Kategorie-Archiv: Moral

Der Freundeskreis schrumpft plötzlich. Moralischer Autismus geboren aus moralischem Narzißmus.

achgut.com

 Der Streit über Zuwanderung geht mittlerweile sogar mitten durch Familien. Ich habe in den letzten zwei Jahren viele frühere Freunde und Bekannte verloren. Manche verschwanden, antworteten nicht mehr. Andere meldeten sich ab, mit manchmal bewusst verletzenden Bemerkungen.

Sag mir, wo die Freunde sind


Seit geraumer Zeit – inzwischen mehr als ein Vierteljahr – geht mir immer mal wieder ein Beitrag durch den Kopf, den eine Facebook-Freundin dortselbst veröffentlichte. Sie berichtet darin von einem Treffen in der Weihnachtszeit, bei dem einige alte Freunde zusammen kamen. Ich möchte den Anfang ihres Textes zitieren:

„Gestern habe ich im Kreise von einer Handvoll guten Freunden ins neue Jahr gefeiert. Freunde von früher. Ich sage das deshalb, weil es für mich ein Davor und ein Danach gibt. Wann genau dieses Davor und Danach zu verorten sind, ist schwer zu sagen, denn es hängt auch mit meiner ganz persönlichen Wahrnehmung zusammen. Und genau das ist auch das Thema: die ganz persönliche Wahrnehmung.

Gestern also lief unter anderem The Police. Und so redeten wir über Sting als Musiker und über unsere Erinnerungen von früher mit seiner Musik. Er wurde hochgelobt – und dann kam der Moment, in dem ich es mir nicht verkneifen konnte: Ich erwähnte, dass ich seine Aktion, im Bataclan das Gedenkkonzert mit dem Song „Inshallah“ zu eröffnen, ziemlich taktlos fand. Stille. Blicke. Erste Frage: „Wo?“ Ich: „Na, in Paris, im Bataclan.“ Verständnislose Mienen. Ich: „In Paris! Im Bataclan! Da, wo 130 Menschen den islamistischen Anschlägen letztes Jahr am 13. November zum Opfer fielen.“ Betroffene Blicke: „Achso.“ Schweigen. Ich: „Naja, und das Neueröffnungskonzert ein Jahr später, das auch gleichzeitig Gedenkkonzert für die Opfer des Anschlags sein sollte, eröffnete Sting. Mit einem Song namens „Inshallah“. Betroffene Blicke. Wegwischen imaginärer Krümel von der Tischkante. Schweigen. Ich (mittlerweile etwas verzweifelt): „Naja, wie kann man nach diesem blutigen Massaker, das von islamistischen Dschihadisten verübt wurde, auf die Idee kommen, das Gedenkkonzert mit so einem Song zu eröffnen?“ Vorsichtiges Nachfragen: „Wie heißt der Song?“ Ich (in die Nähe des Wahnsinns kommend): „INSHALLAH!“ … „Was heißt das?“ „Das ist arabisch und heißt: So Allah will.“ – ich, wilde Blicke in die Runde werfend. Betretenes Schweigen. Dann, zögerlich: „Aber Sting ist doch Buddhist!“

Der Text ist um einiges länger, ich würde ihn gerne ganz zitieren, belasse es aber beim persönlichen Fazit der Freundin: „Nie habe ich es so deutlich empfunden, dass das Universum, das uns doch alle halten sollte, auseinanderklafft, nicht mehr eins ist – sondern ein diffuses Etwas, das aus Millionen von Wahrnehmungen besteht, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Meine Freunde wussten nicht, was das Bataclan ist. Sie wussten nicht, dass Sting dort die Konzerthalle ein Jahr nach den Anschlägen eröffnete, dass überhaupt ein Gedenkkonzert stattfand. Sie wussten nicht, was Inshallah heißt. Sie konnten nicht verstehen, was ich daran seltsam fand. Sie leben nicht mehr in meiner Welt, und ich nicht mehr in ihrer.“

Der Freundeskreis schrumpft plötzlich

Warum mich dieser Beitrag noch immer beschäftigt: ich kann alles das aus eigener Erfahrung, vor allem der letzten zwei Jahre, nur zu gut nachempfinden. So ging und  geht es auch vielen Anderen; leicht an den Kommentaren unter dem oben zitierten Text zu erkennen.

„Du ahnst gar nicht, wie Du mir damit aus der Seele gesprochen hast.“, „Danke. Manchmal ist es schon erleichternd zu wissen, dass man eben nicht alleine ist. Das soll nicht arrogant klingen, denn ich habe auch nicht die Weisheit mit Löffeln gegessen, aber vielen unserer Mitmenschen fehlt das breite Wissen. Die Neugier auf die Wahrheit, das Interesse für Zusammenhänge, der Sinn für Logik.“ oder „Du sprichst mir aus der Seele. Ich kann Deine Gedanken und Gefühle so gut nachvollziehen, weil ich sie auch erlebe.“

Dabei scheint dieser Abend noch durchaus friedlich abgelaufen zu sein; in anderen Fällen führten (und führen) ähnliche Begegnungen mit Bekannten oder Freunden noch zu ganz anderen Ergebnissen, bis hin zu wahren Hass- und Wutausbrüchen derer, für die sofort jeder, der die so genannte Flüchtlingspolitik und die Verharmlosung des Islams in Frage stellt, Volkstümler, Rassist und Nazi ist. Was eine ungeheure Diffamierung darstellt. Die zitierte Schreiberin ist all das nicht, so wie auch ich es nicht bin; wäre sie es, wäre sie nicht unter meinen Kontakten. Und das gilt für alle meine Kontakte.

Ich habe in den letzten zwei Jahren nahezu alle früheren Freunde und Bekannte verloren. Manche waren plötzlich verschwunden, antworteten nicht mehr auf Nachrichten. Andere meldeten sich ab, mit hochtrabenden, manchmal bewusst verletzenden Bemerkungen. Wo der kleine Geist gar nichts eigenes hergab, wurden mir Zitate an den Kopf geworfen, von Kant bis Camus und sonst wem. Ich gebe zu, die ersten Nazikeulen taten noch weh, aber das legte sich schnell. Denn niemals, nicht einmal, gab es wirklich substantiell formulierte Gegenpositionen. Das bestätigt erfreulich die eigene Wahrnehmung der Welt ringsum; so lässt es sich ganz gut verarbeiten, dass teils Jahrzehnte währende, persönliche Beziehungen abgebrochen wurden. Nicht erstaunlich, dass die, die geblieben sind, auch wirklich die sind, an denen mir etwas liegt, bei durchaus kontroversen Positionen in manchen Fragen. Es geht mir bei Freundschaften ja nicht um Konformität, sondern um Integrität. Bildung, Neugier, Austausch und Respekt.

Die Fälle gehen weit über das Anekdotische hinaus

Andere hat es härter getroffen als mich. Da wurde einer Mutter, die bei Facebook davon berichtete, dass ihre junge Tochter auf der Straße angefasst wurde, offen und mehrfach mit beruflicher Vernichtung bedroht; sie hatte gewagt zu erwähnen, dass das Kind ihr von einem dunkelhäutigen Mann erzählte. Ein anderer meiner FB-Kontakte berichtete, eine Freundin seiner Frau habe dieser empfohlen, doch einmal dafür zu sorgen, dass ihr Mann nicht mit gewissen Äußerungen die Existenz der Familie aufs Spiel setzen solle. Fälle dieser Art habe ich ohne Ende vorliegen, man muss sie nicht alle schildern, sie gleichen sich stets im Kern und gehen weit über das Anekdotische hinaus.

Sie sind symptomatisch für eine Entwicklung in unserer Gesellschaft, die dazu angetan ist, darüber zu verzweifeln. Noch einmal die anfangs zitierte FB-Freundin: „Die Erkenntnis, diese Menschen nicht erreichen zu können, ganz egal, wie viele kritische Beiträge ich z.B. hier poste, ganz einfach, weil sie nicht erreicht werden wollen, weil sie selbst entscheiden – genau wie ich – wann sie welche Wahrheiten an sich heranlassen, diese Erkenntnis macht mich ohnmächtig und kraftlos. Weil ich weiß, dass wir uns nicht annähern werden, im Gegenteil: wir werden uns immer weiter voneinander entfernen.“

Ich betone es noch einmal: Niemals ist mir, seitdem ich zum Nazi gestempelt wurde, von anderer Seite substantielle Kritik begegnet. Niemand hat auch nur versucht, seine Position des „besseren Menschen“ argumentativ zu untermauern. Statt dessen wird man ohne Umweg weggehitlert, und damit die substanzlose Gegenposition nur ja nicht ins Schwanken gerät, heißt es dann „Mit Sachargumenten brauche ich Dir ja gar nicht erst zu kommen!“  Vielen – in diesem Moment, da ich diesen Text schreibe, lese ich weitere Beispiele dieser Art – tut das (noch) weh; mit Faschisten und Massenmördern gleich gesetzt zu werden, lässt ja wohl kaum jemanden kalt.

Dass es Gruppierungen in unserer Gesellschaft gibt, die von ganz alten Zeiten träumen und tatsächlich gegenüber Fremden generell feindlich bis hassend eingestellt sind, steht nicht in Frage; aber nichts von dem, was solche Leute vertreten, kann dafür herhalten, Kritik an der aus dem Ruder geratenen Migrationspolitik generell abzuschmettern. Kein Verweis auf Geschrei rechtsradikaler Nationalisten kann dazu dienen, Kritik am islamischen Gewaltpotenzial und am wachsenden Einfluss dieser religiös verbrämten, theokratischen und antidemokratischen Ideologie auf die westlichen Gesellschaften verstummen zu lassen. Und kein noch so ins pseudo-religiöse driftender Humanismus kann die Tatsache aus der Welt schaffen, dass es zum eigenen Untergang führt, wenn man ungehindert Millionen von Menschen mit vollkommen anderem kulturellen und sozialen Hintergrund ins Land holt. Was kann eigentlich, um es deutlich zu sagen, rassistischer sein als die Vorstellung, ja Erwartung, alle diese Menschen seien willens und in der Lage, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren?

Das Problem sind nicht die Flüchtlinge, sondern die Mitschwimmer im Kielwasser

Über die amorphen Motive der verschiedenen Befürworter, Unterstützer oder zumindest Dulder der hemmungslosen Fernstenliebe wurde und wird viel geforscht, geschrieben, spekuliert und analysiert. Da gibt es ebenso die Ignorierer („Wo ist das Problem?“) wie es die Deutschland-muss-weg-Radikalen gibt, denen offenbar jedes Mittel recht ist, die westliche Kultur untergehen zu sehen. Da gibt es die völlig Verwirrten, die frohlocken, dass Deutschland „bunt“ wird und die allen Ernstes bejubeln, dass Migranten „Vielfalt in unser Leben und unsere Städte“ bringen, dass sie „Lücken in Gesellschaft und Wirtschaft schließen“, „unsere Kultur als Menschen und Freunde bereichern“, weil sie „mutig sind“ und „weil wir durch euch Demut“ lernen. Genug davon.

Wer nicht einmal erkennen mag, dass es den tatsächlichen Flüchtlingen deshalb an gesellschaftlicher Akzeptanz wie an materieller Hilfe fehlt, weil so viele in ihren Kielwasser mitschwimmen, ja sogar hergeschifft werden, die unsere bisher stabile Demokratie und deren kulturellen wie sozialen Werte nicht nur in Frage stellen, sondern aktiv ablehnen und untergraben, der ist einem fatalen Irrtum erlegen, einem Irrtum, der immer absehbarere Folgen hat. So jemand regt sich über den Begriff Nafri mehr auf als über das, was diese Leute anrichten; nicht in Einzelfällen, sondern mit einem fest definierten Ziel.

Himmel und Erde sind nicht gütig. Ihnen sind die Menschen wie strohernde Hunde. (Laotse)

Wir sind schlecht, die anderen sind Opfer, und von je weiter weg diese Opfer kommen, um so mehr sind sie Opfer, und weil wir schlecht sind, müssen wir jetzt um den Preis des eigenen gesellschaftlichen Friedens dafür Buße tun. So das Credo derer, die kritisch denkende Mitbürger als Rassisten und Nazis diffamieren.

Wer in einer von hohen Mauern und Sicherheitskräften umgebenen Festung sitzt, kann wie der aktuelle Papst wohlfeil darüber lamentieren, dass es falsch sei, Mauern zu errichten. Wer ignoriert, dass seine eigenen Glaubensbrüder und -schwestern in ihren Heimatländern oder auf der Flucht massakriert werden, kann bräsig-empört vor dem Kölner Dom auf einem Kahn stehen und von diesem herab Fernstenliebe predigen. Wer sein ganzes Leben lang keinem handfesten Beruf nachgegangen ist, sondern sich von einem Kirchenposten zum nächsten gebetet hat, kann sich natürlich darüber freuen, dass Deutschland „bunter und religiöser“ wird.

Moralische Verdammung  geboren aus moralischer Verdummung

Wer als erwachsener Mensch noch immer die Frisur eines Kapauns trägt, kann sich, den Antisemiten Augstein und dessen Blatt hinter sich wissend, anmaßen, differenzierend denkende und argumentierende Kritiker als „Aber-Nazis“ zu beschimpfen, weil diese nicht bereit sind, alles abzunicken, was seit dem völligen Kontrollverlust der deutschen Bundesregierung in unserem Land passiert und noch passieren wird. Wer auf einer jenseits jeglichen Verstandes schwebenden, „einen Doppelzentner fleischgewordene Dummheit“ (Henryk M. Broder) tragenden  Wolke sitzt (wenn sie nicht gerade hinter dem Spruch „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ herläuft und mit dem iranischen Botschafter in Berlin, an dessen Händen viel Blut klebt, abklatscht), kann sich, stets nahe am Wasser gebaut, darüber auslassen, wie widerlich doch jeder sei, der nicht bereit ist, sein Land diesem Merkel’schen Kontrollverlust zu opfern.

Und wer sich als Bundesminister öffentlich bei Musikanten für ihren Einsatz im Dienst des Linksradikalismus bedankt und sich in Kumpanei mit alten Stasiseilschaften an einer der wesentlichsten Stützen unserer Demokratie, der Meinungsfreiheit, vergeht, kann dies heute, nahezu ungehindert, gegen nur schwache Proteste ohne mit der Krawatte zu zucken durchziehen. Warum? Weil so jemand sich immer noch auf den bedeutenden Teil der schweigenden Bevölkerung stützen kann, die, sei es aus Angst um ihre eigene private und berufliche Existenz oder sei es aus Ignoranz, den Dingen ihren Lauf lässt. Mit schlimmen Folgen, wie sich täglich mehr zeigt. Es ist doch noch immer gut gegangen? Das haben schon ganz andere Kulturen geglaubt, und die hatten eine weitaus längere Existenz in der Geschichte vorzuweisen als die Bundesrepublik Deutschland. Von manchen dieser Kulturen sind nicht mehr als Legenden übrig geblieben.

Ein Fernstenliebender kann vieles, aber eines kann er nicht: mir einreden, ich sei ein Rassist, ein Nationalist, ein Nazi, nur weil ich nicht bereit bin, dem Niedergang unserer westlichen Kultur kritiklos, womöglich sogar mitwirkend, zuzuarbeiten. Und das gilt für ungezählte Mitmenschen, denen all das ganz und gar fremd ist, was mit Tümelei und Fremdenfeindlichkeit zu tun hat, und die trotzdem erkannt haben, auf was unsere Gesellschaft zusteuert. Viele von ihnen sehen sich hilflos den Anschuldigungen ausgeliefert, und je mehr diese Anschuldigungen von Leuten kommen, mit denen sie – bisher – viele Gemeinsamkeiten hatten, viel mehr als mit reaktionären Positionen, um so fassungsloser sind sie, müssen sie doch auf einmal erkennen, welche autoritären, reflexionsunfähigen Charaktere in den früheren Freunden und Bekannten stecken, die sofort mit der ach so wohlfeilen Nazikeule um sich schlagen. Wohlfeil, weil man sich dann nicht inhaltlich mit kritischen Positionen auseinandersetzen muss. Und da es keine inhaltlich tragfähigen Gründe für das gibt, was in dieser Zeit nicht einfach nur über uns herein bricht, sondern sogar noch gefördert wird, bleibt nur eins übrig: moralische Verdammung. Geboren aus moralischer Verdummung.

Der moralische Narzißmus. Wer keine Lebensfreude hat, der hat die Moral.

ANDRE GREEN, PARIS

Der moralische Narzißmus*

*Unter dem Titel »Le narcissisme moral« zuerst erschienen in der Revue franvaise de psychanalyse, 1969, Jg. XXXIII, Heft 3. 416 Andre Green“

Übersicht: Im Vergleich zweier Tragödien von Sophokles, Aias und Ödi­pus, arbeitet Green einleitend die Unterschiede zwischen den Kulturen der Scham und den Kulturen der Schuld heraus. Anschließend entfaltet er seine Typusbeschreibung des moralischen Narzißmus, den er der Kultur der Scham zurechnet. Unter moralischem Narzißmus versteht der Autor den Sieg des Triebverzichts über die Befriedigungen der Illusion bzw. den Sieg des Über-Ich im Kräftespiel mit dem Ich-Ideal. Green, der in der As­kese und der Affektverhaltung wichtige Merkmale des moralischen Nar­zißmus sieht, beschreibt die zugehörige Konfliktebene sowie die entschei­denden Abwehrformen des moralischen Narzißten. Er stellt des weiteren deren Psychodynamik dar, nimmt eine metapsychologische Einordnung vor und schließt mit einer Darstellung der durch Scham, Stolz und Ehre bedingten technischen Schwierigkeiten in der Behandlung.

»Die Tugend gleicht nicht nur jenem Streiter, dem es im Kampfe allein darum zu tun ist, sein Schwert blank zu erhalten, sondern sie hat auch den Streit darum begonnen, die Waffen zu bewahren; und nicht nur kann sie die ihri­gen nicht gebrauchen, sondern muß auch die des Feindes unverletzt erhalten und sie gegen sich selbst schützen, denn alle sind edle Teile des Guten, für welches sie in den Kampf ging.« (G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes)

»Ja, unbewußtes Leben ist am süßesten, bis ei-
ner kennenlernt, was Freude ist und Schmerz.«
(Sophokles, Aias)

Der Narzißmus, dem in Frankreich in den letzten Jahren so viele theoreti­sche Beiträge galten, hat das Interesse nur weniger klinischer Studien auf sich gezogen. Eine frühere Arbeit (Green, 1963) über die phallisch-nar­zißtische Position war uns Anlaß, einen aus klinischer Beobachtung stam­menden Zustand, den Wilhelm Reich als erster beschrieben hat, genauer zu untersuchen. Jetzt möchten wir eine andere aus der analytischen Ar­beit hervorgegangene Konfiguration näher umreißen, möchten deren Gültigkeit für die Erfahrung eines jeden verifizieren und ihr, wenn möglich, eine Struktur zuordnen. Im Folgenden wird der moralische Nar­zißmus zur Diskussion gestellt.

Ödipus und Aias

Für den Analytiker sind die legendären Helden der Antike ein unver­zichtbarer Fundus, auf dessen Reichtum er nur zu gern zurückgreift. In der Regel beruft er sich auf diese erhabenen mythologischen Figuren dann, wenn er eine Behauptung mit einem verführerischen Zierrat ver­sehen will. Was uns angeht, werden wir von einer Gegenüberstellung ausgehen, die, indem sie an das Gedächtnis eines jeden appelliert, als ein allgemeines Beispiel fungieren soll, das dann sekundär den einen oder anderen Patienten in Erinnerung zu rufen vermag. Dodds stellt in sei­nem Buch Die Griechen und das Irrationale (1963) die Kulturen der Scham den Kulturen der Schuld gegenüber. Nicht umsonst soll hier daran erinnert werden, daß nach Dodds die Idee der Schuld an eine Ver­innerlichung, wir würden sagen, eine Internalisierung des Begriffs der Verfehlung oder Sünde gebunden ist; diese ist das Resultat einer Über­tretung göttlichen Gesetzes. Die Scham hingegen ist ein zwangsläufiges Schicksal, verhängt als Zeichen des Götterzorns, eine Ate oder Verblen­dung, eine unbarmherzige Züchtigung, die kaum an eine objektive Ver­fehlung gebunden ist, es sei denn an die der Anmaßung. Die Scham er­eilt ihr Opfer unerbittlich; zweifellos muß man sie weniger einem Gott als einem Daimon — einer Höllenmacht — zuschreiben. Dodds bringt die Kultur der Scham in Zusammenhang mit einer sozialen Stammes-form, bei der der Vater allmächtig ist und keine Autorität jenseits der seinen anerkennt, während die Kultur der Schuld auf dem Weg zum Monotheismus steht und ein über dem Vater stehendes Gesetz impli­ziert. Ganz zu schweigen von der Wiedergutmachung der Verfehlung, die in beiden Fällen unterschiedlich ist. Der Übergang von Scham zu Schuld bzw. Schuldgefühl hat seine Entsprechung in dem Weg, der von der Vorstellung von Schmutz und Schande zum Bewußtsein eines mo­ralischen Übels führt. Zusammengefaßt ist die Scham ein Affekt, bei dem die menschliche Verantwortung kaum eine Rolle spielt, sie ist ein von den Götter verhängtes Geschick und trifft den Menschen, der der Hybris (Anmaßung) verfallen ist, während das Schuldgefühl sich als Folge einer Verfehlung einstellt, an der der menschliche Wille im Sinne einer Übertretung beteiligt ist. Erstere entspricht einer Ethik des Tali­onsgesetzes, letztere einer Ethik von mehr auf Einsicht fußender Ge­rechtigkeit.

Mir schien eine Gegenüberstellung dieser beiden Problembereiche — der Scham und der Schuld — möglich zu sein, wenn man Aias mit Ödipus ver­gleicht. Aias, der nach Achill tapferste unter den Griechen, hofft beim Tod des Thetissohnes dessen Waffen zugesprochen zu bekommen. Das aber geschieht nicht. Die Waffen werden auf je nach mythologischer Version unterschiedlichen Wegen Odysseus zugesprochen. In der ältesten Version wird dies durch die von den Griechen besiegten Trojaner vollzogen, die erklären sollen, welchen Feind sie am meisten fürchten. Sie nennen Odys­seus, der vielleicht nicht der Tapferste, wohl aber der Gefährlichste, weil Listenreichste sei. Nach anderen Versionen, an die sich auch Sophokles hält, sind es die Griechen selbst, die sich für Odysseus entscheiden.

Aias empfindet diese Wahl als Ungerechtigkeit und Beleidigung. Er be­schließt gewaltsame Rache und überredet die Achäer, Agamemnon und Menelaos, die Argiver gefangenzunehmen, Odysseus zu ergreifen und zu Tode zu peitschen. Athene aber, die Aias mit seiner Zurückweisung ihrer Hilfe im Kampf gegen die Trojaner beleidigt hatte, schlägt ihn mit Wahnsinn. Anstatt eine Heldentat im Kampf gegen jene, die er strafen will, zu vollbringen, richtet er ein Blutbad an und vernichtet in seiner Verblendung die Herden der Griechen. Der Urheber des Gemetzels kommt erst wieder zu sich, als das Schreckliche schon geschehen ist. Wieder zur Vernunft gekommen, begreift er seine Verblendung. Gleich­sam doppelt wahnsinnig geworden, aus Schmerz und Scham darüber, daß weder das Recht noch die Gewalt ihm zum Triumph haben verhelfen können, und in seinem Stolz verletzt, bringt er sich um. Er stürzt sich in Hektors Schwert, das er als Siegestrophäe erhalten hatte — er durchbohrt sich, wie Jean Lacarriere ziemlich wahrscheinlich macht.

Beim Lesen des Sophokles-Textes erkennt man, daß »Scham« das Schlüs­selwort dieser Tragödie ist. »Ah! Schauderhaftes Gerücht, Mutter meiner Scham!« sagt der Chor, als die Nachricht von Aias‘ Massaker eintrifft. Der Wahnsinn an sich entschuldigt gar nichts: Er ist vielmehr die schlimmste aller Beschämungen, Zeichen dafür, daß Gott den davon Geschlagenen verworfen hat. Ein Wahnsinn zudem, der Ehrverlust bedeutet, denn er führt zu einem ruhmlosen, mörderischen Tun. Er gibt den Helden der Lä­cherlichkeit preis, weil er ihn, der sich um die Auszeichnung höchster Tapferkeit bewirbt, dazu bringt, harmlose, der Nahrung dienende Tiere wie wildgeworden umzubringen. Dieser Wahnsinn befrachtet ihn mit der »schweren Illusion eines verabscheuenswürdigen Triumphes«. Wieder bei Besinnung, erscheint der Tod ihm als einzig mögliche Lösung. Aias kann, nachdem er seine Ehre verloren hat, nicht mehr unter der Sonne leben. Kein Band ist stark genug, um ihn gegen diese Versuchung des Nichts zu halten. Eltern, Frau, Kinder, die sein Tod praktisch zur Sklaverei ver­dammt, vermögen nicht, ihn zurückzuhalten. Sein Verlangen gilt der Un­terwelt; seine Wünsche berufen die Nacht des Todes: »0 Nacht — du mein Licht«. Seine leibliche Hülle läßt er hinter sich, wie ein Schandmal; mögen seine Spötter über ihr Schicksal entscheiden: ob sie den Geiern zum Fraß ausgeliefert oder — als Sühneleistung — bestattet wird. Die Ethik des Maßes wird uns durch den Boten übermittelt: »denn überheblich unbesonnen Volk, es stürzt in schweres Leid durch Gottes Hand, falls, sprach der Seher, jemand, menschlicher Natur entsprossen, Menschenmaß nicht wahrt.« Das Beispiel des Aias schien mir den Vergleich mit Ödipus herauszufor­dern. Ödipus‘ Verbrechen ist nicht weniger groß. Ihn entschuldigt die Ver­kennung, die Täuschung des Gottes. Die Strafe, die er an sich vollzieht, hilft ihm jedoch, den Verlust seiner Augen, die zu viel haben sehen wollen, hinzunehmen und mit Unterstützung seiner Tochter Antigone in die Ver­bannung zu gehen und dort unter den Menschen in seiner Schande zu le­ben und diese bis zur Neige auszukosten. Schließlich nimmt er auch hin, noch vor seinem Tod Anlaß von Streit und Auflehnung zu werden, die zwi­schen seinen Söhnen (die er dann verflucht) und Kreon — seinem Schwager bzw. Onkel — und Theseus, unter dessen Schutz er sich gestellt hatte, ent­stehen. Im Wald von Kolonos, im Gebiet Athens, wartet er darauf, daß die Götter ihm ein Zeichen geben. Nachdem sein Vergehen einmal aufgedeckt ist, kann sein Leben kein Vergnügen mehr sein. Aber es ist das Leben; das haben die Götter gegeben, und sie werden es nach ihrem Ermessen wieder nehmen. Vor allem aber hält Ödipus an seinen Objekten fest. Sie sind sein Leben, so wie sie ihn am Leben halten. Er kann sie nicht im Stich lassen, selbst wenn er zum Einsatz im unseligen Ränkespiel seiner Kinder wird. Die einen — natürlich seine Söhne — wird er hassen. Seine Töchter dagegen, auch sie Früchte seines Inzests, liebt er väterlich.

Wie man sieht, trifft unsere Gegenüberstellung die Problematik zweier Themenkreise, die den zwei Arten der Objektwahl und der Objektbeset­zung entsprechen: objektale Besetzung des Ursprungsobjekts bei Ödipus; durch Übertretung: Schuldgefühl — narzißtische Besetzung des Ur­sprungsobjekts bei Aias; durch Enttäuschung: Scham.

Klinische Aspekte des Narzißmus: Der moralische Narzißmus

Das Exempel des Aias, das uns als Einleitung gedient hat, führt sofort zu einer Frage für den Psychonalytiker. Sieht es nicht so aus, als ob eine be­stimmte Beziehung zum Masochismus für diese Form des Narzißmus unabdingbar ist? Und geht es dabei nicht zuallererst um Selbstbestrafung?

Bevor wir unsere Entscheidung darüber vorantreiben, ob nicht der Ma­sochismus als eigentliche Triebfeder am besten die Aiassche Thematik kennzeichnet — Aias, der nicht die Strafe sucht, sondern sie, um seine Ehre (ein anderes Schlüsselwort des Narzißmus) zu retten, an sich voll­zieht —, wollen wir einen Augenblick bei den Beziehungen von Maso­chismus und Narzißmus verweilen.

In seiner Arbeit über »Das ökonomische Problem des Masochismus« (1924) gelangte Freud gleichzeitig mit seiner Aufteilung der Paare Span­nung/Unlust und Entspannung/Lust zur Unterteilung des Masochis­mus als Ausdruck des Todestriebes in drei Substrukturen: erotischen Masochismus, weiblichen Masochismus, moralischen Masochismus. Diese Aufgliederung folgt demselben Prinzip, das wir hier zur Anwen­dung bringen, nur daß wir als Basis nicht die Wirkungen des Todestriebs, sondern die des Narzißmus nehmen. Unter klinischen Gesichtspunkten lassen sich unserer Auffassung nach mehrere Varianten, mehrere Sub­strukturen des Narzißmus unterscheiden:

  • ein körperlicher Narzißmus, der die Empfindung (den Affekt) des Kör­pers sowie die Repräsentationen des Körpers umfaßt; des Körpers als Ob­jekt für den Blick des Anderen, insofern er ein dem Körper äußerlicher ist, vergleichbar etwa wie der Narzißmus des Körpergefühls — des gelebten Körpers — ein Narzißmus des Abtastens des Anderen ist, insofern er ein dem Körper innerlicher ist. Bewußtsein des Körpers oder Wahrnehmung des Körpers sind dabei die basalen Elemente (vgl. Green, 1966/67);
  • ein intellektueller Narzißmus, der uns hier nicht weiter beschäftigen muß, weil die analytische Literatur voll von derartigen Beispielen ist. Der intellektuelle Narzißmus manifestiert sich in der Besetzung, die die Herrschaft durch den Intellekt erfährt, verbunden mit einem übermäßi­gen Vertrauen in diese, was oft von den Tatsachen widerlegt wird. Der Nachdruck, mit dem er fortbesteht, vergegenwärtigt, daß »das nicht daran hindert, trotzdem zu existieren«. Diese Form des Narzißmus, die uns hier nicht weiter aufhalten soll, führt uns die Illusion einer intellek­tuellen Herrschaft vor Augen. Sie ist eine Sekundärform zur Allmacht der Gedanken. Sie ist Allmacht des Denkens, insofern sie den Sekundär­prozeß dieser Aufgabe unterstellt;
  • ein moralischer Narzißmus schließlich, den wir jetzt und hier be­schreiben wollen und den wir im Moment nur beiseite lassen, um ihn an anderer Stelle auszuführen.1

1 Wir müssen wohl nicht betonen, daß wir keine Entsprechung zwischen den drei Formen des Masochismus und den drei Formen des Narzißmus im Blick haben.

Seit Das Ich und das Es (1923) weist Freud den unterschiedlichen Instan­zen ein je spezifisches Arbeitsmaterial zu. Was der Trieb für das Es, ist die Wahrnehmung für das Ich und die Funktion des Ideals — Funktion des Verzichts auf Triebbefriedigung und die Öffnung auf den ins Unend­liche zurückgedrängten Horizont der Illusion — für das Über-Ich. Dem­nach scheint der moralische Narzißmus, insoweit als die Beziehungen von Moral und Über-Ich deutlich etabliert sind, in einer engen Relation von Ich und Über-Ich verstanden werden zu müssen oder, genauer, da es dabei um die Funktion des Ideals geht, von Ich-Ideal und Über-Ich. Daß das Es an dieser Situation keineswegs unbeteiligt ist, wird der weitere Verlauf unserer Arbeit zeigen. Wenn wir uns vorstellen, daß das Es vom Antagonismus zwischen Lebenstrieben und Todestrieben bestimmt wird, daß das Ich einen unaufhörlichen Besetzungsaustausch zwischen Ich und Objekt erfährt und daß das Über-Ich aufgeteilt ist zwischen dem Verzicht auf Befriedigung und den Trugbildern der Illusion, verste­hen wir, daß das Ich in seinem Zustand doppelter Abhängigkeit — vom Es und vom Über-Ich — nicht zwei Herren, sondern vieren dienen muß, weil ein jeder sich verdoppelt. Das passiert normalerweise jeden von uns, und keiner ist frei von moralischem Narzißmus. So rührt die Annehm­lichkeit unserer Beziehungen aus der allgemeinen Ökonomie dieser Ver­bindungen, vorausgesetzt, daß die Lebenstriebe über den Todestrieb und die Tröstungen der Illusion über den Stolz des Triebverzichts obsie­gen. Das ist aber nicht in jedem Fall so. Die pathologische Struktur des Narzißmus, die wir beschreiben wollen, wird vielmehr durch eine Öko­nomie charakterisiert, die das Ich infolge eines Sieges des Todestriebs in doppelter Hinsicht schwer belastet; ein Sieg, der dem Nirwana-Prinzip (dem einer Spannungsermäßigung bis auf die Null-Linie) eine relative Vorherrschaft über das Lustprinzip einräumt und der ein Sieg des Trieb­verzichts über die Befriedigungen der Illusion ist.

So etwa der Haupteffekt aus Todestrieb und Triebverzicht. Verweist uns das nicht abermals auf die Strenge des masochistischen Über-Ichs? An­näherungsweise, ja. Genaugenommen, nein.

Masochistische Phantasien und narzißtische Phantasien

»… der richtige Masochist hält immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu bekommen«, schreibt Freud (1924, S. 378). Auf den moralischen Narzißten trifft das nicht zu. Freud paraphrasierend, könn­te man sagen: »Sobald es auf irgendeine Befriedigung zu verzichten gilt, meldet sich der moralische Narzißt freiwillig.« Vergleichen wir denn diese so aufschlußreichen masochistischen Phantasien mit den narzißti­schen. Im Masochismus geht es darum, geschlagen, gedemütigt, be­schmutzt zu werden, reduziert auf einen Zustand der Passivität, einer Passivität allerdings, die immer die Präsenz des Anderen erfordert. Über diese für den Masochisten geltende Notwendigkeit der Beteiligung eines Anderen sagt Lacan, daß sie beim Anderen die Angst errege, inwieweit er, der Sadist, sein Begehren aufrechterhalten kann, will er nicht das Ob­jekt seiner Lust zerstören.

Nichts dergleichen beim Narzißten. Es geht nur darum, rein zu sein, al­so allein zu sein, auf die Welt zu verzichten, auf ihre Freuden genauso wie auf ihre Leiden, weil man, wie wir wissen, aus Unlust noch Lust ge­winnen kann. Die Subversion des Subjekts durch die Inversion ist für ei­nen jeden erreichbar. Schwieriger und verlockender ist es, sich jenseits von Lust/Unlust anzusiedeln und ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzu­legen, ohne Schmerz zu suchen, ein Gelübde der Armut und Besitzlo­sigkeit, der Einsamkeit, ja der Einsiedelei; alles Bedingungen, die an Gott heranführen. Hat Gott Hunger oder Durst? Ist Gott abhängig von der Liebe, vom Haß der Menschen? Es kommt schon vor, daß solches geglaubt wird; die aber so denken, wissen nicht, was der wahre Gott ist: das Unnennbare. Diese tiefreichende Askese, die Anna Freud (1936) als einen der Adoleszenz eigenen Abwehrmechanismus innerhalb der nor­malen Entwicklung des Individuums beschreibt und auf die sich Pierre Mäle in seinen Studien über den Adoleszenten mehrfach bezieht, kann pathologische Formen annehmen. Selbst wenn das Leiden nicht gesucht wird, kann es doch nicht vermieden werden, wieviel Energie das Subjekt auch daran setzen mag, es sich zu ersparen. Freud sagt vom Masochi­sten, er wolle tatsächlich wie ein kleines Kind behandelt werden. Der moralische Narzißt verfolgt ein anderes Ziel: Er will als das Kind, das er ist, den Eltern gleichen, die er sich — zumindest ein Teil von ihm — als je­manden vorstellt, der keinerlei Probleme mit der Triebbeherrschung hat: Er will groß sein. Beides führt zu unterschiedlichen Konsequenzen. Der Masochist maskiert mit seinem Masochismus eine nicht bestrafte Verfehlung, Resultat einer Übertretung, hinsichtlich deren er sich schul­dig fühlt — der moralische Narzißt hat keine andere Verfehlung begangen als die, in seiner infantilen Megalomanie verhaftet zu bleiben, und er ist, gemessen an seinem Ich-Ideal, immer im Rückstand. Die Folge ist, daß er sich nicht schuldig fühlt, sondern sich schämt, nur das zu sein, was er ist, oder aber sich schämt, weil er vorgibt, mehr zu sein, als er ist. Viel­leicht könnte man sagen, daß der Masochist einer Beziehungsebene an­gehört, bei der es um das Haben in Form einer ungebührlichen Aneignung geht, während der Narzißt einer Beziehungsebene, der es um das Sein geht (man ist, wie man ist), angehört.2 Im moralischen Masochis­mus, erinnert uns Freud, wird das Subjekt nicht zu sehr für seine Verfeh­lung bestraft als vielmehr für seinen Masochismus. Die libidinale Erre­gungsausbreitung benutzt die Schiene der Unlust nur, um auf diesem ge­heimen Weg zu einem dem Subjekt nicht bewußten Lusterleben zu kom­men; etwa so, wie der Rattenmann eine »ihm selbst unbekannte Lust« erlebt, wenn er Freud die Strafe ausmalt, die sein Entsetzen und seine Mißbilligung hervorgerufen hatten (vgl. Freud, 1909, S. 392). Im morali­schen Narzißmus, dessen Ziel genauso wie das des Masochismus zum Scheitern verurteilt ist, erfüllt sich die Strafe — hier die Scham — mittels der unerträglichen Verdoppelung des Stolzes. Die Ehre ist niemals si­cher. Alles ist verloren, weil nichts die Schande einer befleckten Ehre be­seitigen kann, es sei denn ein neuer Verzicht, der auf Kosten der weiter verarmenden Objektbeziehungen einzig und allein zu Ehren des Nar­zißmus geleistet wird.

Hier enthüllt sich der markante Hauptunterschied des Gegensatzpaa­res: Der Masochist bewahrt in der Negativierung der Lust und in seiner Suche nach Unlust eine vielfältige Bindung an das Objekt, die der Nar­zißt gerade aufzugeben sucht. Man wird vielleicht diesen Begriff »viel­fältig« kritisieren, da er gewöhnlich mit normativen Qualitäten ausge­stattet ist. Wir sollten vielleicht eher von einem substantiellen Bezug zu den Objekten sprechen, insofern diese ihrerseits die phantasmatischen Objekte nähren, von denen das Subjekt letztendlich zehrt.

Der Narzißt wird den Konflikt dadurch zu lösen versuchen, daß er seine objektalen Beziehungen mehr und mehr zurückbildet, bis das Ich auf seinem vitalen Minimum an Objektbeziehung angelangt ist und so sei­nen befreienden Triumph erfährt. Dieser Versuch wird allerdings durch die Triebe ständig zum Scheitern gebracht, die verlangen, daß die Befrie­digung über ein Objekt, das nicht das Subjekt ist, verläuft. Als Lösung,

2 Sollte das Beispiel, das wir dem Aias-Mythos entlehnt haben, im Widerspruch stehen zu dem eben Entwickelten? Aias tötet sich, weil die Waffen des Archill an einen anderen ge­hen. In seinem Fall würde es sich also wohl um eine Beziehung zu einem Haben handeln, dessen er beraubt ist. Täuschen wir uns nicht. Das, woran Aias leidet, ist eine Wunde des Seins. Es geht darum, daß er nicht als der furchterregendste der Krieger anerkannt wurde, wofür die von Hephaistos geschmiedeten Waffen des Achill zeugen. Es geht um ein phalli­sches Attribut, das ihm fehlt, insofern, als dieses ihm die Bewunderung von Freunden und Feinden einbringen würde. Deshalb ist seine Reaktion die der Scham, als ob ihre Zuwei­sung an einen anderen seine Erniedrigung und seinen Unwert verkörpern würde. Der Un­terschied zwischen dem Tapfersten (der er ist) und dem Furchterregendsten (der Odysseus wegen seiner List ist) sind tote Buchstaben für ihn. Der Entehrung kann er nur entgegen­treten durch die Aufgabe seines Lebens und aller Objekte, die ihn an dieses binden

ja als einzige Lösung bietet sich die narzißtische Besetzung des Objekts an, der allerdings, wie wir wissen, die Depression auf dem Fuß folgt, wenn das Objekt sich entfernt, verlorengeht oder enttäuscht.3

Diese Überlegung läßt uns die Besonderheiten in der Behandlung sol­cher Patienten besser verstehen. Während masochistische Patienten jene von Freud ins Auge gefaßten Probleme der negativen therapeutischen Reaktion aufwerfen, der das stete Bedürfnis nach Selbstbestrafung zu­grunde liegt, konfrontieren uns die moralischen Narzißten, treue und tadellose Patienten, mittels einer progressiven Verdünnung ihrer Beset­zungen mit einem Abhängigkeitsverhalten, bei dem das Bedürfnis nach Liebe oder, genauer, nach Achtung von seiten des Analytikers der Sauer­stoff ist, ohne den sie sich nicht unter die Sonne wagen können. Zudem gilt das Bedürfnis einer besonderen Art der Liebe, der es darum geht, die Opferung der Lust anerkannt zu bekommen.

Wie Freud sagt, kann »die Selbstzerstörung der Person […] nicht ohne li­bidinöse Befriedigung erfolgen« (1924, S. 383). Welche Befriedigung fin­det nun der moralische Narzißt in seiner Verarmung? Das Gefühl, auf­grund des Verzichts besser zu sein als andere — die Grundlage des menschlichen Stolzes. Das vergegenwärtigt zwangsläufig die Beziehung zwischen dieser klinischen Form des Narzißmus und dem Primärnar­zißmus der Kindheit in seiner Verbindung mit dem Autoerotismus. Wenn Freud hat sagen können, daß der Masochismus die Moral resexua­lisiere, sind wir versucht zu sagen: Der Narzißt macht aus der Moral eine autoerotische Lust, wobei auch noch die Lust abgeschafft wird.

Teilaspekte und Abkömmlinge des moralischen Narzißmus

Der Gegensatz zwischen masochistischen und narzißtischen Phantasien hat uns den Hauptaspekt dieser Struktur vor Augen geführt. Wir möchten jetzt kurz einige dieser abgeleiteten oder partiellen Gesichts­punkte ins Auge fassen, bevor wir die dazugehörige Metapsychologie entwerfen.

Wir haben weiter oben die Askese erwähnt, insofern sie über die Adoles­zenz hinausgeht und zu einem Lebensstil wird. Diese Askese unter­scheidet sich entschieden von jener, der eine religiöse Überzeugung oder eine Regel — immer in der religiösen Bedeutung des Worts — zugrunde liegt. Sie ist wirklich unbewußt. Sie nimmt Beschränkungen materieller

3 Pasche hat in ihrer Arbeit über die Depression der Minderwertigkeit Fälle beschrieben, die in diesen hier beschriebenen Rahmen gehören (1969, S. 181 ff.).

Art zum Anlaß, um das Ich zu einer fortschreitenden Einengung seiner Besetzungen zu bringen, dergestalt daß die Verbindung von Wunsch und Bedürfnis von der Ebene des ersten auf die des zweiten verschoben und so der Wunsch auf das Bedürfnis reduziert wird. Man trinkt, man ißt, nur um zu überleben, nicht aus Lust. Man eliminiert die Abhängigkeit gegenüber dem Objekt wie dem Wunsch mit Hilfe eines verarmten Au­toerotismus, der von allen Phantasien abgekoppelt wird und dessen Ziel die Entladung im Sinne einer hygienischen Entleerung darstellt; oder aber man vollzieht eine massive Verschiebung auf die Arbeit und setzt ei­ne rastlose Pseudosublimation in Gang, die eher die Bedeutung einer Reaktionsbildung als die eines Triebschicksals mit Hemmung, Zielver­schiebung und sekundärer Desexualisierung hat. Diese Pseudosublimie­rung bekommt einen wahnhaften Charakter — wir schließen uns Ella Sharpe mit dieser Akzentuierung an. Wir werden an anderer Stelle se­hen, warum.

Die letzten Bemerkungen bringen uns geradewegs zu einem zweiten Aspekt des moralischen Narzißmus. Er findet sich unter den Merkma­len eines selten erwähnten Syndroms, das dennoch häufig vorkommt: dem der Affektiven Hemmung. Eine Störung, die sich unserem Blick erst nach und nach erschlossen hat und die nicht einfach eine benigne Form der Konfliktbearbeitung darstellt, ganz im Gegenteil. Ihre Be­zeichnung »Hemmung« trägt sie einerseits zu Recht, denn ihre Folgen hinsichtlich der affektiven Besetzungen sind für das Subjekt genauso gravierend wie die der intellektuellen Hemmung hinsichtlich der kogni­tiven Besetzungen. Andererseits bildet ihr Substrat die Verleugnung des Wunsches und seiner triebhaften Basis, was die Tatsache rechtfertigt, daß frühere Autoren wie Laforgue sie unter dem Namen Schizonoia dem psychotischen Formenkreis zugeordnet haben. Man ist oft überrascht über die quasi paranoische Form des Verhaltens. Die affektive Hem­mung ist nicht das Alleinrecht junger Mädchen — weit gefehlt — und läßt sich genauso — mit einer schlechten, wenn nicht noch schlechteren Pro­gnose — bei jungen Männern finden. Wir kennen ihre banalen Aspekte: die Empfindsamkeit — nicht die Sensibilität; das Zurückschrecken vor den menschlichen Gelüsten oraler oder sexueller Natur — nicht deren Sublimierung, was ja hieße, sie anzuerkennen; die Angst vor allem Ge­schlechtlichen, insbesondere vor dem Penis, der Neid auslöst, und zwar einen bei beiden Geschlechtern vorhandenen absoluten, maßlos dimen­sionierten Neid; die Gebundenheit an Träumereien, die einem puerilen, pathetischen und leicht messianischen Genre angehören. Im Leben las­sen sich diese Wesen oft daran erkennen, daß sie in die Position von Prügelknaben geraten, was sie allerdings kaum aus der Fassung zu bringen vermag, überzeugt, wie sie sind, weit über das gemeine Volk erhaben zu sein.

Diese kursorischen Bemerkungen lassen vielleicht keine sichere Unter­scheidung zwischen Hysterie und affektiver Hemmung zu. Der wesent­liche Unterschied scheint uns darin zu bestehen, daß bei der affektiven Hemmung dem Ich-Ideal eine übermäßig hohe Bedeutung beigemessen wird. An dieser Stelle sollte man an Melanie Kleins Überlegungen zur Idealisierung denken. Melanie Klein sieht in der Idealisierung einen der ursprünglichsten und grundlegendsten Abwehrmechanismen. Wobei die Idealisierung das Objekt wie das Ich betreffen kann. Mit dieser Un­terscheidung auf ökonomischer Ebene läßt sich am ehesten die Auftei­lung in Hysterie und affektive Hemmung begründen, dergestalt daß letztere das Ergebnis eines auf die Spitze getriebenen Narzißmus bei gleichzeitig zunehmendem objektalen Besetzungsabzug ist.

Man könnte nur zu leicht in eine Falle geraten, wenn man hinter diesem ganzen Verhalten lediglich eine Abwehrposition gegen die Triebbeset­zungen herauslesen wollte; was diese Wahlentscheidungen nämlich kennzeichnet, ist ein hinter den täuschenden Formen der Ergebenheit verborgener immenser Stolz, der in keinem Verhältnis zu den gewöhnli­chen Leistungen des Narzißmus steht.4 Es lohnt, sich einige Gedanken über den zweifelhaften Wert dieser Besetzungsverarmung als Abwehr­maßnahme zu machen. Bei dieser Abschirmung gegenüber den Schick­salen des Triebs und seiner Objekte ist sicher eine Abwehrbedeutung im Spiel. Man kann sich vorstellen, daß dieses Verfahren dem Subjekt Schutz gewährt, und bekommt manchmal die heftige Angst vermittelt, die der Analysand empfindet, weil die Besetzung ein beträchtliches Des­organisationsrisiko für das Ich zu beinhalten scheint. Auf dieselbe Weise wie der Reizschutz, der gegenüber den äußeren Reizen, deren Intensität die fragile Ichorganisation in Gefahr bringen könnten, aufgerichtet ist und der das Ich jenseits einer gewissen Quantität an Reizen mittels Ver­weigerung schützt, soll die Verweigerung gegenüber dem Trieb als ver­gleichbare Schutzmaßnahme wirksam werden. Diese Patienten erleben sich wirklich als extrem fragil und haben das Gefühl, daß, wenn der Trieb tatsächlich zum Bewußtsein zugelassen würde, die Gefahr eines perversen oder psychotischen Verhaltens bestünde. Wenn sie sich nicht ununterbrochen beobachten, sie sich vielmehr tatsächlich ungebremst

4 Natürlich ist diese narzißtische Überbesetzung die Konsequenz einer irreparablen nar­zißtischen Wunde.

gehenlassen würde — sagte uns eine Patientin —, wäre sie über kurz oder lang verwahrlost. Aber jeder von uns verwahrlost (am Sonntag oder in den Ferien) ein ganz klein wenig und akzeptiert diesen Zustand mehr oder weniger. Der moralische Narzißt kann sich das nicht erlauben. Deshalb muß er so notwendig an der narzißtischen Besetzung des Stol­zes festhalten.

Wir haben von Messianismus gesprochen, und tatsächlich geht es nur zu oft genau darum. Bei den Frauen ist dies von der Identifikation mit der Jungfrau Maria begleitet, »die ohne Sünde empfing«, eine gängige Vor­stellung. Welch folgenschwerer Satz für die weibliche Sexualität, sehr viel gefährlicher als der vom »Sündigen ohne zu empfangen«, gleichfalls ein Ziel der Frauen. Dem entspricht beim Mann die Identifikation mit dem Osterlamm. Es geht dann nicht nur darum, sich ans Kreuz schlagen oder sonstwie abmurksen zu lassen, es geht vielmehr darum, im Mo­ment des Holocaust unschuldig zu sein wie das Lamm. Aber wie man weiß, werden die Unschuldigen oft durch die Geschichte mit Verbrechen beladen, die sie, um rein zu bleiben, veranlaßt haben.

Diese Verhaltensweisen einer durch den Widerstreit mit dem Realen im­mer wieder zum Scheitern verurteilten Idealisierung haben, wie gesagt, die Scham und nicht das Schuldgefühl im Gefolge und die Abhängigkeit viel eher als Unabhängigkeit. In der analytischen Behandlung zeigen sich mehrere Besonderheiten:

  • der schwierige Zugang zum objektalen analytischen Material, verbor­gen unter dem Deckmantel dessen, was Winnicott hier das falsche Selbst nennen würde;
  • die narzißtische Wunde, die als Gewaltakt oder Einbruch, als unver­meidliche Bedingung beim Bergen des objektalen Materials erfahren Die Arbeit der Demystifikation richtet sich hier nicht nur auf den Wunsch, sondern auch auf den Narzißmus des Subjekts, den Hüter seiner narzißtischen Einheit, wesentliche Bedingung des Wunsches zu leben;
  • die Verankerung außerhalb der Kur in einem aktiv passiven Wider­stand, der die Abhängigkeitswünsche des Subjekts befriedigen soll, eine Abhängigkeit, die es erzwingen könnte, mit dem Analytiker auf ewig verbunden zu bleiben und ihn, wie einen Schmetterling, den man im Netz der analytischen Situation gefangen hat, in seinem Sessel festzu­spießen;
  • den Wunsch nach einer bedingungslosen Liebe, einziges Verlangen der Dies zeigt sich im Verlangen nach absoluter Achtung in Form eines unerschöpflichen Bedürfnisses nach narzißtischer Würdigung, deren ausdrückliche Bedingung darin besteht, daß der sexuelle Konflikt und der Weg zu der an die erogenen Zonen gebundenen Lust unzugänglich gemacht, wenn nicht ausgeklammert wird;

— die Projektion als Korrelat dieses Wunsches, der mit taktischem Ziel eingesetzt wird, um nämlich die beruhigende Verleugnung des Analyti­kers zu provozieren. »Versichern Sie mir, daß Sie in mir keinen gefalle­nen, verdorbenen, verbannten Engel sehen, der jedes Recht auf Achtung verloren hätte.«

Metapsychologie des moralischen Narzißmus

Was wir gerade in deskriptiven Begriffen beschrieben haben, soll nun seinen metapsychologischen Status erhalten. Dazu ist es nötig, die Be­ziehung des moralischen Narzißmus zu den verschiedenen Formen der Gegenbesetzung, den anderen Arten des Narzißmus, der Libidoent­wicklung (erogene Zonen und Objektbeziehung) und schließlich zu Bi­sexualität und Todestrieb zu untersuchen.5

Die unterschiedlichen Arten der Gegenbesetzung

Das Konzept des Abwehrmechanismus hat sich seit Freud deutlich er­weitert. Die Vielfalt der Abwehrformen, wie sie Anna Freuds Arbeit Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936) auflistet, berücksichtigt jedoch nicht die strukturellen Besonderheiten der nosographischen Hauptfor­men, die man immer wieder umsonst zu umgehen versucht. Nur eine Reflexion über die Gegenbesetzung verspricht Abhilfe: die Verdrän­gung, insofern sie eine Abwehr darstellt, nicht die erste, dafür aber die wichtigste für die psychische Zukunft des Individuums.6 Kurz rekapitu­lieren sollte man jene Formenreihe, die Freud beschreibt und deren Funktion es ist, alle übrigen Abwehrformen in eine bestimmte Ordnung stellen zu können — ihnen quasi einen Rahmen zu geben. Somit haben wir:

  1. die Verwerfung — le rejet, von einigen mit Lacan auch als forclusion
    übersetzt —: Man kann vielleicht über das Wort diskutieren, kaum über
    die Sache, die eine radikale Verweigerung, etwas anzuerkennen oder zur

5 Wir betrachten also nicht die Metapsychologie gemäß den drei Gesichtspunkten, dyna­misch, topisch, ökonomisch — jeweils für sich genommen. Aber in jeder Rubrik sollte jeder bekommen, was ihm gebührt.

6 Man findet hier die Opposition zwischen dem Ersten und dem Wichtigsten, Prima und Summa, so verteidigt von G. Dumezil.

Kenntnis zu nehmen, impliziert und die auf die eine oder andere Weise in direkter oder verdeckter Form den Trieb und seine Repräsentanzen aus­klammert, deren Wiederkehr sich dann im Realen vollzieht;

  1. die Verleugnung — le dd.ni oder dAavceu, Verdrängung der Wahrneh­mung (vgl. z. B. Fetischismus);
  2. die Verdrängung im eigentlichen Sinn — le refoulement —, die sich auf den spezifischen Affekt und auf die Triebrepräsentanz bezieht;?
  3. die Verneinung schließlich — la neation oder dbleation, die sich auf das Urteil bezieht. Sie ist (wir vereinfachen) Zulassung zum Bewußtsein unter einer Negativform. »Dies ist nicht …« in der Bedeutung von »Dies ist«.

Der moralische Narzißmus scheint uns in seiner reinsten und charakte­ristischsten Ausprägung die Antwort auf eine Situation zu sein, die zwi­schen Verwerfung und Verleugnung, zwischen rejet und dAavceu, steht: Was dann allerdings bedeutet, daß er strukturell, aufgrund seiner Schwe­re, in die Nähe der Psychosen gehört.

Mehrere Argumente stützen diese Vorstellung. Zunächst der Gedanke, daß es sich um eine Abart der »narzißtischen Neurose« handelt, etwas also, das wir aufgrund unserer klinischen Erfahrung gewöhnlich mit be­sorgtem Blick betrachten. Dann die Dynamik der Konflikte selbst, die eine Verweigerung gegenüber den objektalen Trieben implizieren, ver­bunden mit einer Zurückweisung des Realen. Weigerung, die Welt so zu sehen, wie sie ist, d. h. als ein geschlossenes Feld, auf dem die menschli­chen Begierden sich eine Schlacht liefern, die kein Ende hat. Und endlich liegt dem moralischen Narzißmus die Megalomanie zugrunde, in der ei­ne vom Ich ausgehende Verweigerung der Objektbesetzungen impliziert ist. Immerhin handelt es sich nicht wie in der Psychose um eine Verdrän­gung der Realität, sondern eher um eine Verleugnung, um eine Nichtan­erkennung der Ordnung der Welt und des persönlichen Anteils, den der Wunsch des Subjekts daran hat. Freud beschreibt die mit der Ablehnung der Kastration verbundene Verleugnung, die sich im Fetisch manife­stiert. Der moralische Narzißt weiht sich einer ähnlichen Funktion der Auffüllung des Fehlenden, wenn er sich als Objekt einer Opferung an­bietet, als ein Objekt, das die Löcher, die die Schutzlosikeit der Welt of­fenbar werden lassen, mit einem allmächtigen göttlichen Bild zu ver­schließen sucht, um diesem unerträglichen Mangel abzuhelfen. »Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt«, sagt Dostojewskis Held. »Wenn

7 Wir für unseren Teil nehmen entgegen der gängigen Meinung der letzten Jahre an, daß der Affekt verdrängt wird und nicht nur zurückgewiesen (vgl. Green, 1973).

Gott nicht existiert, ist es mir erlaubt, ihn zu ersetzen und das Beispiel zu sein, das den Glauben an Gott wiederherstellt. Ich werde also Gott in Stellvertretung sein.« Man kann sich vollstellen, daß das Scheitern dieses Unternehmens — wie Pasche (1969) betont —, in der Depression mündet, entsprechend dem Motto »Alles oder Nichts« ohne die Möglichkeit ir­gendeiner Vermittlung.

Die anderen Aspekte des Narzißmus

Die drei Aspekte des Narzißmus, die wir im einzelnen herausgearbeitet haben — moralischer Narzißmus, intellektueller Narzißmus, körperli­cher Narzißmus —, lassen sich als Varianten der Besetzung darstellen, die aus Gründen der Abwehr oder der Identifikation — je nach individueller Konfliktlage — erwählt werden. Genauso aber, wie die narzißtische nicht von der objektalen Beziehung abgelöst werden kann, stehen auch die un­terschiedlichen Aspekte des Narzißmus in wechselseitigem Zusammen­hang.

Der moralische Narzißmus ist besonders eng mit dem intellektuellen Narzißmus verbunden. Darunter verstehen wir, wie gesagt, jene Form der Selbstgenügsamkeit und der einsamen Valorisierung, die durch intel­lektuelle Beherrschung oder Verführung Ersatz bieten will für das Es­sentielle menschlichen Begehrens. Nicht selten verbündet sich der mo­ralische mit dem intellektuellen Narzißmus und findet über diese Art der Verschiebung einen Weg zur Pseudosublimierung. Grundlage des moralischen Narzißmus bildet eine Hypertrophie desexualisierter Be­setzungen, die für gewöhnlich eine Verschiebung prägenitaler Partial-triebe Skoptophobie/Exhibitionismus und Sadismus/Masochismus ver­anlassen. Wir kennen die Affinität, die bestimmte religiöse Orden zu in­tellektueller Gelehrsamkeit aufweisen. Ein solcherart moralisch-philo­sophisch getöntes intellektuelles Forschen hat zum Ziel, Begründungen für eine gegen ein Triebleben gerichtete Ethik, wie man sie schon bei Gott gesucht hatte, bei den Philosophen zu finden, und zwar ein Trieb­leben, das nicht etwa aufgegeben oder unterdrückt, sondern um jeden Preis ausgelöscht werden soll. Die Scham darüber, wie jedes menschliche Wesen mit einem Triebleben versehen zu sein, verleiht, bezogen auf das uneingestandene Ziel der Arbeit, ein Gefühl der Scheinheiligkeit. Diese Scham wird auf die intellektuelle Aktivität verschoben, die dann zu einer höchst schuldbeladenen wird. Man müßte eigentlich sagen — der Begriff dazu fehlt —, zu einer schambeladenen, als ob das aufmerksame Über-Ich zum überhellsichtigen Verfolger würde, der die Erinnerung wachhält und hinter der intellektuellen Beweisführung das Verlangen nach Absolution für die verbliebenen Reste des Trieblebens errät, die nicht aufhören, das Ich umzutreiben. Zugleich wird die in einer solchen Suche enthaltene Größenphantasie bestraft, die auf rationaler und intellektuel­ler Ebene die moralische Überlegenheit des Subjekts begründen soll.

In anderen Fällen entwickelt sich die intellektuelle Aktivität — Synonym des väterlichen Phallus —, die mit ihren in der Schulzeit unternommenen Anstrengungen für die Kindheit befriedigend verlaufen war, in der Adoleszenz zu einem Anlaß von Blockierung.

Man müßte an dieser Stelle die Analyse der Sublimierung und der Re­gression vom Handeln zum Denken weiter verfolgen. Das allerdings würde die Grenzen unseres Vorhabens überschreiten. Dennoch einige Anmerkungen:

  • Die intellektuelle Aktivität, ob nun von einer phantasmatischen Akti­vität begleitet oder nicht, wird sehr stark erotisiert, ist schuldhaft besetzt und wird vor allem als schmachvoll Mit ihr gehen Kopf­schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten beim Le­sen und die Unfähigkeit einher, das Angeeignete angemessen zu nutzen usw. Beschämend daran ist, daß gerade, wenn das Subjekt dieser Aktivi­tät nachgeht, es diese in Beziehung bringt mit einer oft masturbatori­schen Sexualität: »Ich lese Werke von großer Humanität oder hohem moralischen Wert, aber nur, um mich als etwas darzustellen, was ich gar nicht bin, und so meine Mitwelt darüber wegzutäuschen, daß ich kein reiner Geist und voller sexuelle Wünsche bin.« Nicht selten hat in sol­chen Fällen das Kind den Vorwurf ungesunder Anmaßung oder unge­sunder Neugier von seiten seiner Mutter erfahren.
  • Die intellektuelle Aktivität stellt eine Möglichkeit aggressiver Trieb­abfuhr dar: Lesen heißt dann, sich eine destruktiv geartete Macht einzu­verleiben; heißt, sich vom Kadaver der Eltern zu ernähren, die man le­send durch die Inbesitznahme des Wissens tötet. Ella Sharpe (1931) ver­bindet nicht umsonst Sublimierung mit Inkorporation innerhalb der phantasmatischen Repräsentation.
  • Intellektuelle Aktivität und Ausübung des Denkens werden im Fall des moralischen Narzißmus von einer Rekonstruktion der Welt beglei­tet; diese ist die Errichtung einer moralischen Regel mit Hilfe einer gera­dezu paranoischen Aktivität, die ununterbrochen das Reale neu er­schafft, neu modelliert, gemäß einem Muster, bei dem alles Triebhafte übergangen oder konfliktlos aufgelöst wird. Ella Sharpe hat sehr gut die Verbindungen zwischen Sublimierung und Wahn herausgearbeitet. Alles in allem befindet sich das System Wahrnehmung-Bewußtsein, insofern es narzißtisch besetzt ist, im Zustand der »Überwachung«, kon­trolliert und schikaniert vom Über-Ich, und befindet sich ähnlich wie beim Überwachungswahn in einem ökonomischen, wenn auch anders-gearteten Gleichgewicht.

Vor allem aber mit dem körperlichen Narzißmus unterhält der morali­sche Narzißmus die engsten Beziehungen. Der Körper als Erscheinung, Quelle der Lust, der Verführung, der Eroberung des anderen, wird mit dem Bann belegt. Die Hölle sind für den moralischen Narzißten nicht die anderen — die hat der Narzißmus längst abgeschafft —, die Hölle, das ist der Körper. Der Körper ist der Andere, der trotz aller Versuche, seine Spur zu tilgen, immer wieder aufersteht. Der Körper ist Begrenzung, Knechtschaft, Endlichkeit. Das Unbehagen ist so zuallererst und zu­nächst ein körperliches Unbehagen, das sich bei den Betreffenden im Ge­fühl, in seiner Haut nicht wohl zu sein, ausdrückt. Die analytische Sit­zung, die den Körper zum Sprechen bringt (intestinale Geräusche, vaso­motorische Reaktionen, Schweiß-Kälte-Wärmeempfindungen), wird dann zur Folter, denn wenn es noch gelingt, die Phantasien unter Kon­trolle zu halten oder zum Schweigen zu bringen, so bleibt doch die Machtlosigkeit gegenüber dem Körper. Der Körper ist der absolute Herr — die Scham.8 Deshalb sind die Betreffenden auf der Couch verstei­nert, unbeweglich. Auf stereotype Weise legen sie sich hin, erlauben sich keine Änderung der Stellung, geschweige denn irgendeine Bewegung. Nur zu verständlich ist, daß angesichts dieser motorischen Stille des Be­ziehungslebens die viszerale Motorik losbricht. Dabei handelt es sich al­lerdings nur um Verschiebungen des sexuellen Körpers, um Verschie­bungen dessen, der seinen Namen nicht zu sagen wagt: Während einer Sitzung wird ein vasomotorischer Anfall ein Erröten hervorrufen, die emotionale Bewegung wird Tränen entlocken, was alles nur von der De-

8 Diese körperliche Intoleranz könnte an das denken lassen, was Balint in seiner Arbeit über die drei Ebenen des psychischen Geschehens beschreibt, insbesondere an das, was er die Grundstörung nennt. Das Ich als Körper-Ich, als »Oberflächenprojektion« ist wie das System Wahrnehmung-Bewußtsein Objekt einer besonderen Überwachung — aufgrund der Rückkehr des Verdrängten von einer diffusen Erogenität — von Kopf bis Fuß, als sei den erogenen Zonen die Besetzung entzogen um den Preis einer erogenen Ausbreitung, einer Diffusion auf das ganze Ich, einer Ausbreitung dessen, was das Subjekt auszulöschen ver­sucht. Am Ende von fünf Jahren Analyse sagt eine Patientin nach einer Deutung, die auf die narzißtische Besetzung ihrer Rede abzielte: »Zum ersten Mal hat das, was Sie mir gesagt haben, nicht in meinem ganzen Körper nachgeklungen, sondern nur in meinem Kopf.« Die Stimme muß auch erwähnt werden: Die Vortragsart ist gesangsartig, psalmodisch, die Sit­zung ist ein langer Klagegesang, von dem man sagen würde, daß das Subjekt sich selbst zu­hört. Irrtum, es wiegt sich und den Analytiker mit ihm. In der Beute seiner psalmodieren­den Rede ist es dem Narzißten noch einmal gelungen, die Falle der Verzauberung des Ana­lytikers, den er in seiner Narzißmuswelt immobilisiert, zufallen zu lassen.

mütigung durch das Begehren spricht. Folglich wird für den Analytiker, anders als es der Körper signalisiert, das Erscheinungsbild abschrek­kend, abweisend, entmutigend gestaltet, gerade für ihn, der die gering­sten Ansprüche stellt an die Kriterien körperlicher Anziehung.

Wir zeigen hier Aspekte auf, die allem Anschein nach Abwehrcharakter haben. Aber auch hier sollten wir nicht außer acht lassen, daß hinter die­ser Demutshaltung eine verborgene stolze Lust steckt. »Ich bin weder Mann noch Frau, ich gehöre zum Geschlecht der Neutren«, sagte mir ei­ne solche Patientin. Wichtig ist jedoch, daß dieses Unbehagen, so peini­gend es auch ist, gerade ein Zeichen von Leben darstellt. Das Leiden ist nachgerade ein Existenzbeweis für eine irgendwie geartete Lebendig­keit. Wenn es nämlich — was gar nicht so unmöglich ist, wie man glaubt —, tatsächlich gelingt, die Angst in all ihren Erscheinungsformen, ein­schließlich der viszeralen, unter Kontrolle zu bekommen, und sich die Stille ausbreitet, überkommt den Analysanden das Gefühl einer entsetz­lichen Niedergeschlagenheit. Die Bleikappe des psychischen Leidens weicht nur, um den Deckel des Sarges zum Vorschein zu bringen. Denn hier geht es um ein Gefühl der Nichtexistenz, des Nichtseins, der inne­ren Leere, das um vieles unerträglicher ist als jenes, vor dem man sich schützen zu müssen glaubte. Vorher passierte wenigstens noch etwas, während nun die gelungene Beherrschung des Körpers zur Präfiguration des definitiven Schlafes wird — zum Vorzeichen des Todes.

Die psychische Entwicklung: die erogenen Zonen und die Objektbeziehung

Diese Abhängigkeit vom Körper, die wir beim Narzißten, besonders beim moralischen Narzißten, antreffen, hat ihre Wurzeln in der Bezie­hung zur Mutter. Wie wir wissen, ist die Liebe der Schlüssel zur mensch­lichen Entwicklung, oder wie Lacan sagt, das Begehren als Wesen des Menschen. Freud wurde nicht müde, gerade in seinen letzten Arbeiten, den unverjährbaren Anspruch des Triebes und den nicht minder unver­jährbaren Anspruch der Kultur, die den Triebverzicht fordert, miteinan­der in Einklang zu bringen. Die ganze Entwicklung ist durch diese Anti­nomie gezeichnet. In Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939, S. 224 f.) macht Freud dazu genauere Ausführungen:

»Wenn das Ich dem Über-Ich das Opfer eines Triebverzichts gebracht hat, erwartet es als Belohnung dafür, von ihm mehr geliebt zu werden. Das Bewußtsein, diese Liebe zu verdie­nen, empfindet es als Stolz. Zur Zeit, da die Autorität noch nicht als Über-Ich verinnerlicht war, konnte die Beziehung zwischen drohendem Liebesverlust und Triebanspruch die nämliche sein. Es gab ein Gefühl von Sicherheit und Befriedigung, wenn man aus Liebe zu den Eltern einen Triebverzicht zustande gebracht hatte. Den eigentümlich narzißtischen Charakter des Stolzes konnte dies gute Gefühl erst annehmen, nachdem die Autorität selbst ein Teil des Ichs geworden war.«

Diese Passage zeigt, daß man sich den Begriff der Entwicklung unter mindestens zwei Gesichtspunkten vorzustellen hat. Einerseits die nicht aufzuhaltende Entwicklung der Objektlibido hin zum phallischen, dann genitalen Stadium; andererseits die der narzißtischen Libido von der ab­soluten Abhängigkeit hin zu einer wechselseitigen genitalen Abhängig­keit. Demnach kann die notwendige Sicherheit — wenn man nicht den Ver­lust der Liebe der Eltern hinnehmen möchte — nur durch den Triebver­zicht, der das Selbstwertgefühl zu garantieren vermag, gewonnen werden. Die Vorherrschaft des Lustprinzips, ganz wie überhaupt das Überleben, sind nur möglich, wenn zu Anfang die Mutter die Bedürfnisbefriedigung sicherstellt, damit sich das Feld des Begehrens als Ordnung des Signifi­kanten öffnen kann. Dasselbe gilt für den Bereich des Narzißmus, der sich nur insofern zu etablieren vermag, wie die Sicherheit des Ichs durch die Mutter gewährleistet ist. Wenn aber diese Sicherheit und diese Bedürf­nisebene einer vorzeitigen Konfliktaktualisierung unterliegen (im Inne­ren des Subjekts oder ausgelöst von der Mutter), kommt es — parallel zum Erlöschen des Begehrens und seiner Reduktion auf den Status des Be­dürfnisses — aufgrund der narzißtischen Verletzung, die ein Erleben der Omnipotenz und damit auch ihr Überschreiten nicht erlaubt — zu einer exzessiven Abhängigkeit vom mütterlichen, Sicherheit garantierenden Objekt. Die Mutter wird so zur Stütze einer Omnipotenz, die mit Ideali­sierung einhergeht, deren psychotisierender Charakter ebenso bekannt ist wie die Tatsache, daß sie von einem Erlöschen des libidinösen Begeh­rens begleitet wird. Diese Omnipotenz läßt sich um so leichter überneh­men, als sie auf den Wunsch der Mutter antwortet, Kinder ohne Beitrag eines väterlichen Penis zu bekommen; gerade als sei das Kind, da mit Hil­fe dieses Penis gezeugt, ein mißglücktes, wertloses Produkt.

Ein Autor hat sich dieser Problematik der Abhängigkeit gewidmet: Winnicott (1958). Er hat gezeigt, wie, nachdem ein Teil der Psyche den Rückzug angetreten hat, die Abspaltung des verbleibenden Teils zu einer Konstruktion führt, die er das falsche Selbst nennt und die das Kind ge­zwungenermaßen für sich übernimmt.

Daß diese narzißtische Problematik mit der Zeit der Oralität zusam­menfällt, in der die Abhängigkeit von der Brust eine reale ist, verstärkt diese Abhängigkeit noch zusätzlich. In der analen Phase, in der bekannt­lich die kulturellen Zwänge wichtig sind — man spricht von Dressur (»Sphinkterdressur«) wie bei den Tieren —, in der gebieterisch Verzicht gefordert wird und die Reaktionsbildungen vorherrschen, bildet sich bestenfalls ein rigider Zwangscharakter, schlimmstenfalls eine versteck­te paranoische Charakterform aus; letztere trägt darüber hinaus Inkor­porationsphantasien eines gefährlichen und restriktiven Objektes in sich, das von einer antilibidinösen Allmacht beseelt ist. Alle diese präge­nitalen Reste prägen die phallische Phase nachdrücklich und verleihen der Kastrationsangst beim Jungen einen grundlegend entwertenden Charakter und dem Penisneid beim Mädchen eine Gier, über die es errö­ten und die es sich, so gut es kann, verbergen wird.

Die Instanzen

Untersuchen wir den Narzißmus in seinem Verhältnis zum Es. Dabei kann es sich nur um den primären Narzißmus handeln. An anderer Stel­le (Green, 1966/67) haben wir auf die Notwendigkeit verwiesen, das vom Es Abhängige —gewöhnlich unter dem Begriff des narzißtischen Hoch­gefühls oder der Selbsterweiterung beschrieben — ebenso zu berücksich­tigen wie das, was unserer Auffassung nach den primären Narzißmus in besonderer Weise kennzeichnet: eine Spannungsminderung auf das Nullniveau. Wir wir sehen konnten, ist es das Vorhaben des moralischen Narzißten, sich auf die Moral zu stützen, um sich damit von den Wech­selfällen der Bindung an das Objekt zu befreien und über diesen Umweg die Befreiung von der an die Objektbeziehung gebundenen Knecht­schaft zu erreichen und so dem Es und dem Ich die Möglichkeit zu ge­ben, sich von einem fordernden Über-Ich und einem tyrannischen Ich-Ideal lieben zu lassen. Aber dieser mystifikatorische Versuch mißlingt: zum einen, weil man das Über-Ich so billig nicht täuscht, zum anderen, weil die Forderungen des Es sich trotz der asketischen Manöver des Ichs weiterhin Gehör verschaffen.

Wenn unsere Überlegungen stimmen, daß nämlich der moralische Nar­zißmus aus der Moral eine autoerotische Lust macht, wird auch ver­ständlicher, inwieweit das Ich an diesen Operationen Interesse haben kann und es mit allen dem sekundären Narzißmus — diesem Dieb, der die für die Objekte bestimmten Besetzungen stiehlt — zur Verfügung ste­henden Mitteln jener Verkleidung Vorschub leistet, die es ihm erlaubt, in Freuds Worten zum Es zu sagen: »Sieh‘, du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich« (Freud, 1923, S. 258). Man müßte hinzufü­gen: »Und ich zumindest bin rein, erhaben über jeden Verdacht, frei von jeder Beschmutzung.«

Am engsten aber sind die Beziehungen zum Über-Ich und Ich-Ideal. Wir haben hervorgehoben, was Freud 1923 beschrieb und worauf er in der Folge immer wieder zurückkam. Präzise gibt er die Ordnung der dem Über-Ich eigenen Phänomene an: die Funktion des Ideals, das dem Über-Ich das ist, was der Trieb dem Es und die Wahrnehmung dem Ich. Um den Sachverhalt kurz zu rekapitulieren: Wenn am Anfang alles Es, alles Trieb, genauer Antagonismus der Triebe (Eros und Destruktions­trieb) ist, so kommt es im Gefolge der Differenzierung gegenüber der Außenwelt zu einer »Kortikalisierung« des Ichs, die die Wahrnehmung zur Geltung bringt und in Verbindung damit die Repräsentation der Triebe. Die Teilung in Ich und Über-Ich, wobei letztere Instanz ihre Wurzeln im Es hat, zieht die Verdrängung der Es-Befriedigungen nach sich und parallel dazu die Notwendigkeit, sich die Welt nicht nur so vorzustellen, wie man sie sich wünscht, sondern so, wie sie ist: das heißt dergestalt, daß man sich ihrer durch ein System von Konnotatio­nen bemächtigen kann. Daraus folgt — als Kompensation oder sekundä­re Bildung: beides ist plausibel — die Errichtung des Ich-Ideals, mit dem sich der Wunsch eine Genugtuung gegenüber dem Realen verschafft. Weil die Funktion des Ideals — Funktion der Illusion — am Werk ist, gibt es die Reiche der Phantasie, der Kunst, der Religion.

Für den moralischen Narzißten wahrt das Ideal, das sich durchaus ent­wickeln kann, ohne im geringsten auf seinen anfänglichen Anspruch zu verzichten, seine ursprüngliche Macht. Da es seine erste Anwendung in der Erhöhung der Eltern findet, d. h. in der Idealisierung ihres Imagos, gewinnt es seine charakteristischen Züge aus der Beziehung zu den El­tern, vor allem natürlich zur Mutter. Bei diesen Menschen ist die Liebe von seiten des Ich-Ideals ebenso unentbehrlich wie die Liebe, die sie von ihrer Mutter erwarteten — so unentbehrlich auch wie die Nahrung, die sie von ihrer Mutter empfingen, deren Liebe bereits die erste Illusion war. »Ich werde genährt, also werde ich geliebt«, sagt der moralische Narzißt. »Wer sich nicht zur Verfügung stellt, um mich zu nähren, liebt mich nicht.« In der Analyse wird der moralische Narzißt dieselbe unab­dingbare Nahrung verlangen — und sich bemühen, unablässig davon zu bekommen, indem er seine Besetzungen abzieht oder reduziert, ein Ziel, das dem der Kur diametral entgegensteht. Während also sein Ver­langen ihn entsetzlich abhängig macht, sichert er seine Herrschaft über den Anderen und dessen Knechtschaft. Wir stoßen hier auf das weiter oben bereits erwähnte Band zwischen Liebe und Sicherheit. Geschützt zu sein — geschützt vor der Welt, der Auslöserin der Reize (wie Freud sagt) —, versehen mit der Liebe des Analytikers als Garantie des Überlebens, der Sicherheit, der Liebe: das ist der Wunsch des moralischen Nar­zißten.

Und das Über-Ich? Damit ist eines der charakteristischsten Merkmale des moralischen Narzißmus angesprochen. Denn der moralische Nar­zißt lebt in einer ständigen Spannung zwischen Ich-Ideal und Über-Ich. Alles verläuft, als decke das Über-Ich aufgrund der idealisierenden Funktion des Ich-Ideals — Funktion der Täuschung und der umgeleite­ten Befriedigung, Verdunkelung einer zweifelhaften Unschuld — die Falle dieser Maskerade auf und lasse sich sozusagen nichts vormachen. So sucht das Ich-Ideal das Über-Ich durch seine Opferungen und Selbst­aufopferungen in die Irre zu führen, während das Über-Ich die »Sünde des Stolzes« der Megalomanie durchschaut und das Ich wegen seiner Täuschungsmanöver aufs strengste bestraft.

Das Ideal des Ichs des moralischen Narzißten wird auf den Relikten des Ich-Ideals errichtet; das heißt auf einer Macht zu omnipotenter ideali­sierender Befriedigung, die nichts von den Beschränkungen der Kastra­tion weiß und damit weniger mit dem Ödipuskomplex der ödipalen Phase zu tun hat als mit dem, der jene verleugnet.

In jedem Über-Ich steckt ein Keim von Religion, wird es doch durch die Identifikation nicht mit den Eltern, wohl aber mit dem Über-Ich der Eltern geschaffen, d. h. mit dem toten Vater, dem Vorfahren. Aber nicht jedes Über-Ich verdient die Qualifikation »religiös«. Die Beson­derheit jeder Religion beruht darin, daß die Grundlage dieses Über-Ichs als ein System entworfen ist: das Dogma, notwendiger Vermittler des elterlichen Verbotes. Das meint Freud, wenn er in den Religionen die Zwangsneurosen der Menschheit sieht. Umgekehrt hat er auch, da ja Reziprozität besteht, die These vertreten, daß die Zwangsneurose die halbtragische, halbkomische Verkleidung einer Privatreligion sei. Vieles verbindet die moralischen Narzißten mit den Zwanghaften, nicht zuletzt die intensive Desexualisierung, die sie ihrer Objektbezie­hung aufzuprägen versuchen, und die tiefe Aggressivität, die sie ver­schleiern. Auf der anderen Seite haben wir auf die Beziehung zur Para­noia verwiesen. Diese Beobachtungen zusammenzufassend, kann man sagen: Je mehr Bindungen zum Objekt bewahrt wurden, desto stärker wird die Beziehung eine zwanghafte sein — und je mehr Bindungen vom Objekt abgelöst sind, desto paranoischer wird sie sein. Jeder Miß­erfolg im einen wie im anderen Fall, jede Enttäuschung, die das Objekt dem Ich-Ideal bereitet, zieht Depression nach sich — in der Form, die Pasche (1969) beschrieben hat und auf die hier nicht weiter eingegan­gen wird.

An dieser Stelle noch ein Wort zum Verhältnis von Scham und Schuldge­fühl; Dodds‘ Überlegungen zu Griechenland (1963) finden ihr Echo in den individuellen pathologischen Strukturen. Die Scham gehört, wie er­wähnt, zur narzißtischen Ordnung, das Schuldgefühl dagegen zur ob­jektalen Ordnung. Das ist nicht alles. Man kann auch davon ausgehen, daß diese Empfindungen — für Freud Träger der ersten Reaktionsbildun­gen, lange vor dem Ödipus — für die Vorläufer des Über-Ichs vor der Ver­innerlichung als charakteristischem Erbe des Ödipuskomplexes grund­legend sind. Scham derart mit den prägenitalen Entwicklungsphasen zu verknüpfen erklärt nicht nur ihre vorwiegend narzißtische Geltung, sondern auch ihren unversöhnlichen, grausamen und nicht wieder gut­zumachenden Charakter.

Selbstredend handelt es sich hier um schematische Gegenüberstellun­gen. Scham und Schuldgefühl kommen immer zusammen vor. Aber in der Analyse müssen sie auseinandergehalten werden. Das Schuldgefühl in seiner Beziehung zur Masturbation stützt sich auf die Kastrations­angst; die Scham hat einen globalen, primären, absoluten Charakter. Es handelt sich nicht um die Angst, kastriert zu werden, sondern darum, je­den Kontakt mit dem kastrierten Wesen zu verhindern, ist es doch der Beweis und das Zeichen einer unauslöschlichen Schande, die man sich bei der Berührung mit ihm zuziehen kann. Eigentlich müßte man sagen, daß allein durch die Entmischung von Narzißmus und Objektbindung die Scham mit einer solchen Bedeutung versehen werden kann. Da jede Entmischung dem Todestrieb Vorschub leistet, wird Selbstmord aus Scham besser verständlich.

Doch kehren wir zum Ich zurück. Ein bislang aufgeschobener Aspekt verdient, daß wir auf ihn zurückkommen: die Sublimierung. Wir haben von Pseudosublimierung gesprochen; manche würden sie eine Abwehr­sublimierung nennen. Unserer Ansicht nach entspricht diese Auffassung nicht den Tatsachen, konstruiert sie doch einen Gegensatz zwischen ei­ner wahren Sublimierung als Ausdruck dessen, was der Mensch an Edel­stem in sich trägt, und einer Abwehrsublimierung, die im Verhältnis da­zu nur ein mißglücktes Produkt bildete. Es gibt unleugbar Sublimierun­gen, die aus pathologischen Prozessen hervorgegangen sind, Wege, ei­nen Konflikt zu lösen, die nicht zwangsläufig Reaktionsbildungen dar­stellen. Jede Sublimierung ist — da durch die Kastrationsdrohung gefor­dert, die der Notwendigkeit gehorcht, dem Ödipuskomplex ein Ende zu setzen, soll die Libidoökonomie nicht in größte Gefahren geraten —, ein Triebschicksal, also eine Abwehr. Diese stützt sich auf zielgehemmte Triebe, denen wir einen größeren Stellenwert beimessen als gemeinhin in der Theorie. Wie es in diesem Zusammenhang um den moralischen Nar­zißmus steht, ist höchst lehrreich. Zu beobachten sind nicht nur jene auf Sublimation beruhenden Ausweichmanöver, die später dem Betreffen­den teuer zu stehen kommen werden, sondern auch ein Prozeß der Hemmung, ja ein Unterbrechen der Sublimierung aus sekundärem Schuldgefühl (vergessen wir nicht, daß die Scham primär ist) der Partial-triebe, insbesondere der Skoptophilie. Setzt der Weg zur Pseudosubli­mierung sich durch, stellt sie anders als gewöhnlich nur selten Lust dar. Ist sie in den Augen des Es von »geringerem Wert« als die sexuelle Lust, steht sie beim Über-Ich dagegen in hohem Kurs. Wesentlich an diesem Schicksal des Ichs ist die Bildung eines falschen Selbst, das sich die ideali­sierenden privativen Verhaltensweisen zu eigen gemacht hat, während der Prozeß völlig unbewußt bleibt.

Die ökonomische Funktion dieses falschen Selbst darf nicht verkannt werden. Wir haben bereits darauf verwiesen, was innerhalb des morali­schen Narzißmus sowohl an die Stelle des Abwehrprozesses tritt als auch als Ersatzbefriedigung dient: der Stolz. Aber man darf diese zen­trale ökonomische Überlegung, die aus dem moralischen Narzißmus und dem ihm zugrundeliegenden falschen Selbst das Rückgrat des Ichs dieser Subjekte macht, nicht außer lassen. Es zu attackieren ist mithin riskant, bringt die Gefahr mit sich, daß das gesamte Bauwerk einstürzt —was das Leben mit seinem Potential an Enttäuschungen häufig auch übernimmt: mit Depression, ja Selbstmord als Folge.

Bisexualität und Todestrieb

Das oberste Ziel des Narzißmus ist die Auslöschung der Spur des Ande­ren im Begehren des Einen (vgl. Green, 1966/67). Ist folglich die Aufhe­bung des primären Unterschieds: desjenigen zwischen dem Einen und dem Anderen. Was aber bedeutet diese Aufhebung bei der Rückkehr in den Mutterschoß? Worauf der primäre Narzißmus durch die Span­nungsminderung auf das Null-Niveau zielt, ist entweder der Tod oder die Unsterblichkeit — was auf dasselbe hinausläuft. Weshalb wir ange­sichts dieser Kranken auch das Gefühl haben, daß ihr Leben einem Selbstmord auf Sparflamme gleichkommt, auch wenn sie anscheinend darauf verzichtet haben, ihrem Leben gewaltsam ein Ende zu setzen. Diese suizidale Form offenbart allerdings, daß die objektale Entkräf­tung, die Erschöpfung der Liebe eines schrecklichen Gottes geopfert sind. Mit der Unterdrückung des primären Unterschieds bewirkt man zugleich die Aufhebung aller anderen Unterschiede, natürlich auch des Geschlechtsunterschieds. Zu sagen, daß man das Begehren auf sein Null-Niveau reduzieren und daß man auf das Objekt verzichten muß, das ein Objekt des Mangels ist — Objekt als Zeichen dafür, daß man zugleich endlich, unvollkommen und unvollendet ist —, heißt ein und dasselbe. Nicht umsonst beruft sich Freud — in Jenseits des Lustprinzips (1920) —auf den platonischen Mythos vom Androgyn. Für den moralischen Nar­zißten ist das bedeutungslos, weil die Nachteile der Geschlechtsdiffe­renzierung durch die Selbstgenügsamkeit unterdrückt werden müssen. Die narzißtische Vollkommenheit ist nicht Zeichen von Gesundheit, son­dern Trugbild des Todes. Keiner ist ohne Objekt. Keiner ist der, der ohne Objekt ist.

Der moralische Narzißmus ist zugleich positiv und negativ. Positiv durch die Sammlung der Energien in einem fragilen und bedrohten Ich. Negativ, weil er Geltendmachen nicht der Befriedigung und nicht der Frustration (was Sache des Masochismus wäre), sondern des Verlustes ist. Der Selbstverlust wird zum besten Bollwerk gegen die Kastration. Hier zeichnet sich das Bedürfnis nach einer differentiellen Analyse ent­sprechend der Natur des Mangels, das heißt dem Geschlecht, ab. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Kastrationsangst wie Penisneid be­treffen beide Geschlechter, lediglich die Ausgangsbedingungen sind je­weils verschieden. Der Mann hat Angst, an dem kastriert zu werden, was er hat, die Frau, an dem, was sie haben könnte; das läßt sie verkennen, was sie ist. Die Frau ist auf den Penis neidisch, insofern er ihr zugedacht ist, beim Koitus, bei der Zeugung usw. Der Mann ist auf den Penis nei­disch, insofern der seine, ähnlich der weiblichen Klitoris, gemessen am phantasierten elterlichen Geschlecht nie wertvoll genug ist. Erinnern wir uns an die Unzerstörbarkeit dieser Wünsche.

Der moralische Narzißmus schafft in dieser Hinsicht Klarheit. Beim Mann führt er durch das privative Verhalten zu folgender Abwehr: »Man kann mich nicht kastrieren, weil ich nichts mehr habe; ich habe mich al­ler Dinge entledigt und meine Güter dem zur Verfügung gestellt, der sie haben will.« Bei der Frau lautet die Begründung: »Ich habe nichts —aber ich wünsche auch nicht mehr als dieses Nichts, das ich habe.« Diese mönchische Berufung führt entweder wie beim Mann dazu, den Mangel zu verleugnen, oder, wie bei der Frau, ihn zu lieben. »Mir fehlt nichts —ich habe also nichts zu verlieren, und wenn mir doch etwas fehlen sollte, werde ich meinen Mangel lieben wie mich selbst.« Die Kastration bleibt Herrin des Spiels, weil dieser Mangel auf die moralische Perfektion ver­schoben wird, nach der der Narzißt strebt, die ihn aber ständig diesseits der Ansprüche stehen läßt, die er sich auferlegt hat. Und da wird die Scham ihr Gesicht enthüllen, das mit einem Leichentuch wieder verhüllt werden muß.

Man löscht die Spur des Anderen nicht aus, auch nicht im Begehren nach dem Einen. Denn der Andere hat das Gesicht des Einen angenommen, im Doppelgänger, der ihm vorausgeht und ihm unablässig wiederholt: »Du sollst nur mich lieben. Nichts außer mir ist wert, geliebt zu wer­den.« Wer aber verbirgt sich hinter der Maske: der Doppelgänger, das Spiegelbild? Die Doppelgänger haben den Raum im Rahmen der negati­ven Halluzination der Mutter eingenommen.

Auf diesen Begriff, den wir bereits entwickelt haben, wollen wir hier nicht zurückkommen, werden aber die Hypothese weiter ausführen und zeigen, daß — wenn die negative Halluzination der Grund ist, auf dem der moralische Narzißmus in seiner Beziehung zum primären Narziß­mus beruht — der Vater daran beteiligt ist. Denn die Negativierung der Präsenz der mütterlichen Rahmengebung trifft auf den Vater als ur­sprüngliche Absenz — als Absenz des Prinzips der Elternschaft, dessen spätere Verbindungen mit dem Gesetz sichtbar werden. Beim morali­schen Narzißmus zielt dieser Umweg unleugbar nur auf den Besitz eines väterlichen Phallus9, als Prinzip universeller Herrschaft. Die Negativie­rung dieses Wunsches in Form der Zelebrierung des Verzichts ändert nichts an seinem obersten Ziel. Nicht zufällig handelt es sich bei beiden Geschlechtern um eine Verleugnung der Kastration. Gott ist ge­schlechtslos, aber er ist Gott-Vater. Für den moralischen Narzißten ist dessen Phallus vergeistigt, seiner Substanz entleert, hohle und abstrakte Form.10

Bevor wir mit den Beziehungen zwischen moralischem Narzißmus und Todestrieb abschließen, müssen wir auf die Idealisierung zurückkom­men. Es ist das große Verdienst Melanie Kleins, der Idealisierung den ihr gebührenden Platz eingeräumt zu haben. Für Melanie Klein ist die Idea­lisierung das Resultat der ursprünglichen Spaltung zwischen gutem und bösem Objekt und folglich zwischen gutem und bösem Ich. Diese Di­chotomie deckt sich mit jener zwischen idealisiertem Objekt (oder Ich) und Verfolgerobjekt (oder -Ich) in der paranoid-schizophrenen Phase. Folglich zeigt sich die exzessive Idealisierung des Objekts oder des Ichs als Resultat der Spaltung, die dazu dient — im Ich ebenso wie im Objekt —,

9 Oder besser auf den elterlichen Phallus. Denn der väterliche Penis ist nur die Figuration und der Abkömmling eines prinzipiellen elterlichen Penis, der ebenso zum Bild der phalli­schen Mutter gehört.

10 Ein Phallus, der sich alles in allem in einer doppelten Einschreibung darbietet: positiv phallisch und negativ vaginal.

deren gesamten verfolgerischen Anteil ausgeschlossen zu halten. Dieser Gesichtspunkt wird durch den klinischen Befund bestätigt. Die Ideali­sierung des Ichs geht immer einher mit einem außerordentlich bedrohli­chen Gefühl für das Objekt wie für das Ich — was sich mit unseren Beob­achtungen hinsichtlich der Bedeutung der destruktiven Aggressivität bei den moralischen Narzißten deckt. Idealisierung und Omnipotenz arbei­ten gemeinsam daran, die Destruktionstriebe, die das Objekt und das Ich nach dem Talionsgesetz bedrohen, zum Scheitern zu bringen, zu neutralisieren, zunichte zu machen.

An dieser Stelle werden die Verbindungen mit dem Masochismus deutli­cher sichtbar, die bei der Deutung des moralischen Narzißmus zur De­batte stehen. Der Masochismus stellt unserer Meinung nach das Schei­tern der Neutralisierung der auf das Ich gerichteten Destruktionstriebe dar — das Scheitern also des moralischen Narzißmus und seiner idealisie­renden Aufladung. Der moralische Narzißmus ist demnach zu verstehen als ein Erfolg der Abwehr und damit als ein Erfolg bei der Suche nach ei­ner (megalomanen) Lust jenseits des Masochismus, wobei die Megaloma­nie aus der Freisetzung der Konfliktspannungen entsteht. Selbstredend ist der moralische Narzißmus nicht der einzige Ausweg aus dem das Ich bedrohenden Masochismus, sondern nur eines der Verfahren, diese Be­drohung fernzuhalten.

Ist daraus zu schließen, daß der moralische Narzißmus eine Deckung gegen den Masochismus darstellt? Das sehen wir nicht so, weil die Di­chotomie zwischen Idealisierung und Verfolgung primär ist. Die Spal­tung ergibt gleichzeitig beide Positionen. Die Idealisierung ist nicht we­niger verstümmelnd als die Verfolgung, entzieht sie doch das Subjekt dem Kreislauf der Objektbeziehungen. Um uns noch verständlicher zu machen, würden wir sagen, daß die Verfolgung dem Verfolgungswahn, die Idealisierung hingegen der Schizophrenie in ihren hebephrenen Aus­prägungen zugrunde liegt. Zwischen beiden erstrecken sich alle Zwi­schenformen des schizophrenen Wahns. Was uns an die extremen Aus­prägungsformen verweist. Bei den weniger schweren Formen ist diese Problematik natürlich weniger offensichtlich. Nach Melanie Klein wäre in diesen Fällen die depressive Phase erreicht, was erklären könnte, war­um der Zusammenbruch des moralischen Narzißten den Ausdruck ei­ner Depression und nicht des Wahns oder der Schizophrenie annimmt. Aber in allen Fällen ist erkennbar, daß Triebentmischung und Destruk­tion — die durch die Spaltung nicht gemeistert wurden — sowie die Ak­zentuierung der Idealisierung für die Regression verantwortlich sind. Wiederholt sei dennoch, daß die beiden Positionen, Idealisierung und Verfolgung, jedenfalls gemeinsam auftreten. Diesseits davon herrscht ein chaotischer Zustand, der die erste symbolisierende Aufteilung nicht kennt: die zwischen gut und böse.

Technische Implikationen für die Behandlung der moralischen Narzißten

Die Behandlung von moralischen Narzißten stellt, wie man begriffen haben dürfte, empfindliche Probleme. Einige der gravierendsten Hin­dernisse für ihre Entwicklung wurden bereits angedeutet. Zu den wich­tigsten zählen der schwierige Zugang zu dem an die Objektbeziehung gebundenen Material, jenseits der Wiederherstellung der narzißtischen Abhängigkeit von der Mutter, also vom Analytiker. Im Licht unserer Er­fahrung wird sichtbar, daß der Schlüssel zu diesen Behandlungen wie immer im Begehren des Analytikers, in der Gegenübertragung, liegt. Beim Analytiker stellt sich nach einer gewissen Zeit, sobald ihm klar wird, daß er eine solche Beziehung zu durchleben hat, das Gefühl ein, Gefangener seines Kranken zu sein. Er wird zum anderen Pol der Ab­hängigkeit, wie in jenem Verhältnis, bei dem nicht mehr ganz durchsich­tig ist, was eigentlich den Gefangenenwärter von dem unterscheidet, den er im Gefängnis bewachen muß. Der Analytiker wird unter diesen Um­ständen versucht sein, die analytische Situation zu verändern, um sie voranzutreiben. Die für ihn am wenigsten mit Schuldgefühlen behaftete Variante ist die der Güte. Der Analytiker bietet also seine Liebe an, ohne sich darüber im klaren zu sein, daß er damit die erste Kelle Wasser ins Danaidenfaß gießt. Aber abgesehen davon, daß diese Liebe immer uner­sättlich ist und man damit rechnen muß, daß sich bei einem die Reserven an Liebe erschöpfen — denn sie sind, was man sich nie genug sagt, be­grenzt —, begeht der Analytiker damit in meinen Augen einen techni­schen Fehler. Antwortet er so doch auf das Begehren des Patienten, was, wie wir wissen, immer gefährlich ist. Er wird dann, es handelt sich schließlich um den moralischen Narzißmus, zum Ersatz des Moralisten, ja des Priesters. Die Analyse verliert damit zwangsläufig ihren spezifi­schen Charakter, das heißt das, worin ihre Wirksamkeit gründet. Das ist genauso, als träfen wir die Entscheidung, uns als Antwort auf eine Wahnsymptomatik auf die Ebene des manifesten Ausdrucks dieser Sym­ptomatologie zu begeben: Wir würden unweigerlich in einer Sackgasse landen, wenn nicht gar einen Fehler begehen.

Die zweite Möglichkeit ist die Deutung der Übertragung. Solange diese
sich über die Äußerungen des Analytikers in Objektbegriffen äußert,
findet sie auf diesem vom narzißtischen Schutzschild bedeckten Material nur geringes Echo. Genausogut könnte man das sexuelle Begehren eines Wesens in Ritterrüstung wecken wollen. Bleibt die Resignation. Angesichts der anderen Möglichkeiten ist diese Haltung sicher die am wenigsten schädliche. Geschehen lassen, vergehen lassen. Der Analyti­ker riskiert dann, sich auf eine unendliche Analyse einzulassen; das Ab­hängigkeitsbedürfnis des Patienten wird weithin befriedigt, und die durch die Behandlung erforderlichen Entbehrungen haben dann keinen anderen Effekt als die Stärkung des moralischen Narzißmus.

Offenbar zeichnet sich keine andere Lösung ab. Und doch gibt es eine; wir würden sie nicht ohne eine gewisse Angst anführen, hätte sie uns in bestimmten Fällen nicht einen beachtlichen Sprung nach vorn gebracht. Es geht um die Analyse des Narzißmus, ein gefährliches Unternehmen und dem Anschein nach in mehrfacher Hinsicht unmöglich. Wir sind dennoch der Ansicht, daß am Ende einer ausreichend langen Frist —mehrere Jahre —, wenn die Übertragung gut ausgebildet, das Wiederho­lungsverhalten analysiert worden ist und der Analytiker die Schlüssel­worte auszusprechen vermag: Scham, Stolz, Ehre, Entehrung, Klein­heits- und Größenwahn, er dann den Betreffenden tatsächlich von ei­nem Teil seiner Bürde befreien kann. Denn, wie Bouvet betonte, ist die schlimmste Frustration, die ein Patient im Laufe einer Analyse erfahren kann, genau diese: nicht verstanden zu werden. So hart die Deutung, so grausam die Wahrheit sein mögen, ist diese doch weniger grausam als der Zwang, in dem das Subjekt sich gefangen fühlt. Oft kann sich ein Analy­tiker nicht zu diesem technischen Verhalten entschließen; er hat das Ge­fühl, damit seinen Kranken zu traumatisieren. So macht er nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel, fühlt sich innerlich aber sehr unwohl. Wenn wir vom Unbewußten überzeugt sind, müssen wir auch davon ausgehen, daß diese durch die Höflichkeit in der analytischen Beziehung verdeckten Einstellungen anhand indirekter Hinweise für den Analy­sanden durchaus wahrnehmbar sind.

Der Analytiker muß die Separation vom Kranken bewerkstelligen, unter der Bedingung freilich, daß der Kranke die Trennung nicht so empfin­det, als wolle der Analytiker ihn loswerden. Im übrigen kommt es nicht selten vor, daß Analytiker, die solche Patienten zu behandeln haben, so­bald sie sich deren Unzugänglichkeit bewußt werden, sie sich unter zu­mindest äußerlich freundlichsten Formen vom Hals schaffen. Alles in al­lem verteidigen wir hier nichts anderes als einen Diskurs der Wahrheit und keine Wiedergutmachungstechnik.

Diese Deutungshaltung ermöglicht, zum gegebenen Zeitpunkt zur Pro-  blematik »Idealisierung — Verfolgung« vorzudringen und aufzuzeigen, was sich über die Idealisierung in der impliziten Verfolgung verkriecht, die jene in ihren Falten versteckt: Schutz vor der Verfolgung (von seiten des Objekts und vom Ich erlitten, von seiten des Ichs und erlitten vom Objekt) und gleichzeitig Ausweg aus der Verfolgung in verschleierter Form. Auf diese Weise kann sich das auf die Mutter bezogene objektale Band wiederherstellen. Aufzeigen lassen sich dann die Vorwürfe des Ich gegenüber dem Objekt und die des Objekts gegenüber dem Ich. Denn der Rückzug auf die narzißtische Selbstgenügsamkeit findet seine Erklä­rung, zumindest teilweise, im Fehlen des Objekts, sei dieses Fehlen nun real oder Resultat der Unfähigkeit, die unstillbaren Bedürfnisse des Kin­des zu befriedigen.

Die heroischen Figuren des moralischen Narzißmus

Alles, was wir im Anschluß an den eingangs genannten Aias-Mythos entwickelten, wurde aus der Beobachtung an unseren Patienten gewon­nen. Die narzißtische Regression, die sie zeigen, macht aus ihnen Kari­katuren, wie sie jeder von uns unter seinen Bekannten finden kann. Oh­ne daß sie freilich diese Ausprägungen erreichen, lassen sich doch be­stimmte Heldengestalten, neben Aias, der selbst als Extremfall gelten kann, in einer von ihnen gebildeten Porträtgalerie betrachten.

Man denke z. B. an Brutus, wie Shakespeare ihn in Julius Cäsar zeigt. Brutus ersticht Cäsar nicht aus Lust oder Ehrgeiz, sondern aus Patriotis­mus, weil er Republikaner ist und in seinem Adoptivvater eine Bedro­hung für die Tugend Roms sieht. Wer aus Tugend mordet, ist in der Folge allerdings nie tugendhaft genug, diesen Mord zu rechtfertigen. Deshalb die Weigerung, sich durch einen Eid an die anderen Verschwörer zu bin­den, jeder soll nur vor seinem eigenen Gewissen Rechenschaft ablegen: »Welchen andern Eid, als Redlichkeit mit Redlichkeit (Honour) im Bund, daß dies gescheh, wo nicht, dafür zu sterben?« Immer die Ehre! Brutus hat uns schon versichert: »Wie ich mehr die Ehre lieb, als vor dem Tod mich scheue.« Von daher diese für den geringsten unter den po­litischen Novizen wahnsinnige Tat11, die dem gefürchtesten seiner Riva­len, Marcus Antonius12, erlaubt, das Loblied auf den Getöteten anzu­stimmen. Von daher die lebhaften Vorwürfe, die er vor der Schlacht, die er liefern muß, dem mutigen Cassius macht, seinem Verbündeten, den er

11 Cassius spürt das und flüstert ihm in diesem Augenblick zu: »Ihr wißt nicht, was ihr tut.«

12 Aber auch, wie es scheint, dem von seinem Liebesobjekt, Cäsar, am meisten geliebten, denn offenbar zieht jener in diesem Moment Marcus Antonius Brutus vor.

beschuldigt, ein, wie man heute sagen würde, »Kriegsgewinnler« zu sein. Von daher sein Selbstmord am Ende, als zusätzlicher Beweis für sei­ne unbestechliche Tugend. Aber dieser heroische Zweck ist nicht unbe­dingt der der Republik, der des Staates, der der Macht.

Auch die Liebe hat ihre Helden des moralischen Narzißmus. Der schön­ste unter ihnen ist unser heiliger Patron, Don Quijote, den Freud beson­ders liebte. Denken wir nur an jene Episode, wo Quijote sich in die Sier­ra Morena begibt, um dort als Einsiedler zu leben. Er entledigt sich sei­ner armseligen Güter, beginnt seine Kleider zu zerreißen, sich den Kör­per wund zu schlagen und tausend Kapriolen zu veranstalten, über die der gute Sancho nicht hinwegkommt. Und als er eine Erklärung ver­langt, erklärt der Hidalgo reinen Geblüts diesem gemeinen Mann, daß er hier nichts anderes tue, als sich den Regeln des Liebescodes zu unterwer­fen, wie es die Ritterromane vorschreiben. Quijote ist auf der Suche nach jener Heldentat, mit der sich sein Name verewigen läßt, im Namen seiner Liebe, die nicht nur eine unbefleckte Liebe ohne irgendeinen Zu­satz fleischlicher Begierde sein, sondern ihn auch seines gesamten Hab und Guts berauben muß. Zu dieser Entblößung seiner Selbst und seiner eigenen Individualität muß er durch die Nachahmung Armadis‘ oder Rolands gelangen — bis hin zur Verrücktheit oder zumindest der Imita­tion derselben.

»Muß ich nicht meine Kleider zerreißen, meine Rüstung wegwerfen, den Kopf zuunterst auf den Felsen Purzelbäume schlagen sowie andere solche Dinge tun, die deine Bewunde­rung hervorrufen?«

sagt er zu Sancho Pansa, der sich vergebens bemüht, ihn zur Vernunft zu bringen. »Verrückt bin ich und verrückt muß ich sein«, sagt Quijote, dem die Verrücktheit hier Zeichen der Tugend ist. Denn als er Dulcinea gegenüber Sancho erwähnt, erkennt der in dieser ihrer Schilderung nicht die »hohe und erhabene Dame« gemäß den Vorstellungen des Ritters wieder, sondern ruft aus:

»Großer Gott, ist das ein stattliches Mädchen, gut und vollkommen gebaut und mit was auf dem Kasten, fähig den Bart zu scheren und das Toupet zu richten. Tochter einer Hure! Was für eine Stimme sie hat und wie gewölbt ihre Brust ist und das beste ist, sie stottert kein bißchen.«

So sieht Quijote Dulcinea sicher nicht. Man könnte einwenden, daß es sich hier nicht um Narzißmus, sondern um Objektliebe handelt, weil Quijote sich für das Liebesobjekt Entbehrungen und Mißhandlungen auferlegt. Aber nein, es geht hier nur um die narzißtische Projektion ei­nes idealisierten Bildes, und unter Cervantes genialen Zügen ist nicht der

geringste, daß er sein Buch mit der Verleugnung Don Quijotes be­schließt: »Schweigt«, sagt der Ritter zu seinen beifälligen Zuhörern, »im Namen des Himmels kommt zu Euch selbst zurück und laßt ab von die­sen Hirngespinsten.«

Gewiß existieren Quijote und sein Sancho Pansa nur, wie Marthe Robert sagt, »auf dem Papier«. Aber sie leben in uns, wenn nicht durch sich selbst. Desgleichen Falstaff, der absolute und völlig amoralische Nar­zißt, er, dessen Monolog über die Ehre in uns Mißbilligung über seine Grausamkeit und Bewunderung über seine Wahrheit auslöst.13 So sind wir hin- und hergerissen zwischen einer unabdingbaren Illusion und ei­ner nicht weniger unabdingbaren Wahrheit.

All diese Figuren hat ein Philosoph beschrieben. Haben Sie nicht an der ei­nen und anderen Stelle Hegel und seine schöne Seele wiedererkannt? In Sorge über die Ordnung der Welt, voller Verlangen, sie zu verändern, aber auch bedacht auf die eigene Tugend, möchte sie den Teig, aus dem die Menschen gemacht sind, kneten, dabei aber ihre Hände nicht schmutzig machen. Hüten wir uns, es wie Hegel zu machen, der, nachdem er die schöne Seele unter seiner Zuchtrute unsterblich werden ließ, die Phäno­menologie des Geistes (1807) nur mit einem Triumph beschließen konnte, der durchaus der Triumph der schönen Seele gewesen sein kann.

Spüren wir nicht, wie sehr diese schöne Seele des moralischen Bewußt­seins dem Wahn der Anmaßung nahekommen kann, diesem Gesetz des Herzens, dessen Referenz die Paranoia ist? Jedenfalls ist ihre narzißti­sche Qualität Hegel nicht entgangen: »Die Anschauung seiner ist sein gegenständliches Dasein, und dies gegenständliche Element ist das Aus­sprechen seines Wissens und Wollens als eines Allgemeinen« (ebd., S.481). Wie auch nicht ihr Zusammenhang mit dem allerprimärsten Narzißmus: »Wir sehen hiermit hier das Selbstbewußtsein in sein Inner­stes zurückgegangen, dem alle Äußerlichkeit als solche verschwindet, —in die Anschauung des Ich = Ich, worin dieses Ich alle Wesenheit und

13 »Prinz Heinrich.: Ei, du bist Gott einen Tod schuldig.

Falstaff.: Er ist noch nicht verfallen, ich möchte ihn nicht gern vor seinem Termin bezahlen. Was brauche ich so bei der Hand zu sein, wenn er mich nicht ruft? Gut, es mag sein: Ehre beseelt mich, vorzudringen. Wenn aber Ehre mich beim Vordringen entseelt? Wie dann? Kann Ehre ein Bein ansetzen? Nein. Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde stillen? Nein. Ehre versteht sich also nicht auf die Chirurgie? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. … Was steckt in dem Wort Ehre? Luft. Eine feine Rechnung! — Wer hat sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb. Fühlt er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten nicht. Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. … Warum nicht? Die Verleumdung gibt es nicht zu. Ich mag sie also nicht. —Ehre ist nichts als ein ge­malter Schild beim Leichenzuge, und so endigt mein Katechismus« (Shakespeare, König Heinrich der Vierte, I, 5. Akt, 1. Szene).

Dasein ist« (ebd., S. 482). Die Folge ist »die absolute Unwahrheit, die in sich zusammenfällt«.

Sehen wir so aus, als wollten wir uns der Denunziation der Tugend und der Apologie des Lasters ausliefern? Doch das hieße einem Modeeffekt nachgeben, der heute in de Sade unseren Retter sieht. Bescheiden wir uns damit, jene Wahrheit in Erinnerung zu rufen, die Freud aufgezeigt hat: die unauflösbare Verbundenheit von Sexualität und Moral. Die Um­wege der einen ziehen automatisch die Umwege der anderen nach sich. Georges Bataille, den unter den Psychoanalytikern einer doch endlich einmal würdigen sollte, hat die Wesensgleichheit von Erotischem und Sakralem begriffen. »Ich muß Ihre Liebe gewinnen«, sagte uns eine Pati­entin. Wir haben geantwortet: »Ja, aber von welcher Liebe sprechen Sie?« Danach mußte sie anerkennen, daß trotz ihrer vergeblichen und verzweifelten Versuche Eros, dieser schwarze Engel, für sie zu einem weißen geworden war.

Nachtrag

Die erneute Lektüre dieser Arbeit einige Monate später veranlaßt uns, einige der offengebliebenen Punkte zu präzisieren. Zunächst einmal sollte unterstrichen werden, daß die Struktur des moralischen Narziß­mus alles andere als erstarrt ist. Sie charakterisiert bestimmte Patienten anhand des Profils, das sie bei ihnen annimmt. Niemand ist völlig frei von ihr. Diese strukturelle Besonderheit läßt sich auch als Phase in der Analyse gewisser Patienten ansehen. Überdies gehen die hier beschrie­benen Fälle, auch wenn sie Merkmale dieser Struktur aufweisen, darin nicht völlig auf. Die Erfahrung lehrt uns, daß sie sich durchaus entwik­keln und andere Positionen erreichen können. Mit Genugtuung haben wir bei Fällen, wo wir kaum noch Hoffnung auf Besserung hatten, schließlich doch noch einen günstigen Verlauf beobachten können. Zurückkommen wollen wir auch auf die Verbindung von moralischem Narzißmus und moralischem Masochismus. Von der Nützlichkeit einer Unterscheidung beider sind wir überzeugt. Verschleiert einer nicht den anderen? Doch statt ihre Beziehungen in Begriffen gegenseitigen Ver­deckens zu fassen, gehen wir davon aus, daß es sich, auch wenn ihr Ver­hältnis ein dialektisches ist, dennoch um unterschiedliche Reihen han­delt. Wenn dennoch ihre Einheitlichkeit anerkannt werden muß, so wür­den wir doch sagen, daß der wahre Masochismus der moralische Nar­zißmus insoweit ist, als in diesem das Bestreben herrscht, die Spannun­gen auf das Null-Niveau zu reduzieren: oberstes Ziel des Masochismus, insofern sein Schicksal an den Todestrieb, an das Nirwana-Prinzip, ge­bunden ist. Wiederholen wir: Das Leidensverhältnis impliziert die Ob­jektbeziehung — der Narzißmus reduziert das Subjekt auf sich, auf die Null, die das Subjekt ist.

Die Desexualisierung richtet sich auf die libidinösen und aggressiven, auf das Objekt, auf das Ich gerichteten Triebe — die für den Todestrieb freigewordene Bahn zielt auf die Vernichtung des Subjekts als des letzten Phantasmas. Tod und Unsterblichkeit vereinigen sich hier.

Tatsächlich trifft man nie auf derartige extreme Lösungen. Was sich kli­nisch beobachten läßt, vor allem im selektiven Rahmen der Psychoana­lyse im Verhältnis zum breiteren klinischen Bereich der Psychiatrie, sind Kurven, die auf ihre asymptotische Grenze zulaufen. In dieser Hinsicht sind die Beziehungen von Scham und Schuldgefühl sehr viel komplexer als hier ausgeführt. Der destruktive Charakter der Scham aber ist wich­tig: Schuldgefühl kann miteinander geteilt werden, Scham niemals. Doch bilden sich zwischen Scham und Schuldgefühl Knoten: Man kann sich seines Schuldgefühl schämen, man kann sich schuldig fühlen wegen seiner Scham. Aber der Analytiker unterscheidet durchaus Spaltungs­ebenen, wenn er spürt, wie sehr bei seinen Patienten das Schuldgefühl an seine unbewußten Quellen gebunden sein und mit seiner Analyse parti­ell überwunden werden kann, während die Scham oft einen irreparablen Charakter annimmt. Die Transformation von Lust in Unlust ist eine Lö­sung für das Schuldgefühl; für die Scham ist einzig und allein der Weg des negativen Narzißmus offen. Eine Neutralisierung des Affekts ist am Werk, ein tödliches Unternehmen, eine Sisyphusarbeit: Ich liebe nie­manden. Ich liebe nur mich. Ich liebe mich. Ich liebe nicht. Ich nicht. Ich. Null. Gleiche Folge für den Haß. Ich hasse niemanden. Ich hasse nur mich. Ich hasse mich. Ich hasse nicht. Ich nicht. Ich. Null. Diese Ab­folge von Propositionen veranschaulicht die Entwicklung zur Affirma­tion des megalomanen Ichs als letzte Etappe vor seinem Verschwinden.

(Anschrift des Verf.: Dr. Andre Green, 9, ave. de 1’Observatoire, F-75006 Paris) (Übersetzung: Erika Kittler, Freiburg)

Summary

Moral Narcissim. — With reference to Sophocles‘ Ajax and Oedipus tragedies, the author first of all establishes the contrasts between cultures of shame and cultures of guilt. Subsequently he elaborates a typological description of moral narcissism, which he allocates to cultures of shame. The author describes moral narcissism as the triumph of drive renunciation over gratifications of illusion or the triumph of the superego over the ego-ideal. Green identifies asceticism and affect retention as important features of moral narcissism and provides a descrip­tion of the conflict level and the major defense forms encountered in moral nar­cissists. He also discusses the psychodynamics of moral narcissism, classifies the phenomenon in metapsychological terms and enlarges an the technical difficul­ties occasioned in the treatment context by shame, pride and honor.

B IBLIOGRAPHIE

Bataille, G. (1957): Der heilige Eros. Neuwied/berlin (Lucherhand) 1963.

Cervantes, M. de (1605). Der scharfsinnige Ritter Don Quijote von der Mancha. Frank­furt/M. (Insel) 1975.

Dodds, E. R. (1963): Die Griechen und das Irrationale. Übersetzt von H. J. Dirksen. Darmstadt (Wiss. Buchgesellsch.) 1970.

Freud, A. (1936): Das Ich und die Abwehrmechanismen. München (Kindler) 1964. Freud, S. (1909): Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. G.W. VII, 381-463.

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  • (1923): Das Es und das Ich. G.W. XIII, 237-289.
  • (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus. G.W. XIII, 371-383.
  • (1939): Der Mann Moses und die monotheistische Religion. G.W. XVI, 103-246. Green, A. (1963): Une variante de la position phallique narcissique. Revue Frafflise de Psychanalyse, Bd. 27.
  • (1966/67): Le narcissisme primaire: structure ou etat. In: Ders.: Narcissisme de vie, nar­cissisme de mort. Paris (Minuit) 1983,80-132.
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Winnicott, D. (1958): Über das falsche Selbst. In: Von der Kinderheilkunde zur Psycho­analyse. Frankfurt/M. (Fischer) 1983.

Leo Trotzki: Ihre Moral und unsere

Ihre Moral und unsere

von Leo Trotzki (geschrieben 1938)
Moralausdünstungen
In einer Epoche der siegreichen Reaktion beginnen die Herren Demokraten, Sozialdemokraten,
Anarchisten und übrigen Vertreter des „linken“ Lagers das Doppelte ihres gewöhnlichen Quantums von
Moralausdünstungen auszuscheiden, gleich Leuten, die vor Furcht doppelt stark schwitzen. Diese
Moralisten wenden sich, indem sie die zehn Gebote oder die Bergpredigt neu umschreiben, nicht so sehr
an die siegreiche Reaktion, wie an jene Revolutionäre, die unter deren Verfolgung leiden und die mit
ihren „Exzessen“ und „amoralischen“ Grundsätzen die Reaktion „provozieren“ und ihr eine moralische
Rechtfertigung geben. Überdies verordnen sie ein einfaches aber sicheres Mittel, um die Reaktion zu
vermeiden: wir müssen nur danach streben, uns selbst moralisch zu erneuern. Gratismuster moralischer
Vollkommenheit werden von allen beteiligten Redaktionen an Interessenten abgegeben.
Die Klassenbasis dieser falschen und hochtrabenden Predigt ist die kleinbürgerliche Intelligenz. Die
politische Basis: deren Ohnmacht und Verwirrung angesichts der herannahenden Reaktion. Die
psychologische Basis: deren Bestreben, das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu überwinden, indem
sie mit dem Bart des Propheten Mummenschanz treibt.
Die Lieblingsmethode des moralisierenden Philisters besteht darin, das Verhalten der Reaktion mit dem
der Revolution zu identifizieren. Dabei erzielt er nur Erfolg, indem er sich auf formale Analogien stützt.
Für ihn sind Zarismus und Bolschewismus Zwillinge. Ebenso entdeckt er, daß Faschismus und
Kommunismus Zwillinge sind. Er trägt ein Inventar zusammen aus den gemeinsamen Zügen von
Katholizismus – oder genauer von Jesuitismus – und Bolschewismus. Hitler und Mussolini, die ihrerseits
genau die gleiche Methode benutzen, enthüllen, daß Liberalismus, Demokratie und Bolschewismus nur
verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Übels sind. Die Auffassung, daß Stalinismus und
Trotzkismus „wesentlich“ ein und dasselbe sind, erfreut sich jetzt der vereinten Zustimmung von
Liberalen, Demokraten, frommen Katholiken, Idealisten, Pragmatikern und Anarchisten. Die Stalinisten
sind offenbar nur deshalb nicht in der Lage, sich dieser „Volksfront“ anzuschließen, weil sie zufällig mit
der Ausrottung der Trotzkisten beschäftigt sind.
Charakteristisch für diese Analogien und Ähnlichkeiten ist, daß man bei ihrer Anwendung die materielle
Grundlage der verschiedenen Strömungen, d.h. deren Klassennatur und dadurch deren objektive
historische Rolle, vollständig ignoriert. Stattdessen nimmt man irgendeine äußerliche und zweitrangige
Erscheinung zum Ausgangspunkt der Beurteilung und Wertung der verschiedenen Strömungen, und zwar
meistens deren Verhältnis zu irgendeinem abstrakten Prinzip, welches für den betreffenden Kritiker einen
besonderen berufsmäßigen Wert besitzt. So sind Freimaurer, Darwinisten, Marxisten und Anarchisten für
den römischen Papst Zwillinge, weil sie alle gotteslästerlich die unbefleckte Empfängnis leugnen. Für
Hitler sind Liberalismus und Marxismus Zwillinge, weil sie nichts von „Blut und Ehre“ wissen wollen.
Für einen Demokraten sind Faschismus und Bolschewismus Zwillinge, weil sie sich nicht dem
allgemeinen Stimmrecht unterwerfen. Und so weiter. Unzweifelhaft haben die oben zusammengestellten
Strömungen einige gemeinsame Züge. Aber der Kern der Sache liegt darin, daß sich die Entwicklung der
Menschheit weder im allgemeinen Stimmrecht noch in „Blut und Ehre“, noch im Dogma der
unbefleckten Empfängnis erschöpft. Der historische Prozeß drückt in erster Linie den Klassenkampf aus;
überdies wenden verschiedene Klassen im Namen verschiedener Ziele in gewissen Augenblicken gleiche
Mittel an. Im Wesen kann es gar nicht anders sein. Einander bekämpfende Heere sind immer mehr oder
weniger symmetrisch; gäbe es nichts Gemeinsames in ihren Kampfmethoden, könnten sie einander keine
Schläge zufügen.
Ein unwissender Bauer oder Krämer, der weder den Ursprung noch den Sinn des Kampfes zwischen
Proletariat und Bourgeoisie begreift, wird, wenn er entdeckt, daß er sich zwischen den beiden Feuern
befindet, beide kriegführenden Lager mit dem gleichen Haß betrachten.
Und wer sind alle diese demokratischen Moralisten? Ideologen der Zwischenschichten, die zwischen die
beiden Feuer geraten sind, oder sich vor diesem Schicksal fürchten. Verständnislosigkeit gegenüber den
großen historischen Bewegungen, eine verhärtete konservative Mentalität, selbstzufriedene
Beschränktheit und primitivste politische Feigheit zeichnen die Propheten dieses Typus aus. Mehr als
alles andere wünscht der Moralist, die Geschichte möge ihn mit seinen Büchlein, kleinen Zeitschriften,
Abonnements, seinem gesunden Menschenverstand und seinen moralischen Schreibheften in Ruhe
lassen. Aber die Geschichte läßt ihn nicht in Ruhe. Sie pufft ihn bald von links und bald von rechts. Es
ist klar: Revolution und Reaktion, Zarismus und Bolschewismus, Kommunismus, Stalinismus und
Trotzkismus – das alles sind Zwillinge. Wer immer daran zweifelt, der mag die symmetrischen Beulen
auf der rechten wie auf der linken Schädelhälfte unserer Moralisten nachfühlen.
Marxistische Amoral und ewige Wahrheiten
Die volkstümlichste und eindrucksvollste der gegen die bolschewistische „Amoral“ gerichteten Anklagen
gründet sich auf die sogenannte jesuitische Maxime des Bolschewismus: „Der Zweck heiligt die Mittel“.
Von hier aus ist es nicht weit zur nächsten Schlußfolgerung: da die Trotzkisten, wie alle Bolschewiken
(oder Marxisten), die Prinzipien der Moral nicht anerkennen, gibt es folglich keinen „prinzipiellen“
Unterschied zwischen Trotzkismus und Stalinismus. Was zu beweisen war.
Eine ganz und gar vulgäre und zynische amerikanische Monatsschrift veranstaltete eine Enquète über die
Moralphilosophie des Bolschewismus. Die Enquète hatte, wie gebräuchlich, gleichzeitig den Zielen der
Ethik wie denen der Reklame zu dienen. Der unnachahmliche H.G. Wells, dessen große Einbildungskraft
nur durch seine homerische Selbstzufriedenheit übertroffen wird, zögerte nicht, sich mit den reaktionären
Snobs des Common Sense zu solidarisieren. Insofern war alles in Ordnung. Aber selbst solche
Teilnehmer, die es für notwendig hielten, den Bolschewismus zu verteidigen, taten dies in der Mehrzahl
der Fälle nicht ohne schüchterne Ausflüchte (Eastman). Die Grundsätze des Marxismus sind natürlich
schlecht, aber unter den Bolschewiken gab es nichtsdestoweniger wertvolle Leute. Wahrhaftig, solche
„Freunde“ sind gefährlicher als Feinde.
Könnten wir uns dazu entschließen, die Herren Entlarver ernst zu nehmen, dann müßten wir sie an erster
Stelle fragen: Was sind eure eignen moralischen Prinzipien? Das ist eine Frage, auf die wir kaum eine
Antwort erhalten werden. Nehmen wir für einen Augenblick an, weder persönliche noch soziale Ziele
könnten die Mittel heiligen. Dann ist es offenbar notwendig, Kriterien außerhalb der historischen
Gesellschaft und der Ziele, die sie sich im Laufe ihrer Entwicklung steckt, zu suchen. Aber wo? Wenn
nicht auf Erden, so im Himmel. Die Pfaffen haben seit langem unfehlbare Moralkriterien in der
göttlichen Offenbarung entdeckt. Kleine weltliche Pfaffen reden über ewige moralische Wahrheiten,
ohne deren Ursprung zu erwähnen. Wir sind jedoch zu dem Schluß berechtigt: da diese Wahrheiten ewig
sind, müssen sie nicht nur vor der Erscheinung des Halbaffen-Halbmenschen auf der Erde, sondern sogar
vor der Entstehung des Sonnensystems existiert haben. Woher sind sie also gekommen? Die Theorie der
ewigen Moral kann keineswegs ohne Gott bestehen.
Sofern sich die Moralisten der angelsächsischen Schule nicht auf den rationalistischen Utilitarismus, die
Ethik der bürgerlichen Buchführung beschränken, erscheinen sie alle als die bewußten oder unbewußten
Schüler des Grafen Shaftesbury, der – zu Anfang des 18. Jahrhunderts! – die Moralurteile von einem
besonderen „moralischen Sinn“ ableitete, der nach seiner Voraussetzung dem Menschen ein für allemal
verliehen war. Eine Moral über den Klassen führt unvermeidlich zu der Anerkennung einer besonderen
Substanz, eines „moralischen Sinns“ oder „Gewissens“, zur Anerkennung von irgendetwas Absolutem,
was nichts anderes ist als das philosophisch-feige Synonym für Gott. Wenn wir die Moral unabhängig
von den „Zielen“, d.h. von der Gesellschaft betrachten, erweist sie sich letzten Endes, gleichgültig ob wir
sie von „ewigen Wahrheiten“ oder von der „menschlichen Natur“ ableiten, als eine Form der
„Naturtheologie“. Der Himmel bleibt die einzige befestigte Position für militärische Operationen gegen
den dialektischen Materialismus.
Zu Ende des letzten Jahrhunderts entstand in Rußland eine ganze Schule von „Marxisten‘, (Struwe,
Berdjaew, Bulgakow u.a.), die die marxistische Lehre mit einem sich selbst genügenden, d.h. über den
Klassen stehenden moralischen Prinzip zu ergänzen wünschten. Diese Leute begannen natürlich mit Kant
und dem kategorischen Imperativ. Wie aber endeten sie? Struwe ist heute Minister a.D. des Barons
Wrangel und ein treuer Sohn der Kirche; Bulgakow ist ein orthodoxer Priester; Berdjaew legt die
Apokalypse in verschiedenen Sprachen aus. Diese auf den ersten Blick überraschenden Wandlungen
erklären sich keineswegs durch die „slawische Seele“ – Struwe hat eine deutsche Seele – sondern durch
die Wucht des sozialen Kampfes in Rußland. Der Grundzug dieser Metamorphose ist im wesentlichen
international.
Der klassische philosophische Idealismus stellte, insoweit er seinerzeit versuchte, die Moral zu
verweltlichen, d.h. von ihrer religiösen Sanktion zu befreien, einen gewaltigen Schritt vorwärts dar
(Hegel). Aber nachdem sich die Moralphilosophie vom Himmel losgelöst hatte, mußte sie irdische
Wurzeln finden. Es war eine der Aufgaben des Materialismus, diese Wurzeln zu entdekken. Nach
Shaftesbury kam Darwin, nach Hegel – Marx. Wer heute an „ewige moralische Wahrheiten“ appelliert,
versucht, das Rad rückwärts zu drehen. Der philosophische Idealismus ist nur ein Übergangsstadium:
von der Religion zum Materialismus, oder umgekehrt, vom Materialismus zur Religion.
„Der Zweck heiligt die Mittel“
Der Jesuitenorden, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Bekämpfung des Protestantismus
gegründet wurde, lehrte übrigens niemals, daß jedes Mittel, selbst wenn es vom Gesichtspunkt der
katholischen Moral verbrecherisch war, erlaubt sei, wenn es nur zum „Ziel“, d.h. zum Triumph des
Katholizismus führe. Solch eine innerlich widerspruchsvolle und psychologisch absurde Lehre wurde den
Jesuiten von ihren protestantischen und teilweise katholischen Gegnern böswillig zugeschrieben, die sich
in der Wahl der Mittel, um ihre Ziele zu erreichen, nicht genierten. Die jesuitischen Theologen, die sich
wie die Theologen anderer Schulen mit der Frage der persönlichen Verantwortung befaßten, lehrten in
Wirklichkeit, daß das Mittel an sich eine gleichgültige Angelegenheit sein kann, und daß die moralische
Berechtigung oder Beurteilung des gegebenen Mittels sich aus dem Ziel ergibt. So ist Schießen an und
für sich eine neutrale Angelegenheit; Schießen auf einen tollen Hund, der ein Kind bedroht – eine
Tugend; Schießen mit dem Ziel zu verletzen oder zu morden – ein Verbrechen. Die Ausführungen der
Theologen dieses Ordens gingen über solche Gemeinplätze nicht hinaus.
Was ihre praktische Moralphilosophie angeht, waren die Jesuiten keineswegs schlimmer als andere
Mönche oder katholische Priester, sie waren ihnen im Gegenteil überlegen; jedenfalls waren sie
ausdauernder, kühner und scharfsichtiger. Die Jesuiten stellten eine streng zentralisierte, aggressive,
kämpferische Organisation dar, die nicht nur für die Feinde, sondern auch für die Verbündeten gefährlich
war. In seiner Psychologie und in der Methode seines Handelns unterschied sich der Jesuit der
„heroischen“ Periode von einem durchschnittlichen Pfaffen wie der Krieger der Kirche von ihrem
Krämer. Wir haben keinen Grund, einen der beiden zu idealisieren. Aber es ist ganz und gar unwürdig,
einen fanatischen Krieger mit den Augen eines stumpfen und trägen Krämers zu betrachten. Wenn wir
auf der Ebene der rein formalen oder psychologischen Verwandtschaften verbleiben, dann kann man,
wenn man will, sagen, daß die Bolschewiki sich zu den Demokraten und Sozialdemokraten aller
Schattierungen verhalten wie die Jesuiten zur friedlichen Hierarchie. Im Vergleich zu den revolutionären
Marxisten erscheinen die Sozialdemokraten und Zentristen wie Minderjährige oder wie der Quacksalber
im Vergleich zum Arzt: sie denken kein einziges Problem bis zu Ende, glauben an die Macht der
Beschwörung, gehen feig jeder Schwierigkeit aus dem Weg und hoffen auf ein Wunder. Die
Opportunisten sind die friedlichen Krämer der sozialistischen Idee, während die Bolschewiki ihre
eingefleischten Krieger sind. Daher der Haß und die Verleumdung gegen die Bolschewiki von Seiten
derer, die ihre historisch bedingten Schwächen im Überfluß, jedoch keinen einzigen ihrer Vorzüge
besitzen.
Immerhin bleibt jedoch die Nebeneinanderstellung von Bolschewismus und Jesuitismus völlig einseitig
und oberflächlich und ist eher literarischer als historischer Natur. Geht man von Charakter und Interessen
derjenigen Klassen aus, auf die sich Jesuiten und Protestanten stützen, so stellten erstere die Reaktion
und letztere den Fortschritt dar. Die Begrenztheit dieses „Fortschritts“ fand wiederum ihren direkten
Ausdruck in der Sittenlehre der Protestanten. So hinderten den Stadtbürger Luther die von ihm
„gereinigten“ Lehren Christi keineswegs daran, dazu aufzurufen, die aufständischen Bauern wie „tolle
Hunde“ niederzumachen. Dr. Martin war offenbar, noch bevor dieser Grundsatz den Jesuiten
zugeschrieben wurde, der Ansicht, „der Zweck heilige die Mittel“. Die mit dem Protestantismus
konkurrierenden Jesuiten paßten sich ihrerseits in steigendem Maße dem Geist der bürgerlichen
Gesellschaft an, und von den drei Gelübden: Armut, Keuschheit und Gehorsam, blieb nur das dritte übrig
und das sogar in äußerst abgemilderter Form. Vom Standpunkt des christlichen Ideals verfiel die Moral
der Jesuiten in dem Maße, wie sie aufhörten, Jesuiten zu sein. Die Krieger der Kirche wurden ihre
Bürokraten und, wie alle Bürokraten, leidliche Spitzbuben.
Jesuitismus und Utilitarismus
Diese kurze Diskussion genügt vielleicht, um zu zeigen, wieviel Unwissenheit und Beschränktheit
erforderlich sind, um ernsthaft das „jesuitische“ Prinzip: „Der Zweck heiligt die Mittel“, einer anderen,
scheinbar höheren Moral gegenüberzustellen, in der jedes „Mittel“ sein eigenes Moraletikett trägt etwa
wie eine Ware mit festen Preisen in einem Spezialgeschäft. Bemerkenswert ist, daß der gesunde
Menschenverstand des angelsächsischen Philisters es fertig gebracht hat, sich über das „jesuitische“
Prinzip zu entrüsten und gleichzeitig sich an der für die britische Philosophie so charakteristischen
utilitaristischen Sittenlehre zu inspirieren. Denn das Kriterium Benthams und John Mills: „Das
größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl“, bedeutet, daß diejenigen Mittel sittlich sind, die zur
allgemeinen Wohlfahrt als dem höheren Ziel führen. Der angelsächsische Utilitarismus stimmt also in
seinen generellen philosophischen Formulierungen völlig mit dem „jesuitischen“ Prinzip: „Der Zweck
heiligt die Mittel“, überein. Der Empirismus existiert demnach, wie wir sehen, nur zu dem Zweck in der
Welt, um uns von der Notwendigkeit zu befreien, die Dinge miteinander ins Reine zu bringen.
Herbert Spencer, dessen Empirismus Darwin mit der Idee der Evolution impfte, wie man gegen Pocken
impft, lehrte, daß in der Sphäre der Moral die Entwicklung von „Empfindungen“ zu „Ideen“ fortschreitet.
Die Empfindungen richten sich nach dem Kriterium des unmittelbaren Vergnügens, während die Ideen
gestatten, sich von dem Kriterium des zukünftigen, dauernden und höheren Vergnügens leiten zu lassen.
„Vergnügen“ oder „Glück“ ist also auch hier Kriterium der Moral.
Aber die Breite und Tiefe des Inhalts dieses Kriteriums hängt von dem Maßstab der „Entwicklung“ ab.
Auf diese Weise bewies auch Herbert Spencer durch die Methoden seines eigenen „evolutionären“
Utilitarismus, daß das Prinzip: der Zweck heiligt die Mittel, nichts Unmoralisches enthält.
Es wäre jedoch naiv, von diesem abstrakten „Prinzip“ eine Antwort auf die praktische Frage zu erwarten:
was dürfen wir tun und was nicht? Überdies wirft natürlich das Prinzip, der Zweck heiligt die Mittel, die
Frage auf: und was heiligt das Ziel? Im praktischen Leben wie im Verlauf der Geschichte verändern Ziel
und Mittel fortlaufend ihre Stellung. Eine im Bau befindliche Maschine ist nur insofern ein „Ziel“ der
Produktion, wie sie in eine andere Fabrik als „Mittel“ eingeht. Die Demokratie ist in gewissen Perioden
das „Ziel“ des Klassenkampfes nur, um danach in sein Mittel verwandelt zu werden. Enthält das
jesuitische Prinzip auch nichts Unmoralisches, so ist es jedoch andererseits weit davon entfernt, das
Problem der Moral zu lösen.
Der „evolutionäre“ Utilitarismus Spencers läßt uns ebenfalls auf halbem Wege ohne Antwort stehen, da
er, Darwin folgend, versucht, die konkrete historische Moral in den für ein Herdentier charakteristischen
biologischen Bedürfnissen oder „sozialen Instinkten“ aufzulösen, während der Begriff der Moral selbst
erst in einem antagonistischen Milieu, d.h. in einer von Klassen zerrissenen Gesellschaft, entsteht.
Der bürgerliche Evolutionarismus bleibt auf der Schwelle der historischen Gesellschaft ohnmächtig
stehen, weil er die treibende Kraft in der Entwicklung historischer Formen, den Klassenkampf, nicht
erkennen will. Die Moral ist nur eine der ideologischen Funktionen in diesem Kampf. Die herrschende
Klasse zwingt ihre Ziele der Gesellschaft auf und gewöhnt sie daran, alle solche Mittel, die ihren Zielen
widersprechen, als unmoralisch anzusehen. Das ist die wichtigste Funktion der offiziellen Sittenlehre. Sie
verfolgt die Idee des „größtmöglichen Glücks“ nicht für die Mehrheit, sondern für eine sich ständig
verringernde Minderheit. Durch Gewalt allein könnte sich ein solches Regime auch nicht eine Woche
lang halten. Es braucht den moralischen Zement. Das Mischen dieses Zements bildet den Beruf der
kleinbürgerlichen Theoretiker und Moralisten. Sie schillern zwar in allen Regenbogenfarben, letzten
Endes bleiben sie jedoch ohne Ausnahme Apostel der Sklaverei und der Unterwerfung.
„Moralvorschriften, die für alle bindend sind.“
Wer nicht zu Moses, Christus oder Mohammed zurückkehren will und wer nicht mit eklektischem
Hokuspokus zufrieden ist, muß einsehen, daß die Moral ein Produkt der historischen Entwicklung ist,
daß es in ihr nichts Unveränderliches gibt, daß sie sozialen Interessen dient, daß diese Interessen
widerspruchsvoll sind, daß die Moral mehr als irgendeine andere ideologische Form Klassencharakter
trägt.
Aber existieren denn keine elementaren moralischen Vorschriften, die sich in der Entwicklung der
Menschheit als integraler Bestandteil der Existenz jeder kollektiven Körperschaft herausgebildet haben?
Solche Vorschriften existieren unzweifelhaft, aber ihr Aktionsradius ist äußerst begrenzt und unstabil. Je
schärferen Charakter der Klassenkampf annimmt, desto wirkungsloser werden die Normen, die „für alle
bindend sind.“ Der Kulminationspunkt des Klassenkampfes ist der Bürgerkrieg, der alle moralischen
Bande zwischen den feindlichen Klassen in die Luft sprengt.
Unter „normalen“ Bedingungen befolgt ein „normaler“ Mensch das Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Aber
wenn er unter der anormalen Bedingung der Notwehr tötet, verzeiht ihm der Richter seine Handlung.
Wenn er das Opfer eines Mörders wird, wird das Gericht den Mörder töten. Die Notwendigkeit der
Handlung des Gerichts als einer Selbstverteidigung ergibt sich aus antagonistischen Interessen. Was den
Staat angeht, so beschränkt er sich in Friedenszeiten auf vereinzelte Fälle des legalisierten Mords, um in
Kriegszeiten das „bindende“ Gebot: „Du sollst nicht töten“ in sein Gegenteil zu verwandeln. Die
„humansten“ Regierungen, die in Friedenszeiten den Krieg „verabscheuen“, erklären während des
Krieges die Ausrottung einer größtmöglichen Zahl von Menschen zur höchsten Pflicht ihrer Armeen.
Die sogenannten „allgemein anerkannten“ Moralvorschriften haben im Wesen der Sache einen
algebraischen, d.h. unbestimmten Charakter. Sie drücken nur die Tatsache aus, daß der Mensch in
seinem individuellen Benehmen durch eine gewisse Anzahl allgemeiner Normen gebunden ist, die sich
aus seiner Existenz als Mitglied der Gesellschaft ergeben. Die höchste Verallgemeinerung dieser
Normen ist der kategorische Imperativ von Kant. Aber trotz der Tatsache, daß dieser Imperativ einen
hohen Rang im philosophischen Olymp einnimmt, enthält er nichts Kategorisches, weil er nichts
Konkretes enthält. Er ist eine Schale ohne Kern.
Diese Leere in den für alle bindenden Vorschriften ergibt sich aus der Tatsache, daß die Menschen in
allen entscheidenden Fragen ihre Klassenzugehörigkeit bedeutend tiefer und direkter empfinden als ihre
Zugehörigkeit zur „Gesellschaft“. Die „bindenden“ Moralvorschriften besitzen in Wirklichkeit
Klasseninhalt. Das heißt einen antagonistischen Inhalt. Die sittliche Norm wird um so kategorischer, je
weniger sie für alle bindend ist. Die Solidarität der Arbeiter, im besonderen der Streikenden oder
Barrikadenkämpfer, ist unvergleichlich „kategorischer“ als die menschliche Solidarität im allgemeinen.
Die Bourgeoisie, die das Proletariat an Vollständigkeit und Unversöhnlichkeit des Klassenbewußtseins
bei weitem übertrifft, hat ein Lebensinteresse daran, ihre Moralphilosophie den ausgebeuteten Massen
aufzuzwingen. Eben zu diesem Zweck werden die konkreten Vorschriften des bürgerlichen Katechismus
hinter moralischen Abstraktionen versteckt, die dem Patronat von Religion, Philosophie oder von jenem
Bastard, den man „gesunden Menschenverstand“ nennt, unterstellt werden. Der Appell an abstrakte
Normen ist kein uneigennütziger philosophischer Fehler, sondern ein notwendiges Element in der
Mechanik des Klassenbetrugs. Die Entlarvung dieses Betrugs, der über eine vieltausendjährige Tradition
verfügt, gehört zur obersten Pflicht des proletarischen Revolutionärs.
Die Krise der Demokratischen Moral
Um den Sieg ihrer Interessen in großen Fragen zu sichern, sind die herrschenden Klassen bereit, in
zweitrangigen Fragen Konzessionen zu machen, natürlich nur so lange, wie sich diese Konzessionen mit
der Buchführung vertragen. In der Epoche des kapitalistischen Aufschwungs, besonders in den letzten
Jahrzehnten vor dem Weltkrieg, waren diese Konzessionen durchaus real, zum mindesten in Bezug auf
die oberen Schichten des Proletariats. Die Industrie dehnte sich zu dieser Zeit fast ununterbrochen aus.
Der Reichtum der zivilisierten Nationen und teilweise auch der arbeitenden Massen wuchs an. Die
Demokratie schien gesichert. Die Arbeiterorganisationen wuchsen. Gleichzeitig vertieften sich die
reformistischen Tendenzen. Die Beziehungen zwischen den Klassen nahmen, wenigstens äußerlich, an
Spannung ab. So entstanden parallel mit den Normen der Demokratie und den Gewohnheiten der
Klassenzusammenarbeit gewisse elementare Moralvorschriften in den Gesellschaftsbeziehungen. Der
Eindruck einer stets freier, gerechter und menschlicher werdenden Gesellschaft wurde geschaffen. Die
aufsteigende Linie des Fortschritts schien dem „gesunden Menschenverstand“ unendlich.
Stattdessen brach jedoch der Krieg aus mit seinem Gefolge von Erschütterungen, Krisen, Katastrophen,
Epidemien und Bestialitäten. Das Wirtschaftsleben der Menschheit geriet in eine Sackgasse. Die
Klassengegensätze traten scharf und nackt hervor. Die Sicherheitsventile der Demokratie begannen eins
nach dem anderen zu explodieren. Die elementaren Moralvorschriften erwiesen sich gar noch
zerbrechlicher als die demokratischen Einrichtungen und die reformistischen Illusionen. Lügenhaftigkeit,
Verleumdung, Bestechung, Käuflichkeit, Zwang und Mord nahmen ungeahnte Ausmaße an. Dem
verdutzten Einfaltspinsel erschienen alle diese Laster als ein vorübergehendes Resultat des Krieges. In
Wirklichkeit handelt es sich um Erscheinungen des imperialistischen Niedergangs. Der Verfall des
Kapitalismus bestimmt den Verfall der heutigen Gesellschaft mit ihrem Recht und ihrer Moral.
Die „Synthese“ der imperialistischen Schändlichkeit ist der Faschismus, das direkte Resultat des
Bankerotts der bürgerlichen Demokratie angesichts der Aufgaben der imperialistischen Epoche.
Rudimente der Demokratie existieren nur noch in den reichen kapitalistischen Aristokratien: Auf jeden
„Demokraten“ in England, Frankreich, Holland und Belgien kommt eine bestimmte Anzahl von
Kolonialsklaven: „60 Familien“ beherrschen die Demokratie der Vereinigten Staaten, und so weiter.
Überdies befinden sich faschistische Schößlinge in allen Demokratien in raschem Wachstum. Der
Stalinismus ist einerseits das Produkt des imperialistischen Drucks auf einen rückständigen und isolierten
Arbeiterstaat, der auf seine Art ein symmetrisches Komplement zum Faschismus darstellt. Während
idealistische Philister – die Anarchisten natürlich immer an der Spitze – in ihrer Presse unermüdlich die
marxistische „Amoral“ entlarven, geben die amerikanischen Trusts, nach Angabe von John L. Lewis
(C.I.0.), nicht weniger als 80 Millionen Dollar im Jahr für den praktischen Kampf gegen die
revolutionäre „Demoralisierung“ aus, d.h. für Spionage, Bestechung von Arbeitern, Justizverbrechen und
heimliche Morde. Der kategorische Imperativ wählt bisweilen Umwege, um zum Sieg zu gelangen! Der
Gerechtigkeit halber wollen wir zugeben, daß die ehrlichsten und gleichzeitig beschränktesten
kleinbürgerlichen Moralisten selbst heute noch in der idealisierten Erinnerung an die Vergangenheit und
in der Hoffnung auf ihre Rückkehr leben. Sie verstehen nicht, daß die Moral eine Funktion des
Klassenkampfes ist, daß die demokratische Moral der Epoche des liberalen und fortschrittlichen
Kapitalismus entspricht, daß die Zuspitzung des Klassenkampfes, der seine letzte Phase durchläuft, diese
Moral endgültig und unwiderruflich zerstört hat, daß an ihre Stelle einerseits die Moral des Faschismus,
andererseits die Moral der proletarischen Revolution trat.
„Der gesunde Menschenverstand“
Die Demokratie und die „allgemein anerkannte“ Moral sind nicht die alleinigen Opfer des Imperialismus.
Der dritte leidende Märtyrer ist der „universale“ gesunde Menschenverstand. Diese niedrigste Form des
Intellekts ist nicht nur unter allen Umständen absolut erforderlich, sondern unter gewissen Umständen
auch ausreichend. Das grundlegende Kapital des gesunden Menschenverstandes besteht aus den
elementaren Schlüssen der allgemeinen Erfahrung: man soll seine Finger nicht ins Feuer stecken,
möglichst eine gerade Linie einschlagen, keinen bissigen Hund reizen… und so weiter und so fort. In
einem stabilen sozialen Milieu reicht der gesunde Menschenverstand aus, um Geschäfte zu machen,
Kranke zu heilen, Artikel zu schreiben, Gewerkschaften zu leiten, im Parlament abzustimmen, sich zu
verheiraten und die Rasse zu erneuern. Aber wenn derselbe gesunde Menschenverstand versucht, die ihm
gesetzten Grenzen zu überschreiten, und die Ebene komplexer Verallgemeinerung betritt, erweist er sich
als eine Anhäufung von Vorurteilen einer bestimmten Klasse und einer bestimmten Epoche. Schon eine
gewöhnliche kapitalistische Krise bringt den gesunden Menschenverstand in eine Sackgasse; und
gegenüber solchen Katastrophen wie Revolution, Konterrevolution und Krieg entlarvt sich der gesunde
Menschenverstand als vollkommener Narr. Um die katastrophalen Störungen des „normalen“ Ablaufs der
Dinge zu erfassen, ist jene höhere Qualität des lntellekts erforderlich, die bisher ihren philosophischen
Ausdruck nur im dialektischen Materialismus gefunden hat.
Max Eastman, der mit Erfolg versucht, den „gesunden Menschenverstand“ mit einem äußerst
anziehenden literarischen Stil auszustatten, hat den Kampf gegen die Dialektik zu nichts weniger als
seinem Beruf gemacht. Eastman hält ernsthaft die Verkupplung der konservativen Banalitäten des
gesunden Menschenverstandes mit gutem Stil für „die Wissenschaft der Revolution“. Indem er die
reaktionären Snobs des Common Sense unterstützt, offenbart er der Menschheit mit unnachahmlicher
Sicherheit: hätte Trotzki sich statt von der marxistischen Doktrin vom gesunden Menschenverstand leiten
lassen, er würde … die Macht nicht verloren haben. Jene innere Dialektik, die bisher in der
unvermeidlichen Aufeinanderfolge bestimmter Stadien in allen Revolutionen aufgetreten ist, existiert für
Eastman nicht. Für ihn erklärt sich die Ablösung der Revolution durch die Reaktion durch ungenügenden
Respekt vor dem gesunden Menschenverstand. Eastman versteht nicht, daß es gerade Stalin war, der
historisch gesehen dem gesunden Menschenverstand, d.h. dessen Unzulänglichkeit, zum Opfer fiel, weil
die von ihm ausgeübte Macht dem Bolschewismus feindlichen Zielen dient. Andererseits erlaubte uns die
marxistische Doktrin, uns rechtzeitig von der thermidorianischen Bürokratie zu trennen und weiterhin
den Zielen des internationalen Sozialismus zu dienen.
Jede Wissenschaft, und in diesem Sinne also auch die „Wissenschaft der Revolution“, wird durch die
Erfahrung geprüft. Da Eastman so gut weiß, wie man die revolutionäre Macht unter der Bedingung der
Weltreaktion behält, weiß er hoffentlich auch, wie man die Macht erobert. Es wäre sehr zu wünschen,
daß er endlich seine Geheimnisse enthüllt. Am besten würde er dies in der Form eines
Programmentwurfs für eine revolutionäre Partei tun unter dem Titel: Wie erobern und behalten wir die
Macht? Wir fürchten jedoch, daß gerade der gesunde Menschenverstand Eastman von solch einem
gefährlichen Unternehmen abhalten wird. Und in diesem Falle müssen wir dem gesunden
Menschenverstand Recht geben.
Die marxistische Doktrin, die Eastman leider niemals verstand, gestattete uns vorauszusehen, daß unter
gewissen historischen Umständen der Sowjetthermidor mit einem ganzen Gefolge von Verbrechen
unvermeidlich war. Dieselbe Doktrin hat seit langem den Niedergang der bürgerlichen Demokratie und
ihrer Moral vorausgesagt. Die Doktrinäre des „gesunden Menschenverstands“ dagegen wurden von
Faschismus und Stalinismus überrumpelt. Der gesunde Menschenverstand arbeitet mit unveränderlichen
Größen in einer Welt, wo nur die Veränderung beständig ist. Die Dialektik dagegen begreift alle
Erscheinungen, Einrichtungen und Normen in ihrem Entstehen, Bestehen und Vergehen. Die dialektische
Auffassung der Moral als eines abhängigen und vergänglichen Produktes des Klassenkampfes erscheint
dem gesunden Menschenverstand als „amoralische“. Und doch gibt es nichts Flacheres, Schaleres,
Selbstzufriedeneres und Zynischeres als die Moralvorschriften des gesunden Menschenverstandes!
Die Moralisten der G.P.U.
Die Moskauer Prozesse gaben Anlaß zu einem Kreuzzug gegen die „Amoral“ des Bolschewismus.
Dieser Kreuzzug begann jedoch keineswegs sofort. Die Wahrheit ist, daß die Moralisten in ihrer
Mehrzahl die direkten oder indirekten Freunde des Kremls waren. Als solche versuchten sie lange, ihre
Bestürzung zu verstecken, und taten gar, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Und doch waren
die Moskauer Prozesse alles andere als ein Zufall. Servile Unterwürfigkeit, Heuchelei, der offizielle Kult
der Lüge, Bestechung und andere Formen der Korruption begannen bereits in den Jahren 1924- 25
offensichtlich in Moskau aufzublühen. Die zukünftigen Justizverbrechen wurden offen vor den Augen
der ganzen Welt vorbereitet. Es fehlte nicht an Warnungen. Die „Freunde“ zogen jedoch vor, nichts zu
sehen. Kein Wunder: die Mehrzahl dieser Herren stand seinerzeit der Oktoberrevolution in
unversöhnlicher Feindschaft gegenüber und versöhnte sich erst mit der Sowjetunion in dem Maße, wie
ihre thermidorianische Entartung fortschritt: die kleinbürgerlichen Demokraten des Westens erkannten in
den kleinbürgerlichen Demokraten des Ostens verwandte Seelen.
Glaubten diese Leute wirklich an die Moskauer Beschuldigungen? Nur die Allerbeschränktesten. Die
anderen wollten sich nur durch Aufdeckung der Wahrheit aus der Ruhe bringen lassen. Ist es vernünftig,
auf die schmeichelhafte, bequeme und oft gut bezahlte Freundschaft mit den Sowjetgesandtschaften zu
verzichten? Überdies – oh, das vergaßen sie nicht! – kann die indiskrete Wahrheit dem Prestige der
Sowjetunion schaden. Diese Leute deckten die Verbrechen auf Grund von zweckmäßigen Betrachtungen,
d.h. sie wandten bedenkenlos das Prinzip an: Der Zweck heiligt die Mittel.
Der Kronanwalt Pritt, der gerade zur rechten Zeit der stalinistischen Themis unter den Rock blicken
durfte und dort alles in Ordnung fand, übernahm die schamlose Initiative. Romain Rolland dessen
moralische Autorität vom Staatsverlag der Sowjetunion hoch taxiert wird, beeilte sich, eins seiner
Manifeste loszulassen, in denen sich melancholische Lyrik mit senilem Zynismus vereint. Die
französische Liga für Menschenrechte, die 1917 über „die Amoral Lenins und Trotzkis“ wetterte, als
diese das Militärbündnis mit Frankreich brachen, zögerte nicht, Stalins Verbrechen im Jahre 1936 im
Interesse des französisch-russischen Abkommens zu decken. Ein patriotischer Zweck heiligt bekanntlich
jedes Mittel. Die amerikanischen Zeitschriften ‚The Nation‘ und ‚The New Republic‘ schlossen vor
Jagodas Taten die Augen, da ihre „Freundschaft“ mit der Sowjetunion ihre eigene Autorität garantierte.
Noch vor kaum einem Jahr waren diese Herren keineswegs der Ansicht, Stalinismus und Trotzkismus
seien ein und dasselbe. Sie erklärten sich offen für Stalin, für seine Realpolitik, für seine Gerichtsbarkeit
und für seinen Jagoda. An diese Position klammerten sie sich, solange es ging.
Bis zum Augenblick der Hinrichtung Tuchatschewskis, Jakirs und der anderen beobachtete die
Großbourgeoisie der demokratischen Länder nicht ohne Vergnügen, wenn auch mit einer Mischung
Unbehagen, die Hinrichtung der Revolutionäre in der Sowjetunion. In diesem Sinne entsprachen ‚The
Nation‘ und ‚The New Republic‘, von Duranty, Louis Fischer und dergleichen Prostituierten der Feder gar
nicht zu reden, voll und ganz den Interessen des „demokratischen“ Imperialismus. Die Hinrichtung der
Generäle beunruhigte die Bourgeoisie und zwang sie zu verstehen, daß die fortschreitende Zersetzung
des stalinistischen Apparats Hitler, Mussolini und dem Mikado die Aufgabe erleichtert. Die ‚New York
Times‘ begann vorsichtig, aber hartnäckig, ihren eigenen Duranty zu korrigieren. Die Pariser ‚Temps‘
stellte einige Spalten zur Verfügung, um Licht auf die Lage in der Sowjetunion zu werfen. Die
kleinbürgerlichen Moralisten und Sykophanten waren schon von jeher nichts anderes als das dienstfertige
Echo der Kapitalistenklasse. Außerdem wurde es nach der Urteilsverkündung der Internationalen
Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von John Dewey für jeden Menschen mit auch nur einer
Spur von Denkvermögen klar, daß die weitere offene Verteidigung der G.P.U. mit der Gefahr des
politischen und moralischen Todes gleichbedeutend war. Erst in diesem Augenblick entschlossen sich die
„Freunde“, die ewigen moralischen Wahrheiten auf Gottes schöner Erde einzuführen, d.h. sich in die
zweite Schützengrabenlinie zurückzuziehen.
Nicht den letzten Platz unter den Moralisten nehmen erschrockene Stalinisten und Halb-Stalinisten ein.
Eugene Lyons lebte Jahre hindurch mit der thermidorianischen Clique im schönsten Einvernehmen und
fühlte sich beinahe selbst als Bolschewik. Als er sich – aus welchem Grunde ist uns gleichgültig – vom
Kreml zurückzog, schwebte er natürlich sofort in den Wolken des Idealismus. Liston Hook erfreute sich
bis vor kurzem eines solchen Vertrauens von Seiten der Komintern, daß sie ihn mit der Führung der
englischsprachlichen Propaganda für das republikanische Spanien beauftragte. Das hinderte ihn natürlich
nicht daran, sobald er einmal seinen Posten aufgegeben hatte, gleichzeitig das marxistische ABC
aufzugeben. Der heimatlose Walter Kriwitzki schloß sich nach seinem Bruch mit der G.P.U. ohne
Umschweife der bürgerlichen Demokratie an. Augenscheinlich ist dies auch die Metamorphose des
hochbejahrten Charles Rappoport. Leute dieses Schlages – und sie sind zahlreich – suchen, nachdem sie
den Stalinismus über Bord geworfen haben, in den Postulaten der abstrakten Sittenlehre eine
Entschädigung für die von ihnen erlebten Enttäuschungen und die ihren Idealen zugefügten
Erniedrigungen. Fragt sie: »Warum habt ihr das Lager der Komintern oder der G.P.U. mit dem der
Bourgeoisie vertauscht?« Ihre Antwort ist bereit: »Der Trotzkismus ist nicht besser als der Stalinismus«.
Die Anordnung der politischen Schachfiguren
»Trotzkismus ist revolutionäre Romantik; Stalinismus – Realpolitik.« Von dieser banalen
Gegenüberstellung, mit der der durchschnittliche Philister bis gestern seine Freundschaft mit dem
Thermidor gegen die Revolution rechtfertigte, bleibt heute auch nicht die Spur zurück. Trotzkismus und
Stalinismus werden überhaupt nicht mehr einander gegenübergestellt, sondern miteinander identifiziert.
Sie werden jedoch nur der Form, nicht dem Wesen nach miteinander identifiziert. Nachdem sich die
Demokraten auf den Meridian des „kategorischen Imperativs“ zurückgezogen haben, fahren sie in
Wirklichkeit fort, die G.P.U. zu verteidigen, nur auf eine verstecktere und perfidere Art. Wer das Opfer
verleumdet, hilft dem Henker. Hier wie sonst dient die Moral der Politik.
Der demokratische Philister und der stalinistische Bürokrat sind, wenn nicht gerade Zwillinge, so doch
Brüder im Geiste. Jedenfalls gehören sie dem gleichen politischen Lager an. Das gegenwärtige
Regierungssystem in Frankreich und – wenn wir die Anarchisten hinzurechnen – in Spanien hat die
Zusammenarbeit von Stalinisten, Sozialdemokraten und Liberalen zur Grundlage. Die britische
Unabhängige Arbeiterpartei sieht nur deshalb so mitgenommen aus, weil sie sich eine Reihe von Jahren
hindurch der Umarmung durch die Komintern nicht entzogen hat. Die französische Sozialistische Partei
schloß die Trotzkisten gerade zu der Zeit aus ihren Reihen aus, als sie die Verschmelzung mit den
Stalinisten vorbereitete. Wenn die Verschmelzung bisher nicht zustande kam, so nicht wegen
prinzipieller Meinungsverschiedenheiten – welche bleiben noch übrig? – sondern weil die
sozialdemokratischen Karrieristen für ihre Posten fürchteten. Norman Thomas erklärte nach seiner
Rückkehr aus Spanien, daß die Trotzkisten „objektiv“ Franco helfen, und mit dieser subjektiven
Absurdität leistete er den G.P.U.-Henkern einen objektiven Dienst. Dieser Gerechte schloß die
amerikanischen „Trotzkisten“ genau zu dem Zeitpunkt aus seiner Partei aus, als die G.P.U. deren
Gesinnungsgenossen in der Sowjetunion und in Spanien niedermachte. Trotz ihrer „Amoral“ sind die
Stalinisten in vielen demokratischen Ländern mit Erfolg in den Regierungsapparat eingedrungen. In den
Gewerkschaften leben sie im besten Einvernehmen mit Bürokraten anderer Schattierungen. Zwar nehmen
die Stalinisten eine äußerst leichtfertige Haltung gegenüber dem Strafgesetzbuch ein und schrecken
dadurch ihre „demokratischen“ Freunde in friedlichen Zeiten ab; aber unter außerordentlichen Umständen
werden sie um so sicherer die Führer der Kleinbourgeoisie gegen das Proletariat, wie es das spanische
Beispiel zeigt.
Die Zweite und die Amsterdamer Internationale übernahmen natürlich nicht die Verantwortung für die
Justizverbrechen; dies überließen sie der Komintern. Sie selbst verhielten sich ruhig. Privat erklärten sie,
daß sie vom Standpunkt der „Moral“ gegen Stalin seien, vom Standpunkt der Politik jedoch – für ihn.
Erst als die Volksfront in Frankreich unheilbare Risse bekam und die Sozialisten sich gezwungen sahen,
an den morgigen Tag zu denken, fand Leon Blum auf dem Boden seines Tintenfasses die geeignete
Formulierung seiner moralischen Entrüstung.
Otto Bauer verurteilte schonungsvoll die Wyschinskysche Rechtsprechung, nur um Stalins Politik mit
desto größerer „Unparteilichkeit“ unterstützen zu können. Das Schicksal des Sozialismus, erklärte Bauer
kürzlich, ist mit dem Schicksal der Sowjetunion verbunden. »Und das Schicksal der Sowjetunion«, fährt
er fort, »ist das Schicksal des Stalinismus, so lange nicht (!) die innere Entwicklung der Sowjetunion
selbst die stalinistische Phase der Entwicklung überwindet«. In diesem bemerkenswerten Satz spiegelt
sich der ganze Bauer, der ganze Austromarxismus, die ganze Heuchelei und Fäulnis der
Sozialdemokratie! „So lange“ die stalinistische Bürokratie genügend stark ist, die fortschrittlichen
Vertreter der „inneren Entwicklung“ abzuschlachten, hält Bauer mit Stalin. Wenn die revolutionären
Kräfte Bauer zum Trotz Stalin stürzen, dann wird Bauer großzügig die „innere Entwicklung“ anerkennen
– d.h. mit einer Verspätung von wenigstens 10 Jahren.
Hinter den alten Internationalen zottelt das Londoner Büro der Zentristen einher, welches die Merkmale
eines Kindergartens, einer Schule für geistig zurückgebliebene Jünglinge und eines Invalidenheims
harmonisch in sich vereint. Der Sekretär des Büros, Fenner Brockway, begann mit der Erklärung, daß
eine Untersuchung der Moskauer Prozesse „der Sowjetunion schaden“ könne, und schlug stattdessen eine
Untersuchung… der politischen Tätigkeit Trotzkis durch eine „unparteiische“ Kommission vor, die aus
fünf unversöhnlichen Gegnern Trotzkis bestehen sollte. Brandler und Lovestone solidarisierten sich
öffentlich mit Jagoda, sie zogen sich erst von Jeschow zurück. Jacob Walcher weigerte sich unter einem
offensichtlich falschen Vorwand, vor der von John Dewey geleiteten Internationalen
Untersuchungskommission eine für Stalin ungünstige Zeugenaussage zu machen. Die verfaulte Moral
dieser Leute ist nur ein Produkt ihrer verfaulten Politik.
Die erbärmlichste Rolle dürften jedoch die Anarchisten spielen. Wenn Stalinismus und Trotzkismus ein
und dasselbe sind, wie sie in jedem Satz behaupten, weshalb sind dann die spanischen Anarchisten den
Stalinisten dabei behilflich, sich an den Trotzkisten und gleichzeitig an den revolutionären Anarchisten
zu rächen? Die ehrlicheren unter den anarchistischen Theoretikern antworten: damit bezahlen wir die
Waffenlieferungen. Mit anderen Worten: das Ziel heiligt die Mittel. Aber was ist ihr Ziel? Die Anarchie?
Der Sozialismus? Nein, nur die Rettung eben derselben bürgerlichen Demokratie, die den Erfolg des
Faschismus vorbereitete. Niedrigen Zielen entsprechen niedrige Mittel. Das ist die wirkliche Stellung der
Figuren auf dem politischen Schachbrett der Welt!
Der Stalinismus – ein Produkt der alten Gesellschaft
Rußland machte den grandiosesten Sprung vorwärts in der Geschichte, einen Sprung, in dem die
fortschrittlichen Kräfte des Landes ihren Ausdruck fanden. In der gegenwärtigen Reaktion, deren
Schwung dem der Revolution proportional ist, nimmt die Rückständigkeit ihre Rache. Der Stalinismus
verkörpert diese Reaktion. Die Barbarei der alten russischen Gesellschaft auf neuen sozialen Grundlagen
erscheint um so ekelhafter, als sie gezwungen ist sich hinter einer in der Geschichte beispiellosen
Heuchelei zu verstecken.
Die Liberalen und Sozialdemokraten des Westens, die die russische Revolution gezwungen hatte an
ihren vermoderten Ideen zu zweifeln, bekamen nunmehr neuen Mut. Das moralische Krebsgeschwür der
stalinistischen Bürokratie schien ihnen eine Wiederherstellung des Liberalismus zu sein. Stereotype
Sprüchlein werden ans Tageslicht gezogen: „Jede Diktatur enthält den Keim ihrer eigenen Entartung“,
„nur die Demokratie garantiert die Entwicklung der Persönlichkeit“, und so weiter. Vom theoretischen
Standpunkt gesehen verblüfft einen die Gegenüberstellung von Demokratie und Diktatur, die im
gegebenen Fall eine Verurteilung des Sozialismus zu Gunsten der bürgerlichen Demokratie einschließt,
durch ihren Grad an Unwissenheit und Gewissenlosigkeit. Die Schande des Stalinismus, eine historische
Realität, wird der Demokratie, einer suprahistorischen Abstraktion, gegenübergestellt. Jedoch besitzt die
Demokratie ebenfalls ihre Geschichte, in der es nicht an Schändlichkeiten fehlt. Um die Sowjetbürokratie
zu charakterisieren, haben wir die Bezeichnungen Thermidor und Bonapartismus der Geschichte der
bürgerlichen Demokratie entlehnt, weil – mögen die verspäteten liberalen Doktrinäre dies zur Kenntnis
nehmen, – die Demokratie keineswegs auf demokratischem Weg zur Welt gekommen ist. Nur ein
vulgärer Geist kann sich damit begnügen, auf dem Thema herumzukauen, daß der Bonapartismus „der
natürliche Sprößling“ des Jakobinertums war, die historische Strafe für die Verletzung der Demokratie
und ähnliches mehr. Ohne die jakobinische Vergeltung am Feudalismus wäre die Entstehung der
bürgerlichen Demokratie absolut undenkbar. Die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen den
konkreten historischen Etappen des Jakobinertums, des Thermidors und Bonapartismus und der
idealisierten Abstraktion der „Demokratie“ ist ebenso fehlerhaft wie die Konstruktion eines Gegensatzes
zwischen den Geburtswehen und dem lebendigen Kind.
Der Stalinismus ist seinerseits keine Abstraktion der „Diktatur“, sondern die ungeheure bürokratische
Reaktion gegen die proletarische Diktatur in einem rückständigen und isolierten Land. Die
Oktoberrevolution vernichtete die Privilegien, führte Krieg gegen die soziale Ungleichheit, ersetzte die
Bürokratie durch die Selbstverwaltung der Arbeiter, schaffte die Geheimdiplomatie ab, erstrebte die
völlige Durchsichtigkeit aller sozialen Verhältnisse. Der Stalinismus führte die widerwärtigsten
Privilegien wieder ein, verlieh der Ungleichheit einen provokatorischen Charakter, erstickte die
Selbsttätigkeit der Massen in einem Polizeiabsolutismus, machte aus der Verwaltung ein Monopol für die
Kremloligarchie und erneuerte den Machtfetischismus in einer Art und Weise, wie es sich die absolute
Monarchie nicht hätte träumen lassen.
Die soziale Reaktion ist, wo immer sie auftritt, gezwungen, ihre wahren Ziele zu verstecken. Je schärfer
der Übergang von der Revolution zur Reaktion, je abhängiger die Reaktion von den Traditionen der
Revolution, d.h. je größer ihre Furcht vor den Massen – desto mehr ist sie gezwungen, im Kampf gegen
die Vertreter der Revolution zu Lüge und Fälschung zu greifen. Die stalinistischen Justizmorde sind kein
Ergebnis der bolschewistischen „Amoral“. Wie alle bedeutenden Ereignisse in der Geschichte sind sie ein
Produkt des konkreten sozialen Kampfes, und zwar des perfidesten und erbittertsten von allen: des
Kampfes einer neuen Aristokratie gegen die Massen, die sie zur Macht brachten.
Es erfordert wirklich eine bodenlose intellektuelle und moralische Stumpfheit, die reaktionäre
Polizeimoral des Stalinismus mit der revolutionären Moral der Bolschewiken zu identifizieren. Die
Partei Lenins hat seit langem aufgehört zu existieren – sie wurde zwischen inneren Schwierigkeiten und
dem Weltimperialismus zerrieben. An ihrer Stelle erhob sich die stalinistische Bürokratie, dieser
Übertragungsmechanismus des Imperialismus. Die Bürokratie ersetzte im Weltmaßstab den
Klassenkampf durch die Klassenzusammenarbeit, den Internationalismus durch den Sozialpatriotismus.
Um die herrschende Partei den Aufgaben der Reaktion anzupassen, „erneuerte“ die Bürokratie ihre
Zusammensetzung, indem sie Revolutionäre hinrichtete und Karrieristen rekrutierte.
Jede Reaktion erneuert, nährt und kräftigt diejenigen Elemente der historischen Vergangenheit, denen die
Revolution einen Streich versetzte, ohne sie endgültig überwinden zu können. Die Methoden des
Stalinismus treiben alle jene Methoden der Lüge, Brutalität und Gemeinheit, die den
Herrschaftsmechanismus einer jeden Klassengesellschaft, unter Einschluß auch der Demokratie,
darstellen, zu ihrer höchsten Spannung, zur Kulmination und dadurch zur Absurdität. Der Stalinismus ist
nichts als eine Sammlung aller Ungeheuerlichkeiten des historischen Staates, dessen boshafteste
Karikatur und abscheulichste Grimasse. Wenn die Vertreter der alten Gesellschaft dem Krebsgeschwür
des Stalinismus puritanisch eine sterilisierte demokratische Abstraktion gegenüberstellen, können wir
ihnen, wie der gesamten alten Gesellschaft, mit vollem Recht empfehlen, sich in dem verzerrten Spiegel
des Sowjetthermidors selbst zu bewundern. Zwar übertrifft die G.P.U. in der Nacktheit ihrer Verbrechen
bei weitem alle anderen Herrschaftsformen. Aber das erklärt sich aus dem ungeheuren Ausmaß der
Ereignisse, die das vom verfallenden Weltimperialismus umgebene Rußland erschüttern.
Unter den Liberalen und Radikalen gibt es eine Reihe von Leuten, die sich die Methode der
materialistischen Interpretation der Ereignisse angeeignet haben und sich selbst für Marxisten halten.
Dies hindert sie jedoch nicht daran, bürgerliche Journalisten, Professoren oder Politiker zu bleiben. Ein
Bolschewik, der die materialistische Methode nicht auch in der Sphäre der Moral anwendet, ist natürlich
unvorstellbar. Aber diese Methode dient ihm nicht allein zur Interpretation der Ereignisse, sondern in
erster Linie zur Schaffung der revolutionären Partei des Proletariats. Ohne völlige Unabhängigkeit von
der Bourgeoisie und ihrer Moral ist diese Aufgabe unmöglich zu erfüllen. Jedoch regiert gegenwärtig die
bürgerliche öffentliche Meinung in vollem Ausmaß über die offizielle Arbeiterbewegung, von William
Green in den Vereinigten Staaten über Léon Blum und Maurice Thorez in Frankreich bis zu Garcia
Oliver in Spanien. In dieser Tatsache findet der reaktionäre Charakter der gegenwärtigen Periode seinen
schärfsten Ausdruck.
Ein revolutionärer Marxist kann eine historische Mission nicht beginnen, ohne moralisch mit der
bürgerlichen öffentlichen Meinung und deren Agenturen im Proletariat gebrochen zu haben. Hierzu ist
moralischer Mut eines ganz anderen Kalibers erforderlich, als in Versammlungen den Mund aufzureißen
und „Nieder mit Hitler!“,“Nieder mit Franco!“ zu schreien. Eben dieser entschlossene, völlig
durchdachte, unbeugsame Bruch der Bolschewiken mit der konservativen Moralphilosophie versetzt den
demokratischen Phrasendreschern, Salonpropheten und Kaffeehaushelden einen tödlichen Schreck.
Hieraus leiten sich ihre Klagen über die „Amoral“ der Bolschewiken ab. Daß diese Leute bürgerliche
Moral mit Moral „im allgemeinen“ identifizieren, kann vielleicht am besten auf dem äußersten linken
Flügel der Kleinbourgeoisie, bei den zentristischen Parteien des sogenannten Londoner Büros,
nachgewiesen werden. Da diese Organisation das Programm der proletarischen Revolution anerkennt“,
scheinen unsere Differenzen mit ihr auf den ersten Blick zweitrangiger Natur. In Wirklichkeit ist ihre
„Anerkennung“ wertlos, weil sie sie zu nichts verpflichtet. Sie anerkennen“ die proletarische Revolution,
wie die Kantianer den kategorischen lmperativ anerkennen, d.h. als ein heiliges Prinzip, das jedoch im
täglichen Leben unanwendbar ist. In der Sphäre der praktischen Politik vereinigen sie sich mit den
schlimmsten Feinden der Revolution (Reformisten und Stalinisten) zum Kampf gegen uns. Ihr ganzes
Denken ist mit Doppelzüngigkeit und Lüge durchtränkt. Wenn sich die Zentristen im allgemeinen nicht
zu größeren Verbrechen aufschwingen, so nur, weil sie ewig auf den Seitenwegen der Politik verbleiben:
sie sind sozusagen kleine Taschendiebe der Geschichte. Eben deshalb fühlen sie sich berufen, die
Arbeiterbewegung mit einer neuen Moral zu regenerieren.
Auf dem äußersten linken Flügel dieser „linken“ Brüderschaft steht eine kleine und politisch völlig
bedeutungslose Gruppe deutscher Emigranten, die das Blatt ‚Neuer Weg‘ herausgeben. Laßt uns tiefer
hinabsteigen und diesen „revolutionären“ Anklägern der bolschewistischen „Amoral“ lauschen. In einem
zweideutigen und halb lobenden Ton erklärt der ‚Neue Weg‘, daß sich die Bolschewiken von den anderen
Parteien durch ihren Verzicht auf Heuchelei vorteilhaft unterscheiden – sie bekennen sich offen zu dem
Prinzip, das andere nur schweigend anwenden, nämlich „Der Zweck heiligt die Mittel“. Aber nach der
Überzeugung des ‚Neuen Weg‘ ist dieser „bürgerliche“ Satz mit einer „gesunden sozialistischen
Bewegung“ unvereinbar. „Die Lüge und Schlimmeres sind keine erlaubten Kampfmittel, wie Lenin noch
annahm“. Das Wort „noch“ bedeutet augenscheinlich, daß Lenin seine Irrtümer nur deshalb nicht
überwand, weil er die Entdeckung des Neuen Weg nicht mehr erlebte.
In der Formulierung: „Lüge und Schlimmeres“ bedeutet „Schlimmeres“ offenbar Gewalt, Mord und so
weiter, da unter gleichen Bedingungen Gewalt schlimmer ist als Lüge, und Mord – die extremste Form
der Gewalt. Wir kommen also zu dem Schluß, daß Lüge, Gewalt und Mord mit einer „gesunden
sozialistischen Bewegung“ unvereinbar sind. Was ist jedoch unsere Beziehung zur Revolution? Der
Bürgerkrieg ist der grausamste aller Kriege. Er ist unter den heutigen Bedingungen der Technik nicht nur
ohne Gewalt gegen Unbeteiligte, sondern selbst ohne Mord an Greisen und Kindern unvorstellbar. Muß
man an Spanien erinnern? Die einzig mögliche Antwort der „Freunde“ des republikanischen Spanien
lautet: Bürgerkrieg ist besser als faschistische Sklaverei. Aber diese vollkommen richtige Antwort
bedeutet nur, daß der Zweck (Demokratie oder Sozialismus) unter gewissen Bedingungen solche Mittel
wie Gewalt und Mord heiligt. Von Lügen gar nicht zu reden! Ein Krieg ohne Lügen ist ebenso
unvorstellbar wie eine Maschine ohne Öl. Um die Cortessitzung (1. Februar 1938) vor faschistischen
Bomben zu schützen, belog die Barcelonaer Regierung sogar mehrmals vorsätzlich die Journalisten und
ihre eigene Bevölkerung. Hätte sie überhaupt anders handeln können? Wer das Ziel Sieg über Franco,
akzeptiert, muß auch das Mittel akzeptieren: den Bürgerkrieg mit seinem Gefolge von Schrecken und
Verbrechen. Aber nichtsdestoweniger sind doch Lüge und Gewalt „an sich“ zu verurteilen?
Selbstverständlich: ebenso wie die Klassengesellschaft, die sie erzeugt. Eine Gesellschaft ohne soziale
Widersprüche wird natürlich eine Gesellschaft ohne Lüge und Gewalt sein. Doch kann man zu dieser
Gesellschaft nicht anders eine Brücke schlagen, als unter Anwendung von revolutionären, d.h.
gewaltsamen Mitteln. Die Revolution ist selbst ein Produkt der Klassengesellschaft und trägt
notwendigerweise deren Züge. Vom Standpunkt der „ewigen Wahrheiten“ ist die Revolution natürlich
„unmoralisch“. Aber das besagt nur, daß die idealistische Moral konterrevolutionär ist, d.h. im Dienst der
Ausbeuter steht.
»Der Bürgerkrieg«, wird der verdutzte Philosoph vielleicht antworten, »ist aber eine beklagenswerte
Ausnahme. In Friedenszeiten sollte jedoch eine gesunde sozialistische Bewegung ohne Gewalt und
Lügen auskommen können«. Eine derartige Antwort stellt jedoch nur eine pathetische Ausflucht dar. Es
gibt keine unüberschreitbare Grenzlinie zwischen „friedlichem“ Klassenkampf und Revolution. Jeder
Streik enthält alle Elemente des Bürgerkriegs im Keim. Jede Seite versucht, den Gegner durch eine
übertriebene Darstellung ihrer Kampfentschlossenheit und ihrer materiellen Hilfsquellen zu
beeindrucken. Durch ihre Presse, Agenten und Spione tun die Kapitalisten ihr Möglichstes, die
Streikenden einzuschüchtern und zu demoralsieren. Die Streikwachen der Arbeiter sind ihrerseits
gezwungen, wo Überzeugung nicht hilft, zur Gewalt zu greifen. So sind „Lüge und Schlimmeres“ vom
Klassenkampf, selbst in seiner elementarsten Form, nicht zu trennen. Dem bleibt hinzuzufügen, daß
selbst die Begriffe von Wahrheit und Lüge aus sozialen Widersprüchen geboren wurden.
Die Revolution und die Einrichtung der Geisel
Stalin verhaftet und erschießt die Kinder seiner Gegner, nachdem diese Gegner auf Grund falscher
Anklagen hingerichtet worden sind. Diejenigen Sowjetdiplomaten, die sich einen Ausdruck des Zweifels
an der Unfehlbarkeit Jagodas oder Jeshows erlaubten, zwingt Stalin, aus dem Ausland zurückzukehren,
indem er ihre Familien als Geiseln nimmt. Die Moralisten des ‚Neuen Weg‘ halten es für notwendig und
an der Zeit, uns bei dieser Gelegenheit an die Tatsache zu erinnern, daß Trotzki im Jahre 1919
„ebenfalls“ ein Gesetz über Geiseln einführte Aber hier müssen wir wörtlich zitieren: »Die
Haftbarmachung unschuldiger Angehöriger durch Stalin ist eine abscheuliche Barbarei. Sie bleibt es aber
auch, wenn sie von Trotzki dekretiert ist (1919).« Da haben wir die idealistische Moral in ihrer ganzen
Schönheit! Ihre Kriterien sind so falsch wie die Normen der bürgerlichen Demokratie – in beiden Fällen
wird Gleichheit dort vorausgesetzt, wo es in Wirklichkeit nicht die Spur davon gibt.
Wir wollen hier nicht auf der Tatsache bestehen, daß das Dekret von 1919 kaum zu einer einzigen
Hinrichtung von Angehörigen jener Offiziere führte, deren Verrat nicht nur den Verlust unzähliger
Menschenleben verursachte, sondern die Revolution selbst mit direkter Vernichtung bedrohte. Das ist
letzten Endes nicht die Frage. Wenn die Revolution von Anfang an weniger überflüssige Großmut
entfaltet hätte, wären Hunderttausende von Menschenleben gespart worden. So oder so trage ich die volle
Verantwortung für das Dekret von 1919. Es war eine notwendige Maßnahme im Kampf gegen die
Unterdrücker. Nur im historischen Inhalt des Kampfes liegt die Rechtfertigung des Dekrets wie im
allgemeinen die Rechtfertigung des Bürgerkriegs, der ebenfalls nicht ohne Berechtigung eine
„abscheuliche Barbarei“ genannt werden kann.
Wir überlassen es einem Emil Ludwig oder seinesgleichen, das Portrait Abraham Lincolns mit rosigen
Flügelchen an den Schultern zu zeichnen. Lincolns Bedeutung liegt darin, daß er vor den schärfsten
Mitteln nicht zurückschreckte, sobald er sie zur Erreichung des großen historischen Ziels, das der jungen
Nation von der Entwicklung gesteckt wurde, notwendig erachtete. Die Frage geht nicht einmal darum,
welches der beiden kriegführenden Lager die größte Zahl von Opfern erlitt oder verursachte. Die
Geschichte hat verschiedene Maßstäbe für die Grausamkeit der Nordtruppen und der Südtruppen im
Bürgerkrieg. Mögen verächtliche Eunuchen nicht erzählen, der Sklavenbesitzer, der durch List und
Gewalt den Sklaven in Ketten hält, und der Sklave, der durch List oder Gewalt die Ketten zerbricht,
seien vor dem Gericht der Moral gleich!
Nachdem die Pariser Kommune in Blut ertränkt worden war und das reaktionäre Gesindel der ganzen
Welt deren Banner in den Kot der Schmähungen und Verleumdungen zog, paßten sich nicht wenige
demokratische Philister der Reaktion an und beschimpften die Kommunarden wegen der Erschießung
von 64 Geiseln mit dem Pariser Erzbischof an der Spitze. Marx zögerte keinen Augenblick, diese Bluttat
der Kommune zu verteidigen. In einer Adresse des Generalrats der Ersten Internationale, in deren Zeilen
man echte brodelnde Lava verspürt, ruft uns Marx zuerst ins Gedächtnis, daß die Bourgeoisie im Kampfe
sowohl gegen die Kolonialvölker wie gegen die eigenen arbeitenden Massen Geiseln genommen hat,
danach erinnert er an die systematische Erschießung der gefangenen Kommunekämpfer durch die
wahnsinnige Reaktion und fährt fort: »…der Kommune blieb nichts übrig, zum Schutz des Lebens dieser
Gefangenen, als zur preußischen Sitte des Geiselngreifens ihre Zuflucht zu nehmen. Das Leben der
Geiseln war aber und abermals verwirkt durch das anhaltende Erschießen von Gefangenen durch die
Versailler. Wie konnte man ihrer noch länger schonen nach dem Blutbade, womit Mac-Mahons
Prätorianer ihren Einmarsch in Paris feierten? Sollte auch das letzte Gegengewicht gegen die
rücksichtslose Wildheit der Bourgeoisieregierungen die Ergreifung von Geiseln – zum bloßen Gespött
werden.« So verteidigte Marx die Hinrichtung der Geiseln, trotzdem hinter seinem Rücken im Generalrat
nicht wenige Fenner Brockways, Norman Thomas und sonstige Otto Bauers saßen. Aber die Empörung
des Weltproletariats gegen Greuel der Versailler war so frisch, daß die reaktionären Moralpfuscher
vorzogen zu schweigen und für sie günstigere Zeiten abzuwarten, die leider allzubald eintreffen sollten.
Erst nach dem endgültigen Triumph der Reaktion richteten die kleinbürgerlichen Moralisten zusammen
mit den Gewerkschaftsbürokraten und den anarchistischen Phrasenhelden die Erste Internationale zu
Grunde.
Als die Oktoberrevolution sich an einer Front von 8000 Kilometern gegen die vereinten Kräfte des
Imperialismus verteidigte, folgten die Arbeiter der ganzen Welt dem Verlauf des Kampfes mit solch
heißer Sympathie, daß es mit großem Risiko verbunden war, »die abscheuliche Barbarei« des
Geiselngreifens vor ihrem Forum anzuprangern. Die völlige Entartung der Sowjetunion und der Sieg der
Reaktion in einer Reihe von Ländern mußten eintreffen, ehe die Moralisten aus ihren Ritzen
hervorkrochen … um Stalin zu helfen. Denn wenn es wahr ist, daß die Repressalien zum Schutz der
Privilegien der neuen Aristokratie den gleichen moralischen Wert besitzen wie die revolutionären
Maßnahmen des Befreiungskampfes, dann ist Stalin vollkommen gerechtfertigt, wenn … ja wenn nicht
die proletarische Revolution selbst vollkommen gerichtet ist.
Dabei sind die Herren Moralisten, die Beispiele für Unmoral in der Geschichte der russischen Revolution
suchen, gleichzeitig gezwungen, ihre Augen vor der Tatsache zu verschließen, daß auch die spanische
Revolution zum Geiselngreifen ihre Zuflucht nahm, wenigstens solange sie eine echte Massenrevolution
war. Wenn die Herren Ankläger es nicht wagen, die spanischen Arbeiter wegen ihrer »abscheulichen
Barbarei« anzugreifen, so nur, weil der Boden der Pyrenäenhalbinsel noch zu heiß für sie ist. Es ist
unvergleichlich bequemer, auf 1919 zurückzugehen. Das ist bereits Geschichte: die alten Leute haben
vergessen, und die jungen haben noch nicht gelernt. Aus dem gleichen Grunde kehren Philister
verschiedener Schattierungen mit solcher Hartnäckigkeit zu Kronstadt und Machno zurück: hier ist ein
offener Abzug für Moralausdünstungen!
„Kaffernmoral“
Man muß den Moralisten schon darin beipflichten, daß die Geschichte grausame Wege wählt. Aber
welche Konklusion für die praktische Arbeit ist daraus zu ziehen? Leo Tolstoi empfahl, daß wir die
gesellschaftlichen Konventionen verachten und uns selbst vervollkommnen sollten. Mahatma Ghandi rät
uns, Ziegenmilch zu trinken. Die „revolutionären“ Moralisten des ‚Neuen Weg‘ sind leider von ähnlichen
Rezepten nicht weit entfernt. „Wir müssen loskommen von jener Kaffernmoral“, predigen sie, „für die
Unrecht nur ist, was der Feind tut“. Ein ausgezeichneter Rat: „Wir müssen loskommen…“ Tolstoi
empfahl außerdem, daß wir von den Sünden des Fleisches loskommen sollten. Nach der Statistik zu
urteilen, scheint jedoch diese Empfehlung nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Unsere zentristischen
Mannequins haben es fertig gebracht, sich zu einer Moral über den Klassen im Rahmen der
Klassengesellschaften zu erheben. Aber schon seit fast 2000 Jahren steht geschrieben: „Liebet Eure
Feinde“, „Biete auch die andere Backe dar…“. Und doch ist selbst der heilige römische Vater bis jetzt
vom Haß gegen seine Feinde noch nicht „losgekommen“. Wahrhaftig, Satan, der Feind der Menschheit,
ist mächtig!
Wer die Handlungen der Ausbeuter und der Ausgebeuteten mit verschiedenen Kriterien mißt, steht nach
Ansicht dieser bemitleidenswerten Mannequins auf dem Niveau der „Kaffernmoral“. Zuallererst ziemt
sich solch verächtlicher Hinweis auf die Kaffern wohl kaum für die Feder eines „Sozialisten“. Ist die
Moral der Kaffern wirklich so schlecht? Hören wir, was die Encyclopaedia Britannica darüber sagt: »ln
ihren politischen und sozialen Beziehungen entfalten sie viel Takt und große Intelligenz; sie sind
bemerkenswert tapfer, kriegerisch und gastfreundlich und waren ehrlich und rechtschaffen, bis sie durch
Kontakt mit den Weißen mißtrauisch, rachesüchtig und diebisch wurden und außerdem die meisten
europäischen Laster erwarben.« Man kommt unvermeidlich zu dem Schluß, daß die weißen Missionare,
die Prediger der ewigen Moral, an der Korrumpierung der Kaffern Teil haben.
Wenn wir dem Kaffernsklaven erzählten, wie sich die Arbeiter auf einem Teil unseres Planeten erhoben
und ihre Ausbeuter überrumpelten, würde ihm das sehr gefallen. Andererseits würde es ihn sehr
bekümmern zu entdecken, daß es den Unterdrückern gelang, die Unterdrückten zu hintergehen. Ein
Kaffer, der nicht von weißen Missionaren bis ins Mark demoralisiert worden ist, wird niemals ein und
dieselben abstrakten Moralvorschriften auf Unterdrücker und Unterdrückte anwenden. Doch wird er
unschwer begreifen, wenn man ihm erklärt, daß es die Funktion dieser abstrakten Vorschriften ist, die
Unterdrückten an der Erhebung gegen ihre Unterdrücker zu hindern.
Welch lehrreiches Zusammentreffen: Um die Bolschewiki zu verleumden, müssen die Missionare des
„Neuen Weg“ gleichzeitig die Kaffern verleumden; überdies folgt die Verleumdung in beiden Fällen der
offiziellen bürgerlichen Linie: gegen die Revolutionäre und gegen die farbigen Rassen. Nein, wir ziehen
die Kaffern allen Missionaren, sowohl geistlichen wie weltlichen, vor!
Wir müssen jedoch das Bewußtsein der Moralisten des Neuen Weg und ähnlicher Sackgassenpolitiker
nicht überschätzen. Die Absichten dieser Leute sind gar nicht so schlecht. Aber ihren Absichten zum
Trotz dienen sie als Hebel im Mechanismus der Reaktion. In einer Periode wie der heutigen, wo die
kleinbürgerlichen Parteien, die sich an die liberale Bourgeoisie oder deren Schatten (Volksfrontpolitik)
anklammern, das Proletariat paralysieren und dem Faschismus den Weg bereiten (Spanien, Frankreich…),
werden die Bolschewiken, d.h. die revolutionären Marxisten, in den Augen der bürgerlichen öffentlichen
Meinung besonders verhaßt. Fast der gesamte politische Druck unserer Zeit geht von rechts nach links.
Letzten Endes trägt eine winzige revolutionäre Minderheit das ganze Gewicht der Reaktion auf ihren
Schultern. Diese Minderheit heißt Vierte Internationale. Voilà l’ennemi! Das ist der Feind!
Im Mechanismus der Reaktion nimmt der Stalinismus viele führende Positionen ein. Alle Gruppen der
bürgerlichen Gesellschaft, einschließlich der Anarchisten, bedienen sich seiner im Kampf gegen die
proletarische Revolution. Gleichzeitig versuchen die kleinbürgerlichen Demokraten, das Odium für die
Verbrechen ihrer Moskauer Verbündeten wenigstens zu 50% auf die unversöhnliche revolutionäre
Minderheit abzuwälzen. Hierin liegt der Sinn des neuen Modesatzes: „Trotzkismus und Stalinismus sind
ein und dasselbe.“ Die Gegner der Bolschewiken und der Kaffern helfen auf diese Weise der Reaktion,
die Partei der Revolution zu verleumden.
Der „amoralische“ Lenin
Die russischen „Sozialrevolutionäre“ sind von jeher die moralischen Individuen gewesen: Im Grunde
waren es lauter Ethiker. Das hinderte sie jedoch nicht daran, zur Zeit der Revolution die russischen
Bauern zu betrügen. Im Pariser Organ Kerenskis, dieses wahrhaft ethischen Sozialisten, der Stalins
Vorläufer in der Fabrikation falscher Anklagen gegen die Bolschewiken war, schreibt ein anderer alter
Sozialrevolutionär, Zenzinow: »Lenin lehrte bekanntlich, daß die Kommunisten zur Erreichung der von
ihnen gewünschten Zwecke zu allen möglichen Listen und Kniffen und zur Verheimlichung der Wahrheit
Zuflucht nehmen könnten und bisweilen müßten…«. Daraus ergibt sich die rituelle Schlußfolgerung: Der
Stalinismus ist der natürliche Sprößling des Leninismus.
Unglücklicherweise ist der ethische Ankläger nicht einmal im Stand, ehrlich zu zitieren. Lenin sagte:
»Man muß es verstehen … zu allen möglichen Listen, Kniffen, illegalen Methoden, zur Verschweigung,
Verheimlichung der Wahrheit bereit zu sein, um nur in die Gewerkschaften einzudringen, in ihnen zu
bleiben und dort um jeden Preis kommunistische Arbeit zu leisten.« Die Notwendigkeit für Listen und
Kniffe ergibt sich nach Lenins Erläuterung aus der Tatsache, daß die reformistische Bürokratie die
Arbeiter an das Kapital verrät, die Revolutionäre hetzt und verfolgt und sogar die bürgerliche Polizei
gegen sie in Anspruch nimmt. „Kniffe“ und „Verheimlichung der Wahrheit“ sind in solchem Fall
rechtmäßige Waffen der Notwehr gegen die perfide reformistische Bürokratie.
Die Partei unseres Zenzinow leistete einst illegale Arbeit gegen den Zarismus und später – gegen die
Bolschewiken. In beiden Fällen griff sie zu Listen, Kniffen, falschen Pässen und anderen Formen der
„Verheimlichung der Wahrheit“. Alle diese Mittel wurden nicht nur als ethisch, sondern auch als
heroisch angesehen, weil sie den politischen Zielen der Kleinbourgeoisie entsprachen. Aber die Situation
ändert sich sofort, sobald die proletarischen Revolutionäre gezwungen sind, zu konspirativen
Maßnahmen gegen die kleinbürgerliche Demokratie überzugehen. Wie wir sehen, hat der Schlüssel zur
Moral dieser Herren Klassencharakter!
Der „amoralische“ Lenin rät offen in der Presse, gegen verräterische Führer militärische List
anzuwenden. Und der moralische Zenzinow streicht böswillig Anfang und Ende vom Zitat, um den Leser
zu betrügen: der ethische Ankläger erweist sich wie gewöhnlich als kleiner Schwindler. Nicht umsonst
liebte Lenin zu wiederholen: es ist sehr schwer, einen gewissenhaften Gegner zu finden!
Ein Arbeiter, der vor dem Kapitalisten die „Wahrheit“ über die Pläne der Streikenden nicht verbirgt, ist
ein gewöhnlicher Verräter, der Verachtung und Boykott verdient. Der Soldat, der dem Feind die
„Wahrheit“ offenbart, wird als Spion verurteilt. Kerenski versuchte, den Bolschewiken anklägerisch zu
unterschieben, sie hätten Ludendorffs Generalstab die „Wahrheit“ mitgeteilt. Es scheint, daß selbst die
„heilige Wahrheit“ kein Ziel an sich ist. Über ihr stehen gebieterische Kriterien, die, wie die Analyse
zeigt, Klassencharakter tragen.
Ein Kampf auf Leben und Tod ist undenkbar ohne militärische List, d.h. ohne Lüge und Betrug. Dürfen
denn die deutschen Arbeiter nicht Hitlers Polizei betrügen? Oder ist vielleicht die Haltung der russischen
Bolschewiken „unmoralisch“, wenn sie die G.P.U. täuschen? Jeder fromme Bürger applaudiert der
Geschicklichkeit der Polizei, wenn es ihr durch Anwendung von List gelingt, einen gefährlichen
Verbrecher zu fassen. Und im Kampf für den Sturz der imperialistischen Verbrecher sollte die
Anwendung von List verboten sein?
Norman Thomas spricht über »jene sonderbare kommunistische Amoral, für die nur die Partei und deren
Macht zählen«. Dabei wirft Norman Thomas die heutige Komintern, d.h. die Verschwörung der
Kremlbürokratie gegen die Arbeiterklasse, mit der bolschewistischen Partei, die die Verschwörung der
fortgeschrittenen Arbeiter gegen die Bourgeoisie verkörperte, auf einen Haufen. Diese durch und durch
unehrliche Nebeneinanderstellung haben wir bereits oben genügend entlarvt. Der Stalinismus versteckt
sich nur hinter dem Kult der Partei; in Wirklichkeit zertrümmert er die Partei und tritt sie in den Kot. Es
stimmt jedoch, daß für einen Bolschewiken die Partei alles bedeutet. Das überrascht den Salonsozialisten
Thomas, denn er verwirft eine solche Beziehung zwischen Revolutionär und Revolution, weil er selbst
nur ein Bürger mit einem sozialistischen „Ideal“ ist. In den Augen von Thomas und seinesgleichen ist
die Partei nur ein zweitrangiges Instrument für Wahlkombinationen und ähnliche Zwecke, nicht mehr.
Sein persönliches Leben, seine Interessen, Bindungen und Moralkriterien liegen außerhalb der Partei. Mit
feindseliger Verwunderung blickt er auf den Bolschewiken herab, für den die Partei eine Waffe ist zur
revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft, einschließlich ihrer Moral. Für einen revolutionären
Marxisten kann es zwischen der persönlichen Moral und den Interessen der Partei keinen Widerspruch
geben, da in seinem Bewußtsein die Partei die höchste Aufgaben und Ziele der Menschheit verkörpert.
Es wäre naiv, anzunehmen, Thomas habe eine höhere Auffassung der Moral als die Marxisten. Er hat nur
eine niedrige Konzeption der Partei.
»Alles, was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht«, sagt der Dialektiker Goethe. Der Untergang der
bolschewistischen Partei – eine Episode in der Weltreaktion – schmälert jedoch nicht ihre welthistorische
Bedeutung. In der Periode ihres revolutionären Aufstiegs, d.h. als sie wirklich die proletarische
Avantgarde repräsentierte, war sie die ehrlichste Partei in der Geschichte. Natürlich täuschte sie den
Klassenfeind, wo immer sie konnte; auf der anderen Seite sagte sie den Arbeitern die Wahrheit, die
ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit. Nur dank dem gewann sie das Vertrauen der Arbeiter in
einem Maße, wie nie zuvor eine andere Partei in der Welt.
Leo Trotzki: Ihre Moral und unsere 19.08.2007 23:01 Uhr
http://www.linksruck.de/litera/klassik/moral.htm Seite 18 von 21
einem Maße, wie nie zuvor eine andere Partei in der Welt.
Die Kommis der herrschenden Klasse nennen die Organisatoren dieser Partei „amoralisch“. In den
Augen der bewußten Arbeiter trägt dieser Vorwurf den Charakter eines Kompliments. Er bedeutet:
Lenin weigerte sich, die Moralvorschriften anzuerkennen, die die Sklavenhalter für ihre Sklaven
aufgestellt haben, ohne sich selbst jemals danach zu richten; er forderte das Proletariat auf, den
Klassenkampf auch auf die Sphäre der Moral auszudehnen. Wer sich den vom Feinde aufgestellten
Vorschriften unterwirft, kann niemals diesen Feind besiegen!
Lenins „Amoral“, d.h. seine Verwerfung einer Moral über den Klassen, hinderte ihn nicht, sein ganzes
Leben hindurch ein und demselben Ideal treu zu bleiben, sein ganzes Sein der Sache der Unterdrückten
zu widmen, auf dem Gebiet der Ideen die größte Gewissenhaftigkeit und auf dem der Tat die größte
Furchtlosigkeit zu entfalten, sich dem „gewöhnlichen“ Arbeiter, der schutzlosen Frau, dem Kinde
gegenüber ohne die geringste Spur von Überheblichkeit zu verhalten. Leuchtet es nicht ein, daß
„Amoral“ im gegebenen Fall nur ein Synonym für eine höhere menschliche Moral ist?
Eine lehrreiche Episode
Hier ist es am Platze, eine Episode zu berichten, die trotz ihrer bescheidenen Dimensionen den
Unterschied zwischen ihrer Moral und der unsrigen gar nicht so schlecht illustriert. Im Jahre 1935
entwickelte ich in einem Brief an meine belgischen Freunde die Auffassung, daß der Versuch einer
jungen revolutionären Partei, »ihre eigenen« Gewerkschaften zu gründen, Selbstmord gleichkommt. Man
muß die Arbeiter da aufsuchen, wo sie sind. Aber dann muß man durch seine Beiträge einen
opportunistischen Apparat am Leben erhalten? »Natürlich«, erwiderte ich, »um das Recht zu erwerben,
die Reformisten zu bekämpfen, muß man ihnen zeitweilig einen Beitrag zahlen«. Aber die Reformisten
werden uns nicht erlauben, sie zu bekämpfen? »Das ist richtig«, erwiderte ich, »der Kampf erfordert
konspirative Maßnahmen. Die Reformisten sind die politische Polizei der Bourgeoisie innerhalb der
Arbeiterklasse. Wir müssen ohne ihre Erlaubnis und gegen ihr Verbot handeln..«. Bei einer zufälligen
Haussuchung im Hause des Genossen D., wenn ich nicht irre, im Zusammenhang mit der Angelegenheit
der Waffenlieferungen an die spanischen Arbeiter, beschlagnahmte die belgische Polizei meinen Brief.
Nach wenigen Tagen wurde er veröffentlicht. Die Presse Vanderveldes, de Mans und Spaaks schleuderte
natürlich ihre Blitze gegen meinen „Machiavellismus“ und „Jesuitismus“. Und wer sind diese Ankläger?
Vandervelde, Präsident der Zweiten Internationale im Laufe vieler Jahre, ist seit langem ein zuverlässiger
Diener des belgischen Kapitals. De Man, der in einer Reihe schwerer Wälzer den Sozialismus mit einer
idealistischen Moral veredelte und der Religion den Hof machte, ergriff die erste beste Gelegenheit, um
die Arbeiter zu verraten und ein gewöhnlicher bürgerlicher Minister zu werden. Spaaks Fall ist noch
reizender. Vor anderthalb Jahren gehörte dieser Herr zur linkssozialistischen Opposition und besuchte
mich in Frankreich, um mit mir die Methoden des Kampfes gegen die Bürokratie Vanderveldes zu
beraten. Ich vertrat die gleichen Auffassungen, die später mein Brief enthielt. Doch ein Jahr nach seinem
Besuch zog Spaak die Rosen den Dornen vor. Er verriet seine Genossen von der Opposition und wurde
einer der zynischsten Minister des belgischen Kapitals. In den Gewerkschaften und in ihrer eigenen
Partei erstickten diese Herren jede kritische Stimme, bestechen und korrumpieren systematisch die
fortgeschrittenen Arbeiter und schließen ebenso systematisch die widerspenstigen aus. Sie unterscheiden
sich von der G.P.U. nur dadurch, daß sie bisher noch kein Blut vergossen haben – als gute Patrioten
sparen sie das Arbeiterblut für den kommenden imperialistischen Krieg auf. Es ist klar: nur eine
Ausgeburt des Teufels, ein moralisches Scheusal, ein „Kaffer“, ein Bolschewik kann den Arbeitern raten,
im Kampf gegen diese Herren die Regeln der Konspiration zu beobachten!
Vom Standpunkt des belgischen Gesetzes enthielt mein Brief natürlich nichts Strafwürdiges. Die
„demokratische“ Polizei hatte die Pflicht, dem Adressaten den Brief mit einer Entschuldigung
zurückzugeben. Die sozialistische Partei hatte die Pflicht, gegen die Haussuchung zu protestieren, die
von der Sorge um die Interessen des Generals Franco diktiert war. Aber die Herren Sozialisten scheuten
sich nicht, sich der Dienste der unkorrekten Polizei zu bedienen – sonst wäre ihnen ja schon eine
glückliche Gelegenheit entgangen, die Überlegenheit ihrer Moral über die Amoral der Bolschewiken ein
weiteres Mal zur Schau zu stellen. Jede Einzelheit in dieser Episode ist symbolisch. Die belgischen
Sozialdemokraten schütteten die Kübel ihrer Empörung gerade dann über mich aus, als ihre
norwegischen Gesinnungsgenossen meine Frau und mich hinter Schloß und Riegel sperrten, um unsere
Verteidigung gegen die Anklagen der G.P.U. zu verhindern. Die norwegische Regierung wußte sehr gut,
daß die Moskauer Anklagen falsch waren: so schrieb es die offiziöse sozialdemokratische Zeitung in den
ersten Tagen offen. Aber Moskau rührte die norwegischen Schiffsreeder und Fischgroßhändler an ihrer
Brieftasche – und die Herren Sozialdemokraten krochen sofort auf allen Vieren. Der Führer der Partei,
Martin Tranmael ist nicht nur eine Autorität in Fragen der Moral, sondern offenbar ein rechtschaffener
Mensch: er trinkt nicht, raucht nicht, genießt kein Fleisch und badet im Winter in einem Eisloch. Das
hinderte ihn nicht, nachdem er uns auf Befehl der G.P.U. hatte verhaften lassen, mich in den Spalten
seiner Zeitung durch einen norwegischen Agenten der G.P.U., einen gewissen Jakob Fries – einen Kerl
ohne Ehre und Gewissen – zu verleumden. Doch genug..
Die Moral dieser Herrschaften besteht aus konventionellen Rezepten und Redensarten, hinter denen sie
ihre Interessen, Appetite und Ängste verstecken. Die Mehrzahl von ihnen ist aus Ehrgeiz oder
Gewinnsucht zu jeder Niedrigkeit, wie Verleumdung der Überzeugung, Treulosigkeit und Verrat, bereit.
In der hohen Sphäre persönlicher Interessen heiligt der Zweck jedes Mittel. Eben deshalb erlangen sie
einen besonderen Moralkodex, dauerhaft und dazu elastisch wie ein guter Hosenträger. Sie verabscheuen
jeden, der ihre Berufsgeheimnisse vor den Massen entlarvt. In „friedlichen“ Zeiten drücken sie – im
Gassenton oder in „philosophischer“ Sprache – ihren Haß in Verleumdungen aus. In Zeiten scharfer
sozialer Konflikte – wie gegenwärtig in Spanien – ermorden diese Moralisten Hand in Hand mit der
G.P.U. die Revolutionäre. Um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, wiederholen sie: „Trotzkismus und
Stalinismus sind ein und dasselbe.“
Die dialektische Wechselbeziehung zwischen Ziel und Mittel
Ein Mittel ist nur durch das mit ihm verfolgte Ziel zu rechtfertigen. Aber das Ziel bedarf seinerseits der
Rechtfertigung. Vom marxistischen Standpunkt, der die historischen Interessen des Proletariats zum
Ausdruck bringt, ist das Ziel gerechtfertigt, wenn es dazu führt, die Macht des Menschen über die Natur
zu vermehren und die Macht des Menschen über den Menschen zu vernichten.
»Das bedeutet also, daß zur Erreichung dieses Ziels alles erlaubt ist?« wird der Philister sarkastisch
fragen – und er beweist damit, daß er nichts begriffen hat. Erlaubt ist, so antworten wir, was wirklich zur
Befreiung der Menschheit führt. Da dieses Ziel nur durch Revolution erreicht werden kann, trägt die
Befreiungsmoral des Proletariats notwendigerweise revolutionären Charakter. Sie tritt nicht nur jedem
religiösen Dogma, sondern auch allen idealistischen Fetischen, philosophischen Gendarmen der
herrschenden Klasse unversöhnlich entgegen. Ihre Regeln leiten sich aus den Entwicklungsgesetzen der
Gesellschaft ab, also in erster Linie aus dem Klassenkampf, dem obersten aller Gesetze.
»Alles gut und schön«, wird der Moralist hartnäckig erwidern, »aber bedeutet das nun, daß im Kampf
gegen die Kapitalisten alle Mittel erlaubt sind: Lüge, Schwindel, Verrat, Mord und so weiter?« Erlaubt
und obligatorisch sind jene Mittel, und nur jene Mittel, so antworten wir, die das revolutionäre Proletariat
einen, seine Herzen mit unversöhnlicher Feindschaft gegen die Unterdrückung erfüllen, die es lehren, die
offizielle Moral und ihre demokratischen Nachbeter zu verachten, es mit dem Bewußtsein seiner eigenen
historischen Mission erfüllen, seinen Mut und seinen Opfergeist im Kampf heben. Eben daraus ergibt
sich, daß nicht alle Mittel erlaubt sind. Wenn wir sagen, das Ziel heiligt die Mittel, so ergibt sich für uns
daraus die Schlußfolgerung, daß das große revolutionäre Ziel solche niedrigen Mittel und Wege verwirft,
die einen Teil des Proletariats gegen andere Teile aufhetzen, oder die Arbeiter ohne ihr eigenes Zutun
glücklich machen wollen, oder das Selbstvertrauen der Massen und den Glauben an ihre Organisation
senken und durch den Führerkult ersetzen. In erster Linie und absolut unversöhnlich verwirft die
revolutionäre Moral Knechtseligkeit gegenüber der Bourgeoisie und Hochmut gegenüber den Arbeitern,
d.h. jene Eigenschaften, mit denen die kleinbürgerlichen Pedanten und Moralisten durch und durch
getränkt sind.
Diese Kriterien geben natürlich keine fix und fertige Antwort auf die Frage, was in jedem einzelnen Fall
erlaubt ist und was nicht. Solche automatischen Antworten kann es auch gar nicht geben. Die Probleme
der revolutionären Moral sind mit den Problemen der revolutionären Strategie und Taktik verbunden Die
korrekte Antwort auf diese Frage gibt die lebendige Erfahrung der Bewegung im Licht der Theorie.
Der dialektische Materialist kennt keinen Dualismus zwischen Ziel und Mittel. Das Ziel ergibt sich
naturnotwendig aus dem historischen Prozeß. Die Mittel sind dem Ziel organisch untergeordnet. Das
unmittelbare Ziel wird zum Mittel für ein entfernteres Ziel. In seinem Drama „Franz von Sickingen“ legt
Ferdinand Lassalle einem der Helden folgende Worte in den Mund:
»Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg.
Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel,
Daß eines sich stets ändert mit dem andern
Und andrer Weg auch andres Ziel erzeugt.«
Lassalles Verse sind keineswegs vollkommen. Schlimmer noch ist die Tatsache, daß Lassalle selbst in
der praktischen Politik von oben ausgedrückter Regel abwich – es genügt, daran zu erinnern, daß er sich
selbst auf geheime Abmachungen mit Bismarck einließ! Aber die dialektische Wechselbeziehung
zwischen Mittel und Ziel ist in oben zitierten Sätzen ganz richtig zum Ausdruck gebracht. Man muß
Weizensamen säen, um Weizenähren zu ernten.
Ist zum Beispiel vom Standpunkt der „reinen Moral“ individueller Terror erlaubt oder verboten? In dieser
abstrakten Form existiert die Frage für uns überhaupt nicht. Die konservativen Schweizer Bürger
bezeugen noch heute dem Terroristen Wilhelm Tell ihr offizielles Lob. Unsere Sympathien sind voll und
ganz auf der Seite der irischen, russischen, polnischen und indischen Nationalisten in ihrem Kampf
gegen nationale und politische Unterdrückung. Der ermordete Kirow, ein roher Satrap, erweckt keinerlei
Sympathie. Unsere Beziehung zum Mörder bleibt nur deshalb neutral, weil wir die Motive, die ihn
leiteten, nicht kennen. Wenn bekannt werden würde, daß Nikolajew bewußt für die von Kirow
begangene Schändung der Arbeiterrechte Vergeltung übte, wären unsere Sympathien völlig auf Seiten
des Mörders. Jedoch ist nicht die Frage der subjektiven Motive, sondern die der objektiven
Zweckmäßigkeit für uns entscheidend. Führt das gegebene Mittel wirklich zum Ziel? Was den
individuellen Terror betrifft, bezeugen sowohl Theorie wie Erfahrung, daß dies nicht der Fall ist. Dem
Terroristen sagen wir: es ist unmöglich, die Massen zu ersetzen, nur in der Massenbewegung kannst du
für deinen Heroismus einen zweckmäßigen Ausdruck finden. Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs
hört jedoch die Ermordung individueller Unterdrücker auf, ein Akt individuellen Terrors zu sein.
Nehmen wir einmal an, ein Revolutionär würde General Franco und seinen Stab in die Luft sprengen, so
würde dies selbst von Seiten der demokratischen Eunuchen wohl kaum moralische Entrüstung
hervorrufen. Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs wäre ein solcher Akt politisch vollkommen
zweckmäßig. So erweisen sich selbst in der schärfsten Frage – dem Mord des Menschen durch den
Menschen – die moralischen Absoluta als untauglich. Die moralischen Wertungen ergeben sich
zusammen mit den politischen aus den inneren Notwendigkeiten des Kampfes.
Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein. Deshalb gibt es kein größeres
Verbrechen, als die Massen zu täuschen, Niederlagen für Siege und Freunde für Feinde auszugeben,
Arbeiterführer zu bestechen, Legenden zu fabrizieren, falsche Prozesse zu montieren, in einem Wort: zu
tun, was die Stalinisten tun. Diese Mittel können nur einem Ziel dienen: die Herrschaft einer Clique zu
verlängern, die von der Geschichte bereits verurteilt ist. Aber sie können nicht dazu dienen, die Massen
zu befreien. Deshalb führt die Vierte Internationale gegen Stalin Kampf auf Leben und Tod.
Die Massen sind natürlich keineswegs unfehlbar. Idealisierung der Massen liegt uns fern. Wir haben sie
unter verschiedenen Bedingungen, in verschiedenen Epochen und außerdem in den schwersten
politischen Erschütterungen gesehen. Wir haben ihre starken und schwachen Seiten kennengelernt. Ihre
starken Seiten: Entschlossenheit, Opfergeist, Heroismus, haben immer in Zeiten revolutionären
Aufschwungs ihren klarsten Ausdruck gefunden. In dieser Periode standen die Bolschewiken an der
Spitze der Massen. Danach begann ein anderes Kapitel der Geschichte, das die schwachen Seiten der
Unterdrückten an die Oberfläche spülte: Ungleichartigkeit, Mangel an Kultur, ein zu beschränkter
Gesichtskreis. Die Massen erschlafften nach der Spannung, wurden enttäuscht, verloren ihr
Selbstvertrauen – und machten der neuen Aristokratie den Weg frei. In dieser Epoche fanden sich die
Bolschewiken („Trotzkisten“) von den Massen isoliert. Wir haben praktisch zwei solch große historische
Zyklen erlebt: 1897-1905, Jahre der Flut; 1907-1913, Jahre der Ebbe; 1917-1923, die Periode eines in
der Geschichte beispiellosen Aufschwungs, schließlich eine neue Periode der Reaktion, die heute noch
nicht zu Ende ist. In diesen gewaltigen Ereignissen lernten die „Trotzkisten“ den Rhythmus der
Geschichte, d.h. die Dialektik des Klassenkampfes. Sie lernten auch, und, wie es scheint, bis zu einem
gewissen Grade mit Erfolg, wie sie ihre subjektiven Pläne und Programme diesem objektiven Rhythmus
unterzuordnen haben. Sie lernten, nicht an der Tatsache zu verzweifeln, daß die Gesetze der Geschichte
weder von ihrem persönlichen Geschmack abhängen, noch ihren Moralkriterien untergeordnet sind. Sie
lernten, ihre persönlichen Wünsche den Gesetzen der Geschichte unterzuordnen. Sie lernten, sich auch
von den mächtigsten Feinden nicht schrecken zu lassen, wenn deren Macht im Widerspruch zu den
Gesetzen der historischen Entwicklung steht. Sie verstehen es, gegen den Strom zu schwimmen in der
tiefen Gewißheit, daß die neue historische Flut sie an das andere Ufer tragen wird. Nicht alle werden
dieses Ufer erreichen, viele werden ertrinken. Aber an dieser Bewegung mit offenen Augen und
angespanntem Willen teilnehmen – nur das kann einem denkenden Wesen die höchste moralische
Befriedigung gewähren.
Coyoacán D.F., am 16. Februar 1938 Leo D. Trotzki
P.S. Ich schrieb diese Zeilen in jenen Tagen, als mein Sohn, ohne daß ich davon wußte, mit dem Tode
rang. Seinem Angedenken widme ich diese kleine Arbeit, die, so hoffe ich, seine Zustimmung gefunden
hätte. Leo Sedow war ein echter Revolutionär und verachtete die Pharisäer. L.T

Zur Genealogie der Moral

Michael Pfister über Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne; Die fröhliche Wissenschaft; Zur Genealogie der Moral

«Nietzsche ist gefährlicher als Sex!», lehrte uns siebzehnjährige Gymnasiasten der Geschichtslehrer, der ausserdem Sigmund Freud vor allem deshalb für halbwegs kompetent hielt, weil er «immerhin ein paar Frauen auf der Couch hatte». Warnungen sind bekanntlich die beste Werbung, und die Kostprobe, die uns der gestrenge Schulmeister vorlegte, tat ein Übriges. Kein poetisches Gleichnis aus dem Zarathustra, auch nicht die Dekonstruktion der christlichen Moral aus Jenseits von Gut und Böse oder der handliche Begriffsdualismus «apollinisch/dionysisch» aus der Geburt der Tragödie, der sich doch bestens als roter Faden durch das Lesepensum humanistischer Zöglinge eignen würde. Nein, es handelte sich um die kürzeste Philosophiegeschichte der Welt, die sich unter dem Titel «Wie die ‹wahre Welt› endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums» in der Götzen-Dämmerung findet: «Die wahre Welt haben wir abgeschafft», lasen wir, «welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht? … Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!» Wenn ich mich recht erinnere, wurden Bedeutung und Tragweite dieser These im Geschichtsunterricht nicht abschliessend ausgedeutscht.

Dafür sassen Stefan Zweifel und ich kurz darauf zwischen dicken, alten Wörterbüchern und verdeutschten das erste Kapitel des Hauptwerks des Marquis de Sade, Justine und Juliette. Sade ist nicht nur ein Vorreiter des Surrealismus, sondern auch eine Präfiguration Friedrich Nietzsches. Stefan und ich waren bald überzeugt davon, dass der Turiner Wahnsinn in Wahrheit ausbrach, weil Nietzsche in einem Antiquariat auf einen Sade-Band stiess und feststellen musste, dass ihm da einer in vielem zuvorgekommen war. In der Dialektik der Aufklärung, dieser luziden Bestandesaufnahme des abendländischen Konkurses, die im amerikanischen Exil entstand, lesen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Sade und Nietzsche als «intransigente Kritik der praktischen Vernunft, der gegenüber die des Alleszermalmers [Kant] selbst als Revokation des eigenen Denkens erscheint». Sade und Nietzsche waren es den beiden Kritischen Theoretikern zufolge, die schon früh erkannten, dass die Vernunft nach Belieben instrumentalisiert werden kann: «Die Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen, nicht vertuscht, sondern in alle Welt geschrieen zu haben, hat den Hass entzündet, mit dem gerade die Progressiven Sade und Nietzsche heuten noch verfolgen.» Für ihre illusionslose Botschaft schlug man die beiden wie den Sack auf dem Esel der abendländischen Erfolgsgeschichte, dabei ist die ungeschminkte Darstellung des Menschen mit all seinen Masken und Abgründen aufklärerischer und auch menschenfreundlicher als die idealisierende Verbrämung des Humanismus. Noch einmal Horkheimer und Adorno: «Indem die mitleidlosen Lehren die Identität von Herrschaft und Vernunft verkünden, sind sie barmherziger als jene der moralischen Lakaien des Bürgertums.»

Zwischen Sade und Nietzsche gibt es vielleicht einen weiteren Geistesverwandten, nämlich Georg Büchner, vor allem den Büchner von Dantons Tod: «Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?» In diesem Stück beschäftigt sich der junge Autor aus dem Kontext seines eigenen revolutionären Kampfes mit der Französischen Revolution, die Sade – als aktiver Politiker in der jakobinischen Section des Piques – nur knapp überlebte, weil er sich weigerte, Todesurteile zu unterschreiben. Nietzsche lebte in vordergründig ruhigeren Zeiten. Sein Rückblick auf die Epoche der Aufklärung, auf das Vexierbild von Revolution und Restauration, ist aber vollständiger. Er kann überschauen, wie sich Vernunft in der Industrialisierung ökonomisiert und im akademischen Positivismus erstarrt. Dahinter erkennt er die Mechanismen der biologischen, institutionellen, rhetorischen Macht, die alles durchzieht.

Ein heute noch aktiver Professor am Philosophischen Seminar der Universität Zürich soll einmal einem Studenten, der eine Seminararbeit über Nietzsche schreiben wollte, geantwortet haben, Nietzsche könne er vielleicht in den Ferien zur Unterhaltung lesen, das sei aber kein ernstzunehmender Philosoph. Woran liegt es eigentlich, dass sich viele Vertreter der im deutschsprachigen Raum heute schon fast monopolistisch dominierenden Analytischen Philosophie mit Nietzsche so schwertun? Es ist nicht mehr nur das Unbehagen der Humanisten gegenüber dem Schwarzmaler. Vielmehr stört sie, dass Nietzsche auch Gedichte schrieb und seine Philosophie in eine bald essayistische, bald aphoristische, immer aber literarische Sprache fasste. Sie sind der Meinung, nur eine sauber propositionale und argumentative Sprache werde den Aufgaben der Philosophie gerecht.

Nietzsche hat durchaus währschafte Begriffsarbeit geleistet, zum Beispiel eben mit seinem kulturgeschichtlichen Dualismus «apollinisch/dionysisch». Camille Paglia hat dieses Begriffspaar 1990 als Folie für eine durchaus überzeugende Gesamtdarstellung der «unity and continuity of western culture» (Sexual Personae. Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson) genutzt. Doch hier liegt nicht Nietzsches wahre Stärke. Ein immer wieder fruchtbares Zentrum seiner theoretischen Sprengkraft bildet die kurze Schrift Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (1873, zu Lebzeiten unveröffentlicht). Darin beschreibt er – als Zeitgenosse Darwins – eine Beziehung zwischen Intellekt und Selbsterhaltung und definiert die «Verstellungskunst» als Hauptleistung des Menschen. Büchners Danton klingt hörbar nach, wenn Nietzsche schreibt, «dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend».

Für die Liebe zur Theorie in Zeiten der sprachanalytischen Cholera ist aber vor allem wichtig, dass Nietzsche hier schon deutlich macht, dass es keine Philosophie (natürlich auch keine Naturwissenschaft, Politik, Juristerei usw.) ohne Rhetorik gibt. Argumente, Beschreibungen von experimentellen Befunden, Parteiprogramme, Rechtsordnungen sind alle in Sprache gefasst und daher zwangsläufig ohne Zugang zu so etwas wie einer unmittelbar gegebenen Wirklichkeit oder Wahrheit: «Was also ist die Wahrheit?», fragt Nietzsche in der berühmtesten Passage seines Essays und antwortet: «Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.»

Das heisst nun nicht, dass der Begriff «Wahrheit» obsolet würde. Aber es heisst, dass man jedem misstrauen sollte, der sich auf die Faktizität und Zwangsläufigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis (Hirnforschung, DNA, evolutionäre Vorteile …) beruft oder seine Politik als alternativlos oder als die einzige wahre Alternative ausgibt. Wenn Wahrheit eine rhetorische Figur ist, geht der Kampf um sie nie zu Ende. Es gilt wissenschaftliche Texte zu lesen wie Gedichte (metaphorisch, rhetorisch …), und man kann auch nicht mehr so tun, als verfügte man selbst über die über einzelne Interessen und Perspektiven erhabene Sprache. Aus diesem Grund ist Nietzsches Sprache mit Bedacht (und Lust) so «bilderwirrig», so pathetisch, ironisch, blumig, doppelbödig, wie sie ist.

Sprache ist also nicht zeitlos. Aus diesem Grund untersucht Nietzsche, wie sich Begriffe und Auffassungen historisch gebildet und verfestigt haben. Niemand setzte diesen theoretischen Ansatz, die Genealogie, ergiebiger fort als Michel Foucault, der dies in Nietzsche, die Genealogie, die Historie (1971) auch dargelegt und reflektiert hat.

Bei der Lektüre Nietzsches bleibt ein Widerspruch, der nicht aufzulösen ist und dem sich heutige Theorie zu stellen hat: Was tun, wenn wir die wahre und die scheinbare Welt abgeschafft haben? Mit der Einsicht in die Rhetorizität jeder Wahrheitsbehauptung können wir den Willen zur Wahrheit nicht einfach ignorieren, aber wir können ihn auch nicht ohne Weiteres vom Willen zum Schein lösen.

Nietzsche bleibt bei aller stilistischer Spielfreude ein handwerklich präziser Philologe. In der Fröhlichen Wissenschaft rühmt er die Physik als Methode: «Hoch die Physik. – Wie viele Menschen verstehen denn zu beobachten! Und unter den wenigen, die es verstehen, – wie viele beobachten sich selber!» Das reflexive «Gnothi seauton» (Erkenne dich selbst!) ist die eine Auflage, die Nietzsche dem Physiker macht; zum anderen verlangt er Verzicht auf Verallgemeinerung («Selbstsucht ist es nämlich, sein Urtheil als Allgemeingesetz zu empfinden …») und Moralisierung. Hingegen verbindet er die Genauigkeit und Unerbittlichkeit der Physik überraschenderweise mit dem Aspekt des Kreativen: «Wir aber wollen Die werden, die wir sind, – die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Nothwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können, – während bisher alle Werthschätzungen und Ideale auf Unkenntniss der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! Und höher noch das, was uns zu ihr zwingt, unsere Redlichkeit!» (Fröhliche Wissenschaft, § 335)

Aus der genealogisch erworbenen Einsicht in die Entstehungsgeschichte aller überkommener Begriffe und Denksysteme und aus dem Bewusstsein, dass jede Sprache rhetorisch ist, ergibt sich, dass der Philosoph immer auch Künstler sein muss. Doch mit dem «Willen zum Schein» ist immer der «Wille zur Wahrheit» verbunden – Rüdiger Safranski spricht in seiner Monographie Nietzsche – Biographie seines Denkens von einem Zweikammersystem. Mit Nietzsche Theorie zu betreiben, heisst also nicht, sich in ungefähren Phantastereien zu ergehen oder gar manipulativ Bauerntäuscherei zu betreiben, sehr wohl aber, die vernünftige Analyse mit Phantasie und Phantastik zu durchkreuzen. Wenn die Wissenschaft zwangsläufig lügt, wird interessant, in welchen Zusammenhängen, aus welchen Gründen und mit welchen Strategien gelogen wird. Diese begrifflich schwierige Differenzierung nimmt Nietzsche in der Genealogie der Moral in Angriff, wo er zwischen der verlogenen und der ehrlichen Lüge unterscheidet. Gerade wer vorgibt nicht zu lügen, lügt verlogen. Wer sich – gegen sich selbst! – als permanenten Selbsterschaffer und damit wohl auch Selbstmystifizierer erkennt, der stellt sich immerhin der grossen Herausforderung, den Widerspruch der ehrlichen Lüge auszutragen: «Unsere Gebildeten von Heute, unsre ‹Guten› lügen nicht – das ist wahr; aber es gereicht ihnen nicht zur Ehre! Die eigentliche Lüge, die ächte resolute ‹ehrliche› Lüge (über deren Werth man Plato hören möge) wäre für sie etwas bei weitem zu Strenges, zu Starkes; es würde verlangen, was man von ihnen nicht verlangen darf, dass sie die Augen gegen sich selbst aufmachten, dass sie zwischen ‹wahr› und ‹falsch› bei sich selber zu unterscheiden wüssten. Ihnen geziemt allein die unehrliche Lüge; Alles, was sich heute als ‹guter Mensch› fühlt, ist vollkommen unfähig, zu irgend einer Sache anders zu stehen als unehrlich-verlogen, abgründlich-verlogen, aber unschuldig-verlogen, treuherzig-verlogen, blauäugig-verlogen, tugendhaft-verlogen.»


Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1980.


Michael Pfister, geb. 1967, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Zusammen mit Stefan Zweifel übersetzte er das Hauptwerk des Marquis de Sade, Justine und Juliette, und veröffentlichte die Dissertation Pornosophie & Imachination. Sade – La Mettrie – Hegel (2002). Von 2003 bis 2010 Gesprächsleiter der «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens. Er ist Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Zürich Nord und Co-Leiter des Weiterbildungslehrgangs «Philosophie für Fachleute aus Medizin und Psychotherapie» (Entresol/Uni Zürich). 2011 erschien Das Kind in der Philosophie – Von Heraklit bis Deleuze.

Theorie-Galerie
Kultur, Philosophie
Büchner; Georg, Nietzsche; Friedrich, Sade; Marquis de
6. November 2016

Herrschaft der Moralischen Populistischen Rackets

Rackets – nach Adorno mafiaartige bürorkatische alienähnliche selbt machtakkumulierende Verwaltunsorgane, mächtiger als Kapitalismus.

 

Wie eine gesellschaftliche Elite in der Flüchtlingskrise dem moralischen Populismus verfällt und somit eine nachhaltige Immigrations- und Flüchtlingspolitik zum Wohle aller verhindert. Erklärt Sebastian Vogel.

 

In den letzten Jahren erfreute sich der ursprünglich aus den USA stammende Begriff des Mansplaining auch in Deutschland einer steigenden Beliebtheit. Die englische Definition des Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary lässt sich laut Wikipedia wie folgt übersetzen:

„Das, was geschieht, wenn ein Mann herablassend mit jemandem (vor allem einer Frau) über einen Themenbereich spricht, in dem er nur unvollständige Kenntnisse hat. Dabei nimmt er fälschlicherweise an, er wisse mehr über den Gegenstand als die Person, mit der er spricht.) Das Phänomen wird als Ausdruck der generellen und unreflektierten Annahme des Sprechers gesehen, sein Gegenüber wisse weniger als er“.

Wie sinnvoll es ist, eine unreflektierte, herablassende und auf unvollständiger Themenkenntnis beruhende Sprechweise auf genetisch bestimmte Geschlechtsmerkmale zurückzuführen, sei nun einmal dahingestellt. Dies vor allem Männern zuzuschreiben und nicht auch Alten, Jungen, Frauen, Kleinen, Großen, Weißen, Schwarzen, Klerikern, Politikern und Anderen sprich dem Menschen an sich, beziehungsweise von bestimmten Gesinnungen geprägten Menschen kann man zumindest als fragwürdig betrachten. Allerdings bietet der Begriff eine vorzügliche Steilvorlage, um ein anderes wie ich finde problematisches Phänomen unserer heutigen Gesellschaft zu definieren: Die Vorherrschaft vermeintlicher Moral, die auf unvollständigen Kenntnissen und unreflektierten Annahmen des sie selbst propagierenden Subjekts beruht – kurz Moralsplaining.

Mansplaining und Moralsplaining  

Gemäß der oben erläuterten, von Wikipedia übersetzten Wortschöpfung des Mansplaining, gelangt man zu folgender Definition von Moralsplaining:

„Das, was geschieht, wenn ein sich als moralisch (richtig) einstufendes Subjekt herablassend mit jemandem (vor allem einem vom eigenen Standpunkt abweichenden Subjekt) über einen Themenbereich spricht, in dem es nur unvollständige Kenntnisse hat. Dabei nimmt es fälschlicherweise an, es wisse mehr über ein Thema als die Person, mit der es spricht.“

Im Unterschied zum Mansplaining, ist das sich des Moralsplaining bedienende Subjekt nicht auf bestimmte genetische Geschlechtsmerkmale festgelegt, sondern alleine dadurch definiert, dass es sich als moralisch einstuft, fälschlicherweise annimmt, mehr als der Gegenüber zu wissen, dabei aber unvollständige Kenntnisse hat und sich herablassend äußert. Moralsplaining betreibende Subjekte zeichnen sich durch einen moralischen Populismus aus, in dem ein nicht zu Ende gedachtes Ideal in quasi-religiöser Weise zur Ideologie wird und den Menschen, unter Ausblendung jeglicher Folgen und Nebenwirkungen als einfache und richtige Lösung versucht wird nahezubringen. Anders als beim “rechten Populismus”, steht am Anfang ein naives und stark vereinfachtes, aber in seiner Natur hehres Ziel – wie zum Beispiel eine Welt ohne Grenzen – welches aufgrund der eindimensionalen Methodik der moralischen Populisten Gefahr läuft ins Gegenteil – hier die weltweite Destabilisierung – pervertiert zu werden.

Die Flüchtlingskrise           

Mich persönlich erinnert der Umgang mit der Flüchtlingskrise stark an das Phänomen des Moralsplaining. Ganze 82 Prozent der Zeitungsartikel in Deutschland bezüglich der Flüchtlingskrise sind laut FAZ nicht beschreibend, sondern positiv wertend. Man möchte der Bevölkerung ein bestimmtes Narrativ vermitteln, wonach Millionen von oft über Jahrzehnte islamistisch indoktrinierte und weitestgehend ungebildete Flüchtlinge ein Segen für sie seien. Bei ausbleibenden Argumenten versucht die moralische Elite anders Denkende zu gerne mit dem Vorwurf des “Rechtsradikalismus” zum Schweigen zu bringen. Nicht mehr Gesetz und Justiz, sondern die Regierung schreibt Facebook – der größten Medienplattform des Landes – vor, welche Inhalte zu dulden und welche zu zensieren sind.

Komiker, Wissenschaftler aber auch einfache Arbeiter werden nicht nur sozial isoliert, sondern müssen auch wirtschaftlichen Druck aushalten und oft gar um Ihre Jobs fürchten, sollten Ihre Ansichten oder Forschungsergebnisse konträr zu den von der moralischen Elite propagierten Ideen sein – und dazu muss nicht ein Gericht eine bestimmte Äußerung als rassistisch bewerten, nein es reicht, wenn Subjekte der moralischen Elite eine ihnen nicht genehme Meinung als fremdenfeindlich deklarieren.

Nun kann glücklicherweise wer sozialer Ächtung und wirtschaftlichem Druck standhält hierzulande immer noch anderer Meinung sein. Allerdings ist der wachsende Konformitätsdruck eher ein Merkmal totalitärer, denn freier Gesellschaften und der Mut von Personen, die sich dem widersetzen nicht zu unterschätzen. Seit der andauernden Flüchtlingskrise, werden zunehmend nicht mehr kluge Argumente ausgetauscht und versucht, gemeinsam zu pragmatischen Lösungen zu kommen, sondern es findet ein einseitiges Moralsplaining der Gesinnungsethiker einer vermeintlichen moralischen Elite gegenüber dem Rest der Gesellschaft statt – was in der Konsequenz zu allem Anderen als zu einem friedlichen Miteinander und einer nachhaltigen Integrations- und Einwanderungspolitik führt.

Moralsplaining in der Flüchtlingskrise

Gemäß der Definition erfüllen die Moralsplaining betreibenden Subjekte im Kontext der Flüchtlingskrise folgende Kriterien:

  1. Sich als moralisch einstufen

Auffällig sind die verkürzten Denkmuster, der sich als moralisch einstufenden Apostel der Neuzeit. Das eigene Weltbild wird ohne Hinterfragen in quasi-religiöser Manier als absolut richtig hingestellt und überhöht, während andere Ansätze von Beginn an diskreditiert werden. In der Flüchtlingskrise ist das die überhöhte Forderung einer bedingungslos offenen multikulturellen Gesellschaft ohne Grenzen, welche der diskreditierten und vom „gemeinen Volk“ und Anderen geforderte kontrollierte Einwanderung in Maßen unter Berücksichtigung aller Risiken und Nebenwirkungen gegenübersteht.

  1. Herablassendes Verhalten

Die herablassende Art wird dann deutlich, wenn die bedingungslose Grenzöffnung grundsätzlich als moralisch richtig, modern und kosmopolitisch, und die kontrollierte Einwanderung als verwerflich, nationalistisch und rückwärtsgewandt bezeichnet wird. Dies geschieht unabhängig davon, ob die bedingungslose Grenzöffnung vielleicht zu einer Fehlintegration und Destabilisierung der Gesellschaft und die kontrollierte Einwanderung langfristig zu einem besseren und friedlicheren pluralistischen Miteinander führen könnte. Wenn die moralische Selbsterhöhung nicht ausreicht und der Gegenüber partout nicht in die Grenzöffnungshymnen mit einstimmt, so gipfelt das herablassende Verhalten eines sich des Moralsplaining bedienenden Subjekts zu gerne auch im Vorwurf des Rassismus. Dieser inflationär verwendete, herablassende und häufig völlig haltlose Vorwurf führt nicht nur dazu, dass echter Rassismus verharmlost wird, sondern wirkt darüber hinaus für viele in Zeiten zunehmenden Konformitätsdrucks absurderweise wie ein Ritterschlag für freie Meinungsäußerung.

  1. Unvollständige Kenntnisse

Dabei spielt es oft keine Rolle, dass der eigene, angeblich moralische Ansatz aufgrund von unvollständigen Kenntnissen unter Umständen gar nicht funktionieren kann oder sogar eine negative Wirkung auf die Gesellschaft und die Flüchtenden hat. Denn: zu Ende gedacht werden muss ein auf verkürzten Denkmustern beruhender moralischer Ansatz ja nicht er ist selbstredend richtig(er) als alles andere. Die häufig hochstudierten moralischen Meister der Einfachheit folgen dabei folgender Logik: 1.Es gibt Leid auf der Welt, 2.Wir lösen das Leid durch das Öffnen unserer Grenzen. Im eigenen, ursprünglich gut gemeinten Ideal einer helfenden Gesellschaft gefangen, bemerkt die moralische Elite nicht, beziehungsweise verdrängt bewusst, dass diese simplifizierte Logik einem verantwortungsbewussten Umgang mit Geschichte, Politik, Wirtschaft und vielfältigem Zusammenleben widerspricht.

Nein, auch der „unmoralische“ Rest der Gesellschaft hat kein Patentrezept zur Lösung der Flüchtlingskrise und kann sich natürlich auch nicht auf vollständige Kenntnisse berufen. Allerdings will die Masse der Bevölkerung nicht nur helfen, sondern das auch noch lösungsorientiert und somit verantwortungsbewusst. Die moralische Elite nimmt fälschlicher Weise an, nur sie exklusiv habe den Gedanken einer friedlichen multikulturellen Gesellschaft, die Menschen in Not helfen sollte, verinnerlicht. Zusätzlich zur Hilfsbereitschaft übersieht die Bevölkerung keine problematischen Gesichtspunkte und versucht auf Basis vieler Faktoren, komplexe Probleme zu benennen und ganzheitlich anzugehen. Die Gesellschaft weiß genau was an zusätzlichen ökonomischen Belastungen durch grenzenlose Aufnahme auf sie zukommt, welche mittelfristigen Auswirkungen dies auf das Wohlstandsniveau, Beitragshöhe und Leistungsfähigkeit des Sozialsystems und auf das Steuersystem beziehungsweise die Staatsverschuldung haben wird.

Und die Menschen wissen auch, welche gesellschaftlichen Folgen eine vornehmlich aus armen, ungebildeten und islamistisch indoktrinierten Gesellschaften erfolgende Einwanderung mit sich bringt nämlich wachsende Gegen-und Parallelgesellschaften zusätzlich zu den beispielsweise bereits 5.000 islamistischen Gülen-Anhängern alleine in Mannheim; mehr Gewalt, Raub und Sexualdelikte und weniger Sicherheit (auch Millionen von blonden und blauäugigen Flüchtlingen hätten beispielsweise diesen Effekt, wenn sie über Dekaden verarmt, ungebildet und religiös-extremistisch sozialisiert worden wären und alleine schon aufgrund ökonomischer Faktoren schwieriger eine Partnerin finden); mehr Anfeindungen gegen und weniger Sicherheit für Homosexuelle und Juden; sinkende Aufnahmefähigkeit für künftige Flüchtlinge; Verfolgung von arabischen Minderheiten durch Islamisten in Deutschland; Kinderheiraten; höheres Risiko an Terroranschlägen usw.

Zusätzlich ist bekannt, dass das aufnahmefähige Europa ohne postkommunistische und südeuropäische Krisenstaaten keine, wie häufig behauptet 600 Millionen, sondern in etwa nur 200 Millionen Einwohner hat, während alleine Afrika, ohne den Mittleren Osten, sich bis 2050 auf über 2,5 Milliarden Menschen verdoppelt. Allerdings wird von der moralischen Elite häufig schon alleine die Nennung solcher Tatsachen als rassistisch abgetan. Die Mehrheit der Menschen weiß auch, dass die Flüchtlinge nicht auf die Probleme, die mit dem Aufstieg des Islamischen Staates einhergehen, zu reduzieren sind, sondern, dass auch nach dem Sturz des IS in vielen anderen Teilen der Welt Islamisten und andere geopolitische Entwicklungen für Flüchtlinge sorgen werden. Die breite Masse an Menschen, die sich alle dieser komplexen Beweggründe und Folgen der Flüchtlingskrise bewusst ist, ist mit Sicherheit nicht weniger hilfsbereit als die Gesinnungsethiker und sie hat keine diffusen Fremdenängste, sondern sie erkennt und benennt Probleme und versucht sie dann pragmatisch zu lösen.

Da den Moralaposteln der Neuzeit alle diese Kenntnisse und Details fehlen oder sie diese bewusst ignorieren, muss man ihre simple Lösung 1.Leid in der Welt, 2. Lösung durch Grenzöffnung nicht nur als wohlwollenden Paternalismus, sondern auch als moralischen Populismus bewerten.

Wenn die moralischen Populisten nicht mehr weiterwissen, greifen sie auch häufig in die Trickkiste der verdrehten Fakten. Beispielsweise, unser System bedürfe aufgrund demographischer Herausforderungen dieser Flüchtlingswelle. Wirklich, brauchen wir Massen von ungebildeten, meist armen und indoktrinierten Menschen um unser Sozialsystem zu retten? Oder sollten wir nicht eher gebildete Fachkräfte, die ihre Bräuche mitbringen und unserer Gesellschaft bereichern anstatt Gegengesellschaften zu bilden, durch eine kluge Einwanderungspolitik zu uns holen?

Die Aufnahme von Flüchtlingen ist und bleibt eine Hilfeleistung, die nicht unser System rettet, sondern vom System in einem gewissen Maße ausgehalten werden kann und geleistet werden muss – alles andere ist Schönfärberei. Ganz absurd wird es, wenn Forscher angegriffen werden, weil sie zum Ergebnis kommen, dass uns das Ganze einen bestimmten Betrag kosten wird oder dass der Islamismus deutlich weiter verbreitet ist in den Köpfen vieler Flüchtlinge, als uns lieb ist. Da verdächtigt man den Wissenschaftler doch zu gerne des Rassismus oder zumindest der Unterstützung der AfD und legt sofort eine Gegenstudie vor, nach der so und so viele Arbeitsplätze durch Immigranten geschaffen wurden.

Ideologiebildung statt klassischer Schulbildung?

Dass Immigranten und Flüchtlinge nicht in einen Topf zu werfen sind, ist moralischen Populisten egal. Und ich frage mich dann auch, warum wir eigentlich seit Jahrzehnten darüber diskutieren, wie wir unser Schulsystem verbessern und warum wir es nicht einfach abschaffen oder durch ideologische Bildung ersetzen. Angeblich ist ja laut moralischer Elite eine Masse ungebildeter beziehungsweise hauptsächlich ideologisch gebildeter Menschen ein Erfolgsgarant für das Sozialsystem und die Wirtschaft.

Besonders schade ist es, dass die moralischen Populisten die politische Korrektheit eigentlich ein intelligenter Begriff, mit dem verantwortungsbewusstes politisches Handeln ausgezeichnet werden sollte für sich beanspruchen und darüber hinaus auch noch zugeschrieben bekommen. Der fromme Wunsch nach Grenzöffnung, der ins Chaos führt, sowie dessen quasi-religiöse Verteidigung ist nämlich nicht politisch korrekt, sondern zeugt von völlig falschem politischen Verständnis. Ich plädiere deshalb dafür, dass der Begriff der politischen Korrektheit wieder positiv besetzt wird und nicht mehr die moralischen Populisten, sondern diejenigen miteinbezieht, die Probleme ehrlich und sachlich benennen, um sie dann auch pragmatisch und zielstrebig anzugehen und zu lösen. Nicht Gesinnungsethiker und moralische Populisten, sondern verantwortungsbewusste Pragmatiker, die humanistisches Ideal und Realitätssinn  zu verbinden wissen und sich somit für eine nachhaltige Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik zum Wohle einer friedlichen pluralistischen Gesellschaft einsetzen, sind politisch korrekt!

Sebastian Vogel arbeitet mit zwei Freunden an einem Start-up. Neben seinem Interesse an Politik, Wirtschaft und Sport beschäftigt er sich mit den Themen Pluralismus, Liberalismus und Islamismus.

Kulturelle Differenzen / Cultural Differences (german / english)

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Der folgende Text wird illustriert durch das Video über Kulturelle Unterschiede zwischen Norwegern und Amerikanern, am Beispiel des Newyorker Mafiabosses Giovanni Henrikson, der im Zeugenschutzprogramm der FBI aus New York nach Lillehammer in Norwegen übersiedelte.

Schauen Sie das Video:

Die Weltwoche | Freitag, 6. Februar 2015

Tyrannei der Wohlmeinenden

Die norwegische Vormundschaftsbehörde fackelt nicht lange, wenn Eltern ihren Nachwuchs falsch erziehen. Sie bringt die Kinder in Pflegefamilien unter und verweigert Vater und Mutter jeglichen Kontakt. Oft trifft es Ausländer, die sich nicht an die teils abstrusen nordischen Erziehungsregeln halten.

Von Daniela Niederberger

Im Mai 2011 schrillte bei Eva Michalakova im norwegischen Städtchen Steinberg das Telefon: die Polizei. Es gehe um ihren Sohn David. Sie sorgte sich. War im Kindergarten etwas passiert? Die Kindergärtnerin sage, teilte ihr der Polizist mit, ihr Sohn sei vom Vater sexuell missbraucht worden. Der Vater habe, so der Bub, ihn mit der Hand über dem Pyjama ­befummelt. Tage später wurde die Frau von der örtlichen Kinderschutzbehörde informiert, ihre Buben – der sechsjährige David und der zweijährige Denis – müssten von den Eltern weg.

Untersuchungen im Spital ergaben zwar nichts, und ein Gericht entschied, den Eltern dürften die Kinder nicht weggenommen werden, weil die von Sozialarbeitern geführten Gespräche mit dem Sechsjährigen suggestiv und daher unakzeptabel gewesen seien. Dennoch entschied die Behörde im Februar 2012, den tschechischen Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Die Kinderschutzbehörden (auf Norwegisch barnevernet) sind in Norwegen sehr ­mächtig.

Die Buben kamen – getrennt – zu Pflege­eltern. Man versprach der Mutter, sie bekäme ihre Kinder wieder, wenn sie sich vom Vater scheiden lasse, was sie auch tat. Die Kinder bekam sie nicht wieder. Anfangs durfte sie sie viermal im Jahr sehen, unter strikter Aufsicht. Später zweimal jährlich für zwei Stunden. Die Buben dürfen ihre Mutter nicht umarmen und nicht auf Tschechisch mit ihr reden. Mittlerweile sind es noch zwei Besuche zu fünfzehn Minuten, wie Eva Michalakova jüngst der tschechischen Nachrichtenagentur sagte. Die ersten Treffen hätten in «warmer Atmosphäre» stattgefunden, die Buben brachten Blumen und Zeichnungen und fragten, wann sie wieder nach Hause dürften. Heute sagen sie «Eva». Schon zu Beginn, so Michalakova, hätte sich die Sozialarbeiterin gewundert, dass ihre Kinder nur Mami zu ihr sagten und ihren Vornamen nicht kannten.

Grossvater fleht um Besuchsrecht

Anurup Bhattacharya, ein Geowissenschaftler, arbeitete im norwegischen Stavanger in der Ölindustrie, seine Frau Sagarika schaute zu den Kindern, einem dreijährigen Buben und einem einjährigen Mädchen. Auch ihnen nahm die Kinderschutzbehörde die Kinder weg und gab sie zu Pflegeeltern. Die Eltern sagten, als ­Gründe sei ihnen angegeben worden: die Kinder schliefen im Bett der Eltern (was in Norwegen nicht geht), würden von Hand gefüttert (was in Indien üblich ist) und hätten zu wenig Spielsachen. Die junge Mutter war schon früher gemahnt worden, sie müsse zu vorgegebenen Zeiten stillen. Sie aber stillte das Baby, wenn es schrie.

Das verzweifelte Ehepaar («Wir waren ehr­liche und gute Eltern») wehrte sich. In Indien erschien der Dokumentarfilm «Nightmare in Norway» (Albtraum in Norwegen), Zeitungen berichteten, es fanden Demonstrationen statt. Nachdem der indische Aussenminister bei seinem norwegischen Amtskollegen inter­veniert hatte, durften die Kinder nach Indien, in die Obhut eines Onkels. Mittlerweile sind sie wieder bei der Mutter, die Ehe der beiden zerbrach.

Auch im Fall Michalakova berichtete das Fernsehen, und die Empörung war gross. Im Beitrag des tschechischen TVs war auch Eva Michalakovas Vater zu sehen. Den Tränen ­nahe, sagte er, er möchte seine Enkel noch einmal sehen, bevor er stirbt. Grosseltern und ­andere Verwandte dürfen die bei Pflegeeltern untergebrachten Kinder nicht sehen. Der tschechische Aussenminister hat sich nun eingeschaltet und Norwegen gebeten, den Fall neu zu beurteilen. Ausserdem gelangte Tschechien ans EU-Parlament.

8485 Sorgerechtsentzüge

Der russische Ombudsmann für Kinder, Pawel Astachow, beschuldigte Norwegen neulich des Terrors gegen russische Familien. Die Kinderschutzbehörde habe in den letzten drei Jahren 55 Kinder von russischen Eltern weggenommen. Der Chef der Behörde, Oddbjørn Hauge, erwiderte, man suche stets den Dialog mit den Eltern, wenn man vermute, dass ein Kind vernachlässigt werde. Und wenn Kinder von ­ihrem Zuhause entfernt würden, sei es immer notwendig.

Kinderrechte werden in Norwegen hoch­gehalten. Der Staat will möglichst allen Kindern gleiche Chancen bieten und bestmög­liche Entfaltung garantieren. 1992 wurden die Kinderschutzbehörden professionalisiert (ähnlich wie in der Schweiz). Nicht mehr ­Laien aus den Gemeinden kümmern sich um schwierige Familien, sondern Psychologen und Sozialarbeiterinnen, die ausserdem mehr Macht erhalten haben. Natürlich zum Besten der Kinder – man will verhindern, dass Kinder vernachlässigt und missbraucht werden. Die Behörde ist gesetzlich verpflichtet, rasch zu handeln, wenn sie von solchen Fällen hört.

Die Folge ist, dass die Zahl der Interventionen in Familien drastisch zugenommen hat ebenso die der Fremdplatzierungen und damit verbunden der Sorgerechtsentzüge. Kamen im Jahr 2003 noch 6747 Kinder zu Pflegeeltern oder ins Heim, waren es 2011 schon 8485 – eine Zunahme von über 25 Prozent.

Jedermann ist angehalten, der Behörde zu melden, wenn er in einer Familie Vernachlässigung oder Missbrauch vermutet. Entsprechend nahmen diese Hinweise enorm zu, viele stellen sich aber als substanzlos heraus. Betroffene ­Familien haben wohl nicht unrecht, wenn sie kritisieren, es reiche schon, dass ein Nachbar einen denunziere, und schon habe man Sozialarbeiter­innen im Haus, die einen ausspähten.

Wie sie dabei vorgehen sollen, steht im Handbuch «Verraten. Elterliches Versagen geht uns alle an». Es sei oft nötig, die Eltern bewusst zu frustrieren, um zu sehen, wie sie unter Druck reagierten. Zeigten sie eine tiefe Frustrations­toleranz, müsse man sich fragen, wie sie ohne soziale Kontrolle funktionierten. Mit anderen Worten: Die Eltern werden bewusst provoziert, bis sie die Geduld verlieren und ausflippen, um nachher einen Beweis zu haben für ihre schlechte Eignung als Erzieher. Dies obwohl die Eltern in der Privatsphäre ­ruhiger reagieren als unter Beobachtung von Dritten, wie die emeritierte Professorin Marianne Haslev Skånland schreibt. Sie ist eine der schärfsten Kritikerinnen von barnevernet. Man müsse sich die Situation vorstellen: verun­sicherte, der Sprache nicht mächtige Ausländer, die in ihrem eigenen Heim von Sozialarbeiterinnen mit einschüchterndem Auftreten attackiert würden.

Überdurchschnittlich oft sind es Ausländer, denen die Kinder weggenommen werden. Es traf viele Polen, eine der grössten Immigrantengruppen in Norwegen, was die polnischstämmige Professorin ­Nina Witoszek von der Universität Oslo dazu veranlasste, in der Zeitung Aftenposten eine bittere Anklage zu publizieren. Barnevernet sei ­eine stalinistische Institution, schrieb sie und erteilte Immigranten folgenden sarkastischen Rat: 1. Eure Kinder gehören nicht euch. Sie gehören dem Staat. 2. Ihr dürft eure Kinder nicht ohrfeigen. 3. Macht, dass eure Kinder in der ­Öffentlichkeit lächeln. 4. Ihr bedeutet nichts.

Ungebildete, aggressive Eltern

Die Vertreter der Kinderschutzbehörde da­gegen sind überzeugt, nur zum Besten zu handeln. Viele Kinder hätten keine faire Chance, sich zu entwickeln. Barnevernet sei der einzige Ausweg für solche Kinder. Diejenigen, die die Arbeit der Behörde kritisierten, seien unge­bildete, aggressive Eltern. Professorin Witoszek schreibt von der «Tyrannei der Wohlmeinenden».

Im vielgerühmten Modellstaat Norwegen herrschen glasklare Vorstellungen darüber, was richtige und was falsche Erziehung ist. Körperstrafen sind schon lange verboten und werden mit sexuellem Missbrauch in Verbindung ­gebracht, während in vielen Kulturen leichte Körperstrafen an der Tagesordnung sind und eine Ohrfeige als nicht so schlimm gilt. Eine ­tamilische Familie kritisierte, auch intensive Zuneigung werde als sexueller Missbrauch interpretiert.

Die Regeln sind strikt. Das Kind schläft im eigenen Bett. Süssigkeiten gibt man den Kindern nur am Wochenende und nicht täglich. Und auch wer sein Kind nach traditionellen Rollenmustern erzieht, macht sich verdächtig. Rollenmuster will man in Norwegen überwinden, «Gender-Mainstreaming» heisst das Zauberwort. Ein Kind gilt als «es» bis es weiss, ob «es» ein Er oder eine Sie sein will. Vielleicht deshalb platzierte die Kinderschutz­behörde ein Kind von Muslimen bei einem homo­sexuellen Paar.

Aufschlussreich ist auch folgendes Zitat aus einem Bericht von 2005 zuhanden des Ministeriums für Kinder und Familien (neu: Ministe­rium für Kinder und Gleichheit). «Biologische Bindungen sind vor allem deshalb wichtig, weil ihnen unsere Gesellschaft diese Wichtigkeit gibt.» Und: Biologische Elternschaft sei keine notwendige oder genügende Bedingung für die Entwicklung eines Kindes.

«Aussagen von jungen Frauen»

Also: Ob ein Kind bei Pflegeeltern oder den richtigen Eltern aufwächst, spielt keine grosse Rolle. Für die Pflegefamilien aber schon. Die nämlich erhalten laut Skånland 430 000 Kronen (knapp 50 000 Euro) im Jahr pro Pflegekind, dazu kommen Spesen und schöne Extras wie Ferien am Mittelmeer. Und ausserdem, kritisiert Professorin Skånland, profitiert ein riesiger Apparat von Sozialarbeiter, Therapeuten und Psychologinnen vom ganzen System.

Jørgen Stueland ist Anwalt im norwegischen Raufoss. Er vertritt Familien, denen die Kinder weggenommen wurden. Im Gerichtssaal säs­sen dann jeweils die Vertreter der Behörde und deren Anwalt, selbstbewusst und voll überzeugt, dass sie das Richtige täten, vor sich etwa eine zitternde und stotternde Kurdin und ­deren Mann, beide traumatisiert, denen vorgeworfen werde, ihre Kinder zu schlagen und zu misshandeln.

Das Problem sei, schrieb Stueland im Artikel «Child Protection: The Norwegian Way», dass die Fälle jeweils auf den Aussagen von «jungen Frauen» aufgebaut seien. Jungen Frauen, die in der Oberstufe mittelmässige ­Noten hatten und die dann auf einer Fachhochschule Kinderschutz-Sozialarbeit oder Kinderschutz-Pädagogik studierten, weil es fürs Medizin- oder Psychologie­studium nicht reichte. Das grosse Problem sei die Macht dieser Mädchen, die als Angestellte der Kinderschutzbehörde Entscheide fällen können, die das Leben von vielen Familien für ­immer verändern.

http://www.weltwoche.ch/index.php?id=553264

Siehe auch: Sozialstaat untergräbt Solidarität

und: Im Raubtier-Sozialismus

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The following text is illustrated by the video on cultural differences between Norwegians and Americans, on the example of the New Yorker Mafia boss Giovanni Henrikson, who moved to Norway in the witness protection program of the FBI from New York to Lilyhammer.
Please watch this video:

Die Weltwoche |Friday, February 6th 2015

Tyranny of the well-meaning

The Norwegian Guardianship Authority does not vacillate when it comes to parents doing a poor job at raising their offspring. It places such children in foster families and denies mother and father any contact. Oftentimes foreigners are affected, who don’t follow the somewhat abstruse northern rules of parenting.

By Daniela Niederberger

In May of 2011 Eva Michalakova’s phone in the small Norwegian town Steinberg was ringing: the police. It was regarding her son David. She was concerned. Did something happen in the Kindergarten? The officer told her that Kindergarten teacher claimed her son was sexually molested by his father. The boy said his father felt him up through his pajama using his hand. Days later the woman was informed by the local child protection agency, that her boys – the 6yo David and 2yo Denis – had to be removed from their parents.

Still, investigations revealed nothing and a court decided the children were not allowed to be taken from their parents, because the social workers were using suggestion during the interviews with the 6yo and thus those interviews were inadmissible. Nonetheless, in February of 2012 the agency decided to withdraw custody from the parents of Czech origin. The child protection agencies (Norwegian: “barnevernet”) are very powerful in Norway.

The boys were sent to separate foster parents. The mother was promised that her children would be returned to her if she divorces the father, which she did. She still didn’t get her children back. At first, she was allowed to see them four times a year, under strict supervision. Later on, twice a year for two hours. The boys aren’t allowed to hug their mother and may not speak Czech with her. By now, it’s only two visits of fifteen minutes, according to Eva Michalakova’s latest statement made to the Czech news agency. The first meetings took place in a «warm atmosphere», the boys brought flowers and paintings and asked when they would be allowed to return home. Today they say «Eva». From the beginning on, so says Michalakova, the social workers were wondering about the fact that the children only referred to her as mommy and didn’t know her first name.

Grandfather begs for visiting rights

Anurup Bhattacharya, a geoscientist, worked in the Norwegian city Stavanger in the oil industry, his wife Sagarika looking toward the children, a 3yo boy and a 1yo girl. They also had the child protection agency take their children and give them to foster parents. The parents said, that the reasons they were told were: the children slept in the parent’s bed (which is not possible in Norway), were fed by hand (which is typical in India) and had only few toys. The young mother had already been advised to nurse at given times. But she breastfed her baby when it cried.

The desperate couple («we were honest and good parents») defended themselves. In India, the documentary film «Nightmare in Norway» was released, newspapers reported and demonstrations took place. After the Indian foreign minister intervened with his Norwegian counterport, the children were allowed to go to India, to be entrusted in their uncle’s care. Nowadays they are back with their mother, their marriage fell into ruin.

In Michalakova’s case, the television also reported, and the outrage was big. The Czech TV’s report featured Eva Michalakova’s father. Close to tears he said he wanted to see his grandchild one more time before he dies. Grandparents and other relatives may not see the children in the care of foster families. The Czech foreign minister has now joined in and asked Norway to judge the case again. The Czech republic also reached the parliament of the EU.

8485 Withdrawals of custody

The Russian ombudsman for children, Pawel Astachow, recently accused Norway of the new terror against Russian families. The child protection agency removed 55 children from Russian parents in the last three years alone. Oddbjørn Hauge, the agency’s boss, replied by saying, they’re always seeking the dialogue with parents, if child negligence is suspected. And he goes on to claim that if children are removed from their homes, it is always inevitable.

Children rights are held high in Norway. The state strives to offer all children equal opportunities and ensure the best development possible. The child protection agencies were professionalized in 1992 (similar to what happened in Switzerland). It is no longer lay persons from the communities who care for difficult families, but psychologists and social workers, who by the way received more power, too. Of course for the benefit of the children – goal is to prevent that children are neglected and abused. The agency is legally bound to react quickly if it hears about such cases.

The consequence is that the number of intervention in families has severely increased, just as the number of child removals and withdrawals of custody. While in 2003 but 6747 children were placed with foster families or foster home, in 2011 it was already 8485 – an increase of over 25 percent.

Every person is required to notify the agency if they suspect negligence or abuse in a family. Accordingly, such reports drastically increased, although many turn out to be unsubstantiated. Affected families are not wrong when they criticize that all it takes is for a neighbor to denounce one and immediately you’ll have a social worker in your house, spying on you.

How they’re to proceed in doing so is described in the manual «Snitching. Parental failure is all of our business». They claim that oftentimes it is necessary to intentionally frustrate parents to see how they react under pressure. If they show a deep tolerance for frustration, one must ask how they would function if there were no social control. In other words: The parents are intentionally provoked until they lose their patience and flip out, so that later there is evidence for them not being suitable as educators. This despite the fact that the parents react much calmer in private than under the observation of a third party, as written by the emerita professor Marianne Haslev Skånland. She is one of the strongest critics of barnevernet. One must imagine this situation: intimidated foreigners with limited language skills being attacked in their own home, by social workers with scary appearance.

Foreigners have their children taken more than average. Many Polish were hit, one of the largest group of immigrants in Norway, which caused the professor Nina Witoszek, with Polish roots, from the University of Oslo to publish a bitter accusation in the newspaper Aftenposten. Barnevernet, so she writes, is a Stalinistic institution and gave immigrants the following sarcastic advice: 1. You don’t own your children. The state owns them. 2. You may not slap your children. 3. Make sure your children smile in public. 4. You’re worthless.

Uneducated, aggressive parents

The supporters of the child protection agency are however convinced they are acting benevolently. Many children, they claim, have no chance to develop. According to them, Barnevernet is the only way out for such children. Those who criticize the agency are uneducated, aggressive parents according to them. Professor Witoszek writes of the «Tyranny of the well-meaning».

The much praised model state Norway has clear ideas regarding what is correct and incorrect parenting. Physical punishment is long forbidden and regarded as sexual abuse, while physical punishment is nothing unusual in many cultures and slapping isn’t consider that bad. A Tamil family criticized that intense affection is also considered sexual abuse.

The rules are strict. The child sleeps in its own bed. Sweets are only given to children on the weekends, not every day. And even those raising their children according to traditional role patterns are suspicious, because Norway wants to overcome gender roles. «Gender-Mainstreaming» is the magic phrase. A child is considered «it» until it knows whether «it» wants to be a he or a she. Maybe that’s why the child protection agency placed a child of Muslim parents with a homosexual couple.

The following quote from a report from 2005 from the ministry for children and families (now: Ministry for Children and Equality) is also insightful. «Biological bonds are especially important because our society gives them this importance.» And: Biological Parenthood is not a necessity or sufficient condition for a child’s development.

«Statements from young women»

Well: Whether a child grows up with foster parents of the real parents doesn’t matter. But to the foster families it does matter. According to Skånland they receive 430 000 Crowns (ca. 50 000 Euro) a year per foster child, in addition to expenses and nice bonus like vacations at the Mediterranean sea. Furthermore, professor Skånland criticized that a huge apparatus of social workers, therapists and psychologist profit from the entire system.

Jørgen Stueland is a lawyer in the Norwegian Raufoss. He represents families who had their children taken from them. He reports of the courtroom in which representatives of the agency and their attorneys always sit extremely confident and entirely convinced, that they did the right thing, and in front of them a trembling and stuttering Kurdish mother and father, both traumatized, being accused of having beaten and abused their children.

Stueland writes in the article «Child Protection: The Norwegian Way» that the problem is, that the cases are always based on statements coming from «young women». Young women who had mediocre grades in upper school and then studied child protective social work or child protective pedagogy at a technical college because they weren’t fit for studying medicine or psychology. The big problem is the power these girls have as employees of the child protection agency. Power to make decisions which can permanently change the lives of many families.

http://www.weltwoche.ch/index.php?id=553264

https://nowaynorwayblog.wordpress.com/2016/02/26/tyranny-of-the-well-meaning/

line-wordpress

Remember: Do X! Don´t do Y!

Protect innocent, respect life, defend art, preserve creativity!

What´s Left? Antisemitism!

http://www.jsbielicki.com/jsb-79.htm

Psychoanalytische Arbeitsstation

DJ Psycho Diver Sant – too small to fail
Tonttu Korvatunturilta Kuunsilta JSB
Tip tap tip tap tipetipe tip tap heija!
http://www.psychosputnik.com
http://www.saatchionline.com/jsbielicki
https://psychosputnik.wordpress.com/

They want 1984, we want 1776

They are on the run, we are on the march!

Be patient, work hard, follow your passions, take chances and don’t be afraid to fail.
I think for food

molon labe

Der Plural hat kein Geschlecht.

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ -Albert Einstein

„Der psychoanalytische Bei­trag zur Sozialpsychologie der jüngsten Vergangenheit (und Gegenwart Anm.JSB) und ihrer Verar­beitung ist heute ebenso unerwünscht wie die Libidotheorie zu Anfang des Jahrhunderts.“ – I.Kaminer

»Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom >freien Ausleben< der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit.« – Sigmund Feud, Gesammelte Schriften«, Band XI, S. 201 ff.)

Dummheit ist, wenn jemand nicht weiß, was er wissen könnte.

Dummheit äußert sich heute als empörter Moralismus.

Liebe: nur bestenfalls eine Mutter akzeptiert ihr Kind, so wie es ist, ansonsten muß man Erwartungen anderer erfüllen, um akzeptiert zu werden.

Früher galt als mutig, wer ein Revolutionär war, heute reicht es schon, wenn einer seine Meinung behält.

“Jeder fünfte Bewohner des Westjordanlandes ist ein israelischer Siedler”, greint die Generaldelegation Palästinas heute auf ihrer Homepage.
Und jeder fünfte Bewohner Israels ist ein palästinensischer Araber.
So what?

Werte ohne Einfühlungsvermögen sind nichts wert.

Manche Menschen fühlen physischen Schmerz, wenn sie ihre gewohnten Vorstellungen zugunsten der Realität korrigieren sollen, sie wenden ihre gesamte Intelligenz mit Unterstützung ihrer Agressivität auf, um die Realität nicht zu erkennen und ihr Selbstbild unverändert beizubehalten.

Immer mehr fühlen, immer weniger denken – Der Mensch unterscheidet sich vom Tier nicht durch Gefühle, denn Säugetiere haben die gleichen Gefühle, wie der Mensch: Trauer, Angst, Wut, Liebe, sondern durch sein Denken. Wenn er denkt, falls er denkt.

Political correctness ist, wenn man aus Feigheit lügt, um Dumme nicht zu verärgern, die die Wahrheit nicht hören wollen.

„Sagen Sie meiner Mutter nicht, daß ich in der Werbung arbeite. Sie denkt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ – Jacques Seguela

BILD: FAZ für Hauptschüler

Wer „ich will frei sein“ sagt, und es sagen viele, der ist ein Idiot. Denn das höchste was der Mensch als Freiheit haben kann, ist die Freiheit, seine Pflicht frei zu wählen.

“Im Streit um moralische Probleme, ist der Relativismus die erste Zuflucht der Schurken.“ Roger Scruton

Nonkonformistische Attitüde und affirmative Inhalte – einer Kombination, die schon immer die linksdeutsche Ideologie gekennzeichnet hat. – Stephan Grigat

Es sind dieselben, die behaupten, das Geschlecht wäre nicht biologisch angeboren, sondern nur ein soziales Konstrukt, und zugleich daß die Homosexualität kein soziales Konstrukt wäre, sondern biologisch angeboren.

Antisemitismus ist, wenn man Juden, Israel übelnimmt, was man anderen nicht übelnimmt.

„Es gibt zwei Dinge“, so wußte Hitler schon 1923, „die die Menschen vereinigen können: gemeinsame Ideale und gemeinsame Kriminalität“ .

Nach der gewaltsamen Beendigung des Mordens durch die Alliierten waren die Deutschen (und sind es bis heute geblieben) noch deutscher als zuvor.

„Der Staat sind wir“: Dies Credo der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalles war die Wahrheit der Volksgemeinschaft, und der Nazismus war die vermittlungslose Basisdemokratie der Deutschen.

Die Demokratie der Bürger ist die interessierte Demutsadresse an den autoritären Staat.

„Die deutsche Nation ist das Apriori dieser seltsamen Wissenschaft, die

vorgibt, nichts zu kennen als Quellen, Quellen und nochmals Quellen, nichts als das

lautere Plätschern der Tatsachen und das ungetrübte Sprudeln der Empirie. Die

Quelle aber ist der Historie, was der Jurisprudenz das Indiz: Spielmaterial, bloße

Illustration des Systemzwangs zum Rechtsfrieden, d.h. empirische Legitimation der

vorab existenten letzten Instanz, an der jede Berufung aufhört und jede Revision

endet. Egal, wer Recht hat, solange nur Recht ist; was immer die Quellen sagen,

ein Beweis gegen die Nation wird sich daraus nie und nimmer folgern lassen.“ (…)

„Historische Wahrheit wird nach dem Modell von Meinungsumfragen vorgestellt;

kein Sample jedoch wird je repräsentativ genug sein,

um der deutschen Nation als solcher die Taten der Nazis zuzurechnen.

Die juristische Methode dieser seltsamen Wissenschaft, die sich die Behandlung der

Geschichte anmaßt, weiß so überaus sorgfältig zwischen Intention und Resultat zu

scheiden, daß der einzig noch mögliche Weg historischer Wahrheitsgewinnung, der

allerdings leider ausgeschlossen ist, Psychoanalyse wäre.“ – Joachim Bruhn

Da die Psychoanalyse heute auch nur noch ein korruptes Racket ist, würde sie nicht helfen.

 Der Himmel, wenn er sich schon öffnet, zitiert sich am liebsten selbst. 

Je verkommener eine menschliche Kreatur, desto eher fühlt sie sich beleidigt, respektlos behandelt, in ihrer Ehre verletzt.

Der Nicht-Antisemit ist ein Antisemit, der nach der derzeitigen deutschen Rechtsprechung, Israel, Juden diffamiert, diskriminiert, delegitimiert, jedoch nicht expressis verbis das Ziel der dritten Reichs, den Holocaust, die Judenvernichtung, befürwortet.

Aus Deutschland erreicht mich „tiefe Sorge um den Friedensprozess“. Vorsicht: Wo ist es im Nahen und Mittleren Osten derzeit so friedlich und vergleichsweise gewaltarm wie in Israel? Wo leben Araber derzeit sicherer als in Israel? Wo haben sie besseren Zugang zu Bildung, Arbeit, Konsum und medizinischer Versorgung? – Götz Aly

Islam ist weniger eine Religion und mehr eine totalitäre Gesellschaftsordnung, eine Ideologie, die absoluten Gehorsam verlangt und keinen Widerspruch, keinerlei Kritik duldet und das Denken und Erkenntnis verbietet. Der wahre Islam ist ganz anders, wer ihn findet wird eine hohe Belohnung erhalten.

Der religiöse Rassismus der Islamisten, der den völkischen Rassismus der Nazis ersetzt hat, erklärt Allah zum Führer und die Jihadisten zu seiner privilegierten Kampftruppe: Wenn man so will, zu Allahs SS. Der Zusammenhalt dieser Kampftruppe wird über die Jenseitserwartung von Hölle und Paradies, also über das Instrument der religiösen Angst, sichergestellt. Diese Selbstbildfantasie der Islamisten ist mit ihrer (zumeist antijüdischen) Feindbildfantasie untrennbar verknüpft. – Matthias Küntzel

Wahnsinn bedeute, immer wieder das gleiche zu tun, aber dabei stets ein anderes Resultat zu erwarten.

Gutmenschen sind Menschen, die gut erscheinen wollen, die gewissenlos das Gewissen anderer Menschen zu eigenen Zwecken mit Hilfe selbst inszenierter Empörungen instrumentalisieren.

Irritationen verhelfen zu weiteren Erkenntnissen, Selbstzufriedenheit führt zur Verblödung,

Wenn ein Affe denkt, „ich bin ein Affe“, dann ist es bereits ein Mensch.

Ein Mensch mit Wurzeln soll zur Pediküre gehen.

Wenn jemand etwas zu sagen hat, der kann es immer sehr einfach sagen. Wenn jemand nichts zu sagen hat, der sagt es dann sehr kompliziert.

Sucht ist, wenn jemand etwas macht, was er machen will und sucht jemand, der es macht, daß er es nicht macht und es nicht machen will.

Sollen die Klugen immer nachgeben, dann wird die Welt von Dummen regiert. Zu viel „Klugheit“ macht dumm.

Wenn man nur das Schlechte bekämpft, um das Leben zu schützen, bringt man gar nichts Gutes hervor und ein solches Leben ist dann nicht mehr lebenswert und braucht nicht beschützt zu werden, denn es ist dann durch ein solches totales Beschützen sowieso schon tot. Man kann so viel Geld für Versicherungen ausgeben, daß man gar nichts mehr zum Versichern hat. Mit Sicherheit ist es eben so.

Zufriedene Sklaven sind die schlimmsten Feinde der Freiheit.

Kreativität ist eine Intelligenz, die Spaß hat.

Wen die Arbeit krank macht, der soll kündigen!

Wenn Deutsche über Moral reden, meinen sie das Geld.

Ein Mensch ohne Erkenntnis ist dann  lediglich ein ängstlicher, aggressiver, unglücklicher Affe.

Denken ist immer grenzüberschreitend.

Der Mob, der sich das Volk nennt, diskutiert nicht, sondern diffamiert.

Legal ist nicht immer legitim.

Wer nicht verzichten kann, lebt unglücklich.

Sogenannte Sozial-, Kultur-, Geisteswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse, sind keine Wissenschaften mehr, sondern immanent religiöse Kultpropheten, organisiert wie Sekten. Es sind Sozio-, Pädago- und Psychokratien, Rackets, die Erkenntnis nicht fördern, sondern verhindern.

Ohne eine starke Opposition atrophiert jede scheinbare Demokratie zur Tyrannei, und ebenso eine Wissenschaft, zur Gesinnung einer Sekte.

Man kann alles nur aus gewisser Distanz erkennen, wer sich ereifert, empört, wer mit seiner Nase an etwas klebt, der hat die Perspektive verloren, der erkennt nichts mehr, der hat nur noch seine Phantasie von der Welt im Kopf. So entsteht Paranoia, die sich Religion, und Religion als Politik, sogar als Wissenschaft nennt.

Islamisten sind eine Gefahr, deswegen werden sie als solche nicht gesehen. Juden sind keine Gefahr, deswegen werden sie als solche gesehen. So funktioniert die Wahrnehmung von  Feiglingen.

Humorlose Menschen könner nur fürchten oder hassen und werden Mönche oder Terroristen.

Menschen sind nicht gleich, jeder einzelne Mensch ist ein Unikat.

Erkenntnis gilt für alle, auch für Muslime, Albaner, Frauen und Homosexuelle.

Islam gehört zu Deutschland, Judentum gehört zu Israel.

Der Konsensterror (Totalitarismus) ist in Deutschland allgegenwärtig.

Es wird nicht mehr diskutiert, sondern nur noch diffamiert.

Es ist eine Kultur des Mobs. Wie es bereits gewesen ist.

Harmonie ist nur, wenn man nicht kommuniziert.

Man soll niemals mit jemand ins Bett gehen, der mehr Probleme hat, als man selbst.

>>Evelyn Waugh, sicherlich der witzigste Erzähler des vergangenen Jahrhunderts, im Zweiten Weltkrieg, herauskommend aus einem Bunker während einer deutschen Bombardierung Jugoslawiens, blickte zum Himmel, von dem es feindliche Bomben regnete und bemerkte: “Wie alles Deutsche, stark übertrieben.“<< Joseph Epstein

Man muß Mut haben, um witzig zu sein.

Dumm und blöd geht meistens zusammen.

Charlie Hebdo: solche Morde an Juden sind euch egal, mal sehen wie”angemessen”  ihr reagiert, wenn (wenn, nicht falls) eure Städte von Islamisten mit Kasam-Raketen beschossen werden.

Christopher Hitchens großartig: „In einer freien Gesellschaft hat niemand das Recht, nicht beleidigt zu werden.“

Je mehr sich jemand narzisstisch aufbläht, desto mehr fühlt er sich beleidigt und provoziert.

“Das Problem mit der Welt ist, daß die Dummen felsenfest überzeugt sind und die Klugen voller Zweifel.” – Bertrand Russel

Das Problem mit den Islamisten in Europa soll man genauso lösen, wie es Europa für den Nahen Osten verlangt: jeweils eine Zweistaatenlösung, die Hälfte für Muslime, die andere Hälfte für Nicht-Muslime, mit einer gemeinsamen Hauptstadt.

Was darf Satire? Alles! Nur nicht vom Dummkopf verstanden werden, weil es dann keine Satire war.

Islamimus ist Islam, der Gewalt predigt.

Islam ist eine Religion der Liebe,und wer es anzweifelt, ist tot.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Der Islam ist die friedliche Religion der Liebe George Orwell 2015

Islam ist verantwortlich für gar nichts, Juden sind schuld an allem.

Islamisten sind Satanisten. Islamismus ist eine Religion von Idioten.

Leute fühlen sich immer furchtbar beleidigt, wenn man ihre Lügen nicht glaubt.

Jeder ist selbst verantwortlich für seine Gefühle.

Die Psychoanalyse geht niemanden außer den Psychoanalytiker und seinen Patienten etwas an, und alle anderen sollen sich verpissen.

“Zeit ist das Echo einer Axt
im Wald.
Philip Larkin, Gesammelte Gedichte

Wenn jemand wie Islamisten sein Ego endlos aufbläht, dann verletzt er seine eigenen Gefühle schon morgens beim Scheißen.

„Die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: Reichtum ohne Arbeit Genuß ohne Gewissen Wissen ohne Charakter Geschäft ohne Moral Wissenschaft ohne Menschlichkeit Religion ohne Opfer Politik ohne Prinzipien.“
―Mahatma Gandhi

„Wo man nur die Wahl hat zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten.“
―Mahatma Gandhi

Warum zeigt sich Allah nicht? Weil er mit solchen Arschlöchern nichts zu tun haben will.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.”  – Ignazio Silone

Politische Korrektheit verlangt eine Sprache für ein Poesiealbum.

Psychoanalyse ist frivol, oder es ist keine Psychoanalyse.

Bunte Vielfalt, früher: Scheiße

Was der Mensch nicht mehr verändern, nicht mehr reformieren kann, ist nicht mehr lebendig, sondern sehr tot. Was tot ist, das soll man, das muß man begraben: Religion, Ehe, Romantizismus, etc.

Romantik ist scheiße.

Die Realität ist immer stärker als Illusionen.

Deutschland gestern: der Wille zur Macht.
Deutschland heute: der Wille zur Verblendung.
Deutschland morgen: 德國

Deutsche Psychoanalyse? Großartig, wie deutscher Charme, deutscher Humor und deutscher Esprit.

Der Widerstand fängt mit einer eigenen, anderen Sprache als die der Diktatur.

Smart phones for stupid people.

Ein Linker kann, muß aber nicht dumm sein.

Wenn man ganzen Staaten nicht übel nimmt, wenn sie mit Millionen Opfern Selbstmord begehen, warum dann einem Co-Piloten mit 149 Toten?

Nur die Reinheit der Mittel heiligt den Zweck.

Ein extremer Narzißt ist ein potentieller Terrorist, und jeder Terrorist ist ein extremer Narzißt.

Islamisierung bedeutet Verblödung.

…der hiesige Autoritarismus (ist) einer ohne Autorität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen. Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl, sondern sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als es das Wort vom „Befehlsnotstand“, von der „Gleichschaltung“ oder vom „Führer“ selber glauben machen will, herrschte das NS-System durch Gehorsam ohne Befehl. (W. Pohrt, Der Weg zur inneren Einheit)

Der faschistische Sozialpakt existiert im bundesdeutschen Postfaschismus weiter als eine im Resultat aufgehobene Voraussetzung, die unmittelbar keine Spur ihrer gewaltförmigen Durchsetzung mehr an sich trägt: umso besser kann diese Tatsache verleugnet und der Nationalsozialismus als das Verbrechen einiger Irrer, als „Unrechtsstaat“, als „das Schlimmste, das Menschen einander je angetan haben“ exorziert werden. Diese Lebenslüge der BRD ist das Fundament aller demokratischen „Vergangenheitsbewältigung“, jenes kollektiven Beschweigens des Nationalsozialismus, das durchaus auch die Form enervierender Redseligkeit annehmen kann. Weil das postfaschistische Deutschland in institutioneller wie personeller Hinsicht in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht, muß ausnahmslos jeder Versuch einer Vergangenheitsbewältigung innerhalb des sich weiterschleppenden Systems zur symbolischen Distanzierung, zum substanzlosen Gestus geraten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Deutschen einen schier unerschöpflichen Vorrat an größeren und kleineren Entlastungslügen angelegt, aus dem sie sich je nach Gelegenheit und Bedarf bedienen. Danach war das nationalsozialistische System wahlweise das Werk von Hitler höchstpersönlich, einer kleinen Verbrecherclique und ein paar Helfershelfern oder des Monopolkapitals und seiner Schergen. Otto Normalvergaser jedenfalls hat „von alledem nichts gewußt“, war „im Grunde auch dagegen“ oder „konnte gar nicht anders handeln“, weil „Befehlsnotstand“ herrschte und man im Falle des Zuwiderhandelns sofort „ins KZ gekommen“ wäre. “ (…) „Heute haben die Verbreitung des Gerüchts und die Verbreitung der Neidbeißerei neue, technische Möglichkeiten. Sie können sich über das Internet und diverse Subnetzwerke und Blogs rasend verbreiten und auch auf die Politik einen Druck erzeugen, sich ihnen zu beugen. Die gesellschaftliche Mobilmachung wirkt so wieder auf die Politik zurück. Sie muss sich den entsprechenden Stimmungen beugen, weil sonst die Wiederwahl gefährdet würde. Die Devise »Ich bin ihr Führer, also muss ich ihnen folgen«, bleibt auch im zerfallenen Postnazismus das prinzipienlose Grundprinzip von Herrschaft.“ (…) Spezialisierung und Diversifikation sind die zeitgemäße Erscheinungsform von Vermassung und Uniformität. (…) 1 x 1 materialistischer Kritik: es  muss darum gehen, Erscheinungen in eine Konstellation zu bringen, in der sie lesbar werden. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. Und weil gerade die Entfernung vom Nazismus die Nähe zu ihm verbürgt, waren und sind das diejenigen, die in Personensache am wenigstens mit Nazifaschistischem in Verbindung zu bringen sind, die Linksradikalen, die Linksliberalen, die Linken, die Antifaschisten, die entschiedensten Schrittmacher dafür, dass der anfangs noch gar nicht wirklich übergreifende postnazistische Fundamentalkonsens tatsächlich totalisiert und auf die Höhe der Zeit gebracht werden konnte. Die Nazis und die Rechten hingegen waren für diesen Vorgang nur von unterordnetem Belang. Sie standen immer schon für eine in ihrer konkreten Ausprägung gestrige Gesellschaftsformation und deshalb ging von ihnen auch nie eine ernsthafte Gefahr eines neuen Faschismus aus. Diese Totalisierung der Gemeinschaft der Demokraten, die hauptsächlich die Linke mit herbeigeführt hat, ist allerdings identisch und das zeigt sich heute mit ihrem Zerfall. Dieser wiederum ist im Selbstwiderspruch der postnazistischen Vergesellschaftung angelegt, in der der bereits erwähnte nazistische Kurzschluss von Staaten Subjekt im Modus permanenter Mobilmachung in den politökonomischen Formen im Doppelsinne aufgehoben ist. Seiner Substanz nach anerkannt und aufbewahrt, wie vorerst suspendiert und seiner Verlaufsform nachgezügelt. Also statt den Blockwarten gab es Aktenzeichen XY, da durfte sich jeder dann auch telefonisch dran beteiligen, aber richtige Jagdszenen gab es in der alten Bundesrepublik nicht oder nur in Ausnahmefällen. Taxiert selbst zu Zeiten der Prosperität jeder insgeheim seinen Erwerb als verkappte Arbeitslosenunterstützung, so mobilisiert die Krise der postnazistischen Vergesellschaftung erst Recht die Sehnsucht nach der alten Staatsunmittelbarkeit. Johannes Agnoli schrieb dazu schon in der Transformation der Demokratie 1966: „Der präfaschistisch liberale Ruf nach dem starken Staat wiederholt sich postfaschistisch neoliberal“. Und damit gerät das ganze System des autoritären Etatismus und geraten letzten Endes die politökonomischen Vermittlungen als solche wieder ins Visier des Volkszorns und es war wiederum die Linke, die noch zu Zeiten, wo keine Krise in Sicht war, im sinistren Tram nach Liquidation der Vermittlungen die Zunge gelöst und ihm neue fantasievolle und kreative, wie es so schön heißt, Äußerungsformen zur Verfügung gestellt hat. Sie war das Laboratorium, in dem die allgemeine Mobilmachung eingeübt und jener darauf zugeschnittenen neue und zugleich sehr alte Sozialcharakter herangebildet wurde, indem sich mittlerweile eine Mehrheit spontan wieder erkennt. Derjenige Sozialcharakter, der nach dem Motto „Ich leide, also bin ich“ sich einerseits unter Berufung auf die höchst unverwechselbare Diskriminierung, die ihm angeblich wiederfährt, zur kleinsten existierenden Minderheit erklärt, sich gleichsam nach dem Muster verfolgter und in ihrer Kultur bedrohter Völker begreift und andererseits als Gegensouverän seine private, warnhafte Feinderklärung allen anderen oktroyieren möchte und diesem Zweck entweder vorhandene gesellschaftliche Organisationen zu Rackets umfunktioniert, neue Rackets gründet oder andere Rackets mit ins Boot holt. Der einstige demokratische Fundamentalkonsens wird dadurch einerseits ins einzelne Subjekt zurückverlagert und andererseits vermittlungslos verallgemeinert. Aus der formell kollektiven Feinderklärung der Mitte gegen die Extreme, das war der Normalfall in der Bundesrepublik bis weit in die 80er Jahre, Terroristenhasse, einige werden sich noch daran erinnern. Aus dieser kollektiven Feinderklärung der gesellschaftlichen Mitte gegen die Extreme wird also die pluralisierte Feinderklärung alle gegen alle, die getrennt vereint sich zusammenrotten und auf diese Weise zerfällt die Gemeinschaft der wehrhaften Demokraten und reorganisiert sich zugleich hin zu zerfallen. Ein Zitat von Wolfgang Port in einem anderen Zusammenhang macht es sehr schön deutlich: „Wie durch höhere Gewalt sondern sich die Langen von den Kurzen, die Weiblichen von den Männlichen, die Alten von den Jungen, die Dicken von den Dünnen ab“ und das Resultat ist eine Segregation und Ghettoisierung durch welche die Metropolen, einem riesigen Freiluftgefängnis mit seinen Unterabteilungen für Männer und Frauen, Jugendliche, Kranke, Alte, Port schreibt etc., man könnte noch Schwule und Lesben und Migranten und was weiß ich noch alles ergänzen, Protestanten, Katholiken, Ossis, Wessis, immer ähnlicher werden. Neu ist, dass dieses Freiluftgefängnis als eine kulturelle Einrichtung und seine Insassen als Kulturbotschafter begriffen werden und es ist diese nahezu flächendeckende Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mehrheit und der einzelnen Individuen in ihr, die in der Postmoderne ihr bewusstloses Selbstbewusstsein und ihre Legitimation erfährt und im antirassistischen PC-Sprech sich ihren Ehrenkodex schafft, ihre Omertà, die sich an ihresgleichen und die verbliebenen Kritiker draußen richtet, Islamophobie ist ihr derzeit aktuellstes Schlagwort. Dieser Vorgang, diese Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mitte und ihr Zerfall ist also die Bedingung der neuen Haltung Ausländern und Migranten gegenüber, an denen die Deutschen projektiv ihre ersehnte Regression auf den Stamm illustrieren. Was ihnen umso leichter gelingt, als manch ihrer Repräsentanten und Lobbyisten sich anschicken, genau dem Bilde zu gleichen, das die Deutschen sich seit jeher von ihnen machten und wofür sie von ihnen jetzt nach kollektiv und offiziell ins Herz geschlossen werden. Der mittlerweile zur Dauereinrichtung erklärte Karneval der Kulturen ist nichts anderes als ein Zerfallsprodukt der postfaschistischen Demokratie, mehr noch, er ist diese Gemeinschaft in einer zugleich flexibilisierten und pluralisierten und kollektivierten Gestalt. In dieser Völkerfamilie, die die Deutschen gerne auf der ganzen Welt hätten, wären da nicht Israel und die USA als Störenfriede und die sie aus Mangel an Realisierungschancen deshalb erstmal bei sich zuhause einrichten, geht es dabei zu, wie in jeder guten Familie: Die einzelnen Mitglieder sind einander spinnefeind und die Widersprüche und Konflikte, die daraus resultieren, gehören auch voll und ganz dieser Vergesellschaftung an, sind von ihr konstituiert und dazu gehört ein fein dosiertes Spiel mit Fremdheit und Nähe, das von allen Beteiligten auch weiterhin gepflegt wird, weil damit ein moralisches Plus bei der Gefolgschaft eingefahren werden kann. (…) Der zweite Weltkrieg war ein kulturindustrielles Massenevent. (…) Eine neue Barbarei sei stets zu befürchten, wird sich nicht aus dem Geist Nationalsozialismus unmittelbar speisen, sondern im Gewande von demokratischem Antifaschismus von Lernen aus der Geschichte und political correctness daher kommen.(…) Abwehr des offenen Faschismus durch dessen demokratische Entnazifizierung und Eingemeindung. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. (…) Die postnazistische Demokratie hat  die nationalsozialistische Mobilmachung des „gesunden Volksempfindens“ zwar nicht abgeschafft, sondern nur sistiert – sie hat es aber andererseits auch in die Latenz abgedrängt und damit gebremst, indem sie es in die mediatisierende Form des bürgerlichen Repräsentationsprinzips zwängte.  (…) „Rassismus“ ist ein ideologisches Stichwort eines anti-rassistischen Rackets, das jeden Realitätsbezugs entbehrt, das seine Mitglieder vielmehr nur als Ausweis von Gesinnungsfestigkeit und Ehrbarkeit vor sich hertragen und das ihnen als probates Mittel dient, um nach Willkür und freiem Ermessen festzulegen, wer gerade als „Rassist“ zu gelten hat. Und dieses „anti-rassistische“ Racket, das sind heutzutage fast alle: längst ist die Gegnerschaft zum Rassismus keine Domäne der Linken mehr, sondern offizielle Staatsraison und common sense aller Ehrbaren und Wohlmeinenden, und das ist die erdrückende Mehrheit.  (…) Von der moralisierenden Aufdringlichkeit und der enervierenden Verlogenheit einmal abgesehen, ist die Ehrfurcht, die „anderen Kulturen“ entgegengebracht wird und die Unterwürfigkeit, mit der ihre Träger geradezu als Heilsbringer verehrt werden, keine Gegenposition zum Rassismus, sondern dessen logische wie historische Voraussetzung, die im Rassismus und allen naturalisierenden Ideologien als ein Moment überlebt: deren Grundmuster ist die projektive Bekämpfung dessen, was man selbst gern möchte, aber nicht erreichen kann, und deshalb gehört zur Diskriminierung der Neger wegen ihrer „Faulheit“ die Bewunderung für den „Rhythmus, den sie im Blut haben“ und die Achtung vor ihrer „sagenhaften Potenz“; somit ist der „Anti-Rassismus“ nichts weiter als die notwendige Kehrseite des Rassismus selbst, die sich von diesem abgespalten hat und gegen ihre eigene Grundlage wendet. Historisch jedenfalls geht die Wertschätzung fremder Kulturen ihrer späteren, „rassisch“ legitimierten Abqualifizierung voran und sie ist auch logisch deren Voraussetzung: Christoph Columbus etwa beschreibt in seinen Tagebüchern die Eingeborenen, die er 1492 auf den Bahamas, Cuba und schliesslich Haiti angetroffen hat, folgendermaßen: sie sind „ängstlich und feige“, „sehr sanftmütig und kennen das Böse nicht, sie können sich nicht gegenseitig umbringen“, „sie begehren die Güter anderer nicht,“ und er resümiert: „Ich glaube nicht, dass es auf dieser Welt bessere Menschen oder ein besseres Land gibt.“ (7)  (…) Protestantische Innerlichkeit: gemäß der Devise, dass vor der schlechten Tat der schlechte Gedanke und das schlechte Wort kommen, die man demzufolge austreiben muss, damit alles besser wird. (…) So kommt es, dass es heute der Anti-Rassismus ist, der, unter dem Vorwand, heldenhaft gegen einen in Wahrheit nicht existenten „Rassismus“ zu kämpfen, Respekt und Toleranz noch für die rückständigsten und unmenschlichsten Sitten und Gebräuche einfordert und damit selbst als Protagonist und Fürsprecher einer Verrassung der restbürgerlichen Gesellschaft fungiert.  (..) Die unterschiedliche Pigmentierung der menschlichen Haut ist eine objektive Gegebenheit, keine bloße Erfindung. (…) Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv. (…) Der nervige Sozialcharakter des Gutmenschen ist offenbar eine fast zeitlose Erscheinung und in den verschiedensten Lebensbereichen anzutreffen, die Wahrscheinlichkeit, ihm in fortschrittlichen sogenannten „politischen Zusammenhängen“ zu begegnen, ist besonders hoch: werden doch hier traditionell die altruistischen Tugenden – das Mitgefühl, die Solidarität, Selbstlosigkeit etc. – besonders hoch angeschrieben und deshalb sind sie das geeignete Betätigungsfeld für Sozialcharaktere, die sich als Ersatz für ihr eigenes ungelebtes Leben vorzugsweise mit dem Leiden anderer als Fetisch verbinden. (…) Es sind aber gerade die höchsten Tugenden, die die niedersten Instinkte decken, wie schon Marx wusste: „Bis jetzt hat der Mensch sein Mitgefühl noch kaum ausgeprägt. Er empfindet es bloß mit dem Leiden, und dies ist gewiss nicht die höchste Form des Mitgefühls. Jedes Mitgefühl ist edel, aber das Mitgefühl mit dem Leiden ist die am wenigsten edle Form. Es ist mit Egoismus gemischt. Es neigt zum Morbiden […] Außerdem ist das Mitgefühl seltsam beschränkt […] Jeder kann für die Leiden eines Freundes Mitgefühl empfinden, aber es erfordert […] das Wesen eines wahren Individualisten, um auch am Erfolg eines Freundes teilhaben zu können. (…) Und da jeder demonstrative Altruismus nicht nur einen kleinlichen Egoismus bemäntelt, sondern auch mit dem Anspruch des Idealisten einhergeht, erzieherisch auf das Objekt seiner Zuwendung einzuwirken, ist er die adäquate Ideologie von Rackets, und auch das ist Wilde nicht entgangen: Barmherzigkeit, so schreibt er, sei die „lächerlich unzulängliche Art der teilweisen Rückerstattung oder ein sentimentales Almosen, gewöhnlich verknüpft mit dem skandalösen Versuch des rührseligen Spenders, auf (das) Privatleben (der Armen) Einfluss zu nehmen. (…) Im totalisierten Zugriff auf die ihr Unterworfenen ist die sozialistische Bewegung bis auf den heutigen Tag ebenfalls als ein Racket des Tugendterrors anzusprechen, betrachtet sie es doch als ihre Aufgabe, das Proletariat oder das gerade angesagte Subjekt seiner „wahren Bestimmung“ zuzuführen und d.h. es im Sinne der von ihm zu realisierenden Ideale zu erziehen – und das bedeutet stets noch: ihm die Untugenden und Laster auszutreiben, die der Vorhut als Male der individualistischen Bürgerwelt erscheinen: etwa Alkoholabusus, Faulenzerei, „zerrüttete“, „unsittliche“ Verhältnisse zwischen den Geschlechtern etc. Und um dieser Aufgabe gerecht zu werden, müssen die selbsternannten Vertreter der Klasse die von ihnen verfochtenen Tugenden in eigener Person glaubwürdig verkörpern und deshalb in einer noch rigideren Weise als der gemeine Bürger sich als Subjekte zurichten, d.h. ihre Individualität dem Allgemeinen (dem Kollektiv, der Klasse, dem Frieden etc.) opfern, um totale Identität mit ihm zu erlangen. Wenn Identität letzten Endes den Tod bedeutet, dann hat die Bemühung um sie vorzeitige Erstarrung und prämortale Leblosigkeit zur Folge – von daher die bis in die Gegenwart zu beobachtenden verhockten, verkniffenen und lauernden Mienen aller professionellen Menschheitsbeglücker, ihre rigide Zwangsmoral und durchgängige Humorresistenz, die immergleichen offiziösen Phrasen, die sie dreschen, die tödliche Langeweile, die von ihnen und ihrem penetranten Sendungsbewusstsein ausgeht, und ihr chronisches Beleidigtsein, wenn sie beim Gegenüber auch nur den Hauch eines Zweifels an ihrer aufgetragenen Gutartigkeit zu erspüren glauben. Und zu alldem glauben diese Leute sich auch noch ermächtigt, diese ihre trostlose Existenz zur verbindlichen Richtschnur für alle anderen zu erklären.“ – Clemens Nachtmann

„Die rebellische Haltung, vor einem Jahrzehnt noch das Privileg von Einzelgängern, ist heute Ausdruck des Konformismus. Man will dazugehören, nicht als Schlappschwanz gelten“ – Horkheimer

„Die Demokratie ist nichts weiter als die Herrschaft des Knüppels über das Volk durch das Volk für das Volk. (…) Es gibt drei Arten von Despoten: den Despoten, der den Leib knechtet, den Despoten, der die Seele knechtet und den Despoten, der Leib und Seele zugleich knechtet. Der erste heißt Fürst. Der zweite heißt Papst. Der dritte heißt das Volk. (..) Wer das Volk führen will, ist gezwungen, dem Pöbel zu folgen“ (…) „Man hört immer wieder, der Schulmeister sterbe aus. Ich wünschte beileibe, dem wäre so. Aber der Menschentypus, von dem er nur ein und gewiss noch der harmloseste Vertreter ist, scheint mir wahrhaftig unser Leben zu beherrschen; und wie auf ethischem Gebiet der Philanthrop die größte Plage ist, so ist es im Bereich des Geistes derjenige, der so sehr damit beschäftigt ist, andere zu erziehen, dass er nie Zeit gehabt hat, an seine eigene Erziehung zu denken […] Wie schlimm aber, Ernest, ist es, neben einem Menschen zu sitzen, der sein Leben lang versucht hat, andere zu erziehen! Welch eine grausame Tortur! Was für eine entsetzliche Borniertheit, die unvermeidlich aus der fatalen Gewohnheit resultiert, anderen seine persönlichen Überzeugungen mitteilen zu wollen! Wie sehr dieser Mensch durch seine geistige Beschränktheit auffällt! Wie sehr er uns und fraglos auch sich selbst anödet mit seinen endlosen Wiederholungen und seiner krankhaften Besserwisserei! Wie sehr er jedes Anzeichen geistigen Wachstums vermissen lässt! Wie verhängnisvoll ist der Kreis, in dem er sich unablässig bewegt.“ – Oscar Wilde
„Was die Menschheitsbeglücker in Wahrheit bewirken, ist ihr eigener moralischer Selbstgenuss in der angemaßten oder tatsächlichen Herrschaft über andere, aber gerade nicht die praktische Lösung der Dinge, um die es ihnen vorgeblich so selbstlos zu tun ist: „In den Augen des Denkers allerdings liegt der wahre Schaden, den das moralische Mitgefühl anrichtet, darin, dass es unser Wissen begrenzt und so verhindert, dass wir auch nur eines unserer sozialen Probleme lösen.“ (Wilde) Das Selbstopfer fürs Kollektiv erweist sich nicht nur als die wahre Selbstsucht, sondern auch als gegen die Gattung gerichtet: „Denn die Entwicklung der Gattung hängt von der Entwicklung des Individuums ab, und wo die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit als Ideal abgedankt hat, ist das Absinken des intellektuellen Niveaus, wenn nicht gar dessen gänzliches Verschwinden die unmittelbare Folge.“ (Wilde) Und das vorgeblich so praktische und zielorientierte Tun erweist sich als in Wahrheit konfus und unpraktisch: denn es verlässt den Bannkreis des Notwendigen und Zwanghaften nicht, ja, es bestärkt dessen Macht umso mehr, je auftrumpfender und verblendeter es sich in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit verhärtet und alle Selbstaufklärung abwehrt. Solange die Gesellschaft den Individuen als fremde äußere Macht entgegentritt, verkehrt sich die gute Intention regelmäßig in ihr Gegenteil und ist menschliches Handeln „nur blindes Tun, abhängig von äußeren Einflüssen und angetrieben von einem dunklen Impuls, von dem es selbst nichts weiß. Es ist seinem Wesen nach unvollkommen, weil es vom Zufall begrenzt wird, und unwissend über seine eigentliche Richtung, befindet es sich zu seinem Ziel stets im Widerspruch […] Jede unserer Taten speist die große Maschine des Lebens, die unsere Tugenden zu wertlosem Staub zermahlen oder aber unsere Sünden in Bausteine einer neuen Kultur verwandeln kann.“ (…) Die Misere des Sozialismus von seinen Anfängen bis heute war und ist stets zuverlässig abzulesen an seiner Verachtung aller autonomen, zweckfreien, in sich begründeten und eben darin gesellschaftlich bestimmten Kunst, weil sie die – prekäre und unvollständige – Emanzipation des Individuums von Blut, Scholle, Rasse, Kollektiv vorausträumt und ihr Ausdruck verleiht. Die Kunst, die sozialistische Bewegungen oder Regimes dann hervorbringen und fördern, eine Kunst, die „Partei ergreifen“, „Stellung beziehen“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ dokumentieren soll, zerstört jedoch sich selbst und ihre Voraussetzungen. (…) „Kunst ist Individualismus und der Individualismus ist eine verstörende und zersetzende Kraft. Gerade darin liegt sein unermesslicher Wert. Denn was er aufzubrechen versucht, ist die Einförmigkeit des Typischen, die Sklaverei der Konvention, die Tyrannei der Gewohnheit und die Erniedrigung des Menschen auf das Niveau einer Maschine. (…) alle Künste sind amoralisch, ausgenommen die niederen Formen der sinnlichen oder belehrenden Kunst, die uns zu guten oder schlechten Taten anstiften wollen“ (…) Selbstsucht strebt immer danach, der gesamten Umwelt ein Einheitsmaß aufzuzwingen“ „Selbstlosigkeit bedeutet, andere Leute in Ruhe zu lassen, sich nicht in ihr Leben einzumischen […] Die Selbstlosigkeit weiß die unendliche Vielfalt als etwas Kostbares zu schätzen, sie akzeptiert sie, lässt sie gewähren und erfreut sich an ihr.“ (…) „Die erste Pflicht im Leben ist, so künstlich wie möglich zu sein. Die zweite Pflicht ist noch unbekannt.“(Wilde)
Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus.  (…) Massen laufen zur Deutschen Ideologie über, wenn Politik und Staat ihnen diesen Weg nicht versperren (…) Der Vernünftige braucht keinen Dialog mit Leuten zu führen, die sich nicht von Grund auf von denjenigen distanzieren, die Juden oder, was dasselbe ist, den Zionismus für ihr und anderer Leute Unglück verantwortlich machen. Er denunziert desgleichen jede Verhandlungsbereitschaft denen gegenüber, die, bevor sie sich als Staatsbürger und Marktsubjekte definiert haben, als Angehörige einer Religions- oder Volksgemeinschaft anerkannt werden wollen. (…) Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus. (…) Antideutsch denken und handeln heißt demzufolge, die politischen Vermittlungs- und Repräsentationsformen in Gesellschaft und Staat, die auf der Trennung von freien und gleichen Warenbesitzern einerseits und am Allgemeinwohl orientierten Staatsbürgern andererseits beruht, gegen die zu verteidigen, die diese Teilung zugunsten eines autoritären Volksstaates überwinden wollen, dessen Subjekte von nichts anderem als von seinen Wohlfahrtsleistungen abhängig sind. Wer in diesem Sinne das Etikett „antideutsch“ nicht auch auf sich bezieht, mißachtet zumindest die Gefährlichkeit der – selbstredend nicht auf Deutschland und deutsche Staatsbürger beschränkte, sondern immer schon weltweit grassierende – Deutschen Ideologie, deren historischer Kern darin besteht, daß auf ihr Konto nicht nur „normale“ kapitalbedingte Ausbeutung und Herrschaft, nicht nur die dem Kapital aus Prinzip immanenten Kriege und nicht nur der ihm in seinen Grund eingeschriebene Antisemitismus gehen, sondern fördert das Überleben einer Ideologie, der zudem noch die historisch und empirisch nicht zu leugnende Tatsache eingeschrieben ist, daß die deutsche Fassung der Beziehung von Staat und Gesellschaft die Auslöschung der Menschheit in zwei Weltkriegen im allgemeinen und den eliminatorischen Antisemitismus im besonderen beinahe total verwirklicht hätte. In der Existenz des Staates Israel manifestiert sich der Einspruch gegen den historisch bewiesenen Vernichtungswahn Deutscher Ideologie praktisch und empirisch. – Manfred Dahlmann

„Wird Freiheit mit Zügellosigkeit verwechselt, entsteht Rücksichtslosigkeit.
Am Schluss Gleichmacherei.
Ihr seid aber nicht alle gleich.
Noch nie wart ihr alle gleich.
Ihr lasst es euch aber einreden.
So werdet ihr immer respektloser, ungenießbarer gegeneinander.
Vergeudet in Kleinkriegen eure Zeit, als hättet ihr ein zweites Leben.
Weil ihr tatsächlich alles verwechselt.
Behauptungen mit Beweisen.
Gerechtigkeit mit Maß.
Religion mit Moral.
Desinteresse mit Toleranz.
Satire mit Häme.
Reform mit Veränderung.
Nachrichten mit Wirklichkeit.
Kulturunterschiede haltet ihr für Softwarefragen und ihre Analyse ersetzt ihr mit Anpassung.
Ihr habt die Maßstäbe verloren.
Der Gordische Knoten ist ein Keks gegen eure selbstverschuldete Wirrsal.

Man geht immer fehl, sucht man den Ursprung menschlicher Handlungen außerhalb der Leidenschaft des menschlichen Herzens …

Der Separatismus gendert sich in die Köpfe, sitzt in Regierungen.
Männer sind keine Männer mehr. Frauen keine Frauen, sondern ‚Menschen mit Menstruationshintergrund’, Quote ist Trumpf.
Auf gar keinen Fall sollen Mann und Frau sich noch als zwei Teile eines Ganzen begreifen. Damit die Geschlechter noch mehr aneinander verzweifeln.
Bis alle in destruktiver Selbstbezogenheit stecken.
Am Ende: Mann ohne Eier. Frau ohne Welt.

Auf die Erschöpfung des Mannes wird aber nur die Erschöpfung der Frau folgen, das sage ich euch.
Auf die Verstörung der Kinder folgt die Zerstörung der menschlichen Schöpfung.“– Hans Dieter Hüsch

Es gibt zweierlei Ethik: die moralische, der die Realität egal ist und die der Verantwortung, die reale Folgen der ethischen Forderungen berücksichtigt. Die erste ist gut gemeint, die zweite ist gut gemacht.

Was dem einen seine Souveränität, ist dem anderen seine Eigenmächtigkeit.

Das Schöne am Euro war, dass die Gewinner immerzu gewinnen konnten, ohne dass ihnen gleich die Quittung präsentiert wurde. Denn sie verdienen ja am Ausland, was heißt, eigentlich ein im Maße des Verdienens zunehmend schlechtes Geld – das ist durch den Euro aufgehoben worden: Man konnte ständig an einer anderen Nation verdienen, ohne dass das Geld dieser Nation darunter gelitten hat, weil sie gar kein eigenes hat. Der Wert dieses Geldes repräsentiert nicht die Leistungsfähigkeit dieser Nation. So hat der Euro von dem innereuropäischen Verdienen aneinander sogar noch gelebt; er hat vor der Krise absurderweise nur den Konkurrenzerfolg der Gewinner repräsentiert.

— Das ist ja mit der Idylle charakterisiert. Dass zunächst mal alle Seiten Gewinner des neu eingeführten Euro waren. Auch die, die ihre vergleichsweise Weichwährung gegen den Euro getauscht haben und damit auf einen Schlag Kredit zu ganz anderen Konditionen und Möglichkeiten hatten. Insofern waren die späteren Verlierer erst mal auch Gewinner.

Kein Nazifaschist hat je wirklich geglaubt, er bezöge die Ermächtigung seiner Ansprüche aus dem Teutoburger Wald; keiner seiner demokratischen Erben hat jemals tatsächlich gedacht, ihnen erwüchse Legitimität im Resultat des “Lernens aus der Geschichte”; niemals war ein Sozialist der Ansicht, es sei die famose “Befreiung der Arbeit” und nicht vielmehr das Recht auf Beute, was seine Politik im Interesse der Arbeiterklasse motivierte. Und keinesfalls erwächst den Palästinensern irgendein Recht aus der Tatsache, daß sie zuerst da waren. Einer Gesellschaft, der Hunger kein Grund ist zur Produktion, kann auch das Leiden kein Grund sein zur Solidarität. Es ist die Ideologie, die mit der Unmittelbarkeit des Leidens agitiert, die aus dessen fragloser Evidenz Sinn zu schlagen sucht, sei es im Sinne von Caritas oder Amnesty International, sei es im Sinne der Freunde des palästinensischen Volkes für den Israelhaß der Antisemiten wie für den Islamfaschismus dieses Volkes. Ariel Scharon jedenfalls, der Zionist und praktische Antifaschist, ist dem aufgelösten Rätsel der Geschichte näher als die deutsche Linke, deren “Antifaschismus” sich als Aufstand der Anständigen à la Gerhard Schröder oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausagiert. (…) Im Wesen Israels als des ungleichzeitigen Staates der Juden liegt es aber nicht nur, Reaktion auf den Verrat an Aufklärung und Weltrevolution, nicht nur, Notwehrversuch gegen den Nazifaschismus und Asyl zu sein. Sondern eben auch, daß die üblichen Muster der bürgerlichen Rollenverteilung – hier das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates im allgemeinen und dort die Personen, die die Regierungsausübung im besondern besorgen – für den israelischen Staates aufgrund seiner Konstitutionsbedingungen keine Geltung mehr hat. Was sich unter anderem darin zeigt, daß diese “Kritiker” der israelischen Regierungspolitik für den faschistischen Mob und die Behörden, die Selbstmordattentäter belohnen, Verständnis aufbringen (Folge von Besatzung und Ausbeutung), dagegen für den Versuch, die militärische Infrastruktur der Gegner Israels zu zerschlagen, am liebsten die Begriffe Auslöschung oder Ausrottung der palästinensischen Bevölkerung im Munde führen. Wie hinter der treudoofen Frage, ob es nicht möglich sein müsse, Spekulanten als das zu bezeichnen, was sie sind, ohne gleich als antisemitisch zu gelten, so verbirgt sich hinter der treulinken Frage, ob nicht auch in Israel, weil es sich auch dort um eine bürgerliche Gesellschaft handele, Faschismus möglich sei, die Erkenntnis dieser Fusion in verquerer und verschrobener Gestalt. Verquer, weil ja gerade erklärt werden sollte, wie Israel, dieser Fusion zum Trotz, eine parlamentarische Demokratie ist und bleibt; verschroben, weil diese Einheit von Staat und Regierung im Übergang von einem unerträglichen Alten (die Vernichtungsdrohung) zum noch nicht erreichten Neuen (die herrschaftslose Gesellschaft) ja doch den Inbegriff dessen ausmacht, was einmal als “Diktatur des Proletariats”, als Emanzipationsgewalt und organisierte politische Macht der Revolution, auch und gerade auf den roten Fahnen stand. In Anbetracht der Grundidee des Staates Israel, vor dem Hintergrund der linken Staatsmythen, betreffend die “Diktatur des Proletariats”, muß jede Beurteilung der Handlungen der Regierungsvertreter auch die völlig andere Qualität dieses Staates, verglichen mit allen anderen, deutlich werden lassen. (…)

Wenn diese Linke über Israel schwadroniert, dann hört sich das nicht minder grausig an. Dabei liegt der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und dem Vernichtungswillen gegen die zum Staat gewordene bürgerliche Gesellschaft der Juden, gegen Israel, eigentlich auf der Hand: Der sogenannte Antizionismus stellt nichts anderes dar als die geopolitische, globalisierte Reproduktion des Antisemitismus, das heißt die Erscheinungsform, die er in Weltmarkt und Weltpolitik nach Auschwitz annehmen muß. Der Antizionismus ist der aus den kapitalisierten Gesellschaften in die Welt herausgekehrte Antisemitismus. So ist Israel der Jude unter den Staaten; die Verdammung des Zionismus als eines “Rassismus” durch die UNO gibt es zu Protokoll. Das macht: die moralische Verurteilung der menschlichen Unkosten der Konstitution bürgerlicher Staatlichkeit allein am Beispiel Israels führt vor Augen, was die Welt der Volksstaaten vergessen machen will – daß die Zentralisation der politischen Gewalt über Leben und Tod keineswegs die natürliche Organisationsform der Gattung Mensch darstellt, sondern Ausdruck eben von Herrschaft und Ausbeutung. Dabei ist Israel – und das macht die Kritik an diesem Staat so perfide und muß deshalb immer wieder gesagt werden – der einzige Staat dieser Welt, der für sich eine nicht zu bezweifelnde Legitimität beanspruchen kann. Israel, das ist der ungleichzeitige Staat, der entstanden ist sowohl als Reaktion auf das Dementi aller Versprechungen der bürgerlichen Nationalrevolution, sowohl als Antwort auf den stalinistischen Verrat an der kommunistischen Weltrevolution als auch als zu spät gekommene Notwehr gegen den Massenmord an den europäischen Juden. (…) Israel ist das Schibboleth jener doch so naheliegenden Revolution; es ist der unbegriffene Schatten ihres Scheiterns. Israel ist das Menetekel, das zum einen (und ganz unfreiwillig) die kategorischen Minimalbedingungen des Kommunismus illustriert, und das zum anderen sämtliche Bestialitäten zu demonstrieren scheint, zu denen der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat fähig ist. Wer Israel nicht begriffen hat, wer den Haß auf diesen Staat, den Antizionismus, und wer den Antisemitismus, das heißt den Vernichtungswillen sowohl gegen die in diesem Staat lebenden als auch gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden, nicht begriffen hat als das, was Antisemitismus wesentlich darstellt: den bedingungslosen Haß auf die Idee einer in freier Assoziation lebenden Gattung, der hat den Kommunismus nicht als das “aufgelöste Rätsel der Geschichte” begriffen. –

 Der ostentative Muslimeifer aber, der sich im Alltag mancher ‚Allahu-Akbar‘-Brüller vielleicht doch sehr in Grenzen hält, findet im blanken Judenhass unverhoffte Nahrung, wo ihnen unter unendlich öden Koranrezitationen und geistlosen, absurden Vorschriften längst das bisschen ungeglaubten Glaubens zwischen den Fingern zerrann und ihr Muslimsein kaum je mehr ist als das typisch dauerbeleidigte, immer schon jeder Verantwortung ledige Gruppengefühl. Überhaupt will jeder Eifer – insbesondere der aktuelle, rasende Eifer des weltweit angreifenden Islam – den Stachel eines weniger drohenden als hinterrücks längst geschehenen Glaubensverlustes kompensieren.“ Mit anderen Worten: Muslime wurden nicht für ihr abstraktes Muslimsein kritisiert, sondern dafür, was – global betrachtet – die Mehrheit konkret darunter versteht: Die von Gott gegebene Ermächtigung zu Terror, Entrechtung, Antisemitismus. Wer differenziert, sollte nicht unerwähnt lassen, dass Osama bin Laden, Hassan Nasrallah und wie all die schrecklichen Figuren so heißen, in der muslimischen Welt als Helden gefeiert werden – und zwar nicht von einer minoritären Sekte, sondern von Millionen Muslimen, auch in Deutschland. (,,) Der unfreiwillige und verborgene Essentialismus der Postmoderne macht das Begreifen unmöglich, weil er die Beziehung zwischen Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem nicht mehr zu thematisieren vermag. Wenn nur noch Vielfalt herrscht und Einzelnes und Allgemeines gewaltsam auseinandergerissen werden, bleibt die Verstandesleistung des begreifenden Subjekts auf der Strecke und die scheinbar ursprüngliche Differenz wird zum Mythos. Nicht nur dem Begriff des Allgemeinen, das ja ein noch einzulösendes ist, wird Gewalt angetan, auch dem Besonderen, dessen Unglück darin besteht, nur ein Besonderes zu sein, und das sich, weil es kein versöhnendes Ganzes gibt, dem schlecht-Allgemeinen, dem Racket nämlich, anschließen muss. – JAN HUISKENS

„Vernunft und Rationalität sind in dieser durchmedialisierten Welt chancenloser denn je. Ein unangenehmer Typ „Heckenschütze“ terrorisiert die Gesellschaft. Seine aktuelle Waffe: Der Phobienvorwurf.“ – Bettina Röhl

„Man wähnt, wenn man nach wissenschaftlichen Regeln sich richtet, dem wissenschaftlichen Ritual gehorcht, mit Wissenschaft sich umgibt, gerettet zu sein. Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen, in der Wissenschaft erst bestünde. […] Je tiefer man ahnt, daß man das Beste vergessen hat, desto mehr tröstet man sich damit, daß man über die Apparatur verfügt.“ (Theodor W. Adorno, Philosophie und Lehrer, AGS 10.2, 491)

„Vieles, was im Sinne von Foucaults »Mikrophysik der Macht« populär werden sollte; also die Erkenntnis, daß Macht nicht pyramidal hierarchisch, sondern durch sämtliche gesellschaftliche Bereiche hindurch wirkt, findet sich bereits in der Medizinkritik der Kritischen Theorie. Daß diese Thesen häufig übersehen wurden, mag daran liegen, daß sich Horkheimers entscheidende Äußerungen über Medizin und Psychiatrie nicht in den breit rezipierten Hauptwerken finden, sondern über die Gesamtausgabe verstreut sind. Wiemer suchte sie zusammen und zeigt, wie Horkheimer anhand der Medizin einen wesentlichen Charakterzug des modernen Kapitalismus ausmachte. Mediziner funktionieren laut Horkheimer wie fast jede wirtschaftliche Gruppe im Sinne eines Rackets. »Ein Racket«, erklärt er, »ist eine unter sich verschworene Gruppe, die ihre kollektiven Interessen zum Nachteil des Ganzen durchsetzt.« Allgemein betrachtet heißt das, daß sich die Klassengesellschaft in eine »neofeudale« Struktur verwandelt hat, innerhalb der Interessenverbände »nach dem Prinzip der Selbsterhaltung und der Machtakkumulation« funktionieren. Diesen Wandel macht Horkheimer an den Medizinern fest; und alles, was Horkheimer in seiner Kritik aussparte, von den Krankenversicherungen bis zum Pfusch in Krankenhäusern, wird von Carl Wiemer polemisch auf den neuesten Stand gebracht“  – Max Horkheimer

 

„Ein Shitstorm hat auch seine positive Seite. Da politisch korrekte Gülle meist in Richtung Originalität, Kreativität und Intelligenz geworfen wird, fliegt sie oft genug auf Leute, die zu lesen wirklich lohnt.“ – Evidenz-basierte Ansichten

Eine Frau wird als Frau geboren. ein Mann muß erst ein Mann werden.
Keine Paternalisierung, sondern fortschreitende Maternalisierung. Die Feminisierung und Genderisierug marginalisiert und zerstört die Vaterposition in den modernen »Gesellschaften«, die Vaterrolle erlitt allgemeine Degradierung, die Kanonisierung der Homosexulität im Speziellen und der sexuellen Diversität im Allgemeinen tilgt die noch übriggebliebenen Spuren einer Männlichkeit restlos aus, die nur noch als Schimpfwort der angeblichen „Paternalisierung“ im Jargon der Medien herumgeistert.

„Es kommt in der Psychotherapie darauf an – mit temporärer Unterstützung – sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Wer mit einem Selbstbild lebt, für das die temporär klärende Rolle des Therapeuten eine unerträgliche Kränkung ist, der muß eben versuchen, alleine zurechtzukommen.“ – Hans Ulrich Gumbrecht

Post-Pop-Epoche: der Sieg der Mode über die Sitten.

„Wir brauchen schadhafte Gebäude, durch deren geborstene Wände man hindurch­ sehen kann, um wenigstens einen Anfang zum Denken zu gewinnen.“ – Victor Tausk

„Was man in römischer Zeit das »Abendland« und später »Europa« nennen wird, ist die politische Konsequenz des individualistischen Martyriums, das ein gesprächsfreudiger Stadtstreicher auf sich nahm, um die Legitimität des im universalistischen Dialekt vorgebrachten Neuen gegen die entkräfteten lokalen Sitten zu demonstrieren.“ – Peter Sloterdijk

„Was nützt einem die Gesundheit wenn man ansonsten ein Idiot ist.“ – Theodor Adorno

„Ich bin eine Feministin. Das bedeutet, daß ich extrem stark behaart bin und daß und ich alle Männer haße, sowohl einzelne als auch alle zusammen, ohne Ausnahmen.“Bridget Christie

„Die Tragödie isolierter persönlicher Leidenschaften ist für unsere Zeit zu fade. Aber weshalb? Weil wir in einer Epoche der sozialen Leidenschaften leben. Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv.“ –  LeoTrotzki 1923

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Stupidity is demonstrated by people lacking the knowledge they could achieve

Stupidity manifests itself as outraged moralism

Love: only, and not always, a mother loves her child, just as it is, otherwise you have to meet the expectations of others, to be accepted.

Values without empathy are worth nothing

Some people feel physical pain when they should correct their accustomed ideas in favor of reality, they turn all their intelligence with the support of their aggression, for not to recognize the reality and maintain their self-image

More and more feel, think less and less Man does not differ from animals by feelings, because mammals have the same feelings, like man, sadness, fear, anger, love, but by his thought. When he thinks, if he thinks.

Political correctness can be defined as the telling of a lie out of the cowardice in an attempt to avoid upsetting fools not willing to face up to the truth

“In arguments about moral problems, relativism is the first refuge of the scoundrel.” Roger Scruton

They are the same who claim the sex/gender would not be biologically innate, but only a social construct, and at the same time that homosexuality was not a social construct, but biologically innate.

Antisemitism is when one blames the Jews or Israel for issues, he does not blame others

„There are two things,“ said Hitler in 1923, „which can unite people: common ideals and common crime“

After the violent termination of Murder by the Allies were the German (and have remained so to this day) more german than before.

The depraved human creature, the more she feels insulted, disrespected, offended in their honor.

Islam is less a religion and more a totalitarian society, an ideology that demands absolute obedience and tolerates no dissent, no criticism, and prohibits the thinking, knowledge and recognition. True Islam is totally different, the one who will find it will receive a very high reward.

Craziness is, when one always does the same but expects a different outcome

If a monkey thinks “I am a monkey”, then it is already a human

A man with roots should go for a pedicure

Self smugness leads to idiocy, being pissed off leads to enlightenment

If someone has something to say, he can tell it always very easily. If someone has nothing to say, he says it in a very complicated way

Addiction is, when somebody does something he wants to do, yet seeks someone who can make it so he won’t do it and doesn’t want to, either.

If the clever people always gave in, the world would be reigned by idiots. Too much “cleverness” makes you stupid.

If one only fights evil to protect life, one produces nothing good at all and such a life then becomes no longer worth living and thus requires no protection, for it is already unlived due to such a total protection. One can spend so much money on insurance, that one has nothing left to insure. Safety works in the same way.

Happy slaves are the worst enemies of freedom.

Creativity is an intelligence having fun.

If working makes you sick, fuck off, leave the work!

If Germans talk about morality, they mean money.

A man without an insight is just an anxious, aggressive, unhappy monkey.

Thinking is always trespassing.

The mob, who calls himself the people, does not discuss, just defames.

Legal is not always legitimate.

Who can not do without, lives unhappy.

So called social, culture sciences, sociology, psychology psychotherapy, psychoanalysis, are not anymore scientific, but immanent religious cult-prophets, organized as sects.

Without a strong opposition any apparent democracy atrophies to a tyranny, and as well a science , to an attitude of a religious sect.

You can recognize everything from a certain distance only, who is zealous, outraged, who sticks his nose in something, this one has lost the perspective, he recognizes anything more, he has only his imagination of the world in his head. This creates paranoia, which is called religion, and a religion as politics, even as a science.

Islamists are a real danger, therefore they will not be seen as such. Jews are not a danger, therefore they are seen as such. It is how the perception by cowards functions.

People without a sense of humor are able only to fear or to hate and become monks or terrorists.

People are not equal, each single person is unique.

Insight applies to everyone, including Muslims, Albanians, women and homosexuals.

Islam belongs to Germany, Judaism belongs to Israel.

The totalitarian Terror of consensus is ubiquitous in Germany.
There are no discussions anymore, but defamations only.
It is a culture of the mob. As it has already been.
Harmony is only if you do not communicate.

One should never go to bed with someone who has more problems than you already have.

>>Evelyn Waugh, surely the wittiest novelist of the past century, in World War II, coming out of a bunker during a German bombing of Yugoslavia, looked up at the sky raining enemy bombs and remarked, “Like everything German, vastly overdone.”<< Joseph Epstein

One has to be brave, to have a wit.

Stupid and dull belong mostly together.

Charlie Hebdo: you don´t care if such murders are comitted to Jews, we will see how “adequate” you will react when (when, not if), Islamists will begin to bombard your cities with Kasam missiles.

Christopher Hitchens: In a free society, no one has the right not to be offended.

The more someone narcissistic inflates , the more he feels insulted and provoked.

“The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” – Bertrand Russell

 The problem with the Islamists in Europe should be solved exactly as Europe requires to the Middle East: a two-state solution, a half for muslims and the another half for not-muslims , with a common capital.

What may satire? Everything! Except be understood by the fool, because then it was not a satire.

Islamimus is Islam preaching violence.

Islam is a religion of love, and he who doubts is dead.

War is peace. Freedom is slavery. Ignorance is strength. Islam is a peaceful religion of love – George Orwell 2015

Islam is not responsible for anything, Jews are guilty of everything.

Islamists are satanists. Islamism is a religion of idiots.

If someone inflates endless his ego, as Islamists do, then he hurts his own feelings already in his morning own shit.

The seven deadly sins of modern society. Wealth without work pleasure without conscience, knowledge without character business without morality Science without humanity, worship without sacrifice Politics without principles
-Mahatma Gandhi

“Where there is only a choice between cowardice and violence, I would advise violence.”
-Mahatma Gandhi

Heroes of today know nothing, can not and do not want anything. They just look like heroes, that’s all.

It may be that early fathers ate their children. Today, the mothers will eat anything, fathers, children and the rest. Everything Mommy, anyway!

Germany yesterday: the will to power.
Germany today: the will to blindness.
Germany tomorrow:

German psychoanalysis? Great, like German charm, German humor and German wit.

The resistance starts with its own language other than that of the dictatorship.

Smart phones for stupid people.

A leftist can, but do not have to be stupid.

If you do not blame states, when they commit suicide with millions victims , so why to blame a co-pilot with 149 dead?

Only the purity of the means justify the end.

A German is a person who can speak no lie, without actually believe Adorno

„Reason and rationality are chance-less than ever in this totally mediatised world. An unpleasant type Sniperterrorized society. His current weapon: The phobia accusation.“ – Bettina Röhl
„A Shitstorm has also its positive side. As politically correct manure it is usually thrown in the direction of originality, creativity and intelligence, she flies often to people who are really worth to read.“ Evidenz-basierte Ansichten
A woman is born as a woman. a man has to become a man.
No paternalization but advancing maternalization. The feminization and genderization marginalized and destroyed the father position in the modern „societies,“ the father role suffered general degradation, the canonization of homosexuality in particular and the sexual diversity generally wipes out the still remaining traces of masculinity completely out,  only as an insult haunts the alleged „paternalization“ in the jargon of mass media.
PostPop era: the triumph of fashion over the morals.
„We need damaged buildings, so you can see through their cracked walls to win at least one viewpoint to start to begin to think. Victor Tausk
„What good is health if you are an idiot then?“ – Theodor Adorno
„What one must be judged by, scholar or no, is not particularised knowledge but one’s total harvest of thinking, feeling, living and observing human beings.“ (…) „While the practice of poetry need not in itself confer wisdom or accumulate knowledge, it ought at least to train the mind in one habit of universal value: that of analysing the meanings of words: of those that one employs oneself, as well as the words of others. (…) what we have is not democracy, but financial oligarchy. (…) Mr. Christopher Dawson considers that “what the non-dictatorial States stand for today is not Liberalism but Democracy,” and goes on to foretell the advent in these States of a kind of totalitarian democracy. I agree with his prediction. (…) That Liberalism is something which tends to release energy rather than accumulate it, to relax, rather than to fortify. (…) A good prose cannot be written by a people without convictions. (..) The fundamental objection to fascist doctrine, the one which we conceal from ourselves because it might condemn ourselves as well, is that it is pagan. (..) The tendency of unlimited industrialism is to create bodies of men and women—of all classes—detached from tradition, alienated from religion and susceptible to mass suggestion: in other words, a mob. And a mob will be no less a mob if it is well fed, well clothed, well housed, and well disciplined. (…) The rulers and would-be rulers of modern states may be divided into three kinds, in a classification which cuts across the division of fascism, communism and democracy. (…) Our preoccupation with foreign politics during the last few years has induced a surface complacency rather than a consistent attempt at self-examination of conscience. (…) What is more depressing still is the thought that only fear or jealousy of foreign success can alarm us about the health of our own nation; that only through this anxiety can we see such things as depopulation, malnutrition, moral deterioration, the decay of agriculture, as evils at all. And what is worst of all is to advocate Christianity, not because it is true, but because it might be beneficial. (…) To justify Christianity because it provides a foundation of morality, instead of showing the necessity of Christian morality from the truth of Christianity, is a very dangerous inversion; and we may reflect, that a good deal of the attention of totalitarian states has been devoted, with a steadiness of purpose not always found in democracies, to providing their national life with a foundation of morality—the wrong kind perhaps, but a good deal more of it. It is not enthusiasm, but dogma, that differentiates a Christian from a pagan society.“ (…)  It would perhaps be more natural, as well as in better conformity with the Will of God, if there were more celibates and if those who were married had larger families. (…) We are being made aware that the organisation of society on the principle of private profit, as well as public destruction, is leading both to the deformation of humanity by unregulated industrialism, and to the exhaustion of natural resources, and that a good deal of our material progress is a progress for which succeeding generations may have to pay dearly. I need only mention, as an instance now very much before the public eye, the results of “soil-erosion”—the exploitation of the earth, on a vast scale for two generations, for commercial profit: immediate benefits leading to dearth and desert. I would not have it thought that I condemn a society because of its material ruin, for that would be to make its material success a sufficient test of its excellence; I mean only that a wrong attitude towards nature implies, somewhere, a wrong attitude towards God, and that the consequence is an inevitable doom. For a long enough time we have believed in nothing but the values arising in a mechanised, commercialised, urbanised way of life: it would be as well for us to face the permanent conditions upon which God allows us to live upon this planet. And without sentimentalising the life of the savage, we might practise the humility to observe, in some of the societies upon which we look down as primitive or backward, the operation of a social-religious-artistic complex which we should emulate upon a higher plane. We have been accustomed to regard “progress” as always integral; and have yet to learn that it is only by an effort and a discipline, greater than society has yet seen the need of imposing upon itself, that material knowledge and power is gained without loss of spiritual knowledge and power. “ – T.S.Eliot
“I am a feminist. All this means is that I am extremely hairy and hate all men, both as individuals and collectively, with noexceptions.” – Bridget Christie

Euer Recht auf Feigheit

Feigheit

Süddeutsche Zeitung, 20.01.2015, S.11

Unser Recht auf Feigheit

Zwingt der Terror der postheroischen Gesellschaft ein neues Heldentum auf?

Von Herfried Münkler

Moderne westliche Gesellschaften sind durch die Erzeugung von Angst und Schrecken verwundbar – zumal dann, wenn Angst und Schrecken nicht die Folge zufälliger Unfälle oder Katastrophen sind, in denen sich ein Rest unbeherrschbarer Natur zeigt, sondern bewusst und gezielt erzeugt werden. Genau darauf gründet sich die Strategie des Terrorismus: dass von den Anschlägen ebenso wie der demonstrativen Todesbereitschaft der Attentäter ein Schrecken ausgeht, der die Gesellschaft in ihrem Kern trifft, indem er sie entweder einschüchtert oder unbedachte Reaktionen hervorruft.

Terrorismus nutzt Angst, um Irrationalität zu provozieren. Diese Irrationalität kann im individuellen Verhalten liegen, wie in der Ersetzung von Flugreisen durch lange Autofahrten, was in den USA nach dem 11. September 2001 zu einem deutlichen Anstieg tödlicher Verkehrsunfälle führte. Sie kann auch in kriegerischen Interventionen liegen, die im Ergebnis aber mehr Opfer fordern und einen höheren Schaden zur Folge haben als die Anschläge selbst. Es sind unsere Angst und manche Formen ihrer Bearbeitung, die als Schlagkraftverstärker des Terrorismus wirken.

Offenbar gibt es eine Ambivalenz der postheroischen Gesellschaft: Was im Nachkriegseuropa eine unerlässliche Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben der Völker war – nämlich die tiefe Aversion gegenüber politisch eingeforderter Opferbereitschaft, die anschließend als rettende Tat gerühmt wurde -, erweist sich gegenüber dem Terrorismus als die Achillesferse. Eine Handvoll zu allem entschlossener Attentäter kann eine Gesellschaft von zig Millionen Menschen bis ins Mark treffen. Das haben die Anschläge von Paris einmal mehr gezeigt. Unter dem Eindruck terroristischer Anschläge erfahren Gesellschaften ihre postheroischen Dispositionen nicht als Ermöglicher friedlichen Glücks, sondern als Ausdruck von Schwäche.

Eine der ersten Reaktionen besteht deswegen darin, dass die Opfer des Anschlags zu Helden erklärt werden. So war es mit den Feuerwehrleuten in New York, so ist es jetzt mit einigen Polizisten in Paris. Man redet von Helden und zeichnet sie als solche aus, um die strategische Verwundbarkeit der postheroischen Gesellschaft zu camouflieren. Man leugnet das Postheroische und unternimmt semantische Manöver, indem man die Attentäter einer „feigen Tat“ bezichtigt, der man die eigenen Helden gegenüberstellt. Das ist die erste Verteidigungslinie.

Normalerweise kann die postheroische Gesellschaft mit einer gewissen Anzahl von Opfern durchaus umgehen – vorausgesetzt, es handelt sich dabei um Opfer im viktimen und nicht im sakrifiziellen Sinn, also um solche, die durch Zufall zum Opfer geworden sind und nicht sich selbst geopfert haben, um andere zu retten oder einer großen Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Mit Letzteren wird im Normalbetrieb nicht gerechnet. Die postheroische Gesellschaft geht davon aus, dass alles funktioniert, ohne auf sakrifizielle Opfer angewiesen zu sein. Sie ist auf dem Prinzip des Tauschs begründet, in dem zum Vorteil beider ein Gut den Besitzer wechselt.

Das kann man vom sakrifiziellen Opfer nicht sagen, zumal nicht in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der das Feuer religiöser Inbrunst erloschen ist. Mögen religiös-fundamentalistische Attentäter ihr Selbstopfer als vorteilhaften Tausch begreifen – wir können sie darin nicht verstehen und halten sie für irregeleitet, fanatisch oder seelisch krank. Sie sind für uns therapiebedürftig, und wenn wir gut drauf sind, machen wir uns über sie lustig, auch in der Form von Karikaturen. Therapieangebot und Spott verweigern dem, der zur Selbstsakrifizierung bereit ist, den heiligen Ernst, den er für sich in Anspruch nimmt.

Das Selbstopfer wird dabei als missverstandener Tausch dechiffriert: Die Attentäter verweisen auf Gott und den Propheten, aber im Kern meinen sie immer sich selbst. Sie wollen sich durch ihr Opfer selbst erhöhen. Und genau das verweigert ihnen die postheroische Gesellschaft. Nichts ist demütigender, als in seinem sakrifiziellen Eifer nicht ernst genommen zu werden. Und genau dieses Nicht-ernst-Nehmen, sei es in Form von Indifferenz oder Spott, gehört zu den Funktionsmodi der postheroischen Gesellschaft. Als tauschbasierte Gesellschaft kann sie nicht anders, als sich der intellektuellen und moralischen Zumutung des Opfergedankens zu entledigen. Also ziehen die Opferversessenen in den Krieg, wo ihnen die hierzulande verweigerte Anerkennung zuteil werden soll.

Aber genügen Indifferenz und Spott für die Selbstbehauptung der postheroischen Gesellschaft in Konfrontation mit denen, die sie deswegen verachten und bekämpfen? Über lange Zeit haben die europäischen Gesellschaften alle, die das sakrifizielle Opfer als einzig echte Form der Anerkennung suchten, ziehen lassen: Die meisten gingen nach Syrien, wo sie sich einer der Bürgerkriegsparteien anschlossen, einige wenige auch in die Ostukraine, wo sie auf Seiten der prorussischen Separatisten oder in den Reihen ukrainischer Freiwilligenverbände kämpften. Man hoffte, sich so dieses Problems entledigt zu haben.

Aber das war ein Irrtum. Denn einige von ihnen kamen zurück und sind nun, heroisiert und/oder traumatisiert, ein Problem für unsere Gesellschaft: Sie zwingen uns die Wiederaufnahme von Elementen des Heroischen auf. Die Anschläge von Paris und die nachfolgenden Debatten zeigen die Grundparadoxie der postheroischen Gesellschaft: Sie ist auf Helden angewiesen, um sich der Bedrohung ihres Selbstverständnisses durch terroristische Attentäter erwehren zu können. Die postheroische Gesellschaft ist ohne Rückgriff auf einen Restbestand des Heroischen nicht überlebensfähig: deswegen die mediale Konstruktion von Anschlagsopfern als Gegenhelden.

Nun ist die Anleihe beim Heroischen nicht unbedingt neu: Ganz selbstverständlich erwartet auch die postheroische Gesellschaft von ihren Soldaten und Polizisten ein erhebliches Maß an Selbstopferbereitschaft im Fall der „rettenden Tat“. Das ist die zweite Verteidigungslinie. Ähnliches gilt auch für die freiwilligen Helfer, die in Krisengebiete aufbrechen oder bei der Seuchenbekämpfung helfen. Aber die Zumutung des Heroischen bleibt auf professionelle Gruppen und Freiwillige beschränkt. Das hat die post- mit der präheroischen Gesellschaft gemein: dass sie die Erwartung der Opferbereitschaft vom Zentrum der Gesellschaft fernhält und an deren Außenbereich bestimmten Berufen zuweist. In den heroischen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts war das anders, als im Zeichen von Republikanismus oder Nationalismus der Staat von den männlichen Bürgern die Bereitschaft zum Selbstopfer erwartete und die Gesellschaft jene ächtete, die sich dem entziehen wollten. Die postheroische Gesellschaft kennt dagegen ein Recht auf Feigheit, das nur bei wenigen Berufen aus professionellen Gründen eingeschränkt ist.

Terroristische Anschläge bringen diese Ordnung durcheinander, indem sie vorzugsweise die von der Verpflichtung zu Mut und Tapferkeit Freigestellten attackieren. Die jüngsten Großdemonstrationen sind eine Reaktion der postheroischen Zivilgesellschaft, die sich auf diese Weise Mut macht. Je mehr kommen, desto besser fühlt man sich. Das verbleibt freilich noch weitgehend im Rahmen der postheroischen Gesellschaft: Das mit der Demonstrationsteilnahme verbundene Risiko ist umso kleiner, je mehr Leute kommen. Außerdem muss man nur für einen begrenzten Zeitraum mutig sein.

Das ist bei Satirikern, Autoren und insbesondere Karikaturisten anders. Sie müssen jetzt dauerhaft mutig sein, um die „Schere im Kopf“ nicht wirken zu lassen. Auf solchen Mut ist die postheroische Gesellschaft angewiesen, wenn sie mit den Mitteln der Information, Aufklärung und des Spotts ihre Gegner und Herausforderer bekämpfen will. Dass wir nicht ohne ein paar Helden auskommen, war immer klar. Aber die Pariser Anschläge und die Diskussionen seitdem zeigen: Die postheroische Gesellschaft braucht jetzt zusätzliche Verteidiger, und zwar solche, in deren Tätigkeitsbeschreibung die Erwartung des Sakrifiziellen eigentlich nicht vorgesehen ist. Sie muss eine dritte, tiefe Verteidigungslinie errichten, in der sich eine unheroische Tapferkeit, nämlich die, seine Arbeit unter der Drohung von Anschlägen zu machen, der Selbstinszenierung des Heroischen entgegenstellt.

Herfried Münkler hat einen Lehrstuhl für Theorie der Politik an der Berliner Humboldt-Universität inne. Zuletzt erschien sein Buch „Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918“.

Nichts ist demütigender, als in seinem heiligen Ernst nicht ernst genommen zu werden

Für Opferbereitschaft sind eigentlich nur noch bestimmte Berufsgruppen zuständig

https://www.genios.de:443/document/SZ__A59093216

Siehe auch: German Angst

https://psychosputnik.wordpress.com/2013/11/17/german-angst/

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„Wenn europäische Machthaber sich wirklich für uns interessierten, dann würden sie – statt Geld zu schicken, damit wir ihnen helfen, die Juden loszuwerden – uns dabei unterstützen, eine bessere Regierung zu finden – eine, die sich um den Alltag und das Wohl ihrer Bürger kümmert, statt nur zu versuchen, an immer mehr und mehr Geldgeschenke aus Europa zu kommen. Das ist jetzt ein großes Geschäft für die palästinensischen Führer, es ist an keine Konditionen geknüpft, warum sollten sie aufhören? Selbst jetzt, nach der vernichtenden Niederlage der Hamas, hat niemand in Europa auch nur vorgeschlagen, dass die Entwaffnung der Hamas und Demilitarisierung des Gazastreifens zur Bedingung gemacht werden müssten, wenn Mittel für den Wiederaufbau bereitgestellt sollen.
[…]
Israel hat nie etwas gesagt oder getan, das auf irgendeinen solchen Plan hingedeutet hätte. Im Gegenteil: Während Israel sich verteidigt hat, hat man dabei dennoch größtmögliche Anstrengungen unternommen, keine palästinensischen Zivilisten zu verletzen, obwohl die israelische Armee in der Lage wäre, unbeschreibliche Zerstörung zu verursachen, wenn sie denn wollte. Wir machen Witze darüber, wie glücklich wir sind, Israel als unseren »Feind« zu haben, und dass jeder solch einen Feind haben sollte. Kann man sich vorstellen, was für ein Massaker an den Juden – und an den Christen und anderen – es gäbe, wenn der Iran oder Isis die Waffen hätte, über die Israel verfügt? Es ist genau anders herum. Wir, die Palästinenser, sind diejenigen, die seit Jahrzehnten die Vernichtung der »zionistischen Entität« fordern und danach rufen, die Juden ins Meer zu treiben. Einige von uns richten ihr Handeln immer noch daran aus, dieses Ziel zu erreichen.“

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Remember: Do X! Don´t do Y!

Protect innocent, respect life, defend art, preserve creativity!

What´s Left? Antisemitism!

http://www.jsbielicki.com/jsb-79.htm

DJ Psycho Diver Sant – too small to fail
Tonttu Korvatunturilta Kuunsilta JSB
Tip tap tip tap tipetipe tip tap heija!
http://www.psychosputnik.com
http://www.saatchionline.com/jsbielicki
https://psychosputnik.wordpress.com/

They want 1984, we want 1776

They are on the run, we are on the march!

 I think for food

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Dummheit ist, wenn jemand nicht weiß, was er wissen könnte.

Political correctness ist, wenn man aus Feigheit lügt, um Dumme nicht zu verärgern, die die Wahrheit nicht hören wollen.

“Im Streit um moralische Probleme, ist der Relativismus die erste Zuflucht der Schurken.“ Roger Scruton

Antisemitismus ist, wenn man Juden, Israel übelnimmt, was man anderen nicht übelnimmt.

Islam ist weniger eine Religion und mehr eine totalitäre Gesellschaftsordnung, eine Ideologie, die absoluten Gehorsam verlangt und keinen Widerspruch, keinerlei Kritik duldet und das Denken und Erkenntnis verbietet. Der wahre Islam ist ganz anders, wer ihn findet wird eine hohe Belohnung erhalten.

Wahnsinn bedeute, immer wieder das gleiche zu tun, aber dabei stets ein anderes Resultat zu erwarten.

Gutmenschen sind Menschen, die gut erscheinen wollen, die gewissenlos das Gewissen anderer Menschen zu eigenen Zwecken mit Hilfe selbst inszenierter Empörungen instrumentalisieren.

Irritationen verhelfen zu weiteren Erkenntnissen, Selbstzufriedenheit führt zur Verblödung,

Wenn ein Affe denkt, „ich bin ein Affe“, dann ist es bereits ein Mensch.

Ein Mensch mit Wurzeln soll zur Pediküre gehen.

Wenn jemand etwas zu sagen hat, der kann es immer sehr einfach sagen. Wenn jemand nichts zu sagen hat, der sagt es dann sehr kompliziert.

Sucht ist, wenn jemand etwas macht, was er machen will und sucht jemand, der es macht, daß er es nicht macht und es nicht machen will.

Sollen die Klugen immer nachgeben, dann wird die Welt von Dummen regiert. Zu viel „Klugheit“ macht dumm.

Wenn man nur das Schlechte bekämpft, um das Leben zu schützen, bringt man gar nichts Gutes hervor und ein solches Leben ist dann nicht mehr lebenswert und braucht nicht beschützt zu werden, denn es ist dann durch ein solches totales Beschützen sowieso schon tot. Man kann so viel Geld für Versicherungen ausgeben, daß man gar nichts mehr zum Versichern hat. Mit Sicherheit ist es eben so.

Zufriedene Sklaven sind die schlimmsten Feinde der Freiheit.

Kreativität ist eine Intelligenz, die Spaß hat.

Wen die Arbeit krank macht, der soll kündigen!

Wenn Deutsche über Moral reden, meinen sie das Geld.

Ein Mensch ohne Erkenntnis ist dann  lediglich ein ängstlicher, aggressiver, unglücklicher Affe.

Denken ist immer grenzüberschreitend.

Der Mob, der sich das Volk nennt, diskutiert nicht, sondern diffamiert.

Legal ist nicht immer legitim.

Wer nicht verzichten kann, lebt unglücklich.

Sogenannte Sozial-, Kultur-, Geisteswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse, sind keine Wissenschaften mehr, sondern immanent religiöse Kultpropheten, organisiert wie Sekten.

Ohne eine starke Opposition atrophiert jede scheinbare Demokratie zur Tyrannei, und ebenso eine Wissenschaft, zur Gesinnung einer Sekte.

Man kann alles nur aus gewisser Distanz erkennen, wer sich ereifert, empört, wer mit seiner Nase an etwas klebt, der hat die Perspektive verloren, der erkennt nichts mehr, der hat nur noch seine Phantasie von der Welt im Kopf. So entsteht Paranoia, die sich Religion, und Religion als Politik, sogar als Wissenschaft nennt.

Islamisten sind eine Gefahr, deswegen werden sie als solche nicht gesehen. Juden sind keine Gefahr, deswegen werden sie als solche gesehen. So funktioniert die Wahrnehmung von  Feiglingen.

Humorlose Menschen könner nur fürchten oder hassen und werden Mönche oder Terroristen.

Menschen sind nicht gleich, jeder einzelne Mensch ist ein Unikat.

Erkenntnis gilt für alle, auch für Muslime, Albaner, Frauen und Homosexuelle.

Islam gehört zu Deutschland, Judentum gehört zu Israel.

Der Konsensterror (Totalitarismus) ist in Deutschland allgegenwärtig.

Es wird nicht mehr diskutiert, sondern nur noch diffamiert.

Es ist eine Kultur des Mobs. Wie es bereits gewesen ist.

Harmonie ist nur, wenn man nicht kommuniziert.

Man soll niemals mit jemand ins Bett gehen, der mehr Probleme hat, als man selbst.

>>Evelyn Waugh, sicherlich der witzigste Erzähler des vergangenen Jahrhunderts, im Zweiten Weltkrieg, herauskommend aus einem Bunker während einer deutschen Bombardierung Jugoslawiens, blickte zum Himmel, von dem es feindliche Bomben regnete und bemerkte: “Wie alles Deutsche, stark übertrieben.“<< Joseph Epstein

Man muß Mut haben, um witzig zu sein.

Dumm und blöd geht meistens zusammen.

Charlie Hebdo: solche Morde an Juden sind euch egal, mal sehen wie”angemessen”  ihr reagiert, wenn (wenn, nicht falls) eure Städte von Islamisten mit Kasam-Raketen beschossen werden.

Christopher Hitchens großartig: „In einer freien Gesellschaft hat niemand das Recht, nicht beleidigt zu werden.“

Je mehr sich jemand narzisstisch aufbläht, desto mehr fühlt er sich beleidigt und provoziert.

“Das Problem mit der Welt ist, daß die Dummen felsenfest überzeugt sind und die Klugen voller Zweifel.” – Bertrand Russel

Das Problem mit den Islamisten in Europa soll man genauso lösen, wie es Europa für den Nahen Osten verlangt: jeweils eine Zweistaatenlösung, die Hälfte für Muslime, die andere Hälfte für Nicht-Muslime, mit einer gemeinsamen Hauptstadt.

Was darf Satire? Alles! Nur nicht vom Dummkopf verstanden werden, weil es dann keine Satire war.

Islamimus ist Islam, der Gewalt predigt.

Islam ist eine Religion der Liebe,und wer es anzweifelt, ist tot.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Der Islam ist die friedliche Religion der Liebe George Orwell 2015

Islam ist verantwortlich für gar nichts, Juden sind schuld an allem.

Islamisten sind Satanisten. Islamismus ist eine Religion von Idioten.

Leute fühlen sich immer furchtbar beleidigt, wenn man ihre Lügen nicht glaubt.

Jeder ist selbst verantwortlich für seine Gefühle.

Die Psychoanalyse geht niemanden außer den Psychoanalytiker und seinen Patienten etwas an, und alle anderen sollen sich verpissen.

“Zeit ist das Echo einer Axt
im Wald.
Philip Larkin, Gesammelte Gedichte

Wenn jemand wie Islamisten sein Ego endlos aufbläht, dann verletzt er seine eigenen Gefühle schon morgens beim Scheißen.

„Die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: Reichtum ohne Arbeit Genuß ohne Gewissen Wissen ohne Charakter Geschäft ohne Moral Wissenschaft ohne Menschlichkeit Religion ohne Opfer Politik ohne Prinzipien.“
―Mahatma Gandhi

„Wo man nur die Wahl hat zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten.“
―Mahatma Gandhi

Warum zeigt sich Allah nicht? Weil er mit solchen Arschlöchern nichts zu tun haben will.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.”  – Ignazio Silone

Politische Korrektheit verlangt eine Sprache für ein Poesiealbum.
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Stupidity is demonstrated by people lacking the knowledge they could achieve

Political correctness can be defined as the telling of a lie out of the cowardice in an attempt to avoid upsetting fools not willing to face up to the truth

“In arguments about moral problems, relativism is the first refuge of the scoundrel.” Roger Scruton

Antisemitism is when one blames the Jews or Israel for issues, he does not blame others

Islam is less a religion and more a totalitarian society, an ideology that demands absolute obedience and tolerates no dissent, no criticism, and prohibits the thinking, knowledge and recognition. True Islam is totally different, the one who will find it will receive a very high reward.

Craziness is, when one always does the same but expects a different outcome

If a monkey thinks “I am a monkey”, then it is already a human

A man with roots should go for a pedicure

Self smugness leads to idiocy, being pissed off leads to enlightenment

If someone has something to say, he can tell it always very easily. If someone has nothing to say, he says it in a very complicated way

Addiction is, when somebody does something he wants to do, yet seeks someone who can make it so he won’t do it and doesn’t want to, either.

If the clever people always gave in, the world would be reigned by idiots. Too much “cleverness” makes you stupid.

If one only fights evil to protect life, one produces nothing good at all and such a life then becomes no longer worth living and thus requires no protection, for it is already unlived due to such a total protection. One can spend so much money on insurance, that one has nothing left to insure. Safety works in the same way.

Happy slaves are the worst enemies of freedom.

Creativity is an intelligence having fun.

If working makes you sick, fuck off, leave the work!

If Germans talk about morality, they mean money.

A man without an insight is just an anxious, aggressive, unhappy monkey.

Thinking is always trespassing.

The mob, who calls himself the people, does not discuss, just defames.

Legal is not always legitimate.

Who can not do without, lives unhappy.

So called social, culture sciences, sociology, psychology psychotherapy, psychoanalysis, are not anymore scientific, but immanent religious cult-prophets, organized as sects.

Without a strong opposition any apparent democracy atrophies to a tyranny, and as well a science , to an attitude of a religious sect.

You can recognize everything from a certain distance only, who is zealous, outraged, who sticks his nose in something, this one has lost the perspective, he recognizes anything more, he has only his imagination of the world in his head. This creates paranoia, which is called religion, and a religion as politics, even as a science.

Islamists are a real danger, therefore they will not be seen as such. Jews are not a danger, therefore they are seen as such. It is how the perception by cowards functions.

People without a sense of humor are able only to fear or to hate and become monks or terrorists.

People are not equal, each single person is unique.

Insight applies to everyone, including Muslims, Albanians, women and homosexuals.

Islam belongs to Germany, Judaism belongs to Israel.

The totalitarian Terror of consensus is ubiquitous in Germany.
There are no discussions anymore, but defamations only.
It is a culture of the mob. As it has already been.
Harmony is only if you do not communicate.

One should never go to bed with someone who has more problems than you already have.

>>Evelyn Waugh, surely the wittiest novelist of the past century, in World War II, coming out of a bunker during a German bombing of Yugoslavia, looked up at the sky raining enemy bombs and remarked, “Like everything German, vastly overdone.”<< Joseph Epstein

One has to be brave, to have a wit.

Stupid and dull belong mostly together.

Charlie Hebdo: you don´t care if such murders are comitted to Jews, we will see how “adequate” you will react when (when, not if), Islamists will begin to bombard your cities with Kasam missiles.

Christopher Hitchens: In a free society, no one has the right not to be offended.

The more someone narcissistic inflates , the more he feels insulted and provoked.

“The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” – Bertrand Russell

 The problem with the Islamists in Europe should be solved exactly as Europe requires to the Middle East: a two-state solution, a half for muslims and the another half for not-muslims , with a common capital.

What may satire? Everything! Except be understood by the fool, because then it was not a satire.

Islamimus is Islam preaching violence.

Islam is a religion of love, and he who doubts is dead.

War is peace. Freedom is slavery. Ignorance is strength. Islam is a peaceful religion of love – George Orwell 2015

Islam is not responsible for anything, Jews are guilty of everything.

Islamists are satanists. Islamism is a religion of idiots.

People feel always terrible offended if you do not believe their lies.
Everyone is responsible for his feelings.
Psychoanalysis is nobody’s business except the psychoanalyst and his patient, and everybody else can fuck off.
“Time is the echo of an axe
Within a wood.”
― Philip Larkin, Collected Poems

If someone inflates endless his ego, as Islamists do, then he hurts his own feelings already in his morning own shit.

The seven deadly sins of modern society. Wealth without work pleasure without conscience, knowledge without character business without morality Science without humanity, worship without sacrifice Politics without principles
-Mahatma Gandhi

„Where there is only a choice between cowardice and violence, I would advise violence.“
-Mahatma Gandhi

 Why Allah does not shows himself? Because he does not want  to do anything with such assholes.
When fascism returns, he will not say, ‚I am the fascism‚. No, he will say, ‚I am the anti-fascism Ignazio Silone.
Political correctness requires a language for a poetry album.
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