Kategorie-Archiv: Michael Lüders

Otto Normalvergaser hinter der Maske des Antizionismus und des Antikapitalismus

Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus sind nichts anderes als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus.  (…) Massen laufen zur Deutschen Ideologie über, wenn Politik und Staat ihnen diesen Weg nicht versperren (…) Der Vernünftige braucht keinen Dialog mit Leuten zu führen, die sich nicht von Grund auf von denjenigen distanzieren, die Juden oder, was dasselbe ist, den Zionismus für ihr und anderer Leute Unglück verantwortlich machen. Er denunziert desgleichen jede Verhandlungsbereitschaft denen gegenüber, die, bevor sie sich als Staatsbürger und Marktsubjekte definiert haben, als Angehörige einer Religions- oder Volksgemeinschaft anerkannt werden wollen. (…) Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus. (…) Antideutsch denken und handeln heißt demzufolge, die politischen Vermittlungs- und Repräsentationsformen in Gesellschaft und Staat, die auf der Trennung von freien und gleichen Warenbesitzern einerseits und am Allgemeinwohl orientierten Staatsbürgern andererseits beruht, gegen die zu verteidigen, die diese Teilung zugunsten eines autoritären Volksstaates überwinden wollen, dessen Subjekte von nichts anderem als von seinen Wohlfahrtsleistungen abhängig sind. Wer in diesem Sinne das Etikett „antideutsch“ nicht auch auf sich bezieht, mißachtet zumindest die Gefährlichkeit der – selbstredend nicht auf Deutschland und deutsche Staatsbürger beschränkte, sondern immer schon weltweit grassierende – Deutschen Ideologie, deren historischer Kern darin besteht, daß auf ihr Konto nicht nur „normale“ kapitalbedingte Ausbeutung und Herrschaft, nicht nur die dem Kapital aus Prinzip immanenten Kriege und nicht nur der ihm in seinen Grund eingeschriebene Antisemitismus gehen, sondern fördert das Überleben einer Ideologie, der zudem noch die historisch und empirisch nicht zu leugnende Tatsache eingeschrieben ist, daß die deutsche Fassung der Beziehung von Staat und Gesellschaft die Auslöschung der Menschheit in zwei Weltkriegen im allgemeinen und den eliminatorischen Antisemitismus im besonderen beinahe total verwirklicht hätte. In der Existenz des Staates Israel manifestiert sich der Einspruch gegen den historisch bewiesenen Vernichtungswahn Deutscher Ideologie praktisch und empirisch. – Manfred Dahlmann
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  09.11.2015

Wollte man den Zustand der Debattenkultur eines Landes anhand des Empörungsindex’ messen, Deutschland stünde momentan schlecht da. Jeder ist empört. Die SPD vom Innenminister, die CDU von der CSU, Pegida von der Lügenpresse, die AfD von der Kanzlerin, die Kanzlerin von ihrem Land und die Grünen springen mit Claudia Roth eh über jedes Empörungsstöckchen, das ihnen hingehalten wird.

Anders als bei den gesellschaftlichen Verwerfungen um die Agenda2010 oder dem Verpulvern von Milliardensummen bei der „Euro-Rettung“ ist der Empörungsindex bei der Asylbewerberkrise kurz vor der Höchstmarke. Hier geht es um was und man kann davon ausgehen, dass, steigt der Empörungspegel in diese Höhen, der Kern des Problems vor lauter Eifer aus den Augen gerät.

Im derzeitigen Irrsinn von Willkommenskultur, Kontrollverlust und Selbstauflösung bewegen wir uns auf einen Kern des eigenen Selbstverständnisses zu, der die Geister in Gläubige und Ungläubige, in Erlöser und Sünder scheidet. Es ist der Nazikompensationskomplex der Deutschen.

Den Ursprung hat der Komplex in einer erfolglosen Abnabelung vom autoritären Vater, der zu früh gestorben ist. Nun sitzen Tochter und Sohn am Küchentisch und klagen ihr Leid. Sie erzählen sich die unglaublichen Geschichten seiner Schlechtigkeit und mit jedem Tag wächst der Hass auf den Übervater. An nichts anderes kann mehr gedacht werden, von nichts anderem kann mehr gesprochen werden. Der Abwesende wird immer wieder in die Anwesenheit gerufen, bis er mächtiger ist als je zuvor. Dass dabei ständig beteuert wird, wie sehr man den Vater bereits überwunden habe, macht Freunde eher misstrauisch. Dauert dieser Zustand zu lange an, wird aus dem Verlust und der Enttäuschung ein schwerwiegender psychischer Defekt.

Inzwischen sind 70 Jahre vergangen, seit der Deutschen Übervater den Löffel abgegeben hat. Aus der erfolglosen Abnabelung ist eine handfeste „déformation psychologique“ geworden, die uns Deutsche wieder fest im Griff hat. Je lauter wir schreien, nichts mit ihm zu tun zu haben und den krampfhaften Eindruck erwecken wollen, ihn rest- und spurenlos überwunden zu haben, desto skeptischer schauen unsere Partner und Freunde auf uns und wundern sich über unser Gebaren.

Wenn nach den Worten des britischen Politologen Anthony Glees in Großbritannien der Eindruck herrsche, die Deutschen hätten seit September den Verstand verloren und seien zu einem “Hippie-Staat, der nur von Gefühlen geleitet wird“, verkommen, dann ist dies freundliche Zusammenfassung dessen, wie momentan der Rest der zivilisierten Welt auf den Umgang Deutschlands mit den Asylbewerberströmen schaut. Die deutsche Besessenheit vom toten Vater treibt das Land in immer wildere Experimente des Vorreitens und Bessermachens, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als würde dieses Land bald in einem Strudel aus Wahn, Buße und Stolz ganz verschwinden.

Noch immer thrillt uns Deutsche niemand so sehr wie „er“. Gerade die intellektuelle Elite kann sich am Ex-Führer gar nicht satt sehen. Niemand war so oft Titel-Boy des SPIEGEL; Bücher über ihn, seine Helfer, seine Frauen, seine Hunde werden fast automatisch zu Bestsellern; sein Untergang garantiert Oskars; das geschichtsbewusste Pädagogikfernsehen wäre ohne ihn nicht denkbar und die tausenden von Stunden Historiensendungen im ZDF kann man sich ohne ihn und Guido Knopp gar nicht vorstellen.

„Er“ ist immer noch ein Kassenschlager.

Fetischismus wird definiert als „die religionsähnliche Verehrung von Objekten mit besonderer Bedeutung für die eigene Identität“. Der Satz müsste erweitert werden durch den Zusatz, dass auch „die religionsähnliche Verachtung von Objekten mit besonderer Bedeutung für die eigene Identität“ Fetischismus ist. Für Günter Grass begann nach Auschwitz eine neue Zeitrechnung, und es ist nicht übertrieben, von 1945 als einer Geburt einer neuen Negativ-Religion zu sprechen, in deren Mittelpunkt „er“ steht: der umgekehrte Erlöser, der negative Heilige, der Antichrist, mit dessen Wirken eine Zeitenwende einhergeht. Durch ihn hindurch blicken „wir Deutschen“ gleichsam in unsere eigenen Abgründe des Dämonischen. Sein Name vermag magische Wirkung zu entfalten, wenn wir unsere Gegner mit seinem Bann belegen.

„Er“ – das war ja nicht einfach nur ein fehlgeleiteter deutscher Politiker, „er“ und alles, was ihn umgab, steht für das Böse schlechthin: Darth Vader und die dunkle Macht. Von Kindesbeinen an üben „wir Deutschen“ ein, wie schlimm und verwerflich diese zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 waren. Das Gefühl, dennoch in eben dieser kurzen Zeitspanne so etwas wie unser Wesen ex negativo zu erkennen, erfüllt uns mit Scham und dem Gefühl der Sünde. Es ist eine Art negative Einweihung, die dazu führt, dass wir meinen, unser Selbstbild, unsere Identität, unser ganzes Streben aus diesen 12 Jahren Finsternis definieren zu müssen.

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” (Friedrich Nietzsche)

Nun ist der Mensch ein faszinierendes Wesen mit dem ständigen Hang zur Selbsttäuschung. Selbst aufgeklärte Menschen halten es nicht lange im Wahnsinn der Finsternis aus und Scham und Sünde sind Gefühle, die einem positiven Selbstbild, das dem Menschen inkarnatorisch als Wunsch innewohnt, abträglich sind. Der Trick des Nazikompensationskomplexes ist nun, den Büßer in einen stolzen Büßer zu verwandeln.

Dass es gerade „wir Deutschen“ sein mussten, die dem Bösen derart rein zur Erscheinung verhalfen, erscheint uns dann als einzig auszeichnende Eigenart. Mit Vehemenz pochen wir darauf, dass alles an und um „ihn“ einzigartig ist: der Krieg, die Verblendung, der Holocaust. Das macht uns keiner nach. Das können nur „wir Deutschen“. Schon ist der Schalter der Scham auf Sündenstolz umgelegt.

Dass die Welt uns um ein Holocaust-Mahnmal beneiden könnte, wie es der Historiker Eberhard Jäckel allen Ernstes bei der Eröffnung des Mahnmals in Berlin voraussagte, dieser Gedanke kann nur einem Hirn entspringen, in dem die anderen Nationen die Rolle von Mitschuldigen spielen, die es nur noch nicht begriffen haben und zugeben wollen. Denn haben die Amerikaner nicht auch einen Holocaust an den Indianern betrieben? War der englische und französische Kolonialismus nicht ein Jahrhunderte währender Holocaust an der indigenen Bevölkerung? Machen sich nicht auch die Juden mit einem Holocaust an den Palästinensern schuldig?

Der Nazikompensationskomplex bricht sich nun mit Stolz Bahn: uns Deutschen kann niemand etwas vormachen, wenn es um Schuldhaftigkeit geht. Wir sind die Ersten, Einzigen und Besten, die einen klaren Blick auf die Geschichte haben. Wir sind die mit dem größten Mahnmal, für das die anderen uns nun beneiden dürfen.

So meinte die taz-Kolumnistin Silke Burmester die vor wenigen Wochen abgehaltenen jüdischen Maccabi Games in Berlin in guter linker Manier folgendermaßen kommentieren zu müssen: „Was soll das sein? Hakenkreuzweitwurf?“ Als sie dafür zu Recht hart angegangen wurde, erwiderte sie mit der Erklärung, dass sie „nur gern eine Welt jenseits der Zuordnungen hätte“, ergo die jüdischen Festspiele für überholt ansehe (merke: für Linke hinken besonders die Juden mit ihrem eigen Staat und diesem komischen Jüdisch-Sein heillos hinterher).

„Eine Welt jenseits der Zuordnungen“ ist eine schöne Umschreibung für die einzige Utopie, die einer „Identität der Finsternis“ entspringen kann: keine Zuordnungen, keine Zugehörigkeiten, keine Festlegungen, keine Identitäten. Und wer es wagt, eine Welt ohne Zuordnungen als den Vorhof zur Hölle zu empfinden, und es vorzieht, in einer Welt mit Zuordnungen leben zu wollen, wird mit der Geste des Hochmuts der Verachtung preisgegeben: retardiert, reaktionär, eigentlich voll Nazi.

Der Nukleus des Nazikompensationskomplexes ist der Wunsch nach Strafe und Bestrafung. Vornehmlich für die westdeutsche Elite waren die letzten 70 Jahre viel zu wenig Strafe (das sieht man im Osten der Republik ganz anders, was einen gehörigen Teil der Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschland erklärt). Westdeutschland wurde reich und mächtig und spätestens seit der Wiedervereinigung ist der Traum eines freien Deutschlands als Teil der freien Völker möglich. Aber das verschmähen wir. Denn mit unserer Geschichte können wir nie wieder Teil sein oder Teilhaben. Wir gehören ausgestoßen. Und wenn es die anderen nicht machen, machen wir es halt selbst.

Deswegen interessiert es uns nicht, dass wir uns im Umgang mit den Asylbewerbern außerhalb aller europäischen Gepflogenheiten gestellt haben. Es ist uns egal, denn wir haben ein anderes Ziel als billige Zugehörigkeit. Was uns begeistert: für eine „Welt jenseits der Zuordnungen“ die Vorreitenden zu sein. Denn nur mit unserem Verschwinden verschwindet auch „er“.

Die Lust an der Buße trägt masochistische Züge. Jetzt, wo die zurückgebliebene und arme Welt zu uns strömt, sind wir nur zu gerne zur Stelle, um die Buße endlich existentiell werden zu lassen. Wir haben es nicht verdient, wohlhabend zu sein, in Sicherheit zu leben und unsere Eigenart zu schützen, kurzum: fortzubestehen. Wie Popstars werden die „Refugees“ dann begrüßt, denn sie sind das Symbol für die Hoffnung, endlich die Zugehörigkeit ändern zu können.

Nur im eigenen Verschwinden werden wir Deutschen wieder rein und schuldlos. Und rein und schuldlos zu sein, ist wie ein Neubeginn, eine Jungfräulichkeit, die uns die USA nach 1945 mit schnödem Wirtschaftswunder verwehrt haben. Die Scham und der Büßerstolz verbinden sich hier zu einer Erotik des Verschwindens qua Penetration durch das Fremde. Das ist geil.

Den Nazikompensationskomplex werden die anderen Nationen nie verstehen. Selbst in Deutschland geht ein Riss mitten durch das Land, denn auch den Ostdeutschen ist nach den Erfahrungen bis 1989 die Sehnsucht nach Strafe und Buße eher fremd geworden. Sicher ist: die Abnabelung vom Übervater ist im Westen der Republik grandios gescheitert. Das Anrufen seines Namens passiert so inflationär, dass man meinen könnte, das Herbeirufen von „ihm“ diene dazu, „ihn“ auch wirklich erscheinen zu lassen, um „ihn“ in einem letzten mutigen Endkampf endlich für immer besiegen und abschütteln zu können.

Was nur, wenn „er“ gar nicht wiederkommt, die Welt sich weiterdreht und der Endkampf ausbleiben muss? Das wäre wirklich empörend und die letzte Rache des toten Übervaters an seinen immer noch an ihm hängenden Kindern. Das simple Verschwinden der gehassten Fetisch-Figur ist ja das letzte, was der Kranke wirklich wünschen kann.

Mehr unter: http://www.der-gruene-wahn.de

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Post aus Jerusalem III

Von GÖTZ ALY

Angesichts ihrer schwierigen Lage verhalten sich Israelis generell sehr offen, gelassen und umsichtig.

Foto: imago/Winfried Rothermel

Angesichts ihrer schwierigen Lage verhalten sich Israelis generell sehr offen, gelassen und umsichtig, während wir Deutsche nur mit allergrößter Mühe mit fünf Flüchtlingen pro tausend Einwohner zurechtkommen.

Ich verfasse gerne freundliche Kolumnen aus und über Israel. Nun meinen Sie, werte Leserin Cordula K., es sei „zynisch“, wenn ich schreibe, Araber lebten derzeit „in Israel sicherer als irgendwo sonst im Nahen Osten“. Zum Beweis nennen Sie den Gaza-Krieg von 2014. Sie übersehen: Ich sprach von Sicherheit, Lebensqualität und Bildungschancen der 1,4 Millionen Araber in Israel. Sie wollen die Toten des „Gaza-Krieges und anderer Übergriffe Israels“ nicht gegen die Toten in Syrien, Jemen und Irak „aufgerechnet wissen“. Darüber ist zu reden.

Was meinen Sie mit „Übergriffen Israels“? Was würden Sie fordern, wenn in Richtung Ihres Häuschens in Berlin-Kaulsdorf Dutzende Raketen vom nahen Rüdersdorf aus abgefeuert würden? Was würden Sie vom Staat erwarten, wenn in Ihrem Garten plötzlich ein Killerkommando aus einem Tunnel gekrochen käme? Die Hamas-Leute graben wieder.

Die Hisbollah im Südlibanon ist in der Lage, tausend Raketen täglich auf den israelischen Norden abzufeuern, und das für längere Zeit. Stellen Sie sich vor, verehrte Frau K., in Polen, direkt hinterm Oderdeich, säßen hisbollah-ähnliche Gruppen und würden bei passender Gelegenheit das „altslawische“ Kaulsdorf überrennen. Würden Sie diese Leute Terroristen oder Freiheitskämpfer nennen?

Stellen Sie sich vor, Ihr Kaulsdorf läge nicht im großen Deutschland, umgeben von Verbündeten, sondern in einem Staat, halb so groß wie einst die DDR, von Nachbarländern umzingelt, in denen Zehntausende dort wohlgelittene Menschen wohnen, die Freudenfeste feiern, sobald es irgendjemandem irgendwo gelingt, mehrere Ihrer Landsleute hinterrücks zu töten.

Sie wollen die Toten „nicht gegeneinander aufrechnen“. Aber Sie wissen doch, dass die Hamas in dem von ihr angezettelten Gaza-Krieg Schulen, Wohngebiete, selbst Krankenhäuser und UN-Stützpunkte als Deckung für Raketenstellungen benutzt hat. Handelt es sich hier allein um „israelische Übergriffe“?

Auch sollten wir über Zahlen sprechen. Seit dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 sind bis heute knapp 120 000 Menschen während der Kriege, der palästinensischen Aufstände und bei Terroranschlägen ums Leben gekommen. Angesichts der beispiellosen, nur sehr schwer lösbaren und für beide Seiten existenziellen Grundsituation sprechen 120 000 Tote in 68 Jahren für ein pragmatisches und besonnenes kriegerisches Verhalten der Beteiligten. Der grundlos geführte Bosnienkrieg forderte 97 000 Opfer binnen vier Jahren. In Syrien wurden in den vergangenen vier Jahren knapp 200 000 Menschen Opfer sinnentleerter Metzeleien. Werte Frau K., rechnen Sie bitte aus, was unsere Wehrmachtsverwandtschaft an nur einem Tag verbrochen hat!

Am Samstag war ich mit vier anderen Europäern zum Abendessen eingeladen. Plötzlich knallte es mehrfach im Tal. Wir Gäste assoziierten einen runden Geburtstag. Die Gastgeberin erstarrte und flüsterte: „Hoffentlich!“ Angesichts ihrer schwierigen Lage verhalten sich Israelis generell sehr offen, gelassen und umsichtig, während wir Deutsche nur mit allergrößter Mühe mit fünf Flüchtlingen pro tausend Einwohner zurechtkommen. Wir haben keinen Grund, uns als politisch-moralische Gouvernante Israels aufzuspielen.

http://mobil.berliner-zeitung.de/politik/kolumne-post-aus-jerusalem-iii,23785274,30417900.html

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Post aus Jerusalem II

Von GÖTZ ALY

Jerusalem.

Foto: imago/Jens Schicke

Wer wie Israels Premier Netanjahu Palästinenser und Iraner mit den Terrorgruppen Islamischer Staat und Al-Kaida gleichsetzt, der verzichtet auf den Versuch, gewiss prekäre Verhältnisse mit kühlem Kopf in der Balance zu halten. Doch es gibt auch viele vernunftgeleitete Pragmatiker in Israel.

Auch diesmal begann das Pessachfest mit dem Sederabend freitags, so wie am Tag der Kreuzigung Christi. Der obligate Vollmond schien hell über Jerusalem, für mich über der Siedlung Ma’ale Adumim im Westjordanland. Die Geschichte, wie das Volk Israel der ägyptischen Fron entfloh, um mit Gottes Hilfe ein selbstbestimmtes Leben zu finden, lasen wir abwechselnd auf Hebräisch, Russisch und Deutsch, aßen gefilte Fisch, Matzeknödel etc. und tranken Wein von Siedlern, die ihre Produkte nicht exportieren können. Später kamen Nachbarn hinzu. Wir hatten es gut. Historiker wissen, dass es den Auszug aus Ägypten nie gegeben hat. Doch kann eine alte Legende sehr wohl Wahres mitteilen.

Anders verhält es sich mit aktuellen Fiktionen. Wer zum Beispiel denkt, in Ma’ale Adumim würden militante „jüdische Siedler“ hausen, der irrt. In dieser Schlafstadt leben 35.000 Leute, weil es billig ist, so wie man in Berlin-Marzahn wohnt und liebend gerne ins Zentrum zöge. Auch Israels Ministerpräsident Netanjahu pflegt Fiktionen, etwa die, das soeben mit Iran geschlossene Abkommen sei ein Teufelspakt. Damit setzt er seinen Wahlkampf der Angst fort, mit dem er allenfalls einen Pyrrhussieg errang. Denn seit dem Ende des wüst auftretenden und handelnden iranischen Ministerpräsidenten Ahmadinedschad – herbeigeführt 2013 in einer demokratischen Wahl – hat sich die Verhandlungslage im Mittleren Osten deutlich verschoben, auch dank selbstkritischer Einsichten westlicher Staatslenker in die verheerenden Folgen ihrer – kriegerisch grundierten – Politik der vergangenen 14 Jahre.

Die Gegenwart erträglich gestalten

Dem zum Trotz leistet sich Netanjahu den als Außenminister begabungsfern eingesetzten Avigdor Lieberman, weil ihm zu einer differenzierten, seinem Land förderlichen Außenpolitik nichts einfällt. Wer wie Netanjahu Palästinenser und Iraner mit den Terrorgruppen Islamischer Staat und Al-Kaida gleichsetzt, der verzichtet auf den Versuch, gewiss prekäre Verhältnisse mit kühlem Kopf in der Balance zu halten. Was treibt ihn zu derartigem Simplismus? Das Unvermögen, die Frage zu beantworten, wie es mit den besetzten Gebieten und dem Verhältnis zu den Nachbarn weitergehen soll. Im Wahlkampf erklärte er: Die Zwei-Staaten-Lösung ist tot. Vielleicht hat er recht. Was dann? Womöglich gibt es im Moment keine Antwort. Das aber erfordert, die Gegenwart so erträglich zu gestalten, dass künftige Lösungsmöglichkeiten offengehalten werden.

Netanjahu regiert Israel nicht alleine. Immer wieder setzen Richter, meist Richterinnen, führenden Politikern Grenzen, gelegentlich sehr enge in einer Gefängniszelle. In der Knesset wurde die Arabische Liste zur dritten Kraft. Ihr Vorsitzender, Ayman Odeh, kündigte an, seine Fraktion werde keine Araberpolitik betreiben, sondern Fragen aufgreifen, die alle Israelis angehen.

Hoffentlich. Dieser Tage wurde der palästinensische Noch-Nicht-Staat offiziell Mitglied des Internationalen Strafgerichtshofs. Wegen des Antrags auf Mitgliedschaft hatte Netanjahu vor Monaten die Überweisungen von Steuereinnahmen an die Autonomiebehörde gesperrt. Jetzt zahlt er sie rückwirkend aus – nicht wegen ausländischer Einsprüche, sondern auf Druck der Generalität und des Inlandsgeheimdienstes. Israel verfügt über viele vernunftgeleitete Pragmatiker.

http://mobil.berliner-zeitung.de/politik/kolumne-zu-israel-post-aus-jerusalem-ii,23785274,30300156.html

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Post aus Jerusalem I

Von GÖTZ ALY

Porträts in der Gedenkhalle von Yad Vashem zeigen Juden, die im Holocaust ermordet wurden.

Foto: imago/UPI Photo

Unser Kolumnist arbeitet seit drei Wochen in der Bibliothek von Yad Vashem und wundert sich über die „tiefe Sorge um den Friedensprozess“, die mancher in Deutschland äußert. Denn nirgendwo im Nahen und Mittleren Osten sei es derzeit so friedlich wie in Israel.

Seit drei Wochen arbeite ich wieder in der Bibliothek von Yad Vashem. Wie jedes Mal wurde die israelische Passkontrolleurin wegen meines arabischen Namens nervös – es folgte die übliche Sonderprüfung, zivil und schnell: Vorname des Vaters, des Großvaters, zudem noch ein paar Fragen, die sich im Computer abgleichen lassen. Wer weiß, wer den Pass geklaut haben könnte. Der Name bietet auch Vorteile. Jener osmanische Soldat Ali, der 1686 in der Schlacht um Ofen (heute: Budapest) gefangen genommen und dann im Berliner Dom auf den Namen Friedrich Aly getauft wurde, stammte womöglich aus Jerusalem. Ein Palästinenser? Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Jedenfalls jubelt Mohamed wenn er mich von Zeit zu Zeit als „Professor Aly“ begrüßen kann. Er betreibt einen Kaffeeausschank gleich rechts, wenn man die Altstadt durchs Damaskus-Tor betritt. Diesmal fragte er: „Sie schreiben doch Bücher über Geschichte. Stimmt es wirklich, dass die Deutschen so viele Juden getötet haben?“ – „Ja das stimmt alles: sechs Millionen unschuldige und wehrlose Menschen, auch Babys, Frauen, Greise – alle.“ Stille. Warten wir ab, was Mohamed demnächst wissen möchte.

Zuletzt war ich vor 15 Monaten in Israel. Eines fällt nach dieser kurzen Zeitspanne sofort auf: Das Land boomt. Überall werden neue Straßen und Bahnlinien und Tunnel durchs Gelände gebrochen. Man hört in Europa viel vom Siedlungsbau, dabei geht es jeweils um einige Apartmentblöcke, aufregender ist die tausendfältige Bautätigkeit innerhalb der international anerkannten Grenzen. Noch zwei Jahrzehnte und das Heilige Land ähnelt Singapur.

Zwei Israelis, fünf Meinungen

Auch die zahlreichen muslimischen Gemeinden im Norden Israels expandieren, errichten neue Moscheen und Minarette von atemberaubender Höhe, so selbstbewusst, wie man sie im Der-Islam-gehört-zu-uns-Deutschland nirgendwo findet. Und die Wahlen? Die Umfragen, die an den Ausgängen der Wahllokale erhoben wurden, lagen grob neben dem Ergebnis. Die Meinungsforscher geben sich geschlagen: zwei Israelis, fünf Meinungen. In der Bundesrepublik herrscht dagegen das Prinzip „Ordnung muss sein“. Folglich sind auch Umfragen stets korrektest zu beantworten. Was ist besser?

Neulich bei einer zweitägigen Wanderung im Gebirge entlang der libanesischen Grenze, organisiert von den nach deutschem Vorbild gegründeten Naturfreunden, lernte ich das hebräische Synonym für wildes Durcheinanderreden. Es lautet: Knesset. Unvorstellbar, dass das Wort Bundestag in metaphorischem, hochemotionalem Sinn Teil der deutschen Sprache werden könnte. Am Abend sangen die nicht mehr ganz jungen Wandervögel hebräische und russische Vorwärtslieder – „aus der Zeit als wir alle noch sehr, sehr zionistisch waren“, wie mir meine Tischnachbarin selbstironisch und mit glänzenden Augen erklärte.

Und die aktuelle Politik? Aus Deutschland erreicht mich „tiefe Sorge um den Friedensprozess“. Vorsicht: Wo ist es im Nahen und Mittleren Osten derzeit so friedlich und vergleichsweise gewaltarm wie in Israel? Wo leben Araber derzeit sicherer als in Israel? Wo haben sie besseren Zugang zu Bildung, Arbeit, Konsum und medizinischer Versorgung? Das nächste Mal mehr zur künftigen Regierung und zum Iran, kurz: zur hohen Politik.

http://mobil.berliner-zeitung.de/politik/kolumne-aus-israel-post-aus-jerusalem-i,23785274,30258210.html

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Es gibt kein Recht auf Israelkritik
Justus Wertmüller

„Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“. So und ähnlich hallte es in diesem Sommer, genauer: während des letzten Gaza-Kriegs durch die Straßen deutscher und europäischer Großstädte. Synagogen wurden angegriffen und als „jüdisch“ identifizierte Menschen bzw. solche, die sich öffentlich mit Israel solidarisierten, physisch attackiert. Die Täter waren keine bestiefelten Nazis, sondern junge männliche Moslems. „Allahu Akbar“ und „Tod den Juden“ krakeelend, schwenkte dieser antisemitische Mob die palästinensische Flagge, die sich damit einmal mehr als die Fahne des dschihadistischen Terrors erwies.

In Essen zum Beispiel kam es am 18. Juli zu Flaschen- und Feuerzeugwürfen auf eine pro-israelische Gegenkundgebung. Untermalt wurde dieses Szenario durch „Adolf Hitler! Adolf Hitler“-Rufe. Der WDR meldete damals lapidar: „Es hat keine Anzeichen dafür gegeben, dass sich Extremisten unter diese Demonstration gemischt haben […] Bisher ist es alles ein bisschen brisant, aber friedlich.“ Nicht nur beim WDR wurden diese und andere antisemitische Ausschreitungen verharmlost und versucht, Israel die Schuld für die Aufregung junger Männer auf Deutschlands Straßen in die Schuhe zu schieben. So titelt beispielsweise die Taz zum Angriffskrieg der Hamas und den israelischen Verteidigungsaktivitäten: „Israel provoziert dritte Intifada“.

Nicht allein dass die Partei Die Linke schon Organisator der erwähnten Demonstration in Essen war, nein, die Bundestagsabgeordnete Inge Höger und andere Parteimitglieder sind Unterzeichner des „Appells der bundesweiten Bewegung für einen gerechten Frieden in Nahost“. Auf deren Homepage heißt es: „Wir solidarisieren uns mit dem Recht auf Widerstand der Palästinenserinnen und Palästinenser gegen das Besatzungsregime Israel.“ Womit Israel gemeint ist.

Frau Höger solidarisiert sich, unter Verweis auf die Charta der Hamas, in der das Existenzrecht Israels bestritten wird, mit dem eliminatorischen Antisemitismus der palästinensischen Führung. Was all diese Menschen eint, ob Redakteure und Auslandskorrespondenten verschiedenster Medienanstalten oder Parteigänger der Linken, ist ihr vehement vorgetragenes „Recht“, Israel kritisieren zu dürfen. Inzwischen haben sich alle Verantwortungsträger der Bundesrepublik pflichtschuldig von den antisemitischen Ausschreitungen von insgesamt Tausenden Jubelpalästinensern distanziert und nicht minder pflichtschuldig hinzugefügt, dass es selbstverständlich legitim sei, Israel zu kritisieren. Dass Israelkritik und Antisemitismus das gleiche sind und der Mob auf der Straße nur auf seine Weise von diesem „Recht“ Gebrauch gemacht hat, kommt in solchen Erklärungen nicht vor.

http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20141003detmold.html

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http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20141030halle.html

Wir dokumentieren den Aufruf von der Seite http://israelkritik.de:

Antisemitische Lumpen sind in den vergangenen Wochen tagein, tagaus durch europäische Innenstädte gezogen, mit palästinensischen Gesinnungsfetzen um den Hals und selbstgefertigten oder auch vorab verteilten Plakaten in der Hand, auf denen die brutalste Dummheit prangte, während über ihren Köpfen schwarze, grüne und rote Fahnen flatterten. Aufgedrehte und erregte Jungmännerhorden suchten einander an Hitzigkeit der Raserei und Brachialität des Judenhasses zu übertreffen. Die Frauengrüppchen, der familiären Autorität, der handfesten Männerherrschaft über sie stets unterwürfig, waren trotz Sommerhitze oft züchtig verschleiert, wenngleich sich bei nicht wenigen dadurch das paradoxe Bild vom Kopftuch in Kombination mit Hotpants ergab. Doch der Hass auf die Juden versöhnt viele unüberbrückbare Gegensätze, auch die sichtlich frommer gehaltenen Mädchen durften in der Ausflugslaune solcher mitmachen, die man ansonsten kaum je vor die Tür lässt. Der Fastenmonat Ramadan tat ein Übriges, man sah bei den antisemitischen Kundgebungen landauf, landab Leute plötzlich in Ohnmacht fallen, weil die Mischung aus nicht nur physischer Aushungerung, herausgebrülltem Judenhass und schwülem Wetter zu viel wurde. Diese Intifadisten möchten gewiss ihr Auftreten gegen Israel als gute muslimische Tat verbucht sehen, etwa als Ausgleich für ein ansonsten mehr als mageres spirituelles Leben. Bei den meisten der Jünglinge wird der Alltag nicht so sehr von Moscheebesuchen als von schlechtem Hiphop und stupidem Krafttraining geprägt sein. Bei den Mädchen wäre großteils von einem möglichst sorgfältigen Kontrollregime über ihr Leben auszugehen, das bei manchen von ihnen in totale Affirmation, totale Identifikation, totale Selbstnegation – arabisch „Dschihad“ – umschlägt. Deutlich zu sehen bei den verschleierten Fanatikerinnen, die etwa in Köln die schwarze Flagge des dschihadistischen Terrors über ihren Köpfen schwangen, dem Symbol ihrer totalen Entrechtung als Frauen. Der ostentative Muslimeifer aber, der sich im Alltag mancher „Allahu-Akbar“-Brüller vielleicht doch sehr in Grenzen hält, findet im blanken Judenhass unverhoffte Nahrung, wo ihnen unter unendlich öden Koranrezitationen und geistlosen, absurden Vorschriften längst das bisschen ungeglaubten Glaubens zwischen den Fingern zerrann und ihr Muslimsein kaum je mehr ist als das typisch dauerbeleidigte, immer schon jeder Verantwortung ledige Gruppengefühl. Überhaupt will jeder Eifer – insbesondere der aktuelle, rasende Eifer des weltweit angreifenden Islam – den Stachel eines weniger drohenden als hinterrücks längst geschehenen Glaubensverlustes kompensieren. Dieser Verlust kann unter Aufrechterhaltung der Lebenslüge Islam nur mittels einer unaufhörlichen Verfolgung immer neuer Abweichler oder Ungläubiger abgewehrt werden. An ihnen wird der eigene, unwahre Glaube gebüßt, das offenkundige islamische Unglück gerächt. Gäbe es keine Juden, der Islam müsste sie erfinden. Ohne diese Sündenböcke müsste er sonst an seiner eigenen Unerträglichkeit krepieren!

Die Verkünder Allahs wollen die ganze Welt in einen autoritären Kollektivismus hineinterrorisieren, die strikte islamische Trennung des „Reinen“ vom „Unreinen“ soll alles beherrschen und jedes bisschen Leben, jedes bisschen Freiheit in Angst und Todeskult ersticken. Die radikale Abschaffung dieses unvergleichlich amoralischen, menschenfeindlichen und despotischen Gottesbildes kristallisiert sich als die vordringlichste Aufgabe für jeden heraus, der die Idee einer Menschheit noch nicht aufgegeben hat. Der Islam ist keine schützenswerte Kultur, sondern eine furchtbare, autoritäre, gnadenlose Ideologie, die durch die Verkommenheit der westlichen Intellektuellen und Politiker, durch das Versagen und die Borniertheit der Zivilisation voranschreitet: in Gaza, Syrien, Irak, Nigeria, Somalia und zahllosen anderen Stätten islamischen Grauens. Sein terroristisches Vordringen auf den globalen Schlachtfeldern muss mit angemessenen militärischen Maßnahmen bekämpft, seiner „friedlichen“ Missionstätigkeit und Propaganda im Westen mit den Mitteln des Rechtsstaats und den Waffen der Kritik das Handwerk gelegt werden. Wer das unaussprechliche Unglück hat, unterm Banner der Schahada, des muslimischen Glaubensbekenntnisses, existieren zu müssen, sei der Hintergrund des Banners nun schwarz wie bei ISIS und Al Qaida oder grün wie bei der Hamas und Saudi-Arabien, sieht sich von jeder Hoffnung auf westlichen Beistand komplett verlassen. Kein George W. Bush im Weißen Haus mehr, der so „dumm“ und „arrogant“ wäre, den Menschen im Orient democracy & freedom bringen zu wollen. Die vor aller Welt live sich vollziehenden, von den ISIS-Verbrechern selbst stolz ins Internet gestellten Massaker an Kurden, Assyrern, Yeziden, Christen, Schiiten und nicht wenigen Sunniten im nördlichen Irak und Syrien sind allzu lang von der untätig gebliebenen Administration des unsäglichen Friedensnobelpreisträgers Obama und von den ebenfalls friedensnobelpreistragenden Europäern ermöglicht, zugelassen, mitverursacht worden, von denen also, die das Scheitern von Iraqi Freedom immer schon vorausgesagt hatten und es nun geradezu triumphierend konstatieren dürfen.

„Kritisch ja, antisemitisch nein. Der Ton macht die Musik.“ (Frank Elstner, BILD, 25.7.2014)

Auf die Hilfe der „mit Gaza“ gegen Israel ach so solidarischen Mitmuslime kann ohnehin lange warten, wer als Muslim von rasenden Barbaren im Namen des keineswegs dabei missdeuteten Koran entmündigt, unterdrückt, erniedrigt, geschlagen, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt, ermordet wird. Allerhöchstens senden die „Brüder“ aus dem Westen weitere Fanatiker und Massenmörder, wie es derzeit in Syrien und im Irak geschieht. Die telegenen Muslimsprecher, die bärtigen Verbandsvorstände, die noch bärtigeren Imame sind viel mehr an der Hetzkampagne gegen „Kindermörder Israel“ interessiert als an den Massakern, den gesprengten Heiligtümern und Moscheen im Irak, den ca. 250.000 muslimischen Toten in Syrien, den Gräueltaten von Boko Haram auch an muslimischen Schulbesucherinnen, den Untaten von al-Schabaab an Muslimen in Somalia.

Die Gier der exklusiv zum Thema Gaza auf einmal ganz muslimsolidarischen Pallywood-Lobbyisten nach Bildern von Kinderleichen, die man dem Judenstaat anlasten kann, führt nicht nur zu den absurdesten Fälschungen von Pressebildern und sogar Horrorfilmschnipseln, sondern ist auch der Grund, warum Hamas für viele solcher Leichen sorgt, indem man die Raketenstellungen bewusst dort aufstellt, wo bei israelischen Gegenschlägen hohe zivile Opferzahlen zu erwarten sind. Entgegen der unendlich oft wiederholten Behauptung, der Gazastreifen sei der am dichtesten bevölkerte Ort der Welt – dies gilt allenfalls für die Ortschaften Gaza City, Khan Yunis und Rafah – weist das Gebiet nicht wenige unbesiedelte Zonen und Halbwüsten auf, die Hamas ganz bewusst nicht als Abschussbasen für Raketen und Startpunkte ihrer Terrortunnel gewählt hat.

Der Hetzruf „Kindermörder Israel“ ist die totale Dämonisierung nicht nur Israels, sondern der Juden überhaupt. Sein an mittelalterliche, antijüdische Legenden anknüpfendes Bild, das nur um weniges vorsichtiger in der europäischen und deutschen Qualitätspresse wiedergegeben wird, ist der Gipfel der Perfidie. Wer die zutiefst verlogene Parole vom „Kindermörder“ aufgreift, beweist den Wahnsinnigen der Hamas, dass die Reklame mittels Kinderleichen wirkt und weiter betrieben werden soll. Jeder Journalist, Politiker, jede Einzelperson, die die Schuld an den toten Kindern mit Israel identifiziert, befeuert diese nekrophile Kinderpornographie. Die „Kindermörder“-Losung reizt die Massen, total enthemmt überzuschnappen, durch die Unschuld der Toten vollkommen moralisch legitimiert außer sich zu geraten und die Juden oder ihre Fürsprecher, echte und gewähnte Islamfeinde (wie etwa eine Burger-King- und eine McDonald‘s-Filiale in Nürnberg) mit ungehemmter Brutalität anzugreifen.

In der Öffentlichkeit besteht kein Verbot, Israel zu kritisieren, sehr wohl aber ist mittlerweile jede Kritik der Israelkritik delegitimiert. Eine stetig größer werdende Welle antisemitischer Gewalttaten bricht sich in ganz Europa Bahn, im Namen der von der Hamas ganz bewusst gefährdeten, exponierten und geopferten Kinder. Die plötzliche Vervielfachung der Angriffe auf Juden wird durch die demonstrativ in die Kamera gehaltenen Leichen befeuert, wird von den israelkritischen Politikern und Journalisten angeheizt. Die Folgen dieser Propagandaschlacht für die Juden wurden möglichst kleingeredet und verharmlost, erste antisemitische Gewalttaten prompt zu gesellschaftlichen Randerscheinungen erklärt, wie es Wolfgang Benz, der ehemalige Leiter und oberste Persilscheinaussteller des Berliner Zentrums für Antisemitismus der deutschen Gesellschaft nur zu bereitwillig attestierte. Die schließlich unleugbar gewordenen antisemitischen Vorfälle hat natürlich „niemand“ gewollt, und alle hatten Israel sogar noch gewarnt, schon um der Juden im Ausland willen, für deren Sicherheit gegebenenfalls auch „niemand“ bürgen könne… Wer so argumentiert, nimmt gedanklich schon einmal Geiseln.

Hamas ist eine nekrophile politische Selbstmordsekte, die rituelle Menschenopfer zelebriert und offen die Vernichtung Israels und aller Juden als ihr Ziel erklärt hat. Ganz nebenbei ermordet sie weit mehr Muslime als Juden – die Hinrichtungen von „Spionen“, „Abtrünnigen“, „Verrätern“ und all derer, die sich dem mafiösen Alltagsgeschäft und dem inneren Terror der Hamas in den Weg zu stellen wagten, sind Legion. Die Einwohner Israels verdanken ihre relative Sicherheit der unermüdlichen Arbeit der israelischen Armee, die die Mordlust der Hamas – unter möglichst wenigen Verlusten auf allen Seiten – einzudämmen versucht. Ziele israelischer Luftschläge werden zuvor gewarnt, es werden Flugblätter abgeworfen, sprengsatzlose Raketen vorausgeschickt, damit die betreffenden Gebäude von Zivilisten rechtzeitig geräumt werden können. Laut mehreren Berichten ist dies aber schon von Hamas-Funktionären mit der Waffe in der Hand verhindert worden, um die Opferzahlen in die Höhe zu treiben. Diese abscheulichen Vorgänge werden von jedem mitverschuldet, der die antisemitische Parole vom „Kindermörder Israel“ mitblökt, ob wutbürgermäßig mit selbstgemachtem Plakat oder per konsterniertem Leitartikel über das Leiden der unschuldigen Kinder in Gaza. Die antisemitischen Massen brüllten in Deutschland zu Hunderten „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ oder „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf‘ allein!“, griffen echte oder gewähnte „jüdische“ Passanten brutal und rücksichtslos an. Dies geschah eine ganze Zeit lang, ohne dass die deutsche Polizei groß intervenierte, die sich bei staatlicherseits wirklich unerwünschten Aktionen hinsichtlich der Einsatzstärke oder Robustheit nicht lumpen lässt.

Hätten etwa irgendwelche NPD- oder ProKöln-Figuren auf der Kölner Domplatte demonstriert, wäre nicht nur das Polizei-, sondern auch das klassische Antifa-Aufgebot überwältigend gewesen. Die ganze Stadt hätte sich ihnen entgegengestellt und sie niedergebrüllt. Aber gegen die Freunde des arabischen Judenmordes kommt kein „Arsch huh“, gehen keine „Zäng ussenander“. Das vermeintliche „Versagen“ dem offenen, hauptsächlich islamisch motivierten Antisemitismus gegenüber, sowohl seitens der staatlichen als auch der möchtegern-staatlichen Organe (wie die sogenannte Antifa, die – mit wenigen Ausnahmen – dem antisemitischen Geschehen kaum kritische Aufmerksamkeit schenkte), ist weder ein Lapsus noch ein Zufall, sondern der sichtbare Ausdruck ihres fortschreitenden Verfalls: Es käme uns gewiss nicht in den Sinn, mit dummer Gläubigkeit an sie zu appellieren. Die ganz doll antifaschistische Linkspartei, speziell ihr nordrhein-westfälischer Landesverband, meldete Demonstrationen an, auf denen antisemitische Hetzparolen gebrüllt wurden, man suchte von linker Seite her den Schulterschluss mit muslimischen Multitüden, unter denen sich sogleich türkische Graue Wölfe und deutsche Neonazis tummelten. Die zu konstatierende Erfahrung mit dem bürgerlichen Staat im Allgemeinen und dem postnazistischen deutschen Staat samt all seinen Hilfspolizisten im Besonderen ist vielmehr: Mitten im Normalbetrieb kann jederzeit der Ausnahmezustand ausbrechen, in welchem die großherzigen Garantien und demokratischen Sonntagsreden ausgesetzt werden und auch die Staatsräson hinfällig wird, weil krisenbedingt wieder einmal gehobelt werden muss und dementsprechend blutige Späne fallen dürfen.

So geschehen bei den staatlicherseits zugelassenen, per taktischem Polizeimangel ermöglichten Pogromen in Rostock-Lichtenhagen, die schließlich zur de-facto-Abschaffung des grundgesetzlich verbürgten Asylrechts führten. Die deutsche Spezialität bei solchen Vorkommnissen ist die glänzend inszenierte Heuchelei, die mustergültige, nicht einmal bewusst abgesprochene Arbeitsteilung zwischen den Arbeitern der Stirn und den Arbeitern der Faust: Die einen schrieben damals „Das Boot ist voll“ wie Der Spiegel, andere warfen dann die Brandsätze, die natürlich „niemand“ gewollt hatte. Den Rest erledigte der Reichstag.

In der jetzigen Situation beginnt sich dieses widerliche deutsche Muster zu wiederholen: Der Spiegel, die Waffen-SZ, die liberalen und linken Zeitungen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen… all diese Sturmgeschütze der Demokratie feuern unisono los, geben ihre freundschaftlichen Ratschläge an Israel, schreiben ihr infames „gerade wir als Deutsche“ hin, mahnen stirnrunzelnd zur Zurückhaltung im Raketenhagel, schwafeln von Gewaltspiralen und Pulverfässern, breiten ihre hübschen Lösungen der nahöstlichen Judenfrage aus. Sie problematisieren und denunzieren gezielt die jüdische Selbstbewaffnung, die als Einziges die Fortexistenz des jüdischen Staats in einer antisemitischen Welt sichert. Sie schämen sich nicht, antifaschistisch besorgte Vergleiche ausgerechnet zu den Massenmördern zu ziehen, die die Gründung Israels als jüdische Lebensversicherung zu einer absoluten Notwendigkeit machten – also zu ihren Eltern und Großeltern. Sie reüssieren, protestieren, räuspern sich vernehmlich, bekommen ihre deutschen Bauchschmerzen, ihr altes jüdisches Geschwür, platzen schließlich mit dem heraus, was unter Freunden doch einmal gesagt werden muss, beten für den Frieden, finden jeden Krieg ganz, ganz furchtbar, in einem Wort: sie hetzen. Aus purem Ressentiment, aus einem sehr deutschen Abrechnungsbedürfnis, das den Juden Auschwitz nicht verzeihen kann, aus der schunkelnden, seelischen Korruption, der ekelhaften deutschen Verbrüderung, die immer auf Kosten des Volksfeindes geht.

Die öffentlichen Schwätzer und Schreiber gegen Israel sind als Mittäter anzusehen, die für die Gräueltaten ihrer antisemitischen Lieblinge mitverantwortlich sind. Denunzianten Israels wie Franziska und Jakob Augstein, Günter Grass, Daniel Bax, Heribert Prantl, Dieter Hallervorden, Nina Hagen, Sabine Rau würden in einer wirklichen Zivilisation für ihre Schreibtischtaten zur Rechenschaft gezogen werden. Sie gehören mindestens mit Verachtung gestraft. Ebenso die politischen Karrieristen wie Bernd Riexinger und abgehalfterte Trommler wie Jürgen Todenhöfer, die quer durch die Parteienlandschaft mittels des Themas Israel den Schulterschluss mit den dumpfen Ressentiments der Volksgemeinschaft suchen und zuverlässig auch finden. Jeder dieser obsessiven Hetzer kann sich einer ganzen Flut an Dankesbriefen für jede seiner bebenden Kühnheiten sicher sein, wird für sein larmoyantes, selbstgefälliges Maulheldentum von den anderen deutschen Zensuropfern zum Helden der Meinungsfreiheit gekürt. Jeder niederträchtige Anschlag auf den jüdischen Staat, jede bestenfalls verantwortungslose Gefährdung jüdischer Leben in Deutschland kann damit rechnen, noch zur tapferen Intervention gegen eine gewähnte, allgegenwärtige Mediendiktatur verklärt zu werden.

Der von der BILD publizierte Aufschrei „Nie wieder Judenhass!“ erging nach einer geraumen Zeit alles andere als stillschweigender Unterstützung des antisemitischen Mobs seitens der deutschen, sogenannten Qualitätspresse. Von Kai Diekmann lanciert, von der Kanzlerin und dem Bundespräsidenten, Veronika Ferres und Johannes B. Kerner unterstützt, war der anti-antisemitische BILD-Titel im ersten Augenblick gewiss ein Anlass zum Aufatmen, speziell für die Juden in Deutschland, die sich angesichts der faktischen Koalition von Mob und Elite und einer schlagartigen Vervielfachung antisemitischer Gewalttaten unmittelbar bedroht sahen und über zu packende Koffer laut nachzudenken begonnen hatten. Doch liest man die verschiedenen, politisch korrekten Bekenntnisse des staatstragenden und kulturindustriellen Personals um den BILD-Titel herum, wird klar, dass hier der kurz von der Leine gelassene Antisemitismus der eifernden, migrantisch-hintergründigen Wutbürger vom ideellen Gesamtdeutschen in Regie genommen und politisch verwertbar gemacht werden soll. Es geht nunmehr um die genau richtige Dosierung der Israelkritik in absolut gewissensreiner Abgrenzung vom Antisemitismus, der von der Intelligenz weniger im Schach als vielmehr drohend bereit gehalten wird. Nichts anderes bedeutet etwa das Grass-Gedicht, die Zuckerberg-Krake und andere Anlehnungen an den „Stürmer“ seitens der SZ. Es geht um den amtlich zugelassenen Härtegrad der Hetze gegen den Judenstaat, die unverdrossen weiter gehen soll, ohne aber die staatlich geschützten Juden sichtbar zu beschädigen, welche wiederum der Ausweis des wieder gut gewordenen Deutschlands sind. Die stets nachjustierte, nervös und plump dirigierte Unterscheidung zwischen verbaler Verfolgung der Juden in Deutschland und der verfolgend-unschuldigen „Frage“ nach dem Existenzrecht – nein, eleganter noch: der abgrundtiefen „Sorge“ um die Zukunftsfähigkeit Israels ist der Kern des aktuellen, postnazistischen Bewusstseins. Wie es Heiko Maas von der SPD auf dem BILD-Titelblatt zum Erschaudern deutlich auf den Punkt bringt: „Juden dürfen sich bei uns nie wieder bedroht fühlen.“ Es ist hinter allem Pseudokalkül vor allem ein ungeheurer Selbstbetrug, vergleichbar dem Versuch, ein offenes Feuer in der Hosentasche zu tragen. Die Exponentialität seiner Energie, die stete Steigerung seiner Aggression ist wesentliches Element des Antisemitismus‘, der als Israelkritik keineswegs aufgehoben, sondern schlichtweg raffiniert und salonfähig wird. Dass all die feuilletonistisch-politischen Finessen dem Pöbel nicht ganz so schnell einleuchten, zeigt sich in den Anschlägen, brutalen Übergriffen, enthemmten Drohungen, mit denen sich Juden und jüdische Einrichtungen derzeit auf breiter Linie konfrontiert sehen. Die hetzende Journaille weiß genau um diese „unerwünschte Nebenwirkung“ ihrer israelkritischen Obsession und fährt dennoch ungebremst, mit unheilbar reinem Gewissen mit ihren Angriffen fort. Es ist ein Skandal, dass die israelkritischen Lautsprecher anerkannt und erfolgreich sind, ins Fernsehen und Radio eingeladen und dort auch noch hofiert werden, als wären sie respektable Menschen, während sich durch die Mitschuld dieser Giftspritzen Juden in der Öffentlichkeit fürchten müssen, als solche erkannt zu werden. Würden die antifaschistischen Bekenntnisse dieses erbärmlichen Landes wirklich etwas bedeuten, hätten die Hetzer und Trittbrettfahrer, die Opportunisten und Türöffner des Antisemitismus nicht so ein leichtes Spiel. Wie es mit der NPD und anderen rechten Widerlichkeiten geschieht, würde jeder ihrer öffentlichen Auftritte skandalisiert, gestört, blockiert, möglichst verhindert werden. Aber Antifaschismus heutzutage ist kaum mehr als lokalpatriotischer Standortschutz und Fankurvengesang gegen Rechts.

Die politische Spitze hält sich vom allzu vulgären Judenhass und auch von allzu rabiater Israelkritik fern, weil es sich sonst mit den staatslegitimierenden Andachten am von vielen Völkern so beneideten Holocaust-Denkmal bisse, zu welchem man ja als Deutscher „gerne hingehen“ können soll, wie Gerhard Schröder es treffend ausdrückte. Man darf sich hier keinen Augenblick täuschen, was die bürgerliche Republik im Postnazismus angeht: Als es darum ging, den Einsatz der israelischen Marine gegen die Mavi Marmara zu verurteilen, haben sie ausnahmslos und erstmalig in der Geschichte der BRD alle – von Angela „Staatsräson“ Merkel bis Inge „Frauendeck“ Höger – einstimmig mit „Ja“ zur Resolution gegen Israel gestimmt, man kannte keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche.

Deutscherseits erfüllten „die empörten Muslime“ eine sehr wichtige, wenngleich für Deutsche kaum bewusste und noch weniger eingestehbare psychosoziale Funktion. Die Toleranz und das Verständnis seitens der Leitkultur, die den Wutmuslimen eine zeitweilige, antisemitische und darum falsche Katharsis gewährten, sollten aber nicht nur den Irren unter Allahs Fahne als vermeintliches Ventil dienen, sondern eben auch all den Deutschen, die es kaum erwarten konnten, sich in ihren Hass, ihre „Kindermörder“-Rufe einzufühlen. Doch Deutsche – und ihre Dichter und Denker allemal – wissen um Stalingrad und Dresden, fürchten sich vor dem Preis totalen antisemitischen Kontrollverlustes bei für sie ungünstigen Kräfteverhältnissen. Sobald sich also das kleine, wärmende Flämmchen der Israelkritik als hell auflodernde Synagoge herauszustellen droht, fürchtet man doch sehr um das mustergültige Ansehen des Landes, sieht schon die bösen Artikel in der ausländischen Presse, sorgt sich um den Ehrenplatz als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister, von welchem aus man doch so freimütig allen anderen Völkern im Allgemeinen und den Juden im Besonderen ethisch-moralische Lehren erteilen kann. Die lange polizeiliche Leine, an der man die Pogromwilligen kurz spazieren ließ, wird also wieder eingezogen, zumindest sollte das durch den BILD-Titel in die Welt hinaus und vor sich selbst suggeriert werden. Exakt so wollen die Deutschen mit ihren Juden kommunizieren und exakt so ihre Muslime handhaben. Die Juden sollen ja nie vergessen, ihre Dankbarkeit zu bekunden, wenn etwa so ein muslimisch-migrantischer underdog nach ein paar unverkrampften Bissen wieder zurückgezogen wird. Die Muslime wiederum, denen man jetzt liebe- und verständnisvoll den feinen Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus erklärt, sollen sich dankbar in die (auch ideologische) Drecksarbeit für die Deutschen schicken, wie es für sie immer schon verfügt war. Im Ankläffen der Juden und im gehorsamen Befolgen von „Fass!“ und „Sitz! Aus!“ liegt – wohlgemerkt nur laut dem schier unvergänglichen Herrenwahn der Deutschen – die Zukunft der deutschen Integration nützlicher Muslime, an denen man sich zudem so wunderbar erzieherisch betätigen kann. Das beispielhafte Endprodukt postnazistischer Integration wäre idealiter der politisch oberkorrekte Cem Özdemir, doch hier wird dann realiter der unheilbare Widerspruch zwischen deutschem pädagogischen Anspruch und deutschem psychologischen Bedürfnis deutlich: Dem Musterdeutschen Özdemir fehlt vor lauter Verinnerlichung deutscher Magengeschwüre bereits wieder das migrantisch-ungebärdige Element, also das nunmal sehr gefragte „extra scharf“: Jener von hochdeutschen Sensibilisierungen ungehemmte Judenhass, der in Deutschland ohnehin am Liebsten auf bildungsferne Unterschichten (z.B. Lichtenhagen) oder eben „barbarische Ausländer“ hinwegprojiziert wird. Noch in der genüsslichen Skandalisierung des jeweiligen Tabubruchs lebt man ein wenig aus, was man umso eifriger abstraft. Diesen Judenhass sollen die gegebenenfalls kurzfristig wieder von der Leine gelassenen, per Muslimsein „Betroffenen“ weiterhin liefern können. Gleichzeitig darf dieser keinesfalls ganz offen zutage treten,  ist er doch sogleich ein ungeheurer Skandal. Exakt hierin ist der postnazistische Wahn in seiner unheilbaren Inkohärenz sichtbar, exakt hierin besteht die ehrlich geglaubte, weil deutsche Lüge von „Israelkritik ja, Judenhass nein!“

Näheres zum genau richtigen, orientalisch-deutschen Zungenschlag lässt sich vielleicht auf dem westlich-östlichen Diwan bei der nächsten Islamkonferenz bei Dr. de Maizière nachjustieren, wo es etwa dieses Jahr um „Wohlfahrt“ und „Seelsorge“ gehen soll, also um sehr viel Geld, um zu verteilende Pfründe im Gesundheits- und Sozialsystem. Man glaubt seine Kettenhunde und Kiezaufpasser so gleichermaßen im Zaum und bei der Stange zu halten, es ist eine moderne, postnazistische Variante der Integration, die sich hier zeigt. Die Möglichkeit antisemitischer Übergriffe, die durch die interessierte Passivität von Politik und Polizei bei den ersten antisemitischen Demonstrationen entstand und sogleich einen Brandanschlag gegen die Synagoge in Wuppertal zeitigte, war das mehr oder weniger unfreiwillige (und nunmehr die ja immer total anständigen Deutschen doch ein wenig erschreckende) Ergebnis der alten Arbeitsteilung zwischen Richtern und Henkern. In ihr waren Letztere immer auf den gesellschaftlichen Seiteneingang verwiesen, so dass sie mit reinem Gewissen verleugbar, notfalls immer noch abschiebbar blieben. Diese Art, A zu sagen, um sich prompt von B zu distanzieren, ist hierzulande also keineswegs neu. So etablierten ja auch die Eltern und Großeltern der heutigen Israelkritiker die Anfänge ihrer Volksgemeinschaft mittels der Zusammenarbeit von Elite und SA-Schlägern, verschworen sich klassen- und andere Gegensätze übergreifend zum völkischen Mordkollektiv, bis schließlich zu den unerfreulichen, weil unfreiwilligen Reuebekenntnissen, die ihnen 1945 kurz zusetzten, als sie etwa in den von den Alliierten gerade befreiten KZs Zwangsbesichtigungen und erste Aufräumarbeiten über sich ergehen lassen mussten. Ihre Entwicklung zu Nazis ließ die Ankunft des Henkers in der gesellschaftlichen Mitte zutage treten, und die Vernichtung als arbeitsteiliges Werk der gesamten deutschen Gesellschaft. Ihre Nachfahren empfinden es bis heute als tiefe Kränkung, wenn man ihnen die Folgen ihrer Dummheit, Bösartigkeit und ihres Ressentiments vor Augen stellt. Im Beleidigtsein machen die Muslime den Deutschen so schnell nichts vor. Eine fein austarierte Herrschaft!

Jede Stimme, die es wagt, Partei für den jüdischen Staat zu ergreifen, soll als fanatisch, autoritär, menschenverachtend delegitimiert werden. Jeder Jude ist und bleibt dieser Parteilichkeit verdächtig und wird sich gegebenenfalls erklären müssen: Israel zu verleugnen ist die neue Zwangstaufe, und die Vorgänge auf den Straßen beweisen geradezu, dass selbst das den Juden nicht helfen würde, auch wenn manche – wie der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats Josef Schuster – schon soweit sind. Israel wird systematisch und immer wieder dem Dritten Reich gleichgesetzt. Die übelsten Frauenunterdrücker, fanatischsten Schwulenhasser, grässlichsten Judenmörder des Nahen Ostens stellen sich als Opfer dar, und ihre westlichen Fürsprecher plappern ihre Parolen nach, weil deren Barbarei das eigene Ressentiment gegen die misslungene Zivilisation transportiert.

Wer in diesen gesamteuropäischen, antisemitischen Tagen wider besseres Wissen Abstand zu Israel hält, ist feige, ein falscher Freund, ein hohler Zahn, der zerbricht, wenn es auf ihn ankommt. Wer ausgerechnet jetzt und ausgerechnet beim Thema Hamas gegen Israel einen äquidistanten Pazifismus pflegt, gehorcht de facto dem Israelboykott, lässt den Volkssturm gewähren, hilft mit, Israel zu isolieren und seinen erklärten Todfeinden preiszugeben. Wer sich der „ollen Diskussionen“ um des Hausfriedens wegen heraushält, hilft den Antisemiten, deren Wut und Energie keineswegs nachgelassen hat. Es ist ein Skandal, dass Leute, die sich als fortschrittliche Menschenfreunde ansehen, in der Stunde der Not auf Abstand zum Judenstaat gehen und keinen Einwand erheben, um bei Freunden, Kollegen, Verwandten keinesfalls anzuecken. Wer hier auf seinen Status unter Freunden achtet, macht mit. Es ist unerträglich, dass die Demonstrationen für Israel so einsam und verlassen dastehen, während sich der antisemitische Mob auf den Straßen austobt. Warum marschieren ein paar einsame Juden und die paar üblichen Verdächtigen durch die Innenstädte, warum stellt sich kaum jemand dem islamfaschistischen Mob entgegen? Ist Euch nicht klar, dass das Nazis sind, versteht Ihr nicht, was sie mit Euch tun würden, wenn sie könnten? Der Grad der nachbürgerlichen Verkommenheit – ob links, grün, konservativ, liberal, christlich, säkular – ist beschämend, man kann förmlich sehen, wie all die vermeintlichen Individuen auf das Stichwort ihrer Meinungsgeber warten und den strunzdeutschen Dreck nachplappern, der von der Jungen Welt bis zum WDR, von der Süddeutschen bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung verbreitet wird. Es ist tatsächlich bei vielen Menschen bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.

Lang lebe Israel!

http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20141030halle.html

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Ausgabe #18 vom 09.04.2014 prodomo-online.org

Dokumentation eines Vortrags gehalten am 18. April 2013 in Bonn

LEO ELSER

Was den Jargon der Israelkritik letztlich zum Jargon macht, ist sein überaus formeller Charakter. Dieser formelle Charakter zeigt sich darin, dass über Israel in der gesamten deutschen Presse niemals anders gesprochen wird als in einer eingeschliffenen Phraseologie, die die jeweils aktuelle Wirklichkeit – also die sogenannten Nachrichten, die vorgeblich den Gegenstand des journalistischen Berichts ausmachen – nur zu ihrer selbstbestätigenden Illustration gebraucht. Beispielhaft ließe sich das an dem Wörtchen „Gewaltspirale“ illustrieren, das wider aller Evidenz immer dann zum Einsatz kommt, wenn nach monatelangem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen die israelische Armee ihrerseits versucht, ihre Gegner durch Zerstörung der Abschussanlagen für Raketen, der Tunnel, durch die diese geschmuggelt werden und der Waffenlager, sowie führender Hamas Offiziere zu schwächen. Auffällig ist, dass mit dem Wort „Gewaltspirale“ zunächst von allen politischen Interessen des jeweiligen konkreten Gewalteinsatzes abstrahiert wird. Davon nämlich, dass es das erklärte Ziel der Hamas ist, was jeder in ihrer offiziellen Charta nachlesen kann, Israel als jüdischen Staat zu zerstören und seine jüdischen Bewohner umzubringen – ein programmatisches Ziel, das etwa wöchentlich in Fernsehsendungen wiederholt wird. Umgekehrt tut Israel genau das, was jeder Staat in einer irgendwie vergleichbaren Situation täte, nämlich seine selbsterklärten Todfeinde – so gut es geht und eben mit den dazu nötigen, selbstverständlich auch gewalttätigen Mitteln – in ihrem Mordtreiben einzuschränken. Schon alleine darum ist der Gestus der Äquidistanz, den sogenannte Nahost-Experten und -Korrespondenten für den Garant vermeintlicher Objektivität halten, von Grund auf falsch. Denn gegenüber einem selbsterklärten Mordkollektiv und seinen potentiellen Opfern verbietet sich von vorneherein jede Neutralität – auch und gerade dann, wenn die Angegriffenen sich zur Wehr setzen.

Der Einwand, dass doch etwa die palästinensischen Kinder, die fraglos gelegentlich zu Opfern israelischer Luftangriffe werden, nicht für die Taten der Hamas verantwortlich gemacht werden können, ist dabei selbst ein Stück dieser Phraseologie. Denn nicht nur dürfte sich inzwischen auch hierzulande herumgesprochen haben, dass die Gegner Israels selbst auf die Produktion jener bekannten Bilder setzen, die europäische Medien so gerne senden: die klagenden Eltern, die den Leichnam eines angeblich oder tatsächlich bei einem israelischen Luftangriff getöteten Kindes durch eine zerstörte Straße tragen, umringt von einer aufgebrachten Meute.1 Ebenfalls bekannt ist, dass sowohl die Hisbollah im Libanon, als auch die Hamas Abschussvorrichtungen wie Waffenlager allzu gerne in oder unmittelbar bei Schulen und Kindergärten sowie Krankenhäusern errichtet, um für den Fall des Gegenschlages den Krieg gegen Israel noch mit den entsprechenden Propagandabildern nach Europa bringen zu können. Dieser Umstand kann am wenigsten den Nahost-Büros der europäischen Nachrichtensender entgangen sein. Man muss schon ein europäischer Journalist sein, um die Niedertracht aufzubringen, solchem Wissen zum Trotz immer wieder aufs Neue jene Bilder in Fernsehbeiträge einzubauen und damit sicherzustellen, dass die Feinde Israels auch weiterhin erfolgreich der Weltöffentlichkeit getötete Kinder präsentieren können. Die toten palästinensischen Kinder, die Israel, wenn es sich gegen die Hamas verteidigen will, gezwungen ist, in Kauf zu nehmen, werden umgekehrt nicht nur von der Hamas, sondern auch von den sich dann schrecklich empört gebenden europäischen Journalisten ganz bewusst und ohne jede Not einkalkuliert. Würden nämlich europäische Fernsehsender und Zeitungen diese Bilder einfach nicht mehr veröffentlichen, vielleicht wäre die Produktion palästinensischer Kinderleichen bei den Feinden Israels nicht mehr so beliebt. Die scheinbar neutrale Grundhaltung der deutschen Nahost-Berichterstattung wird hier mit Absicht als Gestus der Äquidistanz bezeichnet, denn die Phrase von der Gewaltspirale ist ihrerseits durchaus doppeldeutig: Einerseits suggeriert sie eine angeblich von beiden Seiten gleichermaßen betriebene Gewalt, die sich dann wechselseitig hochschaukelt. Unterstrichen wird dies üblicherweise durch Untertitel wie „Es regiert bzw. spricht wieder die Gewalt“.

Doch andererseits ist es vielleicht nicht ganz zufällig, dass der Terminus der Gewaltspirale eigentlich der Konfliktforschung zu familiärer Gewalt entstammt und dabei eine bestimmte Abfolge von Eskalationsstufen im Verhalten der zumeist männlichen Gewalttäter und ihrer meist weiblichen Opfer meint, also ein zwar durchaus wechselseitiges Verhalten beschreibt, in dem aber sowohl die moralische wie juristische Schuld durchaus eindeutig für eine der beteiligten Personen feststellbar ist. Wenn man einmal versuchsweise die Begriffe Gewaltspirale und Nahost googelt, stellt man ohne Probleme fest, dass der größte Teil der Suchergebnisse auf den November 2012 datiert, also auf die israelische Militäroffensive im Gazastreifen, die eine konsequente Reaktion auf den monatelangem Raketenbeschuss war. Nachdem am 7. April diesen Jahres, ausgerechnet während der Auftaktgedenkveranstaltung zum Holocaustgedenktag Yom haShoah, Raketen auf Israel abgeschossen wurden, fand sich in den Google-News bei einer Suche nach „Gewaltspirale“ auch in den auf die Angriffe folgenden Tagen kein einziger Treffer.2 Das kann wiederum nur bedeuten, dass in der öffentlichen Wahrnehmung, analog zur Gewalt in familiären Verhältnissen, ein eindeutiges Täter-Opfer-Verhältnis gedacht wird und die vermeintliche Äquidistanz tatsächlich nur Schein ist. Hinter dem Gestus der Äquidistanz steckt das Bedürfnis, Israel zu denunzieren.

In Miniatur lässt sich dieser Zusammenhang ebenfalls an der inzwischen berühmt gewordenen Spiegel-Kolumne von Jakob Augstein zum letzten Gaza-Krieg, die den Titel: „Gesetz der Rache“3 trägt, darstellen. Sie eröffnet mit den Worten: „Der Wahnsinn geht weiter – die Hamas und Israel schießen pausenlos aufeinander. An Frieden haben beide Seiten kein Interesse. Im Nahen Osten gilt immer noch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ – wer die Fußballtalkshow „Doppelpass“ kennt, weiß, dass allein diese zwei Sätze mindestens dreimal drei Euro in das Phrasenschwein gekostet hätten. Allerdings kann sich damit jemand wie Augstein fast in den Rang eines Nahost-Experten, mindestens jedoch Intellektuellen schreiben und einmal angedreht, hört die Phrasenspirale gar nicht mehr auf. „Die Hamas feuert Raketen auf Israel. Israel bombardiert den Gazastreifen. In den ersten beiden Tagen 350 Raketen und mehr als 600 Luftangriffe: Das ist Krieg. Er ist wieder ausgebrochen. Unter der Oberfläche schwelt er immerzu. Schlag und Gegenschlag halten ihn am Leben“. Und dann weiter: „das Gesetz der Rache kennt kein Ende“; „dieser Krieg wird erst enden, wenn die Krieger die Lust daran verloren haben“.

Man darf Augstein dankbar dafür sein, klargestellt zu haben, worauf der Gestus der Äquidistanz zielt: Auf die Neutralität verbürgen sollende Beteuerung, dass beide Seiten gleichermaßen von kriegerischer Lust getrieben wären, folgt sogleich die Unterstellung, Israel sei erstens gleichermaßen von religiösen Fanatikern regiert wie Gaza. Gemeint sind die Ultraorthodoxen. Für den „Fanatismus“ der Palästinenser ist Israel jedoch ebenfalls verantwortlich: „Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus“. Zusammengepfercht auf immerhin über 200 Quadratmeter pro Person. Doch man muss nicht das palästinensische Elend kleiner reden als es ist, um zu erkennen, worauf Augstein aus ist. Es lohnt sich, bei diesem Satz „Israel brütet sich dort [in Gaza] seine eigenen Gegner aus“ einen Moment zu verweilen. Bei den „fanatischen“ Palästinensern handle es sich nach Augstein erstens wohlgemerkt um „Gegner“, nicht um Feinde, also Leute, die wohl eine Art sportlichen Wettkampf mit Israel führen möchten. Zweitens würden diese angeblich überhaupt erst durch die israelische Politik zu Gegnern Israels „ausgebrütet“. Gewiss lässt sich dagegen leicht einwenden, dass der Kampf arabischer und islamischer Gruppen gegen die Existenz von Juden im Nahen Osten länger zurückreicht, als die Existenz des jüdischen Staates. Ebenso, dass die Hamas und auch die Fatah immer wiederholen, dass der Kampf gegen Israel und die Juden solange fortgesetzt wird, wie auch nur ein einziger Jude im Nahen Osten existiert. Was aber bei dieser Floskel weit mehr noch auffällt, ist die Verschwommenheit des gewiss metaphorischen Satzes selbst. Nimmt man diesen Satz ernst, dann ist damit nicht einfach bloß die Aufteilung der Täter-Opfer Rollen zwischen Israelis und Palästinensern beantwortet, sondern den Palästinensern auch – nicht sehr schmeichelhaft – jede Form von Selbstständigkeit abgesprochen. Wer Aufsätze von Jakob Augstein kennt, der weiß, dass er meistens genauso schreibt wie er spricht. Das mag einkalkulierte Volksnähe sein, könnte aber genauso gut darauf hinweisen, dass der weitere Reflexionsschritt beim Schreiben, der den schriftlichen Gedanken meist einer weit strengeren logischen Prüfung unterzieht als den gesprochene Gedanken, bei Augstein schlicht ausfällt. Wer den von Narzissmus und Selbstüberschätzung nur so triefenden Augstein einmal öffentlich hat auftreten sehen, kann sich durchaus vorstellen, dass es diesem schlichtweg an jenem Minimum an Selbstkritik mangelt, welches normalerweise zwischen gesprochenem und geschriebenem Wort als korrigierende Instanz die logische Reflexion schaltet. Wenn das stimmt, dann müsste man die suggestive Phraseologie Augsteins nicht etwa als Propaganda-Trick, sondern als Ausdruck eines selbst nur assoziativen Denkens deuten. Die Phrase „Israel brütet sich seine eigenen Gegner aus“ wäre demnach keineswegs bloß ein geschickter Versuch, die Behauptung, dass die Israelis im Grunde selbst schuld am Terror der Hamas sind, nicht ganz so offen auszusprechen, sondern im Grunde genommen eine merkwürdige Ungenauigkeit des Augstein’schen Denkens. Um von vorneherein jedes Missverständnis auszuschließen: Mit dieser Überlegung soll Augstein keineswegs von der Verantwortung für das, was er geschrieben hat, entlastet werden. Vielmehr geht es darum, dass die auffällige Phraseologie, die der alltäglichen Israelkritik eigentümlich ist, ihrerseits eigentlich nur dadurch zu erklären ist – und zwar nicht nur im Falle Augstein, sondern generell –, dass bezogen auf Israel eine fast schon systematisch zu nennende Ungenauigkeit des Denkens am Werke ist. Diese Ungenauigkeit allerdings ist nicht einfach nur auf Schlamperei, also subjektive Unzulänglichkeit zurückzuführen, sondern sie bestimmt geradezu die Weise, wie über Israel im Allgemeinen gesprochen wird. Auch der Ausdruck „Israelkritik“ gehört selbst in jenes Wortfeld der Ungenauigkeiten. Unterstellt man z.B. denjenigen, die ihr eigenes Schaffen als Israelkritik betreiben, sie wären auf eine Fundamentalkritik an Israel – also letztlich die Abschaffung Israels – aus, dann werden sie diesen Vorwurf in der Regel zurückweisen und beteuern, sie wollten nur eine ganz bestimmte politische Handlung der aktuellen israelischen Regierung kritisieren und nicht den israelischen Staat selbst in Frage stellen. Doch würde ja bekanntlich niemand bei einer ganz bestimmten Kritik an einer einzelnen Handlung oder Position z.B. der französischen Regierung von Frankreichkritik sprechen. Das aber wiederum ist keineswegs zufällig, denn fast alle Kritik, die doch vermeintlich nur eine bestimmte Position der israelischen Regierung betrifft, läuft angesichts des Umstandes der permanenten Bedrohungslage, die dafür sorgt, dass jede gewichtige politische Entscheidung in Israel Folgen für die Sicherheit und mithin den dauerhaften Fortbestand Israels als jüdischen Staat haben kann, darauf hinaus, doch den Fortbestand Israels zumindest potentiell in Frage zu stellen. Dass genau dies im Grunde auch ständig passiert, zeigt gerade die gerne auch von vermeintlichen Freunden Israels bemühte Redewendung vom Existenzrecht Israels an.4 Die Ungenauigkeit in diesen Formulierungen ist also keineswegs zufällig oder bloß subjektiver Mangel an sprachlicher Genauigkeit, sondern sie ist zurückzuführen auf eine Unaufrichtigkeit derjenigen, die sie aussprechen. Die Unaufrichtigkeit nämlich, einerseits sehr wohl Israel in Frage zu stellen, diese Delegitimation aber gleichwohl selbst im Bereich der Uneindeutigkeit zu lassen, wohl aus der Ahnung, dass man sich doch mit der unverblümten Aufforderung, Israel von der Landkarte verschwinden zu lassen, allzu sehr eines ordinären Antisemitismus verdächtig machen würde.

Auch die Beteuerung, dass man doch wohl Israel selbstverständlich kritisieren dürfe, gehört in diesen Bereich. Denn ohne Zweifel ist es weder verboten, noch gibt es irgendetwas, das man ernsthaft als Tabu bezeichnen könnte, Israel zu kritisieren. Die Frage müsste, präzise gestellt, vielmehr lauten, ob man Israel auch wahrheitsfähig kritisieren kann – d.h. ob objektiv und im Angesicht der existentiellen Bedrohung Israels eine Kritik überhaupt möglich ist, die mehr und anderes ist als ein bloßes Geschmacksurteil, das von allen gesellschaftlichen, philosophischen und historischen Zusammenhängen abstrahiert. In Augsteins Text setzt sich diese Ungenauigkeit drastisch in der suggestiven Steigerung vom Gefängnis zum Lager fort, die, ohne es ausdrücklich gesagt haben zu wollen, doch das Assoziationsfeld eröffnet, dass die Israelis mit den Palästinensern auch nichts anderes machen als die Nazis mit den Juden. Eine Assoziation, die in dem von Augstein herausgegeben Freitag besonders beliebt ist. Als Stephan Kramer anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler dieser wegen ihrer Liebelei mit Hamas und Hisbollah „moralische Verderbtheit“ vorwarf, kommentierte der Freitag: „Moralische Verderbtheit! Dass muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sorry, klingt nicht wirklich nach 2012, eher nach 1933-45“.5 Der „geifernde Kramer“ (ebd.) als Wiedergänger von Joseph Goebbels, das zwingt freilich die Frage auf, ob sich der Zentralrat doch nur als „5. Kolonne von Netanjahu und Konsorten“ begreift. Als fünfte Kolonne, das verrät der entsprechende Wikipedia-Artikel, werden „heimliche, subversiv tätige oder der Subversion verdächtige Gruppierungen bezeichnet, deren Ziel der Umsturz einer bestehenden Ordnung im Interesse einer fremden aggressiven Macht ist“. Georg von Grote, der Verfasser des Freitagsartikels hat auch offenbar nähere Informationen über die Pläne der fremden, aggressiven Macht Israel: „Der Mossad wird kein Killerkommando auf sie ansetzen, dieses Risiko der Zirkumzision deutscher Souveränität werden weder Netanjahu noch sein ultra-rechter Innenminister wagen“ (ebd.). Mal davon abgesehen, dass es im deutschen Sprachgebrauch „ultra-rechte“ eigentlich immer nur in Israel gibt, ist es mit Sicherheit kein Zufall, dass dieser Text vom 28.08.2012, also eine Woche nach Beginn der Beschneidungsdebatte, ausgerechnet von der Zirkumzision deutscher Souveränität spricht. Kurz zuvor nämlich hatte sich der Zentralrat der Juden das Recht herausgenommen, ein deutsches Gericht für seine Verurteilung der Beschneidung zu kritisieren.

Mit diesem Beitrag begann die sogenannte Augstein-Debatte: Henryk M. Broder reagierte darauf auf seinem Blog „Achse des Guten“ mit dem Vorwurf, Augstein sei ein Salonantisemit.6 Einen Monat später, im September 2012, kommentierte Augstein die Krawalle anlässlich des Mohamed-Films in islamischen Ländern folgendermaßen:

Die zornigen jungen Männer, die amerikanische – und neuerdings auch deutsche – Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.7

Wegen der ohne Zweifel abstrusen Andeutung, die Krawalle wären auf die US-Republikaner und auf die israelische Regierung zurückzuführen, bezeichnete Broder Augstein als „lupenreinen Antisemiten“. Das Simon-Wiesenthal-Center wurde dadurch auf Augstein aufmerksam und setzte seinen Kommentar auf die Liste der Top Ten der antisemitischen Beleidigungen im Jahr 2012, woraufhin sich wiederum die gesamte deutsche Öffentlichkeit – mal mehr, mal weniger distanziert – zu Augsteins Äußerungen verhielt, aber einig darin war, dass Augstein gewiss kein Antisemit sei. Bemerkenswert war dabei, dass eigentlich kaum jemand auf die Zitate Augsteins eingehen wollte, auf die sich das Simon-Wiesenthal-Center berief und dass fast alle Kommentatoren sich als unfähig erwiesen, zu bemerken, dass es sich um eine Liste antisemitischer Kommentare bzw. Beleidigungen („slurs“) aus dem Jahr 2012 handelte und nicht, wie meist behauptet wurde, um die Liste der weltweit größten oder gefährlichsten Antisemiten. Verwundern kann sich darüber allerdings nur, wen es ebenfalls wundert, dass auch die Nahostberichterstattung es meistens weder mit der Empirie, noch mit der Logik so genau nimmt. Gleichwohl verdient die Augstein-Debatte in der jüngsten Entwicklung des bundesdeutschen Antisemitismus einige Aufmerksamkeit: Denn während bei vorangegangen vergleichbaren Diskussionen zumeist zwar stets von allen Beteiligten das unverbrüchliche Recht, doch gefälligst Israel kritisieren zu dürfen, betont wurde, drehten sich die Diskussionen dennoch stets um die Frage, wo vermeintlich     legitime Israelkritik aufhöre und wo Antisemitismus beginne. Wohlgemerkt ging es bei dieser Diskussion auch nicht, wie oft geschrieben wurde, um die Frage der Meinungsfreiheit, denn schließlich hat auch Broder nicht gefordert, Augstein seine antisemitischen Ausfälle zu verbieten. Indem bei der Augstein-Diskussion Augstein von allen Beteiligten gegen das Wiesenthal-Center und Broder verteidigt wurde und dies, von wenigen Ausnahmen abgesehen, meist ohne jede Rücksicht auf das, was Augstein nun eigentlich gesagt hatte, wurde de facto nicht nur für Jakob Augstein, sondern für die gesamte deutsche Israelkritik ein Freibrief ausgestellt. Dieses Absehen vom Inhalt deutet an, dass nicht nur der Jargon der Israelkritik selbst, sondern auch die Weise, wie über ihn geredet wird, in dem eingangs genannten Sinne formellen Charakters ist. Die Augstein-Debatte war insofern selbst schon Sprache im Jargon, als sie von ihrem Gegenstand von Anfang an eigentlich nichts wissen wollte. Damit ist ihre Wirkung zwar politisch nach wie vor katastrophal, hilfreich aber ist sie zugleich auch um aufzuklären, was man immer schon ahnen konnte und nun bestätig wurde: Dass all die Vorgängerdebatten um die Grenze zwischen vermeintlich legitimer und antisemitischer Israelkritik nur Scheindebatten waren, die dazu dienten, auszuloten, wie weit man in der deutschen Öffentlichkeit gegen Israel hetzen kann, ohne sich als Antisemit unmöglich zu machen. Seit der Augstein-Debatte weiß man: Viel wichtiger, als das, was man sagt, ist wohl wer es sagt. Gehört man nicht zur NPD oder den freien Kameradschaften ist eigentlich alles drin.

Dieser Befund über den Stand der deutschen Debatte um Israel erscheint als Widerspruch zu einer Entwicklung, die zumindest äußerlich stattgefunden zu haben schien. So finden sich seit einigen Jahren auch in den                               Mainstream-Medien einige der Argumente, die kurz zuvor noch nur in israelsolidarischen, meist antideutschen Kreisen zu vernehmen waren. Dass etwa die Hamas in ihrer Charta die vollständige Vernichtung Israels fordert, konnte man z.B. während der zweiten Intifada fast nur in den einschlägigen Publikationen lesen. Inzwischen erwähnt das sogar gelegentlich die Süddeutsche Zeitung. Dass alles dafür spricht, dass der Iran eine Atombombe baut, wurde noch in den sogenannten Nullerjahren von den meisten der großen Zeitungen als unbewiesene Spekulation abgetan, inzwischen ist es auch dort angekommen. Dass die Hamas ihre Abschussanlagen für Raketen usw. an öffentlichen Orten installiert, um Bilder von zivilen Opfern zu produzieren, ist längst kein „Insider-Wissen“ mehr.

Auffällig ist nun, dass eben dieses Wissen keineswegs dazu führt, dass sich die deutsche Öffentlichkeit eindeutig für Israel positionieren würde. Dabei ist es zumindest nach den Regeln der Logik nicht möglich, z.B. erstens die Sicherheit Israels für unverhandelbar zu erklären, zweitens die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Iran eine Atombombe baut und drittens von vorneherein auszuschließen, eine atomare Bewaffnung des Iran notfalls auch militärisch zu verhindern. Ebenso abstrus ist es, die Vernichtungserklärungen genauso wie deren praktische Umsetzung in Form von Raketenangriffen und Selbstmordanschlägen der Hamas zur Kenntnis zu nehmen und trotzdem von Israel zu verlangen, die Blockade des Gazastreifens zu beenden, wie es der deutsche Bundestag einstimmig in seiner Resolution zur Gaza-Flotille getan hat.

Man muss sich nicht auf die Ebene der Vernunftfähigkeit des Denkens begeben, sondern es genügt logischer und politischer Verstand, diese Widersprüchlichkeit selbst wahrzunehmen. Es handelt sich hierbei aber nicht um eine Widersprüchlichkeit im Gegenstand selbst oder um eine Widersprüchlichkeit, die auszuhalten der Verstand vom Gegenstand genötigt wird, sondern letztlich um eine subjektive Widersprüchlichkeit, die Resultat bloß willkürlicher Setzungen der Israelkritiker ist.

Sowohl für die Phraseologie als auch für den formellen Charakter des Jargons lässt sich feststellen, dass es sich wesentlich um eine Flucht aus der Bedeutung handelt. Mit Phraseologie war gemeint, dass bestimmte Wortphrasen – etwa die Rede von der Gewaltspirale – in der ganz alltäglichen Berichterstattung den Gegenstand verstellen, um den es eigentlich geht. Durch die Verwendung einer leeren und kontextlosen Worthülle umgeht der Berichterstatter es über den Gegenstand zu sprechen. Eine ähnliche Funktion erfüllt die in Debatten um Israel immer wieder auftretende Flucht in Allgemeinplätze und Bekenntnisse, wie die, dass man doch wohl Israel noch kritisieren dürfe, dass jede Einseitigkeit im sogenannten Nahost-Konflikt doch wohl schlecht sei, dass ohnehin Krieg doch keine Lösung sei, dass Gewalt wiederum nur Gegengewalt erzeuge, bzw. dass Gewalt kein adäquates Mittel gegen Angriffe auf Israel wäre.8 All diese Weisheiten sind formal, sofern der konkrete Gegenstand dabei so unbestimmt wie möglich gelassen wird. Es handelt sich also im Grunde um eine Vermeidungsstrategie, um gerade nicht über den konkreten Gegenstand reden zu müssen, um sich beim kollektiven Selbstgespräch nicht von der Realität stören zu lassen. Gleichwohl wird aber über kaum einen Gegenstand der sogenannten Weltpolitik so viel geredet wie über Israel und das Leid der Palästinenser. Jede Störung, jede Irritation des selbstbezogenen kollektiven Monologs evoziert äußerst emotionale Reaktionen.

Das offensichtliche Bedürfnis, immer wieder über Israel reden zu müssen und doch nichts über die konkreten Verhältnisse im Nahen Osten zu sagen, kann nur bedeuten, dass das Israel von dem die Israelkritiker reden, nicht einfach identisch mit jenem Israel ist, das im Nahen Osten liegt und sich dort als Staat der Shoa-Überlebenden gegen seine Feinde verteidigen muss. Vielmehr wird ein Israel imaginiert, dass Teil des Seelenlebens der Israelkritiker ist. Auf das real existierende Israel richtet sich der Blick der Israelkritiker nur, insofern es zur Bebilderung dieses innerpsychischen Israels dient. Die Vernichtungsdrohungen aus dem Iran, dessen Atomprogramm, die Raketenangriffe aus Gaza, all das betrifft das „äußere“ Israel und bleibt dem Israelkritiker daher äußerlich. Was bloß als Zynismus erscheint, nämlich einerseits nicht auszuschließen, dass der Iran eine Atombombe baut und damit die Möglichkeit hätte, Israel zu vernichten und andererseits Israel dafür anzuklagen, dass es so eine Situation mit einem Präventivschlag verhindern will, dürfte in Wahrheit auf eine an Schizophrenie grenzende Spaltung der Wahrnehmung Israels zurück zu führen sein. Während sich also der Israelkritiker für das „äußere“, reale Israel so wenig interessiert, wie für das reale Leiden der Palästinenser, gilt seine Passion jenem „inneren“ Israel, das seinerseits eine bestimmte Funktion innerhalb des Seelenlebens erfüllt. Dieses innere Israel verweist auf einen Gegenstand, der entgegen dem realen Israel, den Israelkritikern wirklich wichtig ist, was die hohe Emotionalität und das Bedürfnis über Israel zu reden erklärt. Dieser Gegenstand, der auf Israel verschoben wird, muss sich gleichwohl seinem Wesen nach in jenem Bild von Israel wiederfinden, das von den Israelkritikern entworfen wird. Bei dem gesuchten Gegenstand handelt es sich um das Wesen der Staatlichkeit selbst.9

Wird Israel beispielsweise dafür kritisiert, dass es auf permanenten Raketenbeschuss so reagiert, wie jeder Staat darauf reagieren würde und muss, nämlich mit Gegengewalt, der abstrahiert im Grunde genommen von der generellen Gewaltförmigkeit des Staates, um sie an Israel zur Darstellung zu bringen. Die Rede vom Existenzrecht Israels verdeckt in der Verschiebung auf Israel zugleich etwas, das grundsätzlich für jede Staatlichkeit gilt: Dass Staaten erstens ihr „Existenzrecht“ nicht durch eine äußere Instanz verliehen bekommen, sondern durch Gewalt nach Innen und Außen sich selbst verleihen10 und zweitens, dass alle Staaten ihrerseits, das Ergebnis historischer Kontingenzen sind. Die Existenz eines Staates beruht also gleichermaßen auf Gewalt wie daraus notwendig folgender Künstlichkeit, die das Bedürfnis nach kollektiver Identität so inhaltsleer macht.

Von den Israelkritikern werden aber beide Bestimmungen des Staates nicht als allgemeine Bestimmungen von Staatlichkeit gedacht, sondern ausschließlich auf Israel projiziert. Die Rede vom „künstlichen Gebilde“ Israel – die ja nur bedeuten kann, dass alle anderen Staaten naturwüchsige Dinge wären – spricht diese Projektionsleistung offen aus.

Antisemitisch ist diese Projektionsleistung erstens, weil sie wesentlich am jüdischen Staat die Gewalttätigkeit von Staatlichkeit zur Darstellung bringt. Zweitens in jenem spezifischen Sinne, dass sie die weltpolitische und geschichtliche Rolle des Antisemitismus verdrängt: Während in der Tat jeder Staat der Welt künstlich ist, und von daher keinen höheren Grund angeben kann, warum es ausgerechnet ihn geben sollte, ist Israel, als bewaffneter Versuch der Juden, sich gegen den Antisemitismus zur Wehr zu setzen, weltweit der einzige Staat, der tatsächlich einen mit den Mitteln der Vernunft nicht bestreitbaren Zweck hat. Weil der Antisemitismus jedoch nicht irgendeine Ideologie oder Abart von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ ist, sondern die Ideologie der Fortsetzung der Herrschaft in der Krise ihrer Vermittlungsformen – welches selbst in das Wesen der falschen Gesellschaft mit der Wannseekonferenz eingegangen ist – muss die herrschende Ideologie die fundamentale Rolle, die der Antisemitismus in der Weltgeschichte eingenommen hat, verleugnen und damit auch den spezifischen Charakter israelischer Staatlichkeit. Und drittens ist die Israelkritik ihrer immanenten Logik nach antisemitisch, insofern der Antisemitismus eine Form der pathisch-projektive Erklärung von Gesellschaft überhaupt ist, nachdem die liberale Ideologie der Gesellschaft sich endgültig blamierte. Indem die kapitalistische Totalität zerspalten wird, in raffendes und schaffendes Kapital – also ökonomisch in die Bankster und Manager auf der einen – und die produktive Sphäre der guten und ehrlichen Arbeit auf der anderen Seite (als wären z.B. Hedge-Fonds nicht besonders produktiv); in den gewalttätigen, künstlichen und historisch zufälligen Staat Israel einerseits und den naturgewachsenen deutschen Staat des ganzen Volkes; indem also die Bestimmungen der gesellschaftlichen Totalität selbst, anstatt sie aufeinander zu beziehen, auseinandergerissen werden, ermöglicht es diese Logik des Antisemitismus, der bestehenden Gesellschaft die Treue zu halten, obwohl insgeheim doch jeder weiß, dass Hunger kein Grund zur Produktion ist und damit mehr als genug Gründe vorliegen, die bestehende Gesellschaft abzuschaffen.

 

Anmerkungen:

  1. Bekannt ist, dass sich zahlreiche dieser Bilder im Nachhinein als Fälschungen erwiesen haben: Im Internet lassen sich heute noch leicht die gesammelten Werke des unter dem Stichwort „Green Helmet“ während des Libanonkriegs 2006 bekannt gewordenen libanesischen Propagandaschauspielers Salam Daher recherchieren.

  2. In den Google-News sind sämtliche deutschsprachigen überregionale, sowie zahlreiche regionale Zeitungen gelistet, d.h., es ließ sich keine einzige Zeitung oder Presseagentur finden, die die durchaus symbolträchtigen Angriffe auf Israel am Holocaust-Gedenktag mit der sonst so beliebten Phrase von der Gewaltspirale illustrierte.

  3. Würde sich ein deutscher Minister zum Existenzrecht Frankreichs bekennen, würde dies doch offensichtlich einen Skandal auslösen, weil es sich dabei um eine äußere Einmischung in die staatliche Souveränität und Autonomie Frankreichs handelte. Im Falle Israels jedoch, erwartet man von den Israelis sogar, dass man dort für Bekenntnisse zum Existenzrecht dankbar ist.

  4. Was z.B. der letzte Libanonkrieg und der letzte Gazakrieg durchaus widerlegen. Aller Formalität dieser Phrase zum Trotz läuft sie logisch freilich auf die Kapitulation Israels vor seinen Feinden hinaus.

  5. Diese ist in der Tat nur scheinbar abstrakt: Dass sie das Opfer des eigenen Lebens verlangen kann, weiß jeder und bekam, sofern männlichen Geschlechts, noch bis vor kurzem einen Vorgeschmack davon, wenn er bei der Musterung vermessen und ihm ans Geschlecht gegriffen wurde. Abstrakt ist dagegen vielmehr, was äußerste Konkretion zu sein wünscht, nämlich das unausrottbare Bedürfnis Deutscher zu sein, das von der Staatlichkeit wiederum nicht zu trennen ist.

  6. Was nicht ausschließt, dass dem jeweiligen Souverän zur Durchsetzung dieser Gewalt, sei es aus geostrategischen Gründen, sei es zur Integration in den Weltmarkt, von anderen Staaten erst verholfen wird. Auch die Anerkennung durch andere Staaten ist innerhalb des Verhältnisses zwischen Staaten sowohl politisch wie ökonomisch essentiell. So wenig der jeweilige Souverän als Robinson außerhalb der konkreten Verhältnisse zwischen den Staaten steht, so wenig darf davon abstrahiert werden, dass die Gewalt auch die Bedingung der diplomatischen Beziehungen ist.

http://www.prodomo-online.org/ausgabe-18/archiv/artikel/n/jargon-der-israelkritik.html

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  18.05.2015   Achgut.com

Antisemitismus ist schlimm. Manchmal.

In diesen Tagen feiern Deutschland und Israel das 50-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen. Dazu gehört neben diversen offiziellen Veranstaltungen auch das Bekenntnis, Antisemitismus nicht zu dulden und überall zu bekämpfen. Deswegen träumt die Bundesregierung ja auch immer noch davon, die NPD zu verbieten. Als ob das Verschwinden dieser kümmerlichen Nazipartei auch das Verschwinden des Judenhasses zur Folge hätte. (In Wahrheit hat die NPD den nützlichen Effekt, dass an ihrer Nichtexistenz in Landtagen der fehlende Rückhalt ihrer Ideologie im Land ablesbar ist.)

Warum aber lässt es die deutsche Politik nicht ruhen, dass es die NPD noch offiziell gibt? Es reicht doch, dass sie keinen Einfluss hat und Udo Voigt in etwa das Charisma eines gescheiterten Blitzkrieges besitzt. Eigentlich gibt es genügend Gründe, sich mit anderen Protagonisten auf der globalen Antisemitismusbühne zu beschäftigen. Dort spielt Voigt ohnehin nur eine Nebenrolle ohne Sprechpart. Auf dieser Bühne ganz vorne mit dabei ist Recep Erdogan, ein Mann, der seine demokratische Phase zunehmend hinter sich hat und zu einem autoritären Führer mutiert.

Er hetzt in Richtung Israel: „Jene, die Hitler Tag und Nacht verurteilen, haben Hitler in Sachen Barbarei übertroffen.“ Außerdem teilt er seinen Landsleuten mit: „Die Israelis töten die Frauen im Gazastreifen, so dass sie keine palästinensischen Babys mehr zur Welt bringen können.“ Er bezeichnet den Zionismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ oder lässt über seinen Stellvertreter verbreiten, dass die „jüdische Diaspora“ hinter den Protesten in der Türkei steckt.

Natürlich kann man behaupten, dass er dabei doch nur „Israelkritik“ übte, aber so eine Sicht ist im besten Fall naiv, im schlimmsten Fall eine schäbige Form der Unterstützung dieser antisemitischen Hetze. Denn natürlich weiß Erdogan genau, wie seine Worte beim (Wahl-)Volk ankommen. So wie auch Jürgen Möllemann einst auf das antisemitische Potenzial der deutschen Wähler hoffte, als er sich „sorgen“ darüber machte, dass Michel Friedmann und Ariel Scharon den Antisemitismus anheizen. Damals kam zu Recht niemand auf die Idee, Möllemann diese Sorge abzunehmen.

Im Fall von Erdogan hingegen, dessen Propaganda weit über die Türkei hinaus in die arabische und muslimische Welt hineinstrahlt, bleibt die deutsche Politik erstaunlich gleichgültig. Was doppelt erstaunlich ist, schließlich handelt es sich bei der Türkei um ein NATO-Mitglied und einen EU-Beitrittskandidaten.

Wenn aber unsere Politik sich nicht an Erdogans fataler Roller als Einpeitscher der Massen gegen den Zionismus und Israel (und die Unterscheidung zwischen Judentum und Israel wird in dieser Weltregion gerne noch weniger gezogen, als in Deutschland) stört, sollte man den rhetorischen Totalausfall Udo Voigt schlicht ignorieren.

Insgesamt ist die Gleichgültigkeit gegenüber Antisemitismus, der nicht der arisch-blonden-Klischeeschablone entspricht, erschreckend. Aus diesem Grund fällt es schwer, die pathetischen Worte gegen Judenhass ernst zu nehmen, die auf solchen Festakten gesprochen werden. Wer den Antisemitismus nur dort bekämpft, wo er einem in den ideologischen Kram passt, anstatt ihn dort zu bekämpfen, wo er sich zeigt, der kann es gleich sein lassen. Oder in den Worten von Erdogan: „Israel verfolgt dasselbe Ziel wie Hitler.“

Gideon Böss ist Schriftsteller. Sein aktueller Roman heißt Die Nachhaltigen

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/antisemitismus_ist_schlimm._manchmal

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  • Die Regierungen der EU sprechen von „Friedensgesprächen“ und einer „Zwei-Staaten-Lösung“ – die Hamas nicht. Die Hamas weist beides offen zurück. Vergleicht man die Sprache jener Regierungen mit der Sprache der Hamas-Führer, hat es den Anschein, dass sie in verschiedenen Galaxien leben. Für die Hamas, und offensichtlich auch für viele Länder Europas, hat Israel kein Recht, sich zu verteidigen, und kein Recht zu existieren. Dafür aber ist Europa bereit, rassistischen und antihumanitären Organisationen wie der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas seine bedingungslose Unterstützung zukommen zu lassen. Ist dies wirklich der Geist des Pluralismus, des Humanismus und der Toleranz, den diese „guten“, „moralischen“ europäischen Regierungen und der Vatikan hochhalten?“Wir unterscheiden nicht zwischen Gebieten, die in den 1940er Jahren und solchen, die in den 1960er Jahren besetzt wurden. … Wir werden weitermachen, bis der letzte Eindringling von unserem Land vertrieben wurde“, sagte Scheich Nizar Rayan, ein Führer der Hamas in Gaza, im Jahr 2005.Als jemand, der als Muslim im Nahen Osten geboren und aufgewachsen ist und immer noch dort lebt, kann ich den europäischen Entscheidungsträgern versichern: Sollten diese glauben, dass die Anerkennung der Hamas und die Gründung eines palästinensischen Staates die Hamas dazu bewegen werden, ihre Charta zu ändern und ihre Terrorangriffe einzustellen, dann können sie nicht weiter weg von der Wahrheit sein. Warum sollte die Hamas ihre Charta oder ihre Taktik ändern, oder sich einer friedlichen Lösung verpflichten, wenn ihre derzeitige Taktik des Terrors so großartig zu funktionieren scheint?

Diesen Monat unterzeichnete der Vatikan das erste Abkommen mit dem „Staat Palästina“; diesen hatte er bereits 2012 anerkannt.

Der Vatikan ist nicht der einzige europäische Staat, der die Hamas und die Abbas-Regierung als unabhängigen Staat anerkannt hat. Er ist lediglich der neueste Teilnehmer einer Bewegung, die Bände darüber spricht, wie alarmierend ahnungslos die europäischen Staaten sind, was den Konflikt in der Region betrifft, und wie verblendet sie sind, dass sie nicht sehen können, wer den dortigen Terrorismus und die Morde verursacht.

Papst Franziskus begrüßt den palästinensischen Führer Mahmoud Abbas im Vatikan, 16. Mai 2015. (Foto: Screenshot des Fernsehsenders RT)

Traurigerweise stellte Europa im letzten Jahr unter Beweis, dass Terrorismus und die Androhung eines Genozids der beste Weg sein können, nationale Unabhängigkeit zu erreichen.

Im Oktober 2014 stimmte das britische Unterhaus für eine symbolische Resolution als erstem Schritt zur britischen Anerkennung eines „palästinensischen Staates“.

Schweden wurde kurz darauf das erste große europäische Land, das den Staat „Palästina“ offiziell anerkannte, das portugiesische Parlament folgte.

Als Dreingabe zu diesem Schnäppchen warnten Finnland und Dänemark Israel vor EU-Sanktionen. Diese könnten gegen Israel wegen dessen Handlungen in den palästinensischen Gebieten verhängt werden, sagte der finnische Außenminister Erkki Tuomioja.

Wenn Israel sich nicht zur Aufhebung seiner „Blockade“ des Gazastreifens und einem Ende der „illegalen Siedlungen“ verpflichte, sollten härtere Maßnahmen eingeleitet werden, sagte der dänische Außenminister Martin Lidegaard im September (in Kopenhagen – kurz bevor dort einer jener Terroranschläge verübt wurde, die Israel seit Jahrzehnten zu ertragen hat), „und wenn wir kein neues Muster in den israelischen Reaktionen sehen, werden wir die Möglichkeit weiterer Schritte erörtern müssen, darunter Änderungen in unseren Handelsbeziehungen mit Israel“. Er ging natürlich nicht auf die Frage ein: Was sollst du tun, wenn dein Nachbar versucht, Waffen zu importieren, während er gleichzeitig droht, dich zu töten? Er ging auch nicht auf die gleichartige Blockade des Gazastreifens durch Ägypten ein, das mit demselben Problem kämpft.

Schließlich kam dann der große Preis am 17. Dezember 2014: Der Europäische Gerichtshof, das zweithöchste Gericht der EU, ordnete an, die Hamas von der Liste der Terrororganisationen zu entfernen.

Haben diese Parlamente und Gerichte nicht die Hamas-Charta gelesen, insbesondere Artikel 7, der offen zum Genozid an den Juden – nicht nur den israelischen, sondern denen in aller Welt – aufruft? Haben sie noch nie die in großen Teilen der arabischen Welt verbreitete Redensart gehört, die sagt: „Erst das Samstagsvolk, dann das Sonntagsvolk“ – nämlich Europas Christen?[1] Ist ihnen entgangen, dass islamische Extremisten Christen und andere ins Visier genommen haben, nicht nur im Nahen Osten, sondern mitten unter ihnen im Westen?

Ist dies wirklich der Geist des Pluralismus, des Humanismus und der Toleranz, den diese „guten“, „moralischen“ europäischen Regierungen und der Vatikan hochhalten?

Die Regierungen der EU sprechen von „Friedensgesprächen“ und einer „Zwei-Staaten-Lösung“ – die Hamas nicht. Die Hamas weist beides offen zurück. Je mehr die Hamas zur Zerstörung Israels und der Ermordung aller Juden aufruft, desto mehr scheinen westliche Regierungen dies – unverständlicherweise – als einen Ruf nach Frieden zu interpretieren. Vergleicht man die Sprache jener Regierungen mit der Sprache der Hamas-Führer, hat es den Anschein, dass beide in verschiedenen Galaxien leben.

Im Juli 2014 machte die Hamas einmal mehr klar, dass „Frieden“ nicht ihr Ziel ist. Als der Moderator eines arabischsprachigen Fernsehsenders den Parlamentsabgeordneten der Hamas und Pressesprecher, Mushir al-Masri, fragte: „Gibt es eine [Friedens-] Offerte der Hamas?“, antwortete dieser:

„Das ist bloß Unsinn der Zionisten, die davon träumen, für zehn Jahre in Frieden und Ruhe leben zu können. Wir werden die Zionisten erschüttern, bis der letzte von ihnen unser palästinensisches Land verlassen hat. Jede Waffenruhe ist nur für eine bestimmte Zeit. Wir reden nicht über einen langfristigen Waffenstillstand. Wir reden nicht über einen Friedensvertrag.“

„Waffenruhe heißt für den Widerstand, sich auf die nächste Schlacht vorzubereiten“, sagte er. „Unser Widerstand wird weiterhin seine Arsenale füllen und Überraschungselemente für die nächsten Schlachten vorbereiten, bis der zionistische Feind unser Land verlässt, mit der Hilfe Allahs.“

„Im Islam hat Frieden eine andere Bedeutung“, scheibt die Wissenschaftlerin Diane Weber Bederman, „und es ist wichtig, dass wir diese Bedeutung verstehen, wenn wir mit muslimischen Führern – insbesondere mit Vertretern von der Hamas, der Hisbollah, ISIS oder Al-Qaeda – über Frieden reden. Der vollendete islamische Frieden ist, wenn wir alle im Dar-al-Islam leben, dem Haus der Unterwerfung.“

Während des Krieges im letzten Sommer, den die Hamas mit dem Feuern von Raketen auf Israel begonnen hatte, schrieb der Journalist Arsen Ostrovsky: „Allein in den letzten 24 Stunden wurden über 120 Raketen auf den Süden Israels abgefeuert. Das sind etwa fünf Raketen pro Stunde“ – auf ein Land von der Größe Vancouver Islands.

Am Ende dieser Operation zeigte die Hamas einmal mehr, dass ihr Kampf nur auf Zerstörung ausgerichtet ist: Hunderte von Toten und Verwundeten – institutionalisierte Menschenopfer – dienten vor den Fernsehkameras der Propaganda.

Für die Hamas, und offensichtlich auch für viele Länder Europas, hat Israel kein Recht, sich zu verteidigen, und kein Recht zu existieren. Aber ist Europa bereit, rassistischen und antihumanitären Organisationen wie der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas seine bedingungslose Unterstützung zukommen zu lassen?

Als jemand, der als Muslim im Nahen Osten geboren und aufgewachsen ist und immer noch dort lebt, kann ich den europäischen Entscheidungsträgern versichern: Sollten diese glauben, dass die Anerkennung der Hamas und die Gründung eines palästinensischen Staates die Hamas dazu bewegen werden, ihre Charta zu ändern und ihre Terrorangriffe einzustellen, dann können sie nicht weiter weg von der Wirklichkeit sein. Vielleicht hoffen die Europäer bloß, dass, wenn sie weiterhin diplomatisches „Schutzgeld“ zahlen und den Terroristen weiterhin alles geben, was sie verlangen, diese dafür sorgen werden, dass in Europas Städten nichts (bzw. nicht noch mehr) in die Luft fliegt. Vielleicht wollen sie sich auch nur einschmeicheln, der Handelsverträge oder muslimischer Stimmen wegen.

2010 sagte der Hamasführer Mahmoud Al-Zahhar: „Haben wir unser Land aufgegeben, das 1948 besetzt wurde? Wir verlangen die Befreiung des Westjordanlandes und die Gründung eines Staates im Westjordanland und Gaza, mit Jerusalem als dessen Hauptstadt – aber ohne Anerkennung [Israels]. Das ist der Schlüssel – ohne Anerkennung des israelischen Feindes auf auch nur einem einzigen Quadratzentimeter Land. … Dies ist unser Plan für diese Phase – das Westjordanland und Gaza zu befreien, ohne Israels Recht auf einen einzigen Quadratzentimeter Land anzuerkennen und ohne das Recht auf Rückkehr für einen einzigen palästinensischen Flüchtling aufzugeben.“

Scheich Nizar Rayan, ein „politischer“ Führer der Hamas, sagte bei einer Demonstration in Gaza, im Jahr 2005:
„Wir werden nicht ruhen, ehe wir all unser Land, all unser Palästina befreit haben. Wir unterscheiden nicht zwischen Gebieten, die in den 1940er Jahren und solchen, die in den 1960er Jahren besetzt wurden. Unser Dschihad geht weiter, und wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wir werden weitermachen, bis der letzte Eindringling von unserem Land vertrieben wurde.“

Die Hamas schadet nicht nur Israel, sondern auch Gazas Bevölkerung. Erschießungskommandos führen – nach allerhöchstens flüchtigen Gerichtsverfahren – öffentliche Hinrichtungen von angeblichen „Kollaborateuren“ durch, von ihren eigenen Bürgern, die sich dem Hamas-Terrorismus widersetzen, wohl als „Exempel“ für andere im Gazastreifen.

Auch dass die Hamas an Kriegsgewinnlertum und Korruption beteiligt ist, ist kein Geheimnis. „Gazas Herrscher haben mit Millionen-Dollar-Grundstücksgeschäften, Luxusvillen und Schwarzmarktbenzin aus Ägypten Milliarden verdient, während der Rest der Bevölkerung unter der 38-Prozent-Armut und der 40-Prozent-Arbeitslosigkeit leidet“, schreibt Doron Peskin, ein Experte für die Wirtschaft des Nahen Ostens.

Das Institute for Palestine Studies veröffentlichte im Sommer 2012 einen ausführlichen Bericht über Gazas Terrortunnel. Die Hamas beutete Kinderarbeit aus, um ihr Untergrundnetzwerk in Gaza zu errichten – viele der Kinder starben dabei: „Mindestens 160 Kinder wurden in den Tunneln laut Hamasfunktionären getötet“, heißt es in dem Bericht.

Die Hamas verkündet öffentlich, dass sie einen Dschihad gegen die Juden führt, in Israel und auf der ganzen Welt. Rufen die europäischen Regierungen nach einer Demilitarisierung des Gazastreifens (bzw. setzen diese durch), bis die Hamas ihre Charta ändert und die Terrorangriffe beendet? Nein, sie erklären die Anerkennung der Hamas und eines „palästinensischen Staates“.

Je mehr Terrortunnel die Mitglieder der Hamas bauen und je mehr Terroranschläge sie verüben, desto mehr Unterstützung erhalten sie aus dem Westen. Je mehr Juden sie töten, desto mehr werden sie respektiert.

Je mehr sie ihre eigenen Kinder ausbeuten und sie als menschliche Schutzschilde einsetzen, desto „heroischer“ werden sie in den Augen des Westens.

Je mehr Zeichentrickfilme sie auf ihren Kinderkanälen senden, um die palästinensischen Kinder zu indoktrinieren, sie zu lehren, „alle Juden zu erschießen“ und „alle Christen und Juden zu töten – bis zum letzten„, desto mehr Anerkennung und „Hilfsgelder“ erhalten sie.

Warum sollte die Hamas dann eigentlich ihre Charta oder ihre Taktik ändern, oder sich zu einer friedlichen Lösung verpflichten, wenn ihre Taktik des Terrors so großartig zu funktionieren scheint?

Die westlichen Regierungen müssen aufhören, ihre Wünsche auf die Hamas zu projizieren und sie stattdessen als das sehen, was sie ist: eine terroristische Gruppe mit einer Agenda des Genozids, die entwaffnet werden muss, um unserer aller Zukunft willen.

Die Hamas oder einen palästinensischen Staat anzuerkennen, trägt nicht zum Schutz der Palästinenser bei. Die Palästinenser können nur dadurch geschützt werden, dass ihre Aufwiegelung gestoppt wird. Das kann von einer Minute auf die andere geschehen und kostet noch nicht einmal Geld. Europa und der Westen können zudem darauf bestehen, dass jegliche zukünftige Geldzuwendung an die Bedingung geknüpft wird, dass die Palästinenser ihre Kinder zum Frieden erziehen, statt zum Krieg. Hilfe muss mit Veränderung verbunden sein, das hat im Falle Russlands mit dem Jackson-Vannick Amendment ausgezeichnet funktioniert: Dieses knüpfte alle Getreidelieferungen an die Sowjetunion an die Voraussetzung, dass deren Bürgern erlaubt wird, das Land zu verlassen. Die Gelder müssen dann in Raten gezahlt werden – nachdem Änderungen durchgeführt und beibehalten wurden. Keine Erziehung zum Frieden, kein Geld. Nur dann, wenn die unter den Palästinensern herrschende Ansicht darüber, welche Einstellung akzeptabel ist, geändert wird (und diese Änderung beibehalten wird) und außerdem direkte Friedensverhandlungen mit Israel geführt werden, zu denen sich die Palästinenser völkerrechtlich verpflichtet haben, kann ein Palästina entstehen, das reif genug ist, um einen eigenen Staat zu haben.

Der Papst war weise genug zu sehen, dass der palästinensische Führer Mahmoud Abbas „ein Engel des Friedens“ sein könnte – es aber noch nicht ist. Ägypten und Jordanien leben Seite an Seite in Frieden mit Israel. Die Palästinenser könnten dies ebenfalls. Nur derzeit nicht.


[1] Über das „Samstagsvolk“ sagte der frühere Kulturminister der Hamas, Atallah Abu Al-Subh, einmal: „Die Juden sind das abscheulichste und verächtlichste Volk, das auf dem Angesicht der Erde kriecht, denn sie haben Feindschaft gegenüber Allah an den Tag gelegt.“

http://de.gatestoneinstitute.org/5831/europa-hamas-staat

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  30.05.2015   16:29   Leserkommentare (4)*

Mit der GEW den Hass auf Israel lernen

Von Ulrich W. Sahm 30.05.15 Achgut.com

Die hessische Abteilung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bietet für ihre Pädagogen eine Studienreise nach „Palästina/Israel“ an. Nach einer Anreise über Kiew stehen auf dem Programm Gespräche und Treffen mit palästinensischen Organisationen wie “Al-Haq”, das Bethlehemer Forschungszentrum Research – Center Arij von Raed E Abed Rabbo und ein Gespräch mit Ali Jiddah vom „Alternativen Informationszentrum“ in Jerusalem. In Nablus sind Gespräche Aktivisten geplant. Der Hydrologe Clemens Messerschmidt wird die Gruppe zu einem „Wassertag“ durch das Jordantal führen. Messerschmidt bezichtigt Israel, den Palästinensern Wasser zu stehlen und behauptete, dass Israel (nicht existierende) Staudämme gebaut habe, um den Gazastreifen zu überschwemmen. Mit Mazin Qumsiyeh der Uni Betlehem wird einer der führenden Aktivisten des „gewaltlosen Widerstands“ in Palästina vorgestellt, dessen Aktionen zu gewalttätigen Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften führen.

Obgleich die Studienreise laut Ankündigung auch nach Israel führt, stehen nur eine Busfahrt durch „die jüdische Siedlung“ Ma’ale Adumim“ und ein Besuch im palästinensisch-israelischen Dorf Neve Shalom / Wahat al-Salam im Programm. Danach geht es zu den Ruinen des „ehemaligen palästinensischen“ Dorfes Sar´a. Das biblische Dorf geriet 1948 zwischen die Fronten. Seine Bewohner flohen nach Kalandia, einem Flüchtlingslager in Jerusalem, aus dem auch der Reiseleiter Fuad Hamdan stammt. Seit 1993 ist er Geschäftsführer des „Eine-Welt-Haus“ in München.

Hamdan vertritt die „Einstaatenlösung“ und die „Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge“. Dieser Revisionismus stößt auf keine Kritik. Vertreter der Sudetendeutschen, Ostpreußen oder Schlesier werden selten von deutschen Gewerkschaften eingeladen. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Hamdan, Israel sei „mit Abstand die stärkste und zugleich aggressivste Militärmacht in der Region. Der kleine David hat sich längst zu einem atomaren Monster entwickelt.“ Es fragt sich, was die Gewerkschaft deutscher Erzieher und Lehrer mit dieser Propagandafahrt für seine Mitglieder bezweckt. Kein Wunder, wenn derart indoktrinierte Lehrer daheim dem Hass auf Juden wenig entgegensetzen.

Die GEW schreibt: „Es ist eine besondere Verpflichtung der Pädagogen und Wissenschaftler in Deutschland ein Klima der Toleranz gegenüber Minderheiten zu schaffen. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Kulturen zu ermöglichen, ist in unserer Zeit eine Hauptaufgabe aller gesellschaftlichen Einrichtungen und Gruppen.“ Für Juden oder Israelis scheint das bei den hessischen Vertretern der GEW nicht zu gelten.

Links zum Thema:

http://lea-bildung.de/abrufangebote.html
http://lea-bildung.de/seminar/angebot/w8413
http://en.wikipedia.org/wiki/Sar%27a
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article141096815/Der-geistige-Schwelbrand-beginnt-an-unseren-Schulen.html
http://schlamassel.blogsport.de/2014/07/07/einewelthaus-csu-stellt-antrag-gegen-antisemitismus-2/

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/mit_der_gew_den_hass_auf_israel_lernen

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Antisemitismus in der RAF

Radikal antijüdisch

Dreißig Jahre Deutscher Herbst und die RAF: Diese Terroristen fühlten sich auch als Opfer – des deutschen „Judenknax“. Viele Linke haben sich diesen Blick zu eigen gemacht.

Überlebende der Entführung einer El-Al-Maschine 1976, Entebbe, Uganda, befreit durch die israelische Armee.  Bild: ap

Bei aller Kritik habe doch die RAF Ziele verfolgt, die über jeden – linken – Zweifel erhaben seien. In diesen Tagen ist dies auch in dem Buch „Das Projekt sind wir“ von Karl-Heinz Dellwo nachzulesen. Dessen Sound mag für die heimliche oder unverhohlene Liebe von Hunderttausenden von Sympathisanten in jenen Jahren genommen werden: Die RAF sei doch ein Teil des antifaschistischen Kampfes gegen das sogenannte Schweigen der Vätergeneration über ihre Verstrickungen während des Nationalsozialismus gewesen, eine nötige Rebellion, bei der, nun ja, einige Menschen über die Klinge gesprungen seien.

Ebendiese Rede von den eigentlich guten Zwecken des linken Terrorismus ist ein Missverständnis. Umgekehrt kommt man der Wahrheit näher, gerade mit Blick auf das Verhältnis der RAF und ihrer KaderInnen zu Israel und zum Mord an den europäischen Juden: In seinem Antizionismus verwischte der Linksterrorismus der Siebziger- und Achtzigerjahre die Grenzen zur Leitideologie der Vätergeneration – dem Antisemitismus.

 

Um zu begreifen, wie es etwa dazu kam, dass 1976 ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando im ugandischen Entebbe die Insassen eines gekidnappten Flugzeugs in Juden und Nichtjuden selektierte, muss man rund zwölf Jahre eher in die Geschichte einsteigen. Ausgerechnet das spätere moralische Gewissen der RAF, Ulrike Meinhof, umriss 1965 in der Zeitschrift Konkret ihre Gedanken über das Ende des Zweiten Weltkriegs, wie man sie heutzutage eher der Neuen Rechten zuordnen würde. Aufbauend auf ein Zitat des inzwischen verurteilten Holocaustleugners David Irving schrieb sie: „In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt.“ Wie kann dieser Satz anders denn als Versuch gelesen werden, den Deutschen (während des und nach dem Nationalsozialismus) mildernde Umstände zuzusprechen?

Dass diese Äußerung kein Ausrutscher war, zeigte Meinhof im Jahre 1972, als sie ähnlich argumentierte: „Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging -, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.“

Unbewiesen ist, ob viele ihrer GenossInnen diese Sichtweise teilten – Dementis aber gab es keine. Unumstritten ist aber, dass Israels Verteidigungsminister Mosche Dajan zum Wiedergänger Heinrich Himmlers erklärt wurde und dass die Palästinenser als die Juden des Nahen Ostens zu nobilitieren seien. Die RAF bildete, auch dies eine Tatsache, eine strategische Front mit der palästinensischen Guerilla gegen die Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik in Israel.

Meinhof, Ensslin, Baader und all die anderen: Man sah sich als Täter wie Opfer zugleich. Täter im Sinne des Kampfes gegen Imperialismus, Amerika und Zionismus – und Opfer, denn man solidarisierte sich mit Guerillagruppen in Südamerika, mit dem vietnamesischen Vietcong und antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika wie Südostasien. Ein simpler Dualismus charakterisierte die Weltsicht des neuen Antiimperialismus, dem sich auch die RAF angehörig fühlte: Hier die aufständischen Kontinente Afrika, Asien und Lateinamerika, dort die amerikanischen Aggressoren.

Mit dem Sechstagekrieg 1967 wurde Israel in dieses Raster integriert. Der Zufluchtsort der Holocaustüberlebenden hatte sich gegen erneute Vernichtungsvisionen – diesmal arabischer Spielart – triumphal zur Wehr gesetzt. Der sich radikalisierenden Linken in Deutschland ging das eindeutig zu weit. In den Jahren zuvor, als der jüdische Staat aufgrund seines zarten Alters noch etwas wackelig auf den Beinen war, etablierte sich zwar das Gefühl moralischer Verantwortung Israel gegenüber. Ein Konsens, der so stabil nicht gewesen sein konnte. Denn in der Sekunde, als Israel seine Muskeln ausgepackt hatte, ohne die Welt um Erlaubnis zu fragen, meinten plötzlich viele Linke, in diesem Land einen Hort imperialistischer Sklavenhalterei erkennen zu können.

Für den einflussreichen Sozialistischen Deutschen Studentenbund jedenfalls war Israel („Brückenkopf des westlichen Imperialismus in Arabien“) nach Ende des Sechstagekriegs nichts als ein Alliierter der verhassten USA. Stattdessen wurde die palästinensische Fatah zum Hoffnungsträger für sozialrevolutionäre Sehnsüchte und damit der Nahe Osten zur Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte.

Dass es sich bei der Israelkritik nicht um bloße Empörungsrhetorik handelte, sondern jüdische Einrichtungen von Teilen des linksterroristischen Spektrums fortan zu erklärten Zielscheiben wurden, demonstrierten die Tupamaros Westberlin (TW). Am 9. November 1969 deponierten Mitglieder dieser TW eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, die während einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht 1938 explodieren sollte. Der Sprengsatz schadete niemandem, sein Zünder war nicht intakt.

In einem Bekennerschreiben heißt es unter dem Titel „Schalom + Napalm“: „Jede Feierstunde in Westberlin und in der BRD unterschlägt, dass die Kristallnacht von 1938 heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird. Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.“

Um einer moralischen Zwickmühle zu entgehen – denn sterben sollten ja jene, auf die es auch Hitler und seine Gefolgschaft abgesehen hatten -, wurde Israel kurzerhand bezichtigt, sich nationalsozialistischer Methoden im Kampf um Selbstbehauptung zu bedienen. Die Entlastungslogik wirkte einfach: Wenn die Opfer Schuld auf sich laden, sind wir von unserer historischen Sünde befreit und zum erneuten Kampf befugt.

Innerhalb der linken Szene fand die Aktion mit der Bombe geringen Anklang. Dieter Kunzelmann, Leitfigur dieser Truppe von Tupamaros, warf daraufhin seinen Genossen vor, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben. In einem mutmaßlich in Westberlin verfassten „Brief aus Amman“ schrieb er seinen Freunden: „Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax.“

Die ideologische Neusortierung von Opfern und Tätern, die Diffamierung des deutschen Schuldbewusstseins und die Vorurteilsperspektive Israel und seiner Bevölkerung gegenüber waren allerdings keineswegs alleinige Produkte verschrobener Stadtguerillas. Offensichtlich kamen Israels Kriege auch für RAF und Revolutionäre Zellen einer historischen Entlastung gleich. Im antiimperialistischen Korsett tilgten auch sie Schuldgefühle, indem die Opfer von damals erneut bekämpft wurden.

In finanzieller und militärischer Hinsicht geradezu überlebenswichtig, so zumindest umschrieb es einmal Peter-Jürgen Boock, waren für deutsche Linksterroristen ortskundige Partner in der Region. Über Jahre hinweg verband einen folglich mit palästinensischen Widerstandsgruppen eine Liaison, deren weltrevolutionäre Visionen selten einen völkisch-nationalen Horizont überschritten und die in der Zerstörung Israels ein hehres Ziel zu verfolgen glaubten: mit Fatah und der Volksfront zur Befreiung Palästinas, der PFLP.

Zahlreiche RAF-Mitglieder, unter ihnen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, erlernten erst in arabischen Ausbildungscamps den bewaffneten Kampf und wurden so Teil von Söldnertruppen, deren Hauptbeschäftigung darin lag, Flugzeuge der israelischen El Al zu kapern, deren Mitarbeiter zu lynchen und so den jüdischen Staat zu erpressen.

Wohl selten aber ist das Ausmaß der antijüdischen Haltung der RAF so unverblümt kommuniziert worden wie in ihrer Analyse des Anschlags auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München, der mit einem Doppelmord initiiert wurde und mit einer gescheiterten Entführung endete.

Zynisch wird die Terroraktion des palästinensischen Kommandos „Schwarzer September“ glorifiziert als „gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“ und den Attentätern eine „Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge“ zugeschrieben. Um die vermeintliche Grausamkeit des von Israel und den USA vertretenen verschwörerischen Globalimperialismus herauszustellen, bot auch hier der Nationalsozialismus den Verfassern eine schier unerschöpfliche Vergleichsquelle. Unmissverständlich sprechen sie von „Israels Nazifaschismus“, Verteidigungsminister Mosche Dajan wird zum „Himmler Israels“. Der von Ulrike Meinhof verfasste Text gipfelt in der These, die israelische Regierung habe ihre Sportler „verheizt wie die Nazis die Juden“.

Diese Pogromrhetorik war weder unter der ohnehin auch damals heiklen Überschrift Antizionismus zu verbuchen, noch als gedankliche Schrulle einer intellektuell verkommenen Szene zu begreifen. Dieses Bekenntnis war jedoch nur das markanteste Beispiel einer vermeintlich antizionistischen Argumentation von deutschen Linksterroristen. Tatsächlich wurde schon die bloße Staatsangehörigkeit Israels zum Schuldfaktor halluziniert – und der Davidstern, Israels Staatssymbol, als feindliches Zeichen interpretiert: Das war mehr als eine antijüdische Versuchung, das war purer Antisemitismus.

Wie weit einzelne RAF-Mitglieder die zynische Opferumdeutung mit Hilfe einer allseits einsetzbaren NS-Schablone verinnerlicht hatten, brachte Ulrike Meinhof zum Ausdruck, als sie 1972 im Prozess gegen Horst Mahler ihre Haftbedingungen mit Konzentrationslagern verglich: „Jetzt reden wir mal von Köln-Ossendorf, das Lager, dessen Wahrzeichen ein Schornstein ist.“ Antwortend auf die Frage nach einer Antisemitismusdefinition verfing sie sich schließlich in einer Teillegitimierung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Die Juden, so Meinhof, seien ermordet worden, „als das, was man sie ausgab – als Geldjuden. Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch.“ Und weiter: „In diesem Antisemitismus, der ins Volk reinmanipuliert worden ist, war die Sehnsucht nach dem Kommunismus, die dumpfe Sehnsucht nach der Freiheit von Geld und Banken.“

Die Flugzeugentführung von Entebbe 1976 und die Selektion der Passagiere in nationalsozialistischer Manier war letztlich nur praktische Konsequenz dessen, was in der Münchner Analyse Ulrike Meinhofs verewigt wurde. Dass innerhalb des PLFP-Kommandos mit Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den Revolutionären Zellen ausgerechnet zwei Deutsche federführend waren und auf der Liste der freizupressenden Terroristen mehrere RAF-Mitglieder zu finden waren, dürfte da kaum überraschen.

Distanzierende Auseinandersetzungen mit entsprechenden Taten und Verlautbarungen finden sich bei der RAF nirgends – weder in den unzähligen Stellungnahmen, die noch folgen sollten, noch in der Erklärung von 1998, mit der sich die Terrortruppe endgültig auflöste. Stattdessen liest man im dortigen Schlussabschnitt den Satz: „Wir werden die GenossInnen der palästinensischen Befreiungsfront PFLP nie vergessen.“

Die RAF ist Geschichte. Nicht zuletzt ihr dürfte es aber zu verdanken sein, dass bei vielen die Verlockung nicht nachgelassen hat, den Nahen Osten durch das beschränkte Prisma der antiimperialistischen Perspektive zu betrachten. Überlebt hat die Obsession, den politischen Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn mit Nazifantasien anzuheizen. Der aus dieser Haltung resultierende Antizionismus beschränkt sich heutzutage jedoch mitnichten auf linksradikale Szenemilieus.

Längst ist er salonfähig geworden und Teil jedweder „objektiven Bewertung“ der nahöstlichen Situation, kurz: Heute ist er in Kreisen wahrnehmbar, die des Terrorismus gänzlich unverdächtig sind. Es scheint sich dort der Glaube durchzusetzen, durch den Geschichtsunterricht gleichzeitig die Ausbildung zum Therapeuten genossen zu haben, und zwar für zwei Patienten: für das ehemalige Opfer, das selbst handgreiflich wird, und für sich selbst, den Täternachkommen, der nach Schuldstilllegung lechzt.

Anders lässt sich schwerlich erklären, dass Udo Steinbach, Direktor des Orient-Instituts, bezweifelt, palästinensische Selbstmordattentate unter Terrorismus fassen zu können. Man müsse „im Blick auf Warschau und im Blick auf den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto auch fragen dürfen, war das dann nicht auch Terror?“ Ähnliche Überlegungen dürfte auch Rupert Neudeck, der Erfinder der Cap Anamur, angestellt haben, bevor er in seinem neusten Buch „nicht mehr schweigen“ wollte und vor der „Freundschaftsfalle Israel“ warnte. Unvergesslich auch der deutsche Bischof, der Anfang des Jahres bei einem Besuch im palästinensischen Ramallah glaubte, in den dortigen Lebensverhältnissen das Warschauer Ghetto vor Augen zu haben.

Unzweifelhaft ist die Situation der Palästinenser katastrophal. Aber in Gaza oder im Westjordanland ein Großraum-KZ sehen zu wollen, zeugt von epochaler Geschichtsklitterung. Und ob diese den offensichtlichen Durst nach Selbstentlastung stillen kann, darf bezweifelt werden. Zudem schreibt man mit verzerrten historischen Assoziierungen und Gleichsetzungen den Palästinensern eine Realität vor, aus der heraus die Vision eines eigenen Staates schier unerreichbar erscheinen muss. Das gilt heute, das galt auch vor dreißig Jahren.

Karl-Heinz Dellwo: „Das Projekt sind wir“

http://www.taz.de/!5193915/

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Antisemitismus in Deutschland Der gebildete Antisemit

Die Bundeskanzlerin im September 2014 in Berlin.  Foto: REUTERS

Der Antisemitismus, so die Erkenntnis der Forscherin Monika Schwarz-Friesel, grassiert gerade unter Gebildeten. Und: „Die Gegenwehr schwindet.“ Ein FR-Gespräch über deprimierende Entwicklungen, die im Windschatten einer Überdruss-Mentalität Platz finden.

Frau Professor Schwarz-Friesel, der Zentralrat der Juden warnte Anfang des Jahres davor, mit der Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, in bestimmte Ecken deutscher Großstädte zu gehen. Wie ergeht es Juden in der virtuellen Welt des Internets?
Ganz ähnlich. Sie müssen mit heftigsten Beschimpfungen rechnen, mit brutalsten Gewaltfantasien bis hin zu Morddrohungen: „Ich würde gern mal einen Juden zu Tode quälen“ – solche Ungeheuerlichkeiten sind keineswegs die Ausnahme. Wir registrieren regelrechte antisemitische Hasswellen, die nach dem Gazakrieg 2014 noch einmal an Stärke und Aggressivität zugenommen haben und die neuerdings den gesamten Raum öffentlicher Kommunikation überfluten, also nicht nur den rechtsextremen Rand.

Wo liegt der Unterschied zur Vergangenheit?
Unsere Untersuchung aller Briefe und E-Mails an den Zentralrat und die israelische Botschaft hat ergeben, dass nur je drei Prozent der Absender rechts- bzw. linksradikal sind. Etwa 14 Prozent kommen aus dem jeweiligen ideologischen Randmilieu, mehr als 65 Prozent hingegen aus der „Mitte der Gesellschaft“: sehr viele Hochgebildete, mit Name und Anschrift, mit Angabe des Berufs und akademischer Grade. Deren emotionales Bedürfnis, unter dem Deckmantel der sogenannten „Israelkritik“ judenfeindliches Gedankengut zu verbreiten, schiebt historische und sprachliche Hemmnisse beiseite. Gleichzeitig schwindet die Gegenwehr.

Woran machen Sie das fest?
Wir verzeichnen quantitativ in unseren Untersuchungen einen Rückgang der Stimmen, die antisemitischen Parolen im öffentlichen Diskurs entgegentreten. Und wenn ich an die Kundgebung gegen Antisemitismus voriges Jahr in Berlin mit allen Spitzenvertretern des Staates denke, alarmiert mich die geringe Zahl an Teilnehmern bis heute: 5000 Leute, das ist nichts!

Was ist mit islamisch oder islamistisch motiviertem Antisemitismus?
Auch dieser nimmt zu – der Zahl wie der Heftigkeit nach.

Zur Person
Monika Schwarz-Friesel.

Monika Schwarz-Friesel, Jg. 1961, ist Professorin für allgemeine Linguistik an der TU Berlin. Nach ihrem Studium der Philologie und pädagogischen Psychologie in Köln hat sie dort promoviert und habilitiert. Der Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Zum Antisemitismus im Internet leitet sie ein großes, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Forschungsprojekt.

Ihre neueste Veröffentlichung zum Thema ist der Sammelband „Gebildeter Antisemitismus. Eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft. Nomos-Verlag 2015, 318 Seiten, 59 Euro.

Gibt es einen antisemitischen Bodensatz auch in den neuen politischen Bewegungen?
Von den etablierten Parteien hat Die Linke eindeutig das größte Problem. Die rechtspopulistische AfD ist in dieser Hinsicht bislang vereinzelt auffällig geworden. Unter den Demonstranten der Pegida, diesem ideologischen Sammelsurium, tummeln sich auch Antisemiten. Die Deutungsmacht haben sie dort – noch – nicht gewonnen.

Trotzdem gilt: Der Antisemitismus ist überall?
Nicht zuletzt in den Medien! Denken Sie an die heftige Debatte 2013 über den Journalisten Jakob Augstein und seine Kolumnen. Einem so gut gebildeten Mann sollte bekannt sein, dass Sätze wie „Orthodoxe Juden folgen dem Gesetz der Rache“ oder „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen“ uralten antisemitischen Stereotypen folgen. Gegen diesen Vorwurf hat es damals sofort Abwehrreflexe gegeben – aus meiner Sicht ein Versagen der Gesellschaft und eine verpasste Chance.

Welche Chance, und wie hätte man sie nutzen sollen?
Indem man weniger Energie auf die Frage verwandt hätte, ob Augstein auf die Liste der schlimmsten Antisemiten gehört oder welchen Platz er in einem solchen Ranking bekommen müsste. Stattdessen hätte man zeigen sollen, wie antisemitische Stereotype und Klischees in aktuellen Debatten codiert werden und ihre Wirkung entfalten. Denn das ist die eigentliche Gefahr.

Inwiefern?
Historisch gesehen, ist der Satz vom Antisemitismus, der in der Mitte der Gesellschaft „angekommen“ sei, falsch. Antisemitismus war immer zunächst ein Phänomen der Gebildeten. Er ging von den Schreibtischen der Gelehrten aus, von den Theologen und Hofpredigern, von Philosophen, Juristen und Journalisten. Das wissen viele nur nicht, weil 1900 Jahre Judenfeindschaft gegenüber den zwölf Jahren der NS-Herrschaft in den Hintergrund treten. Oder anders gesagt: 60, 70 Jahre Aufklärungsarbeit in der Nachkriegszeit stehen gegen zwei Jahrtausende kulturell tradierte Judenfeindschaft. Auch deshalb ist die Annahme gefährlich, verbale Gewalt sei ja nicht so schlimm.

Was ist also zu tun?
Da muss ich Sie enttäuschen. Ich habe kein originelles Rezept, sondern kann nur sagen: Bildung, Aufklärung, Beharrlichkeit. Darauf kommt es an. Deprimierend ist zweierlei. Zum einen die Überdruss-Mentalität, nicht nur bei jungen Leuten: „Ich kann das Wort Holocaust nicht mehr hören, ich kann das Wort Jude nicht mehr hören, ich bin diese Debatten über Antisemitismus leid“, heißt es in vielen Briefen an den Zentralrat oder die israelische Botschaft. Parallel dazu nimmt der Antisemitismus aber zu. Das ist das zweite deprimierende Moment.

Ist trotzdem etwas dran an dem Überdruss, der womöglich von einem Gefühl herrührt, mit dem Antisemitismus-Vorwurf werde sehr schnell hantiert, sobald Israel in die Kritik gerät?
Das angebliche „Meinungsdiktat“, das Kritik an Israel unmöglich mache, ist eindeutig selbst ein antisemitisches Klischee. Wir haben empirisch klar zeigen können, dass es faktisch keinerlei Hemmungen, Rücksichten oder Selbstbeschränkungen in Bezug auf Israel gibt. Im Gegenteil: Kein Staat dieser Welt und nicht einmal diktatorische oder erwiesenermaßen verbrecherische Regimes werden so heftig attackiert wie Israel. Umgekehrt ist mir – ganz ehrlich – noch nie jemand begegnet, der in antisemitische Muster abgleitet, wenn er wirklich nur Kritik an der Politik Israels üben will.

Ein Beispiel: Unter dem Eindruck der Sperrmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten oder der Realität der Besatzung fühlen sich viele, selbst wohlmeinende Besucher Israels an die Ghettos der 1930er und 1940er Jahre erinnert.
Diese NS-Analogie ist der typische Fall einer historischen Derealisierung. Wenn Sie sich klar machen, was in den jüdischen Ghettos der Nazizeit passiert ist, dann hat die gegenwärtige Situation damit nichts zu tun. Es gibt keine Schnittmenge, keine echte Vergleichsgröße zwischen dem Holocaust und der Besatzung. Wer diese NS-Analogie herstellt, spielt den überzeugten Antisemiten in die Hände, für die Israel die Verkörperung allen Übels in der Welt ist, weshalb es ausgelöscht werden müsse .

Interview: Joachim Frank

http://www.fr-online.de/kultur/antisemitismus-in-deutschland-der-gebildete-antisemit,1472786,30899588.html

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Achgut.com 10.06.2015

Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist.

Was ist nur los mit der FR? Hat sie sch jetzt auch auf die Seite der Israel-Lobby geschlagen? Die Berliner Professorin Monika Schwarz-Friesel erklärt in einem Interview das Phänomen des Antisemitismus, über den immer wieder gesagt wird, er sei “in der Mitte der Gesellschaft” angekommen. Unsinn, sagt MSF, der Antisemitismus war schon immer in der Mitte der Gesellschaft daheim. Sie hat Tausende von Briefen ausgewertet, die an die israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden geschickt wurden. Das Ergebnis:

Unsere Untersuchung aller Briefe und E-Mails an den Zentralrat und die israelische Botschaft hat ergeben, dass nur je drei Prozent der Absender rechts- bzw. linksradikal sind. Etwa 14 Prozent kommen aus dem jeweiligen ideologischen Randmilieu, mehr als 65 Prozent hingegen aus der ‘Mitte der Gesellschaft’: sehr viele Hochgebildete, mit Name und Anschrift, mit Angabe des Berufs und akademischer Grade. Deren emotionales Bedürfnis, unter dem Deckmantel der sogenannten „Israelkritik“ judenfeindliches Gedankengut zu verbreiten, schiebt historische und sprachliche Hemmnisse beiseite. Gleichzeitig schwindet die Gegenwehr.http://www.fr-online.de/kultur/antisemitismus-in-deutschland-der-gebildete-antisemit,1472786,30899588.html

Als Beispiel für den Antisemitismus in den Medien nennt MSF “den Journalisten Jakob Augstein und seine Kolumnen”; einem “so gut gebildeten Mann sollte bekannt sein, dass Sätze wie ‘Orthodoxe Juden folgen dem Gesetz der Rache’ oder ‘Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen’ uralten antisemitischen Stereotypen folgen”.

Ist ihm aber nicht. Ein Antisemit, dem bewusst wäre, dass er antisemitisches Zeug labert, wäre kein Antisemit. Der Antisemit denkt nicht, es denkt in ihm. Auch hier gilt der Satz von Dieter Bohlen: “Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist.”

Der moderne Antisemit versteckt sich auch nicht in verdunkelten Hinterzimmern muffiger Lokalitäten, er geht in die Öffentlichkeit. Zum Beispiel zum Evangelischen Kirchentag, der sich im Laufe der Jahre zu einem Treffpunkt progressiver Antisemiten entwickelt hat, die Palästina befreien und den Weltfrieden retten wollen. Heuer war die Linke-Abgeordnete und Leichtmatrosin mit an Bord, eine glückselige Antisemitin, die ihre antijüdischen Vernichtungsphantasien im Kostüm der Israel-Kritik auslebt. Wir haben ihren Auftritt beim EKT in Stuttgart festgehalten und werden ihn demnächst dokumentieren.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_problem_ist_mach_einem_bekloppten_klar_dass_er_bekloppt_ist

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Totalverschleierung des Bewußtseins
Rede auf der Kundgebung “Antisemitismus ist keine Kreuzfahrt”

Initiative Sozialistisches Forum

Liebe Genossinnen und Genossen,

wenn wir heute unsere Solidarität mit Israel bekunden, so ist dies ganz und gar nicht uneigennützig oder selbstlos, gar ein Ausdruck höherer, gewissermaßen: kommunistischer Caritas. Vielmehr verhält es sich so: Daran, ob es Israel gelingt, seine Souveränität gegen die antisemitische und also antizionistische Internationale zu behaupten, daran entscheidet sich für unsere Generation, ob der Gedanke der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft noch zur konkreten Utopie zu werden vermag, oder ob die freie Assoziation, die gesellschaftliche Einheit des Vielen ohne Zwang, dazu verdammt ist, für immer ein Traum bleiben zu müssen. Es ist unmittelbar unsere Sache, die hier verhandelt wird. No pasáran!

Es klingt zwar paradox, ist aber nur allerdings dialektisch: Indem Israel darum kämpft, seine politische, seine staatliche Souveränität unbedingt zu erhalten, kämpft es um die Bedingung der Möglichkeit, das kommunistische Programm der Abschaffungen, der revolutionären Liquidation von Kapital und Staat, doch noch, wenn auch leider viel zu spät, zu verwirklichen. Israel ist der bewaffnete Versuch der Juden, den Kommunismus durch die Katastrophen hindurch doch noch lebend zu erreichen, d.h. eine revolutionäre Diktatur der Aufklärung, eine Art jakobinischer Wohlfahrtsausschuß, der in Permanenz tagt. Indem Israel seine Souveränität behauptet, kämpft es für das Recht des Individuums, etwas anders zu sein als ein Gegenstand der Zoologie, als eine Pflanze, die schon glücklich zu sein hat, wenn sie einen Boden findet, um zu wurzeln, wenn man sie gießt und düngt. Es gibt nämlich kein “Recht auf nationale Selbstbestimmung”, das im Recht der ersten Landnahme gründet, kein Recht der Einheimischen, nur weil sie zuerst da waren.

Wer so etwas behauptet, wer dies “Naturrecht” gegen den Zionismus in Anschlag bringt, der hat den Begriff und die Wahrheit der Gattung liquidiert, hat das “Weltbürgerrecht” aufgehoben. Vielmehr verhält es sich so, wie es Immanuel Kant im dritten Definitivartikel zum ewigen Frieden 1795 erklärt hat: Das Weltbürgerrecht, sagt er, “steht allen Menschen zu, vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde, auf der, als Kugelfläche, sie sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch neben einander dulden müssen, ursprünglich hat aber niemand an einem Orte der Erde mehr Recht, als der andere.” [ 1 ]

Das Argument der Aufklärung ist so einfach, wie der daraus folgende kategorische Imperativ wahr ist: Weil die Erde keine Scheibe ist, darum ist sie die Allmende, d.h. das unteilbare Eigentum einer Gattung, die sich als die Menschheit erst dann bewiesen haben wird, wenn die Individuen mehr sein dürfen als die blöden Exemplare einer Gattung, und das heißt, politisch ausgedrückt, eines Volkes. Die Propaganda gegen Israel ist – als Agitation für den Ameisenstaat – vorsätzlicher Aufklärungsverrat.

Der Abgrund an Aufklärungsverrat, der sich in den letzten Tagen und Wochen eröffnet hat, bedroht uns selbst, unser unbedingtes Interesse an der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Denn daß Israel als “Schurkenstaat” denunziert wird, der “über dem Gesetz, über dem Völkerrecht” stehen soll, ist ja nur die Schauseite, die aufgeregte Empörung, hinter der es eiskalt ans Eingemachte geht.

Natürlich – in der Behauptung, Israel stünde “über dem Gesetz”, verbirgt sich nur der ordinäre Antisemitismus, der den Menschen zur Pflanze macht und das Individuum als “abgehoben” und eben: “wurzellos” verpönt. Aber in dieser Polemik übt sich die kapitalisierte Gesellschaft zugleich in ihrem höchsteigenen Staatlichkeitswahn, legt sich die Konditionen zurecht, nach denen der deutsche Souverän legitimerweise die Versagung der Bedürfnisse, schließlich das Opfer des Lebens, fordern darf. Jede Polemik gegen Israel als zionistischen “Schurkenstaat” ist so in Wahrheit nichts anderes als Einübung in den Gehorsam, nichts als Propaganda für den Staat des ganzen Volkes, für die unbedingte Einheit von Volk und Herrschaft. Wie schrieb doch die “Frankfurter Allgemeine” kürzlich ebenso treffend wie verblendet über die “staatliche Schicksalsgemeinschaft”?: “Einer für alle, alle für einen. Auch heute noch. Und daß die Deutschen als Volk das 20. Jahrhundert überhaupt überstanden haben, liegt auch daran, daß früher die Idee der Schicksals- und Einstandsgemeinschaft jedermann selbstverständlich war.” [ 2 ]

Der Staat soll sein das organische Selbstbewußtsein der Volksgemeinschaft, der gnädige Aktionskommissar einer fugenlos verschweißten Bande, eine HIAG, einer Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit nach dem Vorbild der Veteranenverbände der SS. Das ist der Staatsfetisch, den die antizionistische Propaganda uns andrehen will, der Wahn von der guten Herrschaft, die zur sog. “Volkswirtschaft” paßt.

Wie sagte doch Michail Bakunin einmal sehr richtig – und daran können wir uns halten, immerhin: “Es ist offenbar, daß alle sogenannten allgemeinen Interessen, die der Staat angeblich vertritt, (…) eine Abstraktion, eine Fiktion, eine Lüge bilden, und der Staat gleichsam eine große Schlächterei und ein ungeheurer Friedhof ist …” [ 3 ] Und welcher Staat hätte diesen seinen Begriff gnadenloser in die Wirklichkeit gesetzt als der Staat der Deutschen? Die Propaganda der Antizionisten, ihr unerbittlicher Fetischdienst am Staate, den sie ex negativo an Israel illustrieren, ist Teil der Herrschaftsreserve, Bestandteil der allgemeinen Mobilmachung, zu der der Souverän sich im Zuge des kommenden Zusammenbruchs der kapitalisierten Gesellschaft genötigt fühlen wird. Israel steht dem im Wege, denn, wie die Zeitung des deutschen Bundestages “Das Parlament” schon gelegentlich der israelischen Notwehr gegen die libanesische Hizbollah erklärte, Israel ist “das letzte Tabu der deutschen Außenpolitik”. [ 4 ]

Liebe Genossinnen und Genossen,

genau so ist es: das “letzte Tabu” der deutschen Souveränität. Das versteckt sich hinter dem blumigen Gerede vom “Existenzrecht” Israels als dem Nerv der deutschen Staatsräson. Die Volksgemeinschaftsfront gegen Israel ist die konzertierte Aktion des deutschen Staatlichkeitswahns – und da ist‘s egal, ob man die “Junge Welt”, die Frankfurter Gemeine oder gleich das Salonfaschisten-Blatt “Junge Freiheit” liest: “Staatsverständnis: Deutschland muß sich auch Israel gegenüber als politisches Subjekt behaupten.” [ 5 ] Auch Israel gegenüber!

Es ist dieser vorsätzliche Aufklärungsverrat, der uns einen gesellschaftlichen Zustand beschert hat, den man nur als die Totalverschleierung des Bewußtseins bezeichnen kann. Dagegen hilft es nicht, wenn man, wie die staatstragenden Freunde Israels, insbesondere die Deutsch-Israelische Gesellschaft, gegen “vorschnelle Verurteilungen Israels” eintritt und mit leidenschaftsloser Schiedsrichterattitüde “Unvoreingenommenheit”, “Verhältnismäßigkeit”, “Objektivität, Ausgewogenheit und Sachlichkeit” fordert. [ 6 ] Damit werden Aufklärung und Kritik auf Information und Bescheidwissen heruntergebracht. Jeder, der für Israel eintritt, muß doch wissen, was der polnische Philosoph Leszek Kolakowski schon 1956 erfahren mußte: “Der Antisemitismus” – und der Antizionismus erst recht! – “ist keine Doktrin, die kritisiert werden kann … Man kann ihm keine Argumente entgegensetzen, denn er ist mit einer Reaktionsart verbunden, der die Beweisführung als Denkart fremd und verhaßt ist. (…) Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten” – oder gleich mit einem Antizionisten! – “eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen.” [ 7 ]

Liebe Genossinnen und Genossen,

unsere Solidarität mit Israel, unsere kommunistische Solidarität mit dem Zionismus, ist keine höhere Form von Caritas, sondern so notwendiges wie integrales Moment unserer Opposition gegen die Totalverschleierung des Bewußtseins, gegen den Aufklärungsverrat, gegen den Staatlichkeitswahn und gegen den Souveränitätsfetischismus. Ich schließe, frei nach Max Horkheimer, mit der freundlichen Aufforderung: Je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es, für ihn einzutreten: No pasarán!

Joachim Bruhn

Anmerkungen

1 Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf (1795), in: Ders., Werkausgabe, Bd. 11, hrsg. von W. Weischedel, Frankfurt 1977, S. 213f.

2 Ulrich Vosgerau, Schutzlos allein. Der Staat ist mehr als eine Agentur zur Verwirklichung von Ansprüchen, in: FAZ vom 11. März 2010, S. 8.

3 Michail Bakunin, Die Commune von Paris und der Staatsbegriff (1871), in: Ders., “Staatlichkeit und Anarchie” und andere Schriften, hrsg. von Horst Stuke, Frankfurt/Berlin/Wien 1972, S. 307.

a <name=“fn4″ href=“http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/isf-totalverschleierung.bewusstsein.html#fnverweis4″>4 Das Parlament v. 18.9.2006

5Junge Freiheit N° 11/2010 vom 12. März 2010.

6 Pressemitteilung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg zur Gazaflotille vom 4. Juni 2010.

7 Leszek Kolakowski, Die Antisemiten. Fünf keinesfalls neue Thesen als Warnung (1956), in: Ders., Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein, München/Zürich 1984, S. 187 f.

http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/isf-totalverschleierung.bewusstsein.html

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Der Kommunismus und Israel

Initiative Sozialistisches Forum

Kommunismus ist “das aufgelöste Rätsel der Geschichte” (Marx). Dieses besteht darin, daß die Spaltung der menschlichen Gattung in Herrscher und Beherrschte, in Ausbeuter und Ausgebeutete im Kapitalverhältnis einen Aggregatzustand erreicht hat, innerhalb dessen zwischen der vollendeten Verdinglichung einerseits, dem Übergang zum “Verein freier Menschen” andererseits, nur noch die Revolution als Handumdrehen zu liegen scheint, aber dennoch in immer weitere Ferne rückt. Marxisten jeglicher Couleur betreiben, statt dieses Rätsel in seiner Tragik zu denunzieren, statt es also zu kritisieren, seit je das Geschäft seiner Rationalisierung, das heißt seiner Ideologisierung.

Israel ist das Schibboleth jener doch so naheliegenden Revolution; es ist der unbegriffene Schatten ihres Scheiterns. Israel ist das Menetekel, das zum einen (und ganz unfreiwillig) die kategorischen Minimalbedingungen des Kommunismus illustriert, und das zum anderen sämtliche Bestialitäten zu demonstrieren scheint, zu denen der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat fähig ist. Wer Israel nicht begriffen hat, wer den Haß auf diesen Staat, den Antizionismus, und wer den Antisemitismus, das heißt den Vernichtungswillen sowohl gegen die in diesem Staat lebenden als auch gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden, nicht begriffen hat als das, was Antisemitismus wesentlich darstellt: den bedingungslosen Haß auf die Idee einer in freier Assoziation lebenden Gattung, der hat den Kommunismus nicht als das “aufgelöste Rätsel der Geschichte” begriffen.

***

Den Linken ist Israel vor allem deshalb ein Graus, weil dieser Staat und weil diese Nation nicht unter den Begriff der antikolonialen Revolution oder der nationalen Befreiungsbewegung subsumierbar sind: es sei denn, man wolle die durchaus terroristischen Aktionen eines Menachem Begin gegen die britische Mandatsmacht darunter fassen. Israel, die “tautologische Nation” (Bahamas), ist überhaupt eine Anomalie, die in kein geschichtsphilosophisches Schema und kein politisches Interesse paßt, weder in das der Bourgeois und ihrer Kopflanger noch in das der Linken und ihrer Theoretiker.

Wie hoffnungslos das Interesse an der Aufklärung und Emanzipation der menschlichen Gattung scheint, wie aussichtslos, geradezu auf Sand gebaut die Perspektive des revolutionären Ausgangs aus der so gesellschaftlich verschuldeten wie individuell verhärteten Unmündigkeit, das demonstrieren jene, deren Geschäft und ganzer Ehrgeiz in der Verewigung der falschen Gesellschaft besteht, gar nicht einmal zu allererst. Von ihnen, den Apologeten und ihren Soziologen, Nutznießern und Ideologen ist eh’ nichts anderes zu erwarten als das, was sie jeden Tag in der Frankfurter Allgemeinen als Theorie verlautbaren lassen, zum Beispiel am 11. März: “An den Kapitalismus zu glauben heißt letztlich nichts anderes, als an den Menschen zu glauben.” Oder an Persil. Der Satz ist so wahr und richtig wie nur noch der, wonach an den Feudalismus zu glauben in letzter Instanz bedeutet, an den Herrgott und seine Kirche zu glauben, hat aber die böse Pointe, das Kapitalverhältnis zu anthropologisieren. So leben die Menschen im Kapital, wie die Ameisen im Staat es tun: zutraulich, ganz unentfremdet und spontan. In ihrem legitimatorischen Interesse allerdings ist die FAZ mit der vollendeten Negativität des tatsächlichen Zustands intimer bekannt als die Linken, die Reform oder Revolution zu ihrem Programm erhoben haben.

Deren Berufung auf Gesellschaft, auf die Klassen, auf das Interesse wirkt nachgerade lächerlich. Um diese Diagnose zu stellen, genügt nicht nur ein flüchtiger Blick in das Schriftgut dieser Bewegung, wie die Blätter des IZ3W, Wildcat oder, für Hartgesottene, Analyse und Kritik. Es reicht schon hin, ihren Ikonen von Jutta Ditfurth über Claudia Roth bis Sarah Wagenknecht zuzuhören, wenn sie vom Nazifaschismus sprechen. Letztere weiß zum Beispiel, daß “es keine genetische und auch keine historische Erbanlage gab, die die ‘deutsche Nation’ zwanghaft und unausweichlich in den Faschismus und nach Auschwitz trieb. Noch hinter der irrsinnigsten Barbarei standen rationale (und nicht ‘nationale’!) Interessen. Krieg und Völkermord waren hochprofitabel; ‘Tod durch Arbeit’ sicherte Mehrwertraten nahe 100 Prozent.” Die Vorstellungen dieser Linken von einer Welt jenseits von Kapitalismus und Faschismus kommt dem entsprechend dann in der Frage zum Ausdruck, die in der Einladung zur diesjährigen BUKO Konferenz gestellt wird: “Wie finden wir etwas Besseres als die Nation?” So gefragt, kann die Antwort historisch nur sein: Das gibt es schon. Es ist das Volk. Denn wäre die Antwort eine andere, dann würde man über die Abschaffung von Nation, Staat und Geld reden, statt über neue Identitäten.

Wenn diese Linke über Israel schwadroniert, dann hört sich das nicht minder grausig an. Dabei liegt der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und dem Vernichtungswillen gegen die zum Staat gewordene bürgerliche Gesellschaft der Juden, gegen Israel, eigentlich auf der Hand: Der sogenannte Antizionismus stellt nichts anderes dar als die geopolitische, globalisierte Reproduktion des Antisemitismus, das heißt die Erscheinungsform, die er in Weltmarkt und Weltpolitik nach Auschwitz annehmen muß. Der Antizionismus ist der aus den kapitalisierten Gesellschaften in die Welt herausgekehrte Antisemitismus. So ist Israel der Jude unter den Staaten; die Verdammung des Zionismus als eines “Rassismus” durch die UNO gibt es zu Protokoll. Das macht: die moralische Verurteilung der menschlichen Unkosten der Konstitution bürgerlicher Staatlichkeit allein am Beispiel Israels führt vor Augen, was die Welt der Volksstaaten vergessen machen will – daß die Zentralisation der politischen Gewalt über Leben und Tod keineswegs die natürliche Organisationsform der Gattung Mensch darstellt, sondern Ausdruck eben von Herrschaft und Ausbeutung. Dabei ist Israel – und das macht die Kritik an diesem Staat so perfide und muß deshalb immer wieder gesagt werden – der einzige Staat dieser Welt, der für sich eine nicht zu bezweifelnde Legitimität beanspruchen kann. Israel, das ist der ungleichzeitige Staat, der entstanden ist sowohl als Reaktion auf das Dementi aller Versprechungen der bürgerlichen Nationalrevolution, sowohl als Antwort auf den stalinistischen Verrat an der kommunistischen Weltrevolution als auch als zu spät gekommene Notwehr gegen den Massenmord an den europäischen Juden.

Was es den gutwilligen Linken, die den Antisemitismus zwar ablehnen und bekämpfen, aber doch an der israelischen Politik gegen den palästinensische Staatsgründungsversuch einiges auszusetzen haben, so schwer macht, die außenpolitische Darreichungsform des antisemitischen Vernichtungswillens auf seine kritischen Konsequenzen hin durchzubuchstabieren, liegt einerseits an ihrer Ignoranz in Sachen bürgerlicher Staatlichkeit, andererseits an ihrem Pazifismus, der sich zu einem revolutionären Antimilitarismus verhält wie Mahatma Gandhi zu Auguste Blanqui. Dieser Pazifismus mag, wo er in Ariel Scharon das Remake eines losgelassenen Chauvinismus nach Art des Hauses Franz Josef Strauß oder Edmund Stoiber erkennt, keineswegs auf sein Recht verzichten, wenn nicht am israelischen Staat als solchem, so doch gegen die Politik der israelischen Regierung Einwände zu erheben und Kritik zu äußern. Er regrediert damit auf den Standpunkt eines Pazifismus, der in etwa der Petra Kellys, Thomas Ebermanns und Horst-Eberhard Richters der Jahre 1982/83 sein dürfte. Daß man, wie die Flause heißt, das “Existenzrecht Israels” anerkenne, daß man aber die Regierungspolitik doch wohl dennoch kritisieren dürfe, das wiederholt den Sozialreformismus, dessen sich diese Bewegung schon immer befleißigte. Man tut so, als ob einem diese “Kritik” nicht jeden Morgen aus der Tageszeitung jeglicher politischer Ausrichtung gleichlautend entgegenquellen würde – ein Antisemitismus, der allein darin, daß er von sich behauptet, er wäre keiner, sich das gute Gewissen verschafft, das Deutsche heutzutage notorisch auszeichnet: Mein bester Freund ist Jude…

Dieser Reformismus legitimiert sich, indem er in der israelischen Friedensbewegung und deren Protagonisten wie Uri Avnery, Norman Finkelstein, Felicia Langer oder Moshe Zuckermann seinen Referenzpunkt entdeckt, bei Leuten also, die für Israel in etwa das bedeuten, was für die BRD der frühen Sechziger die Deutsche Friedensunion war. Die Identifikation des deutschen Pazifismus mit der israelischen Friedensbewegung beruht natürlich darauf, daß man so wenig wie von ihnen auch von Zuckermann, geschweige denn von Avnery oder Langer, je einen Satz über den Staat des Kapitals gehört hat und auch nicht über einen materialistischen Begriff der Massenvernichtung, der bei Zuckermann, der gerne sich Kritischer Theorie zurechnen möchte, sogar unter dem Titel “Zweierlei Holocaust” ins Multikulturelle schwappt.

Im Wesen Israels als des ungleichzeitigen Staates der Juden liegt es aber nicht nur, Reaktion auf den Verrat an Aufklärung und Weltrevolution, nicht nur, Notwehrversuch gegen den Nazifaschismus und Asyl zu sein. Sondern eben auch, daß die üblichen Muster der bürgerlichen Rollenverteilung – hier das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates im allgemeinen und dort die Personen, die die Regierungsausübung im besondern besorgen – für den israelischen Staates aufgrund seiner Konstitutionsbedingungen keine Geltung mehr hat. Was sich unter anderem darin zeigt, daß diese “Kritiker” der israelischen Regierungspolitik für den faschistischen Mob und die Behörden, die Selbstmordattentäter belohnen, Verständnis aufbringen (Folge von Besatzung und Ausbeutung), dagegen für den Versuch, die militärische Infrastruktur der Gegner Israels zu zerschlagen, am liebsten die Begriffe Auslöschung oder Ausrottung der palästinensischen Bevölkerung im Munde führen. Wie hinter der treudoofen Frage, ob es nicht möglich sein müsse, Spekulanten als das zu bezeichnen, was sie sind, ohne gleich als antisemitisch zu gelten, so verbirgt sich hinter der treulinken Frage, ob nicht auch in Israel, weil es sich auch dort um eine bürgerliche Gesellschaft handele, Faschismus möglich sei, die Erkenntnis dieser Fusion in verquerer und verschrobener Gestalt. Verquer, weil ja gerade erklärt werden sollte, wie Israel, dieser Fusion zum Trotz, eine parlamentarische Demokratie ist und bleibt; verschroben, weil diese Einheit von Staat und Regierung im Übergang von einem unerträglichen Alten (die Vernichtungsdrohung) zum noch nicht erreichten Neuen (die herrschaftslose Gesellschaft) ja doch den Inbegriff dessen ausmacht, was einmal als “Diktatur des Proletariats”, als Emanzipationsgewalt und organisierte politische Macht der Revolution, auch und gerade auf den roten Fahnen stand. In Anbetracht der Grundidee des Staates Israel, vor dem Hintergrund der linken Staatsmythen, betreffend die “Diktatur des Proletariats”, muß jede Beurteilung der Handlungen der Regierungsvertreter auch die völlig andere Qualität dieses Staates, verglichen mit allen anderen, deutlich werden lassen.

Nun soll gewiß nicht behauptet werden, Ariel Scharon sei der Lenin von Israel, aber die israelische Staatlichkeit speist sich, historisch wie strukturell, aus ihrem Wesen als parlamentarisch verfaßte und im Staat zusammengefaßte Emanzipationsgewalt. Es ist also nicht möglich, zwischen Herrschaft und Herrschaftsausübung in der Weise zu trennen, wie man es gemeinhin macht, wenn man sich fragt, ob der Schröder oder der Stoiber das Gemeinwesen besser verwalten werden. Vielmehr bekundet, wer in dieser Weise trennt, nicht nur sein Unverständnis für die Staatlichkeit der Juden, sondern auch einen mindest diskreten Antizionismus, etwa nach Art der diesjährigen Ostermärsche, die es duldeten, daß palästinensische Nationalwimpel mitgeführt wurden, oder nach Art der famosen Tute bianche, die zum Boykott israelischer Waren aufrufen, oder nach Art der eitel militanten operaistischen Gruppe Wildcat, die wirklich glaubt, Israel einer “Klassenanalyse” unterwerfen zu können – all dies Gewese verdrängt, daß Ariel Scharon, natürlich ohne es zu wollen, näher dran ist am Kommunismus als seine Kritiker, daß er, auf seine, ihm als General einzig mögliche Weise, den antifaschistischen Kampf führt als eine Art israelische Ausgabe von Buonaventura Durruti. Denn der Kommunismus, die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft, verlangt, soll er gelingen, etwas Unmögliches: Rache für die Toten, für die Opfer der Barbarei; zugleich aber auch, daß niemand anders behandelt werde als nach seinem eigenen Maß: Gerechtigkeit für die Lebenden. Nur so ist der Kommunismus möglich als die gesellschaftlich bewahrheitete Maxime “Jedem nach seinem Bedürfnis, jeder nach seinen Fähigkeiten”. In dieser Perspektive ist Israel der bewaffnete Versuch der Juden, den Kommunismus lebend zu erreichen. Das müßte doch eigentlich gerade von Leuten verstanden werden, die vor nicht allzu langer Zeit noch von der Diktatur des Proletariats schwärmten, die sich dem Staatskapitalismus in der Sowjetunion, der DDR, Chinas oder gar Albaniens an den Hals warfen oder den national-völkischen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Heute scheint es, als ob sich all diese abstrusen Identifikationen auf die bedingungslose Unterstützung des palästinensischen Volkes gegen Israel konzentrierten.

Nach dem Untergang des Marxismus-Leninismus als Systemphilosophie wie Legitimationswissenschaft gibt es keinen “wissenschaftlichen Kommunismus” mehr. Der ist abgelöst von der nicht mehr wissenschaftlich, sondern so instinktiv wie intuitiv praktizierten Fähigkeit der Linken zur welthistorischen Spökenkiekerei. Es ist dabei die ontologische Setzung, die, wie schon im Marxismus-Leninismus, das problemlose Zusammenspiel von perspektivischer Wertung und empiristischer Deutung erlaubt: Keine der sklavisch verehrten Tatsachen gibt es, die nicht die vollständige Manifestation der Entfaltung des Wesens zu sich selbst wäre. Jeder gute Ideologe ist daher ein schlechter Hegelianer, der das Gefühl fürs Nicht-Identische abschneidet. Daß jede wirklich gute Ideologie aus diesem Ineinandergreifen und fugendicht sich Verzahnen von intuitiv-spontaner Illustration vermittels von Fakten, Fakten, Fakten einerseits, andererseits aus der Rationalisierung dieser Tatsachen zum logisch widerspruchsfreien System besteht, davon kann sich überzeugen, wer etwa die Stalinschen Statements zum Nazifaschismus studiert oder Claudia Roth auf Grünen Parteitagen hat sprechen hören. Weil Ideologie keine Kohärenz hat, ist sie gegen Kritik immun; weil sie jede Erfahrung des je Einzelnen ausschließt, kann sie unmöglich in einen Lernprozeß eintreten. Da die Ideologie das Denken an der Wurzel vernichtet, substituiert sie es durchs Kalkül aufs Interesse. Sie ist das, was Sigmund Freuds Psychoanalyse im paradoxen Bild des “unbewußten Bewußtseins” zu fassen suchte, eben das, was Karl Marx im Zusammenhang seiner Kritik des Fetischismus über den Zusammenhang von Warenform und Denkform darlegte.

Dies “unbewußte Bewußtsein” mag man sich vorstellen als den Schlafwandler, der über alle Abgründe hinweg sein Ziel ansteuert. In Europa allerdings ist es in alle Poren hinein antisemitisch. Ob Katholiken und Feudale, ob absolute Monarchen und bürgerliche Revolutionäre, ob Sozialdemokraten, Parteikommunisten oder Nazifaschisten, fintenreich trugen sie alle wie in Trance oder in absichtsvoll-manischer Wut das ihre dazu bei, dem gedankenlose Denken zur gnadenlosen Durchschlagskraft zu verhelfen.

Dagegen ist die Geschichtsphilosophie des Zionismus von ganz anderer Statur – und auch darin zeigt sich die historische Sonderrolle, die dem Zionismus zukommt: Die Geschichte konstruiert sich hier nicht als Zu-sich-selbst-Kommen des Wesens, sondern als der historische Zusammenhang der Katastrophen und als Abwehr der kommenden. Die Zionisten handeln, als hätten sie sich der Bewahrheitung der “Geschichtsphilosophischen Thesen” eines Walter Benjamin verschrieben. In dieser negativen Geschichtsphilosophie ist der Materialismus dem Zionismus verwandt, wenn er auch kontrafaktisch sich weigert, dessen These vom “ewigen Antisemitismus” sich anzueignen.

Der Haß auf den Zionismus hat viele Gründe, das heißt Vorwände. Sie penibel aufzuzählen, mag interessant sein, ist aber nicht von Interesse. So niederschmetternd es ist, aber es geht nicht darum, was beim Vorstoß der israelischen Armee ins Gebiet der Autonomiebehörde an Grausamkeit und Terror geschieht. Das ist der Krieg, von dem niemand je zu behaupten sich traute, er sei eine Kampagne von Amnesty International. Es geht vielmehr um das Verhältnis der “Fakten”, das heißt von Tränen, Blut und Tod, zu ihrer “Wertung”. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, aus dem fraglosen Leid der Bevölkerung von Dresden auf das historische Unrecht von Sir Arthur Harris zu folgern. Es geht auch nicht um Vergleiche, etwa um die Frage, was die Grausamkeit, die die syrischen, irakischen, iranischen Diktaturen gegen ihre eigene Bevölkerung in Szene setzen, angesichts der israelischen Militärstrategie bedeutet. Es geht auch nicht um die “fanatischen” Siedler, sondern es geht um die historische Legitimität und philosophische Dignität des Zionismus als der israelischen Nationalideologie, die die Staatlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft der Juden nach Auschwitz wesentlich motiviert und organisiert. Und da hat noch Ariel Scharon von der Aufklärung und ihrer seit 1933 negativen Dialektik mehr verstanden als jene, die sich über die Menschenrechte eines “palästinensischen Volks” echauffieren, das sie erst zum Zwecke ihrer Projektionen sich konstruiert haben. Der jüdische Nationalismus ist der Egoismus von Leuten, die nicht mehr an die unsichtbare Hand glauben können, die den Egoismus ins Gemeinwohl übersetzen würde. Daß die militante Aufklärung die Gestalt Ariel Scharons und der Panzer der israelischen Armee annimmt, das heißt die historisch derzeit einzig mögliche Form, versetzt natürlich diejenigen in basses Erstauen und helle Empörung, die von der Aufklärung nur gerade den “Aufkläricht” (Ernst Bloch) behalten haben, der hinreicht, sich für das desaströse “Selbstbestimmungsrecht der Völker” ob proletarisch-sozialistisch à la Lenin, bürgerlich-demokratisch à la Wilson oder völkisch-nazifaschistisch à la Hitler zu engagieren. Es mag sein, daß die Juden ein “Volk” sind; Israel jedenfalls ist eine Gesellschaft.

***

Kein Nazifaschist hat je wirklich geglaubt, er bezöge die Ermächtigung seiner Ansprüche aus dem Teutoburger Wald; keiner seiner demokratischen Erben hat jemals tatsächlich gedacht, ihnen erwüchse Legitimität im Resultat des “Lernens aus der Geschichte”; niemals war ein Sozialist der Ansicht, es sei die famose “Befreiung der Arbeit” und nicht vielmehr das Recht auf Beute, was seine Politik im Interesse der Arbeiterklasse motivierte. Und keinesfalls erwächst den Palästinensern irgendein Recht aus der Tatsache, daß sie zuerst da waren. Einer Gesellschaft, der Hunger kein Grund ist zur Produktion, kann auch das Leiden kein Grund sein zur Solidarität. Es ist die Ideologie, die mit der Unmittelbarkeit des Leidens agitiert, die aus dessen fragloser Evidenz Sinn zu schlagen sucht, sei es im Sinne von Caritas oder Amnesty International, sei es im Sinne der Freunde des palästinensischen Volkes für den Israelhaß der Antisemiten wie für den Islamfaschismus dieses Volkes. Ariel Scharon jedenfalls, der Zionist und praktische Antifaschist, ist dem aufgelösten Rätsel der Geschichte näher als die deutsche Linke, deren “Antifaschismus” sich als Aufstand der Anständigen à la Gerhard Schröder oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausagiert.

Einladungstext zum jour fixe im Sommer 2002

http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/isf-kommunismus.israel.html

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Hamburg, den 3. Juli 2012 matthiaskuentzel.de

Michael Lüders und „die reichen New Yorker Juden“

Wie der Nahostexperte den Irankonflikt erklärt · Von Matthias Küntzel

Michael Lüders, der bei ARD, ZDF, RTL, SAT 1, 3sat, N24, n-tv, Spiegel-TV und sämtlichen ARD-Hörfunkanstalten als vielgefragter Interviewpartner agiert, präsentiert sich in seinem jüngsten Buch „Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt“ (C.H. Beck-Verlag, München, Mai 2012) als Querdenker. Er stellt Gewissheiten in Frage, liefert unorthodoxe Argumente und etabliert im lockeren Erzählstil „Gegenöffentlichkeit“. Ein „exzellentes Buch“, schwärmt Franziska Augstein über den Band, der es bis in die TOP 50 der SPIEGEL-Bestsellerliste brachte. „Unbedingt lesenswert“ ruft uns auch Gemma Pörzgen im Deutschlandfunk zu.

Ich habe es gelesen und halte es ebenfalls für preisverdächtig – allerdings in der Kategorie „Märchenbuch“.

Lüders ist nicht nur Sachbuchautor, sondern schreibt auch Romane, wie seine Homepage verrät. In seinem Buch „Der falsche Krieg“ sind beide Genres vermischt: Was auf den ersten Blick wie ein profunder historischer Abriss erscheint, hält einer Quellenprüfung nicht stand.

Lüders‘ „Entdeckungen“

Lüders schreibt: Irans „Präsident Chatami hatte sich … in seinem Schreiben an Präsident Bush 2003 für eine Zweistaatenlösung in Palästina ausgesprochen. In Washington war man an seinem Gesprächsangebot nicht interessiert. Ahmadinedschad hat daraus auf seine Weise die Lehre gezogen: Mäßigung rechnet sich nicht.“ (S. 68)

Mir ist das Dokument, auf das Lüders hier anspielt, bekannt – es machte seinerzeit als „Guldimann-Memorandum“ die Runde und besteht aus einem Fax ohne Briefkopf und ohne Unterschrift, das der damalige Schweizer Botschafter Tim Guldimann an die amerikanische Regierung schickte.

Der Stellenwert dieses Fax-Dokuments ist unter Fachleuten umstritten. Doch selbst von jenen, die ihm große Bedeutung zuschreiben, kam bislang niemand auf die Idee, aus dem namenlosen Schreiben an das State Department einen Brief von Präsident Chatami an US-Präsident Bush zu machen.

Chatami hat dem Weißen Haus weder einen Brief geschrieben noch ein Gesprächsangebot unterbreitet. Niemals sprach er sich für eine Zweistaatenlösung in Palästina aus. Was Lüders hier als Fakt präsentiert, ist Fiktion; reine Phantasie.

Und weiter. Lüders behauptet: „Die russische Regierung (fand) im Januar 2006 einen Kompromiss mit der iranischen Führung, der einen Durchbruch hätte bedeuten können. Demzufolge wäre die Urananreicherung in Russland unter Aufsicht der IAEA erfolgt. Das spaltbare Material wäre den Iranern ,leihweise‘ zur Verfügung gestellt und anschließend wieder nach Russland verbracht worden. Präsident Bush lehnte diesen Vorschlag ab.“(63) „Die USA … verweigern sich … der Alternative, nämlich diese Anreicherung unter IAEA-Aufsicht im Ausland vornehmen zu lassen.“(85)

Eine erstaunliche Behauptung! Es gibt, wenn man die Dokumente und Berichte jener Zeit zugrunde legt, keinen Zweifel: Washington hatte den Moskauer Vorschlag ausdrücklich unterstützt. Teheran aber war zu keinem Zeitpunkt bereit war, seine Anreicherungsaktivitäten vollständig an Russland zu delegieren.

Hätte es den von Lüders behaupteten Kompromiss gegeben, hätten ihn die souveränen Staaten Russland und Iran verwirklichen können. Davon konnte aber keine Rede sein: „Bundesaußenminister Steinmeier (SPD) hat nach den ergebnislosen Atomgesprächen zwischen Iran und Russland von ,zwei sehr, sehr verhängnisvollen Signalen aus der iranischen Regierung‘ gesprochen“, berichtete am 10. Januar 2006 die Frankfurter Allgemeine. „Der russische Plan wurde von den USA, Europa und China unterstützt“, berichtete am 14. Februar 2006 die New York Times.

Lüders, der grundsätzlich keine Quellen benennt, hat auch hier Geschichte verfälscht: Bei ihm erscheint die Islamische Republik, die in Wirklichkeit blockierte, als kompromissbereit und Washington, das den Kompromiss unterstützte, als der Bösewicht, der erneut die Chance auf eine Einigung zunichtemachte. Kommen wir zum dritten Beispiel.

Lüders erklärte am 10. Mai 2012 in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur: „Die Entschlossenheit [zum Angriffskrieg gegen Iran] ist groß in Tel Aviv, es hat am 20. Januar, so berichtet die New York Times, schon startende Flugzeuge gegeben in Richtung Iran. Erst im letzten Moment wurden sie zurück gepfiffen aus Washington, weil man die Eskalation nicht wollte.“

Demnach hätte Anfang dieses Jahres um Haaresbreite ein Krieg begonnen. Doch warum hat niemand sonst auf der Welt davon gehört? Weil es sich erneut – Sie ahnen es bereits – um eine Erfindung unseres „Nahostexperten“ handelt; in seiner vermeintlichen Quelle – der New York Times – sucht man nach diesbezüglichen Hinweisen vergebens.

Wer weiter recherchiert, wird in Lüders Buch auf weitere als Tatsachen verpackte Fiktionen stoßen. Mich haben allerdings bereits die drei genannten Beispiele schockiert.

Lüders – mit dem ich gemeinsam auf dem Podium saß – ist ein Mensch, der sich wirkungsvoll als Garant „nüchterner Aufklärung“ und „sachlicher Information“ in Empfehlung bringt. Kratzt man an diesem Lack, entpuppt er sich als „Experte“, der es mit dem Baron von Münchhausen aufnehmen kann.

Natürlich darf Herr Lüders seine ganz eigene Meinung haben; er kann aber nicht seine ganz eigenen Fakten haben, selbst dann nicht, wenn er sich auf seiner Homepage als „Berater des Auswärtigen Amts“ und als „Lehrbeauftragter am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps Universität Marburg“ präsentiert.

Parteilich für Teheran

Merkwürdigerweise laufen seine „ganz eigenen Fakten“ immer auf dasselbe hinaus: Die iranische Politik erscheint in einem besseren Licht. Wie ein grüner Faden durchziehen seine Versuche, uns den Standpunkt Teherans plausibel zu machen, sein Buch. So beim Thema IAEA-Kontrollen:

Während die Weltgemeinschaft die Islamische Republik bedrängt, den Kontrolleuren der Internationalen Atomenergie-Agentur die Tore zu öffnen, sucht Lüders seine Leserschaft davon zu überzeugen, dass Teheran gut beraten sei, wenn es seine Tore weiterhin verschließt: „Die Inspektoren beobachten, sammeln Informationen und machen Fotos, für die sich anschließend die US-amerikanischen und israelischen Geheimdienste und Militärs interessieren. Das liegt offenkundig nicht im iranischen Interesse, also werden entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen.“ (82f)

Dessen ungeachtet geht auch Lüders davon aus, dass sich Teheran alle Komponenten einer Atomwaffen zu beschaffen sucht:

„Wäre es für Teheran eine strategische Option, die technischen Möglichkeiten zum Bau der Atombombe so schnell wie möglich zu erwerben, auf die Fertigstellung aber zu verzichten? Eindeutig ja“, antwortet der Autor. „Diesen Weg geht Teheran gegenwärtig, ohne dabei die rote Linie zu überschreiten. Nüchtern besehen würde die iranischen Führung fahrlässig handeln, fasste sie diese Option nicht ins Auge.“ (85)

Man beachte die Ermahnung, die Lüders hier nach Teheran schickt: „Fahrlässig“ handele Ahmadinejad, wenn er davon absähe, alle Komponenten „zum Bau der Atombombe so schnell wie möglich zu erwerben“. Aus seiner Identifikation mit der Bombenoption folgt Lüders Ablehnung von Sanktionen: Für ihn ist „die Sanktionspolitik gegenüber dem Iran … ein erkennbar falscher Schritt in die falsche Richtung.“ (126)

Gleichzeitig versucht Lüders den Eindruck zu vermitteln, dass es der Obama-Administration um die iranische Bombe gar nicht geht: „Selbst wenn die iranische Führung dem deutschen Beispiel folgen und aus der Atomenergie aussteigen würde, hieße es vermutlich: Die bluffen doch nur.“ (83)

In Wirklichkeit sei die iranische Atompolitik für Washington nur ein Vorwand: „Sie ist, wie erwähnt, ein Mittel zum Zweck, um den geopolitisch unliebsamen Störenfried zu isolieren, mit Hilfe von Sanktionen in die Knie zu zwingen und ihn in letzter Konsequenz militärisch auszuschalten.“ (79) Die Impulsgeber für diese amerikanische Politik vermutet Michael Lüders aber keineswegs im Weißen Haus, sondern in Jerusalem.

Seit Monaten, behauptet Lüders, „treiben die israelische Regierung, die Israel-Lobby und die noch immer nicht kriegsmüden Neokonservativen den Präsidenten [Barack Obama] in Sachen Iran vor sich her.“ Man sollte eigentlich annehmen, empört sich der Autor, die Weltmacht USA sei in der Lage, „Israel, einen Staat von der Größe Hessens, zur Räson zu rufen. Stattdessen wedelt der Schwanz mit dem Hund.“ (24)

Steuert Israel Amerika ?

„Der Schwanz wedelt mit dem Hund“ – diese putzige Metapher gefiel Lüders derart gut, dass er sie nicht nur im Text, sondern auch als Überschrift verwendet. Jeder weiß, dass dies nicht geht: Ein Schwanz kann ebenso wenig mit dem Hund wedeln wie ein Mini-Staat von der Größe Israels mit den 400 Mal so großen Vereinigten Staaten von Amerika.

Was im realen Leben keine Chance hätte, funktioniert jedoch seit Jahrhunderten als verschwörerische Phantasie. Diese Phantasie besagt, dass Juden, die gerade einmal 0,2 Prozent der Weltbevölkerung stellen, selbst noch einer Weltmacht wie den USA ihren Willen und ihren Krieg aufzuzwingen vermögen.

„Die reichen New Yorker Juden üben eine Menge Druck auf die Entscheidungsträger aus“ kolportiert Michael Lüders und leitet daraus die Kernthese seines Buches ab: „Der Krieg gegen den Iran ist in erster Linie Israels Krieg. Israels Führung und die Israel-Lobby wollen ihn.“ (92)

Schon in der Mitte der Neunzigerjahre sei es, so Lüders, dem „Wirken der Israel-Lobby“ zuzuschreiben gewesen, dass US- Präsident Bill Clinton mit „einer Politik der Konfrontation“ vis-a-vis Iran begann. „Auf Initiative der Israel-Lobby“ habe man 1995 Handelsbeschränkungen gegen Teheran verfügt.

Damals sei es „mit Hilfe der Israel-Lobby“ auch gelungen, „das aus drei Versatzstücken bestehende Mantra zur Dämonisierung Teherans durch(zusetzen). … Erstens: Iran unterstützt Terrorgruppen. Zweitens: Iran greift nach der Atombombe. Drittens: Iran sabotiert den Friedensprozess“ im Nahen Osten. (53f)

Ein „Mantra zur Dämonisierung Teherans?“ Wenn Lüders schreibt, dass „der Iran sein Kernwaffenprogramm im Dezember 2003 in aller Stille ein(stellte)“ (62), geht er offenkundig selber davon aus, dass Teheran während der Neunzigerjahre an der Bombe baute.

Lüders hätte mit geringem Aufwand auch die anderen beiden Punkte jener angeblichen Dämonisierung: – „Unterstützung von Terrorgruppen“, „Sabotage des Friedensprozesses“ – verifizieren können. Auf das „wahr“ oder „falsch“ einer Aussage kommt es ihm aber nicht an. Er geißelt stattdessen die „Dämonisierung Teherans“ als Vorbereitung für den Krieg: „Jedem Krieg geht bekanntlich die Dämonisierung des Gegners voraus.“ (14)

Wer das Brett vor dem Kopf für einen Moment beiseitelegt, wird erkennen, dass Bill Clinton die Politik der Mullahs in allen drei Punkten zutreffend kritisierte. Er wird feststellen, dass die von Clinton eingeleiteten Handelsbeschränkungen den Versuch darstellten, eine Verhaltensänderung Teherans ohne Einsatz von Gewalt zu erreichen.

Noch schlimmer als seinen Vorgänger Bill Clinton soll es heute aber den Demokraten Barack Obama erwischt haben: Dieser habe die „Machtprobe“ mit der Israel-Lobby „unmissverständlich verloren.“ (24)

Doch auch Kanzlerin Angela Merkel werde sich der jüdischen Allmacht, die Lüders beschwört, nicht entziehen können: „Die Bundesregierung (wird) im Kriegsfall kaum eine andere Wahl haben als den Wünschen Tel Avivs zu entsprechen“ (139) – ein Aussage, die genauso gut von Mahmoud Ahmadinejad sein könnte.

Den Weltkrieg entfesseln

„Der Irankrieg ist, wie ausgeführt, wesentlich Israels Krieg“, behauptet Lüders. Warum aber sollte das kleine Israel gegen den achtzigmal so großen Iran mit seiner zehnmal so großen Einwohnerzahl Krieg führen wollen?

Jedenfalls nicht, weil die israelische Führung die Kombination von iranischer Vernichtungsandrohung und iranischer Bombe als eine ernsthafte Gefahr für das eigene Land betrachten würde – diese Möglichkeit schließt Lüders aus. Mehr noch: er bezeichnet derartige Sorgen als Zwangsvorstellungen – als „die israelische Obsession mit dem Iran“ (95).

Er räumt zwar ein, dass die „unverantwortliche Rhetorik“ Ahmadinejads „zu Missverständnissen geradezu einlädt“. Richtig verstanden sei das Ziel der „Hardliner in Teheran“ aber „nicht die ,Vernichtung‘ Israels, sondern ein neu zu schaffender Staat ,Palästina‘ ohne jüdische Vorherrschaft über Araber und Muslime“(67) – also: gar nicht so schlimm und gar nicht so schlecht…

Doch gerade deshalb, weil die Führung Israels keinen Frieden mit den Palästinensern wolle, gerade deshalb habe sie den Krieg gegen Iran auf die Tagesordnung gesetzt: „Die Ultranationalisten in Israel sind auf einen äußeren Feind geradezu angewiesen. Andernfalls wären sie gezwungen mit ihren Nachbarn Frieden zu schließen, allen voran den Palästinensern.“ (164)

Damit ist das Lüders‘sche Narrativ komplett: Israel will keinen Frieden mit den Palästinensern und setzt, um von der Palästinafrage abzulenken, das Hirngespinst einer iranischen Bedrohung in die Welt. Als nächstes mobilisiert es „die reichen New Yorker Juden“, um die USA mit in den Krieg zu ziehen.

Die Ratio dieses Krieges hat nichts mit defensiven Motiven, sondern allein mit „Geopolitik, Vorherrschaft – und … Ideologie“ (19) und damit zu tun, „die Regionalmacht Iran, den einzigen Staat neben Syrien im weiten Raum zwischen Marokko und Indonesien, dessen Politik nicht pro-westlich ausgerichtet ist, in die Schranken zu weisen.“ (14)

Für dieses Ziel sei Israel bereit „das Land [Iran] mit Krieg zu überziehen“ „ein(en) regelrechte(n) Zivilisationsbruch“ zu begehen (127), „den Nahen und Mittleren Osten in Brand zu setzen“(8) und ein „Chaos“ von solchen Ausmaßen zu stiften, „dass westliche Politik auf lange Zeit nur noch damit beschäftigt wäre, die vielen Brände zu löschen.“(134)

Lüders‘ apokalyptische Warnung ist nicht neu. Sie variiert eine Melodie, die bereits in einem älteren Alarmbuch – den „Protokollen der Weisen von Zion“ von 1905 – erklang. Die „Juden“, heißt es in diesem Klassiker, werden, „sobald ein nichtjüdischer Staat es wagt, [ihnen] Widerstand zu leisten, … den Weltkrieg entfesseln.“ Eine abgemilderte Variante popularisierte Günter Grass: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“

Persönliche Kontakte und kulturelles Know-How

Man wundert sich über die Parteilichkeit, mit der Lüders den demokratischen Staat Israel bezichtigt, einen Angriffskrieg übers Knie brechen zu wollen, während er die iranische Diktatur gegen alle angeblichen Versuche, sie zu „dämonisieren“, verteidigt.

Eine mögliche Erklärung für diese Schlagseite liefert Lüders Tätigkeit als Wirtschaftslobbyist. Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Orientstiftung und Beiratsmitglied des Nah-und Mittelostverein NUMOV. NUMOV zum Beispiel hat sich wiederholt für eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen mit Iran engagiert. Kann es da erstaunen, dass der NUMOV-Funktionär Michael Lüders Iran-Sanktionen ablehnt und – großartig „unorthodox“! – vor einer „Dämonisierung“ der Mullah-Diktatur warnt?

Lüders bestätigt sich aber nicht nur im Rahmen von Verbänden, sondern auch ganz persönlich als Lobbyist. Er begleitet „Firmen aus dem deutschsprachigen Raum, die sich im Nahen und Mittleren Osten engagieren oder bestehende Geschäftsfelder erweitern möchten“, erfahren wir von seiner Homepage.

Trotz der „traditionell guten Beziehungen Deutschlands zu den nahöstlichen Staaten“ sei es „nicht immer einfach, in der Region Fuß zu fassen“, schreibt er hier. „Persönliche Kontakte und kulturelles Know-How sind entscheidend, um im Wettbewerb mit anderen Anbietern zu bestehen. Diesen Vorteil garantiert Ihnen die Nahostberatung von Michael Lüders.“

Von mir aus darf Herr Lüders sein Geld verdienen, wie er will. Bemerkenswert aber ist, dass der C.H.Beck-Verlag vergaß, die interessengebundenen Tätigkeitsbereiche seines Autors auf dem Buchdeckel zu erwähnen.

Bei Lüders sind nicht nur Fiktionen und Fakten sondern auch Berufsinteressen und „Expertisen“ vermixt. Ihn als „Nahostexporten“ vorzustellen, ohne seine Berufstätigkeit als Nahost-Wirtschaftslobbyist zu erwähnen, kommt einem Etikettenschwindel gleich. Das ist, als würde man einen Sheikh Ali Reza Attar als „Iranexperten“ in die Fernsehstudios einladen, ohne zu erwähnen, dass er von Beruf der Botschafter Irans in Deutschland ist.

Hätte, um ein Beispiel zu nennen, Klaus Staeck als Präsident der Berliner Akademie der Künste den Wirtschaftslobbyisten Lüders zur Mitgliederversammlung eingeladen, um über das Gedicht von Günter Grass und „über die Sicherheitslage zwischen Israel und Iran zu sprechen“? Wohl kaum. Den „Querdenker“ und „Nahost-Experten Michael Lüders“ zum Vortrag einzuladen, war demgegenüber kein Problem. (ZEIT-Online, 7. Mai 2012).

Dieses biographische Detail kann das positive Echo auf Lüders Buch freilich nicht erklären. Ich habe bislang lediglich eine einzige kritische Rezension gesehen (Stephan Grigat, Der Günter Grass der Politikwissenschaft, in: Jungle World, 7. Juni 2012)

Die Begeisterung dominiert. „Man würde dem Buch wünschen, dass es die Köpfe von Millionen meiner Mitbürger erreichen möge“, schwärmte Rupert Neudeck. Daniel Haufler (Berliner Zeitung) gab dem „brillanten Buch über den Irankonflikt“ die Auszeichnung „besondere Empfehlung“ auf der SZ/NDR-Bestenliste von Juni 2012, während es die Tageszeitung „junge Welt“ als „das derzeit wichtigste Antikriegsbuch“ rühmte.

Sein Buch trifft und verstärkt eine Stimmung, bei der sich das im Ausland als „German Angst“ beschriebene Phänomen mit dem tief eingefleischten Anti-Israelismus der deutschen Linken trifft.

Die Angst vor Krieg verwandelt sich in Wut – nicht in jedoch in eine Wut auf die Mullahs, die die Region umkrempeln und Israel beseitigen wollen. Sondern in unreflektierte Wut auf eben jene, denen es in den letzten 2000 Diaspora-Jahren immer schon verboten war, sich gegen Drohungen und Angriffe zu wehren.

Natürlich ist eine Debatte über die Frage, wie sich die iranische Atombombe noch verhindern lässt und welche produktive oder kontraproduktive Rolle ein Militäreinsatz hierbei spielt, notwendig und legitim. Von Lüders (wie von Grass) wird diese Debatte boykottiert. Hier werden keine Argumente abgewogen, sondern Gewissheiten geleugnet und Ressentiments mobilisiert.

http://www.matthiaskuentzel.de/contents/michael-lueders-und-die-reichen-new-yorker-juden?print=y

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Von deutschem Elend

Sonntag, 11. Januar 2015  Geschrieben von Lizas Welt

 

Fragmentarische Gedanken zu Abendländlern, Islamisten und Linken aus gegebenen Anlässen

Der Artikel macht deutlich: Nach dem Terror von Paris steht in den öffentlichen Reaktionen hierzulande nur die Warnung vor einer wachsenden Islamfeindlichkeit im Mittelpunkt. Der antisemitische Islamismus dagegen ist – und daran ändern auch die zahlreichen Beteuerungen, ebenfalls »Charlie« zu sein, nichts – nur insoweit ein Thema, als man es sich verbittet, dass »Pegida« die Bluttaten in der französischen Hauptstadt instrumentalisiert.

Wieder einmal tut man – und das angesichts der neuerlichen mörderischen Bluttat der Islamisten in Paris – so, als sei die Gefahr, die vom politischen Islam als totalitärer Ideologie ausgeht, ansonsten vernachlässigenswert. Bezeichnend ist auch, wie wenig über die jüdischen Opfer gesprochen wird, die es in dem koscheren Supermarkt in Paris gab. Nach einem Tag waren sie vergessen. Dabei hatte der islamistische Attentäter sich dieses jüdische Geschäft ganz gezielt ausgesucht, wie er selbst sagte : »Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des ›Islamischen Staats‹, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.« Auch das hätte ein Anlass zu sein, eher vor Judenfeindlichkeit zu warnen als vor Islamfeindlichkeit, zumal nach den antisemitischen Aufmärschen des vergangenen Sommers. Dass man den Skandal der Dauerbedrohung jüdischen Lebens in Europa hinnimmt, ist „eine der Wurzeln des Nachtschattengewächses Terrorismus. Kaum jemand schien zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, jüdische Menschen und Einrichtungen mit Polizeistreifen zu beschützen, sondern dass die Notwendigkeit für diesen Schutz das eigentliche Problem ist. So wie das eigentliche Problem am islamischen Terrorismus nicht die Qualität der Abwehrmaßnahmen dagegen ist, sondern dass diese Maßnahmen nötig sind.“ (Lizas Welt)

Heinz Gess

http://www.kritiknetz.de/index.php/beitraege-anderer-webseiten/1286-von-deutschem-elend

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Gegen Antisemitismus im Alternativmilieu!
Gegen die antizionistische Propaganda-Zentrale im Jos Fritz-Café!

 

Traum

An einer Wand im Gaza-Streifen steht die Parole „Frei- heit, Demokratie, Laizismus“. Ihr fühlt sich der Aufstand der Menschen in den palästinensischen Gebieten verpflichtet. Seit Monaten streiken sie und gehen auf die Strasse. Die Frauen haben ihre Schleier abgelegt, die Männer, die sich ihrer Bärte entledigt haben, rufen nicht „Allahu akbar“, sondern „Freiheit!“. Einige Monate hat die Revolte gebraucht, bis zunächst die Führungsriege der Fatah aus dem Westjordanland nach Paris, später die der Hamas nach Teheran geflohen ist. Die zweite Reihe in diesen Banden hat es mit Über- gangsregierungen versucht, doch die Palästinenser hatten ein für allemal genug von korrupten Herrscher- cliquen und islamischen Tugendwächtern – nach schwe- rem Kampf haben sowohl Hamas als auch Fatah ihre Waffen abgegeben, die Reste ihrer Anhänger das Land verlassen. Aus dem „Café Palestine“ in Ramallah wurde der Tanzclub „Freedom“, der an diesem Sonntag Abend seinen Beitrag zur Überwindung der von Banden und Familienclans regulierten sexuellen Verhältnisse mit der ersten palästinensischen Singleparty leistet. Israel, das der Revolte anfangs skeptisch gegenüberstand, hat Hilfe bei der restlichen Entwaffnung angeboten und disku- tiert derzeit, in absehbarer Zukunft die Mauer, die das Kernland von den palästinensischen Gebieten trennt, einzureißen:

Wird doch der Grund des Zauns mit der Auflösung und Entwaffnung der Terrorbanden hinfällig. In Europa lag eine solche Lösung des „Nahost-Konflikts“ ausserhalb der Kategorien, weshalb man sorgenvoll vor „Instabilität“ und „Machtvakuum“ warnt und anson- sten – wie immer – den Dialog beschwört. Die Palästinenser haben ihre Zukunft selbst in die Hand genommen, sie sind dabei, die Bedingungen zu schaffen, das politische und ökonomische Elend abzuschaffen.
… und Wirklichkeit

Leider entspricht nichts von dem der Realität: Die Parole steht nicht in Gaza-Stadt, sondern in Tunis, und zumindest so ähnlich scheinen sich die Ereignisse in Tunesien in den letzten Wochen zugetragen zu haben.

Gewiss, Vergleiche hinken immer; sage aber keiner, dass es auch nur irgendeinen Grund gäbe, warum ähnliche Ereignisse wie in den nordafrikanischen Staaten Tunesien oder Agypten nicht auch im Gazastreifen und im Westjordanland grundsätzlich möglich waren.

Ereignisse wie die beschriebenen – die sich eben nicht einfach ereignen, sondern von Menschen gemacht wären es, die die Bedingungen dafür schaffen würden, dass das Elend der Palästinenser endlich ein Ende finden kann. Ein Elend, das ihren arabischen „Freunden“ der Nachbarländer schon deswegen von Interesse ist, weil sie nur so als vorzeig- und einsetzbare Manövriermasse gegen Israel verwendbar sind.

  • Der bedeutende Faschismus-Theoretiker Gilad Atzmon auf der Stuttgarter Palästina-Konferenz im November 2010
  • „I believe that from certain ideological perspective, Israel is actually far worse than Nazi Germany, for unlike Nazi Germany, Israel is a democracy and that implies that Israeli citizens are complicit in Israeli atrocities.“
  • http://dissidentvoice.org/2011/02/truth-in-stuttgart/

Ein Elend aber auch, für das sich weite Teile der Palästinenser entschieden haben, als sie die Hamas wählten. Der Krieg gegen die Juden, gegen homosexu- elle Palästinenser, gegen Frauen, die nicht nur ihren Ehe- mann, sondern sogar ihren Freund oder Sexualpartner selbst wählen wollen, gegen so genannte Kollaborateure war ihnen wichtiger als die Freiheit und die Überwindung des Elends. Kein Landstrich dieser Erde, in dem es pro Kopf mehr Morde im Namen der Ehre gibt.

Doch während man darüber im „Café Palestine“ in Ramallah nur hinter vorgehaltener Hand reden kann – aus Angst vor den herrschenden Mörderbanden und ihren zahlreichen Anhängern –, schweigt man sich im „Café Palestine“ in Freiburg darüber ganz bewusst aus. Aus sicherer Distanz lässt man sich gerne und am liebsten von des Antisemitismus unverdächtigen Israelis erklären, dass die Palästinenser die letzten Opfer Hitlers seien, die Israelis also die Fortsetzung des Holocaust betreiben würden (so Gilad Atzmon, Gast des „Café Palestine“ am 13.3.2011, im ARTE-Interview). So et- was hört man in Deutschland gern, kann man seinen Judenhass doch problemlos als Antifaschismus verkleiden und sich selbst – ,gerade und vor allem als Deutscher‘ – als Weltrichter über die Juden und ihren Staat gewordenen Selbstverteidigungsversuch moralisch er- heben. Für das Elend der Palästinenser interessieren sich deren ungefragte Freunde immer nur, wenn man Israel dafür verantwortlich machen zu können glaubt. Dass die arabischen Israelis arabische Parteien in der Knesset wählen können und sich Bürgerrechten erfreuen, für die in anderen arabischen Staaten mit blutigen Folgen demonstriert wird, das wird man im „Café Palestine“ nie zu hören bekommen – auch nichts über die Geschichte der Palästinenser in den arabischen „Bruderstaaten“ Syrien, Jordanien und Libanon und auch nicht, warum die Palästinenser ihren Staat zweimal, als sie ihn hätten haben können, nicht wollten und es stattdessen vorzogen, den Krieg gegen Israel weiterzuführen.

Wo man weder zur Kenntnis nehmen will, dass Israel die Freiheiten, die sich die Palästinenser so drin- gend gegen ihre eigene Führung erkämpfen müssten, für seine eigenen Bürger eben militärisch gegen die Feinde der Freiheit verteidigen muss, noch sich für das Elend in Ländern interessiert, für das man Israel trotz allen bösen Willens nicht verantwortlich machen kann, ent- puppt sich die angebliche „Aufklärung“ über die Lage der Palästinenser als nur schlecht kaschierter Antisemitismus.

Während es in den vergangenen Jahrzehnten in der Linken noch umständlicher Klassenanalysen bedurf- te, damit die Antiimperialisten Israel als „Kettenhund des Kapitals“ beschimpfen durften, verzichtet der Antisemitismus heute auf ideologische Verrenkungen und zeigt seine völkische Blut- und Boden-Ideologie ganz offen.

Palästina den Palästinensern, denn schliesslich konnten die Juden „auf kein Territorium verweisen, das gewis- sermaßen das Kernland des Volkes darstellt.“ (CP-Re- ferent Werner Ruf). Nicht der Staat, sondern das Volk ist den heutigen „Friedensfreunden“ die Quelle allen Rechts und daher geht es auch mit dem Völkerrecht gegen Israel – ungeachtet der Tatsache, dass es ein Völkerrecht erst dann geben kann, wenn souveräne Staaten dies konzedieren. Aber die Souveränität Israels als bewaffnetem Schutz der Juden gegen den mörderischen Antisemitismus in der Welt ist den Palästinafreunden ein Dorn im Auge. Sie gerieren sich als Vertriebenenverbände, die mit dem geforderten Rückkehrrecht aller 4,7 Mio. palästinensischer „Flüchtlinge“ das Ende Israels als jüdischem Staat herbeisehnen.

Es ist jener Hass auf die Freiheit, die man sich selbst nicht nehmen lässt – kaum würden sich europäi- sche Palästina-Freunde gerne zwangsverheiraten, be- schneiden und ehrenmorden oder als „Kollaborateure“ aufgrund ihrer Kontakte zu Israelis töten lassen –, aber den Palästinensern verweigert. Aus der sicheren Ent- fernung wird die „Kultur“ der Palästinenser abgefeiert und man stimmt sich durch Vorträge auf die Grundma- xime all derer ein, die das „Schicksal“ der Palästinenser nicht ändern, sondern verewigen wollen: Dass die Juden und ihr Staat das Unglück seien, wie es die Feinde der Freiheit in Palästina und Europa, mögen sie sich Links-Partei, Hamas oder Café Palestine nennen, im- mer wieder aufs Neue propagieren – mit freundlicher Unterstützung der selbsternannten Verteidiger der Meinungsfreiheit, ohne die solche Propagandaveranstaltungen unmöglich wären. Deswegen kann die Forderung nur lauten:

Boykottiert das Café Palestina!

Das Café Palestine trägt seinen Namen ganz zu Un- recht. Angemessener wäre Café Anti-Israel, denn Inhalt und Ziel seiner Veranstaltungen ist die Denunzia- tion Israels, wie dessen bisherige Aktivitäten und Vorträge zeigen. Die in Freiburg gezeigte Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser“ denunziert mit offen manipulativen und propagandisti- schen Mitteln Israel als Aggressor im Nahen Osten. Während für Palästinenser „Menschenrechte für alle“

(Gabriele Weber, Organisatorin des CP) reklamiert werden, bleiben palästinensische Angriffe auf Juden, die offen ausgesprochene Vernichtungsdrohung sei- tens der angrenzenden arabischen Staaten, die 1948 in der Ankündigung eines „zweiten Holocausts“ durch die arabische Liga gipfelte, unerwähnt. Über die dominierenden politischen palästinensischen Kräfte wie El Fatah und Hamas und ihre antisemitische Ideolo- gie wird kein Wort verloren und damit ergreift das Café Palestine Partei für politische Kräfte, die für Raketenangriffe und Terroranschläge auf Juden verantwortlich sind.

Geradezu zwanghaft wiederholen die Vertreter des Café Palestine – im Einklang mit der Mehrheit der deutschen Presse – die Notwendigkeit einer „Kritik“ an Israel und stilisieren sich als David im Kampf gegen eine übermächtige Propadanda- und Manipulationsmaschinerie. Im Vorwurf, die „Israel- lobby“ (Gabriele Weber) würde Gegner mundtot machen, west der antisemitische Wahn der Weltverschwörung des Weltjudentums fort.

Ihre Propaganda gegen Israel legitimieren die Vertreter des Café Palestine über eine Schuld- abwehr. Deutschland habe den Opfern des Holocausts „Wiedergutmachung“ zukommen lassen (Hedy Epstein, Schirmherrin der Ausstellung) und sich mit seiner „Vergangenheit“ vorbildlich ausein- andergesetzt (Ingrid Rumpf, Ausstellungsmacherin), woran sich Israel ein Beispiel nehmen solle. Diese unerträgliche Instrumentalisierung der Nachgeschichte der Judenvernichtung dient allein dem Zweck, endlich als Deutsche über Israel richten zu dürfen. Der Versuch, Israel als faschistischen Staat darzustellen, wird auch in der Sprachwahl deutlich.

So ließ die Referentin Viktoria Waltz verlauten, zio- nistischen Kreisen sei es darum gegangen, Teile Palästinas „araberrein“ zu machen. Und natürlich betreibe Israel das Projekt eines „menschlichen, kul- turellen und geografischen Genozids“. Und so heißt es heute auch nicht mehr: „Kauft nicht bei Juden“, sondern am Büchertisch des Café Palestine: „Israe- lische Produkte – Nein Danke!“

V.i.S.d.P.:

Initiative Sozialistisches Forum, Wilhelmstr. 15/5, 79098 Freiburg, www.isf-freiburg.org, info@isf-freiburg.org

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„Hitler good – killed Jews“ – Kai Wiedenhöfers palästinensische Freunde und – die Diffamierung der Juden als die Nazis von – heute
Der Fotograf Kai Wiedenhöfer (Jg. 1966) möchte in Berlin auf den längsten erhaltenen Teil der Berliner Mauer Bilder des israelischen Antiterrorzaunes kleben und so seine Ausstellung „Wall-on-Wall“ begründen. Er nennt das Kunst, während es eine irreführende politische Propagandaaktion der übelsten Art ist, die Unvergleichbares gleichsetzt und mit der – wieder einmal – Hass gegen den Judenstaat und jene Bürger hierzulande, die für die politische Emanzipation der Juden eintreten, geschürt wird
Während die Nazis einst wirkliche avantgardistische Kunst, die die grauenvolle Wahrheit des kommenden Unheils ahnungsvoll ins Bild setzten, als zersetzende, entartete jüdische Kunst verboten, scheut man heute – wohl nur aus taktischen – Gründen noch vor dem Verbot solch dissonanter, avantgardistischer Kunst zurück, es sei denn man weiß den (islamischen) Mob und seine Führer hinter sich, wendet dafür aber alle politischen Mehrheitsbeschaffungstricks an, die ästhetisch ein wenig aufgemotzte Propadandalüge vom “ Juden“ als dem „eigentlichen Nazi“, der es doch besser wissen müsste, zur Kunst zu erklären, damit man ihn, der sich neuerdings – angeblich „völkerrechtswidrig“ – erdreistet, in einem eigenen Staat leben zu wollen, ins Unrecht setzen und seinen Mördern, die den Judenmord zum nachlesbaren Programm gemacht haben, mit der „Freiheit des Künstlers“ Sukkurs geben kann.

So ganz neu ist auch das nicht. Die ästhetisch dargebotenen Propagandalügen der Riefenstahls und Brekers wurden ja seinerzeit auch zur Kunst ernannt, und viele Deutsche halten sie noch heute dafür. Vielleicht finden die Berliner politischen Vertreter dieser „Kunstrichtung“ auch im „Stürmer“ noch einige Karikaturen, die in ihrem Sinne als Kunst durchgehen können und im Sinne von Wiedenhöfer auf die derzeitige Situation passen. Denn es ist ja bekannt, dass der palästinensische Mufti von Jerusalem seinerzeit mit dem Führer, der Deutschland war, paktierte, um das Völkerrecht des Urvolkes gegen die das „Urrecht“ des Volkes zersetzenden Juden mit der defintiven Vernichtung dieses Volksfeindes durchzusetzen und er deshalb so begeistert war von der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“. Da wird sich doch bei sorgsamer Durchsicht ein „Kunstwerk“ und Text finden lassen, die der Fotograf und Texter auf die Mauer projizieren kann, weil es auf die heutige Stuation passt, in der Israel abermals von Vernichtung bedroht ist, und damit zusammenwächst, was zusammengehört Ich habe da keinen Zweifel.
Clemens Heni schreibt dazu: „Das politische Weltbild, die Ideologie Kai Wiedenhöfers ist evident. Er ist stolz auf seine schwäbisch-protestantische Herkunft, er lässt Palästinenser unkommentiert davon reden, dass es gut gewesen sei, dass Hitler die Juden ermordete, ja rechtfertigt diese Sicht ganz gezielt, bewusst und explizit, wenn er im Anschluss an diese eklige Diffamierung sagt, dass die „eingepferchten Palästinenser nicht über den Zaun ihres Homelands Gaza schauen können.“ Palästinenser werden demnach von Israeli wie Tiere behandelt („eingepfercht“). In schuldprojektiver, geradezu paradigmatischer Art und Weise werden bei Wiedenhöfer die Juden zu Tätern, die sich der gleichen Methoden bedienten wie damals die Nazis bzw. die Deutschen im Nationalsozialismus. „Homeland“ wiederum hießen bekanntlich die Gebiete für die Schwarzen im Apartheidstaat Südafrika. Israel so eindeutig mit Südafrika gleich zu setzen ist antisemitisch. …
Der Fotograf und Texter generiert antiisraelische und antisemitische Ideologeme. Jede und jeder, die oder der mit ihm eine Ausstellung machen, wissen nun, dass es nicht die „Freiheit der Kunst“ ist, um welche es bei der geplanten antiisraelischen Fotoausstellung an der Berliner Mauer an der Mühlenstrasse in Berlin geht. Es geht um Hass auf Israel, weshalb Wiedenhöfer auch zu Hause bei sich das antijüdische Gedicht von Erich Fried herumhängen hat, welches die Juden als die Nazis von heute diffamiert.
Diese Töne sind jene des neuen Antisemitismus. Der Antiisraelismus ist der Antisemitismus nach Auschwitz. Kai Wiedenhöfer, Adrienne Goehler (als Kuratorin) und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg unter der Leitung von Dr. Franz Schulz (Bündnis 90/Die Grünen) sowie die Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung wollen demnach mit der geplanten Ausstellung „Wall-on-Wall“ diesem Antisemitismus Vorschub geben.
Sie wissen was sie tun.“ Clemens Heni hat Recht, so unfassbar das auch ist: Sie wissen es! Aber sie können nicht aufhören, sich und ihre Eltern/ Großeltern ins Recht zu setzen. Ihr selbstgerechter (kollektiver) Narzissmus – „Du bist Deutschland“- verwindet es nicht. Deshalb muss der Antisemit, wenn er schon zugibt, dass er oder die Seinen Unrecht hatten, dem Juden wenigstens die Schuld geben.Heinz Gesshttp://www.kritiknetz.de/index.php/antizionismusundantisemitismus/47-hitlergoodkilledjewskaiwiedenhoeferspalaestinensischefreundeunddiediffamierungderjudenalsdienazisvonheute Link zum Artikel (PDF): “ „Hitler good – killed Jews“ – Kai Wiedenhöfers palästinensische Freunde und – die Diffamierung der Juden als die Nazis von – heute“. Klicken Sie bitte hier.
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Der „neue Antisemitismus“ – altes Gift mit neuem Etikett
Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrates der Juden, hat in seiner ausgezeichneten
Rede in der Gedenkstunde zum 9. November in der Paulskirche der deuschen Linken Antisemitismus vorgeworfen. Daraufhin haben die Vertreter dieser Partei die Feierstunde verlassen.
Ich veröffentliche im folgenden die Rede Dieter Graumanns, damit Sie als Leser sich selbst ein Urteil darüber bilden können, ob die Feststellungen Baumanns „abstrus“ sind oder diese Linke nur borniert, ideologisch verblendet und völlig kritiklos gegenüber der eigenen Parteilinie ist.
Außerdem dokumentiere die Rede Dieter Graumanns „Der ’neue Antisemitismus‘ – altes Gift mit neuem Etikett“ aus dem Jahre 2004. Denn vielleicht ist der beleidigte Auszug der Linkspartei nur eine verspätete Racheaktion auf diese Rede.
Sie, verehrter Leser, sollten deshalb beide Reden kennen, um zu wissen, wessen Geistes Kind jene Linken sind, die sich so beleidigt geben, obgleich sie doch mit den reaktionärsten antisemitischen Rackets paktieren und sie auch noch zur Avantgarde der Emanzipation erklären. Aber das haben sie wohl gemeinsam, die einen und die anderen: Sie sind immerzu beleidigt, wenn man ihre Lügen nicht akzeptiert, sondern sie als das bezeichnet, was sie sind: nämlich Lügen, mögen sie sich auch auf Gott oder Karl Marx berufen.Ich kommentiere die Reden Graumanns bzw. die Reaktion „der Linken“ in der erweiterten Einleitung
Über den unter Linksdeutschen weit verbreiteten, als Antizionismus nur noch schlecht verkleideten Antisemitismus sind im Krtiknetz im übrigen schon viele andere Aufsätze veröffentlicht worden, zuletzt:
Harry Waibel, Kritik des Anrtisemitismus in der DDR
Kommentar:
Daraufhin haben die Vertreter dieser Partei die Feierstunde verlassen. Solche „abstrusen Vorwürfe“ lassen sich die Herren, die auch Damen sein können, von niemandem „gefallen“, erst recht nicht von einem Juden und Zionisten. Was bildet sich dieser Graumann nur ein, mag es in ihnen denken. Wieder solch ein Exemplar vom Typus des „arroganten Juden“, sowie ihn Möllemann seinerzeit bereits gesichtet hat, von dem heute an den meisten linksdeutschen Stammtischen gemunkelt wird, irgendwie habe er ja recht gehabt. Wieder ein Fall von jüdischem Deutschenhass, diesmal aber gezieltem Hass auf das Linksdeutschtum, weil es zur Zeit das deutscheste von allen ist.
Aber warum nur den Saal verlassen, wenn die „Vorwürfe“, die im übrigen keine Vorwürfe, sondern Beschreibungen und Argumente waren, so „abstrus“ sind und Herr Graumann nur unter einem „abstrusen“ Verfolgungswahn leidet? Über haarsträubende „Abstrusitäten“ kann man doch nur lachen. Da kann man doch gelassen bleiben.Die aufgeregte Reaktion spricht eine andere Sprache:
Sie sind Ausdruck heftige Abwehr im psychodynmischen Sinne. Denn mittlerweile pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass der Antizionismus und der Israelhass der Linken der alte Antisemitismus in neuer Verkleidung ist, einer Verkleidung, die freilich mittlerweile so durchsichtig geworden ist, dass jeder, der kein Antisemit ist, die wirkliche Fratze dahinter erkennen kann: dieselben Stereotypen, dieselbe Denunziation, dieselbe Dämonisierung, dasselbe Mobbing und dasselbe Beschweigen, Weggucken, Nicht-Sehen-Woillen auf der Seite der Mehrheit. Gleichgültigkeit, Sich-nicht-den-Mund-verbrennen- wollen, Mitmachen, all das beherrscht heute wieder wie ehedem die Szene. Auch die antizionistische und antiamerikanische Deutschlinke ist ja eine Macht, besonders an den deutschen Hochschulen – und da möchte man sich dann doch lieber als „Intellektueller“ heraushalten.Was tun, wenn in dieser Stiuation der Vizepräsident des Zentralrats der Juden den Antisemitismus der Linken thematisiert?
Auch hier die alte deutsche Kameradschaftsreaktion: Die Reihen fest schließen, zusammenhalten, die antisemitischen Kameraden in der „jungen Welt“ und im „Zentralorgan“ verteidigen, was das Zeug hält, den Kritiker zum „Feind“ oder „Irren“ oder „Kriegstreiber“ erklären, sich nur ja nichts bieten lassen, Herr bleiben und Krieg führen im Namen des deutschen Friedens, „Augen zu und durch“ und auf die Gelegeheit warten, um es dem Juden heimzuzahlen, der Israel und der Zionist ist. Jetzt erst recht! Als Reaktion am besten sofort Ahmadinedschad oder Hamasvertreter einladen oder dem Antisemiten Chomsky, der angeblich keiner sein kann, weil er jüdischer Abstammung ist, einen Preis verleihen. So ungefähr sieht das Reaktionsmuster unter antizionistischen Deutschlinken aus. Sie wiegen sich dabei in der Gewissheit, per defintionem keine Antisemiten zu sein, sondern wahre „revolutionäre Volksbefreier“, die gegen den Zerstörer des Volkes, Israel, kämpfen. Das alte völkische Nazi-Stereotyp von den Juden als den Zerstörern echter Völker und von sich selbst als den ‚revolutionären Volksbefreiern‘ wird allen Ernstes benutzt, um sich als „Volksbefreier“ zu definieren, die keine Antisemiten seien. Verkehrter geht es nimmer. Das ist die wirkliche ‚Abstrusität‘ in Deutschland, das mehrheitich zu dieser abstrusen Verkehrung schweigt oder aktiv dabei mitmacht.Nach Auschwitz kann man in Deutschland kein Antisemit alter Fasson mehr sein. Man kann nicht einmal mehr „guten Gewissens“ den Antisemitismus als unwichtigen Nebenwiderspruch abtun, obgleich die Linke das sehr gerne tun möchte. Was also tun, wenn der unbearbeteite negative Affekt aus gesellschaftlichen Gründen wirksam ist ist wie eh und je und auf rasche „revolutionäre Abfuhr“ drängt?
Die Lösung ist so einfach wie immer in Deutschland und paradigmatisch für deutsche Ideologen. Man ernennt sich flugs zum der Retter vor Auschwitz, während man denjenen die politische Unterstützung gewährt, die das Verbrechen wiederholen und die Endlösung zu Ende bringen wollen.
Das geht so: Alle Linken sind per Setzung Antifaschisten. Also ist der jüdische Staat, den man hasst, per Setzung der Nazi-Staat. Als Nazistaat plant Israel selbstverständlich die Auslöschung des Ur-volks der Araber. Das aber darf der deutsche Antifaschist nicht dulden. Das wäre ein „neues Auswitz“, denkt es in dem linkdseutschen Antifaschisten. Deshalb muss er mit aller Macht gegen Israel vorgehen, sich mit allen Mächten solidarisch erklären, die ebenfalls mit aller Macht gegen Israel vorgehen, und es am besten, wie es einst mit Deutschland geschah, dem Boden gleichmachen. Das wäre die vollebdete Rache, die ihre „Wiedergutmachung“ ib der ideologischen Form des ‚gerechten Antizionismus‘ Ahmadinedschad hat aus Sicht dieser Linken Recht recht! Er war nur so dumm, aller Welt deutlich zu machen, dass sein eliminatorischer Hass auf den jüdischen Staat nichts anderes ist als der alte Antisemitismus. Das war aus ihrer Sicht sein Fehler. Er, nicht aber sein Vernichtungswille, schmerzt den linksdeutschen Anitzionisten. Denn das macht es ihnen nun schwer, Ahmadinedschad vorbehaltlos zur Seite zu springern, wie sie es vom Affekt her gerne möchten. Denn wie soll sie jetzt noch das Gesicht wahren? Ahmadínedschad hat seiner „gerechten Sache“ damit keinen Gefallen getan, so sehen es die meisten deutschen Antizionisten. Er hat die neudeutsche Ideologie durchkreuzt und allen die schreckliche Wahrheit des Antizionismus, auch des linksdeutschen, vor Augen geführt. Hätte er doch nur geschwiegen, denkt es da in manchem Linksdeutschen, das „befreiende Bündnis“ gegen den Zerstörer der Völker und, der Zersetzer und Kriegstreiber wäre um vieles leichter gewesen.Kein Trost kann es da sein, dass andere auch nicht besser sind, die Christsozialisten (Blüm, Neudeck) nicht, die  katholische Organisation Pax Christi nicht, die in der alten zweitausendjährigen Manier des neurotischen, judenfeindlichen Christentums, das nicht mit Jesus selbst verwechselt werden sollte, der Welt den „Frieden Christi“ bringen will, Franzosen nicht und Spanier nicht. Die neu-rechte Ideologie des Alain de Benoists, dessen Kern der Antisemitismus ist, ist in Frankreich mittlerweile geradezu hegeomonial und Solana, der Außernmimister der EU, spricht dieselbe anti-zionistische, neu-rechte-linke Sprache. Ist er Antisemit oder einer der Mitläufer, die es nicht wissen wollen und sich um des guten Einvernehmens willen mit anderen Mächtigen nicht den Mund verbrennen wollen? Ich weiss es nicht. Es ist auch fast schon gleichgültig geworden. Schuld sind auch die letzteren an dem Unheil, das über Israel, Europa und der Welt schwebt. Sie heulen mit den Wölfen (s. mein Artikel über Helmut Schmidt) und verraten dadurch die hlnfällig bessere, aber immer noch zutiefst ungerechte Lebensweise des liberalen Kapitalismus, in dem die Tür  zur beseren Praxis wenigstens noch einen Spalt breit offen gehalten werden könnte, wenn die größeren Teile der Linken nicht solch bornierte Feinde der Freiheit- eine Feindschaft, die sich in der Parole gegen den „Neo-Liberalismus“, die bezeichnenderweise keinen Unterschied macht zwischen dem Marktliberalismus und dem politischen Liberalismus (s. dazu die Aufsätze von Marcuse im Kritiknetz) versteckt – und – was dazu passt – Antisemiten wären. So aber schließt sich der Spalt auf lange Zeit und übrig bleibt nur noch die Verteidigung des hinfälligen, ungerechten Besseren gegen die barbarische ReaktionDeutschland wieder einmal: Die Speerspitze der ideologischen Verkehrung.
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“. Das hat sich nicht geändert. Link zum Artikel (PDF): „Der „neue Antisemitismus“ – altes Gift mit neuem Etikett „. Klicken Sie bitte hier.
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Anti-Semitismus bei deutschen Anti-Imperialisten

 

Freitag, 18. Dezember 2009  kritiknetz.de
Geschrieben von Harry Waibel
Das Hamburger Programmkino B-Movie wollte, zusammen mit der Gruppe Kritikmaximie­rung, den Film „Warum Israel?“ von Claude Lanzmann zeigen. Doch die Aufführung, sie war für den 25. Oktober 2009 geplant, wurde von ca. 30 bis 40 Hamburger anti-faschistischen Anti-Imperialisten (Sozialistische Linke, Tierrechtsaktion Nord) aus dem benachbarten Zent­rum B5, mit Gewalt ver­hindert. Ihr Ziel war es, eine „pro-zionistische Veranstaltung“ und „Hetze“ zu verunmöglichen, um damit auf die rassistische Unterdrückung der Palästinenser durch „Apartheid“ aufmerksam zu ma­chen. Jedoch soll, laut taz-Nord, gerufen worden sein: „Judenschweine“, was von den Tätern bestritten wird. Eine Gruppierung des Hamburger Landesverbands der Partei Die Linke hatte das krude Rechtfertigungsschreiben der Anti-Imperialisten auf ihre Homepage gestellt, sich später je­doch davon distanziert. Warum ist die Behauptung von deutschen Linken anti-semitisch, Israel sei ein „zionistischer und rassistischer Staat“ und wie sind sie zur Ideologie des Anti-Zionismus ge­kommen?Ich nehme diesen anti-semitischen Vorfall in Hamburg zum Anlass, um die Entstehung der Ideolo­gie des Anti-Zionismus zeithistorisch und anhand öffentlich zugänglicher Texte zu re­flektieren.

Wie weit die anti-semitischen Feindseligkeit in der Linkspartei bereits gediehen ist, zeigt eine Stel­lungnahme von Dieter Dehm (MdB) auf der großen Demonstration „Wir zahlen nicht für eure Krise“ am 28. März 2009 in Frankfurt/M. Der Vorsitzende der Linkspartei O. Lafontaine wurde dort bei seiner Rede aus dem Schwarzen Block mit Eiern beworfen. Daraufhin denunzierte Dehm in einer Presseerklärung diesen Vorgang mit den Worten: „Militante fanatisierte Anhänger von isra­elischer Regierung und Ge­heimdienst haben gestern den Vorsitzenden der Partei DIE LINKE in Frankfurt am Main gewalttätig angegriffen.“ Was soll man zu so einem Unsinn noch sagen?
Wie kompliziert die Lage ist, zeigt eine Stellungnahme der Redaktion der wildcat in ihrem neuesten Heft. Unter der Überschrift „Nur wenn wir das antiimperialistische Erbe überwinden …“ machen sie es möglich über vier Seiten über das Scheitern des bisherigen Anti-Imperialismus und der Mangel eines revolutionären Ausblicks zu schwadronieren, ohne den nucleus des bestehenden anti-se­mitisch verfassten Anti-Zionismus auch nur mit einem Wort zu er­wähnen. So wie die Dinge liegen, werden radikale und revolutionäre Linke in diesem Land nicht an der Analyse und der Kritik dieser verdorbenen Ideologie vorbeikommen.
Jürgen Elsässer, ehemaliger linker Journalist, hat sich mit seinen Sympathien für den anti-semiti­schen Präsidenten der islamischen Republik Iran, Ahmadinedschad, sich nicht nur von der Linken, son­dern auch gleich vom Anti-Fa­schismus verabschiedet. Er wird jetzt wahrgenommen als ein Anti-Semit, als ein Volksverhet­zer gegen Demokratie und den Staat Israel, wenn er die Protestierer vor dem linken Club Voltaire als „zionistisch/antideutsche Faschisten“ denunziert. Er hat alle vernünf­tigen Maß­stäbe in seiner verdorbenen Argumentation verloren, die er höchst wahrscheinlich gehabt ha­ben muss, wie sonst wäre seine langjährige Karriere durch linke Medien zu verstehen.
Damit komme ich zurück zum Kern dieser Studie über den anti-semitischen Anti-Zi­onismus deutscher Anti-Imperialisten. Durch ihre phantasierte Transformation der Op­fer der Shoa zu fa­schistischen und rassistischen Massenmördern, müssen die Palästinenser als Opfer dargestellt wer­den, denen die Anti-Imperialisten als Anti-Faschisten zur Hilfe eilen. Dies ist der Kern der Ideolo­gie des Anti-Zionismus, wie er von Marxisten-Leninisten in die Welt gesetzt wurde und wie er bis heute praktiziert wird.

Harry Waibel

hier (73.62 KB)  bitte weiterlesen

http://www.kritiknetz.de/index.php/antisemitismus/558-anti-semitismus-bei-deutschen-anti-imperialisten

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Der Judenhass der Mitte

Oktober 18, 2014 tapferimnirgendwo.com

Es hätte keinen Krieg in Gaza gegeben, hätten die Juden sich abschlachten lassen. Die Häuser in Gaza würden noch stehen und die Kinder von Gaza noch leben, hätten die Juden sich vernichten lassen.

Die Gründungscharta der Hamas fordert in Artikel 7 die Vernichtung aller Juden weltweit als Notwendigkeit für einen Frieden. Minister der Hamas erklären Juden in öffentlichen Reden zu Bakterien, die ausgerottet gehören. Im palästinensischen Fernsehen werden Kinder dazu erzogen, Juden töten zu wollen. All die abertausend Raketen, die manchmal in nur wenigen Tagen auf Israel abgefeuert werden, werden von der Hamas allesamt in der verfassungsmäßigen Absicht eines Holocausts abgefeuert. Der geplante Massenmord an das jüdische Volk im Nahen Osten wurde bisher jedesmal von Israel verhindert. Israel holte die Vernichtungswaffen mit dem Iron Dome vom Himmel und sorgte mit der Zerstörung jener Anlagen in Gaza, die dazu errichtet wurden, den Massenmord an Juden zu verwirklichen, für Leben und Sicherheit.

Die Kinder in Gaza mussten daher sterben, weil sich Juden nicht einfach vernichten lassen und die Hamas ihre Kinder als Schutzschilde missbraucht. Wer Israel kritisiert, weil Kinder in dem Krieg sterben, wer sogar “Kindermörder Israel” ruft, verlangt nichts weiter von Juden, als sich abschlachten zu lassen.

Jetzt wird Gaza wieder aufgebaut und bekommt dafür aus allen Ecken der Welt Geld. Mittlerweile hat ein Mensch in Gaza, der von einer Partei regiert wird, die alle Juden vernichten will, mehr finanzielle Unterstützung bekommen als ein Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Marshall Plan, und die Deutschen wurden einst auch von einer Partei regiert, die alle Juden vernichten wollte.

Die Menschen in Gaza sollten das Geld langsam mal nutzen, um eine friedliche Gesellschaft aufzubauen, anstatt das Geld in Waffen und Tunnelsysteme zu stecken, um so dem Hass zu frönen, Juden zu töten. Würde die Regierung das Geld in den wirtschaftlichen Aufbau stecken, gäbe es keinen Krieg mit Israel. Israel ist nämlich tausend Mal lieber von Geschäftsleuten umgeben als von Feinden.

Wenn die Menschen in Gaza das Geld jedoch wieder in Waffen, Raketen und Terrorismus stecken, um Juden zu töten, wird es wieder Krieg, Zerstörung und tote Kinder geben; und vermutlich werden wieder mache Medien die toten Kinder zeigen, ohne zu erwähnen, warum sie sterben mussten: weil sich Juden nicht mehr abschlachten lassen. Stattdessen werden viele wieder Israel kritisieren und von einer unverhältnismäßigen Reaktion Israels sprechen, ganz so als könne es eine verhältnismäßige Reaktion auf die Absicht eines Holocausts geben. Manche werden fordern, Israel müsse verhandeln, ganz so als könne man über die erklärte Absicht eines Massenmords verhandeln, vier statt sechs Millionen Morde in zwanzig statt in zehn Jahren.

Der einzige Grund, warum die NSDAP damals den Völkermord an Juden durchführen konnte, während die Hamas heute daran scheitert, ist der Tatsache geschuldet, dass Israel existiert und Juden verteidigt. Dem Staat Israel vorzuwerfen, die erklärte Absicht des Völkermordes an das jüdische Volk zu verhindern, ist nicht nur eine der widerlichsten Formen des zeitgenössischen Judenhasses, sondern auch die verbreitetste Form. Es ist der Judenhass der Mitte, der sich auch regelmäßig in den Tagesthemen und dem Heute Journal Bahn bricht.

Es ist die Kritik an Juden, weil sie sich wehren!

http://tapferimnirgendwo.com/2014/10/18/der-judenhass-der-mitte/

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Antisemitismus online: Der NDR scheitert an seiner eigenen Arroganz

Im NDR leistet sich eine Redakteurin einen unglaublichen antisemitischen Ausritt. Erst als der Protest der Leser überbordet, reagiert der Sender – und sagt, der Text hätte nicht veröffentlicht werden dürfen. Stunden später geht die schlimmste Passage endlich vom Netz. Der verstümmelte Text bleibt. Der NDR wird zum Opfer seiner eigenen Selbstgerechtigkeit.

NDR-Chef Lutz Marmor ist gefordert: Den Zeigefinger nicht immer nur gegen die anderen erheben. (Foto: dpa)

Die öffentlich-rechtlichen Sender präsentieren sich gern als Hort der Aufklärung. Sie behaupten, dass sie sich dem Kampf gegen das Ressentiment verpflichtet fühlen. Das ist auch lobenswert – und in der Tat haben die Sender viel zur Information, zur Aufklärung über Antisemitismus und Rassismus beigetragen.

Daher will es einem einfach nicht in den Kopf, dass ausgerechnet beim NDR ein ganz übles antisemitisches Klischee publiziert wird. Und es will einem noch viel weniger in den Kopf, dass der NDR, der sonst bei jedem Verdacht von „Rechtspopulismus“ auf die Barrikaden geht, bei einem Skandal im eigenen Haus nicht in der Lage ist, richtig zu reagieren – nämlich den Mist in dem Moment vom Netz zu nehmen, in dem man ihn entdeckt.

Eleonore Büning schildert in einem lesenswerten Text in der FAZ die Ausgangslage:

„Als gäbe es beim Radio gar keine Redakteure mehr, die offen antisemitische Entgleisungen bemerken und verhindern könnten, spekuliert eine NDR-Kommentatorin über das etwaige Konkurrenzverhältnis zwischen Petrenko und seinem Dirigentenkollegen Christian Thielemann und vergleicht, da die beiden ja demnächst wieder in Bayreuth auftreten werden, den einen, Thielemann, als ,Experten deutschen Klanges‘ mit Wagners nobler Wotan-Figur, den anderen, Petrenko, mit der Figur des Alberich, dem ,winzigen Gnom, der jüdischen Karikatur‘.

Die Leser reagieren zu Recht empört auf dieses stumpfsinnige antisemitische Klischee. Ein Leser entlarvt den Kommentar als sachlich falsch:

Der Kommentar ist nicht nur antisemitisch sondern auch von strahlender Dummheit, denn nicht der Nachtalbe Alberich, immerhin Herrscher über das Nibelungenheer, ist die Karikatur eines Juden im Ring, sondern Mime. Aber egal jetzt wie, der ganze Kommentar und auch einer in der ‚Welt‘ strotzt vor antisemitischer Gehässigkeit. Das ist jetzt anscheinend in Deutschland wieder möglich.

Doch statt die einzig richtige Konsequenz zu ziehen, nämlich sich Asche aufs Haupt zu streuen, einzugestehen, dass es sich hier um eine Entgleisung handelt, sich bei Petrenko zu entschuldigen und das Machwerk zu löschen, reagiert der NDR zunächst trotzig und selbstgerecht mit folgender „Anmerkung der Autorin“:

„Eine Gleichsetzung des Dirigenten Kirill Petrenko und der Wagnerschen Ringfigur Alberich habe ich in meinem Kommentar keinesfalls beabsichtigt. Sollte dieser Eindruck entstanden sein, bedaure ich dieses. Es ging vielmehr um eine Szenenbeschreibung aus dem ,Ring‘, die die Gedankenwelt Richard Wagners, die in Bayreuth eine zentrale Rolle spielt, widerspiegelt.“

Die Leser erkennen die billige Finte. Einer schreibt:

„Ich bin fassungslos. Diese Stellungnahme beleidigt unsere Intelligenz. Dass Ihnen das nicht bewusst sein kann, ist kaum zu glauben. Phänomenal schlecht beraten ist Ihre Redaktion. Ihre Journalistin möchte zu ihren Wörtern bitte selber Stellung nehmen.“

Ein anderer kommentiert:

„Man kann es drehen wie man will: Dieser Text, der einen Zwist zwischen Thielemann und Petrenko konstruieren möchte, ist widerlich und stochert in einer ziemlich braunen Soße. Da nützt es wenig, sich als Journalist auf die Gattung ,Kommentar‘ zu berufen oder noch so viele Fragezeichen zu verwenden…“

Danach scheint man bei NDR zu erkennen, dass hier vielleicht doch die Kritiker recht haben könnten. Der „Missverständnis-Text“ wird durch folgende Mitteilung von Barbara Mirow, Programmchefin NDR Kultur, ersetzt:

„Die Redaktion von NDR Kultur bedauert die Veröffentlichung des Kommentars ,Petrenko vs. Thielemann?‘. Die darin verwendete Analogie zu Figuren des Wagnerschen Rings hätte nicht gewählt und der Kommentar aus diesem Grunde nicht veröffentlicht werden dürfen. Beim Abnahmeverfahren der Redaktion hat es diesbezüglich Versäumnisse gegeben. Die Redaktion wird sicherstellen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen.“

Warum aber lässt man das Machwerk dann online? Zur Dokumentation des eigenen Versagens? Um weitere Klicks zu generieren? Warum muss dieser braune Müll tagelang öffentlich bleiben? Wir absurd ist die Aussage der Programmchefin, mal werde „sicherstellen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen“ – wenn zur selben Zeit der Fehler mit jedem Aufruf der Seite wiederholt wird? Kann sich die Programmchefin nicht einmal eine Sekunde in die Person vor Petrenko ode seiner Familie, seiner Freude, in die Philharmoniker versetzen, die alle diese Schmähung immer noch lesen müssen? Sind die NDR-Leute von ihrer eigenen Überheblichkeit so geblendet, dass sie glauben: Wenn ich Unsinn lösche, räume ich ein, dass ich Unsinn geschrieben habe – und das könnte mir als Schwäche ausgelegt werden?

Erst am Freitag um etwa 19.30 Uhr geht die Passage online: Ganze drei Tage brauchten die Tugendwächter aus Hamburg, um zu schreiben:

[Ursprüngliche Passage wurde von der Redaktion entfernt.]

Die Sache läuft ziemlich unehrlich ab: Am Freitagabend steht über dem Text immer noch: Stand: 25.06.2015 10:21 Uhr – Lesezeit: ca.2 Min. Da war der Text aber schon mindestens zweimal geändert worden.

Warum entfernt man nicht den ganzen Müll? Warum kämpft der NDR ein solch verbissenes Rückzugsgefecht? Diesen nun erst recht verstümmelten Artikel braucht kein Mensch. Er sollte ersetzt werden durch eine schlichte Mitteilung:

Wir, die Redakteure vom NDR, haben Mist gebaut. Wir entschuldigen uns bei dem Dirigenten Kirill Petrenko für eine unverzeihliche Entgleisung. Wir geloben, künftiger weniger Energie darauf zu verwenden, uns über andere zu erheben, sondern bei all unseren Texten künftig vor dem Schreiben intensiv nachzudenken.

Tatsächlich zeigt die Entgleisung, dass antisemitische Klischees auch durch Jahrzehnte der Reflexion der Verbrechen des Nationalsozialismus nicht ausgerottet werden können. Das Schlimme an dem NDR-Ausritt ist, dass er ein Milieu behelligt, in dem der Antisemitismus tatsächlich überwunden ist: dem der klassischen Musik. Top-Musiker aus allen Religionen, Nationen und Kulturen spielen heute in allen Spitzenorchestern der Welt. Ihre Herkunft ist unter Musikern unerheblich. Niemand fragt sie danach, sie brauchen sie vor niemandem zu rechtfertigen. Es zählt nur die Leistung, um ganz an die Spitze zu kommen. Die Berliner Philharmoniker sind in dieser Hinsicht genauso selbstverständlich multikulturell wie die Wiener Philharmoniker oder das NDR-Symphonieorchester.

Dies macht den Kommentar so übel: Er stammt nicht von einem blindwütigen Antisemiten, der seine Lektion bei den Hass-Predigern der arabischen Welt gelernt hat. Der Kommentar kommt aus dem angeblich so aufgeklärten, bürgerlichen Milieu Norddeutschlands. Er stammt aus dem Haus NDR Kultur, das eigentlich ein Refugium sein soll, in dem Toleranz und Respekt nicht bloß gepredigt, sondern verstanden worden sind. In der klassischen Musik gibt es keinen Platz für Antisemitismus. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk scheint man es dagegen nicht ganz so genau zu nehmen. Die braune Soße bleibt online, und die Gebührenzahler sind die Geisel dieses Ungeists.

Ressentiments werden nicht durch moralische Appelle an die Welt eliminiert, sondern durch harte intellektuelle Disziplin. Die deutschen Medien haben in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahrzehnten viel Gutes geleistet. Doch offenbar stehen wir immer wieder am Anfang und müssen den den jungen Kollegen genauso wie den alten Verantwortlichen das kleine Einmaleins auch in Sachen Klischees und Antisemitismus weiter beibringen.

Viele Fehlentwicklungen sind allerdings die Folge von überzogener Selbstgerechtigkeit. Dieser Ungeist ist bei den öffentlich-rechtlichen Sendern immer wieder zu finden. „Wir sind die Guten“, denkt man dort. Antisemitismus bekämpft man aber nicht, indem man in jeder Sendung fünfmal „Rechtpopulismus!“ schreit. Die Ausrottung des Antisemitismus ist keine Frage des Pathos, sondern eine des nüchternen Handwerks.

Die Sender bekommen 8 Milliarden Euro jährlich vom Gebührenzahler. Davon muss doch wenigstens ein gebildeter Redakteur zu finden sein, der das wuchernde Unkraut erkennt und es vor der Veröffentlichung ausreißt. Und ein weiterer müsste zu finden sein, der das Unkraut ausreißt, wenn die Leser den Sender kritisieren. Und ein dritter könnte der Programmchefin sagen, dass es besser ist, braune Soße zu löschen als sie kommentiert weiter online zu lassen.

Die völlig unzureichende Reaktion des NDR zeigt, dass die Verantwortlichen Teil des Problems sind. Mit hohlem Pathos und weinerlicher Selbstkritik kann man sich zwar der Illusion hingeben, „Größe“ gezeigt zu haben. Doch die Wiederholungsgefahr wird nur ausgeschalten, wenn der NDR vor der Veröffentlichung von Texten und dem Senden von Sendungen eine Sicherung einbaut. Diese Instanz muss eine Rückbindung in die Realität sein. Sie muss sich darauf berufen dürfen, dass Dummheit, Rechtspopulismus und Ressentiments nicht das Monopol „der anderen“ sind, sondern im Elfenbeinturm der Sender genauso wuchern wie im Rest der Welt.

Eine solche neue Bescheidenheit wird der Berichterstattung sehr guttun. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben mit ihrer Überheblichkeit und Arroganz genug Schaden angerichtet. Die Sender lechzen nach ihrer „Götterdämmerung“, ganz profan, dafür aber flächendeckend.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/06/26/antisemitismus-bleibt-online-der-ndr-scheitert-an-seiner-eigenen-arroganz/

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Stand: 25.06.2015 10:21 Uhr – Lesezeit: ca.2 Min.
Petrenko vs. Thielemann?
von Sabine Lange
Der russische Dirigent Kirill Petrenko © dpa - Bildfunk Fotograf: Victoria Bonn-Meuser

Designierter Chef der Berliner Philharmoniker: Kirill Petrenko.

Jetzt einmal Mäuschen sein am Grünen Hügel von Bayreuth. Christian Thielemann probt für die Festspieleröffnung im Juli Katharina Wagners Neuinszenierung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Ein Werk, das für seinen exzessiven Wahnsinn berühmt und berüchtigt ist. Für seinen emotionalen Ausnahmezustand.

„Tristan“ in Bayreuth – für den deutschen Dirigenten mit explizit deutschem Repertoire ein Höhepunkt seiner Karriere – und gleichzeitig muss Christian Thielemann in diesen Tagen die tiefste Demütigung seines Lebens ertragen. Jeden Tag und noch wochenlang muss Thielemann auf dem Grünen Hügel jetzt dem begegnen, der sich als sein schärfster Konkurrent erwiesen hat, dem, der ihm das Kostbarste vor der Nase weggeschnappt hat: Ring-Dirigent Kirill Petrenko – designierter Chef der Berliner Philharmoniker. Ein Posten, auf den Thielemann nicht nur spekuliert hatte, er hatte fest mit ihm gerechnet.

Ist der gedemütigte Gott seiner Herrlichkeit beraubt?
Christian Thielemann © imago/Manfred Siebinger

Christian Thielemann hat nicht nur auf den Chefposten der Berliner Philharmoniker spekuliert, er hatte fest mit ihm gerechnet.

Thielemann, in Berlin geboren, ausgebildet vom legendären Herbert von Karajan, der über 30 Jahre die Berliner Philharmoniker prägte, Thielemann, ein weltweit gefeierter Experte des deutschen Klanges, ein Klangzauberer, der einst auch im Ruf stand, seine Musiker wie kaum ein anderer in den Bann ziehen zu können, ausgerechnet er wird verschmäht von seinen Leuten? Er, nach dem Tod des Patriarchen Wolfgang Wagner der neue Hausgott von Bayreuth?

[Ursprüngliche Passage wurde von der Redaktion entfernt.]

Hexenkessel aus Tradition und Zorn

Das Festspielhaus in Bayreuth © picture-alliance/ dpa Fotograf: Daniel Karmann

Das Festspielhaus in Bayreuth Ort: für Dramen und große Oper.

Und wie wird sich Kirill Petrenko jetzt in seinen Ring-Proben am Grünen Hügel fühlen, der als ebenso genial wie hochsensibel gilt? Noch vor kurzem teilte Petrenko öffentlich mit, er würde angesichts des unsäglichen Führungsstils am liebsten in Bayreuth vorzeitig hinschmeißen – eine Festspielleiterin verbietet der anderen das Haus, Thielemann droht, nicht zu dirigieren, wenn Eva Wagner-Pasquier anwesend sei etc. etc..

Wird Petrenko diesen Hexenkessel des traditionell schon berüchtigten Wagner-Clans heil überstehen, in dem jetzt noch als zusätzliche Zutat der Zorn des öffentlich gedemütigten Konkurrenten brodelt?

Stellungnahme

Die Redaktion von NDR Kultur bedauert die Veröffentlichung des Kommentars „Petrenko vs. Thielemann?“ in seiner ersten Fassung. Die darin verwendete Analogie zu Figuren des Wagnerschen Rings wurde entfernt, denn sie hätte nicht gewählt und der Kommentar aus diesem Grunde nicht veröffentlicht werden dürfen. Beim Abnahmeverfahren der Redaktion hat es diesbezüglich Versäumnisse gegeben. Die Redaktion wird sicherstellen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen.

Barbara Mirow, Programmchefin NDR Kultur

https://www.ndr.de/kultur/musik/klassik/Petrenko-vs-Thielemann,petrenko102.html

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German media antisemites come crawling over Kirill Petrenko

June 26, 2015 by norman lebrecht slippedisc.com


Two responses in German media to the election of Kirill Petrenko as chief conductor of the Berlin Philharmonic have been decidedly hostile, verging on racist.

Sabine Lange on NDR Kultur drew an unfavourable comparison between the rejected candidate Christian Thielemann, ‘a world acclaimed expert in the German sound’, and the Russian-born Petrenko, ‘ the tiny gnome, the Jewish caricature of Alberich’ who threatens to seize power.

If that’s not bad enough, Manuel Brug in Die Welt points out that three leading conductors in Berlin are now Jews – Barenboim and Ivan Fischer are the others. Unhelpful and unnecessary, the more so since the three are so different in almost every aspect of character.

Both are castigated by the magisterial Eleanora Brüning in the Faz for disseminating racist clickbait, but the damage has been done. Lange on NDR has appended a semi-apology to her post, saying she was using Wagnerian rather than racist imagery when comparing Petrenko to Alberich. She misses the point entirely.

Two German publications find fault with Kirill Pentreko being a Jew, one of them likening him to an offensive character. This is, as Ms Büning rightly says, unacceptable conduct. Lange and Brug should be ashamed.

kirill petrenko conducting2

UPDATE: In a page 3 feature for the JC today, I noted that Petrenko’s origins counted for nothing these days in an enlightened, multicultural Berlin. Specifically: Among the precedents that tumbled when Kirill Petrenko was elected chief conductor of the Berlin Philharmonic Orchestra this week, the Jewish element was the least remarked upon.

It now seems that outside Berlin the enlightenment has been slow to dawn.

– See more at: http://slippedisc.com/2015/06/german-media-antisemites-come-crawling-over-kirill-petrenko/#sthash.nCiB3Zxr.dpuf

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http://blogs.nmz.de/

Verlogene Differenzierung

Über die Wahl Kirill Petrenkos auf den Posten des Chefdirigenten bei den Berliner Philharmonikern ist ja schon viel geschrieben worden. Aber auch einiges, sagen wir mal höflich, Eigenartiges. Manuel Brug in der WELT nachdem er eigentlich ganz akkurat die Sache anleuchtete:

„Kirill Petrenko, interessanterweise neben Daniel Barenboim und Ivan Fischer der dritte Jude auf einem Berliner Chefsessel, bringt, wie das auch Thielemann getan hätte, eine dominante Mutter mit in die Beziehung. Aber sonst ist ihm, was viele erleichtert hat, nichts Zwischenmenschliches mehr fremd. Wovon mindestens eine der diesjährigen Bayreuth-Sängerinnen berichten könnte.“

screenshot-webcache googleusercontent com 2015-06-24 13-15-48

Dass die Tatsache, dass jemand Jude sei neben anderen, ein besonders erwähnenswertes Faktum sei, ist schlechterdings nicht nachvollziehbar, es sei denn, damit soll ein Subtext geschrieben werden. Den auszumalen, überlasse ich den geneigten Lesern und Leserinnen. Denn Petrenko ist interessanterweise auch der vierte, fünfte Mann auf einem Berliner Chefsessel, der erste mit Bart oder manchmal dann der sechste ohne Bart. Also: Was will uns Brug damit wohl mitteilen? Ein Faktum! Aber warum eben? Nichts genaues hat man gesagt, nur ein „interessantes“ (inwiefern denn interessant?) Faktum angezeigt.

Ebenso mit dem absolut interessanten Hinweis, dass Petrenko eine dominante Mutter habe. Vielleicht hat er sogar eine Schwester, die mal GAME-Boy gespielt hat, oder bei Ebay Staubsaugerbeutel ersteigert hat?

Und dass ihm „nichts Zwischenmenschliches mehr fremd“ sei, soll worauf anspielen? Dass er mehrfach ungesättigtes Fettsäuren vorzieht? Dass er heimlich in der Nase bohrt und einmal auf einer öffentlichen Toilette gepupst hat? Oder das Streuen eines Gerüchts, ohne nur klar zu werden dabei.

Man kann dann schon nur zu gut verstehen, wenn Leute wie Petrenko den Kontakt mit der Presse scheuen.

Es passt sehr gut in den Zusammenhang, wenn da bei der Pressekonferenz der Berliner Philharmoniker gefragt wurde, warum man keinen Deutschen als Nachfolger von Bülows gewählt habe.

Ja, wo sind wir denn? Im Ressentiment-Keller der Verrückten?

„Der dem deutschen Wesen fremde Bim-Bam-Gong.“ 1933.

PS: Nachtrag 

Brug hat seinen Text modifiziert oder modifizieren lassen. Jetzt ist zu lesen:

„Kirill Petrenko, interessanter- wie erfreulicherweise siebzig Jahre nach dem brauen [sic!] Rassenspuk neben Daniel Barenboim und Ivan Fischer der dritte Jude auf einem Berliner Chefsessel, …“ [Hervorhebung von mir, MH]

Das entschärft das Problem wenigstens etwas, obwohl weiterhin der Umstand, dass hier jemand Jude ist, nach wie vor keine hilfreiche Information ist. Dadurch wird so wenig die Vergangenheit geheilt noch ist, aller Wahrscheinlichkeit und Lebenserfahrung nach, diese Eigenschaft für die Wahl zum Chef der Berliner Philharmoniker ausschlaggebend gewesen. Erfreulich wäre, wenn man über so etwas nicht eigens reden müsste.

http://blogs.nmz.de/wm2014/2015/06/24/verlogene-differenzierung/

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Warum Antisemitismus Teil der europäischen Kultur ist

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Antisemitismus ist nicht nur Teil der Geschichte Europas, sondern auch ein Bestandteil seiner Kultur. Die lang andauernde antisemitische Geschichte Europas ist mit Verleumdung, Diskriminierung, zweierlei Maß, Pogromen, Vertreibungen und anderer Verfolgung angefüllt. Sie erreichte ihren absoluten Tiefpunkt im Holocaust. Der Völkermord wurde nicht nur von Deutschen und Österreichern begangen, sondern auch von vielen Kollaborateuren in den besetzten Ländern, die nicht unbedingt alle für die Nazis waren.

Soweit es den Holocaust betrifft, gestanden fast alle besetzten Länder irgendwann die Wahrheit ein, dass sie versagt und in unterschiedlichem Grad mit den Nazis kollaboriert hatten. Die meisten entschuldigten sich.[1] Vor ein paar Wochen wurde Luxemburg zum neuesten Land, das dies tat.[2] Die große Ausnahme sind die Niederlande. Der derzeitige Premierminister Mark Rütte (Liberale Partei) gab vor kurzem zum zweiten Mal eine nichtssagende Antwort auf eine Anfrage im Parlament, um zu vermeiden das skandalöse Versagen der niederländischen Regierung der Kriegszeit zugeben zu müssen. Während des Exils in London zeigte sie kein Interesse an dem stattfindenden Massenmord – die Vernichtung von drei Vierteln der 140.000 niederländischen Juden durch die deutschen Besatzer.[3] Die jüdische Gemeinschaft war schon seit Jahrhunderten in den Niederlanden präsent gewesen.

Während es wenig Diskussion zur antisemitischen Geschichte Europas gibt, ist bezüglich des Antisemitismus als Bestandteil der europäischen Kultur eine detailliertere Erklärung nötig und wohl bezüglich seiner Juden ein dominierender Teil. Um jeglichem Missverständnis aus dem Weg zu gehen: Das heißt nicht, dass heute die meisten Europäer Antisemiten sind.

Der gerade verstorbene, führende Antisemitismus-Wissenschaftler Robert Wistrich hat viel zur Infrastruktur beigetragen, durch die verstanden und bewiesen wird, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist.

Vor ein paar Jahren lud ich ihn ein, beim Jerusalem Center for Public Affairs über die Tradition des europäischen intellektuellen Antisemitismus zu sprechen. Wistrich erklärte, dass christliche Geistliche und viele führende christliche Theologen im Mittelalter und die Jahrtausende hindurch „Verachtung des jüdischen Volks lehrten“. Solche Credos beschränkten sich nicht auf die katholische Kirche. Zum protestantischen Reformator Martin Luther erklärte Wistrich: „Seine Angriffe auf Juden gehören zu den brutalsten in der Geschichte antisemitischer Diffamierung.“

Wistrich führte detailliert auf, wie intellektuelle Trends in Europa die Mutation des Antisemitismus jeweils beeinflussten. Er erklärte, wie die antisemitische jüdische Tradition sich während der Aufklärung fortsetzte und illustrierte das mit dem Hass, den Voltaire für das jüdische Volk hegte. Wistrich erwähnte auch die folgende Generation Antisemiten, so die idealistischen deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Kant, Hegel, Schopenhauer und später Karl Marx.

Er führte an, dass mit seltenen Ausnahmen die französischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts die Grundlagen des Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts legten. Er merkte an, dass Edouard Drumonts antisemitisches Werk La France Juive (Das jüdische Frankreich) ein Bestseller seiner Zeit war. Es gab etwa einhundert Auflagen.

Wistrich fügte hinzu, dass ein großer Teil des Nationalsozialismus, des Faschismus und sogar einige Arten des Sozialismus – die wichtige antiintellektualistische Komponenten haben – ebenfalls intellektuelle Gründer hatten.[4] In seinem wichtigen Buch A Lethal Obsession (Eine tödliche Besessenheit) widmete Wistrich ein ansehnliches Kapitel dem, was er „die alt-neuen Judeophoben Britanniens“ nannte. Er erwähnte den weit verbreiteten Antisemitismus in den britischen Literaturklassikern über die Jahrhunderte. Er schrieb, dass im Vereinten Königreich „antisemitische Gefühle auch Teil des Diskurses des Mainstreams sind, die bei den akademischen, politischen und Medien-Eliten stetig wieder aufkommen“.[5]

Viele weitere Beispiele, dass Antisemitismus Teil der europäischen Zivilisation ist, sind in David Nirenbergs Buch „Anti-Judaism, the Western Tradition“ (Die westliche Tradition des Antijudaismus) zu finden.[6]

Eine Reihe führender europäischer Romanautoren waren extreme Antisemiten. Einer der berühmteren war der Franzose Louis-Ferdinand Céline, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kollaboration mit der Besatzungsmacht verurteilt wurde.[7] Es gibt zudem auf Gebäuden wie der Kathedrale Notre Dame in Paris alte antisemitische Skulpturen.[8] In der europäischen populären Kultur – z.B. in Zeichnungen und Karikaturen – findet man ebenfalls antisemitische Leitgedanken. Das Studentenaustauschprogramm der Europäischen Union ist nach dem fanatischen Antisemiten Erasmus benannt.[9] Die Universität von Rotterdam ebenfalls.

Es ist ein Fehler zu glauben, dass der Nationalsozialismus und seine boshafte „Kultur“ mit der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 endeten. Viele Nazis behilten ihre Ideen. Manche versuchten ihre Kinder mit der Nazi-Ideologie zu füllen. Nach dem Krieg gab es in Deutschland nicht genug unbefleckte Richter und Beamte, um die benötigten Regierungsposten zu besetzen. Zu den früheren Nazis, die hohe Posten im Nachkriegsdeutschland besetzten, gehörte der Christdemokrat Kurt Georg Kiesinger, der von 1966 bis 1969 Bundeskanzler war. Sogar viele der Ärzte, die jüdische Überlebende untersuchten, die aus gesundheitlichen Gründen Ansprüche stellten, hatten einen Nazi-Hintergrund.[10]

Wenn man fragt, wer der wichtigste Nachkriegsphilosoph Europas war, werden viele Martin Heidegger nennen. Seine vor kurzem veröffentlichten Notizbücher lassen keinen Zweifel aufkommen, dass seine Ideenwelt zutiefst antisemitisch war.[11]

Die Tatsache, dass eine beträchtliche Zahl heutige Europäer der Aussage zustimmen, dass „Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt“, ist ein wichtiges Beispiel des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus. Diese Äußerung wurde von mehr als 40% der EU-Bürger im Alter über 16 Jahre für korrekt erachtet. Das passt perfekt in die antisemitische Kultur Europas.[12]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits fasst ein Schlüsselelement der gegenwärtigen europäischen Realität prägnant zusammen: „Europa hat eine ungelöste, wichtige Beziehung zu seiner Vergangenheit. Das ständige Analogisieren der Israelis mit den Nazis erfolgt aus dem europäischen Bauch heraus. Das ist natürlich eine doppelte Unverschämtheit. Damit entlasten sich die Europäer von ihrer eigenen Geschichte. Gleichzeitig gelingt es ihnen ihre früheren Opfer zu beschuldigen sich so zu verhalten wie die schlimmsten Täter der eigenen Seite.“[13]

Die Führungskräfte des Kontinents, auf dem der Nationalsozialismus geboren wurde und florieren durfte, widmen heute relativ wenig ihrer Mahnungen der naziartigen Politik und Äußerungen, die aus den diversen Terrororganisationen des Nahen Ostens kommen. Deren Werbung für den Völkermord ist kein Hiter-Nazismus, sondern ein Nazismus, der aus Teilen des Islam stammt.

Das nächste Mal, wenn Repräsentanten Europas Israel wegen seiner Politik kritisieren, sollte die israelische Antwort lauten, dass sie sich angesichts der Vergangenheit Europas besser auf den Islamo-Nazismsu konzentrieren sollten. Die Offiziellen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, die ständig und unverhältnismäßig Israel abmahnen, stehen auf unmoralischen Füßen.

[1] Manfred Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses. Jerusalem, The Jerusalem Center for Public Affairs, 2009, S. 136-150.

[2] EJC welcomes Luxembourg apology for role in Holocaust. European Jewish Congress, 11. Juni 2015.

[3] Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses, S. 141.

[4] Manfred Gerstenfeld interviewt Robert Wistrich: Intellectuals and anti-Semitism: a millenial tradition. Jewish Tribune, 13. August 2013.

[5] Robert S. Wistrich: A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to Global Jihad. New York (Radom House) 2010.

[6] David Nirenberg: Anti-Judaism: The Western Tradition. New York (W. W. Norton) 2014.

[7] Antoine Peillon: Céline, un antisémite exceptionnel. Une Histoire française. Lormon: Le Bord de l’eau, 2011.

[8] Toni L. Kamins: Notre-Dame de Paris to Prague, Europe’s anti-Semitism is literally carved in stone. JTA, 20. März 2015.

[9] Hans Jansen: Protest Van Erasmus Tegen Renaissance Van Hebreeuwse Literatuur. Heerenveen (Groen) 2010.

[10] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nathan Durst in: Europe’s Crumbling Myths, The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism. Jerusalem, Jerusalem Center for Public Affairds, Yad Vashem, WJC 2003, S. 128-136.

[11] Philip Oltermann: Heidegger’s ‘black notebooks’ reveal antisemitism at core of his philosophy. The Guardian, 13. März 2015.

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[13] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Andre S. Markovits: European Anti-Americanism and Anti-Semitism: Similarities and Differences. Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 16, Januar 2004.

 

https://heplev.wordpress.com/2015/06/29/warum-antisemitismus-teil-der-europaischen-kultur-ist/

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Martin Blumentritt

Keine Träne für Dresden – Über die Dresdenmythen

Vortrag im Jour Fixe der Initiative Sozialistisches Forum am 18. Juni 2002

Die Fakten
In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 griff die Royal Air Force die bis dahin
weitgehend verschont gebliebene Stadt Dresden mit großen Bomberverbänden an. Der erste Angriff
erfolgte von 22.03 bis 22.28, durch 235 viermotorige Lancasters und 9 zweimotorige Mosquitoes
der 5. Group und war erfolgreicher und genauer als erwartet. Von 01.25 bis 01.55 erfolgte der
zweite mit 524 Lancasters der 1., 3., 6., und 8. PFF Group. Beide Angriffe erfolgten unter den
Schutzschirm von Fernnachtjägern der 100. Group und der 11. Group des Fighter Command. Der
erste Angriff hatte einen Feuersturm ausgelöst, der die Innenstadt, ca. 15. Quadratkilometer,
niederbrannte. Hierbei kamen 15 bis 30.000 Menschen um, da für Luftschutz nicht hinreichend
gesorgt war. Am darauf folgenden Tage ging von 12.17 bis 12.31 ein dritter Angriff auf das
Stadtgebiet nieder, diesmal amerikanische Flugzeuge, 311 B-17 »Flying Fortress« der 379., 303.,
384. ,305., 92., 306., 401., 457. und 351 Bombardment Group in der 8. US-Air-Force unter dem
Schutz von 187 Langstrecken-Jägern, der wegen des Wetters, fliegerischer und technischer Pannen
wenig erfolgreich war und das Ziel, den Verschiebebahnhof Friedrichstadt, verfehlte.
Im Rahmen der Bombardierung von Städten, die Ursache dafür waren, daß die Alliierten den
Krieg gewannen, war die einzige Besonderheit, daß Dresden vorher kaum Angriffen unterlag und
die Bevölkerung keinerlei Erfahrung mit Luftangriffen hatte. Daraus ergaben sich auch nicht immer
böswillige Fehlerinnerungen an die Ereignisse, die später instrumentalisiert wurden.
Die Stadt Dresden war ein wichtiges Zentrum der Verwaltung, des Transport- und
Kommunikationswesen, neben Berlin und Leipzig die größte deutsche Stadt unmittelbar im Rücken
der Ostfront, besaß eigene militärische Anlagen, Kasernen und Truppen. Die Produktionsbetriebe
waren vollständig in die Struktur der Rüstungsindustrie integriert.

»Dresden wurde, in Erwartung alliierter Luftangriffe, von verschiedenen Luftabwehrsystemen geschützt:  Flugabwehrkanonen und Scheinwerfern. Die Dresdner Luftverteidigung unterstand dem gemeinsamen Luftwaffenbefehlsbereicht für Dresden (Korpsgebiet IV) und Berlin (Korpsgebiet III).«  
schildert Joseph W. Angell die Erfahrung aus dem Jahre 1944, aufgrund dessen davon
auszugehen war, daß Dresden verteidigt würde und als legitimes Kriegsziel zu gelten hatte.
Besonders bedrohlich waren allerdings nur die Flak-Konzentrationen um Ruhland und Brüx,
nachdem ein Teil der Flak in den Westen abgezogen worden war. Allerdings hatte die Royal Air
Force schon ihre schmerzliche Erfahrung mit der deutschen Flugabwehr gemacht.
Denn für die Royal Air Force war der Bombenkrieg zunächst einmal eine sehr verlustreiche
Sache. Waren die Deutschen zuerst bei den ersten Nachtangriffen auf das Ruhrgebiet im Mai 1940
überrascht worden und hatte wenig Vorkehrungen getroffen, so begann alsbald unter der Führung
von Luftwaffengeneral Joseph Kammhuber der Aufbau eines Verteidigungssystems, das unter dem
Namen »Kammhuber-Linie« bekannt wurde. Eine Staffel schwerer Nachtjäger vom Typ Me 110
ging gegen die von der Flugabwehr mit Scheinwerfern angestrahlten britischen Bomber vor. Da die
Luftangriffe in Intervallen erfolgten, hatten die Nachtjäger genug Zeit ein Flugzeug nach den
anderen anzugreifen. So wurden 1940 492 und 1941 1034 Bomber abgeschossen, ca. ein Drittel
davon von Flakgeschützen. Die Verlustquote war so hoch, daß das Bomber Command

1 Joseph W. Angell jr. Historical Analysis oft the 14-15 February 1945 Bombings od Dresden, Washington D.C. 1953

Schwierigkeiten hatte, die ausgefallenen Maschinen zu ersetzen. Erst im Frühjahr 1942, nachdem
am 23. Februar Luftmarshall Arthur Harris zum Chef des Bomber Commands ernannt wurde,
begannen technische und taktische Verbesserungen. Harris war in den 30er Jahren zum Befürworter
von Bombardierungen geworden und war davon überzeugt, daß »das Kriegspotential des Feindes
zu zerstören« die sicherste Methode sei, einen Krieg zu gewinnen. Nach dem Krieg wurde Harris
unberechtigt beschuldigt, für die Flächenbombardierungen persönlich verantwortlich zu sein und
dabei um einer strategische Chimäre willen, der Brechung der Kriegsmoral der Bevölkerung, einen
Terrorbombenkrieg geführt zu haben. Diese Anschuldigung ist aber keineswegs triftig, die Strategie
der Flächenbombardierung hatte sich schon weit früher als notwendige Konsequenz durchgesetzt:

  »Die Strategie der Flächenbombardierung hatte sich schon Monate vor Harris´ Übernahme des
  Bomberkommandos als operative Notwendigkeit durchgesetzt. Die Ungenauigkeit der Angriffe auf einzelne Fabriken oder Eisenbahnknotenpunkte zwang das Bomberkommando dazu, andere Wege zu gehen, um eine allgemeine Unterbrechung der Kriegsanstrengungen und Demoralisierung der Fabrikarbeiter zu erreichen. Im Mai 1941 sandte Lord Trenchard, bis 1930 Chef des Luftstabs, ein Memorandum zur Luftkriegsführung an Churchill, das schon angestaubtes Diktum von der niederschmetternden moralischen Wirkung der Bombardierung wiederholte und mit der These verband, die Deutschen seien besonders anfällig für ,Hysterie und Panik´. Der Bericht wurde von den Oberbefehlshabern der Streitkräfte mit Zustimmung gelesen. (…) Im Februar 1942, eine Woche vor Harris´ Ernennung, wies man das Bomberkommando förmlich an, alle Anstrengungen ,auf die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung´ zu konzentrieren. Die Konzeption der Flächenbombardierung war also längst festgelegt, als Harris sein Amt antrat, und ist nicht erst von ihm erfunden worden. Harris hegte nicht den geringsten Zweifel daran, daß ,die Moral´ ein äußerst problematisches Zielobjekt
  darstellte und einem ,aus der Verzweiflung geborene(m) Rat´ entsprang. Er ging davon aus, daß die Deutschen nicht so schnell zu demoralisieren waren, wie seine Kollegen hofften, und bezweifelte sogar den strategischen Nutzen der Zerstörung der Moral, angesichts einer Alltagswirklichkeit, zu der das ,Konzentrationslager um die Ecke´ gehörte. Harris hielt vielmehr an seiner Überzeugung fest, daß es darauf ankomme, die materielle Kriegsfähigkeit Deutschlands zu zerstören, und dieses Ziel war seiner Ansicht nach nur mit massiver und fortgesetzter Bombardierung zu erreichen. Dazu gehörten für ihn Fabriken, Transportwesen und Dienstleistungsbereiche ebenso wie die Arbeiterviertel selbst. Die Demoralisierung der Bevölkerung konnte für Harris nur ein Nebenprodukt des Abnutzungskrieges gegen die deutsche Wirtschaft sein.
Diese von Harris verfochtene Konzeption nahm zwangsläufig Tote in der Zivilbevölkerung in Kauf, was 1942 eine bedeutend breitere Zustimmung fand, als es das liberale Gewissen heute wahrnehmen möchte. Die Auswahl  der Zielobjekte und die 1942 zur Verfügung stehende neuste Technik machten ein hohes Maß an zivilen Opfern – im heutigen Militärjargon Kollateralschäden genannt – unvermeidlich.«  
Die Sunday Times vom 15. Februar 1998 berichtet, daß Sebastian Cox, der offizielle Historiker
der RAF, neue historische Beweise präsentierte, die zeigen, daß Air Marshall Sir Arthur Harris das
Opfer innerer Kämpfe der RAF war und beweisen, daß seine Politik des Flächenbombardements
höchst effektiv war, um Deutschland niederzuringen. Cox legte dar, daß Harris den Makel des
Befehls Churchills, den Vormarsch der Sowjets zu unterstützen, indem östliche deutsche Städte wie
Dresden bombardiert wurden, auf sich nahm. Nach dem Krieg wurde ihm zufolge Harris zum
Sündenbock für die massive Zerstörung, die resultierte.
Denn nach dem Krieg leitete ausgerechnet Zuckerman, ein Zoologe, der früher in Konflikt mit
Harris in der hitzigen Debatte über die Ziele der Bomber Command geraten war, den offiziellen
Untersuchungsausschuß hinsichtlich der Effektivität der Operationen. Damals vertrat er die
Auffassung, daß das Bomber Command sich darauf konzentrieren sollte, das deutsche Schienennetz
zu bombardieren, während andere argumentierten, daß die Ölversorgung der Nazis das Ziel sein
sollten, Forderungen, die sich aus technischen Gründen als illusorisch erwiesen hatten. Das
Ressentiment aber blieb und lange blieb der Ruf von Harris geschädigt.
Harris konnte ein weiteren Vorteil nutzen, daß sein Bomber Command nicht länger allein
kämpfen mußte, nachdem die USA 1942 begannen ihre Luftwaffe für den Kampf gegen
Deutschland zu organisieren. Die 8. US-Luftflotte stellte eine militärische Bereicherung dar,
sowohl personell – junge selbstbewußte und unerschrockene Luftwaffensoldaten – als auch
technisch. Die schon 1935 entwickelte Boeing B-17 »Fyling Fortress« wurde zum Mittelpunkt der

2 Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Allierten den zweiten Weltkrieg gewannen. Reinbek bei Hamburg 2002, S. 150f

amerikanischen Bombengeschwader, da sie eine große Flughöhe und Reichweite erlaubte, eine
starke Panzerung aufwies und eine spezielle Bewaffnung, gegen Angriffe sich zu verteidigen. Dies
erlaubte auch Tagesflüge und somit eine bessere Sichtung der Zielobjekte. Das Norden-Bomben-
Zielgerät, das der RAF nicht zur Verfügung gestellt wurde, steigerte die Trefferquote beträchtlich.
So ergab sich die Arbeitsteilung, daß die RAF Industriegebiete bei Nacht, die 8. US-Luftflotte
ausgewählte Fabriken, Bahnhöfe oder Treibstofflager bei Tage angriff.
Die Auseinandersetzungen in der Nachkriegszeit, die suggerierten, daß ein ungleicher, brutaler
Kampf zwischen Bombern und Zivilbevölkerung stattgefunden habe, übersahen, daß die Bomber
gegen feindliche Verteidigungskräfte, Jagdflugzeuge und Flak-Batterien und nicht gegen die
Einwohner antraten. Der Weg zu den Zielobjekten mußte hart erkämpft werden, die Piloten saßen
frierend und beengt in unbequemen, lauten, leicht verwundbaren Flugzeugen, die sie durch einen
dichten Sperrriegel von über 50.000 über das Land verteilten Flugabwehrgeschützen lenken
mußten. Auf den Rückflügen bereiteten Wetterbedingungen, Treibstoffknappheit und
Beschädigungen durch Flak-Treffer immense Probleme. Jeder Einsatz war eine militärische
Konfrontation, die das Todesrisiko der Besatzungen deutlich erhöhte. Daß die Bomberoffensive
dann letztlich doch erfolgreich war, lag auch an den falschen Prioritäten und Rachsucht Hitlers.
Statt zusätzliche Flugzeuge für die Bomberabwehr zur Verfügung zu stellen, drängte er Göring,
statt dessen zu terroristischen Vergeltungsschlägen:
  »aufhören wird der Engländer nur, wenn seine Städte kaputtgehen, durch sonst nichts.«  
Eines steht fest, wie Richard Overy betont:

»Die Bomberoffensive war ein entscheidendes Element für den Sieg der Alliierten.«  
Befragungen gleich nach dem Krieg bestätigten das, sowohl in Japan wie in Deutschland. Die
Wachsende Kriegsmüdigkeit wurde von 36 % der Befragten in Deutschland auf die Bombardierung
zurückgeführt und auf die Frage »Was war das Schlimmste für die Zivilbevölkerung während des
Krieges?« antworteten 91 %: die Bombardierung. Zwar hatte Harris recht, daß die Bombardierung
keine Welle der Panik und Enttäuschung zeitigen würde, die die Kriegsbereitschaft hinwegspülen
würde, aber dennoch war sie ein demoralisierendes Kollektiverlebnis. Vice-Marshal Tony Mason
wird in dem schon erwähnten Artikel der »Sunday Times« zitiert:

  »Erst jetzt sind wir in der Lage, die Wirkung der Flächenbombardierung richtig einzuschätzen. Es ist klar, daß die deutsche Kriegswirtschaft sehr empfindlich getroffen wurde beim Versuch gegen  das Bomber Command sich zu verteidigen. Insbesondere die Luftwaffe war unfähig die Ostfront zu verstärken, wegen derNotwendigkeit den Luftraum zu verteidigen. Dies hatte eine sehr schwerwiegende Wirkung auf den ganzen  russischen Feldzug.«  
Arthur Harris´ Rufschädigung durch Zuckerman, konnte Cox zufolge nicht verhindert werden
konnte, weil er einige Jahre vor diesem verstarb, als die Beweise noch nicht auf dem Tisch lagen.

  » Erst jetzt sind wir überhaupt in der Lage aufzuzeigen, daß die Bomber Offensive wesentliche effektiver gewesen ist als früher geschildert wurde.«  
Sir Arthur Harris hatte folgendermaßen in seinem Memorandum vom 28. Juni 1942 die Aufgaben
und Leistungen des Bomber Commands geschildert.

3 cit. Bei Overy, a.a.O. S. 157
4 A.a.O. S. 174
5 »Only now are we able to measure precisely the effect of the carpet bombing of Germany. It’s clear that the German war economy was very seriously affected by the effort of defending against Bomber Command. Specifically, the  Luftwaffe was unable to reinforce the eastern front because of the need to defend Third Reich airspace. This had a  very serious effect on the whole Russian campaign.« Sunday Times 15. Februar 1998
»We have only now been able to show that the bombing offensive was actually far more effective than has previously been portrayed.« Sunday Times 15. Februar 1998

 »Es ist unmöglich, in einer Denkschrift auch nur einen Teil der ungeheuren Zerstörungen zu nennen, die wir in Deutschland verursacht haben. Während etwa 7000 Flugstunden benötigt werden, um ein U-Boot auf See zu versenken, konnte mit der gleichen Zahl von Flugstunden ein Drittel der Stadt Köln zerstört werden…
Die rein defensive Verwendung von Luftstreitkräften ist eine erhebliche Verschwendung. Der Einsatz von Flugzeugen im Seekrieg bedeutet ein bloßes Picken am Rande der feindlichen Stärke, ein Warten auf Gelegenheiten, die vielleicht niemals kommen… Dieser Einsatz gleicht dem Suchen einer Stecknadel im Heuhaufen. Man versucht dabei, ein kleines Äderchen nach dem anderen zu durchschneiden, anstatt die Hauptader zu durchtrennen. Das Bomberkommando greift die Basis der gesamten Seemacht an…
Zusammenfassend muß gesagt werden, daß das Bomberkommando die einzigen offensiven Kampfhandlungen durchführt, die gegen Deutschland unternommen werden…. Das Bomberkommando gibt uns die einzige Möglichkeit, Rußland rechtzeitig zu unterstützen. Die einzige Möglichkeit, Deutschland so weit physisch zu schwächen und nervlich zu erschöpfen, daß eine Invasion aussichtsreich erscheinen könnte, liegt daher bei der Art der Gewaltanwendung, die unseren Feind jetzt schädigen und später den Sieg sicherstellen kann. Das ist auch die einzige Gewaltanwendung, die wir direkt gegen Japan ins Feld führen können…«  
Dies wird durch die Forschung der letzten Jahre bestätigt. Im Kalten Krieg änderten sich
allerdings die Interessen der Sowjets. Die Sowjetpropaganda begann mit der Diffamierung der
Kriegsführung ihrer ehemaligen Koalitionäre. Zum 10. Jahrestag im Jahre 1955 erklärte der DDR-
Ministerpräsident Otto Grotewohl die Bombardierung Dresdens wie folgt:

   »Dieses unsinnige Verbrechen diente ebenso wie die Zerstörung von Brücken, Talsperren und anderen lebenswichtigen Einrichtungen durch die SS dem Zweck, eine Trümmerzone zu schaffen, die den siegreichen Sowjetarmeen das weitere Vordringen unmöglich machen sollte.«
Das verdreht die Tatsachen gänzlich, drangen doch im Gegenteil die Sowjets auf eine Forcierung
des Krieges. Am 6. Oktober 1942, als in Stalingrad die Kämpfe einen Höhepunkt hatten, verspottete
gar noch die Pravda die Briten mit einer Karikatur, die Briten geißelte, sie würden versäumen, mit
einem Angriff auf die rückwärtige Front der Deutschen den verzweifelt kämpfenden Roten Armee
zur Hilfe zu kommen. Deutschland hatte 1941 den Krieg gegen die Sowjetunion fast gewonnen und
stand 1942 im Begriff, den entscheidenden Sieg zu erringen. Im August hatten Stalin und Churchill
sich getroffen. Churchill versuchte zu erklären, weshalb eine militärische Unterstützung noch nicht
möglich sei. Stalin sah zwar ein, daß er den Westen nicht gegen seinen Willen zum Kämpfen
animieren konnte, reagierte aber mürrisch und gereizt bis Churchill das Angebot der Westmächte
auf den Tisch legte, nämlich die Bombardierung Deutschlands und eine anglo-amerikanische
Landung in Nordafrika im Spätjahr 1942 (die Operation Torch). Overy schildert die Begeisterung
Stalins:

   »Stalin gefiel das Vorhaben einer Landung in Nordafrika, da diese seiner Ansicht nach die Niederlage Rommels besiegeln und den Kriegsaustritt Italiens beschleunigen würde. Noch besser gefiel ihm die Idee der Bombardierung. Hierin ,stimmten die beiden Männer zum ersten Mal überein´, telegrafierte Harriman am nächsten Tag dem amerikanischen Präsidenten. Stalin regte an, neben Fabriken auch Wohnhäuser zu bombardieren, und machte Churchill Vorschläge, welche Städte sich am besten als Ziele eigneten. ,Bald hatten die beiden – jedenfalls auf dem Papier – die bedeutendsten Industriestädte Deutschlands zerstört´, berichtete Harriman nach Washington. Die gespannte Atmosphäre hatte sich gelockert. Stalin akzeptierte, daß die Briten ihren ,Beitrag nur durch die Bombardierung Deutschlands zahlen´ konnten, wie Churchill es formulierte, und der britische Premier versicherte seinem Gastgeber, daß diese Bombardierung ,gnadenlos´ sein werde, um die Moral der deutschen Bevölkerung zu brechen.«  

Stalin drängte also den Westen ihre Anstrengung zu forcieren und blieben bis zum Schluß in Kontakt, wie der Briefwechsel zeigt, den Jürgen Elsässer erwähnt:

»Überliefert ist ein reger Briefwechsel zwischen Winston Churchill und Josef Stalin; Churchill erstattete detailliert Bericht über die Erfolge der Städtebombardements, legte oft sogar Luftaufnahmen und Dias bei. So erhielt Stalin am 12. Januar 1944 von Churchill eine Geheimbotschaft mit dem launigen Text: ,Teilen Sie mir bitte rechtzeitig mit, wann wir aufhören sollen, Berlin zu zerstören, damit genügend Unterkünfte für die Sowjetarmee stehen bleiben.´ Stalin antwortete todernst: ,Unsere Armeen haben in der letzten Zeit wirklich

7 Götz Bergander, Dresden im Luftkrieg, Würzburg 1998, S. 327
8 Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Allierten den zweiten Weltkrieg gewannen. Reinbek bei
Hamburg 2002, S. 137f

   Erfolge erzielt, aber bis nach Berlin ist es für uns noch sehr weit… Folglich brauchen Sie die Bombardierung Berlins nicht abzuschwächen, sondern sollten Sie möglichst mit allen Mitteln verstärken.´ Der Angriff auf Dresden wurde den Sowjets durch die US-Militärmission in Moskau vorab mitgeteilt; sie erhoben keine Einwände. Der in Moskau lebende KPD-Führungskader Anton Ackermann äußerte sich im Februar 1945, in Kenntnis der schweren Luftangriffe und eventuell auch in Kenntnis des Angriffes auf Dresden, anerkennend darüber, wie ,die amerikanischen und englischen Luftflotten täglich stärker auf das rückwärtige Gebiet jener deutschen Armeen wirken, die der Roten Armee gegenüberstehen und dieser somit vom Westen her helfen.´«  
Schließlich kommen wir auf die Toten und Verletzten. Götz Bergander zitiert die Schlußmeldung über die vier Luftangriffe auf den LS-Ort Dresden am 13., 14. und 15. Februar des Höheren SS- und  Polizeiführers Elbe« vom 15. März 1945, in Eilenburg angefertigt, deren entscheidende Sätze lauten:

   »Bis 10.3. 1945 früh festgestellt: 18375 Gefallene, 2212 Schwerverwundete, 13718 Leichtverwundete. 350 000 Obdachlose und langfristig umquartierte (…) Die Gesamtzahl der Gefallenen einschließlich Ausländer wird auf Grund der bisherigen Erfahrungen und Feststellungen bei der Bergung nunmehr auf etwa 25000 geschätzt.«  
Um 3. April 1945 erschien der Lagebericht Nr. 1414 des Berliner Polizeichefs. Darin hieß es:
»BdO. Dresden – Nachtrag. 13. /14.2 Dresden. Die Zahl der geborgenen Gefallenen beträgt nach
dem Stand von 31.3. 45: 22 096 Personen.«  
1993 wurden im Stadtarchiv Dresden bislang nicht beachtete Nachträge des Marstall- und
Bestattungsamtens entdeckt. Es stellte sich heraus, daß zwar die oberen Behörden bei Kriegsende
ihre Akten vernichtet hatten, aber Unterlagen aus einigen Ämtern wie Baupolizei, Ernährungs-,
Fürsorge und Bestattungsamtes davon ausgenommen waren, die Friedrich Reichert zufolge, die
Zahlen bestätigen.
Wenn man noch nicht geborgene Tote schätzt, wird man nicht auf mehr als 35000 Luftkriegstote
kommen. Einzig Walter Weidauer1965 und Götz Bergander 1977 zogen die Schlußmeldung heran,
während andere Autoren nicht belegte Augenzeugenberichte und Vermutungen zur Grundlage
nahmen. Weitere Luftangriffe sollten nicht vergessen werden. Es gab bereits am 7. Oktober 1944
und 16. Januar 1945 amerikanische Bombardements und hinterher am 2. März und 17. April. Die
Zahl der Opfer ergaben sich auch daraus, daß man Luftschutzmaßnahmen für die Menschen
vernachlässigte, während die kriegswichtigen Betriebe, wie das Goehle-Werk und die Firma
Ernemann (Zeiß-Ikon-Kameras) äußerlich Bunkern glichen,

   »über seinen Fenstern waren schräge Flächen zum Abweisen von Brandbomben vorgezogen. Bei Ernemann war eine Treppenhausschutzanlage gebaut worden, wie u.a. auch bei den Wanderer-Werken in Chemnitz und in Chemnitz-Schönau, das heißt, die Treppenhäuser selbst oder von ihnen abgetrennte Geschoßpodeste wurden stabil genug errichtet, um den Zerknall von 500 kg Bomben auszuhalten.
Wenn in Dresdner Wohnhäuser irgendwo sichere Luftschutzräume eingebaut wurden, entstanden sie allein dank privater Initiative.«  
Und Gauleiter Martin Mutschmann baute sich einen privaten Bunker. Bei der Vernehmung durch
die Rote Armee bedauerte er die Zerstörung von Kunstschätzen und anderen Dingen der Stadt, auf
die Frage, ob er an Menschenopfer nicht denke, sagte er:

   »Menschen sind natürlich auch viele umgekommen. Aber ich meine nur, die Kunstschätze kann man nicht mehr ersetzen.«  
Und auf den mangelnden Luftschutz angesprochen:

9 Jürgen Elsässer, Drei Dresdenlügen in: aus: J.Elsässer, Wenn das der Führer hätten erleben dürfen. 29.
Glückwünsche zum deutsche Sieg über die Alliierten.
10  Cit. bei Götz Bergander, Dresden im Luftkrieg, 1998 Würzburg S. 224f
11  a.a.O. 226
12 Friedrich Reichert, Verbrannt bis zur Unkennlichkeit, in: Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Die Zerstörung Dresdens
1945,. Begleitbuch zur Austellung im Stadtmuseum Dresden Februar bis Juni 1995, Dresden 1994, S. 40ff
13  Götz Bergander, a.a.O. S. 95
14  Cit. bei Bergander a.a.O. S. 110

  »Nach den Luftangriffen warf man mir vor, ich hätte in Berlin energischer auftreten müssen und einfach bei einer weiteren Verweigerung von Luftschutzbauten die Verantwortung ablehnen sollen. Da hätte ich jedoch dem Führer meinen Posten als Gauleiter zur Verfügung stellen müssen, und das tut man doch wegen so etwas nicht.«  

Memoria rerum gestarum
Hätten sich nicht allerlei Mythen und Legenden um die Wirklichkeit des Luftkrieges über
Dresden gesponnen, wäre darüber gar nichts mehr zu sagen oder gar zu beklagen. Es war Krieg –
genauso schlecht und gut – wie in anderen Städten auch und die Menschenverluste waren solcher
»Menschenliebe« wie des eben zitierten Gauleiters zu verdanken, die sich um Sachen und den
Endsieg mehr sorgen machen als um Menschen.
Die Mythen betreffen mehrere Gesichtspunkte, einmal die Zahl der Toten, die bis über 300.000
übertrieben wurden. Dann die Kriegswichtigkeit und der Erfolg der Angriffe, der schon gezeigt
wurde und dann die Erfindung oder auch nur Einbildung von Tiefflieger-Angriffen. Der Mythos,
der Produkt des Kalten Krieges war, die Behauptung der Sowjetkommunisten, die Zerstörung
Dresdens sei ein Kalkül der Westalliierten gewesen, den Vormarsch der Roten Armee zu behindern
und eine prospektive sowjetische Besatzung zu hintertreiben, ist schon bei der Behandlung der
Tatsachen widerlegt worden.
Wenn historische Vorgänge derart verzerrt dargestellt werden, ist es angebracht die Frage nach
den konstitutiven Bedingungen des Gegenstandes zu stellen, nach Gedächtnis und Erinnerung, nach
der Geschichtskultur, dem »Inbegriff der Deutungen von Zeit durch historische Erinnerung, die für eine Gesellschaft notwendig ist, um ihre Lebensformen und -vollzüge im aktuellen Prozeß des zeitlichen Wandels sinnhaft zu organisieren« .
Der Fortschritt von einem Geschichts- und Zeitbegriff, der von Erinnerung abstrahiert zu einem
durch Erinnerung konstituierten Begriff von Geschichte wird in Walter Benjamins Passagenwerk
als kopernikanische Wende der geschichtlichen Anschauung aufgefaßt:

  »Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist dies: man hielt für den fixen Punkt das ,Gewesene` und sah die Gegenwart bemüht an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene seine dialektische Fixierung von der Synthesis erhalten, die das Erwachen mit den gegensätzlichen Traumbildern vollzieht. Politik erhält den Primat über die Geschichte. Und zwar werden die historischen »Fakten« zu einem uns soeben Zugestoßenen: sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und Erwachen ist der exemplarische Fall des Erinnerns. Jener Fall, in dem es uns gelingt, des Nächsten, Naheliegendsten (des Ich) uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen der
Möbel meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen und kollektiv gesichert wird. Es gibt ,noch nicht bewußtes Wissen´ vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.«  
  »In der Erinnerung erkennt sich die Gegenwart nicht nur als durch die Vergangenheit bedingt,
sondern die Gegenwart wird in den Mittelpunkt gerückt. Es gibt zwei Varianten  dieses Textes,
die verschieden nuancieren, in der späteren – hier nicht zitierten – Fassung überwiegt das
unwillkürliche Moment in den historischen Fakten, das dem politischen Willen und der Aktion
zugrunde liegt, während in der früheren das Moment der Synthesis mehr betont wird, auf das es mir
vorrangig ankommt. Das Erwachen aus einem Traum, das den Bildspender abgibt, bedeutet das
Wahrnehmen von Geschichte als eigener. Im Traum gibt es keine Erinnerung an das Ich, diese
entsteht im Erwachen, in Blochs »Schlafkammer des gelebten Augenblicks«.  
Der Dresden-Mythos ist gekennzeichnet durch ein Ausfall von Synthesis-Leistungen, die ähnlich

15  ebenda
16  Jörn Rüsen, Geschichtskultur als Forschungsproblem, in: Jahrbuch für Geschichtsdidaktik Bd. 3, Pfaffenweiler
1991/92, S. 39-50, hier S. 40
17  Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften Bd. 5, S. 1057f
18  Die andere Variante findet sich auf den Seiten 490f.
19  Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 353

wie der manifeste Trauminhalt der Deutung bedarf: Walter Benjamin analogisiert:

  »Die Verwertung der Trauminhalte beim Aufwachen ist der Kanon der Dialektik. Sie ist vorbildlich für den Denker und verbindlich für den Historiker.«  
Freuds Traumdeutung analysiert die psychischen Mechanismen, die den manifesten Trauminhalt
selegieren, die Mechanismen, die eine Zensur bewirken.
In analoger Weise ist auch die Erinnerung an Dresden zensiert, was Schuldgefühle weckt wird
ausgeblendet. Die unmittelbaren – wie auch immer traumatisch verzerrt – erlebten Ereignisse in der
Nacht vom 13. zum 14. Februar werden immer wieder herbeizitiert, aber nicht auf ihren
historischen Kontext bezogen. Der Konkretismus dabei könnte mit Adorno Konkretinismus genannt
werden. Es ist so wie mit dem armen, verlassenen Waisen, der seine Eltern ermordet hat und das
ausblendend um Mitleid fleht, er sei doch ein armer Waiser und man möge ihn nicht auch noch mit
Schuldvorwürfen quälen. Ist sein elendes Dasein als Waise nicht Strafe genug? Die
traumatisierenden Ereignisse werden aus ihrem historischen Kontext gerissen, sie verlieren ihre
historische Sinnhaftigkeit und die Bombenangriffe werden nur noch als sinnloser Terror gewertet,
das Bewußtsein verharrt in einer mythischen Bewußtseinslage, die nur durch historische Erfahrung
zu sprengen wäre, an der gar kein Interesse besteht, außer dasjenige, nichts an sich heranzulassen,
das Schuldgefühle wecken könnte. Die reale Möglichkeit des Erinnerungsverlust ergibt sich aus der
spezifischen Konstitution kapitalistischer Produktionsweise, als einer, in der die Tradition in den
Mitteln stattfinde, während die Geschichtserinnerung polemisch mit der bürgerlichen Überwindung
traditionaler Herrschaft ausgelöscht wurde.
Benjamin verwendet ein Bild aus dem trojanischen Krieg:

»Das kommende Erwachen steht wie das Holzpferd der Griechen im Troja des Traums.«
Mit dem Kapitalismus – so Benjamin – sei ein »neuer Traumschlaf über Europa« gekommen und
damit »eine Reaktivierung der mythischen Kräfte« . Mit der Konstitution bürgerlichen
Gesellschaft etablierte sich also eine prinzipielle Verdrängung von Geschichte, wie sie bereits von
dem französischen Revolutionär Sieyes ganz bewußt propagiert wurde:

  »Dürfte man die Dinge beim Namen nennen, könnte man fragen, was der Unterschied zwischen einem Bürger (Bourgeois) und einem richtigen Privilegierten ist. Nun, dieser blickt unablässig zurück in die edle Vergangenheit; dort sieht er seine Stärke, er lebt seinen Vorfahren. Der Bürger dagegen blickt unverwandt auf die allgemeine Gegenwart und die gleichgültige Zukunft, mit seinem Fleiß ernährt er jene und bereitet die andre vor. Er ist, statt gewesen zu sein; ihn trifft die Strafe … und die Schande, all seinen Verstand, all seine Kraft für unseren jetzigen Dienst einzusetzen und von seiner Arbeit zu leben, auf die alle angewiesen sind. Ach, warum geht der Privilegierte nicht in die Vergangenheit, genießt das seine Titel und Würden und überläßt der dummen
  Nation die Gegenwart und die Unfeinheit!«  
Tradition wird in der Gesellschaft negiert, wo sie irreflexiv in den Produktivkräften bzw.
Produktionsmitteln bewahrt wird. Kontinuität ist somit nicht gegeben, sondern kann nur konstruiert
werden. Erinnerung ist anders als in traditionaler Vergesellschaftung nicht konstitutiv für die
Aufrechterhaltung der Herrschaft und wird somit fungibel und somit zum Objekt von
Geschichtspolitik. Sie kann durch nationalistische Indoktrination, die in Deutschland stets den
Juden als Antagonisten hatte, ersetzt werden. Und dabei stört Erinnerung nur, insbesondere, sofern
sie Schuldgefühle weckt.
Diesen Sachverhalt berührt Walter Benjamin:

  »Das träumende Kollektiv kennt keine Geschichte. Ihm fließt der Verlauf des Geschehens als immer nämlicher und immer neuester dahin. Die Sensation des Neusten, Modernsten ist nämlich ebenso Traumform des

20  Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften Bd. 5, S. 580
21  A.a.O. S. 495
22  A.a.O S. 494
23  Emmanuel Joseph Sieyes, Politische Schriften 1788-1790, übersetzt und herausgegeben von Eberhard Schmitt und   Rolf Reichardt, Darmstadt und Neuwied 1975 S. 102

   Geschehens wie die ewige Wiederkehr alles gleichen. Die Raumwahrnehmung, die dieser Zeitwahrnehmung entspricht, ist die Superposition. Wie sich nun diese Formen auflösen im erhellten Bewußtsein, treten an ihrer statt politisch-theologische Kategorien zu tage. Und erst unter diesen Kategorien, die den Fluß des Geschehens erstarren lassen, bildet sich in dessen Innern als kristallinische Konstellation Geschichte. – Die ökonomischen Bedingungen, unter denen eine Gesellschaft existiert, bestimmen sei nicht nur im materiellen Dasein und im ideologischen Überbau: sie kommen auch zum Ausdruck. Genauso wie ein Schläfer ein übervoller Magen im Trauminhalt nicht seinen ideologischen Überbau findet, genau so mit den ökonomischen Lebensbedingungen das Kollektiv. Es deutet sie, es legt sie aus, sie finden im Traum ihren Ausdruck und im Erwachen ihre
Deutung.« 
Welcher latente Inhalt sich im manifesten ausdrückt, gilt es zu fragen. Was ist bei der
Konstitution des Dresden-Mythos der latente Inhalt, der die Verzerrung von Geschichte bewirkt? Es
ist dasselbe Motiv, das heute auch bei der Beurteilung der Politik Israels eine Rolle spielt und
dasselbe, das auch in Japan dazu führte, daß die Täter nicht zu mehr in der Lage waren als zu einer
erzwungenen Reue, erzwungen durch die internationale Öffentlichkeit. Die Verdrängung der
Kriegsschuld erfolgt in Japan ähnlich wie im Falle Dresden mit Hiroshima und Nagasaki.
Die heimliche Logik, die sich in den Mythen verbirgt, ist simpel. Es denkt in den Deutschen:
Wenn ich schon die Schuld des deutschen Kollektivs, mit dem ich identifiziert sein und bleiben
will, nicht leugnen kann, dann sollen doch wenigstens die anderen auch nicht besser sein. Und so
tendieren Darstellungen des Bombenkriegs nicht zufällig dahin, in Formulierung und Gestus
gängiger Darstellungen der Taten der Deutschen sich anzuähneln. Projektion als »typisch
bürgerliche Pathologie«(H.J. Krahl) ersetzt die historisch-kritische Konstitution, die synthetischen
Leistungen des Verstandes und die Rekognition im Begriffe werden – sei´s pathologisch affiziert,
sei´s propagandamäßig genudelt – korrumpiert. Die Medien dominieren der Einsicht Günther
Anders zufolge die Wirklichkeit.
   »Wenn das Phantom wirklich wird, wird das Wirkliche phantomhaft.«   
Ich zitiere aus einer Webseite, die Dresden gedenkt, die offenkundig das ausspricht, worum es
geht, nämlich, die Bombardierung Dresdens so herzurichten, daß sie zur Entlastung des Gewissens
hinsichtlich der Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit instrumentalisierbar wird. Dieser Bezug
ist nicht von außen an die Sache geführt, sondern wird von den Legendenbildnern selber hergestellt,
was ich daher an einem Beispiel ausführlich dokumentiere,das aus dem letzten Jahr stammt:

   »Dürfen wir um Dresden trauern?
Trauer und Gedenken stehen in Deutschland 56 Jahre nach dem Ende des Krieges hoch im Kurs. Religiöse und ethnische Minderheiten haben schreckliche Verfolgungen erlitten, dies ist gewiß ein Grund zum Gedenken. Gewiß. Aber es wurden auch Millionen von deutschen Menschen getötet,  Menschen, die genauso unschuldig waren wie die heute herausgehobenen Opfer. Auch sie hatten nichts anderes getan, als zu einem unterlegenen Volk zu gehören.
  Genauso unschuldig…
Das deutsche Volk war ahnungslos. Es war durch die Massenmedien der Zeit im Sinne des Zeitgeistes
indoktriniert, im Unwissen gehalten, betrogen und getäuscht über das, was im Hintergrund ablief. Daß sich so viele Menschen täuschen lassen konnten, ist den Nachgeborenen heute kaum noch vorstellbar. Es sollte uns gerade heute eine Warnung sein. Auch heute ist das Wissen durch ein System von Schlagworten ersetzt, die die allgemeine Ahnungslosigkeit mit Phrasen verhüllt. Besonders gering ist das Wissen um die historische Situation und die vielen Gründe, die in einen Krieg führten, in dem Millionen von Deutschen bis zum äußersten gekämpft haben.
   …für Deutschland gekämpft
  Sie haben für Deutschland gekämpft, nicht weil sie für Hitler waren, sondern weil sie ihr Vaterland retten wollten, das in eine schier ausweglose Situation geraten war. Unsere Großväter und Väter waren keine Verbrecher – bis auf wenige Ausnahmen wie in anderen Völkern auch -, sondern sie haben gekämpft, ,weil sie ihr Land liebten´, – so hat es Francois Mitterand noch am 8. Mai 1995 unseren Politikern ins Stammbuch geschrieben.

24  A.a.O. S. 1023
25  Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1, 1987 , S. 105

 Und jeder, der von Verbrechen redet, möge zuerst in seiner eigenen Familie nach Tätern und Opfern suchen, bevor er sich mit Pauschalurteilen gegen die Generation seiner Väter stellt.
Eine kollektive Schuld der Deutschen hat es nie gegeben, alle Kinder und Greise, alle Frauen und Mädchen, die Opfer des Bombenterrors, der Vertreibung und der Hungerjahre wurden, hatten keine Schuld. Sie waren Opfer, auch Opfer einer kollektiven Verleumdung.
In der Sowjetzone wurde diese Schuld-Propaganda besonders gerne von jenen aufgenommen, die unter dem Mantel der Freundschaft mit einer fremden Macht den Kampf gegen Deutschland von innen weiterführten.
  Wer das eigene Volk beschuldigte, der war sich der Gunst der Siegermächte sicher, und so ist es nicht erstaunlich, wie groß mit den Jahren das Heer derjenigen wurde, die sich vor Selbstbezichtigung geradezu überschlugen.
   Die von der östlichen Siegermacht installierten Zeitungen und Rundfunkanstalten machten sich an die Bearbeitung der Volksseele; anstelle der natürlichen Zuneigung zum eigenen Land konnte sich ein nationaler Selbsthaß zum Mittelpunkt eines neuen Nationalbewußtseins entwickeln, der bis heute seine Blüten treibt.
   Den Massenmedien mit ihren feinen Methoden des selektiven Erinnerns und des selektiven Vergessens ist eine Bearbeitung des Bewußtseins der Nation gelungen, die heute ein Gedenken daran, daß auch Millionen Deutsche Opfer waren, zu einem öffentlichen ungeliebten Unterfangen machen.
   Dies ist ein unnatürlicher Zustand, der in kaum einem anderen Lande möglich wäre. Welche deutsche Familie hat keine Toten in diesem Krieg zu beklagen?
   Es ist unnatürlich, wenn die Menschen nicht um ihre nächsten Angehörigen trauern, nicht derer gedenken, mit denen sie durch die Gemeinschaft der Liebe und des Schicksals unzertrennbar verbunden sind.
   Es ist menschenverachtend, würdelos, ja niederträchtig, wenn ein Volk nicht seiner eigenen Toten gedenkt. So wie die Toten verschwiegen, geleugnet, als ,selber schuld gewesen´ verhöhnt werden, so werden auch die Zahlen heruntergerechnet. Meist sind offizielle Zahlen unter Verschluß.
   Dies gilt für Dresden, wo ARD und ZDF sich auf ,über 15.000´ geeinigt haben, genauso wie für die Gesamtzahl der getöteten Deutschen, die bei mindestens 9 Millionen – nach anderen Untersuchungen sogar bei über 13 Millionen Toten – liegt.  
   Nur weil sie Deutsche waren
   Für diese Toten, die auch Opfer eines kollektiven  Schicksals wurden, die allein deshalb starben, weil sie Deutsche waren, gibt es in diesem Land keine angemessene Ehrung.
   Für diese nationale Katastrophe gibt es kein zentrales Museum, keine Gedenkstätte, keinen Gedenktag, kaum feierliche Reden der ,Großen dieses Staates´. Wo sollte man ihrer gedenken?
   Sie liegen verstreut in den zerbombten Städten zwischen Köln und Königsberg, sie liegen verscharrt an den Wegrändern in Ostpreußen und Schlesien, in den Rheinwiesen und in Sibirien, und sie liegen auf allen Friedhöfen der Hungerjahre, an die sich heute keiner mehr erinnern will.
   Nur an einem Ort ist der massenhafte Tod unschuldiger deutscher Menschen und die Zerstörung deutscher Kultur wie keinem an anderen versammelt:   In Dresden
   Hier sollten wir des Schicksals jener Millionen von Deutschen gedenken, für die das Kriegsende keine Befreiung war.«  
Die Deutschen waren demgemäß so unschuldig wie ihre Opfer, vor allem Juden, gehörten ebenso
einem unterlegenen Volk an, ahnungslos und indoktriniert hätten sie gekämpft für das Vaterland,
Pauschalurteile – wer wollte dem schon widersprechen – seien nicht angebracht und dann läuft es
darauf hinaus, eine Kollektivschuld-Vorwürfe abzuwehren, die niemand erhebt, ein famoses
Verfahren, das Günther Anders schon als eines erkannt hatte, das darauf abzielt die
Kollektivunschuld unter dem Strich herauskommen zu lassen. Behauptungen wie die, die offiziellen
Zahlen – ich hatte einige davon zitiert – seien unter Verschluß, sind leicht zu widerlegen, indem man
sie zitiert. Daß die ach so unschuldigen Deutschen gestorben sind, weil sie Deutsche sind, so wie
die Juden, weil sie Juden sind, ist dann wohl die dreisteste der Projektionen. Ähnlich wie Täter und
Opfer in Bitburg geehrt werden sollten, so werden die Opfer der Deutschen mit den Toten der
Luftangriffe gleichgesetzt. Da das nicht so ohne Weiteres geht, wenn man sich an die Wirklichkeit

26  Die Homepage ist zu finden unter der Adresse http://home.broadpark.no/~aduus/Dresden1/dresden1.html
hält, müssen an der Realität einige quantitative und qualitative Veränderungen vollzogen werden.
Wirklichkeit und Bild sind im Folgenden an zwei Punkten zu konfrontieren.

Überhöhte Zahlen
Von den zahlreichen Autoren, die über die Zerstörung Dresdens schrieben, war es ausgerechnet
Geschichtsfälscher David Irving, der in einem Prozeß unterlag, den er gegen Deborah Lipstadt
anstrengte, derjenige, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog. Genauer als in diesem Fall ist
wohl noch nie jemand das Geschichtsfälschen nachgewiesen worden. Das Problem ist, daß das
Buch schon längst seine Wirkung gehabt und dessen Inhalt wie ein Gerücht sich fortpflanzt und in
den Köpfen festgesetzt hat. Hier finden wir alle Legenden bereits vorgearbeitet, so daß darauf
genauer einzugehen lohnt. Mittlerweile hat sich Irving als Anhänger Hitlers demaskiert, der ein
Interesse hat die Taten klein zu reden, wie die Maßnahmen der Alliierten zu übertreiben. Und so
kommt er dem, was in den Deutschen denkt, entgegen und wurde so durch seine Arbeiten äußerst
wirksam. Daß er Engländer ist, wäre ja nur durch einen Juden zu toppen.
Die der Wirklichkeit am nächsten kommende Opferzahl von höchsten 35.000 hat Irving eine eins
vorgesetzt und log dreist:

  »Die Deutschen haben einfach die erste Ziffer weggelassen, um die Zahl für die Russen annehmbarer zu machen, die behauptet hatten, das Bomberkommando sei keine besonders wirksame Waffe.«  
Richard J. Evans erwiderte richtig, daß im Gegenteil die Russen eher ein Grund gehabt hätten, die
Zahl im kalten Krieg aufzubauschen und daß es keine Beweise gäbe, daß die erste Stelle
weggestrichen wurde. Aber das reichte ja Irving noch nicht. Gegenüber dem »Stern« äußerte er, es
sei

  »interessant zu sehen, wie die Zahl der Luftkriegstoten stetig wuchs, wie man es erwarten konnte.« »Ist das nicht imponierend?«  
Da waren bei ihm nun die Zahlen schon auf 200.000 angewachsen. Besondere Bedeutung hatte
ein Dokument, von dem Irving eine Kopie besaß mit dem Titel »Der höhere SS und Polizeiführer
Dresden: Tagesbefehl Nr. 47«, das einem Oberst Grosse zugeschrieben wurde, das sich als Auszug
aus der Schlußmeldung des Dresdener Polizeipräsidenten ausgab. Allerdings hatte schon 1955 Max
Seydewitz, früherer Bürgermeister von Dresden das Dokument als Fälschung abqualifiziert und
Irving hatte selber die Einschätzung 1963 akzeptiert und als raffinierte Propaganda bezeichnet.
Da Irving wegen des Prozesses gezwungen war, den Anwälten des Prozeßgegners die
Privatkorrespondenz und die Notizen für seine Forschung zugänglich zu machen, hatte der
Gutachter Evans einen guten Einblick in dessen Arbeitsweise. Seine indirekte Quelle war ein Dr.
Max Funfack, der Irving allerdings einen entrüsteten Brief schrieb, in dem er betonte, er hätte
Zahlen nur von dritter Hand erfahren und diese differierten erheblich, er sei auch gar keine
Standortsarzt gewesen, sondern nur Urologe im Lazarett und er betont:

  »Ich kann also keinerlei verbindliche Aussagen über die Zahl der Toten machen, sondern nur das wiedergeben, was mir berichtet wurde.«  
Irving hatte das Dokument von Walter Hahn bekommen, der mit Funfack befreundet war und
ohne dessen Wissen eine Abschrift angefertigte hatte. Irving log gegenüber dem RAF-Historiker
Noble Frankland, er habe das Dokument von Funfack erhalten, der während des Krieges
Standortarzt gewesen sei. Das wirkliche »Original« war selber eine Fälschung und enthielt ganz
einfach Zahlen, mit den Goebbels die Korrespondenten der Auslandspresse in Berlin fütterte und
die in Auslandssendungen der Nazis auftauchten. Irving war also einer Abschrift eines Dokuments

27  Dok. 142: Zeitungsausschnitt aus dem Daily Sketch, 29. April 1963 cit. bei: Richard J. Evans, Der
Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozeß, Frankfurt a.M. 2001, S. 196
28  a.a.O. S. 200
29  DJ 35. Max Funfack an Irving 19. Januar 1965 cit. bei Evans a.a.O. S. 201

aufgesessen, das Aktivitäten des Goebbelschen Propagandaministerium entsprang. Die Zahlen sind
absurd. Die Bergung von 200.000 bis 250.000 Leichen in einem Monat hätte mehr Personal und
Transporter gekostet als vorhanden waren. Und Irving wurde von Theo Miller, der dem
Räumungsstab angehörte, mitgeteilt, daß
  »alle aufgefundenen Leichen entweder bestattet oder auf dem Altmark verbrannt wurden«
Und er zeigte auf, daß so große Mengen in der Zeit zu bergen, wie Irving behauptete, technisch
nicht möglich wäre.
Irving mußte, nachdem der – von mir schon zitierte – Schlußbericht auftauchte einen
demütigenden Rückzieher machen, der entsprechende Leserbrief erschien in der »Times«. Aber der
Mythos hatte sich schon genügend verbreitet. Evans zitiert L.A. Jackson, Chefhistoriker des
britischen Luftministeriums nach dem Erscheinen des Leserbriefes von Irving:

   »Es ist praktisch unmöglich, einen Mythos dieser Art zu zerstören, wenn er sich erst einmal ausgebreitet hat und vielleicht in anderen Büchern auf der ganzen Welt gedruckt worden ist.«  
Aber Irvings Widerrufung war so vorbehaltlos nicht. Er bestritt weiterhin, daß die Polizei eine so
große Anzahl wie 18 375 Leichen gezählt haben könne, allerdings daß sie 202 040 Tote zählen
könne, daran hatte er seltsamerweise keinen Zweifel gehabt. In der deutschen Neuauflage 1967
spielte der »Tagesbefehl 47« immer noch eine herausragende Rolle wie in der englischen Ausgabe
1966 und die überhöhte Zahl von 135.000 war auch nicht revidiert. In der englischen Ausgabe von
1971 wurden die erbetenen Änderungen  nicht gemacht, die Zahl wurde lediglich auf 100.000
reduziert und der gefälschte »Tagesbefehl 47« war immer noch im Anhang enthalten. Nun fiel Götz
Bergander eine Abschrift des wirklichen Dokuments in die Hände, die Werner Ehlich hatte. Dort
betrug die Zahl der Todesopfer 20204, die Zahl der erwarteten Opfer 25000 und die der kremierten
Leichen 6865. Offenbar hatte jemand, vermutlich aus Goebbels Propagandaministerium hinter jede
der Zahlen eine Null angehängt. Erst 1977 rang sich Irving durch, die Fälschung als Fälschung
zuzugestehen. Nur hielt er weiterhin an höheren Zahlen fest. Er vergrößerte sogar die eigenen
Zahlen. Aus einer ständigen Bevölkerung Dresdens von 650.000 Einwohnern und hundertausenden
von Flüchtlingen wurden dann eine bis zwei Millionen Flüchtlinge. Den Zuwachs bezeichnet Evans
zurecht als Produkt der Phantasie. Bergander ermittelte eine Zahl von rund 200.000 Flüchtlingen.
Friedrich Reichert, ein Dresdner Historiker, wies nach, daß die Einwohnerzahl wegen der
abwesenden Frontsoldaten nicht 650.000, sondern 567.000 betragen hatte und addierte 100.000
Flüchtlinge dazu, was ja schon eine beträchtliche Zahl ist, aber weit von 2 Millionen entfernt.
So viel zu den Totenzahlen. Überhöhte Zahlen kursieren eh und je, teilweise finden sich in ein
und derselben Tageszeitung gleich drei abweichende Zahlen.

Die Legende von den Tieffliegern
Waren die Zahlen, mit der man hantierte, übertrieben, so kommen wir jetzt zu den reinen
Phantasieprodukten, die Erzählungen und Augenzeugenberichte von Tieffliegerangriffen auf
Dresden und Umgebung.
Einen ersten schriftlichen Beleg solcher Legenden zitiert Helmut Schnatz, dessen gründliche
Arbeit ich zur Grundlage meiner Argumentation genommen habe. Es handelt sich um einen Brief,
den der Leiter der Quäker-Hilfe Carl J. Welty in Koblenz am 10. 2. 1947 an seine Frau schrieb.

«Es gab drei schwere Luftangriffe in einer Nacht (sic)… Diejenigen, die in die wenigen Parks flohen, um den Flammen zu entkommen, wurden von Tieffliegern mit Maschinengewehren beschossen (machineguned by low-flying airplanes). Harry sagt, er wolle versuchen, zutreffende Zahlen und Fakten über Dresden zu erhalten, weil

 

30  Cit bei Evans a.a.O. S. 214
31  Cit. bei Evans a.a.O.

 

dies das schrecklichste Beispiel eines Massenmords aus der Luft ist neben Hiroshima und dieser anderen japanischen Stadt, was im Krieg vorkam.«  
Dies bezeugt, daß Gerüchte über ungewöhnliche Umstände bei den Angriffen schon kurz danach
kursierten.
Im Merian-Heft Dresden vom Juni 1949 findet sich schon gedruckt gelogen eine frühe Erzählung.

   »… Auf den Strom der Flüchtlinge, der sich in den Großen Garten ergoß, wohin sich auch die Tiere aus dem benachbarten Zoologischen Garten flüchteten, machten englische und amerikanische Flieger ebenso wie auf den Elbwiesen in Tiefangriffen mit Maschinengewehren Jagd.«  
Hier sind schon die Elemente der Legende versammelt, die alsbald immer wieder auftauchen, die
Lokalisierung, die Vorstellung von Menschenjagden mit Flugzeugen und Bordwaffen und die
Verwerflichkeit solcher Kriegshandlungen wird schon angedeutet. Übertroffen wird diese
Darstellung in dem zuerst im »Grünen Blatt« erschienen vermeintlichen Tatsachenbericht »Der Tod
von Dresden« von Axel Rodenberger, der dann als Buch herauskam. Der Ullsteinverlag war sich
nicht zu blöd, das von massenhaften sachlichen Unrichtigkeiten nur so strotzende Buch doch
tatsächlich 1995 wieder aufzulegen, immerhin aber mit einer distanzierenden Bemerkung im
Nachwort, was die historische Richtigkeit der Tieffliegerangriffe angeht. Die Anschaulichkeit der
Darstellung steigert sich in der Legendenbildung immer mehr, die Fülle von Details suggerieren
Authentizität:

   »Eine Steigerung des Entsetzlichen war kaum noch denkbar. Und doch stieg noch das Grauen. Im Tiefflug brausten Jagdbomber das Elbtal entlang, über die Elbwiesen hinweg. Ihre Bordkanonen und Maschinengewehre sprühten feurige Garben in diese dunklen Flächen hinein. Wie Perlenschnüre glitzerten die langen Reihen der Leuchtspurmunition, bis sie im Dunkel verschwanden… Die noch Lebenden bewegten sich nicht … Und die Bordkanonen bellten. Die Maschinengewehre ratterten. Wieder – wieder – wieder! In steiler Kurve wendeten die huschenden Schatten. Erneut sprühte das Feuerwerk der Vernichtung. Durch die feuerspeienden Schatten fielen die Bomben neuer Verbände. Kein Zufallstreffer wischte einen der huschenden Schatten hinweg. Sie flogenunbeirrt und kehrten zurück. Wieder – wieder – wieder!«
Noch dreister ist die Darstellung von Karl Bartz:

   »Drei Stunden später (nach dem ersten Nachtangriff, d. Vf.) schlug das Verhängnis wieder zu. Wieder erschienen 1000 Bomber, diesmal im Tiefflug (Hervorhebung des Verfassers) und warfen in die Menschenmenge Spreng- und Splitterbomben, und dann schlossen sie mit Bordwaffen in die sich windende Menschheit!«  
Die Bomber flogen nämlich in Höhen zwischen 6930 und 2310 Metern. Und wären sie tiefer
geflogen, dann hätten die Bombenschützen nicht gleichzeitig in den MG-Türmen sich befunden
haben können, um schnell mal ein paar Leute abzuknallen.
In der DDR war die Literatur auch nicht besser, Max Seydewitz umfangreiches Werk
kommentierte den zweiten Angriff:

   »Dieselben Herren, die dem Rundfunksprecher in London den Auftrag gegeben hatten, den Menschen in dem brennenden Dresden zu empfehlen in den Großen Garten zu gehen, dieselben Menschen beauftragten ihre Bombengeschwader, über den Großen Garten zu fliegen und dort auf die hilf- und schutzlosen Männer und Frauen, Kinder und Greise ihre Bomben abzuwerfen, über sie glühenden Phosphor auszugießen und schließlich die trotz Bomben und Phosphorbränden noch nicht Umgekommenen mit Bordwaffen abzuschießen.«
Und in Bezug auf den dritten Angriff:

 

32  cit..bei Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit,  Köln, Weimar, Wien 2000, S. 7, der
erwähnte Harry ist sein Mitarbeiter Harry Pfund.
33  Fritz Löffler, Das heutige Stadtbild. In: Heinrich Leippe (Hrsg.), Merian Dresden, Hamburg 1949 S. 59 cit. bei
Schnatz a.a.O. S. 7
34  Axel Rodenberger, Der Tod von Dresden, berlin 1952, S. 128 cit. bei Schnatz a.a.O.S. 8
35  Hans Rumpf, Der hochrote Hahn, Darmstadt 1952, S 349 cit. bei Schnatz S. 9

 

»Und wieder gab es Tote und Verwundete, brennende und zusammenstürzende Häuser, Entsetzen und Verzweiflung. Dann folgen die Flieger über die Elbwiesen, die schwarz von Menschen waren, die sich aus der brennenden Stadt gerettet hatten, und schossen dort im Tiefflug am hellichten Tag in die Menschen hinein«  
So aufbereitet drang die Legende 1959 auch in die wissenschaftliche Literatur ein, in Maximilian
Czsesanys Dissertation »Der Luftkrieg 1939-1945«. Die Formulierungen deckten sich im Wortlaut
und Darstellung mit den schon zitierten. Und Anfang der 60er Jahre übernahm David Irving, den
wir schon als Geschichtsfälscher kennengelernt haben, die Sache publizistisch. In der »Neuen
Illustrierten« erschien ein Bericht von 35 Folgen, der so erfolgreich war, daß er 1964 als Buch
herauskam. So war die Tieffliegerlegende so sehr in den Köpfen, daß man mit Tatsachen und
Beweisen sie nur noch schwer erreicht. Irving wiederholte allerdings nicht die Legenden über
nächtliche Tieffliegerangriffe, wohl weil er gewissen Kenntnisse in die technischen Möglichkeiten
der geflogenen Flugzeuge hatte, sondern bezog sich auf die angeblichen amerikanischen
Tiefangriffe:

  »Aber es sind nicht die Bomber, die diesen Angriff so schrecklich machten, … Es sind die Begleitjäger vom Typ Mustang. Sie haben den Befehl (Hervorhebung des Verfassers), die Verwirrung auf den Ausfallsstraßen bis zur Panik zu steigern. …«  
  »In den Krankenwagen, die mit großen, weithin sichtbaren roten Kreuzen versehen sind, liegen zahlreiche Schwerverwundete. Als die Tiefflieger angreifen, halten sie es in dem Wagen nicht mehr aus …. Vor uns steht ein offener Lastwagen. Auf seine Ladefläche liegen schwerverwundete Soldaten. Die Fliegen schießen aus allen Rohren mit Bordwaffen. …. Und immer wieder kehren die Maschinen zurück, nehmen alle Wagen auf den Elbwiesen unter Feuer … Wie auf den Elbwiesen, so ist es auch im Großen Garten, so ist es vor allem auch in den Außenbezirken der brennenden Stadt an der Elbe, wo sich die endlosen Kolonnen der Treckfahrzeuge vorwärtschieben. Das sind die , Truppenverbände´ und , Marschkolonnen´, die nach den Berichten der Piloten angegriffen werden sollen.«  
Irvings Darstellung suggerierte Wissenschaftlichkeit, indem er auf angebliche Befehle, beteiligte
Einheiten, genaue Uhrzeiten, technische, fliegerische und organisatorische Details abhob. Und
selbst nachdem bereits 1977 Götz Berganders seriöse Arbeit über den Luftkrieg über Dresden
Zweifel an der Existenz von Tiefangriffen erhoben hatte, wurde die Erstauflage 1990 und 1995
unverändert nachgedruckt. Die Legenden wurden immer wieder zitiert, gingen in
Nachschlagewerke ein, wurden zu den Jahrestagen in den Tageszeitungen und in Fernsehserien
wiederholt. Es könnten unzählige Belege gebracht werden, ich verweise auf die detaillierte
Darstellung von Helmut Schnatz.
Eines haben dies Darstellungen gemeinsam, sie zeigen, daß die »Zeugen« gar keine klaren
Vorstellungen hatten, was Tiefflieger und Tiefangriffe sind. Die Bilder, die über die Wirklichkeit
dominieren, stammen aus Propagadafilmen wie »Kampfgeschwader Ätzow«. Dort werden die
deutschen Bordschützen glorifiziert, sie würden Polen mit Bordwaffenbeschuß verjagen und so
genau treffen, daß keine Volksdeutschen in Gefahr geraten. Das ist allerdings schier unmöglich, wie
soll man mit einem mit 200-300 km/h fliegenden Flugzeug einzelne Personen ausmachen. Die
deutschen Wochenschauen zeigen Bilder, wie aus Bugkanzeln von Bombern (He 111 oder Ju 88)
aus niedriger Höhe auf gegnerische Fahrzeugkolonnen mit Maschinengewehren gefeuert wurde
Solche Tiefangriffe waren selten, zumal die niedrig fliegenden Flugzeuge ein schönes Ziel für die
Flak-Verteidigung boten. Schnatz beschreibt die am häufigsten und erfolgreichsten Tiefangriffe
folgendermaßen, es greifen

  »ein- oder zweimotorige Jäger oder Jagdbomber, also kleine, sehr schnelle und wendige Flugzeuge« mit »Bordwaffen, also schweren Maschinengewehren oder Maschinenkanonen« an. Unter Jagdbomber sind zu verstehen: »Jagdflugzeuge, die speziell dafür ausgerüstet sind, auch Raketen oder ein oder zwei Bomben kleinen Kalibers (insgesamt 100 lb. = 453 Kg) mitführen zu können und die in Frontnähe gegen Ziele am Boden eingesetzt werden. Haben sie Bomben abgeworfen, können sie mit Flugeigenschaften wie Jagdflugzeuge gegnerische Flugzeuge angreifen oder sich gegen sie verteidigen. Solche Flugzeuge waren nicht an den

36  Max Seydewitz, Zerstörung und Wiederaufbau von Dresden, Berlin (Ost), 1955, S. 79
37  David Irving, und Deutschlands Städte sterben nicht, Zürich 1964
  Luftangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar beteiligt, obwohl das in den zahlreichen Aussagen immer wieder gesagt wird.«  
Die Maschinengewehre oder leichten Kanonen von Jägern und Jagdbombern waren starr im
Rumpf oder den Tragflächen eingebaut, so daß das Ziel mit dem gesamten Flugzeug anvisiert
werden mußte, so daß sie in gerader Linie genau auf das Ziel zuflogen und das hatte in einer
Mindesthöhe von 200 bis 300 Metern zu erfolgen, wenn man sich nicht in einen Kamikazeflieger
verwandeln wollte. Und aus so einer Höhe muß ein Ziel überhaupt erst einmal erkannt werden.
Tiefangriffe, die dicht über den Dächern oder in Häuserhöhe erfolgen, sind technisch mit
Bordwaffen gar nicht möglich. Ein Ziel von 2×2 m wirkt im Visierkreis des Zielgeräts wie eine
Briefmarke. Überhaupt etwas zu treffen ist selbst für geübte Piloten schwer. Man hat etwa 1,5
Sekunden Zeit zum Zielen und treffen, so daß allerhöchstens ein Ziel getroffen werden kann. Die
Schilderungen von rauschhaften, frischfröhlichen, übermutigen, waghalsigen Aktionen, »Germans
in Rudeln zu jagen« sind nicht einmal denkbar, da es sich um gefährliche Flugmanöver handelt, die
Beherrschung des Flugzeugs, Selbstkontrolle, höchste Konzentration erfordern. Das Stereotyp: »Sie
schossen auf alles was sich bewegte« entsprach überhaupt nicht der Wirklichkeit von Tiefangriffen.
Wenn Tiefflieger auftauchten, erstarrte alles oder man, sah zu Züge oder Fahrzeuge zu verlassen.
Geschossen wurde höchstens auf alles, was man überraschen konnte. Aber nun mal nicht in
Dresden.
Helmut Schnatz weist detailliert nach, welche Rahmenbedingungen notwendig gewesen wären,
damit Tiefangriffe hätten möglich gewesen sein können. Jede einzelne fehlende Bedingung macht
für sich genommen solche Angriffe technisch unmöglich. Zu den angebliche Tiefangriffen bei
Nacht ist zu sagen: Die Lancaster Bomber scheiden für die Annahme von Tiefangriffen von
vornherein aus. Der Mosquito dagegen war ein kleines und wendiges Flugzeug, käme also
grundsätzlich in Betracht. Der Typus, der als Markierungsflugzeug eingesetzt wurde besaß keine
Bordwaffen und kam dafür insofern nicht in Frage. Andere Typen wären für die Fernnachtjagd im
Prinzip möglich. Diese erschienen ab Winter 1943/44, um die Einflüge der Bomber abzuschirmen.
Man wußte, daß durch die Benzinknappheit, Treibstoff bei den Deutschen sparsam eingesetzt
werden mußte, so daß es keine zwei größere Nachtjagdeinsätze der Deutschen hätte geben können.
Der Schwerpunkt des Einsatzes lag also in der ersten Operation. Allerdings waren die meisten
Einsätze dieser Flugzeuge nicht im Ostbereich, sondern in der Westhälfte des Reiches. Schnatz geht
einige Möglichkeiten durch, eine Gruppe von Squardronen ließ sich leicht ausschließen:

  »Scheidet man … alle die Mosquitos aus, die aus Gründen des Einsatzraumes für Tiefangriffe in Dresden nicht in Betracht zu ziehen sind, so zeigt sich, daß sie gleichzeitig auch aus Gründen der Flugzeitangaben hierfür nicht in Betracht kommen. Aus dem Flugzeitendiagramm für die Nacht des 13. /14. Februar 1945 (…) geht klar hervor, daß fast alle Mosquioto- Nachtjäger so frühzeitig in England landeten, daß für sie die Zeitspanne zwischen dem zweiten Angriff auf Dresden (nach dem ja dann die Tiefangriffe stattgefunden haben sollen) und der Landezeit in England für den Rückflug viel zu kurz gewesen wäre  – mit anderen Worten, diese Flugzeuge scheiden in jedem Fall für Tief aus.«  
Für andere Typen stellt Schnatz komplizierte Berechnungen der Flugzeiten an, am Maßstab der
Flugzeiten der Markierungsflieger und gemäß der erzielbaren Geschwindigkeiten. Die Mosquitos
waren allesamt auf dem Rückflug, als der erste Angriff schon lief. Fazit:

  »Aus den britischen Einsatzaufträgen, Flugdaten und -strecken wie aus den deutschen Luftlagemeldungen ergibt sich damit, daß es keine britischen Tiefangriffe mit Bordwaffen gegeben hat. Auch die Markierer kommen nicht in Frage, da die von ihnen geflogenen Bomberversionen, wie schon erwähnt, keine Maschinengewehre und – kanonen besaßen.«  
Schnatz geht aber noch weiter und nimmt hypothetisch Tiefangriffe an, die durch Piloten
erfolgten, die von ihrem eigentlichen Auftrag abwichen, wie das ein Leserbrief in der FAZ meinte
behaupten zu dürfen. Die 6 Flieger, die nichts zu tun gehabt haben sollen, hätten dann dieser

38  Schnatz, a.a. O. S. 39
39  Schnatz a.a.O. S. 54
40  a.a.O. S. 61

Argumentation zufolge im »Rausche des Mordens« ihre eigenen Ziele gesucht. Dann aber bleiben
immer noch die atmosphärischen Bedingungen und ihre Auswirkungen auf die Flugzeuge. Vor
allem die Feuerstürme und Flächenbrände machten Tiefangriffe dort generell unmöglich:

   »Selbst wenn also einzelne Nachtjäger unmittelbar über Dresden geflogen wären, so wären sie schlichtweg lebensmüde gewesen, sich mit ihren leichten Maschinen hinunter in die Hölle zu stürzen,die am Boden und natürlich auch in Bodennähe in den Höhelagen der Tiefflieger raste.«  
Es sei also die Zusammenfassung der Argumentation zitiert:

  »Wie sich aus der Untersuchung ergibt, sind die behaupteten Tiefangriffe in der Nacht Phantasmagorien, geboren aus dem Schrecken einer urplötzlich hereingebrochenen unerwarteten Katastrophe gigantischen Ausmaßes. Von den Hunderten von Flugzeugen, die die britische Luftwaffe in der Nacht des 13. /14. Februar 1945 gegen Deutschland fliegen ließ, war nur ein sehr kleiner Teil, nämlich Maschinen des Typus Mosquito, in der Lage, Tiefangriffe der Art, wie Literaten und Augenzeugen sie behaupten, zu fliegen.
  Von den Mosquitos wiederum war

= der weitaus überwiegende Teil nicht gegen Dresden selbst, sondern räumlich weit davon entfernt eingesetzt und
= ist auch nicht dorthin geflogen;
= von denjenigen, deren Auftrag der Schutz der Bomberverbände auf ihrem Weg nach und von Dresden war,
scheitet ein weiterer Teil
= aus Zeitgründen aus;
= diejenigen, die danach noch verbleiben könnten, kommen nicht in Frage, weil ihre Flugstrecke in dieser Nacht
nicht weit genug oder
= ihre Flughöhe zu hoch und
= ihre Tätigkeit, wie einwandfrei dokumentiert, eine andere war als Tiefangriffe.
= Selbst wenn die wenigen – insgesamt drei – Piloten, die in Frage kämen, es gewollt hätten, die Auswirkungen des
Feuerorkans, der in und um Dresden tobte, hätten ihnen eine Ausschau nach Zielen in Gestalt von Personen am
Boden und ein Fliegen, wie es die Taktik des Tiefangriffs erfordert, schlichtweg unmöglich gemacht.«  
Amerikanische Tiefangriffe erscheinen prima facie plausibler, allerdings richteten diese – wo sie
tatsächlich stattfanden – gegen andere Ziele. Auf Züge, die wegen Treibstoffmangel das wichtigste
Transportmittel der Wehrmacht waren. Daher wurden zusätzlich Wagen mit Flak-Geschützen
angehängt und die ersten Wagen blieben als Schutzwagen leer. Weitere Ziele waren
Schiffstransporte und seltener der militärische und zivile Straßenverkehr. Dies betraf allerdings
mehr das offene Land, wo mit leichter Flak gerechnet wurde, große Städte wurden gemieden,
wegen der Flak-Konzentration. Des weiteren hätten auch die Auswirkungen der britischen und
amerikanischen Luftangriffe und die Wetterbedingungen ein Tiefangriff entgegengestanden. Die
Sicht war nicht nur in großer Höhe, sondern auch am Boden so schlecht, daß Tiefangriffe
Kamikaze-Flüge gewesen wären. Tiefangriffe über Dresden wären unverantwortlich, leichtsinnig
gegenüber den eigenen Leuten gewesen. Schnatz vergleicht das, was die Piloten hätten leisten
sollen mit den Kunstflügen 1988 über der US-Air Base in Ramstein, bei der neun Flugzeuge im
Tiefflug kollidierten. Und das aber waren Piloten, die ihr Programm immer wieder eingeübt hatten.
Zusammenfassend zu den angeblichen Tiefangriffen bei Tage schreibt Schnatz:

= »Entgegen Seydewitz, Irving und anderen ist festzuhalten, daß es keine Befehle gegeben hat, mit Tiefangriffen die Dresdner Bevölkerung zu terrorisieren, sondern daß nur auf dem weiteren Rückweg und nur unter der Bedingung Tiefangriffe erlaubt waren, daß keine Jäger erschienen waren oder erwartet wurden,
= daß diese Bedingung im Fall Dresden nicht gegeben war, sondern daß dort und in der weiteren Umgebung vor,
während und nach dem Angriff Luftkämpfe im Gang waren,
= daß demnach der Operationsrahmen, aber auch Operationsverlauf für Tiefangriffe am Ziel keinen zeitlichen
Spielraum ließen,

41  a.a.O. S. 67
42  a.a.O. S. 69

= daß die schnelle Entwarnung ohne Vorentwarnung in Dresden nach den letzten Bombenwürfen beweist, daß der Luftraum Dresden nach der Bombardierung tatsächlich zügig geräumt wurde,
= daß dieser Umstand auch von der Luftlagereportage des deutschen Flugmeldedienstes bestätigt wird,
= daß die Treibstoffsituation wegen der Wetterlage und der Operation in der Nähe der Reichweitengrenze Tiefangriffe auf Dresden riskant machte,
= daß Tiefangriffe zwar tatsächlich, aber erst dann geflogen wurden, als die Abwehrlage für die US-Jäger geklärt und die amerikanische Streitmacht mitsamt ihren Begleitjägern schon weit von Dresden entfernt war,
= daß es wegen der Koinzidenzen der deutschen und amerikanischen Überlieferungen keinen Grund zur Behauptung gibt, die amerikanischen Piloten hätten ihre Tiefangriffe auf Dresden in ihren Berichten verschwiegen
und
= daß es die behaupteten Menschenjagden in den Straßen und auf den Grünflächen Dresdens am 14. Februar nicht gegeben hat.«  
Nun darf man sich den Vorwurf der Projektion nicht so einfach machen, zur Projektion bedarf
es immer eines epistemischen Korrelats, das Projektion ermöglicht und Bedingungen, die die
Neigung zur Projektion bedingen. Die SD-Berichte der SS sprechen des öfteren von Gerüchten,
die auf mangelnder Information und bewußter Desinformation beruhen. Ein Beispiel:
Karl-Heinz Mistele zeigte in einem Aufsatz  anhand von ähnlichen Kriegsgerüchten, die in
verschiedenen Städten Deutschlands auftauchten, daß sie allesamt strukturell der Geschichte
von »Hildebrand und Hadubrand« nachgebildet sind, der Sage vom Sohn der Stadt, der auf
feindlicher Seite kämpft. In einem Fall soll es ein jüdischer Emigrant namens Walter gewesen
sein, der nachts über Bamberg fliegend der Versuchung widersteht Bomben auf die Stadt
abzuwerfen; die selbe Geschichte soll dann in Heilbronn ähnlich sich zugetragen haben, mit
dem emigierten Juden Oppenheimer, der sich durch Mosquito-Störangriffe an den Heilbronnern
rächte und die gleiche Geschichte findet sich dann in Oberlahnstein, anders variiert in Fulda und
sicher an vielen anderen Orten. Alles nach dem literarischen Vorbild, das in der deutschen
Literatur im 9. Jahrhundert beginnt und tradiert wurde. Es ist – auch antisemtischen – Wahn,
aber hat System.
Wehrmachtsberichte im Winter 1944/45 suggerieren, daß Tiefangriffe sich hauptsächlich gegen
die Zivilbevölkerung richteten. Entsprechend waren die Erwartungen, das Moment der
Projektion steckt ja bereits in einem nicht-pathologischen Sinne in jeder Wahrnehmung. Unter
extremen Bedingungen vermengen sich die Wahrnehmungen, die zeitlich verschoben
stattfinden. Schnatz weist darauf hin, daß die Tiefflieger-Legende auch mit der Intensität und
Modulierung der Motorengeräusche zusammenhängen könnte., die Motorengeräusche hörten
sich ungewöhnlich an, so daß wirklich der Schein von Tiefangriffen entsteht. Dazu kommt, daß
die Dresdner mit Luftkriegshandlungen gar keine eigene Erfahrung hatten und schwer psychisch
traumatisiert waren. So war so schon die Wahrscheinlichkeit groß, daß äußere Vorgänge anders
aufgefaßt und erlebt wurden als sie objektiv beschaffen waren. Eine Vielzahl von Geräuschen
affizierte die Menschen. Die Feuerstürme gehen mit einem Prasseln und Knattern einher, aus
den überreizte Nerven leicht das von der Propaganda suggerierte und somit erwartete
Bordwaffenfeuer machen, Explosionen, wie die eines Munitionszuges im Bahnhof Neustadt
könnten auch ähnliche Eindrücke erzeugen. Die Luftkämpfe am Tage im Elbtal taten ein
Übriges. Und die Kommandobehörden der Wehrmacht richteten ja an ihre Flugzeugführer das
Verbot

  »durch zu starkes Drücken der Maschinen den Eindruck eines Sturzangriffes entstehen zu lassen. Sie müssen bei Flügen unter 500m alles vermeiden, was zur Verwechslung mit einem Tiefangriff führen könnte.« 
43  a.a.O. S. 123
44  Karl-Heinz Mistle, Kriegsgerüchte. In: Lebendige Volkskultur, Festgabe für Elisabeth Roth zum Geburtstag,
Bamberg 1980, S. 151
45  Stellvertretendes Generalkommando XII. A.K. (Wehrkreiskommando XII), Schutz deutscher Flugzeuge gegen Beschuß durch eigene Truppen über deutschen Hoheisgebiet, 1. 9. 1941, Barch-MArch RW 17/63 cit. Schnatz S.

Dies sollte dem Schutz gegen Beschuß durch eigene Truppen dienen, etwa daß Flak-Kanoniere
die eigenen Flugzeuge abschießen und wenn schon Fachleute keine Tiefflieger erkennen können,
wie Otto Normalvergaser.
Ein Stück weit erklären solche Phänomene die häufigen gleichlautenden Zeugenaussagen. Nur
gibt es wiederum auch gegenteilige realitätstüchtige Zeugenaussagen, die ich nicht
verschweigen möchte:
Werner Ehlich berichtet folgendes:

   »Dem Abschießen von Menschen durch Bordwaffen steh ich mit Skepsis gegenüber. Ich habe den
   Mittagsangriff im Gr. Garten mit selbst erlebt, an der Hauptallee unter einem Baum liegend; da zuckelten freilich Bündel von Stabbrandbomben auf uns nieder, aber keine eigentlichen Geschosse. Wie ein Wunder wurde ich nicht getroffen von einer Stabbrandbombe, die für mich greifbar wie ein Zauberbuquet niederging und sich ausbreitete. … Auch von Tieffliegerangriffen die Menschen – angeblich bergeweise – hinwegrafft (sic) ist mir polizeilich nichts bekannt geworden. Jedenfalls gehörte ich dem II. Polizeirevier (nebst Präsidialwache) an, das sich erstreckte zwischen Elbe – Güntzstr,. Pirnaische Str. und Schiessgasse. Meine Kameraden hätten sonst etwas davon erzählt.«  
Christian Just wirkt als ein sehr genauer Beobachter:

»Den 2. Nachangriff erlebte ich im Freien, an der Südostecke der Kreuzung Albrechtstraße / Hans-Schemm-Allee (heue Blüherstraße) und Johann-Georgen-Allee (heute: Lingnerallee). Es war Ödland, auf dem man 1939 mit dem Bau eines ,Gauforums´ begonnen hatte. An jener Stelle hatte man mehrere Reihen von Sandsteinblöcken gelagert, zwischen denen meine Mutter und ich uns zunächst gesetzt, nach Ertönen der Alarmsirenen (weit weg, im Süden) hingelegt haben. Bei diesem Angriff registrierte ich einen Zusammenhang zwischen dem Geräusch der fallenden Bomben und deren Detonation: wenn der Ton hoch ansetzte, kam das Explosionsgeräusch aus ,weiter Ferne´; hörte man nur – ganz kurz – einen tiefen Ton, erfolgte die Explosion unmittelbar darauf und in nächster Nähe. Einmal prasselte dann danach die ausgeworfene Erde auf meinen Rücken; der dazugehörige Bombenkrater befand sich, wie ich am nächsten Morgen sah, in etwa 50-60 m Entfernung. Nach dem Bericht von Kreuzkantor Mauersberger sollen auf eben dieser Johann-Georgen-Allee bei diesem Angriff Tiefflieger auf die Menschen dort geschossen haben (Mauersberger war allerdings nicht selbst dabei und berichtete nur, was er von anderen gehört hat) (Einf. i. Orginal). Ich habe nichts dergleichen wahrgenommen. Viele Tote und Verwundete lagen am nächsten Morgen in diesem Gelände, aber es waren Bombenopfer (auch Bekannte von uns). Wann ich auf die Elbwiesen kam, kann ich nicht sagen, wir hatten keine Uhr dabei. … (Wir) waren … nach Überquerung der Albertbrücke auf der Neustädter Seite zu den Elbwiesen hinuntergegangen, Richtung Waldschlößchen. Dort waren auch einige Gruppen Soldaten mit Schaufeln u. ä. Angetreten. Auf einmal spritzten diese auseinander und warfen sich zu Boden (einer begann sogar, sich einzugraben). Wir taten es ihnen nach. Gesehen habe ich nichts, gehört nur die Bomber, das
Geräusch der fallenden Bomben und die Detonationen. Es schien mir aber alles weiter entfernt zu sein. Meine Mutter sagte mir allerdings, sie haben einen Bomben-Reihenwurf – etwa 120 m seitlich von uns – in die Elbe gehen sehen. Als die Soldaten aufstanden, taten wir es ihnen gleich. Eine Veränderung der Umgebung habe ich nicht festgestellt. Als wir dann vor dem Waldschlösschen den Hang hinaufgingen, fiel mir eine Reihe nicht zu tiefer Bombenkrater auf. Ich meinte damals, sie wären ganz frisch – also ein Ergebnis dieses Tagesangriffs-, ich war mir aber nicht sicher.«  
Solche vorsichtigen Berichte sind überzeugender als diejenigen, die schon vorgeformt nur so
heraussprudeln und von Mal zu Mal gesteigert werden, wie manche es aus Lanzergeschichten
ihrer Eltern oder Großeltern kennen. Wenn nun Autoren wie Irving Mythen weiterhin
aufrechterhalten, die sie selber als »gefährliche Legende« der überhöhten Zahl der Opfer
bezeichnete, dann wissen sie was sie tun und das tun sie mit Stolz:

   »Mir wurde klar, dass es in dem, was ich [über Dresden] erfuhr, um etwas ging, das wir heute wahrscheinlich als einen Holocaust bezeichnen würden, von dem wir Engländer damals, 1961, absolut nichts wussten. Natürlich spricht heute jedermann über Dresden im gleichen Atemzug wie über Auschwitz und Hiroshima. Das ist mein Verdienst, meine Damen und Herren. Ich bin ein wenig stolz, wenn ich jedes Jahr am 13. oder 14. Februar, am Jahrestag [der Luftangriffe], die Zeitungen lese, und dort steht etwas über Dresden, denn bevor mein Buch zu diesem Thema erschien, hatte die Außenwelt noch nie etwas über Dresden gehört, wo gegen Kriegsende bei

46  Brief von Werner Ehlich, Dresden, an Bergander vom 2.3. 1985 cit. Schnatz S. 33f
47 Brief von Christian Just, Freiburg i. Br. an Ver., 20.3. 1995 cit. Bei Schnatz a.a.O. S. 34

   einem Luftangriff durch amerikansiche und RAF-Bomber auf eine unverteidigte Stadt in einer einzigen Nacht 100000 Menschen getötet wurden.«  
Diejenigen Deutschen, die ein Interesse an der Unwahrheit haben, werden solche Botschaften in
sich aufsaugen. Und sie werden auch gern die Botschaft entgegennehmen, daß zwischen der
Bombardierung Dresdens und Auschwitz kein Unterschied bestünde, wie er explizit in einem
Interview sagte.

   »INTERVIEWER: Juden an Gruben aufzustellen und mit Maschinengewehren niederzuschießen war also ebensoschlecht wie die Bombardierung Dresdens?

IRVING: Ich sehe da kaum ein Unterschiede«   
Damit kann man Leuten helfen, ihre Lebenslügen aufrechtzuerhalten. Nun haben aber die
Deutschen das Morden nicht selber beendet und ohne den Krieg der Alliierten würden wir heute
noch in einem geistig umnebelten Zustand, mit gebeugten Rückrat arische Urlaute brüllen oder
schon längst in der Gaskammer gelandet sein. Das das nicht – nicht mehr, nie mehr oder noch nicht
– der Fall ist, dafür danke ich den Alliierten. Die Ressentiments, die heute nicht nur den ehemaligen
Kriegsgegner, sondern auch den Opfern oder deren Nachkommen entgegenschlagen, sprechen nicht
dafür, daß die Erinnerung an die NS-Vergangenheit bei den Nachkommen der Täter und denen der
Opfer konvergieren könnte. Und in diesem Sinne zitiere Jean Améry zum Schluß:

   »Hält unser Ressentiment im Schweigen der Welt den Finger aufgerichtet, dann würde Deutschland
   vollumfänglich und auch in seinen künftigen Geschlechtern das Wissen bewahren, daß es nicht Deutsche waren, die die Herrschaft der Niedertracht beseitigten. Es würde dann, so hoffe ich manchmal, sein vergangenes Einverständnis mit dem Dritten Reich als die totale Verneinung nicht nur der mit Krieg und Tod bedrängten Welt, sondern auch das eigene Herkommen begreifen lernen, würde die zwölf Jahre, die für uns andere wirklich tausend waren, nicht mehr verdrängen, vertuschen, sondern als seine verwirklichte Welt- und Selbstverneinung, als sein negatives Eigentum in Anspruch nehmen. Auf geschichtlichem Felde würde sich das ereignen, was ich vorhin hypothetisch für den engen individuellen Kreis beschrieb: Zwei Menschengruppen, Überwältiger und Überwältigte, würden einander begegnen am Treffpunkt des Wunsches nach Zeitumkehrung und damit nach Moralisierung der Geschichte. Die Forderung, erhoben vom deutschen, dem eigentlich siegreichen und von der Zeit schon wieder rehabilitierten Volke, hätte ein ungeheueres Gewicht, schwer genug, daß sie damit auch schon erfüllt wäre. Die deutsche Revolution wäre nachgeholt, Hitler zurückgekommen. Und am Ende wäre wirklich für Deutschland das erreicht, wozu das Volk einst nicht die Kraft oder nicht den Willen hatte und was später im politischen Mächtespiel als nicht mehr bestandsnötig hat erscheinen müssen: die Auslöschung der Schande.«  

 

48  Videokassette 175: Irving im Elangani Hotel, Durban, Südafrika, 5. März 1986 cit. bei Evans, a.a.O. S.234
49  Videokassette 226: unredigiertes Material der Sendung »This Week«, 29. November 1991, cit. bei Evans a.a.O. S.  235
50  Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart 1980 S. 124f

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Nazismus als Erkenntnisfalle

Warum Geschichtswissenschaft die denkbar ungeeignetste Methode ist, Auschwitz  zu verstehen

Joachim Bruhn

„Die Diskussion ist absurderweise jetzt so: Waren die deutschen Judenmörder der Nazizeit a) untertänige autoritäre Opportunisten oder b) sadistische brutale antisemitische Mörder (oder beides?)? Es fällt mir auf, daß niemand darauf gekommen ist, daß sie wahrscheinlich untertänige autoritätshörige opportunistische sadistische brutale antisemitische Mörder waren. Die Fakten sprechen dafür. Und insofern Goldhagen einem noch die Wahl zwischen den beiden Möglichkeiten bietet, ist sein Buch inkomplett.“

Peter Zadek, Leserbrief, in: Die Zeit vom 23. 8. 1996

Vier Beweise und ein Schluß

„Keine Deutschen, kein Holocaust“: So klar und einleuchtend, so überaus evident

und plausibel ist Daniel Jonah Goldhagens These wie die zwar allemal beweisbare,

aber nicht sehr abseitige oder beweispflichtige Behauptung, ohne Henne kein Ei

und ohne Wolke keinen Regen, so sehr, daß, sollte überhaupt Diskussionsbedarf

bestehen, eher die hollywoodreife Titulierung der Massenvernichtung als

„Holocaust“, d.h. als sinnträchtiges Brandopfer, statt als „Shoah“ (Claude

Lanzmann) oder „Churban“ (Manès Sperber), zur Debatte stünde. Wer nicht von

den Deutschen sprechen mag, der soll von Auschwitz schweigen – das ist so wahr

wie der unter Historikern längst in Karteikästen begrabene Satz Max Horkheimers,

wonach, wer sich weigere, vom Kapitalismus zu reden, über den Faschismus sich

auszuschweigen habe. Das Problem mit den Deutschen besteht eben darin, daß sie

das Selbstverständliche leugnen, es zum Geheimnis und zum Gegenstand der

Wissenschaft machen. Eine pluralistische Gesellschaft verlangt nach vielen guten

Gründen für ihren Faschismus; einer allein wäre zu armselig, geradezu beleidigend

eindimensional, monokausal, deterministisch. Weil in Deutschland jedes Gefühl für

Logik und für die Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung

verloren ging, weil schon die Behauptung, ein derartiger Zusammenhang bestehe

nicht nur beim freien Fall des Apfels, sondern auch beim tendenziellen der

Profitrate, irgendwie exotisch erscheint und als höhere Philosophie, weil schon der

Versuch, wenn nicht strafbar, so doch verdächtig ist, sich einen strikten Begriff

vom Faschismus zu bilden, der den „Schein der Tatsachen“  durchdringt und nicht

nur eine so bienenfleißige wie krude Meinung über allerhand Daten und Fakten,

deren Konstitution Geheimnis bleibt, weil die deutsche Geschichtswissenschaft

daher vorgeben kann, sie betreibe Aufklärung über Geschichte statt Verklärung der

Nation, weil schließlich deutsche Historiker wie Götz Aly, denen noch niemand

vorgeworfen hat, sie seien hervorragende Dialektiker, gegen Goldhagen

einwenden, er vertrete einen „bewußt eindimensionalen, extrem deterministischen

Ansatz“ , weil sie das, was der Anfang aller Erkenntnis ist: die Suche nach dem

einen und identischen Grund, nach dem Wesen der Sache, als Determinismus

denunzieren – kurz und gut: weil die Deutschen, ihre Historiker in vorderster

Reihe, die elementaren Gebote der Logik verleugnen, um deutsch sein und bleiben

zu können, gerät die Aufklärung in eben die schiefe Lage und unglückliche

Konstellation, das Einmaleins noch einmal zu beweisen, d.h. Goldhagens

Argumentation zu legitimieren. Daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner

Teile, obwohl es aus nichts anderem als eben diesen Teilen besteht, war ein

Lehrsatz der Philosophie, bevor sie durch den Positivismus guillotiniert wurde.

Daß „die Deutschen“ mehr und schlimmeres sind, als die Summe aller einzelnen

Deutschen, obwohl Deutschland aus nichts anderem als aus lauter Deutschen

besteht, ist die unbezweifelbare Konsequenz. Wo soll da ein Problem sein? Hans-

Ulrich Wehler etwa bezichtigt Goldhagen des „monokausalen Erklärungsversuchs

auf der Grundlage des dezisionistischen Aktes, einen Teil der Menschheit aufgrund

der ethnischen, rassistischen, naturalistischen, essentialistischen Zuschreibung des

permanent Bösen zu stigmatisieren“ . Schlimmeres als Stigmatisierung war, was

die Deutschen an den Juden verübten. Und darüber sollten sie nicht wirklich selbst

Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige
Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996
1 Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 3, Berlin 1973 (MEW 25), S. 95
2 Götz Aly, D. J. Goldhagen. Hitlers willige Vollstrecker. Rezension, in: Mittelweg 36. Zeitschrift
des Hamburger Instituts für Sozialforschung 6/1996, S. 48

zum Volk geworden sein, d h. sich nicht selbst aus der Menschheit ausgeschlossen haben?

Goldhagen sagt, der Antisemitismus sei erstens „die Normalwährung der deutschen

Gesellschaft“ (522) gewesen, er leitet daraus zweitens „das nationale Projekt der

Verfolgung und Ausrottung der Juden“ (513) ab, folgert drittens, „daß sich jeder

Deutsche zum Massenmörder eigne“ (543), und schließt viertens, die

Massenvernichtung sei in nichts anderem begründet als in dem „Willen zu töten“.

Alles in allem: „Die Deutschen konnten zum Massenmord nein sagen. Sie haben

sich dazu entschieden, ja zu sagen“ (446). Vier beweisbare Behauptungen und ein

logischer Schluß, an dem nichts zu deuteln ist. Wo ist das Problem?

Die erste beweisbare Behauptung, Deutschland sei eine durch und durch

antisemitische Gesellschaft (gewesen), ist evident. Man muß nur das Interview zur

Goldhagendebatte lesen, das der Erfinder der „Männerphantasien“, Klaus

Theweleit, der Badischen Zeitung (15.10.96) gab. Theweleit reißt die unter

Antisemiten aller Fraktionen so beliebten Namenswitze, nennt Goldhagen erst

einen „Goldjungen“, dann einen „guten Hagen, eben ein Goldhagen“, der nicht von

hinten, sondern „von vorne kommt, offen, sympathisch“. Außerdem hält Theweleit

die studentenbewegte Mischung aus Marxismus, Psychoanalyse und Kritischer

Theorie für ein ausgemacht „jüdisch-intellektuelles Rotwelsch“ . Wenn aber schon

jemand, der, wie unbegründet auch immer, so doch zur Fraktion der

Irgendwielinken gerechnet wird, derart ressentimentgeladen ist, wie muß es dann

erst um den Rest der Gesellschaft bestellt sein? – So und nicht anders argumentiert

Goldhagen, nämlich im korrekten Umkehrschluß von dem, was sich in Deutschland

für die Aufklärung und den Fortschritt hält, auf den Rest. So geht ihm gerade an

den Liberalen des 19. Jahrhunderts, an den Philosemiten auf, wie total der

Antisemitismus war; es waren „antisemitische Wölfe im Schafspelz“ (505). Die

Juden, die solche Freunde hatten, brauchten keine Feinde mehr.

Die zweite Behauptung, der Massenmord sei ein „nationales Projekt“ gewesen,

kann ebenfalls nicht strittig sein. Denn der Massenmord als Option von Herrschaft

3  Hans-Ulrich Wehler, Wie ein Stachel im Fleisch, in: Schoeps, a.a.O., S. 203 f. (zuerst in: Die
Zeit v. 14. 5. 96)
4  Klaus Theweleit, Das Land, das Ausland heißt. Essays, Reden Interviews zu Politik und Kunst,
München 1995, S. 150

ist ja nichts als der praktische Ausdruck dessen, daß der Staat als politischer

Souverän in letzter Instanz über das absolute Recht auf Leben und Tod verfügt.

Der Antisemitismus ist eine Ideologie, die diesen Tatbestand reflektiert und die die

Ausübung dieses Rechts durch den Souverän antizipiert. Und was soll der

Faschismus anderes gewesen sein als das amtliche Endergebnis der aus ihrer

eigenen Logik wie Konstitution entspringenden Transformation der bürgerlichen

Gesellschaft in ein „Volksgemeinschaft“ genanntes und arbeitsteilig am gleichen

Vernichtungsprojekt arbeitendes Mordkollektiv? „Es gibt zwei Dinge“, so wußte

Hitler schon 1923, „die die Menschen vereinigen können: gemeinsame Ideale und

gemeinsame Kriminalität“ . Das kollektive Ideal war die im Antisemitismus

reflektierte negative Utopie einer bürgerlichen Gesellschaft ohne kapitalistische

Krise, einer Gesellschaft bürgerlicher Subjekte ohne Markt, ohne Konkurrenz. Das

bürgerliche Subjekt – aber das „bürgerliche“ dieses Subjekts ist schon Tautologie,

denn die Rede ist vom juristischen Subjekt, vulgo: Charaktermaske – spaltet das

Bedrohliche an der Konkurrenz und an der Akkumulation, die sein Leben ist, ab,

spaltet die Krise ab und rechnet sie der Willkür eines Anti-Subjekts, eines „Gegen-

Volks“ zu. Gegen dies Anti-Subjekt mobilisiert es das Selbstbewußtsein und den

Aktionsausschuß der bürgerlichen Gesellschaft, den Souverän, der, alles andere

denn ephemerer, gar: ohnmächtiger „Überbau“ oder haltloses Luftschloß, vielmehr

das Kapitalverhältnis selbst als selbstbewußte Subjektivität ist, nämlich: die

notwendig falsche und daher jenseits allen Zufalls so praktisch richtige wie

handlungsmächtige Denkform der negativen Vergesellschaftung. – Der

Massenmord also war Ausdruck eines „nationalen Projekts“, nämlich der resoluten

Entschlossenheit der Deutschen, inmitten und trotz der Zusammenbruchskrise des

Kapitals um jeden Preis Subjekte zu bleiben. Unklar an Goldhagens Darstellung ist

nur, daß er das kollektive Verbrechen nicht in voller Konsequenz würdigt: Nach

der gewaltsamen Beendigung des Mordens durch die Alliierten waren die

Deutschen (und sind es bis heute geblieben) noch deutscher als zuvor.

Spätestens durch den Nazismus wurden die Deutschen zu den Deutschen, wurde

also das Ganze zu etwas, das mehr und anderes darstellt als die Summe seiner

Teile. Die Bedingung der Möglichkeit dieser Transformation liegt in Begriff und

5  Zitiert nach David Bankier, Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die ‘Endlösung’ und die
Deutschen: Eine Berichtigung, Berlin 1995, S. 224

Sache des Subjekts beschlossen. Daher ist auch Goldhagens dritte Behauptung,

jeder Deutsche eigne sich zum Massenmörder, über jede empirische Widerlegung

erhaben, denn das in die Subjektform gepreßte Individuum kann die Gewalt, die es

sich selbst zufügen muß, um seiner Funktion als Charaktermaske gerecht zu

werden, nur aushalten, wenn es sie gegen den ob nun zufällig realen oder

notwendig imaginierten Feind und Antagonisten der Kapitalvergesellschaftung

wendet , den es nicht als rechtsfähigen Gegner anerkennt. Das Gegenteil von

Goldhagens These kann nicht durch irgendwelches Wechselreiten zwischen einer

nominalistischen und einer realistischen Definition der und des Deutschen bewiesen

werden, sondern nur durch die praktische Emanzipation der Deutschen zu

Menschen, d.h. durch die revolutionäre Entnationalisierung. Johann Georg Elser

war kein Deutscher, sondern dessen Gegenteil: ein Mensch, der durch das Attentat

auf die Inkarnation des Deutschtums schlechthin sein eigenes durchstrich.

Die vierte Behauptung Goldhagens schließlich, Antisemitismus sei in letzter Instanz

„der Wille zu töten“ ist ebenso banal wie evident. Ist es nicht eben die

Willensfreiheit, die das Subjekt ausmacht, d. h. sind es nicht der praktizierende

Idealismus und die wirklichkeitsmächtige Realabstraktion des sich selbst

verwertenden Werts, als dessen Agent das unter der Form des Subjekts verfaßte

Individuum agiert, auf dessen Rechnung es handelt, in dessen historischer Mission

es unterwegs ist? Der freie Wille ist die Form, in der nur der Systemzwang

erscheinen kann, die subjektive Willkür die Darstellungsweise der objektiven

Gesetzlichkeit, in der sie sich wie in ihrem wirklichen Widerspruch, aber tatsächlich

bloß formellen Gegensatz verhüllt. Als mit dem Recht des freien Willens

begnadetes ist das Subjekt die Miniaturausgabe des kapitalen Souveräns, dessen

Urbild und Stellvertreter. Es verfügt über eine Welt, die ihm nichts als Material

darstellt, d.h. in der Warenform gegebener Gebrauchswert und daher in der

Preisform verfügbare Ware, deren Aneignung kein qualitatives Problem, sondern

eine quantitative Schwierigkeit bedeutet. Das Subjekt ist Gott, das inaugurierende

Zentrum der Vergesellschaftung, ist der Zirkelschluß, der selber sich im Akt seiner

logischen Begründung als gesellschaftlichen Grund setzt. Freiheit ist diesem

Subjekt widerspruchslos ihr gerades Gegenteil: Einsicht in die Notwendigkeit. Wie

6  Vgl. Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Zur gesellschaftlichen Geschichte des
modernen Antisemitismus, Frankfurt 1987, insbesondere S. 113 ff.

der Schöpfergott, so verfügt auch der politische Souverän über das unbedingte

Recht auf Leben und Tod, ein Recht, das in der fundamentalen Krise von

Akkumulation und Integration an die Subjekte zurückfällt. Antisemitismus ist die

Form, unter der diese Aneignung sich vollzieht. Der „Wille zu töten“, von dem

Goldhagen als der Quintessenz spricht, ist nichts anderes als die Spitze des

praktizierenden Idealismus; Riefenstahls Propagandafilm heißt eben „Triumph des

Willens“, und das System der Vernichtung war der Ausdruck dieses Willens, war

der Idealismus in Aktion. Im Antisemitismus behandelt die Gattung sich selbst als

Material der Akkumulation, aber die Sortierung und Selektion der Gattung

geschieht nach Maßgabe der Integration, die die Akkumulation in anderer, in

politischer Potenz darstellt.

Vier Beweise also, die nur einen Schluß zulassen: „Die Deutschen“ hatten sich

entschieden, ja zum Massenmord zu sagen, ein Ja, dessen Implikationen zwar

vielfältig waren und von der widerstandslosen Hinnahme über die sympathisierende

Unterstützung bis zum tatkräftigen Vollzug reichten, aber ein Ja, dessen mehr oder

weniger geheime, dessen mehr oder minder erklärte Absicht die Austilgung selbst

war, vollzogen von allen, die das System in den Genuß brachte, jeden Auftrag und

welche Arbeit auch immer im gesellschaftsübergreifenden Plan der Vernichtung

auszuüben. „Der Staat sind wir“: Dies Credo der Sozialdemokratie Ferdinand

Lassalles war die Wahrheit der Volksgemeinschaft, und der Nazismus war die

vermittlungslose Basisdemokratie der Deutschen, d.h. die Unmittelbarkeit des

Souveräns als Subjekt in den Subjekten. „Die Deutschen“ hatten sich entschieden,

sowohl in ihrer Summe wie auch als Ganzes, d. h. als zum Staat legal inkarniertes

und vom Führer legitim repräsentiertes Subjekt dieser Summe, die eben dies,

Summe zu sein, nur sein konnte, indem sie mehr und anderes wurde als die Summe

ihrer Teile, indem sie sich qua innerer Logik überschritt und ein integrales Ganzes,

ein völkischer Organismus wurde. Wer dem sich verweigerte, gar widersetzte,

konnte kein Deutscher mehr sein, sondern wurde, wie widerwillig auch immer,

Mensch, war nicht mehr Subjekt, sondern Individuum, der trug keine

Charaktermaske mehr, sondern hatte einen. Der Nazismus war eine

Gesellschaftsformation, die nicht nur bewies – was jeder Logiker weiß –, daß das

Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, sondern überdies demonstrierte – was

jeder Dialektiker befürchtet –, daß die Teile sich alle Mühe geben, das Bewußtsein

ihrer selbst als einer Summe zu erreichen und ganzheitlich zu überbieten.

Dieser traurige Sachverhalt rechtfertigt es, über „die Deutschen“ als kollektiven

Singular zu sprechen, und er erzwingt es um so mehr, weil diese Deutschen von

sich selbst immer als „wir Deutsche“ reden und darunter offensichtlich einen

pluralis majestis verstanden wissen wollen. Aber es ist eben Goldhagens

begriffliche Verallgemeinerung der Deutschen zu den Deutschen (die nicht begreift,

warum sie an sich schon verallgemeinertes unter sich begreift), die den Historikern

und den Feuilletonisten sauer aufstieß. Sie wollen die Verallgemeinerung auf

Popper & Feyerabend komm’ ‘raus als Subsumtion mißverstehen, d.h. nicht als

Reflektion des Einzelnen in seinem konstitutiven Begriff, sondern als seine

Denunziation im Zuge äußerlicher Wertung, nicht als Vermittlung des Einzelnen

mit sich selbst zum Ganzen, sondern als Ableitung aus einem ganz Anderen und

gänzlich Fremden, nicht als Rekonstruktion der gesellschaftlichen Synthesis,

sondern als absurde Deduktion aus der Willkür fast schon totalitär gesetzter

Totalität. Zu verallgemeinern – das soll plötzlich in einem Deutschland verboten

sein, das „den Juden“ trotz aller Juden zum Inbegriff des Generalfeindes erhob und

das dem Mechanismus dieser mörderischen Verallgemeinerung bislang so wenig

auf die Spur kommen wollte, daß es ernsthaft glaubt, dem Antisemitismus durch

interkulturelle Beschnupperungsrituale an Juden abzuhelfen. Verallgemeinern – das

heißt vom Verhalten auch noch so vieler Deutscher, daß es mutmaßlich hundert

Prozent der Deutschen sind, auf das Wesen der Deutschen zu folgern –, das, sagen

die Historiker unisono, darf man nicht, denn das bedeutet, in den Worten des

Linksliberalen Hans Mommsen, „Kollektivschuld“, „Quasi-Rassismus“ und

„umgedrehten Antisemitismus“. Derlei Verallgemeinerung macht den Historiker,

der sonst kein Problem hat, die aktenstaubtrockene Sprache der

Verwaltungswissenschaft mit dem Slang der soap opera zu quirlen und etwa von

der „Implementierung des Holocaust“ zu sprechen, ganz fuchsig, denn so

„erscheint das deutsche Volk als das antisemitische Urvolk schlechthin“ . Nur

 Hans Mommsen, Die dünne Patina der Zivilisation. Der Antisemitismus war eine notwendige,
aber keineswegs hinreichende Bedingung für den Holocaust, in: Die Zeit vom 30.8.96. Von
Ideologie hat der Strukturalist so wenig Ahnung, daß er damit eines der fundamentalen
antisemitischen Stereotypen bedient. Weiteres Material in Julius. H. Schoeps (Hrsg.), Ein Volk
von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im
Holocaust, Hamburg 1996

einen Schritt weiter, und die Deutschen sind die Juden der Welt, die Parias, die für

ihren Platz an der Sonne kämpfen müssen.

Ideologie als Methode

Max Horkheimer hatte der heiligen Entrüstung über den Vorwurf der

„Kollektivschuld“, den leider nie jemand ernsthaft erhoben hat, das camouflierte

Interesse abgemerkt, das nationale Wir zu wahren, zu hegen und zu pflegen, d.h.

die Volksgemeinschaft über die Nazipleite zu retten. Im nahezu einhelligen Affekt

der deutschen Historiker gegen Goldhagen entlarvt sich die deutsche

Geschichtswissenschaft als Verlängerung der klassischen

Nationalgeschichtsschreibung mit anderen, nämlich sei’s strukturalistischen, sei’s

intentionalistischen Mitteln. Es ist dies eine Art und Weise, die Historie zu

schreiben, die ihrer eigenen Methodik und Vorgehensweise trotz aller Akribie und

vielmehr wegen allen Fleißes derart unbewußt ist, daß sie Ideologie absondert wie

die Raupe den Faden. Die Geschichtswissenschaft überhaupt, die deutsche vor

allem, ist der denkbar ungeeignetste Ort, um Aufschluß und Aufklärung über die

Geschichte im allgemeinen, und insbesondere über den Nazismus, zu gewinnen.

Denn die wissenschaftlich organisierte Vergangenheitsbetrachtung ist, die

Goldhagen-Diskussion zeigt es exemplarisch, Ideologie im starken und

eigentlichen, im materialistischen Sinne, das notwendig falsche Bewußtsein des

nationalen Kollektivs von sich selbst, ist nichts als systematisierter gesunder

Deutschenverstand, nur in Façon gebrachte und mit einer ans Aberwitzige

grenzenden Unmasse sogenannter Fakten und Quellen garnierte Selbstreflexion

und also Selbstlegitimation einer Akkumulationsgesellschaft, die sich in der Form

der Nation und unter der fürsorglichen Aufsicht ihres Souveräns so außerordentlich

wohl fühlt, daß sie vor keinem Geschichtsverbrechen zurückschreckt. Die

Geschichtswissenschaft begreift buchstäblich nichts; weil sich die kapitale

Gesellschaft in ihr begreift, kann sie nicht einmal sich selbst begreifen.

Begriffsstutzig, wie diese Wissenschaft ihrer Natur nach ist, denunziert sie im

Namen des Besonderen alle Verallgemeinerungen. Außer ihren eigenen.

8  Vgl. Ulrich Enderwitz, Kritik der Geschichtswissenschaft. Der historische Relativismus, die
Kategorie der Quelle und das Problem der Zukunft in der Geschichte, Berlin 1988

Indem die Geschichtswissenschaft derart vehement gegen Verallgemeinerungen

überhaupt plädiert, indem sie insbesondere gegen die Verallgemeinerung der

Deutschen zu den Deutschen polemisiert, offenbart sie nicht etwa, daß ihr

jedweder Maßstab historischen Urteilens abginge, sondern vielmehr, wie sehr ihr

notorischer Relativismus ein ausgewachsener Dogmatismus ist, und weiter, wie

durchgängig sich ihr chronischer Antifaschismus einem überaus staatstragenden

Pluralismus verdankt. Den Nazismus zum Gegenstand einer

geschichtswissenschaftlichen Betrachtung zu machen, das bedeutet in Deutschland,

Hitler dafür kritisieren, daß er nicht Bismarck redivivus war. Das Kriterium, nach

dem der Nazismus sortiert wird, entspringt ebenso umstandslos wie rückhaltlos

dem demokratischen Ich-Ideal, in dem die kapitalisierte Gesellschaft ihren

ausbeuterischen Triebgrund so projektiv wie sublimativ aufhebt und verklärt. Der

Pluralismus, vulgo: die postmoderne Zivilgesellschaft, ist die Gesellschaftstheorie

dessen, was der Geschichtswissenschaft als rabiater Nominalismus, als Kult des

Besonderen und Einzelnen, als Fetischismus der „Quellen“ und der „Tatsachen“ zur

allerdings dogmatisch gehandhabten Methode taugt.

„Heute gegen den Faschismus auf die liberalistische Denkart sich berufen“, hatte

Horkheimer 1939 festgestellt, das „heißt, an die Instanz zu appellieren, durch die er

gesiegt hat.“  Die Nazi-Diktatur im Auftrag des Pluralismus und mit den Mitteln

des Nominalismus geschichtswissenschaftlich zu untersuchen, kann nur – ganz

unabhängig von der je eingeschlagenen, sei’s „funktionalistischen“, sei’s

„intentionalistischen“ Strategie und wie contre coœur auch immer, bedeuten, die

methodologische wie soziale Notwendigkeit des Dezisionismus nachzuweisen. Das

Elend des Nominalismus liegt in seinem immanenten Umschlag in sein gerades

Gegenteil, den Realismus als unvermittelte Allgemeinheit, beschlossen, ein

Gegenteil, der doch seine so unabweisbare wie unbewußte Ergänzung darstellt.

Gegen den Nazismus, wie es die Bielefelder Historikerin Ingrid Gilcher-Holthey

will, auf „das Gegenmodell einer Bürgergesellschaft auf der Basis der

Menschenrechte“  sich zu berufen, impliziert schon die Rechtfertigung genau des

politischen Souveräns, der den praktischen Inbegriff der Geltung dieser Rechte

9  Max Horkheimer, Die Juden und Europa (1939), in: Ders, Autoritärer Staat. Aufsätze 1939-
141, Amsterdam 1967, S. 34
10   Ingrid Gilcher-Holthey, Die Mentalität der Täter, in: Schoeps, a.a.O., S. 213 (zuerst in: Die
Zeit vom 7.6.1996)

darstellt. Die Menschenrechte sind keinesfalls das Antidot, sie sind die objektive

Ideologie der Staatsgewalt  ; sie gleichwohl zum „Gegenmodell“ zu erklären, ist

irrational, ist bloß Dezision wie ihre Begründung Rationalisierung, d.h.: Ideologie.

Die Demokratie der Bürger ist die interessierte Demutsadresse an den autoritären

Staat; die philosophische Position, in der sich die Demokratie zu anthropologischen

Würden aufschwingt, ist so irrational wie die ihres vermeintlichen Gegners und gar

vorgeblichen Todfeindes. Sir Karl Popper, dessen Bürgerbibel „Die offene

Gesellschaft und ihre Feinde“ die demokratische Ideologie zur Philosophie des

„kritischen Rationalismus“ systematisiert hat, muß denn auch einbekennen, „daß

die rationalistische Einstellung auf einem irrationalen Entschluß oder auf dem

Glauben an die Vernunft beruht“ . Der Glaube an die Vernunft jedoch ist an sich

selbst so nichtig wie jeder Glaube, d.h. sein eigenes Gegenteil und damit seine

Vernichtung. Darin bekennt die bürgerliche Philosophie, daß ihr die Alternative

von Faschismus und Demokratie den gleichen Rang besitzt wie die Wahl zwischen

Rhabarberjoghurt und Lakritze: Über Geschmacksfragen läßt sich nicht streiten.

Der diskrete Dogmatismus der Geschichtswissenschaft, d.h. das relativistische

Auftragsdenken, dessen Geherda die Aversion gegen Verallgemeinerungen ist,

offenbart sich nicht zuletzt daran, wie fein säuberlich zwischen Nation und

Nationalismus unterschieden wird. Man dürfe, wendet Hans Mommsen gegen

Goldhagen ein, den deutschen Nationalismus „nicht pauschal“  verdammen, man

müsse doch differenzieren. Die Unfähigkeit zum Begriff der Nation, d.h. zum

Urteil über die deutsche, geriert sich als freundliche Einladung zur undogmatischen

Einzelfallbetrachtung. Geschichtswissenschaft, die derart der juristischen Methode

sich anbequemt, maßt sich an, das je Besondere zu würdigen und leistet doch nur

die Affirmation des Ganzen. Die Form Nation liegt so im Jenseits des Begriffs wie

nur die Form Staat, die Nation inauguriert; aus diesem Jenseits der fraglos je schon

existenten Verallgemeinerung von Menschen zu Deutschen agiert sie als

transzendentale Form, die das Material organisiert, als das unbedingte Apriori jeder

historischen Erfahrung, das darüber entscheidet, was als Empirie soll gelten

11   Vgl. Joachim Bruhn, Das Menschenrecht des Bürgers, in: Ders., Was deutsch ist. Zur
kritischen Theorie der Nation, Freiburg 1994, S. 121 ff.
12   Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2: Falsche Propheten: Hegel,
Marx und die Folgen (engl. 1944), 6. Auflage, München 1980, S. 285
13   Mommsen, a.a.O.

können. Die deutsche Nation ist das Apriori dieser seltsamen Wissenschaft, die

vorgibt, nichts zu kennen als Quellen, Quellen und nochmals Quellen, nichts als das

lautere Plätschern der Tatsachen und das ungetrübte Sprudeln der Empirie. Die

Quelle aber ist der Historie, was der Jurisprudenz das Indiz: Spielmaterial, bloße

Illustration des Systemzwangs zum Rechtsfrieden, d.h. empirische Legitimation der

vorab existenten letzten Instanz, an der jede Berufung aufhört und jede Revision

endet. Egal, wer Recht hat, solange nur Recht ist; was immer die Quellen sagen,

ein Beweis gegen die Nation wird sich daraus nie und nimmer folgern lassen.

Hans Mommsen sagt: „Der Versuch Goldhagens, von der Zahl der aktiven

Vollstrecker auf die Gesamtnation zu schließen (…), ist methodisch wenig hilfreich

und empirisch nicht abgesichert.“  Historische Wahrheit wird nach dem Modell

von Meinungsumfragen vorgestellt; kein Sample jedoch wird je repräsentativ

genug sein, um der deutschen Nation als solcher die Taten der Nazis zuzurechnen.

Die juristische Methode dieser seltsamen Wissenschaft, die sich die Behandlung der

Geschichte anmaßt, weiß so überaus sorgfältig zwischen Intention und Resultat zu

scheiden, daß der einzig noch mögliche Weg historischer Wahrheitsgewinnung, der

allerdings leider ausgeschlossen ist, Psychoanalyse wäre.

Da die Psychoanalye heute auch nur noch ein korruptes Racket der machtkummulierenden Psychokratie

ist, würde sie nicht helfen.

 

Erst dann wäre zu wissen, ob die „aktiven Vollstrecker“ tatsächlich aktiv vollstrecken wollten,

erst dann wäre klar, was der Führer wirklich wollte. Der Historiker verschanzt sich im

Besonderen, macht das je Einzelne zur Barrikade gegen dessen Begriff und plädiert

im Namen des Konkreten gegen die Abstraktion. Aus dem Verbot jedoch, von

Deutschen auf die Deutschen zu schließen und von Einzelnen aufs Mordkollektiv,

spricht die Entscheidung, das Geschichtsverbrechen nicht sich zurechnen zu lassen,

es entschlossen abzuspalten. Nicht anders ist zu deuten, daß die

Massenvernichtung den Historikern längst zum Sinn, d.h. zum demokratischen

Auftrag der Deutschen gerann, daß selbst der freiburger Historiker Ulrich Herbert,

der Goldhagen noch am verständnisvollsten kritisierte, von „uns, den Deutschen“

als von einem mit sich identischen Subjekt spricht: Nichts anderes sagt Goldhagen.

Was ein Faktum ist, darüber entscheidet, wenn es mit rechten Dingen, d.h.

materialistisch zugeht, die Theorie; was eine historische Quelle ist, darüber befindet

14   Mommsen, ebd.,
15   Ulrich Herbert, Die richtige Frage, in: Schoeps, a.a.O., S. 224 (zuerst in: Die Zeit vom
14.6.1996)

die deutsche Ideologie, als deren Schreibautomat der Historiker die Vergangenheit

seiner Nation zu Protokoll nimmt. Niemand glaubt weniger als der Historiker, daß

sich aus den Akten jemals Aufschluß über den wirklichen Verlauf und irgendwann

Aufklärung über die tatsächliche Logik der Geschichte ergeben könne, aber

niemand unterwirft sich anstrengenderen Exerzitien und gibt sich mehr Mühe, den

Anschein des geraden Gegenteils zu erwecken. Seine Fakten dienen der

Illustration, sie sind fact fiction. Die Forschungsfrage, die vor dem Gang in die

Archive pro forma gestellt wird, ist schon die Antwort selbst; kein Fund wird

jemals die Frage kritisieren können. Hans Mommsen etwa fragt, „warum in einem

fortgeschrittenen und hochzivilisierten Land wie Deutschland der Rückfall in die

Barbarei möglich geworden ist.“  Daß Deutschland vor 1933 „zivilisiert“ war und

nicht vielmehr kapitalistisch, ist schon die Antwort in der Frage; und es bleibt nur,

darüber zu spekulieren, mittels welcher „empirisch abgestützter“, anhand welcher

„methodisch hilfreicher“ Verfahren Mommsen aus dem empirischen Material hat

schließen können, daß der Nazismus der „Rückfall“ war, nicht die Konsequenz,

daß die „Barbarei“ nicht das Anti der Zivilisation war, sondern das historische

Telos des Kapitals. So wird die demokratische Historie zum da capo des Nazismus.

Georg Friedrich Wilhelm Hegel, dessen Geschichtsphilosophie unter Historikern

aus gutem Grund einen schlechten Leumund genießt, hat dazu bemerkt: „Das

besondere Interesse der Leidenschaft ist also unzertrennlich von der Betätigung des

Allgemeinen … Es ist das Besondere, das sich aneinander abkämpft und wovon ein

Teil zugrunde gerichtet wird. Nicht die allgemeine Idee ist es, welche sich in

Gegensatz und Kampf, welche sich in Gefahr begibt; sie hält sich unangegriffen

und unbeschädigt im Hintergrund.“  Keine Empirie vermag das Allgemeine je zu

widerlegen; bei Hegel allerdings bezeichnete dies die „List der Vernunft“, d.h. den

Progreß der bürgerlichen Revolution gegen alle feudale Reaktion, während das

Allgemeine des postfaschistischen Historikers nur die Penetranz der deutschen

Revolution von 1933 gegen alle Evidenz der materialistischen Vernunft verkörpert.

Der Nationalhistoriker polemisiert gegen das Verallgemeinern, denn er selbst

besitzt nicht den Schimmer eines Bewußtseins davon, wie die bürgerliche, wie die

kapitalisierte Gesellschaft das Besondere und das Allgemeine synthetisiert, wie der

16   Mommsen, ebd.,

transzendentale Schematismus a priori sich konstituiert, der das Besondere zum

Ganzen sich fügen läßt, wie es daher, materialistisch gesprochen, um den Nexus

von Warenform und Denkform bestellt ist. Er schmiert seinen Faktenbrei auf das

dürre Gerüst der Ideologie, die darüber zur bunten Kulisse werden soll, vor der

nichts als immer nur Menschen endlose Reprisen des Allzumenschlichen aufführen:

die Nation als Lindenstraße, wo viel geschieht und nichts passiert. Die

Erkenntnisfalle, in die er sich so verstrickt, ist, weit entfernt, ihm irgend

Kopfschmerzen zu bereiten, vielmehr sein Lebenselixier: indem er notorisch

zwischen haltlosem Empirismus, also der sprichwörtlichen Fliegenbeinzählerei,

einerseits und ebenso leerer Metaphysik, d.h. den unverständigen, nämlich

ideologischen Abstraktionen seiner Kategorien, andrerseits schwankt, erfüllt er

genau seinen gesellschaftlichen Auftrag. Darin besteht diese Mission, als Vermittler

zwischen den traurigen Tatsachen und ihrem höheren Sinn aufzutreten, darin, die

Vermittlung der Gesellschaft durch das Kapital zum humanen Sinn der Geschichte

zu verdoppeln.

Die Geschichte ist die Beute des Historikers. Die Methode, sie unter den Nagel

sich zu reißen, hat, abermals, Hegel denunziert: „Die Grundtäuschung im

wissenschaftlichen Empirismus ist immer diese, daß er die metaphysischen

Kategorien von … Einem, Vielen, Allgemeinheit … gebraucht, ferner am Faden

solcher Kategorien weiter fortschließt, dabei die Formen des Schließens

voraussetzt und anwendet und bei allem nicht weiß, daß er so selbst Metaphysik

enthält und treibt und jene Kategorien und deren Verbindungen auf eine völlig

unkritische und bewußtlose Weise gebraucht“.   In den „Formen des Schließens“

ist die komplette Gesellschaft, ist die Quintessenz ihrer Totalität enthalten. Wer im

Gegensatz von Besonderem und Allgemeinem vermitteln will, statt auf die

Konstitution dieses Gegensatzes und also des Vermittlungsproblems selbst zu

reflektieren, der hat in dieser Denkform nichts anderes gedacht als das Kapital

selbst, d.h. das Kapital mit anderen, mit intellektuellen Mitteln fortgesetzt; eben das

meinen Begriff und Sache der Ideologie. Der Empirismus ist, Hegel zufolge, „eine

17   G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (Werke Bd. 12), Frankfurt
1970, S. 49
18   G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil:
Die Wissenschaft der Logik (Werke Bd. 8), Frankfurt 1970, S. 109

Lehre der Unfreiheit“ , die Geschichtswissenschaft als die vergangenheitsselige

Version dieses Empirismus daher eine Doktrin der bedingungslosen Persistenz der

Nation und ihres Staates, die sich durch kein Auschwitz je wird beirren lassen.

All dies reflektiert sich, vielmehr, da von Reflektion allseits keine Rede sein kann:

dies alles spiegelt sich wider in der Weise, in der deutsche Historiker Goldhagen

entweder unkontrollierte Induktion oder hemmungslose Deduktion vorhalten,

drückt sich aus in der wildwuchernden Rede von vielfältigen „Bedingungen“,

komplexen „Faktoren“ und hochdiffizilen „Umständen“, die ein wohltemperiertes

historisches Urteil im Interesse seiner Konsensfähigkeit zu berücksichtigen habe,

und schlägt sich schließlich nieder im Vorwurf, aus Goldhagen spräche in Wahrheit

gar „kein Historiker, sondern ein Informatiker, der historische Prozesse und

Dokumente wie Bestandteile einer gewaltigen Software liest“, der einem

monokausalen, eindimensionalen und also monomanen Determinismus huldige:

Und dies sei, befindet die Frankfurter Allgemeine und sagt Frank Schirrmacher,

nichts anders als: „Geschichtsmetaphysik“ , die, sekundiert Die Welt und schreibt

Jost Nolte, einzig auf einer „Technik der Vereinfachung und Verallgemeinerung“

gründen könne.

Die Kritik an Goldhagen manifestiert, wie gewaltig der Abgrund zwischen der

deutschen Geschichtswissenschaft und der historischen Wahrheit klafft. Der

Historiker scheut den synthetischen Begriff der Geschichte, weil dieser nicht anders

sich aussprechen kann denn als kategorisches Urteil über die Zukunft, d.h. als

kommunistisches Programm der Abschaffungen. „Geschichtsmetaphysik“: Der

schlimmste Vorwurf, den Historiker überhaupt erheben können, enthüllt zugleich

den ideologischen Charakter dieser obskuren Wissenschaft, deren Anhänger das im

Kapitalverhältnis gesellschaftsmächtig gewordene Phänomen der Realabstraktion,

d.h. der praktischen Metaphysik und ihrer „gesellschaftlich gültigen, also

objektiven Gedankenformen“ , in einen historischen Prozeß auflösen, der auf der

Flucht vor seinem Begriff beständig um die Pole von Interaktion und Struktur, von

Geschichte als Handlung und Kommunikation einerseits, als Funktion und System

19   Hegel, a.a.O., S. 111
20   Frank Schirrmacher, Hitlers Code, in: Schoeps, a.a.O., S. 104 (zuerst in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v. 15.4.1996)
21   Jost Nolte, Sisyphos ist Deutscher, in: Schoeps, a.a.O., S. 111 (zuerst in: Die Welt v.
16.4.1996)

andrerseits oszilliert. Diese Bewegung allerdings vermöchte der Informatiker

adäquater zu fassen als der Historiker, weil er, wenn er auch sonst nichts weiß,

doch immerhin das eine weiß, daß der Prozeß durch die Form determiniert wird.

Die Festplatte der Weltgeschichte ist auf das Betriebssystem Kapital formatiert,

und die deutsche Geschichte insbesondere gehorcht einer antisemitischen Software.

Das Verhältnis von Induktion und Deduktion, dessen mangelhafte methodische

Beherrschung die deutschen Historiker Goldhagen ankreiden, impliziert das

Problem der gesellschaftlichen Synthesis, die Frage, wie es möglich sein soll, daß

das sinnlich so Verschiedene und schlechthin Inkommensurrable doch in einem

Begriff sich fassen soll, in einem synthetischen Begriff, der, weit davon entfernt,

von außen oktroyiert, abgehoben oder „abstrakt“ zu sein, vielmehr von innen

emergiert, wie also Äpfel und Birnen sich zu Obst addieren lassen, wie die

differenten Gebrauchsdinge, nur als Waren produziert, in einem quantifizierten

Tauschwert sich summieren. Kann in diesem Verhältnis vom Einzelnen aufs Ganze

gefolgert werden? Und aus wieviel Einzelnem besteht das Ganze? Oder hat man

vom Ganzen auf das Einzelne zu schließen? Und was ist sodann das Ganze?

Schließt man, induktiv, von der subjektiven Erfahrung etwa Viktor Klemperers auf

das Ganze, d.h. auf ganz Deutschland, dann kann an der Wahrheit der Thesen D. J.

Goldhagens so wenig Zweifel aufkommen wie im umgekehrten, deduktiven Schluß

von der nazistischen Regierungsprogrammatik auf die Gesellschaft. Klemperers

„Forschungsprozeß“ führte ihn vom ungläubigen Staunen darüber, „daß Hitler

wirklich die deutsche Volksseele verkörpert, daß er wirklich ‘Deutschland’

bedeutet“, über die fortschreitende Gewißheit, „daß Hitler wahrhaftig der Sprecher

so ziemlich aller Deutschen ist“ auf die furchtbare Wahrheit, daß „die Seuche in

allen wütet, vielleicht ist es nicht Seuche, sondern deutsche Grundnatur“. Am Ende

schließlich die Erkenntnis: „So bedeutet die Judenfrage für den Nationalsozialismus

das Zentrum der ‘Wesensmitte’ und seine Quintessenz“.   Viktor Klemperer

verallgemeinert ‘from the bottom up’, während Hitler, wie nicht nur seine Rede

zum Jahrestag der NSDAP-Gründung 1942 belegt, mit allen Kräften und in aller

Öffentlichkeit entschlossen war, ‘from the top down’ zu besondern: „Dieser Kampf

22   Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (MEW 23), Berlin 1973, S. 90
23   Viktor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933 – 1945, Berlin
1995, Eintragungen vom 17. 8. 1937, 20. 9. 1937, 25. 10. 1941 und 5. 9. 1944

wird nicht mit der Vernichtung der arischen Menschheit, sondern mit der

Ausrottung des Judentums in Europa sein Ende finden“ .

Josef Joffe und die Logik

Der einzige unter Goldhagens Kritikern, der die Frage nach dem

erkenntnistheoretischen Status der geschichtswissenschaftlichen Begriffe überhaupt

aufgerollt hat, war bezeichnenderweise kein Fachhistoriker, sondern Josef Joffe,

Leitartikler der Süddeutschen Zeitung. Er schreibt: „Schon der Talmud sagt ganz

knapp: ‘Zum Beispiel ist kein Beweis’. Die Fallstudie, die Zitate (und seien sie

auch noch so massenhaft aufgetürmt) summieren sich nicht per se zum

Richtspruch. (…) Noch problematischer wird es bei der Logik. Der Satz A, ‘Die

Killer waren normale Deutsche’. enthält nicht den Beweis, den Goldhagen zu

liefern wünscht, also den Umkehrschluß B, ‘Die normalen Deutschen waren Killer’

(…). Zwischen Satz und Umkehrschluß tut sich die älteste logische Falle überhaupt

auf; A ergibt nicht B, es sei denn, daß die A-Menge identisch mit der B-Menge

wäre, was sie aber per definitionem nicht ist. Anders ausgedrückt: (Soziologische)

Korrelation ist keine Kausation. (…) Mithin kommt Goldhagen das klassische

Problem von der Vermischung verschiedener Analyse-Ebenen in die Quere,

zwischen denen kein zwingender Konnex herrscht, in diesem Fall zwischen

Individuum, Gruppe und Nation. Formal ausgedrückt: Die Eigenschaften einer

Gruppe sind nicht identisch mit den Eigenschaften ihrer Mitglieder, und beide

unterscheiden sich wiederum von denen des gesamten Volkes. (…) Oder: ‘Das

Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile’. (…) (Auf Goldhagens) Weise von

‘unten nach oben’, von der Stichprobe zur Gesamtkultur räsonieren, geht nicht.

Aber man kann auch nicht von ‘oben nach unten’, von der präsumtiven Kultur auf

das mörderische Verhalten schließen, wie Goldhagen es ebenfalls tut.“ Joffe

folgert, es bedürfe einer „intervenierenden Variable“, also eines Dritten der

Vermittlung, das er „das ‘System“ nennt  , etwas, das die Einheit von Induktion

und Deduktion stiftet. Wer oder was jedoch ist „das System“? Offenkundig kann es

24   Zitiert nach Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945, Wiesbaden 1973, S.
1992
25   Josef Joffe, „Die Killer waren normale Deutsche, also waren die normalen Deutschen Killer“,
in: Schoeps, a.a.O., S. 164 f. (zuerst in: Süddeutsche Zeitung v. 13./14. 4. 1996 und Time v. 29.
4. 1996)

nur gedacht werden als Identität von Identität und Nicht-Identität, d.h. als

Übergreifendes über sich selbst und sein eigenes Gegenteil, d. h. als Einheit der

Logik mit der Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Geltung. Die Logik gilt, da

hat Joffe gegen Goldhagen ganz recht, aber sie vermag ihre eigene Geltung nicht

logisch zu begründen, und deshalb hat Joffe gegen Goldhagen ganz und gar

unrecht. Die Geltung der Logik selbst beruht nicht auf Logik, sondern auf einem

dialektischen Paradox dergestalt, wie das klassische vom Kreter es demonstriert.

Satz A: Alle Kreter lügen; dann Satz B: Der dies sagt, ist selbst ein Kreter. Was

nun? Wahrheit oder Lüge? Die Bedingungen der Geltung von Satz A sind die

Kriterien der Unwahrheit von Satz B; und umgekehrt. In diesem Beispiel ist der

Kreter die Teilmenge seiner selbst, das Übergreifende über sich und sein Gegenteil.

Daraus wiederum folgt: Der Satz C „Alle Kreter sind Lügner“ läßt sich in den Satz

D „Alle Lügner sind Kreter“ umkehren, oder anders: Der von Joffe inkriminierte

Schluß Goldhagens kann nie und nimmer von einem Deutschen bestritten werden.

Das Paradox allerdings, aus dem die Logik praktisch Geltung gewinnt, ist an sich

selbst alles andere als ein Denkproblem, sondern das im Kapitalverhältnis durch die

Selbstkonstitution des Werts zum „automatischen Subjekt“  negativ gelöste

Problem der Vergesellschaftung, d.h. die Identität des Werts als Identität seiner

prozessierenden Identität im Geld mit seiner Nichtidentität als Produktion von

Gebrauchswert, d.h. die praktische Identität von Mommsen und Nolte im

Historiker als ihrem immanenten Allgemeinbegriff. Der kapitale Wert, der im

Prozeß seiner Verwertung seine eigenen Voraussetzungen produziert und

reproduziert, ist so die Bedingung der Geltung von Logik schlechthin. „Das

System“ daher, von dem Joffe, wie er freundlicherweise selbst sagt, im

„Soziologen-Jargon“ spricht und das er eine „intervenierende Variable“ nennt, ist

weder eine Variable noch interveniert es; es ist die Form der kapitalen

Vergesellschaftung selbst, die sich als ihren eigenen Inhalt setzt und reproduziert.

Goldhagens Folgerung, daß, weil die Killer normale Deutsche waren, alle normalen

Deutschen potentielle Killer waren, ist daher mit den Mitteln der Logik ebenso

angreifbar (nur nicht von Deutschen, die von sich selbst als „wir Deutsche“

sprechen) wie sie, dialektisch betrachtet, über jeden Zweifel erhaben ist. Auch nur

Historiker, fühlt Goldhagen sich, im eklatanten Unterschied zu seinen deutschen

26   Marx, a.a.O., S. 169

Kritikern, nicht genötigt, den fraglosen Positivismus der historischen Methode

nationalistisch zu verbiegen, ein fröhlicher Positivist, der sich Induktion und

Deduktion nicht gegeneinander ausspielen läßt, der sich vielmehr gewiß ist, seinen

Gegenstand im Gleichklang der Verallgemeinerung der Quellen wie der

Konkretisierung der Allgemeindiagnose gewaltlos in den Begriff zu zwingen. Was

„deutsch“ ist, wird so mentalitäts- wie ideengeschichtlich zugleich bestimmt, von

unten erschlossen wie von oben gefolgert. Seine Ergebnisse sind um so

zwingender, als er den Gesellschaftsbegriff seiner deutschen Kritiker teilt,

demonstrieren sie doch, wozu selbst Positivisten fähig sein können, wenn ihnen der

Poppersche „Glaube an die Vernunft“ mehr ist als Lippenbekenntnis.

Goldhagens Wissenschaft

Denn Goldhagen ist ein Positivist, den es mit Macht zum Begriff drängt, ein

Positivist, der weiß, daß die Theorie darüber entscheidet, was ein Faktum ist, ein

Positivist, der sich vom Kraut und den Rüben der Empirie nicht den Blick

verstellen läßt, der überdies, allem Manko eines ideologiekritischen

Wahrheitsbegriffs zum Trotz, ganz genau weiß, daß, wenn es schon so sein soll,

wie es der Positivismus will, die innere Stimmigkeit einer Theorie das Indiz ihrer

objektiven Richtigkeit abzugeben hat, daß diese Theorie dann ökonomisch zu sein

hat und elegant, daß sie mit einem Mindestmaß an Argumenten auszukommen hat,

daß sie Ockhams Messer ansetzen muß, um rational zu sein. „Der Ruf nach

Komplexität ist häufig die letzte Rettung jener, die bestimmte Folgerungen

unerträglich finden“, doziert er gegen seine Kritiker, und weiter: „Die Vorstellung,

daß eine einfache Erklärung eine vereinfachende Untersuchung zur

Voraussetzung“ haben muß, ist irrig, „viele schreckliche und komplexe Resultate

haben einfache Ursachen“.

27   D. J. Goldhagen, Das Versagen der Kritiker, in: Die Zeit v. 2. 8. 1996. – Hier liegt der Grund,
warum Christopher R. Brownings Studie Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon
und die „Endlösung“ in Polen (Reinbek 1993) so überaus gut ankommt: Es wimmelt hierin von
„psychologischen und situativen (sozialen, kulturellen und institutionellen) Faktoren“ (S. 217),
die alle „eine Rolle spielen – allerdings in unterschiedlichem Maße und keineswegs
uneingeschränkt“ (S. 208). Die Faktoren schwirren umher wie ein Bienenschwarm, nichts, was
sie zusammenhält; der ins Äußerste getriebene Empirismus kapituliert: „Das Verhalten eines
jeden menschlichen Wesens ist natürlich eine sehr komplexe Angelegenheit, und wer es als
Historiker zu ‘erklären’ versucht, befleißigt sich automatisch einer gewissen Arroganz. Wenn es
nun um fast 500 Männer geht, ist es noch gewagter, den Versuch einer allgemeingültigen Erklärung ihres kollektiven Verhaltens zu unternehmen“ (246). Aber er kapituliert nur pro
forma: „Die Verantwortung für das eigene Tun liegt letztlich bei jedem einzelnen“ (ebd.). Diesem
ultraliberalen Credo, daß Erklären Verstehen heißt und letztlich jeder Nazi sein eigener
Nürnberger Gerichtshof zu sein habe, folgt der Umschlag in den krudesten Objektivismus.
Plötzlich, auf der letzten Seite, tritt sie auf, „die Gesellschaft“, „die ihre Mitglieder dazu erzieht,
sich der Autorität respektvoll zu fügen“, die Gesellschaft, „die ohne diese Form der
Konditionierung wohl auch kaum funktionieren“ würde, und sie erweist sich in vollendeter
Begriffslosigkeit als quasi-anthropologisches Existential, nämlich als Auswuchs der
„Komplexität des Lebens“ (ebd.).
Der vermeintliche Gegensatz von Erklären und Verstehen (ein Derivat nur der Max Weberschen
Scheidung von Tatsachenfeststellung und Werturteil), mit dem sich die Historiker, ob nun als
Strukturalisten oder als Intentionalisten, bis heute plagen, hebt sich zur Apologie. Dächte er
wirklich radikal subjektivistisch, hätte der Historiker als Psychoanalytiker zu arbeiten, aber dort,
im Innersten des Verstehens, käme ihm in Gestalt der Libido doch nur und wiederum das Kapital
entgegen, vor dem er aus guten Gründen schon in den Empirismus geflohen ist. Die Historie ist
eine unmögliche Wissenschaft, die, gleichwohl betrieben, nur zur Ideologieproduktion taugt, d.h.
zur Abwehr jedes kategorischen Urteils über die Nation: Mommsen (Die dünne Patina …) sagt in
diesem Sinne, „daß Goldhagens vorurteilsgeprägtes Herangehen eine differenzierte Analyse, die
die unterschiedlichen handlungsleitenden Faktoren gegeneinander abwägt, weitgehend
ausschließt, zumal er weniger auf eine Erklärung des Handelns der Individuen als vielmehr den
Nachweis ihres schuldhaften Verhaltens abhebt.“ – Die „Komplexität dieser Vorgänge“ (ebd.) ist eben eine so hochkomplexe, daß man nicht Universitäten, sondern Rechenzentren mit dem Nazismus befassen müßte. 

Seine Entschiedenheit nimmt um so mehr wunder, als Goldhagen den liberalen

Gesellschaftsbegriff mit allen Konsequenzen vertritt und verteidigt. So überaus

resolut outet er sich als Parteigänger der „offenen Gesellschaft“, daß sich das

vernünftige Resultat geradezu im vollendeten Widerspruch zu seinen theoretischen

Grundannahmen ergibt. Daß der deutsche Antisemitismus im Kern „der Wille zu

töten“ ist, daß er in letzter Instanz auf Vernichtung geht, daß alle seine noch so

differenzierten Spielarten und wie immer komplexen Ausdrucksformen vom linken

Antizionismus über den liberalen Philosemitismus bis hin zum altgermanischen

Neuheidentum in einem übergreifenden Horizont, in einem logischen Kontinuum

stehen, dessen inneres Telos die Liquidation ist – dieser Nachweis ist so stupend,

daß man sich fragt, wie er überhaupt mit den Mitteln des Positivismus zu

begründen sein sollte, ist so frappant, daß man den Positivismus nachgerade vor

lauter Hochachtung vor Goldhagen für die in Deutschland allein noch mögliche

Form der Aufklärung selbst halten möchte. Es ist aber nur die Logik der Sache

selbst, die sich hierin ausspricht, die als „kognitives Modell“, „Mentalität“ und

„politische Kultur“ definiert, was tatsächlich Begriff und Sache der Ideologie

zukommen würde. Unter dem anthropologisch anmutenden Titel der „Mentalität“

reflektiert Goldhagen jedenfalls den Tatbestand, daß die deutsche Ideologie den

Deutschen so rigoros zur zweiten Natur geworden ist, daß sie darin wohler sich

fühlen als in ihrer ersten Haut, was schon ihre massenhafte Bereitschaft bewies, sie

ist für Führer, Volk und Vaterland zu Markte zu tragen. Goldhagen geht „im

Gegensatz zu Marx’ bekanntem Diktum davon aus, daß das Bewußtsein das Sein

bestimmt“ (533), eine zwar billige, aber jedenfalls legitime Polemik gegen den

unter Marxisten gängigen Ideologiebegriff, denn vom Zusammenhang von

Warenform und Denkform wissen die Marxisten ebenfalls weniger als nichts. Wie

ist es nun in Goldhagens Perspektive um den Zusammenhang von Sein und

Bewußtsein, von deutschem Sein und antisemitischem Bewußtsein bestellt?

Goldhagen ist, was seine Erkenntnistheorie angeht, radikaler Kostruktivist. Man

müsse sich, sagt er, „das kognitive, kulturelle und teils sogar das politische Leben

einer Gesellschaft wie ein ‘Gespräch’ vorstellen. Alles, was wir über die

gesellschaftliche Wirklichkeit wissen, ist dem Strom dieser ununterbrochenen

‘Gespräche’ entnommen, die diese Realität konstituieren“ (51 f.). Das

gesellschaftliche Sein ist eine an sich selbst deutungsfreie Tatsache, die pure

Faktizität; was das Sein bedeuten soll, bestimmt das Bewußtsein, indem es die

Realität mittels „axiomatischer Themen“ (52) als sinnhaft konstruiert und daraus

„kognitive Modelle“ ableitet, die wohl in etwa dem entsprechen, was Immanuel

Kant als transzendentalen, d. h. erfahrungs- und empirieunabhängigen

Schematismus der Verstandesbegriffe definierte. Der Antisemitismus sei solch ein

Schematismus und kognitives Modell. Über seinen Ursprung schweigt Goldhagen

sich aus, seine Fortzeugung und Reproduktion „von Generation zu Generation“

soll dem „Gespräch“ zuzuschreiben sein, durch das Gesellschaft sich synthetisiert.

Kognitive Modelle jedenfalls sind überall, „sie bestimmen die Sichtweise, die

Menschen von allen Aspekten des Lebens und der Welt entwickeln, ebenso wie

ihre Handlungsweisen“ (52); und ein solches Modell ist der Warentausch: „Das

kulturelle Modell des Kaufs eines Gegenstandes“, so zitiert Goldhagen einen

amerikanischen Konstruktivisten, „umfaßt den Verkäufer, den Käufer, die Ware,

den Preis, den Verkauf und das Geld. Zwischen diesen Teilen bestehen

verschiedene Beziehungen; da ist einmal die Interaktion zwischen dem Abnehmer

und dem Verkäufer, die die Mitteilung des Preises an den Käufer umfaßt,

möglicherweise kommt es dabei zu Preisverhandlungen, zu dem Angebot, zu

einem bestimmten Preis zu kaufen, zur Einigung über das Geschäft, zum Transfer

des Eigentums an der Ware und dem Geld et cetera. Dieses Modell muß man

verstehen (und praktizieren), nicht nur um kaufen, sondern auch um sich an

solchen kulturellen Aktivitäten wie Leihen, Mieten, Leasen, Beschwindeln,

Verkaufen, Profitmachen, Läden, Werbung et cetera beteiligen zu können“ (564 f.)

Das Geld soll das eine sein, seine Wahrnehmung aber das ganz andere:

Unvorstellbar, daß, wie die marxsche Wertformanalyse nachweist – d.h. die

berüchtigten ersten hundert Seiten des „Kapital“, die schon August Bebel sich

rühmte, nicht gelesen zu haben –, das Geld an sich selbst so beschaffen ist, daß es,

als sinnliche Inkarnation und handgreiflich empirische Darstellung des kompletten

gesellschaftlichen Verhältnisses, seine eigene Interpretation und Sinngebung immer

schon enthält, daß es nichts anderes darstellt als die Identität von Sein und Sinn.

Denn indem der Wert doppelt sich darstellt, indem er als Preis der Ware neben der

Ware erscheint, verdoppelt er sich zugleich in materiellen und ideellen Wert, in

wirkliches Geld und nur gedachtes Geld. Derart enthält die Ware ihre eigene

Sinngebung, sie interpretiert sich selbst und ist ihr autonomer Philosoph. Ihr

Wahrheitsbegriff meint die praktisch gelingende Identifikation des sinnlich

Verschiedenen. Im Austausch werden Sein und Sinn der Ware zur Deckung

gebracht; die Ware denkt sich soi disant zu ihrem logischen Ende, indem sie ihren

Wert praktisch in Geld übersetzt, sich aus dem Gedanken in die Wirklichkeit

begibt, d.h. indem sie sich, wie es die liberale Gesellschaftstheorie und ihr

ökonomischer Troß, die nominalistische Geldtheorie, sagen, im Geld als einem

„Medium“ reflektiert.   Als Identität von Sein und Sinn, d.h. unter der Warenform,

die nur sein kann, indem sie unmittelbar zugleich als Denkform erscheint, stiftet der

Wert in Gestalt des Geldes und als „bare Münze des Apriori“ eben die

Verstandesbegriffe, aus denen sich das Vermittlungsproblem der Historiker erst

ergibt. Die unendlichen Streitereien zwischen sog. „Intentionalisten“ und sog.

Zuletzt hat Jochen Hörisch, Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes (Frankfurt 1996) diesen
Gedanken ausgeführt. Vgl. jedoch vor allem: Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche
Arbeit. Zur Epistemologie der abandländischen Geschichte. Revidierte und ergänzte Neuauflage,
Weinheim 1989. – Geldtheorie ist der Kern von Gesellschaftstheorie nur überhaupt. Nicht nur
hängen nominalistische Geldtheorie und pluralistische Gesellschaftstheorie untrennbar
zusammen (Hans-Georg Backhaus, Zur Dialektik der Wertform, in: Alfred Schmidt, Beiträge zur
materialistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt 1969), sondern die Rekonstruktion dieses Nexus
ist es, was einen materialistischen Begriff von Wahrheit erst stiftet. Andernfalls „gibt es soviel
prinzipiell verschiedene Wahrheiten, wie es prinzipiell verschiedene … Lebensanforderungen
gibt“ (Georg Simmel, Philosophie des Geldes, 7. Auflage Berlin 1977, S. 70), also kein einziges
Argument mehr gegen den Antisemitismus.

„Funktionalisten“ unter den Historikern verweisen in letzter Instanz auf ihr

Unvermögen, das Geld zu denken. Goldhagen wählt die nominalistische Strategie,

um nachzuweisen, daß Antisemitismus Projektion ist und in nichts gründet, was

irgend den Juden – die in genau diesem Sinne deutungsfreies Sein darstellen –

zuzuschreiben wäre, aber indem er diesen Satz der beweisfreien Vernunft nur

nominalistisch zu begründen weiß, torpediert er sein eigenes Interesse: „Unser

Konzept der persönlichen Autonomie“ (52), das Goldhagen dem Antisemitismus

entgegenstellen möchte, der das konkrete Individuum unter abstrakte, völkische

Kategorien subsumiert, ist ebensowenig in fundamentum humanun verankert wie

sein genaues Gegenteil. Wenn „das Wissen eine soziale Konstruktion“ (87) ist,

wenn nichts existiert, was in sich, wie tatsächlich negativ auch immer, die Einheit

von Sein und Sinn stiftet und reproduziert, wenn daher keine Wahrheit denkbar ist,

die so unabhängig von Konsens und so wenig irgendeiner Zustimmung bedürftig

wäre wie der Satz, daß Juden Menschen sind, mögen auch drei Milliarden das

Gegenteil behaupten, dann ist über den Antisemitismus kein kategorisches Urteil

möglich, dann ist der Kampf gegen den Antisemitismus nur Ausdruck eines

anderen „kognitiven Modells“, d.h. einer anderen Meinung.

Die Kritik der deutschen Historiker an Goldhagen hat folgerichtig alles mögliche

benörgelt, aber nirgends hat sie die erkenntnistheoretische Konstruktion des

Antisemitismusbegriffs ihm angekreidet: Es ist ihr eigener, Ausdruck eines liberalen

Antifaschismus, der in Deutschland das verkappte Bündnisangebot an den

Faschismus enthält. Insbesondere hat die Kritik jenen Punkt bemängelt, an dem

nichts anderes aus Goldhagen spricht als das Bedürfnis der Vernunft, das

Bewußtsein nicht von „Faktoren“ und „Bedingungen“ sich zerstäuben zu lassen,

sondern nach einem Grund zu suchen, nach einer intelligiblen Ursache. „Denn

beweisen“, sagt Hegel, „heißt in der Philosophie soviel als aufzeigen, wie der

29
Gegenstand durch und aus sich selbst sich zu dem macht, was er ist.“  Daß

Goldhagen etwas beweisen wollte, d.h. er eine Interpretation vorlegen wollte, die

genau einen Schluß zuläßt, diese Impertinenz hat die geschichtswirtschaftenden

Faktorenverwalter vielleicht noch mehr erschüttert als der Schluß selbst. Im vollen

Elan ihrer Empörung haben sie übersehen, daß Goldhagen ihren eigenen

Positivismus gegen sie wendet, daß er mit der haargenau gleichen Methode –

positivistische Logik, d.h.: „Wenn es eine einzige Tatsache gäbe, und zwar eine,

die das gemeinsame Motiv erkennen und sich auf die meisten der zu

untersuchenden Phänomene anwenden ließe, dann wäre diese jedem mühsam

zusammengebauten Erklärungsmosaik vorzuziehen“ (668) – , und mit dem selben

historischen Material ihre Trial-and-error-Methode im Umgang mit dem Nazismus

als typisch deutsch entlarvt, d.h. als Geschichtsschreibung, die nicht der Wahrheit,

sondern deren Gegenteil, der Nation, verpflichtet ist.

Weil Goldhagen das Geld für eine deutungsfreie soziale Tatsache hält und also das

„Profitmachen“ für eine von vielen „kulturellen Aktivitäten“, verfehlt er den Begriff

des Antisemitismus. Im Unterschied allerdings zu den Historikern zielte er

wenigstens auf einen Begriff, und seine Methode, die vorfindlichen

Antisemitismusbegriffe daraufhin zu untersuchen, unter welcher Voraussetzung

eigentlich und überhaupt einander widersprechende Definitionen ein und

desselben Gegenstandes möglich sein können, führt ihn so nahe wie nur irgend

möglich an die Antwort heran, daß es einen Gegenstand geben muß, der, ganz und

gar nicht deutungsfrei, an sich selbst die objektive Eigenschaft haben muß, nur

unter sich einander wechselseitig ausschließenden Denkbestimmungen und

Definitionen gedacht werden zu können. Die Bedingung der Möglichkeit der

einander widerlegenden Vorstellungen vom Antisemitismus ist, so folgert

Goldhagen ganz logisch, der „Wille zu töten“: Nur unter dieser Prämisse ordnet

sich der Faktorenstaub, nur mit dieser Annahme hebt sich der Komplexitätsnebel,

nur am Leitfaden dieser These wird das „Feld sehr unterschiedlicher Formen des

Antisemitismus“ und werden die „Vielzahl von Motiven“, von denen pars pro toto

Ulrich Herbert schwatzt, intelligibel und taugt das Bewußtsein zu mehr als zur

Büroklammer. Und zwar verständlich als Camouflage eines Willens, der sich selbst

sucht, d.h. einer Intention, die objektiv und an sich immer schon das ist, was sie

durch alle Irrungen und Wirrungen der Geschichte hindurch, heißen sie nun

christlicher Antijudaismus oder liberaler Philosemitismus, auch für sich sein zu

streben sucht. Nur das kann verstanden werden, sagt Goldhagen, was über die

Phänomene hinaus und durch die Erscheinungen hindurch seiner eigenen Logik

folgt. Eine solche Konstruktion nennt man gemeinhin eine idealistische; und wie

wenig Goldhagen zu ihr als Positivist eigentlich befugt ist, zeigt sich daran, daß er

29   Hegel, a.a.O., § 83

kein Kriterium anzugeben vermag, nach dem, was als Gebot des Denkens und was

als Schluß aller Logik sein muß, auch tatsächlich existiert. Es muß etwas geben,

das die Identität von Sollen und Sein real darstellt, und dieses Etwas muß die

Einheit von Genesis und Geltung sein; d .h. es muß seiner Konstitution gemäß in

der Lage sein, sich selbst zu konstituieren, sein eigener Ursprung zu sein und sich

selbst in allgemeine Geltung zu setzen. Goldhagen nennt dies Etwas das „kognitive

Modell“, aber dessen Reproduktion durch das intergenerative „Gespräch“ bleibt

kaum weniger mysteriös als seine historische Abkunft. Was Goldhagen unter dem

Titel des kognitiven Modells verfehlt, spricht die Wahrheit des Kapitals als

automatisches Subjekt aus, und die Formen des logischen Schließens enthalten und

offenbaren so die Gesellschaft in ihrer dialektischen Quintessenz tatsächlich.

So nahe Goldhagen der „Logik des Antisemitismus“ daher kommt, so sehr verfehlt
er sie doch.  . Seiner logischen Notwendigkeit ermangelt die gesellschaftliche

Wirklichkeit. Was der Geldbegriff Goldhagens, der alles andere als ein Begriff war,

schon durchscheinen ließ, das macht sein Kapitalbegriff unabweisbar: Hier denkt

und arbeitet jemand, den nur Zufall und höhere Fügung davor bewahrt haben, das

Drehbuch zu „Schindlers Liste“ zu schreiben. Da ist die Rede davon, die

„subjektive Vorstellung der Deutschen von den Juden“ hätte sie dazu veranlaßt,

„Arbeit – also eine instrumentelle Tätigkeit, die normalerweise der effizienten und

rationalen Produktion dient – in ein Mittel der Zerstörung zu verwandeln“ (377),

da spricht Goldhagen von einem „Sieg von Politik und Ideologie über das

ökonomische Eigeninteresse“ (382) und davon, „daß der eliminatorische

Antisemitismus selbst dann das Handeln der Akteure bestimmte, wenn ihnen die

normalerweise machtvolle Logik ökonomischer Rationalität gegenüberstand, die

doch das deutsche Wirtschaftsleben im großen und ganzen bestimmte“ (471),

schließlich noch davon, daß „die Macht des Antisemitismus die ökonomische und

für eine moderne industrielle Produktionsweise erforderliche Rationalität außer

Kraft gesetzt“ (499) hätten: Reinhard Kühnl, Ernst Nolte und die deutsche

Reichsbahn lassen grüßen. Von der Vorstellung, Geld und Kapital seien an sich

  Vgl. Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch,
zuletzt in: Michael Werz (Hg.), Antisemitismus und Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz,
Kulturindustrie und Gewalt, Frankfurt 1995, S. 29 ff. Vgl. auch Stefan Vogt/Andreas Benl, „No
Germans, no Holocaust“. Zur Kritik von D. J. Goldhagens „Hitlers willing Executioners“, in:
Bahamas Nr. 20 (Sommer 1996), S. 42 ff.

selbst antisemitisch, erzeugten gar aus eigenem Wesen und eigener Dynamik die

objektive Ideologie eben jenes abstrakten und unproduktiven, jenes wurzellosen

und kosmopolitischen Un- und Antiwesens, als das die Nazis dann die Juden

mörderisch identifizierten, ist Goldhagen so weit entfernt wie nur die deutschen

Historiker vom Grundkurs ‘Marx für Anfänger’. „Die konsequenten Vertreter der

Illusion, daß der Mehrwert aus einem nominellen Preisaufschlag entspringt“,

notierte Marx für alle, die den Warentausch für ein kognitives Modell halten, „oder

aus dem Privilegium des Verkäufers, die Ware teurer zu verkaufen, unterstellen

daher eine Klasse, die nur kauft, ohne zu verkaufen, also auch nur konsumiert ohne

zu produzieren. Die Existenz einer solchen Klasse ist … unerklärlich. (…) Das

Geld, womit eine solche Klasse beständig kauft, muß ihr beständig, ohne

Austausch, umsonst, auf beliebige Rechts- und Gewalttitel hin, von den

Warenbesitzern selbst zufließen.“  Darin nimmt die Logik des Antisemitismus

ihren Anfang, die durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte hindurch nach

ihrer Selbstverwirklichung trachtet, d.h. danach, ihres eigenen objektiven Zwecks

auch subjektiv und praktisch inne zu werden, d. h. den nazistischen Aufstand des

Konkreten gegen das Abstrakte, die deutsche Revolution des Gebrauchswerts

gegen den Tauschwert ins Werk zu setzen, d.h. die Liquidation des monetären

Parasiten und „Gegen-Volks“ (Rosenberg).   Die historische Gelegenheit dazu

ergab sich aus dem Zusammenbruch des deutschen Kapitals im Zuge der großen

31   Marx, Kapital, Bd. 1, S. 176
32   Was Goldhagen die Theorie des „ökonomischen Antisemitismus“ (60 f.) nennt, verfällt zu
Recht seiner Kritik: Denn ökonomische Interessen erklären nichts, ihre Verwissenschaftlichung
zur linksparteilichen Soziologie auch nichts. Von den Marxisten kann man tatsächlich nicht
lernen, wie Antisemitismus materialistisch zu deuten wäre: Man lese nur fk., D. J. Goldhagens
„Hitlers willing executioners“. Wer waren die Täter? (in: Linksruck. Jung – sozialistisch – aktiv,
Nr. 30 (März 1996), S. 22), der Goldhagen vorwirft, „die eigentlich Schuldigen im Brei der
Allgemeinschuld ungeschoren“ zu lassen, oder Reinhard Kühnl, der der Rede von „den
Deutschen“ eine „Nähe zum völkischen Antisemitismus“ ankreidet (Kampf ums Geschichtsbild,
in: junge Welt v. 24. 6. 1996).
Überhaupt kann einer wie Goldhagen von den Linken in Sachen Gesellschaft bemerkenswert
wenig lernen, nämlich weniger als gar nichts. Ein Beispiel ist die „Geld ist genug da“-
Kampagne, die an ein gleichnamiges Buch des Distel-Verlages anknüpft. In einer freiburger
Kongreßzeitung schreibt Stefan Vey in einem Artikel Über das Geld, daß es „wider seine Natur
zur Eigentumsbildung und damit zur Machtbildung mißbraucht“ werde, daß es daher darum zu
tun sein müsse, „die Krebsgeschwüre der Welt (das … Geldkapital), die überall auf Kosten des
Ganzen wuchern“, zu bekämpfen, um so das Geld auf „das Ganze des sozialen Organismus“ zu
verpflichten (in: Allerdings. Hrsg. von der Linken Liste/Friedensliste Freiburg, Nr. 3 (Dezember
1996), S. 2). – Wenn schon mutmaßlich Linke der „Arbeitsgruppe Buchenwald“ die
protonazistische Geldtheorie so entschieden vertreten, daß nur noch Name und Anschrift des
Parasiten fehlen, braucht man sich um die zukünftige, wenn nicht: Wahrheit, so doch:
Richtigkeit der Thesen Goldhagens keine Sorgen zu machen.

Krise von 1929. Diese Krise, die nur aus dem allgemeinen Begriff des Kapitals zu

erklären ist, setzte das totalitäre politische Potential frei, das in der deutschen

Nation und ihrem Staat aufgespeichert war und das sich im Antisemitismus

niederschlug. Was folgte, war so „typisch deutsch“, wie das Kapital es nicht ist,

denn es gehorchte einer derart zwanghaften, in Barbarei als bis dato unbekannte

Gesellschaftsform überschnappenden Logik, daß das Kapital ihrer nirgendwo

anders denn eben in Deutschland hätte fähig sein können.

„Die Täter“, sagt Goldhagen, „waren keine Automaten und keine Puppen“ , und

sie waren erst recht nicht Marionetten des Kapitals. Sie waren ganz gewöhnliche

Deutsche, die es definitiv satt hatten, vom Kapital geschurigelt und determiniert zu

werden, die sich mit Haut und Haaren dafür entschieden hatten, es in wahnhaftem

Elan zu überbieten, um selbst Kapital zu sein, um endlich dem Geheimnis der

Verwertung des Werts auf die Spur zu kommen.

Auschwitz, Begriff der deutschen Geschichte

Es ist diese überaus negative Dialektik, die es macht, daß Auschwitz mit den

geistigen Mitteln des bürgerlichen Verstandes, so wie er sich in der

Geschichtswissenschaft ausdrückt, weder zu verstehen noch zu erklären ist. Der

Massenmord ist das synthetische Produkt der Geschichte der bürgerlichen

Gesellschaft in Deutschland, ihr wie immer vermitteltes Resultat. Im Massenmord

ist alles enthalten und aufgehoben. Auschwitz ist die Wahrheit Deutschlands; und

eine andere Wahrheit, da können sich die deutschen Historiker mühen und quälen,

wie sie wollen, wird es niemals gegeben haben. War der Massenmord also der

logische Schlußpunkt einer Linie, die von Luther über Nietzsche zu Hitler führt?

Ja und nein. Ja: denn Luther war ein großer Antisemit vor dem Herrn, nein: denn

er war es nicht vor dem Gott, der nach ihm kam, dem Kapital, konnte es noch nicht

sein – aber die Antwort ist an sich nichtig und egal, denn der historische Prozeß

erlischt im Resultat, das Auschwitz heißt, und er verschwindet darin so, wie die

Absichten und Motive der am Warentausch Beteiligten erlöschen und gleichgültig

werden, wenn Zahltag ist. Es ist das Resultat, das ex post über den historischen

33   Goldhagen, Das Versagen der Kritiker, a.a.O.

Prozeß entscheidet, der dann ex ante zu ihm führte und auf kein anderes führen

konnte, d.h. es ist das Produkt, das die Produktion bestimmt. Man kann das

Produkt nicht vom Prozeß her denken, und daher identifiziert das Produkt das

Ausschlaggebende, das Wesentliche am Prozeß. Die Toten jedoch sind tot, kein

Sinn, der ihren Tod ungeschehen machen könnte, keine Interpretation der

Entwicklung hin zum Mord, der daran ein Jota ändern könnte.

Geschichtswissenschaft, die in „Faktoren“ und „Bedingungen“ denkt (und anders

kann sie, wenn sie überhaupt denkt, überhaupt nicht denken) arbeitet im nationalen

Interesse an der Virtualisierung der Massenvernichtung: Je mehr Argumente über

„notwendige und hinreichende Bedingungen“ sie dafür beibringt, daß alles auch

hätte ganz anders kommen können, wenn …. , desto weniger ist, ob Mommsen,

Wehler, Jäckel oder Zitelmann, von der fatalen Notwendigkeit der bürgerlichen

Gesellschaft die Rede, die es machte, daß …

Das Produkt der Geschichte des Kapitals in Deutschland ist Auschwitz. Was aber

ist Auschwitz? Was ist die Massenvernichtung im Verhältnis zu einer, wie es heißt,

von der Zweck-Mittel-Rationalität beherrschten bürgerlichen Gesellschaft, die die

Vernichtungslager hervorbrachte? Es ist die Wahrheit dieser Gesellschaft, so, wie

sie aus der an sich irrationalen Dialektik von Zweck und Mittel hervorgeht. Die

bürgerliche Gesellschaft kann den Nazismus nicht begreifen, denn dieser ist ihr

originäres und genuines Produkt, Fleisch vom Fleische. Würde sie ihn begreifen,

sie müßte gegen sich selbst revolutionieren, d.h. Selbstmord begehen. Die

Geschichtswissenschaft dieser Gesellschaft, d.h. die planmäßige Bilanzierung ihrer

verflossenen Taten und Untaten, kann den Nazismus erst recht nicht begreifen,

denn sie transformiert, Maß und Maßstab ihrer Urteile, die Zweck-Mittel-

Rationalität aus einer Ideologie zur Methode: Nie wird sie damit fertig werden,

über die „falsche“ Verwendung der knappen Güterwagons zu staunen, niemals

damit, in „Schindlers Liste“ den produktiven, d.h. recht eigentlich

antifaschistischen Gebrauch der Arbeitskraft durch das Kapital zu begaffen.

Auschwitz jedoch, das war, in stenogrammatischer Definition, die Selbstaufhebung

des Kapitals im Verfolg seiner eigenen Dynamik und auf seiner eigenen Grundlage,

d. h. eine qualitativ neue, zwar kapitalgeborene, aber doch kapitalentsprungene

Gesellschaftsformation, d.h. Barbarei in einem nicht luxemburgistischen, nicht

metaphorischen Sinne, d.h. die geoffenbarte Wahrheit der „verrückten Form“

(Marx). „Barbarei“ allerdings ist bloße Definition, alles andere als Begriff im

strengen Sinne, denn begreifen, d.h. verstehen und erklären läßt sich nur, was, wie

diskret auch immer, an Vernunft doch immerhin partizipiert. Die Toten müßten

sprechen; aber wenn sie es denn könnten, würden sie von den deutschen

Historikern mit allen Mitteln ihrer „seriösen Holocaust-Forschung“ (Mommsen)

daran gehindert, bestenfalls in die Abteilung „oral history“ deportiert.

Der Antisemitismus ist daher schuld an Auschwitz, und er ist es nicht. Ja und nein.

Ja: denn Antisemitismus ist eine Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft

schlechthin, und ist es insbesondere in Deutschland, einer Gesellschaft, die sich als

bürgerliche nur gegen die bürgerliche Revolution zu konstituieren vermochte, d.h.

als Produkt eines erst absolutistischen, dann bonapartistischen, in letzter Instanz

nazistischen Staates, der, so klassenübergreifend wie klassennegierend, im

Antisemitismus das politische Programm der totalen politischen Integration fand.

Der Antisemitismus ist schuld am Massenmord, weil er das notwendig falsche,

sprich: praktisch richtige Bewußtsein einer verkehrten Gesellschaft darstellt:

Goldhagen hat ganz recht. – Nein: denn der Antisemitismus ist, als objektive

Ideologie, nichts ohne die Gesellschaft, die in ihm sich reflektiert. Daher irrt

Goldhagen. Der Antisemitismus ist schuld; und er ist es nicht, weil die

Vernichtung, die auf die Juden zielte und sie traf, in wahnhafter Verschiebung der

Selbstvernichtung der bürgerlichen Gesellschaft wehren sollte. Darin liegt das

Anathema der Geschichtswissenschaft, das ihre Bemühungen im Ansatz nichtig

macht: Daß Auschwitz eine Tat war, die, nach dem Bild des Amokläufers, keine

wie immer geartete Beziehung zwischen dem Täter und seinem Opfer, die irgend in

letzterem gründete, zu ermitteln erlaubt, daß diese Tat kein Mittel gewesen ist zu

irgendeinem Zweck, sondern das Mittel als autistischer Selbstzweck, d.h. die fatale

Konsequenz aus der Todeskrise der Selbstvermittlung der bürgerlichen

Gesellschaft durch das Kapital, in deren Konsequenz das automatische Subjekt alle

in der Perspektive des Positivismus rationalitätsstiftenden Vermittlungen kassiert

und in vollendeter Raserei zum tödlichen Block erstarrt. Darin sind „die

historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert

34   Siehe Ulrich Enderwitz, Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer
Krisenbewältigung, Freiburg 1991

setzt“ , ebenso vergangen wie die materiellen Bedingungen aufgehoben, unter

denen allein es erkennbar ist. Auschwitz liegt im Jenseits des Begriffs, weil sich die

kapitalisierte Gesellschaft im Zuge ihrer Selbstaufhebung in Barbarei selbst im

Jenseits ihrer menschenmöglichen Begreifbarkeit plaziert hat. Ja und nein daher,

pro und contra Goldhagen in einem: Ja, denn der Antisemitismus ist schuld an der

Massenvernichtung, weil er, funktional äquivalent, für die Nazis das darstellte, was

fdGO, Pluralismus und soziale Marktwirtschaft ihren legitimen Rechtsnachfolgern

bedeuten: praktische Geschäftsordnung der Politik und ideologisches

Selbstbewußtsein in einem. Und nein, denn Antisemitismus ist nur selbstbewußte

Ideologie, d.h. ein Denken, das nicht sich selbst denkt, das gedacht wird. Der

„Wille zu töten“, dessen Spur Goldhagen mit kriminalistischer Akribie und

juristischer Präzision verfolgt, ist in einem der unwiderstehliche und unabweisbare

Zwang zu töten.

Zwangscharakter der Freiheit: In völliger Freiheit nicht anders zu können – in

diesem Realparadox resümiert sich der Grund, der es macht, daß man niemals wird

wissen können, was Auschwitz war, und warum es war. Auschwitz läßt sich weder

erklären noch verstehen, es läßt sich weder erklären und nicht verstehen noch läßt

es sich nicht erklären und doch verstehen, weil es die gesellschaftlichen

Bedingungen der Möglichkeit dieser Unterscheidung selbst aufhebt. Die Wahrheit

der Massenvernichtung kann daher keine in sich selbst noch so schlüssige oder gar

vernünftige Theorie sein, sondern nur die praktische Herstellung der „freien

Assoziation“, d.h. der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Es kann keine

vernünftige Theorie der vollendeten Unvernunft geben, nur deren Rationalisierung.

Auschwitz macht keinen Sinn: Und das ist das Ende der Geschichtswissenschaft.

35   Siehe Wolfgang Pohrt, Theorie des Gebrauchswerts, Berlin 1995

http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/bruhn-nazismus.erkenntnisfalle.html

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Bremer Zustände Teil 7 – Juden antreten zum Zahlappell

Der schon hinlänglich eingeführte Herr Strohmeyer lässt einmal mehr die Maske beiseite und widmet sich ganz ohne Umschweife einem Anliegen, das er wohl als „Judenkritik“ bezeichnen würde, machte er sich denn einen Begriff davon. Bekanntlich legt der ehemalige Journalist und Kultur-Redakteur des Bremer Landesverbands der Partei „Die Linke“ größten Wert auf die Feststellung, dass es einzig und allein der eine jüdische unter allen Staaten ist, den er bei jeglicher unpassenden Gelegenheit verbal attackiert. Wer dahinter Antisemitismus vermutet, liegt natürlich vollkommen richtig, schließlich ist es Arn Strohmeyer offenkundig darum zu tun, sich postum mit seinem Vater, dem NS-Journalisten Curt Strohmeyer, doch noch zu versöhnen, unter dem er immer so gelitten hat. Büßen müssen dies die Juden und ihr Staat Israel, was nach der einfachen Projektionsleistung funktioniert, Juden zu Rechtsextremisten und Israel als Unrechtsstaat abzustempeln. Wer einem wie Strohmeyer nachweist, dass er über seine Zuschreibungen an Juden und Israelis lediglich das alte antijüdische Ressentiment ausagiert, der betreibt natürlich in den Augen eines blindwütigen Judenhassers nichts als üble Nachrede und eine auf die Vernichtung der Persönlichkeit gerichtete Psychologisierung – ganz so, als wäre daran noch irgendetwas zu vernichten, wenn die Destruktivkräfte bereits dermaßen überhand genommen haben, dass einer an gar nichts anderes mehr denken kann als an seinen Vernichtungswunsch gegenüber dem jüdischen Staat.

Nun wäre Arn Strohmeyer hier nicht das Thema, wenn er seine daddy issues mit seinem Therapeuten bespräche oder wenn man ihm überall das politische Mitwirken aufgrund seiner Obsession verwehrte. In Wirklichkeit verhält es sich so, dass Arn Strohmeyer in Bremen überall mitmischt und mitmischen darf, wo es innerhalb friedensbewegter oder altlinker Kreise um das Thema Nahost, d.h. in diesen Kreisen: gegen Israel, geht. So hat er für die Bremer Linkspartei diverse Artikel und Broschüren verfasst, die problemlos über die Homepage des Landesverbands abzurufen sind. Und wenn sich in Bremen tausende zusammenrotten, um ihren Antisemitismus auszuagieren und gegen Israel zu demonstrieren, dann freuen sie sich, dass der große Agitator ihnen die Hetzrede hält, die sie alle hören wollen. Organisationen wie das Bremer Friedensforum sind zwar eifrig darauf bedacht, dass sie nicht direkt mit ihm assoziiert werden – wenn das Aktionsbündnis gegen Wutbürger über den lupenrein antisemitischen Charakter seiner Reden aufklärt, dann wird das Manuskript klammheimlich von der Homepage des Bremer Friedensforums entfernt und es wird lediglich noch angeboten, es auf Anfrage per E-Mail zuzusenden. Man hofft dort offenbar, dass einem keiner auf die Schliche kommt, dass man nicht am Ende doch noch aus der Villa Ichon und anderen Zusammenhängen herausgewiesen wird, weil man einem antisemitischen Hassprediger ein Forum bietet. Das Aktionsbündnis gegen Wutbürger lässt sich durch solche Verschleierungstaktik selbstverständlich nicht beeindrucken und beharrt darauf, dass alle widerwärtigen Äußerungen Strohmeyers auch dem Bremer Friedensforum zuzurechnen sind. Wer mit Strohmeyer und Konsorten zusammenarbeitet, leistet keine Arbeit für den Frieden, sondern steht auf der Seite der Mörder, die mit Messern und Äxten in Synagogen eindringen, um möglichst viele Juden abzuschlachten.

Nun wäre aber Arn Strohmeyer nicht der Antisemit, der er ist, wenn er seinen Judenhass nur am Staat Israel ausagierte. Auch die jüdische Gemeinde Bremen wird zur Zielscheibe seiner Attacken:

Verschiedene Religionsgemeinschaften und Vereine haben in Bremen angekündigt, dass sie mit Geldbeträgen und Hilfsgütern den Menschen beistehen wollen, die vor den Kämpfen in Syrien und dem Irak fliehen mussten.

deckt Strohmeyer auf der Seite des Nahost-Forums Bremen auf, dem Syrien und Irak sonst genauso wenig ein Thema sind wie Libanon, Saudi-Arabien oder der Iran, weil es sich in der ganzen Region sowieso nur an an dem einen Staat stört, gegen den es auch seine samstäglichen „Mahnwachen für Palästina“ vor dem Bremer Dom organisiert. Von einer Mahnwache für Syrien oder gegen das dortige Blutvergießen ist von diesem Forum Nahost schon deswegen nichts zu hören, weil die dort umgebrachten Syrer (und Palästinenser) nicht Israel in die Schuhe geschoben werden können, was sie für solche Antisemiten zu uninteressanten Kollateralschäden macht. Mit traumwandlerischer Sicherheit findet Strohmeyer unter den verschiedenen Vertretern Bremer Religionsgemeinschaften die eine, der er das humanitäre Engagement so nicht durchgehen lassen kann:

Auch die Bremer Jüdische Gemeinde beteiligt sich daran. Deren Vorsitzende Elvira Noa begründete am Donnerstag ihr Engagement für die Flüchtlinge mit der jüdischen Ethik: Es wäre doch eine Selbstverständlichkeit, diesen Menschen in großer Not zu helfen.

Nun müsste der letzte Satz, wäre er einer, der in indirekter Rede die Aussage Elvira Noas wiedergäbe, im Konjunktiv 1 formuliert sein. So wie Strohmeyer ihn aber formuliert hat, bildet er die Kurzfassung seines zum Erbrechen wiederholten Credos, dass die einzigen rechtmäßigen Besitzer einer jüdischen Ethik die handvoll Kronzeugen sind, von denen er sich in seinem Ressentiment bestätigt fühlt, anderen Juden – d.h. praktisch allen – ist Hilfe für notleidende Menschen demnach keine Selbstverständlichkeit. Vielmehr seien die Juden, die sich nicht permanent von Israel distanzieren, automatisch Teil der brutalen israelischen Kriegsmaschinerie, die Palästinenser in Ghettos sperre und mit Krieg überziehe. Was er allerdings unfreiwillig noch sagt: eine Selbstverständlichkeit ist es für ihn nicht. Schließlich ist er auch noch nie dadurch in Erscheinung getreten, dass er sich über die große Not der im Verlauf der letzten drei Jahre vom Ba’ath-Regime Ausgehungerten und Ausgebombten in Rage geschrieben hätte, und beträfe es auch nur diejenigen, die in Syrien als „palästinensische Flüchtlinge“ noch in vierter Generation in Elendslagern festgehalten werden. Er hat auf ein anderes Stichwort gelauert:

Da spiele die Religionsgemeinschaft gar keine Rolle.

Für Arn Strohmeyer tut sie das aber sehr wohl. Deshalb ist der Fachmann für antijüdische Ethik auch nicht um die Idee verlegen, wie das Engagement der Jüdischen Gemeinde gegen sie – und nur gegen sie – zu verwenden wäre:

Wenn das so ist, dann ist es doch auch eine Selbstverständlichkeit, dass Frau Noa zur Hilfe für die Menschen im Gazastreifen aufruft.

Seine jüdischen Nachbarn sind es, die er gerne für die in Gaza herrschende Misere in die Pflicht nehmen will, weil für ihn ohnehin alle Juden irgendwie Israelis und damit Verbrecher sind. Nicht nur die Israelis, sondern alle Juden, so die Intention Strohmeyers, sollen gefälligst Reparationen leisten an die Urheber des Raketenkrieges, der diesmal so weit ging, dass die Menschen in Tel Aviv und Rishon LeZion genauso um ihr Leben laufen mussten wie das in Sderot und Ashkelon schon zuvor praktisch an der Tagesordnung war. Dass uns Strohmeyer diese „Selbstverständlichkeit“, Juden gesamthaft für den Terror der Antisemiten büßen zu lassen, ausgerechnet in dem Monat auftischt, in dem die Deutschen sich für die 25 Jahre feiern, die sie den Tag des Novemberpogroms von 1938 nun schon in ein neues nationales Erweckungsereignis umgedeutet haben, dürfte auch kaum zufällig sein. Papa wäre stolz.

Der große Agitator

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli zog eine aufgebrachte Menge junger Männer durch das Bremer Steintorviertel. Rufe wie „Zionisten sind Faschisten“ und „Kindermörder Israel“ ertönen. Es kommt zu Gewaltdrohungen gegen Passanten, ein Bremer Journalist wird attackiert. Ein Mann, der dem Journalisten zur Hilfe kommt, wird niedergeschlagen, landet mit dem Kopf auf dem Pflaster und erleidet schwere Kopfverletzungen. Er gehört der linken, antisemitismuskritischen Bremer Gruppe „Associazione delle Talpe“ an.

Man könnte erwarten, dass ein solcher Akt der Gewalt mit derart gravierenden Folgen eine Welle der Solidarität mit dem Opfer auslöste. Die Associazione delle Talpe ist in Bremen innerhalb der Linken gut vernetzt und grundsätzlich wohlgelitten. Das liegt schlicht und ergreifend am „zahme(n) Gestus, der stets »problematisieren« nicht aber »polemisieren« oder gar »diffamieren« will“ und „letztendlich zu einer ‚Appeasment’-Politik“ gegenüber der Bremer Linken geführt hat. So mischt man im Bremer Infoladen mit und lässt sich von der Linkspartei bzw. deren Rosa-Luxemburg-Stiftung finanzieren.

Warum das so ist, dafür reicht ein kurzer Blick in die Broschüre Staatsfragen – Eine Einführung in die materialistische Staatskritik, die von der Associazione delle Talpe in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bremen herausgegeben wurde. Was dort präsentiert wird, ist ein Sammelsurium verschiedener „marxistischer Staatstheorien“, die nach Meinung der Herausgeber wohl dazu angetan sein sollen, den Verdammten dieser Erde Erkenntnis über ihren desolaten Zustand zu vermitteln. Denn zu warnen ist, so heißt es schon im Vorwort, vor spontanen Protesten, da diese „alleine noch nie die gesellschaftlichen Verhältnisse emanzipatorisch verändert haben“, weswegen eine „staatskritische Bewegung“, die nach „der Aufhebung des jetzigen Zustands“ strebt, das Ziel zu verfolgen habe, „durch Selbstorganisation und Selbstverwaltung“ einen solchen Zustand zu erkämpfen. Dabei bestehe die zentrale Aufgabe darin, „Geschichtslosigkeit, antiintellektuelle Ressentiments und Theoriefeindlichkeit“ zu überwinden. „Die kollektive Aneignung, Diskussion und Weiterentwicklung (staats-)kritischen Wissens ist daher gewissermaßen Maulwurfsarbeit, um in Zeiten fern der befreiten Gesellschaft überwintern zu können und die Waffen der Kritik für künftige Auseinandersetzungen scharf zu halten.“

Die Vorstellung, dass die „Maulwurfsarbeit“ in nichtrevolutionären Verhältnissen darin bestehe, sich ein „profundes Wissen der aufhebungswürdigen Verhältnisse anzueignen“, ist im doppelten Sinne anschlussfähig an den linken Mainstream: Einerseits lässt sich die Theoriearbeit, die von Kritik und Polemik möglichst wenig wissen will und sich nur selten ins Handgemenge begibt, wunderbar für akademische Tätigkeiten, Promotionen und dergleichen nutzen, die dann wieder durch die einschlägigen Stiftungen gefördert werden. Kein Linker, kein Antisemit, kein Staatsfetischist muss sich durch die abstrakte Staatskritik angegriffen fühlen, die nur die Klassiker repetiert und zu aktuellen politischen Auseinandersetzungen wenig zu sagen hat. Die Ausführungen der Associazione delle Talpe sind ein einziger Beleg für Pohrts These, dass auf 100 Dissertationen, die sich mit Adorno befassen, kaum eine komme, die selbst polemischen, d.h. gesellschaftskritischen Charakter habe. Andererseits kann man sich als besonders radikaler Staatskritiker deswegen gerieren, weil man sich mit der Frage, was vielleicht noch schlimmer wäre als das staatliche Gewaltmonopol und wann der Einsatz staatlicher Gewalt sogar zu begrüßen ist, nicht befassen muss, wenn man jede Bezugnahme zu aktuellen Geschehnissen vermeidet und „materialistische Staatskritik“ im luftleeren Raum betreibt. Denn sobald sich der antisemitische Mob auf den Straßen austobt, bleibt selbst diesen Staatskritikern nichts anderes übrig, als das Einsatzkonzept der Polizei zu hinterfragen und von der Staatsmacht besseren Schutz zu fordern.

Eine pauschale Kritik des Staates und der Nationen, wie sie in Bremen immer noch Mode ist und die gerade nicht ihre Aufhebung in supranationale Organisationen, Banden und Terrorgruppen ins Zentrum der Kritik stellt, sondern sich endlos in nutzlosen Turnübungen am Begriff ergeht, die Ableitungstheorie diskutiert usw. usf., scheint sich dabei bestens mit der realen Tendenz zu verstehen, an die Stelle des Staates und einer zentralen, vermittelten Staatsgewalt die unmittelbare, nackte Gewalt zu setzen. Was zum Beispiel ISIS über die Grenzen des Iraks und Syriens hinaus zu installieren trachtet, könnte man durchaus als Versuch begreifen, „durch Selbstorganisation und Selbstverwaltung“ eine andere Ordnung an die Stelle der Bestehenden zu setzen, die gerade nicht mehr staatlicher Natur ist. Die „Staatskritik“ antinationaler Prägung liefert, wie andere linke Theoreme vorher, entgegen der ursprünglichen Intention materialistischer Staatskritik lediglich den Sound zum Vollzug einer Barbarei, die noch weit schlimmer ist als das, was Linke zu überwinden antreten.

Allein: Genutzt hat diese Anbiederung an den linken Mainstream der Associazione delle Talpe freilich nichts. Die aktive Solidarität, der Verzicht auf jede Zuspitzung der Kritik der Linken oder des Antisemitismus zu einer der Antisemiten und ihrer Umtriebe hat keineswegs dazu geführt, dass es zu Solidaritätsbekundungen kam, als antisemitische Schläger einen jungen Mann ins Koma prügelten. Als repräsentativ für eine undogmatische Linke in Bremen darf das Weblog end of road gelten, das auch die Associazione delle Talpe verlinkt. In einer dort veröffentlichten Stellungnahme der Gruppe „NoLager Bremen“ heißt es zu dem brutalen Angriff auf ihren linken „Genossen“ lapidar:

Mit Blick auf ei­ni­ge der be­reits er­folg­ten Pro-​Pa­läs­ti­na-​De­mos fin­det mor­gen in Bre­men eine „Kund­ge­bung gegen An­ti­se­mi­tis­mus“ statt. Das ist durch­aus nach­voll­zieh­bar, denn na­tür­lich hat es an­ti­se­mi­ti­sche Aus­fäl­le auf den di­ver­sen Demos der jüngs­ten Zeit ge­ge­ben, auch am Wo­chen­en­de – ganz zu schwei­gen von den dra­ma­ti­schen Ver­let­zun­gen, die eine Per­son im Zuge einer nächt­li­chen Pro-​Pa­läs­ti­na-​De­mo in Bre­men er­lit­ten hat. Nicht nach­voll­zieh­bar ist in­des­sen die Selbst-​Be­schrän­kung auf „An­ti­se­mi­tis­mus“, d.h. die Nicht-​Be­reit­schaft, eine linke, mit­hin eman­zi­pa­to­ri­sche Po­si­ti­on zur Si­tua­ti­on in Is­ra­el/Pa­läs­ti­na zu be­zie­hen (nicht zu­letzt in An­leh­nung an un­dog­ma­tisch-​lin­ke Po­si­tio­nen, wie sie von ent­spre­chen­den Grup­pen und Netz­wer­ken in Is­ra­el/Pa­läs­ti­na of­fen­siv ver­tre­ten wer­den).

Nachdem der sehr konkrete Mensch, der von brutalen Antisemiten zusammengeschlagen wurde, zur „Person“ entindividuiert wurde, wird zumindest suggeriert, dass sich diese durch ihre „Selbst-Beschränkung auf den Antisemitismus“ und die „Nicht-Bereitschaft, eine linke, mithin emanzipatorische Position zur Situation in Israel/Palästina zu beziehen“ alles weitere im Grunde selbst zuzuschreiben habe. Wer solche Genossen hat, braucht keine Feinde mehr und es wäre das Mindeste, den Betreibern von „end of road“, die dieses Musterbeispiel der Entsolidarisierung veröffentlicht haben, jedwede Kooperation aufzukündigen.

Auch die Partei „Die Linke“ in Bremen, ein von antizionistischen Hardlinern durchsetzter Landesverband, sah sich gezwungen, zwar den antisemitischen Charakter der Demonstration einzuräumen. Dabei wurde aber jedes Wort der Empathie und der Solidarität mit dem schwer verletzten „Genossen“ vermieden: „In Bremen gab es in den vergangenen Tagen mehrere Spontandemonstrationen gegen Israel, die eine klar antisemitische Ausrichtung hatten. Dort kam es zu Angriffen auf mindestens einen Passanten und einen Journalisten. Menschen wurden als „Scheiß Juden“ beschimpft, eine Person wurde schwer verletzt.“ Um der Gefahr zu entrinnen, die Stellungnahme könnte als Solidaritätsadresse mit Demonstrationen gegen Antisemitismus missverstanden werden, wurde aber ausdrücklich betont: „Der gesamte Konflikt ist aktuell und in seiner Geschichte viel zu komplex, als dass einseitige Schuldzuweisungen und Demonstrationen zur Lösung und Beruhigung der Lage beitragen würden.“

Einige Tage später, nach einer antisemitischen Großkundgebung in Bremen, von der noch zu sprechen sein wird, legte der Landesvorstand eine weitere Erklärung nach. Darin heißt es:

Wir sind froh, dass die gestrige Bremer Demonstration „Für Gerechtigkeit und Frieden in Palästina“ friedlich verlaufen ist und dass es den Organisatoren gelungen ist, antisemitische Äußerungen auf der Demonstration weitgehend zurückzudrängen. Dies ist auch ein Erfolg der vorangegangenen Bremer Kundgebung „Zusammen gegen Antisemitismus“, die den Druck darauf unmissverständlich erhöht und unterstrichen hat, dass es für antisemitische Stimmungsmache in Bremen keinen Raum geben darf. Ereignisse wie in der Nacht vom 12. zum 13. Juli, als es im Viertel bei einer propalästinensischen Demo zur lebensgefährlichen Verletzung eines Passanten kam, der einen Bremer Journalisten schützen wollte, dürfen sich nicht wiederholen.

 

Der massive militärische Angriff der israelischen Armee im Gazastreifen und die jahrelangen, täglichen Raketenangriffe der Hamas auf Israel müssen gestoppt werden. Wir können all jene verstehen, die sich angesichts der Opfer, der Bedrohung und der Mobilisierung von Hass solidarisieren wollen – weil sie Angehörige und Freunde in Israel und den palästinensischen Gebieten haben, weil sie sich jeweils berechtigten Positionen und Betroffenheiten (sic!) verbunden fühlen, weil es die Notwendigkeit gibt, Stellung gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zu beziehen. Wir verstehen aber auch diejenigen gut, die sich in diesen Tagen kaum in der Lage sehen, Solidarität zu üben, solange Empathie „für die eine Seite“ offen oder stillschweigend Ignoranz gegen „die andere Seite“ meint oder als solche (miss)verstanden wird.

Auch hier wird man vergeblich auf Solidarität oder Mitgefühl warten müssen. Kein Wort davon, dass der „Passant“ ein linker Antifaschist gewesen ist, kein Wort zur Associazione delle Talpe, die doch eng mit der Bremer Rosa-Luxemburg-Initiative verbandelt ist. In allerhöchstens pflichtschuldigem Mitleid heißt es lediglich, ein solcher Vorfall dürfe sich „nicht wiederholen“, wobei jedes konkrete Wort dazu vermieden wird, wie dies zu verhindern sei. Stattdessen wird das abgespult, was vermutlich auch die Gruppe „NoLager“ unter einer emanzipativen Position zum Nahost-Konflikt versteht: Ganz uneinseitig fordert man, Ursache und Wirkung bereits semantisch vertauschend, dass der „massive militärische Angriff der israelischen Armee“ und „die jahrelangen, täglichen Raketenangriffe der Hamas“ gestoppt werden müssten – als sei nicht etwa das Ende des Zweiten die Voraussetzung für Ersteres. Einem solchen Geschwafel über Komplexität des Konflikts, Betroffenheiten, einseitige Schuldzuweisungen, Empathie und Ignoranz gilt es entgegenzuhalten, dass die Wurzel des Konflikts dieselbe ist wie die Ursache des Gaza-Kriegs: Das Ziel aller Antisemiten und Antizionisten, den jüdischen Staat Israel zu zerstören und seine Bewohner zu massakrieren.

Dieser Vernichtungswunsch verträgt sich seit jeher problemlos mit einer emanzipativen Position zum Nahostkonflikt, wie sie der Gruppe „NoLager“, der Linkspartei und anderen linken „Israelkritikern“ vorschwebt. Zwar wird das Ziel einer Vernichtung des jüdischen Staates vehement geleugnet, wenn permanent von Besatzung, dem Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes, israelischer Siedlungspolitik, einer ultrarechten israelischen Regierung, der Mauer der Schande, den elenden Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten und im Gazastreifen oder der Würde des palästinensischen Volkes die Rede ist. Käme Israel aber auch nur im Ansatz den Forderungen dieser emanzipativen Linken nach einem Abriss der Sperranlage, einer Aufgabe aller Gebiete jenseits der Grenzen von 1967, einem Ende der Blockade des Gazastreifens und einer Demilitarisierung entgegen, könnte es als funktionsfähiger, wehrhafter und für seine Bürger lebenswerter jüdischer Staat nicht mehr existieren.

Dass dies den Proponenten einer emanzipativen Position zum Nahostkonflikt nicht bewusst oder egal ist, wäre eine beschönigende Darstellung. Eine Linke, die es nie mit der Freiheit gehalten hat, kann bedenkenlos „Freiheit für Gaza“ fordern, auch wenn die militanten Gruppen dort nicht für, sondern gegen die Freiheit kämpfen. Denn es gibt keinen sinnvollen Begriff der Freiheit, der nicht universell wäre, der die Unterdrückung derjenigen Bewohner des Gazastreifens durch die Hamas und derjenigen Bewohner der palästinensischen Autonomiegebiete im Westjordanland durch die Fatah zum Thema hätte, die nicht islamisch, männlich, heterosexuell und israelfeindlich sind. Wenn die Hamas in Gaza Oppositionelle hinrichtet, erschießt oder an Motorrädern zu Tode schleift, fordert kein emanzipativer Linker „Freiheit für Gaza“, sondern hält die Klappe oder redet von einem Freiluftknast oder einem Lager, das Israel in Gaza errichtet hätte, weswegen es natürlich auch für diese Taten im Endeffekt verantwortlich zu machen sei.

Es ist also durchaus kein Zufall, dass diese Leute nie von Freiheit, sondern lieber von „Emanzipation“ sprechen, das sich vom lateinischen Wort „emancipatio“ herleitet, das die Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt bezeichnet. Während Freiheit einen Akt der Befreiung voraussetzt, jedem die Verantwortung aufbürdet, mit seiner Freiheit umzugehen, lässt man die Emanzipation über sich ergehen. „Freiheit für Palästina“ kann aus emanzipativer Perspektive kaum mehr sein als die Freiheit von jüdischer Herrschaft und Säuberung von jüdischem Einfluss. Die Menschwerdung des Palästinensers, sein Übergang vom auf den Endkampf getrimmten, antisemitischen Kollektivsubjekt zum Individuum, das sein Leben in einem möglichst weiten Rahmen selbst gestalten kann, ist in dieser Perspektive von vornherein ausgeschlossen. Ein souveräner Palästinenserstaat, der unter derart falschen Voraussetzungen entstünde, könnte nie mehr sein als ein 20fach vergrößerter Gazastreifen, ein Freiluftgefängnis für alle, die mehr sein wollen als Berufspalästinenser und Vernichtungskämpfer. Ob sie es offen sagen oder nicht, ob sie es wollen oder nicht: Das ist die Perspektive, auf die alle emanzipativen Positionen zum Nahostkonflikt hinauslaufen. Sie sind aus diesem Grund nicht nur antisemitisch, sondern auch antipalästinensisch, da sie die Befreiung der Palästinenser als Akt des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit systematisch hintertreiben.

Einer, der noch nie Probleme hatte, offen auszuplaudern, was er vom Judenstaat hält, ist Arn Strohmeyer, Sonderbeauftragter des Landesverbands Bremen der Partei „Die Linke“ und des Bremer Friedensforums zur Endlösung der Israelfrage (ohne Partei- und vermutlich auch ohne Vereinsmitgliedschaft). Denn wie war das nochmal mit der Großdemonstration „Für Gerechtigkeit und Frieden in Palästina“, der die Bremer Linkspartei zugute hält, „dass es den Organisatoren gelungen ist, antisemitische Äußerungen auf der Demonstration weitgehend zurückzudrängen.“? Der erste Redner der abschließenden Kundgebung auf dem Bremer Marktplatz war kein geringerer als Arn Strohmeyer, der es sich nicht nehmen ließ, vor dem Publikum, aus dessen Reihen sich die Gewalttäter rekrutieren, die einen Bremer Linken brutal zusammengeschlagen haben, eine lupenrein antisemitische Hetzrede zu halten. Dieses Zeugnis beispiellosen Israelhasses, das auf Youtube zu finden und auf der Website des Bremer Friedensforums in Textform dokumentiert ist, überführt die Bremer Linkspartei und ihre „LandessprecherInnen“ Doris Achelwilm und Dr. Christoph Spehr sowie die Fraktionsvorsitzende der Linken in der Bremischen Bürgerschaft, Kristina Vogt, der glatten Lüge. Die ganze Veranstaltung war genuin antisemitisch motiviert und es wurden dort offen Positionen vertreten, die nichts anderes bezweckten als die Dämonisierung mit dem Ziel der Delegitimierung und damit letztendlich der Vernichtung Israels. Wer Strohmeyer als Hauptredner einlädt, muss wissen, was er bekommt: Jemanden, der den ehemaligen Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, als tragische Figur ansieht, der sich mit den Nazis verbündete und Hitlers Endlösung der Judenfrage lediglich deswegen aktiv unterstützte, um das „Hauptmotiv seiner politischen Tätigkeit“ zu verfolgen, nämlich „die weitere jüdische Einwanderung nach Palästina zu verhindern, denn er sah deutlich die Gefahr, die diesem arabischen Land durch die Immigration von immer neuen Wellen jüdischer Immigranten drohte.“ Wer an diesen Worten einen xenophoben, antisemitischen und jeder linken Politik Hohn sprechenden Hassprediger erkennt, dem ist nicht zu widersprechen.

Eine Veranstaltung, die diesen Mann als Hauptredner aufbietet, um „Gerechtigkeit und Frieden in Palästina“ zu propagieren (von Israel ist hier schon allein deswegen nicht die Rede, weil Israel nach Ansicht dieser Leute gar nicht existieren dürfte und auch nicht existierte, hätte nur der Mufti von Jerusalem das Hauptmotiv seiner politischen Tätigkeit etwas effizienter verfolgt), ist bereits von vornherein ein massiv antisemitisches Statement. Man stelle sich vor, es wären lupenreine Nazis gewesen, die unter diesem Motto demonstriert und Israel dämonisiert und delegitimiert hätten – die Linke, end of road und die Gruppe NoLager, die gegen jeden Mini-Naziaufmarsch mobilisieren, wären vermutlich vor Aufregung kollabiert. Da nun aber ein paar Linke, Friedensfreunde und Mitglieder der Linkspartei wie der Bürgerschaftsabgeordnete Peter Erlanson dabei waren, als türkische und palästinensische Gruppen ihre Großdemonstration abhielten, nahm man es mit den Hetzreden nicht mehr so genau. Neben Strohmeyer sprachen übrigens der Imam Bektas Ömer, der von „Völkermord“ daherdelirierte und die Situation in Palästina zu einem „Problem für 1,5 Milliarden Muslime in aller Welt, die hier ihre heiligen Stätten haben, die aber nicht frei zugänglich sind“, erklärte und damit bereits klarmachte, dass Israel mit seinen wenigen Millionen Juden den 1,5 Milliarden Muslimen und ihren Ansprüchen zu weichen habe, sowie Salam El-Sara, der Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde Bremens, der von einem „kriegerischen Angriff auf unser Volk“ sprach und sich somit vollends mit der Hamas solidarisierte. Da Ömer auf Türkisch und El-Sara auf Arabisch sprach, sind wir hier auf die Übersetzungen der Veranstalter angewiesen, für die wir keine Gewähr übernehmen können. Auch den Bremer Linken-Politikern könnte man ihre mangelnden Sprachkenntnisse zugute halten, wäre da nicht die Rede Strohmeyers gewesen, die keine Fragen offen ließ. Dort hieß es unter anderem:

Liebe Freunde, es ist wieder Mal ein furchtbarer Anlass, zu dem wir uns heute hier auf dem Bremer Marktplatz versammeln – wie schon so viele Male zuvor. Hunderte von Palästinensern – darunter viele Alte, Frauen und Kinder – mussten in den vergangenen Tagen sterben, weil Israel seine Kriegsmaschinerie wieder einmal auf ein so gut wie unbewaffnetes und wehrloses Volk losgelassen hat und im Gaza-Streifen einmarschiert ist. Ich sage unbewaffnet, denn die Palästinenser – auch die im Gazastreifen – leben unter Israels Besatzung und haben nicht einen einzigen Panzer, keine Flugzeuge, Kanonen und andere Kriegsgeräte, über die Israels Armee als die viertstärkste der Welt reichlich verfügt. Es findet dort kein Krieg zwischen zwei gleich starken militärischen Gegnern statt, wie uns hier oft eingeredet wird. Was Israel dort anrichtet, ist ein Massaker schlimmsten Ausmaßes, ein anderes Wort gibt es dafür nicht – das wievielte Massaker in der Geschichte beider Völker – muss man fragen, das Israel da begeht?

Strohmeyers Auslassungen zu Israel, das ist in Bremen wohlbekannt, basieren auf einer fundamentalen Auslassung: Das Ziel palästinensischer Terrororganisationen wie der Hamas, alle Juden umzubringen, das im Zentrum ihres Handelns und ihrer Politik steht, wird nicht einmal erwähnt. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine solche Auslassung kein Versehen ist, wie Strohmeyers Umgang mit der Biographie al-Husseinis zeigt. Sie ist Ausdruck des tiefen Einverständnisses mit dem Ziel der Vernichtung, das bereits den ebenfalls als Journalisten und Autor tätigen Vater Arn Strohmeyers, Curt Strohmeyer, umtrieb. Dieser war als überzeugter Nationalsozialist Redakteur der Zeitung „Das Reich“ und wurde von Hitler kurz vor Kriegsende als Hofberichterstatter auf den Obersalzberg gerufen. Arn Strohmeyer, der unter diesem Nazi-Vater und seinen Konflikten mit ihm offenbar stark zu leiden hatte, hat mit seinem Eintreten für die Palästinenser und ihr Ziel, jüdische Staatlichkeit und Existenz in Palästina zu verunmöglichen, ein Motiv gefunden, sich postum mit seinem Vater zu versöhnen. Man wird bei Strohmeyer nirgendwo, selbst dort, wo er Gestalten wie al-Husseini oder den israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 behandelt, ein Wort darüber lesen, was offizielle Politik der Araber war: Die Liquidierung der „zionistischen Präsenz“, die Vernichtung Israels und die Ermordung der Juden. Da Strohmeyer sich aber exzessiv und geradezu obsessiv mit dem Konflikt befasst, ist es unmöglich, dass ihm diese Motive gänzlich unbekannt sind. Vielmehr hat Strohmeyer diese so sehr internalisiert, dass er gar nicht mehr fähig oder willens ist, sie zu reflektieren oder ans Bewusstsein zu bringen. Sie bilden vielmehr das Herzstück seiner antisemitischen Hetze gegen den jüdischen Staat – und wer sich das Youtube-Video zur Rede ansieht, der sieht, wie sehr Strohmeyer in der Rolle des großen Agitators aufgeht. Wer einmal dieses Motiv Strohmeyers entschlüsselt hat, dem fällt es leicht, die von ihm zusammengetragenen Fakten, Behauptungen, Propagandalügen und Hasstiraden zu lesen. Zur Illustration folgen einige besonders hässliche Beispiele aus seiner Rede:

Nun wird dem von den Israel-Verteidigern und den deutschen Medien so gut wie unisono entgegengehalten, und das ist ihr erstes Gegenargument: Aber die Raketen der Hamas! Man kann ja durchaus die Frage stellen, ob die Hamas sich und der Bevölkerung des Gaza-Streifens mit dem Raketenbeschuss auf Israel einen Gefallen getan hat? Und man kann finden, dass es sich damit keinen Gefallen getan hat. Aber man muss auch anmerken: Diese Raketen sind im Gegensatz zu den israelischen selbst gebaute und unwirksame Geschosse, die vielleicht Panik hervorrufen, aber so gut wie keine Schäden in Israel angerichtet haben. Ein einziger Israeli ist durch diese Raketen getötet worden. Aber ich will zu den Raketen der Hamas auch ganz klar sagen: Man darf hier nicht Ursache und Folgen verwechseln. Die Hamas-Raketen sind nicht die Ursache des gegenwärtigen Krieges, sondern der erbärmliche Zustand, unter dem die Palästinenser seit Jahrzehnten unter der brutalen israelischen Besatzung leben müssen!

Interessanterweise sagt Strohmeyer hier, was Bremer Linkspartei und die Gruppe NoLager meinen, wenn sie von einer „Person“ oder einem „Passanten“ sprechen, wenn davon die Rede ist, es habe jemand Verletzungen erlitten oder es sei zu einem Angriff gekommen, ohne von einem Angreifer zu sprechen. Bei Strohmeyer ist es nur ein einziger Israeli (was in diesem Zusammenhang geradezu bedauernd klingt), der nicht etwa durch einen Angriff auf zivile Ziele ermordet wurde, sondern bloß getötet wurde und dies auch nicht von Mördern bzw. Terroristen, sondern durch Raketen. Mit den Raketenangriffen ist einer wie Strohmeyer, der bedauert, dass die Hamas bzw. die Palästinenser nicht über effektive Massenvernichtungswaffen verfügen, prinzipiell einverstanden. Er bezweifelt lediglich, ob die Taktik sinnvoll ist und merkt an, dass man der Bevölkerung des Gaza-Streifens damit möglicherweise „keinen Gefallen getan“ habe. So geht einer, dem vermeintlich das Wohl der Palästinenser am Herzen liegt, darüber hinweg, dass die Hamas Raketen aus Schulen, Moscheen, Kindergärten und Wohngebieten abfeuert, Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht und dadurch den Tod zahlloser Menschen zumindest und für jeden ersichtlich mitverschuldet. Es ist vollkommen klar, dass einen wie Strohmeyer das Leid, dass der Krieg über Gaza bringt, im Grunde überhaupt nicht kümmert. Er plaudert es offen aus, wenn er die Frage, ob man Raketen abfeuern und damit die Bevölkerung des Gaza-Streifens einem vermeidbaren Krieg aussetzen sollte, mit der vollkommen verniedlichenden Frage abhandelt, ob das der Bevölkerung einen „Gefallen“ getan habe. Natürlich hat es der Bevölkerung keinen Gefallen getan, sondern zu etlichen unnötigen Toten und Verletzten geführt, von denen jeder Einzelne einer zu viel war. Darum kann es aber einem faschistischen Agitator wie Strohmeyer in seiner vollständigen Unmenschlichkeit schon lange nicht mehr gehen. Er denkt im Großen und im Ganzen, in völkischen Kategorien und Kollektiven:

Liebe Freunde, ich frage Sie hier: wer gibt Israel das Recht, ein ganzes Volk hinter Mauern und Zäunen wegzusperren – und dass aus dem einzigen Grund, dass es den Israelis gut geht und sie in Sicherheit leben wollen. Wer gibt ihnen das Recht dazu?

(…)

Israel verteidigt sich nicht gegen einen äußeren Feind, sondern gegen ein Volk, dessen Land es besetzt hat und das es hinter Mauern in Gefangenschaft und in Geiselhaft hält. Da kann man doch nicht das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nehmen! Ganz im Gegenteil: Die Palästinenser haben nach dem Völkerrecht ein Recht auf – auch gewaltsamen – Widerstand, wenn er sich nicht gegen Zivilpersonen richtet.

(…)

Nur die Freiheit und Selbstbestimmung für die Palästinenser und eine einvernehmliche Koexistenz beider Völker können einen gerechten Frieden im Nahen Osten herbeiführen.

Strohmeyers Fortführung völkischer Vokabeln bestätigt, was Adorno bereits wusste: „Im dog­ma­ti­schen Be­griff des Volkes aber, der An­er­ken­nung des vor­geb­li­chen Schick­sals­zu­sam­men­hangs zwi­schen Men­schen als der In­stanz fürs Han­deln, ist die Idee einer vom Na­turz­wang eman­zi­pier­ten Ge­sell­schaft im­pli­zit ver­neint.“ Für Strohmeyer ist es exakt dieser Schicksalszusammenhang, dem die Menschen sich zu opfern haben, wenn er dem palästinensischen Volk ein Recht auf Selbstverteidigung zuspricht und Israels Politik die Verantwortung für Terror, Raketenangriffe und Vernichtungsfantasien zuweist. Es zeigt sich nirgendwo so sehr wie an der bedenkenlosen, unkritischen, affirmativen Verwendung des Volksbegriffs, wie wenig sich Arn von Curt gedanklich zu entfernen vermocht hat. Da wundert es auch nicht, dass er dem Vorwurf des Antisemitismus nichts entgegenzusetzen hat. Die gewalttätige Manifestation des Antisemitismus der israelfeindlichen Demonstranten in Bremen und anderswo kommentiert Strohmeyer folgendermaßen:

Und wenn es jetzt antisemitische Ausfälle bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg gibt, ist das schlimm! Damit haben wir hier nichts zu tun! Aber ein Eintreten für Humanität, Menschenrechte und für das Einhalten des Völkerrechts hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Wer das behauptet, macht sich selbst der Inhumanität und eines perversen Denkens schuldig! Das sollten wir aus unserer Geschichte gelernt haben! Man muss Kritik an Israels Politik und Antisemitismus sehr sauber auseinanderhalten.

Nochmals: Strohmeyer sagt dies im Wissen um die Tatsache, dass 10 Tage vorher ein Antifaschist ins Koma geprügelt wurde, von einem, der dem Bündnis angehört, zu dem er spricht. Er erwähnt diesen Vorfall mit keinem Wort, genausowenig die übrige Gewalt gegen Juden, Synagogen und friedliche Demonstranten. Wenn er Sprechchöre, in denen zur Vernichtung der Juden aufgerufen wird, die Juden zu Schweinen entmenschen, mit Nazis gleichsetzen oder als blutdürstige Kindermörder dämonisieren, zu „Ausfällen“ verniedlicht, dann wissen wir bereits, was Sache ist: Für ihn sind alle Antisemiten, die jetzt im Zuge des Gaza-Konflikts ihren Hass herausschreien und ihrer Brutalität freien Lauf lassen, im Grunde nichts als legitime Israelkritiker, die für Humanität, Menschenrechte und das Einhalten des Völkerrechts eintreten. Strohmeyer Junior verhält sich zu dem antisemitischen Schläger auf der Bremer Demonstration wie Strohmeyer Senior zum Waffen-SS-Mann. Und selbstredend sind auch bei Strohmeyer Junior immer die Juden und ihr Staat Schuld am Judenhass. Israel verfällt deswegen der Kritik, weil es antisemitische Mordbanden davon abhält, Juden zu ermorden. Diese kranke Irrenlogik bringt auf den Begriff, was diejenigen, die von „emanzipativen Positionen“ zum Nahostkonflikt daherschwafeln und eine „Selbst-​Be­schrän­kung auf »An­ti­se­mi­tis­mus«“, natürlich in Anführungszeichen, beklagen, auf ihre verdruckste Art und Weise sagen wollen, sich aber nicht mehr so Recht trauen, da sie bereits zu oft mit der Antisemitismuskeule verdroschen worden sind. Strohmeyers Fazit würden diese Freunde einer emanzipatorischen Perspektive auf den Nahostkonflikt aber sicherlich vorbehaltlos und ohne jede Einschränkung zustimmen:

Die mörderischen Kriege, die Israel ständig führt, bringen diesem Staat weder Sicherheit noch Frieden. Ganz im Gegenteil. Israels Zukunft wird dadurch immer unsicherer. In der Geschichte hat noch kein Staat überlebt, der in völliger Feindschaft mit seiner gesamten Umwelt lebte und nur auf die Stärke seiner Waffen setzte.

 

Deshalb meine Forderung: Schluss mit dem Massaker im Gaza-Streifen. Wir fordern hier ein sofortiges Ende des Krieges, das Ende der Besatzung, das Ende der Siedlungspolitik und die Aufhebung der Blockade des Gazastreifens. Wir fordern Freiheit und Gerechtigkeit für ein selbstbestimmtes Palästina neben einem friedlichen Staat Israel!

Während die Charta der Hamas sich auf den Gründer der Muslimbrüder, Hassan al-Banna, beruft und diesen mit den Worten „Israel wird entstehen und solange bestehen bleiben, bis der Islam es abschafft, so wie er das, was vor ihm war, abgeschafft hat“, zitiert, beruft sich Strohmeyer in ganz derselben Intention der Abschaffung, d.h. Vernichtung, auf die Geschichte. Dass aber gerade dann, wenn Geschichte etwas anderes sein sollte als eine verhängnisvolle Verkettung von Leid, Tod und Gemetzel, von Krieg, Genozid und Massenmord, gerade der Staat Israel gegen all seine Feinde Bestand haben müsste, ist genau das, was man all denen entgegenhalten müsste, die aller Kritik am Antizionismus und Antisemitismus zum Trotz nicht erkennen wollen, dass Kritik des Antisemitismus heute zwingend Solidarität mit Israel erfordert. Und dies gegen alle, die es im Namen des Islam, der Geschichte, der Vorsehung oder der Menschenrechte opfern wollen. Konsequenterweise soll dann auch, neben einem selbstbestimmten Palästina, was in der gegenwärtigen Lage auf ein Selbstbestimmungsrecht von Mördern, Terroristen und Antisemiten hinausläuft sowie auf eine Infiltration durch den weltweiten sunnitischen Djihadismus, ein „friedlicher Staat Israel“ existieren – wohlwissend, was einem friedlichen Staat in dieser Umgebung blüht, wie man an den wehrlosen, über keine moderne Armee verfügenden Christen und Yeziden im Nordirak und in Syrien sehen kann.

Aus diesen ungeheuerlichen Vorgängen in Bremen, aus einer antisemitischen Massenzusammenrottung in der Bremer Innenstadt, an der nach Angaben der Veranstalter ca. 5.000 Menschen teilnahmen, müssen die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Adorno schreibt in seinem Essay „Erziehung nach Auschwitz“:

Da die Möglichkeit, die objektiven, nämlich gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die solche Ereignisse ausbrüten, zu verändern, heute aufs äußerste beschränkt ist, sind Versuche, der Wiederholung entgegenzuarbeiten, notwendig auf die subjektive Seite abgedrängt. Damit meine ich wesentlich auch die Psychologie des Menschen, die so etwas tut. Ich glaube nicht, dass es viel hülfe, an ewige Werte zu appellieren, über die gerade jene, die für solche Untaten anfällig sind, nur die Achseln zucken würden; glaube auch nicht, Aufklärung darüber, welche positiven Qualitäten die verfolgten Minderheiten besitzen, könnte viel nutzen. Die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern, die man unter den armseligsten Vorwänden hat ermorden lassen. Nötig ist, was ich unter diesem Aspekt einmal die Wendung aufs Subjekt genannt habe. Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fähig werden, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewusstsein solcher Mechanismen erweckt.

Zunächst einmal hieße die Wendung auf die subjektive Seite, die Antisemiten, die in Bremen und nicht nur in Bremen ihr Unwesen treiben, beim Namen zu nennen. Wenn es gegen Nazis geht, käme niemand auf die schwachsinnige Idee, ein Plakat mit der Aufschrift „Gegen jeden Nationalsozialismus“ hochzuhalten, sondern die Parole lautet schlicht: „Gegen Nazis“. Gegen den grassierenden Antisemitismus in Bremen ist zunächst einmal solide antifaschistische Arbeit gefragt, das Benennen antisemitischer Organisationen und Zirkel, die Denunzierung und Isolierung ihrer Lautsprecher und Scharfmacher. Es ist in diesem Zusammenhang keineswegs einzusehen, warum beispielsweise Arn Strohmeyer, Bektas Ömer und Salem Al-Sara sowie alle, die mit ihnen kooperieren, anders zu behandeln sind als die Nazis von Standarte und Kategorie C. Das würde zunächst einmal bedeuten, dass der Trägerverein der Villa Ichon Strohmeyer und seinen Kameraden vom Bremer Friedensforum endlich Hausverbot erteilt. Wer gegen Antisemitismus demonstriert, kann das Gesindel nicht in seinen Räumlichkeiten ein- und ausgehen lassen, das diesen in Bremen permanent verbreitet und sich damit mitschuldig am tätlichen Angriff auf einen Bremer Antifaschisten gemacht hat.

Sogar in Bremen ist mit dem Vorfall vom 12./13. Juli und den ausgebliebenen Reaktionen endgültig klar geworden, dass der Versuch, eine sinnvolle Kritik des Antisemitismus mit einer „emanzipativen Position“ zum Nahostkonflikt unvereinbar und folglich mit der Bremer Linken nicht zu haben ist, sondern sich primär explizit gegen diese zu richten hat. Die wenigen Gruppen und Einzelpersonen, die bereit sind, sich nicht nur gegen Antisemitismus auszusprechen, sondern Antisemiten zu bekämpfen und sich aus diesem Grund mit dem Staat Israel als antifaschistischer Gewalt solidarisch erklären, müssen sich endlich und ohne Wenn und Aber von einer Bremer Linken verabschieden, an der nichts zu retten ist und auf die sie selbst dann nicht zählen können, wenn einer der ihren brutal zusammengeschlagen wird.

 

Israelsolidarität in Bremen – ein Ding der Unmöglichkeit?

Zur Kritik des Aufruftextes zur „Kundgebung gegen Antisemitismus“ auf dem Bremer Marktplatz am 22.07.2014 um 17h.

Hamas und israelkritische Weltöffentlichkeit haben ein Bündnis geschlossen, das auf folgender Arbeitsteilung basiert: Die einen liefern den anderen tote palästinensische Zivilisten, vorzugsweise Kinder. Dafür erhalten sie von den anderen Geld, Hilfsgüter und Waffen. Immer dann, wenn den einen das Geld oder den anderen die verbale Munition gegen den „Kindermörder Israel“ auszugehen droht, wird die Zahl der Raketen, die Hamas aus dem Gazastreifen auf israelische Zivilisten abfeuert, erhöht. Gleichzeitig hetzt die israelkritische Weltöffentlichkeit gegen jede Maßnahme, die Israel zur Verteidigung seiner Bürger ergreift, präsentiert jeden toten Palästinenser als Opfer jüdischer Rachsucht oder Ritualmorde. Wenn man so will, dann ist dies die „Spirale der Gewalt“, von der in Bezug auf den Nahen Osten so gern gesprochen wird. Israelkritik und Israelhass peitschen sich gegenseitig auf, mit jedem Terrorakt gegen Israel nimmt die Israelkritik zu, was wiederum die Unterstützung der Terrorgruppen und deren Bereitschaft zu Terrorakten erhöht. Am Ende dieser Spirale steht die Vernichtung Israels – sei es durch das iranische Atomprogramm, die Etablierung eines Terrorstaats in der Westbank oder durch den internationalen sunnitischen Djihadismus, der in Syrien und im Irak gerade massiv auf dem Vormarsch ist. Es muss also gelingen, diese Spirale zu unterbrechen, um das Schlimmste zu verhindern.

Nicht weil diese Erkenntnis neu wäre oder weil es eine große Denkanstrengung erforderte, sie nachzuvollziehen, sondern weil sie so banal ist, muss sie offenbar immer wieder neu gegen jene durchbuchstabiert werden, denen es primär gar nicht um Israel geht. Israel als Staat und der Zionismus als Projekt stehen im besten Sinne dafür, was Leute wie Moshe Zuckermann, der beliebteste israelische Stichwortgeber einer deutschen Linken von Sarah Wagenknecht und Inge Höger bis zu Gremliza und Ditfurth, ihnen vorwerfen: Für eine partikuläre Antwort auf die Universalität nicht nur der Shoah, sondern des Antisemitismus. Was der Vorwurf meint, ist klar: Die Zionisten instrumentalisierten Auschwitz, um ihre Verbrechen und die Existenz des Staates Israel zu rechtfertigen. Nie wird jedoch auch nur mit einer Silbe erwähnt, dass es keine universelle Antwort auf den Antisemitismus gegeben hat, dass es keinen Staat gab, der den Juden Schutz bot und niemand bereit war, gegen den Antisemitismus zu intervenieren. Die Gründung des Staates Israel als partikularer Staat der Juden sichert insofern heute die Möglichkeit, dass ein Universalismus überhaupt noch möglich ist. Israel ist zwar, was seine Institutionen, seine Armee, die Fehlbarkeit seiner Politiker und Bewohner betrifft, ein Staat wie jeder andere. Er kann jedoch als Versuch der revolutionären Abschaffung antisemitischer Verfolgung und der Überwindung eines Zustands, in dem man sich fürchten muss, sich als Jude erkennen zu geben, kein Staat wie jeder andere sein. Aus diesem Grund muss jede Bewegung und jede Einzelperson, die es mit Aufklärung, Fortschritt und einer besseren Gesellschaft hält, aus Prinzip mit Israel solidarisch sein.

Der Mord an drei israelischen Jugendlichen und der Raketenterror aus Gaza durch die Hamas (Im Aufruf ist, als handele es sich um ein Naturschicksal, für das niemand die Verantwortung trägt, von einer „erneuten Eskalation des Nahost-Konflikts“ die Rede) führt derzeit zu einer antisemitischen Eskalation auf den Straßen, die ohne einen ideologischen Geleitschutz aus der israelkritischen Öffentlichkeit dieses Landes unmöglich gewesen wäre. Wenn Demonstranten in Berlin vor einer Synagoge „Jude, Jude feiges Schwein – komm‘ heraus und kämpf allein!“ brüllen, dann fordern sie nichts substantiell anderes als Günter Grass, Jakob Augstein, Arn Strohmeyer, Michael Lüders, Jürgen Todenhöfer und Nahost-Korrespondenten wie Inge Günther, Susanne Knaul und Peter Münch.

Sie alle werfen Israel vor, gegen diejenigen, die es vernichten wollen, sich in einer relativen Position der Stärke zu befinden und sich weder abschlachten zu lassen noch den heroischen Kampf Mann gegen Mann zu suchen. Wenn Israel Angriffe auf seine Bürger unterbindet, dann ist ihnen dies maßlos, unverhältnismäßig, folgt einem Gesetz der Rache und so weiter. Die derzeitigen Querfront-Demonstrationen, die Linke, Rechte, Islamisten und Bürger mit Migrationshintergrund vereinen, werden von einer gesellschaftlichen Mitte angefeuert, der jede israelische Selbstverteidigung eine Gefährdung des Weltfriedens ist, der das Schlachten in Syrien und im Irak aber kaum Anlass zu Empörung und mitnichten Motivation zu gemeinsamen Solidemos bietet, denen also Krieg und Leid immer genau so lange am Arsch vorbei gehen, wie sie nicht den Juden angelastet werden können.

Es gibt zwei falsche Deutungsmuster der derzeitigen antisemitischen Manifestationen, die sich inzwischen offen und eindeutig gegen Juden und jüdische Einrichtungen richten und diese umstandslos mit Israel identifizieren. Beide Deutungsmuster sind im Grundsatz rassistisch, da sie den Migranten, die sich an solchen Demonstrationen beteiligen und die antisemitische Parolen grölen, jede Verantwortung absprechen. Das rechte, islamfeindliche Muster lautet: „Diese Menschen können und wollen sich hier nicht integrieren und gehören abgeschoben!“ Das linke, menschenfeindliche Muster geht davon aus, dass Migranten als Opfer der Verhältnisse und der rassistischen Mehrheitsgesellschaft entschuldigt seien und damit quasi eine Art Freifahrtschein für Hassparolen hätten, die ihrem „Zorn“ entsprängen. Dass es vielmehr ein Zeichen gelungener Integration sein könnte, wenn junge Migranten das Geschreibsel älterer Deutscher in die „Sprache der Straße“ übersetzen, ist als Gedanke offenbar ebenso verpönt wie der, jeden Nazi gleich zu behandeln, egal welcher Abstammung.

Der Grund, aus dem sich die Staatsmacht aber so nachsichtig gegenüber diesen antisemitischen Demonstrationen und sogar den dort regelmäßig zu beobachtenden Gewaltausbrüchen zeigt, ist derselbe, aus dem die Antifa keinen substantiellen Protest organisiert bekommt: Es gibt zur staatsoffiziellen Israelkritik keine nennenswerte Opposition, die sich die Solidarität mit Israel auf die Fahne schreibt. Es ist daher mehr als befremdlich, wenn in Zeiten, in denen Menschen Angst haben müssen, sich als Juden und Israelis erkennen zu geben, in denen das Bündnis aus antisemitischem Mob und israelkritischen Eliten fröhliche Urstände feiert, in einem Demonstrationsaufruf darum gebeten wird, ausgerechnet das Tragen von „Nationalfahnen“, womit natürlich die Israelfahne gemeint ist, zu unterlassen.

[Der Aufruf kursiert in zwei Versionen: „Wir bitten auf das Tragen von Nationalfahnen zu verzichten“ wurde geändert zu „Wir bitten zu beachten, dass es im Bündnis keinen Konsens gibt, was das Zeigen von Nationalfahnen bei der Kundgebung betrifft.“]

Die Israelfahne ist das Symbol, mit dem man beide Seiten des Bündnisses gegen Israel am klarsten konfrontiert. Man macht damit dem Mob deutlich, dass es durchaus noch Menschen gibt, die bereit sind, sich ihm entgegenzustellen und für die Gegenseite Partei zu ergreifen, die für Israels Recht auf militärische Selbstverteidigung, auf Terror-Schutzzäune und für das Recht auf jüdisches Leben eintreten, ob in Hebron, Jerusalem, Tel Aviv oder Bremen.

Gleichzeitig wird den ideologischen Scharfmachern, den hauptamtlichen Israelkritikern, eindeutig signalisiert, dass ihr Gift nicht bei allen verfängt, dass es durchaus noch Menschen gibt, die bereit sind, sie mit der „Antisemitismuskeule“ zu verdreschen, wenn sie aus ihrer Mördergrube kein Herz machen.

Der Verzicht auf das Tragen von Israelfahnen zeigt, dass man offenbar bereit ist, der Kritik des Antisemitismus jeden Schwung zu nehmen. Bereits Horkheimer/Adorno hatten festgestellt, dass es keinen mehr gibt, der sich als Antisemiten bezeichnet. Heute ist man lieber mit gutem Gewissen Antizionist, Israelkritiker oder ganz grundsätzlich Antinationalist, ohne beim Staat Israel eine Ausnahme formulieren zu können. Für Deutschland gilt aber, nachweislich der Schriften und Reden von Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, dass jeder Antisemit auch Antizionist sein muss und umgekehrt, dass zwischen Antisemitismus und Antizionismus nicht sinnvoll unterschieden werden kann. Deswegen ist eine Kritik des Antisemitismus unmöglich, die sich nicht auch und zugleich mit Israel solidarisch erklärt.

Dass das Bremer Bündnis gegen Antisemitismus in dieser Frage „keinen Konsens“ herzustellen vermag, stellt den Sinn dieser Kundgebung und die Berechtigung des Bündnisses grundlegend in Frage, muss dies doch als Warnung an alle verstanden werden, die sich offen zu Israel bekennen. Wenn man also aus Prinzip nicht in der Lage oder nicht gewillt ist, ein demonstratives und kollektives Zeichen der Solidarität mit Israel zu setzen, das angesichts der momentanen Kräfteverhältnisse bereits darin bestehen könnte, sich zumindest gemeinsam vorzunehmen, vor dem Mob nicht zurück zu weichen, sondern entschlossen „zusammen“ zu stehen, dann sollte man es lieber lassen, die Kundgebung absagen, das Bündnis einstampfen.

Wir wollen aber wohlwollend annehmen, dass die nachträgliche Veränderung des Aufrufs, in der die Bitte, auf Nationalfahnen zu verzichten, zurückgezogen wurde (und nun ärgerlicherweise auf den nicht vorhandenen Konsens verwiesen wird) in die richtige Richtung geht. Den Banalitäten der Israelsolidarität gerecht zu werden, hieße sich über jede Israelfahne auf der Kundgebung zu freuen und diese lächerliche Debatte um „Nationalfahnen“, die die Linke seit 10 Jahren beschäftigt, endlich zu beenden. Mit wem eine israelsolidarische Demo mit Israelflaggen nicht zu machen ist, der möge eben zuhause bleiben.

Die Unverträglichkeit des Wutbürgers

Zeit Online weiß über die Bewohner dieses Landes folgendes zu berichten:

Die Sorge, sich falsch zu ernähren, greift um sich: Viele Deutsche glauben, Gluten, Laktose oder Fruktose mache sie krank. Tatsächlich leiden nur wenige wirklich an einer Lebensmittelunverträglichkeit.

So dürfte jeder Linke zumindest eine Person kennen, die ihre Essstörung offensiv propagiert und unter Labeln wie Vegetarier, Pescetarier, Straight Edge, Fruktarier, Veganer segelt oder die zumindest felsenfest davon überzeugt ist, mit einer speziellen Diät oder dem Verzicht auf bestimmte Nahrungsmitteln ihrer Gesundheit zu dienen. Zeit Online resümiert:

Noch vor zehn Jahren waren Verdauungsvorgänge ein Tabuthema bei Tisch, heute breitet sich beim gemeinsamen Essen die neue Innerlichkeit aus. Jedes Grummeln im Magen, jedes Ziehen im Bauch wird diskutiert und mit ernster Miene kategorisiert. Wer alles klaglos hinunterschluckt und verdaut, sitzt dazwischen wie ein Klotz: unsensibel, unreflektiert – kurz: von gestern.

Das Gefühl, nicht richtig zu ticken, weil man Fleisch, Laktose, Histamin, Gluten und alles andere verzehrt, was auf den Tisch kommt, kann einem in der falschen Gesellschaft schon einmal kommen.

So ist der Markt für laktosefreie Produkte in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Kauften 2007 nur 6,5 Prozent der Haushalte derartige Milchprodukte, waren es 2012 schon knapp 18 Prozent. Das ergab die jährliche Befragung von 30.000 Haushalten durch die Gesellschaft für Konsumforschung. Viele, die angegeben hatten, laktosefreie Milchprodukte zu kaufen, verneinten gleichzeitig die Frage der Marktforscher nach einer Laktoseintoleranz. Wie viele Konsumenten glutenfreie Produkte kaufen, ist in Deutschland nicht bekannt. In den USA zeichnet sich jedoch ein deutlicher Trend ab: 28 Prozent der Erwachsenen gaben 2012 bei einer Befragung des Marktforschers NPD Group an, kaum oder gar kein Gluten mehr zu verzehren. Dabei leidet weniger als ein Prozent der Bevölkerung tatsächlich an Glutenunverträglichkeit.

Auf die Frage, was dieser Ernährungsunsinn bedeuten soll, weiß Zeit Online, neben der üblichen Schuldzuweisung an die Werbeindustrie, drei verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen zu benennen:

Erstens: Gesundsein ist Bürgerpflicht. Und es gehört zum guten Ton, die Bewusstwerdung des eigenen Körpers öffentlich zu machen. Wer per Jogging-App seine wöchentliche Laufleistung über die Sozialen Netze jedem noch so entfernten Bekannten triumphierend aufs Mobiltelefon schickt, entwickelt auch beim Wettlauf um die gesündeste Ernährung einigen Ehrgeiz – und spricht darüber.
Zweitens: Unterstützt wird der Hang zur Selbstdarstellung durch einen wachsenden Boom der Innerlichkeit. Yoga ist zum Volkssport geworden. “Achtsamkeit” ist der neue Trend des Innehaltens und In-sich-Hineinlauschens. Da wird so manches kaum vernehmliche Verdauungsgeräusch zum warnenden Fingerzeig.
Drittens: Die nicht abreißende Kette von Lebensmittelskandalen hat die Verbraucher tief verunsichert, was zu der fälschlichen Annahme führt, dass da weniger Gefahren lauern, wo weniger drin ist. War früher “cholesterinfrei” oder “fettfrei” ein Qualitätssiegel, so haben die Hersteller das Marketing des Weglassens inzwischen auf die Spitze getrieben: laktosefrei, glutenfrei, fruktosefrei. All das gibt es jetzt auch.

Während Zeit Online im Folgenden das „Sensibelchen“, die „Prinzessin auf der Erbse“ und den „picky eater“ nicht besonders ernst nimmt, sondern vor allem als Resultat von Marketingstrategien erscheinen lässt und dies vermutlich für „Gesellschaftskritik“ hält, lohnt es sich, bei diesen drei Punkten zu bleiben und die zugrundeliegenden Bedürfnisse zu beleuchten. Werbung, und das eint sie mit Ideologie, muss den Menschen schließlich etwas versprechen, ihnen also etwas anzubieten haben, wovon sie sich etwas erhoffen können. Nun zeichnet sich der wutbürgerliche Wahn, der von Zeit Online hier als „Innerlichkeit“ charakterisiert wird, dadurch aus, dass innerleibliche Zustände nach demselben Schema beurteilt werden wie die äußerliche, der Erfahrung kaum mehr zugängliche Realität. Der Wutbürger hält nicht nur die Welt, sondern vor allem eben auch sich selbst für krank, er fühlt sich durch den Schmutz, die moralische Verkommenheit und nicht zuletzt durch die Nahrung schleichend vergiftet. Zeit Online missversteht diese Tendenz systematisch, wenn dieses permanente „In-sich-Hineinlauschen“ als Ausdruck eines „hochgezüchteten“ Individualismus betrachtet wird. Denn das permanente Kreisen um die eigene Person und Befindlichkeit besitzt natürlich keine individuelle Komponente, sondern ist Ausdruck einer massenhaften Vereinzelung, des zunehmenden Verlusts des Kontakts zur Außenwelt.

Mit Fitnesstraining, Yoga und Gesundheitswahn versucht das Subjekt verzweifelt, dem Tempo der Kapitalakkumulation schrittzuhalten, den an es gestellten Anforderungen, die in erster Linie als Herausforderungen oder Bedrohungen wahrgenommen werden, gerecht zu werden. Wird aber Gesellschaft zuallererst als ein Konzept verstanden, in dem es permanent Prüfungen zu meistern gilt, in dem diejenigen sich durchsetzen, die sich unermüdlich nach oben kämpfen, so wird dieses Schema zwangsläufig auch auf die Innenwelt der Subjekte übertragen, so wird das tägliche Training und die tägliche Ernährung zur Kampfhandlung, der es sich mit größtmöglicher Beharrlichkeit zu widmen gilt. Das trifft selbst dort zu, wo über Entschleunigung, Entspannung und Innehalten gesprochen wird, denn dies meint im Kern dasselbe, nur in umgedrehter Form. Wer in der täglichen Produktionsschlacht seinen Mann stehen sollte, der brauchte Kraft durch Freude, und wer jeden Tag kreative Höchstleistungen in einer Werbeagentur vollbringt und nebenbei für den Marathon trainiert, muss sich auf der Yoga-Matte entspannen oder sich mit einem Soy Caffè Latte belohnen.

Bereits der Führer persönlich betonte als einen der Vorzüge vegetarischer Ernährung das größere Durchhaltevermögen, die größere Beharrlichkeit von Pflanzen- gegenüber Fleischfressern. Es wird berichtet, er habe bei Tisch ausschweifende Vorträge darüber gehalten, dass das Pferd zu stärkeren Leistungen in der Lage sei als der Hund, dass das Kamel länger laufen könne als der Löwe. Was der Führer noch wusste, ist heute unter den Apologeten vermeintlich besserer Ernährung Gemeingut. So dürfte es vermutlich kaum einen Veganer geben, der keinen minutenlangen Monolog über die Vorzüge seiner Lebensführung zu halten wüsste. Abgesehen davon, ob die Fakten stimmen oder nicht, ist ganz offenkundig der Placebo-Effekt solcher Selbstüberredungen der entscheidende Punkt, ist der unumstößliche Glaube an die Richtigkeit des eigenen Tuns der Motor, der solche Menschen besonders geeignet für Arbeit in der Dienstleistungsgesellschaft macht.

War Übergewicht früher ein Statussymbol, so gilt es heute als Unterschichtphänomen, als Zeichen dafür, zum Prekariat zu gehören und nicht zu den nimmermüden Leistungsträgern. Die permanenten Diäten sind ebenso wie die zahllosen eingebildeten Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten Ausdruck einer Unfähigkeit des Bürgers zum Genuss, der nach der Kunst auch die Ernährung längst erreicht. Bereits das Wort der Unverträglichkeit drückt aus, in welchem Zustand der heutige Wutbürger zu seiner Außenwelt steht. Seine Unverträglichkeit funktioniert wie die tatsächliche Lebensmittelunverträglichkeit: Stößt der Wutbürger auf gesellschaftliche Prozesse, die ihm unverständlich bleiben, schlägt er aus. Es ist insofern nur konsequent, dass er dies konsequent auf sein Innenleben überträgt, indem er sich zahllose tatsächliche oder eingebildete Lebensmittelunverträglichkeiten zuzieht.

Bremer Zustände Teil 6 – Arn Strohmeyer und die Tragik des Mohammed Amin al-Husseini

Dass linke Palästina-Freunde nicht gern vom arabischen Antisemitismus sprechen, ist ein bekanntes Phänomen. Die Motive derer, für die sie sich so selbstlos einzusetzen vorgeben, spielen schon deswegen keine Rolle, weil sie bloße Projektionsfläche für die eigenen, auf Vernichtung der Juden und ihren Staat gerichteten Mordphantasien sind. Wird dann doch mal ein Wort darüber verloren, dann nur, um vor „Scharfmachern“ oder „Extremisten“ auf beiden Seiten zu warnen oder im arabischen Antisemitismus eine Art Notwehr gegen zionistische Aggression, eine einigermaßen verständliche Reaktion auf zionistischen „Landraub“ erkennen zu wollen. Antizionismus halluziniert also wie jeder andere Antisemitismus eine Notwehr-Situation herbei, die es erlaubt, zur mörderischen Tat zu schreiten.

Einen entscheidenden Schritt weiter ist man bekanntlich in Bremen, wo Arn Strohmeyer, der parteilose Sonderbeauftragte des Landesverbandes Bremen der Partei „Die Linke“ für die Endlösung der Israelfrage, sein wüstes antisemitisches Unwesen treibt. In seiner im „Palästina-Portal“ erschienenen Rezension des Buches „Die Araber und der Holocaust“ von Gilbert Achcar kommt er zunächst zu dem erwartbaren und insofern klassisch linken Fazit, das bereits die Überschrift „Ohne den Zionismus gäbe es keinen arabischen Antisemitismus“ verrät. Aber Strohmeyer wäre nicht Strohmeyer, wenn er es dabei bewenden ließe. Denn nach allerlei unerheblichen Gerede kommt er unvermittelt auf die zentrale Figur des palästinensischen Antisemitismus zu sprechen, nämlich auf Amin al-Husseini, den Mufti von Jerusalem. Wie üblich macht Strohmeyer aus seiner Mördergrube kein Herz, wenn er über die üblen Zionisten und den berechtigten Hass auf sie schreibt:

Wenn der aus Deutschland kommende Judenhass und Antisemitismus im arabischen Raum Verbreitung fand, dann muss dies als Folge des sich zuspitzenden Konflikts zwischen Arabern und Zionisten in Palästina gesehen werden.

Die Legende, der Judenhass sei aus Deutschland quasi in die arabische Welt eingeführt worden, muss sogleich die Behauptung an die Seite gestellt werden, es habe sich um eine Folge eines sich zuspitzenden Konfliktes zwischen Arabern und zu Zionisten entmenschten Juden gehandelt. So suggeriert Strohmeyer, der arabische Mob, der z.B. im August 1929 in Hebron ein Pogrom abhielt, habe fein säuberlich in Zionisten und Nichtzionisten selektiert und nicht etwa ausnahmslos jeden Juden massakriert, den er finden konnte.

Ohne diese Auseinandersetzung und die gewaltsame Eroberung Palästinas durch die Zionisten hätten antisemitische Stereotypen und Ideologeme wohl kaum eine Chance zur Entfaltung im arabischen Raum gehabt.

Nun könnte man natürlich fragen, ob Strohmeyer nicht weiß, dass antisemitische Pogrome und das Bündnis des Muftis mit dem Führer der Gründung des Judenstaates vorausgegangen waren, was aber vollkommen sinnlos wäre. Denn für Strohmeyer ist bereits die Idee des Zionismus verbrecherisch, der aus den Nationalbewegungen und dem sich zuspitzenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert die Konsequenz zog, dass auch die Juden ihren Staat benötigten. Genau hier ist Strohmeyers Konstruktion dieselbe wie die der Nazis und des Muftis: Den Juden wird es schlicht nicht zugestanden, als Konsequenz aus dem immer virulenter werdenden Antisemitismus einen eigenen Staat zu gründen, sie ist also lupenrein antisemitisch und folgt dem Argumentationsmuster führender Nazis.

Lange Passagen seines Buches widmet Achcar der Hauptfigur auf palästinensischer Seite in diesen für den Nahen Osten so wichtigen 1930er und 40er Jahren: dem Mufti von Jerusalem Amin al-Husseini. Das Hauptmotiv seiner politischen Tätigkeit war es zweifellos, die weitere jüdische Einwanderung nach Palästina zu verhindern, denn er sah deutlich die Gefahr, die diesem arabischen Land durch die Immigration von immer neuen Wellen jüdischer Immigranten drohte. Dass er sich, um dieses Ziel zu erreichen, mit dem „Teufel“ verbündete, also zum Komplizen und Kollaborateur der Nazis wurde und auch über den Völkermord an den Juden informiert war und ihn ganz offensichtlich auch billigte, macht die Tragik und Schande dieses palästinensischen Führers aus. Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, hatte ihn im Sommer 1943 zum Mitwisser gemacht. Der Mufti hoffte darauf, dass Hitler nach dem deutschen Sieg im Krieg die sogenannte jüdische nationale Heimstätte in Palästina vernichten werde und berief sich dabei auf deutsche Zusagen.

Man merke: Einer, der die nach Palästina eingewanderten Juden allesamt massakrieren wollte, war im Grunde nur ein fehlgeleiteter Widerstandskämpfer, der deutlich die Gefahr für dieses Land mit Arabernachweis sah, die von jüdischen Einwanderungswellen ausging. Wer das schreibt, der muss ohne wenn und aber als Nazi, als eliminatorischer Antisemit ersten Ranges bezeichnet werden. Denn die Juden, die da einreisten, das waren diejenigen, die durch ihre Einreise Strohmeyer senior und seinen Mordkomplizen noch einmal entkommen konnten. Wer sie als Gefahr begreift und die Abwehr dieser Gefahr mit allen Mitteln, der Verhinderung der Einreise von Juden auf der Flucht vor ihren Mördern, des Massakers bis hin zur Unterstützung der Nazis aus voller Überzeugung als „politische Tätigkeit“ bezeichnet, der ist Schreibtischtäter und Komplize der Mörder. Die Hoffnung des Muftis, die Strohmeyer teilt, war die, dass nicht nur die „Heimstätte“, sondern ganz konkret die Juden, die im palästinensischen Mandatsgebiet lebten, vernichtet werden sollten. Dass dieser Mufti, der sein ehrenwertes Ziel eines judenreinen Palästinas nicht erreicht hat, in Strohmeyers Augen eine tragische Figur ist, leuchtet ein – man fragt sich lediglich, worin die Schande dieses Mannes bestanden haben soll, der sich doch nur in einem legitimen Abwehrkampf gegen jüdische Einwandererhorden befunden hat?

Man kann es drehen und wenden wie man will: Gegen die Einwanderung keiner Gruppe in kein Land dürfte einer, der bei der Linkspartei wohlgelitten ist, sich derart xenophobe Vernichtungsphantasien erlauben. Die Linkspartei in Bremen aber hält sich diesen Antisemiten und auch das Bremer Friedensforum, das so großen Wert darauf legt, zu einer Veranstaltung von Strohmeyer nicht aufgerufen zu haben, wirft diesen Mordhetzer und Nazisympathisanten keinesfalls hochkant raus. In Bremen kann sich so einer alles erlauben und die linke Gemeinde feiert ihn dafür.

Die Rolle des Mufti war verhängnisvoll und nicht entschuldbar, daran lässt Achcar gar keinen Zweifel. Eine ganz andere Frage aber ist, wie groß sein politischer Einfluss wirklich war und ob sein politisches Wirken sich dafür eignet, den Palästinensern eine Mitschuld an der Ermordung der europäischen Juden zu geben, wie es zionistische und neokonservative Ideologen bis heute tun und noch die Gleichung anhängen: Die Palästinenser sind die neuen Nazis, die Israel vernichten wollen.

Dass al-Husseinis Wirken und seine bis heute ungebrochene Verehrung unter palästinensischen Arabern selbstredend sowohl für eine Mittäterschaft am Holocaust als auch die Kontinuität des palästinensischen Antisemitismus sinnbildlich ist, muss einer wie Strohmeyer nur deshalb leugnen, weil seine publizistischen die Fortsetzung der politischen Tätigkeiten des Muftis sind.

Verfolgende Unschuld

Bremen, 1. Mai 2013. Die Sonne scheint und das Viertel ist voller Zombies der radikalen und gemäßigten Linken, von Linksjugend bis SAV, von MLPD bis verdi: Alle sind sie da. Am GEW-Stand stehen überwiegend ältere, graubärtige Männer, einer von ihnen spielt auf der Klampfe: „Und diese Blume, so sagen alle, o bella ciao bella ciao bella ciao ciao ciao, ist die Blume, des Partisanen, der für unsere Freiheit starb!“ Und die ergrauten Alt- und Post-68er, Ex-K-Grüppler, Linksgrüne, Gegenstandpunkt- und Junge Welt Abonnenten verdrücken eine Träne. Ach, war das schön damals, als man sich im todesmutigen Kampf für die Freiheit wähnen durfte.

Selbstkritik hat nicht stattgefunden, die alten Männer flüchten sich in bierselige Nostalgie. Menschen, die sich einen Restbestand von Empathie bewahrt haben, müssen solche Zombieaufläufe peinlich berühren. Doch während man zum Beispiel Wolfgang Pohrt anmerkt, dass das Scheitern des Revolutionsversuchs von 1967ff Spuren hinterlassen hat, so muss man wohl im Übrigen konstatieren: Seine Erfahrung des Scheiterns ist die Ausnahme in einer Welt (und, so müsste man hinzufügen, erst Recht in einer Stadt) der Erfahrungslosigkeit. Man geht weiterhin hinaus zum ersten Mai und malt weiterhin steindumme (Eine mittelalte Mutter: „Meine Arbeit ist Mehrwert!“) oder unlustige (Linksjugend solid: „Für eine Welt ohne Sparschweine!“) Parolen auf Transparente, ganz so als stünde die Revolution bevor.

Dieses bizarre Schauspiel, das sich „Revolutionärer erster Mai“ nennt, wird Jahr für Jahr in deutschen Großstädten und Bremen aufgeführt. Später, wenn die Opas von verdi und GEW im Bierkoma liegen, darf der schwarze Block schon einmal an der Sielwallkreuzung den kommenden Aufstand proben , der garantiert von jedem menschenfreundlichen Gehalt befreit wurde und sich von der puren Lust an der Gewalt, wie sie ordinäre Hooligans praktizieren, nicht mehr unterscheidet. Die jährliche Wiederholung der immergleichen Farce, deren einzig variable Größe das die Teilnehmerzahl und Laune bestimmende Wetter ist, ist die logische Konsequenz der Erfahrungs- und damit Geschichtslosigkeit der Linken.

Bekanntlich ist Bremen auch die Stadt, in der Linke besonders ausgiebig gegen die Juden und ihren Staat Israel hetzen. Bereits die Textverfälschung des italienischen Partisanenlieds, in dem der Partisan für die Freiheit starb und nicht, wie in der Version des Bremer Lehrers, für unsere, gibt den entscheidenden Hinweis: Als die wahren Opfer des Nationalsozialismus sahen sich schon immer die nach 1945 geborenen Linken, obwohl (oder weil?) die überwältigende Mehrheit ihrer Eltern zu denen gehörten, gegen die die Freiheit verteidigt werden musste. Wird aber die Freiheit, die universell, unteilbar ist, in unsere verkehrt, dann ist klar: Der Partisan kämpfte nicht etwa auch dafür, Vernichtungskrieg und Massenvernichtung zu beenden, sondern dafür, dass alte Lehrer am ersten Mai am GEW-Stand Gitarre spielen, Partisanenlieder singen und Bier trinken können.

Denn dort, wo es eben nur um unsere statt um die Freiheit geht, da war der Krieg gegen die Nazis nur insofern gerechtfertigt, als er uns Deutschen Wirtschaftswunder, Wohlstand, Demokratie und Linkspartei gebracht hat. Keineswegs kann es ein legitimes Kriegsziel gewesen sein, den Holocaust zu beenden, weswegen auch immer betont werden muss, dass es den Amerikanern darum schon gleich gar nicht ging. Und erst Recht ist dort, wo der Partisan besungen wird, kein Platz für die namenlosen IDF-Soldaten, die für die Freiheit kämpfen und sterben, dass sich dergleichen nie wiederholen dürfe.

Mit großer Sicherheit sind sie heute auf der Straße: Arn Strohmeyer, das Bremer Friedensforum, sämtliche Israelhasser der Bremer Linkspartei, die Antikapitalistische Linke, der Gesprächskreis Nahost und all die anderen Bremer Gruppen, die nichts schlechteres zu tun haben, als permanent gegen Israel zu hetzen und sich noch als verfolgte Unschuld aufzuführen. Dass der Nationalsozialismus, die Nürnberger Gesetze, die Reichspogromnacht, der zweite Weltkrieg, die Wannsee-Konferenz und der Holocaust einschneidende historische Ereignisse waren, die ein zurück zu alten linken Bezugnahmen auf Völker verbieten und ein Anschlag auf die Freiheit waren, werden sie nie begreifen. Für sie geht es um die Freiheit der Juden, nicht um unsere, und dieser kann ganz simpel die der Palästinenser entgegengestellt werden, da gibt es halt verschiedene Narrative und Diskurse und wie der ganze Schwachsinn noch so weitergeht.

Da aber, wo es um die Freiheit geht, muss man vielmehr feststellen, dass der Kampf, den GI, Rotarmist und Partisan gegen die Nazis geführt haben, heute nicht weniger notwendig ist, um einer erneuten Judenvernichtung vorzubeugen. All die Aussagen des iranischen Regimes, palästinensischer Terroristen und anderer Islamisten stehen in ihrer Deutlichkeit den Aussagen der Nazis in nichts nach und die IDF ist heute, in Zeiten eines US-Präsidenten, der gegen die Massaker in Syrien nichts unternimmt, vielleicht die letzte Gruppe, die sich positiv auf den Partisanen berufen könnte, der für die Freiheit starb. Nicht zufällig ist es das zentrale Motiv aller Israelfeinde hierzulande, den eliminatorischen Antisemitismus seiner islamistischen Gegner zu verleugnen, wegzulügen oder zumindest zu rationalisieren.

Der unumstrittene Großmeister dieser Disziplin ist, zumindest im Mikrokosmos Bremen, der Sonderbeauftragte des Landesverbands der Partei Die Linke für die Endlösung der Israelfrage (ohne Parteibuch), Arn Strohmeyer. Im Nachklang zu seiner antisemitischen Veranstaltung am 9. April, zu der Juden keinen Zutritt hatten und die von palästinensischen Schlägern gesichert wurde, beschwert er sich ausgiebig unter Erwähnung einiger Kritiker über die massive Verfolgung, der er ausgesetzt sei. Lediglich das Aktionsbündnis gegen Wutbürger, das sich ausführlich mit seiner Israel-Obsession auseinandergesetzt hat, spart er aus, was insofern nur konsequent ist, als er versucht, die Kritik seiner Umtriebe auf juristischem Wege unschädlich zu machen. Es ist also nicht verwunderlich, dass er die Kritik ignorieren muss, um die Lüge verbreiten zu können, es gebe keine inhaltliche Auseinandersetzung mit seinem Israelhass. Bereits aus seiner Darstellung der Vorfälle wird deutlich, wie verfolgt sich die Unschuld aus Woltmershausen fühlen muss:

Aufregung im Blätterwald von BILD bis zur taz und der Jüdischen Allgemeinen: In Bremen soll ein israelisches Paar von einer Vortragveranstaltung über Antisemitismus ausgeschlossen worden sein. Was war passiert? Am Anfang des Bremer „antisemitischen“ Skandals stand eine Buchrezension. Der angesehene Bremer Sozialwissenschaftler Professor Rudolph Bauer hatte eine Rezension über das Buch „Wer rettet Israel? Ein Staat am Scheideweg“ geschrieben, das vom Verfasser dieser Zeilen stammt. Die Rezension durfte einige Tage auf der Webseite der Bremer Linkspartei stehen, dann kam aus der Berlin Parteizentrale die Anweisung: runternehmen! Was einer der Redakteure auch brav befolgte, obwohl er das gar nicht musste, denn die Landesverbände sind in dieser Hinsicht autonom.

Dann folgte ein übler Hetzartikel im „Stürmer“-Stil in der BILD-Zeitung, die deren Mitarbeiter Jan Philipp Hein verfasst hatte, der zugleich „Kopf“ und Antreiber der neokonservativen Bremer „Antideutschen“ ist. Die Schlagzeile lautete: „Wie viel Nazi-Sympathie steckt in den Bremer Linken? Zwei Israel-Hasser bekommen immer wieder ein Forum auf der Parteihomepage“. In dem Artikel wurden Bauer und der Verfasser dieser Zeilen als „Israel-Hasser“ und „Judenfeinde“ abgekanzelt. Der wohl gezielte Angriff richtete sich neben den beiden parteilosen Autoren natürlich vor allem gegen die Linkspartei. Nach der „antideutschen“ Weltanschauung sind Linke die schlimmsten Antisemiten, denn wer den Kapitalismus kritisiert muss natürlich auch etwas gegen Juden haben, so die „antideutsche“ Logik. (Dass in dieser Behauptung schon selbst ein antisemitisches Ressentiment steckt, merken diese Leute offenbar gar nicht.) Die Linkspartei verhielt sich gegenüber den beiden Autoren aber wenig solidarisch, sie stellte sich nicht hinter sie und distanzierte sich erst nach Wochen von den BILD-Angriffen – bis heute aber nicht öffentlich.

 Ich selbst habe mir sofort einen Rechtsanwalt genommen, der gegen den BILD-Artikel beim Hamburger Mediengericht eine einstweilige Verfügung zu erwirken versuchte, was aber scheiterte, weil die Hamburger Richter der Ansicht waren, dass die Hetzworte „Israel-Hasser“ und „Judenfeinde“ (welch schlimmere Beleidigung kann es nach dem Holocaust für einen Deutschen geben!) durch die Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Man ist es von Leuten gewohnt, die keinen Begriff von Antisemitismus und Nationalsozialismus haben, die BILD mit dem Stürmer gleichzusetzen. Lustigerweise ist ihm aber bereits hier ein Fauxpas unterlaufen, der deutlich macht, dass ihm die Kritik des Aktionsbündnisses gegen Wutbürger, die er so tapfer zu ignorieren trachtet, auf den Magen geschlagen ist. Denn in einer Polemik gegen eine Protestaktion, die von Strohmeyer und Konsorten anlässlich eines Israel-Informationstag in Bremer Schulen durchgeführt wurde, hieß es an dieser Stelle, Strohmeyer und Co. hätten Hetze “im sogenannten Stürmer-Stil” betrieben. Bei Strohmeyer, der zu Polemik gänzlich unfähig ist und der sich über diesen Satz ausführlich in einem offenen Brief an Ralf Giordano ausgeweint hatte, handelt es sich um ungefilterte Wut darüber, dass es tatsächlich Menschen gibt, die seinen heroischen Kampf für den gerechten Frieden als antisemitische Hetze benennen. Einspruch duldet er nicht, und so schlägt er um sich: Mit juristischen Mitteln oder mit Nazi-Vergleichen. Man muss von Psychoanalyse nichts verstehen, um sich auszumalen, wozu so einer fähig wäre, wenn er tatsächlich über Macht verfügte.

Um sich selbst als verfolgt darzustellen und gleichzeitig weiter gegen Israel hetzen zu können, muss zunächst die Wahrheit geopfert werden. Dass es im Nahen Osten tatsächlich, seit der Staatsgründung und dem folgenden Krieg, darum geht, ob Israel als jüdischer Staat existieren kann, kommt als Argument der Gegner nicht vor. Es wird so getan, als wollten die Kritiker des Antisemitismus den Linken ihr Spielzeug wegnehmen. Die Lüge, es habe keinerlei innerlinke Auseinandersetzung über die linke Basis der faschistischen Massenmobilisierung, linken Antisemitismus und daraus folgende Konsequenzen für die Kritik der politischen Ökonomie gegeben, ist notwendig, um jede Kritik des linken Antisemitismus für rechtsradikal zu erklären. Bei Strohmeyer geht das so:

Es ist äußerst aufschlussreich, dass keine(r) der Autoren/innen, die verbal über die Veranstaltung hergefallen sind und mit dem Antisemitismus-Vorwurf so schnell bei der Hand waren, sich im geringsten dafür interessiert hat, was Susann Witt- Stahl in ihrem Vortrag eigentlich gesagt hat. Es reicht für diese Art von Journalismus, aus dem kleinen Gerangel an der Tür einen „antisemitischen“ Skandal zu machen. Dabei lieferte die Referentin – ausgehend von den jüdischen Philosophen der Frankfurter Schule – eine brillante Analyse des Antisemitismus als eine Spielart des Rassismus bis in die Gegenwart und der Tatsache, wie der Antisemitismus-Vorwurf heute politisch-ideologisch instrumentalisiert wird. Was nun ja keineswegs heißt – um es zu wiederholen!   , dass es keinen Antisemitismus mehr gibt! Natürlich gibt es ihn und die Referentin rief ausdrücklich dazu auf, ihn zu bekämpfen.

Sie schrieb den Neokonservativen und „Antideutschen“ aber auch ins Stammbuch: „In den gegenwärtigen ideologischen Schlachten um Israel und den Antisemitismus geht es nur sekundär um den Nahostkonflikt und das Judentum, sondern beide werden vorwiegend als Instrumente und Joker benutzt, um die antikapitalistische linke Opposition zu zerschlagen Antisemitismus-Vorwürfe werden in großer Zahl und Dichte gegen antikapitalistische Linke formuliert, es werden aber kaum noch Antisemitismus-Vorwürfe gegen Nazis und andere Gruppen im rechtsradikalen Spektrum – also genuine Antisemiten – erhoben. Die können sich beruhigt zurücklehnen und weiter antisemitisch sein. Das stört kaum jemanden. Gegen linke emanzipative Bewegungen werden Antisemitismus-Vorwürfe fast schon als Universal-Waffe in Stellung gebracht. Die Urheber dieser Vorwürfe stammen zumeist aus dem neokonservativen Spektrum und der Neuen Rechten.“

Enttäuschenderweise wird die “brillante Analyse des Antisemitismus als Spielart des Rassismus” im weiteren Text ausgespart. Die totale geistige Verwahrlosung, die nötig wäre, diesen Quatsch mit Adornos und Horkheimers „Elementen des Antisemitismus“ in Einklang zu bringen, bleibt uns erspart. Besonders widerwärtig ist aber, dass eine solche komplette Verdrehung ihrer Arbeiten, wie auch bei Strohmeyers Stichwortgeber Moshe Zuckermann, als Alibi gegen die Antisemitismusvorwürfe herhalten soll. Weil Witt-Stahl sich auf die Frankfurter Schule und Moshe Zuckermann beruft, kann sie nicht Antisemitin sein. Perfider ist Adorno selten instrumentalisiert worden. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kritik, die die Arbeiten der Frankfurter Schule an der Linken üben, gar nicht vorkommt. Vermutlich sind diese nur dort zu gebrauchen, wo sich ein Zitat anbringen lässt, im Übrigen sind sie aber Neokonservative und Neue Rechte. Der Verfolgungswahn marginalisierter Gestalten der Linken scheint keine Grenzen zu kennen, wenn sie ernsthaft glauben, dass man extra Antisemitismusvorwürfe habe erfinden müssen, um sie zu zerschlagen. Die Selektion jüdischer Passagiere in Entebbe durch deutsche Linksterroristen und der Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus durch Kunzelmann und Co. haben nie stattgefunden.

Um Antisemitismus-Vorwürfe als ideologische Waffe einsetzen zu können, muss man natürlich einige Taschenspielertricks anwenden. Witt-Stahl nannte drei: Erstens: Die Erweiterung. Dabei geht es darum, die Kriterien, die für die Definition und Kritik des Antisemitismus verwendet werden, erheblich auszuweiten und auf der anderen Seite natürlich darum, die Abgrenzungskriterien zu vermindern und die Grenzen zwischen Antisemitismus und Kritik zu verwischen. Ein Beispiel: Die Aussage, israelische Regierungen unterhalten seit 46 Jahren ein völkerrechtswidriges brutales Besatzungsregime ist nur dann antisemitisch, wenn man zugleich die israelische Regierung mit den Israelis und diese dann mit den Juden gleichsetzt und identifiziert.

Hier zeigt sich, wie wenig die Kritik des linken Antisemitismus in den Hirnen von Strohmeyer, Witt-Stahl und ihren Genossen zu bewirken imstande ist. Denn die Pauschalaussage ist und bleibt natürlich antisemitisch, wenn überhaupt nicht hinterfragt wird, wie es zur Besatzung kam und wie es vorher aussah. Dass zwischen 1948/49 und 1967 Judäa und Samaria inklusive Ostjerusalem und Tempelberg judenrein waren, ist ebenso wenig ein Skandal wie die fortgesetzte arabische Aggression gegen Israel zwischen 1948 und 1967, die überhaupt erst zum Sechs-Tage-Krieg und der Besatzung führten. De facto machen Antisemiten den Juden mit dem Adjektiv „brutal“ zum Vorwurf, dass sie sich äußerst effizient gegen ihre Vernichtung zur Wehr setzen. Und dies betrifft zunächst einmal alle Israelis, ob sie nun Netanjahu oder Zuckermann heißen, und im zweiten Schritt, wie z.B. Hassan Nasrallah betont, alle Juden, da macht der arabische Antisemit in seinem Vernichtungswahn keinen Unterschied.

Der unverschämte Vorwurf Witt-Stahls, es gehe den Gegnern ihrer antiisraelischen Umtriebe nicht um den Nahostkonflikt, sei der kategorische Imperativ „Es geht um Israel!” entgegengehalten. Nicht um den Nahostkonflikt, sondern um die Abarbeitung der historischen Belastung und das Ausagieren antisemitischer Ressentiments geht es denen, die sich permanent an Israel abreagieren, obsessiv von allen gewaltförmigen, also „brutalen“ Staaten ausgerechnet und zielsicher den einen sich herauspicken, der als einziger ein jüdischer ist, worin der vorrangige Unterschied zu anderen Staaten besteht. Diesen zu skandalisieren, ist nicht nur Ausdruck einer antisemitischen Obsession, sondern eben auch einer wahnhaften Staatskritik, die als Ideal den organischen, aus Blut und Boden gewachsenen Volksstaat gegen das „Gebilde“ und „Besatzungsregime“ Israel in Stellung bringt.

Beim zweiten Taschenspielertrick geht es um Verknüpfungen. Antisemitismus wird an Weltanschauungen, politische Kollektive und Bewegungen rückgebunden, die man diskreditieren will. Umgekehrt wird das Judentum mit Weltanschauungen, politischen Kollektiven und Bewegungen in Verbindung gebracht, die man vor jeglicher Kritik schützen will. Das hat z.B. der neokonservative Historiker Michael Wolffsohn gemacht, indem er Juden mit Kapitalismus und Antisemitismus mit Antikapitalismus gleichgesetzt hat. Er sagte, „nur im liberalen kapitalistischen System konnten und können sich  Juden frei entfalten.“ Kommunistische Juden gibt es in Wolffsohns Vorstellungswelt offenbar nicht. Seiner Ansicht nach „sahen und sehen sich die Juden als Teil der Bourgeoisie.“ Sie würden von der Linken gehasst, weil sie der „Klassenfeind“ seien. Sein Fazit: Die Linke (inklusive die Linkspartei) ist antisemitisch. Sie muss es sein, wenn sie links sein will.“ [An dieser Stelle des Vortrags gab es lautes Gelächter.]
[…]
Der dritte Taschenspielertrick besteht aus Übertreibung und Verallgemeinerung. Er hat wie alle Ideologien die Verstellung und Verzerrung der Realität zum Ziel. Das funktioniert so, dass man Ausnahmen und marginale Erscheinungen von tatsächlich vorhandenem Antisemitismus in einem Kollektiv oder in einer politischen Bewegung als die Regel darstellt und so tut, als sei das in diesem Kollektiv oder der Bewegung vorherrschend. So schreibt etwa der „Welt“-Autor Richard Herzinger: „Judenfeindlichkeit ist strukturell in der sozialistischen Ideologiegeschichte angelegt.“ Herzingers hetzerische Botschaft lautet: Der Sozialismus ist schon antisemitisch auf die Welt gekommen.

Besonders interessant ist an dieser Stelle, wie Strohmeyer mit Adjektiven arbeitet. Wenn er die Frankfurter Schule oder Moshe Zuckermann für sich vereinnahmen will, sind sie „jüdisch“.  Der nicht minder jüdische Historiker Michael Wolffsohn, den Strohmeyer ablehnt, firmiert unter dem Adjektiv „neokonservativ“. Sein ganzes Gerede über Hetze und Diskreditierung des politischen Gegners lässt sich bereits an diesem simplen Beispiel leicht als Projektion durchschauen. Zur Frage, wieso Judentum und Kapitalismus in der Vorstellungswelt vieler Antisemiten untrennbar verknüpft sind und warum Antisemitismus mit einer personalisierten, regressiven Kapitalismuskritik zusammenfällt, haben Strohmeyer und Witt-Stahl außer schlechten Witzen nichts anzubieten, für sie existiert das Problem schon deswegen nicht, weil ihnen vulgärer Antikapitalismus mindestens so sehr am Herzen liegt wie Hetze gegen Israel.

Worin besteht nun die Verfolgung, über die Strohmeyer sich so sehr aufregt? Darin:

Die Referentin und die Veranstalter können sich durch die höchst unsachlichen und emotionalen Attacken in ihrer Sicht der Dinge nur bestätigt fühlen. Es geht der neokonservativen und „antideutschen“ Seite nicht um eine Debatte über das so wichtige Thema, sondern um die Verhinderung der Diskussion und das Aufbauen neuer Tabus, indem man droht, denunziert und Skandälchen inszeniert und so die Aufmerksamkeit vom Eigentlichen ablenkt. So gesehen – das muss man diesen Leuten zugestehen –  waren sie sehr erfolgreich, denn die völlig unkritische Mainstream-Presse ist auf ihrer Seite. Die Frau des früheren Bremer Bürgermeisters, Louise Scherf, die im Vorstand der Villa Ichon ist, hat inzwischen, wie BILD berichtet, den Veranstaltern mit Hausverbot gedroht! Genau das wollten die Antideutschen um Jan Philipp Hein erreichen. Glückwunsch!

Die schlimmste Verfolgung, die einer, der gegen Israel hetzt und mit seiner Verleugnung der vernichtungsantisemitischen Motive Israels Gegner eine Art Holocaustleugnung zweiten Grades betreibt, sich vorstellen kann, besteht darin, dass man ihm, dem aufrechten Kämpfer für Frieden und Falafel, mit Hausverbot droht!

Es wird deutlich, dass Bremen viel zu lange ein Biotop für die Antisemiten dieser Stadt war, dass man sie gern in die Linke eingemeindet und gerade an Tagen wie dem ersten Mai als Schwungmasse verwendet. Die jahrelange Friedhofsruhe, die in der Bremer Linken herrscht, muss beendet werden. Wie sonst ist zu erklären, dass der Sprecher des Bremer Landesverbandes der Partei Die Linke, Christoph Spehr, angesichts der antisemitischen Veranstaltung Dinge sagt, für die man anderswo bereits vor 20 Jahren zurücktreten hätte müssen: “Man muss über das Thema Antisemitismus in der Linken diskutieren, das fordern vor allem die jüngeren Parteimitglieder. Aber eine solche Veranstaltung ist einseitig und verharmlost das Problem.”

Herr Spehr, über Antisemitismus muss man nicht diskutieren, man muss ihn bekämpfen! Wenn Sie aber darüber diskutieren möchten, wie das zu geschehen hat, steht Ihnen das Aktionsbündnis gegen Wutbürger zur Verfügung.

Gegendarstellung

Das Bremer Friedensforum möchte folgenden Sachhverhalt richtiggestellt sehen:

Die Veranstaltung “Antisemitismusvorwurf als ideologische Waffe” am 9. April 2013 in der Villa Ichon wurde ausweislich der als link angebotenen Veranstaltungsankündigung vom Gesprächskreis Nahost, den Nordbremer Bürgern gegen den Krieg und der Antikapitalistischen Linken (AKL) und nicht vom Bremer Friedensforum veranstaltet.

Wir haben den Fehler im entsprechenden Text korrigiert.

Auf sein eigenes Volk

Laut tagesthemen macht sich Bashar al-Assad derzeit einer Kardinalsünde schuldig: Er lässt schießen, aber nicht wie die EU nur auf sogenannte illegale Einwanderer, also Ausländer ohne besondere Qualifikationen, was sie zu überflüssigem Menschenmaterial macht, was zwar schade, aber nicht zu ändern ist, sondern „auf sein eigenes Volk“. Dies macht nach landläufiger Meinung den entscheidenden Unterschied zwischen DDR-Mauerschützen und EU-Grenzpatrouillen aus, wenn sie auf unbewaffnete Grenzgänger schießen.

Bemerkenswerter an dieser Aussage ist aber etwas anderes: Die Rede von „seinem“ Volk impliziert, dass das syrische Volk Eigentum des Herrschers sei, Assad, der große Führer des syrischen Volkes als Inkarnation des Souveräns – dieses Prinzip hat man offenbar internalisiert. Insofern kann es auch nicht verwundern, dass deutsche Politiker und Journalisten nicht zur gewaltsamen Entmachtung Assads aufrufen. Schlimm genug, dass sie bereits ihren Führer verloren haben – dieses traurige Schicksal wollen sie dem syrischen Volk ersparen.

Der Grieche, der Wutbürger und die Ratingagentur

Der Wutbürger ist wütend, er weiß nur nicht auf wen: So könnte man den angeregten Diskurs charakterisieren, der angesichts der Griechenpleite derzeit stattfindet. Nach der Bankenrettung kommt die Griechenrettung und bald kommt auch noch die Portugiesenrettung. So viel Solidarität findet der gemeine Wutbürger allemal übertrieben, weil schließlich „der Steuerzahler“ (Rainer Brüderle und alle anderen Sabbelköpfe), also alle Wut- und sonstigen Bürger, dafür „aufkommen“ müsse. Und beim Geld hört die Freundschaft auf. Und also ist man wütend.

Wenn es ein Problem gibt, dann fragt man heutzutage nur noch selten den Astrologen oder Priester, dafür aber umso häufiger eine andere Spezies, die seit jeher okkulte Praktiken betreibt und einfordert, um die höheren Mächte gnädig zu stimmen: Den Ökonomen. Und die höhere Macht, die der Ökonom anbeten lässt, man ahnt es bereits, ist das Kapital (oder wie er es nennt: Der Markt oder die Finanzmärkte).

Der Ökonom verfügt über eine ganze Reihe wohlerprobter Riten, die er Ländern durchzuführen empfiehlt, die die Märkte ungnädig gestimmt haben. Zur Läuterung wird empfohlen, die Ausgaben drastisch zu kürzen, Staatseigentum zu verschenken (Pardon: zu privatisieren) und natürlich alle Löhne und Renten zu reduzieren. Ein wenig mehr Armut, ein wenig mehr Obdachlose, Hungernde, Tote und möglicherweise marodierende Krawallmacher in den Innenstädten – nach dieser Phase der Askese werden sich die Finanzmärkte den gereinigten Länderseelen schon gnädig zeigen.

Einem Teil der Wutbürger gefällt das sehr gut. Schließlich habe der Grieche den ganzen Sommer nur nutzlos herum gezirpt, während der Deutsche Vorräte gesammelt habe. Diese nun mit dem faulen Griechen zu teilen, kommt ihm gar nicht in die Tüte, und so reagiert er verärgert und wütend, wenn die Ameisenkönigin Angela seine mühselig zusammengetragenen Früchte den nutzlosen Griechen hinterherschmeißt.

Nur wäre Ideologie nicht Ideologie, wenn solcherlei Geschwätz nicht automatisch die Gegenmeinung provozieren würde. Schließlich bildet man sich hierzulande allerhand ein auf seine Moralität und Friedfertigkeit. Keineswegs will man es klaglos hinnehmen, dass ein Massenmörder abgeknallt wird oder ein Grieche verhungern muss. So menschlich ist man auf der linken Seite des politischen Spektrums allemal.

Da aber der Wutbürger nun einmal wütend ist und seine Früchte nicht gern mit dem Griechen teilt, muss ein alternativer Schuldiger ausgemacht werden. Und hier kommt nun die Ratingagentur ins Spiel. Die Ratingagentur sagt, dass der Grieche im Sommer nicht genug gesammelt habe, weil sie es sage, fiele es anderen auf. Und deswegen seien die Ameisen und andere fleißige Bienchen nicht bereit, den faulen Griechen etwas von ihren Früchten zu leihen. Kurz gesagt: Die Ratingagentur ist schuld, dass der Grieche im Sommer nichts gesammelt und der Wutbürger ihm nichts abgeben will. So geht linke Kritik der politischen Ökonomie heute.

Und hier bietet sich doch eine phantastische Perspektive für eine alternative Auflösung der Fabel von dem Griechen und dem Wutbürger: Warum tun sie sich nicht zusammen und hauen der blöden Ratingagentur eins auf Maul? Dann sind genug Früchte für alle da.

Der Wutfan

Nicht nur Bürger, sondern auch Fans sind in Wut. Darum geht eine kleine Leseempfehlung raus:

http://blog.worum.org/?p=3049

Aktionsbündnis gegen Wutbürger – Sektion Bremen gegründet

Nicht nur in Stuttgart tobt der Mob – auch Bremen hat seine “pissed-off-residents-party”, die sich selbst “Bürger in Wut” nennt. Warum Wut neuerdings wieder zu Ehren gekommen ist und als wünschenswert angesehen wird, weiß der Himmel – aber wir sind dagegen. Und wir versuchen, uns durch intensives Denken (oder durch Bewusstseinserweiterung, je nachdem) diesem Phänomen zu nähern. Wer mitmachen, mitdenken oder einfach nur seiner Wut über die nutzlosen Traktate hier loswerden will, der schicke eine email an abgwbb@googlemail.com.

https://abgwb.wordpress.com/page/5/?blogsub=confirming

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Eigentlich ist zu Jakob Augstein schon alles gesagt. Der liberale Kolumnist Hannes Stein hatte Anfang 2013, nachdem das in Los Angeles ansässige Simon Wiesenthal Center den Mitinhaber des Spiegel-Verlags auf Platz neun der »2012 Top Ten antisemitischer/antiisraelischer Verunglimpfungen« gesetzt hatte, ebenso lapidar wie richtig festgehalten: »Man kann Jakob Augstein nicht kritisieren, denn er ist unter aller Kritik.« Rainer Trampert fasste in der Jungle World (2/2013) treffend zusammen: Der »smarte Dauerhetzer aus Deutschlands Top-Medien« sei »weder harmlos, noch geht es ihm um Kritik an der israelischen Politik. Er erfüllt alle geläufigen Kriterien des Antisemitismus.« Stefan Gärtner brachte mit der Überschrift »Wer Juden hasst, bestimme ich« in der Titanic treffend Augsteins anmaßenden Autoritarismus und seine Abwehr jeglicher Kritik auf den Punkt.

Auffallend ist dabei, dass die großen deutschen Zeitungen Augstein nicht kritisieren. Mit Matthias Küntzel und Samuel Salzborn gab es zwar in Springers Welt vereinzelte kritische Stimmen zu Augstein, und Deniz Yücel ließ in der Taz mit einer scharf formulierten Polemik aufhorchen. Aber das waren Ausnahmen, die Abwehrfront hielt. Fast die gesamte deutsche Journaille schwang sich zu einer Verteidigung des Publizisten auf.

Der Grund dürfte darin liegen, dass viele Autoren sich selbst ertappt gefühlt haben. Augstein hatte mit seinen Ausführungen zu Israel als »Gefahr für den Weltfrieden«, mit seinen Falschdarstellungen und Verharmlosungen der Vernichtungsabsichten des iranischen Antisemitenregimes, durch seine Gleichsetzung von ultraorthodoxen israelischen Juden mit jihadistischen Mördern und durch sein verschwörungstheoretisches Geraune, hinter was und wem Israel nicht alles stecke, die antisemitische Schlagseite des deutsch-österreichischen Volkssports der »Israelkritik« nur noch deutlicher werden lassen, als sie ohnehin schon ist.

Vertreter der deutschen Linkspartei verteidigten Augstein ebenso wie Vorstandsmitglieder der CDU. In der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau sprang man dem Herausgeber von Der Freitag ebenso zur Seite wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung. Eine der wenigen rühmlichen Ausnahme im Konzert der etablierten Medien war Josef Joffe, Mitherausgeber der Zeit, der angesichts der Augstein-Debatte konstatierte, es gelte heute als verwerflicher, »jemanden einen Antisemiten zu nennen, als einer zu sein«.

Allein schon deswegen ist es von großem Nutzen, wenn nun eine akademische Studie nochmals Punkt für Punkt erklärt, inwiefern sich antisemitische Ressentiments »in den Kolumnen Augsteins auf lexikalischer, semantischer, syntaktischer und argumentativ-konzeptueller Ebene manifestieren«. Der Soziologe Lukas Betzler und der Politikwissenschaftler Manuel Glittenberg wollen am Beispiel der Augstein-Debatte die häufig konstatierte »sich vollziehende ›Normalisierung‹ antisemitischer Artikulationen in der Öffentlichkeit empirisch nachweisen«. Sie zeigen, wie Augstein »gesetzte Tabuisierungen subtil umgeht« und es ihm dadurch gelingt, »Sprechstrukturen hervorzubringen, die das tendenziös Gemeinte im Gesagten aufblitzen lassen, ohne dass das Gesagte in den Bereich des Unsagbaren fiele«. In ihrer umfassenden Textanalyse kommen sie zu dem Schluss, »dass sich in Augsteins Kolumnen auf allen sprachlichen Ebenen Verbal-Antisemitismus finden lässt«.

Zahlreiche seiner Aussagen über Israel seien zudem schlicht »faktisch falsch«, was ihn aber nicht daran hindere, sich als großer Kenner des Nahen Ostens zu inszenieren. Mit fast schon ermüdender Akribie arbeiten die Autoren heraus, inwiefern sich die antisemitischen Motive in Augsteins Texten aus einem großen Fundus bedienen: Von »alten christlichen Stereotypen über tradierte Stereotype des modernen Antisemitismus bis hin zu Ideologiefragmenten aus dem antiimperialistischen Weltbild« reichten die Versatzstücke Augsteins. Detailliert weisen Betzler und Glittenberg ihm die Delegitimierung und Dämonisierung Israels sowie die Anwendung zweierlei Maßstäbe bei der Beurteilung des Agierens des jüdischen Staates nach.

Augsteins Invektiven gegen die USA haben in der Debatte Anfang 2013 kaum eine Rolle gespielt. Umso erfreulicher ist es, dass Betzler und Glittenberg nun eine luzide Analyse von Augsteins Antiamerikanismus vorlegen und ihm dabei auch ein Abgleiten in expliziten Geschichtsrevisionismus nachweisen können. Sie spüren dem Zusammenhang von antiamerikanischen Ressentiments und Antisemitismus nach, verwischen dabei aber nie die mitunter gravierenden Unterschiede, die zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus bestehen. Trotz dieser Unterschiede charakterisieren sie beide als »Ausdrucksformen einer konformistischen Rebellion«; und kaum jemand passt besser in die Rolle des Protagonisten einer ebensolchen als Jakob Augstein mit seiner nonkonformistischen Attitüde und seinen affirmativen Inhalten – einer Kombination, die schon immer die linksdeutsche Ideologie gekennzeichnet hat.

In Augsteins Texten finden Glittenberg und Betzler »zwar zahlreiche Stereotype des modernen Antisemitismus«, aber der Antisemitismus erfülle in seinem Denken nicht jene Funktion einer Welterklärung, mit der auf unverstandene Entwicklungen und Bedrohungen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft im modernen Antisemitismus reagiert wird. Diese Funktion übernehme bei Augstein vielmehr ein ausgeprägter Antiamerikanismus: »Widersprüche (soziale Ungleichheit oder Demokratiedefizite) und negativ bewertete Merkmale (Gier, Profitdenken, Materialismus und Egoismus) der eigenen Gesellschaft werden auf Amerika projiziert.« Anstatt eine Kritik am Kapitalverwertungsprozess zu formulieren, wettert der Spiegel-Kolumnist lieber gegen »Wallstreet-Täter«.

Neben ihrer Textanalyse zu Augsteins Kolumnen liefern Glittenberg und Betzler eine Diskursanalyse jener Debatte über den Spiegel-Autor, in der die seit Martin Walsers Paulskirchenrede gerne herbeizitierte »Auschwitz-Keule« von den Verteidigern Augsteins durch die »Antisemitismus-Schrotflinte« ergänzt wurde, mit der wahllos auf jede Form der »Israelkritik« geschossen werde. Als entscheidende Abwehrstrategie in der Augstein-Debatte machen sie die Umdeutung antisemitischer und israelfeindlicher Aussagen zur »legitimen Israelkritik« aus, wohingegen die Kritik an diesen Aussagen als »Akte der Diffamierung, Denunziation oder Stigmatisierung der Person Augsteins gedeutet« werde.

Die Autoren erinnern daran, dass die Debatte über Augsteins Invektiven gegen den jüdischen Staat dem Mitinhaber des Spiegel keineswegs geschadet hat: 2014 war er einer der am häufigsten eingeladene Gäste in Polit-Talkshows, seine Kolumne erscheint mittlerweile nicht nur online, sondern auch in der Print-Ausgabe des Spiegel und seine Wochenzeitung Der Freitag konnte die Auflage steigern. Insofern ist es auch gar kein Wunder, dass Augstein seine Attacken auf Israel bis zum heutigen Tag fortsetzt und nach der Lausanner Vereinbarung mit dem iranischen Regime ganz unverhohlen seine Freunde darüber kundtat, dass mit einer demnächst nuklear bewaffneten Ayatollah-Diktatur endlich die »Jahrzehnte alte Anomalie« beendet werde, »dass Israel die einzige Atommacht in Nahost ist«.

Ganz so wie in anderen Bände der Reihe »Interdisziplinäre Antisemitismusforschung«, die vom Politikwissenschaftler Samuel Salzborn herausgegeben wird, beziehen sich auch Betzler und Glittenberg auf die Kritische Theorie. Sie erklären die Abwehr des Antisemitismusvorwurfs in der Augstein-Debatte mit einem »auf den nationalsozialistischen Judenhass verengten Antisemitismusbegriff«, wodurch ein »antiisraelischer Antisemitismus mit gutem Gewissen« ermöglicht werde. Dieser halte sich für »besonders kritisch und antiantisemitisch«, projiziere aber lediglich »in Form einer fetischisierten Staatskritik die negativen Anteile von Staatlichkeit auf Israel«. Dass die »Fokussierung auf Israel es ermöglicht, den eigenen Staat als gerechte und gute Herrschaft zu imaginieren«, können sie anhand von Augstein ebenso exemplarisch zeigen wie bei seinen zahlreichen Verteidigern.

Lukas Betzler/Manuel Glittenberg: Antisemitismus im deutschen Mediendiskurs. Eine Analyse des Falls Jakob Augstein. Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, Bd. 5. Nomos-Verlag, Baden-Baden 2015, 320 Seiten, 59 Euro

http://jungle-world.com/artikel/2015/26/52219.html

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70 Jahre Ende des Zwei­ten Welt­kriegs, 70 Jahre be­din­gungs­lo­se Ka­pi­tu­la­ti­on Deutsch­lands – die Mo­na­te bis zum 8. Mai brach­ten den zu er­war­ten­den Ge­denk­ma­ra­thon. Die Fei­er­stun­den, Reden, Spie­gel-Son­der­aus­ga­ben und viel­sei­ti­gen Feuille­ton­bei­la­gen (15 Sei­ten in der Taz, zehn Sei­ten in der SZ bei­spiels­wei­se) reih­ten sich zu einer me­dia­len Dau­er­schlei­fe, die von Ge­denk­ak­ten zur Be­frei­ung der KZ über die Jah­res­ta­ge der Ein­nah­me Wiens und Ber­lins durch die Rote Armee bis zur of­fi­zi­el­len Fei­er­stun­de im Bun­des­tag durch­lief.Und alle Red­ner und Schrei­ber va­ri­ier­ten nur einen ein­zi­gen Topos: den der „Be­frei­ung“ Deutsch­lands durch die Al­li­ier­ten – und zwar genau im Sinne des­sen, was Eike Gei­sel vor 20 Jah­ren spitz­zün­gig be­merk­te, dass näm­lich „Ausch­witz doch noch gut aus­ge­gan­gen“ (1) sei. Die mitt­ler­wei­le of­fi­zi­el­le Staats­ver­si­on, die vor 20 Jah­ren sogar noch von Hel­mut Kohl nach dem fünf­zigs­ten Jah­res­tag des Kriegs­en­des mit den Wor­ten „Nie­mand hat das Recht, fest­zu­le­gen, was die Men­schen in ihrer Er­in­ne­rung zu den­ken haben“ be­mä­kelt wor­den war, trug der Vor­zei­ge­his­to­ri­ker Hein­rich Au­gust Wink­ler am 8. Mai dem Bun­des­tag vor: „(Es) wuchs eine an­de­re Er­kennt­nis: Der von den al­li­ier­ten Sol­da­ten, und nicht zu­letzt denen der Roten Armee, unter schwers­ten Op­fern er­kämpf­te Sieg über Deutsch­land hatte die Deut­schen in ge­wis­ser Weise von sich selbst be­freit – be­freit im Sinne der Chan­ce, sich von po­li­ti­schen Ver­blen­dun­gen und von Tra­di­tio­nen zu lösen, die Deutsch­land von den west­li­chen De­mo­kra­ti­en trenn­ten.“ (2)Das Es­ta­blish­ment Deutsch­lands hat den po­li­ti­schen Mehr­wert des Schuld­be­kennt­nis­ses längst end­gül­tig er­kannt und weiß, wem es die­ses Ge­schenk zu dan­ken hat, dem Ex-Bun­des­prä­si­den­ten Ri­chard von Weiz­sä­cker. Er war es, der vor drei­ßig Jah­ren die heute gül­ti­ge For­mel von der men­ta­len Be­frei­ung erst­mals staats­amt­lich vor­trug, als er vor dem Bun­des­tag for­der­te, „das Ende eines Irr­wegs der deut­schen Ge­schich­te zu er­ken­nen, das den Keim der Hoff­nung auf eine bes­se­re Zu­kunft barg“. Wor­auf er hin­aus­woll­te, zeig­te sich im Lauf der fol­gen­den Jahr­zehn­te immer of­fen­sicht­li­cher, wäh­rend die Ge­gen­wehr der Kohls, Walsers, Schön­hu­bers und Wehr­macht-Opas jeg­li­chen Al­ters immer schwä­cher wurde: Je of­fe­ner die Gräu­el ein­ge­räumt wer­den – ins­be­son­de­re „das schreck­lichs­te aller Mensch­heits­ver­bre­chen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, die Er­mor­dung von etwa 6 Mil­lio­nen eu­ro­päi­schen Juden“ (Wink­ler) –, desto strah­len­der die Läu­te­rung, die po­li­ti­sche Ka­thar­sis. Das Land heimst so einen qua­si-re­li­giö­sen Bonus ein, der tra­di­tio­nell dem reui­gen Sün­der, dem zur Um­kehr Be­weg­ten zu­kommt. Al­lein in die­sem Ges­tus liegt schon eine ab­sto­ßen­de Fehl­wahr­neh­mung. Man tut dabei näm­lich so, als ob es etwas zu Ler­nen­des sei, dass man auf to­ta­le Ver­nich­tungs­krie­ge zu ver­zich­ten hat, dass es nicht statt­haft ist, das „Welt­ju­den­tum“ aus­rot­ten zu wol­len, als ob man Lob al­lein schon dafür ver­dien­te, was ei­gent­lich selbst­ver­ständ­lich sein soll­te: die Welt nicht in ein Schlacht­haus zu ver­wan­deln.Die of­fi­zi­ell ver­bind­lich ge­wor­de­ne Ver­si­on der Wie­der­ge­burt des sün­di­gen Deutsch­lands als mün­di­ges Deutsch­land bringt der the­ma­ti­sche Drei­klang der Aus­stel­lung 1945 – Nie­der­la­ge. Be­frei­ung. Neu­an­fang im Deut­schen His­to­ri­schen Mu­se­um genau auf den Punkt. Und ge­ra­de­zu den Ex­trakt die­ser „Wie­der­gut­wer­dung“ (Gei­sel) der Deut­schen prä­sen­tier­te Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er denn auch in sei­ner Er­öff­nungs­re­de am 22. April. „‚Wir ver­nei­gen uns vor ihnen allen‘, sagte er an die an­we­sen­den Zeit­zeu­gen ge­wandt. ‚Wir dan­ken Ihnen, dass Sie heute nach Ber­lin ge­kom­men sind, in die Haupt­stadt jenes Lan­des, in des­sen na­tio­na­lis­ti­scher Über­stei­ge­rung und Ras­sen­wahn all die­ses un­er­mess­li­che Lei­den sei­nen Aus­gang hatte‘. Deutsch­land, der eins­ti­ge An­stif­ter von Un­ord­nung, so der Au­ßen­mi­nis­ter, müsse heute in be­son­de­rem Maße Ord­nungs­stif­ter sein und mehr als an­de­re, en­ga­giert sein für po­li­ti­sche Lö­sun­gen in Kon­flik­ten und den Er­halt von frie­dens­si­chern­den Struk­tu­ren“, fass­te die Deut­sche Welle seine Über­le­gun­gen zu­sam­men, die pseu­do­an­ti­fa­schis­tisch genau das be­grün­den, was ei­gent­lich das Ge­gen­teil jeg­li­cher denk­ba­ren Lehre aus dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ist: das be­sorgt-tu­en­de Her­um­nör­geln an Is­ra­el und das Ap­peas­e­ment mit jedem nur denk­ba­ren au­to­ri­tä­ren Re­gime auf dem Erd­ball.

Befreiung zur Heimat

Doch darin er­schöpft sich die un­mit­tel­ba­re po­li­ti­sche Nutz­bar­ma­chung der of­fi­zi­el­len Be­frei­ungs­er­zäh­lung denn auch zu­meist. Be­fürch­tun­gen, dass das „Ge­ra­de-wir-als-Deut­sche“-Ti­cket als Le­gi­ti­ma­ti­on eines ag­gres­siv-krie­ge­ri­schen Kur­ses des neuen An­ti­fa-Deutsch­land die­nen würde, wie sie zu Zei­ten Schar­pings, Fi­schers und des Ju­go­sla­wi­en­kriegs na­he­lie­gend schie­nen, haben sich nicht be­wahr­hei­tet. Was diese po­li­tisch-rhe­to­ri­schen Übun­gen zum Thema „Be­frei­ung“ zum Aus­druck brin­gen, ist viel we­ni­ger eine raf­fi­nier­te, von ma­te­ri­el­len In­ter­es­sen ge­lei­te­te Ca­mou­fla­ge-Übung der po­li­ti­schen und pu­bli­zis­ti­schen Klas­se, son­dern in­di­ziert viel­mehr einen ver­än­der­ten Zu­stand des ge­sell­schaft­li­chen Be­wusst­seins: den in den letz­ten Kri­sen-Jahr­zehn­ten immer po­si­ti­ver wie pa­ni­scher wer­den­den Bezug des Ein­zel­nen auf die schüt­zen­den Kol­lek­ti­ve, die Re­ar­chai­sie­rung des Be­wusst­seins im Zei­chen von Hei­mat und Fa­mi­lie. Beide näm­lich sal­viert das ge­läu­ter­te Deutsch­land, be­rei­nigt sie vom Makel der Ver­gan­gen­heit, nicht, indem es sie ver­schweigt, son­dern indem es in ihr schwelgt, nar­ra­ti­viert und per­so­na­li­siert.

Die ge­sell­schaft­li­che Sub­stanz der „men­ta­len Be­frei­ung“ gibt des­halb am ehes­ten die po­pu­lä­re Kul­tur preis, zu­vör­derst im neuen Hei­mat- und Ge­ne­ra­tio­nen­film. Der dürf­te wohl auf Edgar Reitz’ TV-Fa­mi­li­en­sa­ga Hei­mat aus dem Jahr 1981/82 zu­rück­rei­chen, die die deut­sche Ge­schich­te als Ge­schich­te ein­fa­cher Leute, die ihrer Schol­le emo­tio­nal nicht ent­rin­nen kön­nen, rea­lis­tisch zeigt und zu­gleich kit­schig ver­klärt. Der Trick: Die Le­bens­ge­schich­te einer im­mo­bi­len Huns­rücke­rin ver­bürgt in eben ihrer Im­mo­bi­li­tät eine Kon­ti­nui­tät, die den Bruch des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus es­ka­mo­tiert, nicht indem sie seine Exis­tenz leug­net, son­dern indem er zur Epi­so­de eines immer im sel­ben Bett blei­ben­den ge­ne­ra­tio­nel­len Flus­ses de­gra­diert wird. Dass eine auf­wen­dig re­mas­ter­te Ver­si­on mit gro­ßem Tam­tam aus­ge­rech­net im Früh­jahr 2015 als wo­chen­end­fül­len­der Zwei-Ta­ges-Film in die Kinos und DVD-Stores kam, zeigt den ge­sell­schaft­li­chen Mehr­wert der „Be­frei­ung“ eher an, als es die Reden Wink­lers oder Stein­mei­ers her­ge­ben wür­den. Und der Hei­mat-Rum­mel ist bei­lei­be kein Ein­zelphä­no­men, son­dern nur Teil einer Welle, die seit Jahr­zehn­ten über deut­sche Lein­wän­de und Matt­schei­ben rollt. Um nur ei­ni­ge be­son­ders prä­gnan­te Bei­spie­le zu nen­nen, in denen trotz un­mensch­li­cher Um­stän­de die guten, vor allem ­– und das ist wich­tig ­– jun­gen Deut­schen ihr mensch­li­ches, zur Iden­ti­fi­ka­ti­on ein­la­den­des Ge­sicht zei­gen: Der no­to­ri­sche Jo­seph Vils­mai­er mit Sta­lin­grad (1993), Leo und Clai­re (2001), Co­me­di­an Har­mo­nists (1997) und Die Gust­loff (2008), Xaver Schwar­zen­ber­gers Annas Heim­kehr (2003) oder der schon unter einem wahr­haft pro­gram­ma­ti­schen Titel lau­fen­de Strei­fen Nicht alle waren Mör­der nach einer Er­zäh­lung von Mi­cha­el Degen unter der Regie von Jo Baier (2006). Wohl am wirk­mäch­tigs­ten er­wies sich dabei die Füh­rer­bun­ker-Schmon­zet­te Der Un­ter­gang von Oli­ver Hirsch­bie­gel aus dem Jahr 2004; die dreis­te Ge­gen­über­stel­lung von deutsch-ju­gend­li­cher Un­schuld und der ver­dor­be­nen, alten Na­zi-Eli­te er­hielt durch die­sen Strei­fen ein na­he­zu iko­ni­sches Ge­sicht, das sich ein­ge­prägt hat, das paus­bä­cki­ge Fräu­lein­wun­der Alex­an­dra Maria Lara als Hit­lers Se­kre­tä­rin Traudl Junge – al­lein schon der Name: das Ver­klei­ne­rungs-l plus „Junge“ löst be­reits die pas­sen­den As­so­zia­tio­nen aus. Wie sie so ver­lo­ren süß und fas­sungs­los das Böse be­glotzt und spä­ter ku­h­äu­gig-ver­stört, unter einem zu gro­ßen Stahl­helm nai­ves Un­ver­ständ­nis ver­strö­mend, durch ein zer­schos­se­nes Ber­lin stol­pert, fan­ta­siert sie sich und die Zu­schau­er in die ei­ge­ne Groß­mut­ter. Die „Wie­der­gut­ma­chung der Deut­schen“ funk­tio­niert ima­gi­na­tiv als Wie­der­gut­ma­chung der Vor­fah­ren.

Die Film­pro­duk­ti­on flan­kiert dabei eine bel­le­tris­ti­sche Dau­er­mo­de. Un­zäh­li­ge Best­sel­ler, die es mitt­ler­wei­le auch in den Kanon der Schul­li­te­ra­tur ge­schafft haben, the­ma­ti­sie­ren in sel­ber Weise die Ju­gend im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, wobei man er­fährt, dass es Freund­schaft, Som­mer und Ba­de­se­en auch im Drit­ten Reich gab. Zu den­ken wäre auch an Ge­fühls­schin­ken wie den von Tho­mas Me­di­cus, der In den Augen mei­nes Groß­va­ters (2004) des­sen Kriegs­per­spek­ti­ve er­kun­det und damit die Re-Iden­ti­fi­ka­ti­on auf die Spit­ze treibt; kurz­um, man geht nicht fehl, von einer re­gel­rech­ten „So­phie-Schol­li­sie­rung“ (Heinz) der Me­di­en­pro­duk­ti­on zu spre­chen.

Mit die­sem ma­nisch an­mu­ten­den In­ter­es­se liegt also mit­nich­ten ein Indiz für grund­le­gen­de Bes­se­rung (die unter dem Schlag­wort „Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit“ fir­miert) vor, son­dern eher für ein, wenn man so will, sanf­tes Schei­tern der re-edu­ca­ti­on, die sich pa­ra­do­xer­wei­se als deren Er­folg ver­steht. Wenn man den hef­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt, der Deutsch­land wie kein an­de­res Land der west­li­chen He­mi­sphä­re in den Sech­zi­gern kenn­zeich­ne­te, zu­min­dest als sich auf­tu­en­de Be­din­gung der Mög­lich­keit einer sol­chen re-edu­ca­ti­on be­trach­tet, so ist hin­ge­gen das Ende die­ses Kon­flikts, das un­er­sätt­li­che bio­gra­phi­sche In­ter­es­se und der in­ter­ge­ne­ra­tio­nel­le Brü­cken­schlag der „Be­frei­ten“, als Neu­er­fin­dung der Volks­ge­mein­schaft zu lesen: eine ima­gi­nä­re Wie­der­her­stel­lung, die sich ­– viel mehr noch als es po­li­ti­schen Reden ab­zu­hö­ren ist – in der po­pu­lär­kul­tu­rel­len My­then­pro­duk­ti­on spie­gelt, die die Ge­ne­ra­tio­nen­ei­nig­keit wie­der­her­stellt, und damit die Wie­der­in­be­schlag­nah­me der Ver­gan­gen­heit durch die Neu­in­sze­nie­rung der Ver­gan­gen­heit. Indem der Enkel den guten Opa wie­der­fin­det, fin­det er sich so auch wie­der ans my­thisch und ge­ne­ra­tio­nell re­kon­stru­ier­te Kol­lek­tiv ge­bun­den.

Dass Deutsch­land im letz­ten Jahr­zehnt end­gül­tig zu einem Pop-Phä­no­men wurde, zum Sich-selbst-Fei­er­welt­meis­ter ist der ei­gent­li­che Skan­dal und Aus­druck eines ver­här­te­ten Be­wusst­seins zwei­ter Ord­nung. Es muss die Ver­gan­gen­heit nicht mehr pa­nisch-miss­ver­gnügt ab­weh­ren, son­dern kann sich un­be­ein­druckt an ihr nach­ge­ra­de de­lek­tie­ren, weil es ihr durch Fa­mi­li­a­ri­sie­rung den Sta­chel ge­nom­men hat. Nicht zu­letzt sind es die In­sze­nie­rung des na­tio­na­len Fuß­balls und das neue Selbst­be­wusst­sein deutsch­spra­chi­ger Pop­mu­sik, die min­des­tens eben­so tief rei­chen wie die bio­gra­phi­sier­te Film- und Buch­schwem­me. Frank Apunkt Schnei­der hat kürz­lich in die­sem Zu­sam­men­hang auf die Ver­än­de­rung der deut­schen Pop­mu­sik deut­lich hin­ge­wie­sen (Jung­le World 22/2015), die nicht mehr ein, viel­leicht sogar das Ve­hi­kel einer in­ne­ren Emi­gra­ti­on nach Wes­ten mehr sein will und darf, son­dern die heil­sa­me Wunde, die das Eng­li­sche in den Er­in­ne­rungs­kör­per einst schlug, un­ge­sche­hen ma­chen möch­te. (3) Das – na­tür­lich un­er­träg­lich schlech­te – Album Mut­ter­spra­che der Deutsch-Di­va Sarah Con­nor schließ­lich, das die deut­sche Po­p­indus­trie der­zeit pro­mo­tet wie sonst nichts, bringt das Junk­tim von Sprach­be­har­ren und Fa­mi­li­en­re­kon­struk­ti­on auf den Punkt. Die De-An­gli­sie­rung ist in die­sem Titel über­deut­lich ver­bun­den mit der end­gül­ti­gen Rück­bin­dung an die na­tio­na­le Fa­mi­li­en­ge­schich­te.

„Schlussstrich“ durch Rückprojektion

So er­klärt sich auch, dass nicht man­gels Auf­klä­rung, son­dern durch die Art der Auf­klä­rung, die Zahl der Schluss­strich-Zie­her ein­fach nicht sin­ken will. Der His­to­ri­ker Nor­bert Frei re­fe­rier­te in der Taz (8.5.2015) die ent­spre­chen­den Zah­len: „Be­reits im Früh­jahr 1994, in einer ers­ten grö­ße­ren de­mo­sko­pi­schen Stu­die nach der deut­schen Ver­ei­ni­gung, hatte sich mehr als die Hälf­te der Be­frag­ten (53 Pro­zent) zu einem all­ge­mei­nen ‚Schluss­strich‘ unter die Ver­gan­gen­heit be­kannt. 20 Jahre spä­ter misst Forsa 42 Pro­zent Schluss­strich-Be­für­wor­ter, wäh­rend die Ber­tels­mann-Stif­tung auf 58 Pro­zent kommt – und von 81 Pro­zent aller Deut­schen sagt, sie woll­ten die Ge­schich­te des Ho­lo­caust ir­gend­wie ‚hin­ter sich las­sen‘. Man muss sol­che Um­fra­ge­er­geb­nis­se nicht erns­ter neh­men als die Worte, in denen dar­über be­rich­tet wird; oft genug bleibt un­klar, was genau ge­mes­sen wurde. Trotz­dem ver­fes­tigt sich der Ein­druck, dass es in­zwi­schen viel­fach ge­ra­de Ju­gend­li­che und junge Er­wach­se­ne sind, die sich von der Ge­schich­te der NS-Zeit be­läs­tigt füh­len; eher ge­nervt als in schar­fem Ton ver­su­chen sie sich ihr zu ent­zie­hen. Die Vor­stel­lung, dass es kol­lek­ti­ve Zu­ge­hö­rig­kei­ten geben könn­te – und damit trans­ge­ne­ra­tio­nel­le his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung jen­seits per­sön­li­cher Schuld –, scheint mehr und mehr aus dem Blick­feld zu ge­ra­ten, ja für ana­chro­nis­tisch ge­hal­ten zu wer­den.“

Eine fa­ta­le Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der Zah­len: Nicht das Sich-Frei­spre­chen der Jun­gen ist das Pro­blem, denn tat­säch­lich haben sie an den Ver­bre­chen kei­nen An­teil, son­dern es ist ge­ra­de jene „trans­ge­ne­ra­tio­nel­le“ Ver­bun­den­heit, die Frei als feh­lend be­klagt, die die freund­li­che „Ge­nerv­t­heit“ her­vor­ruft. Denn alle diese jun­gen Be­frag­ten haben eben durch die nar­ra­tiv-bio­gra­phi­sche Be­schäf­ti­gung mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zwar ge­lernt, dass es eine mo­ra­lisch dunk­le Zeit war, aber eben auch, dass man an­stän­dig blei­ben konn­te, auch wenn man ver­ständ­li­che Feh­ler mach­te. Nicht mehr die Leug­nung des Un­leug­ba­ren, wie noch vor 40 Jah­ren, als wirk­li­che Täter (und ihre ent­spre­chend par­en­ti­fi­zier­ten Nach­kom­men) das öf­fent­li­che Klima be­stimm­ten, macht das Ver­stock­te aus, son­dern die Rück­pro­jek­ti­on der ei­ge­nen Un­schuld in die Fa­mi­li­en­ge­schich­te des Kol­lek­tivs. Der „Schluss­strich“, der jetzt ge­zo­gen wird, gleicht dem, mit dem man ge­mein­hin Fa­mi­li­en­krä­che zu be­en­den pflegt, dem Schwamm-drü­ber, mit denen lang­an­hal­ten­de Feh­den – ohne dass die Sache selbst ge­klärt wor­den wäre – für die Zu­kunft als ir­re­le­vant er­klärt wer­den. Es ist die Sti­li­sie­rung ge­ne­ra­tio­nel­ler Ein­heit in der mo­der­nen My­then­pro­duk­ti­on, die den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zur un­lieb­sa­men Fa­mi­li­en­epi­so­de macht, die man kennt und an­er­kennt, auf deren Fort­wir­ken man aber gern ver­zich­tet; statt, dass es heißt, „Ich will nicht wer­den, was mein Alter ist“, wie die Scher­ben noch 1970 zu kra­chen­dem Blues­rock rotz­ten, lau­tet das po­pu­lä­re Motto nun sinn­ge­mäß: „Mein Ur-Al­ter war doch auch nicht an­ders als ich.“

Woher aber nun diese Über­macht des Fa­mi­liä­ren in einer Ge­sell­schaft, in der die Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­fa­mi­lie als So­zia­li­sa­ti­ons­in­stanz längst zer­fal­len ist? Ein schein­ba­res Pa­ra­dox, das wohl nur da­durch er­klärt wer­den kann, dass der eins­ti­ge Ge­gen­pol zum tra­di­tio­nel­len So­zi­al­ver­band min­des­tens eben­so be­schä­digt ist wie die­ser: die Öf­fent­lich­keit des frei­en Tauschs, ihre of­fe­nen Räume der In­di­vi­du­ie­rung, die ein Sich-Ge­sel­len wie­der­um er­mög­lich­ten, in dem die Be­zie­hun­gen der Ein­zel­nen zu­ein­an­der frei ge­wählt und ge­wech­selt wer­den konn­ten. Das kön­nen sie aber nur da, wo der Ein­zel­ne einen zu­rei­chen­den Le­bens­un­ter­halt ohne Sur­p­lus an Loya­li­tät, ohne In­ter­na­li­sie­rung des Grup­pen­ko­dex be­strei­ten konn­te. Das sieht in der post­in­dus­tri­el­len Ge­sell­schaft, aus der die un­mit­tel­ba­re Pro­duk­ti­on in die eins­ti­ge Pe­ri­phe­rie aus­ge­wan­dert ist, an­ders aus. Hier ent­schei­det sich früh, wer in den Dum­ping-Sek­tor ab­wan­dert und wer in die Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te der glo­ba­len Pro­duk­ti­on ein­wan­dern darf. Und die Wei­chen wer­den nicht nur früh ge­stellt – mit der Kon­se­quenz, dass sich der Le­bens­ab­schnitt „Ju­gend“ ra­di­kal wan­delt, ja, ganz zu ver­schwin­den droht –, son­dern auch durch eben früh ge­lern­te Loya­li­tät ge­gen­über den Äl­te­ren, die in die­sen Ap­pa­ra­ten sit­zen und das Aus­wahl­ver­fah­ren über­wa­chen, we­sent­lich be­stimmt. An­ders als noch vor Jahr­zehn­ten ist eine län­ge­re Phase der Un­bot­mä­ßig­keit, des Aus­sche­rens aus den vor­ge­bahn­ten Le­bens­we­gen, mit hohem Ri­si­ko ver­bun­den, ohne Wie­der­kehr statt im Pent­house im Pre­ka­ri­at zu lan­den. Eine Ge­sell­schaft, die der­ge­stalt in Bande und Ban­den zer­fällt, in ab­ge­grenz­te Ter­ri­to­ri­en und ge­schlos­se­ne Sub­ge­sell­schaf­ten, bringt den Ein­zel­nen in eine Si­tua­ti­on, in der er auf Ver­ein­ze­lung ver­zich­ten muss, be­dingt also die un­to­te Wie­der­kehr des Ge­bun­de­nen, des Fa­mi­liä­ren. Die Fa­mi­lie gibt so das Leit­bild des mo­der­nen Un­ter­neh­mens, in dem emo­tio­na­le Bin­dung an­stän­di­ge Be­zah­lung für die Jun­gen er­setzt und in dem der so­ge­nann­te „Team­ge­dan­ke“ jede Re­gung, Ar­beit als tat­säch­lich ent­frem­de­ten Dienst nach Vor­schrift an­se­hen zu dür­fen, schier aus­treibt. Und auch ganz le­bens­prak­tisch ist es eben die Fa­mi­lie, die denen, die sich über­haupt ein­bil­den kön­nen, dahin zu kom­men, wo die El­tern waren, al­lent­hal­ben unter die Arme greift und gleich­zei­tig in den Hin­tern tritt. Diese Re­fa­mi­li­a­ri­sie­rung von Er­fah­rung und Le­bens­welt, an­ders ge­sagt: der in­ne­re Lie­bes­zwang zu den Nicht-Lie­bens­wer­ten, greift na­tür­lich auch da, wo die bio­lo­gi­schen Fa­mi­li­en so­zi­al ver­sa­gen, denn die Pos­ses, Ra­ckets und Gangs­ter­ban­den sind der Fa­mi­lie als Motor von Auf­stieg, als Weg zu Reich­tum oder we­nigs­tens Be­rühmt­heit di­rekt nach­ge­bil­det, und dabei noch au­to­ri­tä­rer als das Vor­bild. Kurz ge­sagt: Die Aus­söh­nung durch Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Tä­tern der vor­ver­gan­ge­nen Ge­ne­ra­ti­on er­folgt aus der Not, sich nicht mehr in den of­fe­nen Räu­men des Tauschs be­we­gen zu kön­nen, son­dern sich in den ge­schlos­se­nen Ge­sell­schaf­ten, die durch be­to­nier­te Stra­ti­fi­zie­rung des­sen, was einst Ge­sell­schaft hieß, ent­stan­den, „po­si­tio­nie­ren“ zu müs­sen – also auf Ge­deih und Ver­derb nicht mehr aus der Ge­mein­schaft fal­len zu dür­fen.

Der gute Vater

Sol­che Re­fa­mi­li­a­ri­sie­rung von ge­sell­schaft­li­cher Wahr­neh­mung gibt schließ­lich auch einen Blick in die Tie­fen­di­men­si­on des Weiz­sä­cker-Rum­mels frei. Wie kein an­de­rer eig­net sich der Ende Ja­nu­ar ge­stor­be­ne „Be­frei­ungs“-Red­ner als guter Vater, bes­ser ge­sagt: Groß- oder Ur­va­ter eines be­rei­nig­ten Deutsch­lands. So wie der rück­pro­ji­zier­te Groß­va­ter den ech­ten er­setzt, be­setzt Weiz­sä­cker my­tho­lo­gisch die Stel­le, die durch den Sieg der Al­li­ier­ten 40 Jahre schmerz­lich va­kant blieb, denn Mit­scher­lichs „va­ter­lo­se“ Ge­sell­schaft war nicht zu­letzt das füh­rer­lo­se Deutsch­land. Die „Be­frei­ung“, die Weiz­sä­cker 1985 ver­sprach, war tat­säch­lich nicht eine von der Kon­ti­nui­tät deut­scher Ge­schich­te, son­dern von eben die­ser Va­kanz.

Hit­ler, der sich qua Nie­der­la­ge und „Un­ter­gang“ als Usur­pa­tor und fal­scher Adres­sat des au­to­ri­tä­ren Be­dürf­nis­ses her­aus­ge­stellt hatte, wird durch einen wie Weiz­sä­cker, der eine mo­ra­lisch ein­wand­freie Brü­cke über die 12 Jahre Na­tio­nal­so­zia­lis­mus schlug, er­setzt. Schon al­lein bio­gra­phisch ist er bes­tens ge­eig­net, diese Funk­ti­on zu er­fül­len, ist er so­zu­sa­gen die späte Re­inkar­na­ti­on des 20. Juli, die, an­ders als die­ser, aris­to­kra­ti­sche Kon­ti­nui­tät mit ech­ter Macht ver­knüpft. Ver­strickt und ge­läu­tert, du­bi­os und doch an­stän­dig gibt er den idea­len, ge­samt­bio­gra­phi­schen Hor­den­füh­rer ab, denn schließ­lich war er Wehr­machts­of­fi­zier an der Ost­front und ver­tei­dig­te höchst­per­sön­lich noch sei­nen Vater [!], einen der rang­höchs­ten NS-Di­plo­ma­ten, in den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen.

So ver­kör­per­te er im wahrs­ten Sinne des Wor­tes das, was ihm die Re­pu­blik zu­schreibt. Sel­ten dürf­te die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung so sehr mit der öf­fent­li­chen über­ein­ge­stimmt haben, wie in den Pres­se-Elo­gen auf den da­hin­ge­schie­de­nen Alt-Bun­des­prä­si­den­ten und Ex-Re­gie­ren­den Bür­ger­meis­ter von Ber­lin. Er war der „große Ver­söh­ner“ (ZDF-Spe­zi­al, 31.1.2015; gleich­lau­tend: Faz, SZ, 1.2.2015, Spie­gel, 11.2.2015), die „geis­ti­ge und mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät“ (FR, 1.2.2015), das „deut­sche Ge­wis­sen“ (Bild, 1.2.2015) und – am tref­fends­ten – „der Bun­des­kö­nig“ (SZ, 11.2.2015).

Ge­ra­de da­durch, dass der Aris­to­krat Weiz­sä­cker als nur dem Gro­ßen und Gan­zen ver­pflich­te­te, dem Ge­zänk ent­ho­be­ne Au­to­ri­tät sich immer wie­der über die „Macht­ver­ses­sen­heit der Par­tei­en“ (Bild er­in­ner­te ge­nüss­lich daran am 31.1.2015) stell­te, stif­te­te er den Fa­mi­li­en­frie­den, ließ die Deut­schen wie­der bei sich sein und das mit gutem Ge­wis­sen. Im Kult um seine Per­son ent­hüllt sich am deut­lichs­ten, dass die Be­frei­ung eben doch nur die Fort­set­zung des deut­schen Elends, mit einem König an­stel­le des Füh­rers, be­deu­tet und zeigt, dass der 8.​Mai end­gül­tig eine Fa­mi­li­en­fei­er im deut­schen „Fa­mi­li­en­ro­man der Neu­ro­ti­ker“ ge­wor­den ist. Freud schrieb in die­ser Stu­die, dass „um die an­ge­ge­be­ne Zeit sich nun die Phan­ta­sie des Kin­des mit der Auf­ga­be (be­schäf­tigt), die ge­ring­ge­schätz­ten El­tern los­zu­wer­den und durch in der Regel so­zi­al höher ste­hen­de zu er­set­zen. Dabei wird das zu­fäl­li­ge Zusammen­treffen mit wirk­li­chen Er­leb­nis­sen (die Be­kannt­schaft des Schloss­herrn oder Guts­be­sit­zers auf dem Lande, der Fürst­lich­keit in der Stadt) aus­ge­nützt“. (4) Genau die­sen Mo­ment be­schreibt der 8.​Mai 1985, der sich in die­sem Früh­jahr zum 30. Mal jähr­te. Der gute Ri­chard hat den bösen Adolf end­gül­tig aus­ge­trie­ben und nicht trotz­dem, son­dern des­we­gen den­ken die Deut­schen wei­ter in ihrer gro­ßen Mehr­heit über Par­tei­en­gezänk, Volks­kör­per, Ame­ri­ka­ner und Juden so wie immer schon zuvor.

Anmerkungen:
  1. Eike Gei­sel: Op­fer­sehn­sucht und Ju­denneid. Be­mer­kun­gen zur Na­tio­na­li­sie­rung der Er­in­ne­rung, in: Ders.: Tri­umph des guten Wil­lens, hg. von Klaus Bit­ter­mann, Ber­lin 1998, 58. Die Edi­ti­on Ti­amat hat in die­sem Jahr in einem über 400 Sei­ten star­ken Sam­mel­band Es­says und Po­le­mi­ken Gei­sels mit dem Titel Die Wie­der­gut­wer­dung der Deut­schen wie­der­ver­öf­fent­licht.
  2. Zi­tiert aus dem On­line-Ar­chiv des Bun­des­tags (Hrvb. v. mir): http://www.​bundestag.​de/​dokumente/​textarchiv/​2015/​kw19_​ged​enks​tund​e_​ wkii_​rede_​winkler/​373858
  3. Schnei­der schreibt hier zu­tref­fend: „Von Kino- und Büh­nen­kör­pern lern­ten junge Deut­sche, dass es etwas Bes­se­res gab, als Flak­hel­fer der deut­schen Schuld­ab­wehr zu sein. Die Sprach­lo­sig­keit wurde über­wun­den durch die Her­ein­nah­me des ge­heim­nis­vol­len, wei­chen, nur in Bruch­stü­cken ver­stan­de­nen Po­p­tex­teng­lisch ins ei­ge­ne Spre­chen.“
  4. Sig­mund Freud: Ge­sam­mel­te Werke, Frank­furt/M. 1946 ff., Bd.7, 229. Sonja Witte hat die Freud­sche An­nah­me be­reits für die Ana­ly­se des post­na­zis­ti­schen Ge­ne­ra­tio­nen­bünd­nis­ses ge­nutzt. Vgl.: Sonja Witte: Das Wun­der von Bern – Ka­thar­sis der Na­ti­on, in: Kitt­kri­tik (Hg.): Deutsch­land­wun­der. Wunsch und Wahn in der post­na­zis­ti­schen Kul­tur, Mainz 2008.

http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web71-1.html

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Bahamas – Die Toten kommen!
Lisa Lübars / Jus­tus Wert­mül­ler (Ba­ha­mas 71/2015)
Der Chef des Po­li­ti­k­res­sorts der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung, Vol­ker Zastrow, ging eines Tages am Gar­da­see so für sich hin. Da fand er „neben den Zy­pres­sen“ und „über der herr­li­chen Bucht“, nicht nur den „spie­geln­den See und die blau­en Berge“, son­dern auch das be­schei­de­ne Blü­melein Erika, das wie­der­um auf einem Sol­da­ten­fried­hof wächst. Und siehe, er fand noch mehr: „Ich sah eine Frau am Grab ihres Groß­va­ters wei­nen. Ich frag­te, warum, denn sie hatte ihn nie ge­kannt. Sie er­zähl­te viel über Leid, das ge­lin­dert wurde, und Leid, das sich fort­pflanz­te über Ge­ne­ra­tio­nen. Aber sie konn­te nicht er­klä­ren, warum sie über all das wein­te, hier in Cos­ter­ma­no, am grau­en Stein mit dem Namen ihres Groß­va­ters.“

Wo der SS-Mann ruht

Die Frau ist Deut­sche. Ihr Groß­va­ter war ein Mör­der und Kriegs­ver­bre­cher, Mit­tä­ter bei Gei­sel­er­schie­ßun­gen, Aus­rot­tun­gen gan­zer Dorf­schaf­ten, wo­mög­lich einer von jenen SS-Scher­gen, die noch im April 1945 in Nord­ita­li­en die Go­ten­stel­lung zu hal­ten such­ten und bis zur Ka­pi­tu­la­ti­on Mas­sa­ker ver­üb­ten. Viel­leicht hatte der un­be­kann­te Groß­va­ter sogar eine ein­schlä­gi­ge Ver­gan­gen­heit, bevor er in Ita­li­en zu Tode kam. Auf dem deut­schen Sol­da­ten­fried­hof von Cos­ter­ma­no wur­den schließ­lich auch die Ver­nich­tungs­la­ger-Kom­man­dan­ten Chris­ti­an Wirth, Franz Reich­leit­ner und Gott­fried Schwarz be­gra­ben. Aber man soll nie­man­den vor­schnell ver­ur­tei­len! Kann­ten wir denn den toten Groß­va­ter? Oder die an­de­ren Jungs aus Wehr­macht und selbst SS, aus denen schließ­lich auch No­bel­preis­trä­ger hät­ten wer­den kön­nen? Soll­ten wir uns am grau­en Stein der Kriegs­ver­bre­cher nicht lie­ber aufs vor­be­halt­lo­se Fra­gen be­schrän­ken und die Ant­wort schul­dig blei­ben, wir, die wir nicht dabei waren? Etwa so: „Was hat sie be­wegt? Ras­sen­hass, Sa­dis­mus, Zorn, Angst, Ver­zweif­lung, Ver­blen­dung, Heim­weh, Sehn­sucht, Liebe?“ So genau weiß man es ja nicht. Das ist aber auch nicht nötig, wenn man nur weiß: „Beim Mar­schie­ren haben sie ge­sun­gen: ‚auf der Heide blüht ein klei­nes Blü­melein. Und das heißt Erika.‘ Na­zi­kitsch. Jetzt blüht das Blü­melein über ihren Ge­bei­nen, über Guten und Bösen, Tä­tern und Op­fern.“ Das ist zum Heu­len und wirk­lich: „Viele wei­nen dort. Es platzt etwas; das Herz öff­net sich. Es ist ein Ort der Wahr­heit oder der Ort einer Wahr­heit.“ (FAS, 21.6.2015)

Mit dem Her­um­heu­len hat es eine ei­ge­ne Be­wandt­nis in Deutsch­land. Zu­nächst war es näm­lich ver­bo­ten, da ist man sich si­cher. Man durf­te nicht um die Bom­ben­to­ten trau­ern, nicht um die auf der Flucht zu Tode ge­kom­me­nen Volks­ge­nos­sen und über die Wehr­machts­sol­da­ten schon gar nicht, weil man den Krieg ver­lo­ren hatte. Dabei hat doch keine Kom­mu­ne es ver­säumt, bald nach 1945 aufs Krie­ger­denk­mal für die Hel­den von Welt­krieg Eins zügig die Liste der Hel­den von Welt­krieg Zwei ein­zu­mei­ßeln. Ganz West­deutsch­land ist von Ver­trie­be­nen­denk­mä­lern – gern mit Kreuz – über­zo­gen, und die Bom­ben­to­ten, denen z.B. schon 1952 in Ham­burg-Ohls­dorf ein mons­trö­ses Denk­mal ge­stif­tet wurde, waren bis spät in die 70er Jahre hin­ein der Stoff, auf den sich die aus­ge­tausch­ten Kriegs­er­in­ne­run­gen re­du­zier­ten. Aber man durf­te eben nicht ein­fach los­heu­len, glaubt man zu wis­sen. Jetzt, wo es nicht mehr nur die Wahr­heit der Sie­ger gibt, son­dern eben auch die der Mas­sen­mör­der, wo Deutsch­land wahl­wei­se in schlum­mern­de Pro­vin­zen zer­fällt, in denen der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus eine der Hei­mat frem­de Zutat war, oder die Hei­mat über die Lan­des­gren­zen dringt und einem aus ei­ge­ner leid­vol­ler Er­fah­rung nichts mehr fremd ist, platzt man schier vor trä­nen­rei­chem Mit­tei­lungs­drang und öff­net wahl­wei­se dem ita­lie­ni­schen Fried­hofs­gärt­ner in Cos­ter­ma­no oder dem Grie­chen sein Herz. „Man kann und soll und will aber die Grie­chen, die sich immer wei­ter iso­liert haben, nicht zu ihrem Glück zwin­gen.“ Da sei Gott vor, aber sie ein biss­chen vor deut­scher Ver­stri­ckung war­nen, das kön­nen wir leicht und aus vol­lem Her­zen: „Dort sind, nach­dem die Eli­ten ab­ge­wirt­schaf­tet haben, die Ex­tre­mis­ten von links und rechts an der Macht. Auch das ken­nen wir Deut­sche aus ei­ge­ner Ge­schich­te – und kön­nen nur hof­fen, dass die Grie­chen den Weg in den Wahn­sinn nicht wei­ter­ge­hen wie einst un­se­re Vor­vä­ter.“ (Zastrow, a.a.O.)

ERIKA stand in gro­ßen Let­tern über Zastrows Post-Na­zi-Kitsch, mit dem er seine Lo­sung: „Eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on be­deu­tet Frie­den“ be­grün­den woll­te. Links neben die­sem Ar­ti­kel des Res­sort­lei­ters Po­li­tik – den eine Rede von exis­ten­ti­el­ler Tiefe des Bun­des­prä­si­den­ten tags zuvor of­fen­sicht­lich be­feu­ert hatte – stand unter der­sel­ben Über­schrift der Zwei­spal­ter „Neu­an­fang mit den Ver­trie­be­nen“ des min­der pro­mi­nen­ten Re­dak­teurs Peter Cars­tens. Darin geht es we­ni­ger ums To­ten-Blü­melein als um die Apo­theo­se von Stein­bachs Erika, die ein Ver­bands­le­ben lang dafür ge­kämpft hatte, dass Deutsch­land in Sa­chen Flucht und Ver­trei­bung ganz vorne und un­über­hör­bar beim Heu­len den Ton an­ge­ben darf.

Was existenziell zusammengehört

Gauck hatte ge­sagt: „Zum ers­ten Mal ge­denkt nun Deutsch­land an einem of­fi­zi­el­len bun­des­wei­ten Ge­denk­tag jener Mil­lio­nen von Deut­schen, die am Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges zwangs­wei­se ihre Hei­mat ver­lo­ren. Zum ers­ten Mal be­geht Deutsch­land damit auch re­gie­rungs­amt­lich den in­ter­na­tio­na­len Welt­flücht­lings­tag, wie er vor fünf­zehn Jah­ren von der Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen be­schlos­sen wurde. Auf eine ganz exis­ten­zi­el­le Weise ge­hö­ren sie näm­lich zu­sam­men – die Schick­sa­le von da­mals und die Schick­sa­le von heute, die Trau­er und die Er­war­tun­gen von da­mals und die Ängs­te und die Zu­kunfts­hoff­nun­gen von heute.“ Wie diese exis­ten­zi­el­le Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit der deut­schen und der an­de­ren Flücht­lin­ge kon­kret zu ver­ste­hen wäre, hat Gauck zur In­ter­pre­ta­ti­on of­fen­ge­las­sen und Peter Cars­tens von der FAS half, die Lü­cken zu fül­len. Der Tag der Opfer von Flucht und Ver­trei­bung wurde erst 2014 als eine Art staats­of­fi­zi­el­ler Tag der Hei­mat ein­ge­führt und am 30.8.2014 mit einer Rede der Kanz­le­rin fei­er­lich be­gan­gen. Doch das war ein zu ver­rä­te­ri­sches Datum für welt­um­span­nen­des Flücht­lings­ge­den­ken, schließ­lich geht es auf die Char­ta der Ver­trie­be­nen vom Au­gust 1950 zu­rück, die sich mög­lichst nah am Jah­res­tag der Be­schlüs­se der Pots­da­mer Kon­fe­renz vom 2.8.1945 in Szene set­zen woll­ten. „Aber in der Char­ta stand nichts von Kriegs­schuld und Ho­lo­caust. Statt­des­sen nann­ten sich die Ver­trie­be­nen die‚ vom Leid die­ser Zeit am schwers­ten Be­trof­fe­nen.‘“ (Cars­tens, FAS) Des­halb kam es schon im Fol­ge­jahr zur Ok­ku­pa­ti­on des von der UN 2001 aus­ge­ru­fe­nen Welt­flücht­lings­tags, der auf einen Afri­ka-Flücht­lings­tag zu­rück­geht und auf den 20. Juni fällt. Ab jetzt wird zu­sam­men ge­heult und kei­ner redet mehr re­la­ti­vie­rend von „den am schwers­ten Be­trof­fe­nen“ Deut­schen. In der FAS al­ler­dings liest sich das so: „Das UNHCR un­ter­stütz­te da­mals“ – 1950, im Jahr sei­ner Grün­dung – „rund 250.000 Men­schen, die etwa als aus­län­di­sche Zwangs­ar­bei­ter in der deut­schen Rüs­tungs­in­dus­trie ge­schuf­tet hat­ten und da­nach nicht mehr nach Hause konn­ten.“ Eine große An­zahl, soll­te man den­ken, aber ge­mes­sen an den deut­schen Zah­len Pea­nuts: „Sie waren Opfer des Krie­ges, wie die mehr als zwölf Mil­lio­nen deut­schen Ver­trie­be­nen und Flücht­lin­ge.“ Diese Deut­schen ohne Zu­hau­se topp­ten die Dis­pla­ced Per­sons in Deutsch­land folg­lich um den Fak­tor 48 – das nicht zu ver­ges­sen, ge­hört eben auch zum Ge­den­ken. Dass ihr Blü­melein, des­sen Blüte sie im er­zwun­ge­nen Ru­he­stand er­le­ben muss, von sol­cher Strahl­kraft sein würde, kann sich Erika Stein­bach auch in ihren über­mü­tigs­ten Stun­den nicht vor­ge­stellt haben. Ein Kerl, der der­ar­ti­ge Re­chen­kunst­stü­cke ver­an­stal­tet und von „bar­ba­ri­schen Ge­met­zeln und Ver­ge­wal­ti­gun­gen“ an deut­schen Flücht­lin­gen und Ver­trie­be­nen schreibt, die es un­be­streit­bar ge­ge­ben hat, tut es nur, um Ur­sa­che und Wir­kung zu ver­wi­schen, die Guten und die Bösen sich gleich zu ma­chen, mit­hin hin­ter all den ver­schie­de­nen Wahr­hei­ten die ein­zi­ge als deut­sche auf­tau­chen zu las­sen. Die Ver­bin­dung von Peter Cars­tens zu Vol­ker Zastrow reicht vom Ver­trie­be­nen­kreuz zum deut­schen Sol­da­ten­fried­hof, der gar nichts an­de­res als ein Kriegs­ver­bre­cher­fried­hof sein kann, selbst wenn, an­ders als in Cos­ter­ma­no oder Bit­burg, ein­mal keine Ka­me­ra­den von der SS unter dem grau­en Stein lie­gen soll­ten.

Das aus­ge­power­te Groß­bri­tan­ni­en, aber auch die USA, wuss­ten im Som­mer 1945 in Pots­dam sehr wohl, dass die Ver­schie­bung der pol­ni­schen Gren­zen und die damit ver­bun­de­ne Aus­sied­lung der Schle­si­er ein häss­li­cher im­pe­ria­lis­ti­scher Akt der Land­nah­me durch die UdSSR war, die sich damit Ost­po­len als Beute si­cher­te. Aber aus­ge­rech­net wegen der Deut­schen, deren kol­lek­ti­ven Jubel zum Bei­spiel bei den Sie­ges­fei­ern nach Frank­reichs Ka­pi­tu­la­ti­on 1940 sie noch in den Ohren hat­ten, auch nur ein wei­te­res Sol­da­ten­le­ben zu ris­kie­ren, wäre ihnen nicht in den Sinn ge­kom­men. Dass in Schle­si­en auch vor 1945 schon Polen ge­lebt hat­ten und zwar unter der Fuch­tel von preu­ßisch deut­schen Her­ren­men­schen, die ab 1939 sich end­gül­tig wie Bar­ba­ren auf­ge­führt haben, war Trum­an, Chur­chill und Att­lee durch­aus be­kannt. Auch war die zwangs­wei­se und von al­ler­dings in ihrem Um­fang maß­los über­trie­be­nen Mor­den be­glei­te­te Aus­sied­lung der Su­de­ten­deut­schen aus der zwei­ten tsche­chisch-slo­wa­ki­schen Re­pu­blik in ihrer Ri­go­ro­si­tät, die auch vor nach­weis­lich tsche­chen­freund­li­chen deut­schen An­ti­fa­schis­ten nicht Halt mach­te, ein häss­li­cher Akt. Dass Tsche­chen nach den Er­fah­run­gen in der ers­ten Re­pu­blik ab 1918 und weit schlim­mer noch denen der Ok­ku­pa­ti­ons­zeit, nicht nur die 90 Pro­zent Hen­lein-Deut­schen, son­dern über­haupt keine Deut­schen mehr unter sich dul­den woll­ten, ist eben trotz­dem ver­ständ­lich und nicht eine Wahr­heit unter ver­schie­de­nen.

Sol­che Au­gen­wi­sche­rei mit Zah­len und Ur­sa­chen zu dem ein­zi­gen Zweck, deut­sches Leid gegen das von den Deut­schen über Eu­ro­pa ge­brach­te als min­des­tens eben­bür­tig auf­zu­rech­nen, war schon seit der Nie­der­la­ge deut­scher Re­gie­rungs­auf­trag, aber es dau­er­te doch eine Weile, bis man sich end­lich selbst­ge­recht und im Ton der An­kla­ge vor aller Welt kol­lek­tiv die Augen wi­schen durf­te im An­ge­den­ken an all die Groß­vä­ter und -müt­ter. Am 20.6.2015 mel­de­te Joa­chim Gauck Voll­zug, als er in sei­ner Rede be­frie­digt ver­merk­te, dass nach 1990 unter an­de­ren die Slo­wa­kei, Polen, Un­garn, Ru­mä­ni­en und Tsche­chi­en um Ver­ge­bung für die Ver­trei­bung von Deut­schen ge­be­ten haben. In den Wor­ten von Peter Cars­tens aus der FAS vom 21.6.2015, der sei­nen Prä­si­den­ten gut ver­stan­den hat, ist es des­halb jetzt an der Zeit für eine Nutz­an­wen­dung: „Die Ver­bin­dung des Ge­den­kens schafft ein neues Ver­ständ­nis für das, was ge­schah und was heute ge­schieht: da­mals den Deut­schen, heute Sy­rern und Ye­zi­den. Sie ist für die Ver­trie­be­nen­ver­bän­de au­ßer­dem eine Ge­le­gen­heit, sich und ihre An­lie­gen in an­de­rem Licht zu prä­sen­tie­ren, her­aus­zu­kom­men aus der Ecke des Gest­ri­gen“. Als gest­rig an den Ver­trie­be­nen­ver­bän­den wurde ab den 1970er Jah­ren ihr ob­sti­na­tes Fest­hal­ten an den deut­schen Gren­zen von 1937 emp­fun­den und nicht ihr An­lie­gen der An­er­ken­nung als der am meis­ten ge­schä­dig­ten Op­fer­grup­pe des Zwei­ten Welt­kriegs. Die neue Ost­po­li­tik war zwar auf Ver­söh­nung mit Polen und der Tsche­cho­slo­wa­kei an­ge­legt, aber Knie­fäl­le deut­scher Bun­des­kanz­ler soll­te es nicht zum Null­ta­rif geben. Willy Brandts War­schau­er Per­for­mance war viel­mehr eine In­ves­ti­ti­on in die Zu­kunft, die sich ab 1990 präch­tig aus­zah­len soll­te. Punkt­ge­nau zur Wie­der­ver­ei­ni­gung wurde ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fend zu­meist per Bus die Reise in die alte Hei­mat an­ge­tre­ten, ganz im Zei­chen der Ver­ge­bung der Sün­den der pol­ni­schen, tsche­chi­schen etc. Täter von ges­tern. Die Nach­fol­ge­ge­ne­ra­ti­on, die sich mit den span­nen­den his­to­ri­schen Er­leb­nis­sen in ihrer Frei­zeit be­schäf­tigt und Ah­nen­for­schung be­treibt, wird sich kaum als Ver­trie­be­ne be­trach­ten; sie ist nur noch deutsch und ge­füh­lig. „Aber noch heute füh­len Kin­der und Enkel eine ide­el­le Ver­bin­dung zum his­to­ri­schen Raum ihrer Vor­fah­ren, gehen auf Spu­ren­su­che und fin­den einen Teil ihrer Selbst.“ (Cars­tens)

Graue Steine – Bauten des Friedens

Der his­to­ri­sche Raum muss sich auch kei­nes­wegs auf die ver­lo­re­nen Ost­ge­bie­te be­schrän­ken. Wo immer Deut­sche ihrer Mis­si­on fol­gend graue Stei­ne hin­ter­las­sen haben, schla­gen Spu­ren­su­cher Mehr­wert für ihr Selbst her­aus. Dass dabei den Leu­ten erst der Mund über­läuft, dann etwas in ihnen platzt und sich schließ­lich ihr Herz so sehr öff­net, dass über das Leid von Ge­ne­ra­tio­nen ge­weint wer­den muss, wie Vol­ker Zastrow meint, ver­steht sich von selbst. Zastrow hat wohl auch mit sei­ner Be­ob­ach­tung recht, dass diese Deut­schen nie so recht sagen kön­nen, warum sie sich so gerne ob­ses­siv und ag­gres­siv und vor allem öf­fent­lich, am liebs­ten ge­gen­über aus­län­di­schen Be­ob­ach­tern, als Ge­fühls­men­schen prä­sen­tie­ren und los­heu­len, sich plär­rend in die Arme fal­len, tau­send Lich­ter an­zün­den – und dabei immer dem Tod ins Auge se­hend. Die Selbst­in­sze­nie­rung ist immer die glei­che: Mal ist es die völ­lig ver­blö­de­te En­ke­lin am grau­en Stein am Gar­da­see, mal die ganze Stadt Er­furt nach einem Schul­mas­sa­ker, dann wie­der an­ge­jahr­te Über­le­ben­de samt ihren un­ver­meid­li­chen En­keln, die in deut­schen Städ­ten den 70s­ten Jah­res­tag der Bom­bar­die­rung be­ge­hen und schließ­lich deut­sche Schul­klas­sen samt päd­ago­gi­schem Per­so­nal, die nach er­folg­rei­chem An­le­gen eines Ge­denk­wegs für die Opfer der To­des­mär­sche aus den deut­schen KZs vor sich hin schluch­zen. Die­ses Volk hat ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fend keine Scham, keine der Re­flek­ti­on Raum ge­ben­de Dis­tanz zu den wirk­li­chen oder his­to­ri­schen Schreck­nis­sen, am we­nigs­tens zu den von den be­rühm­ten Groß­vä­tern an­ge­rich­te­ten. Hat man noch bis in die 1970er Jahre zum Ho­lo­caust ver­stockt ge­schwie­gen, so lässt man seit der da­ma­li­gen Aus­strah­lung eines kit­schi­gen Vier­tei­lers glei­chen Na­mens im Fern­se­hen end­lich auch Ausch­witz an sich heran, wie den Bom­ben­krieg und die Ver­trie­be­nen­schick­sa­le schon immer. Die Deut­schen sind zwang­haft damit be­schäf­tigt, alles un­mit­tel­bar auf sich zu be­zie­hen und sich in frem­der Leute Trau­er, und sei es in die von deut­schen Fa­mi­li­en in Hal­tern nach dem Ab­sturz einer Luft­han­sa­ma­schi­ne im Früh­jahr 2015 ein­zu­mi­schen, mit blö­den Ge­sich­tern zu­sam­men­zu­ste­hen, um in ob­szö­ner Weise den Ernst­fall Tod zu ge­nie­ßen. Exis­ten­zi­ell ihrem Ge­fühl ge­hor­chend, das dem Jar­gon der Ei­gent­lich­keit ab­ge­lauscht ist, den ihnen die dafür zu­stän­di­gen Vol­ker Zastrows oder, weit er­folg­rei­cher noch, die Bern­hard Schlinks ver­ab­rei­chen, schlie­ßen sie sich ver­lo­gen und hart­her­zig von der Welt ab, die ihnen so tot er­schei­nen muss wie ihr Land, das auf grau­en Stei­nen ge­grün­det ist.

Der skan­da­lö­se Ta­schen­spie­ler­trick, das in­ter­na­tio­na­le Flücht­lings­elend seit un­ge­fähr 1950 mit den von Flucht und Ver­trei­bung be­trof­fe­nen Deut­schen gleich zu set­zen und einen mons­trö­sen Tag der Hei­mat zu in­sze­nie­ren, führt nicht ein­fach nur zu Na­zi-Kitsch in den Mei­nungs­sei­ten der Qua­li­täts­pres­se, son­dern ist sei­ner ideo­lo­gi­schen Her­kunft nach ein ech­tes Erbe der Nazis. Ab 1942 wurde den un­wil­li­gen Be­woh­nern der ok­ku­pier­ten west­eu­ro­päi­schen Län­der durch Kul­tur­mis­sio­nen und schö­ne Kon­fe­ren­zen von den auf die Fes­tung Eu­ro­pa zu­rück­ge­wor­fe­nen Nazis ver­stärkt das deut­sche Eu­ro­pa als eu­ro­päi­sche Schick­sals­ge­mein­schaft ein­ge­trich­tert. Daran wird an­ge­knüpft, ohne Waf­fen, ohne öko­no­mi­sche oder po­li­ti­sche Er­pres­sung – ein nö­ti­gen­der Frie­dens­dienst so­zu­sa­gen. Auf die Grie­chen be­zo­gen, die man da­mals noch in Mas­sen als Par­ti­sa­nen hin­met­zel­te, heißt das heute: „Wir wer­den so oder so hel­fen müs­sen. Weil wir Eu­ro­pä­er un­auf­lös­lich mit­ein­an­der ver­bun­den sind“ (Zastrow, a.a.O.). Diese Schick­sals­ge­mein­schaft, die aus­ge­rech­net auf dem hö­he­ren Sinn deut­scher Un­ta­ten auf­ru­hen soll, die als „eu­ro­päi­sche Ka­ta­stro­phe“ neu ge­dacht wer­den müs­sen, ist der ver­söh­nen­de End­zweck, der ir­gend­wie auch flüch­ten­den Sy­rern und Ye­zi­den zu Gute kom­men soll: „Wenn das Ster­ben nicht völ­lig sinn­los blei­ben soll­te, muss­te man in Eu­ro­pa mit den Mil­lio­nen Toten auch die Feind­schaf­ten be­gra­ben und Bau­ten des Frie­dens er­rich­ten“ (Zastrow a.a.O.).

Zwei re­le­van­te Bau­ten des Frie­dens sind be­reits seit Jah­ren in der Haupt­stadt zu be­sich­ti­gen. In der Neuen Wache in Ber­lin steht auf be­son­de­ren Wunsch Hel­mut Kohls seit 1993 ein häss­li­cher Kloß, der sich erst bei nä­he­rem Hin­se­hen als eine Schmer­zens­mut­ter er­weist, die ihr Kind schüt­zend hält. Vor die­ser durch seine Ver­grö­ße­rung auf 1,6 Meter Höhe noch un­för­mi­ger wir­ken­den Du­plik einer schwa­chen Skulp­tur von Käthe Koll­witz ist der Schrift­zug „Den Op­fern von Krieg und Ge­walt­herr­schaft“ in den Boden ein­ge­las­sen. Die Urnen mit den sterb­li­chen Über­res­ten des un­be­kann­ten Wi­der­stands­kämp­fers und des un­be­kann­ten Sol­da­ten sowie die mit Erde ge­füll­ten Ge­fä­ße be­fin­den sich seit­her unter der Ge­denk­plat­te aus schwar­zem Gra­nit. Na­tür­lich hätte man auch al­ter­na­tiv schrei­ben kön­nen: „den un­be­kann­ten Op­fern von Ge­walt­herr­schaft, Bom­ben­krieg und Ver­trei­bung“, denn genau an die ent­spre­chen­den Denk­mä­ler für die deut­schen Opfer ge­mahnt die „Pietà“. Diese neue Neue Wache war die Vor­aus­set­zung für den Bau von Deutsch­lands größ­tem Denk­mal an die Opfer von Krieg und Ge­walt­herr­schaft, das be­zeich­nen­der­wei­se ein sti­li­sier­tes Grä­ber­feld ist und 2005 als „Denk­mal für die er­mor­de­ten Juden Eu­ro­pas“ ein­ge­weiht wurde.

Die aus deut­scher Lei­den­s­er­fah­rung ge­reif­te Er­in­ne­rungs­kul­tur, die da­zu­ge­hö­ri­ge Äs­the­tik und die um Ei­gent­lich­keit rin­gen­den Be­gleit­tex­te im Marsch­ge­päck, ap­pel­lier­te der Bun­des­prä­si­dent an die Lands­leu­te, die ak­tu­ell aus Afri­ka und dem Nahen Osten ein­rei­sen­den Flücht­lin­ge will­kom­men zu hei­ßen. Gauck meint das wahr­schein­lich sogar ernst und glaubt an den Er­folg der staats­of­fi­zi­el­len Über­zeu­gungs­ar­beit. Dabei ist es völ­lig un­mög­lich, mit ganz le­ben­di­gen Men­schen freund­lich um­zu­ge­hen, wenn man sel­ber nur re­tro­spek­tiv die ei­ge­nen Opfer bzw. die ihnen groß­zü­gig und vor allem fol­gen­los an die Seite ge­stell­ten er­mor­de­ten Juden im Blick hat. Auch rou­ti­niert Trau­er­ar­beit leis­ten­de deut­sche Trä­nen­tie­re kön­nen über die Neu­an­kömm­lin­ge aus Sy­ri­en, Li­by­en, Mau­re­ta­ni­en etc. nicht freu­dig aus­ru­fen: Sieh da, „die Toten kom­men!“ Das soll­te man den­ken, aber sie kön­nen es doch.

Wir bauen einen Friedhof

Einen Tag nach dem ers­ten zu­sam­men­ge­leg­ten Ver­trie­be­nen- und Flücht­lings­tag, ein Tag nach des Prä­si­den­ten Rede und pünkt­lich zum Er­schei­nen der FAS mit dem ERI­KA-Mo­tiv, zog eine 5.000 Teil­neh­mer star­ke To­ten­grä­ber­bri­ga­de durch Ber­lin, die von sich be­haup­te­te, Flücht­lin­ge ret­ten zu wol­len. Mit die­sem ne­kro­phi­len Umzug, der mit einem mas­sen­haf­ten Grä­ber­schau­feln vor dem Reichs­tag en­de­te, wurde alles, was Gauck, Cars­tens und selbst Zastrow da­her­re­de­ten, in kon­ge­nia­ler Weise als öf­fent­li­che Pro­pa­gan­da­show deut­schen We­sens in­sze­niert und über­trof­fen. Die da allen Erns­tes unter dem Motto „Die Toten kom­men!“ durch Ber­lin mar­schiert sind, waren ge­wiss keine Nazis oder Aus­län­der­fein­de. Sie haben nur den To­des­kult der Nazis af­fir­miert und statt le­ben­di­ger Flücht­lin­ge tote Aus­län­der will­kom­men ge­hei­ßen. An­ge­stif­tet von einer Ber­li­ner Künst­ler­grup­pe mit dem glei­cher­ma­ßen auf­trump­fen­den wie hoch­i­ro­nisch zu­rück­ge­nom­me­nen Namen „Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit“ hat­ten sich die An­ge­hö­ri­gen jener Ge­sin­nungs­ge­mein­schaft, die als das noch bes­se­re Deutsch­land die Gauck- und FAS-Ge­mein­de in ihrer ur­ei­ge­nen Dis­zi­plin über­tref­fen wol­len, zu einem „Marsch der Ent­schlos­se­nen“ zu­sam­men­ge­fun­den und selbst­ge­bas­tel­te Särge und reich­lich Holz­kreu­ze, auf denen Lo­sun­gen gegen das eu­ro­päi­sche Grenz­re­gime zu lesen waren, durch die Ge­gend ge­tra­gen. Das un­ter­schied sich vom tra­di­tio­nel­len deut­schen Pro­test-Sarg-Tra­gen ein­drucks­voll schon da­durch, dass es nicht nur der eine Sarg war, auf dem das abs­trak­te Ob­jekt der Trau­er, das mal „Stu­di­um für alle“ mal „Mei­nungs­frei­heit“ heißt, ge­schrie­ben steht. Am 21.6. in Ber­lin stand dar­über hin­aus jeder Papp­s­arg für eine echte Lei­che im Mit­tel­meer oder auf an­de­ren Flucht­we­gen. Na­tür­lich waren sie leer, aber dass auch echte Lei­chen darin sein könn­ten, hat der woh­lig schau­dern­den Ge­mein­de die glei­che Künst­ler­grup­pe be­reits am 16.6.2015 vor­ex­er­ziert, als sie die von ihr in Ita­li­en ex­hu­mier­ten und in Zinks­är­gen nach Deutsch­land trans­por­tier­ten Über­res­te von auf der Flucht Ge­stor­be­nen unter gro­ßer Me­di­en­an­teil­nah­me nach dem Ri­tu­al der Re­li­gi­on, die für die Bür­ger­krie­ge und die Elends­ver­wal­tung maß­geb­lich ver­ant­wort­lich ist, die immer mehr Men­schen zu Flücht­lin­gen macht, „wür­de­voll“ auf dem mos­le­mi­schen Teil des Fried­hofs von Ber­lin-Gatow be­gra­ben. Ein Blick auf die im Netz ver­füg­ba­ren Bil­der of­fen­bart eine von deut­schen Künst­lern auf den Weg ge­brach­te Pro­pa­gan­da­show des Islam. Die unter die Haut ge­hen­de At­mo­sphä­re der wür­di­gen Be­gräb­nis­se von Gatow konn­te somit am 21.6. zwar nicht mehr in Ge­stalt von Lei­chen ber­gen­den Sär­gen über­bo­ten wer­den, wohl aber durch das Kunst­stück, Spon­ta­ni­tät zu in­sze­nie­ren und ein Volk von To­ten­grä­bern zu em­si­gem Wüh­len in der Reichs­tags­wie­se zu ver­an­las­sen. Und so ging es los: „Plötz­lich wurde es ruhig zwi­schen den De­mons­tran­ten, ein Trom­pe­ter spielt eine Trau­er­me­lo­die, die Menge ver­stummt in einer Schwei­ge­mi­nu­te. Ein­zel­ne zün­den Ker­zen an. Es gibt keine An­zei­chen ge­walt­tä­ti­ger Ak­tio­nen“ (Ta­ges­spie­gel, 21.6.2015). Der klei­ne Trom­pe­ter, der von der Welt­krieg-Eins-To­ten­ver­herr­li­chung zum Rot-Front-Kämp­fer­lied, ein wenig ab­ge­än­dert auch als Horst-Wes­sel-Lied, dann wie­der als DDR-Auf­bau­lied, nicht feh­len darf, wenn sich Deut­sche ihrer nicht um­sonst Ge­fal­le­nen er­in­nern, die­ser klei­ne Trom­pe­ter spiel­te beim „Marsch der Ent­schlos­se­nen“ seine ein­fühl­sa­men Me­lo­di­en, trau­rig, ein­sam und auf­wüh­lend. Die Ker­zen waren selbst­ver­ständ­lich so­fort zur Hand, dar­un­ter auch die ty­pi­schen roten Fried­hofs­lich­ter in statt­li­cher Zahl. Man schwieg be­trof­fen genau eine Mi­nu­te lang, bevor es spon­tan, aus­ge­las­sen und vor allem ent­schlos­sen wei­ter­ging. „Die ent­schlos­se­ne Zi­vil­ge­sell­schaft mach­te sich un­mit­tel­bar nach der An­kün­di­gung des Fried­hofs an des­sen Um­set­zung. Ent­schlos­se­ne ris­sen die Zäune zur Bun­des­tags­wie­se ein und hoben spon­tan hun­der­te Grä­ber in der Haupt­stadt aus“ (1), schrei­ben die Re­gis­seu­re vom Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit. „Die Stim­mung ist fast aus­ge­las­sen“, ver­merk­te der Ta­ges­spie­gel, und dem Kol­le­gen von der Zeit klang alles nach einem fröh­li­chen an­ti­au­to­ri­tä­ren Fa­mi­li­en­fest: „Am Rande springt ein klei­nes Kind auf einem der um­ge­wor­fe­nen Zäune herum, und als eine Po­li­zis­tin den Vater bit­tet, das Kind möge doch damit auf­hö­ren, guckt es sie nur an und sagt: ‚Ey, ich mag keine Cops!‘ Alles wie immer also“ (Hu­ma­nis­ti­scher Pres­se­dienst, 22.6.2015). Er­wach­se­ne Teil­neh­mer wuss­ten den Spaß beim Grä­ber­bud­deln ge­gen­über dem Re­por­ter in mah­nen­de und na­tür­lich ent­schlos­se­ne Worte zu gie­ßen: „,Ein ex­trem er­grei­fen­der Mo­ment‘, sagt die Teil­neh­me­rin Sven­ja Bra­ckel. Das sei zi­vi­ler Un­ge­hor­sam, wie er sein soll­te, fährt die 29-jäh­ri­ge Er­zie­he­rin fort: ‚Ich glau­be, sogar die Po­li­zei ist auf un­se­rer Seite‘“ (Ta­ges­spie­gel, a. a. O.). Dass dem tat­säch­lich so war, zeig­te sich daran, dass die gut 5.000 Teil­neh­mer von der Po­li­zei größ­ten­teils un­ge­hin­dert ihren Gra­bun­gen nach­ge­hen durf­ten. Bis auf we­ni­ge Ra­bau­ken gin­gen dann alle brav bis 19h nach Hause. (Ta­ges­spie­gel, a. a. O.) Tat­säch­lich war der Po­li­zei aus den Ver­laut­ba­run­gen des Ver­an­stal­ters be­kannt ge­we­sen, dass sym­bo­li­sches Grä­ber­schau­feln Teil des Ab­schluss­pro­gramms war, wes­halb sie die Reichs­tags­wei­se ab­sperr­te und ei­ni­ge der De­mons­tran­ten nach Gra­bungs­ge­rät durch­such­te. Das Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit be­rich­tet: „Die De­mons­tran­ten [des ZPS] rie­fen die Teil­neh­mer dar­auf­hin zu­tiefst zy­nisch dazu auf, weder Särge noch Holz­kreu­ze mit­zu­brin­gen, nicht krea­tiv zu sein, sich nicht selbst zu or­ga­ni­sie­ren. Zu­gleich ver­ur­teil­ten sie die Ent­schei­dung, die Wiese zu sper­ren als ‚Akt gro­ber Staats­ge­walt gegen die Kunst­frei­heit‘“. (Ta­ges­spie­gel, a. a. O.) Im Er­geb­nis hatte sich die Kunst­frei­heit gegen eine un­tä­ti­ge Po­li­zei durch­ge­setzt, deren Füh­rung wuss­te, dass der­glei­chen Tun im Grun­de Re­gie­rungs­li­nie ist, und es waren dut­zen­de Grab­stel­len mit or­dent­li­chen Grab­kreu­zen samt Auf­schrif­ten wie „Gren­zen töten“ oder „Fron­tex Mör­der“, in einem Fall sogar „Deutsch­land wir weben dein Lei­chen­tuch“ zu be­wun­dern, ge­schmückt mit Blu­men und Fried­hofs­lich­tern und er­gänzt um hun­der­te Erd­lö­cher.

Was da wirk­lich ge­spielt wurde und wie es dazu kam, dass jeder in sei­ner ihm vorab zu­ge­dach­ten Rolle so ein­wand­frei spon­tan funk­tio­nier­te, dass aus einer Volks­ge­mein­schafts­übung „po­li­ti­sche Poe­sie“ wurde, mach­te die Hein­rich Böll Stif­tung deut­lich: „Alle wur­den Teil des gro­ßen ‚als ob‘, pures Ver­wand­lungs­schau­spiel, zart iro­nisch ge­bro­chen durch einen Mi­nia­tur­bag­ger, der wür­de­voll an einer Leine hin­ter dem Lei­chen­wa­gen her­ge­zo­gen wurde. Und un­frei­wil­lig kom­plet­tiert von den zahl­rei­chen Me­di­en­ver­tre­tern, die ihre Rolle be­son­ders auf­op­fe­rungs­voll in­ter­pre­tier­ten. Die ge­wünsch­te Bild­pro­duk­ti­on fand statt, jeder film­te jeden, schon wäh­rend die Ak­ti­on lief wurde sie viral. Die De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer er­le­dig­ten die Do­ku­men­ta­ti­on des Er­eig­nis­ses gleich selbst und wur­den so zu Co-Re­gis­seu­ren der Er­zäh­lung im Netz. […] Als künst­le­ri­sche Im­pro­vi­sa­ti­ons­an­ord­nung ging der ‚Marsch der Ent­schlos­se­nen‘ des­halb auf, weil das Zen­trum erst star­ke Be­haup­tun­gen und In­spi­ra­tio­nen setz­te, aber im ent­schei­den­den Mo­ment die Kon­trol­le über das Dreh­buch an die Teil­neh­men­den abgab und auf die Magie der Im­pro­vi­sa­ti­on ver­trau­te. Dem­nächst ist die erste Thea­ter­in­sze­nie­rung des Zen­trums für po­li­ti­sche Schön­heit am Schau­spiel Dort­mund zu sehen. Man darf ge­spannt sein“ (Chris­ti­an Römer auf dem Blog der Hein­rich Böll Stif­tung, 24.6.2015). So span­nend wird es dann doch nicht. Bevor für die Ver­an­stal­ter am Schau­spiel Dort­mund erste Ho­no­ra­re und spä­ter staat­li­che Pro­jekt­gel­der für sinn­stif­ten­de Fol­ge­pro­jek­te unter ak­ti­ver Ein­be­zie­hung des Pu­bli­kums ab­fal­len und für den einen oder an­de­ren viel­leicht sogar eine Pro­fes­sur, gab es die un­ver­meid­li­chen Nach­ah­mungs­ak­tio­nen, zum Bei­spiel in Han­no­ver, wo über Nacht im Stadt­zen­trum ei­ni­ge die­ser Pseu­do­grä­ber an­ge­legt wur­den; eines davon mit der Auf­schrift: „Die Toten kom­men!“ (Han­no­ver­sche All­ge­mei­ne, 3.7.2015).

Moralische Meisterstücke des Christian Schwarz-Schilling

Das Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit zählt sich im Ton auf­trump­fen­der Selbst­ver­mark­tung (dem na­tür­lich ein Schuss ge­bro­che­ner Iro­nie nie feh­len darf) „zu den in­no­va­tivs­ten In­ku­ba­to­ren po­li­ti­scher Ak­ti­ons­kunst“. Es hält sich sogar „für eine er­wei­ter­te Form von Thea­ter: Kunst muss weh tun, rei­zen, Wi­der­stand leis­ten. In eine Be­griffs­al­li­anz ge­bracht: ag­gres­si­ver Hu­ma­nis­mus.“ Die­ser An­prei­sung von Sau­er­bier aus den frü­hen 1970er Jah­ren (2) folgt der Le­bens­lauf für spä­te­re Ver­wen­dung: „In­sze­nie­run­gen und Werke am Gorki Thea­ter, 7. Ber­lin Bi­en­na­le, Thea­ter Dort­mund, Stei­ri­scher Herbst, NGBK, ZKM Karls­ru­he u.v.a.“ (Web­site des ZPS). Doch mutig vor­ge­tra­ge­ner ag­gres­si­ver Hu­ma­nis­mus for­dert dem Künst­ler vor allem ei­ni­ges ab: Mut, Wi­der­stand, Ver­zicht, Lei­den und mo­ra­li­sche Meis­ter­stü­cke. Denn „po­li­ti­sche Schön­heit ist mo­ra­li­sche Schön­heit (καλὸς καὶ ἀγαθός). Kein Thema macht Er­schüt­te­rung, po­li­ti­sche In­te­gri­tät und Ver­letz­lich­keit me­tho­disch der­art sicht­bar wie die Frage, wer gegen ge­no­zi­da­le Ver­bre­chen auf­be­gehrt und Wi­der­stand ge­leis­tet hat – not­falls gegen die ei­ge­ne Kar­rie­re, die ei­ge­nen Freun­de, die ei­ge­nen Ge­füh­le.

Das Zen­trum formt Hand­lun­gen zu strah­len­der po­li­ti­scher Schön­heit. Es geht um mo­ra­li­sche Licht­in­ten­si­tät. Ge­ra­de in der Fins­ter­nis hu­ma­ni­tä­rer Ka­ta­stro­phen und ge­no­zi­da­ler Kriegs­füh­rung, in­mit­ten schwär­zes­ter An­thro­po­lo­gie, wird die Er­kennt­nis mo­ra­li­scher Schön­heit mög­lich. Mo­ra­li­sches Ver­sa­gen und mo­ra­li­sche Meis­ter­stü­cke wer­den im An­ge­sicht von Völ­ker­mord am bes­ten er­kenn­bar.

Diese Men­schen um­rei­ßen Akte von po­li­ti­scher Schön­heit: Va­ri­an Fry, Peter Berg­son, Edu­ard Schul­te, Simon Wie­sen­thal, So­g­ho­mon Teh­li­ri­an, Beate Klars­feld, Raoul Wal­len­berg, Jean Mou­lin, Ge­or­ge Man­tel­lo, Shahan Na­ta­lie, Roméo Dal­lai­re, Ra­pha­el Lem­kin, Georg Elser, Kurt Schrimm, Chris­ti­an Schwarz-Schil­ling, Ru­pert Neu­deck, Paul Grü­nin­ger, Wil­lem Aron­de­us oder das World Food Pro­gram­me.“ (Web­site des ZPS) Die Hel­den­lis­te prä­sen­tiert eine so ab­ge­feimt aus­ge­wo­ge­ne Mi­schung, dass weder das Bun­des­prä­si­di­al­amt noch die Re­dak­ti­on der FAS sie bes­ser hätte zu­sam­men­stel­len kön­nen. Be­son­ders be­mer­kens­wert sind die bei­den deut­schen Licht­ge­stal­ten Chris­ti­an Schwarz-Schil­ling und Ru­pert Neu­deck, von denen man ja weiß, dass sie bei ihren Be­mü­hun­gen um Flücht­lin­ge Kar­rie­re und Freun­de auf­ge­op­fert und ir­gend­wie be­stimmt auch gegen die ei­ge­nen Ge­füh­le ge­han­delt haben. Dazu ein Schind­ler­deut­scher ers­ten Ran­ges: Edu­ard Schul­te und ein Staats­an­walt, der jetzt, wo es zu spät ist, enorm mutig das Erbe Fritz Bau­ers an­tritt und halb­to­te SS-Män­ner vor Ge­richt bringt: Kurt Schrimm. Das reicht fast schon, um eine laut Selbst­dar­stel­lung „Sturm­trup­pe zur Er­rich­tung mo­ra­li­scher Schön­heit, po­li­ti­scher Poe­sie und mensch­li­cher Groß­ge­sinnt­heit – zum Schutz der Mensch­heit“ zu qua­li­fi­zie­ren. Sol­chen Leu­ten glaubt man aufs Wort, was ihr Spre­cher ge­gen­über der BZ an­ge­kün­digt hat: „Eine Sen­sa­ti­on ist per­fekt, da kommt noch mal was. Wir wer­den wei­ter be­er­di­gen, bis die deut­sche Po­li­tik sich dem Pro­blem mit aller Ent­schlos­sen­heit an­nimmt. Min­des­tens mit der En­er­gie, mit wel­cher der Ver­kehrs­mi­nis­ter ver­sucht, die Au­to­bahn­maut durch­zu­drü­cken.“ Es sage kei­ner, es lie­ßen sich öde For­de­run­gen an die Po­li­tik „in der Fins­ter­nis hu­ma­ni­tä­rer Ka­ta­stro­phen und ge­no­zi­da­ler Kriegs­füh­rung“ nicht auch im Ti­ta­nic-Sprech rü­ber­brin­gen.

Volkswiderstand und Protestpotenzial

Die Ber­li­ner Zei­tung end­lich hat den Punkt be­nannt, von dem deut­sches Flücht­lings­ge­den­ken un­be­dingt aus­ge­hen muss: Den Lei­chen­ber­gen. „Wir wer­den mit den Fol­gen des­sen, was wir tun oder las­sen kon­fron­tiert. Das ist das eine. Das an­de­re ist: Die Ak­ti­on ver­wan­delt Lei­chen­ber­ge in zu Tode ge­brach­te Ein­zel­ne. Sie ver­wan­delt Flücht­lin­ge in Men­schen“. (Ber­li­ner Zei­tung, 19.6.2015) Wie immer die Mensch­wer­dung von an­ony­men Toten von­stat­ten­ge­hen soll – das ist schon egal. Wor­auf es ankam, war die An­eig­nung, wie man heute zu sagen pflegt, jener an­kla­gen­den Do­ku­men­tar­fil­me aus dem Jahr 1945, auf denen man ame­ri­ka­ni­sche Bag­ger die zu Ber­gen ge­schich­te­ten Lei­chen vor­wie­gend jü­di­scher KZ-In­sas­sen wegen der er­heb­li­chen Seu­chen­ge­fahr in die Gru­ben schie­ben sah, zu ganz an­de­ren Zwe­cken. Man schreit „ge­no­zi­dal“, ver­ein­nahmt Georg Elser und an­de­re, nur zu dem Zweck, sich be­trof­fen­heits­satt und to­des­ver­fal­len an die Re­la­ti­vie­rung der deut­schen Ver­gan­gen­heit zu ma­chen. Aber noch diese Ge­mein­heit hat einen tie­fe­ren Sinn, der bis in den Sprach­duk­tus an jene Zei­ten an­knüpft, in denen Deut­sche Lei­chen­ber­ge pro­du­zier­ten. Die vom Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit, die sich wie pro­fes­sio­nel­le Kla­ge­wei­ber bei öf­fent­li­chen Auf­trit­ten immer Asche ins Ge­sicht schmie­ren, sind so er­füllt von der Er­ha­ben­heit ihres Tuns, dass ihr Sprech in die hohe Spra­che der Ei­gent­lich­keit kippt, von der die des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus alles hat. In Bezug auf ihre Be­gräb­nis­ak­ti­on auf dem Fried­hof von Gatow sag­ten sie allen Erns­tes: „Das Wun­der des eu­ro­päi­schen Den­kens, das hier und jetzt von Deutsch­land aus­geht, ver­brei­tet sich wie ein Lauf­feu­er in der Welt.“ Ge­münzt auf die große Ver­söh­nung am end­lich deut­schen Welt­flücht­lings­tag wäre es das rech­te Wort ge­we­sen. Dem Vol­ker Zastrow hätte es ge­fal­len, aber der Bun­des­prä­si­dent, der an­ders als Ber­li­ner Künst­ler noch mit Emp­find­lich­kei­ten aus dem Aus­land rech­nen muss, hat es sich dann doch nicht zu sagen ge­traut. Dazu be­darf es deut­scher Wi­der­stand­kämp­fer in der Tra­di­ti­on Chris­ti­an Schwarz-Schil­lings, die Kopf und Kra­gen ris­kie­ren. Wer da etwa mä­kelt wird an­ge­herrscht: „Wir ver­bit­ten uns, die­ses Wun­der klein zu ma­chen und uns in der Rolle von Pro­tes­tie­ren­den zu sehen. Die Be­er­di­gung von Men­schen kann und wird nie­mals ‚Pro­test‘ sein.“ Nein, Wi­der­stand ist Be­ru­fung, die den gan­zen ag­gres­si­ven Hu­ma­nis­ten er­for­dert: „Wir leben den Ver­ant­wort­li­chen vor, wie sie mit den Op­fern ihrer Ab­schot­tungs­po­li­tik um­ge­hen müs­sen.“ (Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit auf Face­book, 20.6.2015)

In Deutsch­land, wo man weiß, dass selbst in stumpf­sin­nig „Wir sind das Volk!“ kra­kee­len­den Leip­zi­gern nicht ag­gres­si­ve Aus­län­der­fein­de, son­dern ag­gres­si­ve Hu­ma­nis­ten ste­cken, deren Tun man nicht etwa als schnö­den Pro­test, son­dern als uns an­de­ren vor­ge­leb­te mo­ra­li­sche Meis­ter­stü­cke der deut­schen Re­vo­lu­ti­on zu be­wun­dern ge­lernt hat, wird jede Tafel, jeder Lap­pen so­fort nach Ge­brauch ein­ge­sam­melt, ar­chi­viert und ins Mu­se­um für po­li­ti­sche Schön­heit ver­frach­tet. Ru­pert Neu­deck ist über das Ver­hält­nis von Kunst und Volks­wi­der­stand an­läss­lich der Ak­ti­on „die Toten kom­men“ die schö­ne Ein­sicht zu dan­ken, dass „die Ge­sell­schaft froh dar­über sein soll­te, dass sie noch sol­che Pro­test­po­ten­tia­le in sich birgt, mit denen die Künst­ler ihre Kunst sicht­bar ma­chen kön­nen“ (Qantara.​de, 3.7.2015). Daran knüpf­te be­reits am 22.6.2015 die Bun­des­tags­frak­ti­on der Lin­ken an und for­der­te den Er­halt der Grä­ber auf der Reichs­tags­wie­se als Mahn­mal (ad-​hoc-​news.​de, 22.6.2015). Die Ab­ge­ord­ne­te Ulla Jelp­ke, die dann, wenn einer im Bun­des­tag spricht, der dem Ho­lo­caust ent­ron­nen ist, aber Is­ra­el mit­be­grün­det hat, sit­zen bleibt, wahr­schein­lich des­halb, weil sie über „Mas­sen­ster­ben“ be­son­ders gut Be­scheid weiß, er­klär­te, warum nach Neuer Wache und Ho­lo­caust­denk­mal ein drit­tes und end­gül­ti­ges deut­sches Mahn­mal drin­gend ge­braucht wird: „Jetzt im wahrs­ten Sinne des Wor­tes wie­der Gras über die sym­bo­li­schen Grä­ber wach­sen zu las­sen, ist an­ge­sichts des an­dau­ern­den Mas­sen­ster­bens an Eu­ro­pas Gren­zen die fal­sche Re­ak­ti­on“.

Anmerkungen:
  1. http://www.​pol​itic​albe​auty.​de/​toten.​html
  2. „Klaus Sta­eck sieht hier his­to­ri­sche Be­zü­ge bis heute: ‚Ich habe 1986 mein ers­tes Pla­kat zu die­sem Thema ge­macht, mit dem Titel Stell dir vor, Du musst flüch­ten und liest über­all: Aus­län­der raus.‘“ (Qantara.​de., 3.7.2015)
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Ausgabe #14 vom 01.11.2010

Zur Aktualität des Antirassismus

Auf dem größten der antisemitischen Massenaufmärsche, die in Wien anlässlich der Aufbringung der Friedensflotte genannten antiisraelischen Armada abgehalten wurden, wurde neben Fahnen der Hisbollah, der Hamas, der Islamischen Republik Iran sowie Flaggen des militanten Jihad auch ein Transparent mitgeführt, auf dem zu lesen war: „Der Kampf gegen Israel ist nicht Antisemitismus, sondern Antirassismus.“ [1] Angesichts solch einer Ausführung, die vielleicht in ihrer Eindeutigkeit, nicht aber in der in ihnen sich reflektierenden Argumentation hervorsticht, sondern vielmehr von den Israelkritikern unterschiedlichster Couleur geteilt, ja sogar als Ausweis für Reflektiertheit sowie Menschen- und Friedensfreundlichkeit angeführt wird, stellt sich die Frage, was für ein Begriff von Rassismus dem Antirassismus als Weltanschauung zugrunde liegt und warum dieser geradezu notwendig auf so geartete Feststellungen hinauslaufen muss.

Den Vorwurf, selbst antisemitisch zu sein, weisen Antirassisten, wie man nicht zuletzt an dem angesprochenen Transparent sehen kann, weit von sich; eine zum antirassistischen Ticket gehörige Sensibilität, die sich auf Völkerverständigung und Minderheitenschutz beruft, gilt als Beweis, dass man kein Antisemit sein könne, weil man kein Rassist sei. Schon in dieser Argumentation wird deutlich, dass ein bestenfalls diffuses Verständnis des Antisemitismus vorherrscht: Er wird lediglich als eine Spielart des Rassismus betrachtet, als einer von vielen „Rassismen“ [2], der sich in diesem konkreten Fall eben gegen Juden richtet, wie andererseits die Islamophobie sich Moslems als Ziel suche. Dieses interessierte Unverständnis ist es, das dem Gerede von „strukturelle[n] Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit“ zugrunde liegt, wobei es mittlerweile zum kritisch sich gebenden Repertoire der solcherart Argumentierenden gehört, gleichermaßen reflexartig wie gehaltlos darauf hinzuweisen, diese Konstatierung von Parallelen geschehe, „ohne billige Gleichsetzungen anstellen zu wollen.“ [3]

Der Rassismus im Allgemeinen entspränge dem Hass auf das Fremde und der Furcht vor dem Unbekannten, sei also ein Vorurteil im strengen Sinne des Wortes. Der Antisemitismus im Besonderen sei demgemäß eine solche Fremdenfeindlichkeit gegen und Diskriminierung von Juden. Der Hass auf den Zionismus, der in antirassistischen Kampfparolen gegen Israel wie den eingangs zitierten sich ausdrückt, kann in diesem Verständnis nicht als Antisemitismus begriffen werden – dies nicht zuletzt deswegen, weil die vernunft- und zivilisationsfeindliche Ranküne geradezu naturwüchsig zur Grundausstattung der Warner vor Islamophobie, ihrer Vorstellung von Rassismus und der darüber vermittelten eigenen Israelkritik gehört. [4] Unter dem Kampfbegriff Islamophobie wird mittlerweile so gut wie jede Kritik am Islam und dessen politischer Praxis subsumiert – auch wenn seine Propagandisten treuherzig versichern, gegen „Kritik an einzelnen Phänomenen des Islam überhaupt nichts [zu] haben“ [5] –, und er wird in einem weiteren Schritt als ein den „judeophobe[n] Aspekten“ des „Diskurses“ [6] gleichwertiges, wenn nicht aktuelleres und damit brennenderes Phänomen verstanden. Neben den bereits aufgeführten geben etwa die Veröffentlichungen des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung und seines Leiters Wolfgang Benz oder die des konkret-Autors Kay Sokolowsky [7] – um nur zwei weitere relativ beliebige Beispiele zu nennen – beredtes Zeugnis von dieser Tatsache. [8]

Zum Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus
  Materialistische Kritik dagegen hat kenntlich zu machen, dass der Rassismus historisch die Biologisierung von Produktivitätsgefällen darstellt. Als gesellschaftlich notwendiger Schein kolonialer Praxis entsprang er daraus, dass die Wertbestimmung kolonialer Arbeitskraft in Natur aufgelöst wurde – dass die kolonialen Arbeitskräfte auf Natur, auf quasi tierisches Dasein reduziert wurden. Sie wurden als „Minderwertige“ projiziert und ihre gesellschaftliche Stellung naturalisiert. Ihre Erscheinung als koloniale Arbeitskraft wurde also für das Wesen genommen, sodass es an der Oberfläche erschien, als ob die minderwertige Behandlung einer „natürlichen Minderwertigkeit“ entspreche, wie auf der anderen Seite die Kolonialisierung der „natürlichen Überlegenheit“ der Europäer entspringe. [9] Zu Zeiten des Kolonialismus und der Sklaverei, zu Zeiten der Durchsetzung des Weltmarkts also, heftete sich diese die Unterdrückung rationalisierende Verkehrung an einen realen gesellschaftlichen Unterschied, den zwischen kapitalistischer und vorkapitalistischer Subjektivität. [10] Dieser Unterschied existiert jedoch nicht mehr – was allerdings nicht bedeutet, dass sich die verkehrende Projektion aufgelöst hat und verschwunden ist. Vielmehr hat sie eine Transformation und Verallgemeinerung erfahren und befriedigt nun ein allumfassendes psychisches Bedürfnis der krisenhaft konstituierten kapitalen Subjekte.

Der Rassismus ist demgemäß zu verstehen als eine objektive Verkehrung, durch den die Einzelnen sich ihre Tauglichkeit zur Verwertung bzw. ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft als Naturmerkmal halluzinieren. Sie spalten die in der nachbürgerlichen Gesellschaft allumfassend gewordene Angst ab, der eigenen gesellschaftlich produzierten Überflüssigkeit überführt zu werden, und projizieren diese in die Außenwelt. Der identitäre Wahn ist solcherart eine Ideologie der Konkurrenz, eine Abgrenzung gegen und – letzten Endes – Feinderklärung an den nicht zum eigenen Kollektiv Gehörigen. In diesem wird, wie verkehrt und wahnhaft auch immer, der Konkurrent, die Arbeitskraft und damit der Gleiche erkannt, als der er gleichzeitig gebannt werden soll, was durch seine Reduzierung auf Natur, die zur Verwertung nicht tauglich ist, bewerkstelligt wird. Dadurch wird er überhaupt erst zu jenem Ungleichwertigen erklärt, der er in der Realität des global durchgesetzten Weltmarkts und seiner Subjektivität eben per se nicht ist. Wie sehr in dieser Denkform der Konkurrent immer noch aufscheint, und wie wenig die Projektion von eigener Verwertbarkeit aufgrund „natürlicher“ oder „kultureller“ Zugehörigkeit selbst von denen ganz geglaubt wird, die solche Vorstellungen hegen, das zeigt schon das zwangsläufig gleichzeitige, aber entgegen gesetzte Szenario, demgemäß dieselben Zuwanderer, die doch als bloße Natur zu Wert schöpfender Arbeit gar nicht in der Lage sein sollen, nur deswegen „zu uns“ kämen, um „uns die Arbeitsplätze wegzunehmen“. Gegen den vorherrschenden Rassismusbegriff wäre also kritisch einzuwenden, dass der Rassist und Fremdenhasser am Ausländer gerade nicht das Fremde und Andersartige – die Differenz, wie es im postmodernen Jargon heißt – hasst, sondern vielmehr die Gleichartigkeit. Was der Ausländerfeind also verabscheut, und wogegen er verzweifelt seine nationale Besonderheit stellt, ist die Gleichheit und Ununterscheidbarkeit der als Subjekte konstituierten Individuen im Prozess der kapitalen Verwertung – und darüber vermittelt seine eigene Austausch- und Ersetzbarkeit.

Doch in Zeiten des durchgesetzten Weltmarktes und seiner massenhaften Produktion von für den Fortgang der Verwertung Überflüssigen gibt es kein natürlich scheinendes Kriterium – wie etwa die Hautfarbe –, das den Einzelnen ihre produktive Indienstnahme und damit ihre Zugehörigkeit zum Kollektiv der Überlegenen sichert. Gerade diese Tatsache aber nötigt diese Einzelnen umso mehr zum Beharren auf der eigenen Unverwechselbarkeit und der Attributierung der Konkurrenten als Fremde oder Nicht-Dazugehörige. Genau in dieser Tatsache ist denn auch die in den letzten Jahren immer verstärkter zu beobachtende Fahndung nach kollektiven Identitäten zu verstehen: die Suche nach unhintergehbarer Identität, deren Anerkennung den Individuen ihren „Platz an der Sonne“ – d.h. an der Werkbank – garantieren soll. Der arbeitsgerichtliche Streit etwa darum, ob Ossis eine eigene Ethnie sind und deswegen dem Antidiskriminierungsgesetz unterliegen, [11] ist nur eine, lediglich auf den ersten Blick belanglos und absurd wirkende Erscheinung dieses gesamtgesellschaftlichen Trends. Die Ununterscheidbarkeit der auf Kapitalproduktivität und Staatsloyalität festgelegten Monaden treibt diese zur Behauptung der Differenz. Sie treibt sie zur Forschung nach Merkmalen, die die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv unhintergehbar begründen und entweder die als fremd Attributierten draußen halten, oder den Sich-selbst-Ethnifizierenden einen Zugang zu den Futtertrögen garantieren sollen, indem sie sich als unter Schutz zu stellende „Andere“ gerieren.

Statt nun aber die Willkürlichkeit der kollektiven und identitären Zuschreibungen als Ergebnis der negativen Vergleichung durch Staat und Kapital zu kritisieren, beteiligt sich der Antirassismus an der Verschleierung eben dieses Mechanismus. Die Projektion der kollektiven Verschiedenheit wird nicht als dem Wunsch des kapitalen Subjekts entsprungen kritisiert und nicht als wahnhafter Versuch denunziert, der Gleichheit der Konkurrenz zu entgehen, sondern wird vielmehr in der Anerkennung der „Verschiedenartigkeit der Kulturen“ affirmiert und bloß positiv gewendet. Dieser Antirassismus nimmt den rassistischen Impuls auf, der die Verschiedenheit der Menschen nicht als je individuelle Qualität, sondern als Ausdruck eines unentrinnbaren Kollektivs behauptet. So schreibt etwa Iman Attia in ihrem Buch Die westliche Kultur’“ und ihr Anderes: „In gesellschaftskritischer Perspektive und von soziologischen Begriffen, Fragestellungen und Aufgaben ausgehend, ergänzt die poststrukturalistische Sozialwissenschaft mit der Kategorie ‚Kultur’ die bislang zentralen Kategorien der Struktur und des Subjekts. Als Bindeglied zwischen Struktur und Subjekt ist Kultur der Bereich, in dem Subjekte in den Strukturen handeln, sie sich aneignen, sie hervorbringen und transformieren. […] Dieser Prozess, in dem Subjekte und Strukturen sich aufeinander beziehen, findet seinen Rahmen und seinen Ausdruck in der Kultur.“ [12]

Was sich hier gesellschaftskritisch gibt, ist das genaue Gegenteil davon, nämlich die begriffliche Verdopplung der gesellschaftlichen Realität, statt ihrer kritischen Durchdringung: Die Annerkennung der Menschen findet nicht als Anerkennung dieser als besondere Individuen statt, sondern als Exemplare kultureller Kollektivsubjekte. Die Einzelnen werden entindividualisiert und zu klar abgegrenzten Repräsentanten fremder Kulturen gemacht, deren Kritik als eurozentristische Anmaßung aufgefasst wird. Um auch hier nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, sei ein Aufsatz von Sawitri Saharso zitiert, in dem sie ausführt, dass es rassistisch sei, die Entfernung der Klitoris als Verstümmelung (Mutilation) zu bezeichnen und zu verbieten: „Das Problem eines solchen Verbots ist aber, dass viele Lebensweisen mit Praktiken der Geschlechterdiskriminierung verbunden sind. Obwohl ich begrüßen würde, wenn wir uns alle feministischen Überzeugungen anschließen würden, haben wir in unserem Privatleben das Recht, geschlechterdiskriminierende Praktiken zu wählen. Eine Praktik aufgrund von Geschlechterdiskriminierung zu untersagen, würde bedeuten, dass all diese Praktiken nicht mehr länger rechtens wären. Dies würde aber unzulässigerweise persönliche Freiheiten einschränken.“ [13] Solcher Antirassismus, der sich allen Ernstes als emanzipatorischer Sprecher für die Unterdrückten begreift, baut auf einer positiv verstandenen kulturellen Identität der Menschen und Völker auf, und schreckt dabei zwangsläufig nicht davor zurück, auch noch die schlimmsten Verbrechen als „persönliche Freiheit“ innerhalb der kulturellen Vielfalt unter Naturschutz und damit unter Kritikverbot zu stellen.

Der Rassismus wie der Antirassismus sind objektive Denkformen der warenproduzierenden Vergesellschaftung und als solche Ausdruck des Wahns mittels dessen die kapitalen Subjekte sich einer als natürlich imaginierten, unaufkündbaren Zugehörigkeit zum Kollektiv, zur Gemeinschaft der Unabkömmlichen versichern möchten. Die allumfassende Nötigung, die eigene Nützlichkeit und Vernutzbarkeit im Gange der Verwertung, welche stets nur verlangt, niemals aber garantiert ist, zu beweisen, ist solcherart aber nicht aus der Welt zu schaffen. Die harmonisch halluzinierte Gemeinschaft entpuppt sich stets wieder als Zwangszusammenhang von Konkurrenten, die ihrem Verwiesensein an den kapitalen Prozess, den doch nur sie selbst in Gang halten, nicht entgehen können. Sie befinden sich in einer objektiven Situation, in der sie der negativen Vergleichung in der Konkurrenz ausgesetzt sind, welche einerseits ihre Subjektivität permanent setzt, diese aber ebenso permanent bedroht und hintertreibt. Dies bringt den Hass auf das gleichmachende Prinzip und alles, was damit identifiziert wird hervor. Das „automatische Subjekt“ (Marx), das die Einzelnen durch ihr gesellschaftliches Handeln produzieren und reproduzieren, wird von ihnen in einem Akt der Veräußerlichung als über ihnen stehende Macht konkretisiert und soll als Aggressor dingfest gemacht werden: als Finanzkapital und Spekulantentum [14], als Globalisierung, als Arroganz und Maßlosigkeit des Westens u. ä. „Die Feindschaft der Völker gegen die Globalisierung von außen entspricht der Feindschaft der Kollektivsubjekte gegen den Zersetzer im Inneren. In multipler Form entsteht so das ‚ewig jüdische Prinzip’ neu, jenes das stets verneint.“ [15]

Die kapitalen Subjekte halluzinieren sich ein personifiziertes negatives Prinzip, auf das sie alle krisenhaften Phänomene der Moderne projizieren, ihm Allmacht und Allgegenwärtigkeit unterschieben, und es für alle empfundenen Übel und Ungerechtigkeiten verantwortlich machen. Insofern schwingt im Antisemitismus notwendig und immer ein sozialrevolutionäres Moment mit – die Schreckgestalt eines verneinenden Prinzips, das die Menschen, die Völker und Kulturen ins Übel stürzt, das ihre Identität unterwandert und zu zersetzen droht; diesem Prinzip soll es an den Kragen gehen, um so Identität endgültig und definitiv fest- und stillzustellen. In genau diesem Zusammenhang ist auch das eingangs zitierte Transparent zu verstehen: Der jüdische Staat wird als jener rassistische Aggressor projiziert, der die schützens- und erhaltenswerten Kulturen, Differenzen und „Praktiken“ (Saharso) der Welt bekämpft und zerstört, um sie unterjochen und ausbeuten zu können und den an diesem Unterfangen zu hindern als antirassistische Pflicht erscheint.

Es existiert ein fundamentaler Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus: Ersterer „ereignet sich […] im Rahmen von Vergleichung und Konkurrenz, während der Antisemitismus sich gegen die durch den Tausch gestiftete Vergleichung der Individuen als kapitale Subjekte wendet.“ Letzterer rationalisiert also die Vergleichung als Verschwörung und projiziert sie auf empirische Personen, die er ohne Rücksicht auf ihre Besonderheiten aus der Welt schaffen möchte. „Antisemitismus ist der barbarische Aufstand aller Ressentimentgeladenen und Opferwütigen, egal, wie sehr sie mit welch ‚rassistischen’ Vorwänden auch immer sich untereinander selbst ans Leder wollen.“ [16] Dies ist auch der Grund, warum sich unter jenem antiisraelischen Transparent eine auf den ersten Blick derart heterogene Masse versammeln kann, wie auf der Demonstration in Wien am 4. Juni 2010: Internationalistische Trotzkisten, arabische Islamisten, kurdische Nationalisten, türkische Faschisten der Grauen Wölfe und „Feministischer Widerstand gegen imperialistischen Krieg“ [17] – der Bezug auf den gemeinsamen Feind, der gemeinsame Hass auf das Abstrakte und die Sehnsucht nach unhintergehbarer Gemeinschaft schafft die Einheit der antisemitischen Internationale; diese ungenießbare Melange ermöglicht die Konstituierung jener Hetzmasse von einander spinnefeindlich gesinnten Rackets.

Es ist allein der Antisemitismus, der als allumfassende Welterklärung auftritt und eine existentielle Feinderklärung vornimmt, die ohne Rücksicht auf alle individuellen und sozialen Eigenschaften vorgeht und alle von ihm Betroffenen auf bloße Opfer, auf zu vernichtendes Material reduziert. Er ist die autoritäre Rebellion gegen die widersprüchliche und krisenhafte Konstitution der als kapitale Subjekte gesetzten Individuen und als solche gleichzeitig die bewusste Exekutierung der barbarischen Züge, die die kapitalvermittelte Vergesellschaftung in ihrem Verlauf aus sich selbst heraus produziert. Der Antisemitismus ist somit zu charakterisieren als fetischistische Revolte gegen das Kapital auf der Grundlage des Kapitals, und genau darin, eine konformistische Rebellion gegen das Kapital auf dessen eigener Grundlage exekutieren zu wollen, gleicht sich der gesinnungsethische Antikapitalismus der Antiglobalisierer und der Panarabisten, der Islamisten und der Antiimperialisten, was auch erklärt, warum der Antisemitismus ein notwendiges Moment all dieser Weltanschauungen ist; und zwar genau jenes verbindende Moment, das ihre jeweilige Avantgarde auf der Mavi Marmara hat zusammenfinden lassen.

Antirassismus als Antikapitalismus

Der spontane Antikapitalismus, für den in Deutschland paradetypisch „Die Linke“ steht, erklärt Ausbeutung und Verelendung als Ausfluss egoistischer und raffgieriger Absichten, fasst diese in weiterer Folge als rassistische Diskriminierung und Ausplünderung der Völker der Dritten Welt und ist bestrebt, darüber die Zusammenrottung der Verelendeten zum Kollektiv der sich Wehrenden und Zurückschlagenden zu betreiben, wie man nicht zuletzt an den Geschehnissen rund um die antisemitische Piratenfahrt gen Gaza beobachten konnte. Es entspricht genau der antirassistischen Weltanschauung, wenn Anette Groth von einer „unglaublich gute[n] Atmosphäre“ inklusive Gesang auf der Mavi Marmara schwärmt und Norman Paech erklärt, sich in diesem „bunte[n] Treiben“ wie auf einem „Bazar“ gefühlt zu haben. [18] Es entspricht genau dieser Disposition, dass beide nichts als harmonische und friedliche Vielfalt der Kulturen erkannt haben wollen, bis die israelische Soldateska diesem fröhlichen und bunten Treiben ein gewaltsames Ende bereitet habe und dafür zurecht mit Gewalt konfrontiert wurde, die nichts als Gegenwehr und Selbstverteidigung gewesen sei. Der an dieser Stelle als repräsentatives Beispiel einer sich selbst als oppositionell halluzinierenden Organisation herangezogene BAK Shalom gibt zu dieser Irrenlogik dann das Feigenblatt ab, indem er in seiner Stellungnahme zur „Unterstützung der ‚Friedensflotille’“ den Parteigenossen Höger, Paech und Groth erst Respekt ob der „widrigen Umstände, die sie durchmachen mussten“, ausspricht und ihnen danach ins Stammbuch schreibt, dass sie es bei der grundsätzlich nicht verwerflichen „Infragestellung der israelischen Blockadepolitik“ ein wenig übertrieben hätten, um schließlich ebenfalls die Souveränität des jüdischen Staates zu untergraben, indem er ihm kluge Ratschläge gibt und eine internationale Untersuchungskommission fordert. [19]

Es ist der Antirassismus selbst, der den Rassismus nicht als eine objektive Gedankenform der globalen kapitalistischen Vergesellschaftung begreifen kann. Er macht ihn stattdessen zu einer Chiffre für Unrecht und Ungerechtigkeit schlechthin und schwingt sich so zum ressentimentgeladenen Deutungsmuster für gesellschaftliche Prozesse aller Art auf. Um auch hier wieder nur ein Beispiel zu nennen: Im Vorfeld der berüchtigten Durban Review-Konferenz letztes Jahr in Genf hielt das Forum für Menschenrechte in Israel/Palästina, dem etwa Amnesty International Schweiz und die Schweizer Caritas angehören, am 19. April 2009 eine Israel Review-Konferenz ab. Auf dieser wurden allen Ernstes israelische Swimming Pools zu rassistischen Unterdrückungsmaßnahmen erklärt, die den in der palästinensischen Scholle wurzelnden Olivenhainen das Wasser abgraben würden. [20] Wie Leo Löwenthal bereits in den 1940er Jahren festgestellt hat, dient diese Art der Agitation nichts anderem als dem Schüren von „Ressentiments gegenüber den Exzessen des Luxus.“ In seiner Studie Falsche Propheten führt er aus: „Der Agitator entwirft ein bizarres Bild überdimensionierter luxuriöser Besitztümer, […] wo es von Schwimmbassins nur so wimmelt.“ [21]

Der so argumentierende Antirassismus ist eine antikapitalistische Bewegung, die sich die Verallgemeinerung des Elends auf ihre Fahnen geschrieben hat und die, die sich unter dieser Fahne sammeln, erwarten nur eine Form der Belohnung: Sie dürfen ihr Mütchen an den im Luxus verkommenen Sündern kühlen, wenn ihnen diese als Beuteopfer in die Hände fallen. Seine Agitation zielt darauf, die Gesellschaft in identitäre, gemeinschaftliche Elendsselbstverwaltung zu überführen. Die zu schützenden Völker und Kollektive sind charakterisiert dadurch, dass sie durch rigide Verzichtsmoral und das aggressive Einklagen eines Opferstatus zusammengehalten werden und dieses Einklagen ermöglicht es, sich als jene „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus) zu präsentieren, die aus den Ausführungen Groths und Paechs spricht. Dieses Einklagen ermöglicht es, sich als Opfer zu fühlen und aufzutreten, das in der Verfolgung des imaginierten Verursachers der als Übel und Ungerechtigkeit empfundenen gesellschaftlichen Verhältnisse immer nur in Notwehr auf einen äußeren Aggressor zu reagieren beansprucht. So charakterisiert auch Jürgen Habermas die Selbstmordanschläge islamistischer und panarabistischer Rackets als psychologisch nachvollziehbare Reaktion, mit der eine durch „gewaltsame Entwurzelung“ „aus ihren kulturellen Traditionen herausgerissene Bevölkerung“ auf die „aufreizend banalisierende[…] Unwiderstehlichkeit einer materialistisch einebnenden Konsumgüterkultur“ reagiert. [22] Es gelte dementsprechend – so Habermas in einem anderen, gemeinsam mit Jacques Derrida verfassten Aufsatz –, den jihadistischen Terror als eine Bewegung zu sehen, welche den Westen „für die Gewalt einer oktroyierten und entwurzelnden Moderne zur Rechenschaft“ zieht. [23]

Nicht die Jihadisten mit ihrem Hass auf den Westen sollen die Urheber der Selbstmordanschläge sein, sondern der arrogante und überhebliche Westen, der seine Kultur dem gesamten Erdball aufzwinge, fordere solch antirassistische Gegenwehr geradezu heraus. Diese wird folglich auch nicht als Krieg, sondern geradezu als – wenn auch manchmal überzogen gewaltsame – kulturbewahrende Notwendigkeit verstanden, womit die antiwestliche Enthemmung zugleich gegen jede Kritik immunisiert wird. Durch die Selbstentmündigung mittels der Reklamierung des Status als bloßes Opfer verbitten sich die Kollektive und ihre Fürsprecher nicht nur jede Einmischung, sondern auch jede Kritik von vornherein als ethno- oder eurozentristische Arroganz und als Rassismus. So schreibt etwa Judith Butler in ihrem Aufsatz Unbegrenzte Haft in Hinblick auf jihadistische Kämpfer: „Wenn wir annehmen, dass jeder Mensch so Krieg führt, wie wir das tun, und daß dies ein Teil dessen ist, was ihn erkennbar menschlich macht, […] dann verwenden wir einen begrenzten und begrenzenden kulturellen Rahmen für unser Verständnis dessen, was es heißt, menschlich zu sein.“ [24] Und sie fährt fort: „Wenn diese Gewalt Terrorismus ist anstatt Gewalt wird sie als ein Handeln ohne politische Zielsetzung aufgefasst, oder sie kann politisch nicht gedeutet werden. […] Daß es ein islamischer Extremismus oder Terrorismus ist, bedeutet einfach, daß die bereits vom Orientalismus bewirkte Entmenschlichung auf die Spitze getrieben wird, so daß diese Art von Krieg aufgrund ihrer Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit von den Annahmen der Universalität und vom Schutz der Zivilisation ausgenommen wird.“ [25] Auch hier sind es wiederum nicht die Jihadisten, die, wie man in jeder ihrer Verlautbarungen nachlesen könnte, ganz selbstbewusst einen Kampf gegen die Zivilisation führen und diese vernichten möchten, die an der Barbarisierung der Verhältnisse arbeiten, sondern der rassistische Westen mit seinen universalistischen Vorstellungen etwa vom Kriegsrecht. Während der Kampf gegen Rassismus, wie ihn etwa die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern geführt hat, den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen von universalistischen Rechtsansprüchen kritisierte und dagegen vorging, dreht der Antirassismus den Spieß um: Er behauptet, vernunftgeleitete Maßstäbe seien rassistisch, weil westlich. Er denunziert und verwirft so den Universalismus als Partikularismus – solange dieser nicht auch noch das grausamste Verbrechen im Namen der Kultur mit einbezieht. Der Universalismus, der Butler vorschwebt, ist der der vollendeten kulturell-konkreten Parzellierung im Kampf gegen die abstrakten Allgemeinbegriffe.

Der friedenssehnsüchtige Kampf gegen Israel

Dieser Antirassismus ist – wie bereits erwähnt – Ausdruck einer konformistischen Revolte gegen das Kapital. Er entspringt nicht dem Wunsch nach Emanzipation, sondern ist vielmehr das genaue Gegenteil von emanzipatorischer Umwälzung auf dem höchsten Niveau bestehender Vergesellschaftung. Stattdessen will er in einem einseitigen Angriff auf die als abstrakt abgespaltenen Seiten der Warenproduktion das Konkret-Natürliche retten und entspricht darin genau der antisemitischen Denkform. Die wertförmige, über das Geld vermittelten Vergesellschaftung wird nicht deswegen kritisiert, weil sie irrational und die von ihr gesetzte Individualität als Anhängsel der Wertverwertung eine ideologische und krisenhafte ist. Die Gesellschaft und der über sie vermittelte Individualismus werden vielmehr denunziert, weil längst schon keine Gesellschaft von Individuen mehr gedacht, geschweige denn verwirklicht werden soll, sondern lediglich ein weltweiter Ethnienzoo verschiedener Kulturen und anderer kollektiver Identitäten. „In mir“, formuliert Butler in ihrer Kritik der ethischen Gewalt, ist „eine andere Geschichte am Werk und es ist unmöglich zwischen dem ‚Ich’ […] und dem ‚Du’ – der Menge der ‚Dus’ –, das mein Begehren von Anfang an bewohnt und enteignet, zu unterscheiden.“ [26]. In allen von uns ist eine Geschichte, eine Struktur, ein Sein Heideggerscher Provenienz am Werk, das bedingt, dass wir „alle nicht genau umgrenzt, nicht wirklich abgesondert, sondern einander körperlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, einer in der Hand des anderen.“ [27]

Dass der als Menschenliebe und Verantwortungsethik auftretende Antirassismus sich aus trüben Quellen speist, aus genau jenem Hass auf den Konkurrenten, der im unmittelbar rassistischen Stereotyp offen zutage tritt und im antirassistischen nur positiv gewendet ist, sprechen die Vertreter dieser Weltanschauung offen aus. So hadert Judith Butler damit, dass der Westen in seiner arroganten Zentrierung auf Vernunft und Gesundheit, die „Gefährdetheit des Lebens“ [28] nicht als das unhintergehbare menschliche Existenzial affirmiere, sondern stattdessen versuche, diese in seiner Verdrängung des Todes und des Wahnsinns zu derealisieren und zu übertünchen. Es ist lediglich eine dünne Patina der Rationalisierung die sich über ihren todessehnsüchtigen Voyeurismus gelegt hat, wenn sie auf das Gefühl der Reue und Trauer hinweist, dass „die Bilder mit Napalm verbrannter Kinder“ im Vietnamkrieg ausgelöst haben. So bedauert sie, dass die „Medien solche Bilder nicht mehr zeigen“ und uns deswegen die Menschenleben „nicht in ihrer Gefährdetheit und Vernichtung erscheinen […].“ „Unter den derzeitigen Bedingungen der Darstellung“ so fährt sie fort, „können wir weder den gequälten Schrei hören noch durch das Gesicht gezwungen oder genötigt werden. […] [W]elche Medien werden uns diese Zerbrechlichkeit wissen und fühlen lassen und damit an die Grenzen der Darstellung gehen, so wie diese zur Zeit kultiviert und unterhalten wird?“ [29]

Butlers gesamte Ethik ist eine Apotheose des Leids als menschliches Existenzial. Den Anspruch auf Versöhnung wird man bei ihr vergeblich suchen, vielmehr denunziert sie ihn als anmaßende Hybris des modernen Subjekts und insofern spielt auch der Begriff des Glücks in ihrer Philosophie keine Rolle: Das Menschliche, das es zu schützen gelte, ist ihr vielmehr der „Schrei menschlichen Leidens, der keine direkte Darstellung zuläßt“ [30] – eine uns in Geiselhaft nehmende „Vokalisierung der Qual“. [31] Dies nicht etwa zu kritisieren und abzuschaffen, sondern anzuerkennen und zum Programm einer Ethik zu machen, ist das Anliegen von Butlers Schriften, in denen sie dezidiert die Bejahung der „Unfreiheit im Herzen unserer Beziehungen“ [32] propagiert. Diese Unfreiheit und damit Todesverfallenheit menschlichen Lebens nicht anzuerkennen, darin besteht für Butler die Kardinalsünde des Westens und seiner Subjektivität, die ihr eine einzige Veranstaltung ist, der unhintergehbaren Verletzbarkeit allen menschlichen Lebens zu entrinnen. Es gehe dem westlichen Denken darum, einen „‚moralischen Narzissmus’ (zu nähren), dessen Lustgewinn in seiner Fähigkeit liegt, die konkrete Welt zu transzendieren“ [33] – also Qual, Leid und dem Tode Ausgesetztsein abschaffen zu wollen, was laut Butler eine arrogante Halluzination ist.

Indem sie jedes über Immanenz hinausgehende Denken als Ausfluss moderner Subjektherrschaft und Selbstzurichtung denunziert, gerät ihr – wen wundert es noch – der Zionismus ins Blickfeld, jene politische Bewegung, die sich mit der Opferrolle der Juden nicht abfinden, sondern diese durch die Schaffung eines verteidigungsfähigen Staates beenden oder zumindest eindämmen will. Die Einfühlung ins Leid und die Denunziation jedes Versuches, das Unmenschliche aus der Welt zu schaffen [34], charakterisiert Judith Butlers Denken und bricht sich in den altbekannten Ressentiments Bahn. So kritisiert sie etwa Emmanuel Lévinas’ Versuch, über die Bedeutung des Holocaust für seine Verantwortungsethik nachzudenken, als eine alternative Version des Auserwähltheits-Anspruchs des Judentums. [35] Lévinas’ Überlegungen seien eine „skandalöse Darstellung des jüdischen Volkes“, eine zionistische Legitimationsstrategie, die „zu einem schrankenlosen Rückgriff auf Aggression im Namen der ‚Selbstverteidigung’“ ermächtige. [36] Während sie den Zionismus im Allgemeinen als „mörderische Aggression“ begreift, gesteht sie Lévinas gönnerhaft zu, dass sein Denken „hier wirklich durch Verletzungen und Beleidigungen geprägt “ [37] ist, die er erlitten habe. Dazu muss man wissen, dass Lévinas’ Eltern und Brüder in Litauen der nationalsozialistischen Vernichtung zum Opfer gefallen sind, welche für Butler gemäß ihrer Theorie diskursiver Einschreibung [38] kaum mehr als die Verwundung durch performative Sprechakte und diskriminierende Adressierungen ist: Offener als an dieser Stelle kann die poststrukturalistische Trivialisierung und Wegarbeitung von Auschwitz kaum ausfallen.

Dass Butler nur pars pro toto für das antirassistische Weltbild ist, wird deutlich, wenn man einen weiteren Blick in das bereits zitierte Buch Die ‚westliche Kultur’ und ihr Anderes wirft. Darin schreibt Iman Attia, dass es „eine deutsche Mitschuld an der Lage von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten“ gibt, und zwar „durch die nationalsozialistische Ermordung und Exilierung von Juden und Jüdinnen, die den politischen Zionismus und damit die Landnahme und Vertreibung von PalästinenserInnen forcierten.“ [39] Der „deutsche Beitrag zur Kolonialisierung des ‚Orients’ bereits vor dem Nationalsozialismus“ so führt sie weiter aus, sei beschränkt gewesen, da das Deutsche mit dem Osmanischen Reich verbündet war und dessen Interessen nicht in die Quere kommen wollte. „Im Zuge des Nationalsozialismus freilich zeigte das Deutsche Reich kein Interesse an der Unterstützung von Jüdinnen und Juden. [sic!] In diesem Kontext ist der deutsche Beitrag zur Kolonisierung Palästinas im Zusammenhang mit der eliminatorischen Politik (Holocaust) und dem zunehmenden Antisemitismus zu sehen, in dessen Folge die Gründung eines eigenen Staates als Ausweg eingeleitet wurde.“ [40]

Während Attia die Vernichtung des europäischen Judentums also rationalisiert, indem sie die Palästinenser zu deren eigentlichen Opfern erklärt, so tut Butler dies, indem die Shoa bei ihr, wenn überhaupt, dann nur als Verwundung vorkommt, aufgrund derer Levinas zum Zionisten wurde und so die „mörderische Aggression“ Israels gerechtfertigt habe. In ihrer in dem Text Sprache, Politik, Zugehörigkeit geführtenAuseinandersetzung mit Hannah Arendts Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft etwa ist mit keinem Wort von Antisemitismus und Vernichtung die Rede. Der Nationalsozialismus firmiert hier als jene „Zeiten“, in „denen Menschen deportiert wurden, ihre Rechte verloren, aus ihren Häusern vertrieben oder als Menschen zweiter Klasse geführt wurden.“ [41] Anders darf er auch nicht vorkommen, geht es Butler doch darum, Israel und die USA als die Erben dieser Politik darzustellen; als Erben, die diese Politik sogar noch übertreffen, da die „außergesetzliche Ausübung von Souveränität“ [42] zwar „nicht neu“ sei, der „Mechanismus“ aber, mit dem die USA und Israel sich dieses Instruments bedienten, um ihre Ziele zu erreichen, eine „Einmaligkeit“ darstelle. [43] Die Anschläge von 9/11 betrachtet Butler dagegen als tätige „Dezentrierung“, mittels derer Al-Qaida den USA die konstitutive Verwundbarkeit des Lebens vor Augen geführt habe. Der Jihadismus ist ihr also quasi eine Schickung des Seins, die die hybrishafte Seinsvergessenheit souveräner Subjekte anklagt, um so zum „Verlust der Überheblichkeit der Ersten Welt“ [44] beizutragen. Die USA aber hätten diese „Erfahrung der Demütigung“ [45] nicht genutzt und stattdessen zum Zwecke der Wiederherstellung ihres Subjektstatus’ den War on Terror als einen „Kreislauf der Gewalt im Namen der Gerechtigkeit“ [46] gestartet. Indem die Vereinigten Staaten sich so gegen das Sein abdichteten, indem sie Ordnung stifteten kraft der Verteufelung und Vernichtung der im Islam dingfest gemachten Differenz, machten sie „die Gewalt im Namen ihrer Verleugnung zum Dauerzustand“ [47], eine Gewalt, die sich nicht nur im offenen Krieg äußere, sondern auch in der universalistischen Kultur, welche die USA der Menschheit aufzwängen. In diesem Zusammenhang spricht Butler der Burka „wichtige kulturelle Bedeutungen“ als Notwehrmaßnahme gegen die rassistische Oktroyierung westlicher Werte zu: Diese stehe „für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie“, sie sei „eine Übung in Bescheidenheit und Stolz“ und diene „als Schleier […], hinter dem und durch den die weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann.“ [48] Demgemäß fasst sie Kritik an der Burka als „kulturimperialistische Ausbeutung des Feminismus“ [49], als Teil eines Programms der „Dezimierung islamischer Kultur“, das zur „Ausbreitung von US-amerikanischen kulturellen Annahmen führt, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien.“ [50]

Diese Gewalt wird für Butler wohl nur noch von der Israels übertroffen: Der jüdische Staat ist für sie der Inbegriff des National-Staates im Gegensatz zum post-souveränen Staat, dem Staat der Selbstbestimmung, den Butler sowohl durch den Internationalen Strafgerichtshof [51] als auch in Palästina heraufdräuen sieht, dem Staat der Selbstbestimmung, der das Territorium denationalisiert und so die Souveränität deformiert. [52] Israel dagegen als Nationalstaat par excellence gewinne seine Souveränität durch Vertreibung, Entrechtung und der Einrichtung von Gaza als „Open-Air-Gefängnis“ [53]; allesamt „Permutationen der Staatsmacht“ [54], mit denen es nationale Ordnung in die von Differenz geprägten Menschen einschreibt. Mittels dieser Einschreibung – in Bezug auf Israel kennt Butler plötzlich Einschreibungen, die nicht rein diskursiv sind, die mehr sind als die „Verletzungen und Beleidigungen“, die Lévinas durch den Nationalsozialismus erlitten habe – realisiert Israel seine Souveränität als „spezifische Anordnung von Macht und Zwangsmitteln, die eigens dazu bestimmt ist, die Lage und den Zustand des Enteigneten zu schaffen und zu erhalten“ [55] und ist so für Butlers Weltanschauung der Inbegriff eines rassistischen Apartheidsystems schlechthin. Dementsprechend bezeichnet sie Gaza auch als Ghetto und solidarisiert sich mit der Hisbollah [56], die sie als Widerstandsgruppe für die „Selbstbestimmung des libanesischen Volkes“ apostrophiert [57] und mit der Hamas, die sie gemeinsam mit der Hisbollah, den „progressiven sozialen Bewegungen“ und der „globalen Linken“ zurechnet, in der Butler auch sich selbst verortet [58] – auch wenn sie diese Solidarität als kritische verstanden wissen will, weil sie, wie schon Habermas und Derrida, die Gewaltfrage im Kampf gegen „Kolonialismus und Imperialismus“ etwas anders beantwortet sehen möchte. [59] Womit sich der Kreis geschlossen hat und wir wieder bei dem eingangs zitierten Transparentslogan angelangt wären: Der Kampf gegen vernünftige Universalität und damit der Kampf gegen allgemeinmenschliche Emanzipation, als welcher sich der Antirassismus heute darstellt, fällt notwendig mit dem Kampf gegen Israel zusammen – was man sowohl an dessen Theorie aufzeigen kann, als auch an der Praxis, etwa der Demonstrationen rund um die Verteidigung israelischer Souveränität gegen die Blockadebrecher von der Mavi Marmara.

Anmerkungen:

[1] Bilder dieses Aufmarschs sind zu finden unter:
http://www.flickr.com/photos/49643818@N03/sets/72157624078673959/.  [2] Gudrun Harrer, Die Angst vor dem „Muselblut“, in: Der Standard, Album vom 28.08.2010, S. A11.

[3] Ebd.

[4] Als partes pro toto seien hier zwei jener Bücher genannt, welche Gudrun Harrer in dem erwähnten Standard-Artikel der geneigten Leserschaft als Werke von „Spezialisten“ empfiehlt: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost, hrsg. v. J. Bunzl u. A. Senfft, Hamburg 2008 und Islamophobie in Österreich, hrsg. v. J. Bunzl u. F. Hafez, Innsbruck – Wien – Bozen 2009.

Die in diesen beiden Bänden versammelten Aufsätze bieten mehr als genug Anschauungsmaterial für den hier konstatierten Zusammenhang. Der Aufsatz Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Überlegungen zum neuen Europa von Matti Bunzl dürfte den Herausgebern gleich dermaßen gefallen haben, dass sie in wortidentisch in beiden Sammelbänden veröffentlichten. In diesem erklärt Bunzl die Beschäftigung mit dem Antisemitismus für unerheblich, da er „sich ausgelebt“ habe, in die „Bedeutungslosigkeit“ versunken, „irrelevant“ und „obsolet“ geworden sei (S. 61 bzw. 39f.) und damit lediglich eine Kategorie der Vergangenheit darstelle: „Europa muss sich dem Problem des Antisemitismus stellen, und zwar unter Anerkennung seiner besonderen Geschichte. Dringlicher ist jedoch die Frage der Islamophobie, sowohl hinsichtlich der Zukunft Europas wie auch der geopolitischen Gesamtlage“, da sonst „eine weitere Zunahme des Antisemitismus […] unser geringstes Problem“ wäre. (S. 73f. bzw. 48)

[5] Harrer, Die Angst vor dem „Muselblut“, a. a. O., S. A11.

[6] John Bunzl, Einleitung, in: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie, a. a. O., S. 15.

[7] Kay Sokolowsky, Feindbild Moslem, Berlin 2009.

[8] So stellte etwa Wolfgang Benz am 26. 05. 2010 in der Sendung kulturzeit auf 3sat in Bezug auf die vom dänischen Künstlerduo „Surrend“ vorgenommene Bezeichnung des Deutschland-Korrespondenten der Jerusalem Post als Stürmer-Journalisten und als Teil der „jüdischen[n] Lobby in Deutschland“ fest, mit Antisemitismus habe dies nichts zu tun.

[9] Vgl. dazu: Peter Schmitt-Egner, Rassismus und Wertgesetz. Zur begrifflichen Genese kolonialer und faschistischer Bewusstseinsformen, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, hrsg. v. H.-G. Backhaus, Nr. 8/9, Frankfurt/M. 1976.

[10] Vgl. dazu und zu den Widersprüchen, die dem Rassismus daraus erwachsen: Clemens Nachtmann, Rasse und Individuum. Plädoyer für eine vollendet künstliche Amoral, in: Bahamas, Nr. 58/2009, S. 53ff.

[11] Vgl. dazu etwa: Christian Fahrenbach: „Ossi“-Vermerk beschäftigt Arbeitsgericht, unter: www.morgenweb.de/service/archiv/artikel/687146685.html: „Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), vereinfacht Antidiskriminierungsgesetz genannt, verbiete eine Absage mit dem Argument ‚Ossi’. Das Gesetz wolle schließlich Benachteiligungen aufgrund der ‚Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft’ ausschließen. ‚Die beiden Teile Deutschlands haben sich während der Trennung auseinandergelebt’, erklärt Nau [der Rechtsanwalt der ostdeutschen Klägerin; AG]. ‚Die Ostdeutschen hatten teilweise Wortbildungen und Sitten, die wir nicht kannten’, führt er aus. Die Richter müssen also entscheiden, ob der ‚Ossi’ eine eigene Ethnie ist. ‚Der Begriff >ethnische Herkunft< ist weder in der ursprünglichen europäischen Richtlinie noch im daraus abgeleiteten deutschen Gesetz genau definiert’, erklärt Heiko Habbe, Rechtsanwalt und Fachmann für Antidiskriminierungsrecht.“

[12] Iman Attia, Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, Bielefeld 2009, S. 18f.

[13] Sawitri Saharso, Gibt es einen multikulturellen Feminismus? Ansätze zwischen Universalismus und Anti-Essenzialismus, in: Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus, hrsg. v. B. Sauer u. S. Strasser, Wien 2008, S. 19.

[14] So macht etwa der sozialdemokratische österreichische Bundeskanzler Werner Faymann vaterlandslose Spekulanten für die ausbleibende Bildungsreform in Österreich und andere Angriffe auf die Gerechtigkeit verantwortlich: „Wir sind für eine gemeinsame Schule, für ganztägige Schulformen. Da betrachte ich solche Initiativen und schon gar nicht Sie persönlich als Gegner, sondern als Unterstützung. Es ist legitim, zu sagen, ich hätte gerne von allem das Doppelte und das gleich. Aber das funktioniert nicht. Nicht durch die Schuld eines Landes allein, sondern durch eine internationale Entwicklung haben Spekulationen der Realwirtschaft so viel Geld weggenommen, dass die Staaten jetzt einfach zu wenig haben. […] Auf der anderen Seite liefert die Spekulation der Finanzmärkte nichts an die öffentliche Hand ab. Für öffentliche Aufgaben, für das, was wir eine soziale und gerechte Welt nennen, ist dann weniger da.“ (Der Standard, 28./29.08.2010, S. 8)

[15] Uli Krug, Pazifistische Bruderschaft. Antirassisten und Nationalrevolutionäre gemeinsam gegen Zionismus und Globalisierung, in: Bahamas, Nr. 37/2002, S. 16.

[16] Clemens Nachtmann, Drittes Reich, Dritte Welt, Dritter Weg. Über Rassismus und Antirassismus, in: Bahamas, Nr. 43, 2003/04, S.58.

[17] Siehe unter: http://www.flickr.com/photos/49643818@N03/4669495160/in/set-72157624078673959/.

[18] Vgl. dazu den Report Mainz der ARD vom 07.06.2010. (http://www.youtube.com/watch?v=zm8-32abifM&feature=player_embedded)

[19] Vgl. http://bak-shalom.de/index.php/2010/06/06/stellungnahme-des-bak-shalom-zu-den-reaktionen-auf-den-stopp-der-free-gaza-flottille/.

[20] Vgl. http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1239710727591&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull.

[21] Leo Löwenthal, Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, in: Ders., Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus, Frankfurt/M. 1990, S. 42.

[22] Jürgen Habermas, Fundamentalismus und Terror, in: Ders., Der gespaltene Westen, Frankfurt/M. 2004, S. 19.

[23] Jürgen Habermas/Jacques Derrida, Der 15. Februar – oder: Was die Europäer verbindet, in: Habermas, Der gespaltene Westen, a. a. O., S. 51.

[24] Judith Butler, Unbegrenzte Haft, in: Dies., Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt/M. 2005, S. 109.

[25] Ebd., S. 108.

[26] Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002, Frankfurt/M. 2007, S. 102.

[27] Ebd., S. 136.

[28] Judith Butler, Gefährdetes Leben, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 170.

[29] Ebd., S. 177.

[30] Ebd., S. 170.

[31] Ebd., S. 165.

[32] Butler, Kritik der ethischen Gewalt, a. a. O., S. 124.

[33] Ebd., S. 141.

[34] Ebd. S. 142f.

[35] Vgl. ebd., S. 125ff.

[36] Ebd., S. 128f.

[37] Ebd. S. 128.

[38] Vgl. dazu: Judith Butler, Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt/M. 2006.

[39] Attia, Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes, a. a. O., S. 82.

[40] Ebd., S. 83.

[41] Judith Butler/Gayatri Chakravorty Spivak, Sprache, Politik, Zugehörigkeit, Zürich – Berlin 2007, S. 33 f.

[42] Judith Butler, Unbegrenzte Haft, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 119.

[43] Ebd., S. 112.

[44] Judith Butler, Gewalt, Trauer, Politik, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 57.

[45] Ebd., S. 43.

[46] Judith Butler, Erklärung und Entlastung oder: Was wir hören können, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 34.

[47] Ebd., S. 35.

[48] Butler, Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 168.

[49] Butler, Gewalt, Trauer, Politik,  a. a. O., S. 59.

[50] Butler, Gefährdetes Leben,  a. a. O., S. 168.

[51] „Ich glaube nicht, daß der Internationale Strafgerichtshof Souveränität kriminalisiert hat, aber es ist schon der Fall, daß er eine Reihe internationaler Schutzmechanismen entwickeln will, die nicht auf Basis der National-Staaten formuliert sind, wie es die Genfer Konvention tat. Das Versprechen ist also, daß ein postnationales Verständnis dessen entwickelt werden soll, was Menschenrechte sein könnten.“ (Butler/Spivak, Sprache, Politik, Zugehörigkeit, a. a. O., S. 68)

[52] Vgl. ebd., S. 70.

[53] Ebd., S. 10.

[54] Ebd., S. 12.

[55] Ebd., S. 9.

[56] Judith Butler u.a., Solidaritätserklärung mit den Menschen in Libanon und Palästina, unter: http://www.islinke.de/sol_libanon.htm.

[57] Butler, Unbegrenzte Haft, a. a. O., S. 119.

[58] Vgl. Judith Butler on Hamas, Hezbollah & the Israel Lobby, unter: http://radicalarchives.org/2010/03/28/jbutler-on-hamas-hezbollah-israel-lobby/.

[59] Judith Butler, In diesem Kampf gibt es keinen Platz für Rassismus,  in: Jungle World Nr. 30/2010. (http://jungle-world.com/artikel/2010/30/41420.html)

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Das evangelische Hilfswerk Heks hat die Basler Zeitung verklagt, weil diese ihm in einem Gastkommentar antisemitisch motivierte Aktionen vorwarf. Die vom Staat grosszügig mitfinanzierte Organisation versucht sich verzweifelt vom Sumpf loszusagen, in dem sie knietief drinsteckt.

Von Rico Bandle

Heks-Partnerorganisation Eappi in Jerusalem.Bild: zVg

Am 14. Juni trafen sich in Murten rund siebzig Abgeordnete des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes zur jährlichen Versammlung. Um die Freundschaft zwischen den Religionen zu betonen, war auch Herbert Winter geladen, der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), des Dachverbandes der Juden in der Schweiz. In einer «Grussbotschaft» an die Abgeordneten lobte er ausgiebig die «guten Beziehungen», die «gegenseitige Wertschätzung» – bis er plötzlich auf das Heks zu reden kam, das Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz. Dem Heks nahestehende Personen verbreiteten im Internet Hetzschriften gegen Israel und Juden – und das Heks würde das sogar billigen, sagte er.

Die heftigen Vorwürfe fussen auf den Vorkommnissen rund um die Zürcher Demonstration gegen die Gaza-Intervention Israels im Sommer 2014. Die Emotionen schlugen in Hass um, in Internetforen wurde in einer Art gegen Juden Stimmung gemacht, wie das in der Schweiz schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Von «vergasen» war da die Rede; man werde ins Zürcher Judenviertel gehen, um Zionisten zu verprügeln. Und das waren noch eher die harmloseren Kommentare.

Als der SIG das Heks diskret darauf aufmerksam machte, dass auf der Facebook-Seite einer Palästina-Aktivistin, die zweimal an dem vom Heks mitfinanzierten «Friedensprogramm» Eappi mitmachte, Mordaufrufe und andere strafrechtlich relevante Kommentare veröffentlicht worden seien, wurde er von Heks-Mitarbeitern schroff zurückgewiesen.

Politisch gefärbte Evangelische

Dass ausgerechnet im Umfeld des Heks solche antisemitischen Tiraden vorkommen, ist kein Zufall. Die Hilfsorganisation ist mit mehreren Programmen in den besetzten Gebieten tätig und leistet dort nicht bloss Hilfe für Bedürftige, wie man das von einem Hilfswerk erwartet, sondern ist auch an politisch gefärbten Aktionen beteiligt. Insbesondere die enge Zusammenarbeit mit dem angeblichen Friedensprogramm Eappi (Heks-Beitrag 2015: 262 000 Franken), aus dem immer wieder äusserst ­radikale Anti-Israel-Aktivisten entspringen, und die Unterstützung der israelischen Organisation Zochrot, die sich die Rückkehr der ­palästinensischen Flüchtlinge zum Ziel gesetzt hat, führten in letzter Zeit zunehmend zu Kritik, nicht nur von jüdischer Seite. Die Verantwortlichen des Heks sorgen sich deswegen mittlerweile um ihren Ruf. Doch statt dass sie die politischen Aktivitäten einstellen und sich auf humanitäre Hilfe konzentrieren, gehen sie mit juristischen Mitteln gegen Kritiker vor. Im März hatte der Basler Musiker David Klein – in der Israel-Frage nicht minder ob­sessiv wie seine Gegner – in der Basler Zeitung (BaZ) die Aktivitäten des Heks mit deutlichen Worten angeprangert.

Der damalige Heks-­Direktor Ueli Locher veröffentlichte wenige Tage später eine Replik, in der er die Projekte zur «Friedensförderung» verteidigte und Klein «diffamierende und verleumderische Züge» vorhielt. In einem nächsten Bericht warf Klein dem Heks vor, mit dem Einsatz von Mitteln für politische Gruppierungen gegen das eigene Stiftungsstatut zu verstossen, was eine Veruntreuung von Spendengeldern bedeute. «Der Hass auf Israel ist grösser als der Wunsch, Gutes zu tun.»

Das Heks nahm dies als Grund für eine ­Klage. Mit dem Vorwurf der Veruntreuung ­habe David Klein dem Heks eine Straftat unterstellt, was eine Persönlichkeitsverletzung darstelle, schreibt die Organisation in einer Stellungnahme. Man habe von der BaZ gefordert, den Artikel von der Website zu entfernen, «den Tatbestand der Persönlichkeitsverletzung auf aussergerichtlichem Wege anzuerkennen und eine entsprechende publizistische Wiedergutmachung zu leisten». Da die Zeitung den Forderungen nicht nachgekommen sei, habe man eine Anzeige beim basel-städtischen Zivilgericht eingereicht. Die BaZ wollte sich wegen des laufenden Verfahrens nicht dazu äussern.

Acht Millionen von der öffentlichen Hand

Ob der Vorwurf der «Veruntreuung» in diesem Fall erlaubt ist oder nicht, müssen die ­Gerichte entscheiden. Doch diese Detailfrage lenkt vom eigentlichen Gegenstand ab: dass das Heks einseitig Partei nimmt in einem internationalen Konflikt. Und damit selbst ­politisch aktiv ist. Zum Beispiel, wenn es von Grossverteilern fordert, Produkte aus den ­besetzten Gebieten speziell zu kennzeichnen oder besser «ganz auf den Verkauf zu verzichten». Stöbert man auf den Internet-Seiten von Heks-Partnerorganisationen wie Eappi, so wird dort unverblümt das Bild vermittelt: Israelis sind böswillige Aggressoren, die sogar mutwillig Kinder töten, Palästinenser hingegen sind unschuldige Opfer. Dass sich mehrere Schweizer Teilnehmer am Eappi-Programm auf Facebook als radikale Israel-Hasser in Szene setzen, trägt auch nicht zur Glaubwürdigkeit solcher Heks-finanzierter Programme bei.

Besonders stossend ist dieser politische Aktivismus, da sich das Hilfswerk zu einem beträchtlichen Teil mit öffentlichen Geldern finanziert. Rund 14 Millionen Franken erhält das Heks jährlich von Bund, Kantonen und Gemeinden, was 22 Prozent des Gesamtbudgets ausmacht. Zusätzlich kommen etwa 7 Millionen von den Kirchen, also aus Kirchensteuern. Allein die Beiträge des Bundes haben sich in den letzten fünf Jahren von 4,45 Millionen (2010) auf 8 Millionen (2015) fast verdoppelt. Beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sieht man in den Anti-Israel-Aktivitäten des Heks kein Problem – oder man schaut bewusst weg. «Dem Bundesrat sind keine Fälle bekannt, in denen im Zusammenhang mit dem Heks Probleme bezüglich der korrekten Verwendung von Spendengeldern aufgefallen wären», heisst es auf Anfrage. Und auch das Heks gibt weiterhin vor, allein vom humanitären Gedanken getragen zu sein. Alles andere wäre ein Eingeständnis, gegen ­eigene Vorgaben zu verstossen. Im Heks-­Strategiepapier heisst es nämlich, dass man sich «nicht von ideologischen, politischen, ­religiösen oder kulturellen Strömungen ­vereinnahmen» lasse.

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2015-33/mit-bundesgeldern-gegen-israel-die-weltwoche-ausgabe-332015.html

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Die steigende Präsenz der Salafisten hat das Stadtbild von Bonn nachhaltig verändert. Gefahren soll man ­offenbar erst ansprechen, wenn das Schlimmste eingetreten ist.

Von Thilo Sarrazin

Die ehemalige Bundeshaupt- stadt Bonn ist zu ­einer Hochburg der radikalen Salafisten geworden. Etwa zehn Prozent der aus Deutschland nach Syrien aus­gereisten radikalen Islamisten kommen aus Bonn, wo sie sich im Stadtteil Bad ­Godesberg konzentrieren. Mittlerweile ist ­Arabisch in Bonn die am zweithäufigsten ­gesprochene Sprache. Anknüpfungspunkt ist die König-Fahd-Akademie, eine saudi-arabische Auslandsschule, die über Jahrzehnte stark religiös ausgerichtete Familien aus ganz Deutschland anzog. 2003 hatte es ­einen ­Skandal um ihre radikalislamischen Schul­bücher gegeben. Seitdem handhabt die Schulbehörde die Befreiung der Schüler von der deutschen Schulpflicht restriktiver. Aber die demografische Ballung islamistischer ­Araber in Bonn Bad Godesberg ist nicht mehr umkehrbar und hat das Stadtbild nachhaltig verändert.

Drohung gegen Kirche

Die Stadt Bonn leugnet die Probleme nicht, aber sie spricht auch nicht gern darüber. Die Integrationsbeauftragte Coletta Manemann macht sich Sorgen über eine drohende Islamfeindlichkeit.

Die grösste evangelische Gemeinde in Bonn Bad Godesberg ist die Erlösergemeinde. Am 11. Dezember 2014 fand sich in ihrer Post ein anonymer Drohbrief mit Briefkopf und Unterschrift in arabischen Schriftzeichen. Er hatte folgenden Text:

«An den Vorbeter der Versammlung von ­Ungläubigen, die ihr evangelische Gemeinde nennt: Islam ist die einzig wahre Religion. Ihr bekommt die Gelegenheit zum Annehmen des Islam in den nächsten drei Monaten von jetzt an. Lest Al-Q’ran und nehmt den Islam an! Macht von eurem Haus eine Moschee, die nur den Muslimen offen steht! Ihr müsst in den nächsten drei Monaten erklären, dass ihr Islam freiwillig angenommen und von eurem Versammlungshaus eine Moschee gemacht habt. Das müsst ihr im TV und Internet machen, so dass alle Menschen davon hören und sehen. Wenn ihr euch aber Islam verweigert: Wir werden zuerst dich finden. Wir werden dich strafen im Namen von Allah, welchen du verleugnest! Wir werden deine Brut finden und strafen! Wir werden das Haus für eine Moschee einfach nehmen und alle strafen, die Islam nicht freiwillig angenommen haben!»

Das Presbyterium der Gemeinde entschied nach einer Beratung mehrheitlich, den Brief nicht zu veröffentlichen und die Gemeinde­mitglieder nicht zu informieren. Man fürchtete offenbar einerseits Repressalien, andererseits den Ruf der Islamfeindlichkeit. Nur durch eine Indiskretion kam es zu einer ­Weitergabe des Briefes, und nur auf Umwegen geriet er von da in meine Hände.

Verrückte Fanatiker

Offenbar wurde der Brief von einem verrückten Fanatiker geschrieben. Inhaltlich ernst zu nehmen ist er natürlich nicht. Aber verrückte Fanatiker steuerten vor vierzehn Jahren zwei Flugzeuge ins World Trade Center. Und verrückte Fanatiker, die in Europa aufgewachsen sind, kämpfen heute zu Tausenden beim IS. Nur: Wie geht man mit der Verrücktheit um? Ihre Gefahren soll man offenbar erst ansprechen, wenn das Schlimmste eingetreten ist. Und einen ideologischen oder religiösen ­Zusammenhang mit dem Islam soll man möglichst gar nicht herstellen, denn spätestens seitdem Bundespräsident und Bundeskanzlerin es sagten, wissen doch ­alle: «Der Islam gehört zu Deutschland.»

Aufschlussreich ist der Vergleich der Ereignisse im äussersten Osten und im äussersten Westen Deutschlands.

— Als der Drohbrief der Salafisten in den Briefkasten der Godesberger Erlösergemeinde wanderte, warnte Pegida gerade in Dresden vor der Islamisierung Deutschlands. Das wurde den demonstrierenden Bürgern sehr übel genommen, mindestens fand man ihre Befürchtungen lächerlich, weil es doch praktisch keine Muslime in Dresden gebe.

— Von Bonn kann man das wahrhaftig nicht mehr sagen. Dort, wo radikale Islamisten Drohungen aufs Papier bringen (oder nach ­Syrien ausreisen, wenn sie mehr tun wollen), schweigen die Bedrohten konsequent, vielleicht in der Hoffnung, so die Gefährdung abzuwenden, vielleicht aber auch beherrscht von der noch grösseren Angst, sie könnten als islamfeindlich gelten.

Islamfeindlichkeit wird in der veröffentlichten Meinung gleich neben Ausländerfeindlichkeit angesiedelt, von da ist es zum Rechts­populismus und gar zu rechtsradikalen Umtrieben nicht weit. Der gute Deutsche, der nicht in diese Ecke möchte, hält lieber den Mund, um nicht anzuecken, egal ob er in Bonn oder Dresden wohnt. Ganz unaussprechlich ist da die Befürchtung, unter den grossenteils muslimischen Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Afrika könne es Nachschub für radikale Ausprägungen des ­Islam in Deutschland und Europa geben. Wer soll sich auch schon äussern, wenn die Politiker es nicht tun, die Medien jeden bestrafen, der es tut, und die Kirchen sich so wegducken wie die Erlösergemeinde in Bad Godesberg.

Welches ist das nächste Tabu?

Auf dem Höhepunkt der Achtundsechziger Bewegung war das Schimpfwort Kommunistenfeind inhaltsgleich mit der Abstempelung als rechts und reaktionär. Mit dem Untergang des kommunistischen Ostblocks ist das Feindbild Kommunistenfeind zwangsläufig mit verschwunden. Natürlich zerbrach das System nicht an den Kommunistenfeinden, sondern an seinen eigenen Widersprüchen. Genau so wird der Islamismus nicht an den Islamfeinden, sondern an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde ­gehen. Man kann nur hoffen, dass bis dahin weniger Blut geflossen sein wird als im Falle des Kommunismus. Neugierig darf man sein, welches neue Tabu dann die ­Islamfeindlichkeit ablösen wird.

Thilo Sarrazin ist ehemaliger deutscher Bundesbanker und Bestsellerautor. Er schreibt einmal pro Monat exklusiv für die Weltwoche über die deutsche Politik.

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2015-33/brief-aus-berlin-mund-halten-wegducken-die-weltwoche-ausgabe-332015.html

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Wann fällt es unter die Presse- und Meinungsfreiheit, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen, und wann verletzt dies das Persönlichkeitsrecht von Leuten, die nicht Antisemit genannt werden wollen? Mit dieser Frage muss sich neuerdings immer öfter die deutsche Justiz befassen.

Im jüngsten Fall geht es um Xavier Naidoo, der die Amadeu-Antonio-Stiftung vor Gericht brachte (Jungle World 35/2015), weil er auf dem von der Stiftung betriebenen Portal »Netz gegen Nazis« indirekt als Antisemit bezeichnet worden war. Naidoo, der auch bei Demonstrationen auftrat, die aus dem Umfeld der »Reichsbürger« organisiert wurden, singt in einem seiner Lieder, »Baron Totschild« gebe den Ton an. Vor dem Landgericht Mannheim kam es schließlich zu einem Vergleich: Die Amadeu-Antonio-Stiftung wird den Popstar nicht mehr einen Antisemiten nennen, darf aber weiterhin bestimmte Liedzeilen als antisemitisch interpretierbar bezeichnen. Die Stiftungsvorsitzende Anetta Kahane sagte in einer Stellungnahme, dass es kein Interesse an einer langwierigen juristischen Auseinandersetzung mit dem Sänger gegeben habe. Dieser muss sich deutlich weniger vor den Prozesskosten fürchten als die Stiftung.

»Freiheit für Deutschland«: Xavier Naidoo spricht am Tag der Deutschen Einheit 2014 bei einer Kundgebung vor dem Kanzleramt in Berlin

»Freiheit für Deutschland«: Xavier Naidoo spricht am Tag der Deutschen Einheit 2014 bei einer Kundgebung vor dem Kanzleramt in Berlin (Foto: Action Press / Future Image / Michaela Ellguth )

Jutta Ditfurth hat kein Interesse an einem Vergleich. Die Publizistin bezeichnete Jürgen Elsässer, den Herausgeber des Querfrontmagazins Compact, in einem Interview mit der Fernsehsendung »Kulturzeit« auf 3Sat als »glühenden Antisemiten« (Jungle World 42/2014). Elsässer war zuvor im Rahmen einer »Montagsmahnwache für den Frieden« aufgetreten, wo er der johlenden Menge zurief: »Internationale Finanzoligarchie klingt vielleicht ein bisschen abstrakt. Deswegen möchte ich mit Bertolt Brecht sagen: Das Verbrechen hat Name und Anschrift und Telefonnummer. Und man kann doch durchaus einige Namen nennen: (…) die Herren Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski«. Elsässer verklagte Ditfurth auf Unterlassung, denn ein Antisemit – und gar ein glühender – wollte er ganz gewiss nicht sein. Es kam zur mündlichen Verhandlung, in der Elsässer sich von Michael Hubertus von Sprenger, dem ehemaligen Anwalt des Holocaust-Leugners David Irving, vertreten ließ. Die vorsitzende Richterin erklärte im Rahmen des Verfahrens, dass »ein glühender Antisemit in Deutschland« jemand sei, »der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt«. Antisemitismus, führte sie aus, sei ein Totschlagargument. Ditfurth verlor in erster Instanz und darf Jürgen Elsässer bis auf weiteres nicht als glühenden Antisemiten bezeichnen. Sie geht in Berufung, einen Termin für die zweite Verhandlung gibt es bislang nicht. Anders als die Amadeu-Antonio-Stiftung kündigte sie an, ihren Prozess »bis zum Ende« durchzufechten. Die Prozesskosten versucht sie über Spenden zu finanzieren, zu denen auch in großen Medien aufgerufen wurde. Jüngst erklärte Ditfurth, man »muss, gerade in Deutschland, einen Antisemiten einen Antisemiten nennen dürfen. Das geht uns wirklich alle an und ist von öffentlichem Interesse.«

Zu Spenden für Ditfurth hat auch Deniz Yücel aufgerufen. Er ist einer der Herausgeber der Jungle World und war bis vor kurzem Kolumnist der Taz. Die hat ebenfalls schon Erfahrungen gemacht mit Antisemitismusvorwürfen, die vor Gericht landen: Die Taz schrieb, dass die Band Die Bandbreite für ihre »antisemitischen Texte bekannt« sei. Die Bandbreite verbreitete etwa mit ihrem Lied »Selbst gemacht« Verschwörungstheorien zu den Anschlägen des 11. September 2001 und trat unter anderem bei einer Gegenveranstaltung zu einem Bilderberger-Treffen auf. Mit Hilfe des Anwalts Dominik Storr, der sich in seiner Freizeit mit der »Bürgerinitiative Sauberer Himmel« gegen sogenannte Chemtrails einsetzte, klagte die Band gegen die Taz erfolgreich auf Unterlassung. Die Taz ging in Berufung und verlor erneut. Einen Unterlassungsanspruch gegenüber dem Rechtsanwalt der Taz wegen der von ihm vertretenen Meinung, der Sänger der Band leugne den Holocaust, wenn er George W. Bush und Adolf Hitler gleichsetze, sah das Gericht hingegen nicht. In aktuellen Texten der Taz über Die Bandbreite sucht man das Wort Antisemitismus vergebens.

Ähnlich erging es dem Journalisten Stefan Laurin, der das Blog Ruhrbarone presserechtlich verantwortet. Ihm wurde gerichtlich verboten, der Band, ihrem Sänger oder ihren Liedern wörtlich oder sinngemäß zu unterstellen, Antisemitismus zu propagieren. In der Realität heißt das: Laurin darf sich zur Band nicht äußern, sofern auch nur anhand einer Textzeile möglicher Antisemitismus diskutiert wird, nicht einmal Links teilen, die ansatzweise eine solche Deutung zulassen. Täte er es trotzdem, hätte er mit hohen Geldstrafen zu rechnen. Ein umfassender Maulkorb, verkündet »im Namen des Volkes«.

Was wäre, wenn die Überschrift dieses Textes »Antisemiten vor Gericht« lauten würde? Dann würde es wohl Abmahnungen hageln. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, gibt es in Deutschland keine Antisemiten mehr. Zumindest kann man jene, die man dafür hält, nicht mehr ohne weiteres so nennen. Man kann komplexe Analysen von Text und Subtext, Sprachcodes und Bildsprache, Gesagtem und Gemeintem anstellen. Man kann Antisemitismus an konkreten Stellen belegen. Doch wenn man den Urheber einer antisemitischen Aussage als Antisemiten bezeichnet, hat man vor Gericht schlechte Karten. Die Grundrechte auf Meinungs- und Pressefreiheit stoßen in Deutschland schnell an Grenzen, wenn man von Antisemiten spricht – zumindest wenn man damit lebende Personen in Deutschland meint, die sich selbst nicht so nennen. Diese Grenzen begründen sich aus dem Persönlichkeitsrecht: »Antisemit« ist für viele Richter in Deutschland offenbar eine Beleidigung, eine Diffamierung, böswillige Unterstellung, aber nichts, was sich belegen ließe, solange die gemeinte Person sich nicht selbst zum Antisemitismus bekennt. Sozialwissenschaftliche Studien weisen immer wieder auf große Anteile an Antisemiten in der Gesellschaft hin. Doch konkrete Beispiele zu benennen, ist vor der deutschen Justiz gefährlich und teuer geworden. Presse- und Meinungsfreiheit sind in Gefahr, wenn es um die Kritik des Antisemitismus geht. Wo anders als vor deutschen Gerichten sollte ein Antisemitismusvorwurf schwerer wiegen als die Reproduktion antisemitischer Ideologie?

Anders sieht es offenbar aus, wenn es nicht nur um die Meinungsfreiheit, sondern im besonderen um die Freiheit der Kunst geht. Der Rapper Koljah der HipHop-Gruppe Antilopen Gang rappt im Song »Beate Zschäpe hört U2« die Zeilen »Sie können sagen, was sie wollen / sie sind schlicht Antisemiten / All die Pseudo-Gesellschaftskritiker / Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer«.

Ken Jebsen, der Gründer von KenFM, der bezogen auf Israel etwa von den »Irren mit dem Davidstern« spricht, versuchte vor dem Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen die Band zu erwirken. Das Gericht sah diesen Anspruch kritisch im Hinblick auf die »Äußerungen des Antragstellers in der Vergangenheit und unter besonderer Berücksichtigung des Grundrechts aus Art. 5 Abs. 3 GG«. Jebsen nahm seinen Antrag zurück und musste folglich für die Gerichtskosten sowie die Kosten des Anwalts der Antilopen Gang aufkommen. Die Rapper kommentierten das Ergebnis gewohnt süffisant: »Wie zu erwarten war, hat sich Ken Jebsen blamiert. Für die kostenlose Promokampagne sind wir ihm dankbar. Falls Jebsen nach diesem Eigentor in Erwägung ziehen sollte, eine Vernunftehe mit Barbra Streisand einzugehen, würden wir uns als Trauzeugen anbieten.« Die HipHopper spielten damit auf den nach der Sängerin benannten »Streisand-Effekt« an, mit das mediale Phänomen beschrieben wird, »dass der Versuch der Unterdrückung einer Information diese einem größeren Publikum erst bekanntmacht«, wie es auf Wikipedia heißt.

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Remember: Do X! Don´t do Y!

Protect innocent, respect life, defend art, preserve creativity!

What´s Left? Antisemitism!

http://www.jsbielicki.com/jsb-79.htm

Psychoanalytische Arbeitsstation

refuse-service

DJ Psycho Diver Sant – too small to fail
Tonttu Korvatunturilta Kuunsilta JSB
Tip tap tip tap tipetipe tip tap heija!
http://www.psychosputnik.com
http://www.saatchionline.com/jsbielicki
https://psychosputnik.wordpress.com/

They want 1984, we want 1776

They are on the run, we are on the march!

Be patient, work hard, follow your passions, take chances and don’t be afraid to fail.
I think for food

molon labe

Von oben hat man bessere Aussicht. Psychoanalyse ist eine Erhebung über die Situation.

„Kritische Theorien, wie die Freudsche, artikulieren eine Erfahrung, die mit den jeweils herrschenden Denk- und Wahrnehmungsweisen unvereinbar ist. Gerade in dem, was der Konvention als unbrauchbar, als Abfall gilt und wovon in Wissenschaft und Lebenspraxis methodisch abgesehen wird, entdecken die Revolutionäre der Denkart das Neue, das ei¬ne bestehende Einrichtung des Lebens in Frage stellt. Indem sie an das Ausgegrenzte und erfolgreich Vergessene erinnern, markieren sie den Mangel der Ordnung, die über dem Grab der verworfenen Alternativen triumphierend sich erhebt. Und das dem Status quo verschworene Kollektiv stempelt solche Alchimisten, die aus Dreck Gold zu machen schei¬nen, stets zu Außenseitern6 . Aus der Erfahrung dessen, was den vorherrschenden, institutionalisierten Zwecken widerstrebt, erschüttern die Neuerer deren fraglose Geltung.“ – Helmut Dahmer

Die Umwälzung nach 1945  führte nicht zur Überwindung des Nationalsozialismus  als Ideologie der deutschen Volksgemeinschaft, sondern rief lediglich die eitle Illusion hervor, daß mit der Kritik am Nationalsozialismus das nationalsozialistische Dünken selbst und seine innere Konflikthaftigkeit mit dem Judentum überwunden sei.

„Wie es Tatbestände gibt, die die Sinne in die Irre führen, wie im Fall der optischen Täuschung, so gibt es welche, die die unangenehme Eigenschaft haben, dem Intellekt Schlüsse zu suggerieren, die gleichwohl falsch sind.“ – Christoph Türcke

Das Geschlecht ist ein sozialer Konstrukt? Berg, Tal, See und das Meer auch!

Bereits Marx diagnostizierte den Deutschen das Umkippen von Ideologie in Wahn und Lüge. Wie gegenwärtig der Fall ist, neigen die Deutschen zu Ausbrüchen des kollektiven Wahns, der Massenpsychose mit zunehmendem Realitätsverlust.
Der Wahn ist kurz, die Reue lang, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Nach dem I. Psychosputnik-Gesetz verwandelt sich der frei florierende Zynismus ab gewissem Verdichtungsgrad seiner Intensität in hochprozentige Heuchelei, analog zu einer atomaren Kernschmelzereaktion. Diesen Prozess der zunehmenden Zynismuskonzentration mit anschliessender Explosion der Heuchelei kann man sehr deutlich gegenwärtig in Deutschland beobachten. Das Denken ist weggeblasen, pulverisiert, das (Hoch)Gefühl ist voll an seine Stelle getreten.

»Indem (der gesunde Menschenverstand) sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen, und ihre Existenz nur in der zustande gebrachten Einheit der Bewußtseine. Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im Gefühle stehenzubleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können.« – G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes

„Die Verschleierung eigener Positionen durch Zitate und Zitatselektion dient dazu, eigene Positionen unkenntlich zu machen.“ – Ursula Kreuzer-Haustein

„Die Neurose ist das Wappen der Kultur.“ – Dr. Rudolf Urbantschitsch, Seelenarzt; „Sehr schön, aber es laufen derzeit schon weit mehr Heraldiker als Adelige herum.“ – Karl Kraus, Schriftsteller

„Zuerst verlieren die Menschen die Scham, dann den Verstand, hernach die Ruhe, hierauf die Haltung, an der vorletzten Station das Geld und zum Schluß die Freiheit.“ – Karl Kraus

„Ausbeutung heißt Beute machen, sich etwas durch Gewalt aneignen, was nicht durch eigene Arbeit geschaffen wurde, sich etwas nehmen, ohne Gleichwertiges zurückzugeben – Maria Mies

»Die Psychoanalyse ist eine Panne für die Hierarchie des Denksystems« – Pierre Legendre

Psychoanalyse entwickelt sich nicht weiter, weil sie nicht angewandt wird, es wird nur über sie gesprochen.

»Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen Geistes gegen die religiöse Weltan­schauung nicht zu Ende gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter unseren Augen ab … Die erste Einwendung, die man hört, lautet, … die Wissenschaft ist zur Be­urteilung der Religion nicht zuständig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, solange sie sich auf ihr Gebiet beschränkt, aber die Religion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen … Die Religion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das Höch­ste, Wertvollste, Erhabenste ist, was der menschliche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Gefühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträglich und das Leben lebenswür­dig macht … Darauf braucht man nicht zu antworten, indem man die Einschätzung der Religion bestreitet, sondern indem man die Aufmerksamkeit auf einen anderen Sachver­halt richtet. Man betont, daß es sich gar nicht um einen Übergriff des wissenschaftlichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, sondern um einen Übergriff der Religion auf die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was immer Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des Denkens auszunehmen … Eine auf die Wissen­schaft aufgebaute Weltanschauung hat außer der Betonung der realen Außenwelt wesent­lich negative Züge, wie die Bescheidung zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen« (Freud, 1933, S. 182 ff. und S. 197).

„Freuds »Religions«-Kritik galt den »Neurosen« genannten Privatreligionen (Heiraten, romantische Liebe, Gier, Ethik und Moral, etc. Anm. JSB) ebenso wie den kollektiven (Nation, Gutmenschen, Sport, etc. Anm. JSB);“ – Helmut Dahmer

Freud prognostizierte, die bestehende Gesellschaft werde an einem Übermaß nicht absorbierba­rer Destruktivität zugrundegehen. (sofern nicht »Eros« interveniere (Eros ist nicht Ficken, sondern Caritas. Anm. JSB)).

„Wer dem Kult der »Werte« frönt, kann unsanft erwachen, wenn im Kampf der Klassen und Parteien, von dem er sich fernhält, Gruppen obsiegen, auf deren Pro­gramm eine »Umwertung der Werte«, z. B. die Aufwertung von »Un­werten« steht.“ – Helmut Dahmer

»Hinsichtlich der allgemeinen nervlichen Belastung wirkte die Lage im Dritten Reich auf den psychischen Zustand des Volkes ziemlich ambivalent. Es unterliegt kaum einem Zwei­fel, daß die Machtergreifung zu einer weitverbreiteten Verbesserung der emotionalen Ge­sundheit führte. Das war nicht nur ein Ergebnis des Wirtschaftsaufschwungs, sondern auch der Tatsache, daß sich viele Deutsche in erhöhtem Maße mit den nationalen Zielen identifizierten. Diese Wirkung ähnelte der, die Kriege normalerweise auf das Auftreten von Selbstmorden und Depressionen haben. (Das Deutschland der Nazizeit verzeichnete diese Erscheinung zweimal: nämlich 1933 und 1939.) Aber gleichzeitig führte das intensi­vere Lebensgefühl, das von der ständigen Stimulierung der Massenemotionen herrührte, auch zu einer größeren Schwäche gegenüber dem Trinken, Rauchen und Vergnügungen« – Richard Grunberger

Von Anfang an hat­te Hitlers Regime auch den Anstrich der Rechtmäßigkeit

„Die psychiatrischen Truppen der »kaiserlichen deutschen Psychiatrie« (Alexander und Selesnick, 1966, S. 214) jedoch, die 1914 ins Feld zogen, bekriegten immer noch die Krankheit, den äußeren Eindringling in ein gesundes System, und nicht die Neurose, das innere Ungleichgewicht zwischen Psychodynamik, Umwelt und Geschichte.“ – Geoffrey C. Cocks (Diese Einstellung herrscht bis heute in der deutschen Psychotherapie und findet explosionsartige Vermehrung im KOnzept der sog. „Traumatisierung“. Anm- JSB)

Der Plural hat kein Geschlecht.

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ -Albert Einstein

„Der psychoanalytische Bei­trag zur Sozialpsychologie der jüngsten Vergangenheit (und Gegenwart Anm.JSB) und ihrer Verar­beitung ist heute ebenso unerwünscht wie die Libidotheorie zu Anfang des Jahrhunderts.“ – I.Kaminer

»Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom >freien Ausleben< der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit.« – Sigmund Feud, Gesammelte Schriften«, Band XI, S. 201 ff.)

Dummheit ist, wenn jemand nicht weiß, was er wissen könnte.

Dummheit äußert sich heute als empörter Moralismus.

Liebe: nur bestenfalls eine Mutter akzeptiert ihr Kind, so wie es ist, ansonsten muß man Erwartungen anderer erfüllen, um akzeptiert zu werden.

Früher galt als mutig, wer ein Revolutionär war, heute reicht es schon, wenn einer seine Meinung behält.

“Jeder fünfte Bewohner des Westjordanlandes ist ein israelischer Siedler”, greint die Generaldelegation Palästinas heute auf ihrer Homepage.
Und jeder fünfte Bewohner Israels ist ein palästinensischer Araber.
So what?

Werte ohne Einfühlungsvermögen sind nichts wert.

Manche Menschen fühlen physischen Schmerz, wenn sie ihre gewohnten Vorstellungen zugunsten der Realität korrigieren sollen, sie wenden ihre gesamte Intelligenz mit Unterstützung ihrer Agressivität auf, um die Realität nicht zu erkennen und ihr Selbstbild unverändert beizubehalten.

Immer mehr fühlen, immer weniger denken – Der Mensch unterscheidet sich vom Tier nicht durch Gefühle, denn Säugetiere haben die gleichen Gefühle, wie der Mensch: Trauer, Angst, Wut, Liebe, sondern durch sein Denken. Wenn er denkt, falls er denkt.

Political correctness ist, wenn man aus Feigheit lügt, um Dumme nicht zu verärgern, die die Wahrheit nicht hören wollen.

„Sagen Sie meiner Mutter nicht, daß ich in der Werbung arbeite. Sie denkt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ – Jacques Seguela

BILD: FAZ für Hauptschüler

Wer „ich will frei sein“ sagt, und es sagen viele, der ist ein Idiot. Denn das höchste was der Mensch als Freiheit haben kann, ist die Freiheit, seine Pflicht frei zu wählen.

“Im Streit um moralische Probleme, ist der Relativismus die erste Zuflucht der Schurken.“ Roger Scruton

Nonkonformistische Attitüde und affirmative Inhalte – einer Kombination, die schon immer die linksdeutsche Ideologie gekennzeichnet hat. – Stephan Grigat

Es sind dieselben, die behaupten, das Geschlecht wäre nicht biologisch angeboren, sondern nur ein soziales Konstrukt, und zugleich daß die Homosexualität kein soziales Konstrukt wäre, sondern biologisch angeboren.

Antisemitismus ist, wenn man Juden, Israel übelnimmt, was man anderen nicht übelnimmt.

„Es gibt zwei Dinge“, so wußte Hitler schon 1923, „die die Menschen vereinigen können: gemeinsame Ideale und gemeinsame Kriminalität“ .

Nach der gewaltsamen Beendigung des Mordens durch die Alliierten waren die Deutschen (und sind es bis heute geblieben) noch deutscher als zuvor.

„Der Staat sind wir“: Dies Credo der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalles war die Wahrheit der Volksgemeinschaft, und der Nazismus war die vermittlungslose Basisdemokratie der Deutschen.

Die Demokratie der Bürger ist die interessierte Demutsadresse an den autoritären Staat.

„Die deutsche Nation ist das Apriori dieser seltsamen Wissenschaft, die

vorgibt, nichts zu kennen als Quellen, Quellen und nochmals Quellen, nichts als das

lautere Plätschern der Tatsachen und das ungetrübte Sprudeln der Empirie. Die

Quelle aber ist der Historie, was der Jurisprudenz das Indiz: Spielmaterial, bloße

Illustration des Systemzwangs zum Rechtsfrieden, d.h. empirische Legitimation der

vorab existenten letzten Instanz, an der jede Berufung aufhört und jede Revision

endet. Egal, wer Recht hat, solange nur Recht ist; was immer die Quellen sagen,

ein Beweis gegen die Nation wird sich daraus nie und nimmer folgern lassen.“ (…)

„Historische Wahrheit wird nach dem Modell von Meinungsumfragen vorgestellt;

kein Sample jedoch wird je repräsentativ genug sein,

um der deutschen Nation als solcher die Taten der Nazis zuzurechnen.

Die juristische Methode dieser seltsamen Wissenschaft, die sich die Behandlung der

Geschichte anmaßt, weiß so überaus sorgfältig zwischen Intention und Resultat zu

scheiden, daß der einzig noch mögliche Weg historischer Wahrheitsgewinnung, der

allerdings leider ausgeschlossen ist, Psychoanalyse wäre.“ – Joachim Bruhn

Da die Psychoanalyse heute auch nur noch ein korruptes Racket ist, würde sie nicht helfen.

 Der Himmel, wenn er sich schon öffnet, zitiert sich am liebsten selbst. 

Je verkommener eine menschliche Kreatur, desto eher fühlt sie sich beleidigt, respektlos behandelt, in ihrer Ehre verletzt.

Der Nicht-Antisemit ist ein Antisemit, der nach der derzeitigen deutschen Rechtsprechung, Israel, Juden diffamiert, diskriminiert, delegitimiert, jedoch nicht expressis verbis das Ziel der dritten Reichs, den Holocaust, die Judenvernichtung, befürwortet.

Aus Deutschland erreicht mich „tiefe Sorge um den Friedensprozess“. Vorsicht: Wo ist es im Nahen und Mittleren Osten derzeit so friedlich und vergleichsweise gewaltarm wie in Israel? Wo leben Araber derzeit sicherer als in Israel? Wo haben sie besseren Zugang zu Bildung, Arbeit, Konsum und medizinischer Versorgung? – Götz Aly

Islam ist weniger eine Religion und mehr eine totalitäre Gesellschaftsordnung, eine Ideologie, die absoluten Gehorsam verlangt und keinen Widerspruch, keinerlei Kritik duldet und das Denken und Erkenntnis verbietet. Der wahre Islam ist ganz anders, wer ihn findet wird eine hohe Belohnung erhalten.

Der religiöse Rassismus der Islamisten, der den völkischen Rassismus der Nazis ersetzt hat, erklärt Allah zum Führer und die Jihadisten zu seiner privilegierten Kampftruppe: Wenn man so will, zu Allahs SS. Der Zusammenhalt dieser Kampftruppe wird über die Jenseitserwartung von Hölle und Paradies, also über das Instrument der religiösen Angst, sichergestellt. Diese Selbstbildfantasie der Islamisten ist mit ihrer (zumeist antijüdischen) Feindbildfantasie untrennbar verknüpft. – Matthias Küntzel

Wahnsinn bedeute, immer wieder das gleiche zu tun, aber dabei stets ein anderes Resultat zu erwarten.

Gutmenschen sind Menschen, die gut erscheinen wollen, die gewissenlos das Gewissen anderer Menschen zu eigenen Zwecken mit Hilfe selbst inszenierter Empörungen instrumentalisieren.

Irritationen verhelfen zu weiteren Erkenntnissen, Selbstzufriedenheit führt zur Verblödung,

Wenn ein Affe denkt, „ich bin ein Affe“, dann ist es bereits ein Mensch.

Ein Mensch mit Wurzeln soll zur Pediküre gehen.

Wenn jemand etwas zu sagen hat, der kann es immer sehr einfach sagen. Wenn jemand nichts zu sagen hat, der sagt es dann sehr kompliziert.

Sucht ist, wenn jemand etwas macht, was er machen will und sucht jemand, der es macht, daß er es nicht macht und es nicht machen will.

Sollen die Klugen immer nachgeben, dann wird die Welt von Dummen regiert. Zu viel „Klugheit“ macht dumm.

Wenn man nur das Schlechte bekämpft, um das Leben zu schützen, bringt man gar nichts Gutes hervor und ein solches Leben ist dann nicht mehr lebenswert und braucht nicht beschützt zu werden, denn es ist dann durch ein solches totales Beschützen sowieso schon tot. Man kann so viel Geld für Versicherungen ausgeben, daß man gar nichts mehr zum Versichern hat. Mit Sicherheit ist es eben so.

Zufriedene Sklaven sind die schlimmsten Feinde der Freiheit.

Kreativität ist eine Intelligenz, die Spaß hat.

Wen die Arbeit krank macht, der soll kündigen!

Wenn Deutsche über Moral reden, meinen sie das Geld.

Ein Mensch ohne Erkenntnis ist dann  lediglich ein ängstlicher, aggressiver, unglücklicher Affe.

Denken ist immer grenzüberschreitend.

Der Mob, der sich das Volk nennt, diskutiert nicht, sondern diffamiert.

Legal ist nicht immer legitim.

Wer nicht verzichten kann, lebt unglücklich.

Sogenannte Sozial-, Kultur-, Geisteswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse, sind keine Wissenschaften mehr, sondern immanent religiöse Kultpropheten, organisiert wie Sekten. Es sind Sozio-, Pädago- und Psychokratien, Rackets, die Erkenntnis nicht fördern, sondern verhindern.

Ohne eine starke Opposition atrophiert jede scheinbare Demokratie zur Tyrannei, und ebenso eine Wissenschaft, zur Gesinnung einer Sekte.

Man kann alles nur aus gewisser Distanz erkennen, wer sich ereifert, empört, wer mit seiner Nase an etwas klebt, der hat die Perspektive verloren, der erkennt nichts mehr, der hat nur noch seine Phantasie von der Welt im Kopf. So entsteht Paranoia, die sich Religion, und Religion als Politik, sogar als Wissenschaft nennt.

Islamisten sind eine Gefahr, deswegen werden sie als solche nicht gesehen. Juden sind keine Gefahr, deswegen werden sie als solche gesehen. So funktioniert die Wahrnehmung von  Feiglingen.

Humorlose Menschen könner nur fürchten oder hassen und werden Mönche oder Terroristen.

Menschen sind nicht gleich, jeder einzelne Mensch ist ein Unikat.

Erkenntnis gilt für alle, auch für Muslime, Albaner, Frauen und Homosexuelle.

Islam gehört zu Deutschland, Judentum gehört zu Israel.

Der Konsensterror (Totalitarismus) ist in Deutschland allgegenwärtig.

Es wird nicht mehr diskutiert, sondern nur noch diffamiert.

Es ist eine Kultur des Mobs. Wie es bereits gewesen ist.

Harmonie ist nur, wenn man nicht kommuniziert.

Man soll niemals mit jemand ins Bett gehen, der mehr Probleme hat, als man selbst.

>>Evelyn Waugh, sicherlich der witzigste Erzähler des vergangenen Jahrhunderts, im Zweiten Weltkrieg, herauskommend aus einem Bunker während einer deutschen Bombardierung Jugoslawiens, blickte zum Himmel, von dem es feindliche Bomben regnete und bemerkte: “Wie alles Deutsche, stark übertrieben.“<< Joseph Epstein

Man muß Mut haben, um witzig zu sein.

Dumm und blöd geht meistens zusammen.

Charlie Hebdo: solche Morde an Juden sind euch egal, mal sehen wie”angemessen”  ihr reagiert, wenn (wenn, nicht falls) eure Städte von Islamisten mit Kasam-Raketen beschossen werden.

Christopher Hitchens großartig: „In einer freien Gesellschaft hat niemand das Recht, nicht beleidigt zu werden.“

Je mehr sich jemand narzisstisch aufbläht, desto mehr fühlt er sich beleidigt und provoziert.

“Das Problem mit der Welt ist, daß die Dummen felsenfest überzeugt sind und die Klugen voller Zweifel.” – Bertrand Russel

Das Problem mit den Islamisten in Europa soll man genauso lösen, wie es Europa für den Nahen Osten verlangt: jeweils eine Zweistaatenlösung, die Hälfte für Muslime, die andere Hälfte für Nicht-Muslime, mit einer gemeinsamen Hauptstadt.

Was darf Satire? Alles! Nur nicht vom Dummkopf verstanden werden, weil es dann keine Satire war.

Islamimus ist Islam, der Gewalt predigt.

Islam ist eine Religion der Liebe,und wer es anzweifelt, ist tot.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Der Islam ist die friedliche Religion der Liebe George Orwell 2015

Islam ist verantwortlich für gar nichts, Juden sind schuld an allem.

Islamisten sind Satanisten. Islamismus ist eine Religion von Idioten.

Leute fühlen sich immer furchtbar beleidigt, wenn man ihre Lügen nicht glaubt.

Jeder ist selbst verantwortlich für seine Gefühle.

Die Psychoanalyse geht niemanden außer den Psychoanalytiker und seinen Patienten etwas an, und alle anderen sollen sich verpissen.

“Zeit ist das Echo einer Axt
im Wald.
Philip Larkin, Gesammelte Gedichte

Wenn jemand wie Islamisten sein Ego endlos aufbläht, dann verletzt er seine eigenen Gefühle schon morgens beim Scheißen.

„Die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: Reichtum ohne Arbeit Genuß ohne Gewissen Wissen ohne Charakter Geschäft ohne Moral Wissenschaft ohne Menschlichkeit Religion ohne Opfer Politik ohne Prinzipien.“
―Mahatma Gandhi

„Wo man nur die Wahl hat zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten.“
―Mahatma Gandhi

Warum zeigt sich Allah nicht? Weil er mit solchen Arschlöchern nichts zu tun haben will.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.”  – Ignazio Silone

Politische Korrektheit verlangt eine Sprache für ein Poesiealbum.

Psychoanalyse ist frivol, oder es ist keine Psychoanalyse.

Bunte Vielfalt, früher: Scheiße

Was der Mensch nicht mehr verändern, nicht mehr reformieren kann, ist nicht mehr lebendig, sondern sehr tot. Was tot ist, das soll man, das muß man begraben: Religion, Ehe, Romantizismus, etc.

Romantik ist scheiße.

Die Realität ist immer stärker als Illusionen.

Deutschland gestern: der Wille zur Macht.
Deutschland heute: der Wille zur Verblendung.
Deutschland morgen: 德國

Deutsche Psychoanalyse? Großartig, wie deutscher Charme, deutscher Humor und deutscher Esprit.

Der Widerstand fängt mit einer eigenen, anderen Sprache als die der Diktatur.

Smart phones for stupid people.

Ein Linker kann, muß aber nicht dumm sein.

Wenn man ganzen Staaten nicht übel nimmt, wenn sie mit Millionen Opfern Selbstmord begehen, warum dann einem Co-Piloten mit 149 Toten?

Nur die Reinheit der Mittel heiligt den Zweck.

Ein extremer Narzißt ist ein potentieller Terrorist, und jeder Terrorist ist ein extremer Narzißt.

Islamisierung bedeutet Verblödung.

…der hiesige Autoritarismus (ist) einer ohne Autorität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen. Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl, sondern sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als es das Wort vom „Befehlsnotstand“, von der „Gleichschaltung“ oder vom „Führer“ selber glauben machen will, herrschte das NS-System durch Gehorsam ohne Befehl. (W. Pohrt, Der Weg zur inneren Einheit)

Der faschistische Sozialpakt existiert im bundesdeutschen Postfaschismus weiter als eine im Resultat aufgehobene Voraussetzung, die unmittelbar keine Spur ihrer gewaltförmigen Durchsetzung mehr an sich trägt: umso besser kann diese Tatsache verleugnet und der Nationalsozialismus als das Verbrechen einiger Irrer, als „Unrechtsstaat“, als „das Schlimmste, das Menschen einander je angetan haben“ exorziert werden. Diese Lebenslüge der BRD ist das Fundament aller demokratischen „Vergangenheitsbewältigung“, jenes kollektiven Beschweigens des Nationalsozialismus, das durchaus auch die Form enervierender Redseligkeit annehmen kann. Weil das postfaschistische Deutschland in institutioneller wie personeller Hinsicht in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht, muß ausnahmslos jeder Versuch einer Vergangenheitsbewältigung innerhalb des sich weiterschleppenden Systems zur symbolischen Distanzierung, zum substanzlosen Gestus geraten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Deutschen einen schier unerschöpflichen Vorrat an größeren und kleineren Entlastungslügen angelegt, aus dem sie sich je nach Gelegenheit und Bedarf bedienen. Danach war das nationalsozialistische System wahlweise das Werk von Hitler höchstpersönlich, einer kleinen Verbrecherclique und ein paar Helfershelfern oder des Monopolkapitals und seiner Schergen. Otto Normalvergaser jedenfalls hat „von alledem nichts gewußt“, war „im Grunde auch dagegen“ oder „konnte gar nicht anders handeln“, weil „Befehlsnotstand“ herrschte und man im Falle des Zuwiderhandelns sofort „ins KZ gekommen“ wäre. “ (…) „Heute haben die Verbreitung des Gerüchts und die Verbreitung der Neidbeißerei neue, technische Möglichkeiten. Sie können sich über das Internet und diverse Subnetzwerke und Blogs rasend verbreiten und auch auf die Politik einen Druck erzeugen, sich ihnen zu beugen. Die gesellschaftliche Mobilmachung wirkt so wieder auf die Politik zurück. Sie muss sich den entsprechenden Stimmungen beugen, weil sonst die Wiederwahl gefährdet würde. Die Devise »Ich bin ihr Führer, also muss ich ihnen folgen«, bleibt auch im zerfallenen Postnazismus das prinzipienlose Grundprinzip von Herrschaft.“ (…) Spezialisierung und Diversifikation sind die zeitgemäße Erscheinungsform von Vermassung und Uniformität. (…) 1 x 1 materialistischer Kritik: es  muss darum gehen, Erscheinungen in eine Konstellation zu bringen, in der sie lesbar werden. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. Und weil gerade die Entfernung vom Nazismus die Nähe zu ihm verbürgt, waren und sind das diejenigen, die in Personensache am wenigstens mit Nazifaschistischem in Verbindung zu bringen sind, die Linksradikalen, die Linksliberalen, die Linken, die Antifaschisten, die entschiedensten Schrittmacher dafür, dass der anfangs noch gar nicht wirklich übergreifende postnazistische Fundamentalkonsens tatsächlich totalisiert und auf die Höhe der Zeit gebracht werden konnte. Die Nazis und die Rechten hingegen waren für diesen Vorgang nur von unterordnetem Belang. Sie standen immer schon für eine in ihrer konkreten Ausprägung gestrige Gesellschaftsformation und deshalb ging von ihnen auch nie eine ernsthafte Gefahr eines neuen Faschismus aus. Diese Totalisierung der Gemeinschaft der Demokraten, die hauptsächlich die Linke mit herbeigeführt hat, ist allerdings identisch und das zeigt sich heute mit ihrem Zerfall. Dieser wiederum ist im Selbstwiderspruch der postnazistischen Vergesellschaftung angelegt, in der der bereits erwähnte nazistische Kurzschluss von Staaten Subjekt im Modus permanenter Mobilmachung in den politökonomischen Formen im Doppelsinne aufgehoben ist. Seiner Substanz nach anerkannt und aufbewahrt, wie vorerst suspendiert und seiner Verlaufsform nachgezügelt. Also statt den Blockwarten gab es Aktenzeichen XY, da durfte sich jeder dann auch telefonisch dran beteiligen, aber richtige Jagdszenen gab es in der alten Bundesrepublik nicht oder nur in Ausnahmefällen. Taxiert selbst zu Zeiten der Prosperität jeder insgeheim seinen Erwerb als verkappte Arbeitslosenunterstützung, so mobilisiert die Krise der postnazistischen Vergesellschaftung erst Recht die Sehnsucht nach der alten Staatsunmittelbarkeit. Johannes Agnoli schrieb dazu schon in der Transformation der Demokratie 1966: „Der präfaschistisch liberale Ruf nach dem starken Staat wiederholt sich postfaschistisch neoliberal“. Und damit gerät das ganze System des autoritären Etatismus und geraten letzten Endes die politökonomischen Vermittlungen als solche wieder ins Visier des Volkszorns und es war wiederum die Linke, die noch zu Zeiten, wo keine Krise in Sicht war, im sinistren Tram nach Liquidation der Vermittlungen die Zunge gelöst und ihm neue fantasievolle und kreative, wie es so schön heißt, Äußerungsformen zur Verfügung gestellt hat. Sie war das Laboratorium, in dem die allgemeine Mobilmachung eingeübt und jener darauf zugeschnittenen neue und zugleich sehr alte Sozialcharakter herangebildet wurde, indem sich mittlerweile eine Mehrheit spontan wieder erkennt. Derjenige Sozialcharakter, der nach dem Motto „Ich leide, also bin ich“ sich einerseits unter Berufung auf die höchst unverwechselbare Diskriminierung, die ihm angeblich wiederfährt, zur kleinsten existierenden Minderheit erklärt, sich gleichsam nach dem Muster verfolgter und in ihrer Kultur bedrohter Völker begreift und andererseits als Gegensouverän seine private, warnhafte Feinderklärung allen anderen oktroyieren möchte und diesem Zweck entweder vorhandene gesellschaftliche Organisationen zu Rackets umfunktioniert, neue Rackets gründet oder andere Rackets mit ins Boot holt. Der einstige demokratische Fundamentalkonsens wird dadurch einerseits ins einzelne Subjekt zurückverlagert und andererseits vermittlungslos verallgemeinert. Aus der formell kollektiven Feinderklärung der Mitte gegen die Extreme, das war der Normalfall in der Bundesrepublik bis weit in die 80er Jahre, Terroristenhasse, einige werden sich noch daran erinnern. Aus dieser kollektiven Feinderklärung der gesellschaftlichen Mitte gegen die Extreme wird also die pluralisierte Feinderklärung alle gegen alle, die getrennt vereint sich zusammenrotten und auf diese Weise zerfällt die Gemeinschaft der wehrhaften Demokraten und reorganisiert sich zugleich hin zu zerfallen. Ein Zitat von Wolfgang Port in einem anderen Zusammenhang macht es sehr schön deutlich: „Wie durch höhere Gewalt sondern sich die Langen von den Kurzen, die Weiblichen von den Männlichen, die Alten von den Jungen, die Dicken von den Dünnen ab“ und das Resultat ist eine Segregation und Ghettoisierung durch welche die Metropolen, einem riesigen Freiluftgefängnis mit seinen Unterabteilungen für Männer und Frauen, Jugendliche, Kranke, Alte, Port schreibt etc., man könnte noch Schwule und Lesben und Migranten und was weiß ich noch alles ergänzen, Protestanten, Katholiken, Ossis, Wessis, immer ähnlicher werden. Neu ist, dass dieses Freiluftgefängnis als eine kulturelle Einrichtung und seine Insassen als Kulturbotschafter begriffen werden und es ist diese nahezu flächendeckende Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mehrheit und der einzelnen Individuen in ihr, die in der Postmoderne ihr bewusstloses Selbstbewusstsein und ihre Legitimation erfährt und im antirassistischen PC-Sprech sich ihren Ehrenkodex schafft, ihre Omertà, die sich an ihresgleichen und die verbliebenen Kritiker draußen richtet, Islamophobie ist ihr derzeit aktuellstes Schlagwort. Dieser Vorgang, diese Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mitte und ihr Zerfall ist also die Bedingung der neuen Haltung Ausländern und Migranten gegenüber, an denen die Deutschen projektiv ihre ersehnte Regression auf den Stamm illustrieren. Was ihnen umso leichter gelingt, als manch ihrer Repräsentanten und Lobbyisten sich anschicken, genau dem Bilde zu gleichen, das die Deutschen sich seit jeher von ihnen machten und wofür sie von ihnen jetzt nach kollektiv und offiziell ins Herz geschlossen werden. Der mittlerweile zur Dauereinrichtung erklärte Karneval der Kulturen ist nichts anderes als ein Zerfallsprodukt der postfaschistischen Demokratie, mehr noch, er ist diese Gemeinschaft in einer zugleich flexibilisierten und pluralisierten und kollektivierten Gestalt. In dieser Völkerfamilie, die die Deutschen gerne auf der ganzen Welt hätten, wären da nicht Israel und die USA als Störenfriede und die sie aus Mangel an Realisierungschancen deshalb erstmal bei sich zuhause einrichten, geht es dabei zu, wie in jeder guten Familie: Die einzelnen Mitglieder sind einander spinnefeind und die Widersprüche und Konflikte, die daraus resultieren, gehören auch voll und ganz dieser Vergesellschaftung an, sind von ihr konstituiert und dazu gehört ein fein dosiertes Spiel mit Fremdheit und Nähe, das von allen Beteiligten auch weiterhin gepflegt wird, weil damit ein moralisches Plus bei der Gefolgschaft eingefahren werden kann. (…) Der zweite Weltkrieg war ein kulturindustrielles Massenevent. (…) Eine neue Barbarei sei stets zu befürchten, wird sich nicht aus dem Geist Nationalsozialismus unmittelbar speisen, sondern im Gewande von demokratischem Antifaschismus von Lernen aus der Geschichte und political correctness daher kommen.(…) Abwehr des offenen Faschismus durch dessen demokratische Entnazifizierung und Eingemeindung. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. (…) Die postnazistische Demokratie hat  die nationalsozialistische Mobilmachung des „gesunden Volksempfindens“ zwar nicht abgeschafft, sondern nur sistiert – sie hat es aber andererseits auch in die Latenz abgedrängt und damit gebremst, indem sie es in die mediatisierende Form des bürgerlichen Repräsentationsprinzips zwängte.  (…) „Rassismus“ ist ein ideologisches Stichwort eines anti-rassistischen Rackets, das jeden Realitätsbezugs entbehrt, das seine Mitglieder vielmehr nur als Ausweis von Gesinnungsfestigkeit und Ehrbarkeit vor sich hertragen und das ihnen als probates Mittel dient, um nach Willkür und freiem Ermessen festzulegen, wer gerade als „Rassist“ zu gelten hat. Und dieses „anti-rassistische“ Racket, das sind heutzutage fast alle: längst ist die Gegnerschaft zum Rassismus keine Domäne der Linken mehr, sondern offizielle Staatsraison und common sense aller Ehrbaren und Wohlmeinenden, und das ist die erdrückende Mehrheit.  (…) Von der moralisierenden Aufdringlichkeit und der enervierenden Verlogenheit einmal abgesehen, ist die Ehrfurcht, die „anderen Kulturen“ entgegengebracht wird und die Unterwürfigkeit, mit der ihre Träger geradezu als Heilsbringer verehrt werden, keine Gegenposition zum Rassismus, sondern dessen logische wie historische Voraussetzung, die im Rassismus und allen naturalisierenden Ideologien als ein Moment überlebt: deren Grundmuster ist die projektive Bekämpfung dessen, was man selbst gern möchte, aber nicht erreichen kann, und deshalb gehört zur Diskriminierung der Neger wegen ihrer „Faulheit“ die Bewunderung für den „Rhythmus, den sie im Blut haben“ und die Achtung vor ihrer „sagenhaften Potenz“; somit ist der „Anti-Rassismus“ nichts weiter als die notwendige Kehrseite des Rassismus selbst, die sich von diesem abgespalten hat und gegen ihre eigene Grundlage wendet. Historisch jedenfalls geht die Wertschätzung fremder Kulturen ihrer späteren, „rassisch“ legitimierten Abqualifizierung voran und sie ist auch logisch deren Voraussetzung: Christoph Columbus etwa beschreibt in seinen Tagebüchern die Eingeborenen, die er 1492 auf den Bahamas, Cuba und schliesslich Haiti angetroffen hat, folgendermaßen: sie sind „ängstlich und feige“, „sehr sanftmütig und kennen das Böse nicht, sie können sich nicht gegenseitig umbringen“, „sie begehren die Güter anderer nicht,“ und er resümiert: „Ich glaube nicht, dass es auf dieser Welt bessere Menschen oder ein besseres Land gibt.“ (7)  (…) Protestantische Innerlichkeit: gemäß der Devise, dass vor der schlechten Tat der schlechte Gedanke und das schlechte Wort kommen, die man demzufolge austreiben muss, damit alles besser wird. (…) So kommt es, dass es heute der Anti-Rassismus ist, der, unter dem Vorwand, heldenhaft gegen einen in Wahrheit nicht existenten „Rassismus“ zu kämpfen, Respekt und Toleranz noch für die rückständigsten und unmenschlichsten Sitten und Gebräuche einfordert und damit selbst als Protagonist und Fürsprecher einer Verrassung der restbürgerlichen Gesellschaft fungiert.  (..) Die unterschiedliche Pigmentierung der menschlichen Haut ist eine objektive Gegebenheit, keine bloße Erfindung. (…) Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv. (…) Der nervige Sozialcharakter des Gutmenschen ist offenbar eine fast zeitlose Erscheinung und in den verschiedensten Lebensbereichen anzutreffen, die Wahrscheinlichkeit, ihm in fortschrittlichen sogenannten „politischen Zusammenhängen“ zu begegnen, ist besonders hoch: werden doch hier traditionell die altruistischen Tugenden – das Mitgefühl, die Solidarität, Selbstlosigkeit etc. – besonders hoch angeschrieben und deshalb sind sie das geeignete Betätigungsfeld für Sozialcharaktere, die sich als Ersatz für ihr eigenes ungelebtes Leben vorzugsweise mit dem Leiden anderer als Fetisch verbinden. (…) Es sind aber gerade die höchsten Tugenden, die die niedersten Instinkte decken, wie schon Marx wusste: „Bis jetzt hat der Mensch sein Mitgefühl noch kaum ausgeprägt. Er empfindet es bloß mit dem Leiden, und dies ist gewiss nicht die höchste Form des Mitgefühls. Jedes Mitgefühl ist edel, aber das Mitgefühl mit dem Leiden ist die am wenigsten edle Form. Es ist mit Egoismus gemischt. Es neigt zum Morbiden […] Außerdem ist das Mitgefühl seltsam beschränkt […] Jeder kann für die Leiden eines Freundes Mitgefühl empfinden, aber es erfordert […] das Wesen eines wahren Individualisten, um auch am Erfolg eines Freundes teilhaben zu können. (…) Und da jeder demonstrative Altruismus nicht nur einen kleinlichen Egoismus bemäntelt, sondern auch mit dem Anspruch des Idealisten einhergeht, erzieherisch auf das Objekt seiner Zuwendung einzuwirken, ist er die adäquate Ideologie von Rackets, und auch das ist Wilde nicht entgangen: Barmherzigkeit, so schreibt er, sei die „lächerlich unzulängliche Art der teilweisen Rückerstattung oder ein sentimentales Almosen, gewöhnlich verknüpft mit dem skandalösen Versuch des rührseligen Spenders, auf (das) Privatleben (der Armen) Einfluss zu nehmen. (…) Im totalisierten Zugriff auf die ihr Unterworfenen ist die sozialistische Bewegung bis auf den heutigen Tag ebenfalls als ein Racket des Tugendterrors anzusprechen, betrachtet sie es doch als ihre Aufgabe, das Proletariat oder das gerade angesagte Subjekt seiner „wahren Bestimmung“ zuzuführen und d.h. es im Sinne der von ihm zu realisierenden Ideale zu erziehen – und das bedeutet stets noch: ihm die Untugenden und Laster auszutreiben, die der Vorhut als Male der individualistischen Bürgerwelt erscheinen: etwa Alkoholabusus, Faulenzerei, „zerrüttete“, „unsittliche“ Verhältnisse zwischen den Geschlechtern etc. Und um dieser Aufgabe gerecht zu werden, müssen die selbsternannten Vertreter der Klasse die von ihnen verfochtenen Tugenden in eigener Person glaubwürdig verkörpern und deshalb in einer noch rigideren Weise als der gemeine Bürger sich als Subjekte zurichten, d.h. ihre Individualität dem Allgemeinen (dem Kollektiv, der Klasse, dem Frieden etc.) opfern, um totale Identität mit ihm zu erlangen. Wenn Identität letzten Endes den Tod bedeutet, dann hat die Bemühung um sie vorzeitige Erstarrung und prämortale Leblosigkeit zur Folge – von daher die bis in die Gegenwart zu beobachtenden verhockten, verkniffenen und lauernden Mienen aller professionellen Menschheitsbeglücker, ihre rigide Zwangsmoral und durchgängige Humorresistenz, die immergleichen offiziösen Phrasen, die sie dreschen, die tödliche Langeweile, die von ihnen und ihrem penetranten Sendungsbewusstsein ausgeht, und ihr chronisches Beleidigtsein, wenn sie beim Gegenüber auch nur den Hauch eines Zweifels an ihrer aufgetragenen Gutartigkeit zu erspüren glauben. Und zu alldem glauben diese Leute sich auch noch ermächtigt, diese ihre trostlose Existenz zur verbindlichen Richtschnur für alle anderen zu erklären.“ – Clemens Nachtmann

„Die rebellische Haltung, vor einem Jahrzehnt noch das Privileg von Einzelgängern, ist heute Ausdruck des Konformismus. Man will dazugehören, nicht als Schlappschwanz gelten“ – Horkheimer

„Die Demokratie ist nichts weiter als die Herrschaft des Knüppels über das Volk durch das Volk für das Volk. (…) Es gibt drei Arten von Despoten: den Despoten, der den Leib knechtet, den Despoten, der die Seele knechtet und den Despoten, der Leib und Seele zugleich knechtet. Der erste heißt Fürst. Der zweite heißt Papst. Der dritte heißt das Volk. (..) Wer das Volk führen will, ist gezwungen, dem Pöbel zu folgen“ (…) „Man hört immer wieder, der Schulmeister sterbe aus. Ich wünschte beileibe, dem wäre so. Aber der Menschentypus, von dem er nur ein und gewiss noch der harmloseste Vertreter ist, scheint mir wahrhaftig unser Leben zu beherrschen; und wie auf ethischem Gebiet der Philanthrop die größte Plage ist, so ist es im Bereich des Geistes derjenige, der so sehr damit beschäftigt ist, andere zu erziehen, dass er nie Zeit gehabt hat, an seine eigene Erziehung zu denken […] Wie schlimm aber, Ernest, ist es, neben einem Menschen zu sitzen, der sein Leben lang versucht hat, andere zu erziehen! Welch eine grausame Tortur! Was für eine entsetzliche Borniertheit, die unvermeidlich aus der fatalen Gewohnheit resultiert, anderen seine persönlichen Überzeugungen mitteilen zu wollen! Wie sehr dieser Mensch durch seine geistige Beschränktheit auffällt! Wie sehr er uns und fraglos auch sich selbst anödet mit seinen endlosen Wiederholungen und seiner krankhaften Besserwisserei! Wie sehr er jedes Anzeichen geistigen Wachstums vermissen lässt! Wie verhängnisvoll ist der Kreis, in dem er sich unablässig bewegt.“ – Oscar Wilde
„Was die Menschheitsbeglücker in Wahrheit bewirken, ist ihr eigener moralischer Selbstgenuss in der angemaßten oder tatsächlichen Herrschaft über andere, aber gerade nicht die praktische Lösung der Dinge, um die es ihnen vorgeblich so selbstlos zu tun ist: „In den Augen des Denkers allerdings liegt der wahre Schaden, den das moralische Mitgefühl anrichtet, darin, dass es unser Wissen begrenzt und so verhindert, dass wir auch nur eines unserer sozialen Probleme lösen.“ (Wilde) Das Selbstopfer fürs Kollektiv erweist sich nicht nur als die wahre Selbstsucht, sondern auch als gegen die Gattung gerichtet: „Denn die Entwicklung der Gattung hängt von der Entwicklung des Individuums ab, und wo die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit als Ideal abgedankt hat, ist das Absinken des intellektuellen Niveaus, wenn nicht gar dessen gänzliches Verschwinden die unmittelbare Folge.“ (Wilde) Und das vorgeblich so praktische und zielorientierte Tun erweist sich als in Wahrheit konfus und unpraktisch: denn es verlässt den Bannkreis des Notwendigen und Zwanghaften nicht, ja, es bestärkt dessen Macht umso mehr, je auftrumpfender und verblendeter es sich in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit verhärtet und alle Selbstaufklärung abwehrt. Solange die Gesellschaft den Individuen als fremde äußere Macht entgegentritt, verkehrt sich die gute Intention regelmäßig in ihr Gegenteil und ist menschliches Handeln „nur blindes Tun, abhängig von äußeren Einflüssen und angetrieben von einem dunklen Impuls, von dem es selbst nichts weiß. Es ist seinem Wesen nach unvollkommen, weil es vom Zufall begrenzt wird, und unwissend über seine eigentliche Richtung, befindet es sich zu seinem Ziel stets im Widerspruch […] Jede unserer Taten speist die große Maschine des Lebens, die unsere Tugenden zu wertlosem Staub zermahlen oder aber unsere Sünden in Bausteine einer neuen Kultur verwandeln kann.“ (…) Die Misere des Sozialismus von seinen Anfängen bis heute war und ist stets zuverlässig abzulesen an seiner Verachtung aller autonomen, zweckfreien, in sich begründeten und eben darin gesellschaftlich bestimmten Kunst, weil sie die – prekäre und unvollständige – Emanzipation des Individuums von Blut, Scholle, Rasse, Kollektiv vorausträumt und ihr Ausdruck verleiht. Die Kunst, die sozialistische Bewegungen oder Regimes dann hervorbringen und fördern, eine Kunst, die „Partei ergreifen“, „Stellung beziehen“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ dokumentieren soll, zerstört jedoch sich selbst und ihre Voraussetzungen. (…) „Kunst ist Individualismus und der Individualismus ist eine verstörende und zersetzende Kraft. Gerade darin liegt sein unermesslicher Wert. Denn was er aufzubrechen versucht, ist die Einförmigkeit des Typischen, die Sklaverei der Konvention, die Tyrannei der Gewohnheit und die Erniedrigung des Menschen auf das Niveau einer Maschine. (…) alle Künste sind amoralisch, ausgenommen die niederen Formen der sinnlichen oder belehrenden Kunst, die uns zu guten oder schlechten Taten anstiften wollen“ (…) Selbstsucht strebt immer danach, der gesamten Umwelt ein Einheitsmaß aufzuzwingen“ „Selbstlosigkeit bedeutet, andere Leute in Ruhe zu lassen, sich nicht in ihr Leben einzumischen […] Die Selbstlosigkeit weiß die unendliche Vielfalt als etwas Kostbares zu schätzen, sie akzeptiert sie, lässt sie gewähren und erfreut sich an ihr.“ (…) „Die erste Pflicht im Leben ist, so künstlich wie möglich zu sein. Die zweite Pflicht ist noch unbekannt.“(Wilde)
Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus.  (…) Massen laufen zur Deutschen Ideologie über, wenn Politik und Staat ihnen diesen Weg nicht versperren (…) Der Vernünftige braucht keinen Dialog mit Leuten zu führen, die sich nicht von Grund auf von denjenigen distanzieren, die Juden oder, was dasselbe ist, den Zionismus für ihr und anderer Leute Unglück verantwortlich machen. Er denunziert desgleichen jede Verhandlungsbereitschaft denen gegenüber, die, bevor sie sich als Staatsbürger und Marktsubjekte definiert haben, als Angehörige einer Religions- oder Volksgemeinschaft anerkannt werden wollen. (…) Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus. (…) Antideutsch denken und handeln heißt demzufolge, die politischen Vermittlungs- und Repräsentationsformen in Gesellschaft und Staat, die auf der Trennung von freien und gleichen Warenbesitzern einerseits und am Allgemeinwohl orientierten Staatsbürgern andererseits beruht, gegen die zu verteidigen, die diese Teilung zugunsten eines autoritären Volksstaates überwinden wollen, dessen Subjekte von nichts anderem als von seinen Wohlfahrtsleistungen abhängig sind. Wer in diesem Sinne das Etikett „antideutsch“ nicht auch auf sich bezieht, mißachtet zumindest die Gefährlichkeit der – selbstredend nicht auf Deutschland und deutsche Staatsbürger beschränkte, sondern immer schon weltweit grassierende – Deutschen Ideologie, deren historischer Kern darin besteht, daß auf ihr Konto nicht nur „normale“ kapitalbedingte Ausbeutung und Herrschaft, nicht nur die dem Kapital aus Prinzip immanenten Kriege und nicht nur der ihm in seinen Grund eingeschriebene Antisemitismus gehen, sondern fördert das Überleben einer Ideologie, der zudem noch die historisch und empirisch nicht zu leugnende Tatsache eingeschrieben ist, daß die deutsche Fassung der Beziehung von Staat und Gesellschaft die Auslöschung der Menschheit in zwei Weltkriegen im allgemeinen und den eliminatorischen Antisemitismus im besonderen beinahe total verwirklicht hätte. In der Existenz des Staates Israel manifestiert sich der Einspruch gegen den historisch bewiesenen Vernichtungswahn Deutscher Ideologie praktisch und empirisch. – Manfred Dahlmann

„Wird Freiheit mit Zügellosigkeit verwechselt, entsteht Rücksichtslosigkeit.
Am Schluss Gleichmacherei.
Ihr seid aber nicht alle gleich.
Noch nie wart ihr alle gleich.
Ihr lasst es euch aber einreden.
So werdet ihr immer respektloser, ungenießbarer gegeneinander.
Vergeudet in Kleinkriegen eure Zeit, als hättet ihr ein zweites Leben.
Weil ihr tatsächlich alles verwechselt.
Behauptungen mit Beweisen.
Gerechtigkeit mit Maß.
Religion mit Moral.
Desinteresse mit Toleranz.
Satire mit Häme.
Reform mit Veränderung.
Nachrichten mit Wirklichkeit.
Kulturunterschiede haltet ihr für Softwarefragen und ihre Analyse ersetzt ihr mit Anpassung.
Ihr habt die Maßstäbe verloren.
Der Gordische Knoten ist ein Keks gegen eure selbstverschuldete Wirrsal.

Man geht immer fehl, sucht man den Ursprung menschlicher Handlungen außerhalb der Leidenschaft des menschlichen Herzens …

Der Separatismus gendert sich in die Köpfe, sitzt in Regierungen.
Männer sind keine Männer mehr. Frauen keine Frauen, sondern ‚Menschen mit Menstruationshintergrund’, Quote ist Trumpf.
Auf gar keinen Fall sollen Mann und Frau sich noch als zwei Teile eines Ganzen begreifen. Damit die Geschlechter noch mehr aneinander verzweifeln.
Bis alle in destruktiver Selbstbezogenheit stecken.
Am Ende: Mann ohne Eier. Frau ohne Welt.

Auf die Erschöpfung des Mannes wird aber nur die Erschöpfung der Frau folgen, das sage ich euch.
Auf die Verstörung der Kinder folgt die Zerstörung der menschlichen Schöpfung.“– Hans Dieter Hüsch

Es gibt zweierlei Ethik: die moralische, der die Realität egal ist und die der Verantwortung, die reale Folgen der ethischen Forderungen berücksichtigt. Die erste ist gut gemeint, die zweite ist gut gemacht.

Was dem einen seine Souveränität, ist dem anderen seine Eigenmächtigkeit.

Das Schöne am Euro war, dass die Gewinner immerzu gewinnen konnten, ohne dass ihnen gleich die Quittung präsentiert wurde. Denn sie verdienen ja am Ausland, was heißt, eigentlich ein im Maße des Verdienens zunehmend schlechtes Geld – das ist durch den Euro aufgehoben worden: Man konnte ständig an einer anderen Nation verdienen, ohne dass das Geld dieser Nation darunter gelitten hat, weil sie gar kein eigenes hat. Der Wert dieses Geldes repräsentiert nicht die Leistungsfähigkeit dieser Nation. So hat der Euro von dem innereuropäischen Verdienen aneinander sogar noch gelebt; er hat vor der Krise absurderweise nur den Konkurrenzerfolg der Gewinner repräsentiert.

— Das ist ja mit der Idylle charakterisiert. Dass zunächst mal alle Seiten Gewinner des neu eingeführten Euro waren. Auch die, die ihre vergleichsweise Weichwährung gegen den Euro getauscht haben und damit auf einen Schlag Kredit zu ganz anderen Konditionen und Möglichkeiten hatten. Insofern waren die späteren Verlierer erst mal auch Gewinner.

Kein Nazifaschist hat je wirklich geglaubt, er bezöge die Ermächtigung seiner Ansprüche aus dem Teutoburger Wald; keiner seiner demokratischen Erben hat jemals tatsächlich gedacht, ihnen erwüchse Legitimität im Resultat des “Lernens aus der Geschichte”; niemals war ein Sozialist der Ansicht, es sei die famose “Befreiung der Arbeit” und nicht vielmehr das Recht auf Beute, was seine Politik im Interesse der Arbeiterklasse motivierte. Und keinesfalls erwächst den Palästinensern irgendein Recht aus der Tatsache, daß sie zuerst da waren. Einer Gesellschaft, der Hunger kein Grund ist zur Produktion, kann auch das Leiden kein Grund sein zur Solidarität. Es ist die Ideologie, die mit der Unmittelbarkeit des Leidens agitiert, die aus dessen fragloser Evidenz Sinn zu schlagen sucht, sei es im Sinne von Caritas oder Amnesty International, sei es im Sinne der Freunde des palästinensischen Volkes für den Israelhaß der Antisemiten wie für den Islamfaschismus dieses Volkes. Ariel Scharon jedenfalls, der Zionist und praktische Antifaschist, ist dem aufgelösten Rätsel der Geschichte näher als die deutsche Linke, deren “Antifaschismus” sich als Aufstand der Anständigen à la Gerhard Schröder oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausagiert. (…) Im Wesen Israels als des ungleichzeitigen Staates der Juden liegt es aber nicht nur, Reaktion auf den Verrat an Aufklärung und Weltrevolution, nicht nur, Notwehrversuch gegen den Nazifaschismus und Asyl zu sein. Sondern eben auch, daß die üblichen Muster der bürgerlichen Rollenverteilung – hier das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates im allgemeinen und dort die Personen, die die Regierungsausübung im besondern besorgen – für den israelischen Staates aufgrund seiner Konstitutionsbedingungen keine Geltung mehr hat. Was sich unter anderem darin zeigt, daß diese “Kritiker” der israelischen Regierungspolitik für den faschistischen Mob und die Behörden, die Selbstmordattentäter belohnen, Verständnis aufbringen (Folge von Besatzung und Ausbeutung), dagegen für den Versuch, die militärische Infrastruktur der Gegner Israels zu zerschlagen, am liebsten die Begriffe Auslöschung oder Ausrottung der palästinensischen Bevölkerung im Munde führen. Wie hinter der treudoofen Frage, ob es nicht möglich sein müsse, Spekulanten als das zu bezeichnen, was sie sind, ohne gleich als antisemitisch zu gelten, so verbirgt sich hinter der treulinken Frage, ob nicht auch in Israel, weil es sich auch dort um eine bürgerliche Gesellschaft handele, Faschismus möglich sei, die Erkenntnis dieser Fusion in verquerer und verschrobener Gestalt. Verquer, weil ja gerade erklärt werden sollte, wie Israel, dieser Fusion zum Trotz, eine parlamentarische Demokratie ist und bleibt; verschroben, weil diese Einheit von Staat und Regierung im Übergang von einem unerträglichen Alten (die Vernichtungsdrohung) zum noch nicht erreichten Neuen (die herrschaftslose Gesellschaft) ja doch den Inbegriff dessen ausmacht, was einmal als “Diktatur des Proletariats”, als Emanzipationsgewalt und organisierte politische Macht der Revolution, auch und gerade auf den roten Fahnen stand. In Anbetracht der Grundidee des Staates Israel, vor dem Hintergrund der linken Staatsmythen, betreffend die “Diktatur des Proletariats”, muß jede Beurteilung der Handlungen der Regierungsvertreter auch die völlig andere Qualität dieses Staates, verglichen mit allen anderen, deutlich werden lassen. (…)

Wenn diese Linke über Israel schwadroniert, dann hört sich das nicht minder grausig an. Dabei liegt der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und dem Vernichtungswillen gegen die zum Staat gewordene bürgerliche Gesellschaft der Juden, gegen Israel, eigentlich auf der Hand: Der sogenannte Antizionismus stellt nichts anderes dar als die geopolitische, globalisierte Reproduktion des Antisemitismus, das heißt die Erscheinungsform, die er in Weltmarkt und Weltpolitik nach Auschwitz annehmen muß. Der Antizionismus ist der aus den kapitalisierten Gesellschaften in die Welt herausgekehrte Antisemitismus. So ist Israel der Jude unter den Staaten; die Verdammung des Zionismus als eines “Rassismus” durch die UNO gibt es zu Protokoll. Das macht: die moralische Verurteilung der menschlichen Unkosten der Konstitution bürgerlicher Staatlichkeit allein am Beispiel Israels führt vor Augen, was die Welt der Volksstaaten vergessen machen will – daß die Zentralisation der politischen Gewalt über Leben und Tod keineswegs die natürliche Organisationsform der Gattung Mensch darstellt, sondern Ausdruck eben von Herrschaft und Ausbeutung. Dabei ist Israel – und das macht die Kritik an diesem Staat so perfide und muß deshalb immer wieder gesagt werden – der einzige Staat dieser Welt, der für sich eine nicht zu bezweifelnde Legitimität beanspruchen kann. Israel, das ist der ungleichzeitige Staat, der entstanden ist sowohl als Reaktion auf das Dementi aller Versprechungen der bürgerlichen Nationalrevolution, sowohl als Antwort auf den stalinistischen Verrat an der kommunistischen Weltrevolution als auch als zu spät gekommene Notwehr gegen den Massenmord an den europäischen Juden. (…) Israel ist das Schibboleth jener doch so naheliegenden Revolution; es ist der unbegriffene Schatten ihres Scheiterns. Israel ist das Menetekel, das zum einen (und ganz unfreiwillig) die kategorischen Minimalbedingungen des Kommunismus illustriert, und das zum anderen sämtliche Bestialitäten zu demonstrieren scheint, zu denen der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat fähig ist. Wer Israel nicht begriffen hat, wer den Haß auf diesen Staat, den Antizionismus, und wer den Antisemitismus, das heißt den Vernichtungswillen sowohl gegen die in diesem Staat lebenden als auch gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden, nicht begriffen hat als das, was Antisemitismus wesentlich darstellt: den bedingungslosen Haß auf die Idee einer in freier Assoziation lebenden Gattung, der hat den Kommunismus nicht als das “aufgelöste Rätsel der Geschichte” begriffen. –

 Der ostentative Muslimeifer aber, der sich im Alltag mancher ‚Allahu-Akbar‘-Brüller vielleicht doch sehr in Grenzen hält, findet im blanken Judenhass unverhoffte Nahrung, wo ihnen unter unendlich öden Koranrezitationen und geistlosen, absurden Vorschriften längst das bisschen ungeglaubten Glaubens zwischen den Fingern zerrann und ihr Muslimsein kaum je mehr ist als das typisch dauerbeleidigte, immer schon jeder Verantwortung ledige Gruppengefühl. Überhaupt will jeder Eifer – insbesondere der aktuelle, rasende Eifer des weltweit angreifenden Islam – den Stachel eines weniger drohenden als hinterrücks längst geschehenen Glaubensverlustes kompensieren.“ Mit anderen Worten: Muslime wurden nicht für ihr abstraktes Muslimsein kritisiert, sondern dafür, was – global betrachtet – die Mehrheit konkret darunter versteht: Die von Gott gegebene Ermächtigung zu Terror, Entrechtung, Antisemitismus. Wer differenziert, sollte nicht unerwähnt lassen, dass Osama bin Laden, Hassan Nasrallah und wie all die schrecklichen Figuren so heißen, in der muslimischen Welt als Helden gefeiert werden – und zwar nicht von einer minoritären Sekte, sondern von Millionen Muslimen, auch in Deutschland. (,,) Der unfreiwillige und verborgene Essentialismus der Postmoderne macht das Begreifen unmöglich, weil er die Beziehung zwischen Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem nicht mehr zu thematisieren vermag. Wenn nur noch Vielfalt herrscht und Einzelnes und Allgemeines gewaltsam auseinandergerissen werden, bleibt die Verstandesleistung des begreifenden Subjekts auf der Strecke und die scheinbar ursprüngliche Differenz wird zum Mythos. Nicht nur dem Begriff des Allgemeinen, das ja ein noch einzulösendes ist, wird Gewalt angetan, auch dem Besonderen, dessen Unglück darin besteht, nur ein Besonderes zu sein, und das sich, weil es kein versöhnendes Ganzes gibt, dem schlecht-Allgemeinen, dem Racket nämlich, anschließen muss. – JAN HUISKENS

„Vernunft und Rationalität sind in dieser durchmedialisierten Welt chancenloser denn je. Ein unangenehmer Typ „Heckenschütze“ terrorisiert die Gesellschaft. Seine aktuelle Waffe: Der Phobienvorwurf.“ – Bettina Röhl

„Man wähnt, wenn man nach wissenschaftlichen Regeln sich richtet, dem wissenschaftlichen Ritual gehorcht, mit Wissenschaft sich umgibt, gerettet zu sein. Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen, in der Wissenschaft erst bestünde. […] Je tiefer man ahnt, daß man das Beste vergessen hat, desto mehr tröstet man sich damit, daß man über die Apparatur verfügt.“ (Theodor W. Adorno, Philosophie und Lehrer, AGS 10.2, 491)

„Vieles, was im Sinne von Foucaults »Mikrophysik der Macht« populär werden sollte; also die Erkenntnis, daß Macht nicht pyramidal hierarchisch, sondern durch sämtliche gesellschaftliche Bereiche hindurch wirkt, findet sich bereits in der Medizinkritik der Kritischen Theorie. Daß diese Thesen häufig übersehen wurden, mag daran liegen, daß sich Horkheimers entscheidende Äußerungen über Medizin und Psychiatrie nicht in den breit rezipierten Hauptwerken finden, sondern über die Gesamtausgabe verstreut sind. Wiemer suchte sie zusammen und zeigt, wie Horkheimer anhand der Medizin einen wesentlichen Charakterzug des modernen Kapitalismus ausmachte. Mediziner funktionieren laut Horkheimer wie fast jede wirtschaftliche Gruppe im Sinne eines Rackets. »Ein Racket«, erklärt er, »ist eine unter sich verschworene Gruppe, die ihre kollektiven Interessen zum Nachteil des Ganzen durchsetzt.« Allgemein betrachtet heißt das, daß sich die Klassengesellschaft in eine »neofeudale« Struktur verwandelt hat, innerhalb der Interessenverbände »nach dem Prinzip der Selbsterhaltung und der Machtakkumulation« funktionieren. Diesen Wandel macht Horkheimer an den Medizinern fest; und alles, was Horkheimer in seiner Kritik aussparte, von den Krankenversicherungen bis zum Pfusch in Krankenhäusern, wird von Carl Wiemer polemisch auf den neuesten Stand gebracht“  – Max Horkheimer

 

„Ein Shitstorm hat auch seine positive Seite. Da politisch korrekte Gülle meist in Richtung Originalität, Kreativität und Intelligenz geworfen wird, fliegt sie oft genug auf Leute, die zu lesen wirklich lohnt.“ – Evidenz-basierte Ansichten

Eine Frau wird als Frau geboren. ein Mann muß erst ein Mann werden.
Keine Paternalisierung, sondern fortschreitende Maternalisierung. Die Feminisierung und Genderisierug marginalisiert und zerstört die Vaterposition in den modernen »Gesellschaften«, die Vaterrolle erlitt allgemeine Degradierung, die Kanonisierung der Homosexulität im Speziellen und der sexuellen Diversität im Allgemeinen tilgt die noch übriggebliebenen Spuren einer Männlichkeit restlos aus, die nur noch als Schimpfwort der angeblichen „Paternalisierung“ im Jargon der Medien herumgeistert.

„Es kommt in der Psychotherapie darauf an – mit temporärer Unterstützung – sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Wer mit einem Selbstbild lebt, für das die temporär klärende Rolle des Therapeuten eine unerträgliche Kränkung ist, der muß eben versuchen, alleine zurechtzukommen.“ – Hans Ulrich Gumbrecht

Post-Pop-Epoche: der Sieg der Mode über die Sitten.

„Wir brauchen schadhafte Gebäude, durch deren geborstene Wände man hindurch­ sehen kann, um wenigstens einen Anfang zum Denken zu gewinnen.“ – Victor Tausk

„Was man in römischer Zeit das »Abendland« und später »Europa« nennen wird, ist die politische Konsequenz des individualistischen Martyriums, das ein gesprächsfreudiger Stadtstreicher auf sich nahm, um die Legitimität des im universalistischen Dialekt vorgebrachten Neuen gegen die entkräfteten lokalen Sitten zu demonstrieren.“ – Peter Sloterdijk

„Was nützt einem die Gesundheit wenn man ansonsten ein Idiot ist.“ – Theodor Adorno

„Ich bin eine Feministin. Das bedeutet, daß ich extrem stark behaart bin und daß und ich alle Männer haße, sowohl einzelne als auch alle zusammen, ohne Ausnahmen.“Bridget Christie

„Die Tragödie isolierter persönlicher Leidenschaften ist für unsere Zeit zu fade. Aber weshalb? Weil wir in einer Epoche der sozialen Leidenschaften leben. Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv.“ –  LeoTrotzki 1923

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Stupidity is demonstrated by people lacking the knowledge they could achieve

Stupidity manifests itself as outraged moralism

Love: only, and not always, a mother loves her child, just as it is, otherwise you have to meet the expectations of others, to be accepted.

Values without empathy are worth nothing

Some people feel physical pain when they should correct their accustomed ideas in favor of reality, they turn all their intelligence with the support of their aggression, for not to recognize the reality and maintain their self-image

More and more feel, think less and less Man does not differ from animals by feelings, because mammals have the same feelings, like man, sadness, fear, anger, love, but by his thought. When he thinks, if he thinks.

Political correctness can be defined as the telling of a lie out of the cowardice in an attempt to avoid upsetting fools not willing to face up to the truth

“In arguments about moral problems, relativism is the first refuge of the scoundrel.” Roger Scruton

They are the same who claim the sex/gender would not be biologically innate, but only a social construct, and at the same time that homosexuality was not a social construct, but biologically innate.

Antisemitism is when one blames the Jews or Israel for issues, he does not blame others

„There are two things,“ said Hitler in 1923, „which can unite people: common ideals and common crime“

After the violent termination of Murder by the Allies were the German (and have remained so to this day) more german than before.

The depraved human creature, the more she feels insulted, disrespected, offended in their honor.

Islam is less a religion and more a totalitarian society, an ideology that demands absolute obedience and tolerates no dissent, no criticism, and prohibits the thinking, knowledge and recognition. True Islam is totally different, the one who will find it will receive a very high reward.

Craziness is, when one always does the same but expects a different outcome

If a monkey thinks “I am a monkey”, then it is already a human

A man with roots should go for a pedicure

Self smugness leads to idiocy, being pissed off leads to enlightenment

If someone has something to say, he can tell it always very easily. If someone has nothing to say, he says it in a very complicated way

Addiction is, when somebody does something he wants to do, yet seeks someone who can make it so he won’t do it and doesn’t want to, either.

If the clever people always gave in, the world would be reigned by idiots. Too much “cleverness” makes you stupid.

If one only fights evil to protect life, one produces nothing good at all and such a life then becomes no longer worth living and thus requires no protection, for it is already unlived due to such a total protection. One can spend so much money on insurance, that one has nothing left to insure. Safety works in the same way.

Happy slaves are the worst enemies of freedom.

Creativity is an intelligence having fun.

If working makes you sick, fuck off, leave the work!

If Germans talk about morality, they mean money.

A man without an insight is just an anxious, aggressive, unhappy monkey.

Thinking is always trespassing.

The mob, who calls himself the people, does not discuss, just defames.

Legal is not always legitimate.

Who can not do without, lives unhappy.

So called social, culture sciences, sociology, psychology psychotherapy, psychoanalysis, are not anymore scientific, but immanent religious cult-prophets, organized as sects.

Without a strong opposition any apparent democracy atrophies to a tyranny, and as well a science , to an attitude of a religious sect.

You can recognize everything from a certain distance only, who is zealous, outraged, who sticks his nose in something, this one has lost the perspective, he recognizes anything more, he has only his imagination of the world in his head. This creates paranoia, which is called religion, and a religion as politics, even as a science.

Islamists are a real danger, therefore they will not be seen as such. Jews are not a danger, therefore they are seen as such. It is how the perception by cowards functions.

People without a sense of humor are able only to fear or to hate and become monks or terrorists.

People are not equal, each single person is unique.

Insight applies to everyone, including Muslims, Albanians, women and homosexuals.

Islam belongs to Germany, Judaism belongs to Israel.

The totalitarian Terror of consensus is ubiquitous in Germany.
There are no discussions anymore, but defamations only.
It is a culture of the mob. As it has already been.
Harmony is only if you do not communicate.

One should never go to bed with someone who has more problems than you already have.

>>Evelyn Waugh, surely the wittiest novelist of the past century, in World War II, coming out of a bunker during a German bombing of Yugoslavia, looked up at the sky raining enemy bombs and remarked, “Like everything German, vastly overdone.”<< Joseph Epstein

One has to be brave, to have a wit.

Stupid and dull belong mostly together.

Charlie Hebdo: you don´t care if such murders are comitted to Jews, we will see how “adequate” you will react when (when, not if), Islamists will begin to bombard your cities with Kasam missiles.

Christopher Hitchens: In a free society, no one has the right not to be offended.

The more someone narcissistic inflates , the more he feels insulted and provoked.

“The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” – Bertrand Russell

 The problem with the Islamists in Europe should be solved exactly as Europe requires to the Middle East: a two-state solution, a half for muslims and the another half for not-muslims , with a common capital.

What may satire? Everything! Except be understood by the fool, because then it was not a satire.

Islamimus is Islam preaching violence.

Islam is a religion of love, and he who doubts is dead.

War is peace. Freedom is slavery. Ignorance is strength. Islam is a peaceful religion of love – George Orwell 2015

Islam is not responsible for anything, Jews are guilty of everything.

Islamists are satanists. Islamism is a religion of idiots.

If someone inflates endless his ego, as Islamists do, then he hurts his own feelings already in his morning own shit.

The seven deadly sins of modern society. Wealth without work pleasure without conscience, knowledge without character business without morality Science without humanity, worship without sacrifice Politics without principles
-Mahatma Gandhi

“Where there is only a choice between cowardice and violence, I would advise violence.”
-Mahatma Gandhi

Heroes of today know nothing, can not and do not want anything. They just look like heroes, that’s all.

It may be that early fathers ate their children. Today, the mothers will eat anything, fathers, children and the rest. Everything Mommy, anyway!

Germany yesterday: the will to power.
Germany today: the will to blindness.
Germany tomorrow:

German psychoanalysis? Great, like German charm, German humor and German wit.

The resistance starts with its own language other than that of the dictatorship.

Smart phones for stupid people.

A leftist can, but do not have to be stupid.

If you do not blame states, when they commit suicide with millions victims , so why to blame a co-pilot with 149 dead?

Only the purity of the means justify the end.

A German is a person who can speak no lie, without actually believe Adorno

„Reason and rationality are chance-less than ever in this totally mediatised world. An unpleasant type Sniperterrorized society. His current weapon: The phobia accusation.“ – Bettina Röhl
„A Shitstorm has also its positive side. As politically correct manure it is usually thrown in the direction of originality, creativity and intelligence, she flies often to people who are really worth to read.“ Evidenz-basierte Ansichten
A woman is born as a woman. a man has to become a man.
No paternalization but advancing maternalization. The feminization and genderization marginalized and destroyed the father position in the modern „societies,“ the father role suffered general degradation, the canonization of homosexuality in particular and the sexual diversity generally wipes out the still remaining traces of masculinity completely out,  only as an insult haunts the alleged „paternalization“ in the jargon of mass media.
PostPop era: the triumph of fashion over the morals.
„We need damaged buildings, so you can see through their cracked walls to win at least one viewpoint to start to begin to think. Victor Tausk
„What good is health if you are an idiot then?“ – Theodor Adorno
„What one must be judged by, scholar or no, is not particularised knowledge but one’s total harvest of thinking, feeling, living and observing human beings.“ (…) „While the practice of poetry need not in itself confer wisdom or accumulate knowledge, it ought at least to train the mind in one habit of universal value: that of analysing the meanings of words: of those that one employs oneself, as well as the words of others. (…) what we have is not democracy, but financial oligarchy. (…) Mr. Christopher Dawson considers that “what the non-dictatorial States stand for today is not Liberalism but Democracy,” and goes on to foretell the advent in these States of a kind of totalitarian democracy. I agree with his prediction. (…) That Liberalism is something which tends to release energy rather than accumulate it, to relax, rather than to fortify. (…) A good prose cannot be written by a people without convictions. (..) The fundamental objection to fascist doctrine, the one which we conceal from ourselves because it might condemn ourselves as well, is that it is pagan. (..) The tendency of unlimited industrialism is to create bodies of men and women—of all classes—detached from tradition, alienated from religion and susceptible to mass suggestion: in other words, a mob. And a mob will be no less a mob if it is well fed, well clothed, well housed, and well disciplined. (…) The rulers and would-be rulers of modern states may be divided into three kinds, in a classification which cuts across the division of fascism, communism and democracy. (…) Our preoccupation with foreign politics during the last few years has induced a surface complacency rather than a consistent attempt at self-examination of conscience. (…) What is more depressing still is the thought that only fear or jealousy of foreign success can alarm us about the health of our own nation; that only through this anxiety can we see such things as depopulation, malnutrition, moral deterioration, the decay of agriculture, as evils at all. And what is worst of all is to advocate Christianity, not because it is true, but because it might be beneficial. (…) To justify Christianity because it provides a foundation of morality, instead of showing the necessity of Christian morality from the truth of Christianity, is a very dangerous inversion; and we may reflect, that a good deal of the attention of totalitarian states has been devoted, with a steadiness of purpose not always found in democracies, to providing their national life with a foundation of morality—the wrong kind perhaps, but a good deal more of it. It is not enthusiasm, but dogma, that differentiates a Christian from a pagan society.“ (…)  It would perhaps be more natural, as well as in better conformity with the Will of God, if there were more celibates and if those who were married had larger families. (…) We are being made aware that the organisation of society on the principle of private profit, as well as public destruction, is leading both to the deformation of humanity by unregulated industrialism, and to the exhaustion of natural resources, and that a good deal of our material progress is a progress for which succeeding generations may have to pay dearly. I need only mention, as an instance now very much before the public eye, the results of “soil-erosion”—the exploitation of the earth, on a vast scale for two generations, for commercial profit: immediate benefits leading to dearth and desert. I would not have it thought that I condemn a society because of its material ruin, for that would be to make its material success a sufficient test of its excellence; I mean only that a wrong attitude towards nature implies, somewhere, a wrong attitude towards God, and that the consequence is an inevitable doom. For a long enough time we have believed in nothing but the values arising in a mechanised, commercialised, urbanised way of life: it would be as well for us to face the permanent conditions upon which God allows us to live upon this planet. And without sentimentalising the life of the savage, we might practise the humility to observe, in some of the societies upon which we look down as primitive or backward, the operation of a social-religious-artistic complex which we should emulate upon a higher plane. We have been accustomed to regard “progress” as always integral; and have yet to learn that it is only by an effort and a discipline, greater than society has yet seen the need of imposing upon itself, that material knowledge and power is gained without loss of spiritual knowledge and power. “ – T.S.Eliot
“I am a feminist. All this means is that I am extremely hairy and hate all men, both as individuals and collectively, with noexceptions.” – Bridget Christie