Kategorie-Archiv: Gutachterverfahren

Gutachter: Kaste von Psychobaronen

Gutachter: Kaste von Psychobaronen

Ärzteblatt PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 416

Bielicki, Julian S.

Gutachter behindern nach Ansicht des Autors die Fortentwicklung des therapeutischen Instrumentariums (Heft 7/2013: „Psychoanalyse und Gutachterverfahren: An den therapeutischen Grenzen“ von Tilmann Moser).

 

Bravo! Tilmann Moser spricht mir hier aus der Seele! Nur seine wiederholte Verbeugung vor den „kompetentesten und erfahrensten Vertretern unseres Faches“, vor den „ hervorragend psychoanalytisch ausgebildeten Fachleuten“, also vor den sogenannten Gutachtern und Obergutachtern im Psychotherapieantragsverfahren, teile ich nicht mit, denn sie sind ebensowenig Gutachter oder Obergutachter, wie die Deutsche Demokratische Republik demokratisch war. Sie erstellen gar keine Gutachten im Psychotherapieantragsverfahren, sondern sogenannte Stellungnahmen, drei bis 10 Zeilen lang und erzielen damit nach eigenen Angaben bis zu 80% ihres Jahreseinkommens. Es sind für die Psychotherapieantragssteller, deren Psychotherapieanträge sogar gerichtlich festgestellte und bescheinigte Qualität eines Gutachtens haben (und daher mit der GOP-Ziffer 85 abgerechnet werden dürfen), diese jedoch herabsetzend „Berichte an den Gutachter“ und deren Verfasser „Antragssteller“ genannt werden, die knappen Kontrollmitteilungen der staatlich bestellten Kontrolleure jedoch zu „gutachterlichen Stellungnahmen“ heraufgesetzt werden, diese „Gutachter und Obergutachter“ sind für die Psychotherapieantragssteller einfache Aufseher, Kontrolleure, Kommissare, jedoch keine Gutachter, und keine Obergutachter. Tilmann Moser spricht in diesem Artikel von den sog. Gutachtern und Obergutachtern wie von einer Elite unter Psychotherapeuten, als ob es besonders befähigte Kader wären, einer Art von Politkommissaren der Psychotherapie, bzw. Adlige eines feudalen Systems, einer Psychoaristokratie. Tatsächlich hat sich im Bereich der Kassenärztlichen Versorgung eine Kaste von Psychobaronen etabliert, die Macht ausüben, indem sie über Gedeih und Verderb eines Psychotherapieantrages entscheiden. Diese Entscheidungen haben zum Teil gar keine fachlichen Gründe, diese dienen dann lediglich einer Verteidigung bestimmter Psychoideologie oder dem Ausagieren persönlicher psychischen Probleme, oft dem eigenen Narzissmus. Und nicht der Akademiker gewinnt durch seine Tätigkeit in Gremien, Bibliotheken und beim Verwenden von Arbeiten seiner Assistenten für eigene Veröffentlichungen die psychotherapeutische Kompetenz, sondern der Psychotherapeut, der Psychoanalytiker in seiner täglichen Arbeit im Weinberg des Herren.

Die Annahme, daß approbierte Psychotherapeuten alleine nicht ausreichend für die Qualität ihrer Psychotherapien sorgen können, ist falsch. Der „gutachterliche“ Kontrollzwang ist zwanghaft, paranoid und ungerecht und verhindert weitere Entwicklung der Psychotherapie und Psychoanalyse.

 

Julian S. Bielicki, Psychologischer Psychotherapeut, 60596 Frankfurt am Main

 

http://www.aerzteblatt.de/archiv/145581/Gutachter-Kaste-von-Psychobaronen?s=Bielicki

http://www.aerzteblatt.de/archiv/142794/Psychoanalyse-und-Gutachterverfahren-An-den-therapeutischen-Grenzen

 

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M. Scholz
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Ganz so heftig würde ich es nicht sehen wollen. Gutachter, die differenziert und nachvollziehbar Stellung nehmen, gibt es, aber sie sind sehr selten, diejenigen, aus deren Stellungnahmen auch ein Gewinn für den psychotherapeutischen Prozess zu ziehen wäre, noch seltener. Wobei dies allerdings eben nichts Neues beinhaltet gegenüber dem, was zuvor bereits z.B. durch Intervision dem Psychotherapeuten bekannt ist. Der qualitätssicherne Aspekt des Gutachterverfahrfens erschließt sich mir somit überhaupt nicht!

Im Kern stimme ich daher vollumfänglich zu. Allerdings nicht (na ja nicht nur) wegen der Qual bei der Berichtsabfassung, der vielen vielen Stunden, meist am Wochende, weil im Praxisalltag nun mal keine Zeit bleibt, und es die finanzielle Vergütung nicht ermöglicht, neben zeitaufwändiger Inter- und v.a. zusätzlich teurer Supervison, auch noch einen halben (weiteren) Tag des 10+ Stunden Tages eines vollzeit tätigen Psychotherapeuten fürs Schreiben der Berichte an den Gutachter aufzuwenden (um mir dann bei im Jahresmittel im Schnitt “nur” 24 durchgeführten (antragspflichtigen) Therapiesitzungen pro Woche auch noch eine Hobby-Halbtagspraxis und einen faulen lauen Lenz vorwerfen zu lassen – natürlich von denen, die durch Schaffung von Verwaltungs-Work-Load geschickt verhindern, dass mehr Zeit für die Gespräche und Arbeit mit PatientInnen aufgewendet werden kann).

Nein, ich stimme vor allem zu für meine PatientInnen. Die, nach monatelanger Wartezeit endlich bei mir im Gespräch und nach weiteren anstrengenden Wochen endlich am Ende der pobatorischen Phase sind, die also auch aus meiner (hart erarbeiteten) Sicht behandlungsbedürftig seelisch erkrankt im Sinne des Indikationskatalogs der Psychotherapie-Richtlinie sind, außerdem, wie zu recht gefordert, motiviert, veränderungsfähig und -bereit sind, so dass ich bei aus meiner Sicht günstiger Prognose endlich gern mit der gemeinsamen Arbeit (selbstverständlich unter Wahrung des Wirtschaftlichkeitsgebotes) beginnen möchte. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mir die Kompetenzen für meine Einschätzung durch mehrjähriges klinisch ausgerichtetes mathematisch-naturwissenschaftliches Universitätsstudium mit Diplomabschluss, Weiterbildung zum Klinischen Psychologen und andere regelmäßige teure Weiterbildungen,Tätigkeiten in Ambulanzen und Kliniken, durch eine weitere mehrjährige selbst finanzierte Ausbildung zum Psychotherapeuten mit Staatsexamen und unter Gesamtkosten eines frei stehenden Hauses in bester Wohnlage (von den Kosten für den Kauf einer Kassenzulassung sehen wir mal ab) erarbeitet habe. Und dennoch wird dies in Frage gestellt, weil ja die Gefahr so immens groß ist, dass Menschen nur so zum Spaß zum Psychotherapeuten gehen, ohne dass dies dann dem Psychotherapeuten mit o.g. Qualifikation auffallen würde. Natürlich nimmt man diese vielen und teuren Ausbildungen nicht deshalb auf sich, um seelisch leidende, psychisch erkrankte Menschen zu behandeln, nein, sondern natürlich nur, um mit gelangweilten Menschen Kaffeestunde auf Kosten der Krankenkassen zu halten …

Aber zurück zum Thema, denn, doch, oh weh, am Ende der Probatorik muss ich immer noch wochenlang, teilweise monatelang mit mehrfachem Hinterhertelefonieren auf den Konsiliarbericht des (äußerst davon genervten) Haus- oder Facharztes warten (der den Patienten nach gründlicher Untersuchung bereits vor Monaten an einen Psychotherapeuten überweisen hatte).

Dann endlich den vollständigen Antrag inkl. Bericht an den Gutachter an die Krankenkasse, wieder warten (im Schnitt vier weitere Wochen, gern aber auch mal länger). Für den Patienten, der wie gesagt gem. der Richtlinie seelisch erkankt ist, also seit langem schon in einem willentlich nicht beeinflussbarem Leidenszustand feststeckt, häufig nicht arbeitsfähig ist und dabei ist, in eine chronifizierende Erkrankung zu rutschen, und der, bei meist negativer Sicht der Dinge, nun auch noch nach langem Warten und Kämpfen um einen “Therapieplatz” mit dem Damoklesschwert einer Ablehnung oder Stundenkürzung zu recht kommen muss. Endlich mit der Therapie begonnen, wenn man sich dem “Kern” nähert, taucht dieses Schwert erneut auf, da dieses Drama sich bezüglich einer Fortführung der Therapie erneut stellt, wieder mit dem Risiko einer Ablehnung oder Stundenkürzung usw.

Bei jeder anderen Akutbehandlung wird ein Patient selbstverständlich sofort ärztlich behandelt, ohne Antrag und Prüfinstanz. Ich möchte den Herzpatienten sehen, der vor einer OP erst monatelang warten und dann noch ein Antragsverfahren usw. überstehen muss, obendrein mit dem Risiko, dass eine Behandlung auf Basis eines Berichts abgeleht wird. Und wie ist das dann während der OP? Hier müsste der Patient mittendrin erneut einen Antrag stellen und auf dem OP Tisch vier Wochen und länger auf die Genehmigung der “Verlängerung” warten, um auch wieder in das Leben zurück kehren zu können. Oder einen Diabetiker, der bei Nichtbefolgen der Diätempfehlung keine Medikamente mehr bekommt (statt dies als Teil der Erkrankung zu sehen) usw.

Wie? Das ist nicht vergleichbar? Genau! Aber Polemik beiseite: Psychische Erkrankungen gelten immer noch nicht so wirklich als Erkrankungen, werden verharmlost oder erst gar nicht ernst genommen, betroffene psychisch erkrankte Menschen nach wie vor stigmatisiert und besonders von der Gesundheitspolitik auf vielen Ebenen (Zugang, Versorgung, Hürden, Schikanen usw.) massiv mehrfach diskriminiert, statt sie rasch zu behandeln.

Über (oder unter) all dem liegt (paranoides) Mißtrauen und Ängste vor Sozialbetrug. Mißtrauen gegenüber den PatientInnen und gegenüber den PsychotherapeutInnen. Die Antwort ist Kontrollwahn. Und das bei Kosten, die im Vergleich zu allen andern ärztlichen Leistungen lachhaft gering sind, außerdem wird ein Teil der Kosten (sic!) obendrein durch das Kontrollsystem Gutachterverfahren verursacht.

Das einzige Problem bzgl. einer Abschaffung des Gutachtgerverfahrens das ich sehe ist, dass diese Anti-PatientInnen-Paranoia bestehen bleibt,was für PatientInnen noch grausamere Beschränkungen und Nachteile bedeuten würde, als dies im Gutachterverfahren der Fall ist. Das ist also eher ein “better the devil you know” Prinzp, wenn man sich für das Gutachterverfahren (in Anbetracht drohender Alternativen) ausspricht.

Eigentlich sollte es nach derart heftigem Aussieben derjenigen, die Psychotherapeut mit Kassenzulassung werden dürfen, natürlich schon auf Basis der Ausbildung möglich sein – wie jeder Arzt bei Akutbehandlungen auch – selbst über Dauer, Intensität und Art der Behandlung für einen Patienten mit der Patientin zusammen zu entscheiden. Eigentlich sollte es weder Deckelungen noch Antrgspflicht für PatientInnen geben, die eine psychotherapeutische Behandlung benötigen und aufsuchen. Aber solange Mißtrauen gegenüber psychisch erkrankten Menschen (und ihren Psychotherapeuten) von Seiten der Krankenkassen und der Gesundheitspolitik bestehet, wird dies Utopie bleiben.

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