Konflikten vorgebeugt, die entstehen, wenn viele unterschiedliche Gruppen in einem Staat zusammenlebten. Zudem wurden die kleinen Einheiten effizienter verwaltet. Die Kolonialmächte hatten das nicht begriffen: Sie legten drei osmanische Provinzen zusammen und nannten das Gebilde dann Irak. Drei andere Provinzen hießen nun Syrien, ohne dass es solche Nationen gegeben hätte. Um diese künstliche Gebilde zusammenzuhalten, bedurfte es erst der Kolonialstaaten, dann repressiver Diktaturen. Als diese wegfielen, stürzte die Region in Krieg und Chaos. Der Westen versucht zwar, die alte Ordnung in den hundert Jahre alten Grenzen zu retten. Eine neue, stabile Ordnung, die an Sykes-Picot anknüpfen könnte, zeichnet sich aber nicht ab.“

Damit endet der Artikel in der FAZ. Der Leser fragt sich: An was soll denn dann angeknüpft werden? Zurück zur Osmanischen Reichsordnung? Sollen die Nationalstaaten Syrien, Irak, Jordanien wirklich aufgelöst werden, weil es keine historischen Vorläufer-Nationen gegeben hat? Wo im Nahen Osten oder in Nordafrika hat es solche präexistenten Nationen gegeben? Und fällt nicht auch ein großer Teil Europas unter das Verdikt „Kunststaaten“, weil diese Staaten sich aus „unterschiedlichen Gruppen“ zusammensetzen und keine „natürlichen“ Grenzen haben? Fragen über Fragen – Wenn man den Schritt der Grenzziehung durch Sykes-Picot pauschal verurteilt, gerät man in das Dilemma, dass man überhaupt keine legitimen Grenzen benennen kann. Der Schlusssatz zeigt, dass Hermann nur eine Negativargumentation zustande bringt.

Wird so nicht auch dem Staat Israel die Legitimität abgesprochen?

Und noch eine Frage wird durch die neue Urschuld-Legende brisant: Wie steht es um die Legitimität Israels? Zu den Grenzziehungen, die im Gefolge des Abkommens von 1916 erfolgten, gehörte auch das Territorium Palästina, das unter eine gemeinsame britisch-französische Verwaltung gestellt wurde. Insofern schuf das Sykes-Picot-Abkommen eine Voraussetzung dafür, dass nach dem zweiten Weltkrieg der Staat Israel gegründet werden konnte. Zwar geht der Staat Israel nicht unmittelbar auf die englisch-französische Zonierung von 1916 zurück – wie es auch nicht die heutige Türkei, der Irak, Syrien, der Libanon oder Jordanien tun. Aber das Abkommen hat doch einige Vorbedingungen geschaffen, damit der Staat Israel möglich wurde. Auch das gehört zur guten Staatenpluralisierung im Nahen und Mittleren Osten – und wird bis heute von etlichen arabischen Staaten nicht anerkannt. Wie soll man vor diesem Hintergrund die neue Fundamentalkritik in deutschen Zeitungen verstehen? Welche territoriale Sicherheit kann Israel haben, wenn allen Trennungen, die sich irgendwie auf Sykes-Picot zurückführen lassen, die Legitimität abgesprochen wird? [1]

Eine Friedensordnung im Nahen Osten kann nur von einem Pluralismus souveräner Staaten getragen werden. Der Beginn dieses Pluralismus ist historisch mit Sykes-Picot verbunden – nicht im Sinn einer damals schon bestehenden klaren Zielvorstellung, sondern als Zwischenschritt in einem längeren historischen Prozess. Das Abkommen hat den Unabhängigkeitsbewegungen und der Bildung eigenverantwortlicher Staaten das Terrain eröffnet – auch wenn das vielleicht gar nicht in der Absicht von Mister Sykes und Monsieur Picot gelegen hat.[2]

Fussnoten:

[1] Ich habe am 3.4.2001 in einem längeren Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu zeigen versucht, wie die sogenannten „Befreiungsbewegungen“ gegen den Westen und gegen Israel den reaktionären Mythos vom  „organischen Staat“ wiederbelebten (G. Held, Die gute Kolonie, FAZ, 13.4.2001).  Zur guten deutschen Westbindung gehörte einmal, dass die deutsche Außenpolitik sich im Süden von allen „osmanischen“ oder panarabisch-islamischen Tendenzen distanzierte. Und dass sie es vermied, den Briten und Franzosen hier Lektionen erteilen zu wollen.       

[2] Der eingangs zitierte Artikel in der Berliner Zeitung argumentiert ähnlich wie der FAZ-Artikel, aber ein Unterschied muss fairerweise hervorgehoben werden. Der Autor, Martin Gehlen, berichtet zu Beginn von einem Auftritt des „Islamischen Staates“. Mitten in der syrisch-irakischen Wüstenregion schieben Dschihadisten des IS mit einem gelben Bulldozer Kontrollposten und Sandbarrieren beiseite. Zu diesen Bildern, die vor einiger Zeit in alle Welt geschickt wurden, twittern jubelnde Kämpfer „Wir zerschmettern Sykes-Picot“. Diese Seite der Medaille sollte man nicht übersehen: Die Schuldlegende von 1916 bildet ein Kernelement der IS-Propaganda.

Rudi Dutschke – heute aktuell wie damals

Zwei sehenswerte Protagonisten im Gespräch in der ARD am 3.12.1967, Günter Gaus interviewt Rudi Dutschke: Dutschke nimmt Stellung zum parlamentarischen System, zu den Instrumenten der „Herrschaft“, zur NPD, zur NATO und zur Religion. Dagegen setzt er seine Vorstellungen einer freien Gesellschaft: Organisationen ohne Berufspolitiker, ohne „Apparat“, bewußte Kontrolle der Geschichte durch die Menschheit. Günter Gaus stellt Fragen zu der Bewegung und zu Dutschkes Revolutionsbegriff.

Deutschland – ein failed State. Großes Kino.

Ist es nicht großartig? Endlich einmal ein Ereignis von weltgeschichtlicher Dimension. Der Zerfall und Untergang einer Gesellschaft und ihrer Kultur. Und wir sind live dabei. Man wird sich noch viele Generationen später kopfschüttelnd an uns erinnern und sich fragen: „Was haben die sich nur dabei gedacht?“. Aber wir, die mit der Gnade der frühen Geburt, die über Fünfzigjährigen heute, die endlich wissen, was die Menschen beim letzten historischen Großereignis, dem 2. Weltkrieg, gedacht haben, nämlich gar nichts, – wir kennen das Geheimnis, wie man blinden Auges Geschichte schreibt.

Ich gebe zu, ich wurde langsam etwas ungeduldig. Hat nicht jede Generation das Recht auf einen historischen Mega-Event? Auf eine Katastrophe mit Zerfall und Gewalt? Sollte nicht jeder einmal in seinem Leben Zeuge werden, wie der große Reset-Knopf gedrückt wird, wie bisher für die Ewigkeit Gedachtes zerfällt und menschlicher Vermessenheit eine weitere, harte Lektion erteilt wird? Einmal  erleben, wie die Karten neu gemischt werden und mit Abenteuerlust und Angst darauf warten, welches Blatt einem nun zugeteilt wird? Wir Deutschen, die nach 1945 unverdienter Weise ein Full House zugeteilt bekamen, können allerdings kaum darauf hoffen, dass wir diesmal wieder so viel Glück haben. Egal!

Über 70 Jahre Frieden in diesem Land, Wachstumstaumel und Wohlstandeuphorie, das hält doch kein Mensch aus. Da wird es Zeit, etwas zu zündeln und dem Schicksal nachzuhelfen. Das Erreichte ist stets selbstverständlich, es zu schützen und zu bewahren unnötig, wenn die Versprechungen am Horizont locken. So wie heute, so fing es immer an.

Die Worte meines Vaters, mahnend an mein kindliches Ohr gerichtet, „Dir geht es wohl zu gut“ oder „Dir juckt wohl das Fell?“, – sie gelten nicht nur für nassforsche Individuen, sondern für ganze Gesellschaften oder Kulturen! Wer hätte das gedacht?

Mein Vater hatte was erlebt. Die Kämpfe in Italien oder später im finnischen Karelien, die amerikanische Kriegsgefangenschaft, immer besorgt, dass das eintätowierte Blutgruppensymbol, das die Zugehörigkeit zur SS verriet, nicht auffiel, oder die Hamsterfahrten und den Kohlenklau von fahrenden Zügen nach dem Krieg.

Oder mein Großvater. Im ersten Weltkrieg auf einem Hilfskreuzer seiner Majestät im Golf von Aden von den Briten aufgebracht. Kriegsgefangenschaft in Indien. Für einen Jungen damals ein wahrhaft exotisches und unvergessliches Abenteuer.

Selbst die Erzählungen meiner Großmutter mütterlicherseits, die ihr Rheuma stets darauf zurückführte, dass sie mit meiner damals 9-jährigen Mutter an der Hand, dauernd zum Bunker laufen musste, hatte etwas Erregendes.

Leider sind Kriege ja dank der Atomwaffen etwas aus der Mode gekommen. Aber umso faszinierender ist es, zu erleben, wie ein Staat, eine Gesellschaft, quasi nach innen implodiert. Dabei ist es simple Physik. Es bedarf stets nicht nachlassender Kräfte von innen, die einen Gegendruck aufbauen, die bewahren und schützen. Lassen diese nach, ist die Implosion unvermeidbar.

Und diese Kräfte gibt es nicht mehr. Zu lange hieß es: höher, schneller, weiter. Übermut, wohin man blickte, naive Zuversicht, dass es hinter der nächsten Kurve noch schöner, noch besser wird. Wie langweilig, das Erreichte bewahren zu wollen. Die D-Mark, eine der härtesten Währungen der Welt: hinfort damit. Eine weltweit einmalige Infrastruktur und beispielhafte Verkehrswege: eine Selbstverständlichkeit, die ewig hält. 12.000 marode Brücken in  diesem Land zeugen von der Ignoranz und Dummheit der Verantwortlichen. Ebenso wie allerorten zerfallende Schulen, augenfälliges Zeichen für das Zerbröseln eines Bildungssystems, um das uns mal die Welt beneidete. Man könnte endlos fortfahren mit der Bestandsaufnahme dieser verwahrlosten Republik. Die Bundeswehr: eine Lachnummer. Die Industrie: Anschluss an die Weltspitze in fast allen Zukunftstechnologien verloren. Großprojekte wie der Berliner Flughafen: eine göttliche Komödie. Energiewende: schlicht verzockt. Staatsfinanzen oder Renten: ein Desaster.

Seltsam: Wir leisten uns Heerscharen teurer Politiker und Bürokraten, aber für das Gemeinwesen ist scheinbar keiner verantwortlich. Stattdessen hören wir permanent Entschuldigungen und heuchlerische Erklärungen. Ganz vorne: Die Weltwirtschaft, die Globalisierung. Oder die EU, die in Brüssel. Oder die anderen Parteien. Wenn die nicht wären, ja, dann würden, dann könnten wir. Und dann tun sie das, was sie am besten können: sie fordern und fordern. Vom wem eigentlich? Das weiß keiner so genau.

Es ist ein erbärmlicher Affentanz, dessen Zeuge wir tagtäglich werden. Aber das reicht natürlich nicht für einen historischen Untergang mit Pauken und Trompeten. Allenfalls für eine mittelgroße Wirtschaftskrise. Damit wird uns die Nachwelt nicht Erinnerung behalten. Da braucht es schon etwas Epochales und Beispielloses. Das Kopfschütteln und die Fassungslosigkeit nachfolgender Generation muss man sich hart verdienen.

Zwei Millionen aufgenommene Flüchtlinge 2015, – das ist mal eine Hausnummer, über die sich die Welt noch lange den Kopf zerbrechen wird. Die üblichen Entschuldigungen wie Bequemlichkeit oder Ignoranz greifen da nicht mehr. Da muss mehr dahinter stecken. Hier kann man sie fast spüren, die Überdrüssigkeit einer dekadenten Gesellschaft, den latenten Willen zum Untergang, der sich noch einmal in einem infantilen Freudentaumel Luft macht. Fast hört man wieder die Begeisterungsschreie von 1914 oder 1939, als man loszog, alles leichtfertig zu riskieren und der eigenen Vernichtung höhnisch entgegenlachte. Heute heißt es nicht mehr „Für Volk und Vaterland“, sondern „Refugees welcome“.

Aber wir vergessen nicht: Heute ist es keine Explosion, die uns den Garaus machen wird, sondern eine Implosion. Da gelten andere Regeln, will man Erfolg haben. Die Horden junger, vorwiegend männlicher und muslimischer Migranten sind schon einmal eine wirkungsvolle Zutat. Und es sieht nicht so aus, als würde der Strom der Einwanderer versiegen. Manche munkeln, halb Nordafrika säße bereits auf gepackten Koffern, um sich von den zu Schleppern und Transporteuren verkommenen Grenzschützern sicher nach Europa geleiten zu lassen.

Längst fragt keiner mehr, wer da eigentlich kommt. Viel zu langsam macht sich die Angst breit in der Bevölkerung, die Angst vor brutaler Gewalt, Tritten gegen den Kopf, Antanzen, Begrapschen in Schwimmbädern oder einem größeren Terroranschlag extremer Islamisten, die zu Hunderten ins Land strömen. Und diese Angst ist mehr als berechtigt, wie der aufmerksame Bürger versteckten Hinweisen in den Medien entnehmen kann. „Südländisches Aussehen“ oder „dunkle Hautfarbe“ heißt es in den Meldungen über alltägliche Abscheulichkeiten. Erst langsam erscheinen Kriminalstatistiken, die ein schonungsloses Bild der Lage zeichnen. Mehr noch als unter den Gewalttaten leidet die Bevölkerung unter dem Gefühl der Ohnmacht und daran, dass sich kaum ein Politiker für ihre Ängste zu interessieren scheint.

Während in den Medien und Talkshows immer noch darüber spekuliert wird, ob der Islam zu Deutschland gehört, oder nicht, während feinsinnig unterschieden wird zwischen Islam, politischem Islam und Islamisten, kursieren im Internet längst detaillierte Analysen weltweiter Befragungen, nach denen die Mehrzahl der Muslime die menschenverachtende Scharia staatlich durchsetzen will. Und in diesen absurden Theater Bundesrepublik pochen Islamverbände auf das Grundgesetz, wenn sie demokratische Parteien diffamieren. Ein Irrenhaus, in dem die Presse als Vierte Gewalt längst die Glaubwürdigkeit und ihre Funktion eingebüßt hat.

Aber reicht das? Einen Anstieg der Kriminalität oder kleinere Unruhen in NoGo-Areas, etwa bei den Schwarzenunruhen in den USA der Sechziger, gab es doch schon öfter. Das ist noch lange kein Garant für ein historisches Desaster. Dazu braucht es mehr. Aber das sieht gut aus in diesem Land und in Westeuropa.

Eine wirkungsvolle, alles zerstörende Implosion muss im innersten Kern des Körpers beginnen. Sie muss gewissermaßen den gesellschaftlichen Grundkonsens, das Urvertrauen der Bürger in den Staat und die soziale Matrix zerstören. Sie muss die Haftkräfte eines gemeinsamen Wertesystems, und sei es auch noch so informell, auflösen. Dann, ja dann ist der Zerfall nicht mehr aufzuhalten.

Ich bin mehr als optimistisch, denn wir sind auf dem besten Weg. Die Kernspaltung ist bereits gelungen. Am deutlichsten konnte man das bei den jüngsten Wahlen in Österreich beobachten. Jemand formulierte es treffend: 100 Prozent der Österreicher halten 50 Prozent der Österreicher für Trottel. Wie weit zurück liegen die Zeiten, als Ralf Dahrendorf mit der Formulierung „Der zwanglose Zwang des besseren Arguments“, das Hohelied auf den gesellschaftlichen Diskurs sang. Argumente haben ausgedient. Heute stehen sich verhärtete Fronten unversöhnlicher moralischer Positionen gegenüber.

Unerbittlich tobt der Kampf in den Social Media. Und der Staat gießt beständig Öl ins Feuer. Er fördert Bespitzelung und Diffamierung und hetzt gegen große Teile der Bevölkerung. 100 Millionen Euro hat er für den Kampf gegen Rechts bereit gestellt und unterstützt unter anderem Antifa-Gruppen, die mit großer Gewalt gegen die eigenen Polizeikräfte vorgehen. Wie verkommen kann eine Gesellschaft noch sein?

Aber was rede ich? Gesellschaft? Komplett fragmentiert. Eine Orientierung ist schon nicht mehr möglich. Vieles, was gestern unmöglich erschien, ist bereits traurige Realität. Mögen Null- oder Negativzinsen mit ihren noch nicht absehbaren katastrophalen Folgen ein sichtbares Symbol für die „Umkehr aller Werte“ sein, so wiegt die Unberechenbarkeit von Haltungen weit schwerer. Sie verunsichert nachhaltig und schafft der Anarchie Raum. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass die CDU sich anschickt, grüner als die Grünen zu werden? Wer konnte sich Tierschützer vorstellen, die angesichts der grausamen Halal-Schlachtung schweigen. Wer vermochte sich Frauenrechtler vorzustellen, die nach zahlreichen Übergriffen überwiegend muslimischer Täter, Verständnis für die Täter fordern. Und wer hätte gedacht, dass Kirchenfürsten angesichts brutaler Verfolgung ihrer Gläubigen durch Muslims im Nahen Osten und sogar in deutschen Asylantenheimen nicht etwa um Unterstützung für die drangsalierten Christen bitten, sondern um mehr Verständnis für Muslims?

Man kann es schon knistern hören, im Kern dieser Gesellschaft und des Staates. Die Auflösung der zentralen Strukturen ist nicht mehr weit. Es hat wenig mehr als zwei Jahrzehnte linksgrünen Kulturrelativismus und naiver Sorglosigkeit der Bürger gebraucht, um das zu erreichen. Nichts ist mehr gesetzt. Nicht mal das Geschlecht eines Menschen.

Groß ist die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, nur notdürftig als Desinteresse getarnt. Und so ist sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht, die Kaste der Priester mit ihren nicht hinterfragbaren Dogmen der Alternativlosigkeit. Sie spucken auf das Grab Ralf Dahrtendorfs und auf unsere Träume einer Gesellschaft, die auf Vernunft, Wissenschaft und demokratischem Diskurs gegründet ist. Es spielt keine Rolle, ob ihre Dogmen linker, grüner, islamischer oder rechtsradikaler Provenienz sind. Sie tauchen stets in Scharen dann auf, wenn das Ende nicht mehr weit ist. Und sie finden Gehör bei ihren verunsicherten und mitunter verblödeten Anhängern. Als wollten sie sich gegenseitig überbieten, postulieren sie immer absurdere Thesen. Dabei sind sie sich im Wesen gleich: Sie sind die Feinde der Freiheit. Und letztlich sind sie alle die Feinde eines Friedens, der sie überflüssig machen würde.

Die Zeichen stehen also gut, dass ich im Alter noch einmal Zeuge einer radikalen, gesellschaftlichen Umwälzung werde, die in die Geschichtsbücher eingeht. Mein Großvater und mein Vater hatten ihren Krieg und ich werde meine Implosion erleben, die wahrscheinlich ganz Westeuropa erfasst. Wie wird das auf dem Höhepunkt sein? Ich stelle es mir ein wenig wie in Syrien vor. Unterschiedliche religiös motivierte Horden, Warlords unterschiedlicher Ethnien, Rockerbanden, echte Nazis und schlichte Patrioten und Bürgerwehren werden gegeneinander und gegen Reste offizieller Kräfte im Kampf liegen. Letztere werden natürlich vorrangig damit beschäftigt ein, die Safe Zones, urbane Großräume zu sichern. Dort werden sich Reste der Wirtschaft konzentrieren. Die NoGo-Areas werden sich selbst überlassen bleiben. Deutschland – ein failed State. Großes Kino.

Wird man etwas daraus für die Zukunft lernen? Es wäre wünschenswert. Etwa, dass ein funktionierendes Gemeinwesen ein kostbares und verletzliches Gut ist, das man schützen und pflegen muss. Dass man die Besten damit beauftragen sollte und nicht gewissenlose Karrieristen. Dass man wachsam gegenüber Priestern und Dogmatikern sein muss und sich wehren sollte, wenn die erst mal von Fröschen oder Bäumen predigen. Und vielleicht wird man begreifen, dass eine Kultur, ähnlich einem biologischen Organismus eine Art Immunsystem besitzt, das fremde kulturelle DNA erst einmal abkapselt, um die eigene Kultur, das Rückgrat jeder Gesellschaft zu schützen. Wenn dieses Immunsystem selbst durch Ideologen und Kulturrelativierer infiziert ist, ist alles zu spät.

Ich hoffe allerdings, dass die Menschen nicht zu viel lernen, damit meine Enkel auch noch ihre historischen Momente erleben werden. Eigentlich bin ich da recht optimistisch. Jetzt bin allerdings erst einmal ich dran.

Dirk Schmidt ist Kommunikationsberater.

Adorno: Reflexionen zur Klassentheorie

Reflexionen zur Klassentheorie

(GS 8: 373–391)

Theodor W. Adorno

I

Geschichte ist, der Theorie zufolge, Geschichte von Klassenkämpfen. Aber der Begriff der Klasse ist mit dem Auftreten des Proletariats verbunden. Noch als revolutionäre nannte die Bourgeoisie sich den dritten Stand. In der Ausdehnung des Klassenbegriffs auf die Vorzeit denunziert die Theorie nicht bloß die Bürger, deren Freiheit mit Besitz und Bildung die Tradition des alten Unrechts fortsetzt. Sie wendet sich gegen die Vorzeit selber. Der Schein patriarchalischer Gutmütigkeit, den jene seit dem Sieg des unerbittlichen kapitalistischen Kalküls angenommen hat, wird zerstört. Die ehrwürdige Einheit des Gewordenen, das natürliche Recht der Hierarchie in der als Organismus vorgestellten Gesellschaft schon zeigt sich als Einheit von Interessenten. Die Hierarchie war von je Zwangsorganisation zur Aneignung fremder Arbeit. Das natürliche Recht ist verjährtes historisches Unrecht, der gegliederte Organismus das System der Spaltung, das Bild der Stände die Ideologie, die dem installierten Bürgertum in Gestalt von redlichem Verdienst, treuer Arbeit, schließlich dem Äquivalententausch am besten zustatten kam. Indem die Kritik der politischen Ökonomie die historische Notwendigkeit aufweist, die den Kapitalismus zur Entfaltung brachte, wird sie zur Kritik der ganzen Geschichte, von deren Unabänderlichkeit die Kapitalistenklasse wie ihre Ahnherrn das Privileg herleitet. Das jüngste Unrecht, das im gerechten Tausch selber gelegene, in seiner verhängnisvollen Gewalt erkennen, heißt nichts anderes als mit der Vorzeit es identifizieren, die von ihm vernichtet wird. Kulminiert in der Moderne, im kalten Elend der freien Lohnarbeit alle Unterdrückung, die Menschen je Menschen angetan haben, so offenbart sich der Ausdruck des Historischen selber an Verhältnissen und Dingen – der romantische Gegensatz zur industriellen Vernunft – als Spur von altem Leiden. Das archaische Schweigen von Pyramiden und Ruinen wird im materialistischen Gedanken seiner selbst inne: es ist das Echo vom Lärm der Fabrik in der Landschaft des Unabänderlichen. Vom Höhlengleichnis der Platonischen Politeia, der feierlichsten Symbolik der Lehre von den ewigen Ideen, argwöhnt Jacob Burckhardt1, es sei nach dem Bilde der grauenvollen athenischen Silberminen gestaltet. Dann wäre noch der philosophische Gedanke ewiger Wahrheit in der Betrachtung gegenwärtiger Qual entsprungen. Alle Geschichte heißt Geschichte von Klassenkämpfen, weil es immer dasselbe war, Vorgeschichte.

 

II

Darin ist eine Anweisung gelegen, wie Geschichte zu erkennen sei. Von der jüngsten Gestalt des Unrechts fällt Licht stets aufs Ganze. So nur vermag die Theorie, die Schwere des historischen Daseins der Einsicht ins Gegenwärtige zugute kommen zu lassen, ohne der Last resigniert selber zu erliegen. Bürgerliche wie Anhänger haben am Marxismus dessen Dynamik zu rühmen gewußt, in der sie jene beflissene Mimikry an die Geschichte witterten, die ihrer eigenen Betriebsamkeit naheliegt. Die marxistische Dialektik hat, der Würdigung Troeltschs im Historismusbuch zufolge, »ihre konstruktive Kraft und ihre Einschmiegung in die grundsätzliche Bewegtheit des Wirklichen bewahrt«2. Das Lob der konstruktiven Einschmiegung weckt Mißtrauen gegen die grundsätzliche Bewegtheit. Dynamik ist bloß der eine Aspekt von Dialektik: jener, den der Glaube an den praktischen Geist, die beherrschende Tat, das unermüdliche Machenkönnen am liebsten hervorhebt, weil die immerwährende Erneuerung das alte Unwahre am besten verbirgt. Der andere, unbeliebtere Aspekt der Dialektik ist der statische. Die Selbstbewegung des Begriffs, die Konzeption der Geschichte als Syllogismus, wie Hegels Philosophie sie denkt, ist keine Entwicklungslehre. Dazu hat sie bloß das einverstandene Mißverständnis der Geisteswissenschaften gemacht. Der Zwang, unter dem sie die rastlos zerstörende Entfaltung des immer Neuen begreift, besteht darin, daß in jedem Augenblick das immer Neue zugleich das Alte aus der Nähe ist. Das Neue fügt nicht dem Alten sich hinzu sondern bleibt die Not des Alten, seine Bedürftigkeit, wie sie durch dessen denkende Bestimmung, seine unabdingbare Konfrontation mit Allgemeinem im Alten selber als immanenter Widerspruch aktuell wird. In allen antithetischen Vermittlungen bleibt somit Geschichte ein unmäßiges analytisches Urteil. Das ist die historische Essenz der metaphysischen Lehre von der Identität von Subjekt und Objekt im Absoluten. Das System der Geschichte, die Erhebung des Zeitlichen zur Totalität des Sinnes, hebt als System Zeit auf und reduziert sie aufs abstrakt Negative. Dem ist der Marxismus als Philosophie treu geblieben. Er bestätigt den Hegelschen Idealismus als das Wissen der Vorgeschichte von der eigenen Identität. Aber er stellt ihn auf die Füße, indem er die Identität als vorgeschichtliche demaskiert. Das Identische wird ihm wahrhaft zur Bedürftigkeit, der der Menschen, die der Begriff bloß ausspricht. Die unversöhnliche Kraft des Negativen, die Geschichte in Bewegung setzt, ist die dessen, was Ausbeuter den Opfern antun. Als Fessel von Geschlecht zu Geschlecht verhindert sie wie die Freiheit so Geschichte selber. Die systematische Einheit der Geschichte, die dem individuellen Leiden Sinn geben oder erhaben zum Zufälligen es degradieren soll, ist die philosophische Zueignung des Labyrinths, in dem die Menschen bis heute gefront haben, der Inbegriff des Leidens. Im Bannkreis des Systems ist das Neue, der Fortschritt, Altem gleich als immer neues Unheil. Das Neue erkennen bedeutet nicht ihm und der Bewegtheit sich einschmiegen sondern ihrer Starrheit widerstehen, den Marsch der welthistorischen Bataillone als Treten auf der Stelle erraten. Die Theorie weiß von keiner »konstruktiven Kraft« denn der, mit dem Widerschein des jüngsten Unheils die Konturen der ausgebrannten Vorgeschichte zu erleuchten, um in ihr seiner Korrespondenz gewahr zu werden. Das Neueste gerade, und es allein stets, ist der alte Schrecken, der Mythos, der eben in jenem blinden Fortgang der Zeit besteht, der sich in sich zurücknimmt, mit geduldiger, dumm allwissender Tücke, wie der Esel das Seil des Oknos verzehrt. Nur wer das Neueste als Gleiches erkennt, dient dem, was verschieden wäre.

 

III

Die jüngste Phase der Klassengesellschaft wird von den Monopolen beherrscht; sie drängt zum Faschismus, der ihrer würdigen Form politischer Organisation. Während sie die Lehre vom Klassenkampf mit Konzentration und Zentralisation vindiziert[i], äußerste Macht und äußerste Ohnmacht unvermittelt, in vollkommenem Widerspruch einander entgegenstellt, läßt sie die Existenz der feindlichen Klassen in Vergessenheit geraten. Solche Vergessenheit hilft den Monopolen mehr als die Ideologien, die schon so dünn geworden sind, daß sie sich als Lügen bekennen, um denen, die daran glauben müssen, die eigene Ohnmacht um so nachdrücklicher zu demonstrieren. Die totale Organisation der Gesellschaft durchs big business und seine allgegenwärtige Technik hat Welt und Vorstellung so lückenlos besetzt, daß der Gedanke, es könnte überhaupt anders sein, zur fast hoffnungslosen Anstrengung geworden ist. Das teuflische Bild der Harmonie, die Unsichtbarkeit der Klassen in der Versteinerung ihres Verhältnisses gewinnt darum nur jene reale Gewalt übers Bewußtsein, weil die Vorstellung, es möchten die Unterdrückten, die Proletarier aller Länder, als Klasse sich vereinen und dem Grauen das Ende bereiten, angesichts der gegenwärtigen Verteilung von Ohnmacht und Macht aussichtslos scheint. Die Nivellierung der Massengesellschaft, die von kulturkonservativen und soziologischen Helfershelfern bejammert wird, ist in Wahrheit nichts anderes als die verzweifelte Sanktionierung der Differenz als der Identität, die die Massen, vollends Gefangene des Systems, zu vollbringen trachten, indem sie die verstümmelten Herrscher imitieren, um vielleicht von ihnen das Gnadenbrot zu erhalten, wenn sie sich nur hinlänglich ausweisen. Der Glaube, als organisierte Klasse überhaupt noch den Klassenkampf führen zu können, zerfällt den Enteigneten mit den liberalen Illusionen, nicht viel anders als die revolutionären Vereinigungen der Arbeiter einmal die Stilisierung der Bourgeoisie zum Stand verlachen mochten. Der Klassenkampf wird unter die Ideale verbannt und hat sich mit der Toleranz und der Humanität zur Parole in den Reden gewerkschaftlicher Präsidenten zu bescheiden. Die Zeiten, da man noch Barrikaden bauen konnte, sind fast schon so selig wie die, da das Handwerk einen goldenen Boden hatte. Die Allgewalt der Repression und ihre Unsichtbarkeit ist dasselbe. Die klassenlose Gesellschaft der Autofahrer, Kinobesucher und Volksgenossen verhöhnt nicht bloß die draußen sondern die eigenen Mitglieder, die Beherrschten, die es weder anderen noch sich selber mehr einzugestehen wagen, weil das bloße Wissen bereits mit qualvoller Angst vorm Verlust der Existenz und des Lebens bestraft wird. So angewachsen ist die Spannung, daß zwischen den inkommensurablen[ii] Polen gar keine mehr besteht. Der unermeßliche Druck der Herrschaft hat die Massen so dissoziiert, daß noch die negative Einheit des Unterdrücktseins zerrissen wird, die im neunzehnten Jahrhundert sie zur Klasse macht. Dafür werden sie unmittelbar beschlagnahmt von der Einheit des Systems, das es ihnen antut. Die Klassenherrschaft schickt sich an, die anonyme, objektive Form der Klasse zu überleben.

 

IV

Das macht es notwendig, den Begriff Klasse selber so nah zu betrachten, daß er festgehalten wird und verändert zugleich. Festgehalten: weil sein Grund, die Teilung der Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete, nicht bloß ungemindert fortbesteht sondern an Zwang und Festigkeit zunimmt. Verändert: weil die Unterdrückten, heute nach der Voraussage der Theorie die übergroße Mehrheit der Menschen, sich selber nicht als Klasse erfahren können. Diejenigen unter ihnen, welche den Namen reklamieren, meinen zumeist ihr partikulares Interesse im Bestehenden, etwa so wie die industriellen Spitzen den Begriff »Produktion« verwenden. Der Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten tritt nicht so in Erscheinung, daß er den Ausgebeuteten Solidarität als ihre ultima ratio vor Augen stellte: Konformität ist ihnen rationaler. Die Zugehörigkeit zur gleichen Klasse setzt längst nicht in Gleichheit des Interesses und der Aktion sich um. Nicht erst bei der Arbeiteraristokratie sondern im egalitären Charakter der Bürgerklasse selber ist das widersprechende Moment des Klassenbegriffs aufzusuchen, das verhängnisvoll heute hervortritt. Bedeutet die Kritik der politischen Ökonomie die des Kapitalismus, so ist der Begriff der Klasse, ihr Zentrum, selbst nach dem Modell der Bourgeoisie gebildet. Diese ist, als anonyme Einheit der Eigentümer von Produktionsmitteln und ihres Anhangs, die Klasse schlechthin. Aber der egalitäre Charakter, der sie dazu macht, wird selbst von der Kritik der politischen Ökonomie aufgelöst, nicht bloß im Verhältnis zum Proletariat sondern auch als Bestimmung der Bourgeoisie als solcher. Die freie Konkurrenz der Kapitalisten unter einander impliziert schon das gleiche Unrecht, das sie vereint den Lohnarbeitern antun, die sie nicht erst als ihnen tauschend Gegenübertretende exploitieren, vielmehr zugleich durchs System produzieren. Gleiches Recht und gleiche Chance der Konkurrierenden ist weithin fiktiv. Ihr Erfolg hängt ab von der – außerhalb des Konkurrenzmechanismus gebildeten – Kapitalkraft, mit der sie in die Konkurrenz eintreten, von der politischen und gesellschaftlichen Macht, die sie repräsentieren, von altem und neuem Conquistadorenraub, von der Affiliation mit dem feudalen Besitz, den die Konkurrenzwirtschaft nie ernstlich liquidiert hat, vom Verhältnis zum unmittelbaren Herrschaftsapparat des Militärs. Die Interessengleichheit reduziert sich auf die Partizipation an der Beute der Großen, die gewährt wird, wenn alle Eigentümer den Großen das Prinzip souveränen Eigentums zugestehen, das jenen ihre Macht und deren erweiterte Reproduktion garantiert: die Klasse als ganze muß zur äußersten Hingabe ans Prinzip des Eigentums bereit sein, das sich real vorab aufs Eigentum der Großen bezieht. Das bürgerliche Klassenbewußtsein zielt auf den Schutz von oben, das Zugeständnis, das die eigentlich herrschenden Eigentümer denen machen, die ihnen mit Leib und Seele sich verschreiben. Die bürgerliche Toleranz will toleriert werden. Sie meint nicht die Gerechtigkeit gegen die drunten, selbst die in der eigenen Klasse nicht, welche die oben vermöge der »objektiven Tendenz« verdammen, und das Gesetz des Äquivalententauschs und seiner rechtlichen und politischen Reflexionsformen ist der Vertrag, der die Beziehung zwischen dem Kern der Klasse und deren Mehrheit, den bürgerlichen Lehensleuten, stillschweigend im Sinne von Machtverhältnissen regelt. Mit anderen Worten, so real die Klasse ist, so sehr ist sie selber schon Ideologie. Wenn die Theorie erweist, daß es mit dem gerechten Tausch, der bürgerlichen Freiheit und Humanität fragwürdig bestellt ist, so fällt Licht damit auf den Doppelcharakter der Klasse. Er besteht darin, daß ihre formale Gleichheit die Funktion sowohl der Unterdrückung der anderen Klasse hat wie die der Kontrolle der eigenen durch die Stärksten. Sie wird von der Theorie als Einheit, als Klasse gegen das Proletariat gebrandmarkt, um das Gesamtinteresse, das sie vertritt, in seiner Partikularität bloßzustellen. Aber diese partikulare Einheit ist notwendig Nichteinheit in sich selber. Die egalitäre Form der Klasse dient als Instrument dem Privileg der Herrschenden über den Anhang, das sie zugleich verdeckt. Die Kritik der liberalen Gesellschaft kann vor dem Klassenbegriff nicht Halt machen, der so wahr und unwahr ist wie das System des Liberalismus. Seine Wahrheit ist die kritische: er designiert die Einheit, in der sich die Partikularität des bürgerlichen Interesses verwirklicht. Seine Unwahrheit liegt in der Nichteinheit der Klasse. Ihre immanente Bestimmung durch Herrschaftsverhältnisse ist der Tribut, den sie an die eigene Partikularität zu entrichten hat, der ihrer Einheit zugute kommt. Vor ihrer realen Nichteinheit wird noch die ebenso reale Einheit zum Schleier.

 

V

In der Marktwirtschaft war die Unwahrheit am Klassenbegriff latent: unterm Monopol ist sie so sichtbar geworden wie seine Wahrheit, das Überleben der Klassen, unsichtbar. Mit der Konkurrenz und ihrem Kampf ist auch soviel von der Einheit der Klasse verschwunden, wie als Spielregel des Kampfes, als Gemeininteresse die Konkurrenten zusammenhielt. Es wird der Bourgeoisie so leicht, dem Proletariat gegenüber ihren Klassencharakter zu verleugnen, weil in der Tat ihre Organisation die Form des Consensus der Interessengleichen abwirft, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert als Klasse sie konstituiert hatte, und durch unvermittelte ökonomische und politische Befehlsgewalt der Großen ersetzt, die auf dem Anhang und den Arbeitern mit der gleichen Polizeidrohung lastet, ihnen gleiche Funktion und gleiches Bedürfnis aufzwingt und damit den Arbeitern es nahezu unmöglich macht, das Klassenverhältnis zu durchschauen. Die Prognose der Theorie von den wenigen Eigentümern und der überwältigenden Masse der Besitzlosen ist erfüllt, aber anstatt daß damit das Wesen der Klassengesellschaft eklatant geworden wäre, wird es von der Massengesellschaft verzaubert, in der die Klassengesellschaft sich vollendet. Die herrschende Klasse verschwindet hinter der Konzentration des Kapitals. Diese hat eine Größe erreicht, ein Eigengewicht gewonnen, durch die das Kapital als Institution, als Ausdruck der Gesamtgesellschaft sich darstellt. Das Partikulare usurpiert vermöge der Allmacht seiner Durchsetzung das Ganze: im gesellschaftlich-totalen Aspekt des Kapitals terminiert der alte Fetischcharakter der Ware, der Beziehungen von Menschen als solche von Sachen zurückspiegelt. Zu solchen Sachen ist heute die ganze Ordnung des Daseins geworden. In ihr wird dem Proletariat mit dem freien Markt, der für die Arbeiter immer schon Lüge war, die Möglichkeit zur Klassenbildung objektiv versperrt und schließlich durch den bewußten Willen der Herrschenden im Namen des großen Ganzen, das sie selber sind, durch Maßnahmen verhindert. Die Proletarier aber müssen, wenn sie leben wollen, sich angleichen. Allenthalben drängt Selbsterhaltung übers Kollektiv zur verschworenen Clique. Zwangshaft reproduziert unten sich die Spaltung in Führer und Gefolge, die an der herrschenden Klasse selber sich vollzieht. Die Gewerkschaften werden zu Monopolen und die Funktionäre zu Banditen, die von den Zugelassenen blinden Gehorsam verlangen, die draußen terrorisieren, loyal jedoch bereit wären, den Raub mit den anderen Monopolherren zu teilen, wenn diese nur nicht vorher in offenem Faschismus die ganze Organisation in eigene Regie nehmen. Der Gang der Handlung macht der liberalen Episode ein Ende; die Dynamik von gestern bekennt sich als die erstarrte Vorzeit von heute, die anonyme Klasse als die Diktatur der selbsternannten Elite. Noch die politische Ökonomie, deren Konzeption die Theorie der liberalen grimmig vorgab, zergeht als vergänglich. Ökonomie ist ein Sonderfall der Ökonomie, des für Herrschaft präparierten Mangels. Nicht haben die Tauschgesetze zur jüngsten Herrschaft als der historisch adäquaten Form der Reproduktion der Gesamtgesellschaft auf der gegenwärtigen Stufe geführt, sondern die alte Herrschaft war in die ökonomische Apparatur zuzeiten eingegangen, um sie, einmal in voller Verfügung darüber, zu zerschlagen und sich das Leben zu erleichtern. In solcher Abschaffung der Klassen kommt die Klassenherrschaft zu sich selber. Die Geschichte ist, nach dem Bilde der letzten ökonomischen Phase, die Geschichte von Monopolen. Nach dem Bilde der manifesten Usurpation, die von den einträchtigen Führern von Kapital und Arbeit heute verübt wird, ist sie die Geschichte von Bandenkämpfen, Gangs und Rackets.

 

VI

Marx ist über der Ausführung der Klassentheorie gestorben, und die Arbeiterbewegung hat sie auf sich beruhen lassen. Sie war nicht nur das wirksamste Agitationsmittel sondern reichte im Zeitalter der bürgerlichen Demokratie, der proletarischen Massenpartei und der Streiks, vorm offenen Sieg des Monopols und vor der Entfaltung der Arbeitslosigkeit zur zweiten Natur, an den Konflikt heran. Nur die Reformisten haben sich auf die Klassenfrage diskutierend eingelassen, um mit der Leugnung des Kampfes, der statistischen Würdigung der Mittelschichten und dem Lob des umspannenden Fortschritts den beginnenden Verrat zu bemänteln. Die verlogene Leugnung der Klassen bewog die verantwortlichen Träger der Theorie, den Klassenbegriff selber als Lehrstück zu hüten, ohne ihn weiterzutreiben. Damit hat die Theorie sich Blößen gegeben, die Mitschuld tragen am Verderb der Praxis. Die bürgerliche Soziologie aller Länder hat sie sich weidlich zunutze gemacht. War sie insgesamt durch Marx wie durch eine Magnetnadel abgelenkt und apologetisch geworden, je mehr sie sich auf die Wertfreiheit versteifte, so konnte ihr Positivismus, die wahre Einschmiegung ins Faktische, dort den Lohn ihrer Mühen einkassieren, wo verkümmerten Theorie Unrecht gaben, die als Glaubensartikel selber auf die Aussage über Faktisches heruntergekommen war. Der Nominalismus der Forschung, der das Wesentliche, das Klassenverhältnis als Idealtyp in die Methodologie verbannte und die Realität jenem Einmaligen überließ, das sie bloß garniert, fand sich mit Analysen zusammen, die die Klasse – etwa in ihrem spezifischen politischen Äquivalent, der Partei – jener oligarchischen Züge überführten, welche die Theorie vernachlässigte oder als Anhang »Monopolkapitalismus« verdrossen berücksichtigte. Je gründlicher man dabei die Fakten vom konkreten Begriff, ihrer Beziehung auf den aktuellen Stand des Ausbeutungssystems, reinigte, die allem Faktischen bestimmend innewohnt, um so besser paßten sie in den abstrakten Begriff, die alle Epochen umfassende Merkmaleinheit hinein, die als von den Fakten bloß abgezogene über diese nichts mehr vermag. Oligarchie, Ideologie, Integration, Arbeitsteilung werden aus Momenten der Herrschaftsgeschichte, deren dunklen Wald man vor den grünen Bäumen des eigenen Lebens nicht mehr sieht, zu generellen Kategorien der Vergesellschaftung der Menschen. Die Skepsis gegen die angebliche Klassenmetaphysik wird normativ im Zeichen der formalen Soziologie: Klassen gibt es nicht wegen der unbeugsamen Tatsachen; deren Unbeugsamkeit aber substituiert die Klasse, und da der soziologische Blick, wo er die Steine der Klassen sucht, immer nur das Brot der Eliten findet und tagtäglich erfährt, daß es ohne Ideologie schlechterdings nicht abgeht, so ist es schon das gescheiteste, bei den Formen der Vergesellschaftung es zu belassen und womöglich blutenden Herzens die Sache der unvermeidlichen Elite zur eigenen Ideologie zu machen. Gegen das phantasma bene fundatum sich auf Gegenbeispiele berufen, den oligarchischen Charakter der Massenpartei abstreiten, verkennen, daß die Theorie im Munde ihrer Funktionäre wirklich zur Ideologie geworden ist, wäre pure Ohnmacht und trüge bloß den Geist der Apologetik in die Theorie, gegen welche die bürgerlichen Apologeten ihr Netz gesponnen haben. Nichts hilft als die Wahrheit aus den soziologischen Begriffen gegen die Unwahrheit wenden, die sie produzierte. Was die Soziologie gegen die Realität der Klassen vorbringt, ist nichts anderes als das Prinzip der Klassengesellschaft: die Allgemeinheit der Vergesellschaftung ist die Form, unter der Herrschaft historisch sich durchsetzt. Die abstrakte Einheit selber, in deren Herstellung aus blinden Fakten die Soziologie ihr Trugbild des Klassenlosen vollendet meint, ist die Disqualifizierung der Menschen zu Objekten, die von Herrschaft bewirkt wird und heute auch die Klassen ergriffen hat. Die soziologische Neutralität wiederholt die soziale Gewalttat, und die blinden Fakten, hinter die sie sich verschanzt, sind die Trümmer, in welche die Welt von der Ordnung geschlagen ward, mit der die Soziologen sich vertragen. Die generellen Gesetze besagen nichts gegen die gesetzlose Zukunft, weil ihre Allgemeinheit selber die logische Form der Repression ist, die abgeschafft werden muß, damit die Menschheit nicht in die Barbarei zurückfällt, aus der sie noch gar nicht herauskam. Daß Demokratie Oligarchie ist, liegt nicht an den Menschen, die nach Ansicht und Interesse ihrer reifen Führer zur Demokratie nicht reif sein sollen, sondern an der Unmenschlichkeit, die das Privileg in die objektive Notwendigkeit der Geschichte eingräbt. Indem aus der Dialektik der Klasse am Ende die nackte Cliquenherrschaft sich erhebt, wird die Soziologie erledigt, die das immer schon gemeint hat. Ihre formalen Invarianten erweisen sich als Voraussagen über jüngste materiale Tendenzen. Die Theorie, die an der Lage heute lernt, die Banden in den Klassen zu identifizieren, ist die Parodie auf die formale Soziologie, welche die Klassen leugnet, um die Banden zu verewigen.

 

VII

Die Stelle der marxistischen Klassenlehre, die der apologetischen Kritik am offensten sich darbietet, scheint die Verelendungstheorie. Das gemeinsame Elend macht die Proletarier zur Klasse. Es folgt als Konsequenz aus ihrer Stellung im Produktionsprozeß der kapitalistischen Wirtschaft und wächst mit dem Prozeß ins Unerträgliche an. So wird Elend selber zur Kraft der Revolution, die das Elend überwinden soll. Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten und alles zu gewinnen: die Wahl soll ihnen nicht schwer werden, und die bürgerliche Demokratie ist soweit progressiv wie sie den Spielraum zur Klassenorganisation gewährt, deren numerisches Gewicht den Umsturz herbeiführt. Dagegen läßt sich alle Statistik ins Feld führen. Die Proletarier haben mehr zu verlieren als ihre Ketten. Ihr Lebensstandard hat sich gegen die englischen Zustände vor hundert Jahren, wie sie den Autoren des Manifests vor Augen standen, nicht verschlechtert sondern verbessert. Kürzere Arbeitszeit, bessere Nahrung, Wohnung und Kleidung, Schutz der Familienangehörigen und des eigenen Alters, durchschnittlich höhere Lebensdauer sind mit der Entwicklung der technischen Produktivkräfte den Arbeitern zugefallen. Keine Rede kann davon sein, daß Hunger sie zum bedingungslosen Zusammenschluß und zur Revolution nötigte. Dafür ist die Möglichkeit von Zusammenschluß und Massenrevolution selber fragwürdig geworden. Der Einzelne gedeiht besser in der Interessenorganisation als in der gegens Interesse, die Konzentration technisch-militärischer Machtmittel auf der Unternehmerseite ist so formidabel, daß sie die Erhebung alten Stils vorweg ins allgemein tolerierte Bereich heroischer Erinnerung verweist, und daß die bürgerliche Demokratie dort, wo ihre Fassade noch existiert, die Bildung einer Massenpartei zuließe, die an die Revolution denkt, von der sie redet, ist ganz unwahrscheinlich. So zerfällt die überlieferte Konstruktion von der Verelendung. Sie mit dem Hilfsbegriff der relativen Verelendung zu flicken, wie man es zur Zeit des Revisionismusstreits versuchte, konnte nur sozialdemokratischen Gegenapologeten beikommen, deren Ohren vom eigenen Geschrei schon so stumpf geworden waren, daß sie nicht einmal den Hohn mehr vernahmen, der aus dem Ausdruck relative Verelendung ihrer Mühe entgegenschallt. Notwendig ist die Erwägung des Begriffs Verelendung selbst, nicht die sophistische Modifikation seines Geltungsbereichs. Er ist aber ein strikt ökonomischer Begriff, definiert durch das absolute Akkumulationsgesetz. Reservearmee, Übervölkerung, Pauperismus wachsen proportional mit dem »funktionierenden Kapital«3 und drücken zugleich den Arbeitslohn herab. Die Verelendung ist die Negativität des freien Spiels der Kräfte im liberalen System, dessen Begriff die Marxische Analyse ad absurdum führt: mit dem gesellschaftlichen Reichtum nimmt unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen vermöge des immanenten Systemzwangs die gesellschaftliche Armut zu. Vorausgesetzt ist der ungestörte, autonome Ablauf des Wirtschaftsmechanismus, wie die liberale Theorie ihn postuliert: die Geschlossenheit des je zu analysierenden tableau économique. Alles andere wird den modifizierenden »Umständen« zugezählt, »deren Analyse nicht hierher gehört«4. Damit aber zeigt sich die Verelendungstheorie selber als abhängig vom Doppelcharakter der Klasse, der Differenz vermittelter und unmittelbarer Repression, die ihr Begriff enthält. Es gibt soweit Verelendung, wie die bürgerliche Klasse wirklich anonyme und bewußtlose Klasse ist, wie sie und das Proletariat vom System beherrscht werden. Im Sinne der rein ökonomischen Notwendigkeit vollzieht die Verelendung sich absolut: wäre der Liberalismus wirklich der Liberalismus, als den Marx ihn beim Wort nimmt, so bestünde schon in der friedlichen Welt der Pauperismus, der heute in den kriegerisch unterjochten Ländern offenbar wird. Aber die herrschende Klasse wird nicht nur vom System beherrscht, sie herrscht durchs System und beherrscht es schließlich selber. Die modifizierenden Umstände stehen extraterritorial zum System der politischen Ökonomie, aber zentral in der Geschichte der Herrschaft. Im Prozeß der Liquidation der Ökonomie sind sie keine Modifikationen sondern selber das Wesen. Soweit betreffen sie die Verelendung: sie darf nicht in Erscheinung treten, um nicht das System zu sprengen. In seiner Blindheit ist das System dynamisch und akkumuliert das Elend, aber die Selbsterhaltung, die es durch solche Dynamik leistet, terminiert auch dem Elend gegenüber in jener Statik, die von je den Orgelpunkt der vorgeschichtlichen Dynamik abgibt. Je weniger die Aneignung fremder Arbeit unterm Monopol mehr durch die Marktgesetze sich vollzieht, um so weniger auch die Reproduktion der Gesamtgesellschaft. Die Verelendungstheorie impliziert unmittelbar Marktkategorien in Gestalt der Konkurrenz der Arbeiter, durch die der Preis der Ware Arbeitskraft fällt, während diese Konkurrenz mit allem was sie bedeutet so fraglich geworden ist wie die der Kapitalisten. Die Dynamik des Elends wird mit der der Akkumulation stillgelegt. Die Verbesserung der ökonomischen Lage drunten oder deren Stabilisierung ist außerökonomisch: der höhere Standard wird aus Einkommen oder Monopolprofiten bezahlt, nicht aus Vernunft. Er ist Arbeitslosenunterstützung auch wo diese nicht deklariert ist, ja wo der Schein von Arbeit und Lohn dicht fortbesteht: Zugabe, Trinkgeld im Sinne der Herrschenden. Guter Wille und Psychologie haben nichts damit zu tun. Die ratio solchen Fortschritts ist das Selbstbewußtsein des Systems von den Bedingungen seiner Perpetuierung, nicht jedoch die bewußtlose Mathematik der Schemata. Die Prognose von Marx ist auf ungeahnte Weise verifiziert: die herrschende Klasse wird so gründlich von fremder Arbeit ernährt, daß sie ihr Schicksal, die Arbeiter ernähren zu müssen, entschlossen zur eigenen Sache macht und dem »Sklaven die Existenz innerhalb seiner Sklaverei« sichert, um die eigene zu befestigen. Im Anfang mochte der Druck der Massen, die potentielle Revolution die Umkehr bewirken. Später, mit der Verstärkung der Macht der monopolistischen Zentralstellen, wird man die Lage der arbeitenden Klassen mehr stets mit der Aussicht auf Vorteile jenseits der eigenen geschlossen definierten Wirtschaftssysteme – nicht unmittelbar durch Kolonialprofite – verbessert haben. Die endgültige Etablierung der Macht ist in alle Posten des Kalküls eingerechnet. Der Schauplatz des kryptogamen, gleichsam zensurierten Elends aber ist die politische und gesellschaftliche Ohnmacht. Sie macht alle Menschen derart zu bloßen Verwaltungsobjekten der Monopole und ihrer Staaten, wie es zur Zeit des Liberalismus nur jene paupers waren, die man in der Hochzivilisation hat aussterben lassen. Diese Ohnmacht er-laubt die Führung des Krieges in allen Ländern. Wie er die faux frais der Machtapparatur nachträglich als profitbringende Investition bestätigt, so löst er den Kredit des Elends ein, das die herrschenden Cliquen klug vertagten, während ihre Klugheit doch am Elend die unverrückbare Grenze hat. Nur ihr Sturz, nicht die wie immer verschleierte Manipulation wird das Elend stürzen.

 

VIII

»Was fällt, das sollt ihr stoßen.« Der Satz Nietzsches spricht als Maxime ein Prinzip aus, das die reale Praxis der Klassengesellschaft definiert. Maxime wird es bloß gegen die Ideologie der Liebe in der Welt von Haß: Nietzsche gehört der Tradition jener bürgerlichen Denker seit der Renaissance an, die aus Empörung über die Unwahrheit der Gesellschaft zynisch deren Wahrheit als Ideal gegen das Ideal ausgespielt und mit der kritischen Gewalt der Konfrontation jener anderen Wahrheit geholfen haben, die sie am grimmigsten als die Unwahrheit verhöhnen, in die sie von der Vorgeschichte verzaubert ist. Die Maxime sagt aber mehr als die These vom bellum omnium contra omnes, die am Beginn des Zeitalters der freien Konkurrenz steht. Das Bündnis von Fall und Stoß ist eine Chiffre für den altehrwürdigen Doppelcharakter der Klasse, der heute erst manifest wird. Die objektive Tendenz des Systems wird immer vom bewußten Willen derer verdoppelt, gestempelt, legitimiert, die darüber verfügen. Denn das blinde System ist die Herrschaft; darum kommt es den Herrschenden stets zugute, auch wo es sie anscheinend bedroht, und die Geburtshelferdienste der Herrschenden bezeugen das Wissen darum und stellen den Sinn des Systems wieder her, wenn er von der Objektivität des geschichtlichen Vollzugs, seiner sich selbst entfremdeten Gestalt, verhüllt wird. Es gibt eine Tradition freier bürgerlicher Tathandlungen von der Pulververschwörung – vielleicht vom athenischen Hermensturz – bis zum Reichtagsbrand, und Intrigen wie die Bestechung der Hindenburgs und die Begegnung beim Bankier Schroeder, auf die der Kenner der objektiven Tendenz desinteressiert herunterblickt als auf die Zufälle, die der Weltungeist benutzt, um sich durch sie hindurch zu realisieren, sind gar nicht so zufällig: es sind Akte der Freiheit, die bezeugen, daß die objektive historische Tendenz soweit Täuschung ist, wie sie nicht ohne weiteres mit den subjektiven Interessen derer harmoniert, die durch Geschichte der Geschichte befehlen. Die Vernunft ist noch viel listiger, als Hegel ihr attestieren mochte. Ihr Geheimnis ist weniger das der Leidenschaften als das von Freiheit selber. Diese ist in der Vorgeschichte die Verfügung der Cliquen über die Anonymität des Unheils, das Schicksal heißt. Sie werden vom Schein des Wesens überwältigt, das sie selber ins Spiel gebracht haben, und darum nur scheinbar überwältigt. Geschichte ist Fortschritt im Bewußtsein ihrer eigenen Freiheit durch die historische Objektivität hindurch und diese Freiheit nichts als das Reversbild der Unfreiheit der anderen. Das ist die wahre Wechselwirkung der Geschichte und der Banden, die »innere Identität, … worin … die Nothwendigkeit zur Freiheit erhoben ist«5. Der Idealismus, dem man zu Recht die Verklärung der Welt vorwirft, ist zugleich die furchtbarste Wahrheit über die Welt: noch in den Momenten seiner Positivität, der Lehre von der Freiheit, enthält er durchsichtig das Deckbild ihres Gegenteils, und wo er den Menschen als entronnenen bestimmt, dort gerade sind in der Vorgeschichte die Menschen dem Verhängnis am vollkommensten verfallen. Zwar nicht im preußischen Staat aber im Charisma des Führers kommt die Freiheit als Wiederholung der Notwendigkeit zu sich selber. Wenn die Massen der Rede von der Freiheit nur ungern mehr lauschen, so ist das nicht bloß ihre Schuld oder die des Mißbrauchs, der mit dem Namen getrieben wird. Sie ahnen, daß die Welt des Zwanges gerade immer die von Freiheit, Verfügung, Setzung war und der Freie der, welcher sich etwas herausnehmen darf. Was anders wäre ist namenlos und was etwa heute dafür einsteht, Solidarität, Zartheit, Rücksicht, Bedacht, hat mit der Freiheit der gegenwärtig Freien nur geringe Ähnlichkeit.

 

IX

Die gesellschaftliche Ohnmacht des Proletariats, in der die auseinanderweisenden Tendenzen ökonomischer Verelendung und extra-ökonomischer Besserung des Lebensstandards resultieren, ist als solche von der Theorie nicht vorausgesagt worden. Der überwiegenden Einsicht in die erste Tendenz entspricht jene Erwartung, daß der Druck der Armut unmittelbar zur Kraft gegen die Unterdrücker wird. Aber der Gedanke an die Ohnmacht ist doch der Theorie nicht fremd. Er erscheint unter dem Namen der Entmenschlichung. Wie die Industrie ihre Opfer an physisch Verstümmelten, Erkrankten, Deformierten fordert, droht sie das Bewußtsein zu deformieren. Der Brutalisierung der Arbeiter, die zwangshaft was ihnen angetan ward den von ihnen Abhängigen nochmals antun, und ihrer wachsenden Entfremdung vom mechanisierten Arbeitsprozeß, den sie nicht mehr verstehen können, geschieht ausdrücklich Erwähnung. Die Frage, wie die so Bestimmten zur Aktion fähig sein sollen, welche doch nicht bloß Klugheit, Überblick und Geistesgegenwart, sondern die Fähigkeit zur äußersten Selbstaufopferung verlangt, wird nicht erhoben. Die Gefahr des Psychologismus – der Autor[iii] einer »Psychologie des Sozialismus« ist nicht zufällig am Ende Faschist geworden wie der Soziologe des Parteiwesens – ist im Ursprung abgewandt, längst ehe die bürgerliche Philosophie verbissen sich daran machte, ihre Objektivität in der Erkenntnissphäre zu verteidigen. Marx hat sich auf die Psychologie der Arbeiterklasse nicht eingelassen. Sie setzt Individualität, eine Art Autarkie der Motivationszusammenhänge im Einzelnen voraus. Solche Individualität ist selber ein gesellschaftlich produzierter Begriff, der unter die Kritik der politischen Ökonomie fällt. Schon unter den konkurrierenden Bürgern ist das Individuum weithin Ideologie, und denen drunten wird Individualität versagt durch die Ordnung des Eigentums. Nichts anderes kann Entmenschlichung heißen. Die Gegenüberstellung mit dem Proletariat desavouiert den bürgerlichen Begriff des Menschen so wie die Begriffe der bürgerlichen Ökonomie. Er wird festgehalten bloß, um in seinem eigenen Widerspruch exponiert zu werden, nicht aber von einer marxistischen »Anthropologie« bestätigt. Mit der Autonomie der Marktwirtschaft und der an ihr gebildeten bürgerlichen Individualität ist auch ihr Gegenteil, die blutige Entmenschlichung des von der Gesellschaft Verstoßenen, vergangen. Die Figur des Arbeiters, der in der Nacht betrunken nach Hause kommt und die Familie verprügelt, ist an den äußersten Rand gedrängt: seine Frau hat mehr als ihn den social worker zu fürchten, der sie berät. Von einer Verdummung des Proletariers, der den eigenen Arbeitsprozeß nicht mehr begriffe, kann gar keine Rede sein. Die höchstgesteigerte Arbeitsteilung hat zwar den Arbeiter dem zusammengesetzten Endprodukt, wie es dem Handwerker vertraut war, immer ferner gerückt, zugleich aber die einzelnen Arbeitsvorgänge in ihrer Disqualifikation einander immer mehr angenähert, so daß, wer eines kann, virtuell alles kann und das Ganze versteht. Der Mann am laufenden Band bei Ford, der immer denselben Handgriff machen muß, weiß doch mit dem fertigen Wagen sehr wohl Bescheid, der kein Geheimnis enthält, das nicht nach dem Muster jenes Handgriffs vorzustellen wäre. Selbst der Unterschied zwischen dem Arbeiter und dem Ingenieur, dessen Arbeit selber mechanisiert ist, dürfte nachgerade aufs bloße Privileg hinauslaufen; unterm Bedarf des Krieges an technischen Spezialisten zeigt sich, wie flexibel die Differenzen, wie wenig die Spezialisten mehr welche sind. An der Ohnmacht aber ändert das zunächst so wenig wie zuvor das nackte Elend in die Revolution umschlug. Die hellen Mechaniker von heute sind so wenig Individuen geworden wie die dumpfen Insassen der working houses vor hundert Jahren es waren, und freilich ist unwahrscheinlich, daß ihre Individualität die Revolution beschleunigte. Der Arbeitsprozeß indessen, den sie verstehen, modelt sie noch gründlicher als der unverstandene von dazumal: er wird zum »technologischen Schleier«. Am Doppelcharakter der Klasse haben sie ihren Anteil. Hat das System der Entmenschlichung Einhalt geboten, die die Herrschenden gefährdet, bis diese sie für die eigene Unmenschlichkeit einspannen, so ist dafür die Einsicht von Marx, daß das System das Proletariat produziere, zu einem Maße eingelöst worden, das schlechterdings nicht abzusehen war. Die Menschen sind, vermöge ihrer Bedürfnisse und der allgegenwärtigen Anforderungen des Systems, wahrhaft zu dessen Produkten geworden: als ihre eigene erfassende Verdinglichung, nicht als unerfaßte Roheit vollendet unterm Monopol die Entmenschlichung sich an den Zivilisierten, ja sie fällt mit ihrer Zivilisation zusammen. Die Totalität der Gesellschaft bewährt sich daran, daß sie ihre Mitglieder nicht nur mit Haut und Haaren beschlagnahmt, sondern nach ihrem Ebenbild erschafft. Darauf ist es in letzter Instanz mit der Polarisation der Spannung in Macht und Ohnmacht abgesehen. Nur denen die wie es sind zahlt das Monopol die Zuwendungen, auf denen heute die Stabilität der Gesellschaft beruht. Dies sich Gleichmachen, Zivilisieren, Einfügen verbraucht all die Energie, die es anders machen könnte, bis aus der bedingten Allmenschlichkeit die Barbarei hervortritt, die sie ist. Indem die Herrschenden planvoll das Leben der Gesellschaft reproduzieren, reproduzieren sie eben dadurch die Ohnmacht der Geplanten. Herrschaft wandert in die Menschen ein. Sie müssen nicht, wie Liberale kraft ihrer Marktvorstellungen zu denken geneigt sind, »beeinflußt« werden. Die Massenkultur macht sie bloß immer nochmals so, wie sie unterm Systemzwang ohnehin schon sind, kontrolliert die Lücken, fügt noch den offiziellen Widerpart der Praxis als public moral dieser ein, stellt ihnen Modelle zur Imitation bereit. Einfluß auf Andersgeartete ist den Filmen nicht zuzutrauen, denen schon die Gleichgearteten nicht ganz glauben: mit den Resten der Autonomie vergehen auch die der Ideologien, die zwischen Autonomie und Herrschaft vermittelten. Entmenschlichung ist keine Macht von außen, keine wie immer geartete Propaganda, kein Ausgeschlossensein von Kultur. Sie ist gerade die Immanenz der Unterdrückten im System, die einmal wenigstens durch Elend herausfielen, während heute ihr Elend ist, daß sie nicht mehr herauskönnen, daß ihnen die Wahrheit als Propaganda verdächtig ist, während sie die Propagandakultur annehmen, die fetischisiert in den Wahnsinn der unendlichen Spiegelung ihrer selbst sich verkehrt. Damit aber ist die Entmenschlichung zugleich ihr Gegenteil. An den verdinglichten Menschen hat Verdinglichung ihre Grenze. Sie holen die technischen Produktivkräfte ein, in denen die Produktionsverhältnisse sich verstecken: so verlieren diese durch die Totalität der Entfremdung den Schrecken ihrer Fremdheit und bald vielleicht auch ihre Macht. Erst wenn die Opfer die Züge der herrschenden Zivilisation ganz annehmen, sind sie fähig, diese der Herrschaft zu entreißen. Was an Differenz übrig ist, reduziert sich auf die nackte Usurpation. Nur in ihrer blinden Anonymität erschien die Ökonomie als Schicksal: durchs Entsetzen der sehenden Diktatur wird ihr Bann gebrochen. Die Pseudomorphose der Klassengesellschaft an die klassenlose ist so gelungen, daß zwar die Unterdrückten aufgesaugt sind, alle Unterdrückung aber manifest überflüssig geworden ist. Ganz schwach ist der alte Mythos in seiner jüngsten Allmacht. War die Dynamik immer das Gleiche, so ist ihr Ende heute nicht das Ende.

 

Fußnoten

1 Cf. Jacob Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte, Bd. 1, 4. Aufl., Stuttgart 1908, S. 164, Anm. 5.

2 Ernst Troeltsch, Der Historismus und seine Probleme, Tübingen 1922, S. 315.

3 Cf. Marx, Kapital I, ed. Adoratskij, S. 679f.

4 ibid. 5 Hegel, Sämtliche Werke, ed. Glockner, Bd. 4: Wissenschaft der Logik, 1. Teil, Stuttgart 1928, S. 719.

[i] von lateinisch vindicare → la „als Eigentum beanspruchen, Anspruch erheben“

[ii] Inkommensurabilität (Gegensatz: Kommensurabilität, adj. (in)kommensurabel; von lat. mensura für Maß, wörtlich etwa „nicht zusammen messbar“, „ohne gemeinsames Maß“)

[iii] Hendrik de Man (französisch Henri de Man; * 17. November 1885 in Antwerpen; † 20. Juni 1953 nahe Murten) war ein belgischer Sozialpsychologe, Theoretiker des Sozialismus und Politiker.

Die Zahl der Zuwanderer unter den Tatverdächtigen stieg um 90 Prozent

„Die Zahl politisch motivierter Straftaten in Deutschland hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Im vergangenen Jahr registrierten die Sicherheitsbehörden fast 39.000 Fälle in diesem Bereich. Den Großteil machen rechtsextremistische Straftaten aus.“ So oder ähnlich vermeldeten die Medien landauf und landab die Präsentation der neuen Kriminalstatistik für das Jahr 2015. Und um das zu untermauern – schließlich geht es ja um eine Statistik –  lieferten Nachrichtenagenturen und Nachrichtenredaktionen auch einen Beweis für das gerade Geschriebene: Besonders deutlich war der Zuwachs im vergangenen Jahr bei den rechtsextremistischen Straftaten: Die Polizei registrierte hier knapp 23.000 Fälle, ein Plus von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Statistik weist auch 18 Prozent mehr linksextremistische Straftaten aus – insgesamt rund 9.600. Die übrigen Fälle in der Kategorie „politisch motivierte Straftaten“ können nicht genau zugeordnet werden oder fallen in den Bereich Ausländerkriminalität.

Nicht schön, aber solche Zahlen passen immerhin gut zum meistpublizierten Weltbild, in dem die mit Abstand  größte Gefahr von rechts ausgeht. Auch die staatlichen Fördermittel zur Extremismusbekämpfung fließen schließlich vor allem all jenen zu, die mutig die Rechten bekämpfen wollen.

Ein Hakenkreuz reicht für einen Punktgewinn

Aber stimmt das auch so? Nein, selbstverständlich wollen wir hier keine amtliche Statistik anzweifeln. Aber vielleicht ist es erhellend, einmal die Zahlen selbst sprechen zu lassen. Selbstverständlich tauchen auch die in den Nachrichten genannten Zahlen in der Statistik auf. Doch wie entstehen sie? Rechtsextremisten sorgen mehrheitlich mit „Propagandadelikten“ und der Verwendung verbotener Kennzeichen für Ermittlungen. Die Linksextremen setzen stattdessen mehrheitlich auf Gewalttaten. Ihre Symbole sind hingegen nicht verboten, deshalb ist es für linksextremistische Genossen ungleich schwerer ist, ein Propagandadelikt zu begehen. Das schafften sie 2015 gerade einmal in 118 Fällen, während die Rechtsextremisten stolze 12175 derartige Delikte in die Statistik einbrachten. Aber hier reicht im Zweifel schon ein Hakenkreuz oder ein Hitlergruß für einen Punktgewinn.

Wie verteilt sich nun die politisch-motivierte Kriminalität (PMK) in anderen Deliktsbereichen? Fangen wir mal mit Mord und Totschlag an. Rechte wie Linke bringen es 2015 jeweils auf acht Tötungsdelikte. Allerdings haben beide Seiten keines vollendet, die Opfer leben also noch. Interessant ist es, dass die Rechten hier erst im letzten Jahr aufgeholt haben. Im Jahr zuvor kamen die Kameraden nur auf ein versuchtes Tötungsdelikt, während es die Genossen immerhin auf 7 brachten.

Bei Körperverletzungen führen die Linken mit 1354 gegen 1177 der Rechten. Beim Landfriedensbruch sind die Rechtsextremisten aber schon weit abgeschlagen, sie schaffen gerade mal 44 Fälle, während es Linksextreme auf stolze 340 Delikte bringen.

Aber mit dem Feuer spielen die Rechten doch wohl häufiger, denn vor allem sie zünden doch Asylbewerberheime an, oder? Rechts kommt auf 102 Brandstiftungen, doch auch hier zieht Links mit 106 noch klar vorbei. Man kann ja statt Asylbewerberunterkünften auch Polizeiwachen oder Bahnanlagen anzünden. Doch gerechterweise sei gesagt, dass die rechtsextreme Zahl Ergebnis eines dramatischen Anstiegs ist, während die linksextremen Brandstiftungen rückläufig waren.

Was ist ein politisch motiviertes Sexualdelikt?

Erwartet man bei einem Delikt wie Raub eigentlich mehr rechte oder mehr linke Täter? Richtig, mehr linke, denn praktische Umverteilung ist eher eine Kernkompetenz der revolutionären Genossen. Sie führen mit 32 zu 23, wobei auch hier die Zahl der rechten Delikte gewachsen und die der linken gesunken ist.

Bei Erpressung immerhin haben die Kameraden von rechts mit 8 zu 2 einen klaren Vorsprung. Im Bereich der Widerstandsdelikte liegen sie wiederum hoffnungslos zurück: gerade mal in 94 Fällen haben sie sich handfest gegen die Staatsmacht aufgelehnt, während es die Genossen auf stolze 345 Delikte brachten.

Aber – ein weiteres Alleinstellungsmerkmal – es gab nur ein einziges politisch motiviertes Sexualdelikt im Jahr 2015. Was man sich darunter genau vorstellen muss, erklärt das Bundesinnenministerium nicht. Wir erfahren nur, dass es im Jahr zuvor, also 2014, noch kein solches Delikt gegeben hat und dass das eine politische Sexualdelikt auf das Konto der Rechten geht.

Bei Sachbeschädigung sind die Linken führend

Bei Sachbeschädigung sind wieder die Linken führend (3454 zu 1451), während Nötigung und Bedrohung an die Rechten fällt (515 zu 212). Neben den schon erwähnten Propagandadelikten liegen Rechte auch bei Volksverhetzung in Führung (4159 zu 1951), was angesichts der Verwendung verbotener Symbole auch kaum verwunderlich ist. Auch der rechte Vorsprung bei der Störung der Totenruhe (10 zu 7) ist beispielsweise durch die Versuche des „Heldengedenkens“ auf deutschen Soldatenfriedhöfen leicht erklärbar.

Dass die Rechtsextremen bei Verstößen gegen das Versammlungsgesetz so im Hintertreffen liegen (nur 711 gegen 2163 von links) hätte man wiederum nicht erwartet, denn eigentlich gewinnt man durch die Berichterstattung den Eindruck, dass mehr rechtsextreme Demonstrationen untersagt werden, als linksextreme. So kann man sich irren. Wenigstens bei der Bewaffnung stimmen die Vorurteile wieder:  Hier führt Rechts mit 30 zu 11.

Und das Fazit? Rechnet man die Propagandadelikte heraus, geht vielleicht eine große aber nicht die größte Gefahr von den Rechtsextremisten aus. Vielleicht sollte man, damit es auch alle Berichterstatter begreifen, eine gesonderte PMK-Statistik ohne die Propagandadelikte, die wegen der verbotenen Kennzeichen fast nur von Rechtsextremen begangen werden können, ausweisen.

Bei der Ausländerkriminalität geht die Statistik schon einen vergleichbaren Weg. Damit kein verzerrtes Bild entsteht, gibt es eine Zusammenfassung, in der die Verstöße gegen das Ausländer- und Aufenthaltsrecht unberücksichtigt bleiben, die Inländer gar nicht begehen können.

Auch diese bereinigten Zahlen des Jahres 2015 sind interessant: Nach der Kriminalstatistik gab es knapp 1,5 Millionen deutsche Tatverdächtige und mehr als eine halbe Million nichtdeutsche Tatverdächtige, wobei jeder, der einen deutschen Pass besitzt, als deutscher Tatverdächtiger zählt, auch wenn er eine zweite Staatsbürgerschaft oder einen Migrationshintergrund hat. Der nichtdeutsche Anteil ist unter Tatverdächtigen also erheblich höher als in der Gesamtbevölkerung. Außerdem ist im Verlauf eines Jahres die Zahl deutscher Tatverdächtiger um  4,9 Prozent gesunken, während die der nichtdeutschen um 12,8 Prozent gestiegen ist.

Die Zahl der Zuwanderer unter den Tatverdächtigen stieg um 90 Prozent

Die Zahl der „Zuwanderer“ – amtliche Definition: Zuwanderer im Sinne dieser Darstellung sind tatverdächtige Personen mit Aufenthaltsstatus „Asylbewerber“, „Duldung“, Kontingentflüchtling/Bürgerkriegsflüchtling“ und „unerlaubt“ – unter den Tatverdächtigen des Jahres 2015 lag übrigens bei 114238, gegenüber dem Vorjahr war dies ein Anstieg um 90,7 Prozent. Das hat aber natürlich gar nichts mit der unkontrollierten Millioneneinwanderung des letzten Jahres zu tun. Auf die deutsche „Willkommenskultur“ lassen wir nichts kommen und außerdem geht die größte Gefahr von den Rechtsextremen aus. Hat auch unser Innenminister gesagt. Vielleicht sollten wir uns die Zahlen doch nicht so genau anschauen, damit wir daran nicht zu zweifeln beginnen. Der Minister hatte ja schon vor Monaten klar erkannt, dass zu viele Informationen die Bürger nur verunsichern.

Nur um Missverständnisse auszuschließen: Der Autor dieser Zeilen will mitnichten rechtsextreme Umtriebe und Gewalt verharmlosen, sondern stört sich lediglich an der Verharmlosung anderer Arten von Extremismus und Gewaltkriminalität.

Zuerst erschienen auf Sichtplatz.de hier

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