Kategorie-Archiv: Brambarisierung

Brambarisierung des Holocaust

Magnus Klaue

Auschwitz ist überall

Giorgio Agamben warnt vor der Bio-Macht und bagatellisiert den Holocaust

 

Die Unterscheidung zwischen »bloßem Leben« und »gutem Leben« ist ein bekannter Topos der Kulturkritik. Dem »tierischen« Dasein jener, deren Existenz sich im Zyklus von Arbeit und Konsum erschöpft, wird ein »höheres« Leben entgegengehalten, das sich im öffentlichen Raum entfaltet. Folie dieser Unterscheidung ist die antike Dichotomie von »Oikos« und »Polis«, die dem Haus als Ort reproduktiver Tätigkeit den Markt als Sphäre politischen Handelns gegenüberstellt.
1958 leitete Hannah Arendt daraus in Vita activa eine Verteidigung der Öffentlichkeit ab, die gegen »Privatinteressen« aller Art zu schützen sei. Erst als Bürger sei der Mensch wirklich »Mensch«, in der Haushaltssphäre dagegen bloßes Gattungswesen. Die moderne Massengesellschaft jedoch sei gerade durch ein Übergreifen des »Oikos« auf die »Polis« geprägt. Das herrschende Nützlichkeitsdenken erlaube keine Initiative jenseits von Arbeit und Konsum und ersetze Politik durch Ökonomie und Verwaltung. Alles Handeln werde wie in einem behavioristischen Experiment zum »Sich-Verhalten«. Subjekt dieses Prozesses sei nicht der Bürger, sondern, wie Arendt kryptisch schreibt, »das Leben selbst«.
Zwanzig Jahre später legte Michel Foucault in Sexualität und Wahrheit sein Konzept der »Bio-Macht« vor, das es erlaubt, Arendts These von der Verschränkung von »Politik« und »bloßem Leben« jenseits biologistischer Klischees zu reformulieren. »Leben« ist für Foucault, anders als für Arendt, kein vorpolitisches Phänomen, sondern selbst Knotenpunkt politischer Strategien. Kennzeichnend für die Bio-Macht ist nicht, daß sie den Bürger zum »Animal laborans« macht, sondern daß sie durch Sexualhygiene, Geburtenkontrolle und statistische Erfassung »Leben« als politische Kategorie erst erzeugt. Während die Institutionen der »Disziplinarmacht« (Schule, Militär, Gefängnis) auf einzelne Körper zugreifen, um sie zu »dressieren«, richtet sich die Bio-Macht auf »das Leben« insgesamt; ihr Objekt ist weniger der Körper des Individuums als der »Volkskörper«. Deshalb hat Foucault in seinen späten Vorlesungen den Rassismus als Basis jeder Form von »Bio-Politik« ausgemacht. Auf Arendt hat er sich dabei nie bezogen. Das Zentrum ihres Werks, die Frage nach der Struktur der Konzentrationslager, bleibt bei Foucault ausgespart.
Dieses Defizit zu beheben, hat sich der Debord-Schüler und Benjamin-Herausgeber Giorgio Agamben in seinen Büchern Homo sacer und Mittel ohne Zweck vorgenommen, die nun auf Deutsch vorliegen. Die Euphorie, mit der Homo sacer hierzulande rezipiert wird (eine Ausnahme ist der Beitrag von Niels Werber in der Juli-Ausgabe des »Merkur«), dürfte indes weniger auf die Brillanz des Autors als auf die Beliebtheit seiner an Heidegger geschulten, raunend-prophetischen Diktion zurückzuführen sein. Anders als Foucault verhandelt Agamben nämlich das »historisch-politische Schicksal des Abendlandes«. Das KZ mutiert dabei zum »Nomos der Moderne«: »Wir alle leben«, wie Andreas Platthaus begeistert in der »FAZ« paraphrasiert, »in der Welt des Lagers«, dessen »grausame Logik in alle Gesellschaften nach Auschwitz eingesickert ist«.
Derlei Formulierungen, in denen Auschwitz zur Metapher für alle möglichen Formen von Repression und Kontrolle wird, sind keine Ausrutscher. Vielmehr ist der Nachweis, daß »das Lager« die geheime Matrix der westlichen Demokratien bilde, Fluchtpunkt von Agambens Überlegungen. Zunächst rekonstruiert er »die Logik der souveränen Macht«, die durch Abspaltung des »Lebens« von seinen »Lebensformen« so etwas wie »nacktes«, auf seine Faktizität reduziertes Leben erst produziert. Das dabei entstehende Machtverhältnis bezeichnet Agamben heideggerianisch als »Bann«. In den modernen Gesellschaften würden nicht nur einzelne Gruppen oder Klassen, sondern tendenziell alle Bürger zu virtuell »Verbannten«, über die beliebig verfügt werden könne.
In Absetzung gegen Batailles Begriff des Heiligen zeigt Agamben, daß das »nackte Leben« identisch ist mit dem »heiligen Leben« des »Homo sacer«. Scharf wendet er sich gegen den aus Religionsgeschichte und Psychoanalyse bekannten Topos von der »Ambiguität des Heiligen«, das »schmutzig« und »rein« zugleich sei. In Wahrheit sei »sacer« keine religiöse, sondern eine rechtliche Kategorie. Sie bezeichne ein Leben, das »straflos getötet werden kann, aber nicht geopfert werden darf«, ein »vogelfreies« Leben also: »Souverän ist die Sphäre, in der man töten kann, ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren, und heilig, das heißt tötbar, aber nicht opferbar, ist das Leben, das in diese Sphäre eingeschlossen ist.«
In der Moderne sei der »Ausnahmezustand«, den die Macht herstellt, um bestimmte Gruppen in den Bereich des »nackten Lebens« einzuschließen, zur Regel geworden. Damit wird ein Gedanke, der bei Benjamin zur Kennzeichnung faschistischer Herrschaft dient, so verwässert, daß er zur Beschreibung der gesamten Conditio humana im 20. Jahrhundert taugt. Nicht nur befürwortet Agamben die totalitarismustheoretische These einer Strukturidentität nazistischer und sowjetischer Lager, er entdeckt auch »Berührungspunkte von Massendemokratie und totalitären Staaten«. Letztlich seien »Massendemokratie« und »Totalitarismus« sogar nur zwei »Organisationsformen« derselben, global agierenden »Bio-Macht«.
Hat man einmal diese Perspektive eingenommen, findet man überall potentielle Konzentrationslager: »Ein Lager ist dann sowohl das Stadion von Bari, in dem 1991 die italienische Polizei illegale albanische Einwanderer zusammenpferchte, als auch das Wintervelodrom, das den Behörden von Vichy als Sammelstelle für Juden diente, und die zones d’attente auf den Flughäfen Frankreichs, in denen Ausländer zurückgehalten werden, die die Anerkennung des Flüchtlingsstatus beanspruchen.« All diese Orte definieren, auch in formalen Demokratien, einen Raum des »Ausnahmezustandes«, worin »alles möglich ist«: »Jedes Mal, wenn eine solche Struktur geschaffen wird, befinden wir uns virtuell in der Gegenwart eines Lagers, unabhängig von der Art der Verbrechen, die da verübt werden.« Von da aus ist es nicht allzu weit zu der Behauptung, Massentierhaltung sei ein »Holocaust« an Hühnern und Gänsen.
Wohlgemerkt: Agamben gilt als Vordenker der italienischen Linken, seine Bücher werden bei Tute Bianchi und mittlerweile auch in Deutschland rege rezipiert. Tatsächlich ist seiner These, wonach die Grenzziehung zwischen »lebenswertem« und »nacktem Leben« ein brisanter politischer Akt sei, angesichts aktueller Genetik- und Euthanasiedebatten einiges abzugewinnen. Auch seine Analyse der »Sozialhygiene«-Konzepte der Nazis, in denen »Politik«, »Polizei« und »Medizin« verschmelzen, ist stichhaltig. Aber all das ist bekannt und in den Studien von Ernst Klee sehr viel materialreicher belegt worden. Auch Agambens Deutung des Konzentrationslagers als extremste Variante »souveräner Macht«, die die Grenze zwischen Leben und Tod aufhebe, fügt der funktionalistischen Analyse, die Wolfgang Sofsky in Die Ordnung des Terrors entwickelt hat, nichts Wesentliches hinzu.
Weshalb der Holocaust sich in einer bestimmten historischen Konstellation in Deutschland ereignen konnte; was den eliminatorischen Antisemitismus der Nazis vom »üblichen« Antisemitismus und von Rassismus und Xenophobie unterscheidet – das kann Agamben nicht erklären. Statt dessen verziert er seine Untersuchung, die er in Absetzung zu historisch-materialistischen Studien »ontologisch« nennt, mit einem metaphysischen Bombast, der »das Lager« als »Daseinsweise« der Moderne erscheinen läßt.
Damit ist er Heidegger, auf den er sich beruft und der in ähnlich pauschaler Weise »die Technik« zum daseinsmäßigen Weltübel aufblähte, näher als Foucault, dessen mikroanalytischer Blick ihm abgeht. Nirgends fragt Agamben, ob es Unterschiede zwischen »Asylantenheimen«, »Arbeitslagern« und »Vernichtungslagern« gibt. Statt dessen wird unter dem Blick seines »philosophischen Suchscheinwerfers« (»FAZ«) jedes Polizeirevier zum potentiellen KZ und jeder Flüchtling zum potentiellen »Juden«. Entgegen Agambens Intention haben seine Texte daher objektiv eine Entlastungsfunktion. Wenn das Lager ein »biopolitisches Paradigma der Moderne« ist, war Auschwitz nur die extremste Erscheinungsform eines ominösen abendländischen »Nomos«. Kein Wunder, daß diese These von »FAZ« bis »Taz« konsensfähig ist.
Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2002, 212 Seiten, 10 Euro
Ders.: Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik. Diaphanes Verlag, Freiburg/Berlin 2001, 152 Seiten, 16,80 Euro
Magnus Klaue rezensierte in KONKRET 8/02 den Briefwechsel zwischen Adorno und Elisabeth Lenk
Konkret 09/02, S. 52