Kategorie-Archiv: Ukraine

Putin ist an allem schuld

In der Ukraine steigen die Spannungen, aber Kiew kann sich weiter auf 
den blinden Schutz des Westens verlassen.

Von Thomas Fasbender

Für die journalistischen Megafone der «freien Welt» im Westen gibt es keine Zweifel: Sie wissen immer genau, wer gut und wer böse ist. In einer Tageszeitung wie der Welt fliessen Worte wie Schauerpropaganda, Schamlosigkeit und terroristische Willkürherrschaft wie geölt über die Seiten – sofern sie als Attribute der aggressiven Russen dienen.

Das ist keine Ausnahme in den martialischen Berichten, die den Unvoreingenommenen das Frösteln lehren: Putin ist immer der Böse. ­«Georgien liess er 2008 im August angreifen», will uns die Welt glauben machen, wo doch längst feststeht, dass der Aggressor damals ­Micheil Saakaschwili hiess und georgischer Präsident war. Auch die Frankfurter Allgemeine stimmt in den Chor ein: «Putin könnte den Konflikt [den ukrainischen Bürgerkrieg] mit einem Fingerschnippen beenden, wenn er wollte», meint sie. Oh, wenn die Welt so einfach wäre.

Aber Unwahrheiten, Halbwahrheiten und verdrehte Tatsachen charakterisieren auch diesen Ost-West-Konflikt.

Der Unvoreingenommene hat wirklich einen schweren Stand. Fakt ist: «Minsk II», der Friedensfahrplan vom Februar 2015, kommt seit ­vergangenem September nicht von der Stelle. ­Damals hätte die Oberste Rada, das ukrainische Parlament, eine Autonomieregelung für die aufständischen Gebiete verabschieden sollen. So verlangt es der vierte von dreizehn Punkten der Minsker Traktandenliste. Doch die Abgeordneten weigern sich bis heute. Politischer Druck aus dem Westen bleibt aus, dort vernebelt man die Kausalitäten mit dem Argument, Russland habe die Kontrolle der ­ukrainischen Aussengrenzen durch die Kiewer Regierung nicht wieder zugelassen. Unterschlagen wird in dieser Argumentation, dass dieser Schritt auf der Minsker Agenda erst an neunter Stelle folgt – lange nach der Festschreibung der Autonomie.

Die Spannungen zwischen Moskau und Kiew wachsen exponentiell. Im Juli lag die Opferzahl auf beiden Seiten der Bürgerkriegsfront höher als seit Jahresbeginn 2015. Gerüchte machen die Runde, Kiew plane nach dem Unabhängigkeitstag am 24. August eine militärische Offensive.

In der Nacht zum 7. August kam es zu Schusswechseln an der ukrainischen Festlandgrenze zur Krim. Russische Medien berichteten von drei aus der Ukraine eingedrungenen Kommandos, darunter Bewohner der Halbinsel, die in der Ukraine ausgebildet worden seien, um auf der Krim Bombenanschläge zu verüben. Präsentiert wurden Sprengstoff, Waffen und ein angeblicher Gefangener. Die ukrainische Seite dementierte sofort und umfassend. Eindeutige Beweise gibt es nicht; nur Eingeweihte wissen, ob das Ganze nicht ein Konstrukt russischer Geheimdienste ist.

Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle: Die Vorfälle seien eine Aktion nationalistischer ­ukrainischer Freikorps gewesen. Russische De­serteure und Armeeeinheiten hätten aufeinander geschossen. Es handele sich um ein russisches false flag-Manöver – mit anderen Worten: in den ukrainischen Uniformen steckten Russen. Oder der ukrainische Geheimdienst plane wirklich, im Vorfeld der russischen Parlamentswahlen Mitte September auf der Krim Panik zu schüren. Für jede Version finden sich Motive. Wobei das im Westen gern kolportierte Motiv, dass der Kreml derartige Vorfälle nutze, um innenpolitischen Unmut auf ausländische Gegner zu projizieren, am fragwürdigsten ist. Putin reitet seit Monaten auf einer Zustimmungswelle von über 80 Prozent. Ausserdem: Ginge es nach zynischer Geheimdienstlogik darum, das Volk hinter die Regierung zu scharen, wären Terrorakte im Landesinneren ein wesentlich probateres Mittel als riskante auswärtige Konflikte.

Moskau ist saturiert

Gibt es überhaupt vernünftig nachvollziehbare Gründe für eine russische militärische Expansion? Bei Licht besehen ist Moskau, was die Ukraine betrifft, saturiert. Die Krim ist «heim im Reich», und der eingefrorene Konflikt im Donbass sorgt dafür, dass der Westen an seiner jüngsten Trophäe keine unbeschränkte Freude hat. Weiterreichende Ziele wie Noworossija oder die Landbrücke zur Krim, beide nur mit viel Blut zu erkaufen, wurden schon im Frühjahr 2014 von nicht einmal 15 Prozent der russischen Bevölkerung geteilt. Und nicht zuletzt hat es der Kreml mit seiner Nahostpolitik geschafft, den USA wieder auf Augenhöhe zu begegnen. Wofür das alles riskieren?

Nicht saturiert sind hingegen die Interessen Kiews. Die Krim ist verloren, die Ostukraine ein Schwelbrand, die Wirtschaft schrumpft. Für die Welt gibt es Wichtigeres als den slawischen ­Bruderstreit. Präsident Poroschenkos einziger Trumpf ist die Loyalität des Westens, dessen führende Politiker seinem Land jede Schandtat nachsehen, wenn es darum geht, Russland Pa­roli zu bieten. Jetzt rollen die Panzer: die ukrainischen nach Süden, die russischen auf die Krim. Kommt es zum Showdown, kann Kiew mit massiver finanzieller und militärischer Unterstützung des Westens rechnen. Der Kriegsschuldige steht in dessen Augen schliesslich schon fest.

Thomas Fasbender ist der Autor des Buchs «Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens» (Manuscriptum 2014, 368 S., Fr. 28.90).

Wurzeln und Ideologie der ukrainischen Faschistenpartei „Swoboda“

Die Brut des Banditen Bandera

Wurzeln und Ideologie der ukrainischen Faschistenpartei „Swoboda“

 

Zu den Ergebnissen der Parlaments­wahlen vom 28. Oktober 2012 gehört

der Einzug der ultranationalistischen „Allukrainischen Bewegung Swoboda“ (Freiheit) mit einem Stimmenanteil von 10,44 % und 37 Mandaten in die Ober­ste Rada. In 12 Kreisen setzten sich die Bewerber nach dem geltenden Mehr­heitswahlprinzip unmittelbar durch. Das geschah im Ergebnis einer vor den Wahlen getroffenen Absprache zwischen „Swoboda“ und dem prowestlichen Par­teienbündnis „Vaterland“ von Julia Timoschenko. Danach sollte jeweils der Kandidat durch die Anhänger bei­der Parteien favorisiert werden, der die besten Aussicht hatte, den Wahlkreis zu erobern. Nach der Abstimmung haben die Timoschenko-Partei, Klitschkos UDAR (Schlag) und „Swoboda“ erklärt, im Parlament zusammenarbeiten zu wol­len. Das Zustandekommen dieser „Koali­tion“ demaskiert nicht nur „Vaterland“ und UDAR, sondern auch deren Förde­rer in EU und NATO.

„Swoboda“ ist aus der 1991 gegründeten „Sozial-Nationalen Partei der Ukraine“ (SNPU) hervorgegangen. Diese war unter allen nach der Zerschlagung der Sowjetunion in der Ukraine entstande­nen nationalistischen Organisationen jene, welche am wenigsten ihre ideolo­gische Nähe zum deutschen Faschismus zu verbergen suchte.

Die von „Swoboda“ gewählte offizielle Bezeichnung ihrer Ideologie als „Sozial-Nationalismus“, der sich sogar verbal an den „Nationalsozialismus“ der NSDAP anlehnt, verdeutlicht das besonders. Auch das offizielle Parteisymbol – eine modifizierte Wolfsangel – spricht Bände. Diese war das Erkennungszeichen der SS-Division „Das Reich“ und dient heute neofaschistischen Organisationen Euro­pas als Signum.

Das politische Programm der SNPU zeichnete sich nicht nur durch ukraini­schen Ultranationalismus aus, sondern forderte notfalls auch eine gewalt­same Machtergreifung. Es war extrem antirussisch. Nennenswerten Anklang bei den Wählern vermochte diese Par­tei damit jedoch nicht zu finden. Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1998 kam sie im Block mit einer anderen Gruppe ähnlicher Couleur landesweit nur auf 0,16 %. Allerdings konnte Oleh Tjahnybok – einer der SNPU-Führer -schon damals in der westukrainischen Stadt Lwiw (Lwow) ein Direktmandat erringen.

Die magere Resonanz dürfte den Anstoß dafür gegeben haben, 2004 einen Kon­greß der Neugründung einzuberu­fen, auf dem eine Modifizierung des äußeren Erscheinungsbildes erfolgte. Statt der anrüchigen Bezeichnung

„Sozial-Nationale Partei“ nannte sie sich fortan „Allukrainische Bewegung Swoboda“. Abgeschafft wurde auch das nazistische Parteisymbol. Man ersetzte es durch einen stilisierten Dreizack -das ukrainische Staatssymbol -, der aus drei Fingern der rechten Hand besteht. Oleh Tjahnybok, der als Parlamentsabge­ordneter einen gewissen Bekanntheits­grad erreicht hatte, trat an die Spitze der Partei.

Die kosmetischen Veränderungen erfolg­ten indes unter Beibehaltung der ideo­logischen Prinzipien aus SNPU-Tagen. „Swoboda“ nutzt weitgehend jene Scha­blonen, auf die Hitlers Faschistenpartei während der Weimarer Republik ihren Einfluß gründete und auf die heute die NPD sowie andere neonazistische Orga­nisationen der BRD ihre Propaganda stützen: ungezügelte soziale und chau­vinistische Demagogie, Feindschaft gegen andere Rassen und Nationen. Die „Swoboda“-Führer predigen Haß gegen Rußland und alle ethnischen Russen. Sie sind rabiat antisemitisch. Tjahny­bok behauptete öffentlich, die Ukraine werde von einer „jüdisch-russischen Mafia“ regiert.

Außenpolitisch fordert „Swoboda“ den Austritt der Ukraine aus allen eurasi­schen Bündnissen, an denen Rußland beteiligt ist, vor allem aber aus der GUS, sowie eine Baltikum-Schwarzmeer­Achse. In den baltischen Staaten wer­den bekanntlich dortige SS-„Veteranen“ als Nationalhelden verehrt. „Swoboda“ verlangt den Status einer Atommacht für die Ukraine.

Die Faschistenpartei stellt sich voll und ganz in die Tradition der ukraini­schen Nazi-Kollaborateure, vor allem der extrem antikommunistisch, antipol­nisch und antisemitisch ausgerichteten „Organisation Ukrainischer Nationali­sten“ (OUN) und der „Ukrainischen Auf­ständischen Armee“ (UPA), deren Führer Bandera und Schuschewitsch zu ihren Ikonen gehören.

Die OUN und von ihr formierte Einhei­ten der Hilfspolizei wüteten nach Hit­lers Überfall auf die Sowjetunion unter polnischen und jüdischen Menschen. Sie verübte grausamste Verbrechen, die sich gegen Vertreter der Sowjet­macht und Partisanen der Roten Armee richteten.

Nach vorliegenden Angaben sollen von ihnen bis Ende 1943 bis zu 60 000 polnische Männer, Frauen und Kin­der ermordet und mehr als 1000 Dör­fer Polens zerstört worden sein. Der israelische Historiker Aaron Weiss geht davon aus, daß allein in der West­ukraine etwa 28 000 Juden von ukrai­nischen Nationalisten umgebracht wurden. Mit Unterstützung der OUN

gebildete ukrainische Polizeieinhei­ten waren auch an den unbeschreib­lichen Massakern der SS unter Juden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew beteiligt.

Bereits vor dem hitlerfaschistischen Überfall auf die UdSSR hatte die Abwehr des Admirals Canaris auf deutschem Boden mit der Formierung einer aus Nationalisten rekrutierten Söldnerar­mee – der „Ukrainischen Legion“ – begon­nen. Zu ihr zählte auch das berüchtigte Bataillon „Nachtigall“. Dessen ukrai­nischer Kommandeur Schuschewitsch diente später als politischer „Berater“ des Adenauer-Ministers Oberländer. Ende Juni 1941 war diese Einheit maß­geblich an der Ausrottung der jüdischen Bevölkerung von Lwow beteiligt, in deren Verlauf 7000 Menschen ermordet wur­den. Später kam die „Ukrainische Legion“ – hier war Schuschewitsch stellvertre­tender Kommandeur – gegen sowjetische Partisanen zum Einsatz. Sie verübte in Belorußland und auf polnischem Boden grausame Verbrechen an der Zivilbe­völkerung.

Als sich nach der Wende des Kriegs­verlaufs die Niederlage der deutschen Faschisten immer deutlicher abzeich­nete, formierte die OUN aus vorherigen Nazikollaborateuren die „Ukrainische Aufständische Armee“ (UPA), die unter Beibehaltung des Hauptstoßes gegen die Rote Armee und die sowjetischen Par­tisanen auch Schläge auf zurückwei­chende Wehrmachtseinheiten in der Hoffnung führte, die Ukraine unter ihre totale Kontrolle bringen zu können. Nach der endgültigen Niederwerfung Hitler­deutschlands und dem Sieg der Roten Armee zogen marodierende Überreste der UPA bis zu ihrer völligen Zerschla­gung in den 50er Jahren als mordende und plündernde Banden durch die Wäl­der. Mit Hilfe Banderas rekrutierte die deutsche Abwehr noch gegen Kriegsende und auch später aus OUN-Mitgliedern und UPA-Resten Diversanten für den Einsatz in der Sowjetunion.

Nach dem Sieg der Konterrevolution in der Ukraine, besonders aber seit der „Orangenen Revolution“ Juschtschen­kos und Timoschenkos, finden zu den Jahrestagen der UPA-Gründung, vor allem in der Westukraine, nationalisti­sche Zusammenrottungen statt. Zu Ehren Banderas und Schuschewitschs, denen der „orangene“ Präsident Juschtschenko während seiner Amtszeit den Titel „Held der Ukraine“ verlieh, wurden Denkmäler errichtet und sogar die Jahrestage der 1943 aufgestellten SS-Division „Galizien“ gefeiert. Bei all dem tun sich „Swoboda“ und deren entsprechend uniformierte Jugendorganisation „Patriot der Ukraine“ besonders hervor.

Willi Gerns, Bremen

Caught in the act: German state channel accused of faking Russian soldiers in Ukraine

Caught in the act: German state channel accused of faking Russian soldiers in Ukraine

Documentary’s ratings were not high and the film was criticized in Germany

Brodsky/Baryshnikov – a theater piece written and directed by Alvis Hermanis

nybooks.com

A Ghost Story

Joan Acocella

Brodsky/Baryshnikov

a theater piece written and directed by Alvis Hermanis

New Riga Theatre, Riga, Latvia, October 15–November 7, 2015
Baryshnikov Arts Center, New York City, March 9–19, 2016

Joseph Brodsky and Mikhail Baryshnikov, New York City, 1985
Leonid LubianitskyJoseph Brodsky and Mikhail Baryshnikov, New York City, 1985

Many emotions are entwined in the theater piece Brodsky/Baryshnikov, which had its premiere at the New Riga Theater in October and will open at the Baryshnikov Arts Center in New York in March. Its subject is Joseph Brodsky, who was born in Leningrad in 1940 and died in Brooklyn in 1996. Other Russians of Brodsky’s time—notably his great elders Anna Akhmatova, Osip Mandelstam, Marina Tsvetaeva, and Boris Pasternak—were made to feel more keenly than he their government’s scorn for artists, but his case too is notorious. Soon after he began circulating verse in samizdat in his late teens, he came under the eye of the authorities. He was denounced in a Leningrad newspaper in 1963 as “pornographic and anti-Soviet.” In 1964, he was tried for “social parasitism” and sentenced to five years’ hard labor.

He landed in the small village of Norenskaya, in the Arkhangelsk region of the Arctic. By day he chopped wood and hauled manure. By night he taught himself English, and read English and American poetry—above all, John Donne, Robert Frost, and his idol, W.H. Auden—in his hut. He later said that this was one of the happiest times of his life. Meanwhile, the transcript of his trial had been smuggled to the West, and his case became an international scandal. Embarrassed, the Brezhnev government released him after only a year and a half.

This did not mean that he was free, however. By then, because of the trial and because of poems of his that were being published in the West, he was a famous man. When literary dignitaries came to Russia, he was often the person they wanted to meet. But he could not get a poem published in the Soviet Union, not to speak of obtaining permission to attend literary conferences outside the Soviet Union. This is the sort of tragicomedy in which the USSR specialized. The authorities eventually tired of it, though, and one day, in June 1972, he was simply taken to the airport and put on a plane.

He did not know whether the plane was going east or west. It went west, to Vienna, and at the airport he was met by the American Slavist Carl Proffer, whom he knew, and whose small press, Ardis, in Ann Arbor, Michigan, would publish a number of his writings in Russian. Auden had a second home outside Vienna, and the day after Brodsky’s arrival Proffer rented a car and deposited Brodsky there, to what was apparently Auden’s surprise. Brodsky stayed for four weeks. Auden got him some money and called various people to say that he was coming.

Proffer arranged for him to be given a job as poet in residence at the University of Michigan, where he himself taught. In July 1972 Brodsky flew to the United States, where he would live until his death twenty-three years later. Almost always, he taught—after Michigan at other schools, above all, Mt. Holyoke, where he became a chaired professor. Over the years he received just about every important award a poet could want, culminating in the Nobel Prize in 1987.

Two years before Brodsky turned up on his doorstep, Auden had written a foreword to a collection of the Russian’s poems, translated by George Kline. Brodsky, Auden said, was

a traditionalist in the sense that he is interested in what most lyric poets in all ages have been interested in, that is, in personal encounters with nature, human artifacts, persons loved or revered, and in reflections upon the human condition, death, and the meaning of existence.

This seems rather soft-spoken, but it is accurate. Brodsky was not a modernist in the sense of embracing the absurd or expressing weariness. Quite the contrary. He pursued the “great themes,” energetically.

And because of what he saw as the gravity of his subject matter, he hated any looseness in a poem. He said that the poet Evgeny Rein, a friend of his, taught him:

if you really want your poem to work, the usage of adjectives should be minimal; but you should stuff it as much as you can with nouns—even the verbs should suffer. If you cast over a poem a certain magic veil that removes adjectives and verbs, when you remove the veil the paper still should be dark with nouns.

Dark with nouns: what a phrase! It reminds me of the frames that beekeepers use. When you pull one of the frames out of the box, it is thick with bees, clotted with them. The note of menace here is also true to Brodsky. In an interview for The Paris Review he told Sven Birkerts that one thing he loved about Robert Frost was his restraint, “that hidden, controlled terror.”

He too showed a hidden terror, and long before his trial the Soviet Union had given him cause. As a small child he nearly died of starvation during the siege of Leningrad. Because the family was Jewish, his father, a photographer, lost his job during Stalin’s onslaught against the Jews in the early 1950s; the family was supported, barely, by his mother’s clerical work. Partly to help out, Brodsky quit school at fifteen and took various low-level jobs, including, at one point, cutting and sewing bodies in a prison morgue. He fell in love with a painter, Marina Basmanova, but soon his friend and fellow poet Dmitri Bobyshev was also in love with Basmanova. That was when the denunciations began—a fact from which people have drawn conclusions about Bobyshev’s responsibility. Brodsky was twice detained in psychiatric hospitals. Then came the trial, the “internal exile” in Norenskaya, and, ultimately, the expulsion.

In his autobiographical essay “Less Than One,” first published in these pages, Brodsky records a memory from 1945, when he was five. He and his mother were in a train station, which was bedlam, because the war was just over and people were trying to get home:

My eye caught sight of an old, bald, crippled man with a wooden leg, who was trying to get into car after car, but each time was pushed away by the people who already were hanging on the footboards. The train started to move and the old man hopped along. At one point he managed to grab a handle of one of the cars, and then I saw a woman in the doorway lift a kettle and pour its boiling water straight on the old man’s bald crown.*

Another writer might well have expatiated on the pain of witnessing such a scene. Brodsky does not. For that modesty as well as his tremendous poetic powers he was cherished not just as an artist. He was a moral hero, to many people.

One was Alvis Hermanis (born in 1965), who is an important man in European theater. Hermanis started as a movie actor in his native Latvia. Now he is a director and works very widely across Europe, especially in German-speaking theater and in opera. (He just directed a Damnation de Faust at the Paris Opera. In 2018 he will stage Lohengrin at Bayreuth.) Since 1997 he has also been the head of the New Riga Theatre, a playhouse that opened, under that name, in 1902. In later years it was put to various uses by Nazis and Communists, but in 1992 it reopened as a repertory theater.

In the early 1990s, Hermanis was invited to perform in New York, and he stayed in the United States for two years. It was a difficult time for him. In his words, “I put my head in a washing machine.” He worked in New York for a year. Then he moved to San Diego, where he lived in a welfare hotel and communicated with no one. (“It was very cruel to my parents. For six months they did not know where I was.”) He spent every day, all day, in the San Diego Public Library, reading books that were forbidden in Latvia during Soviet times. This is when he encountered Brodsky’s poetry. He was overwhelmed by it. One day, at closing time, he could not bear to part with his Brodsky book, so he decided to steal it. “I did not know that they had put those little chips in the books. So when I tried to leave, many bells rang. I was so humiliated. I had to take this book out of my pants.”

Reading Brodsky, Hermanis says, is not just a mental but a physiological experience. “All those images have to do with physical sense, and it is physically painful, almost, to read him.” In this regard, he compares Brodsky to Chekhov, but he says that Brodsky is worse:

He is like a surgeon who is cutting with a knife your belly and looking straight in your eyes. He is killing you, and he is telling you. I had never before read a writer who has so no hope, who gives not the slightest chance. Whatever illusions you had, Brodsky makes you say goodbye to them. And so you achieve a sort of Buddhistic calm.

Hermanis conceived Brodsky/Baryshnikov as a tribute to Brodsky, but as the title indicates, he wrote it to be performed by only one man.

Mikhail Baryshnikov is a favorite son of Riga. Both his parents were Russian, but after the war the Soviet Union was faced with a drastic housing shortage, and the outlying territories were forced to take in many Russians, including Lieutenant Colonel Nikolay Petrovich Baryshnikov, who taught military topography, and his wife, Aleksandra Vasilievna. Mikhail Nikolayevich was born soon afterward, in 1948, and lived in Riga until, when he was in his early teens, his mother died (by suicide), his father remarried, and his ballet teacher—he had started lessons at age nine, at his mother’s behest—decided that he had progressed beyond the training that Latvia could give him. He needed to go to Leningrad, to the Kirov Ballet’s Vaganova Institute.

By the time Baryshnikov graduated from the Vaganova Institute and joined the Kirov in 1967, Brodsky had already returned from Norenskaya, and for the next seven years the two men lived in the same city. Baryshnikov knew Brodsky’s poetry, but the two men did not meet, and if they had, it wouldn’t have been good for Baryshnikov. Brodsky was a dangerous person to be seen with.

By this time, furthermore, Baryshnikov too was under suspicion, as a defection risk. In 1972, Brodsky was thrown out of Russia, and two years later Baryshnikov threw himself out. On tour in Toronto, he walked out of the stage door after a performance, signed some autographs, and then, instead of getting into the company bus, he turned and ran. A getaway car, arranged by friends, was waiting a few blocks away. He was now a Western artist.

In a long interview that he recently gave to the Latvian magazine Laiks, Baryshnikov recalled that he met Brodsky soon afterward, at a party at Mstislav Rostropovich’s house. “Joseph was sitting on a couch. He looked at me and said, ‘Mikhail, come sit down. There are things to talk about.’” Baryshnikov, though a celebrity, considered Brodsky a far greater celebrity. “My hands were shaking. The cigarette was going back and forth, like this,” he says, waving his hand like a windshield wiper. He sat down, and they talked for a long time. Thereafter they were friends for over twenty years, until Brodsky’s death. They spoke to each other every day.

In Brodsky, born eight years before him, Baryshnikov acquired a kind of older brother, and he needed one. Though a number of people were very kind to him, he did not, at this early point, have close friends in the United States, and he was slow in making them, because he had no time to study English. With Brodsky he could speak in Russian, and they had a city, a government—in some measure, a history—in common. “Over the years that we spent together, he really set me on my feet. I acquired a kind of certainty.” In addition to his lodgings in Ann Arbor, Brodsky eventually found an apartment in New York, on Morton Street in Greenwich Village. When he was in town, he and Baryshnikov would take walks along the nearby Hudson River.

Or we’d drink whiskey or we’d talk about girls or whatever—anything—and it was a real release for me. His house was so cozy. And there were always interesting people: Czesław Miłosz, Derek Walcott, Stephen Spender, Susan Sontag. He got me to read Russian classical literature that I hadn’t had time for when I was in Russia. I couldn’t yet talk to him very seriously about poetry, but I knew some poems by heart—Baratashvili, Mandelstam—and he would get me to recite them.

He was a stern judge. When he didn’t like something that I was doing, he’d say so. I remember, I did some sort of performance, a piece by Maurice Béjart, and there I’m dancing a solo of Hamlet in an empty café, and I recite “To be or not to be”

—this was Béjart’s Hamlet, to Purcell and Duke Ellington—

and then I throw down Yorick’s skull. Joseph saw this on TV, and when I saw him next he said to me, “We have to talk.” We went to a café and he said “Maybe you shouldn’t be doing this ballet because—what are you doing? It’s so vulgar.” He would say to me, “Be good.”

Baryshnikov was charmed by Brodsky’s vivacity, his capacity for fantasy and play, his readiness to love things. Brodsky loved water—he loved oceans, rivers. He adored Venice—he wrote a book on it, Watermark—and the Venetians made him an honorary citizen. He loved cats. (When he was young, he and his parents had a game where they would converse in a sort of cat-talk, meows in various registers.) He said that if he had to live another life he would like to be a cat in Venice, or even a rat. (He called Baryshnikov Mysh, or Mouse.) He cared about world events, and he hated to miss the evening news. He was a skirt-chaser, and women were crazy about him, too. (“He rarely left a party alone,” says Baryshnikov.) The prospect of his birthday thrilled him, and he would always stage a huge feast. “People came from faraway cities,” Baryshnikov recalls. “The place was packed. They partied all night long.” Baryshnikov, by contrast, was always rather embarrassed by his birthday. But Brodsky would bring him a book, with an inscription in it. In his interview with Laiks, Baryshnikov pulled one of the birthday books off his shelf and read the inscription:

Mysh is forty-three.
He has dumplings inside him.
His knee hurts.
There’s a fire burning in the hearth,
There’s smoke coming from the hearth.
And we’re siting here drunk.

“It rhymes,” Baryshnikov says.

Mikhail Baryshnikov in Brodsky/Baryshnikov
Janis DeinatsMikhail Baryshnikov in Brodsky/Baryshnikov

As the lights go up on Brodsky/Baryshnikov we see a small glass house, nine feet by eighteen, with a front door and a back door, sitting in the middle of an otherwise empty stage. The house is in Art Nouveau style—it looks as if it had been made by the French Art Nouveau architect Hector Guimard—but with certain odd features. Next to its front door, for example, is a dirty old fuse box that periodically spits out frightening sparks. Also, there is some sort of blackish moss creeping down the wooden strips that join the glass panels.

The music adds to the strangeness. There seems to be a sort of distant chorus, but sounding an unvarying note, plus, in the foreground, a noise of crickets. (This becomes more strange when you find out later that the distant chorus is also a recording of crickets, but very, very speeded up.) Both elements—the set design, by Kristīne Jurjāne, and the score, by Oļegs Novikovs and Gatis Builis—are elegant and sinister at the same time.

A man, Baryshnikov, appears at the back door carrying a small suitcase. You can tell that he has never been here before and that, in the manner of a fairy tale, he doesn’t know whose place this is, or what it is. He walks into the house, comes out the front door, pulls out a cigarette, bites off the filter (Brodsky used to do that), pats himself down to locate a pack of matches, finds none, and unhappily replaces the cigarette in its box. He opens the suitcase and takes out an alarm clock, a couple of books, and a pint of Jameson (Brodsky’s drink of choice). He puts on his glasses, opens one of the books, and begins reading a Brodsky poem. The rest of the play’s text flows from there: forty-four Brodsky poems, mostly unabridged, not at all in chronological order. (The one that ends the play was written when he was seventeen.) The poems were all chosen and arranged by Hermanis. They are spoken in Russian, with supertitles scrolling up the cornice of the glass house. (In Riga, the supertitles were in Latvian; in New York, they will be in English.)

I asked Hermanis whether he hadn’t worried that his show would turn out to be static—a poetry reading. He said no.

I had a story in my mind, that the play would be about a meeting between two people who had been closest friends for twenty years, and then one died. The performance would be like a spiritist séance. Direct communication with the audience is not our goal. Audience is not necessary. Audience is able just to witness.

Baryshnikov designed all the more elaborate movements, and he gives us a lot to look at. He spins, he stands on the chair, he strikes classical poses, he checks his teeth, he drinks the Jameson, he takes his clothes off and puts them on. He is constantly moving in and out of the house and thus from a state of firm reality to a sort of watery, dreamlike image as we watch him through the glass. During the recitation of “The Butterfly,” he chases an invisible butterfly and then, wittily, turns into one. During a beautiful poem about a horse, he does a brief flamenco dance, his chest as high and proud as a horse’s. There is a crisis. In the course of the poem “Portrait of Tragedy” he undergoes a grotesque series of convulsions. He stabs his navel so hard—he is shirtless here—that you think he is really going to harm himself.

But the main drama is in the use of the language. Sometimes Baryshnikov reads the poems from one of the books; sometimes he whispers the words, sometimes he yells them, sometimes he just opens his mouth and lets them fall out. Usually he speaks them from memory. Unnervingly, sometimes Brodsky reads the poems, over the sound system. (At those times, an old reel-to-reel tape recorder turns on one of the benches.) But then sometimes Baryshnikov too reads the poems on tape, and you’re not always sure which of them is speaking. Brodsky chants his poems, as some poets do, and Baryshnikov too chants, and davens, as if reciting a Jewish liturgy. Hermanis told me that Baryshnikov did this without being directed to, and that it is natural to people reciting poetry. It is part of poetry’s shamanism, he says.

Great dancer that Baryshnikov is, he has always been a considerable actor as well, and the treatment of the language is the most impressive thing in the show even, probably, to those who are getting it from the supertitles. Many knowledgeable people say that Brodsky’s poetry loses a huge portion of its power when it is not in Russian. “How could anyone who had not read him in Russian understand him by his English poems?” asked Isaiah Berlin, speaking, I believe, both of the poems that Brodsky wrote in English (he tried) and of English translations from Russian, both by him and by expert translators, often working with his help. “It’s utterly incomprehensible. Because there is no sense that they were written by a great poet. But in Russian,…from the very beginning, as soon as it starts, you are in the presence of genius.” Brodsky himself seemed to admit the problem. He called himself “a Russian poet and an American citizen.” His friend Lev Loseff, who taught in the Russian department at Dartmouth for thirty years, said in his masterful book on the poet that Brodsky won the Nobel Prize not for his poems, but for his essays, most of which he wrote in English.

Alvis Hermanis says that he knows Brodsky’s work in translation and that “there is no way to compare it to what he did in the Russian language.” But this does not discourage Hermanis. Remember his statement that reading Brodsky’s poetry is a physiological experience. In Brodsky’s mind, he says, language “bubbles, it scratches, it never stops.” And the play aims to show that.

As much as I am interested in the sense of the poetry, I am interested in the sound—how it goes through the body, sensual, erotical, or like an electrocution. Misha was interested in that, too, and willing to show it. The play is a real striptease. Misha is brave, he is crazy.

For both men, this is no doubt related to what is said to have been Brodsky’s belief that poetry was not something contained in a language as much as it was, itself, a language, speaking truths found only there, and which you ignore at your peril. Indifference to poetry, he felt, underlay the Soviet Union’s political crimes. In the Paris Review interview, Brodsky told Birkerts that his main interest was “the nature of time…what time can do to a man.” By which he seems to have meant not just that time kills us; it may also efface any sign of our passing on this earth.

Of the poems that Hermanis collected for his play, the most moving, I think, is “Letter to a Wall,” written by Brodsky when he was leaving his job at the prison morgue. “Keep my shadow,” he says to the wall. “Keep my shadow. I don’t know why./Preserve my shadow. I cannot explain. I’m sorry./It is important now. Preserve my shadow.” Of course, a shadow is a thing that may vanish instantly, and the people passing this particular wall—criminals, madmen—would have been most unlikely to be memorialized. That is why he chose the wall. He was twenty-four, and his trial was coming up in four months. He was afraid of being extinguished.

In 1990, Brodsky got married, to Maria Sozzani, an Italian woman with some Russian ancestry as well. She was twenty-two years younger than he. They had a child, Anna, in 1993. But he was already in poor health. “It’s hard to walk the length of a building,” he wrote to a friend late in 1995. A month later, his wife went to his study in the morning and found him dead on the floor, of his fourth heart attack, at fifty-five. He was buried in Venice.

At the end of Brodsky/Baryshnikov Baryshnikov packs his things back into the suitcase and heads out the back door of the little glass house. But something strange has appeared right beyond the threshold: a big, bushy green fern. It wasn’t there when he arrived, or it wasn’t lit so that we could see it. The play has been about a dead man, or a man visiting a dead man. He should not, at the end, be faced with this robust greeting from Mother Nature. Maybe Hermanis is saying that Brodsky was right: that there is some truth-beyond-truth that poetry, and nothing else, confers. Maybe if, in Hermanis’s words, you let yourself be electrocuted by Brodsky, you don’t die. You start to live.

Read also:

Das Feld, das russische Feld: Joseph Brodsky und Alexander Sergejewitsch Puschkin über Ukraine, Nikita Mikhailkov über Vladimir Putin / Field, Russian field: Nikita Mikhailkov’s speech on Vladimir Putin, Joseph Brodsky and Alexander Sergejewitsch Puschkin about Ukraine / Поле, русское поле: Никита Михалков о Владимире Путине, Иосиф Бродский и Александр Сергеевич Пушкин об Украине (german, english, russian)

Auf der Krim sind es vor allem Kiewer Exiltataren, die den schwelenden ethnischen Konflikt befeuern.

weltwoche.ch

Aufgewiegelt

Die Weltwoche, Ausgabe 50/2015

Von Thomas Fasbender

Im Westen empören sich manche über die russische Herrschaft auf der Krim. Eine Reise auf 
die Schwarzmeer-Halbinsel indes zeigt: Mit Russland gibt es kaum Probleme. Es sind vor allem Kiewer Exiltataren, die den schwelenden ethnischen Konflikt befeuern. 

Der Bahnhof gleicht dem einer Geisterstadt; die hohe, mit Eichenholz getäfelte Schalterhalle ist ebenso menschenleer wie die Stuhl­reihen im Wartesaal. Eine einzige Kasse ist besetzt. Fünfmal täglich verkehren Züge in Richtung Sewastopol, dann gibt es noch Verbindungen nach Jewpatoria, in den Osten bis nach Kertsch und in den Norden kurz vor die ukrainische Grenze.

Am Bahnhof in Simferopol kommt kein Fremder mehr an. Die Gleise, die zum Festland führen, sind ungenutzt, seit eine neue Grenze die Halbinsel von der Ukraine trennt. Die Handvoll Ausländer, die sich noch auf die Krim trauen, landen mit einem der rund dreissig Flieger, die täglich in Moskau in Richtung ­Süden starten – ein weiteres gutes Dutzend trifft aus den russischen Regionen ein. Zwei neue Terminals wurden im letzten Jahr aus dem ­Boden gestampft. Rund sechs Millionen russische Passagiere, fast fünfmal so viel wie 2013, wickelt der Flughafen Simferopol heuer ab.

Die Elektrische mit der Nummer 6941 verlässt die Stadt um 17.45 Uhr. Eine Elektrische ist eine Vorortbahn. Sie hat Holzbänke, keine Toiletten und hält an jeder Viehweide. Bach­tschissarai ist die siebte Station. Als der Zug bremst, ist es stockfinster auf dem Perron, kein Licht, keine Stadt, kein Bahnhof. Die Mitreisenden bestehen dennoch darauf, dass ich aussteige. «Bachtschissarai», sagen sie, ja ja.

Stalins Rache

Tagsüber ist der Bahnhof türkisfarben und anmutig mit einem von zwei Säulen getragenen Portikus. Ewige russische Provinz. Niemand würde erwarten, dass von hier aus jahrhundertelang ein kleines Reich regiert wurde. Bach­tschissarai war die Hauptstadt des Khanats der Krim­tataren – ein Überbleibsel der Mongolenherrschaft – von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Annexion durch Russland 1783. Die zuvor von der Krim ausgehenden Raubzüge unter der slawischen Bevölkerung lieferten jahrhundertelang den Nachschub für die Sklavenmärkte in Istanbul, Damaskus und Bagdad.

Die Annexion 1783, der Krimkrieg 1853–56, der Russisch-Türkische Krieg 1877/78, die ­rus­sische Nationalitätenpolitik und nach der ­Oktoberrevolution 1917 Verfolgung, Hunger und Kollektivierung sorgten dafür, dass später Hunderttausende Krimtataren ihr Leben liessen oder emigrierten, vor allem in die ­Türkei. Kein Wunder, dass viele der Zurückgebliebenen die Truppen der Achsenmächte 1941 als Befreier empfingen und den neuen Herren etwa im Tataren-Gebirgsjäger-­Regiment der Waffen-SS dienten.

Stalins Rache war grausam. An nur drei ­Tagen im Mai 1944 liess er alle 240 000 Krim­tataren mit Viehwaggons nach Zentralasien schaffen. Binnen weniger Monate lebte nur noch die Hälfte von ihnen. Zurückkehren durften sie erst Ende der 1980er.

Den politischen Willen der bis zuletzt antikommunistischen Tataren bündelte ein so­wjetischer Dissident: Mustafa Dschemiliew. Immer noch prägt er das Bild seiner Volksgruppe in der Öffentlichkeit. Der 1943 gebo­rene ­Politiker, der sich wie der verstorbene ­Albaner-
führer Ibrahim Rugova gern mit ­einem Schal über der Krawatte zeigt, ist ein PR-Profi. «Qirimoglu» lässt er sich nennen – Sohn der Krim. Der deutsche Wikipedia-Eintrag präsentiert ihn als leuchtenden Märtyrer und Helden; der Titel «Qirimoglu» wird dort sogar zum Namensbestandteil. 2013 strahlte der türkische Kanal TRT eine neunteilige Serie über ihn aus: «Sohn der Krim – Kampf einer Nation».

Von 1991 bis 2013 stand Dschemiliew dem Medschlis vor, einer krimtatarischen Exeku­tivvertretung, die weder in der Ukraine noch in Russland rechtlich anerkannt ist. Seit 1998 ist er Abgeordneter im ukrainischen Parlament und dort für seine prowestlichen Ansichten bekannt. Dass er sich nach dem Kiewer Umsturz im Februar 2014 auf die Seite der ­neuen Regierung schlagen würde, war ab­sehbar. Seitdem sitzt er in der ukrainischen Hauptstadt; dort fressen ihm die internatio­nalen Medien aus der Hand. In Russland, und damit auch auf der Krim, gilt für ihn ein Ein­reiseverbot.

Vor allem bei russlandkritischen Journalisten sind die Krimtataren ein beliebtes Sujet. Die Quellen tragen immer die gleichen ­Namen: Mustafa Dschemiliew, sein Nachfolger als Medschlis-Oberhaupt Refat Tschubarow und der stellvertretende Medschlis-Chef Achtem Tschijgos, der seit Februar 2014 auf der Halbinsel in Untersuchungshaft sitzt.Westliche Medien und NGOs bedienen sich im Umfeld dieser Gruppe. Charakteristisch ist der Beitrag «Krim – die Halbinsel der Angst» auf der Website von Amnesty International im März. Dort wird ein Treffen mit der Ehefrau des inhaftierten Achtem Tschijgos geschildert. Die Wiener Presse schöpft aus einem Besuch bei Safinar Dschemilewa, der Gattin des «Qiri­moglu» höchstselbst. Auch der ukrainische Ableger 
von Radio Free Europe stösst ins gleiche Horn. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien Anfang September ein Beitrag «Gleichschaltung auf der Krim». Der Korre­spondent hatte sich nach Bachtschissarai begeben und dort das seit Monaten geschlossene Café «Musafir» besucht. Danach schrieb er, die Tataren würden dereinst vor Freude Schafe schlachten, wenn Putin stürze oder die Halbinsel wieder ukrainisch werde. Im Vorspann heisst es: «Seit der Annexion der Halbinsel durch Russland werden die Krimtataren mehr denn je dis­kriminiert. Ihre Sprache verschwindet aus ­den Schulen und ihre Gedenktage aus dem ­Kalender.»

Schafe schlachten

Das Café «Musafir» liegt auf der linken Seite der Leninstrasse an einem Hang. Sie führt durch das Tal des Flüsschens Tschuruk-Su in die Altstadt, am Palast des Khans vorbei und weiter flussaufwärts bis zu einem byzantinischen Höhlenkloster im steilen Fels. Im Fenster des Cafés hängt unübersehbar ein Schild «Geschlossen». Ich steige eine Treppe hinauf, da löst sich eine Gestalt aus dem Hintergrund, ein Mann in den Vierzigern. Warum das Café nicht geöffnet habe, frage ich. «Politik», sagt er. Als ich nachhake, meint er, das «Musafir» gehöre ­jemanden aus der Familie des Tatarenchefs. So sei das, wenn die Grossen in Ungnade fielen. «Tatarenchef», wiederhole ich und frage: «Dschemiljew?» Er nickt.

Ich brauche gar nicht gross zu fragen; er erzählt mir alles genau so, wie ich es in der FAZ gelesen habe. Davon, wie die Russen mit der Führung des Medschlis umspringen, von der Verhaftung des Achtem Tschijgos, von den Schulen, die geschlossen wurden und den ­verbotenen Feiertagen. Und auch, dass alle ­Tataren Schafe schlachten würden, wenn ­Putin dereinst stürzt oder die Halbinsel wieder ukrainisch werde.

Schon den Taxifahrer, der mich am Vorabend vom Bahnhof zum Hotel fuhr, hatte ich nach den Tataren und der neuen Zeit gefragt. Er sei Ukrainer, erklärte er mir als Erstes, und das zu hundert Prozent. Aber er lebe freiwillig hier, habe kein Problem mit den Russen. Nur die ­Tataren – das eine wisse ich doch: Früher hätten sie alle Slawen, deren sie habhaft wurden, nach Arabien verkauft. Ich frage ihn, ob es stimme, dass es den Tataren vor 2014 besser ergangen sei. «Wie man’s nimmt», sagt er. Jedenfalls hätten die Ukrainer ihnen nicht so auf die Finger geschaut. Die Ukrainer hätten niemandem auf die Finger geschaut. Im Vorbeifahren zeigt er auf ein geschlossenes Strassenrestaurant, dann auf ein zweites, dann auf das «Musafir». Keine Papiere, keine Lizenzen, keine Steuern, nichts, sagt er. Den Kiewern sei das egal gewesen; das hätte einigen in den Kram gepasst. Die Russen führen jetzt ein ganz anderes Regiment. Schluss mit lustig.

Der Khan-Palast ist ein angenehm bescheidener, von Mauern umgebener Komplex mit Museen und einem Marmorbrunnen, den Puschkin besungen hat. Katharina die Grosse war im Frühjahr 1787 hier. Jetzt im Oktober gibt es kaum Touristen, ohnehin war die Saison schlecht. Worauf soll man hoffen, wenn geschrieben steht: «Krim – die Halbinsel der Angst».

Krimtatarisch wird kaum gesprochen

Vor einem der leeren Cafés sitzt ein Alter ­ohne Vorderzähne auf einer Pritsche. Er spricht Fremde an und wirbt für sein Etablissement. Obwohl ich es besser weiss, frage ich, ob es das «Musafir» sei, das würde ich suchen. Es werde schliesslich überall empfohlen. Da schimpft er. Das «Musafir», das sei der Clan dieses Medschlis-Chefs, dieses Dschemiliew, der jetzt in Kiew sitze. Meinen Kaffee tränke ich besser bei ihm, ausserdem sei das «Musafir» sowieso geschlossen: «Die machen jetzt in der Ukraine ihr Geld.»

Ich bin der einzige Gast. Ein schwarzhaariges Mädchen bedient, den Blick gesenkt. Türkischer Kaffee und süsse Leckerbissen zum zweiten Frühstück. Der Fernseher oben an der Stirnwand zeigt den krimtatarischen Sender ATR, dessen Lizenz sie auf der Krim nicht verlängert haben und der jetzt aus der Ukraine sendet. Das Programm: russische Filme. Am Nachmittag, als ich auf einen weiteren Kaffee vorbeikomme, läuft ein ukrainischer Sender. Da ich schon wieder der einzige Gast bin, bitte ich das Mädchen, auf ATR umzuschalten. Eine Historikerin aus dem Medschlis-Umfeld, ­Gulnara Bekirowa, spricht über tatarische ­Geschichte. Auf Russisch.

Kurz vor Mittag erscheint eine Hochzeits­gesellschaft im Hof des Palasts. Der Bräutigam in tatarisch-türkischer Tracht mit schwarzem Fez, die Braut in Weiss, eine schwarzhaarige Schönheit mit sanften Bewegungen. Am Stras­senrand parkt eine schwarze S-Klasse mit zwei krimtatarischen Flaggen, einem gelben Dreizack, dem Symbol der Goldenen Horde, auf türkisfarbenem Grund. Ich fotografiere die Hochzeitsgesellschaft, gutgekleidete junge Menschen, die weder Russen noch Ukrainern ähneln. Ob ich wohl ein Wort Krimtatarisch höre? Fehlanzeige, bei dieser Hochzeit ebenso wie in ganz Bachtschissarai.

Auch das Mädchen mit dem gesenkten Blick spricht Russisch, nicht nur mit mir, sondern auch in der Küche. Ich frage, ob sie Krimtatarisch beherrscht. «Natürlich», sagt sie. In der Schule habe sie es gelernt und zu Hause. Nur im Alltag benutze es niemand. «Warum nicht», frage ich, «ist es verboten oder geniert man sich?» Ein verständnisloser Blick – wie ich auf die Idee komme? – Nun, ich hätte gelesen, tatarische Schulen würden geschlossen. «Nein», sagt das Mädchen und schüttelt den Kopf. Nur in der Schule Nummer fünf, dort sei früher nur auf ­Tatarisch unterrichtet worden und heute zweisprachig auf Tatarisch und Russisch. Aber sie sprächen ja sowieso alle Russisch.

Tiefe Zerwürfnisse

Die gleichen Antworten auf die gleichen Fragen höre ich überall, wo ich einkehre, auch in dem freundlichen Familienhotel in der Altstadt. In der Tat scheinen sich Unterdrückung und Verfolgung auf den Medschlis und seine Pro-Kiew-Aktivisten zu beschränken; den Alltag der übrigen Tataren betreffen sie nicht.

Das deckt sich mit den Aussagen aus der Umgebung des Republikchefs Sergei Aksjonow: Mindestens 70 Prozent der Krimtataren seien inzwischen für die neuen Verhältnisse. Aksjonow wirft Kiew und dem Medschlis vor, die Krimtataren bewusst gegen die Mehrheitsbevölkerung aufgewiegelt zu haben: «Das ­Teilen der Krimbewohner in Nationalitäten muss ein Ende haben», forderte er. «Was für die Krim getan wird, wird für alle getan.» Vier Wochen nach dem Anschluss der Halbinsel hat Präsident Putin die 1944 verbannten Armenier, Bulgaren, Griechen, Deutschen und Ta­taren nach russischem Recht rehabilitiert. Im vergangenen April wurde erstmals ein neuer Feiertag begangen: der Tag der Rückkehr der verbannten Völker auf die Krim.

Was hat es also auf sich mit diesem Medschlis und seinen Protagonisten? Wer etwas tiefer gräbt, trifft auf krimtatarische Gegenspieler, etwa eine Partei namens Milli Firka, die nach der Oktoberrevolution die krimtatarische Linke vereinte. 2006 wurde sie wieder ins Leben gerufen. Seither positioniert sie sich mit russischer Unterstützung gegen den prowestlichen Medschlis. Milli Firka hängt der eurasischen Weltanschauung an, wie sie auch in Moskau Konjunktur hat: Den orthodoxen Slawen und den islamischen Turkvölkern gebührt eine ­eigene Zukunft, abgegrenzt vom westlichen Gedankengut.

Wer noch weiter gräbt, stösst auf tiefe Zerwürfnisse, die lange vor der Ukrainekrise wurzeln. In dem Gewirr aus Intrigen und Halbwahrheiten spielen Mustafa Dschemiliew und seine Kamarilla eine Hauptrolle. Es geht um Macht und um Geld, um Banken und Immobilien. Angeblich wird der Medschlis mit Dollarmillionen aus der Türkei und den USA ­unterstützt. Wie immer im Osten gibt es weder Schwarz noch Weiss. Was sich als Überlebenskampf einer Minderheit verkauft, hat geopolitische Dimensionen. Russland hat die Zeit vor 1954 nicht vergessen und die Türkei nicht diejenige vor 1783. Beide Nationen tragen ihren Anspruch auf die Krim im Herzen. Die Illusion vom Ende der Geschichte hegt man nur in Westeuropa.

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2015-50/aufgewiegelt-die-weltwoche-ausgabe-502015.html

« Ältere Einträge