Kategorie-Archiv: Psychotherapie

An allem sind immer die anderen schuld.

An allem sind immer die anderen schuld.

„Scheitern, Versagen und psychische Erkrankung werden implizit allein dem Individuum zugeschrieben.“ Mitnichten! Es ist heute eher selbstverständlich, dass an allem immer andere schuld seien. Allen voran der Kapitalismus, die USA und Israel. Dann der Arbeitgeber und die Arbeit selbst. Der Partner. Die Mutter. Schweres Schicksal. Traumatisierung. Mobbing. Burn-Out. Von Selbstverantwortung keine Spur. Wer an Selbstverantwortung erinnern möchte, wird als ein Rechter, ein Nazi, ein Trump-Befürworter niedergeschrieen. Es lebe der Raubtiersozialismus!

Julian S. Bielicki, 60596 Frankfurt am Main

Scheitern, Versagen und psychische Erkrankung werden implizit allein dem Individuum zugeschrieben. Klagen über äußere Belastungen wie Mobbing, Armut, Ausbeutung werden infolgedessen selten als gesellschaftliche Ursachen ernst genommen.

Dr. phil. Michael Mehrgardt, Psychologischer Psychotherapeut

Dr. phil. Michael Mehrgardt, Psychologischer Psychotherapeut

Erschöpfung ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftspolitisch relevantes Phänomen, hat der Sozialpsychologe Heiner Keupp einmal gesagt. Daran möchte ich in der Hoffnung, dass nunmehr auch Psychotherapiekritik erlaubt und publikabel ist, anschließen. Meiner Ansicht nach wird das phänomenale Erleben des Patienten gehört und ernst genommen, soweit es Material für die Anwendung der eigenen Theorie liefert. Die Falsifikations-Immunisierung der psychotherapeutischen Methoden hat zur Konsequenz, dass Scheitern, Versagen und psychische Erkrankung implizit allein dem Individuum zugeschrieben werden (1). Klagen über äußere Belastungen wie Mobbing, Armut, Ausbeutung werden infolgedessen zwar als Auslöser psychischer Erkrankungen anerkannt, aber selten als solche, sprich als gesellschaftliche Ursachen ernst genommen. Keupp bemerkt, dass Lehrbücher der Psychotherapie nicht auf gesellschaftspolitische Krankheitsfaktoren eingehen. Klagen von Patienten werden eher als Beispiele fehlerhafter emotional-kognitiver Verarbeitung, dysfunktionaler Projektion oder ungelöster unbewusster Konflikte therapeutisch verwertet. Kann sich der Patient nicht so recht von diesen lösen, wird er auf sich selbst zurückgeworfen und der Ablenkung, Vermeidung oder Externalisierung bezichtigt: „Bleiben Sie bei sich! Was könnte das wohl mit Ihnen zu tun haben?“ Derartige therapeutische Interventionen transportieren Desinteresse an den Lebensbedingungen der Patientin. Nicht alle äußeren Belastungen lassen sich durch kognitive Korrekturen oder die Auflösung von Übertragungen einfach wegzaubern. Konstrukte wie Perfektionismus, Über-Engagement oder Bindungsproblematik lassen gesellschaftliche Faktoren verblassen und lasten Entstehung, Aufrechterhaltung und Beseitigung der Störung allein dem Patienten an. Die Patientin ist schuld, nicht Schichtdienst, Personalmangel und Gewinnmaximierung. Lässt der Patient sich darauf nicht ein, gibt es weitere „Mittel“, ihn in die Spur zu bringen, nämlich der dezente Hinweis auf das heimliche Wirken eines Widerstandes, auf mangelnde Behandlungsbereitschaft oder gar das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung.

„Psychotherapie ist zum gesellschaftlichen Bewahrer geworden, zum Aufpasser und Anpasser. Statt auf Hippokrates und Sokrates müsste sie sich heute auf Prokrustes berufen, indem sie ihre Patienten auf den ihnen zugewiesenen Platz zurechtstutzt. Ist Psychotherapie nicht inzwischen tatsächlich jene Geständniswissenschaft geworden, die Michel Foucault … beschwört?! Muss ihr nicht jene ‚Gesellschaftsvergessenheit‘ angekreidet werden, die Keupp beklagt …?“.

Noch vor 30 Jahren schaute „die“ Psychotherapie aus ihrer marginalen Perspektive auf gesellschaftliche Prozesse. Heute ist sie integriert, und damit ist ihr der Zahn des bissigen Korrektivs gezogen worden. Oft genug ist sie Teil des Problems. Gibt es noch emanzipatorische, revolutionäre Ansätze? Werden „… Symptome noch als Protuberanzen an der Oberfläche … einer tief in der Gesellschaft stattfindenden Verwesung von Mitmenschlichkeit verstanden? Wo werden Klienten zur Verrückung erstarrter gesellschaftlicher Prinzipien ermutigt? Wo gibt es therapeutisch-politische Perspektiven auf das individuelle Symptom als Widerspiegelung gesellschaftlicher Aporien?“ Psychotherapie ist ein gezähmter und zahnloser Tiger geworden. Sie beseitigt Störungen, begutachtet, scheidet zwischen gesund und krank. Sie ist Hüterin des Status quo. Sie blendet aus, dass der Patient mitunter krank werden muss, um kulturellen Paradoxien zu entgehen. Friedrich S. Perls hat die typische Situation einer Patientin einmal so beschrieben: Es sei neurotisch, in einer neurotischen Gesellschaft nicht neurotisch zu sein. „Khalil Gibran ist da viel weiser als wir Psychotherapeuten, wenn er den König seines durch den Genuss vergifteten Wassers verrückt gewordenen Volkes nunmehr auch aus dem kontaminierten Brunnen trinken lässt …“.

Die Generation der Psychotherapeuten, die Psychotherapie noch als emanzipatorisch kennen gelernt hat, stirbt aus. An ihre Stelle treten empirieverliebte und störungsfokussierte Psychotechniker.

1. Mehrgardt M.: Die therapeutische Unschärfe-Relation in: Gegenfurtner, N., und Fresser-Kuby, R. (Hg.): Emotionen im Fokus. Bergisch Gladbach: EHP-Verlag; 2007.

1. Mehrgardt M.: Die therapeutische Unschärfe-Relation in: Gegenfurtner, N., und Fresser-Kuby, R. (Hg.): Emotionen im Fokus. Bergisch Gladbach: EHP-Verlag; 2007.

Über Kreativität in der Wissenschaft

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Nicht jeder ist therapierbar

Mordfall Marie: Abgründe der Seele | Die Weltwoche, Ausgabe 11/2016 | Donnerstag, 17. März 20

Was ist das Böse? Der Prozess gegen Claude Dubois in Lausanne
liefert eine Ahnung: Der Mörder der Serviceangestellten Marie ist 
untherapierbar. Findet das Gericht den Mut, den Psychopathen 
lebenslänglich zu verwahren?

Von Alex Baur

Marie Schluchters Beitrag zur Klärung des Verbrechens erschöpft sich im verzweifelten Hilferuf: «Aidez-moi!» Am Abend des 13. Mai 2013 beobachtet eine Spaziergängerin, wie Claude Dubois die 19-jährige Serviceangestellte beim Golfklub von Payerne VD in sein Auto zerrt. Die Zeugin alarmiert sofort die Polizei, welche die wohl grösste Suchaktionen auslöst, die es in der Waadt je gab. Achtzehn Stunden später wird Dubois nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd verhaftet. Allein er weiss, was in diesen achtzehn Stunden passiert ist. In der ­folgenden Nacht führt er die Polizei zu Maries Leiche, die er im Wald zurückgelassen hat.

Dubois hat gestanden, Marie entführt, ge­fesselt und acht Stunden später erdrosselt zu ­haben. Er hat sogar detailliert beschrieben, wie er sein Opfer in den Wald verschleppte; wie er Marie dort von seinem ersten Mord und vom Gefängnis erzählte; wie er ihr offenbarte, dass auch sie jetzt sterben werde; wie sie um ihr ­Leben flehte; wie er das terrorisierte Mädchen an den Brüsten streichelte; wie sie versuchte, ihn mit Zärtlichkeiten umzustimmen, «um ­ihre Haut zu retten»; wie er Marie nach stundenlangem Psychoterror schliesslich mit ihrem Gurt erwürgte (was zehn Minuten gedauert ­habe, da er zuerst die richtige Position finden musste); wie sich Marie bis zu den letzten ­Zuckungen gegen den Tod stemmte.

So steht es in der Anklageschrift geschrieben, die mangels einer Alternative auf Dubois’ Schilderungen baut – auf den Worten eines nach der Einschätzung des Staatsanwaltes «fundamental bösen» Manipulators also, dem man eigentlich kein Wort glauben darf.

Versessen auf Details

Der heute 39-Jährige redet eloquent, und er redet gerne, wie er letzte Woche in Lausanne vor Gericht eindrücklich demonstrierte. Dubois ist geradezu versessen auf Details. Wenn er denn will. Denn worüber er redet und was er verschweigt, das entscheidet allein er. Es war sein Prozess, die Show des Claude Dubois, und er schien sich in seiner Rolle zu gefallen.

Ganz im Habitus eines versierten Anwaltes machte er sich immer wieder Notizen zum Prozessverlauf. Wenn er das Wort ergriff, ­dozierte er vornehmlich über angebliche Versäumnisse des Staatsanwaltes oder prozes­suale Mängel. Mal verwarf er die Arme theatralisch, um eine Pointe zu unterstreichen, mal legte er eine Kunstpause ein, um eine Spitze an die Adresse des Privatklägers wirken zu lassen. Auf der Suche nach dem treffenden Zitat blätterte der Angeklagte gekonnt in den Akten, ohne deshalb seinen Redefluss zu unterbrechen. Und wenn er über Marie redete, die er angeblich aus der Prostitution befreien wollte, ­mutete es an, als sässe nicht Dubois auf der ­Anklagebank, sondern sein Opfer.

Nur die entscheidenden Punkte mied er konsequent. Was waren seine Motive? Wann fasste er den Mordplan? Was dachte, was fühlte er dabei? Dubois machte zwar immer wieder Anspielungen, doch diese verwirren mehr als sie klären. Die Gefühlswelt des einschlägig vorbe-
straften Mörders ist und bleibt hermetisch verschlossen wie eine Blackbox. Und irgendwann beschlich einen die grausliche Ahnung, dass dieser im persönlichen Umgang durchaus angenehme Herr gar keine Gefühle kennt – weder Mitleid noch Liebe, aber auch keine Hemmungen, keine Furcht. Was immer Dubois sagte, blieb auf eine eigentümliche Art abstrakt und unverbindlich. Bei der Rekonstruktion des Verbrechens müssen wir uns also wohl oder übel mit den äusseren Umständen und der Vor­geschichte begnügen.

Diese Geschichte beginnt im Herbst 1997. ­Dubois war damals 21 Jahre alt und lebte noch bei seinen Eltern im Kanton Freiburg. An sich hätte er Bauzeichner werden sollen, um dereinst die elterliche Firma zu übernehmen. Doch nach einem Zwischenjahr an einem Internat in Zug entschied er sich für eine KV-Lehre. Das Büro sagte ihm aber auch nicht zu. Nach der ­Rekrutenschule lebte er ein paar Monate von der Arbeitslosenhilfe, danach jobbte er lust- und ziellos als Elektronikverkäufer.

In jener Zeit trennte sich seine Freundin Pascale von ihm. Der knapp zehn Jahre älteren Zahnarztgehilfin waren seine herrischen Allüren unerträglich geworden. Dubois bedrohte und bedrängte sie nun erst recht. Auf beiden Seiten versuchten Angehörige zu vermitteln, vorerst erfolglos. Nach Weihnachten schien er sich zu beruhigen. Doch es war die Ruhe vor dem Sturm. In einer geplanten Aktion entführte Claude Dubois am 14. Januar 1998 Pascale in ein Ferienhaus und richtete das um sein Leben flehende Opfer nach einer vierstündigen Foltersession mit fünf Schüssen buchstäblich hin (Weltwoche Nr. 21/13, «Drama eines angekündigten Mordes»).

Zwei Jahre später wurde Dubois wegen Mordes und Vergewaltigung zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt. Vor Gericht zeigte er ­keine Spur von Reue und gab dem Opfer alle Schuld. Gerichtspsychiater Jacques Gasser diagnostizierte eine «pervers narzisstische» Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Zügen. Es sind die klassischen Merkmale eines Psychopathen. Obwohl Dubois keiner Therapie zugänglich war, schätzte Gasser die Gefahr eines Rückfalls als gering ein. Eine Wiederholung derselben Tatkonstellation war nach seiner Meinung unwahrscheinlich. Gasser irrte.

Das zeigte sich spätestens im Gefängnis, wo Dubois via Internet eine Beziehung zu Valérie knüpfte, auch sie eine Zahnarztgehilfin. 2004 heiraten die beiden im Gefängnis. Die Ehe scheitert nicht etwa wegen der Haft, sondern weil der eifersüchtige Dubois seiner Frau bei ­einem Besuch an die Kehle ging. Unbeaufsichtigte Kontakte wurden daraufhin strikte unterbunden. 2008 bestätigte der Lausanner Psych­iater Philippe Delacrausaz in einem Gutachten die Gefährlichkeit von Dubois, er warnte vor seiner Manipulierfähigkeit und einer grossen Rückfallgefahr. Als ob es eines Beweises noch bedurft hätte, bedrohte Dubois seine Frau mehrfach. Sie liess sich in der Folge scheiden.

Im Mai 2011 hat Dubois zwei Drittel seiner Strafe verbüsst, theoretisch wäre eine Entlassung nun möglich. Doch das Waadtländer Kantonsgericht verweigert dem notorischen Einzelgänger, der bislang jede Therapie abgelehnt hat, die ersehnte Freiheit. Weil man aber davon ausgeht, dass der Mann spätestens 2018 auf jeden Fall entlassen werden muss, kommt er in eine offene Anstalt. Dubois verhält sich unauffällig, disziplinarisch gibt er keinerlei Anlass zu Klagen. Ein Jahr später schmettert das Gericht trotzdem den nächsten Antrag auf vorzeitige Freilassung ab. Dubois wird mit ­einer Fuss­fessel in eine Art offenen Hausarrest versetzt. Eine Reihe von Auflagen, darunter Gespräche mit einem Therapeuten, sollen dem Untherapierbaren einen Rahmen geben.

Im August 2012 bezieht Dubois eine kleine Wohnung in Romont FR. Dank den Beziehungen seines Vaters, der ihn auch finanziell grosszügig unterstützt – der Freigänger verfügt über ein monatliches Budget von rund 6000 Franken –, findet er schnell eine Stelle. Freunde hat er auch in der Freiheit keine. Ein Teddybär im Auto, der ihn auf dem Beifahrersitz begleitet, steht sinnbildlich für seine Einsamkeit. Umso aktiver bewegt sich Dubois in den virtuellen ­Foren des Internets. Unter dem Pseudonym «Teddy DesBois» und mit einer erfundenen Biografie bandelt er mit mehreren Frauen an.

Schon nach drei Monaten wird Dubois auf Antrag seiner Bewährungshelfer ins Gefängnis zurückversetzt, weil er Arbeitskollegen mit dem Tod bedroht und seine Ex-Frau mit Pornobildern terrorisiert hat. Doch schon nach wenigen Wochen, am 14. Januar 2013, lässt ihn eine Einzelrichterin frei. Am 18. Februar kommt ein Gutachten unter der Aufsicht des Genfer Psychiaters Gérard Niveau zum Schluss, bei Dubois bestehe nur eine «leichte Rückfallgefahr». Es ist nicht die erste fatale Fehlprognose des Foren­sikers. Niveau spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Haftlockerung von Fabrice Anthamatten, der wenige Monate später in Genf die Therapeutin Adeline Morel töten sollte.

Sechs Wochen nach seiner Freilassung, am 5. März 2013, bandelt Dubois (alias «La-vie-est-belle-je-te-le-dis») auf Skyrock mit der knapp 19-jährigen Service-Lehrtochter Marie Schluchter (alias «Kirstenhall») an. Skyrock gehört zu jenen Internet-Foren, in denen die Grenzen zwischen Prostitution und schnellen Dates fliessend sind. Aufgrund der Chats muss man davon ausgehen, dass «Kirstenhall» ihren kargen Lehrlingslohn ab und an mit bezahltem Sex aufbessert. Zwischen dem 14. und dem 28. April treffen sich die beiden vier Mal. Gemäss Dubois kam es erst beim vierten Treffen zu einem sexuellen Kontakt im Auto.

Marie, so erklärte Dubois vor Gericht, wäre schon vorher bereit gewesen, habe ihm Ange­bote gemacht. Doch er habe eine feste Partnerin gesucht, keinen käuflichen Sex. Bei den Treffen habe er ihr bewusst beiläufig Einblick in sein prallgefülltes Portemonnaie gewährt, um so ­ihre Ambitionen auf einen vermeintlich reichen Mann zu wecken. Als sie Anfang Mai erstmals eine Nacht bei ihm verbrachte, bannte er Sexszenen auf Video und teilte seine Eroberung sofort seinen Internetfreunden mit. Zugleich engagierte er einen Privatdetektiv, der Marie fortan für ihn überwachen sollte.

Hat sich Dubois unverhofft in eine Prosti­tuierte verliebt, wie er versichert? Die Aussagen von drei Frauen, zu denen er im selben Zeitraum Beziehungen unterhält, weisen in eine ganz andere Richtung. Es ist dreimal dieselbe Geschichte: Am Anfang gibt sich Dubois charmant, doch sobald die Beziehung konkreter wird, beginnt der Psychoterror eines Maniacs, der die totale Unterwerfung fordert. Die drei Frauen, unter ihnen eine erfahrene Prostituierte, können sich von ihm befreien. Übrig bleibt Marie, die Jüngste und Unerfahrenste. So gesehen, war sie wohl eher ein Zufallsopfer.

Am Samstag, dem 11. Mai, hat Marie die Nase voll. Nach einigem Hin und Her gibt sie ihm den Laufpass und sperrt den mittlerweile gewalttätigen Dubois auf ihren Chats. Doch so einfach wird man einen wie ihn nicht los. Wie eine Spinne hat er seine Beute umgarnt, ihren Bekanntenkreis und ihre Gewohnheiten ausgekundschaftet. Dubois drangsaliert Marie über eine Kollegin, sie blockt ab. Am Sonntag schickt er ihr eine letzte Message: «Bis bald.» Dann herrscht plötzlich Funkstille. Sein Therapeut, den er in diesen Tagen trifft, bemerkt nichts Alarmierendes. Ist es die Ruhe vor dem Sturm?

Wenn das Verbrechen an Marie die Wieder­holung seines ersten Mordes war, muss man davon ausgehen, dass der sadistische Plan längst in Dubois’ kaputter Seele gärte. Über ­diverse ­Kanäle versuchte er hartnäckig, aber erfolglos, sich eine Pistole zu beschaffen. Wo 
er sich in jenen Tagen aufhielt, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Der ansonsten so gesprächige Dubois verweigert in diesem Punkt jede Aussage. Alles, was weiter­helfen könnte – Computer, Handys, seine Go-Pro-Kamera – hat er nach der Bluttat versteckt oder vernichtet, samt den Datenträgern.

Tatsache ist: Am Montag, dem 13. Mai 2013 kauft Dubois um 18 Uhr 34 eine Taschenlampe, Klebband und Kabelbinder. Es sind die Utensilien, mit denen er Marie eine Stunde später vor dem Golfplatz in Payerne fesselt und knebelt. In der Nähe ihres Arbeitsplatzes hatte er Marie aufgelauert und sie nach dem Feierabend auf der abgelegenen Zufahrtsstrasse abgefangen.

Maries private Daten als Trophäe

Dass es nach dieser Entführung kein Zurück mehr gab, weder für ihn noch für sein Opfer, musste dem erfahrenen Täter Dubois von Anfang an klar gewesen sein. Ein «crime pas­sionnel», ein Verbrechen im Affekt, wie es die Verteidigung geltend macht, sieht anders aus.Hätte eine Spaziergängerin Maries Schreie nicht zufällig gehört und die Polizei alarmiert, wäre man dem Täter kaum so schnell auf die Spur gekommen – und vielleicht auch gar nie.

Die Verteidiger von Claude Dubois liessen nichts unversucht, um die Ermittlungen und das Verfahren in Frage zu stellen. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern ihre heilige Pflicht. Ein besonderes Anliegen war für Dubois stets die Herausgabe der privaten Daten von Marie – E-Mails, Chats, Bilder, Telefon­verbindungen –, die den Ermittlern vorlagen, die sie gegenüber ihm aber nicht offenlegten. Die Sache ging bis ans Bundesgericht.

An sich gehört der uneingeschränkte Zugang zu allen Ermittlungsakten zu den fundamen­talen Grundrechten eines Angeklagten. Im vorliegenden Fall wurde es verweigert, mit gutem Grund. Denn es ist nicht ersichtlich, was die privaten Belange des Opfers zur Klärung von Dubois’ Bluttat und seinem Motiv beitragen könnte. Die Dokumentation von Maries Intimsphäre wäre für den Psychopathen nicht mehr als eine makabre Trophäe gewesen, eine letzte Genugtuung, die man ihm nicht gewähren mochte.

Der Streit um die Akten zog sich durch den ganzen Prozess. Doch nicht nur in dieser Hinsicht hat Dubois das fragile Gerüst der Straf­justiz gnadenlos aufgezeigt und ausgereizt. Der Prozess in Lausanne drehte sich im Kern um ein Dilemma, mit dem sich der Rechtsstaat seit Jahren ausnehmend schwertut: die lebenslange Verwahrung. 2004 wurde diese Norm für gefährliche und nichttherapierbare Gewalt­täter von Volk und Ständen angenommen. Angewendet wurde sie bislang aber nur in einem einzigen Fall, der allerdings nie bis vor Bundesgericht gelangte. Wird an Dubois, der sich selber als Opfer eines «politischen Prozesses» bezeichnet, nun das überfällige Exempel statuiert? Man kann sich allerdings mit dem Staatsanwalt auch fragen: «Wen will man denn sonst noch verwahren, wenn nicht Dubois?» Doch so einfach ist die Sache nicht.

Voraussetzung für die lebenslange Verwahrung (Art. 64bis StGB) sind zwei psychiatrische Gutachten, die einen gefährlichen Gewalttäter als «dauerhaft» untherapierbar qualifizieren. Die Probleme beginnen schon damit, dass es in der Schweiz und erst recht in der Romandie nur wenige forensische Psychiater gibt, die zu einer derartigen Prognose überhaupt befähigt sind (den Beizug von Psychologen schliesst das Bundesgericht aus schwer nachvollziehbaren formalen Gründen aus). Wer sich schon einmal mit einem Täter befasst hat, scheidet zudem als befangen aus. Bei Rückfalltätern wie Dubois, die bereits mehrfach begutachtet wurden, wird der Kreis der geeigneten Experten ziemlich klein.

Die fünf Psychiater, die Claude Dubois bislang untersucht haben, gelangten zu vier verschiedenen Diagnosen. Vor allem bezüglich seiner Zurechnungsfähigkeit und des Krank-
heitswertes der seelischen Störungen gehen die Meinungen auseinander. Dass wir es mit einem gefährlichen Psychopathen zu tun haben, hat zwar keiner bestritten. Die Differenzen unter den Experten mögen akademischer Natur sein, aber sie zeigen: Die Psychiatrie ist weit von ­einer exakten Wissenschaft entfernt. Ist es ­unter diesen Vorzeichen überhaupt möglich, ­einen Menschen abschliessend zu beurteilen?

Irreparable Fehlkonstruktion in der Seele

Im aktuellen Verfahren kamen der Neuenburger Psychiater Philippe Vuille und sein Solothurner Kollege Lutz-Peter Hiersemenzel einhellig zum Schluss, dass Dubois brandgefährlich bleibt und auf absehbare Zeit keiner Therapie zugänglich ist. Doch was heisst schon «absehbar»? Statistisch gesehen hat Dubois noch vierzig Lebensjahre vor sich, wie sein Verteidiger vorrechnete, vielleicht auch mehr. Kann man heute seinen Geisteszustand für das Jahr 2056 voraussagen? Die einen Forensiker sagen, der angeborene Charakter eines Psychopathen sei so unheilbar wie eine Paraplegie, keine Krankheit also, sondern eine irreparable Fehlkonstruktion in der Seele. Andere verweigern sich ­einer unbegrenzten Prognose. Vuille gehört zu Ersteren, Hiersemenzel zu Letzteren.

Das Unwiderrufliche ist uns fremd geworden in einer Zeit, in der die Wissenschaft fast täglich neue Wunder vollbringt, alles erscheint möglich. Richter tun sich instinktiv schwer damit, abschliessend über Menschen zu urteilen. Nur zu gut wissen sie, dass es immer wieder Justiz­irrtümer und Fehldiagnosen gegeben hat. Ewig ist im Leben nur der Tod, und die Todesstrafe fordert heute in der Schweiz kaum jemand ernsthaft zurück. Ist die lebenslängliche Verwahrung, die «den allerletzten Hoffnungsschimmer nimmt», wie Dubois’ Verteidiger monierten, nicht eine Todesstrafe auf Raten?

Die rhetorische Formel klingt gut, doch sie entlässt die Richter nicht aus ihrer Verantwortung. Ihre Richtschnur ist das Gesetz, gleichgültig, ob sie es für sinnvoll halten oder nicht. Die Verwahrung ist keine Strafe, sondern einzig eine sichernde Massnahme zum Schutz der ­Gesellschaft. Wenn die Juristen und Experten irren, können auch Unschuldige sterben. Die Menschenrechte gelten schliesslich nicht nur für Mörder, sondern auch für deren Opfer, für Marie, Adeline, Lucie, Pascale und wie sie alle heissen. Das Dilemma ist in Wirklichkeit eine Gleichung, eine simple Wahrscheinlichkeitsrechnung: Wie gross ist die Chance, dass ein ausgewiesener Psychopath vom Schlage eines Claude Dubois seinen kaputten Charakter eines Tages grundlegend ändern wird – und wie gross ist die Chance, dass er eines Tages wieder zuschlägt, wenn sich die Gelegenheit bietet?

Einen kleinen Spalt in Dubois’ Zellentür liesse im Übrigen auch der Verwahrungsartikel offen: Sollten dereinst neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, kann eine Freilassung geprüft werden. Nur läge es dann am Täter, ­seine Ungefährlichkeit zu beweisen. Das Urteil wird auf den 24. März erwartet.

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2016-11/artikel/titelabgruende-der-seele-die-weltwoche-ausgabe-112016.html

Psychoanalyse in Deutschland: Vom Über-Ich zum Oberst-Ich

PA ohne Freud

 

Psychoanalyse in Deutschland: Vom Über-Ich zum Oberst-Ich

Arrêtez la psychanalyse allemande! Vivez la psychanalyse freudienne à nouveau!

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Es kann schon passieren, daß der Bock zum Gärtner gemacht wird. Es kann passieren, daß Faschisten sich Antifaschisten nennen.[1] Es kann passieren, daß sich Antidemokraten Demokraten nennen.[2] Es kann passieren, daß sich Feinde der Aufklärung, der Emanzipation, der offenen Gesellschaft Psychoanalytiker, Psychotherapeuten nennen.[3] In meinem Beitrag „Wie die postnazistische Psychokratie in Deutschland Freudsche Psychoanalyse gekapert und entmannt hat.“ zeigen verschiedene Autoren, wie sich nach der Vernichtung der Psychoanalyse durch die Nazis n Deutschland eine totalitäre Psychokratie sektenartig organisiert hat, die für sich den Namen Psychoanalyse beansprucht, tatsächlich jedoch lediglich Machtakkumulation betreibt und eigene Pfründe absichert. Diese Psychokratie hat in einer altbewährten religiösen, kirchlichen Form einige Totems und Tabus installiert und schließt jeden notfalls unter Aufhebung der Grundrechte aus, macht ihn mundtot, wenn jemand über diese Tabus zu reflektieren versucht. Diese Totems und Tabus entsprechen denen der rot-rot-grünen Volksgemeinschaft, man darf nicht über Migranten, Moslems, Flüchtlinge, Frauen, Homosexuelle, Transsexuelle etc. reflektieren, Antisemitismus[4] ist jedoch gestattet.

Nachdem ich den postnazistischen psychoanalytischen Frankenstein ins Licht gerückt habe, möchte ich nun aufzeigen, wie die Freudsche Psychoanalyse, dessen Wert darin liegt, daß sie die Integrität und die Lebendigkeit des unter den Hammerschlägen der totalitären Kultur demolierten Individuums wiederherstellen kann, aus der deutschen Asche auferstehen kann.

Nachdem ich dazu Texte von Helmut Dahmer[5] publiziert habe, empfehle ich nun Johannes Cremerius zu lesen.

Psychoanalyse, wenn sie eine ist, ist keine Methode, sondern eine Kunst. Als ein Künstler soll ein Psychoanalytiker die individuellen unterschiedlichen Totems und Tabus erkennen, die dem Individuum den Blick auf die Welt verstellen und ES am Leben hindern. Im Vorgang der Deutung des Erinnerns, Wiederholens, Aufarbeitens, in dem Menschen erklärt werden soll, was sie wissen, aber nicht wissen wollen, bekommt der Analysand die Chance, sich aus dem Reich der toten unbewußten Vorstellungen zu befreien und ins Leben zu kommen. Mancher nützt die Chance, mancher bleibt lieber ein Idiot. Die meisten Menschen möchten, daß es ihnen gut geht, aber daß sie weiterhin Idioten bleiben. Das geht nur mit Rausch, Drogenrausch, Alkoholrausch, Sexrausch, Sportrausch, usw., aber nicht lange, denn solches Sich Berauschen, macht einen vollends tot. Einverstanden, dann ist einer auch zufrieden. Die Psychoanalyse will und kann über Stock und Stein den Menschen dahin führen, daß er zufrieden lebt in seiner realen Welt, ohne Rausch. Dazu muß er aber viel erkennen und ziemlich klug werden. Das beste Mittel gegen die Angst ist das Wissen. Das Wissen zu erwerben ist aber mühsam und Mühsal ist nicht hype.

Jede Problematik wirkt in ihre Zusammenhänge. Freuds Texte über Hysterie sind durchaus lebhaft und heiter, über Depressionen bedrückend und zäh, über Zwanghaftes penibel und mechanisch. Und so bringt die Borderline-Problematik das Widersprüchliche, Zerrissene, Kontrapunktive hinein und heraus. Da wird es besonders schwierig, sich zu entscheiden, egal für was, dieses Scheren-Syndrom hat es an sich, schneidet alles in kleinste Stücke, hat jedoch nicht die Eigenschaft sie wieder neu zusammenzusetzen. Hier bringt die Psychoanalyse den Fortschritt, wenn sie eine ist. Es ist als ob der Borderline-Problematik ein Ruf nach dem Anderen enthalten wäre, der die Entwicklung voranbringt, in dem er sich einbringt, ohne sich darin umzubringen. Eine ganz besondere kreative Aufgabe, die mehr künstlerisch, als medizinisch ist.

Es gibt Psychoanalyse als Kunst, aber überwiegend gibt es die Psychoanalyse nur noch als Kitsch. Zwischen Kunst und Kitsch herrscht immer ein sehr großer Abstand, wie zwischen einem Adler, der nicht so tief fliegen kann, wie die Hühner hochzuflattern versuchen. Kitsch entsteht, wenn jemand etwas Kunstvolles schaffen will, es aber nicht kann. Kitsch ist Sex der Impotenten, die sich einen ´runterholen lassen und danach das Gegenüber fragen: „War ich gut?“. Nicht Mal ein froher Furz kommt dabei heraus. So ist die deutsche Psychoanalyse, reine Bürokratie und selbstgefällige Unfähigkeit. Psychokitsch. Ja, ja, das gibt es.

Menschen sehen das Leben als Konsens und irren sich darin  gewaltig. Denn das Leben ist immer kontrovers, konflikthaft, widersprüchlich. Und diese Dialektik zu erkennen, anzuerkennen, zu bejahen und sich daran zu erfreuen, ist notwendig, um Not zu wenden. Zur Wahrheit gehört Einbildungskraft, die die vom herrschenden Diskurs als legitim, homogen und widerspruchsfrei behauptete Faktizität brechen, verwandeln oder wenigstens als ungenügend qualifizieren kann. Diese Einbildungskraft ist das Kreative, das Möglichkeiten eröffnet, das Kontingenz schafft, das über die Professionalität, die oft geeichte Irrtümer enthält, die man Methode nennt, hinausgeht. Die Medizinalisierung und Technokratisierung der Psychoanalyse macht sie tot. Ich mache es aber so, wie mein Namensvetter, der andere Sigmund es vorgemacht hat. In meiner Arbeit eröffnen sich Möglichkeiten, und dieser Vorgang ist für meine Patienten ungewohnt, anstrengend und schmerzhaft, weil sie ihre festbetonierten Schemata im Kopf bewegen müssen, und das tut in einer herrschenden Gesinnungswelt eingerosteten Denkapparaten zunächst weh.

 

Mehr zu Psychoanalyse als Kunst auf: Auch als Psychotherapeut bin ich Architekt und Freudsche Psychoanalyse.

Architektur als Fetisch ist auch lesenswert.

In Fragen an einen Psychoanalytiker / Questions to ask a psychoanalyst (german/english) kann man checken, ob jemand wirklich ein Psychoanalytiker ist oder sich nur so nennt.

Mehr zu dem Thema auf:

 

In der Kassenpsychotherapie muß eine Langzeitpsychotherapie (mehr als 25 Sitzungen) in sogenanntem Gutachterverfahren beantragt werden, in dem ein Psychotherapeut über den Antrag eines anderen Psychotherapeuten entscheidet. In meinen Anträgen stelle ich meinem Bericht zum Antrag jeweils einen solchen Prolog voran und dann einen Epilog zu Schluß:

 

Prolog: Die Patientin werde ich im Folgenden Özlem nennen, um in Erinnerung zu rufen, daß es sich dabei nicht um eine Funktion, sondern um einen Menschen handelt, der einen Namen hat, außer Chiffre X112233. Im Kapitel 3.8.4 von Faber / Haarstrick heißt es ja: „Der Therapeut erstattet seinen Bericht an den Gutachter in freier Form.“, was so ungewöhnlich zu sein scheint, daß es bei manchem der Gutachter-„Mandarine“ Erstaunen, sogar Erschrecken und Ablehnung hervorruft, als etwas Fremdes, Unheimliches perhorresziert, so daß manche Gutachterin sich weigert, meinen Psychotherapieantrag zu begutachten. Offenbar ist mein Antrag für manche Gutachterinnen nicht untertänig, nicht devot genug.  Ich werde jedoch den mittlerweile üblichen, von vielen sogar empfohlenen Jargon und Schibboleth der Sozio-, Pädago- und der machtakkumulierenden Psychokratie nicht verwenden, weil dann die ganze Sache hier zur reinen Show wird, wie sie für viele bereits geworden ist. Dann könnte man die Psychoanalyse für erledigt erklären, dann reicht die Verwendung des aktuellen Kanon-Jargons, um seine Zugehörigkeit zur psychokratischen Kameradschaftsgemeinschaft eines  „Kollegen“-Rackets und damit seine angebliche Kompetenz, whatever it means, zu zeigen, und die Reproduktion von Ideologie als angeblichen Prozeß fortzusetzen, und ihr entscheidendes Konstituens des theoretischen Logifizierungswahns, der die Sache naiv durch die abgespaltene fetischisierte Methode substituiert, als Psychoanalyse herausgeben, die dann das Kriterium der Erkenntnis durch das der Richtigkeit ersetzt. Wir sollen vom bürokratischen zum menschlichen, humanen Umgang miteinander zurückkehren, im Sinne von Thomas von Aquin „virtuosa igitur vita est congregationis humanae finis“, was sich immer auch in der Sprache äußert. Das wußte schon DADA. Mancher der Gutachter, wie die stellungnehmenden Kontrolleure/ Conducteure der PT-Anträge sich gerne anmaßend nennen, der sich literarischer Kritik meines Berichtes in seiner Stellungnahme nicht enthalten konnte, bezeichnete Passagen meines Textes als „ironisch“, „weitschweifend“ oder sogar „überflüssig“. Die Ironie, wie Robert Musil erklärte, sei „nicht eine Geste der Überlegenheit“, sondern „eine Form des Kampfes“. Was Carl Müller-Braunschweig, Felix Boehm, Schultz-Hencke, Ernest Jones eingebrockt und Annemarie Luise Christine Dührssen für die nächsten 1000 Jahre dingfest festgebacken hat, ist für die Katze. „Zwar war Freuds Psychologie des Unbewußten längst von deutschen Mandarinen »verwissenschaftlicht« und die Psychoanalytische Bewegung durch Hitlers Terror zum Stillstand gebracht worden. Doch auch in den aktuellen Theorie- und Praxis-Gestalten der reimportierten, medizinalisierten und konventionalisierten Psychoanalyse glomm noch der Funke der Freudschen Ideologiekritik.“ – (Helmut Dahmer, In: Konkret 02/92, S. 52.) Professionalität bedeutet häufig nichts anderes als geeichtes Insiderwissen. Zur Wahrheit gehört Einbildungskraft, die die vom herrschenden Diskurs als legitim, homogen und widerspruchsfrei behauptete Faktizität brechen, verwandeln oder wenigstens als ungenügend qualifizieren kann. Diese Einbildungskraft ist das Kreative, das Möglichkeiten eröffnet, das Kontingenz schafft, das über die Professionalität, die oft geeichte Irrtümer enthält, hinausgeht und das Bestehende in Frage zu stellen und zu verändern (semper reformari debet) wagt und vermag. Die Medizinalisierung und Technokratisierung der Psychoanalyse macht sie zum toten Ding, zum Fetisch  im saturierten Strukturalismus, der weder die Postmoderne noch den Dekonstruktivismus erfahren hat. In meiner täglichen Arbeit eröffnen sich Möglichkeiten, und dieser Vorgang ist für meine Patienten ungewohnt, anstrengend und schmerzhaft, weil sie ihre festbetonierten Schemata im Kopf auflösen, bewegen und neuordnen müssen, dekonstruieren und konstruktiv, kreativ, selbstverantwortlich neu zusammenzufügen . Es sind Wanderjahre.

Arrêtez la psychanalyse allemande!  Vivez la psychanalyse freudienne à nouveau!

Jeder Mensch ist individuell und unikal, ihn zu verstehen, ihn hinter seinen unzähligen Masken und Fassaden aufzufinden, die er in seinem Lebensverlauf angenommen und gebildet hat, von wo her er sein neurotisches Leiden als Hilferuf sendet, das ist die Aufgabe der Psychoanalyse, die im Bürokratismus und angeblicher Objektivierung durch OPD-2 (x+n), in Abstrahierung von dem Konkreten, realen Einmaligen, aufgehoben wird als Mythos, Fetisch, Totem und Tabu. Was nicht anfaßbar ist, wird unfaßbar, das Unberühbare wird zum Fetisch. Sachlich ist nur ein anderes Wort für beziehungslos. Deswegen ist ein Bericht eines Psychotherapeuten zum Antrag, wenn er alle Voraussetzungen erfüllt und mustergültig sei, wertlos, weil schemenhaft. Das grundsätzliche Problem steckt also in jener strukturalistischen unbeweglichen und unveränderbaren »Rhetorik des Faktischen«, in der behauptet wird, Dokumente könnten sprechen und die Tatsachen seien klar. (Eins der vielen problematischen Aspekte eines Berichts zum Antrag in diesem sog. Gutachterverfahren ist dessen Anpassungs- und Unterwerfungsritual, sowie der kafkaeske, entwürdigende Zwang einer unbekannten Obrigkeit als Untertan sehr persönlich zu berichten.)  –  Denn nur eine Erzählung gibt die einmalige Geschichte wieder, in der Psychoanalyse, in einem solchen Bericht und überhaupt. Und eine Erzählung ist immer individuell, wie ein Mensch selbst, wenn sie eine Erzählung denn ist. Denn der Mensch ist ein sich aus sich selbst heraus fortschreibender (eo ipso) Text, und Psychoanalyse (falls sie eine solche ist)  ist Hermeneutik dieses Textes, im psychoanalytischen Prozeß wird der Text verstanden und unter Mitwirkung des Analytikers vom Analysanden weitergeschrieben, weitergestaltet.

Mich fängt diese psychokratische Zunft, die sich sonstwas auf sich einbildet, mit ihren Methoden und Methödchen und unzähligen Behandlungsformen, immer neuen Diagnosen. Mancher meint, wenn er sich eine Geschichte aus dem Finger saugt, dann wäre es eine tiefsinnige Psychodynamik. In Abschlußprüfungen sollen die Kandidaten bitte ein Gedicht oder ein Kunstwerk interpretieren, und wenn sie es nicht können, und sie können es meistens nicht, weil sie sich damit nicht beschäftigt haben, dann sollen sie sich von Interpretationen von Menschen fernhalten. Und zur Pflichtlektüre während der Ausbildung soll Walter Benjamins „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ und Susan Sontag´s „Against Interpretation“ gehören.

Die Erkenntnis ist kein fertiges Ding, sondern ein dialektischer Prozeß, in dem eine neue Erkenntnis nur durch Negation und Aufhebung einer bestehenden Erkenntnis gebildet werden kann. Die gegenwärtige Gesellschaft und vor allem ihre selbsternannten „Eliten“ verhindern, diffamieren und bekämpfen andere als gerade herrschende, etablierte Meinungen und verwandeln damit lebendige Erkenntnis in eine tote, verdinglichte Ideologie, die damit vom Wissen zum Unwissen, zum Fetisch wird. Das gilt für alle institutionalisierten lediglich eigene Macht selbst akkumulierenden Bürokratien, die Politik, die Wissenschaft, die Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse und andere. Die Psychoanalyse muß sich hüten, erbaulich sein zu wollen.

Früher konnten Menschen weder lesen noch schreiben, nur erzählen. Heute kann fast jeder lesen und schreiben, aber kaum jemand kann noch erzählen.

In seinem Vortrag „Marxismus und Dichtung“, gelesen 1935 auf dem Congrès por la Défense de la Culture in Paris, schreibt Ernst Bloch, daß im sozialistischem Denken als dem einzig orientierenden, mancher marxistischer Dichter meint, „er sei durch die Kälte dieser Berührung behindert. Das Innen kommt nicht gut dabei weg, das Gefühl und die sorgsame Lust, es zu sagen, werden nicht immer zur Kenntnis genommen. Jede Blume gilt dann als Lüge, und der Verstand scheint nur als trocken, oder, wenn er Saft hat nur als Säure erlaubt.“[1] Das gilt ebenso für die heute in Deutschland von einer rot-grünen Psychokratie durch Rackets der Ausbildungsinstitute, Verbände, Psychotherapeutenkammern, Psychotherapierichtlinien zu einem Fetisch, Totem und Tabu verdinglichten Psychoanalyse, die lediglich so aussieht, aber keine mehr ist.

 

(Mein Text ist nur ein Verweis auf eine Spur. Ob der Gutachter sie findet, fällt in sein Vermögen.)

 

 

Der Focus der Arbeit liegt in dem schraffierten Bereich der beigefügten Grafik, die hier beschriebene Struktur und Psychodynamik  ergänzt, nicht ersetzt.

 

Epilog: Die zunehmende Entmündigung und Bevormundung der Psychotherapeuten und ihrer Patienten durch psychokratische Institutionen und Apparate erschwert immer mehr diese Arbeit und es wird ein Zeitpunkt kommen, daß unter solchen Umständen psychoanalytische orientierte Therapien im Rahmen der Richtlinien nicht mehr machbar sein werden.

Deswegen möchte ich hier im Folgenden einige klare Linien ziehen.

 

  1. a) Mir sind Hinweise zum Erstellen des Berichts für tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie bei Erwachsenen bzw. PT 3KZT/a/b/c (K) bekannt, daß der Umfang des Berichts 3 DIN-A4-Seiten bzw. 1½ Seiten bei KZT nicht überschreiten soll und nur solche Angaben enthalten, die therapie- und entscheidungsrelevant sind. Da ich jedoch immerwieder Rückfragen von Gutachtern erhalte, wenn ich mich auf 3-Seiten beschränke, daß dies oder das oder jenes zu kurz von mir dargestellt wurde, erlaube ich mir diesen Antrag auf 4 Seiten (zuzüglich Prolog und Epilog) zu verfassen. Es ist kein Gesetz, sondern ein Hinweis und „sollen“ ist nicht dasselbe, wie „dürfen“. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis, der Fortführungsantrag wird dafür bestimmt kürzer. Ich bitte Sie, und nehmen Sie es bitte nicht persönlich,
  2. b) auf supervisorische und psychoedukative Ratschläge im Rahmen der Stellungnahme zu verzichten;
  3. c) mir nicht im Rahmen der Differentialdiagnostik den Therapeutenwechsel (zum einen Psychoanalytiker) vorzuschlagen. Ich mache die Differentialdiagnostik bereits zum Therapieanfang und während der Therapie und habe etliche Patienten an Verhaltenstherapeuten oder Psychoanalytiker oder Psychiater u.A. verwiesen, wenn ich es für nötig hielt.
  4. d) mir die Inhalte meiner Psychotherapie nicht zu diktieren ( z.B. an der frühen Mutter-Kind-Beziehung zu arbeiten oder über Sexualbedürfnisse des Partners einer Patientin zu sprechen, das Thema ihrer verkleinerten Brüste zu vertiefen, mehr am Narzißmus zu arbeiten, mehr an der Primärbeziehung, wie es in der Vergangenheit von manchem Gutachter geschehen. Mit meinen 66 Jahren und mehr als 30 Jahren psychotherapeutischer Tätigkeit weiß ich ausreichend, was ich zu tun und zu lassen habe.)
  5. e) Mir die Größe der verwendeten Buchstaben, des Zeilenabstands, des Textrandes, die Schwere und Material des Papierbogens und die Buchstabenform und – farbe nicht vorzuschreiben.

 

Die unbewußte Antrieb jeder Art von Verwaltung, auch der Psychokratie, ihre Macht sinnlos zu akkumulieren und den verwalteten Menschen anal-sadistisch zum Untertan des bürokratischen Rackets zu machen, nervt gewaltig.

 

Eine Stellungnahme zur Indikation, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser Psychotherapie reicht vollkommen. No hard feelings, please!

[1] [1] Bloch, E. (1985). Literarische Aufsätze. Frankfurt am Main, Deutschland: Suhrkamp. S.138

 

 

 

 

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JOHANNES CREMERIUS, FREIBURG/BR.

 

Wenn wir als Psychoanalytiker die psychoanalytische Ausbildung organisieren, müssen wir sie psychoanalytisch organisieren!*[i]

 

Übersicht: Soll die psychoanalytische Ausbildung psychoanalysegerecht reorganisiert werden, muß die Selbstverantwortung bei Lernenden und Lehrenden an die Stelle von Reglementierung, muß Freiheit in Forschung und Lehre an die Stelle von Corpsgeist treten.

 

»Natürlich weiß ich, daß verhärtete Institutionen sich nur rühren, wenn sie heftig und andauernd attackiert werden . . .«

  1. Mitscherlich

»Es muß anders werden, damit es besser werden kann.« O.Weidenbach

 

Seit Jahrzehnten artikuliert sich in der IPV ein Unbehagen an der institutionalisierten Psychoanalyse und ihrem Ausbildungssystem. Klagen und Anklagen über Feindseligkeiten in der Vereinigung, Spaltungs- und Abfallsbewegungen, Verleumdung, Verfolgung und Unterdrückung von Minoritäten wie Andersdenkenden, über Rigidität, Orthodoxie und ein antianalytisches Ausbildungssystem füllen Bände. Dieses Unbehagen erreichte die DPV erst sehr spät. Wir hatten andere Probleme. Und da, wo die Probleme in einem örtlichen Institut sich in der gleichen Weise zuspitzten wie in den amerikanischen Instituten, lösten wir sie unauffällig durch die Gründung neuer Ortsgruppen in einer anderen Stadt. Dieser mitotische (Mitose = Zellkernteilung Anm. JSB) Prozeß scheint sein Ende erreicht zu haben. Spaltungstendenzen innerhalb desselben Institutes werden bemerkt, die nicht mehr durch Emigration gelöst werden können. Wir scheinen also da angekommen zu sein, wo viele andere Länder schon seit Jahren stehen. In einer anderen Beziehung nehmen wir jedoch in der IPV eine Sonderstellung ein: Während, vor allem in den USA, die Psychoanalyse im öffentlichen Leben fortschreitend an Bedeutung verliert und die Ausbildungsinstitute über den Mangel an Zugängen klagen, verzeichnen wir einen rasanten Boom.

Ich will versuchen, zunächst unsere Schwierigkeiten zu benennen, die wir mit der institutionalisierten Psychoanalyse haben, um dann nach den Ursachen derselben zu fragen, um schließlich Überlegungen anzustellen, wie wir zu besseren Lösungen kommen können. Dabei bin ich mir bewußt, daß Psychoanalyse als Beruf ein »unmöglicher Beruf« ist, und daß dieses Unmögliche auch für die psychoanalytische Institution und die psychoanalytische Ausbildung gilt. Aber ich glaube, daß wir das, was wir selber organisieren, in stärkerem Maße psychoanalytisch organisieren können, als es bisher geschehen ist.

Ich beginne mit den Klagen über das unanalytische Ausbildungssystem.

Das Ziel der Ausbildung ist es, daß der Analytiker in Ausbildung sich von unbewußten infantilen Bindungen befreit, d. h. die Ödipussituation auflöst und ein starkes, kritisches Ich entwickelt. De facto läuft aber unser Ausbildungssystem, wie Balint festgestellt hat, darauf hinaus, »daß es beim Kandidaten unweigerlich zu einer Schwächung dieser Ich-Funktionen

führt« (1947, S. 317). Wie kommt es zu diesem unserem Leitbild

entgegengesetzten Resultat?

Da ist zunächst das Eltern-Kind-Modell zu erwähnen, das in der Ausbildung wirksam ist. Es gibt eine Gruppe von Funktionsträgern, vor allem die Lehranalytiker, die wie die Eltern hinter verschlossenen Türen verhandeln und ihre Überlegungen und Beschlüsse geheimhalten dürfen:

Zulassung zur Ausbildung, zum Vorkolloquium, zum Kolloquium wurden — und werden vielerorts noch — nicht offen mit den Studenten besprochen. Auf Lehrpläne und Lehrstoff wie auf das Curriculum haben sie keinen Einfluß. 1986 protestierte die Kandidatenversammlung der DPV gegen diese Behandlung und forderte in einer Resolution, an den Diskussions- und Entscheidungsfindungsprozessen im Bereich der Ausbildungsmodalitäten beteiligt zu werden. Vier Jahre zuvor hatte die Kandidatenversammlung der IPA darauf aufmerksam gemacht, daß alle Entscheidungen über Zulassung, Fortgang und Abschluß der Ausbildung vage und ungenau seien und ihnen keine Wege der Rechtshilfe gegen Übelstände zur Verfügung stünden (vgl. Franzen, 1982). Die geheime Macht der Eltern führt zu Angst und Unfreiheit. Diese spiegelt sich in der jahrzehntelangen sprachlosen Unterwerfung der Ausbildungskandidaten wider (vgl. Speier, 1983). 1985 hat erstmalig in der Geschichte der Psychoanalyse eine Gruppe von Kandidaten ihre Erfahrungen mit der Ausbildung unter dem Titel »Regression und Verfolgung in der analytischen Ausbildung« publiziert (Buzzone et al., 1985).

Zum Thema Geheimhaltung und Exklusivität gehört auch, daß 1984 auf dem Madrider Kongreß die erste Lehranalytikerkonferenz stattfand, an der alle Lehranalytiker unterschiedslos teilnehmen durften.

Elternschaft bedeutet auch — das gilt zwar nur für das »geschlossene Ausbildungssystem«, wie wir es in der DPV haben — die Übernahme der Verantwortung für die Ausbildung und die Besorgtheit um die korrekte Ausbildung durch permanente Observierung und Kontrolle. Dies zusammen mit der methodisch fragwürdigen Lehranalyse führt zu Passivität und langdauernder Abhängigkeit der Analytiker in Ausbildung. Zu diesem unserem Leitbild eines freien, kritischen Analytikers konträren Resultat trägt auch der Charakter unserer Ausbildungsinstitute bei, die, wie Kernberg feststellt, eine »Kombination von Berufsschule und Priesterseminar sind« (1984, S. 62). Beide Ausbildungsformen zielen gerade nicht auf die Erstarkung eines freien kritischen Ichs. Den Berufsschulcharakter unserer Institute legen die Ausbildungsprogramme offen. Angeboten werden Vorlesungen und Seminare, die gradlinig auf die Berufsausbildung als praktische Psychotherapeuten zulaufen. Die Mitglieder des Lehrkörpers sind damit beschäftigt, Fertigkeiten zu vermitteln und deren Entwicklung zu kontrollieren. Zu kurz kommt dabei die Vermittlung des Gesamtkomplexes der psychoanalytischen Theorie, vor allem der gesellschaftskritischen Schriften Freuds. Andererseits besteht ein Mißverhältnis zwischen der Zeit, die für das Studium der Freudschen Schriften aufgewendet wird, und der Zeit, die dem Studium zeitgemäßer Autoren zugute kommt. Der Lehrbetrieb läßt ganz allgemein eine offene wissenschaftliche Atmosphäre vermissen: Freuds Schriften werden meist in einer Weise vermittelt, als seien es heilige Schriften. Ihr Studium beschränkt sich auf eine gläubige Exegese. Es fehlt die kritische Lektüre, die Hinterfragung der Paradigmata. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies beim Studium der großen Krankengeschichten Freuds. Vielerorts werden sie noch wie Lehrstücke der Technik gelesen, womit eine alte Tradition fortgesetzt wird. Noch 1955 rühmt Jones, daß Freuds erste Krankengeschichte, die Dora-Analyse, jahrelang als Modell für Kandidaten gedient habe (1955, S. 306). Und Lipton stellt fest, daß die Technik, die Freud bei der Rattenmann-Analyse angewandt habe, noch heute von den Analytikern akzeptiert werde (1977). Ohne Zweifel können wir von ihr viel lernen. Aber unsere Kollegen in Ausbildung sollten diese Texte auch »gegen den Strich« lesen lernen, an ihnen erkennen, wie problematisch, wie widersprüchlich hier vieles ist. Aber das Original-Protokoll des ersten Teiles dieser Analyse, das dies aufzeigt und verdeutlicht, wird nicht zum Studium herangezogen. Kaum einer kennt es, und ich frage mich, ob es bloß Zufall ist, daß es bis heute in Deutschland nicht publiziert wurde. Auffallend ist die Einengung des Studiums auf

einen Corpus anerkannter Autoren. Es scheint so, als gäbe es eine geheime Liste indizierter Schriften, die nicht gelesen werden dürfen. Wo, frage ich, werden auch die Texte der großen »Dissidenten«, Horney, Sullivan, Lacan, ernsthaft studiert? Es scheint aber, als ob auch der Bannfluch auf so großen Autoren wie Ferenczi, Balint, Alexander noch wirksam sei. Bemerkenswert ist auch die Prävalenz gewisser Autoren in den verschiedenen Ausbildungsinstituten. In schulischer Abgeschlossenheit

gelten hier Freuds Texte als vornehmliche Grundlage, dort die von Winnicott oder anderen Autoren. So erinnern manche Institute an das Prinzip der Monokulturen, wie es heute in der Landwirtschaft vertreten wird. Dies zeigen vor allem die Institute, in denen die Freudsche oder eine andere Schule dominieren. Das Ergebnis ist eine weitgehende Aufhebung der Sprachverständigung.

Freud würde das wissenschaftliche Niveau unserer Institute zutiefst beklagen.

Von dem, was angehende Psychoanalytiker lernen sollten —

Psychiatrie, die Geschichte der Zivilisation und die Philosophie der Religion, Mythologie und Geschichte der Literatur (Kunst nicht vergessen! Anm. JSB) —, enthalten unsere Lehrpläne kaum etwas. Beklagen würde er auch die Begrenzung der Ausbildung auf den praktizierenden Therapeuten.

Aber, so frage ich, wer sollte denn diese Fächer, die Freud für so notwendig erachtete, auch lehren? Durch die Zulassung von ausschließlich Ärzten und Psychologen, d. h. die Ausschließung von Geisteswissenschaftlern und die dadurch verstärkte Reduktion der Ausbildung auf dasTherapeutische, bilden wir Kollegen aus, die dazu nicht fähig sind. Da sie keine diesbezüglichen Impulse erhalten, zeigen sie nach der Ausbildung auch kein Interesse an diesen Fächern. An der in Freiburg jährlich stattfindenden Tagung »Psychoanalyse und Literaturwissenschaft«, seit Jahren von den Geisteswissenschaftlern viel beachtet, nehmen Psychoanalytiker

kaum teil. Bei der Supervisionsarbeit mit jüngeren Kollegen

registriere ich eine minimale Kenntnis der großen Schriftsteller. Wie kann man Analytiker sein und keine Neugierde für das haben, was sie über den Menschen berichten? Ist die Kenntnis der Fachliteratur nicht wirklich nur ein sehr bescheidenes Rüstzeug? Und nun berühre ich ein anderes Problem. Warum laden wir nicht Vertreter der genannten Fakultäten als Dozenten ein? Hiermit spreche ich den Ghettocharakter unserer Institute an. Eingeschlossen in das Studium der Psychoanalyse, gelingt

nur wenigen der Blick über den Zaun. Ist da noch Psychoanalyse

als Wissenschaft möglich? Hätten wir nicht allen Grund, jetzt, wo unsere Theorien in Fluß gekommen sind, auch die Ergebnisse benachbarter Wissenschaften zu rezipieren — der Verhaltensforschung, der Gesellschaftswissenschaften,

der Sozialpsychiatrie, der Entwicklungspsychologie,

der Vererbungs- und Hirnforschung? Wovor haben wir eigentlich

Angst? Es kann doch nur bewahrt werden, was sich auch verändert.

Wissenschaft ist immer Prozeß!

Wenn unsere Ausbildung zu einer Schwächung der Ich-Funktionen führt, so liegt eine Ursache auch in der weitverbreiteten Glaubenshaltung.

Das schwache Ich sehnt sich nach Anlehnung und Führung — die

Institution antwortet darauf mit Angeboten von Stützung und Sicherheit.

Dabei läßt sie sich bis zur Indoktrination, dem stärksten Mittel der

Glaubenshaltung, verführen. So wird Ausbildung zu einem Konversionsprozeß — gerechtfertigt durch die Notwendigkeit einer Identifizierung, deren passagere Berechtigung übersehen wird. Es mag sein, daß die junge psychoanalytische Bewegung vor 60 Jahren solcher Mittel bedurfte, um zu überleben. Aber ist nicht die Zeit gekommen, wo Paulus wieder Saulus werden müßte? Nach dem Zerfall des »gemeinsamen Daches«, von dessen Dauerhaftigkeit Freud träumte, dem Zerfall der großen

Utopie eines dauerhaften Zentralmassivs der Theorie muß jetzt wieder kreative Unruhe einsetzen, muß Ungewißheit zur Prämisse unseres Denkens und Handelns werden. Es gilt, experimentierfreudig zu werden, Dissens zu erproben.

Auf diese wissenschaftlichen Aufgaben und Ziele haben wir zugunsten der fachschulischen Ausbildung verzichtet. In den Instituten wie auf unseren Tagungen investieren wir viel Zeit und Kraft in die Kontrolle und Observierung der Kandidaten, denen wir den Titel des Analytikers in Ausbildung verweigern, den andere Länder ihnen schon immer zugebilligt haben. Geht es dabei wirklich darum, unsere Vereinigung optimal zu organisieren und die besten Bedingungen für die Sache der Psychoanalyse

zu schaffen? Ginge es uns darum und wirklich darum, müßten wir

dann nicht dieselbe Aufmerksamkeit auch auf die Dozenten und Lehranalytiker richten? Die Qualität eines Ausbildungsinstitutes und seiner Absolventen hängt doch auch von der Qualität der Ausbilder ab! Darum haben wir uns in all den Jahren nie gekümmert. Weder die Qualifikation des Supervisors noch die des Lehranalytikers ist je grundsätzlich reflektiert worden. Die wenigen, vagen Bestimmungen, die die Wahl zum Lehranalytiker regeln, werden in keiner Weise eingehalten: bei Institutsverfahren sein solle, um die Berufseignung zu prüfen — es solle, so Freud, »dem Lehrer ein Urteil ermöglichen, ob der Kandidat zur weiteren Ausbildung zugelassen werden kann« (1937 c, S. 94 f.)1[ii]; die andere Forderung besagt, die Lehranalyse solle eine weitgehende Egalisierung der »persönlichen Gleichung« des Analysanden herbeiführen, so daß eines Tages befriedigende Übereinstimmungen unter den Analytikern erreicht sein würden (1926 e, S. 250). Vier Jahre später vergleicht Hanns Sachs, der erste Berufslehranalytiker, die Lehranalyse im Sinne der Freudschen Forderungen mit dem Noviziat: »Wie man sieht, braucht die Analyse etwas, was dem Noviziat der Kirche entspricht« (1930, S. 53). In diesen beiden letzten Forderungen Freuds steckt der Anfang unserer Not mit der Lehranalyse: Analyse als Instrument der Indoktrination und Analyse als Berufseignungsprüfung. Hier geraten wir in Widerspruch mit unserer psychoanalytischen Zielsetzung, der Auflösung infantiler Abhängigkeit. Freud selbst hatte — auch er ein Mensch mit Widersprüchen — davor gewarnt, den Analysanden zum »Leibgut« zu machen. Der Analysand, so forderte er, darf nicht zur »Ähnlichkeit mit uns« erzogen werden. Es gehe vielmehr darum, daß er »zur Befreiung und Vollendung seines Wesens erzogen werde« (1919 a, S. 190).

Beklagt wird der antianalytische Charakter der Handhabung der Lehranalyse. Anna Freud stellt fest, daß der Lehranalytiker tatsächlich alles das tut, was in einer therapeutischen Analyse als Kunstfehler gelte: er teile seine Interessen mit dem Kandidaten, diskutiere sie mit ihm, beurteile sein Verhalten kritisch, diskutiere es mit anderen und leite aus seinen Urteilen Konsequenzen ab. Er greife aktiv in das Leben des Kandidaten ein, biete sich ihm als Vorbild an und gestatte ihm am Ende die Identifizierung mit seiner Person und seiner Berufstätigkeit. Die Folgen, stellt sie fest, seien ein schlechtes Ergebnis der Lehranalyse: viele Analysanden würden an ungelösten infantilen Einstellungen und unaufgelösten Übertragungsbindungen leiden, blieben in Abhängigkeit von ihrem Lehranalytiker oder sagten sich auf lärmende Weise von ihm los, was ihre wissenschaftliche Einstellung entscheidend beeinflusse (1938). Die von Anna Freud aufgezeigte Abhängigkeit führt u. a. auch zur Clanbildung. Um manche Lehranalytiker bilden sich Gruppen ehemaliger Analysanden, die sich als »Abstammungs«-Gruppen isolieren (Balint, 1947, S. 317). Da die Lehranalyse häufig die negative Übertragung nicht oder nicht ausreichend bearbeitet, persistiert sie. Das Ergebnis ist, daß die ehemaligen Analysanden der eigenen Gruppe gegenüber nachsichtig und gläubig sind, anderen Gruppen gegenüber überkritisch. Balint sieht hierin die Ursachen von Denkhemmung und Dogmatismus. Die Schüler folgen ihrem Analytiker blind und verstehen seine Lehre als die einzig wahre und richtige. Der Wunsch des Lehranalytikers, bewußt oder unbewußt, der Lehranalysand solle seine Lehre weitergeben, führt zu Unterwerfung. So wird die Lehranalyse zum Indoktrinationsritus wie das Zulassungsverfahren. Beland hat diese Abstammungssequenz an der Tatsache aufgezeigt, daß das Fehlen kleinianischer Lehranalytiker in der Bundesrepublik erklärt, warum wir keine Vertreter der kleinianischen Schule haben (1981). An Instituten, wie dem Londoner Institut, wo es drei verschiedene Schulen gibt, treten die Kandidaten je nach der theoretischen Bindung ihres Lehranalytikers entweder der einen oder der anderen Gruppe bei. Diese Sequenz läßt sich in allen Vereinigungen der IPV nachweisen. Eissier erkennt in dem Unterwerfungscharakter der Lehranalyse das Motiv der »symbolisierten Sohnestötung«. Da die negative Übertragung nicht hinreichend bearbeitet wird, introjizieren die Analysanden ein unrealistisches Bild des Lehranalytikers, das sowohl als Kern eines neuen Überichs dient als zum Aufbau einer pathologisch-narzißtischen Identifizierung. Die unbewußten feindseligen Aspekte müssen abgespalten werden. Sie können sich später gegen den Lehranalytiker, gegen die psychoanalytische Methode und gegen die Psychoanalyse selbst wenden. Die Geschichte der Psychoanalyse mit ihren Abfall- und Spaltungsbewegungen, mit ihren feindseligen Gruppenbildungen legt Zeugnis davon ab. — In den örtlichen Ausbildungsinstituten hat die Tendenz jener Lehranalytiker, die Ausbildung als indoktrinative Weitergabe dogmatischer Lehrsätze mißverstehen, unmittelbar destruktive Wirkungen. Es bilden sich feindselige, sektenartige Lager. Aber der Religionskrieg findet nicht zwischen den Stiftern selbst statt. Opfer derselben werden die Analytiker in Ausbildung. Wenn sie bei einem Vertreter der Gegenpartei supervisionieren, wird ihnen nachgewiesen, wie unmöglich ihre, sprich: die Arbeitsweise des Gegners, ist. Das ist einer der Gründe für das oft so vergiftete Klima in unseren Instituten.

Die Probleme der Lehranalyse, die sich in geschlossenen Ausbildungssystemen zeigen, stehen in enger Verbindung mit dem Zulassungsverfahren.

Es ist sozusagen der Zulieferer eines Teiles der aufgezeigten Schwierigkeiten. Die Kritiker desselben sehen darin ein sachlich maskiertes Initiationsritual. Sie weisen nach, daß es methodisch unzureichend und uneffektiv ist. Hinter pseudorationalen Kriterien verberge sich eine »primitive physiognomische Methode« (Bernfeld, 1962, S. 450), das simple »like me — not like me«-System2[iii]; es sei uneffektiv, weil es sein Ziel, die Besten auszulesen, de facto nicht erreiche. Das hat es mit der Indikationsstellung zur Analyse, mit der Frage der Analysierbarkeit von Patienten, gemeinsam. Aber diese Beziehung wird nicht gesehen. Über die Quintessenz, die der 76jährige Freud aus seinen Erfahrungen mit diesem Problem zog: »wir kaufen tatsächlich die Katze im Sack« (1933 a, S. 167), setzen wir uns hinweg. Und zwar — das ist das Besondere daran — ohne sie überhaupt zu diskutieren.

Die Kritiker stellen ferner fest, daß das Verfahren zum einen brave, mittelmäßige Bewerber — Kernberg spricht von »dull normals« (1984, S. 28) — eher zulasse, als unruhig-fragende, kritische Köpfe, die nicht glauben, sondern wissen wollen, zum anderen »normale Kandidaten«, das sind Personen mit guten Ich-Leistungen, ohne manifeste neurotische Störungen, gut angepaßt und erfolgreich im Leben, vor schwierigen, problematischen Bewerbern bevorzuge.3[iv] Werden die einen im besten Falle gute Praktiker, gilt das nicht für die von Bird (1968) als »Normopathen« klassifizierten »normalen« Bewerber (Sachs, 1947, S. 157). Sie erweisen sich als unanalysierbar und belasten am Schluß die Vereinigung als Problemfälle. Sie entwickeln sich in der Regel zu »Imitationsanalytikern« (vgl. Richards, 1984, S. 28; Gaddini, 1984). Das niedrige wissenschaftliche Niveau in den psychoanalytischen Gesellschaften ist das Ergebnis dieses Ausleseverfahrens. Die fehlende Effizienz des Zulassungsverfahrens spiegelt sich auch in den wenigen statistischen Untersuchungen über die Bewerberauswahl wider. Auf der einen Seite erscheint das Verfahren nutzlos, da die Mehrzahl der von einem Institut abgelehnten Bewerber von einem anderen Institut zugelassen werden (vgl. Pollmann, 1985, S. 260), auf der anderen Seite sieht es so aus, als ob seine Ergebnisse sich im Bereich des Zufalls bewegen: von den Zugelassenen brechen 25 % die Ausbildung ab und bei weiteren 25 % endet sie erfolglos (vgl. Beland, 1985, S. 27). Die hier sichtbar werdende Problematik spiegelt ganz einfach die Tatsache wider, daß wir nicht wissen, was wir wollen, nicht wissen, was einen guten Analytiker ausmacht. Der eine Prüfer will nur ungeeignete Personen ausschließen — »keine Verrückten, keine Exzentriker, keine Schwindler« charakterisiert Smirnoff dieses Auswahlkriterium (1980, S. 19), der andere gibt sich damit zufrieden, anständige Leute zu selektieren, die einmal gute Praktiker werden. Die Auswahlkriterien sind vorrangig defensiv und folgen dem Motto: »Wenigstens wird er nichts Schlimmes anrichten« (ebd.).

Bedeutsamer noch als alle diese sachlichen Einwände gegen das Verfahren erscheint mir das Argument von Anna Freud, weil es ein analytisches Argument ist. Sie bemerkt, das Zulassungsverfahren lasse sich nicht mit dem Respekt vor der Persönlichkeit des Bewerbers vereinigen und decke sich nicht mit der analytischen Atmosphäre (1966, S. 227 f.).4[v] Beibehalten wird es ganz offensichtlich gegen alle Einwände, weil es einem anderen Zweck dient. Balint entdeckt diesen in seinem Unterwerfungscharakter. Sein wahrer Sinn sei, dem Eintretenden die Macht der Herrschaft und seine Ohnmacht zu zeigen. Es sei also dem Initiationsritual der Primitiven vergleichbar (1947; S. 317; vgl. auch Cremerius, 1987). Anstatt das Zulassungsverfahren durch ein einfaches Erstgespräch zu ersetzen, werden immer neue Kataloge von Beurteilungskriterien ausgearbeitet.5[vi] Mit ihren mehr als einhundert Items sind sie de facto nicht mehr praktikabel. Ich glaube, daß das Motiv für die Beibehaltung des Zulassungsverfahrens der Verschleierung eines Tatbestandes dient, den die Institution unter keinen Umständen offenlegen will. Indem man am Zulassungsverfahren bastelt, hält man die Phantasie aufrecht, daß der wenig überzeugende körperliche und seelische Zustand der Analytiker, ihre sozialen Probleme im privaten Leben (Freud stellt fest: » . . . leider viele davon von der Analyse wenig veränderter Menschenstoff« [1966, S. 222]) und der katastrophale Zustand der psychoanalytischen Gemeinschaft die Folge von Zulassungsfehlern sei. Verschleiert wird damit die

Tatsache, daß die Lehranalyse zu sehr bescheidenen Ergebnissen führt. Die Publikation dieser Tatsache hätte für die Institution schlimme Folgen: wenn die Analyse einer durch drei Eliteanalytiker geprüften Gruppe von Elitepersonen — alle haben ein Hochschulstudium abgeschlossen, sind in der Lage, die Analyse selber zu finanzieren etc. — durch Eliteanalytiker so wenig bringt, dann werde, so fürchtet sie, der Wert der therapeutischen Analyse extrem in Frage gestellt. Aber gerade der therapeutische Wert der Psychoanalyse dient der Institution dazu, ihre Macht in der Gesellschaft zu festigen, nachdem sie ihre emanzipatorische und kritische Funktion in ihr aufgegeben hat.

Und nun kommt der Clou: nachdem jahrzehntelang am Zulassungsverfahren gearbeitet worden ist, über einhundert Beurteilungskriterien ausgearbeitet wurden, um ungeeignete Bewerber fernzuhalten, öffnen die amerikanischen Institute auch Bewerbern mit Borderline-Strukturen und schweren Charakterneurosen ihre Tore — also denen, die bis dahin unter keinen Umständen zugelassen werden durften. Die Erklärung, die Kernberg dafür gibt, ist verblüffend: damals gab es zu viele Bewerber, jetzt so wenige, daß der Ausbildungsbetrieb zu erliegen droht (Richards, 1984, S. 27 f.). Also war der ganze jahrzehntelange Selektionsperfektionismus nichts anderes als ein versteckter Numerus clausus? Ist bei uns nicht etwas Ähnliches geschehen? Wie anders ist es zu verstehen, daß sich die Zahl der Zugelassenen in den letzten Jahren so enorm vergrößert hat? Dieselben Personen, die offiziell die höchsten Zulassungskriterien vertraten, können sie — an den Schaltstellen von Angebot und Nachfrage sitzend — kaum angewandt haben. Niemand wird behaupten wollen, daß alle Zugelassenen den offiziellen Standards entsprechen. Wie heißt es bei Bert Brecht? »Prinzipien halten sich am Leben, indem man sie bricht.«

Ein anderer Grund für das Unbehagen in unserer Gemeinschaft ist die Existenz einer Gruppe, der Gruppe der Lehranalytiker, die mit höchster Legitimation ausgestattet ist. Ihre Mitglieder entscheiden durch die Doppelfunktion, Lehranalytiker und gleichzeitig Funktionsträger zu sein, über die Analytiker in Ausbildung. Sie bestimmen weitgehend die Struktur und die schulische Ausrichtung der Institute wie der DPV, weil ihnen gewisse einflußreiche Ämter vorbehalten sind. Solche Gruppen gibt es in jeder Organisation, die sich von intimeren sozialen Einrichtungen unterscheidet. Sie sind dafür verantwortlich, die expliziten Ziele der Organisation zu verwirklichen.

Wo liegt hier das Problem? Da wir keinen Konsensus darüber besitzen, was einen guten Analytiker ausmacht (vgl. Mitscherlich-Nielsen, 1970) haben wir auch keinen Konsensus darüber, was die Lehranalyse leisten soll. Soll sie eine Lehr-Analyse oder eine persönliche Analyse sein und wie tief (bis zum psychotischen Kern?), wie radikal muß die letztere sein?

Wenn die Lehranalyse Lehr-Analyse sein soll, müßten die Lehranalytiker sich als Lehrer besonders ausgewiesen haben. Sie müßten, wie Freud es sich vorstellte, besonders befähigte Theoretiker der Technik sein. Freud hält diese Aufgabe noch 1937 für die wichtigste Aufgabe. Er schreibt: »Ihre«, d. h. der Lehranalyse, »Leistung ist erfüllt, wenn sie dem Lehrling die sicheren Überzeugungen von der Existenz des Unbewußten bringt, ihm die sonst unglaubwürdigen Selbstwahrnehmungen beim Auftauchen des Verdrängten vermittelt und ihm an einer ersten Probe die Technik zeigt, die sich in der analytischen Tätigkeit allein bewährt hat« (1937 c, S. 95); wenn die Lehranalyse eine wirkliche therapeutische Analyse wie bei einem Patienten sein soll, dann müßten die Lehranalytiker die besten Therapeuten sein.

De facto werden die Lehranalytiker nach keinem dieser Kriterien ausgewählt. Ob sie gute Lehrer sind, wäre leicht feststellbar — und zwar durch die Ausbildungskandidaten, die bei ihnen Vorlesungen hören und Fälle supervisionieren. Es bestätigt meine Argumentationslinie, daß es hier um Macht und nicht um die Sache geht, daß gerade dieser Kreis von der Beurteilung ausgeschlossen ist. Ob sie gute, besonders befähigte Theoretiker der Technik sind, könnte auf Grund von wissenschaftlichen Arbeiten zur Theorie der Technik geprüft werden. Dieses Kriterium wird aber nicht grundsätzlich und kategorial zur Qualifikationsbeurteilung herangezogen. Ob sie gute Therapeuten sind, d. h. wie sie arbeiten, weiß niemand, da die meisten von ihnen nie Fälle vorstellen, ja, »aus Gründen der Übertragung« ihre Arbeit grundsätzlich geheimhalten. Offiziell heißt es, die Lehranalytiker seien eine Elite. Welch seltsame Elite, die nicht angeben kann, worin ihre elitäre Qualität besteht, worin sie sich von anderen Analytikern unterscheidet. Das einzige, was sie haben, ist Legitimation. Ihre Kompetenz ist ungeprüft.

Wie wird man Lehranalytiker? De facto nur durch die Zuwahl zur Gruppe der bereits vorhandenen Lehranalytiker. Niemand anderer als sie hat ein Wahlrecht. (Da die Zuwahl mit einer Zweidrittelmehrheit erfolgen muß, verfügen an einem kleineren Institut mit 9 Lehranalytikern drei Personen über die Sperrminorität.) Es ist nur menschlich-allzumenschlich, daß diese Gruppe nur solche Personen hinzuwählt, die ihr passen. Warum sich eine Laus in den Pelz setzen, jemanden hereinlassen, der andere Auffassungen vertritt, der systemkritisch denkt etc.? So

kann Kernberg feststellen, daß die Wahl mehr nach politischen als nach Qualifikationskriterien stattfindet. Da niemand auf die Zuwahl oder Ablehnung einen Einfluß nehmen kann, herrscht hier unkontrollierte Macht. Totale Macht aber verführt zur Willkür. Diese Struktur löst Feindschaften aus und ist eine der Ursachen der paranoiden Atmosphäre an unseren Instituten. Die Ausgeschlossenen haben kein Einspruchsrecht.

Wenn die Gruppe will, kann sie jemanden lebenslänglich fernhalten.

Der Lehranalytikerstatus erscheint in einem Klassensystem erstrebenswert, weil sein Erreichen ausdrückt, daß man für würdig befunden wurde, die höchste Stufe im System einnehmen zu dürfen. Im Gegensatz zu Ländern ohne Krankenkassenpsychotherapie gewinnt aber der Lehranalytikerstatus in der BRD noch dadurch an Attraktion, daß er den Mühen der Kassenpraxis enthoben ist. Der Lehranalytiker braucht keine Gutachten erstatten, hat Daueranalysanden bis zu 1 000 Stunden, die zum Durchhalten durch das erstrebte Berufsziel hoch motiviert sind. Auch liegt sein Einkommen deutlich über dem der Praktiker, seitdem der Privatpatient zur Seltenheit geworden ist. Erhält der Analytiker in der Praxis von der Krankenkasse 82 DM für die Behandlungsstunde, liquidieren die Lehranalytiker bei den Lehranalysanden 20—90 % mehr als jene.

Da die Mobilität (Unterbrechungen und Abbrüche) in den Lehranalysen unendlich gering ist, bei den Patienten im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie aber relativ hoch, verschaffen die Lehranalysanden den Lehranalytikern bei einer Dauer der Lehranalyse von etwa 7 Jahren ein gesichertes Einkommen, wie es sonst nur Gehaltsempfänger beziehen.

Diese Privilegien lösen berechtigterweise Neid und Mißgunst aus, weil ihre Träger keine definierbare Kompetenz besitzen.

Spannungen entstehen auch, weil hier, wie bei der Beurteilung der Analytiker in Ausbildung, die Beurteilungskriterien nicht durchsichtig sind.

Das provoziert Projektionsmechanismen und Verfolgungsphantasien.

So hält sich in unserer Gemeinschaft die tradierte, hierarchisch-autoritäre Struktur der »Psychoanalytischen Bewegung« (Cremerius, 1986). Die Mitgliederversammlung, die formal der Souverän sein sollte, die als demokratisches Entscheidungsorgan gedacht ist, hat gerade auf den Teil der Organisation, die Wahl der Lehranalytiker, die die Schlüsselpositionen zu den einflußreichsten Ämtern innehaben, keinen Einfluß.

Das Fehlen von offengelegten, sachlich definierten Kriterien zur Ernennung von Lehranalytikern führt an den lokalen Instituten, die über die Ernennung entscheiden, dazu, daß Aspiranten durch Wohlverhalten und durch gute persönliche Beziehungen zu dem einen oder anderen Lehranalytiker versuchen, diese für sich gewogen zu machen. Andererseits wird der Aspirant vermeiden, kritische Ansichten über das Ausbildungssystem, über Dozenten und Lehranalytiker zu äußern. Er wird sich konform verhalten und kontroverse Ansichten über psychoanalytische Theorie und Praxis, die an diesem Institut Gültigkeit haben, verbergen.

So gelangen solche Charaktere eher in die Machtgremien als andere.

Der Schaden für unsere Gemeinschaft ist offenkundig.

Ich zeige jetzt weitere Momente in unserem Ausbildungssystem auf, die Unbehagen, Unklarheiten, Verwirrung und Streitereien erzeugen. Nicht daß sie existieren, ist unser Problem — das wäre ja ein Anzeichen von Lebendigkeit. Unser Problem ist, daß wir keinen Raum geschaffen haben, in dem wir sie miteinander diskutieren könnten.

Da gibt es z. B. die Widersprüche zwischen unseren psychoanalytischen Maximen und unserer institutionalisierten Praxis. In unserer Satzung heißt es, »der Zweck unserer Vereinigung sei die Pflege und Weiterentwicklung

der von Freud begründeten Wissenschaft der Psychoanalyse

und aller ihrer Anwendungen«. Ist das nicht nur noch ein Lippenbekenntnis?

Was wir de facto verwirklichen, ist die berufsschulische Ausbildung

von Praktikern. Wo gibt es noch systematisch organisierte Lehrveranstaltungen, in denen die Anwendungen der Psychoanalyse untersucht und erprobt werden — etwa auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft, der Religionspsychologie, der Gesellschaftswissenschaft? Wir laden Gasthörer anderer Fakultäten zu Fortbildungsveranstaltungen ein, um ihnen die Psychoanalyse zu vermitteln und mit ihnen ins Gespräch

zu kommen. Es kommen nur Ärzte und Psychologen. Die, die kommen sollten, die, für die der genannte Passus aus der Satzung gilt, kommen nicht: »Das rein klinisch-praktische Fortbildungsangebot zieht Interessenten ohne klinische Interessen nicht an« (Protokoll des Mitgliedertreffens des Psychoanalytischen Seminars Freiburg vom 18.2. 1987). Das heißt, wir verhindern also die Pflege der Psychoanalyse als Wissenschaft, verhindern ihre von Freud geforderte Verbreitung in den Fächern der Humanwissenschaften und fördern damit den weiteren Niedergang des Niveaus unserer Institute. Da wir uns auch nicht entschließen können — aus Gründen, über die wir einmal nachdenken sollten —, Personen aus Randgebieten als Dozenten einzuladen, schließen wir uns immer mehr in das Ghetto berufsschulischer Fachausbildung ein. Diese Berührungsängste nehmen an manchen Orten, wo ein psychoanalytisches

Institut und ein von einem DPV-Mitglied geleitetes Universitäts-

Institut nebeneinander bestehen, groteske Formen der Vermeidung an.

Lippenbekenntnis ist unser Bekenntnis zu »der von Freud begründeten Wissenschaft der Psychoanalyse« auch, wenn wir leichthin die von Freud so kategorial geforderte Laienanalyse aufgeben. Freud sah darin ein Opfer an einer Stelle, »deren Lebenswichtigkeit ihnen (seinen Schülern — Deutsch, Eitingon, Horney, Oberndorf, Jones u. a.) nicht einleuchtet« (1926 e, S. 273). Für ihn war sie eine conditio sine qua non: »Der Kampf um die Laienanalyse muß irgendwann ausgefochten werden«, schreibt er 1926 an Federn (Federn, 1967, S. 269 ff.) und fügt 1929 hinzu: »Die letzte Maske des Widerstandes gegen die Psychoanalyse, die ärztlich-professionelle, ist die für die Zukunft gefährlichste« (Jones, 1957, S. 351).

Und wie steht es mit der nach unserer Satzung primären Aufgabe unserer Vereinigung, »der Pflege und Weiterentwicklung der von Freud begründeten Wissenschaft der Psychoanalyse«? In unseren Ausbildungsinstituten folgen wir offiziell noch der Maxime, in der »strengen, der tendenzlosen Psychoanalyse« (Freud, 1919 a, S. 194) auszubilden, vertreten wir die alten Therapieziele: »Die für die Ich-Funktionen günstigsten psychologischen Bedingungen« (Freud, 1937 c, S. 96) durch Einsicht herzustellen. Berufspolitisch sind wir aber Verträge mit den Kammern eingegangen, in denen wir uns verpflichtet haben, unsere Studenten so auszubilden, daß sie an der Richtlinienpsychotherapie teilnehmen können. De facto machen viele von uns fast ausschließlich psychoanalytische Psychotherapie und pragmatische Psychotherapie. Die Gutachterpraxis zeigt, wie dies auf die Sprachregelung und die Denkweise zurückwirkt. An die Stelle psychoanalytischer Theoriesprache treten häufig Begriffe aus anderen Theoriebereichen und an die Stelle psychoanalytischer Argumente treten solche der Krankenversicherung, die ökonomisch-prag-matischer Natur sind — so z. B. Symptombesserung, Arbeitsfähigkeit, ja, sogar Wehrfähigkeit. D. h., das Erkenntnisinteresse in der Psychoanalyse nimmt zugunsten des therapeutischen Interesses immer mehr ab (vgl. R. Klüwer, 1973, S. 1082 ff.).

Um nicht mißverstanden zu werden, stelle ich ausdrücklich fest, daß ich kein Gegner der Richtlinienpsychotherapie bin. Hinweisen will ich auf den hier vorliegenden Widerspruch, den wir nicht öffentlich diskutieren. Infolgedessen führt er zu Verwirrungen und Spannungen und dazu, daß die in ihm liegenden positiven Möglichkeiten unerschlossen bleiben (vgl. Cremerius, 1981 a).

Mit dem Widerspruch leben und arbeiten müssen diejenigen Kollegen in der Praxis, die täglich darum kämpfen, im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie »strenge, tendenzlose Psychoanalyse« zu verwirklichen. Diese Kollegen lassen wir weitgehend alleine. Wir haben uns in all den Jahren nicht bemüht, ein ständiges Forum zu schaffen, wo sie ihre Erfahrungen in dem genannten Spannungsfeld zur Diskussion stellen können — sehe ich einmal von der Berliner Tagung 1978, die dem Problem gewidmet war, ab (DPV, 1978). In den fast 10 Jahren, die seitdem vergangen sind, erschien das Thema nicht mehr auf unseren Tagungen. Das hat zur Folge, daß die Erfahrungen, die dort gemacht werden, nicht öffentlich werden, d. h. auch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Daß dies geschieht, ist aber dringend notwendig. Andernfalls geht es der psychoanalytischen Technik bei uns so, wie es der psychoanalytischen Technik in den USA nach Freuds Tod ergangen ist: sie verleugnete den Praktiker Freud zugunsten des Theoretikers und radikalisierte seine Theorie der Technik zu einer »klassischen Technik«, aus der alles das eliminiert wurde, was Freud de facto praktiziert hatte (vgl. Cremerius, 1981). Das Ergebnis ist, daß das, was über die analytische Behandlungstechnik berichtet wird, oft den Charakter einer Fiktion hat. Sie zeigt sich in einem Schisma zwischen dem, was Analytiker wirklich tun, und dem, was sie sagen, daß sie es tun (vgl. Glover, 1937; Strupp, 1960; J. Sandler, 1983). Wenn Eissler der psychoanalytischen Technik keine aussichtsreiche Zukunft prophezeit (vgl. 1969, S. 462), so sicherlich auch wegen dieser beschriebenen Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Daß hier Mut zur Wahrheit gefordert werden muß (Freud fordert, man müsse öffentlich vertreten können, »was man in der Technik tut«; Jones, 1957, S. 197 ff.), ergibt sich vor allem daraus, daß sich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis enorm vergrößert hat. Unsere Kollegen arbeiten nicht mehr ausschließlich mit denselben Patienten, an denen Freud die psychoanalytische Technik entwickelt hat. In ihren Praxen finden sich — anscheinend in der Überzahl (vgl. Cremerius, 1985) — abweichend davon einmal Patienten, die

  1. sich von denen Freuds im Differenzierungsgrad unterscheiden (seine Patienten, stellte er fest, gehörten einer »gebildeten und lesenden Gesellschaftsklasse« an; 1895, S. 77);
  2. oft weniger für eine analytische Therapie motiviert sind; und
  3. nicht mehr ausschließlich klassische Übertragungsneurosen entwickeln.

Die psychoanalytische Institution muß ein Forum schaffen, auf dem wir im Geiste von Sandlers Anregungen miteinander offen über unsere Arbeit sprechen könnten. Das würde der psychoanalytischen Wissenschaft Zugang zu einem bisher ungehobenen Erfahrungsschatz eröffnen. An ihm könnte dann psychoanalytische Theorie erneut geprüft werden. Aber dazu bedürfte es der Überzeugung aller, daß wissenschaftliche

Theorien immer nur Vorschläge sein können, wie man die Dinge betrachten könnte. Glaubenssätze, Schibboleths, feste Regeln und »Grundpfeiler« sind hier hinderlich. Sandler merkt dazu an:

»Es ist meine feste Überzeugung, daß die Untersuchung der impliziten privaten Theorien klinisch arbeitender Analytiker der psychoanalytischen Forschung einen sehr wichtigen neuen Weg eröffnen. Eine der Schwierigkeiten bei einem solchen Forschungsvorhaben liegt in der bewußten oder unbewußten Überzeugung vieler Analytiker, daß sie nicht ›ordentlich‹

analysieren.« Der Analytiker »wird seine Technik so modifizieren, daß sich die bestmögliche analytische Arbeitssituation entwickeln kann. Dazu muß er sich in angemessener Weise mit seinem Patienten entspannt und informell fühlen und von der ›Standard‹-

Technik manchmal ziemlich abweichen. Mit seinem Vorgehen kann er sich so lange wohl fühlen, wie es privat bleibt und nicht öffentlich wird. [. .] Ich glaube, daß die zahlreichen

Anpassungen, die man in der eigenen psychoanalytischen Arbeit leistet, einschließlich der sogenannten Parameter, die man einführt, oft bewirken oder bezeugen, daß die sich entwickelnde

eigene, private, vorbewußte Theorie des Analytikers besser auf das Material, das der Patient vorbringt, abgestimmt ist als die offiziell anerkannten Theorien, denen der

Analytiker bewußt zustimmt. Oft [ .. . ] weiß der Analytiker ›inoffiziell besser Bescheid‹, und je mehr Zugang wir zu den vorbewußten Theorien erfahrener Analytiker gewinnen,

desto besser können wir den Fortschritt der psychoanalytischen Theorie unterstützen« (Sandler, 1983, S. 584).

Ein anderer dieser Widersprüche ist folgender: die meisten von uns halten an der Bedeutung des ödipalen Konfliktes fest und sehen in seiner Bearbeitung eine zentrale Aufgabe der psychoanalytischen Arbeit. Unser Ausbildungssystem mit seiner autoritär-hierarchischen Struktur und seinen Initiationsriten und Kontrollmechanismen nimmt davon keine Kenntnis. In einem grandiosen Abspaltungsprozeß reproduziert es die ödipale Abhängigkeit und wirkt auf diese Weise der theoretischen Maxime

der Psychoanalyse entgegen.

Hierhin gehört auch der Widerspruch zwischen unserer deklarierten Unterweisungsmethode und der praktizierten Methode. Offiziell bilden wir nach dem mittelalterlichen Zunftprinzip aus, in dem der Meister den Lehrling unterrichtet. De facto aber findet eine Unterweisung durch den Meister nur sehr partiell statt. Der Meister zeigt sich seinem Lehrling nie bei der Arbeit. Die Lehranalyse kann nicht als persönliche Unterweisung

in der Technik gelten. Das ist nur ein bescheidener Nebeneffekt derselben, extrem gestört durch die übertragungsbedingten Wahrnehmungsstörungen des Lernenden. In der Supervision erlebt der Lernende den Meister nur kommentierend. Was er nie erlebt, ist, daß ihm ein Meister zeigt, wie er eine Analyse von Anfang bis Ende durchführt. Die hier und da von den Lehranalytikern vorgestellten oder publizierten sog. Vignetten

bieten keinen Ersatz dafür — auch sind sie meist ad-hoc-Berichte.

De facto lernt also der Analytiker in Ausbildung die extrem schwierige psychoanalytische Technik an seinen beiden supervisionierten eigenen Fällen und an den Fällen seiner Ausbildungskollegen. Wählen wir den Vergleich mit der Schreinerlehre, so heißt das, er sieht nie, wie sein Meister einen Tisch macht. Der Meister erzählt ihm bloß, was er, der Lehrling machen muß, um einen Tisch zu machen. Die Folgen sind eine Idealisierung des Meisters, die schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Ich gehe auf diese sattsam beschriebenen Folgen hier nicht weiter ein. Kritik wäre auch am Lehrstoff der Institute zu üben. Daß dieser unsystematisch vermittelt wird und die Theoriestücke häufig so dargestellt werden, daß der Analytiker in Ausbildung nicht erfährt, daß sie schon lange nicht mehr in dieser Form Gültigkeit haben, sondern revidiert und durch neue Erkenntnisse relativiert, ja, manche sogar bestritten werden, mag entschuldbar sein, weil die Dozenten, meist überlastete Praktiker, die sich in späten Abendstunden dieser Aufgabe widmen, keine Zeit haben, die Theoriekritik auf internationaler Ebene zu rezipieren. Ich will auf dieses Problem nicht weiter eingehen, möchte aber abschließend Sandler dazu zitieren: »Es gibt immer noch psychoanalytische Ausbildungsinstitute, an denen den Ausbildungskandidaten beträchtlich viel Metapsychologie als Selbstzweck statt als ein Aspekt der Ideengeschichte der Psychoanalyse beigebracht wird. Wieviel Zeit wollen wir noch darauf verwenden, unseren Ausbildungskandidaten die Schicksale der Besetzungen und die Akrobatik der Energieumwandlungen zu erklären, als ob diese Dinge direkte Bedeutung für ihre klinische Arbeit hätten?« (1983, S. 582). Eine Frage muß ich jedoch hier noch stellen. Warum gibt es in der IPV keine Ganztagsausbildungsinstitute? In der BRD haben wir für die Lehre, Forschung und Praxis der Psychoanalyse viel erreicht (Lehrstühle, staatliche Forschungsinstitute, Richtlinienpsychotherapie), warum haben wir sie zu einer Zeit, als der Wind uns noch in den Rücken blies, nicht gefordert? Das sei eine Utopie, antwortet man. Utopie sei auch, die Laienanalyse wieder zu fordern. — Aber begann die Psychoanalyse nicht auch als Utopie?

Hierhin gehört auch das Schisma zwischen Ausbildungszielen der Institute und der Realität der Praxis. Ausgebildet wird für ein einziges Verfahren, die klassische Langzeitanalyse. Die Kassenpraxis aber, an der 95 % unserer niedergelassenen Kollegen teilnehmen, verlangt ganz andere Erfahrungen: so in der Kurztherapie, Krisenintervention, psychoanalytischen Psychotherapie und Gruppentherapie. Man könnte argumentieren, daß der, der das klassische Verfahren beherrscht, dadurch auch befähigt sei, mit den anderen arbeiten zu können. Ich würde dieses Argument nur für die Pionierzeit gelten lassen und fordern, daß Ausbildung mit dem korrespondieren muß, was im Beruf gefordert wird. Ich sehe vor allem eine Gefahr darin, daß der neu in die Praxis Eintretende seine Kenntnisse selber erwerben muß. Wie leicht kommt es dabei zu ungenügender Praxis. Viele suchen sich die fehlenden Erfahrungen anderswo. Wären aber nicht wir am besten geeignet, sie ihnen zu vermitteln? Wünschen wir doch, daß der Kollege bei der Anwendung der genannten Verfahren nicht rein pragmatisch vorgehen möge, sondern bemüht sei, sie methodisch und systematisch aus der klassischen Theorie und Praxis abzuleiten und damit zu begründen.

Ein weiterer Widerspruch im Ausbildungssystem ist folgender: Im Kolloquium soll geprüft werden, ob der Analytiker in Ausbildung die Theorie der Psychoanalyse erlernt hat und sie therapeutisch korrekt anwenden kann. Wir gehen dabei von der Vorstellung aus, daß wir noch das von Freud konzipierte »gemeinsame Dach«, d.h. einen Konsensus über das besitzen, was richtige psychoanalytische Theorie und korrekte psychoanalytische Technik sei. Das ist aber seit Jahrzehnten schon nicht mehr der Fall. Alles ist so sehr im Fluß, wird so radikal hinterfragt, daß Anna Freud bereits 1972 anklagend von einem »anarchischen Zustand« sprach. Wie ist in dieser Situation ein Kolloquium möglich? Wer entscheidet hier, wann korrekte Theorie, wann anarchische Abweichung von ihr vorliegt? Das Kolloquium geht so vor, daß es entweder tradierte Kriterien zur Beurteilung benutzt oder neuere Schulrichtungen als offizielle Lehrmeinungen voraussetzt. Der Ausgang der Prüfung hängt jetzt nicht mehr von der Qualität des Vortrages und des Prüflings ab, sondern davon, ob er das Glück hat, eine Majorität vorzufinden, die gerade seine Auffassung teilt und unterstützt. Da sich der Prüfling vor diesem Risiko zu schützen versucht, gestaltet er das Kolloquium nach dem Prinzip des Heimspieles: er lädt so viele Gleichgesinnte dazu ein, daß er der Majorität sicher sein kann. Unabhängig jetzt davon, ob er sich auf Prüfer einläßt, die von ihm die tradierte klassische Theorie und Technik erwarten, oder auf solche, die von ihm eine neuere Theorie und Technik erwarten, z. B. die Kohuts, verzichtet er darauf, seine wirkliche Meinung, seine wirkliche Arbeitsweise vorzustellen. So wird der Eintritt in die psychoanalytische Gemeinschaft bereits zu einem Anpassungs- und Unterwerfungsritual entwertet. Hier liegt einer der Gründe für den fehlenden Forschergeist in unserer Gemeinschaft. Der Analytiker in Ausbildung wird nicht ermutigt, seine wirkliche Arbeitsweise vorzutragen und sie in einer öffentlichen Disputation zu verteidigen.

Eine andere Ungereimtheit, die Verwirrung stiftet und Unredlichkeit offenbart, ist folgende: die Prüfungsbedingungen verlangen, daß der Analytiker in Ausbildung im Kolloquium eine klassische Neurose, die er mit 4 Stunden behandelt hat, vorträgt. Obgleich wir alle wissen, daß diese Forderung sich nicht mehr mit der Realität der Praxis deckt — es gibt eine umfangreiche Literatur, die nachweist, daß wir in unseren Praxen immer seltener klassische Neurosen, dafür um so mehr schwere Charakterneurosen, Borderline-Störungen etc. sehen —, wird sie beibehalten. Der Analytiker in Ausbildung muß jetzt entweder warten, bis er einen entsprechenden Fall gefunden hat, oder — wenn ihm dies nicht in der gegebenen Zeit gelingt — etwas Verbotenes tun. Da die Wahrheit sein Kolloquium gefährden könnte, ist er gezwungen, Variationen und Modifikationen, die der Fall erfordert hatte, zu verschweigen. — Ideale, die man nicht halten kann, gefährden die Wahrheit.

In diesen Teil meines Textes gehört die Feststellung, daß wir in unserer psychoanalytischen Institution mit Illusionen leben, die unsere kritischen Funktionen schwächen. Eine davon wiegt uns in dem Glauben, wir seien noch eine wirkliche Gemeinschaft, ja sogar eine große Familie. In Wirklichkeit zerfallen wir in unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Identifikationen. So in Praktiker, Analytiker, die ausbilden und Analytiker, die forschen. So in Analytiker mit betont sozialkritischen Zielvorstellungen und solchen, die darin einen Mißbrauch der Psychoanalyse sehen, so in eine Gruppe, die in der Teilnahme an der psychotherapeutischen Kassenpraxis entfremdende Einflüsse sieht, die schließlich die reine Psychoanalyse als Theorie der Technik verfälschen würden, und in eine entgegengesetzte, die die Teilnahme der Psychoanalytiker an der psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung positiv beurteilt. Mit diesem Problem eng verbunden ist die Tatsache, daß der Analytiker in Ausbildung die psychoanalytische Theorie nicht im neutralen Feld erlernt. Was er erlernt, was er internalisiert, ist stets eng mit seiner Beziehung zur Theorie verbunden — und das heißt, mit emotionalen Beziehungen zu den Lehrenden, also mit Übertragung und positiven wie negativen Identifikationen. Wir denken nicht genug darüber nach, wie wir dieses unserer Ausbildung immanente Problem lösen können. Würden wir das tun, würden wir, so glaube ich, auf einen anderen Widerspruch stoßen, den zwischen dem Ziel der Lehranalyse und unserem Ausbildungssystem: dort streben wir die Auflösung der ödipalen wie präödipalen Kind-Eltern-Beziehung an, hier halten wir den Analytiker in Ausbildung mit Initiationsriten und Kontrollmechanismen darin fest. Den Beweis für diese These erbringen die Abfalls- und Abspaltungsbewegungen wie die lebenslangen liebevollen und/oder feindseligen Bindungen von Lehranalysanden an ihre Lehrer, die nichts anderes sind als der Ausdruck unaufgelöster ödipaler/präödipaler Übertragungen.

Ein großes und folgenschweres Problem, das wir lösen müßten, ist unser Beurteilungssystem des Kollegen in Ausbildung. Allzu schnell beurteilen wir Schwierigkeiten im Studiengang psychoanalytisch, führen sie auf ungelöste innerpsychische Probleme zurück. Die Reaktion des örtlichen Ausbildungsausschusses ist dann häufig »zurück auf die Couch«. Die Analyse gerät dabei in die Nähe eines Erziehungsmittels. Der Lehranalytiker des betreffenden Analysanden fühlt sich — berechtigt oder nicht berechtigt — durch einen solchen Beschluß desavouiert. Aus dieser unglücklichen Vermischung von Lehranalyse und Ausbildung kommen wir nie heraus, solange wir die Gleichzeitigkeit beider beibehalten.

Was ich bis jetzt ausgeführt habe, ist eigentlich ein Sammelreferat, unkonventionell in der Form, um Zeilen zu sparen. Es faßt die Kritiken all derer zusammen, die seit Freuds Tod den Zustand der institutionalisierten Psychoanalyse beklagen. Als ich das Material zusammenstellte, erfaßte mich eine bittere Resignation angesichts der Tatache, daß die beklagten Zustände im wesentlichen unverändert fortbestehen. Die Reform an Haupt und Gliedern ist ausgeblieben. Balints Forderung nach dem »semper reformari debet« verkommt in Pseudoreformen, mit denen die Verwalter der Psychoanalyse den status quo erhalten. Hinter bürokratischen Aktivitäten verbergen sich Konservatismus und Dogmatisierung, die eine progrediente Verkrustung und Erstarrung fördern (vgl. Richter, 1986). Ich wähle das Lehranalytikerpapier der Altenberger Kommission zur Demonstration des Gesagten. In der Fußnote auf Seite 3 heißt es, daß Lehranalytiker, die »Anzeichen bedeutsamer Abweichungen von der psychoanalytischen Theorie und Praxis« zeigen, dies selber melden müssen oder von anderer Seite gemeldet werden sollen, damit sie von ihrer Tätigkeit entbunden werden. Es ist bemerkenswert, daß dieser Passus für die gesamte IPV verbindlich sein soll. Das heißt, daß die Elite der Analytiker eliminiert wird, wenn sie das tut, was ihre Aufgabe ist, wissenschaftlich mit der Psychoanalyse umzugehen und weiterführende Forschung zu betreiben. Wie aber ist Forschung möglich, wenn keine Abweichungen erlaubt sind?

III

Zum Schluß möchte ich einige Überlegungen darüber anstellen, was wir zur Lösung der Probleme tun können. Ich bin mir bewußt, daß es nur Anregungen sein können. Um wirklich voranzukommen, bedarf es der Anstrengungen aller.

Unerläßlich scheint mir, zukünftig die psychoanalytische Theorie auf die institutionalisierte Psychoanalyse anzuwenden. Nur so kann das gesellschaftliche Unbewußte, das wir unserer Vereinigung gegenüber haben, aufgehellt werden. Dafür drei Beispiele:

  1. Beispiel: Niemand hat bis jetzt bemerkt, daß wir eine naive phallische Herrschaftsstruktur mit eindeutiger Dominanz der Männer über die Frauen haben. Die Spitzen der nationalen wie internationalen Institution sind überwiegend mit Männern besetzt. Nur einmal in der Geschichte der Psychoanalyse war eine Frau — Phyllis Greenacre, 1965, und das nur für kurze Zeit — Präsidentin der IPV; in den 39 nationalen und lokalen psychoanalytischen Fachverbänden, die im Roster aufgeführt sind, werden nur 5 von Frauen geführt; 1986 wird keines der DPV-Lehr- und

Ausbildungsinstitute von einer Frau geleitet. Während das Mann-Frau-Verhältnis bei den zur Ausbildung Zugelassenen bei etwa 50 zu 50 liegt, verschiebt es sich in der Klasse der ordentlichen Mitglieder bereits stark zugunsten der Männer, um in der Klasse der Lehranalytiker ein drastisches Übergewicht der Männer zu demonstrieren. Wie unbewußt dieser Vorgang ist, sehen wir daran, daß selbst unsere weiblichen Mitglieder diese stille Unterdrückung nicht beklagt haben. Wir haben also in der

psychoanalytischen Vereinigung weniger gesellschaftliches Bewußtsein, als es in der allgemeinen Gesellschaft heute bereits besteht.6[vii] An diesem Phänomen wird deutlich, daß der emanzipatorisch-aufklärerische Geist, den Freud diesem Jahrhundert vermittelt hat, in der institutionalisierten Psychoanalyse nicht mehr weht. Was für die Frauen in unserer Gemeinschaft gilt, gilt auch für die Analytiker in Ausbildung, die wir weiterhin wie Novizen behandeln. In den Entscheidungsgremien steht der Kandidatenvertretereiner Majorität gegenüber, gegen deren Beschlüsse er sich auf Grund der Satzung nie durchsetzen kann. Hier ein Beispiel für die Einstellung der institutionalisierten Psychoanalyse zu den Kandidaten:

Die 9. Arbeitstagung der Mitteleuropäischen Psychoanalytischen

Vereinigung deutscher Sprache, die für den 7. bis 12. April 1974 angesetzt war, fand nicht statt, weil unter anderem — und das war für viele Analytiker das entscheidende Argument — die einladende und die Tagung ausrichtende Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse (SGP) in ein Panel neben vier Mitgliedern der IPV auch zwei Analytiker in Ausbildung (so die Bezeichnung der einladenden Schweizer) aufgenommen hatte. (Die DPV machte den Präsidenten darauf aufmerksam, daß man diese Personen in der DPV »Ausbildungskandidaten« nenne.) Die Einwände gegen das Stattfinden der Tagung waren: 1. Es sei allgemeiner Brauch der IPV, auf ihren Kongressen nur Mitglieder als Vortragende und Panelteilnehmer zuzulassen; 2. die Ablehnung habe mit der Frage zu tun, wie weit Ausbildungskandidaten mit der Psychoanalyse im Sinne der IPV identifiziert seien. »Da wir diese Tagung vor allem für >Psychoanalytiker in spe< abhalten, lege ich größten Wert darauf, daß ausschließlich Mitglieder der IPV auftreten« (Brief von Loch an Meerwein, Präsident der SGP). Meerwein stellte dagegen fest, daß er weder in der Tradition noch in den Statuten der IPV irgendeinen Passus gefunden habe, der rechtfertigen könne, ein solches Vorhaben als eine »äußerst ernste Angelegenheit« zu betrachten. Er würde es im Gegenteil als eine »ernste Angelegenheit« betrachten, wenn der Wissenschaftsbetrieb in dieser Weise beeinträchtigt würde. Es schiene ihm im übrigen widersinnig, Leute, für die die Tagung organisiert sei, daran zu hindern, an der Tagung zu sprechen. Dies vor allem, wenn sie etwas zu sagen hätten, was für beide Analytiker in Ausbildung zuträfe (Interlakener Lehrstück, 1975, unveröffentlicht).

  1. Beispiel: Was wir lange nicht bemerkt haben, ist, daß wir in der General- und Mitgliederversammlung gar nicht frei wählen können, daß wir nur ein Schein-Souverän sind. Wir können nämlich die Personen für die wichtigste Schlüsselposition, den zentralen Ausbildungsausschuß, nur aus einer Gruppe von Personen wählen, die uns vorgeschrieben sind, Personen, auf deren Nominierung wir keinen Einfluß haben. Ich meine die Lehranalytiker, die in den örtlichen Instituten exklusiv nur von Lehranalytikern gewählt werden dürfen. Übertragen in das politische Leben der Bundesrepublik hieße das, daß der Bürger seine Vertreter nur aus einer Gruppe wählen könne, die ihm ex officio vorgeschrieben sind. Der Vergleich macht deutlich, welche politische Struktur wir in der DPV de facto haben und wie wenig wir uns dessen bewußt sind.
  2. Beispiel: Als letztes Beispiel führe ich unsere Beziehung zur Psychoanalyse als Wissenschaft an. Stillschweigend tun wir so, als ob wir über die »von Freud begründete Wissenschaft der Psychoanalyse« noch einen Konsensus hätten. Und im Sinne dieses illusionären Konsensus haben wir die Ausbildung organisiert. De facto verwalten wir in vielen Instituten etwas als Freudsche Psychoanalyse, was als solche nicht mehr definiert werden kann. In der internationalen wissenschaftlichen Theoriediskussion ist alles im Fluß. Schon 1976 äußern sich Thomä und Mitarbeiter zum Konsensusproblem wie folgt: Es bestehe eine grundlegende Übereinstimmung unter den Psychoanalytikern über die methodischen und theoretischen Paradigmata Freuds, die sich bei näherem Hinsehen

 

als Illusion, als schöne Täuschung, erweise. Das genaue Hinsehen zeige, daß man nicht dasselbe meine. In Diskussionen auf der praktisch-klinischen Ebene höre man immer wieder: »Ja, aber könnte es nicht auch so oder anders sein . . . «. Die Autoren bedauern die fehlende Konsensus-Diskussion und zitieren Wallerstein und Sampson, die das Konsensusproblem

für die »wahrscheinlich schwierigste Kernfrage halten, um die

in der klinischen Forschung unter dem Gesichtspunkt der Begriffsbildung wie unter dem der Behandlungstechnik gerungen wird, und die in der empirisch wie in der theoretisch ausgerichteten Literatur zur klinischen Forschung unterrepräsentiert ist« (1971, S. 33). Für die Autoren ist die Voraussetzung wissenschaftlicher Objektivität die konsensuelle Validierung von Begriffen: eine wissenschaftliche Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, daß sie um die intersubjektive Verständigung bis zur bestmöglichen Konsensusbildung in der Experimentier- und Interpretationsgemeinschaft der Wissenschaft kämpft (vgl. Thomä et al., 1976, S. 980 ff.).

Ich sage nichts gegen bewahrende, konservative Kräfte. Ich beklage die fehlende Rezeption des wissenschaftlichen Fortschrittes und die dadurch verunmöglichte Dialektik zwischen Bewahren und Verändern. Anstelle dieser Dialektik sehe ich doktrinäre Erstarrung auf der einen und anarchischen

Leichtsinn auf der anderen Seite. Hier hält man fest, was lange

schon falsifiziert ist, dort wirft man weg, was noch lange nicht falsifiziert ist.

Auf Grund dieser und mancher anderen Faktoren ist unser Verhältnis zur psychoanalytischen Wissenschaft so tief gestört, daß wir die Störung nicht einmal bemerken. Das kann ich an der Reaktion unserer Mitglieder auf das Lehranalytikerpapier demonstrieren. Wenn es darin heißt, daß die Lehranalytiker, definitionsgemäß jene Personen mit der höchsten

Qualifikation als Lehrer, Therapeut und Forscher, ihres Amtes enthoben werden können, wenn bei ihnen »bedeutsame Abweichungen von der psychoanalytischen Theorie und Praxis« festgestellt werden, so hätte dieser Passus eine heftige Opposition auslösen müssen. Das Papier hat intensive Reaktionen ausgelöst — aber dieser Punkt ist von vielen Kritikern nicht einmal bemerkt worden. Daß hier der Wissenschaft der Garaus gemacht wird, ist unbestreitbar.

Wo es Abweichungen gibt, gibt es Personen, die die richtige Lehre kennen, gibt es Schriften, in denen sie festgelegt ist. Hier werden der Forschung Grenzen gesetzt, die sie als freie Wissenschaft aufheben. Dieser

assus besagt, daß Forschung nur bis an den Punkt erlaubt ist, wo Abweichungen auftreten. Ganz und gar verstößt der Passus auch insofern gegen den Status einer freien Wissenschaft, weil da, wo von Abweichungen gesprochen wird, eine Lehre vorausgesetzt wird, deren Grenzen derart definiert sind, daß man weiß, wo die Häresie beginnt. — Das ist Glaubenslehre und hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun.

Was hier auffallen muß, ist der Zeitpunkt, an dem dieser Passus formuliert wird, weil er den Anachronismus, das Unzeitgemäße, freilegt. Es ist nämlich der Moment, wo die psychoanalytische Wissenschaft in der stärksten Entwicklung auf dem Wege zu einer »Normalwissenschaft« ist. Sie revidiert und überprüft, was Freud die »Grundpfeiler« seiner Lehre nannte, hebt Widersprüche auf, präzisiert unscharfe Begriffe, schreckt auch nicht davor zurück »spekulativen Überbau« (Freud, 1925 d, S. 58) abzutragen, sich von empirisch nicht haltbaren Hypothesen zu trennen und auf Grund neuer klinischer Befunde sogar geheiligte Paradigmata zu opfern. Im Gefolge dieses Prozesses haben Begriffe wie das Unbewußte, das psychogenetische Prinzip der Entwicklung, die sexuelle Anlage, die Libidotheorie, der Ödipuskomplex ihre allgemeine Verbindlichkeit verloren. Wir sind also nicht einmal mehr eine naive Konsensusgemeinschaft! Keine Formulierung macht den Abstand der Theorieentwicklung zu Freuds Definition der Theorie jedoch so deutlich wie das Schlußkommunique des Londoner Panels von 1975, mit dem Titel: »Die sich verändernden Erwartungen von Patienten und Analytikern heute«. Da heißt es — von niemandem widersprochen —: Der Analytiker wolle nichts mehr wollen — nicht mehr Konflikte lösen, Unbewußtes aufschlüsseln, verborgene Affekte wiederfinden, Widerstände bekämpfen, psychosexuelle und Ich-Entwicklungen bis zu dem Punkte führen, den Freud in dem Satz faßte: »Wo Es war, soll Ich werden.« Der Analytiker sei nurmehr der, der dem Patienten die Möglichkeit gäbe: »To get along together« (Panel, 1976). Wollen wir diese ganze Entwicklung leugnen, uns zum defensor fidei machen und mit Anna Freud von »Anarchie« sprechen? Wenn wir das tun, werden wir folgerichtig die Verfolgermentalität fortsetzen, die seit dem Nürnberger Kongreß 1910 die Psychoanalytische Bewegung kennzeichnet (vgl. Cremerius, 1986). Wollen wir das wirklich, wollen wir Denunziation und Inquisition die Türen öffnen? ( Diese Türen sind bereits seit langer Zeit offen, und Denunziation und Inquisition durch psychoanalytische und psychotherapeutische machtakkumuliernde Rackets[viii] (Communities, Vereine, Verbände, Institutionen, Psychotherapeutenkammern, etc.) ohne jeglichen Widerstand, ohne jegliche Reflektion im zunehmende neuen Totalitarismus, im wachsendem Neo- Faschismus von Links, in vollem Gange. Anm.JSB)

Es scheint so, daß wir mit der psychoanalytischen Institution so umgehen wie jene Analytiker mit der Psychoanalyse, von denen Freud sagte, daß sie lernen, »Abwehrmechanismen anzuwenden, die ihnen gestatten, Folgerungen und Forderungen der Analyse von der eigenen Person abzulenken, wahrscheinlich indem sie sie gegen andere richten, so daß sie selbst bleiben, wie sie sind [. ..j« (1937 c, S. 95).

 

Meine Lösungsvorschläge zielen auf zwei Punkte. Erstens darauf, die psychoanalytische Ausbildung konsequent psychoanalytisch zu organisieren, und zweitens darauf, die Psychoanalyse als Wissenschaft zu fördern. Ich beginne mit dem ersten Punkt. Ich würde meinen, daß unser »geschlossenes Ausbildungssystem« die Ursache der meisten der beklagten Mißstände ist. Das »offene System«, wie es in der Kanadischen, Französischen und Schweizer Psychoanalytischen Gesellschaft praktiziert wird, hat demgegenüber den großen Vorteil, daß es sich in hohem Maße mit unseren psychoanalytischen Prinzipien deckt. Zunächst eine Definition des offenen Systems: Hier ist es Sache des Kandidaten, sich psychoanalytische Erfahrungen und Geschicklichkeiten durch eine persönliche Analyse, durch Supervisionen und durch die Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren zu erwerben. Es liegt in seiner Verantwortung zu beweisen, daß er ein Analytiker geworden ist. Diesen Beweis erbringt er in einer Falldarstellung vor einem Gremium, vor dem er seine Thesen vertreten muß. Die Institution übernimmt keine Verantwortung für seine Ausbildung (A. Sandler, 1982). Die größere Übereinstimmung mit dem Geist der Psychoanalyse sehe ich in folgendem:

  1. Im Wegfall eines Zulassungsverfahrens, das sich nicht mit der Achtung vor dem Menschen verträgt, einem unserer hohen Ideale. Es verträgt sich ferner nicht mit einem anderen hohen Ideal, nämlich dem, daß die Psychoanalyse auf Wahrheit beruhe (»Und endlich ist nicht zu vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheitsliebe, d. h. auf die Anerkennung der Realität gegründet ist und jeden Schein und Trug ausschließt« [Freud, 1937 c, S. 94]). Mit Suche nach Wahrheit hat unser Zulassungsverfahren wirklich wenig zu tun. Der Wegfall des Initiationsrituals vermittelt dem Bewerber, daß es seine Entscheidung ist, die er fällt, die Entscheidung zur Sache der Psychoanalyse. Im geschlossenen System ist die Entscheidung oft nur noch die Entscheidung dazu, eine Art Facharztausbildung zu beginnen. Im offenen System heißt die Implizitdeklaration : Du bist ein erwachsener Mensch, und als solchen behandeln wir dich. Man beginnt also nicht mit der Wiederholung der Ödipussituation, sondern bietet einen Raum jenseits derselben an. Ein Nebeneffekt wäre, daß vermehrt Persönlichkeiten zu uns kämen, die aktiv, initiativereich und wagemutig wären, — auch respektloser, wie Balint (1947) sich unsere Kollegen in Ausbildung gewünscht hatte.
  2. Dem Geiste der Psychoanalyse entspricht natürlich die persönliche Analyse weit mehr als die Lehranalyse als Teil der institutionalisierten Ausbildung. In ihr kann die Frage der Berufswahl weit realitätsgerechter diskutiert werden, als in der Lehranalyse, die ja bereits Teil der offiziellen Ausbildung ist. Der Abbruch dort bedeutet, versagt zu haben, abgelehnt worden zu sein, bedeutet auch den Verlust von Investitionen an Zeit und Geld für ein angestrebtes Berufsziel. Hier bedeutet der Verzicht auf die Berufswahl Einsichtsgewinn in eigene Grenzen.
  3. Die persönliche Analyse ist ohne Zweifel der beste Zugang zum Beruf des Analytikers.
  4. Das Erlernen der Psychoanalyse findet weitgehend außerhalb der persönlichen Analyse statt. Dadurch nimmt die Bedeutung der Vorlesungen und Übungen zu.
  5. Da das offene System den Studiengang nicht systematisiert, kann der Student seinen Weg selbständig machen. Das Prinzip der Eigenverantwortung und Eigeninitiative, das am Anfang steht, wird weiterhin gefördert. — Es hat ferner den Vorteil, daß er den Bewerberansturm, über den die DPV klagt, eindämmt.

Überall in der IPV wird über die mittelmäßigen, an Wissenschaft uninteressierten, nur auf die Praxisausübung hin orientierten Kandidaten geklagt. Niemand zieht daraus den Schluß, daß das am Selektionsverfahren liegen könnte. Hier, im offenen System, selektiert sich gerade der Gegentyp : passiv-anlehnende Typen haben hier nur eine kleine Chance. — Die Studenten des offenen Systems nehmen stärkeren Einfluß auf das Curriculum, auf den Lehrstoff und die Organisation der Institution. Sie sind natürlich auch schwieriger. Sie verlangen nach Mitspracherecht, nach offengelegten Kriterien der Beurteilung und nach einer Instanz zu ihrem Schutze, einer Beschwerde- und Schiedsrichtsinstanz.

Abschließend läßt sich sagen, daß das offene System mehr einer aufgelösten Ödipussituation entspricht.

Das offene System vermeidet ferner das Zweiklassensystem von Lehranalytikern und Nichtlehranalytikern, indem es keinen Lehranalytikerstatus, sondern nur die Funktion des Lehranalytikers kennt. Damit entfallen Rivalität, Mißgunst und Feindseligkeiten, die im geschlossenen System folgerichtig entstehen müssen, wie überall, wo Eliten nicht durch Kompetenz, sondern durch bürokratische Verwaltungsakte, durch Politik, zustande kommen.

Ich komme jetzt zum zweiten Lösungsvorschlag. Ich meine, wenn wir versuchen würden, aus dem Berufsschul- und Facharztausbildungssystem auszusteigen und uns mehr wie Universitäten zu organisieren —nicht wie sie sind, sondern wie sie gedacht sind —, dann müßte sich das Klima in der Institution verändern. Um dahin zu kommen, müßten wir zwei Vorleistungen erbringen. Die erste wäre die Einsicht in die Tatsache, daß die Psychoanalyse niemandem gehört — auch nicht der IPV.

Als Wissenschaft vom Menschen darf sie nicht monopolisiert werden. Wie jede andere epochale, revolutionäre Entdeckung gehört sie allen Menschen und muß soviel Zutrauen zum Wert ihrer Erkenntnisse haben, daß sie angstfrei in den Diskurs mit anderen Wissenschaften eintritt.7[ix] Die zweite Vorleistung wäre ein Bekenntnis zum wissenschaftlichen Umgang mit der Psychoanalyse. Wenn wir in unserer Satzung von der »Pflege und Weiterentwicklung der von Freud begründeten Wissenschaft

der Psychoanalyse« sprechen, so müßten wir deutlich machen,

daß damit keine dogmatische Festlegung gemeint ist. Wir müßten erklären, daß wir als Institution einen Raum schaffen wollen, in dem Psychoanalyse in ihrer Konflikthaftigkeit und Widersprüchlichkeit vermittelt und erfahren werden kann, daß die Institution nicht dazu da ist, die Psychoanalyse zu verwalten, sondern dazu, den nie abschließbaren Prozeß zu fördern, der Wissen stets aufs Neue erzeugt (vgl. die Absichtserklärung

des Psychoanalytischen Seminars Zürich vom 12. 2. 1982). D. h.,

wir müßten nicht, wie es das Lehranalytiker-Papier tut, Abweichungen mit Strafe bedrohen, sondern im Gegenteil erklären, daß wir Forschung ohne Angst vor Veränderung begrüßen.

Ich muß mich entschließen, dem unendlichen Thema die reale Endlichkeit eines Zeitschriftenbeitrages entgegenzustellen. Was wünsche ich uns, was brauchen wir in dieser Situation, wo alles in Fluß geraten ist und radikale Veränderungen sogar die Essentials betreffen? Ich wünsche uns die Besonnenheit jenes Satzes von Paul Valéry: »Was nicht festgehalten wird, ist nichts, was festgehalten wird, ist tot.«

 

Für eine psychoanalyse-gerechte Ausbildung! 1095

Summary

»I/ we psychoanalysts wish to organize psychoanalytic training, we must organize it psychoanalytically!« — If psychoanalytic training is to be reorganized psychoanalytically, then individual responsibility of teachers and learners must take the place of regimentation and freedom of research and doctrine must replace the guild mentality.

BIBLIOGRAPHIE

Balint, M. (1947): Über das psychoanalytische Ausbildungssystem (1947). In: Die Urformen der Liebe und die Technik der Psychoanalyse. Bern, Stuttgart (Huber/Klett), 1966, 307-333.

Beland, H. (1981): Was ist und wozu entsteht psychoanalytische Identität? (Unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrages auf der DPV-Tagung im Mai 1981).

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Bernfeld, S. (1962): Über die psychoanalytische Ausbildung (1952). Psyche, 38/1984, 437-459.

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— (1966): The ideal psychoanalytic institute: a utopia. Bull. Menn. Clin., 35, (1971), 225-239.

— (1972): Schwierigkeiten der Psychoanalyse in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt (Fischer).

 

[1] Deutsche Neo-Faschisten von Links

[2] German democracy has been hacked.

[3] Psychokratie – eine neue Nomenklatura in Deutschland

[4] Antisemitismus in deutscher Psychoanalyse / Anti-Semitism in German psychoanalysis (german-english)

[5] Restitution einer ‘Kritischen Theorie’ – Zur Psychoanalyse – von Helmut Dahmer

[i] * Überarbeitete Fassung eines Vortrages auf der Arbeitstagung der DPV in Essen am

  1. Mai 1987, deren Thema »Psychoanalytischer Prozeß und Institution« war.

Ich hielt diesen Vortrag als Zeugnis meiner Verbundenheit mit Klaus Kennel, dem imaginierten Gesprächspartner in der Einsamkeit des Schreibtisches. Klaus Kennel war im Bernfeldkreis der kühne Vordenker einer zukünftigen psychoanalytischen Institution. — Ich

schreibe, ihn zu ehren.

Bei der Redaktion eingegangen am 8. 7. 1987.

Psyche – Z Psychoanal 41 (12), 1987 S. 1067- 1096 http://www.psyche.de © Klett-Cotta Verlag

 

[ii] 1 Daß dabei die Interessen der Ausbildung und der Psychoanalytischen Vereinigung Vorrang vor der persönlichen Analyse des Kandidaten haben sollen, geht aus einem Brief

  1. Freuds an Paul Federn vom 11. 10. 1924 hervor: falls der Lehranalytiker in der Analyse

erfährt, daß der Kandidat einen »unheilbaren Fehler« hat, »welcher gerade seine Aufnahme in die Vereinigung unratsam erscheinen läßt, dann hat die Pflicht der Diskretion (dem Kandidaten gegenüber) gegen die Verpflichtung, die Sache (d. i. die Vereinigung) nicht zu schädigen, zurückzutreten« (E. Federn, 1972, S. 29).

[iii] 2 Wo es mir zur Verdeutlichung der Argumentation angeraten schien, habe ich einzelne

Formulierungen aus meiner Arbeit »Spurensicherung. Die ›Psychoanalytische Bewegung‹

und das Elend der psychoanalytischen Institution« (Cremerius, 1986) übernommen.

 

[iv] 3 Auch Anna Freud betrachtet diese »normalen Bewerber« mit Skepsis und weist darauf

hin, wie bedeutsam gerade die schwierigen, unkonventionellen Analytiker der frühen Zeit

— »Sonderlinge, Träumer, Sensitive, die das neurotische Elend an der eigenen Person erfahren hatten« — (keiner von ihnen, stellt sie fest, würde heute zur Ausbildung zugelassen werden) für die Psychoanalyse waren: »Was sie in der Literatur hinterlassen haben, zeugt von ihrer Eignung zur psychoanalytischen Arbeit« (1972, S. 21).

 

[v] 4 Dies gilt insbesondere für das von manchen praktizierte Streßinterview, bei dem der Interviewer versucht, durch Erschütterung der Ich-Funktionen den Bewerber zur Preisgabe

seiner Abwehr zu zwingen.

 

[vi] 5 Da das Zulassungsverfahren derart problematisch und uneffektiv ist, sollten wir es durch ein einmaliges Erstgespräch ersetzen, in dem ein erfahrener Psychoanalytiker prüft, ob entweder der Bewerber an einer manifesten schweren seelischen Störung (Psychose) leidet oder ob seine Motivation nicht stimmig ist. Im einen Falle würde so die Vereinigung vor ungeeigneten Personen, im anderen Falle der Bewerber vor einer falschen Berufswahl geschützt.

 

[vii] 6 Karl Marx: »Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich am gesellschaftlichen Fortschritt des schönen Geschlechts messen«.

 

 

[viii] 8 Der Begriff entstammt einem theoretischen Kontext, dessen Grundlage die in den 1940er Jahren in der US-amerikanischen Emigration vorgelegten Theorieentwürfe von Friedrich Pollock und Max Horkheimer bildeten. Anknüpfend an Pollocks – bereits in der damaligen Emigrantengruppe des Instituts für Sozialforschung – umstrittene Diagnose des Faschismus als eines autoritären Staatskapitalismus mit dem Merkmal der Kommando-Wirtschaft, in der sich „die Wirtschaftsmagnaten mit den mächtigsten Militärs sowie den Kadern aus Politik und Bürokratie zu einer Clique verbündet, die den Rest der Gesellschaft in Schach hält“,[4] formulierte Horkheimer seine „Soziologie des Rackets“.[5] Racket, ein Begriff aus der organisierten Kriminalität, verstand Horkheimer, Christoph Türcke und Gerhard Bolte zufolge, als „verschworene Clique, welche alle ausschließt, die sich nicht bedingungslos ihrem Willen unterwerfen“ und „der strengen Hierarchie von Führer und Gefolgschaft“ gehorchen.[6] Rackets werden auch als Machtgruppen und Monopole in einer anarchischen Konkurrenz um die Macht verstanden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Verwaltete_Welt

 

Adorno übernahm davon die These, dass die ökonomischen Bewegungsgesetze der „liberalen Episode“ angehörten und durch die Rackets außer Kraft gesetzt wurden. Schließlich zog er daraus die Schlussfolgerung einer Verselbständigung der Verwaltung – „Primat der Administration“, heißt es in der Ästhetischen Theorie[7] – gegenüber Gesellschaft und Ökonomie.

[ix] 7 »Wir müssen uns ständig der Tatsache bewußt sein, daß Freuds Werk ein Geschenk an die Menschheit war. Niemand besitzt es. Niemand wurde das Recht gegeben, es zu schützen, niemand ist dazu in der Lage und niemand ist zu seinem Nachfolger oder zu seinem Erben ernannt worden. Was Freuds Werk betrifft, ist jeder Gesichtspunkt, der auch nur vage an eine apostolische Gesinnung erinnert, der eine messianische Annäherung betont, inadäquat. Diese Haltung, Teil einer sakrosankten Gruppe zu sein oder ihr anzugehören, gehört nicht der Vergangenheit an. Sie existiert heute noch. Wir müssen wachsam sein, diese Aspekte, die oft in religiösen Sekten vorherrschen, nicht zu verstärken oder zu bewahren« (van der Leeuw, 1968; Übersetzung von mir, J. C.)

 

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Siehe auch: Worauf es ankommt

Wie die postnazistische Psychokratie in Deutschland Freudsche Psychoanalyse gekapert und entmannt hat.

Gekaperte Psychoanalyse – Teil I

 

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Verrottete Psychoanalyse. Psychoanalyse in Deutschland als Kunst und als Beutekunst.

Wie die postnazistische Psychokratie in Deutschland Freudsche Psychoanalyse gekapert und entmannt hat.

 

Psychoanalyse ist eine Kunst, zu erkennen und zu erklären, was Menschen wissen aber nicht wissen wollen. Dieses Erklären, dieses Klären nennt man Deutung. Dieses Nicht Wissen Wollen nennt man Verdrängung. Das Verdrängte nennt man das Unbewußte. Das Unbewußte zu erkennen und zu deuten ist die Aufgabe der Psychoanalyse. Der Vorgang geschieht als Wiederholen, Erinnern und Durcharbeiten. Das alle klingt sehr einfach, ist aber sehr kompliziert. Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freund begründet und entwickelt, sie wird Freudsche Psychoanalyse genannt. Sie vertritt die Vernunft und das unbedingte Wissen wollen.

Dieses Wissen wollen leitete mich in letzten Jahrzehnten mit Psychoanalytikern und Psychoanalytikern ins Gespräch zu kommen, über Psychoanalyse und Psychotherapie zu diskutieren und stellte zu meinem Erstaunen fest, daß diejenigen die angeblich Psychoanalyse vertreten wollen, alles tun um jegliche Diskussion, jegliche Erkenntnis zu verhindern. Ich fand niemanden, der daran interessiert wäre, über Psychoanalyse zu diskutieren. Es wird seit langem in der Psychoanalyse und Psychotherapie nur darüber breit gesprochen, was sowieso alle wissen und meinen zu wissen, daß an allem die Eltern schuld seien, oder der Kapitalismus oder Israel, usw. Es sind Platitüden und gesellschaftlich verbreitete Banalitäten, die in der Psychoanalyse und Psychotherapie breitgetreten werden. Es ist nicht nur so, daß Erkenntnisse nicht gefördert werden, sie werden verhindert, Menschen die Kontroverses zur herrschenden Meinung äußern, werden medial erledigt, diffamiert und aus psychoanalytischen und psychotherapeutischen Gruppierungen (Communities) ausgeschlossen.

Ich bin diesem Prozeß der Verdummung der Psychoanalyse und der Psychotherapie in Deutschland nachgegangen und fand Erstaunliches, wie immer wenn man Unbewußtes entdeckt.

Im ersten Teil meiner Arbeit über die Gekaperte Psychoanalyse zeige ich, wie die Psychoanalyse von der Deutschen Volksgemeinschaft zwischen 1933 und 1945 die jüdischen Psychoanalytiker physisch und psychisch ausgemerzt und wie die deutschen Psychoanalytiker und Psychotherapeuten die Psychoanalytische Kunst als Raubkunstin  mumifizierten Rest als Totem und Tabu verwandelt, d.h. vernichtet haben. Das was sich seither Psychoanalyse nennt, war, ist und wird keine sein, wenn Psychoanalytiker nicht die Freudsche Psychoanalyse wiederentdecken, annehmen und weiterführen. Seit der Vernichtung von Freud, von Freudschen Psychoanalytikern, von Judentum in Deutschland, ist das was sich hier Psychoanalyse nennt, keine psychoanalytische Kunst sondern Kitsch als Sozialporno.

Julian S. Bielicki

 

Siehe auch:

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Marx-Freud-Jesxus

Restitution
(Zurückgabe des Geraubten. Anm. JSB) einer kritischen Theorie, nämlich der Psychoanalyse.
Helmut Dahmer

Sehr geehrte Damen und Herren, Freundinnen und Freunde der kritischen Theorie,
ich bedanke mich für die Einladung, heute zu Ihnen sprechen zu können im Rahmen von einer von Berliner Studierenden organisierten Veranstaltung.
Dass Sie so zahlreich jetzt schon den zweiten Tag hier hergekommen sind, zeigt, dass es sich hier nicht nur um ein, was auch schon was wäre, universitäres Event handelt, sondern ich sehe darin eine politische Manifestation. Mein Thema ist heute das, was Max Horkheimer vor 80 Jahren als eine Hilfswissenschaft der Geschichte, also der Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung bezeichnet hat. Er hat später freilich darin sehr viel mehr gesehen, sich aber, was vielleicht eben nicht so deutlich ist, Jahrzehnte lang immer wieder mit den Freud‘schen Schriften und Theoremen beschäftigt.

Die Freud’sche Psychoanalyse, um das vorweg zu nehmen, ist, was wenig bekannt ist und oft auch geleugnet wird, eine Schwester der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie. Beider Genealogien weisen zurück auf die von Schelling und Ludwig Feuerbach vorgetragene Kritik der Hegel’schen idealistischen Philosophie und beide sind Kritiken jener Institutionen, die unser Leben einschränken, statt es zu fördern. Seien dies Institutionen der persönlichen Lebens- und Seelengeschichte oder seien es Institutionen unserer Sozialgeschichte. Ich denke, wir brauchen die Marx’sche und die Freud’sche Kritik, um die Sphinxrätsel unserer Gegenwart, vor allem das Scheitern der Revolutionen, also das was Marcuse den psychischen Thermidor nannte, den fanatischen Nationalismus, den zur Xenophobie verallgemeinerten Antisemitismus, um diese Rätsel zu lösen und die Sphinx, die Menschenfresserin, die Ödipusmythos in den Abgrund zu stürzen. Ich habe als Titel gewählt: Restitution einer kritischen Theorie, nämlich der Psychoanalyse.

Wenn wir heute von Restitution sprechen, denken wir kaum zuerst an das vielleicht aus dem Schulunterricht bekannte Restitutionsedikt, mit dem Ferdinand II. während des 30-jährigen Religionskriegs versucht hat, die konfessionellen Machtverhältnisse entsprechend der 1629 bestehenden militärischen Situation im Deutschen Reich noch einmal entscheidend zugunsten des Katholizismus zu verschieben, nämlich vor allem durch die Rückgabe der von den Protestanten eingezogenen geistlichen Gütern. Uns kommt vielmehr zuerst die schmähliche und noch nicht abgeschlossene Geschichte der Verschleppung einer Rückgabe von Kunstwerken und anderem Beutegut in den Sinn, jüngst der Fall Gurlitt, über den Sie gelesen haben. Jenes Beutegut, das arische Holocaust Gewinnler von ihnen verfolgten Juden vor und während des zweiten Weltkriegs geraubt oder abgepresst haben. Gehen wir zurück auf die Geschichte der Psychoanalyse, weil auch sie das Schicksal jener Raubgüter geteilt hat, als 1933 findige Freudschüler, wie vor allem Carl Gustav Jung sich beeilten, das Instrument der Freud’schen Psychoanalyse umzuwidmen zur Unterstützung der rassistischen völkischen Erhebung.

„Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung verteidigt im Januar-Heft 1934 des in Berlin erscheinenden, gleichgeschalteten Zentralblatts für Psychotherapie sogar „das arische Unbewußte“ gegen „den Juden Freud“, der „die germanische Seele nicht kannte, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten“, und behauptet: „Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische.“[1b]

Gehen wir zurück auf die Anfänge des psychoanalytischen Unternehmens. Freud und sein etwas älterer Kollege Josef Breuer sprengten damals den Rahmen der naturwissenschaftlich-technischen Medizin ihrer Zeit, indem sie die befremdlichen hysterischen Phänomene, also die somatischen Leiden ohne organischen Befund, nicht als Simulationen abtaten, sondern ihre Patientinnen und die bedeutendsten waren Bertha Pappenheim und Anna von Lieben, die in den Hysteriestudien unter Pseudonymen beide erscheinen, Freud hat von ihnen stets hochachtungsvoll als von seinen eigentlichen Lehrmeisterinnen gesprochen und ebenso ihre männlichen Patienten, wie den Wolfsmann und viele andere, dass sie ihre Patienten/Klienten als Partner und Aus-kunftsgeber ernst nahmen und sich auf einen anamnestischen, einen erinnernden Dialog mit ihnen einließen.Freud ist darüber, wie vor allem seine Briefe an Wilhelm Fließ zeigen, von einem Objektwissenschaftler zu einem Subjektwissenschaftler geworden. Der Naturwissenschaft entwachsen, machte die Psychoanalyse als eine Kritik von Pseudonatur, also der zweiten Natur der lebens- und sozialgeschichtlich konstituierten Institutionen Furore. Man muss hier anmerken, dass Freud aus verschiedenen taktischen und strategischen Gründen darauf beharrt hat, auch und gerade das von ihm entwickelte neuartige Verfahren das Rätsel von Institutionen zu lösen, die die vergesellschafteten Individuen einschränken und niederhalten, statt ihre Potenziale zur Entfaltung zu bringen, auch dieses Rätsellösungsverfahren Psychoanalyse gehöre zur recht verstandenen Naturwissenschaft. Freud gebraucht hier den Begriff Naturwissenschaft nicht in dem längst eingeschränkten Sinn der sogenannten Helmholtzschule, eine Spielart von physiologischem Materialismus, sondern er schätzte über alles den Renaissance-Philosophen Francis Bacon, der 1620 ein neues Organon der Wissenschaften entwickelt hat, das charakteristischer Weise beginnt und das ist das, was aus dem Organon von Francis Bacon überlebt hat mit der sogenannten Idolenlehre, modern gesprochen der Ideologiekritik. Der Freud’sche Zusammenhang der Therapie, die darauf abzielt, Neurotiker wieder zu Autoren der eigenen Lebensgeschichte zu machen mit der in der Traumdeutung entwickelten neuartigen Psychologie des Unbewussten, der sogenannten Metapsychologie und der Zusammenhang mit der Suche nach einer Kultur, die keinen mehr erdrückt, wie Freud in einer grandiosen minimalistischen Formulierung schreibt. Dieser Zusammenhang zwischen Therapie, Psychologie des Unbewussten, Kulturkritik erschien den freudianisch orientierten Ärzten und Psychologen, die sich als Therapeuten in zunftmäßig organisierten Vereinen zusammenfanden, als bald wenig plausibel. Als bald heißt hier 1915/1925/1930. Vor allem das Junktim von Therapie und Kulturkritik, also das Verständnis der Therapie als einer praktischen Kulturkritik in der Mikrosituation der psychoanalytischen Kur galt Freuds Nachfolgern in der Ära der totalitären Bewegungen und Regime als ein politisches Risiko und wurde stillschweigend fallengelassen. Ideologen wie Carl Müller-Braunschweig beeilten sich 1933, um der Rettung, so schien es ihnen, der Psychoanalytikerorganisationwillen ihre therapeutische Technik in den Dienst der nationalsozialistischen Erhebung zu stellen. Vor dem kampflosen Sieg der Hitlerbewegung, der in den Folgejahren sowohl die psychoanalytische als auch die revolutionäre Arbeiterbewegung zum Stillstand brachte, hatten die Freudianer sich als eine liberale philanthropische sozialpädagogisch pazifistische therapeutisch aktive Interpretationsgemeinschaft verstanden und sich im Parteienspektrum am ehesten noch der reformistischen Mehrheit Sozialdemokratie oder manche von ihnen deren linkssozialistischer Opposition nahe gefühlt. Die kulturkritische Grundtendenz, der wissenschaftstheoretische Status und der politische Gehalt der Freud’schen Therapeutik wurden eben erst gegen Ende der Weimarer Republik zum Problem. Die Stilisierung zu einer Naturwissenschaft wie andere auch und die Reklamierung politischer Neutralität ging dann zu Lasten der sozialistischen Minderheit der psychoanalytischen Internationale. Fortan galt die, ich zitiere Ernest Jones, den Sekretär der internationalen psychoanalytischen Vereinigung aus dem Nachkriegskongress 1949: „Die soziologische Interpretation psychoanalytischer Befunde galt als Erzketzerei.“ Die politische Aktivität in linken Organisationen galt von da an für Psychoanalytiker als unstatthaft, weil sie den Bestand der psychoanalytischen Vereine gefährde. Nahmen nun freudianische Therapeuten den Antiautoritarismus der freien Assoziation oder des Abbaus des Überichs, wie Sándor Ferenczi das ausgedrückt hat, Freuds vielleicht bedeutendster Kollege, nahmen sie das ernst und wollten dem auch außerhalb der psychoanalytischen Kur Geltung verschaffen, wandten sie sich also gegen den politischen Status quo, dann drohten ihnen, wie Wilhelm Reich, Isolierung und Ausschuss. Kooperierten sie hingegen mit Instanzen des totalitären Staats und fanden sich bereit, ihr ärztliches Wissen zur Heilung von Funktionären, zur Bekämpfung von Regimegegnern oder gar Euthanasie zur Eliminierung von Missliebigen zur Verfügung zu stellen, dann verstanden sie sich als Spezialisten und glaubten, sie seien weder für die jeweiligen Zwecke, für die ihre Technik eingesetzt wurde, verantwortlich, noch für das humantechnische Rahmenprogramm des faschistischen Menschenfresserstaates. Die Auflösung des Zusammenhangs von Kulturreform, Metapsychologie und Therapie hatte die Isolierung der psychoanalytischen Technik und deren nachfolgende Indienstnahme auch durch den faschistischen Terrorstaat, dem Berliner Goering Institut, möglich gemacht. Im Zuge des Aufschwungs der arisierten Psychotherapien, im Plural, in den Vorkriegs- und Kriegsjahren wurde das, was Paul Parin die Medizinalisierung der Psychoanalyse genannt hat zum verschwiegenen Programm der Psychoanalytikermehrheit. Die Unwilligkeit und Unfähigkeit sowohl der in Deutschland Verbliebenen als auch der ins Ausland Geflohenen und der französischen und angelsächsischen Psychoanalytiker sich mit dem deutschen Behemoth, der sie zu verschlingen drohte, theoretisch auseinanderzusetzen. Das war die Folge der selbst auferlegten Neutralisierung der Psychoanalyse. Dies Schweigen, das bis 1940 angehalten hat, auch auf Seiten der Immigranten, den einen Reich ausgenommen, dies Schweigen war für die psychoanalytischen Therapeuten von Vorteil. Blieb der politische Kontext des therapeutischen Handelns außer Betracht, schien die Unschuld der beruflichen Praxis gewahrt und die, die sie ausübten, boten keinen Anlass für Kritik und Verfolgung. Die innerverbandliche Festschreibung der Notmaßregeln, also Stilisierung der Psychoanalyse zu einer Naturwissenschaft, für andere politische Neutralisierung um der Verfolgung auszuweichen, diese innerverbandliche Ad-hoc-Normen haben in der Folge zu einer Verbandsnorm mutiert, direkt und indirekt die Auswahl und Ausbildung der nachfolgenden Generationen von Psychoanalytikern bestimmt. So bildete sich der heute vorherrschende Typus des politisch Abstinenten, timiden (schüchternen, ängstlichen, zaghaften Anm.JSB) Psychoanalytikers heraus, der mit den bestehenden Verhältnissen seinen Frieden gemacht hat und brennenden Zeitfragen, so gut es immer geht, ausweicht. Heutzutage umfasst die freudianische Fraktion der Intelligenzija nicht mehr nur ein paar hundert Menschen, sondern ca. 12.000 Therapeuten, die freilich weltweit in den politischen Kämpfen unserer Zeit so gut wie nie ihre Stimme erheben. Sprechen wir von Restitution, dann ist Provenienzforschung das Mittel sie zu ermöglichen. Der Provenienzforschung, im Hinblick auf die Psychoanalyse, gilt Freud als ein nachhegelscher Philosoph, ein Erbe Ludwig Feuerbachs, der es sich zur Aufgabe machte, das Rätsel zu lösen, das obsolete Institutionen der Lebensgeschichte und der Kulturgeschichte uns aufgeben, ohne sich explizit darauf zu beziehen. Das hing zusammen mit seinen Philosophielehrern in Wien, das heißt vor allem Franz Brentano und was die antike Philosophie anging Theodor Gomperz, ohne sich also auf diese Vorläufer explizit zu beziehen. Er tat das sehr wohl manchmal, indem er das einfach umschrieb. Er sagt zum Beispiel zu Beginn der vielleicht politischsten Schrift von Freuds Zukunft einer Illusion von 1927, er wolle mit dieser Schrift seinen großen materialistischen Vorgängern nur ein wenig psychologisches Salz hinzufügen, gemein war Ludwig Feuerbach, sein Lieblingsphilosoph in seiner Jugend. Also Freud, ohne sich explizit auf diese Vorgänger zu beziehen, erneuerte das in Schellings und Feu-erbachs Hegelkritik ausgebildete Verfahren dialogischer Rekonstruktion der Entste-hungsgeschichte pseudonatürlicher, darum als niederdrückendes Schicksal erfahrener Institutionen, ein Verfahren, das das Auffinden des verborgenen Sinns im vermeintlich Unsinnigen ermöglichen soll. Dass es sich bei der Freud‘schen Traumdeutung wie bei der Marx‘schen Kritik der Mehrwerttheorien und bei Nietzsches Genealogie der Moral um drei miteinander verwandte Versionen von nachmetaphysischen Sozialphilosophie handelt, blieb Freudianern wie Marxisten freilich die längste Zeit verborgen. Die von dem Ökonomen Fritz Sternberg, einem Schüler Luxemburgs, 1932 aufgeworfene Frage, warum die Psychoanalyse denn gerade am Ausgang des 19. Jahrhunderts, also nicht früher oder später erfunden wurde, macht auf deren historisch-spezifischen Charakter aufmerksam. Freuds Theorie beschreibt die Psychologie bürgerlicher Subjekte im Augenblick ihrer Krise. Im Maße, wie sich die Gesellschaft der kleinen und mittleren Selbständigen in eine Gesellschaft verwandelte, in der kleinen Gruppen von Kapitalmagnaten zahllose abhängig Beschäftigte und Almosenempfänger gegenüberstehen, die 99 Prozent, wie wir heute sagen, in dieser Situation wurde das Ideal autonomer Lebensführung zu einer Überforderung und
dies Unbehagen an der Kultur machte sich in Gestalt zuvor unbekannter sozialer Leiden (Ferenczi) geltend. Freuds privilegierte Patienten suchten ihr Heil in Neurosen, die Freud auch kurzerhand als Privatreligionen bezeichnete, , während gleichzeitig depossedierte (aus dem Besitz vertriebene, enteignete entthronte Anm.JSB) und von Verelendung bedrohte Mehrheiten sich nur allzu gern, wir haben das heute Morgen gehört, der Einbindung in Massen überließen, falschen Propheten Gefolgschaft leisteten und deren politischen Heilsversprechen Glauben schenkten.

Im Anschluss an Gustav Theodor Fechner und eines Sinnes mit der hedonistischen Anthropologie der Aufklärungsphilosophen von Helvétius bis Nietzsche verstand Freud den Menschen als einen unermüdlichen Lustsucher. Das ist die einzige anthropologische Bestimmung, die sich in seinem Oevre finden lässt und er behauptet dort übrigens auch, das ist in dem Buch über den Witz, er habe dies bei einem Autor, der ihm leider entfallen sei, gefunden. Er war sehr vorsichtig in dieser Frage. Infolge der wechselseitigen Abschottung der arbeitsteilig spezialisierten Sozialwissenschaften haben weder Freud selbst noch seine Leser bemerkt, dass die in der Metapsychologie der einzig bewussten, weil sprachmächtigen Ich-Instanz im ansonsten bewusstlos arbeitenden Reizbewältigungsapparat, wie Freud unfreundlicher Weise die Seele nannte, also dass die in der Metapsychologie dem Ich zugeschriebenen Aufgaben denjenigen gleichen, die die Wirtschaftssubjekte der zeitgenössischen Grenznutzentheorie, unter anderem einer anderen Wiener Schule, wenn ich an Menger und andere Ökonomen der Zeit denke, also das, was Freud als Funktion der Ich-Instanz beschreibt, gleicht aufs Haar dem, was die Grenznutzenschule der Ich-Instanz der Wirtschaftssubjekte gleichzeitig zugeschrieben hat, sofern sie nämlich unter Konkurrenzbedingungen überleben wollen.

Die Gewinn- und Verlustrechnung wirtschaftlicher Akteure ist bekanntlich an Markt-chancen orientiert, also wesentlich reaktiv. Dem entspricht die Rolle des Ichs in der von Freud geschilderten psychischen Ökonomie der Subjekte. Als ein Clown, der Autonomie fingiert, indem er vorgibt, alles, was ihm in der Manege zustößt, sei von ihm selbst veranstaltet, denken Sie an die Chaplinfilme, vor allem Circus oder auch Goldrausch, als ein solcher Clown, der Autonomie nur mehr fingiert, muss das Ich sich mit lauter geliehenen Energien gegenüber den beiden einander widerstreitenden, untergründig liierten, blinden Mächten im Seelenhaus, Es und Über-Ich, behaupten. Es muss prekäre Kompromisslösungen finden, um unter Berücksichtigung der nur von ihm wie immer unzureichend erfahrenen extrapsychi-schen Realität die Selbsterhaltung des Organismus zuwege zu bringen. Soweit das sogenannte Freud’sche Strukturmodell. Ich fahre ein bisschen damit fort, um dessen innere Widersprüchlichkeit oder wenn sie wollen Dialektik ein Stück weit zu entfalten. Das Ich ist der intrapsychische Repräsentant der sogenannten Außenwelt bei Freud. Das aber ist die außermenschliche Erste wie die kulturelle zweite Natur, die uns vor eben der ersten schützt. Das Ich ist Freud zufolge ein Diener zweier Herren, ein Organ sowohl der Erfahrung als auch deren Zensur. Soll es die Außenwelt in der Binnenwelt der Psyche vorstellen, muss es sich ihr assimilieren. Auf der Rindenschicht des Es als ein Organ zur Bewältigung innerer und äußerer Reize entstanden, soll es Lust suchen und Unlust vermeiden. Dem stellen sich in der Welt der harten Notwendigkeit, Freud liebte den Ausdruck Ananke, den griechischen dafür, dem stellen sich die Ananke-Welt der ersten ebenso wie die Zwänge der zweiten Natur entgegen. Sich, das Ich, gegen sich selbst wendend, mutiert vom Lust- zum Real-Ich und schließlich gar zum Ideal-Ich. Lässt nun sich das Prinzip, das Freud von Fechner übernommen hatte, der Lustsuche und Unlustvermeidung in Freuds Seelenmodell zunächst als ein rein intrapsychisches Regulationsprinzip verstehen, so befähigt dessen notgeborene Modifikation, das Realitäts-Prinzip, das Ich zum lebenserhaltenden Befriedigungsaufschub und zur befristeten Unlust-Toleranz. Lust- und Realitäts-Prinzip sind in Freuds Metapsychologie als abstrakte Funktions- und Handlungs-Prinzipien angesetzt, deren Geschichte zunächst ganz außer Betracht bleibt. Nun sind aber die Sensationen Lust und Unlust, wie Nietzsche wusste, nicht Letztgegebenheiten, sondern verkappte Urteile und sie setzen einander voraus, denn was den Teilhabern der einen Kultur als Lust gilt, mag in einer anderen als Unlust erlebt werden, und was wir als Unlust vermeiden, ist oft nur die uns vergällte Lust der Kin-dertage oder der Vorfahren, der wir insgeheim nachtrauern. Schließlich kann, wie Sie alle wissen, was heute noch als Lustbarkeit gilt, uns vielleicht morgen schon beschämen oder anwidern. Für die menschliche Lust gilt, wie für die Witzlust, dass sie dem Verstoß gegen ein Tabu entspringt. Die kürzeste Formel für diesen Gedanken aus der Dialektik der Aufklärung keine Lust ohne Verbot.

Vermöge des Realitätsprinzips, dass sie sich zu eigen macht, partizipiert die ansonsten als monadisch geschlossen vorgestellte Seele an der außermenschlichen Natur und an der Gesellschaft, der sie ihre Existenz verdankt. Die Ich-Instanz besorgt die stets prekäre Anpassung der vereinzelten Einzelnen ihrer Bedürfnisse und Wünsche, an die Realität der historisch variablen gesellschaftlichen Lebenswelt, also ihre Eingliederung in die Arbeits- und Herrschaftsverhältnisse ihrer Zeit. Die gesellschaftliche Realität ist aber das vorläufige Resultat der vergangenen Kulturgeschichte, und die Interpretation, die das Ich den Triebwünschen und den Geboten des Gewissens gibt, entnimmt es der Tradition. Darum tendiert die Freud‘sche Theorie, die zunächst nur als eine Spielart des biologischen Materialismus auftrat, zum Historischen. Die psychoanalytische Therapie soll Patienten dazu verhelfen, sich ihre verhohlene Lebensgeschichte wieder anzueignen, um deren Relikte, neurotische Reaktionsmuster, dechiffrieren und dann revidieren zu können. Der Therapeut verpflichtet seine Patienten zu Beginn der Behandlung auf die sogenannte psychoanalytische Grundregel, sich selbst und dem Analytiker zuliebe alles frei herauszusagen, was ihnen eben einfällt. Er verspricht ihnen, das Gehörte für sich zu behalten und animiert sie, ihre Selbstzensur, die allem Unschicklichem den Eingang in Gespräch und auch ins Selbstgespräch verwehrt, zu lockern. Ihre Chance ist es, sich im Schutzraum der Kur Freiheiten herauszunehmen, die im sozialen Milieu der Ärzte und Patienten noch verpönt sind und sanktioniert werden. Der Therapeut, ihr Komplize, re-präsentiert seinen Klienten eine virtuelle, tolerantere Öffentlichkeit, wie es sie in der Gesellschaft, in die seine Praxis eingebettet ist, noch nicht gibt. Die Therapie soll, so Freud, das Besondere Elend des Neurotikers auf das allgemeine Elend seiner Zeit-genossen reduzieren, die selbst widerstrebende Träger einer Kultur sind, die diesen Namen noch kaum verdient.

Und nun erzähle ich in Kurzfassung mit Freud-Zitaten Ihnen einen hochinteressante Parade, die er selbst gegen Ende seines Lebens schon im Londoner Exil geschrieben hat. Sie finden das im sogenannten Abriss der Psychoanalyse in der großen Werkausgabe im Band 17. „Der analytische Arzt und das geschwächte Ich des Kranken (Freud) sollen, an die reale Außenwelt angelehnt, eine Partei bilden gegen die Feinde, die Triebansprüche des Es und die Gewissensansprüche des Überichs.“ Diese Partei kämpft zum einen gegen die luxurierenden Triebwünsche, die sich über Selbsterhaltungsinteressen hinwegsetzen. Zum andern versucht sie, das Über-Ich, also den intrapsychischen Agenten gesellschaftlicher Gewalt, zu schwächen. An der realen Außenwelt aber soll das therapeutische Duo Halt finden wie zwei Fechter, die ihre Gegner ins Auge fassen und sich an eine Wand lehnen, die ihnen den Rücken freihält. Freuds Gleichnis vereinfacht offensichtlich die Situation der therapeutischen Partei. Zudem bleibt darin eine Alternative außer Betracht: Könnte doch das Ich, die Schwächung des Über-Ichs ausnutzend, nicht nur Halt an der äußeren, gesellschaftlichen Realität suchen, sondern im Hinblick auf deren Variabilität sein
Verhältnis zu den – in der Parabel schlicht als Feind figurierenden – Triebwünschen revidieren. Es ist, als habe Freud hier für einen Augenblick seine kritische Theorie der kulturellen Entwicklung, also die Genealogie der modernen Seele außer Acht gelassen. Was als reale Außenwelt firmiert und im therapeutischen Kampf Halt geben soll, ist zum einen die durch Jahrtausende gesellschaftlicher Arbeit zu einem Habitat umgestaltete außermenschliche Natur, zum andern aber das Ensemble kultureller Institutionen, die das sozialisatorisch und technisch erreichte Niveau der Distanzierung von der vorgefundenen Natur, unserer eigenen, sichern, also gleichermaßen der Natur- und der Menschenbeherrschung dienen. Das Über-Ich ist der intrapsychische Anwalt (Staatsanwalt. Anm. JSB) dieser realen Außenwelt der Institutionen, das Über-Ich ein Satrap, der die Individuen durch Entbindung von Gewissensangst zum Gehorsam gegenüber den Normen der naturbeherrschenden Kultur zwingt und diese Kultur ist selbst, sagen Engels wie Nietzsche wie Freud, selbst von Natur durchherrscht. Dem Despotismus des Über-Ichs, das seine Energie aus dem Reservoir des Es schöpft, sagt die therapeutische Partei, wir hörten das, den Kampf an. . Will sie die introspektive Blindheit und die ihr korrespondierende loyale Denkhemmung (Freud) aufheben, die Diktatur des inneren Tyrannen mäßigen oder mit Ferenczi stürzen, dann muss sie eine dritte Front eröffnen. Denn die Kritik des Über-Ichs ist identisch mit der Kritik des normativen Überbaus der realen Außenwelt, mit der Kritik der Tradition, die die Gegenwart an die Vergangenheit bindet, sie dem Wiederholungszwang unterwirft. Kurz gesagt:

: Die Kritik des Über-Ichs ist die Kritik der bestehenden Kultur und ihrer Vorläufer. Von dieser Kultur, auf die sich, Freuds Parabel zufolge, Seelenarzt und Patient stützen sollen, sagt er andernorts, dass sie, ich zitiere ihn „die eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt lässt und sie zur Auflehnung treibt, dass eine solche Kultur weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient“. Soweit Freud.

Der Kampf der therapeutischen Partei gegen das besondere Elend ist potentiell ein Kampf gegen das Allgemeine, das im Patienten sich besondert. Der historische Pro-zess der Selbst-Kultivierung der Menschengattung ist, Freud zufolge, in der Ge-genwart in eine Krise geraten: Die aktuelle gesellschaftliche Form, so seine Ar-gumentation, in der dieser Prozess sich abspielt, überfordert die Menschen, da das Leben der privilegierten Minderheiten und das der zu Dürftigkeit und Unwissenheit verdammten Mehrheiten unterschiedlicher nicht sein könnte. Dadurch, sagt Freud, kommt es zur Triebentmischung, nämlich zur Freisetzung ungeheurer Quanten, nicht beherrschbarer destruktiver Energien, die, so Freud, das Ausgangsmaterial, das energetische Material für immer neue Massaker und Kriege ermöglichen und schließlich ein jähes Ende der Menschheitsgeschichte herbeiführen können. Freuds Therapeutik war darauf gerichtet, durch die Kritik obsoleter Institutionen deren Abschaffung vorzubereiten. Wir haben das gerade gehört, noch es verdient, sagt er. Das betraf vor allem die Religionen, die die gesellschaftliche Ungleichheit ebenso wie die leibfeindliche Sexualmoral nicht nur rechtfertigen, sondern heiligen und die den Hass der Gläubigen auf Anders- und Ungläubige lenken. Wolle man, ich fasse ihn nur zusammen, wolle man der Schrecken unserer zweiten Natur, also der man-made-disasters, Herr werden, müsse man mit dem Verzicht auf eine religiöse Fundierung der Sozialmoral beginnen. Freud hoffte, eine irreligiös erzogene, künftige Generation werde imstande sein, das tradierte Sittengesetz in Frage zu stellen, neuartige, jedermann einleuchtende soziale Regeln auszuhandeln und zu befolgen, ohne sich angstvoll an die Illusion zu klammern, diese neuen, frei paktierten und revidierbaren Sozialnormen stünden im Einklang mit den Geboten eines machtvollen, außerweltlichen Gottes. Freie Assoziation ist das Schibboleth der Psychoanalytiker und es ist von nicht geringem Interesse, dass Karl Marx denselben Terminus zur Bezeichnung einer künftigen Gesellschaft jenseits der Klassenteilungen wählte, eines Vereins freier Menschen. Freud war darauf bedacht, sein Phalanstère, so hießen die Mustersiedlungen, die sich der ingeniöse Frühsozialist Charles Fourier ausgedacht hat, Freud also war darauf bedacht, sein Phalanstère das kleine Utopia der Kur, in dem Patient und Therapeut sich mehr Gefühls- und Gedankenfreiheit herausnehmen, als in ihrem sozialen Milieu normalerweise gestattet ist, dieses Utopia im Rahmen der herrschenden Verkehrsformen zu halten. Die Entwirrung verworrener Lebensgeschichten, das Hervorlocken freier Einfälle und deren Deutung, also die therapeutische Anleitung zur Selbstreflexion wird von ihm (Freud) als eine Dienstleistung definiert, die, wie andere Waren, zwecks Gelderwerbs auf dem Markt angeboten wird und deren Tauschwert sich nach dem Quantum Zeit bestimmt, das zu ihrer Reproduktion erforderlich ist. „Wichtige Punkte zu Beginn der analytischen Kur (Freud) sind die Bestimmungen über Zeit und Geld. In betreff der Zeit befolge ich ausschließlich das Prinzip des Vermietens einer bestimmten Stunde.

Jeder Patient erhält eine gewisse Stunde meines verfügbaren Arbeitstages zugewiesen; sie ist die seine und er bleibt für sie haftbar, auch wenn er sie nicht benützt.“ Freud 1913 zur Einleitung der Behandlung.

 

Gelingt es, die Produktion von Einfällen und den Dialog zwischen Kunde und Fachmann der verinnerlichten sozialen Zensur beider zu entziehen, dann wird in der Tat die Therapie zur Antizipation freierer Lebensverhältnisse. Ob sich das Quäntchen Freiheit, das Therapeut und Klient um der Therapiewillen sich herausnehmen, dann auch extra muros (in der Öffentlichkeit Anm. JSB) in beider Alltagsleben bewährt, steht freilich dahin. Es hängt zum wenigsten von den Wünschen der therapeutischen Partei ab, mehr schon von ihrer Zivilcourage, vor allem aber von den Verhältnissen, in die sie eingespannt ist. Die Psychoanalyse ist keine Heilslehre, sondern eine Anleitung zur Selbst- und Kulturerkenntnis. Die dialogisch beförderte Kritik am Über-Ich, dem Hüter der seelischen und der sozialen Blindheit, mindert den Verdrängungsaufwand und ermöglicht im Prinzip eine freiere Kommunikation zwischen Ich und Es. Ob die Neurosen-Kritik in Kulturkritik übergeht, ob also die therapeutische Partei also eine dritte Front eröffnet, hängt nicht von der analytischen Technik ab, sondern von den politisch-sozialen Verhältnissen, unter denen sie jeweils praktiziert wird. Die Bedingung der Möglichkeit, sich in der Kur über die Konventionen von Zeit und Milieu hinwegzusetzen, besteht darin, dass in der Gesellschaft, der Arzt und Patient angehören, oppositionelle Strömungen und widerständlerische Gruppierungen aufkommen, die darauf hinarbeiten, den realen Status quo, die ungleiche Verteilung von Lasten und Lüsten, um das locker zu formulieren, zu verändern. In Freuds Lebenszeit bestand eine solche innergesellschaftliche Opposition in Gestalt der europäischen sozialistischen Arbeitermassenbewegung und der libertären Intelligenzija. Wie Sie wissen, ist die Arbeiterbewegung seither infolge einer langen Reihe furchtbarer Niederlagen mehr oder weniger zum Stillstand gekommen und die enttäuschte und eingeschüchterte Intelligenzija meidet das politische Engagement. Diese Schwächung der innergesellschaftlichen Opposition hat auch die Praxis und das Selbstverständnis der freudianischen Therapeuten verändert. Die Kritik der bestehenden Kultur erschien ihnen Jahrzehnt um Jahrzehnt mehr als eine nur mögliche und höchstproblematische, ja auch riskante Anwendung der Therapie. An die Stelle des von Ferenczi formulierten Behandlungsziels der Befreiung, wie er schrieb, von unnötigem inneren Zwang, die den Wunsch weckt, sich auch von unnötig gewordenem äußerem Zwang zu befreien, an deren Stelle trat das Ersatzziel, natürlich vor allem im Rahmen der sogenannten deutschen Seelenheilkunde nach 1933, das Ersatzziel also den Patienten aus der Verstrickung in seine Neurose zu lösen, um ihn für den Kampf aller gegen alle in der Arena des Finanzkapitals wieder fit zu machen. Tüchtigkeit rückte an die Stelle von Mündigkeit und die Alloplastik, wie Ferenczi das genannt hat, ohne die bloße Autoplastik Selbstveränderung nicht bestehen kann, geriet in Vergessenheit.

 

Diese Zweck-Mittel-Verkehrung führte zum Verfall der Freud‘schen Aufklärung. Sie erlaubte es der großen Mehrheit der organisierten Psychoanalytiker, mit der bestehenden Kultur der Ungleichheit, des Aberglaubens und der Massaker ihren faulen Frieden zu machen. Übersehen wurde, dass zwischen Mitteln und Zielen eine Wechselwirkung besteht: Die Wahl der Mittel impliziert immer eine Vorentscheidung über die damit überhaupt erreichbaren Ziele und die Verwirklichung bestimmter Ziele schließt die Verwendung bestimmter Mittel entweder aus oder erzwingt deren gründliche Modifikation. Dies vorausgeschickt, wundert es nicht, dass es in der Ära des triumphierenden Faschismus nicht nur Psychoanalytiker im geheimen und offenen Widerstand, in Konzentrationslagern und im Exil gab, sondern auch solche, die im Braunhemd auftraten, als Euthanasie-Gutachter über Leben und Tod von psychisch Kranken und Behinderten entschieden und sich wenig irritiert zeigten, wenn Kollegen und Kolleginnen fliehen mussten, deportiert oder hingerichtet wurden.

 

In der Geschichte der Psychoanalyse, das versuchte ich zu skizzieren, ist die Therapie aus der sie begründenden Theorie herausgeschält und ihr gegenüber verselbständigt worden. Die eine ist den Ärzten zugefallen, die andere den Laienanalytikern, Sozialphilosophen und Gedächtnishistorikern. Die neuzeitliche, von kirchlicher Bevormundung emanzipierte Naturwissenschaft hat die Voraussetzungen für die vom Kapital-Verwertungsinteresse angetriebene, permanente technische Transformation der außermenschlichen Natur geschaffen, der technische Eingriffe in die menschliche Natur und deren Habitat korrespondieren, deren Folgen für die Lebenden kaum absehbar sind. Der technische Wandel ist so beeindruckend, dass darüber andere Weisen der Selbst- und Weltveränderung in Vergessenheit geraten sind. Als Wissenschaft schlechtweg gilt zunächst einzig diejenige, die einer Steigerung der technischen Naturbeherrschung zugutekommt. Neben dieser Objektwissenschaft wird allenfalls noch die Relevanz einer anderen, der Geisteswissenschaft, zugestanden, die es mit der Auslegung der überlieferten Welt- und Menschenbilder, also mit Kulturobjektivationen zu tun hat, die in ihrer Bedeutung von jeder Generation neuerlich erschlossen werden müssen. Welche Richtung aber

der technische Fortschritt einschlägt, welche kulturellen Traditionen aktualisiert und welche vergessen werden, das hängt von den Institutionen ab, in deren Rahmen die gesellschaftliche Entwicklung, mit Freud zu reden: der Kulturprozess, verläuft. Diese Institutionen (die Formen des Eigentums und der Arbeit, des Staats, des Rechts, der Moral, die Klassen- und Schichtstruktur begünstigen bestimmte Entwicklungen und blockieren andere. Institutionen können veralten und wünschbare Neuerungen blockieren. In diesem Fall werden nicht nur die obsolet gewordenen, sondern die Institutionen überhaupt zum Problem. Auf der Suche nach einem Ausweg aus einer Sackgasse der Entwicklung bildet sich eine neuartige Theorie der Entstehung, der Modifikation und der Überwindung von Institutionen heraus. Karl Marx und Sigmund Freud können als die Begründer dieser dritten Art von Wissenschaft gelten, die sich mit Institutionen der Seele und der Sozietät befasst, die den vergesellschafteten Individuen als natürliche erscheinen und sich dadurch gegen Veränderung immunisieren. Die Kritik solcher pseudonatürlichen Produktionen zielt darauf ab, sie durch Rekonstruktion ihrer Entstehungsgeschichte, denken Sie an Marx‘ Theorie der Gesellschaftsformationen, die dem Kapitalismus vorangehen, sie also durch solche Rekonstruktionen zu defetischisieren, um sie reformieren oder

auflösen zu können. Die Institutionenkritik ist also die Wissenschaft von den Subjekten der Lebens- und Sozialgeschichte. Sie verfährt, in äußerster Kürze formuliert, so dass sie, wo das Verstehen versagt, provisorisch auf Erklärungen zurückgreift, die sich daran bewähren, dass die davon betroffenen Subjekte sie adoptieren

können, also die Erklärung ihres Verhaltens ihrem Selbstverständnis integrieren und damit die Erklärung als Erklärung gegenstandslos machen. Sucht man nach einer prägnanten Charakteristik des Freud‘schen Projekts, findet sich keine bessere als diejenige, die Adorno für das Marx‘sche reklamierte: Anamnesis der Genese.

Erinnerung der Entstehungsbedingungen der gegenwärtigen Situation.

 

Freud wollte die Psychoanalyse einem Stand übergeben, schreibt er, den es noch nicht gibt, nämlich weltlichen Seelsorgern, die, wie er schrieb, Ärzte nicht sein müssen und Priester nicht sein dürfen. Sie ist aber zunftmäßig organisierten Therapeuten mit naturwissenschaftlicher, nämlich medizinischer oder psychologischer Ausbildung in die Hände gefallen, die sich seit Jahrzehnten gegenüber den Laienanalytikern oder auch wilden Analytikern genannten abschotten und Dissidenten ausschließen. Denken Sie an Lacan und viele andere. In Wahrheit gehört die Psychoanalyse allen, die, wie Freud, an einer Kultur interessiert sind, die keinen mehr erdrückt, allen, die Freud lesen und dabei unversehens in eine Selbstanalyse hineingeraten, also beginnen, die Rätsel ihrer Lebensgeschichte und der sie beherrschenden Institutionen zu lösen.

 

Ich komme zum Schluss. Hinter uns liegt ein barbarisches Jahrhundert voll der entsetzlichsten Verbrechen, für die niemand verantwortlich sein wollte. Den Weg zu einer freien Assoziation, in der, wie die alte Formulierung heißt, die weiß Gott unabgegolten ist, in der also die demokratische Verwaltung von Sachen an die Stelle der Herrschaft über Menschen getreten ist, den Weg dorthin, sperren monströse Sphingen, deren Rätsel wir noch immer nicht gelöst haben. Die Geschichte der Psychoanalyse war bisher vor allem eine Geschichte der Verkennung, Verfemung und Selbsteinschränkung. Darum ist es an der Zeit, denke ich, sich der eigentlichen Intention der psychoanalytischen Aufklärung zu erinnern, eben obsolet gewordenen Institutionen der Lebens- und Kulturgeschichte ihren Naturschein abzustreifen, um ihre Revision zu ermöglichen. Ich bedanke mich.

Helmut Dahmer

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Helmut Dahmer, Prof. Dr., studierte Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an den Universitäten Bonn, Göttingen und Frankfurt am Main. 1968-1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche. 1984 gehörte er dem Gründungsbeirat des „Hamburger Instituts für Sozialforschung“ 1974-2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Gegenwärtig lebt er als freier Publizist in Wien.

 

prof.helmut.dahmer@gmail.com

 

DER WAHN UND DIE ALBTRÄUME

EINE AUFSCHLUSSREICHE EPISODE IN DER GESCHICHTE DER NACHKRIEGS-PSYCHOANALYSE

 

HELMUT DAHMER (WIEN)

 

„Die Psychoanalyse überlebte, aber in völlig veränderter Gestalt. (Als kranker Mutant, als Zombie, als Mumie? Anm.JSB)

(Eli Zaretsky)

 

Die Jahre 1933-1945 bilden die unheilvollste Phase der Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Andreas Peglau hat sie in seinem Buch „Unpolitische Wissenschaft?“ (2013) am gründlichsten „aufgearbeitet“. Der gescheiterte Versuch derjenigen Freudianer, die in den dreißiger Jahren nicht — wie ihre jüdischen und antifaschistischen Kolleginnen und Kollegen — aus Hitlers Machtbereich fliehen mussten, durch Mimikry zu überdauern, hat nicht nur die Kriegsgeneration gezeichnet, sondern auch die von ihr ausgebildete Nachkriegsgeneration (west-)deutscher Psychoanalytiker. Mit diesen politisch gebrannten Kindern stieß ich zusammen, als ich vor drei Jahrzehnten (angeregt durch G. C. Cocks und einige andere) versuchte, Licht in das Dunkel zu bringen, das die Vorgeschichte der in der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft“ (DPG) und in der „Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung“ (DPV) organisierten Freudianer im „Dritten Reich“ verbarg. Alexander Mitscherlich hatte mir 1968 die Redaktion seiner psychoanalytischen Monatszeitschrift Psyche anvertraut, deren Ausgestaltung zu einem Forum für Psychoanalytiker und Intellektuelle, die sich für die Freudsche Theorie (samt ihren Derivaten) interessieren, mir am Herzen lag.2 Die Geschichte der psychoanalytischen Organisationen und Theorien war in den frühen achtziger Jahren noch nicht en vogue. Umso mehr interessierte unsere Redaktion das 1975 erschienene Buch des amerikanisch. Historikers Geoffrey C. Cocks, Psyche and Swastika, in dem erstmals das Schicksal der in Deutschland verbliebenen Psychoanalytiker in den Jahren 1933-1945 geschildert wurde. Ein diesem Thema gewidmetes Themenheft der Psyche erschien in November 1982, ohne dass das besondere Aufmerksamkeit erregt zu haben schien. Anders verhielt es sich, als wir ein Jahr später das Thema neuerlich aufgriffen. Im Zusammenhang meiner Recherchen zu Wilhelm Reich war ich schon ein Jahrzehnt zuvor auf einen Artikel v. C. Müller-Braunschweig[i] aufmerksam geworden (vgl. Dahmer 1973 [20133, S. 480 und 538), den dieser im Oktober 1933 in der faschistisch. Zeitschrift Reichswart unter dem Titel Psychoanalyse und Weltanschauung veröffentlicht hatte (vgl. C. Braunschweig, 1933). Es handelte sich dabei um den (zum Scheitern verurteilten) Versuch, sich bei den neuen Herren Deutschlands in der Hoffnung anzubiedern, auf diese Weise ein Verbot der Psychoanalyse (und somit den Verlust ihrer Pfründe. Anm.JSB) zu vermeiden. Ich dokumentierte den Artikel aus dem Jahr 1933 in dem im Dezember 1983 erschienenen Themenheft Psychoanalyse unter Hitler und schrieb einen ausführlichen Kommentar dazu (vgl. C. Müller-Braunschweig, 1983; Dahmer, 19831), in dem ich die beunruhigende Frage nach den Voraussetzung aufwarf, die es einem der damals „führenden“ deutschen Freudianer ermöglicht hatten, den Nazis die Psychoanalyse als eine Art „Stahlbad“ zu empfehlen, das für die Akteure der „nationalen Erhebung“ (und Kämpfer in künftigen Stahlgewittern) von Nutzen sein könne. Meine Antwort: Orientiert an der damals vorherrschenden Ideologie akademischer Mandarine, der neukantianischen Wissenschaftslehre, hatten einige psychoanalytische Theoretiker in den zwanziger Jahren die Psychoanalyse mehr oder weniger auf eine „Technik“ reduziert, was implizierte, man könne sie fürr ganz unterschiedliche, von außen vorgegebene Ziele einsetzen, über die sie, als „Wissenschaft“, weder befinden könne noch solle. Diese ideologische Weichenstellung — der Verzicht auf die kritische Befragung der in Staat und Gesellschaft jeweils vorherrschenden „Werte“ — ermöglichte (unter anderem) Kniefälle wie den von C. Müller-Braunschweig vor den Nazis und ihrer „Weltanschauung“ (vgl. Dahmer, 1983a). Müller-Braunschweig (der ein Jahr später dann auch selbst Vorstandsmitglied der DPG wurde) hatte im Sommer 1933 auf Bitten von Felix Boehm — dem (von Freud selbst) designiert. „arischen“ Vorsitzend. der DPG — ein „Memorandum“ formuliert, in dem er zu zeigen versuchte, dass die Psychoanalyse und die NS-Ideologie durchaus kompatibel seien. Am 1. Oktober 1933 kam es (auf Wunsch von Boehm) in Den Haag zu einer etwa sechsstündigen Unterredung mit dem amtierenden Präsidenten der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ (IPV), Ernest Jones, an der auch Müller-Braunschweig und der Schatzmeister der IPA, Johann van Ophuijsen, teilnahmen. (Van Ophuijsen wurde später, in den Jahren 1936-1938, auch Vize-Präsident der IPV) Im folgenden Jahr schrieb Boehm in einem (für die Leitung der IPV bestimmten) Bericht über diese Zusammenkunft Folgendes: Müller-Braunschweig verlas „das von ihm verfasste Memorandum; die Unterredung führte zu einer vollkommenen Übereinstimmung. Alle von uns unternommenen Schritte wurden von Jones gutgeheissen. Er versprach {uns] weitestgehende Förderung und Unterstützung und schrieb sofort in diesem Sinne an Anna Freud“ (Boehm, 1985, S. 8t vgl. Boehm, 1978).3 Peglau vermerkt, dass sich, „wesentliche Passagen“ des Müller-Braunschweigschen Memorandums „dann, nahezu wörtlich unter der Überschrift >Psychoanalyse und Weltanschauung< am 22. 10. 1933 in dem [Reichswart-]Artikel Müller-Braunschweigs“ fand. (Peglau, 2013, S. 426). Im Unterschied zu den Emigranten Wilhelm Reich4, und Otto Fenichel5 nahm an diesem — zuvor mit der damaligen Leitung der IPV abgestimmten — Reichswart-Text Müller-Braunschweigs offenbar keiner der in Deutschland und Österreich verblieben. Psychoanalytiker Anstoß. Ein halbes Jahrhundert lang schlummerte er in den Bibliotheken, die den 14. Jahrgang der Wochenzeitschrift des Grafen Ernst zu Reventlow oder den 1. Jahrgang von Reichs (in Kopenhagen erschienene, Exil-Zeitschrift, politische Psychologie und Sexualökonomie verwahrten6. Nach der Veröffentlichung des Artikels von 1933 samt meinem Kommentar in der Zeitschrift Psyche (vgl. C. Müller-Braunschweig, 1983; Dahmer, 1983a), brach nun aber unter den etablierten westdeutschen Psychoanalytikern ein Sturm der Entrüstung los. Doch sie und ihre Freunde in der IPV empören sich keineswegs über den Reichswart-Artikel Müller-Braunschweigs, den ich der Vergessenheit entrissen hatte, sondern über dessen Dokumentation und, vor allem, über den ihn begleitenden Kommentar, durch den dieser Text als ein skandalöser markiert wurde. Personalisierend lasen sie meine Textkritik als eine bloße Schmähung des Autors Müller-Braunschweig. Die von mir aufgeworfene Frage (Wie war das möglich?) wollten und konnten sie so wenig verstehen wie deren Beantwortung. Und so ließ sich kaum einer meiner damaligen Kontrahenten überhaupt auf dieses Problem ein.7

Was bei den Verfassern der mich adressierten Briefe zur Verteidigung Müller-Braunschweigs (und dann auch Ulrich Ehebalds) helle Empörung auslöste, war die Widerlegung der von ihnen und ihren Vorgängern komponierten, identitätsstiftenden Vereinslegende, die eigentlich aus zwei einander widersprechenden Behauptungen bestand: Entweder hatte es in den Jahren der NS-Diktatur in Deutschland gar keine „richtige“ Psychoanalyse mehr gegeben, oder sie hatte, von Wenigen getragen, im Untergrund überdauert. Beide Apologien hielten keiner näheren Überprüfung stand.

Carl Müller-Braunschweig und sein Kollege Felix Boehm waren hauptverantwortlich für die Geschicke der deutschen Psychoanalyse zwischen 1933 und 1945. Nach dem Krieg, 1950, löste Müller-Braunschweig sich von dem wiederhergestellten DPG-Verein (der im folgenden Jahr aus der IPV ausgeschlossen wurde) und errang mit seiner eigenen Gruppe, die als DPV firmierte, alsbald die Anerkennung durch die Psychoanalytische Internationale (die IPV). Mit dem kommentierten Wiederabdruck des Müller-Braunschweig-Artikels vom Herbst 1933 hatte ich das Tabu, das das Totemtier der DPV bis dahin schützte, gebrochen. War es doch Müller-Braunschweig, der sich in der Nachkriegszeit von der (unter Kollaborationsverdacht stehenden) DPG und ihrem Theoretiker Harald Schultz-Hencke abgesetzt hatte und dem es dann gelungen war, das DPV-Fähnlein mehr oder weniger vom Odium der Verstrickung in die NS-Ideologie und -Praxis zu befreien. Der vergessene beziehungsweise sorgsam verhohlene Reichswart-Artikel des Stammvaters der DPV schien nun aber diejenigen seiner alten und neueren Kollegen zu bestätigen, die im Stillen der Meinung waren, die IPV habe mit ihm 1950 einen Bock zum Gärtner gemacht8. Plötzlich stand die Reputation des DPV-Gründers wie die seiner Schüler und Zunftgenossen in Frage.

Kurt Lewin, der bedeutende Gestaltpsychologe, charakterisierte Gruppen als den „sozialen Boden, auf dem einer steht“ (vgl. Lewin, 1948, S. 242). Den Gruppenzusammenhalt gewährleisten vor allem „Familienromane“ (Freud), Stammes- und nationale Mythen. Über Identifikationsprozesse eignet sich eine jede nachfolgende Generation die Geschichtslegenden ihrer Altvordern an. Sozialisation zielt darauf ab, sie zu Wiederholern zu machen, doch bleiben sie zum Glück, wie Freud wusste, widerstrebende Wiederholer. Solange sie aber nicht skeptisch zurückblicken, sitzt ihnen die unbefragte Geschichte der Gruppen, denen sie sich zurechnen (oder denen sie zugerechnet werden), im Nacken. Sie werden Delegierten ihrer Vorgänger und reinszenieren deren tröstliche Legenden unter Umständen ein Leben lang — so, wie es die von Diktatur, Krieg und NS-„Weltanschauung“ versehrte (und korrupte Anm.JSB) Generation hielt, der auch die Psychoanalytiker angehörten, mit deren Sprechern ich es 1984 (und in den Folgejahren) zu tun bekam.[ii]

 

Durch die Publikation des verräterischen Textes des Gründervaters waren die Legitimation der DPV und damit auch die mühsam errungene Identität ihrer Mitglieder in Frage gestellt. Für deren Verwirrung und Wut fand sich alsbald ein Medium in Gestalt eines angesehenen Hamburger Lehranalytikers[iii], der sich zum Sprecher und Verteidiger der schweigenden Mehrheit der etablierten DPV-Mitglieder machte, von denen in der Folge dann auch etliche — als Chor der Söhne und Töchter Müller-Braunschweigs — ihre Stimme zur Verteidigung des Verewigten erhoben. Nur Wenige von ihnen waren imstande, aus diesem Chorus auszuscheren und auch kritische Anmerkungen zu Ehebalds Brief vorzubringen. Spezialisten für die Analyse von Wahnbildugen und Träumen, konnten sie doch den Wahn ihres Kollegen Ehebald nicht als solchen erkennen, weil sie ihn mehr oder weniger teilten, weil sie „mit gleichveranlagten Augen von gleichen Standpunkten in der gleichen Richtung in den gleichen Ausschnitt der Welt“ blickten (Schumpeter, 1927, S. 152).

Ulrich Ehebald (1921-2010) war durch die Lektüre des Dezemberhefts des Jahrgangs 1983 der Psyche nicht nur verunsichert, sondern in Panik geraten. C. Müller-Braunschweig, dessen Sohn Hans, die DPV und die IPV, also die ganze „psychoanalytische Heimat“ schien ihm in größter Gefahr, und er eilte, um sie gegen das, was er (wider besseres Wissen) für „üble Anwürfe“ hielt (Ehebald, 1998, S. 126), zu verteidigen. Anfang Februar 1984 konzipierte er einen an und gegen mich gerichteten „Offenen Brief“ voll von wilden Phantasien und wüsten Aggressionen den er an die Mitglieder der DPV versandte. Der oppositionell gesonnene Marine-Sanitätsoffizier Ehebald hatte, wie er schreibt, im Kriegswinter 1945 durch Carlo Schmid „vom Nazi-Terror [W]eiteres erfahren. Das ganze Ausmaß jedoch dieses Terrors wurde mir erst durch Kogons [1946 veröffentlichte Analyse] >Der SS-Staat< bekannt“ (Ebd., S. 87). Jede neuerliche Konfrontation mit der fatalen Vergangenheit, mit der die große Mehrheit der Generation Ehebalds längst ihren (faulen) Frieden gemacht hatte, ohne sie recht zu begreifen, appellierte an deren latentes Schuldbewusstsein und mobilisierte all ihre Abwehrmechanismen10. In diesem Fall ging es nun um die besonderen Schicksale der Psychoanalyse im „Dritten Reich“, und davon war Ehebald, der sich aus dem Krieg in die (Nachkriegs-)Psychonalyse gerettet hatte, direkt betrafen. Darum bezog er meine „Kritische Glosse“ Ja-Sager und Weißwäscher (Dahmer 1983b), die einem Text von Hermann Lübbe galt und ebenfalls im Dezember-Heft 1983 der Psyche abgedruckt war, automatisch auf Müller-Braunschweigs Sohn Hans und ander von dessen „Söhnen“, zu denen er selbst sich ja auch zählte. Lotte Köhler, eine seiner „Schwestern“, schrieb ihm: „Herr Dahmer hat in Herrn Müller-Braunschweig einen Sündenbock geschaffen“ (Dokumentation des DPV-Vorstands, 1984, S. 38 [Brief von L. Köhler U. Ehebald vom 21.3.1984]). Doch um wessen Schuld ging es da eigentlich? Und welche Sünden trug dieser keineswegs von mir „geschaffene“, sondern von Freud eingesetzte „Bock“ aus der finsteren Zeit des „Dritten Reichs“ in die Nachkriegswüste (vgl. Dahmer, 2009, S. 308-313 [„Freuds Legat,), wenn nicht die des Stammes DPG und seines auf Distanz bedachten Ablegers, der DPV? Die „Kinder“ Müller-Braunschweigs fühlten sich freilich frei von Schuld. Und weil man die Stimme des Gewissens (wenigstens auf Zeit) zum Schweigen bringen kann, indem man Sünden, von denen man weiß, oder Sünden, von denen man nichts wissen will, externalisiert, sie also einem nicht zum Stamm Gehörigen, einem Fremden aufbürdet (siehe so populäre „Israelkritik“ und gleichzeitige Ermangelung einer Islam-Kritik Anm.JSB) , warf Ehebald der Müller-Braunschweig Gemeinde nun den Psyche-Redakteur zum Fraß vor. Den nämlich und nicht den Müller-Braunschweig von 1933 präsentierte er als den wahren Schurken im Stück11. Um das plausibel zu machen, bedurfte es der Verwandlung eines kritischen Soziologen in das Schreckgespenst des großen Verfolgers, dessen von langer Hand vorbereiteter „Kampagne, wie Ehebald wähnte, nun die Müller-Braunschweigs zum Opfer gefallen waren12“ Ehebald, der sich in Tagträumen gern als Tyrannenmörder sah,13 fiel das nicht schwer. Die „lange Fahrt“ seines Lebens führte ihn in dieser Etappe durch eine Geisterbahn, in der an jeder Ecke angsteinflößende Unholde lauerten, „furchtbare Juristen“ und Hinrichtungskommandos. Dergleichen Figuren schossen ihm unversehens zu einer Mischperson14 zusammen und so konnte er seinen Verfolger abwechselnd einen „Inquisitor“, „Nazijäger“, „Exekutor“ und „marxistischen McCarthy“ nennen. Nun war kein Halten mehr, und alsbald stellten sich allerlei Schreckensvision ein17, Gesichte von Treibjagden, Verhaftungen und Exekutionen, ein höllisches Treiben, bei dessen Schilderung sich der Autor des Öfteren in seinen eigenen Sätzen und Argumenten verhedderte. Lauschen wir diesem Geisterseher noch einmal: „Wer dieses Heft liest […], kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie geschickt den Boden vorbereiten ließen, um nunmehr posthumen Exekution Müller-Braunschweigs und seines Sohnes zu schreiten.“ „Das, was Sie hier getan haben und noch immer tun, ist schlimm genug. Aber das, was ich Ihnen persönlich mit tiefem Abscheu vorwerfen muss, ist, dass Sie es wagen mit ihrer ideologisch verblendeten Nazijägerei, [Hans,] den Sohn Müller-Braunschweig[s] in >Sippenhaft< zu nehmen und der Weißwäscherei indirekt zu bezichtigen!“ Dieser konnte — so Ehebald — nicht wissen, „dass sein Versuch, den Vater zu verteidigen“ (H. Müller-Braunschweig, 1983), durch die Glosse Ja-Sager und Weißwäscher „beschmutzt [werden würde]. Ich nehme an, dass er [sonst] erkannt hätte, dass dieser Versuch angesichts der bereitstehenden Schergen nur Entsetzen hervorrufen würde.“ Es falle (ihm) schwer, heißt es weiter in Ehebalds Brief an mich zu exkulpieren; dazu „ist Ihre Kampagne zu perfide gekonnt eingefädelt, mit der Sie nach Art eines marxistischen McCarthy jetzt nach Nazisündenböcken auf der Jagd sind, um dem (womöglich jüdischen? Anm.JSB)Gott Ihrer Ideologie Opfer (und was ist mit den tatsächlichen Opfern der Nazi-Ideologie und ihren willigen Nachfahren, der „Gutmenschen“ jeglicher Coloeur? Anm.JSB) heranschleppen zu können. Vielleicht wäre auch dies noch irgendwie hinzunehmen, aber dass Sie, noch dazu als Außenseiter, es wagen, das Andenken eines von uns so hoch geschätzten Kollegen zu verunglimpfen, dass Sie nach Nazimanier dessen Sohn in >Sippenhaft< nehmen, das ist unverzeihlich, weil unmenschlich.“ Mit all dem sei ich im Übrig. drauff und dran, „eine ganze Generation junger Analytiker zur Denunziation anzustiften“ (Ehebald, 1984, S. 5 und 6). Klärungsbedürftig blieb, was eigentlich den großen Verfolger — den Ehebald für einen Götzendiener und Opferpriester des „Marxismus“ hielt (vgl. ebd., S. 6) — motivierte, was ihn zu seiner Kritik an dem alten Text von Müller-Braunschweig bewogen hatte. Warum ließ er die Müller-Braunschweigs und ihre Freunde, die Ehebalds, nicht einfach in Ruhe? Wie mochte es sich mit seiner „inneren Haltung“ (vgl. ebenda, S. 5), mit seiner „Interessenlage“ (vgl. Dokumentation des DPV-Vorstands, 1984, S. 37 [Brief von L. Köhler an U. Ehebald vom 213.1984]) verhalten? 18 Als Soziologe gehörte er ja der psychoanalytischen Zunft nicht an und wollte in diesem Verein auch nichts werden. Seine Kritik kam von draußen, aus der Fremde, mutmaßlich von dort, „wo die wilden Kerle wohnen“. Als solche galten in Deutschland seit 1918 vor allem die Kommunisten (nach 1945 dann auch die Faschisten). (Am 08 Mai 1945 gab es in Deutschland ca. 50 Millionen NSDAP-Mitglieder, am 10 Mai 1045 gab es gar keine mehr. Plötzlich sind die Nazis überzeugte Demokraten geworden – glaube es, wer will. Anm.JSB) Einerseits wurde die Kritik an Müller-Braunschweigs „Memorandum“ darum als eine quasi-faschistische diffamiert („nach Nazimanier“ (vgl. Ehebald, 1984, S. 6), „autoritär und intolerant wie im Dritten Reich“ (vgl. Dokumentation des DPV-Vorstands, 1984, S. 38 [Brief v. L. Köhler an U. Ehebald vom 21.3.1984])), anderseits fürchteten Ehebald und andere vor allem, es gehe dem Kritiker darum, „die Psychoanalyse für den Marxismus (na und, auch wenn es wäre? Anm.JSB) zu requirieren und genau in extremer Weise das [zu] tun, was Sie Müller-Braunschweig meinen vorwerfen zu müssen, nämlich die Psychoanalyse den Dienst einer Weltanschauung [zu] nehmen, mit der diese übrigens so wenig zu tun hat wie mit dem Faschismus“ (Ehebald, 1984, S. 5). Auch Lotte Köhler schrieb von der „Gefahr, dass „Freud nun für die >Kritische Theorie< vereinnahmt wird, dass die psychoanalytische Bewegung (wieder eine“ Bewegung“?! Anm.JSB) zu einer marxistischen umfunktioniert wird […]“ (Dokumentation des DPV-Vorstandes, 1984, S. 38, Anm. 26 [Brief von L. Köhler an U. Ehebald vom 21.3.1984]), während Wolfram Lüders vorsichtiger meinte, es sei zu befürchten, dass die vom Kritiker angestrebte „Alliance zwischen Marxismus und Psychoanalyse“ „einseitig auf Kosten der Psychoanalyse gehe [..1″. Bei diesem Allianz-Projekt handele es sich freilich, fügte er hinzu, um eine „nie so richtig zu greifende“ — besser vielleicht: um eine ihm unbegreifliche (?) — „Absicht“ (Dokumentation des DPV-Vorst.ds, 1984, S. 51 [Brief v. W. Lüders A H. Dahmer vom 28.3.1984]).

Ehebald ging — wie seine Kolleginnen und Kollegen — davon aus, dass die aus ihrer Matrix, der Kulturkritik, herAsgelöste und auf eine „Technik“ reduzierte Psychoanalyse in Gefahr stand, von einer der miteinander kämpfenden „Weltanschauungen“ beschlagnahmt (oder ausgelöscht) zu werden. Nach dem Untergang des deutsech Faschismus, dem Müller-Braunschweig die Psychoanalyse hatte andienen wollen, war ihrer Meinung nach nun das „marxistische“ Ungeheuer drauf und dran, die Freudsche Lehre zu verschlingen. Was aber stellt sie sich unter „Marxismus“ eigentlich vor?

„Marxismus“ war längst zu einem Kampfbegriff geworden, in dem absichtsvoll Unterschiedlichstes gebündelt wurde. Dem „Marxismus“ hatten die bürgerlichen und rechten Parteien der Weimarer Republik und dann die Nazis (die im Hinblick auf die Revolution von 1918, die dem Weltkrieg ein Ende gemacht hatte, gern auch von „Novemberbrechern“ sprachen) den Kampf angesagt. In den reformistischen und revolutionären Arbeiterorganisationen und ihren Verbündeten in der Zweiten und Dritten Internationale (deren Zentrum die Sowjetunion bildete), sahen sie ihre Gegner. Dabei handelte es sich zunächst einmal um viele Millionen Menschen, die sich die Abschaffung sozialer Ungleichheit in einer nachkapitalistischen Gesellschaft zum Ziel gesetzt hatten, sodann um die Partei- und Gewerkschaftsorganisationen, von denen ihre Mitglieder hofften, sie würden etwas zur Verbesserung ihrer Lage tun. Als „Marxismus“ wurden schließlich sowohl die Marxsche Theorie der Gesellschaftsformationen und ihrer Metamorphosen bezeichnet, als auch die in Stalins Sowjetunion daraus destillierte „Weltanschauung“, mit deren Formeln die Ideologen des „Sozialismus in einem Lande“ die Diktatur der kommunistischen Partei (bzw. ihrer Nomenklatura und Bürokratie. Anm.JSB) und die politischen Zickzackwendungen ihrer Führung zu rechtfertigen suchten. Im Kalten Krieg wurde im „Westen“ unter „Marxismus“ zum einen die terroristisch zusammengehaltene sowjetische Mangelwirtschaft der Sowjetunion und ihrer Satelliten verstanden, zum andern deren ideologische (sozialfaschistische Anm.JSB) Verkleidung, schließlich aber auch das Ensemble der politischen Agenturen des Kremls in aller Welt. Die Freudsche Kritik der Gegenwartskultur und ihrer Institutionen, der die psychoanalytische Therapie entsprungen war, zielte — ähnlich wie die Marxsche — auf ein Ende der Mordgeschichte (durch den Verzicht auf religiöse Illusionen und eine Reduktion der sozialen Ungleichheit). Die Nazis hatten das verstanden und darum Freuds Theorie dem zugeschlagen, was sie als „Kulturbolschewismus“ bekämpften. (Aus der von Freud entwickelten therapeutischen „Technik“ hofften sie freilich gleichwohl Nutzen zu ziehen.) Freud selbst blieb die Verwandtschaft seiner kritischen Theorie der modernen Seele mit der Marxschen Kritik der modernen Ökonomie (und der Philosophie von Hegel. Anm.JSB) verborgen. (Kommunistischen Parteiideologen galt die Freudsche Psychoanalyse seit den späten zwanziger Jahren als eine eine dem Boden des Verfallskapitalismus entstandene Irrlehre.) In den frühen dreißiger Jahren versuchte Freud, die Psychoanalyse durch eine Art Neutralisierung vor der Zerstörung durch „massenfeindliche Massenbewegungen“ (Adorno) und terroristische Regime zu bewahren. Während er seine Kulturkritik erst in diesen Jahren voll entfaltete und radikalisierte, waren ihm soziologisierende und politisierende Schüler wie Reich und Fenichel, die die von ihm entwickelte Institutionen-Kritik zu konkretisieren suchten, ein Dorn im Auge. In vertraulichen Briefen an Freunde und Kollegen titulierte er die beiden sogar als „bolschewistische Angreifer. Dass die westdeutschen Psychoanalytiker der achtziger Jahre das, was sie unter „Marxismus“ verstanden, fürchteten, schien zunächst ohne weiteres verständlich: Unter einem möglichen sowjetischen Regime würden Freundianer (wie alle anderen Intekektuellen auch Anm.JSB) (ähnlich wie unter einem faschistisch) gegängelt, diskriminiert und verfolgt (auch ermordet) werden. Dass aber im Kontext einer Rekonstruktion der „Politik“ von Boehm undd Müller-Braunschweig in den dreißiger Jahren die Hauptsorge westdeutscher Psychoanalytiker der achtziger Jahre einer von     ihnen befürchteten Vereinnahmung (oder „Requisition“, der Psychoanalyse durch „den Marxismus“ galt, ist erklärungsbedürftig. (Erklärung: im postnazistische Deutschland waren und sind auch deutsche Psychoanalytiker postnazistisch. Woher nehmen und nicht stehlen? Anm.JSB) Vom „Unheimlichen“ sagte Freud, es handele sich dabei um ein „von alters her Vertrautes“, das nur durch „Prozess der Verdrängung entfremdet worden“ sei (vgl. Freud, 1919, S. 254). Was die Verteidiger Müller-Braunschweigs so sehr fürchteten, dass sie es mit dem verpönten „Marxismus“ verwechseln, war ein Wiedergänger, nämlich die radikale Freudsche Kritik unserer „Kultur“, die eine lange mörderische Geschichte hinter sich hat und in ein neues barbarisches Zeitalter einzumünden droht. Freuds Therapeutik war die Frucht der bestimmten Negation dieser Gesellschaft der Ungleichheit und des Aberglaubens, der Pogrome und Massaker. Das zu vergessen, waren die meisten seiner Schüler, die den zweiten Weltkrieg und den nachfolgenden „Kalten Krieg“ unter der permanenten Drohung der Atombombe durchlebten, angestrengt bemüht. Schon Müller-Brannschweigs Reichswart-Artikel war ein Produkt dieser Selbstvergessenheit. Und die Kritik daran beschwor nun eben dies Verdrängte wieder herauf — nicht den „Marxismus“, sondern das Original der Freundschen Sache.

Den Psychoanalytikern, die Ehebald als ihren Sprecher akzeptierten, blieb das Wahnhafte seines Elaborats verborgen, und der Autor, der auf diesen Text recht stolz war19, sah keinen Grund, der Traumarbbeit nachzuspüren, deren Erzeugnis sein „Offener Brief“ war. Ehebalds Text, in dem Selbstverständnis und Weltsicht einer ganzen Gruppe deutscher Nachkriegs-Psychoanalytiker „klassischen“ Ausdruck gefunden hat, sollte — ebenso wie Müller Braunschweigs „Memorandum“ von 1933 — in eine künftige, dokumentierte Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland als ein aufschlussreiches Lehrstück aufgenommen werden.

1984 distanzierten sich nur einige Wenige unter den damaligen westdeutschen Psychoanalytikern von ihrem Kollegen Ehebald. Die Mehrheit schwor, die „Verunglimpfung“ Müller-Brauschweigs zu rächen, versuchten, neue Zeitschrift. zu gründen, die mit der Psyche konkurrieren sollten, und war zweifellos höchst zufrieden, als sich einige Jahre später, nach einer Zwist unter den Herausgebern (durch Intrige von Margarete Mitscherlich, der „Witwe“ Anm.JSB), der Klett-Cotta-Verlag gerichtlich die alleinige Kontrolle über die bis dahin weitgehend unabhängige Psychoanalyse-Zeitschrift sicherte (was auch das Ende meiner (und von Lutz Rosenkötter Anm.JSB) Herausgeberschaft und Redaktionstätigkeit bedeutete).

Freud wollte die Psychoanalyse einem „Stand“ übergeben, den es noch nicht gibt, nämlich „weltlichen Seelsorge, die, wie er schrieb, „Ärzte nicht zu sein brauchen und Priester nicht sein dürfen“ (Freud/Pfister, 1963, S.136 [Brief v. S. Freud 0. Pfister vom 25.11.1928]). Sie ist aber zunftmäßig (als psychokratische Rackets, deren oberste Maxime Machtakkumulation ist, in voneinander abgegrenzten Sektoren, wie die Turfs von Yakuza oder anderen mafiösen Organisationen von Drogendealern, Menschdenhändlern, usw. Anm.JSB) organisiert. Therapeuten mit naturwissenschaftlicher, nämlich medizinischer oder psychologischer Ausbildung in die Hände gefallen, die sich gegenüber den „Laien“ abschotteten und Dissidenten ausschlossen (und ausschliessen Anm.JSB). In Wahrheit gehört die Psychoanalyse allen, die, wie Freud, an einer egalitären Kultur interessiert sind, die der Illusionen nicht mehr bedarf, allen, die seine Schriften lesen und dabei (unversehens) in eine Autoanalyse hineingeraten, also beginnen, die Rätsel ihrer Lebensgeschichte und der sie beherrschenden Institutionen zu lösen.

 

 

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Müller-Braunschweig, C., „Psychoanalyse und Weltanschauung.“ Reichswart., Nationalsozialistische Wochenschrift und Organ des Bundes Völkischer Europäer / Organe de L’Alliance Raciste Européenne Berlin, 14. Jg., Nr. 42 (22. 10. 1933), S. 2 f. Nachdruck in W. Reich (Hg.) (1934): Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie. 1. Jg., Kopenhagen, S. 74-76. Wiederabgedruckt in Psyche, Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Stuttgart: Kleff-Cotta, 37. Jg. 1983, S. 1136-1139. Wiederabgedruckt in Lohmann, 1984, S. 109-112.

Müller-Braunschweig, Hans (1983), „Fünfzig Jahre danach. Stellungnahme . d. in Psyche 11/1982 zitiert. Äußerung. von C. Müller-Braunschweig.“ Psyche, 37. Jg., S. 1140-1145. Wiederabgedruckt in Lohmann (Hg.), 1984, S. 113-119.

Nitzschke, Bernd (2000), „Psychoanalyse im >Dritten Reich< und die Folgen für die psychoanalytische Geschichtsschreibung in: Opher-Cohn, L., und Adere (Hg.), Das Ende der Sprachlosigkeit? Auswirkungen traumatischer Holocaust-Erfahrungen über mehrere Generationen. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 215-242.

— (2014), „Verrat und Verleumdung eines Psychoanalytikers oder Rettung der Psychoanalyse unter Hitler? Psychoanalyse und Nationalsozialismus — vor und nach 1945.“ (Unveröffentlicht.) (Wieso unveröffentlicht? Anm.JSB)

Parin, Paul (1978), „Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen. Eine ethnologische Betrachtung.“ Dahmer, H. (Hg.) (2013), Analytische Sozialpsychologie, Bd. 2, Gießen: Psychosozial Verlag, S. 647-662.

Peglau, A. (2013), Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Redaktion der Zeitschrift Psyche (Hg.) (1984), Psychoanalyse unter Hitler. Dokument.. einer Kontroverse. Frankfurt a. M., April 1984. (49 Typoskriptseiten.)

Schumpeter, Joseph A. (1927), „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu.“ Aufsätze zur Soziologie. Tübingen: Mohr-Siebeck (1953), S. 147-213.

Sohn-Rethel, A. (1989), Geistige und körperliche Arbeit. Weinheim: VCH —Acta Inimaniora, S. 384-399.

Zaretsky, Eli (2004), Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Wien: Paul Zsohiay Verlag, 2006.

 

Fußnoten

1 „was kann Normalisierung im Fall der Psychoanalyse und ihrer Geschichte

bedeuten, wenn diese mehr als die anderer Schulen durch Traumata geprägt

ist: durch Katastrophen, die >vital bleiben und keine Lösung finden< [W.R.Bion]?

[…] Normalisierung konnte kein einfacher Prozess sein. Am deutlichsten zeigt sich das in den Versuchen, die größte Katastrophe in der Geschichte der Psychoanalyse zu verstehen: nicht der Aufstieg der Nationalsozialisten, sondern die schwache Reaktion von Analytikern auf die Nazis und den Holocaust“ (Zaretsky, 2004, S. 486). „Die fortschreitende Einverleibung der Analyse in die Psychiatrie in den Staaten war das Gegenstück zu ihrer Zerstörung in Europa. Die Psychoanalyse überlebte, aber in völlig veränderter Gestalt“ (Ebd., S. 335). (In welcher Gestalt denn? Als eine Karikatur ihrer selbst, als eine affirmative geistlose Bewegung der Machtakkumulation, bar jeglichen gesellschaftskritischen Anspruchs. Anm.JSB)

2 Nach Mitscherlichs Tod übernahm ich in den Jahren 1982-1992 auch die Herausgeberschaft der Zeitschrift gemeinsam mit Margarete Mitscherlich-Niels. und Lutz Rosenkötter. (siehe dazu im Anhang: Böse Stiefmutter – DER SPIEGEL 14/1992 Anm.JSB)

3 Näheres zum „Memorandum“ bei Peglau, 2013, S. 426-428.

4 Reichs Stellungnahme zum „Memorandum“ Müller-Braunschweigs: Der Artikel von Müller-Braunschweig sei „eine Schande für die gesamte psychoanalytische Wissenschaft und Bewegung“. Zu den „Bestrebungen führender Analytiker, sich gleichschalten zu lassen“, schrieb Reich (an Fenichel) im Weiteren, diese hätten sich „von jeher mit ihren ethischen Einstellungen im Widerspruch zur analytischen Tätigkeit“ befunden. „Die [Selbst-]Gleichschaltung ist nur eine folgerichtige Entwicklung ihrer Gesinnung“ (Zitiert nach Fenichel, 1998, S. 103 f. [4. „Rundbrief“, 5.6.1934]).

5 Fenichel zitierte in seinem 1. „Rundbrief“ vom März 1934 den Bericht eines Teilnehmers an einer „Generalversammlung“ der DPG: „Es war grauenhaft. Boehm legte das von ihm und Müller heimlich verfasste und mit Jones und Ophuijsen besprochene Memorandum einige Tage vorher vor“ (Fenchel, 1998, S. 40 [1. „Rundbrief“, 2. Abschnitt, März 1934]). — Im 13. „Rundbrief“ kam Fenichel noch einmal auf das unselige „Memorandum“ zu sprechen, das in einem Artikel von Walter Hartmann über Braune Psychoanalyse in den Europäischen Heften (Hartmann, 1935) erwähnt worden war: „Der Aufsatz [Walter Hartmanns] ist ausgezeichnet geschrieben und könnte von einem von uns stammen“ (Fenichel, 1998, S. 208 (13. „Rundbrief`, 4.4. 1935).

6 Da Müller-Braunschweig schon 1930 einen — noch nicht auf die „nationale Erhebung“ orientierten — Vortrag unter demselben Titel (Psychoanalyse und Weltanschauung) veröffentlicht hatte, wurde der spätere, profaschistische Text — absichtlich oder unabsichtlich — leicht mit dem unverfänglicheren früheren verwechselt. So etwa auch im Grinstein-Index (vgl. Grinstein, 1958, S. 1425 [Nr. 23862] und die entsprechenden Einträge in Grinstein, 1964).

7 Eine der wenigen Ausnahmen bildete der an mich gerichtete Brief von Gertrud Hardtmann (vgl. Dokumentation des DPV-Vorstands, 1984, S. 70-74 [Brief vom 15.5.1984]). Vergleiche dazu die Dokumentation(en) der damaligen Korrespondenz in Redaktion der Psyche, 1984; Dahmer, 1989, S. 175-218; Dahmer, 2009, S. 298-328; Kauders (2014), S. 249-278 und S. 350-359.

8 Untereinander nannten manche von ihnen den Reichswart-Autor kurzerhand „das braune Mühlschwein“.

9 „Immerhin hat die Erinnerung an das Wiedererwachen der Psychoanalyse in Deutschland nach der Katastrophe der Nazizeit und des Hitlerkrieges und an die Jahre der frühen Pionierzeit auch etwas Trostreiches und Belebendes. Ich kann auf all dies zurückblicken mit einem tiefen Gefühl von Zugehörigkeit: Dies war meine psychoanalytische Heimat!“ (Ehebald, 1998, S. 126).

10 In einem den „Wahnbildungen“ gewidmeten Kapitel seiner Neurosenlehre schreibt Fenichel: „Der Kranke fühlt sich fortwährend kontrolliert und beobachtet, kritisiert, zur Rechenschaft gezogen und bestraft“ (Fenchel, 1945, Band II, S. 331).

11 Dieser „marxistische Inquisitor“ habe sich „zu klug gemacht“, als dass man ihm noch guten Willen unterstellen könne; zudem könne der es ja leider als „überaus belesen, „eloquenter“ Soziologe „mit der Psychoanalyse treiben“, wie er wolle (vgl. Ehebald, 1984, S. 5).

12 „Der Verfolger“, schreibt Fenichel in dem bereits zitierten Kapitel seiner Neurosenlehre, „beobachtet und kritisiert den Kranken; die von ihm ausgehenden Verfolgungen sind häufig Projektionen von Gewissensbissen“ (vgl. Fenichel, 1945, Band II, Anm. 14).

13 In einem Abschnitt seiner Lebensgeschichte, der „Berührungen mit der Geschichte“ gewidmet ist, erzählt Ehebald von der „Vereidigung junger Offiziersanwärter im Sportpalast in Berlin, ich glaube 1942″, bei der Hitler, Göring, Goebbels, Bormann, „ich glaube auch Himmler, und noch eine weitere Anzahl der Verbrecher“ zugegen gewesen seien. „Ich sage zu dem neben.. sitzenden Freund: >[…] Wenn wir jetzt ein Gewehr mit Zielfernrohr hätten, dann könnten wir ihn erledigen.<“ Einige Wochen später habe sich dann zufällig eine weitere Gelegenheit für ein Artentat ergeben, denn „da gingen sie tatsächlich, Hitler und Göring, vielleicht im Abstand von 2, 3 Metern an mir vorbei. Blitzartig schoss mir eine Phantasie durch den Kopf: Nimm deine. Marinedolch und ramm ihn dem Verbrecher ins Herz,“ (Ehebald, 1998, S. 126 3.).

14 Jeder kennt solche sonderbaren Sammel- und Mischpersonen, „den Tierkompositionen orientalischer Völkerphantasie vergleichbar“, schreibt Freud: „Ich kann eine Person zusammensetzen, indem ich ihr Züge von der einen und von der anderen verleihe, oder indem ich ihr die Gestalt der einen gebe und dabei im Traum den Namen der anderen denke, oder ich kann die eine Person visuell vorstellen, sie aber in eine Situation versetzen, die sich mit der anderen ereignet hat (Freud,1901, S. 664).

15 Einer aus seinem Chor, S. O. Hoffmann, assoziierte dazu prompt „Simon Wiesenthal, den Nazi-Jäger“ (vgl. Dokumentation des DPV-Vorstands, 1984, S. 10; Dahmer, 1989, S. 185).

16 Der wirkliche McCarthy hatte es freilich nicht auf Nazis, sondern auf „linke“ Psychoanalytiker abgesehen. (vgl. Danto, 2012, Kap. 8). Und die KGB-Leute und Staatsanwälte von Stalins Gnaden, die in der Zeit des Großen Terrors die marxistischen Oppositionellen in der Sowjetunion ausrotteten, wird man kaum als „Marxisten“ bezeichnen können (sondern als Sozialfaschisten. Anm.JSB).

17 „Die Verrückung aus der vergessenen Vorzeit in die Gegenwart oder in die Erwartung der Zukunft ist […], ein regelmäßiges Vorkommnis auch beim Neurotiker. Oft genug, wenn ihn ein Angstzustand erwarten lässt, dass sich etwas Schreckliches ereignen wird, steht er bloß unter dem Einfluss einer verdrängten. Erinnerung, die zum Bewusstsein kommen möchte und nicht bewusst werden kann, dass etwas damals Schreckhaftes sich wirklich ereignet hat” (Freud,1937, S. 55).

18 Köhler hielt es in diesem Zusammenhang für aufschlussreich, dass sich „der Soziologe Dahmer“ „einer marxistisch. Ausdrucksweise“ bediene — er schreibe „Bourgeoisie“ statt „Bürgertum“ (vgl. Dokumentation des DPV-Vorstands, 1984, S. 38).

19 13 Jahre später schrieb er in dem schon erwähnten Kapitel „Berührungen mit der Geschichte“ seiner Selbstdarstellung: „Ich erwähne eine hochpolitische Kontroverse, in der ich selbst im Mittelpunkt stand. […] [Der >Offene Brief< an H. Dahmer, führte […] in der psychoanalytisch. Welt nicht nur in Deutschland und Europa, sondern bis nach den USA, zu einem kleinen Erdbeben. Meine Ansichten haben sich in der Sache nicht geändert, haben sich durch zusätzliche Erfahrungen eher noch verdichtet.“ (Ehebald, 1998, S. 127f.).

 

[i] Aus dem Archiv der Psychoanalyse

CARL MÜLLER-BRAUNSCHWEIG

Psychoanalyse und Weltanschauung

 

In: Reichswart. Nationalsozialistische Wochenschrift und Organ des Bundes Völkischer Europäer/Organe de L’Alliance Raeiste Europeenne, hg. von Graf E. Reventlow. 14. Jg., Nr. 42. Berlin, den 22. Gilbhard (Oktober) 1933. S. 2/3.

 

 

Legt man das Geburtsjahr der Psychoanalyse auf das Jahr 1893, in welchem Breuer und Freud gemeinsam die vorläufige Mitteilung »Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene« veröffentlichen, dann sind nunmehr 40 Jahre psychoanalytischer Forschung verflossen. Seither ist die Psychoanalyse Gegenstand der gegensätzlichsten Stellungen gewesen, auf der einen Seite fand sie Anerkennung bis zur begeisterten Bewunderung, auf der anderen Seite Ablehnung bis zur erbitterten Bekämpfung. Die gegenwärtige Gesamtlage fordert erneute Einwertung.

Will man sich vergegenwärtigen, was Psychoanalyse ist, so bilden die Vorwürfe und Mißverständnisse, denen sie auf ihrem Entwicklungswege ausgesetzt war, einen guten Leitfaden. Es hieß von Anfang an, die Psychoanalyse überbewerte die Sexualität, sie erkläre alles, auch die höchsten und heiligsten Dinge aus ihr. Die neurotischen Erkrankungen beruhten auf einem mangelnden Sichausleben, es gelte also, die Hemmungen fallen zu lassen, sich auszuleben, um nicht in eine Neurose zu verfallen. Wie hebt sich von diesem primitiven Mißverständnis die wirkliche psychoanalytische Lehre ab? Die Psychoanalyse hat niemals die Behauptung aufgestellt, es gäbe nur Sexualtriebe. Sie hat auch nie die Neurosen allein aus der Sexualität abgeleitet, sondern vielmehr aus einem Konflikt zwischen dem Ich, der Persönlichkeit des Menschen und seinem Triebleben. Und nicht allein aus einem Konflikt mit der Sexualität, wie man sie populärerweise versteht, sondern überhaupt aus einem Konflikt mit seinem gesamten Trieb- und Affektleben, also z. B. auch mit den allen Menschen innewohnenden gewaltsamen, feindseligen, destruktiven Tendenzen. Der Neurotiker ist ein Mensch, der an der Lösung solcher Konflikte gescheitert ist, ein Mensch, dem es nicht gelungen ist, diese Re-gungen unter die ordnende und beherrschende Macht seines geistigen Ichs zu bringen. Der Neurotiker hat den zum Mißglücken verurteilten Versuch gemacht, sich den lästigen Impulsen seines Trieb- und Affektlebens dadurch zu entziehen, daß er den Kopf in den Sand steckte, sich so verhielt, als wären seine Impulse überhaupt nicht vorhanden. Durch ein solches Verhalten sind aber das Triebleben und die Affekte nicht aus der Welt zu schaffen, ein solches Verhalten, von der Psychoanalyse als —mißglückende — Verdrängung oder Abwehr bezeichnet, läßt das Trieb-und Affektleben vielmehr in einem nun dem Ich gar nicht zur Verfügung stehenden mehr oder weniger unbewußten Dunkel wuchern und neurotische (hysterische, zwangsneurotische) Symptome hervortreiben. Der neurotisch Kranke, selbst wenn er jetzt den besten bewußten Willen hätte, er kann dieser Symptome nicht Herr werden, er kämpft vergeblich gegen seine Arbeitsunfähigkeit, seine leichte Ermüdbarkeit, seine Schlaflosigkeit, seine Angst, seinen Kopfschmerz, seine Zwangsimpulse und Zwangsgedanken und wie die Unzahl der Symptome heißen mag, an. Hier setzt der psychoanalytische Therapeut ein. Er hilft dem Patienten, den Weg, auf dem die Symptome entstanden sind, wieder rückwärts zu gehen, führt ihn zu den ursprünglichen, von ihm nicht gelösten Konflikten zurück und läßt ihn diese neu und glücklicher lösen. Um das zu erreichen, muß er das im unbewußten Seelenleben Wuchernde dem Patienten bewußt machen, damit dieser fähig wird, mit voller Verantwortung das nachzuholen, was er seinerzeit, den Kopf in den Sand steckend, nur zu einer Scheinlösung zu bringen vermochte. Man sieht an dieser Stelle, wie die Psychoanalyse dazu kam, die Vorgänge des unbewußten Seelenlebens zu studieren. Sie wurde dazu genötigt bei der Absicht, dem seinen Symptomen hilflos ausgelieferten Patienten wieder zur Verfügung über sich selbst zu verhelfen. (Der Psychoanalytiker versucht dem Patienten zu erklären, was dieser zwar weiß, aber nicht wissen will. Anm. JSB) Zu zeigen, wie es möglich ist, die Gesetze des unbewußten Seelenlebens zu studieren, ist hier nicht der Ort, nur, daß und warum es notwendig war. Nach den obigen Ausführungen verstehen wir, mit welchem Recht der Schöpfer der Psychoanalyse in einem kurzen Überblick über die Psychoanalyse im »Handwörterbuch der Sexualwissenschaft« Bonn 1923 (abgdruckt auch in »Freud, Gesammelte Schriften«, Band XI, S. 201 ff.) sagen konnte: »Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom >freien Ausleben< der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit

* Die Kursivierungen im Freud-Zitat (GW XIII, S. 227 f.) stammen von Müller-Braun-schweig. (Anm. der Psyche-Redaktion.)

Ein anderer, der Psychoanalyse gemachter Vorwurf, der sich zum Teil mit dem soeben erörterten deckt, ist der, die Psychoanalyse gehe als Wissenschaft wie als Praxis von ungeistigen, materialistischen Voraussetzungen aus. Nach ihr sei der Mensch einseitig als ein rein triebhaftes Wesen anzusehen. Diese Auffassung ist durch das bereits Gesagte schon ad absurdum geführt: wenn die Neurose aus einem mißglückenden Kampf des Ichs des Menschen mit seinem Trieb- und Affektleben hervorgeht, so ist damit bereits gesagt, daß es für die Psychoanalyse im Lebenshaushalt des Menschen nicht nur Triebe und Affekte gibt, sondern auch die Instanz des »Ich«, einer synthetischen, regulierenden, ausgleichenden Funktion, die das Streben und die Aufgabe hat, eine immer mehr zu erweiternde Herrschaft über das »Es«, eben jenen Inbegriff des rein Triebhaften zu gewinnen. Innerhalb dieses »Ich« findet sich als weitere Differenzierung das »Über-Ich«, dessen Hauptfunktion sich mit dem deckt, was wir von jeher als Gewissen kennen. Die sehr subtilen Wechselbeziehungen zwischen Über-Ich, Ich und Es in ihrer Bedeutung beim Gesunden wie beim neurotisch Kranken sind seit langem wichtiger Gegenstand der psychoanalytischen Forschung. Der Vorwurf des Ungeistigen, Materialistischen ist gegenüber der Psychoanalyse ungerechtfertigt, denn jene synthetischen Kräfte des Ich und — zumindest der Intention nach — die idealen Forderungen und Wertungen des Über-Ich sind geistiger Art, ungeachtet des Umstandes, daß die Psychoanalyse erforscht hat, wie sehr, und nicht nur beim neurotisch Kranken, sondern auch beim Normalen, immerfort Beziehungen gefährlicher Art zwischen den genannten drei seelischen Instanzen bestehen, das Ich und das Über-Ich ständig gleichsam Bestechungen, Verführungen und Verfälschungen von seiten des Es ausgesetzt sind, die das Ich zu faulen Kompromissen veranlassen und das Über-Ich dazu bestimmen, unter der Flagge von Idealen sehr wenig ideale Tendenzen zu verfolgen. Ungeachtet dieser komplizierten und gefahrvollen seelischen Struktur des Menschen, ja vielleicht gerade wegen ihr, ergibt sich für die Gesamtauffassung vom Menschen der Aspekt eines dramatischen Kampfes zwischen seinen geistigen und seinen triebhaften Kräften, ein heroischer Aspekt, der ihn nur ehren kann. Der Psychoanalyse ist oft der Vorwurf gemacht worden, sie sei als Forschung und Therapie zersetzend und undeutsch. Sie ist, als Wissenschaft, wie jede Wissenschaft, auseinanderlegend, analysierend. Aber das ist nicht gleichbedeutend mit auflösend und zersetzend. Die Psychoanalyse will, als Wissenschaft wie als Therapie, die unbewußten Anteile der Persönlichkeit, die den neurotisch kranken Menschen in der Betätigung eines ungebrochenen, aufbauenden, schöpferischen Wollens einengen und behindern, seiner bewußten Verfügung und Verantwortung wieder zuführen. Dadurch wirkt sie nicht auflösend, sondern erlösend, befreiend und aufbauend. Es ist zugegeben, daß sie ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt. Leider ist die Psychoanalyse zum Teil dadurch in Mißkredit geraten, daß sie von Personen ausgeübt worden ist, die es nicht für nötig gehalten haben, sich jener umfänglichen Ausbildung und strengen Schulung zu unterziehen, die für eine sachgemäße und gewissenhafte theoretische und praktische Ausübung unbedingte Voraussetzung bildet. Die Psychoanalyse bemüht sich, unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebes-und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern des Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebensauffassung wertvoll zu dienen. Wir geben zu, daß nicht bei allen Veröffentlichungen des psychoanalytischen Schrifttums diese positive und schöpferische Grundhaltung deutlich genug hervortritt. Ebenso, daß es angesichts der verwickelten Problematik der wissenschaftlichen Analyse für den Nichtfachmann schwer ist, sich ein zutreffendes Urteil zu bilden. Man muß auch immer daran denken, daß die Psychoanalyse, indem sie sich mit so heiklen Themata wie dem konfliktbeladenen Thema des Verhältnisses des Menschen zu seinem Triebleben befaßt, niemals erwarten darf, daß die Menschen von vornherein freudig nach ihr greifen, sondern daß sie ihr zunächst immer mit einer Scheu gegenüberstehen werden, die normalerweise erst dann weichen kann, nachdem eine sehr entsagungsreiche und intensive Auseinandersetzung mit ihr stattgefunden hat.

Konkret 02/92, S. 52

 

Helmut Dahmer

 

Ein Unikum

 

Zum 31.1.1992 hat der Verlag Klett-Cotta sämtliche Verträge mit den Herausgebern der renommierten und erfolgreichen »Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen« PSYCHE gekündigt und die Publikation eines neuen psychoanalytischen Fachblattes annonciert. Zweck dieses Unternehmens ist es, der bisherigen Mitherausgeberin und Witwe des PSYCHE-Gründers Alexander Mitscherlich, Margarete Mitscherlich-Nielsen, eine eigene Zeitschrift zu verschaffen – mit den Mitteln der alten (Abonnentenkartei, Titel, Cover, Konzeption und Büro). Helmut Dahmer, Redaktionsleiter und seit 23 Jahren Mitherausgeber der PSYCHE, protestiert in einem »Offenen Brief« an den Verleger Michael Klett gegen diesen Coup und kündigt die Fortführung der Zeitschrift in einem anderen Verlag an
»The Queen had only one way of settling all difficulties, great or small. ‘Off with his head!’ she said without even looking round
‘I’ll fetch the executioner myself’, said the King eagerly, and he hurried off.«
Lewis Carroll, »Alice’s Adventures in Wonderland« (Chap. VIII)
Sehr geehrter Herr Klett,

 

da Sie meine Briefe seit längerem nicht beantworten, wende ich mich heute auf dem Weg über die interessierte Öffentlichkeit an Sie.

 

Im Besitz aller Informationen über die Zeitschrift PSYCHE, die seit 1951 im Verlag Ihres Vaters erschienen ist, haben Sie sich vor etwa zwei Monaten in einem seit längerem schwelenden Konflikt unter den drei Herausgebern über personelle Fragen unvermittelt und wortlos auf die Seite geschlagen, auf der Sie die ‘stärkeren Bataillone’ wähnten.

 

Ihre Strategie ist es seither, eine der wenigen noch existierenden Zeitschriften, die in den ersten Nachkriegsjahren gegründet wurden, möglichst rasch zu zerstören, um in deren Ruine dann ein funkelnagelneues Zeitschriftenbäumchen anzupflanzen, das wiederum psychoanalytische Früchte tragen soll. (Vielleicht hoffen Sie gar, in seinen Zweigen werde eines Kaisers Nachtigall singen…) Sie gedenken, das neue Pflänzchen mit Hilfe unserer Abonnentenkartei aufzupäppeln, und haben auch schon ein kluges Böckchen als Gärtner angestellt.

 

Zweifellos meinen Sie, gegen diesen Zeitschriftenraub werde niemand prozessieren wollen, da doch ein Tycoon, eben einer der »Könige« von heute, mit von der Partie ist. Und sicher glauben Sie, die meisten unserer Abonnenten und Leser würden den Wechsel gar nicht bemerken, – sie seien im Grunde auf den Verlag, nicht auf die Zeitschrift abonniert und würden sich das neue Kuckucksei unterschieben lassen.
‘Es war einmal ein König,

Der hatt’ einen großen Floh ‘

… ‘Horcht! Einen Floh! Habt ihr das wohl gefaßt?’«

Goethe, »Faust«

(‘Auerbachs Keller in Leipzig’).
Nur ist die PSYCHE nicht irgendein Fach- oder Verbandsblatt, nicht irgendeine Galionsfigur auf SMS Klett-Cotta, sondern ein Unikum. »And all the king’s horses and all the king’s men« werden sie, haben Sie sie einmal zerstört, nicht wieder zusammensetzen können, auch nicht mit dem vielen Geld von King Michael (Schröter Anm.JSB), mit dem er, was die PSYCHE anging, stets so knauserte, und das nun die neue Hauszeitschrift flottmachen soll. Knauserig? Ja. Ich darf Sie erinnern: In den letzten 10 Jahren hat die Zeitschrift für den Verlag alljährlich einen hübschen Gewinn abgeworfen. Aber, um auch nur die zweite Angestellten-Stelle im PSYCHE-Redaktionsbüro finanzieren zu können, mußte die »Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur« einspringen, bei der ich Forschungsmittel einwarb, etwa so viel, wie der von uns erwirtschaftete Gewinn betrug…

Ein Unikum. Denn diese Zeitschrift war seit zwei Jahrzehnten auf einem Wachstumspfad, trug sich praktisch selbst, schrieb schwarze Zahlen und gewann Jahr um Jahr 100 Abonnenten hinzu. (Und das alles praktisch ohne Werbung.) Sämtliche ihrer 550 seit 1947 erschienenen Hefte wurden beständig nachgedruckt und für Käufer vorrätig gehalten.

Ein Unikum, sagte ich, und ich verstehe etwas davon, denn ich habe die Hälfte der bisher erschienenen 46 Jahrgänge als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift gestaltet.

Die PSYCHE, der Sie jetzt den Garaus machen wollen, war ein Kind der Nachkriegszeit, in der, nach Zerschlagung der NS-Diktatur, das von ihr Unterdrückte noch einmal eine Chance hatte. Die Zeitschrift sollte der Wiedereinbürgerung der zwölf Jahre lang als »jüdisch«, »zersetzend« und »kulturbolschewistisch« verpönten Psychoanalyse in (West-) Deutschland dienen und unabhängig von Verbänden, Instituten und Verlegern sein. Als Alexander Mitscherlich mir seine Zeitschrift dann zwanzig Jahre später anvertraute, schien die Wirtschaftswundergesellschaft, vaterlos und unfähig zu trauern, sich erstmals seit 1948 wieder für Alternativen zu öffnen. Zwar war Freuds Psychologie des Unbewußten längst von deutschen Mandarinen »verwissenschaftlicht« und die Psychoanalytische Bewegung durch Hitlers Terror zum Stillstand gebracht worden. Doch auch in den aktuellen Theorie- und Praxis-Gestalten der reimportierten, medizinalisierten und konventionalisierten Psychoanalyse glomm noch der Funke der Freudschen Ideologiekritik. Darum – und nur darum – habe ich während zweier Jahrzehnte den Psychoanalytikern in der PSYCHE ein Forum (und eine kleine Schreib- und Übersetzerschule) offengehalten.

Die PSYCHE ist ein Unikum. Weil sie das mit der Studenten- und Schüler-Protestbewegung der sechziger Jahre in Westdeutschland neu erwachte Interesse an der Psychoanalyse zu befriedigen verstand, konnte die Zeitschrift – die einzige psychoanalytische Monatszeitschrift, die es je gegeben hat – in den beiden vergangenen Jahrzehnten weit über die Grenzen der Berufsverbände hinaus vorstoßen, sich eine für psychoanalytische Zeitschriften unübliche Laien-Öffentlichkeit erschließen und ihre Auflage verdreifachen.

Sie ist aber vor allem deshalb ein Unikum, weil sie – im Unterschied zu den in den Berufsverbänden tonangebenden angelsächsischen psychoanalytischen Verbandsorganen und in der Tradition Alexander Mitscherlichs – das ganze Spektrum der Freudschen Aufklärung, die Therapeutik ebensowohl wie die sie fundierende Kritik der Kultur repräsentiert, den Anschluß an die anderen Humanwissenschaften sucht und Themen aufgreift, die ansonsten eher gemieden werden. (Durch Ihre Vertragskündigung blockieren Sie u.a. das Erscheinen unserer für den März und April vorbereiteten Themenhefte »Antisemitismus gestern und heute« – worin 11 Autoren das Ritual der Friedhofsschändungen analysieren , und »Psychoanalyse in Rußland«, in dem es um ihre Geschichte und mögliche Zukunft im Lande Lenins und Boris Jelzins geht.)

Ende Oktober 1991 haben Sie ein geheimes Briefchen von ein paar Leuten empfangen, die die PSYCHE, zu deren redaktioneller Beratung wir Sie vor ein paar Jahren eingeladen hatten, gern selbst übernommen hätten. Um den geplanten Coup irgendwie zu »legitimieren«, verstiegen sich die Unterzeichner, zu denen leider auch unsere verehrte Mitherausgeberin Margarete Mitscherlich gehörte (die sich seit Jahr und Tag weigerte, über prinzipielle und aktuelle Fragen der Zeitschrift auch nur einmal mit ihren beiden Mitherausgebern, Dahmer und Rosenkötter, zu reden), zu der Behauptung, der »Bestand« der Zeitschrift sei – durch die »Gruppe Dahmer«, wie es in dem Schreiben hieß – »gefährdet«. Zum »Beweis« wurden allerlei an den Haaren herbeigezogene Mängel und Beschwerden vorgebracht und zu einem armseligen Rechtfertigungsgespinst verwoben. Sie, der Sie sehr genau wußten, daß die Zeitschrift noch nie so gut dastand wie eben jetzt, verschwiegen mir die Existenz dieses Schreibens; ja, Sie getrauten sich nicht einmal, auch nur den Erhalt eines solchen Schreibens zu bestätigen… Der »Bestand« der Zeitschrift war ja auch wirklich gefährdet! Denn Sie waren ja drauf und dran, im Bunde mit den scheinbar so besorgten Briefschreibern den »Bestand« der PSYCHE abzuschaffen!

Alexander Mitscherlich hat (mit Kunz und Schottlaender) die PSYCHE begründet, Ernst Klett hat sie (nach Lambert Schneider) verlegt. Margarete Mitscherlich ruiniert sie, weil…, ja, weil sie ihr nicht allein gehört, sie sie also nicht ohne weiteres an ihre Klientel vergeben kann. Kollidieren solche Interessen mit der Verfassung (hier: der einer Zeitschrift), dann muß natürlich die Verfassung geändert werden. Stößt das auf Widerstand, ruiniert man nach Möglichkeit den alten und gründet einen neuen Staat (mit anderer Verfassung). Und Sie stehen Pate dabei. Denn, mag das Projekt auch abenteuerlich anmuten, gilt immer noch: »Ist das nötige Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut.« Im zweiten Akt tritt Frau Mitscherlich dann nicht mehr als Mitherausgeberin einer von Alexander Mitscherlich gegründeten Zeitschrift, sondern als Gründerin ihrer eigenen auf – und Sie als ihr Verleger, mit mehr Rechten versehen, als Sie sie je der PSYCHE gegenüber hatten. Das heißt konservativ. Denn so wahrt man eine Tradition.
»Der Held bedacht sich nicht zu lang:

‘Die Streiche sind bei uns im Schwang,

Sie sind bekannt im ganzen Reiche,

Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.’«

Ludwig Uhland, »Schwäbische Kunde«
Nach Ihrer »Wende« haben Sie zuerst wiederholt versucht, die Herausgeber ultimativ zur Unterzeichnung eines Abtretungsvertrages zu nötigen, durch den sämtliche Rechte an der Zeitschrift an Sie übergegangen wären, das heißt: die PSYCHE ihre Unabhängigkeit verloren hätte. Doch fand sich nur Frau Mitscherlich zur Unterschrift bereit. Daraufhin haben Sie mit einer Frist von 6 Wochen (!) die bestehenden Verträge aufgekündigt, um uns von den finanziellen und technischen Produktionsmitteln der Zeitschrift abschneiden zu können. Damit nicht genug, haben Sie Anweisung gegeben, unser Januar-Editorial, mit dem wir unsere Leser über die Situation informieren wollten, nicht zu drucken. (Der erste Fall von Zensur in der Geschichte unserer Zeitschrift.) Niemand soll den Etikettenschwindel bemerken, und kein anderer Verlag soll nach Klett-Cotta die PSYCHE verlegen können. Denn Sie sperren uns den Zugriff auf unsere Abonnenten-Kartei.

Scheuen Sie so sehr die freie Konkurrenz? Wäre es nicht eine geradezu göttliche Komödie, das Jahr 1992 damit zu eröffnen, gleich zwei psychoanalytische Monatszeitschriften auf einmal – die PSYCHE und Ihr »Neues Irgendwas«, das Blatt von Alexander Mitscherlich und das von Margarete – ins Rennen um die Gunst des Publikums zu schicken, – in einer Arena, in der das vielberufene »Zeitschriften-Sterben« grassiert und in der schon ein rundes Dutzend anderer psychoanalytischer Journale sich tummelt? Und hätte nicht Ihr neues Periodikum mit dem gestohlenen Titel einen Platzvorteil, wenn es mit so zündenden Innovationen aufwartet wie der »Verbindung zur klinischen Psychoanalyse«, zu »psychoanalytischen Institutionen« und deren »wissenschaftlichen Veranstaltungen« (um noch einmal das erwähnte geheime Briefchen zu zitieren)… Was meinen Sie?
‘Ein König hatte eine schöne Flöte.’

‘Und was machte er damit?’

‘Er pfiff darauf!’«
Sehr geehrter Herr Klett, nehmen Sie dies als meinen Neujahrsgruß.

Frankfurt a.M., Anfang 1992

Helmut Dahmer
Helmut Dahmer ist Professor für Soziologie an der TH Darmstadt und lebt in Frankfurt

Kasten auf Seite 53 »Erbteil und Eigentum«

Frau Mitscherlich-Nielsen hat die PSYCHE, deren Mitherausgeberin sie seit 1981 war, offenbar für ein im Grunde ihr zustehendes Erbteil und Eigentum gehalten. Vor vielleicht drei Jahren faßte sie stillschweigend den Plan, den Redaktionsstab auszuwechseln, d.h. die Zeitschrift ihr genehmen Leuten zu übergeben. Einem Gespräch unter den drei Herausgebern über theoretische und praktische Fragen der Zeitschrift stets ausweichend und auf diese Weise jeden Herausgeberbeschluß verhindernd, brach sie 1989/90 einen Konflikt mit den angestellten Redakteuren, Frau Fehlhaber und Herr Michaelis, vom Zaun und arrangierte im Mai 1990 ein Treffen mit dem Stuttgarter Verleger, zu dem sie ihren Wunschkandidaten für die Redaktion, Hans-Martin Lohmann, gleich mitbrachte. Unter diesen Umständen konnte über dessen Kandidatur überhaupt nicht gesprochen, geschweige denn ein »Beschluß« gefaßt werden (was Frau Mitscherlich seither behauptet). Die gleichwohl zunächst gemeinsam bekundete Absicht, Herrn Lohmann zur Verstärkung des Redaktionsbüros nach Frankfurt zu holen, sofern sich die dafür erforderlichen Finanzmittel auftreiben ließen, wurde von mir und Herrn Rosenkötter fallengelassen, als Herr Lohmann zum einen – wie Frau Mitscherlich selbst – die Zeitschrift nach außen hin diskreditierte (um die Notwendigkeit seiner Mitarbeit zu unterstreichen) und zum anderen auf der Kündigung von Frau Fehlhaber und Herrn Michaelis, die beide seit vielen Jahren für die PSYCHE tätig sind (…), bestand.

Am 9.12. kündigte der Verleger die bestehenden Verträge mit den Herausgebern zum 31.1.1992, um auf diese Weise die PSYCHE binnen 6 Wochen »abzuwikkeln«. Frau Mitscherlich, die bereits den Abtretungsvertrag, den der Verlag ihr vorlegte, unterzeichnet hatte, trat nun als Gründerin eines »Neue PSYCHE« benannten Journals auf (…) Der Verlag kündigte an, Titel, Cover, Konzeption und Büro der Zeitschrift »übernehmen« zu wollen und Herrn Lohmann als Redakteur anzustellen. (…)

Wir setzen uns publizistisch gegen die Machenschaften des Klett-Cotta-Verlags zur Wehr und klagen gegen die 6-Wochen-Vertrags-Kündigungsfrist und die Aneignung des Titels und der Abonnentenkartei unserer Zeitschrift. Wir suchen finanzielle Unterstützung und einen neuen Verlag, um die PSYCHE weiterführen zu können.

Ist Ihnen, unseren Autoren und Lesern, daran gelegen, daß die Tradition der »alten« PSYCHE, die von Alexander Mitscherlich begründet wurde und von deren 46 Jahrgängen ich 23 gestalten konnte, fortgeführt wird, dann sollten Sie uns helfen, unsere Zeitschrift am Leben zu erhalten. Protestieren Sie beim Verlag gegen den Versuch, die PSYCHE lahmzulegen, geben Sie uns Ihre Adresse und die Ihrer Freunde, damit wir sie (auch ohne die uns vorenthaltene Abonnenten-Kartei) von einem neuen Verlag mit der PSYCHE beliefern lassen können, kündigen Sie Ihr Abonnement für die geplante neue Zeitschrift des Klett-Verlags und überweisen Sie Spenden auf das Konto von Detlev Michaelis: Nr. 390291 bei der »Frankfurter Sparkasse«, BLZ 500 502 01 (Stichwort: »Spende für die Unterstützung der PSYCHE«).

(…)

Frankfurt, 13. Januar 1992

Helmut Dahmer,

Detlev Michaelis,

Lutz Rosenkötter

 

aus einem Schreiben an Leser und Autoren der PSYCHE

Anschrift der Redaktion: Freiherr-vom-Stein-Str. 24-26, 6000 Frankfurt 1, Fax 069/172061

 

 

[ii] spiegel.de

Affären: Böse Stiefmutter – DER SPIEGEL 14/1992

SPIEGEL ONLINE, Hamburg, Germany

 

Intrigen, Skandale, üble Nachreden: das Drama um die Zeitschrift Psyche.

 

Penisneid bis über den Tod hinaus, narzißtische Gekränktheit, Verfolgungswahn, Verdrängung und Verschiebung – Therapeuten hätten jede Menge Arbeit. Doch der brutale Machtkampf um die Psyche, jene berühmte von Alexander Mitscherlich begründete „Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“, hat schlechte Chancen, seelisch aufgearbeitet zu werden.

 

Dazu müßten sich jene, die sonst analysierend hinter der Couch sitzen, höchstselbst mit ihren Problemen auf das Psycho-Möbel strecken. Und auch für Seelendoktoren ist Selbsterkenntnis ein mühsames und zudem wenig einträgliches Geschäft.

 

Analysiert oder nicht – der Psyche-Streit taugt nicht nur zur hämischen Beglaubigung des Karl-Kraus-Bonmots, daß die Psychoanalyse genau die Krankheit sei, für deren Therapie sie sich halte.

 

Der Kampf um die renommierte Fachzeitschrift ist auch ein erschreckender Beleg für die Regression einer linken, kulturkritisch inspirierten Diskussionskultur: Weil die kontroversen Themen fehlen, streitet man sich um so heftiger um Köpfe.

 

Alexander Mitscherlich, dessen Analysen („Die vaterlose Gesellschaft“, „Die Unwirtlichkeit der Städte“, „Die Unfähigkeit zu trauern“) die verdrängten Seiten der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft offenlegten, hatte die Psyche bald nach dem Krieg mitbegründet; sie sollte die von den Nazis verpönte Freudsche Theorie in Deutschland wieder heimisch machen.

 

Als Mitscherlich 1981 kurz vor dem Tod sein Haus bestellte, übergab er den Nachfolgern „eine wissenschaftliche Fachzeitschrift von internationalem Rang“ (Die Zeit). Zu seinen Nachfolgern als Herausgeber bestimmte der Psycho-Papst den linken Soziologie-Professor Helmut Dahmer, den er bereits 1968 mit der Redaktionsleitung der Psyche betraut hatte; den jüdischen Psychoanalytiker Lutz Rosenkötter, der wie Mitscherlich von den Nazis verfolgt worden war; sowie seine zweite Frau Margarete Mitscherlich, Analytikerin und Mitautorin von „Die Unfähigkeit zu trauern“.

 

Die Dreiteilung des Erbes machte Sinn: Psyche sollte nicht nur Forum der Freudschen Psychoanalyse als Neurosenlehre und Therapieform sein, sondern auch den kritischen Stachel einer aufklärerischen Kulturtheorie behalten: Die Zeitschrift war kein ödes Spezialistenblatt, sondern widmete sich, getreu dem Vorbild Freuds, den politischen und gesellschaftlichen Phänomenen.

 

Das Konzept hatte Erfolg. Noch im Mai 1990, so belegt ein internes Protokoll des Herausgebergremiums, war die Welt der Psyche in Ordnung: Von steigender Auflage (6802 Abonnenten – eine für Fachblätter achtbare Zahl) und einem „wachsenden Zustrom zur Veröffentlichung angebotener Beiträge“ war die Rede.

 

Über diese Manuskripte entschieden eine sogenannte innere Redaktion, die aus Dahmer und zwei vollzeitbeschäftigten Mitarbeitern bestand, sowie eine äußere Redaktion, der fünf Psychoanalytiker vom Fach angehörten.

 

Zwar bestimmte die testamentarische Verfügung Alexander Mitscherlichs, daß in Zweifelsfällen die Herausgebermehrheit das Sagen habe, doch meist entschied man einvernehmlich. Allerdings gab es zusehends weniger zu diskutieren – die Mitglieder der äußeren Redaktion und auch Margarete Mitscherlich erschienen immer seltener zu den wöchentlichen Sitzungen.

 

Sie hatten Wichtigeres zu tun, sie bereiteten einen „Coup“ (Dahmer) vor, um die Macht in der Psyche an sich zu reißen. Mit machiavellistischer Präzision bootete Margarete Mitscherlich im Zusammenspiel mit den ihr ergebenen Mitstreitern der äußeren Redaktion die Dahmer/Rosenkötter-Anhänger aus – und bewies dabei, daß man im Bündnis mit den Mächtigen ein renommiertes Fachblatt wie eine Fritten-Bude nach Lust und Laune erst dicht- und dann wieder aufmachen kann.

 

In einem zunächst geheimgehaltenen Schreiben an den Verleger Michael Klett schwärzte die Mitscherlich-Fraktion den seit 23 Jahren zur Psyche gehörenden Dahmer an. Als Vorwand diente die angeblich zu barsche Behandlung einer Mitarbeiterin der äußeren Redaktion, deren Streitlust, erinnert sich Dahmer, im umgekehrten Verhältnis zur Leistung für das Journal stand.

 

Die Protestler kritisierten den angeblich autokratischen Umgang Dahmers mit der äußeren Redaktion: So etwas gefährde den Bestand der Zeitung, Frau Mitscherlich werde übergangen. Sachlich hatten die Rebellen zur Begründung ihres Putsches wenig vorzubringen.

 

Das brauchten sie auch nicht. Frau Mitscherlich gelang es, Verleger Klett auf ihre Seite zu ziehen, der nach mehreren vergeblichen Versöhnungsversuchen – die Grande Dame der Psychoanalyse weigerte sich konsequent, zu einem Friedenskonklave zu erscheinen – Rosenkötter und Dahmer und damit indirekt auch dem geschäftsführenden Redakteur Detlef Michaelis kündigte. Im selben Atemzug nahm Klett Frau Mitscherlich als Alleinherausgeberin für eine Zeitschrift mit neuem Titel unter Vertrag: Die Psyche war tot, es lebte die Psychoanalyse.

 

Dahmer und Rosenkötter wiegten sich in dem Glauben, sie wären, einmal mit dem schriftlich erklärten Alexander-Mitscherlich-Segen versehen, unkündbar oder hätten zumindestens das Recht, von Klett die Herausgabe der Abonnentenkartei zu verlangen. Ein Trugschluß: Das Landgericht Frankfurt schmetterte ihr Begehren ab und bestätigte Klett „das Recht an der Zeitschriftenunternehmung“. Nur den Titel Psyche durften Dahmer und Rosenkötter behalten.

 

Die Herausgebergemeinschaft hatte, ohne die rechtlichen Konsequenzen zu bedenken, in einer harmlos erscheinenden Finanzierungsvereinbarung einen entsprechenden Passus unterzeichnet. Solch idealistische Verkennung kapitalistischer Machtverhältnisse hat Verleger Michael Klett schon bei anderen „spezialisierten Intellektuellen“ wie dem Merkur-Mitherausgeber Karl Heinz Bohrer beobachtet.

 

Ein in der vorvergangenen Woche geschlossener Vergleich macht den Sieg von Mitscherlich und Klett komplett: Dahmer und Rosenkötter müssen den Titel herausrücken, sind persönlich mit hohen Anwalts- und Gerichtskosten belastet, werden aber von finanziellen Nachforderungen verschont. Die Psyche ist wieder auferstanden – alleinige Herausgeberin: Margarete Mitscherlich.

 

So kann über die Hintergründe nur spekuliert werden: Hat sich da – wie ein offener, hoch emotionaler Brief des Sohns aus erster Mitscherlich-Ehe, Thomas Mitscherlich, insinuiert – eine böse Stiefmutter an den Nachfahren gerächt? Dazu würde passen, daß die Herausgeber-Witwe den inzwischen gekündigten Diplom-Soziologen Michaelis mit besonderem Ingrimm verfolgt („Der Mann hat doch keinerlei akademische Qualifikation“) – Michaelis lebt mit einer Mitscherlich-Tochter zusammen. Oder nimmt da eine immer stärker feministisch orientierte Analytikerin allzu gewaltsam Abschied vom Patriarchat?

 

Margarete Mitscherlich hat nicht nur den Verleger, sondern auch den Zeitgeist auf ihrer Seite: Immer lauter werden die Zweifel an der Freudschen Lehre, immer mehr Analytiker beschränken sich auf die Rolle des Therapeuten – da wirken die aufrechten Gesellschaftskritiker Dahmer und Rosenkötter nur noch wie Relikte aus der alten, linken Zeit.

 

Die Frankfurter Szene aber ist nach dem Fall des Marxismus so ermüdet, daß sie die Machenschaften um die Psyche ignoriert. Besonders enttäuscht sind Dahmer und Rosenkötter von der Reaktion des linken Altstars Jürgen Habermas. In einem Leserbrief nimmt der Soziologe Margarete Mitscherlich gegen den Vorwurf, eine Rechte zu sein, in Schutz. Ansonsten äußert sich der Theoretiker des herrschaftsfreien Diskurses zu der gewaltsamen Liquidierung der Psyche nicht: „Was immer die Gründe für das Zerwürfnis sein mögen . . .“

 

Ein ausländischer Dahmer-Kollege hingegen schrieb, die Vorgänge um die Psyche bewiesen die Notwendigkeit der Witwenverbrennung.

 

Die Sitten in der Psychobranche sind rauh geworden.

 

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682782.html

 

DER SPIEGEL 14/1992

 

 

[iii] Vorsitzende der DPV

1950 – 1956 Carl Müller-Braunschweig

1956 – 1964 Gerhart Scheunert

1964 – 1968 Horst-Eberhardt Richter

1968 – 1972 Helmut Thomä

1972 – 1975 Wolfgang Loch

1975 – 1978 Clemens de Boor

1978 – 1982 Heinz Henseler

1982 – 1986 Dieter Ohlmeier

1986 – 1988 Gottfried Appy

1988 – 1990 Hermann Beland

1990 – 1992 Lore Schacht

1992 – 1994 Carl Nedelmann

1994 – 1996 Joachim F. Danckwardt

1996 – 1998 Ekkehard Gattig

1998 – 2000 Winfrid Trimborn

2000 – 2002 Werner Bohleber

2002 – 2004 Georg Bruns

2004 – 2006 Manfred G. Schmidt

2006 – 2008 Gertrud Schlesinger-Kipp

2008 – 2010 Gerhard Schneider

2010 – 2012 Martin Teising

2012 – 2014 Christoph E. Walker

2014               Rainer Paul

seit 2014       Gebhard Allert

 

 

ELISABETH BRAININ, WIEN, UND ISIDOR J. KAMINER, FRANKFURT A. M.

 

Psychoanalyse und Nationalsozialismus*[i]

 

Ubersicht: Aufgrund der Tatsache — dies die These der Autoren —, das sich die nicht emigrierten deutschen Psychoanalytiker zwischen 1933 und 1945 auf zweifelhafte Weise mit dem Nationalsozialismus und seinen psychotherapeutischen Institutionen arrangiert haben, läßt sich für die gegenwärtige Situation der Psychoanalyse feststellen, daß die unbewältigte Vergangenheit für sie ein Trauma darstellt, das ihrem radikalen Wahrheits- und Erkenntnisanspruch fatal im Wege steht.

 

Einleitung

Die Folgen des Nationalsozialismus für die psychoanalytische Bewegung sind weitreichend und haben die Ausmaße eines Traumas angenommen, das bis heute nicht bewältigt ist. Die Auswirkungen des Nationalsozialismus implizieren nicht nur die Vertreibung und Tötung (Ermordung Anm.JSB) von Analytikern und die Zerstörung psychoanalytischer Institutionen auf dem europäischen Kontinent, sondern auch die Tatsache, daß z. B. in Deutschland die Psychoanalyse ins herrschende staatliche System integriert wurde. Das dies alles bis in die Gegenwart unbewußt wirksam ist, zeigt sich in den verzerrten und widersprüchlichen Darstellungen dieses Zeitabschnitts, im fehlenden Gedächtnis und in der Achtlosigkeit, mit der man mit historischen Fakten umgeht1[ii].

Obwohl ≫Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten≪ ein wesentliches Prinzip psychoanalytischer Arbeit darstellt, ist ein Großteil der Analytiker nicht in der Lage, dieses Prinzip auf die Ära des Nationalsozialismus (und ebensowenig des postnazistischen Deutschlands der Bonner Bundesrepublik und der gegenwärtigen Berliner Republik Anm. JSB) anzuwenden. Sie waren und sind den gleichen Abwehrprozessen unterworfen, wie sie typisch für die Gesellschaft sind, in der sie leben.

Die Entwicklung psychoanalytischer Identität, Theorie und Praxis sowie die Herausbildung (machtakkumulierenden Anm.JSB) psychoanalytischer Institutionen nach dem Krieg können nicht losgelöst davon betrachtet werden.

Die unterschiedlichen historischen Erfahrungen etwa von Juden, Deutschen und Holländern während des Nationalsozialismus müssen bei der Auseinandersetzung (welche Auseinandersetzung? Es findet gar keine Auseinandersetzung statt, nirgendwo, Anm. JSB) mit dieser Zeit zu verschiedenen Ansatzpunkten führen. Es scheint, als hätten die jeweiligen Erfahrungen, die nicht wahrgenommen und benannt werden durften, die Macht eines Tabus bekommen.

Wir entschlossen uns bewußt als Juden, die heute in Usterreich bzw. in der Bundesrepublik leben, dieses Thema aufzugreifen. Im ersten Teil unserer Arbeit wollen wir versuchen, eine knappe Skizze der histori­schen Fakten zu geben, während wir im zweiten Teil einige Überlegun­gen zur psychischen Verarbeitung dieser Realität anstellen. Wir verste­hen diese Arbeit als einen Versuch, den Prozeß von »Erinnern« und »Durcharbeiten« zu beginnen.

1932, einige Monate bevor Hitler Kanzler wurde, fand in Wiesbaden der 12. Internationale Psychoanalytische Kongreß unter Max Eitingons Vorsitz statt. Es war der bis heute letzte internationale psychoanalyti­sche Kongreß auf deutschem Boden. Daß dieser Kongreß in Deutsch­land stattfinden konnte, war für Eitingon in seiner Eröffnungsrede Aus­druck der zunehmenden Etabliertheit und Anerkennung der Psychoana­lyse in Deutschland. Die Gefahr, die sich für die Psychoanalyse durch das Erstarken des Nationalsozialismus abzeichnete, wurde kaum begrif­fen (Eitingon, 1933 b, S. 259; 1933 a). Bereits damals verließen viele Analytiker Deutschland2[iii].

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers wurde die Bestimmung erlassen, Juden aus den Vorständen wissenschaftlicher Vereine auszuschließen. Der Vorstand der DPG bestand damals aus drei Juden: Eitingon, Sim­mel, Fenichel. Boehm und Müller-Braunschweig fungierten als Stellver­treter. Am 17. April 1933 fuhr Boehm zu einer Aussprache mit Freud nach Wien. In einem Bericht darüber zitiert er Freud, »daß seines Erachtens eine Änderung des Vorstandes die Regierung nicht davon ab­halten würde, die Psychoanalyse zu verbieten«. In Boehms weiterer Darstellung kommt man zu dem Schluß, daß eine völlige Übereinstim­mung zwischen ihm und Freud in bezug auf den Rücktritt des jüdischen Vorstands bestanden habe3[iv]. Die Generalversammlung der DPG vom 6. Mai erwähnt er nicht. Dort wurde mit Stimmenmehrheit beschlossen, »keine Änderungen in den Besetzungen der Ämter in der Gesellschaft und im Institut eintreten zu lassen« (Boehm, 1933, S. 637).

All das spielte sich in einer Periode zunehmenden Terrors ab, in der Freuds Bücher mit den Worten »Gegen die seelenzerstörende Überschät­zung des Sexuallebens — und für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe dem Feuer die Schriften der Schule Sigmund Freuds« ver­brannt wurden. Freud meinte dazu: »Was wir für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen!« (E. Freud, L. Freud, Grubrich-­Simitis, Eissler, 1976, S. 238). Im Zynismus dieser Bemerkung schwingt, nachträglich betrachtet, etwas Verharmlosendes mit. Sie scheint den Nationalsozialismus in eine Kontinuität der jahrhundertelangen Juden­verfolgung in Europa zu stellen und doch die Hoffnung auszudrücken, daß dieser Spuk im 20. Jahrhundert bald vorübergehen werde. Zu dieser folgenschweren Fehleinschätzung kamen nicht nur bürgerliche Wissen­schaftler, sie bestimmte auch die Politik großer Teile der europäischen Arbeiterparteien. Viele Analytiker in Deutschland waren für ihr Enga­gement in linken Organisationen bekannt.

Am 18. 11. 1933 trat Eitingon als Vorsitzender der DPG zurück. Der Vorstand wurde auf Boehm und Müller-Braunschweig beschränkt. Nach dem Rücktritt des jüdischen Vorstands kam es schließlich, zwei Jahre später, zur vollständigen »Arisierung« der DPG. Die »Arisie­rung« bestand nicht allein in personellen Veränderungen. Das Berliner Psychoanalytische Institut und die Poliklinik, die aus Eitingons Mitteln finanziert worden waren (vgl. Freud, 1930, S. 5), gingen nach seiner Emigration nach Jerusalem vollständig in den Besitz des späteren Gö­ring-Instituts über.

Mit dem Wirksamwerden der Nürnberger Rassegesetze fand 1935 eine Geschäftssitzung der DPG unter Vorsitz von E. Jones statt, über die be­richtet wird, daß »die wenigen in Deutschland verbliebenen jüdischen Analytiker den Beschluß faßten, aus der DPG auszutreten« (Boehm, 1951, S. 3 f.).

Die »wenigen« jüdischen Analytiker machten damals etwa die Hälfte aller Mitglieder aus. Boehms Darstellung soll den Eindruck erwecken, daß Juden in dieser Zeit die Wahl hatten, freiwillig aus einer wissen­schaftlichen Vereinigung auszuscheiden oder in ihr zu verbleiben. Sie wird vollends fragwürdig, wenn man bedenkt, daß der nichtjüdische deutsche Analytiker Dr. Kamm auf dieser Sitzung seine Mitgliedschaft unter Protest niederlegte und gemeinsam mit den jüdischen Kollegen auswanderte (Dräger, 1971, S. 261).

Bei einem Treffen zwischen Anna Freud, Jones und Boehm anläßlich des Ausschlusses der jüdischen Mitglieder kam es laut Angaben Boehms zu einer völligen Übereinstimmung. Anna Freud berichtete einem der Autoren in einem Gespräch im Februar 1982 Gegensätzliches: Mit der Übereinstimmung sei es nicht weit hergewesen. Sie hätte Boehm gefragt, ob er auch Freud ausgeschlossen hätte, wenn er Mitglied der DPG gewe­sen wäre. Dieser bejahte ohne Zögern. Alles weitere war für sie dann die Angelegenheit der Deutschen. Sowohl sie als auch ihr Vater wollten mit den deutschen Angelegenheiten nichts mehr zu tun haben, was auch aus Boehms Bericht über seinen Besuch in Wien 1937 klar hervorgeht. Der Besuch erfolgte nach der Beschlagnahmung der Buchbestände des Inter­nationalen Psychoanalytischen Verlags4[v], nach dem von den Nazis er­zwungenen Austritt der DPG (Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft Anm.JSB) aus der IPV (Internationale Psychoanalytische Vereinigung Anm.JSB) und nach der Gründung des »Deutschen Instituts für Psychologische Forschung und Psychothera­pie«. Boehm erstattete in Wien Bericht zu einem Zeitpunkt, da das Gö­ring-Institut in die von Eitingon finanzierten Räumlichkeiten des BPI eingezogen war, die DPG nicht nur an diesem Institut mitarbeitete, son­dern ihren gesamten Besitz zur Verfügung gestellt hatte. Boehm wurde bei seinem dreistündigen Bericht von Freud mit den Worten unterbro­chen: »Genug, wir Juden haben jahrhundertelang um unserer Überzeu­gung willen gelitten, jetzt werden sich auch unsere christlichen Kollegen daran gewöhnen müssen, auch um ihrer Überzeugung willen zu leiden«5[vi] (Boehm, 1951, S. 6). Anschließend verließ Freud die Sitzung. Im Monat der sogenannten Kristallnacht, im November 1938, erfolgte die Auflö­sung der DPG, die ja gerade durch all diese Kompromisse hatte verhin­dert werden sollen. Sie wurde als »Arbeitsgruppe A« am Göring-Insti­tut weitergeführt, ohne daß die Mitglieder sich Analytiker nennen durf­ten. Der psychoanalytische Begriffsapparat mußte aus dem Sprachge­brauch eliminiert, es durften nur noch sogenannte Lehrbehandlungen durchgeführt werden. Bei aller auch noch so großen politischen Abstinenz war es unmöglich, die Vorgänge in Deutschland bei den nach 1933 stattfindenden internationalen psychoanalytischen Kongressen nicht zu erwähnen. 1934, beim IPV-Kongreß in Luzern, mußte Jones bemerken: »Es kann leider auch nicht behauptet werden, daß unsere Vereinigung durchaus frei von Rassen- und Nationalvorurteilen ist« (Jones, 1934, 5.112–115). Innerhalb der IPV gab es bereits damals unterschiedliche Haltungen zu den Ereignissen in Deutschland. Jones sah sich in seinem Abschlußbericht gezwungen, die Haltung der in Deutschland verbliebe­nen »deutschen und nichtjüdischen Analytiker«, im besonderen Boehms, gegen Kritik vehement zu verteidigen. Bei dieser Sitzung kam es zu ei­ner heftigen Debatte über die sogenannten wilden Analytiker der nordi­schen Länder und nicht über die Ereignisse in Deutschland (Jones, 1934, S. 131-135, 139). W. Reich war damals bereits aus Deutschland emi­griert und mit O. Fenichel an der Gründung einer psychoanalytischen Gruppe in Norwegen beteiligt, um deren Aufnahme in die IPV es ging. Wir vermuten einen Zusammenhang zwischen dieser Debatte und Reichs Ausschluß aus der IPV. Sein Ausschluß erfolgte 1934 auf diesem Kongreß. Bei diesem Ausschluß ging es darum, ihn aus der DPG zu ent­fernen, wo er schon längst unerwünscht war. Seine Kritik an der Hal­tung der DPG und der IPV gegenüber den Nazis war u. E. der entschei­dende Grund. »Man wird zwar geprügelt, bleibt aber vornehm dabei. Zwar wurden Freuds Bücher von A. Hitler verbrannt, zwar tritt die deutsche Psychotherapie unter der Führung C. G. Jungs in echt natio­nalsozialistischer Weise gegen den Juden und >Untermenschen< Sig­mund Freud auf, zwar findet die Psychoanalyse Freuds, soweit sie na­turwissenschaftlich ist, immer mehr Anerkennung und echte wahrhafte, verständnisvolle Vertretung im Lager der revolutionären Bewegung, aber man bleibt vornehm. Man sitzt zwischen den Stühlen und beruhigt sich mit objektivem Geist« (Reich, 1934, S. 59). »Man mag sich hinter Illusionen wie dem Glauben an eine >unpolitische<, das heißt der Poli­tik völlig disparate Natur der Wissenschaft verstecken: Das wird aber die politischen Mächte nie daran hindern, die Gefahren zu wittern, wo sie in der Tat liegen, und dementsprechend zu bekämpfen (z. B. Ver­brennung der Bücher Freuds)« (ebd., S. 61). Diese Position konnte von der IPV und der DPG angesichts ihrer kompromißbereiten Politik gegenüber den Nazis nur als Bedrohung empfunden werden; Reichs Ausschluß war daher konsequent. Das betrifft jedoch nur einen Aspekt der Kontroverse um Reich, auf die wir hier nicht näher eingehen wol­len.

Auch beim nächsten Kongreß in Marienbad 1936 wurde die Tragweite der Ereignisse falsch eingeschätzt. Sie wurden kurz erwähnt, aber Jones hielt an seiner ursprünglichen Position fest, das kompromißbereite Vor­gehen der DPG zu unterstützen. Die Mitarbeit am Göring-Institut wur­de nicht weiter kritisiert. Das »Deutsche Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie« (Göring-Institut Anm.JSB) war die herausragende psychotherapeu­tische Institution in Deutschland. Somit waren die Nazis die ersten, die die Ausübung der »Psychoanalyse« in einer staatlichen Institution er­möglichten. Finanziert wurde das Institut zunächst von der »Deutschen Arbeitsfront«, später vom Reichsinnenministerium. Der oberste Leiter war Dr. Linden, einer der Hauptverantwortlichen für die Euthanasie an Geisteskranken. Er hielt am Institut Referate, darunter eines über Ras­senhygiene. Es gab enge Verbindungen zur Luftwaffe, mehrere hohe Luftwaffenoffiziere nahmen an Seminaren und Praktika über Kurz­therapie teil. Führungsoffiziere erhielten am Institut eine Ausbildung zur »Wehrbetreuung«. Dabei hatten die Freudianer mehr Einfluß als die Jungianer (Cocks, 1975, S. 171). Das Institut stand offen im Dienst der Naziideologie: man arbeitete über Infertilität, Steigerung der Gebur­tenzahlen und Homosexualität6[vii]. Das Buch Kempers »Die Störung der Liebesfähigkeit beim Weib« wurde damals veröffentlicht. Die Ideologie, mit der das Institut die psychotherapeutische Versorgung einrichtete, wird in Görings Ansprache vor der Deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, 1938, deutlich: »Gesund zu sein und zu bleiben ist nicht eine private Angelegenheit, sondern eine Pflicht; jeder Schaden gegenüber Leben und Gesundheit, den wir erleiden oder verur­sachen ist ein Schaden gegenüber Deutschland. Die Verhütung von Schaden ist im Nationalsozialismus enthalten« (Cocks, 1975, S. 162, 305, 312, 283).

Eben dieser Göring, der im Institut »Papi« genannt wurde, bezeichnete die Freudsche Analyse als »rassenfremd«. Er war der Ansicht, daß die Freudianer am Institut zu sehr »verjudet« seien. Die Kurztherapie wur­de an diesem Institut besonders gefördert. »Papi« Göring war kein un­beschriebenes Blatt. Als Cousin des Reichsmarschalls Hermann Göring hatte er, nach dem Rücktritt Kretschmers, den Vorsitz der Deutschen Allgemeinen Gesellschaft für Psychotherapie übernommen, die Teil der übernationalen war und deren Vorsitz C. G. Jung innehatte. In der er­sten Sondernummer der Zeitschrift »Deutsche Seelenkunde« schrieb Gö­ring: »Die Gesellschaft setzt von allen ihren schriftstellerisch und rednerisch tätigen Mitgliedern voraus, daß sie A. Hitlers grundlegendes Buch >Mein Kampf< mit allem wissenschaftlichen Ernst durchgearbei­tet haben und als Grundlage anerkennen. Sie will mitarbeiten am Werk des Volkskanzlers, das deutsche Volk zu einer heroischen, opferwilligen Gesinnung zu erziehen« (zit. nach Zapp, 1980, S. 20 f.). In dem glei­chen Heft veröffentlichte Schultz-Hencke, Mitglied der DPG, den Auf­satz: »Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel.« Müller-Braun­schweig stand dahinter nicht zurück. 1933 schreibt er in einem Aufsatz über »Psychoanalyse und Weltanschauung« im »Reichswart«: »Der Psychoanalyse ist oft der Vorwurf gemacht worden, sie sei als For­schung und Therapie zersetzend und undeutsch … Es ist zugegeben, daß sie ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Gei­stes ist und es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt … Die Psychoanalyse bemüht sich, unfähige Weichlinge zu lebens­tüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebens­fremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu se­hen vermögen, ihren Trieben Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, Liebesunfähige und egoistische Menschen zu Lie­bes- und Opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Die­nern, am Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebensauffassung zu dienen« (Müller-Braunschweig, 1933, S. 22). Unter den Bedingungen eines Terrorregimes ist die Abgrenzung von der herrschenden Ideologie, bei ständigen Kompromissen mit diesem Regime, nicht möglich. Ob­wohl Müller-Braunschweigs Artikel, der nach der Bücherverbrennung erschien, eine Verteidigung der Psychoanalyse gegen nationalsozialisti­sche Angriffe sein sollte, muß er so enden, wie oben zitiert. Zu Beginn schreibt er: »Die gegenwärtige Gesamtlage fordert erneute Einwer­tung« (der Psychoanalyse). So wird die »Rettung« und »Verteidigung« der Psychoanalyse zum Wegbereiter für die Ideologie der Herrschenden. Auch für die Mitarbeit am späteren Göring-Institut trifft dies zu. Der angebliche Freiraum und die von vielen als »anregend« dargestellte At­mosphäre des Instituts konnten dagegen keinen Schutz bieten. Einzig die aktive Teilnahme am politischen Widerstand konnte verhindern, daß Teile der Nazi-Ideologie internalisiert wurden. Im Falle J. Rittmei­sters — dem Leiter der Poliklinik — führte dies allerdings zu seiner Hin­richtung.

1938, im Jahre der Auflösung der DPG, marschierten die Deutschen in Österreich ein. Bereits 1934, nach dem Februaraufstand in Österreich und der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates, ging es um zwei Arten von Bedrohung für die Psychoanalyse: um eine direkte, die im Zusammenhang mit der Betätigung in verbotenen linken Gruppie­rungen stand, und um eine indirekte, die mit dem Widerspruch zu tun hatte, in den die Psychoanalyse aufgrund ihres aufklärerischen Charak­ters mit der herrschenden klerikalen Ideologie geraten mußte. Diese Si­tuation führte zu besonderer Vorsicht bei Publikationen und zu einem »Verbot« des Vorstands der WPV (Wiener Psychoanalytische Vereinigung Anm.JSB), sich illegal politisch zu betätigen oder politisch aktive Patienten zu behandeln. Das stand nicht zuletzt in Zusammenhang mit der Verhaftung E. Jacobsons, die sich 1935 in Ber­lin weigerte, über einen politisch tätigen Patienten Auskünfte an die Gestapo zu erteilen7[viii].

Sterba berichtet über diese Zeit, daß Müller-Braunschweig einen Wiener Analytiker 1936 zu einem Vortrag ans Berliner Institut laden wollte; einzige Bedingung war, er müsse Nichtjude sein. Keiner der Wiener nichtjüdischen Analytiker fand sich unter diesen Bedingungen dazu be­reit, und das Ansinnen wurde abgelehnt (Sterbas Referat vor der WPV 1975). Auf der sofort nach dem »Anschluß« stattfindenden Vorstands­sitzung wurde beschlossen, daß »jeder, dem es möglich sei, aus dem Land fliehen solle und der Sitz der Vereinigung dorthin zu verlegen sei, wo sich Freud niederlasse« (Huber, 1977, S. 52). Richard Sterba, Nicht­jude, entschloß sich sofort zur Emigration. Er hatte den Vorschlag Mül­ler-Braunschweig abgelehnt, neuer Vorstand der Berliner Poliklinik zu werden. Anna Freud würdigte sein Verhalten mit den Worten: »Wir al­le waren überzeugt, daß Sie nicht die Rolle hier spielen würden, die Fe­lix Boehm in Berlin gespielt hat« (ebd.). Anna Freud berichtet in dem be­reits erwähnten Gespräch über Sterbas Begründung für seinen Ent­schluß: Er sei als Nichtjude der Gefahr der Anpassung noch viel stärker ausgeliefert gewesen als die Juden. Dieser Gefahr wollte er sich nicht aussetzen. Er erkannte die prinzipielle Unvereinbarkeit psychoanalyti­scher Tätigkeit mit den Anforderungen nach Anpassung unter einem Terrorregime und zog daraus die Konsequenzen.

Die Vorgänge, die sich im Zusammenhang mit der Beschlagnahmung des psychoanalytischen Verlags, der von Leipzig nach Wien gerettet worden war, abspielten, bleiben unklar. Martin Freud wurde unter Arrest ge­nommen. Anna Freud kam in Gestapo-Haft.8[ix]

Der nationalsozialistische Chemiker Sauerwald wurde als kommissari­scher Leiter der WPV, des Ambulatoriums und des Verlags eingesetzt. Die WPV wurde schließlich aufgelöst, die DPG, die damals noch exi­stierte, übernahm die Treuhänderschaft über die Rechte und Pflichten sowie das Vermögen der WPV. SA-Banden und Gestapo drangen mehr­mals in Freuds Wohnung ein. Die Situation schien derart verzweifelt, daß Anna Freud nach Schurs Darstellung an Selbstmord dachte, worauf Freud ihr erwiderte: »Warum? Weil sie (die Nazis) gerne möchten, daß wir das tun?« (Schur, 1973, S. 587).

Die Selbstmordrate stieg in Österreich nach dem »Anschluß« auf das Doppelte bis Dreifache an. Die »New York Times« berichtet im März 1938 aus Wien, daß »die Juden schutzlos Verhaftung, Plünderung, Be­raubung ihres Lebensunterhaltes und der Wut des Mobs ausgesetzt seien« (zit. nach Rosenkranz, 1978, S. 39).

Freud emigrierte schließlich am 14. Juni 1938 mit seiner Familie nach London. Die meisten Analytiker folgten bald, und von den 102 Analy­tikern und Kandidaten blieben schließlich nur zwei Analytiker und vier Kandidaten in Wien zurück (Huber, 1977, S. 56). Die Emigration so vieler in so kurzer Zeit — den meisten gelang die Emigration bereits vor der »Kristallnacht« — konnte nur durch das mutige und entschlossene Verhalten von Marie Bonaparte ermöglicht werden. Trotzdem gelang es nicht, die vier Schwestern Freuds zu retten, sie kamen in deutschen KZs um (vgl. Kriill, 1979, S. 254 f.)9[x].

Die Redaktion der »Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse« und der »Imago« wurde nach London verlegt. Der letzte Jahrgang dieser Zeitschrift erschien 1941. Seitdem gibt es sie nicht mehr. Eingestellt wurden auch die »Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik«, »Der Almanach der Psychoanalyse« und »Die psychoanalytische Bewegung«.

Die Beziehungen zwischen den wenigen in Wien verbliebenen Analyti­kern und der NS-Macht waren nie so eng wie in Berlin. Denn in Wien gab es nicht eine solche Institution wie das »Deutsche Institut für psy­chologische Forschung und Psychotherapie«, und Winterstein selbst war »rassisch« nicht »einwandfrei«. August Aichhorn wurde 1938 als einzi­ger Osterreicher Mitglied des Göring-Instituts (sein Sohn war in Dachau inhaftiert). Diese Mitgliedschaft ermöglichte es ihm, Kandidaten auszu­bilden. Ein großer Teil von ihnen waren Ärzte und Psychologen aus der Heeres- und Luftwaffenpsychologie bzw. -psychiatrie (Huber, 1977, S. 64). Auf Veranlassung von M. H. Göring wurde Aichhorn 1938 auch Mitglied der »Wiener Arbeitsgemeinschaft«. Diese war im gleichen Jahr von M. H. Göring als Zweigniederlassung des »Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie« gegründet worden. Ein Mitglied dieser Arbeitsgemeinschaft, Graf Karl von Montesizky, wurde von der Gestapo verhaftet und kam in einem KZ um (ebd., S. 65).

1938 wurde der 15. Internationale Psychoanalytische Kongreß in Paris von Jones mit den Worten eröffnet: »Unsere heutige Zusammenkunft steht unter dem Eindruck eines neuen, fürchterlichen Schlages, den die Psychoanalyse erlitten hat, das ist die Auflösung der Wiener Psycho­analytischen Vereinigung .. « ( Jones, 1938, S. 361-363).

1939, nach Ausbruch des Krieges, wurde das Pariser Institut geschlos­sen. Analytiker mußten aus Frankreich emigrieren oder wurden, nach der deutschen Okkupation 1940, ermordert.

In Polen wurde der Entwicklung der Psychoanalyse um Bykowski und Bornstein und der weiteren Entfaltung der Psychoanalyse in der psych­iatrischen Abteilung des jüdischen Krankenhauses in Warschau ein Ende gesetzt. Im Warschauer Getto starb Salomea Kempner, die Mitglied der DPG gewesen war.

In Italien wurde die psychoanalytische Vereinigung von den Faschisten ebenfalls aufgelöst, obwohl E. Weiss gute Beziehungen zu Mussolini ge­habt haben soll, was für die Rettung Freuds von großer Bedeutung war. 1941, als in Holland Juden aus der holländischen psychoanalytischen Gesellschaft austreten mußten, löste sich die Amsterdamer Gruppe frei­willig auf. Insgeheim fanden jedoch wöchentlich wissenschaftliche Sit­zugen mit Themen wie »Aggression in unserer Zeit « (Dr. P. Tibout) oder »Demokratische und totalitäre Regierungsformen« (Dr. van der Hoop) statt. Die Ausbildung von 16 Kandidaten und die psychoanalytische Behandlung wurde im Untergrund fortgesetzt. Jüdische Analytiker wurden versteckt.

Karl Landauer, der vor den Nazis aus Deutschland nach Holland geflohen war und nicht nur das Frankfurter Institut, sondern auch die holländische psychoanalytische Vereinigung mitbegründet hatte, wurde von den Nazis nach Theresienstadt deportiert und kam in Bergen-Belsen um (Nunberg und Federn, 1981, S. XXI; van der Sterren, 1946, 83—86). Watermann starb ebenfalls in einem deutschen KZ. Die Prager psychoanalytische Gruppe wurde ebenfalls aufgelöst; Fenichel, der von 1922 bis 1934 in Berlin tätig war und über Oslo nach Prag kam, mußte in die USA emigrieren. Die ungarische Gruppe konnte bis zur Invasion durch deutsche Truppen 1944, wenn auch unter Repressionen, weiterarbeiten. Jede Sitzung mußte polizeilich gemeldet werden und wurde observiert. Antisemitische Maßnahmen wurden auch in Ungarn immer stärker, bis 1941 der Vorstand der Vereinigung nicht mehr von einem Juden besetzt werden durfte. Mit dem deutschen Einmarsch wurde jede Aktivität der psychoanalytischen Vereinigung verboten, Juden durften weder behandeln noch behandelt werden. Insgeheim traf man sich jedoch weiter zu Sitzungen, auch jüdische Patienten wurden behandelt. Mit dem Beginn der Massendeportationen ungarischer Juden nach Auschwitz mußten sich die jüdischen Analytiker versteckt halten. Einige lebten unter schwedischem Schutz, andere suchten in Rot-Kreuz-Häusern Zuflucht. Trotzdem starben Géza Dukes, Miklos Gimes, Nicolaus Sugaŕ in KZs, Laszlo Révész, Erzsébet Petö-Pardos und J ános Kerényi wurden von Pfeilkreuzlern ermordet (Hermann, 1946, S. 87—92)11.

 

II a

Die verzerrte Darstellung der Ereignisse zwischen 1933 und 1945 durch die Nachkriegs-»Urväter« (und »Urmütter« Anm.JSB) der Psychoanalyse in der BRD sollte das eigene Verhalten rechtfertigen. Sie ist nur als Entlastungsversuch zu verstehen. Da gibt es kein Wort der Trauer und des Bedauerns12, im Gegenteil, es wird noch der Versuch unternommen, das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Bedauert wird allein das eigene Leid oder der Verlust an intellektuellen Kapazitäten, der durch das »Weggehen« — so wird die Vertreibung und der Ausschluß der jüdischen Mitglieder bezeichnet — eintrat. In der Darstellung der Entwicklung der DPV nach dem Krieg wird ein Ton der Harmonisierung deutlich, besonders wenn es um das Verhältnis zur IPV geht, der den Tatsachen nur zum Teil entspricht. Jones war nach der Trennung von Schultz-Hencke um den Aufbau der DVP bemüht13. Von seiten der Internationale kam es jedoch nie zu einer Klarstellung des Verhältnisses zu den deutschen Analytikern. Das Mißtrauen der emigrierten Analytiker war sehr groß. Viele weigerten sich nach dem Krieg, die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit zu verwenden, die deutschen Analytiker scheuten nach der Trennung von Schultz-Hencke eine weitere Klarstellung. Noch 1977, beim internationalen Kongreß in Jerusalem, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen und Ablehnungsäußerungen, als Berlin für den nächsten Kongreß vorgeschlagen wurde.

Als Begründung für das Verhalten deutscher Analytiker während der Nazizeit ist immer wieder die »Rettung« der Psychoanalyse angegeben worden. Aber es ging nicht nur um die Psychoanalyse. Auch die eigene Sicherheit und die soziale Position, die mit ihr verbunden war, sollten um jeden Preis gerettet werden. Baumeyer versucht die großen persönlichen Opfer darzustellen, die darin bestanden, »daß die Psychoanalyse nur durch ›Arier‹ in Deutschland vertreten werden durfte und daß Hinweise auf die jüdische Abkunft vermieden werden mußten«. Man hat fast den Eindruck, daß die »Arier« die Opfer bringen mußten, während die Juden emigrierten. Er schreibt weiter: »Mir scheint, daß das Ergebnis nachträglich das kompromißbereite Vorgehen der DPG gerechtfertigt hat: Die Psychoanalyse ist in Deutschland erhalten geblieben… !« In der weiteren Darstellung der Ergebnisse nach 1945 kommt die Haltung Baumeyers noch deutlicher zum Vorschein: »1946 wurde nicht eine neue DPG gegründet, sondern die alte DPG (die alten Mitglieder und der alte Vorstand) nahmen ihre Tätigkeit wieder auf« (Baumeyer, 1971, S. 205 und 234). Daß die alten Mitglieder und der alte Vorstand in der Zwischenzeit über die ganze Welt verstreut waren, scheint ihm nicht weiter erwähnenswert.

Mit der 1950 erfolgten Trennung der DPV von der DPG sollte der Eindruck entstehen, mit den Ereignissen in der Nazizeit nichts zu tun gehabt zu haben.

Die Gründungsmitglieder der DPV waren freilich eben­so am Göring-Institut tätig wie die DPG-Mitglieder. Die Verleugnung in manchen Darstellungen geht sogar soweit, die Psychoanalyse in der Nazizeit für tot zu erklären, um nicht sehen zu müssen, wie sehr sie sich in den Dienst der herrschenden Ideologie gestellt hatte. Im Göring-In­stitut hing Freuds Bild gegenüber Hitlers Porträt und wurde schließlich 1938 endgültig entfernt (Cocks, 1975, S. 155).

In den nachträglichen Rechtfertigungsversuchen ging es nicht um Klar­stellung, sondern darum, eigene Schuldgefühle und fremdes Mißtrauen (Schuldgefühle? Eher Angst als diejenigen enttarnt zu werden, die sie waren: keine Psychoanalytiker sondern eine opportune machtakkumulierende Psychokratie-Nomenklatura. Anm.JSB) aus der Welt zu schaffen; man hatte nichts zu bedauern und nichts in Frage zu stellen. Es ging um den Wiederaufbau der DPV, als handele es sich um die Stunde Null. Das Wiederaufleben der Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 wäre vielleicht anders, mit weniger Schuldge­fühlen erfolgt, wenn es nicht zum Ausschluß der jüdischen Mitglieder gekommen wäre, wenn sich die »arischen« Analytiker nicht in den Dienst der Nationalsozialisten am Göring-Institut gestellt hätten. In der Mythenbildung um diese Periode wird unterschlagen, daß es auch ande­re Möglichkeiten des Handelns gab.

In Österreich wurde bereits 1947 zwischen Anna Freud und Aichhorn der Kontakt wieder aufgenommen. Nach Wien kamen kaum emigrierte Analytiker zurück, es war eher so, daß Analytiker Wien verließen.

Solms führt dies in seiner Arbeit auf die allgemein schwierige politische Situation in Österreich nach 1945 zurück, wobei er besonders die Besat­zung durch die Alliierten hervorhebt.

Gerade in Wien sei der Einfluß der Sowjets sehr stark spürbar gewesen (Solms-Rödelheim, 1976, S. 1180-1191).

Wir sind nicht sicher, ob nicht auch andere Faktoren dafür ausschlagge­bend waren. Von seiten der emigrierten Analytiker herrschte ein nicht immer begründetes Mißtrauen gegenüber den in Wien gebliebenen »ari­schen« Kollegen, das — zumeist unausgesprochen — die Situation noch komplizierte.

Es ging in Österreich nach der Befreiung nicht nur um eine schwierige politische Situation. Die Juden, die vorher vertrieben worden waren, waren auch nicht recht erwünscht. In keinem gesellschaftlichen Bereich wurden Juden zur Rückkehr nach Österreich eingeladen (in Deutschland auch nicht. Anm. JSB).

Alle politischen Parteien waren im gesamten öffentlichen Leben darum bemüht, das Geschehene vergessen zu machen. Was Mitscherlich für die Bundesrepublik als »manische Abwehr durch Ungeschehenmachen im Wirtschaftswunder« bezeichnete, gilt auch für Österreich. In Österreich kam der Mythos, der noch heute gepflegt wird, hinzu, daß das Land von den Deutschen überfallen wurde.

 

II b

Die Forderung, die A. und M. Mitscherlich in ihren Arbeiten über die Bewältigung des Nationalsozialismus gesamtgesellschaftlich aufstellen, nämlich »Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten«, ist gleichermaßen für die Psychoanalyse zu erheben. Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Psychoanalyse stößt man sehr bald auf einen gesellschaftlichen ta­buierten Bereich. Im »Wirtschaftswunder« wurden die Mauern aufge­baut, die den Blick auf die eigene Vergangenheit verstellen halfen. A. und M. Mitscherlich zeigen in ihrer Arbeit »Die Unfähigkeit zu trau­ern« die sozialpsychologisch wirksamen Abwehrmechanismen auf, die sich — so meinen wir — auch in psychoanalytischen Institutionen aus­breiten konnten und damit die Auseinandersetzung mit der eigenen Ge­schichte verhinderten. Gleichzeitig erscheint der psychoanalytische Bei­trag zur Sozialpsychologie der jüngsten Vergangenheit und ihrer Verar­beitung heute als ebenso unerwünscht wie die Libidotheorie zu Anfang des Jahrhunderts.

Analytische Vorurteilslosigkeit erweist sich unter diesen Bedingungen als Illusion. Unter das Tabu fällt nicht nur der Nationalsozialismus, es wird auf Juden und Judentum ausgedehnt. Peinlichkeit und Scham tau­chen auf, wenn es nur darum geht, das Wort Jude auszusprechen.(lange nicht mehr! Antisemitismus als „Israelkritik“ überall! Anm.JSB) Gleichzeitig entsteht bei vielen Kollegen mit dem Eintritt in die Verei­nigung die Phantasie, in eine geschlossene jüdische Gesellschaft einzutre­ten, der sie sich nicht zugehörig fühlen. Diese Phantasie kann im Dienst der Verleugnung der heutigen österreichischen und deutschen Realität stehen: nicht wahrhaben zu wollen, daß es in der WPV und DPV kaum noch Juden gibt. Fast ist es so, als ob der eigentliche Zugang zur Psy­choanalyse über das Judentum und nicht über das Erkenntnisinteresse erfolgen müßte.

Die Vorstellung von der Psychoanalyse als einer »jüdischen Wissen­schaft« scheint uns einer Idealisierung zu dienen. Sie äußert sich in einer Mystifikation jüdischen Denkens und jüdischen Geistes und kann nicht zuletzt als Reaktionsbildung auf aggressive Strebungen verstanden werden.

Die Überhöhung, derer sich Juden bedienen, wenn es um Kulturleistungen und wissenschaftliche Errungenschaften geht, steht im Zusammen-hang mit Schamgefühlen. Jüdischer Stolz und jüdische Scham sind nur zu verstehen im Spannungsfeld von jahrhundertelanger Verfolgung einer Minorität und der sehr kurzen Geschichte ihrer bürgerlichen Rechte14.

In den Anfängen der Psychoanalyse waren bei ihren Gegnern antisemitische Töne nicht zu überhören. Die Psychoanalyse als »jüdische Wissenschaft« ist keine Erfindung der Antisemiten, der Jude Freud war eine Realität, was er in seiner »Selbstdarstellung« klar zum Ausdruck brachte:

»Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß ich mich als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war. Das erstere lehnte ich mit Entschiedenheit ab. Ich habe nie begriffen, warum ich meine Abkunft, oder wie man zu sagen begann: Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß sich für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen innerhalb des Rahmens des Menschentums auch ohne solche Einreihung finden müsse. Aber eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke von der Universität war, daß ich so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in der Opposition zu stehen und von der ›kompakten Majorität‹ in Bann getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils wurde so vorbereitet« (Freud, 1925 a, S. 34 f.)

In »Die Widerstände gegen die Psychoanalyse« heißt es weiter:

»Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage aufwerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser Art ist nur selten laut geäußert worden, wir sind leider argwöhnisch geworden, daß wir nicht umhin können, zu vermuten, der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung geblieben.

Es ist vielleicht auch kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen« (Freud, 1925 b, S. 110).

Über sein Verhältnis zum Judentum schreibt Freud:

»Was mich ans Judentum band, war — ich bin schuldig, es zu bekennen — nicht der Glaube, auch nicht der nationale Stolz, denn ich war immer ein Ungläubiger, bin ohne Religion erzogen worden, wenn auch nicht ohne Respekt vor den ›ethisch‹ genannten Forderungen der menschlichen Kultur. Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und ungerecht, erschreckt durch die warnenden Beispiele der Völker, unter denen wir Juden leben . ..14 Als Illustration des jüdischen Stolzes mögen folgende Witze dienen: Ein Jude sitzt neben einem fremden Herrn im Variete. Ein berühmter Vortragskünstler tritt auf. Der Jude dreht sich zu seinem Nachbarn und flüstert: »Einer von unsere Leut!« Bei der bekannten Sängerin tippt er den Herrn an und meint voller Stolz: »Auch von unsere Leut.« Ein Tänzer kommt auf die Bühne: »Auch von unsere Leut!« »Oh Jesus!«, stöhnt der Nachbar. Bestätigend darauf der Jude: »Auch von unsere Leut!«

— In der Klasse sollen die Schüler berühmte Wissenschaftler nennen. Klaus: »Einstein!« Werner: »R. Koch!« Jochen: »S. Freud!« Moischele: »Herr Lehrer, darf es auch ein Nichtjude sein?«

Aber es blieb genug anderes übrig, was die Anziehung des Judentums und der Juden unwiderstehlich machte, viele dunkle Gefühlsmächte, um so gewaltiger, je weniger sie sich in Worte erfassen ließen, ebenso, wie die klare Bewußtheit der inneren Identität, die Heimlichkeit der gleichen seelischen Konstruktion. Und dazu kam bald die Einsicht, daß ich nur meiner jüdischen Natur die zwei Eigenschaften verdankte, die mir auf meinem schwierigen Lebensweg unerläßlich geworden waren. Weil ich Jude war, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einvernehmen mit der ›kompakten Majorität‹ zu verzichten« (Freud, 1926, S. 51 f.).

Dies entspricht dem, was I. Deutscher nicht nur über Freud, sondern ebenso über Spinoza, Heine oder Marx sagt. Sie alle haben die Grenzen des Judentums gesprengt, »… sie waren apriori außergewöhnlich insofern, als sie, die Juden, an der Grenze zwischen unterschiedlichen Zivilisationen, Religionen und nationalen Kulturen gelebt haben und an der Grenze zwischen unterschiedlichen Epochen geboren und aufgewachsen sind. Ihr Denken reifte dort heran, wo die verschiedenartigsten kulturellen Einflüsse sich kreuzten und wechselseitig befruchteten … Jeder von ihnen gehörte zur Gesellschaft und doch wieder nicht, war ein Teil von ihr und doch wieder nicht. Dieser Zustand hat sie befähigt, sich in ihrem Denken über ihre Gesellschaft, über ihre Nation, über ihre Zeit und Generation zu erheben, neue Horizonte geistig zu erschließen und weit in die Zukunft vorzustoßen« (Deutscher, 1968, S. 8 f.).

Die Ausgrenzung, die für die analytische Identität von Bedeutung ist, ist nicht eine gleichsam angeborene, sondern eine, die Freud, aber auch Deutscher hervorhebt, an der Grenze zwischen den Kulturen stehend, aber im Sinne einer Wahl, nicht zur Gesellschaft gehörend und doch ein Teil von ihr zu sein. Judentum an sich, leidvolle eigene Erfahrungen, oder die der Eltern, können nicht die Garantie für Erkenntnisinteresse und Wahrhaftigkeit sein. Wenn die Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung, die persönlichen geschichtlichen Erfahrungen nicht durchgearbeitet sind, spielt auch bei Juden Angst, Scham und Verleugnung eine ganz wesentliche Rolle. Sehr oft wird die »Überlebensschuld« der Opfer zitiert, aber, wie uns scheint, ohne daß die nötigen Aspekte, die abgewehrt werden müssen, beleuchtet werden. Der Begriff der »Überlebensschuld« kann sehr leicht zu simplifizierenden Gleichsetzungen führen und erfreut sich bei Emigranten und auch deutschen Analytikern großer Beliebtheit. Das Phänomen der Überlebensschuld findet man tatsächlich sehr häufig bei ehemaligen KZ-Insassen. Die Frage: »Wie kann ich leben, wenn die wertvollsten und besten Menschen umkamen?« taucht immer wieder auf. Aber welches Maß an Scham und Entwürdigung bedeutet es, die Ermordung von Kindern und Eltern hilflos ertragen und überleben zu müssen? Der Begriff der »Identifikation mit dem Aggressor« hinsichtlich der KZ-Erfahrung scheint uns ebenso fragwürdig. Zunächst wird zwischen den verschiedenen Typen von KZ nicht differenziert. Aber für das Überleben in einem Vernichtungslager waren andere Überlebensstrategien notwendig als in einem »normalen« KZ. In Vernichtungslagern war nach der anfänglichen Verleugnung, die sehr bald angesichts der schrecklichen Wirklichkeit zusammenbrechen mußte, das Überwinden der nachfolgenden Regression von besonderer Bedeutung. Diese Regression konnte entweder zum »Muselman« führen, was den sicheren Tod bedeutete, oder ihren Ausweg darin finden, durch Anpassung an die tödliche Realität Strukturen zu internalisieren, die Überlebensstrategien ermöglichten und wie Fremdkörper in zerstörte Persönlichkeitsbereiche eindrangen.

Diese internalisierten Anteile der KZ-Welt waren allen Strukturen der »normalen« Welt entgegengesetzt, und nach der Befreiung, bei der Rückkehr in die »Normalität« scheint das Aufgeben dieser Anteile deshalb unmöglich zu sein, weil es mit der Realisierung des Ausmaßes der Vernichtung einhergehen müßte. Sie bleiben zerstörerisch in den bereits zerstörten Persönlichkeitsanteilen wirksam. Die Trauer scheint endlos.

Es war nicht nur die industrielle Massenvernichtung von Menschen — die heute verschleiernd Holocaust genannt wird —, es war die Vernichtung eines Volkes und seiner Welt mit allen Ausdrucksformen seiner Kultur, von der kaum archäologische Spuren zurückblieben. Offen bleibt, ob die kritiklose Anwendung des Begriffs der »Identifikation mit dem Aggressor« für alle ehemaligen KZ-Insassen nicht eher mit den Gefühlen der Therapeuten angesichts des Ausmaßes der Vernichtung zu tun hat als mit denen der Patienten. Grubrich-Simitis betont in erster Linie Gegenübertragungsgefühle, die die Arbeit mit solchen Patienten stören können. Sie stehen in Zusammenhang mit der Abwehr narzißtischer Ängste, sich mit dem Opfer zu identifizieren, und führen zu einer Einfühlungsverweigerung. Geht es aber dabei nicht um die Schuldgefühle des Analytikers, die aus seiner eigenen historischen Position herrühren und mit Hilfe dieser Einfühlungsverweigerung abgewehrt werden müssen?

Sind es nicht Schuld und Scham, die es ihm unmöglich machen, die Geschichte des Patienten erstmals als eine historische Realität zu sehen, um schließlich erarbeiten zu können, wie weit diese Realität vielleicht auch als Abwehr im psychoanalytischen Prozeß benützt wird?

Die Angst vor Ausgrenzung spielt bei Juden, die nach dem Krieg geboren wurden, eine bedeutende Rolle. Auch für diese sogenannte zweite Generation wird sehr häufig die »Identifikation mit dem Aggressor« bemüht, wobei dann noch der Versuch unternommen wird, politische und soziale Phänomene des heutigen Staates Israel damit zu erklären. Daß hinter dieser »Identifikation« ein unglaubliches Maß an Bedrohung und Angst steht, sich mit dem Opfer zu identifizieren, mit jenen Anteilen der Eltern, die Entwürdigung, Entmenschlichung und Trauer repräsen­tieren, tritt nur allzu oft in den Hintergrund. Wenn es nicht gelingt, diese Anteile in den Lehranalysen zu bearbeiten, weil Gegenübertra­gungsgefühle der Lehranalytiker das nicht zulassen, bleiben die Ängste, aber auch die Schwierigkeit, einen realen Bezug zur Wirklichkeit herzu­stellen, bestehen. Statt dessen wird das eigene Leben zu einem Monu­ment der Erinnerung an die Vergasten und die Leiden der Eltern.

Allzu oft scheint es in Analysen mit solchen Patienten dem Therapeuten darum zu gehen, unbewußte Phantasien oder verdrängte Triebkonflikte zu benützen, um die schreckliche historische Wirklichkeit nicht wahr­nehmen zu müssen. Erst nachdem das Ausmaß des Grauens auf der Realitätsebene rekonstruierbar wird, kann festgestellt werden, inwie­fern diese Realität auch der Abwehr unbewußter Strebungen und Kon­flikte dient. Wenn jüdische Analytiker die eigene Wirklichkeit nicht wahrnehmen und bearbeiten konnten, können sie für die Realität deut­schen Leidens nicht offen sein.

 

II c

Für Deutsche und Österreicher ist die Grenze zwischen phantasierter und realer Schuld schwer zu ziehen. In der jeweils staatlich sanktionier­ten Darstellung deutscher Geschichte von »Dolchstoßlegende« bis »Volk ohne Raum«, vom »Zusammenbruch« bis zur »Besatzung« durch die Alliierten bleibt Deutschland das Opfer. Ebenso sollen »Wiederauf­bau« und »Stunde Null« die eigene Geschichte voll Aggression, Verbre­chen und Schuld auslöschen. Zurückkehren die ichschwachen, autori­tätshörigen, hilflosen Väter. Im phantasierten Kriegsverbrecher jedoch kann die idealisierte Allmacht und Größe verborgen bleiben. Die Schuld­ängste, die diese unbewußten Omnipotenzphantasien begleiten, können durch Identifikation mit dem Opfer abgewehrt werden. Parolen, die jüngst in Frankfurt im Verlauf der Auseinandersetzungen um die Start­bahn West auftauchten, scheinen uns paradigmatisch: »Wir sind die Ju­den von heute. Die Juden wurden in Gaskammern vergast, wir auf der Straße«. In dem Gefühl, selber das Opfer von Nazis zu sein, nämlich der eigenen Eltern, kann man sich die Suche nach den Ich- und Überich-Anteilen ersparen, die eben die abgelehnten Anteile der Elternobjekte repräsentieren (vgl. auch Simenauer, 1980, S. 8 f.). In Gesprächen mit jüngeren Kollegen, aber auch bei der Tagung der deutschsprachigen psychoanalytischen Vereinigung in Bamberg 1980 wurde deutlich, daß in Lehranalysen die Geschichte der Eltern im Nationalsozialismus häufig nicht vorkommt. Das gesellschaftliche Tabu geht soweit, daß auch in der Analyse über diese Epoche nicht gesprochen wird, was mit unserem Anspruch auf Wahrhaftigkeit unvereinbar ist. Wenn diese Anteile auch in Lehranalysen nicht vorkommen, weil der Lehranalytiker sich in die­ser Angelegenheit vielleicht befangen fühlt, es ihm peinlich und unange­nehm ist oder er sich überhaupt von dieser historischen Erfahrung aus­nehmen, mit ihr nichts mehr zu tun haben will, bleiben sie unverändert erhalten. Wo eigene autoritäre Strukturen, aggressive und analsadisti­sche Anteile, Vorurteile und Ressentiments zum Vorschein kommen, werden sie voller Angst und Schuld wahrgenommen. Antisemitische Ressentiments unterlagen seit der Jahrhundertwende einem Wandel. Nach Auschwitz haben sie den unverwechselbaren Beigeschmack von Vernichtung. Das macht es vielen jüngeren Kollegen schwerer, sich mit solchen Ressentiments mit der gleichen Wahrhaftigkeit auseinanderzu­setzen, wie mit Ängsten, Hemmungen und Vorurteilen, die die Sexuali­tät betreffen. Man kann sogar annehmen, daß der Beruf des Analytikers als eine Art »Deckidentität« benutzt wird, wenn Schuld und Scham über die eigene Geschichte unbearbeitet bleiben, aber auch dazu, dem Konflikt mit den Anteilen der Elternimagines zu entgehen, die abge­lehnt werden und in Zusammenhang mit dem Naziregime stehen. Die Idealisierung Freuds, des Judentums und schließlich des Berufs des Ana­lytikers kann man als Abwehr dieser Anteile interpretieren. Wie Heine den Taufzettel als Entree-Billet zur europäischen Kultur erlebte, so kön­nen umgekehrt für Analytiker die Initiationsriten in den Instituten als Aufnahme in die internationale menschliche Gesellschaft erlebt werden. Wenn psychoanalytische Identität in erster Linie durch Abgrenzung von den Nazieltern15[xii] bestimmt ist, muß das Erkenntnisinteresse in den Hinter­grund treten. Konformismus und Anpassung werden vorherrschend, um diese Deckidentität vor Konflikten zu schützen.

 

11 d

Solche »blinden Flecken« in ganz wesentlichen Persönlichkeitsbereichen, die in engem Zusammenhang mit gesellschaftlicher Anpassung stehen, müssen einer Entwicklung hinderlich sein, die Psychoanalyse zu einer unabhängigen Wissenschaft vom Seelenleben zu machen und eine lebendige,

kreative Auseinandersetzung zu ermöglichen.

Die heutige Verschulung und Anpassung der Psychoanalyse an medizinisch-akademische Normen scheint uns durch die historische Erfahrung der Psychoanalyse im Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich determiniert zu sein. Die »Rettung« der Psychoanalyse vollzog sich unter größtmöglicher Anpassung und Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Forderungen des Nazisystems. Sie wurde als eine Therapieform unter vielen in eine staatliche Institution eingegliedert und durfte dabei nicht einmal ihren Namen behalten. Zu vermuten ist, daß dieser historische Hintergrund in seiner unbewußten Wirksamkeit die gegenwärtige Praxis von Analytikern bestimmt, die in ausgesprochen analysefeindlichen Institutionen tätig sind und dabei die Psychoanalyse problemlos handhaben »… wie eine Brille, die man beim Lesen aufsetzt und fürs Spazierengehen ablegt … Die Psychotherapeuten, die sich gelegentlich auch der Analyse bedienen, stehen nach meiner Kenntnis nicht auf sicherem analytischen Boden« (Freud, 1932, S. 164). Die Versuche, Antagonismen zu eliminieren, kann man in der psychoanalytischen Theoriebildung wiederfinden, wenn Anpassung an gesellschaftliche Normen und Bedürfnisse sich insgeheim Eingang verschafft.

Das analytische Bild richtigen Lebens hat sich immer stärker an der Harmonie der Instanzen (Es-Ich-Überich) orientiert. Mit dem Weglassen von Trieb- und Strukturtheorie geht es schließlich nur noch um Balance und Harmonie. Die Psychoanalyse verliert so immer mehr ihren aufklärerischen Inhalt, die »Psychotherapie trat ihr Erbe an« (Adorno, 1955, S. 103). »Die Größe Freuds besteht, wie die aller radikalen bürgerlichen Denker darin, daß er solche Widersprüche unaufgelöst stehen läßt und es verschmäht, systematische Harmonie zu prätendieren, wo die Sache selber, in sich, zerrissen ist« (Adorno, 1952, S. 111).

Die Entwicklung der Psychoanalyse in den USA läßt sich von den Ereignissen in Europa nicht loslösen, wo durch die Naziherrschaft eine eigenständige Entwicklung und Auseinandersetzung unterbrochen wurde.

Die Verbindung zwischen Emigration und Verfolgung herzustellen, ist offenbar zu bedrohlich. Die oft beklagte »Amerikanisierung der Psychoanalyse« kann beitragen, diesen Aspekt zu verdecken16[xiii].

Wir glauben zeigen zu können, daß Analytiker dem Anpassungsdruck der »kompakten Majorität« auch nach dem Krieg, wo es nicht mehr um persönliche Bedrohung, sondern um handfeste soziale Vorteile ging, nicht standhalten konnten (und nicht standhalten wollten. Anm.JSB). Juden und Nichtjuden waren in unterschied­licher Weise am gesellschaftlichen Prozeß der Verleugnung beteiligt. Psychoanalytische Identität stand gerade in den Anfängen der Psycho­analyse in Widerspruch zu gesellschaftlichen Normen und Wertvorstel­lungen. Mit dem Bemühen um gesellschaftliche Anerkennung mußte („mußte“? Anm.JSB) die kulturkritische Dimension der Psychoanalyse weitgehend verlorenge­hen. Das Erkenntnisinteresse verengte sich, der Anpassung an medizi­nisch-akademische Normen zuliebe, immer stärker. Die Schaffung eines staatlich sanktionierten Titels wie »Facharzt für Psychoanalyse« ent­spricht dieser Tendenz. Bürokratisch-hierarchische Strukturen der Aus­bildungsinstitute, Verschulung und fehlende Kreativität gehören dazu. Konformismus der Psychoanalyse nach außen und Konformismus in den Instituten verbergen sich oft unter dem Deckmantel der Orthodoxie und eines idealisierten Freuds-Bildes. Es mag vielen Kollegen unanaly­tisch erscheinen, auf die politischen und historischen Bedingungen von Phänomenen, denen wir an unseren Ausbildungsinstituten und in unse­rer klinischen Arbeit begegnen, so ausführlich einzugehen. Was die Re­konstruktionsarbeit für die Identitätsfindung unserer Patienten bedeu­tet, muß im gleichen Maße für Psychoanalytiker in ihren Institutionen, in ihrer klinischen Arbeit und in der Theorie gelten. Die bewußte Ver­arbeitung des realen Traumas, das der Nationalsozialismus in der Ge­schichte der psychoanalytischen Bewegung darstellt, ist Voraussetzung für die Weiterentwicklung unserer Wissenschaft. Die Forderung nach Wahrhaftigkeit kann vor der Identität des Analytikers nicht Halt ma­chen.

(Anschrift der Verfasser:

  • Elisabeth Brainin, Händelgasse 1/4/42, 1170 Wie
  • Isidor J. Kaminer, Melemstr. 7, 6000 Frankfurt 1)

Suimmary

Psychoanalysis and national socialism. — German psychoanalysts who did not emigrate entered into dubious accommodations with Nazism and its psychotherapeutic institutions between 1933 and 1945. The authors assert that be-

cause this facts has not been adequately explored, the past which has not been

mastered remains as a trauma for comtemporary German psychoanalysis and

gravely impedes its radical strivings toward truth and knowledge.

 

 

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[i] * Bei der Redaktion eingegangen am 23. 4 . 1982.

 

[ii] Im Info für Kandidaten und Ausbildungsteilnehmer der DPV Nr. 17 (1981), dem 100. Geburtstag Max Eitingtons gewidmet, werden sein Leben und Werk dargestellt.

Nicht erwähnt werden die Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft: sein Rucktritt als Vorsitzender der DPG, seine Emigration nach Palästina und damit die Aufgabe

seines Lebenswerkes, des Berliner Psychoanalytischen Instituts.

[iii] Vgl. Bericht der Int. Unterrichtskommission 1935, S. 310-312, und Dräger, 1971, S.261: Hörerzahl: 1931: 22; 1932: 138; 1933: 39; 1934: 0; Kandidaten: 1932: 34; 1933: 23; 1934: 18.

 

[iv] Das Verhältnis einiger Wiener Analytiker zu Boehm war damals nicht eben ungetrübt. Als er und seine Frau, gemeinsam mit Jekels, der Berlin gerade verlassen hatte, bei Federns zu Besuch waren, sei es zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen. Boehms Frau stand zumindest in einem Nahverhältnis zur NSDAP, während Jekels, ein Jude, für seine kommunistische Gesinnung bekannt und Paul Federn als Sozial-demokrat engagiert war (persönliche Mitteilung von Ernst Federn).

 

[v] Die Buchbestände konnten nur durch diplomatische Intervention von Frankreich, England und den USA gerettet werden. Der Verlag wurde daraufhin nach Wien verlegt.

 

[vi] Den anschließenden Satz Freuds gibt Boehm wie folgt wieder: »Ich lege keinen Wert darauf, daß mein Name in Deutschland genannt wird, wenn nur mein Werk weiter richtig vertreten wird.« Bei Clark heißt es jedoch: »… solange mein Werk dort nicht richtig vertreten wird.« (Clark, 1979, S. 553) Die unterschiedliche Zitierung scheint uns keine Frage unterschiedlichen wissenschaftlichen Herangehens, sondern Ausdruck verschiedener Positionen zu sein, die sich in der Handhabung der »objektiven« historischen Fakten ausdrückt.

 

[vii] Dazu sei bemerkt, daß Homosexuelle bekanntlich ebenso verfolgt wurden wie Juden, »Asoziale« oder Zigeuner. Sie waren als Träger des »rosa Winkels« in deutschen KZs inhaftiert.

 

[viii] In den uns zugänglichen Quellen wird kein Fall von Ausschluß aus der WPV wegen politischer Betätigung erwähnt. Vielmehr hatten einige bekannte Analytiker wie Bernfeld, Federn, Nunberg, Deutsch, Friedjung, Buxbaum enge Beziehungen zu linken Organisationen. Von den Ausbildungskandidaten war M. Langer nicht die einzige, die einer verbotenen politischen Tätigkeit nachging. R. Ekstein, M. Gardiner, T. Erdheim-Genner seien hier nur beispielhaft erwähnt. Einige von ihnen mußten deshalb sogar Haftstrafen verbüßen (vgl. Borneman, 1981, S. 41; Huber, 1977, S. 27 f.; Int. J. Psychoanal., 1946, S. 71 f.; Langer, 1971, S. 39-42).

 

[ix] Müller-Braunschweig schreibt zu diesen Vorgängen, er sei von der WPV »um Hilfe gebeten worden« (Müller-Braunschweig, 1948, S. 18). Aus Kempers Sicht sieht es so aus, als hätten die Analytiker am Göring-Institut sich bei Göring dafür eingesetzt, die WPV und den Internationalen Psychoanalytischen Verlag »vor der drohenden Vernichtung zu bewahren« (Kemper, 1973, S. 275). Bei Jones heißt es: »Dann kam Müller-Braunschweig in Begleitung eines Nazi-Kommissars aus Berlin in der Absicht, die ganze psychoanalytische Organisation zu liquidieren« (Jones, 1957, S. 262). Über den bei vielen Autoren als Ursache für A. Freuds Verhaftung erwähnten Brief Müller-Braunschweigs sagte sie selbst, er sei bedeutungslos, lediglich höflich gewesen, und habe sicherlich keine Vorwarnung enthalten (persönliche Mitteilung). Nach Hubers Darstellung ist sogar der chronologische Ablauf nicht eindeutig (Huber, 1977, S. 187).

 

[x] Bereits vor der internationalen Konferenz von Evian, die im Juli 1938 stattfand, um die Einwanderungsquoten neu zu bestimmen, verschärften viele Länder die Einwanderungsbedingungen für Juden. Tausende österreichischer Juden wurden aus verschiedenen Ländern, in denen sie Zuflucht suchten, wieder ausgewiesen (vgl. Rosenkranz, 1978, S. 95-105).

 

[xi] Es soll hier erwähnt werden, daß die holländische und Londoner Vereinigung (dar-unter viele Emigranten) bei der Ausbildung von Analytikern in Deutschland (speziell der Heidelberger Gruppe um A. Mitscherlich) einen bedeutenden Anteil daran hatten.

 

[xii] Wir vermuten, daß — unabhängig davon, welche Haltung die Eltern während der Zeit des Nationalsozialismus eingenommen haben — allein schon die Tatsache, ein Deutscher zu sein, angesichts der Vergangenheit zu Konflikten führt.

 

[xiii] Hervorragende Analytiker wie Reik konnten in den USA ihre Tätigkeit nicht oder

nur unter erschwerten Bedingungen fortsetzen. Sich auf seinen Briefwechsel mit

Freud 1938 beziehend, schreibt er: »Nachdem mir klargeworden war, daß ich nicht

mehr länger in Holland bleiben konnte, wenn ich nicht den Nazis in die Hände fallen

wollte, emigrierte ich im Juni 38 in die Vereinigten Staaten. Die meisten Mit- beglieder

der New York Psychoanalytic Society behandelten mich sehr von oben herab.

Man ersuchte mich ernsthaft, nicht psychoanalytisch tätig zu werden, was einem Praxisverbot gleichkam.« Freud antwortete ihm: »… Sie mußten ja wissen, wie liebenswürdig unsere Kollegen dort Laienanalytiker aufnehmen, da für sie die Analyse nichts anderes ist als eine der Dienstmägde der Psychiatrie« (Reik, 1956, S. 119).

 

 

 

HANS—MARTIN LOHMANN, FRANKFURT A. M., UND LUTZ ROSENKÖTTER, STEIN­BACH/TS.

 

Psychoanalyse in Hitlerdeutschland. Wie war es wirklich ?*[i]

 

Ubersicht: Anhand der inzwischen zu dieser Frage vorliegenden Literatur versuchen die Autoren zu rekonstruieren, in welchem Sinne man davon sprechen kann, die Psychoanalyse sei von den Nazis vernichtet worden bzw. sie sei von den nicht emigrierten Mitgliedern der alten DPG über die Jahre der Diktatur hinweggerettet worden. Der Blick auf die Ver­gangenheit nährt den Zweifel, ob das Selbstverständnis heutiger Psycho­analytiker in der Bundesrepublik dieser historischen Erfahrung ange­messen ist.

 

I

Fast vierzig Jahre nach der Niederlage des Nationalsozialismus ist die Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland zwischen 1933 und 1945 immer noch ungeschrieben. Den Gründen dafür, warum unsere Kennt­nisse von dieser Ära bis heute ganz unzureichend geblieben sind, soll in diesem Beitrag nicht nachgegangen werden. Generell freilich läßt sich der vage Verdacht formulieren, daß auch die Psychoanalytiker als Be­rufsgruppe, ähnlich den Medizinern, Juristen u. a., wenig Interesse daran haben, sich der wechselvollen Geschichte ihres Fachs erinnernd und durcharbeitend zu versichern. Bequemer scheint der Weg zu sein, eine peinliche »historische Episode« aus dem Bewußtsein zu exkommunizieren, reflexionslos den »Sachzwängen« der Profession zu folgen und so auf einen »Fortschritt« zu setzen, von dem man nur in Unkenntnis der Ver­gangenheit träumen kann. Alexander Mitscherlich hat dazu im Vorwort zur Zweitauflage der von ihm und Fred Mielke zusammengestellten Do­kumentation »Medizin ohne Menschlichkeit« (1949) das Nötige gesagt. Daß die Kenntnisse über das Schicksal der Psychoanalyse im Dritten Reich so unzureichend sind bzw. charakteristische Lücken aufweisen, mag auch damit zusammenhängen, daß, wie Regine Lockot (1981) an­merkt, die Spaltung der deutschen Psychoanalyse nach 1945 in zwei Gruppen (Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft und Deutsche Psy­choanalytische Vereinigung) dazu führte, daß zwei unterschiedliche und jeweils apologetische Versionen vom Schicksal der Psychoanalyse zwi­schen 1933 und 1945 in Umlauf sind. Sprechen die einen, in der Tradi­tion Harald Schultz-Henckes, Felix Boehms und Franz Baumeyers, von der »Rettung« der Psychoanalyse (um dergestalt ihre bruchlose Fort­führung nach 1945 zu begründen), so konstatieren die anderen, in der Nachfolge von Ernest Jones, die »Liquidierung« der deutschen Psycho­analyse (um dergestalt ihren Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg plausibel zu machen). Beide Versionen, hinter denen man durchaus ein Interesse vermuten darf, scheinen uns nur bedingt geeignet, zur Klärung der tatsächlichen — und wie man feststellen wird: widersprüchlichen — Situation der Psychoanalyse unterm Nationalsozialismus beizutra­gen.

Die Autoren der vorliegenden Arbeit, die aus einer gemeinsamen Lehr­veranstaltung am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut hervorgegangen ist, prätendieren indes nicht, die ungeschriebene Geschichte der Psycho­analyse in Deutschland zwischen 1933 und 1945 nun endlich zu liefern. Sie haben weder selbständige Forschungen zu diesem Thema unternom­men, noch sind sie unbekannter Dokumente habhaft geworden, die neu­es Licht auf jene Epoche werfen könnten. Was sie allerdings im Laufe der Beschäftigung mit dem Thema herausfanden, war, daß, wenn auch sehr verstreut und zum Teil schwer zugänglich, nicht wenige Texte und Dokumentationen gerade in den letzten zehn Jahren veröffentlicht wur­den — unter denen vor allem die gründlichen Arbeiten von Cocks (1975) und Huber (1977) hervorgehoben zu werden verdienen —, die ein Stück Aufhellung und Aufklärung über das Schicksal der Psycho­analyse in jenen zwölf Jahren zu geben vermögen. Diese (teils dispara­te) Literatur soll im folgenden vorgestellt werden. Sie dient uns als Leit­faden zur Darstellung lediglich der markantesten und, aus unserer Sicht, bedeutsamsten Ereignisse, die die Psychoanalyse im Dritten Reich be­treffen.

Erleichtert wurde unser Vorhaben durch die Tatsache, daß seit der Ar­beitstagung der Mitteleuropäischen Psychoanalytischen Vereinigungen im Frühjahr 1980 in Bamberg (dokumentiert in Henseler und Kuchen­buch, 1982) das Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte der Psy­choanalyse in Hitlerdeutschland besonders bei den jüngeren Kollegin­nen und Kollegen erfreulich gewachsen ist. Im übrigen sind wir uns ei­nes Defizits bewußt: Es steht zu vermuten, daß in den öffentlichen und privaten Archiven noch unbekanntes Material, z. B. Korrespondenzen der vor 1933 in Deutschland, dann in der Emigration lebenden und lehrenden Analytiker (etwa Otto Fenichels, Siegfried Bernfelds, Wil­helm Reichs), lagert, dessen Publikation es vielleicht eines Tages erlau­ben wird, die Geschichte der Psychoanalyse unterm Hitler-Faschismus lückenloser, als das gegenwärtig möglich ist, zu rekonstruieren.

 

II

»Schicksal, Ergebung, das ist alles« (Freud, zit. nach Jones, 1957, S. 214).

Schon in den ökonomischen und politischen Krisenjahren vor 1933, als die NSDAP zur Massenpartei heranwuchs und sich die Möglichkeit einer nationalsozialistischen Machtergreifung am Horizont abzeichnete, setzte eine erste Emigrationswelle von deutschen Analytikern ein (vgl. Maetze, 1976, S. 1169; Boehm, 1978, S. 301). Nach Jones (1957, S. 206) ließ sich im Jahre 1932 Franz Alexander endgültig in Amerika nieder, gingen Hanns Sachs nach Boston, Karen Horney nach New York. Offenbar hatten einige Analytiker die »Zeichen der Zeit« rechtzeitig zu deuten gewußt.

Um so irritierender muten aus der Sicht des Nachgeborenen Äußerungen von Freud aus jenen Jahren an, die seine Auffassung deutlich machen, daß man die Psychoanalyse als Institution und Wissenschaft retten könne, wenn man nur ihre strikte politisch-weltanschauliche Neutralität beachte. In der Auseinandersetzung mit Wilhelm Reichs Versuchen, eine Verbindung von Psychoanalyse und Marxismus herzustellen (vgl. dazu Dahmer, 1972, S. 208 ff.; 1973, S. 278 ff.), war Freud darum bemüht, »alle politischen Interessen seitens der Psychoanalyse zu dementieren« (Jones, 1957, S. 200)1[ii]. Daß die Psychoanalyse in ihrer Substanz — als Neurosen- und Kulturtheorie — keineswegs »neutral« war oder sein konnte, daß ihre »Negativität« sie vielmehr zu theoretischer und praktischer Gesellschaftskritik trieb, erkannten zwar Analytiker wie Simmel, Fenichel, Reich und Bernfeld, nicht aber Freud. Die Psychoanalyse mußte nach Lage der Dinge »auf die dezidierte Feindschaft der politischen Rechten … rechnen« (Dahmer, 1973, S. 322), was Freud freilich schon früher nicht davon abgehalten hatte, zu betonen, daß er weder schwarz noch rot sei (Jones, 1957, S. 400). Der Freudsche Rückzug auf eine Psychoanalyse »als science« (Dahmer, 1973, S. 322), auf eine weltanschaulich neutralisierte »reine Wissenschaft« sollte sich 1933 als ein verhängnisvoller Irrtum herausstellen.

Dominierten in Freuds Verhalten eine »instinktive politische Neutralität« (Clark, 1979, S. 551) und ein desillusionierter Skeptizismus gegenüber den politischen Parteiungen und Auseinandersetzungen der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre, die schließlich, angesichts der handgreiflichen Bedrohung der Psychoanalyse durch den Nationalsozia­lismus, in eine zunehmend fatalistische Einstellung mündeten (vgl. etwa Freuds bei Jones, 1957, S. 218, zitierte Reaktion auf die am 10. Mai 1933 von den Nazis inszenierten Bücherverbrennungen; vgl. auch Clark, 1979, S. 548 ff., der ähnliche Äußerungen Freuds zusammenge­tragen hat), so gab es in den Reihen der deutschen Psychoanalytiker Re­aktionen auf die politische Wende vom 30. Januar 1933, die über Freuds politischen Neutralismus weit hinausgingen. Carl Müller-Braun­schweig, der zu den in Deutschland bleibenden Analytikern gehören sollte, veröffentlichte schon 1933 im »Reichswart« eine Stellungnahme »Psychoanalyse und Weltanschauung«, die an die schwelende »Weltanschauungsdebatte« innerhalb der Psychoanalyse der zwanziger und frü­hen dreißiger Jahre anschloß, nun aber den Erwartungen der neuen Her­ren Deutschlands klare Konzessionen machte:

»Der Psychoanalyse ist oft der Vorwurf gemacht worden, sie sei als Forschung und Therapie zersetzend und undeutsch … Es ist zugegeben, daß sie ein gefährliches Instru­ment in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt … Die Psychoanalyse bemüht sich, unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebens­fremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, … am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen« (zit. nach Dahmer, 1973, S. 480).

War dieses Statement opportunistische Anpassung an den völkisch-he­roischen Zeit-Ungeist, so dokumentiert die gleichzeitige Stellungnahme Carl Gustav Jungs eine aggressive Wendung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Jung deutete »Die gegenwärtige Lage der Psy­chotherapie« (1934) als die Stunde der Abrechnung einer »arischen« Seelenkunde mit der dekadenten Psychoanalyse jüdischer Observanz:

»Das arische Unbewußte … enthält Spannkräfte und schöpferische Keime von noch zu erfüllender Zukunft, die man nicht ohne seelische Gefährdung als Kinderstubenroman­tik entwerten darf … Die jüdische Rasse als Ganzes besitzt … nach meiner Erfahrung ein Unbewußtes, das sich mit dem arischen nur bedingt vergleichen läßt. Abgesehen von gewissen schöpferischen Individuen ist der Durchschnittsjude schon viel zu bewußt und differenziert, um noch mit den Spannungen einer ungeborenen Zukunft schwanger zu gehen. Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische; das ist der Vorteil und der Nachteil einer dem Barbarischen noch nicht völlig entfremdeten Jugendlichkeit. Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, daß sie jüdische Kategorien, die nicht einmal für alle Juden ver­bindlich sind, unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte. Da­mit hat sie nämlich das kostbarste Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferisch ahnungsvollen Seelengrund als kindisch-banalen Sumpf erklärt, während meine warnende Stimme durch Jahrzehnte des Antisemitismus verdächtigt wurde. Diese Verdächtigung ist von Freud ausgegangen. Er kannte die germanische Seele nicht, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat sie die gewaltige Er­scheinung des Nationalsozialismus, auf die eine ganze Welt mit erstaunten Augen blickt, eines Besseren gelehrt? Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments« (Jung, 1934, S. 9).

Jung ging in seiner Aversion gegen die »jüdische« Psychoanalyse so weit, deren Verbot in Deutschland anzuregen. In einem Brief an seinen Schü­ler Wolfgang Kranefeldt heißt es:

»Gegen die Dummheit kann man bekanntlich nichts tun, aber in diesem Falle können die arischen Leute darauf hinweisen, daß mit Freud und Adler spezifisch jüdische Gesichtspunkte öffentlich gepredigt werden und zwar, wie man ebenfalls nachweisen kann, Gesichtspunkte, welche einen wesentlich zersetzenden Charakter haben. Wenn die Verkündigung dieses jüdischen Evangeliums der Regierung angenehm ist, so ist es halt eben so. Andernfalls ist ja auch die Möglichkeit vorhanden, daß dies der Regierung nicht angenehm wäre …« (Jung, 1934 a, S. 377).

Diesem Extrem — C. G. Jungs Kampfansage, Müller-Braunschweigs Opportunismus — korrespondierte bei der Mehrheit der Psychoanalyti­ker die Verleugnung offenkundiger Realitäten2[iii]: Käthe Dräger (1971, S. 258 f.) spricht von einer unter den damaligen Analytikern verbreite­ten Fehleinschätzung der politischen Lage und von einer »eher optimi­stischen Grundhaltung«; Kemper (1973, S. 272 f.) gibt zu Protokoll, man habe den Nationalsozialismus als »eine vorübergehende Erschei­nung« betrachtet. Aufschlußreich ist aber, daß beide Reaktionen —präventive Selbstgleichschaltung hier, Realitätsverleugnung dort — in den späteren Erinnerungen der unmittelbar Betroffenen so gut wie keine Rolle spielen (vgl. z. B. Boehm, 1978). Die Gleichschaltung und schließ­liche Liquidierung der alten DPG — was nicht, wie die Formulierung von Jones (1957, S. 222) suggeriert, mit der Liquidierung der Psycho­analyse in Deutschland gleichzusetzen ist, sondern eher mit ihrer vom Nazi-Regime gewünschten Modifikation in Richtung Psychotherapie (vgl. Cocks, 1975, S. 13) —, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden, behandelt etwa Boehm wie einen eher technisch-administrati­ven Vorgang, auf den keiner der Beteiligten Einfluß auszuüben ver­mochte. Da ist die Rede von Erlassen, Drohungen und Lockungen sei­tens der NS-Behörden, denen die Mitglieder der DPG und des Berliner Instituts offenbar wehrlos ausgeliefert waren. Die jeweiligen Reaktio­nen auf die Gleichschaltungspolitik werden, auch von Jones, so darge­stellt, als seien in der damaligen Situation nur diese Konsequenzen denk- und vorstellbar gewesen3[iv]. Immerhin gibt Dräger (1971, S. 260) in ihrem Bericht zu verstehen, daß Vorstand und Mitgliedschaft der DPG noch andere Optionen hatten als lediglich die, sich dem nazistischen Terror durch Stillhalten bzw. durch Identifikation mit dem Aggressor zu entziehen.

Zu der Frage, inwieweit die deutschen nicht emigrierten Psychoanalyti­ker dem Terror der Nazis widerstanden bzw. kampflos das Feld ge­räumt haben, schreibt Clark:

»An dem einen Ende des Spektrums standen diejenigen, die entschlossen Widerstand leisteten, am anderen die auf ihren eigenen Vorteil bedachten Kollaborateure, und zwi­schen den beiden Extremen gab es eine beinahe unendliche Vielfalt von Haltungen, die Männer und Frauen unter den verschiedensten Arten von Zwang einnahmen …« (1979, S. 553).

Zu denen, die aktiven Widerstand leisteten und dafür mit dem Leben bezahlten, gehörten Karl Landauer und John F. Rittmeister (vgl. Maet­ze, 1976, S. 1167; zu Landauer vgl. Hartman, 1976; zu Rittmeister vgl. Hermanns, 1982). Salomea Kempner kam im Warschauer Getto um. Auch Edith Jacobson, Marie Langer, Richard Sterba und Friedmann sind zu nennen, die zwar mit dem Leben davonkamen, aber durch ihre eindeutig kritische Haltung gegenüber der »appeasement«-Politik des Großteils der Psychoanalytiker auf der Seite des politisch motivierten Widerstands gegen den Nationalsozialismus standen. Zu den Kollabora­teuren, die von der neuen Situation seit 1933 profitierten, gehörte ohne Zweifel Jung. Er übernahm gleich nach dem Machtantritt Hitlers den Vorsitz der gleichgeschalteten überstaatlichen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, nachdem Ernst Kretschmer aus Protest gegen die massive Einflußnahme der Nazis auf die Gesellschaft zurückge­treten war. Er wurde auch Herausgeber des neuen, von der Nazi-Ideo­logie geprägten »Zentralblatts für Psychotherapie« (Jones, 1957, S. 223; Clark, 1979, S. 554).

Die Haltung der meisten nicht emigrierten Analytiker bewegte sich ir­gendwo zwischen diesen Extremen; in der nachträglichen Beurteilung dieser Haltung, die von listiger Anpassung bis zu offenem Opportunis­mus reichte, sollten wir zurückhaltend sein. (Wieso? Anm.JSB) Vermutlich waren nicht we­nige Psychoanalytiker der Ansicht, daß, »wenn man im kleinen Positio­nen preisgebe, … man im großen und ganzen heil davonkommen (wer­de)« (Lohmann, 1980, 5.951). Vielleicht war es auch Freuds Fatalismus — »Wenn sie mich totschlagen, gut; es ist eine Todesart wie eine ande­re« (Jones, 1957, S. 211) —, der das Gros der Analytiker von aktivem Widerstand ferngehalten hat. Aber man sollte um der Gerechtigkeit willen daran erinnern, daß es nicht ein erklärungsbedürftiges Phänomen ist, daß so viele nicht Widerstand leisteten; daß vielmehr erklärungsbe­dürftig ist, daß einige trotz allem Widerstand leisteten (vgl. Finkiel­kraut, 1980, S. 56).

III

»Bei allen meinen Schritten hat mir die Stellungnahme Freuds vorgeschwebt, es solle versucht werden, keiner Behörde eine >Handhabe< für ein Verbot unserer Tätig­keit zu geben« (Boehm, 1978, S. 302).

Unmittelbar nach Hitlers »Machtergreifung« setzte der Terror gegen Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter ein. Da die alte DPG zu einem hohen Prozentsatz aus jüdischen Mitgliedern be­stand, war es nur folgerichtig, daß das Regime sich sehr schnell auch ge­gen die Psychoanalyse stellte.

Im Frühjahr 1933 kam ein Erlaß der Nazis heraus, der besagte, daß alle Juden aus den Vorständen wissenschaftlicher Vereinigungen auszu­schließen seien. Im Vorstand der DPG befanden sich drei Juden (Max Eitingon, Otto Fenichel, Ernst Simmel). Felix Boehm, einer der beiden Stellvertreter im Vorstand, fragte, Clark (1979, S. 553) zufolge, bei den Behörden nach, ob diese neue Regelung auch für die Psychoanalyse zu gelten habe, was natürlich bejaht wurde (im Bericht Boehms kommt diese Episode übrigens nicht vor). Nach einer Aussprache Boehms mit Freud in Wien im April 1933, an der auch Paul Federn teilnahm, kam man zu dem Entschluß, dem Erlaß Folge zu leisten, um, wie Freud es ausdrückte, den Nazis keinen Vorwand zu liefern, die Psychoanalyse in Deutschland zu verbieten (Jones, 1957, S. 222; Boehm, 1978, S. 301), obwohl Freud in dieser Hinsicht eher pessimistisch war. Einer späteren Äußerung Anna Freuds zufolge (zit. bei Lockot, 1981, S. 14) war die Übereinstimmung zwischen Berlin und Wien, auf die Boehm sich immer wieder beruft, keineswegs vollständig, sondern offenbar äußerst prekär:

»Ich könnte noch hinzusetzen«, schreibt Anna Freud, »daß mein Vater nichts tun wollte, um es den Berlinern schwerer zu machen, aber einverstanden waren wir mit deren Handlungsweise natürlich nicht« (vgl. dazu auch Kemper, 1973, S. 272).

Nach Clarks Schilderungen der Ereignisse (1979, S. 553) kritisierte Freud Boehms Anfrage bei den Behörden. Auch dies charakteristische Detail fehlt in Boehms Bericht, wie überhaupt die Darstellungen der direkt Betroffenen (Boehm, Jones) sich nicht immer mit den Darstellungen von neutraler Seite (Clark, Cocks) decken. Die jüdischen Vorstandsmitglieder traten also zurück, und Boehm und Müller-Braunschweig bildeten fortan den neuen Vorstand der DPG. In den Unterrichtsausschuß wurden neben den beiden Letztgenannten Ada Müller-Braunschweig und die Jüdin Edith Weigert-Vowinkel gewählt; wenig später wurden zwei weitere jüdische Mitglieder der DPG, Edith Jacobson und Therese Benedek, in den Ausschuß kooptiert (Boehm, 1978, S. 302).

Das Datum der Eskalation der Gleichschaltung der DPG verlegt Jones (1957, S. 223) auf das Jahr 1933; tatsächlich aber fand sie erst zwei Jahre später, im Winter 1935, statt. Dem Boehm-Bericht zufolge kamen im November 1935 zwei Psychotherapeuten, Mitglieder der NSDAP, mit Boehm und Müller-Braunschweig zusammen und deuteten in diesem Gespräch an, die Psychoanalyse könne womöglich in Deutschland weiterbestehen, »wenn sämtliche Vertreter derselben Arier wären« (Thomä, 1963/64, S. 65; Boehm, 1978, S. 302). Aufgrund dieser neuen dramatischen Zuspitzung der Situation reiste Jones nach Berlin, und man kam auf einer am 1. Dezember anberaumten Sitzung überein, daß »die wenigen zurückgebliebenen Juden freiwillig (freiwillig? Anm.JSB) ihren Rücktritt nahmen, um die Vereinigung vor der Auflösung zu retten« (Jones, 1957, S. 223). Boehm umschreibt dieses für die deutsche Psychoanalyse verheerende Ereignis ähnlich euphemistisch — so, als hätten »die wenigen jüdischen Mitglieder « eine freie Wahl hinsichtlich ihres Verbleibens oder Ausscheidens treffen können. In diesem Sinne äußern sich auch Maetze (1976, S. 1170) und Kemper (1973, S. 272). Dagegen weisen Lockot (1981) und Brainin und Kaminer (1982) darauf hin, daß es sich bei den »wenigen« Juden um immerhin 18, d. h. um die Hälfte der damaligen Mitgliedschaft der DPG handelte. Lediglich ein nichtjüdischer Analytiker, Bernhard Kamm, protestierte gegen den Beschluß und legte zusammen mit den jüdischen Kollegen seine Mitgliedschaft nieder (vgl. Dräger, 1971, S. 261).

Wer geglaubt hatte, mit dieser Konzession an die Nazis sei nun Ruhe für die »arischen« Mitglieder der DPG eingetreten, sah sich bald getäuscht.

Schon wenig später, im Februar 1936, fand eine Unterredung zwischen Boehm und dem Referenten der Medizinalabteilung des Innenministeriums statt, bei der Boehm bedeutet wurde, man halte zwar die Psychoanalyse für eine »nützliche Therapie«, »aus weltanschaulichen Gründen« sei es aber nicht geraten, sich explizit auf Freud und sein Werk zu berufen. Der Referent schlug Boehm vor, das Berliner Psychoanalytische Institut bzw. dessen Vertreter sollten sich mit denen anderer psychotherapeutischer Richtungen zu einem gemeinsamen neuen Institut unter der Leitung von Prof. Matthias H. Göring, einem Verwandten des Reichsmarschalls H. Göring, zusammenschließen; dies entspreche auch den Wünschen Prof. Görings (zur Vorgeschichte und weiteren Entwicklung des »Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie« vgl. weiter unten). Damit war abzusehen, daß das Berliner Psychoanalytische Institut in seiner damaligen Form keine staatliche Konzession erhalten würde (Boehm, 1978, S. 303).

Um sich angesichts dieser neuen Pression der Nazis Rückendeckung zu verschaffen, traf sich Boehm am 8. März 1936 mit Anna Freud in Brünn zu einer längeren Unterredung, »in welcher ich alle Möglichkeiten dieser geplanten neuen Institution mit ihr durchsprach. Österreich war für uns damals gesperrt, und ich konnte zu meinem Bedauern nicht nach Wien fahren. Anna Freud sagte mir zum Schluß… mehrfach wörtlich: ›Sie haben das vollste Einverständnis meines Vaters‹. Erst daraufhin hatte ich am 18. März 1936 eine weitere Unterredung mit dem Vertreter der Medizinalabteilung und erklärte ihm die Bereitschaft unserer Gesellschaft, seinen Vorschlag anzunehmen« (Boehm, 1978, S. 303). Jones (1957, S. 224) zieht dagegen in Zweifel, daß Freud und Anna Freud sich sonderlich positiv zu dieser Angelegenheit geäußert haben.

Am 28. März 1936 wurde der Internationale Psychoanalytische Verlag in Leipzig von der Gestapo beschlagnahmt und liquidiert. Damit war eine weitere, publizistisch wie finanziell wichtige Bastion der Psycho­analyse in Deutschland gefallen. Auch die telegraphische Intervention Jones‘ beim Leipziger Polizeipräsidenten hatte diesen Schlag nicht ab­wenden können. Für zwei Jahre, bis zum gewaltsamen »Anschluß« Österreichs ans Deutsche Reich, existierte der Verlag unter der Leitung Martin Freuds als Torso in Wien fort (vgl. Jones, 1957, S. 225; genaue­res zum Schicksal des Verlags bei Huber, 1977, S. 22 ff.).

Ehe später die alte DPG aus dem Vereinsregister gestrichen und damit ihre endgültige Liquidierung vollzogen wurde (vgl. weiter unten), kam es in Wien zu einer Zusammenkunft Boehms mit Freud, vermutlich4[v] im Januar 1938. Angesichts der immer größer werdenden Schwierigkeiten für die deutsche Psychoanalyse sah Boehm sich offenbar einmal mehr genötigt, sich bei Freud und dem Vorstand der IPV rückzuversichern. Boehm (1978, S. 304) berichtet von einer mehr als einstündigen Unter­redung mit Freud, bei der er diesen auch darauf hingewiesen habe, daß die Ausbildungskandidaten am Göring-Institut sich neben psychoanalytischem Wissen auch die Theorien C. G. Jungs aneignen müßten. Dar­aufhin habe Freud etwa folgendes gesagt: »Warum sollen sie das nicht auch noch erlernen; das kann ihnen doch keine Schwierigkeiten berei­ten.«

Übereinstimmend berichten Boehm und Jones, daß im Anschluß an die­ses Gespräch eine erweiterte Vorstandssitzung stattgefunden habe, an der neben Freud und Boehm Anna und Martin Freud, Paul Federn und Jeanne Lampl-de Groot teilgenommen hätten. Nachdem Boehm in ei­nem mehr als dreistündigen Referat die prekäre Situation der Psycho­analyse in Deutschland vorgetragen hatte, unterbrach ihn Freud und sagte: »Genug! Die Juden haben für ihre Überzeugungen jahrhunderte­lang gelitten. Jetzt ist die Zeit gekommen, da unsere christlichen Kolle­gen für die ihrigen zu dulden haben. Ich lege keinen Wert darauf, daß mein Name in Deutschland erwähnt wird, solange mein Werk dort rich­tig vertreten wird.« Sprach’s und verließ den Sitzungssaal ( Jones, 1957, S. 224; Boehm, 1978, S. 304).

Boehm, der neben Müller-Braunschweig maßgebliche Vertreter der nicht emigrierten »arischen« Psychoanalytiker, hat sich in seinen Erin­nerungen darauf berufen, in allen wichtigen, die Situation der bedräng­ten Psychoanalyse betreffenden Fragen in voller Übereinstimmung mit Freud gehandelt zu haben. Gleiches schreibt Baumeyer (1971, S. 205), der die »Billigung« aller Schritte durch Freud, Anna Freud und Jones hervorhebt. Was immer, dieser Version zufolge, mit der deutschen Psy­choanalyse nach 1933 geschehen sei, habe sozusagen den Segen der Wie­ner Autorität gehabt. (Die soeben zitierte zornige Äußerung Freuds oder Anna Freuds oben wiedergegebene Einschränkung lassen derartige Be­teuerungen allerdings wenig überzeugend erscheinen.) Im übrigen rekla­miert Boehm ein Diktum Freuds, demzufolge man alles unterlassen sol­le, was den Nazis als »Handhabe« dienen könne, gegen die Psychoanaly­se vorzugehen.

Vielleicht sind das nicht nur nachträglich konstruierte Schutzbehaup­tungen von einem, der sich später glaubte reinwaschen zu müssen. Die Haltung Freuds gegenüber politisch-gesellschaftlichen Gegenwartspro­blemen, seine »seltsam gedämpfte« Reaktion (Clark, 1979, S. 548) auf den Aufstieg der NSDAP, seine in vielem apolitisch zu nennende Vor­stellungswelt, kurz, seine, wie er in einem Brief an Lou Andreas-Salome (zit. nach Jones, 1957, 5. 519) selbstironisch anmerkt, »gewisse Weltwurstigkeit« — all das gibt der Vermutung Nahrung, daß Boehms Be­rufung auf den »Segen des Vaters«, deren Tendenz zur retrospektiven Beschönigung und Verharmlosung von Konflikten freilich nicht zu überhören ist, etwas mit Freuds Haltung zu tun haben muß. Nicht-In­tervention und Schweigen sind so oder so auslegbar. Dies festzustellen heißt nicht, den Anteil der »arischen« deutschen Psychoanalytiker an der Gleichschaltung irgendwie zu schmälern. Im übrigen läßt auch Jones‘ Schilderung der damaligen Vorgänge im Zusammenhang mit der sukzessiven Liquidation der DPG nur beschränkten Raum für den Ver­dacht, es habe zwischen der Wiener Zentrale und dem Vorstand der IPV einerseits, dem DPG-Vorstand andererseits gravierende Meinungs­verschiedenheiten bezüglich des Verhaltens gegenüber dem Nationalso­zialismus gegeben. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, daß alle Be­teiligten, zumindest bis zum Zeitpunkt der gewaltsamen Liquidation der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und der erzwungenen Emigra­tion Freuds nach England im Juni 1938, sich der vagen Hoffnung hin­gaben, die Psychoanalyse ließe sich in ihrem Kern, wenn auch unter Aufopferung gewisser Errungenschaften, retten.

Was Freud betrifft, so gibt es einige Indizien dafür, die belegen, daß er selber jene schon erwähnte »appeasement«-Politik der deutschen (und österreichischen) Analytiker zumindest passiv geduldet hat. Mag auch das Urteil Wilhelm Reichs, der in einem Brief an Otto Fenichel vom 26. März 1934 Freud die Unterstützung »reaktionärer Tendenzen« vorwarf (zit. nach Reichmayr und Wiesbauer, 1978, S. 59), allzu hart und ungerecht sein — fest steht, daß der alte Freud von den sich überstürzenden politischen Ereignissen überrollt wurde und offenbar nicht mehr die nötige Kraft hatte, ihnen mehr als fatalistische Passivität entgegenzusetzen.

Eine Lesart, die von der später emigrierten und heute in Mexiko lebenden Psychoanalytikerin Marie Langer stammt, freilich in der von uns gesichteten Literatur keine Bestätigung findet, besagt, nach der Verhaftung Edith Jacobsons in Deutschland, die »aus politischen Gründen« (Kemper, 1973, S. 270) erfolgte, sei von den »Autoritäten«5[vi] der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung der Beschluß gefaßt worden, »daß Analytikern jede illegale Betätigung, wie auch die Behandlung politisch engagierter Patienten verboten war. Als Grund wurde die Rettung der Psychoanalyse, der ›Vereinigung‹ und ihrer Mitglieder angegeben«.

Weiter heißt es bei Langer: »1936, ich und eine Gruppe von Ärzten werden unter der Anklage, ›für den Frieden zu arbeiten‹, verhaftet…

Mangels gesetzlicher Grundlagen wurden wir zwei Tage später auf freien Fuß gesetzt. Der Vorfall sprach sich herum. Ich hatte das neue politische ›Abstinenzgebot‹ gebrochen. Mein Fall würde untersucht und ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden; mit Hilfe meines Analytikers (Richard Sterba) konnte das zum Glück abgewendet werden« (zit. nach Huber, 1977, S. 28).

Es bleibt unklar, ob und inwieweit Freud in diesen Vorfall (wenn er denn authentisch ist) verstrickt war. Aber was Huber (ebd., S. 57) im Hinblick auf die Geschichte der DPG seit 1933 zutreffend die »Geschichte ihres Assimilationsprozesses« nennt — nämlich an die vom NSStaat und seiner totalitären Gesundheitsideologie geforderte »Neue Deutsche Seelenheilkunde« —, hat, so wird man nach allem, was man heute darüber wissen kann, schlußfolgern dürfen, auch mit Freuds Haltung, ebenso mit der von Jones zu tun. Resümierend muß man festhalten, daß damals (ebenso wie heute Anm.JSB), von Ausnahmen abgesehen, eine ganze Generation von Psychoanalytikern politisch blind war. Der dafür zu zahlende Preis war hoch.

 

IV

In den zwanziger Jahren hatte nicht nur das Berliner Psychoanalytische Institut einen ständigen Aufschwung genommen (vgl. Bannach, 1971). Das stärker werdende Interesse am Unbewußten fand auch Resonanz bei Psychotherapeuten, die weniger streng methodenbewußt und ratio­nal-kritisch waren als die Psychoanalytiker. Es waren Ärzte und Psy­chologen, die das »mechanistische Weltbild« der naturwissenschaftlich orientierten Medizin ablehnten, den antirationalen und antiliberalen Affekt des damaligen Bürgertums aufnahmen und in der Tiefe der Seele eine Erneuerung suchten, für die der Verstand nicht auszureichen schien. In diesem Umfeld konnten nationalistische Affekte und auch rassenbiologische Vorstellungen gedeihen. Es waren Außenseiter, die ver­suchten, die herrschende Lehre der Medizin zu erweitern, und die, wie sich zeigen sollte, mit ihren Vorstellungen von Psychohygiene dem pa­ranoiden Gesundheits- und Reinheitsbewußtsein der Nationalsozialisten später entgegenkamen. 1926 wurde die Allgemeine Ärztliche Gesell­schaft für Psychotherapie (AÄGP) gegründet. In ihr finden wir Namen wie J. H. Schultz, Gustav Heyer, Matthias H. Göring, v. Hattingberg, Fritz Kuenkel, Harald Schultz-Hencke, Walter Cimbal. Auch Psycho­analytiker haben sich an den Kongressen dieser Gesellschaft beteiligt, da ihnen die Absicht, mehr psychologisches Verständnis in der Medizin zu verankern, durchaus wünschenswert und vertretbar erschien. Auch ein­zelne Psychiater, so z. B. Ernst Kretschmer, gehörten der Gesellschaft an, obwohl die Schulpsychiatrie insgesamt eher psychotherapiefeindlich eingestellt war (Cocks, 1975, S. 35, S. 71-79).

Für das Folgende stützen wir uns im wesentlichen auf die sorgfältig do­kumentierten Untersuchungen des amerikanischen Historikers Geoffrey Cocks (1975).

Wie viele andere Vereine und Berufsorganisationen schaltete sich die AÄGP inhaltlich und formal 1933 der NS-»Weltanschauung und dem Führerprinzip« gleich. Das war keine passive Unterwerfung, sondern wurde von einer Anzahl von Mitgliedern der AÄGP höchst aktiv her­beigeführt (ebd., S. 116).

Am 6. April 1933 trat Ernst Kretschmer, der den Nationalsozialismus ablehnte, als Vorsitzender der Gesellschaft zurück. Sein Nachfolger wurde C. G. Jung, der seit 1930 schon der stellvertretende Vorsitzende gewesen war. Nach Jungs Plan bekam die Gesellschaft einen internatio­nalen Status, während der zahlenmäßig weitaus bedeutendste Zweig den Namen »Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie« erhielt (ebd.).

Absatz 1 der Satzung der DAÄGP bestimmte als Sitz des Vereins Wup­pertal-Elberfeld, den Wohnsitz des Psychotherapeuten und Verwandten des späteren Reichsmarschalls Hermann Göring, Matthias H. Göring, der eine »Neue Deutsche Seelenheilkunde« schaffen wollte. Absatz 2 ge­lobte dem Führer bedingungslose Treue. Absatz 4 und Absatz 5 gaben dem Vorsitzenden das Recht, Funktionsträger der Gesellschaft allein zu ernennen. Laut Absatz 5 konnte der Vorsitzende jeden Aufnahmeantrag zurückweisen und jedes Mitglied ausschließen. Absatz 6 gab ihm die Verfügung über alle Einnahmen und Ausgaben des Vereins, und in Ab­satz 7 hieß es: »Der Vorsitzende hat das Recht, alle Veröffentlichungen im Namen der Gesellschaft vor der Drucklegung zu genehmigen … er hat auch das Recht, alle Vortragenden zu unterbrechen und am Weiter­sprechen zu hindern, wenn sie etwas nach seiner Meinung Unerlaubtes gesagt haben oder sagen wollen« (aus dem Englischen rückübersetzt, L.R.) Laut Absatz 8 konnte der amtierende Vorsitzende eine Liste von Perso­nen festlegen, unter denen seine Nachfolger zu wählen seien. Absatz 9 verlangte Abstimmung mit der zuständigen Stelle des Reichsinnenmini­steriums (ebd., S. 117-119).

Eine wissenschaftliche Gesellschaft hatte sich also der Freiheit des Denkens und der Kritik entledigt und sich auf Befehl und Gehorsam eingeschworen. Der so nach dem Führerprinzip agierende Vorsitzende war H. Göring. Die erwähnte Satzung war ihm auf den Leib geschnitten. Dies muß man wissen, um beurteilen zu können, mit wem sich die da­maligen »arischen« Psychoanalytiker auf Kompromisse eingelassen ha­ben.

Matthias Heinrich Göring, ein Vetter Hermann Görings, 1879 geboren, promovierte als Jurist 1900 und als Mediziner 1907. 1909/10 war er Assistent bei Kraepelin in München. Ab 1913 gehörte er der Gießener Psychiatrischen Universitätsklinik an. Dort entdeckte er sein Interesse an Psychotherapie und Hypnose. 1923 ließ er sich als Neurologe in Wuppertal-Elberfeld nieder. Nach Ausbildung und Lehranalyse bei den Adler-Schülern Seif und Kuenkel in München gründete er 1929 eine Er­ziehungsberatung und die »Psychotherapeutische Arbeitsgemeinschaft Wuppertal«. Seit 1928 gehörte er der AÄGP an. Der enge Zusammen­hang des Göring-Familienclans sicherte ihm Einfluß im »Dritten Reich«.

  1. Göring wird als ein schüchterner, sanfter Mann mit einem Sprachfehler geschildert, der wissenschaftlich für die Psychotherapie kaum mehr als eine Galionsfigur war. Er war leidenschaftlicher Natio­nalist, zugleich frommer Pietist. In der AÄGP und später in seinem In­stitut wurde er wegen seines weißen Barts und aufgrund einer gewissen Gutmütigkeit »Papi« oder »Weichnachtsmann« genannt. Obwohl über­zeugter Nationalsozialist bis ans Ende, erschien er Andersdenkenden nicht als »gefährlich« im Sinne von Denunziation oder staatlicher Re­pression (ebd., S. 132-136). Diese Züge dürfen aber nicht über seine Entschlossenheit hinwegtäuschen, die »Neue Deutsche Seelenheilkunde« von jedem jüdischen Einfluß zu reinigen.

Ernest Jones traf am 19. 7. 1936 in Basel mit Göring, Boehm, Brill und Müller-Braunschweig zusammen, um über die Eingliederung der Deut­schen Psychoanalytischen Gesellschaft in das zu gründende Göring-Institut zu verhandeln. Jones schreibt, er habe »in Göring einen lie­benswürdigen, zugänglichen Menschen« gefunden, der freilich nicht in der Lage gewesen sei, die der psychoanalytischen Gruppe verspro­chene Freiheit zu gewähren (Jones, 1957, S. 224). Kemper (1973, S. 286) schreibt über ihn: »Göring, selber Parteigenosse, versuchte — eingedenk des ihm gewordenen Auftrags (!!), am Institut die Grund­lage einer >Deutschen Seelenheilkunde< zu entwickeln — jene weni­gen Kollegen (d. h. gesinnungstreuer Nationalsozialisten, L. R.) im In­stitut als Leiter der kulturpolitisch wichtigen Ressorts zu verankern, um so ein Gegengewicht gegen die erdrückende Mehrheit der anders Orientierten zu bekommen.«

Im Mai 1936 wurde das »Deutsche Institut für psychologische For­schung und Psychotherapie e. V.« in Berlin gegründet. In ihm sollten die nunmehr rein »arischen« psychotherapeutischen Schulen in Deutschland zusammengefaßt werden. Es wurde von der »Deutschen Arbeitsfront« (DAF) getragen und deren »Amt für Berufserziehung und Betriebsfüh­rung« unterstellt (Cocks, S. 147).

Käthe Dräger schreibt, Freuds Werke hätten bis zur Zerstörung des In­stituts 1945 in einem verschlossenen Schrank gestanden, zu dem Kandi­daten nur gegen Unterschrift Zugang hatten (1971, S. 264).

 

V

Am 11./12.3. 1938 marschierten deutsche Truppen in Osterreich ein. Es kam zu dem wohl mit Recht so genannten »Anschluß«. Jones begab sich in großer Sorge sogleich nach Wien, wo er am 15. 3. 1938 eintraf. Er fand den noch bestehenden Rest des Internationalen Psychoanalytischen Verlags in Wien von SA-Leuten besetzt und den Geschäftsführer, Mar­tin Freud, in sehr bedrängter Lage. Der Verlag wurde liquidiert, die Geldmittel wurden enteignet. In der Kasse vorhandenes Bargeld ver­schwand offenbar in den Geldbeuteln der Besetzer (vgl. Jones, 1957, S. 259 f.; Huber, 1977, S. 52).

Am gleichen Tag waren SA-Banden auch in Freuds Wohnung eingedrun­gen. Es spielten sich groteske Szenen ab: Frau Freud, die alte Dame aus Hamburg, forderte die »Herren« auf, sich zu setzen, holte dann ihr Haushaltsgeld und sagte: »Wollen sich die Herren nicht bedienen?« Die »Herren« bedienten sich dann aus einem Safe mit 6 000 Schilling. Schließlich erschien Freud selbst an der Schwelle seines Arbeitszimmers. Unter der Wirkung seines flammenden Blickes und seiner finsteren Mie­ne seien die ungebetenen Gäste verunsichert worden und verschwanden. Etwa eine Woche später wurde Anna Freud von der Gestapo verhaftet und einen Tag lang verhört. Durch Intervention des amerikanischen Geschäftsträgers in Wien gelang es, Anna Freud noch am Abend wie­der freizubekommen. Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Wien, nämlich am 13. 3. 1938, hatte die Wiener Psycho­analytische Vereinigung beschlossen, ihre Tätigkeit in Wien nicht fort­zusetzen und auszuwandern.

Um den 20. März 1938 (das genaue Datum war nicht festzustellen) tauchte Müller-Braunschweig in Wien auf, um im Auftrag von M. H. Göring zu sehen, inwieweit das Wiener Psychoanalytische Institut sich dem Göring-Institut in Berlin eingliedern ließe. Er schrieb bei dieser Ge­legenheit Anna Freud einen höflichen Brief, mit dem er sie für sein Vor­haben günstig stimmen wollte. Bei Jones steht, Müller-Braunschweig sei in Begleitung eines Nazi-Kommissars nach Wien gekommen; wir konn­ten aber nicht feststellen, wer diese Person war. Müller-Braunschweigs Brief an Anna Freud fiel der Gestapo in die Hände, vermutlich wäh­rend der genannten Hausdurchsuchung und des Verhörs von Anna Freud. Die Tatsache, daß Müller-Braunschweig einer Jüdin einen freundlichen Brief geschrieben hatte, erboste die Gestapo so, daß sie alle weiteren Pläne des Göring-Instituts zunächst blockierte und offenbar M. H. Göring eine Beschwerde zuschickte.

Während im März 1938 und in den folgenden Monaten die Nazis gegen Juden und politische Gegner in Wien wüteten, stand Freud unter inter­nationalem Schutz, der ihm und seinen unmittelbaren Angehörigen das Schlimmste ersparte und schließlich die Auswanderung ermöglichte. Unmittelbar nach Jones, nämlich schon am 17. 3. 1938, kam Marie Bo­naparte von Paris nach Wien und konnte durch ihre Verbindungen zu verschiedenen ausländischen Regierungen Einfluß nehmen. Sie war auch in der Lage, die »Reichsfluchtsteuer« zu bezahlen, die die Nazis als Voraussetzung für die Auswanderung von Juden erhoben. Mit Hilfe die­ser Steuer erreichte das Regime, daß auswandernde Juden den größten Teil ihres Besitzes zurücklassen mußten (Jones, 1957, S. 259-268).

Die Auflösung des Internationalen Psychoanalytischen Verlages wurde einem von dem NS-Regime hierfür ernannten Kommissar, dem Chemi­ker Dr. Sauerwald, übertragen. Obwohl anfangs überzeugter National­sozialist, begann er sich für Freuds Werk zu interessieren und diesen auch persönlich zu schätzen. Das hatte zur Folge, daß er nicht nur aus­ländische Guthaben Freuds nicht meldete, wodurch diese der Beschlag­nahme durch den NS-Staat entgingen, sondern auch sonst bei der Aus­wanderung in vieler Hinsicht behilflich war und sich später noch um Freuds betagte, in Wien zurückgebliebene Schwestern kümmerte, bevor sie der Judenvernichtung zum Opfer fielen (vgl. zu Person und Rolle Sauerwalds Schur, 1972, S. 586 f.). Weitere Interventionen zugunsten von Freud kamen aus den USA, wo Freud den ehemaligen Botschafter Bullitt kannte, mit dem zusammen er eine politisch-psychologische Stu­die über den amerikanischen Präsidenten Wilson geschrieben hatte. Bul­litt gelang es, Präsident Rossevelt für Freud zu interessieren, der auf höchster Ebene in Berlin Einfluß geltend machte. Weiterhin setzte sich auch Mussolini für Freud ein.

Vor der Ausreise verlangte die Gestapo von Freud noch eine schrift­liche Bestätigung, daß er korrekt behandelt worden sei. Er soll un­terschrieben und hinzugesetzt haben: »Ich kann die Gestapo jeder­mann bestens empfehlen«. Am 4. Juni 1938 konnte Freud mit seinen nächsten Angehörigen zunächst nach Paris und dann nach London aus­reisen.

Am 20. März 1938 wurde eine Vorstandssitzung der Wiener Psychoana­lytischen Gesellschaft einberufen, an der Sauerwald, Jones, Anna Freud, Paul Federn, Müller-Braunschweig u. a. teilnahmen. Es wurde beschlos­sen, daß die Gesellschaft Teil der DPG werden solle; gleichzeitig wur­den alle »nichtarischen« Mitglieder aus ihr ausgeschlossen. Die Gesell­schaft wurde offiziell am 25. 8. 1938 aufgelöst. Die Angelegenheit mit dem in Wien abgefangenen Brief Müller-Braunschweigs an Anna Freud hatte noch ein Nachspiel: Im November 1938 verlor die Deutsche Psy­choanalytische Gesellschaft ihren Status als eingetragener Verein und wurde nunmehr als »Arbeitsgruppe A« des Göring-Instituts weiterge­führt (Cocks, 1975, S. 153 f.). Müller-Braunschweig erhielt Lehr- und Publikationsverbot, auch Boehm durfte keine Lehranalysen mehr durchführen. Beide Sanktionen blieben bis zum Ende des NS-Staates in Kraft (Müller-Braunschweig, 1948, S. 2; Boehm, 1978, S. 305). Zusammenfas­send heißt es bei Cocks: »Die Brauchbarkeit der Freudschen Theorie und Erfahrung und die Energie der sie Ausübenden ermöglichte ihr Überleben und die Zunahme ihres Einflusses im Göring-Institut« (1975, S. 228).

 

VI

Nach Kriegsausbruch kam das Göring-Institut unter engere Kontrolle der »Deutschen Arbeitsfront«. Am 30. September 1939 wurde als Kriegsmaßnahme der Status des Instituts als eingetragener Verein abge­schafft; nun nahm die Arbeitsfront das Institut und alle seine Aktivitä­ten voll in ihre Regie. Auf Druck der DAF konnten nach 1939 alle aus­gebildeten Psychotherapeuten zu Mitgliedern gewählt werden, während es bis dahin nur Ärzte sein konnten. Nichtärzte mußten sich bei dem von der Arbeitsfront geführten »Amt für Volksgesundheit« registrieren lassen. Dies galt keineswegs ausschließlich für Psychologen, sondern für

alle Berufe, die mit »Menschenführung« zu tun hatten (ebd., S. 246). 1940 setzte sich die Mitgliedschaft des Göring-Instituts wie folgt zu­sammen: 88 Ärzte, davon 17 Ärztinnen, 39 andere Akademiker, 61 Nichtakademiker, hiervon 52 Frauen, und 16 fördernde Mitglieder. Die Gesamtmitgliederzahl betrug 204, von denen 97 in Berlin lebten. Die übrigen waren den Zweigstellen des Instituts in Bayern, »Ostmark«, Rheinland und Südwestdeutschland assoziiert. Es gab 59 Ausbildungs­kandidaten (ebd., S. 242).

Das Institut hatte zehn Abteilungen. Hier ist bedeutsam, welche Abtei­lungen von Freudianern geleitet wurden. Das war einmal die Poliklinik, die erst von John F. Rittmeister, später von Werner Kemper geleitet wurde. Dann die Abteilung für Statistik und Auswertung unter Leitung von Boehm, ferner die Abteilung »forensische Psychiatrie«, deren Leite­rin Frau Kalau vom Hofe war, schließlich die Abteilung für Lehrmittel und Lehrpläne, die von Müller-Braunschweig geleitet wurde. Die Ge­hälter der Abteilungsleiter lagen zwischen 1 000 und 500 RM monatlich (Baumeyer, 1971, S. 218; Cocks, 1975, S. 247).

Das Göring-Institut war in vielfältiger Weise mit dem Nazistaat verflochten, obwohl der Anteil von NSDAP-Mitgliedern unter den Insti­tutsmitgliedern höchstens 5 0/0 betrug (Dräger, 1971, S. 264)6[vii]. Zu den von Göring zur weltanschaulichen Verstärkung hinzugezogenen Nationalsozialisten gehörte das Ehepaar Bilz. Rudolf Bilz war »alter Kämp­fer«, d. h. vor 1933 in die Partei eingetreten (Cocks, 1975, S. 194). An anderer Stelle sind Rudolf Bilz und seine Frau als »wilde Nazis« be­zeichnet worden (ebd., S. 238).

Der Volksmund bezeichnete damals diejenigen, die nach den Ereignissen im März 1933 in die Partei eintraten, als »Märzgefallene«. Hierzu ge­hörten M. H. Göring und seine Frau Erna, Curtius7[viii], Cimbal, Achelis, Schmaltz und einige andere (ebd., 5.195). Andere Institutsmitglieder, so Heyer, Speer u. a., traten erst 1937 in die Partei ein. Nichtsdestoweni­ger wurde Heyer von einigen Kollegen als gefährlicher Nazi betrachtet (ebd., S. 216).

Unter den Freudianern gab es nur ein Parteimitglied: Eckart von Sy­dow, der auch ethnologische Studien für die SS erstellte (ebd., S. 195). Göring versuchte, den jüdischen Geist durch Sprachregelungen auszu­merzen: Psychotherapie wurde »Seelenheilkunde«, Psychologie »Seelen­kunde« getauft etc. (ebd., S. 16). Eine psychoanalytische Behandlung mußte fortan »wirkliche tiefenpsychologische Behandlung von langer Dauer« genannt werden. Nachträgliche Empörung hierüber auf Seiten der direkt Betroffenen findet sich nur in dem Bericht von Käthe Dräger (1971, S. 264 f.), die zornig von »Sklavensprache« spricht.

Die Ausbildung verlief weiterhin nach dem Grundentwurf, der im alten Psychoanalytischen Institut erarbeitet worden war. Eine »Lehrbehand­lung«, wie eine Lehranalyse dort hieß, umfaßte mindestens 150 Stun­den. Weiterhin gab es theoretischen Unterricht und klinische Seminare. Nach drei Semestern konnte ein Studierender Praktikant werden, an Fallseminaren teilnehmen und zwei Patienten unter der Aufsicht eines Lehrbehandlers übernehmen. Die Ausbildung dauerte damals minde­stens zwei Jahre, die Lehrbehandlung konnte von allen ordentlichen Mitgliedern des Instituts in Berlin oder in den übrigen Filialen in Deutschland absolviert werden. Nach Ende der Ausbildung wurde eine weitere Fortbildung verlangt, u. a. die weitere Behandlung mindestens eines Patienten, Teilnahme an Seminaren und Vorlesungen sowie an den wissenschaftlichen Sitzungen des Instituts und Mitarbeit in der Polikli­nik oder Erziehungshilfe (Cocks, 1975, S. 261 f.).

Die Abteilung für Erziehungshilfe stand unter der Leitung von Frau von König-Fachsenfeld, später unter der des Freudianers Kuehnel, ei­nem Schüler von Kemper. Diese Abteilung arbeitete in enger Verbin­dung mit der nationalsozialistischen »Volkswohlfahrt« und dem natio­nalsozialistischen Lehrerbund. Mitgliedschaft in der »Hitlerjugend« und im »Bund Deutscher Mädel« wurden als wichtige Faktoren seelischer Gesundung angesehen (ebd., S. 258). Bei den Ausbildungsaktivitäten hatten die Freudianer, zu denen man damals noch Schultz-Hencke rech­nen mußte, weitaus das Übergewicht (ebd., S. 264 f.).

Wenn man die Themen der wissenschaftlichen Sitzungen der »Arbeits­gruppe A« von 1938-1944 anschaut, so fällt deren streng fachlich-psy­choanalytischer Inhalt auf. Konzessionen an eine »Deutsche Seelenheil­kunde« oder sonstige Glaubenssätze der Nazi-Ideologie sind nicht er­kennbar. Vielmehr ist ersichtlich, daß an der Krankheitslehre der Psy­choanalyse grundsätzlich festgehalten wurde (Baumeyer, 1971, S. 211 bis 215).

Die Erb- und Rassenforschung besaß kein erkennbares Gewicht in der Arbeit des Instituts. Im Gegenteil, aus persönlichen Mitteilungen ist uns bekannt, daß in einigen Fällen Patienten, die an Anfallsleiden oder Psy­chosen litten, als Neurotiker deklariert wurden, um sie dem Zugriff des NS-Staates und das heißt der möglichen Ermordung oder Zwangssterili­sierung zu entziehen.

Einen besonders wichtigen Platz im Institut nahm natürlich die Polikli­nik ein, die als »Anstalt für mittellose Volksgenossen« bezeichnet wur­de. Von Oktober 1936 bis Mitte 1941 sind 464 Fälle in der Poliklinik behandelt worden. Hiervon sollen nach Kemper 80 °/o der Mittelschicht angehört haben, etwa 10 °/o der Arbeiterschaft und 10 °/o der Ober­schicht. Ungefähr die Hälfte der Patienten wurde mit Kurztherapien be­handelt. Jedes Mitglied des Instituts mußte neben seiner Privatpraxis mindestens einen Patienten im Rahmen der Poliklinik behandeln. Be­richte über den Behandlungsverlauf mußten nach 6 Wochen, 6 Monaten und nach einem Jahr verfaßt werden. Das Honorar wurde als immanen­ter Bestandteil der Behandlung angesehen und nach den finanziellen Möglichkeiten des Patienten festgelegt. Der Therapeut bekam ein Stun­denhonorar von mindestens RM 6,—, gegebenenfalls zahlte das In­stitut die Differenz.

Nach Kemper wurde die Arbeit an der Poliklinik nicht von den Nazi-Aktivisten im Göring-Institut gestört oder beeinflußt. Es sei auch nichts von Nazispitzeln unter den Patienten bekannt geworden. Göring, der die Freudianer anfänglich mit Ablehnung und Mißtrauen beobachtet hatte, sei im Laufe der Jahre aufgeschlossener für den theoretischen und praktischen Wert der Psychoanalyse geworden. Görings Frau, zu­nächst als rabiate Parteigängerin der Nazis betrachtet, machte später eine Lehranalyse bei Kemper und soll sich der Freudschen Denkweise weit­gehend angenähert haben. Frau Göring soll Kemper auch gelegentlich Warnungen übermittelt haben, wenn Kollegen der Partei unangenehm auffielen (Cocks, 1975, S. 264 f.).

Dennoch mußte das Institut (und damit auch die Psychoanalyse) der kriegführenden Diktatur seinen Tribut entrichten. Mit Hilfe psychologi­scher Methoden sollte die Arbeitseffektivität in der Kriegswirtschaft ge­steigert werden. Der Leiter der Testabteilung des Instituts, Vetter, wur­de Berater der IG Farben, des größten deutschen Chemiekonzerns, aus dem nach dem Krieg u. a. die Farbwerke Höchst hervorgegangen sind. Vetter konnte noch 1942 nach Schweden reisen, um dort Vorlesungen über »Deutsche Diagnostik« zu halten. Erika Hantel, ebenfalls als Ar­beits- und Betriebspsychologin bekannt, war beratende Psychologin bei der Flugzeugfabrik Arado, nach dem Krieg Beraterin bei Bosch in Stutt­gart (ebd., S. 253 f.).

Auch Kriegsneurosen wurden behandelt. Diese boten im Zweiten Welt­krieg andere Bilder als im Ersten. Sogenannte »seelische Überlagerun­gen« organischer Beschwerden und psychosomatische Störungen wie Kopfschmerzen oder Magengeschwüre waren wesentlich häufiger als die Krankheitsbilder der »Kriegszitterer« des Ersten Weltkriegs. Interes­sant ist, daß innerhalb des Sanitätswesens des Zweiten Weltkriegs auf deutscher Seite der Begriff »Neurose« nicht gebraucht werden durfte, weil dieser psychiatrischen Vorstellungen zuwiderlief. Vielmehr war nur von »abnormen Erlebnisreaktionen« zu sprechen. Eine enge Zusammen­arbeit mit der Luftwaffe wurde durch J. H. Schultz ermöglicht, der zu­gleich Sanitätsoffizier der Luftwaffe war. Unter Mitarbeit von Schultz wurde 1940 auch eine Untersuchung über die Folgen von Verdunkelung und Luftangriffen und daraus resultierende praktische Nutzanwendun­gen veröffentlicht (ebd., S. 313-316).

Die Behandlung und Erforschung der Homosexualität wurde nicht nur von der Wehrmacht, sondern auch von der SS an das Institut herange­tragen. Mitglieder des Instituts vertraten eindeutig die Psychogenese dieser Triebrichtung und standen hiermit im Gegensatz zu den erbbiolo­gischen Auffassungen sowohl der Schulmedizin als auch der staatlichen Doktrin (ebd. S. 275-278).

Die folgende Episode ist eine seltsame Mischung von Dienstleistung für eine NS-Organisation und korrektem professionellen Verhalten: 1942 untersuchte M. H. Göring auf Veranlassung von Himmler die 17jährige seelisch gestörte Tochter eines gefallenen SS-Offiziers, um Empfehlun­gen hinsichtlich des strittigen Sorgerechts zu geben. Die Freudianerin Kalau vom Hofe erstellte ein fundiertes psychoanalytisches Gutachten, das die Unterbringung in einer Klinik mit der Möglichkeit psychotherapeutischer Behandlung empfahl. Das wurde zunächst in München, spä­ter in dem psychotherapeutischen Kinderheim Beuren bei Tübingen un­ter Supervision von Frau Marzinowski realisiert. Himmler akzeptierte alle diese Vorschläge, und die SS übernahm die Kosten (ebd., S. 271-275).

Achelis war im Krieg Psychotherapeut an der orthopädischen Klinik Hochenlychen unter Leitung von Gebhardt, der für seine unmenschli­chen Versuche an Häftlingen im nahen KZ Ravensbrück bekannt ist (ebd., S. 269; Mitscherlich und Mielke, 1949, S. 131 ff.). Die hier ange­führten Dienstleistungen für den NS-Staat sind nur Beispiele.

Um neue Waffen zu entwickeln und das Kriegsinstrumentarium wirksa­mer zu machen, war 1937 der »Reichforschungsrat« gegründet worden, der alle einschlägigen Forschungen zusammenfassen und koordinieren sollte. Da er ineffektiv arbeitete, schlug Speer 1942 vor, Hermann Gö­ring zum Leiter des »Reichforschungsrats« zu machen. M. H. Göring nutzte seine Verbindungen, um sich der anscheinend lästiger werdenden Abhängigkeit von der »Deutschen Arbeitsfront«, die unter Leitung des Trinkers Robert Ley stand, zu entziehen. Es gelang ihm, sein Institut dem »Reichsforschungsrat« zu unterstellen. Der NS-Staat bestand aus rivalisierenden Gruppen und Institutionen, und Göring verstand es, sich und seinem Familienclan beträchtliche wirtschaftliche Macht zuzuschu­stern und diese mehr und mehr auszubauen. Das gereichte den Psycho­therapeuten mitunter zum Vorteil. Im September 1942 wurde John Rittmeister, der Leiter der Poliklinik, wegen seiner Zugehörigkeit zur Widerstandsgruppe »Rote Kapelle« verhaftet und im Mai 1943 hinge­richtet. Daraufhin wurde die den Psychoanalytikern verbliebene »Ar­beitsgruppe A« aufgelöst. Sie trafen sich allerdings weiterhin zu »Refe­ratenabenden für Kasuistik und Therapie« (Müller-Braunschweig, 1948, S. 2). Sicher ist es dem Einfluß und den Verbindungen der Göring-Fa­milie zu verdanken, daß es nach der Affäre Rittmeister nicht zu weitergehenden Maßnahmen gegen einzelne Mitglieder oder das Institut im ganzen kam. Die Verbindung zwischen dem »Reichsinstitut für psycho­logische Forschung und Psychotherapie« und dem »Reichsforschungs­rat« wurde durch den bekannten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch her­gestellt (Cocks, 1975, S. 317-322).

Im Krieg wurden die Arbeitsbedingungen am Reichsinstitut zunehmend schwieriger. Zahlreiche Mitglieder und Kandidaten wurden eingezogen, und viele Psychotherapeuten versuchten, die Reichshauptstadt, nun ein Hauptziel der englischen und amerikanischen Luftangriffe, zu verlas­sen. Die zunehmende Erschwerung des täglichen Lebens, der Zusammenbruch von Transportmöglichkeiten usw. behinderten regelmäßige Psychotherapien. Aber noch im Winter 1944/45 wurde ein umfangrei­ches Lehrprogramm angeboten. Weiterhin gab es Ausbildungsmöglich­keiten in München, Stuttgart, Frankfurt, Wien und Düsseldorf (ebd., S. 323).

Ende April 1945 wurde das Reichsinstitut bei einem Luftangriff völlig zerstört. M. H. Göring kämpfte, einer persönlichen Mitteilung zufolge, noch in den letzten Kriegswochen in Berlin beim Volkssturm, geriet in russische Gefangenschaft und starb 1945 an Typhus in einem russischen Lager (ebd., S. 325).

 

VII

Unser Interesse, ja, unsere Loyalität zur Psychoanalyse als Wissenschaft und als Institution ist u. a. aus der Vorstellung erwachsen, diese sei ge­gen den Ungeist des Hitler-Faschismus gleichsam immun gewesen. Als wir, durch drängende Fragen junger Kollegen aufgerüttelt, uns intensiv einer Materie zuwandten, die wir nur vage kannten, mußten wir erken­nen, daß diese Annahme sich so eindeutig nicht aufrecht erhalten läßt, vielmehr als eine Illusion korrigiert werden muß. Dazu bedarf es, wie wir selbst gespürt haben, eines Stücks Trauerarbeit.

Die nicht emigrierten deutschen Psychoanalytiker waren 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, mehrheitlich bereit, sich anzupassen, sich gleichschalten zu lassen. Auch wenn sie nicht mit fliegenden Fahnen zum Nationalsozialismus überliefen wie die Angehörigen anderer, ver­gleichbarer Berufsgruppen, so waren sie doch bereit, sich dem in Mat­thias H. Göring verkörperten »Führerprinzip« zu unterwerfen und dem NS-Rassismus Opfer zu bringen. 1933 wurde der Vorstand der Deut­schen Psychoanalytischen Gesellschaft »arisiert«, 1935 mußten die jüdi­schen Mitglieder der DPG austreten und so den Weg ebnen für die Gleichschaltung im Göring-Institut. Nicht nur auf administrativem We­ge fügte man sich; auch inhaltlich kam man dem Nazi-Biologismus ent­gegen (wie Müller-Braunschweigs zitierte Äußerungen zeigen). Nach Baumeyer (1971, S. 205) »… sahen die Beteiligten eine Chance, die Psy­choanalyse zu retten, wenn auch unter großen Opfern. Diese Opfer be­standen darin, daß die Psychoanalyse nur durch >Arier< in Deutschland vertreten werden durfte«. Regine Lockot hat dagegen eingewandt: »Aber kann man eigentlich von Rettung einer Gesellschaft sprechen, wenn die meisten ihrer Mitglieder sie verlassen müssen?« (1981, S. 15). Und haben sich nicht die Psychoanalytiker, die dem Arisierungsgebot Folge leisteten, über eine Schwelle treiben lassen, jenseits derer alle Voraussetzungen

für die Psychoanalyse entfallen? Gewiß ist allen Beteiligten zu konzedieren, daß sie das Ausmaß der dem Nationalsozialismus

innewohnenden Vernichtungswut in den frühen dreißiger Jahren nicht voraussehen konnten. Dennoch wäre die Chronik der Jahre zwischen 1933 und 1945 viel leichter zu schreiben, wenn wir davon berichten könnten, daß die »arischen« Analytiker von einem bestimmten Punkt der Entwicklung an eindeutig »nein« gesagt hätten.

Aber auch die Signale aus Wien waren unklar. Freud, der sich in seiner Schrift »Warum Krieg?« (1932, S. 11—27) bedingungslos und engagiert zum Pazifismus bekannt hatte, verfolgte den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland mit grimmigem Sarkasmus, wobei er dessen wirkliche Brutalität unterschätzte. Am 10. Juni 1933 schrieb er an Marie Bonaparte: »… daß der Bolschewismus doch revolutionäre Ideale aufgenommen hat, der Hitlerismus nur mittelalterlich-reaktionäre. Selbst nicht mehr recht lebenskräftig, erscheint mir diese Welt als zum nahen Untergang bestimmt« (Jones, 1957, S. 217 f.)8[ix]. Hier kommt sein eindeutiges Urteil, aber ebenso deutlich seine Resignation zum Ausdruck.

Freuds Passivität, sein Zögern, die Weigerung, rechtzeitig Österreich zu verlassen, schließlich seine Hoffnung, die Psychoanalyse neutral halten zu können — all das ließ, so scheint uns, Mißdeutungen zu. Wenn Boehm sich bei seinen Kompromissen, die er mit den Nazi-Behörden einging, auf Freud und Anna Freud mit einem Anschein von Plausibilität berufen konnte, so deshalb, weil die Signale aus Wien mehrdeutig waren. Freilich sollte man dabei auch bedenken, daß Freud, wie die oben zitierte Äußerung Anna Freuds belegt, als Angehöriger der beschimpften und verfolgten jüdischen Minderheit seine »arischen« Kollegen nicht in das Elend der Juden hineinziehen wollte. Eine eindeutige Solidarisierung hätte in der Tat von den »arischen« Psychoanalytikernkommen müssen, wie es später im Fall der holländischen Analytiker geschah.

Ernest Jones, dem damaligen Präsidenten der Internationalen Psycho analytischen Vereinigung, ist der Vorwurf freilich nicht zu ersparen, an der Gleichschaltung der Psychoanalyse in Deutschland aktiv mitgewirkt zu haben. Sowohl an der »Arisierung« des DPG-Vorstands 1933 als auch der gesamten DGP 1935 war er anwesend und beratend beteiligt. Sein Treffen mit M. H. Göring 1936 in Basel stellte die Weichen für die Einverleibung der DPG in das Göring-Institut. Jones‘ Tak­tieren und seine Kompromißbereitschaft konnten von Boehm in der Tat als Rechtfertigung seines eigenen Handelns ausgelegt werden.

Wenn man sich um ein ausgewogenes Urteil bemüht, so kann man das Wirken der in Deutschland verbliebenen Psychoanalytiker nicht nur ne­gativ sehen. Gewiß, die Eingliederung in Organisationen des Nazi-Staats (»Deutsche Arbeitsfront«, »Reichsforschungsrat«), die Unterwer­fung unter den Rassismus, der Verrat an den jüdischen Kollegen und die »Psychotherapeutisierung« der Psychoanalyse im Dienste der »Volks­gesundheit« (unter vollständiger Aufgabe ihrer kulturkritischen Begriffe und Implikate): Das sind Makel, die nicht zu retuschieren sind. Ande­rerseits kann man aufgrund aller zugänglichen Dokumente heute fest­stellen, daß die Freudianer am Göring-Institut dem NS-Regime nur so weit entgegenkamen, daß sie ihren Beruf unbehelligt ausüben konnten. (Und wie ist der Opportunismus der deutschen Psychoanalytiker heute zu erklären? Welche Bedrohung denn hindert sie heute, zu sehen, zu wissen und zu verstehen? Welcher Teufel reitet sie, sozialkritische Analytiker (Dahmer, Rosenkötter u.A.) mundtot zu machen zu wollen? Anm. JSB) Von den Mitgliedern der »Arbeitsgruppe A« war allein Eckart von Sy­dow Parteimitglied; er übernahm Auftragsarbeiten für die SS, die von politischem Belang waren9[x]. Alle anderen beschränkten sich auf Behand­lung von Patienten und Lehrtätigkeit.

Nachdem Müller-Braunschweig in Wien 1938 der Gestapo mißliebig ge­worden war, zeigte sich M. H. Görings Doppelgesicht: Durch seinen Einfluß konnte er schlimmere Folgen verhindern, hielt also seine schüt­zende Hand über den Psychoanalytikern. Andererseits erwies er sich aber als ein strenger Zuchtmeister: Die DPG wurde aufgelöst und mußte sich fortan »Arbeitsgruppe A« nennen. Nach der Entdeckung von Rittmeisters Widerstandstätigkeit 1942 wurde auch diese Bezeich­nung untersagt; nur noch »Referatenabende für Kasuistik und The­rapie« waren zugelassen. Müller-Braunschweig und Boehm erhielten 1938 Lehr- und Publikationsverbot, wurden also in eine Strafecke ge­stellt, in der sie bis Kriegsende blieben. Sicher hätten sie durch Kniefäl­le, etwa in Form eines Parteieintritts, ihr Los erleichtern können. Sie ta­ten das nicht. Dies muß u. E. gegen ihr Verhalten in den frühen dreißi­ger Jahren aufgewogen werden.

Abgesehen von der aufgezwungenen »Sklavensprache« und der Unmög­lichkeit, sich auf Freud zu berufen, arbeiteten die Freudianer auf psy­choanalytischen Grundlagen; die Zugeständnisse an den Zeitgeist waren vergleichsweise gering. Vielleicht kann man die Begutachtung und den Therapievorschlag von Frau Kalau vom Hofe zugunsten der Tochter eines SS-Mannes als Dienstleistung für die SS ansehen. Andererseits er­scheinen die Diagnostik und die Therapievorschläge in diesem Fall, der bei Cocks ausführlich dargestellt wird, als psychoanalytisch korrekt. Die ärztliche Fürsorge für die 17jährige Tochter eines SS-Mannes kommt uns nicht ehrenrührig vor. Frau Kalau vom Hofe und andere sind mit der offenen Vertretung ihrer psychogenetischen Auffassung der Homo­sexualität der damals herrschenden biologistischen Doktrin entgegenge­treten und haben so Zivilcourage bewiesen, einigen wenigen wohl auch helfen können. (Heute vertreten Homosexuelle selbst und mit ihnen die herrschende Psychokratie vehement die These, Homosexualität sei genetisch bedingt und daher nicht therapierbar. Anm.JSB)

Obwohl M. H. Göring Freuds Werke im »Giftschrank« verschlossen hielt, konnte er doch nicht verhindern, daß sie privat verliehen wurden und bei Mitgliedern und Kandidaten zirkulierten (persönliche Mittei­lung von Ursula Laessig)10[xi].

Nach Kriegsende konnte sich die psychoanalytische Gruppe in Berlin neu konstituieren. Nach schweren inneren Kämpfen und Auseinander­setzungen fand sie zu ihrer Gestalt als »Deutsche Psychoanalytische Vereinigung, Zweig der Internationalen Psychoanalytischen Vereini­gung«. Es ist dieser Gruppe gelungen, ihre psychoanalytische Identität zu wahren. Wieweit die erlittenen Demütigungen und Niederlagen sich auf ihr bewußtes und unbewußtes Selbstbild ausgewirkt haben, ist bis heute noch zu wenig reflektiert worden.

 

(Anschrift der Verfasser.: Hans-Martin Lohmann, Myliusstr. 20, 6000 Frankfurt/M., und Dr. med. Lutz Rosenkötter, Rombergstr. 10, 6374 Steinbach/Ts.)

 

Summary

Psychoanalysis in Hitler Germany: What was it really like? — In what sense can one say that the Nazis destroyed psychoanalysis or that the members of the old DPG (German Psychoanalytic Society) who remained in Germany rescued and preserved psychoanalysis throughout the years of dictatorship? The authors attempt to reconstruct the answer to this question by reference to the relevant literature which has meanwhile been accumulated. The glance into the past nurtures doubts as to whether the posture of today’s psychoanalysts is appropriate to this historical experience.

lo Vgl, hierzu auch die Erinnerungen von Wilhelm Bitter (Pongratz, 1973, S. 40 ff.). Er erwähnt mehrfach den Freudianer Ewald Roellenbleeck, der ihn intensiv mit Freuds Lehre vertraut gemacht habe.

 

[i] * Bei der Redaktion eingegangen am 7. 6. 1982.

61 Psyche 11/82

[ii] Jones erwähnt diese Äußerung Freuds im Zusammenhang mit der umstrittenen Publikation eines Artikels von Wilhelm Reich in der »Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse«, dem Freud eine entsprechende redaktionelle Bemerkung hinzufügen wollte. Nachdem ihn aber Eitingon, Jekels und Bernfeld davon überzeugt hatten, daß eine

solche Bemerkung politisch wenig tunlich sei — Bernfeld meinte sogar, das käme einer

politischen Kriegserklärung an die Sowjetunion gleich —, wurde der Reich-Aufsatz

schließlich veröffentlicht und durch eine kritische Replik Bernfelds ergänzt.

[iii] 2 Einen interessanten Beleg für das schon absurd zu nennende Ausmaß an Realitätsverleugnung liefert Geoffrey Cocks (1975, S. 90), der anmerkt, Georg Groddeck habe bis zu seinem Tod 1934 geglaubt, er müsse nur einmal die Gelegenheit haben, mit dem »Führer« zu reden, dann könne man diesen schon in die richtige Richtung lenken. In Bezug auf Freuds Haltung zur politischen Realität von 1933 notiert Max Schur (1972, S. 523) : »Es hat den Anschein, daß Freud, der die Macht des Aggressionstriebs beim Individuum aufgedeckt hatte, nicht glaubte, daß diese Kraft in einer ganzen Nation entfesselt werden konnte. Wir müssen uns daran erinnern, daß Freud auch lange Zeit brauchte, bis er die wachsende Feindseligkeit von Mitarbeitern wie Jung und Rank erkannte. Er war dieser Erkenntnis durch den Abwehrmechanismus der Leugnung ausgewichen, der auch in diesem Fall wirksam war« (Hervorhebung H. M. L.).

[iv] 3 Daß die Politik der NS-Behörden gegenüber der DPG mitunter inkonsequent und widersprüchlich war und damit Handlungsspielräume eröffnete, geht aus einer von Boehm berichteten Episode hervor: »Im Frühjahr 1936 wurde gleich nach der Grün-dung des >Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie< unserer Gesellschaft von maßgeblicher Seite der NSDAP dringend nahegelegt, aus der >Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung< auszutreten. Unsere Gesellschaft führte in einer außerordentlichen Generalversammlung am 13. Mai 1936 einstimmig einen diesbezüglichen Beschluß herbei und teilte ihn Jones mit. Kurze Zeit darauf erklärte die vorstehend genannte Parteidienststelle, daß der Verbleib unserer Gesellschaft in der IPV nunmehr wieder erwünscht sei. Inzwischen aber war unsere Austrittserklärung als Notiz in der >Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse< XXII. Band, Heft 3, Jahrgang 1936, S. 435, erschienen. Dieses Heft lag auf dem Marienbader Kongreß im August 1936 bereits im Druck vor. Unsere zweite Mitteilung an Jones, daß wir unsere Austrittserklärung zurückzögen, hatte die Drucklegung dieses Heftes leider nicht mehr verändern können. Trotzdem sagte Jones unserer Gesellschaft zu, daß er dieselbe weiter als latentes Mitglied der >Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung< führen werde, bis wieder geordnete Zustände in Deutschland herrschen würden« (Boehm, 1978, S. 306 f.; vgl. auch Jones, 1957, S. 224).

[v] 4 Während Jones (1957, S. 224) als Termin für dieses Treffen den Januar 1937 angibt, spricht Boehm (1978, S. 304) von Januar 1938. Letzteres erscheint insofern als wahr-scheinlicher, als Boehm wohl kaum schon Anfang 1937 im einzelnen überblicken konnte, welche Schwierigkeiten den Mitgliedern der DPG nach ihrer Eingliederung in das Göring-Institut (November 1936) erwachsen würden. Dies war vermutlich erst nach einem längeren Zeitraum festzustellen. Deshalb muß man davon ausgehen, daß die von Boehm gewünschte Zusammenkunft mit Freud und dem IPV-Vorstand erst im Januar 1938 stattfand.

[vi] 5 Es wäre interessant gewesen, die Namen der »Autoritäten« zu erfahren. Leider

schweigt sich Langer hier aus.

[vii] 6 Zum Vergleich: Ärzte waren damals zu 45 0/0 Parteimitglieder, Lehrer zu etwa 22 °/o (Kater, 1979).

[viii] Vermutlich Otto Curtius.

[ix] Freud war damals 77 Jahre alt und von seinem Krebsleiden gezeichnet.

[x] Cocks‘ Angaben sind sicher zuverlässig, da er Zugang zum amerikanischen Document Center in Berlin hatte.

[xi] 10 Vgl. hierzu auch die Erinnerungen von Wilhelm Bitter (Pongratz, 1973, S. 40 ff.). Er

erwähnt mehrfach den Freudianer Ewald Roellenbleeck, der ihn intensiv mit Freuds

Lehre vertraut gemacht habe.

 

 

 

Kritische Glosse

HELMUT DAHMER, FRANKFURT A. M.

»Holocaust« und die Amnesie*[iii]

 

Aus der Neuen Welt

 

Entnazifizierung und Reeducation kamen einst aus der Neuen Welt: Exporte

aus dem »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« ins Land der ehernen Unmöglichkeiten.

Dreißig Jahre später ging man dort, stellvertretend für uns, auf die Suche nach den »Roots« der Judenvernichtung. »Holocaust«, das Produkt solcher Rekonstruktionsarbeit, ging durch dreißig Länder, ehe es dorthin kam, wo es sein eigentliches Publikum fand — im Vaterland der Judenvernichtung.

 

E-Musik

 

Vorab war zu hören, die Filmserie sei »trivial«, »sentimental«, »kitschig«,

mitunter ungenau, im ganzen, als historische Darstellung, inadäquat. Wie aber

hätte sich wohl eine populäre, aufwühlend ergreifende, den Traum-Kitsch des

III. Reiches, seiner Herrscher und Untertanen treffende, mitunter vielleicht

ungenaue, aber die Untaten der Nazis nicht leugnende, nicht beschönigende

Darstellung auf die Geschichte der Bundesrepublik ausgewirkt, wäre sie rechtzeitig

gekommen? Hier stellt man sich dem Grauen deutscher Geschichte allenfalls

auf »gehobenem« Niveau, wenn es als Kulturfilm gerahmt ist, unterlegt

mit U-Musik. Solche Weihespiele (von ewiger Schuld und Sühne) in den

Tempeln der Kulturindustrie, die zu vager Andacht, sonst nichts verpflichten,

hat es eher zu viele gegeben. Ihr Publikum wurde stets noch in dem bestärkt,

was es im Jahrhundert der Kriege und Bürgerkriege ohnehin empfindet: in

der Ohnmacht, an »den Ereignissen« etwas ändern zu können, im kurzatmigen

Erschrecken, in der erbaulichen Zerknirschung, aus denen nichts folgt. Ergebung

in das Unverstanden-Unvermeidliche und Erleichterung darüber, nicht

mehr in solch finsteren Zeiten zu leben — darin mündete deutsche Vergangenheitsbewältigung.

»Holocaust« lehrt ein ganz anderes, mögliches, in Deutschland immer wieder vergessenes Verhalten: daß man sich wehren kann, kämpfen muß. Der Film lädt zur Identifikation mit dem (jüdischen) Widerstand, mit der Résistance ein. Die Entsublimierung à la »Holocaust« ist progressiv.

 

Familien-Geschichte

 

Familiale Deutungsmuster sind gesellschaftlichen Prozessen, politischen Ereignissen

unangemessen. Sie verbiedern die soziale Welt, statt sie verständlich zu

machen. Aber ein politisch unaufgeklärtes Massenpublikum klammert sich an

familiale Deutungsmuster; es hat keine anderen. Hier setzt »Holocaust« an.

Die Schreckensgeschichte des III. Reiches wird als Familiengeschichte präsentiert. Das große Publikum, dessen Rezeptionsweise am »Alten« oder den »Leuten von der Shiloh-Ranch« sich schult, wird nicht überfordert. Zwei einander überschneidende Familiennetze verbinden die Höhen der SS-Führungsstäbe mit der Hölle der Vernichtungszentren, verknüpfen Berlin, Warschau

und Kiew. Dokumentarische Aufnahmen werden eingeblendet, Massenszenen nachgespielt. So weitet sich die Familienbühne zur Bühne des von Deutschen besetzten Europas, auf der das Endspiel »Juda verrecke« arrangiert wird.

Henker und Opfer, Apathische und Widerständler erscheinen als Menschen

wie du und ich. Die Hauptpersonen sind freilich weniger psychologisch als

dokumentarisch »echt«: Mischbilder typischer überlieferter Verhaltensformen.

Das gilt auch für ihre Gespräche, die zum guten Teil historisch authentisch

sind. Diese Familienserie ist eine Pseudo-Fiktion, rekonstruierte Geschichte;

alles stimmt, alles ist belegt. Die Identifikation, zu der der Film einlädt, läuft

der traditionellen, der Einfühlung in die Nutznießer und Henker, wie sie

durch die NS-Propaganda fixiert wurde, zuwider. Für ein paar Stunden

schwingen die Emotionen der Zuschauer mit den Opfern, den Fremden, gegen die Unseren, Eltern und Großeltern.

 

Der Ritt über den Bodensee

 

Woher kommt das plötzliche große Interesse an »diesem« Thema? Ist es eines

an Geschichte? Primär kaum. Der Film wurde als »Seifenoper« etikettiert.

Das war als Abwerbung gedacht, aber das große Publikum liebt die Seifenopern.

Diese bietet siebeneinhalb Stunden Spannung, Jagden, Mord, Folter,

Vergewaltigung, Massenmord, Krieg und Liebe, nicht als Fiktion, sondern als

Pseudo-Fiktion, die Geschichte repräsentiert. Das Publikum, das den konventionellen

Köder schluckt und den Film auf der Klaviatur seiner Affekte spielen läßt, macht, erschüttert und ernüchtert, eine Erfahrung, die der des Reiters über den Bodensee gleicht: Wenn dieser Thriller der unserer Geschichte ist, wenn »Holocaust« wirklich war, dann stimmen unser Weltbild und unsere Identität nicht. Dann öffnet sich hinter uns, die wir uns schon geborgen

wähnten, der Abgrund, war alle Sicherheit auf Sand gebaut.

 

Deutschland, erwache

 

Den Film sehen gerade so viel Menschen wie bei den letzten freien Wahlen damals

Hitler die Stimme gaben. Und auf die Filmstunden folgen Diskussionen,

Tausende rufen beim Sender an, stellen Fragen über Fragen. Es ist, als hätten die

meisten Diskutanten und Frager dreißig Jahre lang einen Dornröschenschlaf

geschlafen, aus dem erst »Holocaust« sie erweckte. Nun fragen sie, was

man 1945/46 hätte fragen müssen und erfahren können. Drei Jahrzehnte

»Vergangenheitsbewältigung« sind wie nie gewesen. Kogons »SS-Staat«, Mitscherlich-

Mielkes »Medizin ohne Menschlichkeit«, Reitlingers »Endlösung«,

Bullock und Shirer, das »Tagebuch der Anne Frank« und die »Weiße Rose«,

Eichmann in Jerusalem und die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, Resnais’

»Nacht und Nebel«, Leisers »Mein Kampf«: abgeprallt am psychischen Abwehrpanzer

der verschworenen Volksgemeinschaft der Nichtwisser und Nichtwahrhaber.

Dieser Panzer ist die wichtigste Hinterlassenschaft des III. Reichs. Die belasteten Mitläufer-Eltern haben ihn ihren Kindern vermacht, eine noch immer funktionstüchtige schimmernde Wehr gegen kollektive Selbsterkenntnis. Und deutlich intoniert ein Minderheitenchor den basso ostinato: Laßt uns vergessen, wir wollen das nicht wissen, laßt uns in Frieden nach so langer Zeit, das ist doch längst Geschichte. Das ist die Stimme der Komplizen; sie repräsentieren das NS-Regime in der Gegenwart.

 

Die Ausnahme und die Regel

 

Wir haben, »Holocaust« betrachtend, über die Opfer geweint, haben die Henker gehaßt, haben uns mit denen, die sich wehrten, identifiziert. Nun wollen wir verstehen. Doch zur Erklärung der Judenausrottung trägt der Film wenig bei, nennt nur ein paar Motive: den Neid und die Fremdheit; den Wunsch, Karriere zu machen; das Bedürfnis nach einem inneren Feind; die Lust an der Pflichterfüllung; die Wahnvorstellungen über Herrenrassen, Untermenschen und Schädlinge in menschlicher Gestalt. Pogrome begleiteten die Leidensgeschichte der Judenheit. Massaker gab und gibt es in den verschiedensten Ländern. Faschistische Bewegungen und Regime gab es gleichzeitig mit dem deutschen in verschiedenen europäischen Gesellschaften. Aber: Auschwitz und Babi Jar heben sich aus der allgemeinen Mord- und Foltergeschichte unseres Jahrhunderts und aller vergangenen heraus, sind Unikate (wie jene anderen, für die die Namen Hiroshima und Workuta stehen). Warum haben die Deutschen unter Hitler das gemacht? (Weil sie es machen konnten. Anm.JSB)

Holocaust war ein Extrem, dem nicht Friede und Verständigung als Regel gegenüberstehen, sondern das fortwährende Massaker — von Chile über Kambodscha bis Iran —, die nahezu pausenlos wütenden Kriege, die sich ausbreitende Folter (AVO, DINA, SAVAK …). Holocaust liegt nicht hinter uns. Neuartige Holocausts sind in Vorbereitung. Die Raketenbatterien in unserm wie in andern Ländern, die keiner sehen will, die Neutronenbombe, die Kampfstoff-Fabriken (von den risikoträchtigen Atommeilern zu schweigen) ermöglichen einen Holocaust, von dem wir uns noch zu wenig träumen lassen.

 

Wir haben es nicht gewußt

 

Um Millionen von Menschen druntenzuhalten, fortzuschleppen und umzubringen, dazu bedarf es allemal anderer Millionen von Menschen, mag es sich bei den Unterdrückten und Kontrollierten um soziale Klassen oder um ethnische Gruppen handeln. In der Befehlsempfängerkette ist die Verantwortung auf viele verteilt, nicht aufgehoben. Alle Beteiligten sind verantwortlich, nicht etwa keiner von ihnen. Von den Technikern, die »Ideen« hatten, von den Auftrag- und Geldgebern reicht die Verantwortungskette herunter über all die Mitwisser und Vorbereiter bis zu den Horchern, Denunzianten, zu den zahllosen Augen- und Ohrenzeugen, die sehend nicht sahen, hörend nicht hörten, denen Furcht vor Verfolgung, Folter und Vernichtung Aug und Ohr schloß. Auch in die bürokratisch-technische Tötungsmaschinerie sind (wie in die moderne Produktion) noch Menschen genug eingespannt, und am Fuße der Hierarchie stehen die Exekutoren, ohne die nichts geschieht, die Fach- und Hilfsarbeiter des Todes an Maschinengewehren, Benzinkanistern und Flammenwerfern, Vergasungswagen und Massengräbern, die Genickschußspezialisten, Zyklon B-Einfüller, Prügler und Folterknechte, an denen nie Mangel ist.

Himmler und Heydrich brauchten Millionen, die keine Fragen stellten, die vergaßen, was sie sahen, die keine Hand rührten. Dabei ging es also nicht um einfaches Nicht-Wissen, eher schon um ein Nicht-wissen-Wollen, besser: um das Nicht-wissen-wollen-Können. Denn ungezählte Menschen überleben in unserer Gesellschaft nur, weil sie ihre Realitätsprüfung einschränkten. Sie haben gelernt, nicht über ihre Verhältnisse zu leben.

 

Peter Schlemihl

 

Den historischen Riesenpogrom, organisiert als »Geheime Reichssache«, kann »Holocaust«, seiner Anlage nach, nicht erklären. Die »Endlösung« ist nicht aus sich selbst verständlich zu machen, bleibt, isoliert gesehen, rätselhaft wie ein Schatten ohne den, der ihn wirft. Zu fragen ist nach der Funktion der Judenausrottung für das NS-Regime, für die Menschen, die es trugen. Diese Frage stößt auf Widerstand, auf ein Denkverbot aus Pseudo-Pietät: Auschwitz sei unbegreiflich, ein Verhängnis, funktionslos gewesen. Lieber noch wird der braune Schrecken zu einem Mysterium gemacht, als daß man der Frage sich stellte, wem er nützte und wen er befriedigte, als daß man das große Morden auf die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse bezöge, die Bewußtsein und Unbewußtes von Opfern und Henkern strukturieren. Wer aber die Judenvernichtung beklagt, darf vom Faschismus nicht schweigen.

Die deutsche faschistische Massenbewegung, das war der Aufstand der breiten Zwischenschichten, mit deren Hilfe noch jede (ökonomisch) herrschende Klasse sich an der Macht hielt. Das war die militante Antwort des viele Millionen starken alten und neuen »Mittelstandes« auf die Unterminierung seiner traditionellen Lebensform. Zwischen die Mühlsteine der fortschreitenden kapitalistischen Entwicklung, der von der Bourgeoisie betriebenen Aufhebung des kleinen und mittleren Eigentums (durch konzentrationsfördernde Konkurrenz) einerseits, der radikaleren Bedrohung des Privateigentums durch die Arbeiterbewegung andererseits geraten, suchte Hitlers »mittelständische Sammlungsbewegung« einen Weg zurück zu einem obrigkeitsstaatlich gezähmten Kapitalismus mit Raum für Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende, mit Chancen für Offiziere, Akademiker, Angestellte und Beamte, die die große Krise mit Deklassierung bedrohte. Über kurz oder lang aber mußten die regressiven Sehnsüchte der faschistisch organisierten, »ungleichzeitigen« Zwischen-schichten an der Dynamik der deutschen kapitalistischen Wirtschaftsgesellschaft und ihres internationalen Kontexts zerschellen. Darum waren alle Straßen des III. Reiches mit Symbolen ausgelegt. Hitler stieg vom Sektenschreier zum Messias auf in dem Maße, wie er die real nicht zu befriedigenden Interessen, die Wunsch- und Racheträume seiner Anhänger als potentielle soziale Gewalt begriff und lenken lernte. Der faschistische Angriff galt primär (und real) der Arbeiterbewegung, dem Marxismus und Bolschewismus, der Sowjetunion, sekundär (ideologisch) dem »raffenden« Kapital, den großen Warenhäusern und den »Plutokratien«. Fusioniert wurden beide Gegner mit Hilfe des populären, rassistisch frisch aufgeputzten Antisemitismus: »Die Juden sind unser Unglück«, genauer: verantwortlich für die Misere ist die »jüdische Weltverschwörung« mit ihren beiden Hauptquartieren in Wallstreet und Moskau. Die »antikapitalistische Sehnsucht« der Gefolgsleute Hitlers wurde an den ältesten Repräsentanten der Geldwirtschaft, den Juden, arm oder reich, ausgelebt; der antiproletarische Haß brach sich an Lenin- und Stalingrad.

Die faschistische Massenbewegung fungierte als Knüppel des Finanzkapitals. Sie zerschlug die Arbeiterbewegung. Deren Funktionäre und Mitglieder füllten die ersten Konzentrationslager. Der Arbeiterwiderstand war der einzige, der vor dem II. Weltkrieg ins Gewicht fiel. Erst die Zerschlagung der Arbeiterbewegung gab den Nazis den Weg zu Pogrom und Krieg frei. Keiner der mittelständischen Träume ging im III. Reich in Erfüllung. Die Repräsentanten des plebejisch-antikapitalistischen Flügels der NSDAP wurden schon 1934 liquidiert. Die Konzentrationsbewegung beschleunigte sich im Zuge der Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Der imperialistische Traum von einem Europa unter deutscher Herrschaft scheiterte an der Anti-Hitler-Koalition; Resultat des Raubkrieges war die Halbierung des deutschen kapitalistischen Wirtschaftsgebiets. Im März 1933 ebneten die bürgerlichen Parteien vor ihrer Selbstauflösung Hitler (dessen NSDAP es trotz der Finanzhilfe der deutschen Wirtschaft und des Terrors gegen KPD und SPD auf nicht mehr als knapp 44 Prozent der Stimmen gebracht hatte) den Weg zur Diktatur. Er sollte »Ordnung« schaffen, optimale Ausgangsbedingungen für Aufrüstungskonjunktur und Revanchepolitik. Der Preis für die Rettung der Renditenwirtschaft durch Braunhemden und Totenkopf-Terroristen war die Verwicklung in einen ruinösen Zweifrontenkrieg und der Dauerpogrom im Schatten dieses Krieges. Hier fanden die real blockierten regressiven Wunschträume der kleinbürgerlichen Massenbewegung eine schaurige Ersatzbefriedigung. Die europäische Judenheit wurde zum Opfer der reaktionären Utopie einer mittelständischen Volksgemeinschaft im 20. Jahrhundert.

Die Zwangsgemeinschaft der unfreien und ungleichen Herrenmenschen konnte ihre kollektive Illusion nur mit Hilfe von Menschenopfern aufrechterhalten, nur als verschworene Mord- und Schuldgemeinschaft, die sich gegen innere und äußere Feinde, politische Gegner, Juden und »Untermenschen« behauptete. 150 Jahre zuvor hatte das französisch-jakobinische Kleinbürgertum im Kampf gegen die Konterrevolution seinen Gleichheitstraum auf den Plätzen von Paris mit der Guillotine wahrmachen wollen. Damals ging es darum, persönliche Herr-Knecht-Verhältnisse zu zerbrechen, sie durch sachlich vermittelte Abhängigkeit zwischen Angehörigen verschiedener Klassen zu ersetzen. 1942 versuchten faschistisch-konterrevolutionär organisierte Angehörige des deutschen Kleinbürgertums, ihre Alpträume mit Maschinengewehr und Gaskam-mer zu zerstreuen, die Volksgemeinschaft gegen die Realität, gegen eine Welt von Feinden und Verschwörern, »Parasiten« und »Rassenschändern« durchzusetzen — im geheimen. Ihnen ging es darum, an die Stelle indirekter (marktvermittelter) Herrschaft neuerlich direkte (totalitäre) Führer-Gefolgschafts(bzw. Herren-Sklaven-)Verhältnisse zu setzen.

 

Hitlers Kinder und Enkel

 

Das Hitlerregime mußte von außen gestürzt werden. Es gab keine deutsche

Resistance, die man in einem Atem mit der französischen oder jugoslawischen,

in einem Atem mit den Verteidigern der spanischen Republik nennen könnte.

Und es gab nach dem Zusammenbruch des Regimes keine irgend angemessene Trauerarbeit. Warum gab es so wenige Widerstandsgruppen, so wenige Kurt Hubers, so wenige Geschwister Scholl, nur eine »Rote Kapelle«, nur einen Kurt Gerstein? Warum revoltierten nicht in wenigstens einer deutschen Stadt die Menschen gegen den Abtransport ihrer jüdischen Mitbürger (wie in Amsterdam); warum versteckten nicht deutsche Bauern (wie es französische taten) tausende jüdischer Kinder vor den Mördern? Warum richtete nicht wenigstens einmal ein Soldat bei der Massenerschießung das Maschinengewehr auf den Kommandostab?

Der Schock des »Zusammenbruchs« der NS-Illusionen hat der Bevölkerungsmehrheit eine Amnesie beschert, auf deren Basis der offizielle Optimismus der II. Republik gedeiht. Das Vergessen erspart all jene Fragen. Doch das kollektiv Verdrängte bildet charakteristische Symptome aus. Auch unser Zustand wird durch seine Extreme definiert: Da gibt es anno 1979 kleine Gruppen deutscher Terroristen, einer Jugend-Protestbewegung entsprungen, die ohne sozialen Rückhalt blieb. Sie wollen mit Attentaten, Geiselnahmen und Erpressung gegen den westlichen Imperialismus anrennen, wähnen auch wohl, derart eine antikapitalistische Massenbewegung auszulösen. Ihre Attacke gilt dem antiterroristisch armierten, starken Exekutivstaat. Und in den »Diensten« dieses Staats verdienen allzu viele Menschen ihr Brot damit, pflichteifrig, bedenkenlos und technisch perfekt die politischen Aktivitäten unzähliger möglicher »Verfassungsfeinde« prophylaktisch zu überwachen, belauschen die Telefone, öffnen die Briefe, sammeln Informationen, legen Karteien und Dossiers über immer neue Gruppen und Tatbestände an. »Deutschland im Herbst«, wie es sich 1977 so denkwürdig präsentierte, ist historisch überdeterminiert: Im magischen Fanatismus der terroristischen Grüppchen und in der ihm korrespondierenden Paranoia derjenigen, die blindwütig Volk und Staat gegen Terroristen, »Sympathisanten«, »Verfassungsfeinde« und Alternativen zum krisenhaften Status quo der Bundesrepublik gleichermaßen mobilmachen wollen, tritt zutage, was nur die Opfer nicht vergessen oder beschönigt haben: daß in Deutschland der Terrorismus zwölf Jahre lang, 1933-1945, Staatsraison war — ein nationales Erbe, mit dem wir noch lange nicht fertig sind.

In diesem Kontext ist »Holocaust« zu einem innenpolitischen Ereignis ersten Ranges geworden. Er hat in die kollektive Amnesie eine kleine Bresche geschlagen, die es zu erweitern gilt.

 

(Anschrift des Verf.: Prof. Dr. Helmut Dahmer, Friedrichstraße 50, 6000 Frankfurt a. M. 1)

 

BIBLIOGRAPHIE

 

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GEOFFREY C. COCKS, ALBION, MICH.

Psychoanalyse, Psychotherapie und Nationalsozialismus*[i]

Übersicht: Die Geschichte der Psychoanalyse unter dem Nationalsozia­lismus kann nur angemessen verstanden werden, wenn man sie im Zusam­menhang der professionellen Entwicklung der medizinischen Psychologie und der Psychotherapie in Deutschland und im politischen Zusammen­hang der chaotischen Herrschaftsstruktur des Dritten Reiches betrachtet. Die deutsche Psychotherapie machte zwischen 1936 und 1945 unter der Ägide des sogenannten Göring-Instituts wesentliche Fortschritte auf dem Weg zur Etablierung und Anerkennung als ein eigener Berufsstand.

Es ist jetzt 50 Jahre her, daß Hitler zur Macht kam. Die Tragweite die­ses Ereignisses läßt sich u. a. an der Flut von Untersuchungen und Analy­sen ermessen, die dem Nationalsozialismus seitdem gewidmet wurden. Auch wenn einige Historiker die Notwendigkeit einer weiteren Beschäfti­gung mit der Nazizeit bezweifelt haben, gibt es bisher kein Anzeichen für ein Abebben des wissenschaftlichen und populären Interesses am Dritten Reich. Aber trotz — oder vielleicht auch wegen — all dieser Aktivität ist unser Verständnis der Geschichte der Psychoanalyse im nationalsozialisti­schen Deutschland bis vor wenigen Jahren sehr dürftig geblieben.

Das tatsächliche Schicksal der Psychoanalyse unter Hitler läßt sich, ent­gegen einigen früheren Darstellungen, weder als »Liquidierung« (Jones, 1957) noch als »Rettung« (Boehm, 1978) zureichend erfassen. Wie jün­gere Arbeiten gezeigt haben (Cocks, 1975; Huber, 1977; Zapp, 1980; Lockot, 1981; Lohmann und Rosenkötter, 1982; Brainin und Kaminer, 1982), ist die Geschichte der Psychoanalyse in Mitteleuropa zwischen 1933 und 1945 sehr viel komplexer, als die jeweiligen Sprecher für die zwangsweise emigrierten bzw. für die in Deutschland verbliebenen Psy­choanalytiker einräumen.

Es bestand und besteht, worauf ebenfalls vor kurzem hingewiesen wurde (Brainin und Kaminer, 1982), unter Psychoanalytikern ein erheblicher Widerstand gegen die Anerkennung des traumatischen Faktums, daß die Psychoanalyse in das nationalsozialistische System »integriert« wurde. Die Überwindung eines solchen Widerstands ist Teil der umfassenderen psychologischen Aufgabe, die sich mehr oder weniger allen Deutschen in bezug auf das Dritte Reich stellt (Mitscherlich und Mitscherlich, 1967). Nach dem Anspruch der Psychoanalyse selbst darf die Erinne­rung nicht selektiv sein. So ist es z. B. bei Psychoanalytikern und Psychotherapeuten in beiden deutschen Staaten üblich — weil trostreich —, die Märtyrergestalt John Rittmeisters zu feiern, der von 1939 bis 1942 die Poliklinik des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie in Berlin leitete (Kemper, 1968; Hermanns, 1982). Ritt­meister starb von der Hand der SS wegen seiner Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe, die zu dem Spionagenetz der Roten Kapelle gehör­te. So gewiß Rittmeisters Denken und Handeln Bewunderung verdie­nen, so gewiß laufen hagiographische Berichte über seinen Lebensweg Gefahr, die Aufmerksamkeit von den komplexeren und ethisch zweideu­tigeren Fragen psychoanalytischer Dienste für den nationalsozialisti­schen Staat abzulenken. Wie die Psychoanalyse verlangt auch die histo­rische Forschung ein vollständigeres Bild der Vergangenheit.

Aus der Perspektive des Historikers muß die Geschichte der Psychoana­lyse unter Hitler in einen professionellen und einen politischen Zusam­menhang gestellt werden. Der professionelle Zusammenhang ist die Ge­samtentwicklung der deutschen medizinischen Psychologie und Psycho­therapie im 19. und 20. Jahrhundert, die in einem bestimmten Sinn zwi­schen 1933 und 1945 einen wichtigen Höhepunkt erreichte. Über einige Aspekte dieser weitergreifenden Entwicklung sind wir durch neuere Un­tersuchungen recht genau informiert, so über die Rezeption Freuds und der Psychoanalyse durch die etablierte deutsche Medizin zwischen 1893 und 1907 (Decker, 1977; 1982) und allgemeiner über die Geschichte der Psychotherapie und Psychoanalyse in Deutschland von 1914 bis heute, insbesondere was Konflikte und Wandlungen im Verhältnis zwischen ärztlichem Berufsstand und medizinischer Psychologie während des Dritten Reiches anbelangt (Pongratz, 1973; Cocks, 1975). Die Beschäf­tigung mit der Situation der Psychotherapeuten unter dem Nationalso­zialismus bewegt sich ihrerseits auf der Linie einer aktuellen For­schungsrichtung, die sich verstärkt mit den inneren Zuständen des natio­nalsozialistischen Deutschland und hier vor allem mit professionellen und akademischen Gruppen wie Psychologen (Geuter, 1982), Histori­kern (Heiber, 1966; Losemann, 1977) und Physikern (Beyerchen, 1977) befaßt.

Alle diese Arbeiten zeigen, daß die Geschichte von Einzelnen und Grup­pen unter dem Nationalsozialismus nicht einfach in den Kategorien von Unterdrückung, Widerstand und Kollaboration begriffen werden kann. Sie bestätigen, daß der Hitlerstaat, obwohl er mit tragischem Erfolg eine mächtige Nation mit all ihren sozialen, ökonomischen und militärischen Ressourcen für Krieg und Ausrottung zu mobilisieren vermochte, in Wort und Tat nichts weniger als monolithisch war (Broszat, 1969).

 

Die Machtergreifung Hitlers 1933 hatte, wie in fast allen Bereichen des deutschen Lebens, so auch auf dem Gebiet der medizinischen Psycholo­gie dramatische Auswirkungen. Für den Berufsstand als ganzen war die offensichtlichste und schmerzlichste Folge der Exodus von Ärzten, die Juden oder einfach Gegner des neuen Regimes waren. Das Berliner Psy­choanalytische Institut, das erste seiner Art in der Welt, erlitt einen ver­heerenden Verlust an Mitgliedern und Kandidaten und wurde 1936 als unabhängige Einrichtung aufgelöst. Die Annexion Österreichs führte 1938 zur Zerstörung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und ihres Instituts und zwang Freud selbst, für sein letztes Lebensjahr ins Exil nach London zu gehen. An die Stelle des oft übermäßig streitbaren, aber produktiven Wissenschaftsklimas, das Psychoanalytiker, Psychothera­peuten, Psychologen und Psychiater in Deutschland hervorgebracht hat­ten, traten vollmundige und gedankenleere Treuebekundungen gegen­über dem Nationalsozialismus und die Selbstverpflichtung zur Schaf­fung einer »neuen deutschen Seelenheilkunde« im Geist des »neuen« Deutschland (Göring, 1934).

Gleichzeitig jedoch — und dieser Sachverhalt ist bisher unbemerkt ge­blieben — eröffnete sich den Zurückgebliebenen eine überraschende Chance. Eine Anzahl weniger bekannter Ärzte und Laien, die sich allen Arten von Psychotherapie, einschließlich der Psychoanalyse, verschrie­ben hatten, erhielten durch ein Zusammentreffen verschiedener Umstän­de eine ungewöhnliche Gelegenheit, ihre berufliche Praxis und deren Verbreitung zu fördern. Selbst auf dem Gipfel der nationalsozialisti­schen Verfolgung und Propaganda wurde ein hoher Grad an professio­neller Kontinuität gewahrt. Und mehr noch: Aufgrund der besonderen Konstellation ab 1933 konnten sich diese Psychotherapeuten eine insti­tutionelle Position und Betätigungsmöglichkeit sichern, für die es in Deutschland früher und später keine Parallele gibt.

Untersuchungen zur Wissenschaftsgeschichte konzentrieren sich im all­gemeinen auf die bahnbrechenden Denker und Systeme, die jeweils Meilensteine in der Entwicklung ihres Faches markieren. Aber auch eine Verschiebung des Blicks auf diejenigen Perioden und Personen, die den Raum neben und zwischen den Geistesriesen und Pioniertaten füllen, kann bedeutsame Aufschlüsse über die Fortbildung eines Gedankensy­stems geben und vor allem eine breitere Perspektive seiner Wahrneh­mung vermitteln. Unter den Psychotherapeuten im Dritten Reich, deren Existenz und Schicksal allein schon die Aufmerksamkeit des Historikers verdienen, finden sich bestimmte Individuen und Denkschulen, die den Prozeß der Anwendung und Erhärtung vielfältiger professioneller Vor­stellungen zwar in einem großen Spektrum von Stilen und auf verschie­denen Ebenen, aber mit dem gemeinsamen Ziel der Weiterentwicklung ihrer Disziplin vorantrieben. Diejenigen, die sich in theoretischer und praktischer Hinsicht nach wie vor an die modernen Meister der medizi­nischen Psychologie hielten, leisteten die wichtigsten Beiträge zur Ent­faltung ihres jungen Berufszweiges. Die anderen hingegen, die erkenn­bar Nazi-Idealen anhingen und sie zur Grundlage ihrer Arbeit machten, steuerten erwartungsgemäß sehr viel weniger bei. Wenn es vor allem die praktische Aufgabe einer Ausnutzung der Chance zur professionellen Etablierung war, durch die sich die in Deutschland verbliebenen Psycho­therapeuten beflügeln ließen, dann können ihre Erfahrungen als Muster­beispiel für den Fluß wissenschaftlicher Ideen durch Köpfe und Zeiten dienen, die gerade die kontinuierliche Mittelzone der menschlichen Ge­schichte repräsentieren, den Boden, auf dem die Ausformulierung und Anwendung dieser Ideen stattfinden.

Die Verwurzelung der deutschen Psychotherapie in romantischen Denktraditionen, wie sie sich während der vorangegangenen zwei Jahr­hunderte herausgebildet hatten, brachte von Anfang an eine potentielle Verwandtschaft zwischen psychotherapeutischen Grundvorstellungen und den lautstark verkündeten Idealen der neuen Machthaber mit sich. Das so begründete Gefühl der Übereinstimmung nährte bei manchen die Illusion einer genuin »deutschen« Psychotherapie, verstärkte die zwei­felhafte Ethik einer »unpolitischen« Naivität und begünstigte den kul­turellen Chauvinismus, der vielfach mitgeholfen hatte, den Nationalso­zialisten und der Kollaboration mit ihnen den Weg zu ebnen. Die weni­gen deutschen Psychotherapeuten freilich, die wahrhaft und glühend vom Wert des Nationalsozialismus an sich für die Entwicklung des Den­kens überzeugt waren, gingen aus ihrem Engagement mit leeren Hän­den hervor.

In gedanklicher Hinsicht blieb Hitlers Reich so gut wie steril. Es erzeug­te lediglich Schatten — Denkfiguren, die verdunkeln, aber nichts erhel­len konnten. Sache der Nationalsozalisten war nicht das scharfe, ge­schickt geführte Ideenskalpell, sondern die plumpe Keule des Rassismus: der Hexenhammer anstelle von Ockhams Rasiermesser. In denkwürdi­ger Weise auf den Punkt gebracht wurde die Situation einmal von Franz Wirz, dem Dezernenten für Hochschulangelegenheiten der NSDAP, der sich in einer Versammlung am 26. April 1936 mit traditionellen, aber auch neuerlich überängstlichen, »gesinnungstreuen« Einwänden einiger deutscher Psychotherapeuten gegen Freud auseinandersetzte. Wirz erklärte bei dieser Gelegenheit, daß er und die Partei nicht so sehr die Psy­choanalyse als Wissenschaft, sondern vielmehr ihre Ausübung durch Ju­den ablehnten, und fügte hinzu: »Wir wissen doch alle, daß die Wasser­mannsche Reaktion von einem Juden entdeckt wurde, es wird aber doch niemand in Deutschland so verrückt sein, diese Reaktion nicht mehr an­zuwenden« (Boehm, 1978, S. 303). Was sich in Nazideutschland ereig­nete, war nicht ein Kampf der Ideen und noch viel weniger ein siegrei­cher Kampf, sondern eine entschlossene Mobilisierung aller verfügbaren Mittel unter dem Zeichen wolkiger und subjektiver Vorstellungen von einer rassischen Sendung. Dieser Pragmatismus erwuchs aus dem Fehlen spezifischer, auf einer vernünftigen Ideologie basierender Reformen, gedieh im Geschiebe früherer Außenseiter auf dem plötzlich eröffneten Weg nach oben — sowie im Gerangel der Paladine, Vasallen, Lobred­ner und Diener Hitlers — und wurde überwölbt durch das großmächti­ge Schlagwort vom »deutschen Geist«.

Die Geschichte der Psychotherapie im Dritten Reich ist bemerkenswert, weil sie den Beteiligten eine bewußt wahrgenommene Chance zur Ent­wicklung ihres Berufszweiges bot. Insofern kann ihre Darstellung sich nicht auf die Spielart einer »nationalsozialistischen« Psychotherapie be­schränken. Ebenso wenig beschäftigt sie sich, wie so viele andere, vor­wiegend mit den Handlungen und Unterlassungen, die den Nationalso­zialismus hervorbrachten, stützten oder tolerierten. Schließlich muß sie auch\darauf verzichten, die Moral und Ethik der Psychotherapeuten zu rechtfertigen oder zu verurteilen und das Maß ihrer historischen Ver­antwortung für das Aufkommen und die Taten der Nationalsozialisten einzuschätzen. Was hingegen eine solche Darstellung zeigen und erklä­ren kann, ist der Bodengewinn der Psychotherapeuten innerhalb des medizinischen Establishments, und oft genug gegen seinen Widerstand, während der Jahre 1933 bis 1945 in Deutschland; was sie beschreiben muß, ist der manchmal gefährliche Kurs, den jene Ärzte und Laien zwi­schen den damaligen chaotischen Strukturen von Partei und Staat steuerten.

Eine Untersuchung der deutschen Psychotherapeuten unter Hitler, die als berufliche und akademische Außenseiter zu einer Definition und ei­nem Nachweis ihrer professionellen Identität und Leistungsfähigkeit voranschritten, vermittelt ein überaus anschauliches Bild von der Lage akademischer Berufsgruppen in Nazideutschland. Der Blickwinkel ist dabei sehr viel breiter als in den vergleichsweise statischen Darstellungen größerer und arrivierterer Disziplinen, die sich in den flacheren Dimen­sionen von Kollaboration und Widerstand gegenüber nationalsozialistischer Ignoranz und Unterdrückung bewegen. Für das Verständnis dieses Abschnitts in der Geschichte der Psychotherapie wird die herkömmliche Betrachtungsweise, die vor allem den depravierenden Effekt des Natio­nalsozialismus auf Ideen und Menschen betont, nicht ausreichen.

Die Entwicklung der Psychotherapie als Profession wurde durch die Zufälligkeiten des nationalsozialistischen Herrschaftssystems fortge­führt und beschleunigt. Ältere Studien über das Dritte Reich, besonders wenn sie das Schicksal von Intellektuellen, Universitätslehrern und aka­demischen Berufsgruppen berühren, legen den Akzent auf den Bruch, d. h. mehr oder weniger auf das Ende jedes fruchtbaren, sinnvollen oder autonomen Arbeitens und Denkens. Gewiß verlor die Medizin, wie an­dere akademische Sparten, durch Hitlers Machtübernahme viele ihrer besten Theoretiker und Praktiker. Doch die Geschichte der Psychothe­rapie in Deutschland läßt, trotz des Verlusts einiger ihrer besten Köpfe, eine Kontinuität der theoretischen Orientierung, Berufsausübung und Standespolitik vor und nach 1933 erkennen, die sehr viel mehr beleuch­tet als nur ein weiteres schmutziges Blatt in der Chronik nationalsoziali­stischer Zerstörungswut.

Mit der Gründung des Berliner Psychoanalytischen Instituts 1920 hatte sich Deutschland neben Wien an die Spitze der von Freud und seiner Schule inaugurierten Richtung der modernen medizinischen Psycholo­gie gesetzt. Der Aufstieg der Psychoanalyse im folgenden Jahrzehnt be­ruhte zu einem großen Teil auf den psychoanalytischen Erfolgen bei der Behandlung der Neurosen des Ersten Weltkriegs, die den Militärpsych­iatern traditioneller Ausbildung solche Rätsel aufgegeben hatten. Durch die Erfahrungen des Krieges war insbesondere eine Reihe junger Ärzte in Deutschland angeregt worden, sich der Psychotherapie zuzuwenden und ihre Entwicklung als Berufszweig innerhalb eines medizinischen Establishments voranzutreiben, das immer noch fast ausschließlich auf rein somatische Diagnosen und Heilverfahren ausgerichtet war. Der er­ste Anstoß zu derartigen Bemühungen war von der psychoanalytischen Bewegung ausgegangen, in der die medizinischen und philosophischen Ideale der deutschen romantischen Naturphilosophie eine Renaissance erlebt hatten — Ideale, die in scharfem Gegensatz zu der materialisti­schen und positivistischen Tradition der deutschen Medizin und Univer­sitätspsychiatrie standen.

1926 gründeten die Psychiater Robert Sommer und Wladimir Eliasberg die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie. Diese interna­tionale Organisation sollte ein Sammelbecken aller Ärzte bilden, die in ihrer medizinischen Praxis die eine oder andere Art von Psychotherapie gebrauchten. Zwei Jahre später wurde als offiziöses Organ der Gesell­schaft eine Zeitschrift ins Leben gerufen, die 1930 den Titel »Zentral­blatt für Psychotherapie« erhielt. Zu den namhaften Mitgliedern der Ge­sellschaft gehörten Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Frieda Fromm-Reichmann, Hans von Hattingberg, Gustav Richard Heyer, Karen Hor­ney, Ernst Kretschmer, Erwin Liek, Felix Deutsch, Georg Groddeck, Fritz Künkel, Kurt Lewin, Ernst Simmel, Johannes Heinrich Schultz, Leonhard Seif, Viktor von Weizsäcker und Harald Schultz-Hencke. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft verweigerte der Allgemei­nen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie die Anerkennung, da sie auch »wilde« Analytiker, die Freud selbst mit dem Bann belegt hatte, und Vertreter anderer, unorthodoxer psychotherapeutischer Richtungen umfaßte, deren Grundpositionen für Psychoanalytiker nicht annehmbar waren.

Nach dem Triumph des Nationalsozialismus 1933 sahen sich die Mit­glieder der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie von zwei Seiten her bedroht: zum einen durch die beharrliche Anschuldi­gung der neuen Machthaber, daß die Psychologie eine »jüdische« Erfin­dung sei, und zum anderen durch die erklärte Politik der Partei, sämtliche Bereiche der deutschen Gesellschaft ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Was die ideologische Seite anbelangt, wurden die heftigsten und patho­logischsten Angriffe von dem notorischen Judenhasser von Nürnberg, dem fränkischen Gauleiter Julius Streicher, vorgetragen. Neben dem pornographischen »Stürmer« gab Streicher, zusammen mit Heinrich Will, das Kampfblatt »Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden« heraus, in dem die nationalsozialistischen Vorstellungen von »Gesund­heits- und Rassenpflege« dargelegt und propagiert wurden. Gleich die erste Nummer eröffnete eine fortlaufende Rubrik unter dem Titel »Die Rolle des Juden in der Medizin« mit einer wütenden Attacke auf die Psychoanalyse. Sie wurde als jüdische »Seelenvergiftung« beschrieben, »deren letztes Ergebnis ist, daß der um die Beherrschung des Trieblebens kämpfenden Pa­tientenseele der letzte ethische Halt endgültig genommen und sie in die asiatische Weltan­schauung >Genieße, denn morgen bis du tot!< hinabgestoßen wird. Und das war wohl auch der Zweck, vielleicht der Auftrag Freuds, denn er reiht sich würdig an die anderen jüdischen Bestrebungen an, die nordische Rasse an ihrem empfindlichsten Punkt, dem Geschlechtsleben, zu treffen«1[ii].

Die Psychoanalyse war für Streicher ein besonders geeignetes Zielobjekt, weil sie es ihm ermöglichte, nicht nur seinen blutrünstigen Rassismus an einem prominenten jüdischen Intellektuellen auszutoben, son­dern dabei zugleich, wie er es auch im »Stürmer« tat, das Thema Sexua­lität auszubeuten. Der den Artikel begleitende Comicstrip von Fips zeigt einen klischeehaft karikierten Juden als Psychoanalytiker und eine blon­de arische Patientin, die über Kopfschmerzen klagt. Im Lauf der freien Assoziationen fällt das Wort »Dolch«, woraufhin der Analytiker auf­springt und der Frau seine persönliche Lösung für die sexuellen Entbeh­rungen ihres Ehelebens offeriert.

In organisatorischer Hinsicht reagierten die Psychotherapeuten auf die Machtergreifung im September 1933 mit der Bildung der Deutschen All­gemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, einer getrennten nationalen Untergruppe des internationalen Dachverbandes, dessen Vorsitzender nun C. G. Jung war. Zum Führer der deutschen Sektion wurde Matthias Heinrich Göring gewählt, ein Neuropathologe aus Wuppertal, der schon lange als Psychotherapeut tätig war. Es war eine kluge (keine kluge, sondern höchstens eine clevere! Anm.JSB) Personalentscheidung, die denn auch sofort die Zustimmung der nationalsozialistischen Partei und der staatlichen Medizinalbürokratie fand, denn Göring war ein Vetter des nationalsozialistischen Minister­präsidenten von Preußen, Hermann Göring. Unter der Protektion des Namens Göring, und nicht unter der Zuständigkeit des ehrgeizigen Reichsärzteführers Gerhard Wagner, arbeitete, ja florierte dann die deutsche Psychotherapie bis 1945.

Die Psychotherapeuten unter M. H. Göring waren sehr darauf aus, eine geschützte institutionelle Basis für die Lehre, Praxis und Verbreitung der neuen Profession zu gewinnen. Göring selbst hatte überdies, zusam­men mit einigen seiner Kollegen, naive Visionen von einer Art Synthese der vorherrschenden Denkschulen im Bereich der medizinischen Psy­chologie zu einer dezidiert »deutschen« Psychotherapie. (Wie auch heute viele deutsche Psychotherapieverbände und –vereinigungen. Anm. JSB) Ironischerweise schlug die Medizinalabteilung im Reichsministerium des Innern vor, daß sich die Göring-Gruppe mit dem Resttorso des Berliner Psychoanalyti­schen Instituts vereinigen solle. Ein solcher Zusammenschluß erlaubte den verbliebenen nicht-jüdischen Psychoanalytikern die Weiterarbeit an der bisherigen Stätte und verschaffte den Psychotherapeuten der finan­ziell beengten Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft die Räumlichkeiten, in denen sie ein Institut betreiben konnten. Die Ironie war im Grunde ei­ne doppelte: Nicht nur erleichterte eine Nazibehörde der Psychoanaly­se, der verachteten »jüdischen Wissenschaft«, das Überleben (Überleben? Als was? Als Zombie? Anm. JSB), sondern auch die Psychotherapeuten der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft sollten von der verordneten Verbindung in einem Maße profitieren, das weit über die praktischen Vorteile einer gemeinsamen Unterbringung hinausging.

So gelang es Göring schließlich 1936, ein eigenes Institut in Berlin ein­zurichten: das Deutsche Institut für psychologische Forschung und Psy­chotherapie, das rasch den Kurznamen »Göring-Institut« erhielt. In den ersten drei Jahren seines Bestehens finanzierte sich das Institut haupt­sächlich aus den Beiträgen seiner Mitglieder. Mit Kriegsausbruch 1939 jedoch begann es, beträchtliche Gelder von der Deutschen Arbeitsfront zu beziehen, die — abgesehen von ihrem generellen Expansionsdrang — an der Nutzbarmachung des dort konzentrierten Fachwissens für in­dustriepsychologische Zwecke interessiert war. Auch von der Luftwaffe wurde seine Tätigkeit in Lehre, Praxis und Forschung unterstützt. Da­neben bestanden Kooperationsbeziehungen zu mehreren parteilichen und staatlichen Behörden und Einrichtungen der Sozialfürsorge und des Gesundheitswesens. Das Institut und eine Reihe seiner Mitglieder hatten permanente berufliche Kontakte zur Hitlerjugend, zum Bund deutscher Mädel, zum Reichskriminalpolizeiamt, zum SS Lebensborn und zu eini­gen Spitzenleuten der Nazihierarchie. Dieses wachsende Verflechtungs­netz von Dienstleistungen und gegenseitiger Hilfe ermöglichte es dem Institut schließlich auch, Filialen in München, Stuttgart, Düsseldorf, Wuppertal und Frankfurt am Main aufzubauen.

Die Arbeitsfront war freilich, bei all ihrem Reichtum, ein schwammiges Gebilde und als Aufsichtsinstanz und Geldquelle wenig zuverlässig. Dar­um erwirkte Göring 1942, daß die Finanzierung des Instituts in erhebli­chem Maße durch Zuschüsse des Reichsforschungsrates ergänzt wurde, der nicht zufällig in demselben Jahr unter die Leitung Hermann Görings gekommen war. Im Januar 1944 wurde das Institut in »Reichsinstitut für psychologische Forschung und Psychotherapie im Reichsforschüngsrat« umbenannt. Die formelle Angliederung erfolgte im Rahmen der Bemü­hungen des Reichsmarschalls, die Bastionen seines persönlichen Macht­bereichs gegen die Übergriffe Goebbels‘ und seines Programms für den totalen Krieg abzusichern. Mit diesem Schritt erlangte das Institut einen gleichsam regierungsamtlichen Status: die Psychotherapie hatte den Ze­nit ihrer professionellen Identität unter dem Nationalsozialismus er­reicht. Auch wenn es nur bis 1945 existierte, bezeichnete das Göring-In­stitut doch eine einzigartige und bedeutsame Stufe in der Entwicklung der Psychotherapie in Mitteleuropa. Bevor wir aber die Details dieser ungewöhnlichen Geschichte betrachten, ist es erforderlich, kurz einige ihrer Rahmenbedingungen zu erörtern.

 

II

Psychotherapie ist, in weiter Definition, die Behandlung, Linderung und Heilung psychischer Störungen mittels verschiedener Verfahren, deren Spannbreite von einfachen Formen der Beratung und Ermutigung bis zu komplexen kulturellen Ritualen und hochdifferenzierten wissenschaftli­chen Theorien reicht. In einer engen Bestimmung umfaßt Psychothera­pie, wie sie historisch geworden ist, diejenigen Theorien und Behand­lungsmethoden, die psychische Störungen als Krisen der leib-seelischen Gesamtheit des menschlichen Organismus in seiner Umwelt und nicht als Äußerungen einer physiologischen Fehlfunktion des Gehirns oder des Nervensystems begreifen. Den Zwecken der vorliegenden Untersu­chung entspricht die enge Definition: Sie trägt der Tatsache Rechnung, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts, als ein Großteil der Forschungen über die Wirkungsweise von Gehirn und Nervensystem durch den wis­senschaftlichen Positivismus angeregt und geprägt wurde, die theoreti­schen und methodischen Auseinandersetzungen um die Beschaffenheit von Leib und Seele eine besondere Schärfe gewannen.

Diese Auseinandersetzungen waren in Deutschland vehementer als an­derswo. Hier gab es eine Anzahl von Ärzten und Laien, die — weithin im Gefolge der freudianischen Bewegung mit ihrer Wiederaufnahme und Ausweitung des alten romantischen Seelenbegriffs — der somati­schen Orientierung der herrschenden Universitätspsychiatrie äußerst kritisch begegneten. Diese wachsende Opposition wurde verstärkt durch den Ersten Weltkrieg, der die Heerespsychiater, wie gesagt, mit Erschei­nungsbildern konfrontierte, die ihre physikalischen Theorien nicht er­klären und ihre Laboratoriumsmethoden nicht beseitigen konnten. Ins­besondere die Psychoanalyse erhielt durch ihre erfolgreiche Anwendung bei der Behandlung der Kriegsneurosen einen merklichen Auftrieb. Die zwanziger Jahre brachten in Deutschland eine Fülle von Gruppen her­vor, die für die Anerkennung des fundamentalen ‚Wechselspiels zwi­schen Körper und Seele in der Ärzteschaft kämpften. Die wichtigste von ihnen war die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie. Zu der Zeit, als sie unter M. H. Göring ihr fusioniertes Institut gründete, um die Psychotherapie als eigenständigen Berufszweig zu fördern, be­zog sie in ihre Arbeit sowohl die Medizin als auch die allgemeine Psy­chologie ein und entnahm ihre Theorien und Techniken einem breiten Spektrum von Disziplinen der Natur- und Geisteswissensehaften.

Es wurde oben darauf hingewiesen, daß die Einrichtung des Göring-In­stituts zum damaligen Zeitpunkt umso bedeutsamer war, als der natio­nalsozialistische Terror viele der großen Protagonisten der medizinischen Psychologie — die zumeist Juden waren — in die Emigration ge­trieben hatte. So kam es, daß die Geschichte der Psychotherapie unter dem Nationalsozialismus statt durch spektakuläre theoretische Fort­schritte durch einen Prozeß weitgehender professioneller Konsolidie­rung und Etablierung gekennzeichnet war, verbunden mit der entspre­chenden Anerkennung durch die Öffentlichkeit und, weniger rasch, den medizinischen Berufsstand.

Ein Faktor, der diesen Prozeß begünstigte, war gewiß die bereits er­wähnte romantische Tradition, auf der die Nationalsozialisten ebenso wie die meisten deutschen medizinischen Psychologen fußten. Entschei­dender noch für die professionelle Entwicklung der deutschen Psycho­therapie in den drei Jahrzehnten vor der Jahrhundertmitte war die Tat­sache, daß das Göring-Institut in der Durchführung seines Auftrags, die Interessen des Individuums mit der herrschenden Sozialordnung in Ein­klang zu bringen, der Psychotherapie gegenüber der Psychoanalyse den Vorzug gab. Die unter seinem Dach versammelten Psychotherapeuten boten eine Vielfalt unterstützender und im allgemeinen kurzfristiger Kuren an, die darauf zugeschnitten waren, die Eingliederung eines zu­friedenen, produktiven Individuums in die Gesellschaft zu gewährlei­sten. Eine solche Zielsetzung, die etwa in der Arbeit von Männern wie J. H. Schultz, Leonhard Seif und Gerhart Scheunert hervortritt, befand sich unverkennbar in Übereinstimmung mit der nationalsozialistischen Normvorstellung einer Unterordnung des Individuums unter die Ge­meinschaft (»Gemeinnutz geht vor Eigennutz«) und verschaffte den neu institutionalisierten Psychotherapeuten unmittelbare Vorteile. Sie brach­te die Psychotherapie auch in engeren Kontakt mit einer größeren An­zahl praktischer Allgemeinmediziner, die ihr Instrumentarium durch solche einfachen Formen psychologischer Behandlung zu erweitern wünschten. Die Psychoanalyse dagegen, mit ihrem stärker didaktischen Einschlag, ihrer längeren Dauer und ihrer grundsätzlichen Parteinahme für das Individuum in seinem Kampf gegen die Gesellschaft, war diesen Kreisen schlichtweg nicht zugänglich, selbst wo man bereit war, sich über die herkömmlichen Einwände gegen sie, die in der deutschen Ärz­teschaft verbreitet waren, hinwegzusetzen und der jüngeren, rassisch be­gründeten Verdammung durch die Nazis zu trotzen.

(„Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv.“ –  LeoTrotzki 1923. Anm.JSB)

Obwohl jedoch die deutschen Psychotherapeuten unter Hitler offiziell von Freud abrückten, war die freudianische Theorie und Praxis, vor al­lem nach der »therapeutischen Wende« der Neofreudianer, ein zu rele­vanter Teil der neuen medizinischen Psychologie, als daß man sie völlig hätte beiseiteschieben können — Franz Wirz sprach es in aller Unverfrorenheit aus. So sicherte sich auch die Psychoanalyse, entlastet durch den Auszug jüdischer Analytiker und gedeckt durch den Namen Gö­ring, eine wichtige Stellung in einem Institut, das sich weithin erfolg­reich nicht allein der Erhaltung, sondern darüber hinaus der Förderung beinahe aller Arten von medizinischer und nichtmedizinischer Psycho­therapie widmete.

Keineswegs also hat der Nationalsozialismus die Psychotherapie zer­stört, indem er sie entweder skrupellos unterdrückte oder zur stummen Sklavin seiner eigenen konfusen Ideologie machte. Vielmehr ergab sich aus der Entwicklungsgeschichte der medizinischen Psychologie in Deutschland, modifiziert durch die strukturelle Dynamik der braunen Diktatur, ein Kräftefeld, das der Psychotherapie (der Psychotherapie – nicht der Psychoanalyse!“ Anm. JSB) nach 1933 eine bei­spiellose Gelegenheit zur professionellen Weiterexistenz und Entfaltung bot. Vier Faktoren waren es vor allem, die in dieser Richtung zusam­menwirkten. Der erste Faktor war das bloße Vorhandensein einer Grup­pe von Psychotherapeuten, die das Wachstum und eine erweiterte Praxis dieses neuen Berufszweiges im Bereich der Medizin anstrebten. Der zweite war der chronische organisatorische Wirrwarr, in dem sich die planlose und oft überhastete Mobilisierung von Staat und Partei unter Hitler vollzog. Drittens spielte das ideologische wie auch pragmatische Interesse der Nationalsozialisten an Psychotherapie und Psychologie überhaupt eine Rolle. Im Zusammenhang einer massiven Besorgtheit um die seelische »Volksgesundheit« betrachteten die Nationalsozialisten ei­ne gebührend arisierte Psychotherapie und Psychologie als ein wichtiges Mittel, um die Loyalität und Produktivität des deutschen Volkes sicher­zustellen. Die faszinierende junge Disziplin erschien ihnen als reizvolle Synthese eines romantischen Erbes mit einer, wie sie es sahen, Grund­aufgabe der medizinischen Psychologie: der Beschäftigung mit den in­neren Eigenschaften von Menschen. Bei all ihrer Fixierung auf die äuße­ren Determinanten der Rasse glaubten die Nazis, daß der Arier sich nicht nur durch Blut, Knochenbau und Hautfarbe auszeichne, sondern auch durch die inneren und ungreifbaren Qualitäten seines Charakters. Der vierte Faktor, der den fortgesetzten Aufschwung der Psychothera­pie im Dritten Reich ermöglichte, war die Person Matthias Heinrich Görings. Es war vor allem Görings Leistung, daß zum ersten Mal öffent­liche Gelder für die Lehre und Ausübung der Psychotherapie verfügbar gemacht wurden. Der Umstand, daß Psychotherapeuten in Deutschland neun Jahre lang einen professionellen Erfolg und Status genossen, der weder vorher noch danach je übertroffen wurde, beruhte auf ihrer ein­zigartigen institutionellen Basis, die hauptsächlich dem Einfluß und dem Schutz des Namens Göring zu verdanken war. Trotz seiner eigenen Zwangsidee von einer »deutschen« Psychotherapie, seiner familiären Verbundenheit mit seinem Vetter Hermann und seiner nationalkonser­vativen Ergebenheit gegenüber Hitler und dem nationalsozialistischen Staat fungierte Göring nie als ein bloß bestallter »Gauleiter« für Psycho­therapie. Im Gegenteil: Gerade weil ein solcher Mann an ihrer Spitze stand, errangen die Psychotherapeuten eine Autonomie weit über den Spielraum hinaus, den die oberflächliche, wenngleich oft zerstörerische, Mobilisierung der professionellen Ressourcen Deutschlands durch die Nationalsozialisten offenließ. Ein ziemlich scheuer Mann, der sich seit vielen Jahren für die Entwicklung der Psychotherapie eingesetzt hatte, gab Göring dem Institut im großen und ganzen die Möglichkeit zur ernsthaften Weiterarbeit auf allen Sektoren der medizinischen Psycho­logie, einschließlich der Psychoanalyse.

Angesichts des Zusammenwirkens all dieser Faktoren ist es kaum ver­wunderlich, daß Karl Jaspers nach dem Krieg feststellte: »Etwas grund­sätzlich Neues geschah 1936, als das >Deutsche Institut für psychologi­sche Forschung und Psychotherapie< in Berlin unter Leitung von H. M. Göring gegründet wurde. Damit war für die Psychotherapie der Schritt zur Institution getan« (Jaspers, 1955, S. 46). Obwohl ihrer besten Köpfe beraubt und in ein Chaos widerstreitender Kräfte gestürzt, war die Kon­stellation für die Psychotherapie doch bemerkenswert günstig.

III

Warum ist diese eigentümliche Geschichte bisher unerzählt geblieben? Die meisten früheren Untersuchungen über das Dritte Reich entsprangen einer direkten Betroffenheit durch Hitlers Tyrannei und Aggression. Die Folge war eine durchgehende Betonung der augenfälligen Brutali­tät, mit der Hitler und die Nazis ihre Herrschaft über Deutschland und Europa zu sichern versuchten. Inzwischen jedoch, da der unmittelbare Schock über die Schrecken des Nationalsozialismus allmählich abklingt, wird die Lawine von Büchern über den nationalsozialistischen Polizei­staat, über Hitlers Außenpolitik und seine Kriegszüge abgelöst durch Arbeiten über die innere Geschichte des nationalsozialistischen Deutsch­land.

In der nationalsozialistischen Aggression und Unterdrückung, nach in­nen und außen, konnte der Historiker eine einigermaßen klare Linie von Absichten und Handlungen erkennen. Die Herrschaftsstruktur und die Sozial- und Wirtschaftspolitik im Dritten Reich zeigen dagegen ein anderes Bild. Statt einer glatten Konfrontation von Alt und Neu, Status quo und Reform oder Staat und Partei findet man als Resultat der natio­nalsozialistischen »Revolution« ein heilloses Gewirr von Problemstellun­gen, Ämtern, Einflüssen und Zielvorgaben. Die vorgespiegelten Reform­forderungen der Nationalsozialisten erwiesen sich bald als hohl, so daß Aufstieg und Niedergang, Triumphe und Kollisionen der verschiedenen Organe in Verwaltung und Regierung des Dritten Reiches weithin durch vornationalsozialistische Probleme und Lösungsansätze bestimmt wurden. In dieser allgemeinen Konfusion wurde das Göring-Institut in eine unklare Zwischenstellung zwischen einer Partei- und einer Staats­bürokratie hineingeschwemmt, die sich selbst im Wandel und miteinan­der in Konflikt befanden.

Unter dem nachwirkenden Eindruck von Menschenexperimenten und Euthanasieverbrechen ist das Thema der Gesundheitsfürsorge in Nazi­deutschland so gut wie unbeachtet geblieben (Mitscherlich und Mielke, 1949). Diese Einengung des Blickfelds ist angesichts der Art und Weise, wie die Nationalsozialisten mit den von ihnen zu Gegnern erklärten Personengruppen umgingen, begreiflich und gerechtfertigt, aber ihr Er­gebnis war irreführend. Man hat lange gemeint, daß die nationalsoziali­stische Einstellung zu psychischer Krankheit allein auf biologischen Postulaten beruhte. Demnach war psychische Krankheit für die Natio­nalsozialisten ein Zeichen rassischer Minderwertigkeit. Ein reinrassiger Arier konnte gar nicht von ihr befallen sein, so daß Maßnahmen zur Er­haltung der psychischen Gesundheit des deutschen Volkes nur auf Se­lektion und Kontrolle, nicht aber auf Fürsorge und Behandlung gerich­tet sein mußten. Es ist wahr, daß deutsche Psychiater in einem gewissen Maße zur Propagierung und Durchführung der nationalsozialistischen Eugenik herangezogen wurden, d. h. zur Mithilfe bei der gnadenlosen Stigmatisierung derer, denen man aus biologischen Gründen das Recht der Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft absprach. Sicher versuchten die Nationalsozialisten alle Menschen, die an schweren angeborenen oder unheilbaren Geisteskrankheiten litten und die sie, wie die Juden, zu biologischen Feinden stempelten, auszusondern, unter Quarantäne zu stellen, zu sterilisieren und schließlich auszurotten. Sie verübten an zahl­reichen psychiatrischen Patienten dieselbe Grausamkeit wie an ihren politischen Gegnern. Für Hitler und die Nazis standen die Rassen in ei­nem Überlebenskampf; in dem kein Pardon erbeten oder gegeben wer­den konnte.

Diese unbarmherzige Logik ist auch dafür verantwortlich, daß die Nationalsozialisten — im Gegensatz zum Sowjetkommunismus — nie die psychiatrische Klinik als Verwahrungsort für politische Gegner benutzt haben. Eine derartige »Psychiatrisierung« des Dissidententums geht, bei aller Verletzung der Menschenwürde und bei allem Mißbrauch, der ge­wöhnlich mit ihr getrieben wird, immer noch von der Möglichkeit und Wünschbarkeit einer Besserung aus. Obgleich natürlich bei einem sol­chen Verfahren viele Menschen, in einer schrecklichen Parodie medizi­nischer Betreuung, einfach für immer eingesperrt werden, vermag der hier hervorgehobene Unterschied zum Nationalsozialismus doch einen Aspekt des öffentlichen und professionellen Lebens im Dritten Reich zu beleuchten, der bisher keine Aufmerksamkeit gefunden hat. Mögen sich Nazideutschland und Sowjetrußland als totalitäre Systeme noch so sehr ähneln, ihre Ideologien sind grundverschieden. Der Marxismus ist in sei­nem Materialismus vom Kern her rational und greift für den Aufbau und die Sicherung einer wohlgeordneten egalitären Gesellschaft zu wis­senschaftlichen Strategien — in diesem Fall zu einer Psychiatrie, die sich ursprünglich von der Pawlowschen Psychologie herleitete und heute durch eine entschieden organisch-chemische Orientierung gekennzeich­net ist (Segal, 1975). Der Nationalsozialismus dagegen hatte keine Ideo­logie, die diesen Namen verdiente; er war eine Bewegung mit charisma­tischer, nicht ideologischer Fundierung. Für die Nationalsozialisten war die Gefühlsstimme des Blutes ein zureichender Grund, um das Blut ihrer Feinde in Strömen zu vergießen. Anders als die Sowjetkommunisten, de­ren psychiatrisches System mit seinem rationalen Determinismus theore­tisch niemand außer den absolut hoffnungslosen Fällen von der Behand­lung oder von der Zugehörigkeit zur sozialistischen Ordnung aus­schließt, vertraten die Nationalsozialisten einen ausgrenzenden biologi­schen und rassischen Determinismus, der auch in der Theorie die Psych­iatrie von vornherein einer offiziell anerkannten Wiederherstellungs­funktion beraubte.

Dies alles bedeutete jedoch durchaus nicht, daß die Nationalsozialisten kein Bedürfnis für Psychotherapie hatten. Es gab im Dritten Reich, wie erwähnt, eine komplementäre Besorgtheit um die psychische Wohlfahrt der Volksgemeinschaft, d. h. der meisten in Deutschland lebenden Men­schen. Ihr lag folgende Logik zugrunde: Der rassisch-biologische Maß­stab taugte nur für jene psychiatrisch definierten Fälle genetischer Krankheit, die das neue Regime von früher übernommen hatte, sowie für die flagranten Fälle von Homosexualität und anderen als abwei­chend klassifizierten Verhaltensformen der sogenannten »Asozialen« — die ebenfalls durch Sterilisierung und Ausrottung beseitigt werden soll­ten —, ließ sich aber auf Arier, die an geringfügigeren und verbreiteteren neurotischen Konflikten litten, nicht anwenden: Psychische Störun­gen innerhalb der Herrenrasse konnten per definitionem nicht genetisch oder organisch bedingt sein. Daraus folgte, daß alle derartigen Sym­ptome bei einem Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft, wenn nur der angeborene deutsche Wille richtig gelenkt wurde, korrigierbar wa­ren.

Nach außen hin nahmen die Nationalsozialisten eine entgegengesetzte Haltung ein. Sie wandten sich gegen die »jüdische Wissenschaft« der Psychologie und verkündeten eine naturgegebene Überlegenheit der ari­schen Rasse — ein weiterer Umstand, der den faktischen Rekurs auf Psychologie und Psychotherapie im Dritten Reich verschleiert hat. Die Wahrheit aber ist, daß die Nationalsozialisten das Bedürfnis nach psy­chologischer Betreuung und Hilfe, innerhalb und außerhalb ihrer eige­nen Reihen, schlechterdings nicht ignorieren konnten. Ihr pragmatischer Standpunkt wurde verstärkt durch die totalitäre Betonung von Führer­tum, Überwachung und Erziehung zur Pflicht sowie durch ihr Interesse an menschlicher Produktivität im zivilen wie im militärischen Bereich. In einem gewissen Sinne kann man sogar sagen, daß die Manier, in der die Nationalsozialisten die Begeisterung und den Willen des Volkes mit den Mitteln angewandter Psychologie anfeuerten und in Spannung hielten, eine Art Psychotherapie ohne den Namen war. Jedenfalls aber bestand, da sich Fehlanpassung und Neurose durch keine Verbindung von Na­ziorganisationen, Propaganda und angewandter Psychologie völlig aus­schalten ließen, ein unabweisbares Bedürfnis nach dem Potential der medizinischen Psychologie. Ferner ist nicht zu vergessen, daß die Natio­nalsozialisten keineswegs gegen ein fast kindliches Vergnügen an den Errungenschaften deutscher Wissenschaftler gefeit waren. Und auch die raunende Verschwommenheit des Nationalsozialismus, die einer tiefen ideologischen Obsession für die irrationalen Elementarkräfte des kollek­tiven und individuellen Willens entsprang, kam der Psychotherapie als Institution zugute.

Alle diese Bedingungen zusammen ließen der Psychotherapie im Dritten Reich einen sehr viel größeren Wirkungsraum, als bisher erkannt wor­den ist. Psychotherapeuten und Psychologen wurden de facto aufgebo­ten, um die psychische Gesundheit und Leistungsfähigkeit in der breiten Masse der Deutschen zu steigern, die in den Augen der Machthaber aus dem harten Holz einer Kriegernation geschnitzt war. So kam es, daß der Psychiatrie und Psychotherapie im nationalsozialistischen System zentrale, genau umrissene Aufgaben zugewiesen wurden. Daneben frei­lich unterstrich man auch die Komplementärbeziehung zwischen der Erbbiologie, der pseudo-wissenschaftlichen Grundlage der nationalso­zialistischen Lehre von unveränderlichen Rassenmerkmalen, und dem, was die Nationalsozialisten »psychologische Erziehung« und einige Psy­chotherapeuten »Psychagogik« nannten. Dies war exakt die Arbeitstei­lung innerhalb der allgemeinen Mobilisierung der Medizin, die 1940 von Hans Reiter, einem Medizinalbeamten im Reichsministerium des Inne­ren, auf einer Tagung von Kinderpsychiatern erläutert wurde2[iii].

Es mag um des Kontrastes willen nützlich sein, daran zu erinnern, daß das Menschenbild der Sowjetpsychiatrie seit jeher geprägt ist von der Abneigung gegen die Anerkennung unbewußter und irrationaler Trieb­kräfte, die die Theorie der sozialen Determiniertheit allen Verhaltens sprengen würden. Psychotherapie wurde daher in der Sowjetunion der disziplinierenden und wiederherstellenden Funktion einer offiziellen Psychiatrie zu- und untergeordnet, die in eine hochzentralisierte und einheitliche Gesundheitsverwaltung eingebunden war. Mit dem Abbau des Stalinismus sind zwar einige Veränderungen eingetreten, aber die totale Ablehnung der »bürgerlichen« Freudschen Psychoanalyse hat sich nicht gelockert, und die Sowjetpsychotherapie beschränkt sich im gro­ßen und ganzen auch heute noch auf die hilfsweise Verwendung ratio­naler Therapieformen wie Suggestion und Überzeugung sowie auf den Einsatz physiologischer Verfahren wie Hypnose und Autogenes Trai­ning (Segal, 1975, S. 504, 509-513).

Vieles spricht aber dafür, daß jede Betonung der Unterordnung des In­dividuums unter Staat und Gesellschaft, ob kommunistisch oder faschi­stisch, einer wirksamen physischen oder psychischen Gesundheitsfürsor­ge entgegensteht. Ohne Zweifel waren diejenigen Menschen in Deutsch­land, die als politische Gegner und »Rassenfremde« gebrandmarkt und daraufhin verfolgt, gedemütigt und gequält wurden, besonders anfällig für Überbelastung und Zusammenbruch. Verletzlich waren aber auch jene sensiblen und scharfsichtigen Individuen, unter ihnen viele Psychia­ter, Psychoanalytiker und Psychotherapeuten, die an dem furchtbaren Bewußtsein der moralischen Verwerflichkeit des Regimes, unter dem sie lebten und arbeiteten, schwer zu tragen hatten. Martin Gumpert, ein emigrierter Homöopath, beschrieb im Exil das ausweglose Dilemma deutscher Psychotherapeuten, daß sie sich zwar um die Rettung und Wiederherstellung von Menschen bemühten, die ohne ihre Hilfe viel­leicht verloren gewesen wären, und ihr Möglichstes zur Verbesserung der psychischen Gesundheit jener »Volksgenossen« taten, daß aber selbst diese letztere Funktion »den Grundsätzen aller zivilisierten Ge­sundheitsfürsorge zuwiderlief, die besagen, daß Fürsorge und Rück­sichtnahme die zentralen Voraussetzungen sozialer Errungenschaft sind«. In seinem Buch versuchte Gumpert, den »allgemeinen Nervenzu­sammenbruch« zu schildern und zu belegen, »der wie eine dunkle Wol­ke über Deutschland hängt« (Gumpert, 1940, S. 16.41). Seine Analyse krankt freilich daran, daß er die seinerzeit allgemein verbreitete Illusion von der totalen Effektivität und Reglementierung des nationalsozialisti­schen Staates teilte.

In Wirklichkeit jedoch gab es einen wesentlichen Umstand, der eine restlose, unerbittliche Reglementierung der Seelen und Körper unter Hitler verhinderte. Vor allem vor Kriegsausbruch konnte sich das Dritte Reich nicht nur einer Wirtschaft, sondern einer ganzen Gesellschaft von Kanonen und Butter rühmen. Zur Vorbereitung und Flankierung seines politischen und militärischen Griffs nach der Vormacht in Europa hatte es Hitler für nötig gehalten, Deutschland mit einer Mixtur aus Sozial­fürsorge, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, industrieller Expansion, mili­tärischer Wideraufrüstung und patriotischer Rhetorik zu überziehen. Er tat dies aus der Angst heraus, daß die Moral an der Heimatfront ebenso zusammenbrechen könnte, wie er er während des Ersten Weltkriegs be­obachtet hatte. Es war diese Sorge, neben der immanenten Ineffektivität des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, die es Einrichtungen der Gesundheitspflege erlaubte, zu arbeiten und sogar zu florieren.

Mit den furchtbaren Ausnahmen, die oben genannt wurden, garantierte der nationalsozialistische Staat seiner Bevölkerung tatsächlich ein gewis­ses Maß an Gesundheit und Zufriedenheit. (Auch an der Front? Anm.JSB) Noch gegen Ende des Krie­ges berichtete das britische Außenministerium, daß das nationalsoziali­stische Gesundheitswesen bemerkenswert funktionstüchtig sei3[iv]. Das Gö­ring-Institut behandelte nicht nur eine große Zahl psychischer Kriegs­schäden; es gewährte auch einer Reihe von Homosexuellen, darunter vielen Mitgliedern nationalsozialistischer Jugendorganisationen, psycho­therapeutische Hilfe und führte mindestens zwei von offizieller Seite in Auftrag gegebene Forschungsprojekte durch: über Homosexualität und psychogene Unfruchtbarkeit. Zweifellos muß man annehmen, daß die Wirksamkeit der angebotenen Psychotherapie durch die allgemeine An­spannung jener Jahre und speziell durch die beiderseitige Ungewißheit hinsichtlich der ärztlichen Schweigepflicht und die begrenzten persönli­chen Wahlmöglichkeiten in einer totalitären Gesellschaftsordnung be­einträchtigt wurde.Dennoch gibt es alles in allem, was immer man über psychische Störungen unter den Naziführern selbst und über die psy­chohistorische Dynamik der Ausbreitung und Etablierung des National­sozialismus in der deutschen Gesellschaft vorbringen mag, .keine siche­ren Beweise dafür, daß individuelle Neurosen und Psychosen im Dritten Reich besonders häufig gewesen wären. So schwer es ist, in solchen Din­gen eine zuverlässige Feststellung zu treffen, man wird dem Resümee von Richard Grunberger beipflichten können:

»Hinsichtlich der allgemeinen nervlichen Belastung wirkte die Lage im Dritten Reich auf den psychischen Zustand des Volkes ziemlich ambivalent. Es unterliegt kaum einem Zwei­fel, daß die Machtergreifung zu einer weitverbreiteten Verbesserung der emotionalen Ge­sundheit führte. Das war nicht nur ein Ergebnis des Wirtschaftsaufschwungs, sondern auch der Tatsache, daß sich viele Deutsche in erhöhtem Maße mit den nationalen Zielen identifizierten. Diese Wirkung ähnelte der, die Kriege normalerweise auf das Auftreten von Selbstmorden und Depressionen haben. (Das Deutschland der Nazizeit verzeichnete diese Erscheinung zweimal: nämlich 1933 und 1939.) Aber gleichzeitig führte das intensi­vere Lebensgefühl, das von der ständigen Stimulierung der Massenemotionen herrührte, auch zu einer größeren Schwäche gegenüber dem Trinken, Rauchen und Vergnügungen« (Grunberger, 1971, S. 235).

Die Geschichte der Psychotherapie als ganzer im Dritten Reich wurde bisher nur allzu leicht verdunkelt durch ein einseitiges Interesse an der kraftvollen psychoanalytischen Bewegung und besonders durch die er­schreckende Überzeugung, daß es den Nationalsozialisten gelungen sei, die Psychoanalyse in Mitteleuropa zu zerstören (Jones, 1957, Bd. 3, S. 222). Dabei wurde stillschweigend unterstellt, daß der Aufstieg des Nationalsozialismus das Ende jeder medizinischen Psychologie in Deutschland bedeutet habe oder daß alle anderen psychotherapeuti­schen Richtungen dasselbe Schicksal erlebt hätten. Die historische Reali­tät jedoch ist verwickelter.

Tatsächlich gelang es den Nationalsozialisten nicht, die Ausübung der Psychoanalyse im engeren oder gar der Psychotherapie im weiteren Sin­ne in Deutschland abzuschaffen. Der Aufmarsch Hitlers eliminierte Ber­lin und Wien als psychoanalytische Zentren und verlagerte den Schwer­punkt der Bewegung nach London und New York. Aber die Psychoana­lyse als Behandlungsmethode überlebte unter den Experten des Berufs und hatte ihren Anteil an dem wechselseitigen Nutzen, den ihre — frei­lich erzwungene — Kooperation mit all den anderen psychotherapeuti­schen Denkschulen mit sich brachte (Baumeyer, 1971).

 

Innerhalb eines Systems voller Risse und Intrigen, das faktisch das Wachstum der Psychotherapie als ganzer begünstigte, bietet die Psycho­analyse ein besonders dramatisches Beispiel des Überlebens. Daß sie überlebte, ist an sich schon wichtig genug, aber warum sie es tat, wirft ein Schlaglicht auf die wilde Willkürlichkeit nationalsozialistischer Posi­tionen, Pläne und Programme. Die öffentliche Existenz der Psychoana­lyse wurde 1938 formell beendet, und bereits im Februar 1936 hatte das Innenministerium klargemacht, daß ein unabhängiges psychoanalyti­sches Institut nie eine Lehr- und Praxiserlaubnis erhalten würde. Da die Psychoanalyse die Schöpfung eines — oder des — Juden war, konnte sie als selbständige Einheit nicht geduldet werden. Sie konnte jedoch in die Hände »zuverlässiger« Vertreter des Faches gegeben werden, unter der Ägide des Göring-Instituts.

Vielleicht hofften die Nationalsozialisten, da sie selbst über wenig oder gar keine einschlägige Sachkunde verfügten, daß Matthias Heinrich Gö­ring (und zumal ein Göring!) eine nazifizierte Psychotherapie für sie schaffen werde; doch diese Erwartung wurde nur in einem sehr be­grenzten Maße erfüllt. Denn »Neue deutsche Seelenheilkunde« blieb im wesentlichen ein Etikett für die kosmetische Amalgamierung bestehen­der psychotherapeutischer Richtungen. Die Psychoanalyse vermochte eine gesicherte, wenngleich etwas defensive und untergeordnete, Stel­lung innerhalb des neuen Instituts einzunehmen, in dem noch so extre­me Differenzen im großen und ganzen beruflich-sachlicher, nicht aber politischer Natur waren und blieben.

Im übrigen sollte man nicht außer acht lassen, daß Freud für alle psy­chotherapeutischen Denkschulen, wie groß auch die Unterschiede zwi­schen ihnen waren, eine unverzichtbare gemeinsame Quelle darstellte. Und die anderen theoretischen Richtungen, die sich innerhalb der schüt­zenden Mauern des Instituts versammelten, zollten insofern der psycho­analytischen Praxis ihren Tribut, als sie alle in Opposition zu den Versu­chen von Psychiatern wie Kretschmer standen, die Ausübung der Psy­chotherapie ausschließlich medizinisch ausgebildeten Psychiatern vorzu­behalten. Solche Bestrebungen erweckten eine der größten Ängste Freuds zu neuem Leben, die einige Jahre zuvor der Hauptgrund für sei­ne ausdrückliche Verteidigung der Laienanalyse gewesen war. Überdies ist, wie Hannah Decker (1977) gezeigt hat, die herkömmliche Ansicht, daß die Psychoanalyse von Anfang an bei der deutschen Medizinerschaft auf massiven Widerstand gestoßen sei, nur teilweise korrekt. Und da die Reaktion auf die Psychoanalyse in Wirklichkeit nicht durchweg feindse­lig war, sondern nur bestimmte Aspekte des Freudschen Denkens betraf, gab es vor 1933 bei Ärzten eine recht solide Basis für ein Interesse an und eine Zusammenarbeit mit Psychoanalytikern. Die Freudsche Theo­rie und Praxis überlebte somit unter dem Nationalsozialismus, trotz al­ler lautstarken Verdammung, aus zweierlei Gründen: Der erste war die schlichte Tatsache, daß psychoanalytisches Denken in nahezu sämtliche Systeme psychotherapeutischer Theorie und Praxis eingeflossen war; und der zweite war die unveränderte Ausübung der Psychoanalyse selbst, in ihrer orthodoxen und ihrer neofreudianischen Form. (Das bezweifle ich. Das wäre so, wie wenn ein Mensch das gleiche sexuelle Erleben nach einer fortwährenden Vergewaltigung erhalten hätte, wie er zuvor hatte. Anm.JSB)

Bis 1933 war die Psychoanalyse nicht nur von außen angegriffen, aner­kannt und adaptiert, sondern auch von innen verwandelt worden. Dieser fortlaufende Prozeß, wie nämlich die Anerkennung Freuds sich im ein­zelnen tatsächlich vollzog, ist durch die psychoanalytischen Hagiogra­phen, denen es um die Reinheit der Lehre zu tun war, im allgemeinen übersehen worden. Ihre vorgefaßte Überzeugung, daß die autonome Überlegenheit der psychoanalytischen Lehre durch die verordnete Ver­bindung mit anderen psychotherapeutischen Modellen hoffnungslos korrumpiert worden sei, begünstigte das Bild von einheitlicher Ableh­nung der Psychoanalyse vor und einheitlicher Unterdrückung ihrer Ver­treter und ihrer Ausübung nach 1933 und war so mitverantwortlich für das Unvermögen, ihr Fortbestehen als Methode und als mächtiger Ein­flußfaktor zwischen 1933 und 1945 wahrzuhaben. Assoziierung konnte hiernach nur Kompromiß und Kompromittierung bedeuten. Diese Ein­schätzung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg evident, als die deutschen Psychoanalytiker bei ihrem Bemühen um Wiederaufnahme in die Inter­nationale Psychoanalytische Vereinigung Schwierigkeiten bekamen — nicht, weil man sie irgend der Kollaboration mit den Nazis hätte bezich­tigen können, sondern weil man befürchtete, daß sie durch ihre Zusam­menarbeit mit anderen psychotherapeutischen Schulen ihre theoretische Integrität eingebüßt hätten (Report, 1949, S. 186 f.). (Was tatsächlich der Fall war. Anm. JSB)

In derselben Weise hat die Fraktionierung innerhalb der Psychotherapie insgesamt dazu beigetragen, daß wir über ihre Geschichte in der Nazi­zeit nur mangelhaft informiert sind. Abgesehen von der Angst, mit einer mißliebigen Gruppe in einen professionellen Topf geworfen zu werden, wurde der Weg, den die Psychotherapeuten im Göring-Institut einschlu­gen, von einigen psychiatrisch orientierten Psychotherapeuten als Rück­schritt bewertet. Diese Haltung führte zu der pro domo getroffenen Feststellung, daß »die politischen Ereignisse nach 1933 die deutsche Psy­chotherapie, und besonders die analytische Psychotherapie, für lange Zeit in den Hintergrund gedrängt haben« (Winkler, 1956, S. 288).

Das beklemmende intellektuelle Klima, das die Nationalsozialisten er­zeugten, hatte allerdings einen quantitativen und qualitativen Rückgang der akademischen Diskussion zur Folge. Das »Zentralblatt für-Psycho­therapie«, das seit 1929 monatlich herausgekommen war, stellte nach den ersten beiden Heften 1933 sein Erscheinen ein und wurde erst im Dezember wieder fortgeführt. Danach und bis zum Ende seines Beste­hens 1944 wurden jährlich zwischen drei und sechs Nummern veröffent­licht. Gleichzeitig verringerte sich der Umfang interdisziplinärer Kon­takte und Auseinandersetzungen. Der 7. Kongreß der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, der für den 6. bis 9. April 1933 in Wien anberaumt gewesen war, wurde abgesagt und ein Jahr später in Deutschland, in Bad Nauheim, abgehalten, mit einem vielsa­genden Abfall in Zahl und Rang der Teilnehmer.

Neben der Inanspruchnahme durch die Aufgabe, die eigene Loyalität zu demonstrieren — was der Psychotherapeut und gesinnungstreue Natio­nalsozialist Walter Cimbal in einer Erklärung für die Unterbrechung im Erscheinen des »Zentralblatts« etwas kurios »Teilnahme an der nationa­len Revolution« nannte (Cimbal, 1934, S. 141) —, war die Situation für die Psychotherapie durch eine doppelte Angst bestimmt: vor einer Art Sippenhaftung für eine Gruppe oder Disziplin, die ihr Haus nicht zur Zufriedenheit der neuen Machthaber in ideologische und organisatori­sche Ordnung gebracht hatte, und vor der Absorption durch einen stär­keren oder loyaleren Rivalen oder Gegner. Ein Resultat dieser Bedin­gungen war eine gewisse Abnahme in der Zahl der einschlägigen Arti­kel, Rezensionen und Berichte, die in den ersten drei Jahren des Dritten Reiches in deutschen medizinischen Zeitschriften publiziert wurden. In den »Fortschritten der Neurologie« z. B. findet sich 1934 kein For­schungsbericht aus dem Bereich der Psychotherapie; Hans von Hatting­berg verfaßte einen einzigen im folgenden Jahr, und Arthur Kronfeld hatte die seinige 1933 nur wegen des Zeitabstands zwischen Einsendung und Drucklegung noch unterbringen können. Die Beschäftigung mit der Psychoanalyse ging natürlich noch stärker zurück; so war etwa die »Zeitschrift für Kinderforschung« nicht das einzige Fachblatt, in dem der Begriff einfach aus dem Schlagwortregister getilgt wurde.

Eine derartige vorsichtige »Ausmerzung« alles auch nur von ferne jü­disch Infizierten war zwar nicht durchgängig, aber doch charakteri­stisch, vor allem für die ersten, stürmischen Jahre des Regimes. Auch blendete sich die deutsche Psychotherapie unter dem Nationalsozialis­mus zunehmend und schließlich fast völlig aus der internationalen wis­senschaftlichen Diskussion aus. Angesichts des unermeßlichen geistigen Schadens, den das Dritte Reich angerichtet hat, ist es bemerkenswert, daß die Psychotherapie in diesen zwölf Jahren des Aufruhrs, Terrors und Krieges überhaupt in der skizzierten Weise weiterbestehen und sich entfalten konnte.

IV

Hält man sich den destruktiven Nationalismus der Nazis und die grund­legenden ethischen Standards ärztlichen Handelns vor Augen, so er­scheint es unabdingbar, zumindest in groben Zügen die historischen und kulturellen Bedingungen nachzuzeichnen, die für die Reaktion deut­scher Intellektueller und Akademiker auf den Nationalsozialismus be­stimmend waren. In diesem Zusammenhang werden auch kurz einige der ethischen Fragen (Kohle? Wenn Deutscher von Ethik reden, dann geht es immer ums Geld. Anm.JSB) erörtert werden, die mit der Entscheidung der Psy­chotherapeuten zu einer Weiterführung ihrer Praxis im Dritten Reich verbunden waren.

Als Angehörige der Gebildetenschicht und Produkte des deutschen Uni­versitätssystems standen Psychotherapeuten in jener spezifischen Denk­tradition, die für die Geschichte des modernen Deutschland so bedeut­sam geworden ist. Das Zeitalter des deutschen Idealismus zwischen 1770 und 1830 lieferte dem im Kampf gegen Napoleon Gestalt gewinnenden deutschen Nationalismus das geistige Fundament — ein historisches Zu­sammentreffen, das dem deutschen Denken eine militant anti-westliche Stoßrichtung, insbesondere gegenüber den politischen Idealen der Fran­zösischen Revolution, verlieh. Diese Tatsache, zusammen mit dem Fort­dauern der Kleinstaaterei, beraubte das aufstrebende deutsche Bürger­tum der Chance, seinen Liberalismus von der ökonomischen auf die po­litische Sphäre auszudehnen. Das Scheitern der Revolution von 1848 und die folgende Einigung Deutschlands durch Preußen besiegelten die­se Entwicklung. Unter dem Eindruck des Erfolgs von Bismarcks Real­politik innerhalb und außerhalb Deutschlands beschieden sich die deut­schen Liberalen im großen und ganzen mit einer Untertanenstellung im autoritären zweiten Kaiserreich. Satter Besitz trat neben die verehrte Bildung. Nicht nur nahmen die Mittelschichten den wirtschaftlichen Ge­winn aus ihrer politischen Niederlage bereitwillig entgegen, sie machten sich auch den »feudalen« Aufputz eines prussifizierten Deutschland zu eigen.

Die Lösung war eine zweifache: Einerseits konnte sich der gebildete Bürger verachtungsvoll über die Politik als einen Bereich der Unkultur erheben und sie der Führung überlassen; und gleichzeitig konnte er die Macht seines Staates als einen Triumph tiefgründiger deutscher Kultur über die materialistische und seichte westliche Zivilisation preisen. Diese Tendenzen erreichten 1914 ihren Höhepunkt, als gesetzte deutsche Bür­ger in dem festen Gefühl, für höhere Werte zu streiten, in den Krieg zo­gen.

In dieser Konstellation spielte der Bildungsbegriff eine zentrale Rolle. »Bildung« bedeutete sehr viel mehr als Ausbildung oder Erziehung: sie stand für eine Kultivierung der gesamten Persönlichkeit innerhalb einer bestimmten kulturellen Umgebung. Das Leitbild, das sich in diesem Be­griff ausdrückte, war ein Derivat der romantischen Tradition und stand im Gegensatz zu dem aufklärerischen Interesse an den Prinzipien des Naturrechts. Sein romantischer Gehalt vermischte sich ferner mit Zügen des konservativen, obrigkeitsgläubigen Luthertums und der stumpfen, nach innen gekehrten pietistischen Bewegung. Diese Kombination brachte nicht nur hervor, was Fritz Stern (1960) den »unpolitischen Deutschen« genannt hat, sondern erzeugte auch in der gebildeten Elite von Regierungsbeamten, Juristen, Ärzten, Pädagogen etc. eine eigen­tümliche kulturelle und soziale Arroganz, ähnlich wie sie Fritz Ringer (1969) für die »deutschen Mandarine« beschrieben hat.

Der gedankliche Unterbau der Psychotherapie in Deutschland fußte auf der romantischen Medizin und ihrem Kampf gegen die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, die mit ihrer strikt somatischen Ausrichtung von der Jahrhundertmitte an die deutsche medizinische Psychologie dominiert hatte. Bald nach 1800 hatte die »englische Art« einer rationalen Anstalts­versorgung der Geisteskranken erste Durchbrüche in den deutschen Staaten und Österreich erzielt. Dies geschah hauptsächlich durch die Initiative Johann Christian Reils, eines Zeitgenossen des Franzosen Phi­lippe Pinel, der die Irren von ihren buchstäblichen und symbolischen Ketten befreit hatte. In der Mitte des Jahrhunderts begann das Vertrau­en der Aufklärung in die Kraft des Denkens in der deutschen medizini­schen Wissenschaft Platz zu greifen. Vorkämpfer dieser neuen Einstel­lung waren in Deutschland und Österreich Physiologen wie Johannes Müller, Emil Du Bois-Reymond und Ernst Brücke neben dem Patholo­gen Rudolf Virchow, dem Psychologen Wilhelm Wundt und den drei großen Psychiatern Wilhelm Griesinger, Theodor Meynert und Emil Kraepelin. Du Bois-Reymond und Brücke wurden, neben anderen, zur sogenannten »Helmholtz-Schule« gezählt.

Hermann von Helmholtz vertrat einen entschiedenen Materialismus und den Primat von Experiment und Beobachtung — mit einem Wort: die klassische wissenschaftliche Methode. Auf dem Feld der Psychiatrie war es Griesinger, der das Fach aus der Anstalt in die Universität führte. Meynert konzentrierte sich auf Erkrankungen des Vorderhirns, verspottete seinen Schüler Freud und starb, nachdem er sich gegenüber dem Vater der Psychoanalyse als ein Fall von männlicher Hysterie bekannt hatte.

Eine besonders starke persönliche Wirkung ging von E. Kraepelin aus. Seine Denkweise repräsentierte eine psychiatrische Lehre, in der die auftrumpfende Härte der preußischen Einigung Deutschlands ihren Niederschlag gefunden hatte. Wie Bismarck über die gescheiterten Libe­ralen von 1848 hinwegschritt, so hatte auch die »Realpolitik« der psych­iatrischen Universitätsklinik für die wirren, mild-verständnisvollen Auf­fassungen von Psychotherapie nichts als Verachtung übrig. Typisch für eine solche Umgebung war der Neurologe Wilhelm Erb, der Pionier der Elektroschock-Therapie in Deutschland — einer Methode, mit der Freud die Erfahrung machen sollte, daß sie in der Mehrzahl neuroti­scher Fälle absolut nutzlos war. Je deutlicher sich jedoch herausstellte, daß die Kraepelinsche Katalogisierung der Geisteskrankheiten keine de­finitive Auskunft über die Natur und Vielfalt der psychischen Beschwer­den von Patienten zu bieten hatte, desto mehr verbreitete sich die »psy­chologische« Orientierung in den Reihen der Psychiater selbst.

Psychiater des anbrechenden 20. Jahrhunderts wie Ernst Kretschmer und Robert Gaupp gingen zunehmend dazu über, den Menschen als leib-seelische Gesamtheit zu sehen. So gaben sie ein. Stück des Anstoßes zur Erforschung der menschlichen Psyche, der die Psychiatrie, oder zu­mindest einige ihrer Praktiker, allmählich einer psychotherapeutischen Perspektive näherbrachte. Ein aufschlußreicher Kontrast zu der Situa­tion in Deutschland zeigt sich freilich, wenn man beobachtet, welche führende Rolle die Schweizer Psychiater Adolph Meyer, Auguste Forel, Eugen Bleuler und Carl Gustav Jung in der Entwicklung der Psychoana­lyse und der Psychotherapie spielten. Ohne Parallele war auch die Inspi­ration und Belehrung, die Freud von dem französischen Kliniker Jean­Martin Charcot empfing, der im Gegensatz zu den deutschen Psych­iatern die Hysterie ernst nahm.

Die psychiatrischen Truppen der »kaiserlichen deutschen Psychiatrie« (Alexander und Selesnick, 1966, S. 214) jedoch, die 1914 ins Feld zogen, bekriegten immer noch die Krankheit, den äußeren Eindringling in ein gesundes System, und nicht die Neurose, das innere Ungleichgewicht zwischen Psychodynamik, Umwelt und Geschichte. Die Realität sollte rasch die psychiatrischen Beteuerungen des organischen Ursprungs see­lischer Störungen erschüttern. Die »Hysterie«, nach damaliger Termi­nologie, wurde ein Faktum des Krieges. Speziell die Tatsache, daß die meisten Betroffenen aus der Etappe kamen oder während langer Kampfespausen an der Front von ihr befallen wurden, untergrub die Glaubwürdigkeit von Psychiatern, die zunächst leichthin auf kortikale Veränderungen unter dem Schock der Schlacht erkannt hatten.

Der Erste Weltkrieg, das Phänomen der Kriegsneurosen und die fort­währende Herausforderung durch die Psychoanalyse markierten den letzten Akt in der Krise der psychiatrischen Medizin des 19. Jahrhun­derts. In der psychiatrischen Tradition war einfach kein Platz für eine Gegebenheit wie die unbewußten Triebkräfte menschlichen Verhaltens und ihre begriffliche Erfassung; doch die Unfähigkeit der psychiatri­schen Praktiker und Theoretiker, die psychopathologischen Folgen der Erlebnisse von 1914-1918 zu bewältigen, verbesserte die Ausgangspo­sition für ein alternatives Verständnis des menschlichen Seelenlebens in nachhaltiger Weise.

Die nicht aufhörenden psychiatrischen Angriffe gegen die Psychoanaly­se waren selbst Ausfluß einer professionellen Angst. Die Demontage des wissenschaftlichen Gerüsts, von dessen Höhe aus Psychiater und akade­mische Psychologen untersuchen, klassifizieren und verordnen konnten, bedeutete eine erhebliche Bedrohung der seraphisch-bequemen Diagno­se schwerer Geisteskrankheiten. Psychische Störung konnte nun nicht mehr einfach als ein Resultat von Mechanik und Vererbung abgebucht und von den bildsamen Gefühlen und Umwelteinflüssen getrennt wer­den, die allen Menschen gemeinsam sind. Die Bedrohung rührte an die Grundfesten der persönlichen und professionellen Identität. Der Schau­der, mit dem viele Angehörige des psychiatrischen Berufsstandes auf die Betonüng der Sexualität in Freuds Theorie reagierten, offenbarte ihr ei­genes Unbehagen gegenüber der Universalität solcher menschlichen Triebe und gegenüber der schmerzhaften Erkenntnis menschlicher Am­bivalenz.

Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt zeugte auch von dem tiefen und langhergebrachten Einfluß des cartesianischen Dualismus auf psychiatrisches Denken. Der Psychiater war Wissenschaftler und als sol­cher durch die Zeremonie des Experiments mit der Materie verkoppelt. Sein empirisches Ethos stand in der besten Tradition des rationalisti­schen 18. und des positivistischen 19. Jahrhunderts. Auch spiegelte sich in ihm die von der Aufklärung ausgehende Zuversicht wider, daß die Wissenschaft der unfehlbare Weg zur Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse sei. Dieses Menschenbild ließ keinen Raum für eine so »unwissenschaftliche« Vorstellung wie die vom Unbewußten. Die Psychiatrie übernahm von Descartes den Dualismus von Leib und Seele und benutzte die daraus abgeleitete Lehre eines psycho-physischen Parallelismus, um den Primat organischer Prozesse zu behaupten. So galt jedes Bemühen um eine Analyse der Seele als schlichtweg unwissen­schaftlich. Du Bois-Reymond hatte die mechanistische Abwehrhaltung gegen jeden Versuch, »philosophische« oder metaphysische Elemente in die Untersuchung der Gehirnvorgänge einzuschmuggeln, in den Worten zusammengefaßt: »Ignoramus et ignorabimus — wir wissen es nicht und werden es niemals wissen« (Decker, 1977, S. 46). Was Gott geschieden hat, soll der Mensch nicht zusammenfügen. (Jedem Heiratswilligen zu bedenken! Anm.JSB)

Dieser kompromißlose mechanistische Empirismus der deutschen Psych­iatrie diente in Wirklichkeit der Aufrechterhaltung der idealistischen Tradition (und ihrer Macht. Anm. JSB). Durch ihre rigorose Abkehr von allem romantischen ärztli­chen Interesse an letzter Ursache, Teleologie und menschlichen Einstel­lungen überließ der psychiatrische Berufsstand den Bereich der Seele den Philosophen und Theologen und erklärte jeden Versuch, das phy­siologisch Feststellbare zu transzendieren, für aussichtslos. Damit folgten die Psychiater des 19. Jahrhunderts den Spuren Kants und seiner Trennung zwischen dem, was der Vernunfterkenntnis zugänglich sei und was nicht. Über Kant hinaus gingen sie freilich in ihrer Verurteilung einer medizinischen Bilderstürmerei, die es wagen sollte, den geheiligten Begriff der Seele in Frage zu stellen. Freud dagegen lenkte, wieviel Ma­terialismus auch in seiner Theorie der Psychodynamik stecken mag, die Erforschung menschlichen Verhaltens weg von der Annahme, daß der Mensch die Summe seiner physiologischen Teile sei, und hin zu einem Verständnis des ‚Wechselspiels von Seele, Körper und sozialer Umwelt. Daß dies nicht einfach Philosophie in anderem Gewande war, erwies sich dramatisch an den konkreten Möglichkeiten, die eine darauf auf­bauende Praxis einer bedrängten mitteleuropäischen Heeresbürokratie an die Hand zu geben versprach.

Am 28. und 29. September fand in Budapest der 5. Internationale Psy­choanalytische Kongreß statt, dem erstmals Vertreter der deutschen und österreichischen Regierung beiwohnten. Sie waren angelockt worden durch die Nachricht von der erfolgreichen Anwendung psychoanalyti­scher Methoden bei der Linderung und Heilung von Kriegsneurosen. So namhafte Psychoanalytiker wie Karl Abraham, Max Eitingon, Ernst Simmel und Sandor Ferenczi hatten wertvolle klinische Erfahrungen über das Problem vorgelegt, und es gab Pläne zur Einrichtung psycho­analytischer Kliniken in verschiedenen Zentren Deutschlands und Österreich-Ungarns (Jones, 1957, Bd. 2, S. 238, 300-303). Der Waf­fenstillstand im November 1918 kam der Verwirklichung eines solchen Programms zuvor, aber der Begriff des unbewußten Seelenlebens im Menschen und die Technik seiner Behandlung hatten ein Maß an öffent­licher Beachtung und Bestätigung erreicht wie nie zuvor.

Lange vor Freud und dem Ersten Weltkrieg freilich hatten deutsche Phi­losophen und Ärzte das Gebiet des menschlichen Unbewußten abge­steckt. Die romantische Naturphilosophie hob im Gefolge von Friedrich W. J. v. Schellings mystischem Pantheismus und Monismus die grundle­gende Einheit allen Lebens hervor. Ärzte des frühen 19. Jahrhunderts entwickelten ein zuweilen obsessives Interesse am Bereich des Irrationa­len und des Gefühlslebens und vertraten dabei, nach dem Urteil Deckers (1977, S. 28),

»Überzeugungen, die heute recht differenziert anmuten — so z. B. den Gedanken eines inneren Konflikts; die Idee vom Menschen als einer psychobiologischen Einheit; die Annahme, daß heftige ›Leidenschaften‹, wenn sie keine Abfuhr finden, einen Zusammenbruch des Persönlichkeitsgefüges bewirken können; daß Vorstellungen in Körperreaktionen symbolisiert und ausgedrückt werden können; den Gedanken eines Unbewußten.«

Es war diese »mentalistische« und philosophische Beschäftigung mit der Seele, die von deutschen Universitätspsychiatern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgelehnt wurde.

Die Vorstellungen des Unbewußten und der Einheit von Körper und Seele lassen sich in der Medizingeschichte bis zu Heraklit im 6. Jahrhun­dert vor Christus zurückverfolgen. Wie Rousseau mehr als zwei Jahr­tausende nach ihm glaubte Heraklit, daß die Vernunft zwar den Men­schen gemeinsam sei, aber nicht allein die Einzigartigkeit eines bestimm­ten Menschen ausmache. In der Antike gewann diese Auffassung vom Individuum als einem einheitlichen biologischen System statt eines me­chanischen Kompositums autonomer Teile immer mehr an Boden, vor allem in Galens Lehre von der Wechselwirkung der Organe. Die beiden Hauptrichtungen der Psychologie jedoch, zwischen denen dann das 19. Jahrhundert eine klare Frontlinie zog, traten erst im 16. Jahrhundert hervor. Der physiologische, deskriptive, empirische Ansatz wurde von Francis Bacon verfochten, während das Bestreben, die Beweggründe menschlichen Verhaltens unabhängig von somatischen Faktoren zu be­trachten, im Werk des spanischen religiösen Humanisten Juan Luis Vi­ves und dem des Baseler Arztes Theophrastus Bombastus von Hohenheim seinen Ausdruck fand.

Der letztere, der seinen Namen zu Paracelsus latinisierte, war einer der Hauptkritiker der Hexenverfolgung. In abenteuerlich unsystematischer Weise stellte er sich »die menschliche Persönlichkeit als eine Ganzheit vor, als aus geistigen und stofflichen Teilen zusammengesetzt, die eng mit der Seele verbunden seien« (Alexander und Selesnick, 1966, S. 119).

 

Paracelsus galt in Nazikreisen als eine Art legendäre Gestalt und wurde aufgrund seines Kampfes um die natürliche Gesundheit und seiner Ver­wendung des Deutschen anstelle des Lateinischen als Schriftsprache zu einem kulturellen und wissenschaftlichen Vorläufer der nationalsoziali­stischen Ideologie emporstilisiert. 1943 schuf der Regisseur Friedrich Wilhelm Pabst eine bombastische Filmversion seines Lebens.

Paracelsus‘ Gedanke, daß sich im Mikrokosmos eines jeden Individuums der Makrokosmos widerspiegele, ist auch in der Monadologie von Leib­niz enthalten, der die Existenz einer irreduziblen Lebenskraft annahm. Indem er den Gesamtmenschen als eine biologische Einheit sah, wider­sprach Leibniz der cartesianischen Auffassung vom Menschen als einer seelenlosen Maschine.

Die deutsche romantische Bewegung des ausgehenden 18. und begin­nenden 19. Jahrhunderts feierte die holistische /ganzheitliche Anm. JSB) Tradition. Während der Engländer Thomas Hobbes der Meinung war, daß sich eine Einheit von Leib und Seele durch die Mittel der Mathematik und Mechanik ableiten lasse, betonte Goethe das souveräne und allumfassende Reich der Na­tur, dessen sensorium commune (Gesamtheit aller Sinne Anm.JSB) die Menschheit sei. Die Romantiker ent­deckten den Vitalismus des Philosophen Georg Ernst Stahl wieder, der erklärt hatte, in jedem belebten System gebe es eine Kraft, die ihm seine spezifischen Fähigkeiten und Eigenschaften zum Unterschied von unbe­lebten Körpern verleihe. Diese Vitalkraft ließ sich nicht mechanisch be­greifen; sie war fundamental und irreduzibel, der wissenschaftlichen Nachprüfung nicht zugänglich.

Diese Einheit der Menschengattung mit der Natur war von Schelling postuliert worden; ein anderer Vertreter derselben Anschauung war der Arzt und Maler Carl Gustav Carus. Carus bestimmte die Psychologie als die Wissenschaft von der Entwicklung der Seele vom Unbewußten zum Bewußten. Daraus folgte, daß bei der Behandlung von Geisteskranken das Hauptgewicht auf die Heilung des gesamten Individuums und nicht eines einzelnen Teiles oder Organs gelegt werden mußte. Zu seinem An­satz — und dessen späterer Verherrlichung im deutschen nationalen und kulturellen Milieu — gehörte auch die besondere philosophische und re­ligiöse Würde, die er der Psyche beimaß; es war unter anderem dieses Moment, das im 20. Jahrhundert die Jungsche Lehre für deutsche Psy­chotherapeuten romantischer Prägung so anziehend machte.

Carus und sein einflußreichstes Buch »Psyche. Zur Entwicklungsge­schichte der Seele« (1846) wurde für Göring und einige weitere Psycho­therapeuten im Dritten Reich zu einer wichtigen Inspirationsquelle. Von großer Bedeutung waren auch die Werke zweier anderer romantischer Denker des frühen 19. Jahrhunderts, die sich im selben Fahrwasser wie Carus bewegten: Carl Wilhelm Ideler und Ernst von Feuchtersleben. Vor allem der letztere setzte sich in seiner »Diätetik der Seele« von 1838 dafür ein, daß Geisteskrankheiten Erkrankungen der Gesamtpersönlich­keit seien, und unterstrich die Notwendigkeit einer »erzieherischen« Psychotherapie. Für M. H. Göring war Feuchtersleben, neben Leibniz, Carus u. a., ein historischer Zeuge für den Reichtum einer genuin deut­schen psychotherapeutischen Tradition und folglich für die relative Un­brauchbarkeit von Freuds mechanistischer Fehldeutung des menschli­chen Unbewußten.

Die romantische Tradition erreichte ihren Gipfel in Eduard von Hart­manns »Philosophie des Unbewußten« (1869). Dann tauchte sie in den Untergrund, Anregungen aus den literarischen Werken Goethes und Dostojewskis und der Philosophie Nietzsches beziehend, während oben­auf die selbstgewisse medizinische Ära des wissenschaftlichen Positivis­mus und der psychiatrischen Nosologie regierte. In dieser Weise wurde auch Nietzsche zu einem nennenswerten Wegbereiter der modernen Psychotherapie in Deutschland.

Obgleich die medizinische Psychologie in Deutschland und Österreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der Universitätspsychiatrie be­herrscht wurde, kam das psychotherapeutische Interesse unter Ärzten nicht völlig zum Erliegen. Abgesehen von jenen wenigen Psychiatern, die den Wert der Psychotherapie anerkannten, rekrutierte sich die Mehrzahl der psychotherapeutisch aufgeschlossenen Mediziner aus den Reihen der Internisten und Neuropathologen. Internisten fanden den Weg zur Psychotherapie durch ihre Konfrontation mit psychosomati­schen Störungen. Die Neurologie, die Wissenschaft vom menschlichen Nervensystem, war erstmals im 17. Jahrhundert in England und Frank­reich in Erscheinung getreten und hatte sich den hippokratischen Satz zu eigen gemacht, daß das Gehirn der Sitz des Wahnsinns sei. Im 19. Jahrhundert brachte die Arbeit der Neurologen wissenschaftliche Strenge in die Erforschung der Geisteskrankheiten und trug durch den Ruf nach einer planvollen Untersuchung des Seelenlebens eines jeden Patienten dazu bei, die Anstaltsbetreuung zu revolutionieren. Diese Neuerung führte zu einem Maß an Verständnis, das aus der rigiden Ori­entierung der Psychiatrie an strikter Klassifizierung und genetischer Forschung nicht zu gewinnen war. Insofern sich die Neurologie mit der Funktionsweise des Gehirns beschäftigte, förderte sie auch die Untersu­chung der Erkrankungen des Nervensystems, die Neuropathologie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts profitierte die Psychiatrie auch von dem therapeutischen Elan bahnbrechender Pathologen wie Adolph Meyer. Auch wenn die Neurologie, vor allem in Deutschland, eine Un­terabteilung der Psychiatrie blieb, spezialisierten sich immer mehr Ärzte auf dieses Sonderfach, um dann eine neuropathologische Praxis zu be­treiben. Es ist in diesem Zusammenhang lehrreich zu sehen, daß von den 22 repräsentativen Psychotherapeuten, die sich vor 1933 in der Allge­meinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie und/oder nach 1936 im Göring-Institut in prominenter Position oder mindestens aktiv betä­tigten, 13 ihrer Spezialausbildung nach Nervenärzte, 4 Internisten und nur 2 Psychiater waren4[v].

Zu einem erheblichen Teil waren diese Ärzte Veteranen des Ersten Weltkriegs — ein weiterer Faktor, der ihre persönliche Erfahrung mit der romantischen Tradition verknüpfte. Viele der deutschen Mediziner, die in den Jahren der Weimarer Republik für die Anerkennung der Psy­chotherapie unter ihren Berufskollegen stritten, waren in ihrem Denken durch den Zusammenstoß zwischen Kultur und Zivilisation geprägt worden, als der sich ihnen der Krieg dargestellt hatte. Dieses spezifisch deutsche Denkmuster, von dem besonders Akademikerkreise affiziert waren, wurde im medizinischen Sprachgebrauch mit dem Kampf zwi­schen Geist und Seele gleichgesetzt. »Geist« stand für das westliche ma­terialistische Denken der Renaissance, das über die Fülle und Tiefe der mittelalterlichen Weltschau obsiegt hatte.

Man kann mit einigem Recht vermuten, daß die Mitgliederschaft der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie — trotz der Spannweite der Interessen, Richtungen und medizinischen Disziplinen, die in ihr vertreten waren — insgesamt eine konservative, nationalisti­sche (und überwiegend protestantische) Grundhaltung repräsentierte, im Gegensatz zu der eher liberalen, kosmopolitischen (und überwiegend jüdischen) Mitgliedschaft der Deutschen Psychoanalytischen Gesell­schaft. Viele der tonangebenden Psychotherapeuten der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie und des Göring-Instituts hat­ten unzweifelhaft eine konservative, nationalistische und »unpolitische« Einstellung, die ab 1933 leicht in verschiedene Grade der Begeisterung und Unterstützung für den Nationalsozialismus umschlagen konnte. Es gibt ferner einige Hinweise darauf, daß die deutsche Ärzteschaft jener Zeit als ganze zur politischen Rechten neigte: unter allen akademischen Berufsgruppen in Deutschland hatten die Ärzte den höchsten Prozent­satz (45 ob) an Parteigenossen in ihren Reihen (Kater, 1979, S. 609 f.).

 

Trotz der Angabe von Käthe Dräger, einem jungen Mitglied der freu­dianischen Gruppe am Göring-Institut, daß nicht mehr als 5 Prozent der Institutsmitglieder der nationalsozialistischen Partei angehörten (Drä­ger, 1971, S. 264), war der Anteil der Parteigenossen unter den frühen Wortführern der Psychotherapie im Dritten Reich und in der Leitung der Deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie und des Göring-Instituts sehr viel höher. Von den 47 führenden Psycho­therapeuten der Zeit waren 17 (= 36,2 ob) zwischen 1930 und 1938 in die Partei eingetreten, und nur sehr wenige gehörten nicht zumindest ei­ner der Parteiorganisationen für Ärzte, Fürsorger, Lehrer oder Univer­sitätsprofessoren an5[vi].

Solche intellektuellen Traditionen verdunkelten die ethische Problema­tik der Kollaboration oder des Mitläufertums mit dem Nationalsozialis­mus in einer Weise, die weit über die grauen Komplexitäten jedes mo­dernen Staates hinausging. Man findet innerhalb der deutschen Medizi­nerschaft vielfältige Reaktionen auf die Machtergreifung Hitlers, von der Emigration, insbesondere der erzwungenen Emigration von Juden, bis zur freudigen, aktiven Mitarbeit. Die meisten individuellen Reaktio­nen freilich lagen, vor allem im Lauf der Zeit, irgendwo dazwischen. Ernst Kretschmer entschied sich für den Rückzug in die relative Wind­stille einer Universitätsklinik. John Rittmeister, der aus dem schweizeri­schen Exil zurückkehrte, um die Leitung der Poliklinik des Göring-In­stituts zu übernehmen, starb im Widerstand. Kollaboration gab es in verschiedenen Formen und Abstufungen: Johannes Heinrich (J. H.) Schultz, immer »korrekt«, betrieb die Förderung der Psychotherapie im Rahmen seines eigenen militanten Patriotismus, ohne dabei je eine stren­ge professionelle und apolitische Haltung zu verlassen. Gustav Heinrich Heyer, der von unsteterem Charakter war, trat 1937 der Nazipartei bei — aus einer Mischung, wie es scheint, von Opportunismus, einem ge­wissen Grad an ideologischer Übereinstimmung und einem uneigennüt­zigen Wunsch, die inhärenten Werte der Psychotherapie zur Geltung zu bringen.

Die allgemeine Hochstimmung von 1933 hatte überdies eine besondere Wirkung auf den »unpolitischen« Deutschen. Begeisterung — oder blo­ßer Patriotismus — konnte vor allem nach 1939 und der Katastrophe von Stalingrad 1943 jede Kritik im Keime ersticken. Von Anfang an hat­te Hitlers Regime auch den Anstrich der Rechtmäßigkeit, und wenn­gleich die blutige Säuberung in Ernst Röhms SA 1934 einige Fragen bezüglich der fortdauernden Barbarei der neuen Machthaber hätte auf­werfen können, schien doch auch diese Aktion eine Niederlage der Par­teiradikalen zu signalisieren. Die Säuberung verstärkte so die bequeme Überzeugung vieler Deutscher, daß, wo nicht die Nazis, so doch ihre rabiaten Phrasen und Übergriffe eine passagere Erscheinung seien. Je­denfalls erleichterte die Tatsache, daß sich der einzelne Deutsche in der Ausübung seines Berufes dem Staat unterordnete, den Nationalsoziali­sten die Unterdrückung potentieller Kritiker. Zugleich kam das wahrge­nommene und propagierte Bild eines Führers, der über den Niederun­gen der Politik stand, dem angeekelten Widerwillen entgegen, mit dem eine Mehrheit des deutschen Bildungsbürgertums das, wie sie es sahen, materialistische und ineffektive Demokratie-Experiment der Weimarer Republik verfolgt hatte. Im Gegensatz dazu schien die Nazipartei, die ihre Mitglieder und Wähler aus sozial und politisch heterogenen Quel­len bezog, eine nationale und nicht eine rein politische Bewegung dar­zustellen. Selbst die nationalsozialistische Judenpolitik verlief in Schü­ben, die immer wieder von Phasen des Stillstands unterbrochen wurden. Bei alledem war damals schwer zu erkennen, daß die Niederlage des lin­ken Parteiflügels einen Prozeß einleitete, der dazu führte, daß sich die Rechte, in Gestalt der SS, als zentrale Schaltstelle für Hitlers Expan­sions- und Ausrottungspolitik in den Institutionen des Staates einnisten konnte. Für die Psychotherapeuten des Göring-Instituts verkörperte sich diese Entwicklung in der Person Leonardo Contis, des Reichsgesund­heitsführers von 1939 bis 1945, der vom Reichsministerium des Innern aus ein medizinisches Imperium aufbaute und dessen Verbindungen zu Hermann Göring ihn zu einem relativ großzügigen Gönner des Instituts werden ließen.

Es wäre vielleicht manches anders gekommen, wenn deutsche Psycho­therapeuten und Akademiker insgesamt ein entschiedenes »Nein« oder wenigstens »Ohne mich« ausgesprochen hätten. Was sie jedoch in Wirk­lichkeit taten, wirft ein erhellendes Licht auf die professionelle Entwick­lung und die Organisationsstruktur im nationalsozialistischen Deutsch­land. Die Geschichte der Psychotherapie im Dritten Reich ist nicht so untadelig, aber auch nicht so kurz, wie die der Niederländischen Psy­choanalytischen Vereinigung, die sich 1941 aus Protest gegen die Dis­kriminierung ihrer jüdischen Mitglieder auflöste. Während freilich die Niederländer einem Besatzungsregime in Kriegszeiten gegenüberstan­den, hatten es die Deutschen mit ihrer eigenen Regierung zu tun, und die Chance nicht nur des professionellen Überlebens, sondern gar der professionellen Entfaltung unter dem Schutz des Namens Göring ließ die Selbstauflösung als eine zwar edle, aber kaum attraktive Alternative erscheinen.

Der Glückszufall, daß sich unter den Mitgliedern der Allgemeinen Ärzt­lichen Gesellschaft für Psychotherapie ein Vetter von Hermann Göring befand, machte eine Entscheidung für höhere moralische Prinzipien noch schwerer. Eine gewisse Entspannung der Situation brachte ferner das »freiwillige« Ausscheiden jüdischer Mitglieder, die nicht der Anlaß einer Zerschlagung der Psychoanalyse und Psychotherapie werden woll­ten. Vor der schwierigsten Wahl standen die »arischen« Mitglieder des Berliner Psychoanalytischen Instituts angesichts der Verfolgung und Vertreibung so vieler führender Kollegen, die Juden waren. Während die angebotene Eingliederung in das Göring-Institut als Kapitulation vor der Nazifizierung des Faches aufgefaßt werden konnte, eröffnete sie doch zugleich eine Möglichkeit, zumindest die Ausübung der Psycho­analyse im Interesse gegenwärtiger und künftiger Patienten und der me­dizinischen Wissenschaft überhaupt aufrechtzuerhalten. Auch sehr handfeste Gründe sprachen gegen eine Auflösung der psychoanalyti­schen Gesellschaft, da jedenfalls die Laienanalytiker nicht auf eine ärzt­liche Praxis zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts zurückgreifen konn­ten.

Obwohl die Nationalsozialisten lauthals die Gleichschaltung der deut­schen Gesellschaft verkündeten, erlaubte, ja ermutigte ihre Herrschafts­form und die allumfassende Verschwommenheit ihres Programms ein Verhalten, das man als »Selbstgleichschaltung« bezeichnen könnte. Die­ser Prozeß verstärkte den Terror, der für die meisten Deutschen nur im Hintergrund lauerte, insofern er Bedenken gegenüber der Nichtzugehö­rigkeit zu einer mächtigen Volksbewegung Vorschub leistete. Unter Psychotherapeuten äußerte sich dieses Phänomen am klarsten in dem Zögern der soeben umbenannten Deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, sich mit dem Berliner Psychoanalyti­schen Institut zusammenzuschließen. Diesbezügliche Zweifel mögen zu­nächst als schlichte und vernünftige Vorsicht erscheinen, da die Freud­sche Psychoanalyse von den Nationalsozialisten offiziell als »undeutsch« abgestempelt worden war. Zum damaligen Zeitpunkt jedoch (1936) ist zu berücksichtigen, daß die Psychotherapeuten unter Göring Räumlich­keiten für ein Institut suchten und sehr knapp an Geldmitteln waren. Es war schließlich ein Beamter der Medizinalabteilung des Innenministe­riums, der den Psychoanalytikern den Vorschlag machte, sich an Göring zu wenden und den Psychotherapeuten die Räumlichkeiten des Berliner Psychoanalytischen Instituts anzubieten, um im Gegenzug das Überleben der »arischen« Psychoanalytiker zu sichern (Boehm, 1978, S. 303). Obwohl Görings anfängliches Zaudern seiner Vision einer »deutschen«, von jüdischen und freudianischen Einflüssen unberührten Psychothera­pie entsprang (die er mit anderen teilte), ist zumindest dieses Ereignis auch ein sprechendes Beispiel dafür, daß die Nationalsozialisten vor der Psychoanalyse weniger Scheu hatten als die Psychotherapeuten.

Solche Beobachtungen nötigen den Historiker, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß im Dritten Reich der Aspekt der individuellen und Grup­pendynamik der menschlichen Psyche, wie ihn Psychotherapie und Psy­choanalyse vertraten, nicht schlankweg unterdrückt wurde. In ethischer Hinsicht brachte der Prozeß der Selbstgleichschaltung eine größere per­sönliche Verantwortung für individuelles Handeln mit sich, da es doch eine gewisse Wahlfreiheit gab. Auf der individuellen Ebene freilich handelte es sich gewöhnlich nicht um eine Wahl zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Graden der Schuldhaftigkeit, vermischt mit Erwägun­gen professioneller Verantwortung und Selbstbehauptung unter den Ge­gebenheiten der Zeit. Was man den Psychotherapeuten, wie so vielen anderen relativ »guten« Deutschen, vorwerfen kann und muß, sind hauptsächlich »unpolitische« Unterlassungen vor und nach dem Faktum Hitler. Allerdings standen diese Männer in einer intellektuellen und kul­turellen Tradition, die in ihnen ein gewisses Wohlwollen für den Natio­nalsozialismus, ob enthusiastisch oder reserviert, und nicht so sehr rück­haltlose Unterstützung oder reinen Opportunismus erzeugte.

Die Bedingungen, die Hitler hervorbrachten und seinen Aufstieg zur Macht ermöglichten, waren zu stark und weitreichend, als daß Psycho­therapeuten nach dem 30. Januar 1933 etwas daran hätten ändern kön­nen. Die Angehörigen dieses Berufszweiges waren Mandarine ihrer phi­losophischen Neigung, aber nicht ihrer gesellschaftlichen Stellung und Autorität nach. Sie hatten z. B. nicht das Prestige und die Macht der In­haber bedeutender Universitätslehrstühle. Ihnen standen auch nicht die Universitäten als Zufluchtsort oder als Podium des Widerstands zur Verfügung. Daher ist ihnen ihre politische Begeisterung oder ihr Schweigen nach 1933, im Vergleich etwa zu den deutschen Historikern, weniger zur Last zu legen (Sims, 1978). All dies nimmt den entschlosse­nen Gegnern Hitlers nichts von ihrem bewundernswerten Heroismus, noch vermag es die Parteigänger oder Mitläufer des Nationalsozialismus in irgendeiner Weise zu entschuldigen. Diejenigen, die emigrierten oder Widerstand leisteten, handelten mutig und aus edelsten Motiven; ebenso wenig aber ist zu leugnen, daß es für die meisten Deutschen am leichte­sten (und vorteilhaftesten) war, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und die täglichen moralischen Kompromisse zu machen, die ih­nen ein ungefährdetes, sorgloses Leben gestatteten.

Abgesehen von standespolitischen Beweggründen, die jedenfalls zum guten Teil einem Gefühl des humanitären Nutzens der eigenen Disziplin entsprangen, hatten Psychotherapeuten unter dem hippokratischen Eid in erster Linie an ihre Patienten zu denken. Und neben den zahlreichen Patienten, die im Dritten Reich Psychotherapeuten aufsuchten und ver­mutlich von ihnen auch Hilfe empfingen, gab es dann im Krieg einige Fälle von Männern, die ohne das Eingreifen von Psychotherapeuten zu »Simulanten« erklärt und erschossen worden wären. Psychotherapeuten widmeten sich ferner, aus eigener Initiative und im Auftrag der Behör­den, der Behandlung von Homosexuellen, einer Kategorie von Men­schen, die ansonsten unter den Nazis verfolgt würden.

Natürlich war es den Psychotherapeuten des Göring-Instituts nicht er­laubt, jüdische Patienten anzunehmen; einige lehnten es von sich aus ab, dies zu tun — eine klare und verachtungswürdige Verletzung des hippo­kratischen Eides. Und die gelegentlich vorgebrachte Behauptung, daß ein Arier einem Juden nicht helfen könne, war schlicht eine Verbrämung unethischen Verhaltens durch Stumpfsinn. Gleichzeitig jedoch bezeugt ein ehemaliges Mitglied des Instituts, daß man dort die regelmäßige, wenngleich begrenzte, Behandlung jüdischer Patienten in der Privatpra­xis zumindest tolerierte. Die Privatpraxis blieb privat, und obwohl nach 1933, wenn überhaupt, nur wenige Juden behandelt wurden, muß man annehmen, daß diese Situation jedenfalls einige Psychotherapeuten in Gewissenskonflikte stürzte. Wer Juden behandelte oder dem nationalso­zialistischen Diktum entgegentrat, riskierte nicht nur die Zerstörung der eigenen professionellen Existenz, sondern auch die Zerstörung des Be­rufsstandes und der psychotherapeutischen Praxis überhaupt. Und wo sollten dann die Patienten bleiben, die einer psychotherapeutischen Kur bedurften? Als Gruppe jedoch fügten sich die Psychotherapeuten weit­hin den nationalsozialistischen Geboten und vernachlässigten die Inter­essen vieler Patienten um professioneller Vorteile willen. Und wir wissen nicht das Schlimmste, das in manchen Fällen geschehen sein mag, und werden es wahrscheinlich nie erfahren. Es ist eine unselige Tatsache, daß die meisten, wo nicht alle, Psychotherapeuten im Dritten Reich mehr um ihr eigenes Überleben — als Individuen und Berufsgruppe —als um das Schicksal anderer besorgt waren. Aber deshalb ihre Arbeit en bloc abzutun, hieße, über allgemeine menschliche Schwächen und man­che doch bemerkenswerten Leistungen in sehr schwierigen Zeiten hin­wegzusehen.

 

Es gibt noch eine andere beunruhigende Frage: In welchem Maß diente die organisierte Psychotherapie den Zielen und Programmen des natio­nalsozialistischen Regimes? Trotz aller Worte und Taten sowohl der Parteiführung als auch der Psychotherapeuten selbst hat es den An­schein, als ob der Beitrag der institutionalisierten Psychotherapie zum Funktionieren des nationalsozialistischen Staates und Reiches im we­sentlichen nicht größer gewesen sei als der anderer Berufsgruppen in den zwölf Jahren der Naziherrschaft. (nicht größer, aber auch nicht geringer. Anm. JSB) Mag die Psychotherapie auch noch so vielfältig mit dem neuen Regime verflochten gewesen sein, sie wurde doch nie ein effizientes Werkzeug zur Manipulation der Massen. Dafür waren drei Gründe ausschlaggebend: die Verschwommenheit der nationalsozialistischen Vorstellungen vom »Willen« und seiner Störung; das organisatorische Chaos der nationalsozialistischen Bürokratie; und die Wahrung professioneller Autonomie durch die Psychotherapeuten selbst. Gewiß gab es einzelne Psychotherapeuten, die sich direkt und in­direkt daran beteiligten, Ideale der Loyalität gegenüber Partei und Volk in Menschen einzupflanzen und zu befestigen, und gewiß verbesserte die Arbeit des Göring-Instituts ganz allgemein den Gesundheitszustand und damit die Leistungsfähigkeit deutscher Bürger, Soldaten und Arbeiter, was eo ipso der Erhaltung und Expansion nationalsozialistischer Herr­schaft dienlich war. Und gewiß fühlten sich einige Psychotherapeuten entschieden eben solchen Zielen verpflichtet, während andere sich damit begnügten, die Früchte deutscher Siege zu genießen, solange sie reiften. Aber es ist zutreffender, die Funktion des Göring-Instituts in der Erhal­tung der psychischen Gesundheit seiner Patienten zu sehen und nicht in einer eigentlichen, systematischen »Abhärtung« im Auftrag des national­sozialistischen Staates.

Den Psychotherapeuten des Göring-Instituts blieb es auch erspart, an den bedrückenden Aufgaben jener akademischen Psychologen und tra­ditionellen Psychiater mitzuwirken, die für die generelle typologische Bestimmung bzw. den biologischen Schutz der Rasse verantwortlich wa­ren. Bei der ersteren Aufgabenstellung ging es um grobe und ephemere Aussagen über die vermeintlichen Eigentümlichkeiten von Ariern und Nicht-Ariern, während die letztere darauf hinauslief, Geisteskranke zu gewaltsamer Sterilisierung und Euthanasie zu verurteilen. Umgeben von Barbarei und den verabscheuenswerten politischen und moralischen Ka­straten der Nazi-Intelligenz, konnten die Psychotherapeuten wenigstens Medizin betreiben.

 

V

Verglichen mit anderen Akademikergruppen wie z. B. den klassischen Altertumswissenschaftlern, die vom Nationalsozialismus so gut wie un­berührt blieben (Losemann, 1977), oder jenen Historikern unter Walter Frank, die ein ausgewachsenes nationalsozialistisches »Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland« einrichteten (Heiber, 1966), steuer­ten die Psychotherapeuten im Dritten Reich einen Mittelweg. 1933 wa­ren Psychotherapeuten noch immer Außenseiter, die vorrangig mit dem Wachstum und der Anerkennung ihres Berufszweiges im Bereich der Medizin beschäftigt waren. Am Rande des ärztlichen und akademischen Establishments stehend, waren nicht-jüdische Psychotherapeuten als Einzelne und in ihrer Gesamtheit von den ersten Tagen des Regimes an relativ geschützt: die politische Bedrohung des Faches beschränkte sich dank seiner Eigenart und dank des Opportunismus seiner Repräsentan­ten auf ein Minimum, und ihr Status und Organisationsgrad gab ihnen wenig zu verlieren. Und obschon einige von ihnen die Einführung einer Art nazifizierter Psychotherapie befürworteten, teilten sie fast alle ein Interesse an der Weiterentwicklung der Profession, das sie jede sich bie­tende Gelegenheit ergreifen ließ: sie hatten mächtige Gegner innerhalb der Ärzteschaft, und die Chance, die ihnen der Name Göring eröffnete, überdeckte alle Meinungsverschiedenheiten um jenes Problem der Nazi­fizierung — was z. B. im Falle der Physiker, die unter dem Dritten Reich erheblichen Schaden litten, nicht möglich war (Beyerchen, 1977). (Die unterschiedliche Eigenart der beiden Disziplinen ließ von der Sache her eine »deutsche« Psychotherapie, so sehr sie den universellen und hu­manitären Zielen der Wissenschaft und Medizin widerstreiten und durch ihr Leitbild der Anpassung von Patienten an eine repressive Gesell­schafts- und Staatsordnung in ihrer therapeutischen Wirkung begrenzt sein mochte, sehr viel weniger absurd erscheinen als eine »arische« Phy­sik.) Überdies gab die »Ausmerzung« von Arbeitsbeziehungen zu ande­ren Fächern und Berufsgruppen, die vor allem in den ersten Jahren des Regimes erfolgte — aus Angst vor einer etwaigen Sippenhaftung für ei­ne Gruppe, die die nationalsozialistische Nagelprobe auf Gesinnungs­treue nicht bestanden, oder vor dem Verschlucktwerden durch eine an­dere, die sie bestanden hatte — der Psychotherapie die Gelegenheit, sich selbst zu organisieren, professionelle Differenzen in den eigenen Reihen zu überbrücken und dann selbständige Arbeitsbeziehungen unter dem Deckmantel und approbierten Markenzeichen des Namens Göring zu knüpfen. Es ist eine Ironie, daß gerade ihr Status als Außenseiter es den Psychotherapeuten erlaubte, sich frühzeitig mit Kräften in der Nazipartei zu liieren, die eine Reform des medizinischen Establishments herbei­führen wollten.

Angesichts der Tatsache, daß Psychotherapeuten in Deutschland, wie überall in der Welt, auch heute noch keinen vollwertigen professionellen Status erreicht haben, bedeutete ihre Geschichte im Dritten Reich schwerlich eine Lösung der entscheidenden Probleme professioneller Identitätsfindung, denen das Fach als ganzes nach wie vor gegenüber­steht. Der Grund für dieses Dilemma liegt vor allem in dem Mangel an klaren Fachgrenzen, d. h. in der Disparatheit der Theorien und Metho­den, die sich Psychotherapeuten verschiedener Provenienz aus allen möglichen Gebieten der Medizin und Psychologie, der Sozial- und Gei­steswissenschaften zusammensuchen. In Deutschland wurde diese Un­schärfe noch verstärkt durch den Versuch der neuorganisierten Psycho­therapeuten, ihre professionelle Kontrolle über das gesamte Feld der medizinischen Psychologie auszudehnen — ein Faktor, der einen kurz­fristigen Gewinn und durch die Erweiterung ihres Einflusses einige lang­fristige Vorteile brachte. Die Gründung des Göring-Instituts bildet da­her eine wichtige Etappe in der Vergangenheit des jungen Berufszwei­ges Psychotherapie, einen Meilenstein seiner noch fortdauernden Ent­faltung in Mitteleuropa und der ganzen Welt.

Da die Geschichte der Psychotherapie im Dritten Reich vor allem unter dem Aspekt der institutionellen und professionellen Entwicklung von Belang ist, müssen wir, um die Dynamik der damaligen Vorgänge im Bereich der medizinischen Psychologie in Deutschland ganz zu verste­hen, einen kurzen Blick auf die Soziologie akademischer Berufe werfen. A. M. Carriere, vielleicht der erste Sozialwissenschaftler, der sich einer systematischen Untersuchung dieser Berufe zugewandt hat, liefert uns den logischen Ausgangspunkt für unsere Überlegungen:

»Ein akademischer Beruf (profession) kann vielleicht definiert werden als eine Beschäfti­gung, die ein spezialisiertes Studium, eine besondere intellektuelle Schulung verlangt und deren Zweck es ist, für eine bestimmte Gebühr oder Besoldung anderen einen sachkundi­gen Dienst oder Rat zur Verfügung zu stellen« (Vollmer und Mills, 1966, S. 4).

Ein derartiger Beruf unterscheidet sich von einer Tätigkeit in Handel und Gewerbe dadurch, daß die ihn Ausübenden »nicht so sehr arbeiten, um bezahlt zu werden, sondern vielmehr bezahlt werden, damit sie ar­beiten« (Pavalko, 1971, S. 21). Ein zentraler Unterschied zwischen Men­schen, die sich vom Professionsmotiv leiten lassen, anstatt wie der kun­densuchende Geschäftsmann dem Motiv des Geldverdienens zu folgen, ist das Verständnis der eigenen Arbeit in den Dimensionen von Pflicht und Verantwortung, das für eine Untersuchung der deutschen Kultur mit ihrer Tradition einer Bewertung des »Berufs« als »Berufung« von besonderer Bedeutung ist. Zu den Kriterien eines akademischen Berufs­standes gehören im einzelnen eine systematische Theorie, ein auf einem Standesethos basierendes Gefühl professioneller Verantwortung, for­melle Standesorganisationen und die gesellschaftliche Anerkennung der Fachautorität.

Für den Historiker ist es freilich so notwendig wie unvermeidlich, daß er »Beschäftigungen als irgendwo innerhalb eines Kontinuums von Berufen angesiedelt begreift« (Goode, 1960, S. 903) und sich mit Wandlungen und Entwicklungen im Zuge der Zeit befaßt. Er wird auch mehr darüber wissen wollen, wie die Entwicklung einer akademischen Berufsgruppe durch äußere Instanzen beeinflußt, ja geprägt und festgelegt wird, was vor allem für eine Betrachtung der Professionalisierung der Psychothe­rapie relevant ist. Nach den oben angeführten Kriterien erscheint die Psychotherapie als akademischer Berufsstand gut entwickelt. Gertrude Blanck freilich kommt in ihrer Arbeit über die professionelle Entwick­lung der Psychotherapie in den USA zu einem weniger günstigen Ergeb­nis, und zwar aufgrund eines Vergleichs zwischen Medizin und Psycho­therapie unter vier Aspekten: der Abgrenzung von anderen Berufsgrup­pen; der Entwicklung eines Ausbildungssystems; des Aufbaus zentrali­sierter Berufsverbände auf nationaler Ebene; und der staatlichen Aner­kennung in der Form einer Approbation (Blanck, 1963, S. 160 f.). Sie sieht drei mögliche Wege einer künftigen Entwicklung der Psychothera­pie: als ein Zweig der Medizin, als ein Zweig der Psychologie oder als getrennte Einheit; gegenwärtig seien Tendenzen in allen drei Richtun­gen zu erkennen (ebd., S. 229, 237). Nach Blanck ist die Psychotherapie bisher weder von der Medizin noch von der Psychologie genügend ge­schieden, um als ein eigenständiger Berufszweig gelten zu können, und dies ist die wesentliche Schwierigkeit, die ihrer Professionalisierung im Weg steht (ebd., S. 241-244).

Sowohl Psychiater als auch klinische Psychologen reklamieren Psycho­therapie als einen integralen Teil ihrer eigenen Tätigkeit, wobei sich die ersteren häufiger mit schweren Störungen wie etwa der Schizophrenie, die letzteren eher mit weniger tiefgreifenden Verhaltensproblemen be­schäftigen. Das Haupthindernis für den Aufstieg der Psychotherapie zum Status eines getrennten, vollentwickelten Berufsstandes war und ist jedoch ihre Einbettung in die Medizin. Ärzte erheben heute einen An­spruch auf allumfassende Zuständigkeit für die Heilung menschlicher Krankheiten, und die Unabhängigkeitsbestrebungen einiger untergeord­neter Fächer haben erhebliche Konflikte hervorgerufen (ebd., S. 160). In Deutschland erlebte die Psychiatrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts ei­ne ernste Herausforderung durch das Aufkommen einer psychodynami­schen Richtung unter Führung der Freudschen Psychoanalyse. Die Psychiatrie antwortete im großen und ganzen mit einer entschlossenen Verteidigung ihrer neurologischen Grundlagen. In ihrer engen Ver­schwisterung mit den Universitäten, wo es eine starke Tendenz zur Ge­ringschätzung klinischer und therapeutischer Aktivitäten zugunsten »reiner« Wissenschaft gab, legte die deutsche Psychiatrie ihr Schwerge­wicht auf die Forschung. Diese wissenschaftliche Schlagseite fügte sie als Berufszweig fest in die deutsche medizinische Tradition ein.

Die Herausforderung dieser maßgeblich im 19. Jahrhundert geprägten Tradition durch die psychodynamische Bewegung ließ innerhalb des me­dizinischen Establishments wieder alle Zweifel bezüglich des wissen­schaftlichen Status der Psychiatrie und Psychologie wach werden, mit denen man die früheren Anstrengungen der Disziplin in der Behandlung der chronisch Kranken durch Alchimie und Anstaltsverwahrung beglei­tet hatte. Die traditionelle Medizin war seit jeher darauf ausgerichtet ge­wesen, in objektiven und nicht in subjektiven Kategorien zu denken. In den Jahren des Nationalsozialismus war Oswald Bumke einer der Wort­führer jener Psychiater, die die Existenz eines Unbewußten leugneten und gegen den inhärenten »Dilettantismus« der Psychotherapie und Psychoanalyse wetterten. 1938 schrieb er, in einem typischen Rundum­schlag:

»… und so begeht Jung denselben Fehler, den vor ihm Freud und noch früher Charcot, Bernheim und viele andere begangen haben: er glaubt alles, was ihm seine hysterischen Kranken über die Unschuld ihres Bewußtseins erzählen« (Bumke, 1938, S. 116).

Das Aufbegehren der psychodynamischen Bewegung gegen die nosolo­gischen und neurologischen Establishments der deutschen Psychiatrie hatte sich in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts zu einem hefti­gen Unbehagen an der »Krise der Medizin« überhaupt ausgeweitet. Man zeigte sich besorgt über einen ärztlichen Berufsstand, der seine Patien­ten nicht mehr als Menschen wahrzunehmen vermochte, der zu natur­wissenschaftlich, zu bürokratisch und in seinem Starren auf Rezept und Honorar zu materialistisch sei. Diesem Protest schloß sich zwangsläufig auch die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie an. Die Gesellschaft erklärte zu ihrem Ziel die Förderung der Psychotherapie im Kampf gegen die »Volksseuche« der Neurose. Indem sie die Notwen­digkeit einer Kampagne zur sozialen Prophylaxe und Behandlung der Neurose unterstrich, schien sie die herkömmliche, akademisch abge­schottete psychiatrische Klassifizierung der Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems zu ignorieren oder gar verächtlich zu machen. Grundlage für den Ansatz einer, wie man es nennen könnte, »aktivisti­schen« Psychotherapie sollte eine Würdigung des menschlichen Orga­nismus in seiner psychischen und physischen Gesamtheit sowie in seinen Interaktionen mit der gesellschaftlichen Umgebung sein. Statt mit den Teilen eines Objekts sollte der Psychotherapeut, und in der Tat jeder Arzt, das Ganze des menschlichen Subjekts in Betracht ziehen.

Die Ausbildung für eine solche Aufgabe konnte sich nicht auf die medi­zinischen Wissenschaften beschränken, sondern mußte die Sozial- und Geisteswissenschaften mit einbeziehen. Das Endziel bei alledem blieb die Kunst des Heilens, die ärztliche Kunst, aber die umfassenderen Perspek­tiven der Vorbeugung und Rehabilitation erforderten psychologische und psychotherapeutische Techniken, die im medizinischen Rahmen der somatischen Wiederherstellung keinen Platz mehr hatten. Im Bereich der psychischen Wiederherstellung — wenn man die Neurose als ein Le­bensproblem des einzelnen Menschen ansah — benötigte man Maßnah­men zur Bearbeitung dieser Probleme und eine Schulung in ihrer An­wendung, die in der breiten Grauzone zwischen den scharfen medizini­schen Grenzen von Krankheit und Gesundheit angesiedelt waren. Mit alledem erhob sich eine kritische Frage: Ist die Behandlung oder Hei­lung der Neurose ein exklusives Vorrecht des Arztes?

Die »große« Psychotherapie, jene Theorien und Verfahren, die sich mit den Vorgängen und Abkömmlingen des menschlichen Unbewußten be­schäftigen, stand der traditionellen Medizin insofern näher, als sie größ­tenteils aus der medizinischen Erforschung der Wechselwirkungen von Körper und Seele hervorgegangen war. Diese Theorien und Techniken konnten, wie etwa im Falle der psychosomatischen Medizin, die Basis für eine psychotherapeutische Spezialisierung innerhalb des ärztlichen Berufsstandes abgeben. Die Psychoanalyse hingegen — ein eigenes hochkomplexes Gedankensystem mit einer eigenständigen Technik — bedurfte für ihre Ausübung keiner medizinischen Ausbildung. Auch wenn die Psychoanalytiker selbst in der Frage der Laienanalyse gespal­ten waren und sind, zielte doch die ganze revolutionäre Stoßkraft der freudianischen Bewegung auf eine Expansion der Psychologie in den von der Medizin beanspruchten therapeutischen Bereich. Als Kompro­mißlösung in dem Konflikt, welche Qualifikationen der Psychothera­peut, Psychoanalytiker oder Psychologe besitzen müsse, einigte man sich schließlich auf die ärztliche Überwachung nicht-ärztlicher Psycho­therapeuten, um sicherzustellen, daß keine somatischen Beschwerden übersehen werden. (Das ist bis heute so. Anm. JSB) Aber das Problem, wieviel Kontrolle ein Arzt in einem solchen Arrangement überhaupt ausüben kann, ist ein wichtiger Streitpunkt in deutschen Medizinerkreisen geblieben (Kretschmer, 1950).

Auch die andere Hauptgruppe von Psychotherapieformen bedeutete ei­ne Bedrohung des therapeutischen Ausschließlichkeitsanspruchs der me­dizinischen Profession. Die »kleine« Psychotherapie umfaßt all jene sy­stematischen und unsystematischen psychologischen Theorien und Be­handlungsverfahren, die eine Linderung seelischer Leiden auf der Be­wußtseinsebene anstreben. In größerem oder geringerem Maße, gewollt oder ungewollt, gehört eine solche Einflugnahme in das Repertoire eines jeden Arztes, aber die Frage stellte sich erneut: Warum sollten psycholo­gischer Menschenverstand, Einfühlungsvermögen oder die Fähigkeit, verschiedene psychologische Theorien zu begreifen und anzuwenden, nicht auch dem Laien gegeben sein?

Das ursprüngliche Ziel der meisten Mediziner in der Allgemeinen Ärzt­lichen Gesellschaft für Psychotherapie war und blieb die Einführung der Psychotherapie als förmlicher Bestandteil der normalen ärztlichen Aus­bildung — im Gegensatz zu Bestrebungen, psychotherapeutische Tätig­keit dem speziell geschulten Psychotherapeuten, der Sachkunde des Psychiaters oder einer im Gang des Studiums angeblich von selbst er­worbenen Grundkompetenz des Allgemeinpraktikers anheimzustellen. Daneben gab es auch ein stärker werdendes Gefühl, daß die Natur der Behandlung und Heilung psychischer Störungen und ein verbreitetes Bedürfnis in der Bevölkerung nach psychotherapeutischen Kuren eine Ausbildung und ärztliche Überwachung nicht-ärztlicher Psychothera­peuten und Psychologen verlangten. Dieses Argument erhielt zusätzli­ches Gewicht durch den Kampf der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie gegen das Quacksalbertum, der zwei Gruppen be­sonders am Herzen lag — nämlich Ärzten, die den wissenschaftlichen Charakter der Medizin zu verteidigen, und Psychotherapeuten und Psy­chologen, die ein solches Etikett zu vermeiden wünschten. Noch mäch­tiger war überdies bei vielen einflußreichen Mitgliedern der Gesellschaft die romantische Tradition des 19. Jahrhunderts in Psychiatrie und Medi­zin mit ihrer Verwurzelung in der Naturphilosophie. Es war diese letz­tere Fraktion, die unter dem Druck professioneller und politischer Äng­ste und ermutigt durch die Gunst der Stunde, die ihnen die Chance zur Erhebung weitreichender professioneller Forderungen in die Hände spielte, mit dem Sieg des Nationalsozialismus zur Vorherrschaft gelang­te.

Ernst Kretschmer, der 1930 den Vorsitz der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie übernommen hatte, gehörte zu einer profi­lierten Minderheit, die psychotherapeutische Behandlungen für Psychia­ter reserviert sehen wollte. Bei ihrer Gründung 1928 konnten nur Ärzte der Gesellschaft beitreten; aber die Tendenz ging in eine andere Rich­tung, und als 1933 die Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie unter Göring ins Leben gerufen wurde, formulierte man die Statuten um, so daß nun auch nicht-ärztliche Psychotherapeuten als eine besondere Mitgliedergruppe zugelassen waren. Das 1936 eingerich­tete Deutsche Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie führte vollausgebildete Psychotherapeuten, ob Mediziner oder nicht, unterschiedslos als reguläre Mitglieder. In der Tat übertraf in all den Jahren seines Bestehens, für die Statistiken vorliegen (1937-1941), aus­genommen 1938, die Zahl der nicht-ärztlichen die der ärztlichen Mit­glieder; und 1941 war auch die Zahl der nicht-ärztlichen Bewerber um eine Bescheinigung als »behandelnde Psychologen« größer als die der ärztlichen Kandidaten.

Dieses Überwiegen nicht-ärztlicher Mitglieder kann zumindest partiell auf eine allgemeine Propagierung des Dienstes an Gemeinschaft und Staat durch die Nationalsozialisten zurückgeführt werden. Es ist auch wahrscheinlich, daß die Bemühungen des Regimes um einen schnelleren und stromlinienförmigeren Ablauf der Expertenausbildung ihren Teil zu der Situation beitrugen: ein medizinisches Studium, selbst in der durch die nationalsozialistische Regierung verkürzten Form, war immer noch ein umständlicherer Prozeß als ein Universitätsabschluß in Psychologie mit einer klinischen Zusatzausbildung. Noch bedeutsamer aber war jene Tendenz im professionellen Zusammenhang der Beziehungen und der Dynamik in und zwischen den Fächern Psychologie, Psychotherapie und Medizin.

Das zweite der Kriterien Blancks, die Entwicklung eines Ausbildungssy­stems, bezeichnet im Falle der Medizin fünf allgemeine Stufen: von der individuellen Praxis über das Lehrlingswesen, das Privatseminar und das Institut bis schließlich zur Integration in ein Universitätssystem. Wenn man die Psychotherapie an diesem Modell mißt, ist generell festzustel­len, daß ihre verschiedenen Schulen, und vor allem die Psychoanalyse, sämtliche Stufen bis auf die letzte durchlaufen haben. Im Gegensatz zur akademischen Psychologie (Geuter, 1982) hatte und hat es die Psycho­therapie in Deutschland, wo sich die Universitätsfakultäten hinter einem massiven Wall -von Wissen, Tradition, Prestige und Macht verschanzt haben, besonders schwer, diesen letzten Schritt zu vollziehen. Der erste staatliche Lehrauftrag für Psychotherapie wurde im August 1933 von der medizinischen Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin an Hans von Hattingberg erteilt. Diese Berufung veranschaulicht den wachsenden Einfluß der organisierten Psychotherapie in Deutschland während der zwanziger Jahre hauptsächlich unter der Ägide der Allge­meinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. Sie ist auch ein Bei­spiel für die Art der professionellen Chancen, die aus dem Zusammen­treffen des Nationalsozialismus mit der Person und dem Namen von Matthias Heinrich Göring resultierten. Zum größten Teil jedoch blieben die Universitäten für die Psychotherapie verschlossen; und mehr noch: sie bildeten für den Berufszweig als solchen eine erhebliche potentielle und aktuelle Gefahr, da jede Lehre der Psychotherapie in den Händen akademischer Psychologen und Psychiater verblieb.

Die Gefahr, die dem eigenständigen Status der Psychotherapie von sei­ten alternativer Ausbildungsgänge an den Universitäten drohte, wurde im Dritten Reich weitgehend dadurch abgebogen, daß ihr im wesentli­chen gelang, was Blanck als drittes Professionalisierungskriterium an­führt: die Einrichtung eines zentralisierten Berufsverbandes auf nationa­ler Ebene. Aufbauend auf dem Fundament, das von der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie gelegt worden war, erreichte das Göring-Institut für die neun Jahre zwischen 1936 und 1945, wenn auch nicht vollkommen, eine solche Zentralisierung. Die eigentliche Be­deutung des Instituts für die Professionalisierung der Psychotherapie in Deutschland bestand freilich in seiner Funktion als Garant des Überle­bens in jener gewalttätigen und zerstörerischen Zeit, in der Gelegenheit zu einem gewissen Maß an konstruktivem Meinungsaustausch zwischen den verschiedenen psychotherapeutischen Denkschulen, die es bot, in seiner Rolle als organisatorisches Vorbild für Nachkriegsinstitute und in seinem Wirken als Stätte psychotherapeutischer Forschung, Ausbildung und Praxis. Viele der namhaften Psychologen und Psychotherapeuten in beiden deutschen Nachkriegsstaaten empfingen am Göring-Institut ihre Ausbildung oder waren dort tätig.

Blancks viertes Kriterium, die staatliche Anerkennung des Berufsstandes durch eine verbindliche Approbationsregelung, wird von der Psychothe­rapie in Deutschland bis heute nicht erfüllt. (Mittlerweile schon. Anm. JSB) Durch die staatliche Appro­bation eines Berufsstandes wird die Ausübung einer bestimmten Tätig­keit auf den Kreis der Approbierten beschränkt. Ein Zeugnis hingegen beschränkt nur das Führen eines bestimmten Titels auf diejenigen Perso­nen, die eine vorgeschriebene Ausbildung erfolgreich absolviert haben; ein Beispiel ist der deutsche Titel des Diplom-Psychologen, der 1941 als ein Ergebnis der Nachfrage nach Psychologen aus der Reichswehrmacht und der gemeinsamen Anstrengungen von Universitätspsychologen und Göring-Institut eingeführt wurde.

Die staatliche Anerkennung von Psychotherapeuten und Psychologen ist aus mehreren immanenten Gründen ein heikles Problem geblieben. Hin­sichtlich der »kleinen« Psychotherapie läßt sich nur schwer angeben, welche exakten Leistungen ein Psychotherapeut oder Psychologe er­bringt, die nicht in wechselndem Maße auch von anderen Berufsgruppen erbracht werden. Die »große« Psychotherapie ist im Vergleich dazu zwar sehr viel spezialisierter, ihre selbständige Durchführung aber ist im großen und ganzen Ärzten vorbehalten, so daß eine überzeugende pro­fessionelle Abgrenzung noch nicht erfolgt ist. Schließlich wird die Aus­arbeitung fester Standards, in deren Rahmen eine einheitliche Theorie formuliert und ein klares Berufsbild entwickelt werden könnte, durch die endemischen Konflikte unter Psychotherapeuten, Psychoanalytikern und Psychologen behindert. Das Dritte Reich brachte keine Lösung die­ser Schwierigkeiten — auch keine handfeste Anerkennung des profes­sionellen Status etwa durch die Einbeziehung von Psychotherapeuten in das staatliche Sozialversicherungswesen. Doch erlangte die Psychothe­rapie unter Hitler durch die amtliche Unterstützung, die das Göring-In­stitut von der Deutschen Arbeitsfront, dem Reichsforschungsrat und an­deren Organisationen erhielt, und durch das Fehlen jeder nennenswer­ten Konkurrenz in Ausbildung und Praxis immerhin einen beachtlichen Grad an faktischer Anerkennung.

Mit der Frage der Anerkennung kehren wir wieder zu der Eigenart des nationalsozialistischen Herrschaftssystems zurück. Die nationalsoziali­stische Mobilisierung der deutschen Gesellschaft wurde im Bereich der Medizin wie auch anderswo durch den Versuch einer zentralen Zusam­menziehung der Fäden in der Reichsregierung herbeigeführt (Ramm, 1943, S. 32-62). Als ein Element in der nationalsozialistischen Kam­pagne zur Förderung der Volksgesundheit — einer Kampagne, die sich die eigenen Bemühungen des Faches um die Verhütung und Heilung der weitverbreiteten Neurose zunutze machte — wurde die Psychotherapie ein offiziell sanktionierter Dienstleistungsberuf in der neuen Gesell­schaft. Soziologisch betrachtet, wurden die akademischen Berufsgrup­pen unter dem Faschismus generell in einer Weise beeinflußt, die ihnen »ein Gepräge aufzwang, das aus der Sicht der modernen westlichen Gesellschaft eine Zwi­schenstellung zwischen öffentlichem Dienst und akademischem Berufsstand einnimmt .. in dem die drei Typen von Gewerbe- und Handelstätigkeit, Berufsstand und öffentlichem Dienst zusammenfließen« (Timasheff, 1940, S. 60).

Die Institutionalisierung dessen, was Timasheff die »solidarische Motivation« zum Unterschied von einer Motivation auf egoistischer oder al­truistischer Grundlage nennt, vollzog sich in der nationalsozialistischen Form einer hochstrukturierten Gesetzlosigkeit. Im Zentrum der Macht hatte Hitlers Unwissenheit und Gleichgültigkeit in Verwaltungsdingen eine fast willkürliche Flut von Befehlen zur Folge, die durch verschiede­ne Personen und Organisationen exekutiert wurden. Ausgehend von dem jugendlichen Künstlertemperament des Führers und seinem politi­schen Gespür für die Taktik des Teilens und Herrschens, lösten die wi­derstreitenden Absichten und Interessen der größeren und kleineren Feudalherren, die das nationalsozialistische Führungskorps bildeten, den bereits dünnen ideologischen Firnis der Bewegung vollends auf. Gleich­schaltung bedeutete häufiger Konformität als Revolution (Broszat, 1969, S. 43 f., 284, 348 f.). Hitler, in seiner Fixierung auf die Ziele der territorialen Expansion und der Judenvernichtung, betrachtete Deutsch­land als ein Geschoß, das zornig abzufeuern, und nicht als ein Institu­tionsgefüge, das sorgfältig aufzubauen war. Diese Kombination von Zwang und Chaos, die aus der gedanklichen und organisatorischen Schwammigkeit des Nationalsozialismus entsprang, machte es möglich, daß die Psychotherapie unter der Protektion des Göring-Instituts in ei­ner Reihe verschiedener Richtungen, zum Wohle des Regimes wie des eigenen Berufsstandes, arbeiten konnte.

Wie die Universität sich auch im Dritten Reich gegen die Entwicklung der Psychotherapie als eigener Berufszweig versperrte, so stand auch die staatliche Medizinalbürokratie dem neuen Fach bestenfalls ambivalent gegenüber. Es ist deshalb ein Irrtum anzunehmen, daß der Staat der Psychotherapie eine relativ vernunftorientierte Zuflucht gewährt hätte, wohingegen die wütenden Fanatiker in der Partei ihre Hauptfeinde ge­wesen wären. Zwar stellten die Parteiradikalen in den frühen Jahren des Naziregimes wirklich eine Bedrohung für jede medizinische Psychologie dar; doch die für Medizin, Gesundheit, Erziehung und Industrie zustän­digen Parteibürokraten waren aus mehreren Gründen für die Idee und Praxis einer gebührend loyalen Psychotherapie durchaus aufgeschlos­sen. Jenseits seiner formellen Oberaufsicht über das Göring-Institut spielte das Reichsinnenministerium in den Angelegenheiten der Psycho­therapeuten kaum eine Rolle. Seine Medizinalabteilung, das offizielle Staatsorgan der etablierten Medizin, trug der medizinischen Psycholo­gie, außerhalb des Bereichs der traditionellen Psychiatrie, organisato­risch keinerlei Rechnung.

In dieser Situation, angesichts parvenühafter Verwirrung auf der einen  und althergebrachter Skepsis auf der anderen Seite, bahnte sich die Psychotherapie ihren professionellen Weg zwischen den Vorurteilen von Partei und Staat. Sie nutzte dabei jene Chance, die ihr die antagonisti­schen Apparate beider boten, konnte sich aber letztlich nur auf den Schutz des herrschaftlichen Namens Göring und auf ihr eigenes Ver­trauen in die Sachkunde ihrer Anhänger stützen. Als nach dem Krieg Ernst Kretschmer wieder den Vorsitz der Allgemeinen Ärztlichen Ge­sellschaft für Psychotherapie übernahm, hatte eine erheblich erweiterte Psychotherapie einen entschiedenen professionellen Aufschwung erfah­ren — auch abgesehen von den großen Aufgaben des Wiederaufbaus, die ihr in dem moralischen und buchstäblichen Trümmerhaufen bevor­standen, den Hitlers Reich und Hitlers Krieg hinterlassen hatten. Um diese Kontinuität der Entwicklung vor Augen zu führen, muß eine Ge­schichte der Psychotherapie unter dem Nationalsozialismus — über den Rahmen hinaus, in dem sich andere Arbeiten über akademische Berufs­gruppen und Disziplinen in jener Ära bewegen — durch eine Untersu­chung ihrer professionellen Stellung in den deutschenSachkriegsstaa­ten ergänzt werden. Trotz einiger spezifischer Reformen der Nazizeit, die direkt oder indirekt die Psychotherapie betrafen, hat die Entwick­lung der Psychotherapie als Profession dem Nationalsozialismus in der Form direkter, systematischer Förderung oder Reform nichts zu verdan­ken. David Schoenbaum (1966) jedoch hat nachgewiesen, wie die Na­tionalsozialisten die deutsche Gesellschaft einfach dadurch verwandelt haben, daß sie den Baum schüttelten. Die Geschichte der Psychotherapie im Dritten Reich zeigt, daß diese Erschütterung auch die Zweige der deutschen Medizin erfaßte.

(Anschrift des Verf.: Prof. Dr. Geoffrey Cocks, Albion College, Dept. of History, Albion, Mich. 49224, U.S.A.)

(Übersetzung: Michael Schröter, Berlin)

Summary

Psychoanalysis, Psychotherapy and National Socialism. — The history of psy­choanalysis in the Third Reich can only be fully understood within the professio­nal context of the history of medical psychology and psychotherapy in Germany and within the political context of the chaotic nature of Nazi governance. Psy­chotherapy in the Third Reich made significant strides toward professional devel­opment and recognition between 1936 and 1945 under the aegis of the so-called Göring Institute.

 

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[i] * Bei der Redaktion eingegangen am 14. 4. 83. Psyche 12/83

[ii] 1 Die Psychoanalyse des Juden Sigmund Freud. Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden, 1933, 1, S. 15 (i. 0. kursiv).

[iii] 2 Bericht über die 1. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heil¬pädagogik. Zeitschrift für Kinderforschung, 1941, 49, S. 4.

[iv] 3 Foreign Office and Ministry of Economic Warfare, »Public Health« (London, Oktober 1944), S. 229-256: G. Wiener Library, London.

[v] 4 Berlin Document Center: Reichsärztekammer.

[vi] 5 Berlin Document Center: Zentralkartei der NSDAP.

 

 

HELMUT DAHMER, FRANKFURT A. M.
Kapitulation vor der »Weltanschauung«.
Zu einem Aufsatz von Carl Müller-Braunschweig aus
dem Herbst 1933*[iii]
»Die Schrift aber, die da geschrieben steht, lautet:
Mene, Mene, Thekel, Upharsin.« Daniel, 5, 25.
(1) Im ersten Heft seiner in Kopenhagen erscheinenden »Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie« (ZPPS) publizierte der aus KPD und DPG gleichermaßen ausgeschlossene, nach Skandinavien emigrierte Wilhelm Reich 1934 einen im Oktober des Vorjahres in dem faschistischen Kampfblatt »Reichswart« erschienenen Artikel des Psychoanalytikers Carl Müller-Braunschweig über »Psychoanalyse und Welt-anschauung«. Als die studentische Protestbewegung Reich in den späten sechziger Jahren für sich wiederentdeckte, wurden unter anderen »Raubdrucken« von Reich-Texten auch die beiden ersten Jahrgänge seiner 1934-39 erschienenen Zeitschrift nachgedruckt. Auf diese Weise wurde der für das Verständnis der Geschichte der Psychoanalyse vor und unter Hitler wichtige Aufsatz, der sonst vielleicht nur Faschismus-Experten bekannt geworden wäre, abermals publik. Die Redaktion der ZPPS hatte seinerzeit (ZPPS, I, 1934, S. 74) ihre Absicht angekündigt, den Artikel in einem der nächsten Hefte zu kommentieren. Dazu kam es nicht. Nur in einer Vorbemerkung zum Abdruck eines 1932 verfaßten Aufsatzes von Reich — »Ein Widerspruch der Freudschen Verdrängungslehre« — kam man noch einmal auf den »Reichswart«-Artikel zurück:
»Die >Zeitschrift …< druckte im ersten Heft einen Artikel des Vorstandsmitglieds der deutschen psychoanalytischen Zweigvereinigung, Dr. Carl Müller, Braunschweig, ab, in dem die Gleichschaltung der psychoanalytischen Theorie der Neurosen mit der Hitlerschen Weltanschauung vollzogen wurde. Die Verbrennung der Bücher Freuds im >dritten Reich< hatte dem genannten Vorstandsmitglied die Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus offenbar nicht klar genug demonstriert« (ZPPS, I, H. 2, S. 115).
Auch als Reich sich dann im II. Jahrgang seiner Zeitschrift mit der »Funktion der >objektiven Wertwelt«< ([1932] 1935), also dem ideologischen Zentralproblem der Arbeit von Müller-Braunschweig, auseinandersetzte, kam er auf den im 1. Heft seiner Zeitschrift reproduzierten Text nicht mehr zurück.
(2) Auf dem Traditionsweg, der von Freud zur heutigen Psychoanalyse (als Lehre und Institution) führt, hat sich der kulturrevolutionäre Gehalt seiner Psychologie des Unbewußten verflüchtigt. Das aufkeimende Unbehagen daran (vgl. Lohmann, Hg., 1983) hat die hat die Aufmerksamkeit auf die kritischen Phasen der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung gelenkt. Wird die gegenwärtige Verfassung der Psychoanalyse als defizient (defizitär, ungenügend entwickelt, schwächlich Anm. JSB) empfunden, so kann nur die Rekonstruktion ihrer (Fehl-)Entwicklung, die Herausarbeitung der möglichen, aber abgewehrten und ausgegrenzten Alternativen, die Selbstvergewisserung über »Fehler« dazu verhelfen, das Original der Sache, die radikale psychoanalytische Aufklärung wiederzufinden und in der Gegenwart zu bewähren. Wenn es richtig ist, daß der Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland »nicht nur die deutsche Arbeiterbewegung als revolutionäre ausgelöscht (hat), sondern ebenso die psychoanalytische Bewegung als eine Agentur der Kulturrevolution« — daß der Schock der Vertreibung der Mehrheit der Psychoanalytiker aus Deutschland und Österreich »die Marginalisierung und Verödung der beiden miteinander kommunizierenden, Faszination und Skandal der Psychoanalyse begründenden Kraftzentren der Freudschen Theorie . . ., der Lehre von den Trieben und der von der Kultur« nach sich zog, die »eingeschüchterte Psychoanalyse« also nur »entsub-stantialisiert« überlebte (Dahmer, 1983, S. 28 und 30), dann erscheint der fünfzig Jahre alte Text von Müller-Braunschweig nicht nur als schwer begreiflicher Mißgriff eines sonst verdienten Mannes, nicht nur als skandalöse Kuriosität, sondern als lehrreiches Symptom einer fatalen Entwicklung. »Psychoanalyse und Weltanschauung« präsentiert zum einen die Reduktion der psychoanalytischen Aufklärung auf Psychotherapie unter dem politisch-ideologischen Druck der »völkischen« Gegenaufklärung, zum andern die Identifikation einer derart halbierten Psychoanalyse mit dem Angreifer, die manische Selbstverleugnung um des »Überlebens« willen. Die Stillstellung des kritischen Denkens, die Etablierung von Exklaven der Aufklärung, die Respektierung gesellschaftlicher Sprachregelungen, das Tolerieren von Illusionen, deren Verbreitung im Interesse mächtiger gesellschaftlicher Gruppen liegt und an denen vielleicht auch ohnmächtige Mehrheiten zähe festhalten, ist allemal ein Rückfall hinter ein mögliches Niveau von Einsicht, eine konformistische Kapitulation. Noch Siegfried Bernfeld schrieb (1922, S. 235) im Geist der unerschrockenen Freud und Ferenczi:
»Man wird weder der Psychoanalyse noch der Reaktion der zeitgenössischen Wissenschaften auf sie gerecht, wenn man die(se) der Freudschen Psychoanalyse eigene Tendenz: erst an der Grenze ihrer Denkmittel, nicht aber bereits an der Grenze heute gültiger wissenschaftlicher Konventionen halt zu machen, übersieht.«

Das aber war bereits eine Minderheitsposition. In den Schriften der Generation von Freud-Schülern, der Müller-Braunschweig angehörte, überwog schon das Bedürfnis nach Beschränkung der neuen, psychogenetischen Kritik, sei es, daß man der Psychoanalyse (d. h. sich selbst) das Recht absprach, nach der Herkunft sogenannter »geltender Werte« und nach den Folgen ihres »Geltens« zu fragen, sei es, daß die Psychoanalyse in geschichtlich-gesellschaftlichen Fragen überhaupt für inkompetent erklärt wurde.
(3) Die Geschichte der Philosophie im Deutschland des 19. Jahrhunderts zeigt charakteristische Brüche und Reprisen, die als Reaktionsbildungen auf die gesellschaftliche Entwicklung, als ideologische Verarbeitung der politischen Geschichte der Bourgeoisie verstanden werden können. Nach dem Verfall der großen geschichts- und naturphilosophischen Systeme kam es zu einem resignativen Rückgriff auf Kants Erkenntnis-und Metaphysik-Kritik. Die Philosophie beschränkte sich nunmehr darauf, zunächst die Forschungslogik der so überaus erfolgreichen, »generalisierenden« Naturwissenschaften, sodann diejenige der »individualisierenden« Geistes- (bzw. »Kultur«-)Wissenschaften zu explizieren. Der erklärbaren Welt der Gegenstände der Wahrnehmung stand die verstehbare der Kulturobjektivationen gegenüber. Die pseudonatürliche Welt der ökonomisch bestimmten Sozialgeschichte hingegen, die ebenso menschgemacht wie schicksalhaft, ebenso unverständlich wie erklärungsbedürftig ist und deren Erhellung zwei Jahrhunderte lang die Arbeit der europäischen Geschichtstheoretiker und Sozialökonomen gegolten hatte, lag außerhalb des Horizonts der Philosophen, die zwischen 1870 und 1918 die Weltanschauung der deutschen Intelligentsia formulierten. Flankiert von Positivismus und Lebensphilosophie bildete der Neukantianismus in den Jahrzehnten, die Bismarcks kriegerischer Reichsgründung »von oben« folgten, die Ideologie der deutschen »Mandarine« (Ringer, 1969) an den Hochschulen und in der staatlichen Bürokratie. Sie schlug ihre Adepten mit Blindheit in gesellschaftlichen Fragen. War »der Weltdualismus einer realen, wahrnehmbaren Sinnenwelt einerseits«, »einer irrealen, verstehbaren Welt in ihrer Wertbestimmtheit andrerseits durchgeführt«, eine diesen sensiblen und intelligiblen Welten vorgelagerte Sphäre der »Freiheit des Stellungnehmens zu Werten« anerkannt, schließlich die alles überwölbende »Einheit der Wertrealität« zum Weltgrund umgedeutet (vgl. Rickert, 1932, S. 177 ff.), so war eine Mandarin-Ontologie vollendet, die als »Weltanschauungslehre« für die Praxis belanglos blieb. Die politischen Optionen neukantianischer Philosophen variierten demzufolge schon 1914 von der Kriegsbegeisterung

Natorps bis hin zur Kriegsgegnerschaft Nelsons; unter ihnen waren ethisch hochgemute Sozialisten (wie Cohen) ebenso wie Missionare der »deutschen Sendung«. 1933 wurden führende jüdische Vertreter des Neukantianismus (Cassirer, Cohn, Marck, Hönigswald) von den Nazis vertrieben, während einige nicht-jüdische (Rickert, Bauch) ins »völkische« Lager übergingen. Wo neben der »Natur« statt der gesellschaftli-chen Wirklichkeit nur die »Wertwelt«, ihr farbiger Abglanz, als eine des Philosophierens würdige Sphäre gilt, muß als ein Schicksal hingenommen werden, wenn die politische »Füllung« der Leerformeln der Wertphilosophie (wie 1914 und 1933 geschehen) überraschend von einem theoretisch nicht faßlichen »Außen« her erfolgt. Wer dem Kult der »Werte« frönt, kann unsanft erwachen, wenn im Kampf der Klassen und Parteien, von dem er sich fernhält, Gruppen obsiegen, auf deren Programm eine »Umwertung der Werte«, z. B. die Aufwertung von »Unwerten« steht.
Die bedeutendsten Leistungen der Neukantianer lagen auf dem Gebiet der Philosophie-Geschichtsschreibung; rekonstruktiv waren sie oft pro-gressiv (Lange, Windelband, Kroner, Cassirer). Auf »weltanschaulichem« Terrain aber arbeiteten sie in restaurativer Absicht. Ihre Mission war die Rettung der die Lebenspraxis leitenden und überhöhenden »Ideale« vor der fortschreitenden Aufklärung, vor der »Entzauberung der Welt« (M. Weber). R. H. Lotze, der Lehrer Windelbands, hatte um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts den »Wert«-Begriff aus der Ökonomie in die Philosophie übertragen. Die klassische Ökonomie lehrte, daß der relative Wert von Waren, wie er beim Tausch sich geltend macht, nicht auf subjektiven Wertschätzungen beruht, sondern auf den in den Waren vergegenständlichten Quanten gesellschaftlich zu ihrer Erzeugung nötiger Arbeitszeit. Was als Qualität der Dinge erscheint, ist demnach die auf sie verwandte menschliche Arbeit. Wie die zeitgenössische Soziologie Emile Durkheims suchte die neukantianische Wertphilosophie durch Hypostasierung allgemeiner, klassenneutraler Normen und Ideale der Artikulierung und dem Austrag von Sonder- und Mehrheits-Interessen entgegenzuwirken. Dabei wurden die Normen und Ideale von der Lebenspraxis der Gruppen, der sie entstammen und die sie illuminieren, losgelöst. In ihrer Residualeigenschaft, einmal etwas gewesen zu sein, woran Menschen glaubten, woran sie sich hielten, wurden sie dann einem imaginären Museum einverleibt, dessen Kustoden ihnen, gleichviel, ob jene »Werte« noch im Schwange oder längst vergessen waren, allzeit mit Pietät und Devotion begegneten. Im Gefolge der (von Hume inaugurierten) radikalen Scheidung der Normen von den Fakten promovierten die Tatsachen zu Normen, während die Geltung der Werte immer schon als Faktum erschien. Der akademische Kult mit Werten, die zu nichts verpflichteten, diente den Intellektuellen in ruhigen Zeiten als Ersatzreligion. Für Fragen, auf die die Wissenschaft keine Antwort gab, waren die Wertphilosophen im Pantheon zuständig. Aus den Fenstern ihres Tempels fiel auf Staat und Sozietät ein versöhnlicher Glanz; und die Wertfetischisten selbst waren der Parteinahme in den Auseinandersetzungen ihrer Zeit entrückt.
(4) Im ausgehenden 19. Jahrhundert griff Freud — »am Seelenende dieser Welt« (1887-1902, S. 194) — jenes Zentralproblem der Lebens-und Kulturgeschichte wieder auf, an dem sich schon die Philosophie der Zeitgenossen der französischen Revolution entzündet hatte: In be-wußtloser Praxis, mit »falschem Bewußtsein« bereiten sich die vergesellschafteten Autoren der Lebens- und Sozialgeschichte ihr Schicksal — das der Wiederholung des Immergleichen. Und eben darum ist die Geschichte »nicht der Boden für das Glück« (Hegel), viel eher eine Mordgeschichte (Freud). Die von ihm erneuerte kritische Theorie und Praxis, die der Abschaffung dieses defizienten Modus der Individual- und Gat-tungsgeschichte gilt, nannte Freud kurzerhand »Wissenschaft«. Seither wird sie immer wieder mit traditioneller Theorie (und mit der an ihr orientierten Technik) verwechselt. Doch zielt die Psychoanalyse nicht auf psychotechnische Nutzung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten des Seelenlebens, sondern auf die Brechung von Wiederholungszwängen, aus denen solche Gesetzmäßigkeiten resultieren.
»Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen Geistes gegen die religiöse Weltanschauung nicht zu Ende gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter unseren Augen ab … Die erste Einwendung, die man hört, lautet, … die Wissenschaft ist zur Beurteilung der Religion nicht zuständig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, solange sie sich auf ihr Gebiet beschränkt, aber die Religion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen … Die Religion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das Höchste, Wertvollste, Erhabenste ist, was der menschliche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Gefühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträglich und das Leben lebenswürdig macht … Darauf braucht man nicht zu antworten, indem man die Einschätzung der Religion bestreitet, sondern indem man die Aufmerksamkeit auf einen anderen Sachverhalt richtet. Man betont, daß es sich gar nicht um einen Übergriff des wissenschaftlichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, sondern um einen Übergriff der Religion auf die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was immer Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des Denkens auszunehmen … Eine auf die Wissenschaft aufgebaute Weltanschauung hat außer der Betonung der realen Außenwelt wesentlich negative Züge, wie die Bescheidung zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen« (Freud, 1933, S. 182 ff. und S. 197).
Freuds »Religions«-Kritik galt den »Neurosen« genannten Privatreligionen ebenso wie den kollektiven; sie destruiert die Intellektuellenreligion
der »Wertphilosophie« und die politischen Religionen unseres Jahrhunderts. Die freudianischen Intellektuellen aber, selbst Teil des »Literaturstandes« der wilhelminischen Ära, adaptierten die heterodoxe Freudsche Aufklärung sogleich der herrschenden „Mandarin“-Ideologie. Um der wissenschaftlichen Reputation willen wurde Freuds kritische Theorie in das Korsett einer Science gepreßt; im Talar der Universitätsphilosophie ihrer Tage sollte sie Karriere machen. Das gelang freilich, soweit es überhaupt gelang, erst im Exil. Doch hat der Neukantianismus sich in Gestalt der Lehre von der (»konfliktfreien«) Autonomie der Ich-Instanz und ihrer Funktionen inmitten der Metapsychologie ein Monument errichtet. Die repräsentativste und (über die späteren Veröffentlichungen ihres Autors) einflußreichste Darstellung einer neukantianisch geläuterten Psychoanalyse war das (1927 erschienene) Buch von Heinz Hartmann: »Die Grundlagen der Psychoanalyse«. An Rickert und Max Weber orientiert, war das L Kapitel der »Psychoanalyse als Naturwissenschaft«, das II. dem Verhältnis von »Psychoanalyse und Geisteswissenschaften« gewidmet. Das Schlußkapitel, »Wertungsprobleme« überschrieben, zeigt exemplarisch, wie der psychoanalytischen Illusionskritik, für die hier Nietzsche einstehen muß, die Spitze abgebrochen wird. Es heißt da, in den Bedenken gegenüber der Psychoanalyse komme »die Angst vor einer Entgottung oder Entgeistigung der Welt« zum Ausdruck, »oder vielleicht richtiger: ein Glaube, daß Werte entwertet würden, wenn die seelischen Zustände, in denen sie verwirklicht sind, genetisch auf wertniedrige Regungen zurückgeführt werden könnten. Wir werden nicht zweifeln, daß es mächtige seelische Kräfte sind, die sich hinter diesem Einwand verbergen, Kräfte, die eine Jahrtausende alte, kulturbildende Geschichte hinter sich haben, und denen wir unsere Achtung nicht versagen dürfen« (romantische Liebe = wollen ficken? Anm. JSB) (Hartmann, 1927, S. 235; von mir hervorgehoben, H. D.). »Der Nachweis unbewußter und triebbedingter Stellungnahmen im Erkenntnisprozeß … darf niemals als polemisches Argument zur Widerlegung wissenschaftlicher Gegner Anwendung finden. Schon deshalb nicht, weil eine >psychologisierende< Argumentation praktisch zu einer Unmöglichkeit, zum Versinken in Abgründe des Subjektivismus führen müßte .. .« (ebd., S. 239; von mir kursiviert, H. D.). »Jeder Versuch, mit analytischen Mitteln in die Sphäre der Geltungen vorzudringen«, sei ein »verbotener Weg« (S. 257). Warum? Hartmann antwortet mit Max Weber: »Fachwissenschaft ist Technik, lehrt technische Mittel; wo aber um Werte gestritten wird, da wird das Problem in eine ganz andere, jeder >Wissenschaft< entzogene Ebene des Geistes projiziert; präziser: eine gänzlich heterogene Fragestellung vorgenommen. Keine Fachwissenschaft … gibt >Weltanschauung<« (a. a. 0., S. 252). »Werte sind an sich nichts Reales, ihnen kommt nicht Wirklichkeit zu, sondern Geltung; sie können sich aber in realen Vorgängen >verwirklichen< . an realen Vorgängen >haften< … Die Objektivität wertender und wertbeziehender Wissenschaften ist letzten Endes nur zu begründen, wenn man die objektive Geltung bestimmter Wertordnungen voraussetzt… Psychoanalyse ist nur als rein empirische Naturwissenschaft zu begründen… Zur Frage nach der objektiven Geltung der Werte, deren psychologische Realisierung sie nach ihrer Entstehung und in ihrem dynamischen Wechselspiel untersucht, kann sie nicht Stellung nehmen« (a. a. 0., S. 242 f.; von mir unterstrichen, H. D.).
Hartmanns Argumentation zielte darauf ab, die Psychoanalyse vermöge »reinlicher Scheidung zwischen Tatsachenfeststellungen und Werturteil« (S. 242) aus dem Kampf der Interessen und »Weltanschauungen« herauszuhalten, ihr ein neutrales Refugium zu sichern, von dessen Existenz alle Klassen und Parteien profitieren könnten, sofern sie die wissenschaftliche Serviceleistung rationeller Mittel-Kalkulation zur Realisierung der von ihnen verfolgten Zwecke in Anspruch nähmen. Sechs Jahre später gab es dann plötzlich nur noch einen Weltanschauungskunden, und der drohte, den Wissenschaftsladen überhaupt zu schließen, wenn er künftig nicht ausschließlich im Wertrealisierungsdienst der einen, siegreichen Weltanschauung arbeite, unter neuem Management, mit »arisiertem« Personal und mit den Reklameslogans des »Dritten Reiches«.
(5) Als die ökonomisch herrschende Klasse, politisch vertreten durch den Reichspräsidenten und die bürgerlichen Parteien, 1933 der massenfeindlichen NS-Massenbewegung den Weg zur Macht freigab und die millionenstarke Zwischenklassenbewegung sogleich die Arbeiterorganisationen, die dem Kampf ausgewichen waren, unter sich begrub, da waren die „Mandarine“, soweit sie nicht der Minorität angehörten, die —Marxisten, Sozialisten, Anarchisten, dezidiert-republikanische Gegner der Faschisten oder »Kulturbolschewisten« — ihr Heil in der Flucht oder im »Untergrund« suchte, ahnungslos, was ihnen und den Millionen von Enttäuschten und Begeisterten bevorstand. Sie lebten im Reservat der durch institutionelle Gewalt nach unten und außen abgeschirmten, selbst der Gewalt entzogenen, großstädtischen Intellektuellenkultur, deren Vernichtung zu den erklärten Zielen der neuen Herren gehörte. Der privilegierte Status einer sozialen Schicht, die sich sozialen Kämpfen jahrzehntelang hatte entziehen können, der es leicht fiel, von den Schattenseiten der bürgerlichen Ordnung abzusehen, weil sie weder das alltägliche Arbeitsleid der Mehrheit erfuhr, noch die Repression, die die rebellierende Minderheit traf, war nun plötzlich zur Disposition gestellt. Wollten die „Mandarine“ nicht den Dienst quittieren, mußten sie mit den braunen Wölfen heulen. Die psychoanalytischen Intellektuellen wurden — trotz Freuds Einsicht in den prekären Status der Gegenwartskultur, trotz der Erfahrung des 1. Weltkriegs und der sozialen Kämpfe, die ihm folgten, trotz Massenpsychologie und Illusionskritik — von »den Ereig-nissen« ebenso überrascht wie andere. Hören wir das Zeugnis des 1899 geborenen Werner W. Kemper, der 1928 in Berlin bei Müller-Braunschweig mit seiner Lehranalyse begann, seit 1934 am dortigen Psychoanalytischen Institut lehrte und 1943, nach der Verhaftung und Hinrich-

tung John Rittmeisters, die Leitung der Poliklinik in dem zum »Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie« (»Göring-Institut«) umgewidmeten Hause übernahm:
»Jene neue Welt der beruflich und privat bis zum Bersten ausgefüllten ersten Berliner Jahre« (eben der Krisenjahre der Weimarer Republik mit der Massenarbeitslosigkeit, den Präsidialdiktaturen, den Wahlsiegen der Nazis und den Straßenschlachten) »nahm(en) mich und uns alle — einschließlich der jüdischen Kollegen — derart gefangen« (hier spricht Kemper für die Mehrheit, ignoriert aber die politisch wache Minorität, eben die Ferenczi, Bernfeld, Simmel, Reich und Fenichel …), »daß wir darüber bis noch weit in die dreißiger Jahre hinein den warnenden Signalcharakter gewisser sich häufender Ereignisse >draußen< in dem uns fernliegenden >großen Weltgeschehen< kaum wahrnahmen. Bis wir dann — innerlich und äußerlich unvorbereitet — von den Geschehnissen überrollt wurden. — Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, und wir haben in ihnen ungefragt und unfreiwillig einen Anschauungsunterricht über einfach nicht für möglich gehaltene Formen der Macht- und Gewaltpolitik von Diktatur erhalten, (so) daß uns heute die anfängliche Ahnungslosigkeit schwer verständlich erscheint. Mangel an staatsbürgerlicher Erziehung und Einsicht? Naivität? Bequemer Zweckoptimismus? Skotomisierung? Mithin unbewußte Abwehr dagegen, mögliche Entwicklungsverläufe vorauszusehen, die, hätten wir sie erfaßt, unsere eben erblühten beruflichen und sonstigen Wünsche und Erwartungen zerstört haben würden? Daß solche Blindheit nicht nur bei den wenigen von uns, die nicht unmittelbar bedroht waren, bestand, sondern über Jahre fast ebenso bei manchen unserer jüdischen Kollegen, zeigt, wie wenig wir alle damals überhaupt erfaßt haben, wohin der Kurs in den nächsten zehn Jahren gehen könnte. Dabei hatten bereits im November 1933 die jüdischen Mitglieder unserer Gesellschaft die Ämter und Funktionen (Vorstand, Lehrtätigkeit usw.) aufgeben müssen. Ein böser Alptraum — so glaubten wir. Und so was geht ja bekanntlich bald vorüber …« (Kemper, 1973, S. 272 f.).1[iii]
Schon in den letzten Jahren vor dem Hitlersieg hatte eine Reihe von (überwiegend jüdischen) Psychoanalytikern Deutschland verlassen. Von den in den Jahren 1932/33 56 DPG-Mitgliedern waren 1935 mehr als die Hälfte emigriert. Am 10. Mai 1933 verbrannten Nazi-Studenten im Rahmen einer reichsweiten Aktion »Wider den undeutschen Geist« Schriften mißliebiger Autoren, darunter solche Freuds, seiner Schüler und auch die Zeitschrift »Imago«. Parteigrößen und von der »nationalen Erhebung« ergriffene Professoren, diensteifrige Rechtsintellektuelle, die ihre Stunde gekommen sahen, begleiteten die symbolische Ketzerverbrennung (allein in Berlin gingen 20 000 Bände in Flammen auf) mit

markigen Feuersprüchen. Die kulturelle Konterrevolution hatte begonnen.2[iii] Laufe des Jahres erschienen eine Vielzahl von Artikeln und Pamphleten gegen die jüdische, »zersetzende« Psychoanalyse. Alle ihre alten Gegner wußten nun die Staatsmacht hinter sich, neue nutzten die Chance, sich zu profilieren. Der »Börsenverein für den deutschen Buchhandel« und der »Kampfbund für deutsche Kultur« boykottierten u. a. die Publikationen des Internationalen Psychoanalytischen Verlags (in Leipzig). Gerüchte über bevorstehende Maßnahmen und Attacken gegen das Psychoanalytische Institut in Berlin zirkulierten. Die verbliebenen deutschen Psychoanalytiker bangten um den Bestand von Institut und Organisation, um die staatliche Anerkennung von Ausbildung und Therapie. Im November wurden die jüdischen Vorstandsmitglieder der DPG — Eitingon, Simmel und Fenichel — durch Felix Boehm und Carl Müller-Braunschweig ersetzt, um den Nazis, die in den Leitungen wissenschaftlicher Vereinigung keine jüdischen Mitglieder sehen wollten, keinen Vorwand zu liefern, die DPG überhaupt zu verbieten. Boehm und Müller-Braunschweig glaubten, durch geschickte Kompromisse, durch Verhandlungen und durch Kooperation mit Instanzen des neuen Regimes die psychoanalytischen Institutionen auch unter der terroristi-schen Volksgemeinschaftsdiktatur bewahren und also die Psychoanalyse

»retten« zu können.3[iii] Die kompromittierende Kompromißideologie dieses (gescheiterten) Rettungsversuchs dokumentiert Müller-Braun-schweigs im Oktober 1933 veröffentlichter »Reichswart«-Artikel. Müller-Braunschweig (1881-1958) war als Philosoph Schüler von Alois Riehl4[iii] ; auch von Cohn, Rickert und anderen Neukantianern hatte er gelernt. 1909 lernte er die Psychoanalyse kennen und verzichtete ihr zuliebe auf eine akademische Karriere als Philosoph. 1913 promovierte er mit einer schon in den Jahren 1906/07 verfaßten Abhandlung über »Die Methode einer reinen Ethik . .« Ausgebildet von Karl Abraham, war er seit 1923 Dozent an dem im Jahre 1920 von Max Eitingon gestifteten Berliner Psychoanalytischen Institut, dem wichtigsten klinischen und Ausbildungszentrum der damaligen Psychoanalyse. Das Verzeichnis seiner psychoanalytischen Veröffentlichungen (Grinstein, 1958, III, S. 1423-1427; VII, S. 3794) umfaßt ein halbes Hundert Aufsätze, darunter Beiträge zu Problemen der Ethik, des Gottesglaubens, der Religion und der Seelsorge, des Gewissens, der Schuldgefühle, aber auch zu Angst und Desexualisierung, Traumsymbolik und Ausbildungsfragen. (Unter seinen späteren Veröffentlichungen sticht seine Kritik an der »Neo-Analyse« Schultz-Henckes von 1949 hervor; im folgenden Jahr, 1950, trennte er sich mit seinen Anhängern von der Mehrheit der DPG und bildete die DPV, die dann auch von der Psychoanalytischen Inter-nationale anerkannt wurde.)
Das Scheitern des Versuchs, die Psychoanalyse unter faschistischem Regime als Institution zu bewahren, war durch die Ausgangskonstellation vorgegeben.
Erwünscht war in gewissen Kreisen des neuen Regimes eine »Deutsche Psychotherapie«. Eine personell »arisierte« und »weltanschaulich« neutralisierte Psychoanalyse, reduziert auf den Status einer

Psychotherapie unter anderen (vielleicht einer besonders interessanten), konnte durchaus noch eine Zeitlang toleriert werden. Im September 1933 wurde (als Nachfolgeorganisation der 1926 ins Leben gerufenen »Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie«) eine »Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie« gegründet, die nationale Untergruppe eines internationalen Dachverbandes, dessen Vorsitzender C. G. Jung wurde. Die deutsche Sektion wurde von M. H. Göring geleitet, einem Wuppertaler Neurologen und Vetter des Gründers der Gestapo und späteren »Reichsmarschalls«, Hermann Göring. Unter M. H. Görings Ägide und Patronat vollzogen sich die Eingliederung der Psychoanalyse in die »Deutsche Psychotherapie« und ihre Marginalisierung. Die verbliebenen jüdischen Psychoanalytiker mußten 1935 aus der DPG ausscheiden. Im Jahr darauf ging das Berliner Psychoanalytische Institut in einem »Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie e. V.« auf. Die Psychoanalytiker teilten nun ihre Räume und die Bibliothek mit den anderen therapeutischen Schulen. Im gleichen Jahr wurde der Austritt der DPG aus der IPV erzwungen. Der psychoanalytische Verlag in Leipzig wurde beschlagnahmt. 1938 versuchte Müller-Braunschweig, nach dem sogenannten »Anschluß« Österreichs, die Hinterlassenschaft der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ebenfalls dem »Göring-Institut« anzugliedern und so zu »retten«. Wegen eines der Gestapo in die Hände gefallenen Briefes an Anna Freud fiel er dann aber selbst in Ungnade und erhielt ein Lehr-und Publikationsverbot. Das Jahr 1938 brachte auch ein perfektioniertes Verbot psychoanalytischer Literatur und die Auflösung der DPG, deren Mitglieder freilich im Rahmen des Instituts als »Arbeitsgruppe A« ihre Tätigkeit fortsetzen konnten. Nach der Verhaftung und Hinrichtung (1942/43) des Leiters der Klinischen Abteilung, John Rittmeister, der mit der Widerstandsgruppe »Rote Kapelle« zusammengearbeitet hatte, führten die Psychoanalytiker am Institut nurmehr ein »Katakombendasein« (Kemper). Sie hielten »Referatenabende für Kasuistik und Therapie« ab; Freuds Name durfte seit langem in Veröffentlichungen nicht mehr erwähnt werden, seine Schriften wurden im »Göring-Institut« sekretiert; Freudsche Termini wie »Ödipus-Komplex« waren verpönt und mußten in Diskussionen umschrieben werden. Im umkämpften Berlin erhielt Institutsleiter Göring, der in (für ihn) besseren Tagen meinte, »das Wichtigste« sei, »daß jeder bestrebt ist, seine Gedanken dem nationalsozialistischen Staat dienstbar zu machen«, und »daß kein Mensch Wert an sich hat, daß vielmehr der Wert des Menschen in seinen Leistungen für die Gemeinschaft liegt« (Göring, Hg., 1934, S. 16 und 15), den ehrenvollen Auftrag, »die Gegend unseres Institutes gegen die vorrückenden Russen bis zum Letzten zu verteidigen« (Kemper, 1973, S. 287). Wenige Tage vor Kriegsende aber wurde das Institut selbst von Bomben getroffen und ging (samt Bibliothek und Archiv) in Flammen auf. Die Rettungsmission Müller-Braunschweigs und Boehms war nur insoweit nicht gescheitert, als bis gegen Kriegsende im »Göring-Institut« noch psychoanalytische Fragen in Tarnsprache erörtert, junge Psychotherapeuten auch mit psychoanalytischen Praktiken bekanntgemacht und bedürftige Patienten analysiert werden konnten. Das alles hätte freilich auch ein privater Kreis von freiberuflich tätigen Ärzten, Psychologen und »Laien« leisten können, ohne die vielen kläglichen Kompromisse für den Erhalt des prekären staatlichen Schutzdachs des »Göring-Instituts« bringen zu müssen. (Die Psychotherapie aber hätte ihren Aufstieg zu Professionalisierung und Institutionalisierung im »Dritten Reich« ohne die »Katakomben-Psychoanalyse« wohl noch unbeschwerter zuwege gebracht.)
(6) Für Boehm und Müller-Braunschweig stand 1933 die Rettung der Psychoanalyse als Institution im Vordergrund. Daß für eine therapeutisch tätige, internationale Gruppe atheistisch-materialistischer Aufklärer die selbstgeschaffenen Institutionen kein Selbstzweck sind, ihr Erhalt kein »oberster Wert«, haben sie nicht gesehen. Daß die Vertreter der »Psychoanalyse« geheißenen befreienden Kritik an privaten und kollektiven Illusionen mit einem rassistischen Führerstaat nicht friedlich koexistieren können, sondern ihn bekämpfen (zumindest sich seiner Kontrolle entziehen) müssen, so wie auch er sie bekämpfen muß, das haben auf seiten der Psychoanalyse nur sehr, sehr wenige (wie John Rittmeister) verstanden. Ernest Jones hatte die institutionell orientierte Politik der DPG-Leitung, wohl um für seine groß angelegte Rettungsaktion für gefährdete Psychoanalytiker5[iii] Zeit zu gewinnen, gebilligt; Freud selbst hatte sie, obschon grollend, toleriert.6[iii]

Daß ausgerechnet ein Fachmann für ethische Fragen wie Müller-Braunschweig die Dialektik von Mitteln und Zwecken, derzufolge. zur Realisierung bestimmter Ziele nicht beliebige Mittel einsetzbar sind, bestimmte Ziele vielmehr bestimmte Mittel ausschließen (weil Mittel nicht zielneutral sind, sondern selbst Zielvariationen vorgeben), übersah, entbehrt nicht einer traurigen Ironie. Nur wer in bezug auf den politischen Gegner, den faschistischen Staat (seine Organe und Parteigänger) ahnungslos war und zudem den wissenschaftlichen und politischen Status der Psychoanalyse in verhängnisvoller Weise verkannte, konnte auf die Idee kommen, Freuds »zersetzende, jüdische Wissenschaft« (NS-Jargon) werde in einem von Parteigenossen geleiteten Staatsinstitut in der Reichshauptstadt am besten aufgehoben sein und dort die »tausend Jahre« des »Dritten Reiches« überdauern können.
Müller-Braunschweigs Artikel vom Herbst 1933 diente der ideologischen Vorbereitung und Absicherung des ihm vorschwebenden Überlebenskompromisses der Restgruppe der deutschen Psychoanalytiker mit dem Hitler-Staat. Der Text dokumentiert einen bis zur Selbstaufgabe vorgetriebenen Anpassungsversuch. Vor den staunenden Auges des irritierten Lesers von heute erhebt sich aus den vergilbten Seiten der alten Nazi-Zeitschrift die Schimäre einer >braunen Psychoanalyse<.
Der »Reichswart«, der 1933 im 14. Jahrgang erschien und im Untertitel als »Nationalsozialistische Wochenschrift und Organ des Bundes Völkischer Europäer / Organe de L’Alliance Raciste Europeenne« firmierte, war die großformatige, meist 4 Seiten umfassende Wochenzeitung des Grafen Ernst zu Reventlow (1869-1943). Der ist, 40 Jahre nach seinem Tode, längst vergessen; die Lexika führen nurmehr seine Schwester Franziska, deren Romane aus der Münchner Boheme (»Herrn Dames Aufzeichnungen«, 1913) noch immer gelesen werden. Der Graf war zunächst Marineoffizier, dann politischer Schriftsteller; vor dem 1. Weltkrieg stand er dem Alldeutschen Verband nahe, nachher gehörte er zur Deutschvölkischen Bewegung. Als die KPD im Sommer 1923, im Zeichen von Ruhrbesetzung und Inflation, einen Volkskrieg gegen Frankreich propagierte und die Völkischen umwarb (Karl Radeks nationalbol-schewistischer »Schlageter-Kurs«), um der deutschen Revolution wie der sowjetischen Außenpolitik Auftrieb zu geben (Schüddekopf, 1960, Kap. 15; H. Weber, 1961, S. 27 f.; Flechtheim, 1969, S. 177 ff.), erschienen Aufsätze Reventlows sogar in der »Roten Fahne«. Seit 1924 war er Reichstagsabgeordneter, 1927 wurde er Mitglied der NSDAP. Nun vertrat er vor allem die Ideologie eines »deutschen Sozialismus« (mit scharfer Wendung gegen Bourgeoisie und großes Kapital), die Phantasie von der »Vernichtung« der Klassen im Rahmen einer »deutschen Volksgenossenschaft« und den Hitler-Kult (vgl. sein Buch »Nationaler Sozialismus im neuen Deutschland«, 1932/33). 1933-36 war er führend in der sogenannten »Deutschen Glaubensbewegung« tätig und blieb bis zu seinem Tode ein in Parteikreisen hoch geschätzter Publizist (»Von Potsdam nach Doorn«, 1940). Ein Blick auf die Jahrgänge 1932/33 des »Reichswart« zeigt, in welch sinistrer Arena die kollaborationsbereite Psychoanalyse ihr Debüt gab. Reventlow und Mitarbeiter schrieben unentwegt gegen Aufklärung, Liberalismus, Intellektualismus, Dialektik und Judentum, propagierten die Wirtschaftsautarkie und die »Gesamtvolksgenossenschaft«. Seit dem 6. 8. 1932 war die Titelseite mit einem Hakenkreuz geschmückt; im September wurde der »Reichswart« sogar für kurze Zeit verboten. Leitartikel einzelner Ausgaben sprechen eine deutliche Sprache: »Wir sind Arbeiterpartei« (12. 11. 1932); »KPD verschwinden lassen« (29. 1. 1933); »Nur durch Vernichtung des Kapitalismus: Sieg über den Marxismus!« (26. 2. 1933). Von Zeit zu Zeit nahm der »Reichswart« auch zu kulturellen Fragen Stellung: »Einige Bemerkungen zu Richard Wagner« (16. 4. 1933); »Baukunst und Rasse« (30. 4. 1933); »Kant und seine Ausleger« (28. 5. 1933); »Adolf Hitler über Kunstfragen« (27. 8. 1933); »Religion und Rasse« (15. 10. 1933). Zur »Judenfrage« hieß es am 12. 11. 1933 unter der Überschrift »Niemand will sie«
»Wir Deutschen sehen unsere Aufgabe darin, das jüdische Element aus unserem Vaterlande auszumerzen, nicht für die Welt zu sorgen. Diese Ausmerzung wird ihren folgerichtigen Fortgang nehmen und allerdings der Welt einen Anschauungsunterricht geben, der vielleicht einmal Früchte trägt.«
Die Nr. 42 des 14. Jahrgangs, die am »22. Gilbhard (Oktober) 1933« erschien und auf den Seiten 2 und 3 den Artikel von Müller-Braunschweig brachte, begrüßte im Leitartikel »Adolf Hitlers Entscheidung« (nämlich den Austritt aus dem Völkerbund); dann folgte ein Dank an die Parteiführung der NSDAP wegen einer »Verfügung« von Rudolf Heß, die »der Drangsalierung der Nichtchristen« ein Ende mache: »Die Gewissensfreiheit ist da!« Darauf »Psychoanalyse und Weltanschauung«. An-schließend der Schluß eines Fortsetzungsartikels »Öl auf die Wogen«, dessen Autor Van Amstel bei den Holländern um Sympathie für Hitlerdeutschland warb: »Ohne Hitler wäre Deutschland jetzt ein Sowjetstaat, der die Unabhängigkeit der Niederlande bedrohen würde; infolgedessen ist Holland Hitler großen Dank schuldig.« Mit einer Zuschrift gegen »Zwangsgottesdienst« und einem Auszug aus Martin Luthers »Von den Jüden und ihren Lügen« (aus dem Jahre 1543) trug die Zeitschrift zum Kirchenkampf bei und bereitete sich auf ihre Rolle als »Organ der Ar-

beitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung« (ab 31. 12. 1933) vor. Den Beschluß machte ein Plädoyer für eine »Gegenwartsnahe Geschichtswissenschaft« von F. Morré — die Historiographie müsse »wieder eine Dienerin unseres Volkskörpers werden«.
Die Vergeblichkeit des Versuchs, einigen tausend oder zehntausend Nazi-Lesern eine zeitgemäß umgeschminkte Psychoanalyse als >volksgemeinschaftsfähig< zu präsentieren und so Duldung zu erwirken, wurde auch im »Reichswart« selbst deutlich, als in Nr. 45 (vom 12. 11. 1933) ein Dr. Eduard Winkler aus Berlin-Halensee unter gleichem Titel (»Psychoanalyse und Weltanschauung«, S. 3) replizierte und Reventlow darauf die Diskussion für abgeschlossen erklärte (S. 4). Das völkische Publikum ließ sich nicht täuschen: Selbst als man der Psychoanalyse hinter den Kulissen den weltanschaulich neutralen „Mandarin“-Talar abstreifte und sie im Braunhemd auf die Bühne schickte, ward sie ausgepfiffen. (7) Müller-Braunschweig hat sich zweimal zur Frage »Psychoanalyse und Weltanschauung« geäußert: zuerst bei Gelegenheit eines Vortrags auf der Tagung der DPG in Dresden am 29. 9. 1930 (der in der »Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik« abgedruckt wurde), dann, drei Jahre später, im »Reichswart«. (In Grinsteins »Index of Psychoanalytic Writings« werden beide Aufsätze fälschlich miteinander identifiziert; vgl. 1958, III, S. 1425, Nr. 23862.) Der Dresdener Vortrag wurde zwei Wochen nach den Septemberwahlen von 1930 gehalten, aus denen die NSDAP mit 107 (statt, wie zuvor, 12) Reichstagsmandaten hervorging und nach denen es keine auf parlamentarische Mehrheiten gestützte Regierungen mehr gab, sondern (präventiv-)bonapartistische Präsidialregierungen, deren letzte dann die Hitlerkoalition vom 30. 1. 1933 stellte. Als der »Reichswart«-Aufsatz erschien, lief in Leipzig der Reichstagsbrand-Prozeß; mit dem »Reichskulturkammergesetz« vom 22. 9. und dem »Schriftleitergesetz« vom 4. 10. waren neue Marksteine der kulturellen »Gleichschaltung« gesetzt worden; längst waren (nach dem Reichstagsbrand) die politischen Gegner der Nazis durch Verbot und Terror ausgeschaltet; die bürgerliche Reichstagsmehrheit hatte (bei Ausschluß der KPD und gegen die Stimmen der SPD) mit dem »Ermächtigungsgesetz« zugunsten der Hitlerdiktatur abgedankt; die Gewerkschaften waren aufgelöst, die Parteien verboten; eine erste Pogromwelle, flankiert von rassistischen Ausschluß- und Boykottmaßnahmen, hatte deutlich gemacht, welches Schicksal den deutschen Juden drohte . Die beiden Aufsätze Müller-Braunschweigs aus den Jahren 1930 und 1933 dokumentieren eine in zwei Schritten vollzogene Kapitulation vor den kommandierenden Bedürfnissen der »nationalen Erhebung«. Schon
im Dresdener Vortrag kehrte die eben noch in neukantianischer Manier aus der psychoanalytischen Wissenschaft verdrängte »Weltanschauung« unversehens als zwar »formale«, doch auch »wuchtige« und »stärkste« wieder, ja, die >talking cure< selbst entpuppte sich als ein »Stahlbad«. Im »Reichswart« wurde dann das Gestaltungs-Verbot, das 1930 noch die Reinheit der Wissenschaft garantieren sollte, aufgehoben: die Umformung »unfähiger Weichlinge« »zu Dienern am Ganzen« galt nun als »hervorragende Erziehungsarbeit« einer von »destruktiven Geistern« befreiten Psychoanalyse, deren Sprecher sich auch selbst in den Dienst der »gerade jetzt neu herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszu-gewandten, aufbauenden Lebensauffassung« zu stellen gelobte (1933, S. 3)
1930 begann Müller-Braunschweig seinen Vortrag mit einer scharfen Trennung von Welterklärung (als Funktion der empirischen Naturwissenschaft, d. h. auch der Psychoanalyse) und Weltgestaltung (der »Ent-scheidungen« zugrunde liegen, die sich an außerwissenschaftlichen, »weltanschaulichen« Werten und Normen orientieren). Psychoanalyse wurde ausschließlich als Erforschung der Ontogenese und als Therapie präsentiert, die Ontogenese nicht als Sozialisation, sondern als ein (störbarer) Naturprozeß gefaßt. Der Idealtypus einer ungestörten Ontogenese ist freilich eine »Tatsachen-Norm«, an der der Therapeut, der Störfaktoren aufdecken soll, sich (wie ein Wanderer an Gestirnen) orientiert. Die Normalitäts- Norm ist keine »fordernde Norm«. Die Herkunft der Wachstumsstörungen aber, die die Psychoanalyse bei ihren Patienten antrifft, bleibt einigermaßen im dunkeln: »Indem sie das, was stö-rend zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen steht, durch die Wiederbelebung und Neuverarbeitung jener kindlichen Konflikte, aus denen diese Störungen entstanden, aufhebt, bringt sie den Menschen in neue, befriedigendere und fruchtbarere Beziehungen zu ihnen« (1930, S. 352 f.).
Auffällig an dieser Psychoanalyse-Präsentation ist vor allem, daß die kritische Kulturtheorie Freuds von Müller-Braunschweig als inexistent behandelt wird. Und das in einer Situation, da sich die NS-Massenbewegung zum Sturm auf den Staat rüstete, ihre Führer kollektive Illusionen in politische Gewalt umzusetzen begannen und Freud prognostizierte, die bestehende Gesellschaft werde an einem Übermaß nicht absorbierbarer Destruktivität zugrundegehen (sofern nicht »Eros« interveniere (Eros ist nicht Ficken, sondern Caritas. Anm. JSB). In den Kapiteln IV und V seines Aufsatzes kam Müller-Braunschweig auf die »weltanschaulichen Wirkungen« der Psychoanalyse, die ja selbst keine »Weltanschauung» sein sollte, zu sprechen. War zuvor schon das Ziel der Therapie als »möglichst weitgehende Eroberung des Es, der Außenwelt und des Über-Ich durch das Ich« (S. 350 f.), zugleich aber als die Erlangung »einer größeren Fähigkeit, die Außenwelt so zu nehmen, wie sie ist« (5. 350), umschrieben worden, und wurde diese Kombination von diktatorischer Ich-Autonomie (»Freiheit«) und Konformismus dann noch einmal unter dem Titel eines »reifen, Selbstverantwortung fordernden Über-Ich« beschworen, so betonte der Autor jetzt die Vereinbarkeit der Psychoanalyse mit einer »idealistischen Weltanschauung«, mindestens aber mit dem »praktischen Idealismus«. Denn wodurch werden Veränderungen in der Therapie ausgelöst? »Doch durch die immer-währenden, immer neu zu betätigenden geistigen Akte sowohl des Analytikers wie des Analysanden« (5. 354). Und: die psychogenetische Ent-larvung »idealer Gesten und Behauptungen« als »trügerischer Ideologie« hat keineswegs »dem Eigenwerte der Ideale und der Möglichkeit idealen Denkens und Handelns Abbruch getan« (S. 354). Soweit die Psychoana-lyse desillusioniert, leistet sie gerade der »ehrlichsten, unerschrockensten und stärksten Weltanschauung« Vorschub. (Dies eben war das Gelenk, das »Psychoanalyse und Weltanschauung« von 1930 mit »Psychoanalyse und Weltanschauung« von 1933 verband.) »Nicht allen« freilich »bekommt ein solches >Stahlbad<«, in das sie als »zerstörende« Menschen eintauchen und aus dem sie als »aufbauende« wieder hervorgehen, »nicht jeder besitzt den Prozentsatz Heroismus, der Voraussetzung dafür ist, sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen« (S. 353). Und die »bisher nicht gekannten Abgründe«, das »Grauenhafte«, das »die Forschung bringen kann«, gar das Unbehagen in der Kultur? Darüber kommt die heroisch-optimistische, weltanschauungsfreie Weltanschauung leicht hinweg: Ist die »pseudoidealistische Weltansicht« durch das Fegefeuer der Psychoanalyse gegangen, realistisch gemildert, so »dürfen wir dem Ganzen von Welt und Leben ein neues Vertrauen und eine neue Liebe entgegenbringen« (S. 355).
Derart gerüstet, ging es ins Jahr 1933. Und schon in dessen Herbst »fordert(e)« »die gegenwärtige Gesamtlage … erneute Einwertung« (1933, S. 3) der Psychoanalyse. Drei »Mißverständnisse« vor allem galt es auszuräumen: Zum einen predige die Psychoanalyse nicht ein »Ausleben« der Sexualität, sondern bezwecke die Befreiung aus deren Fesseln; der neurotische Konflikt sei einer zwischen dem »geistigen Ich« und dem gesamten Trieb- und Affektleben. Zum andern gehe die Psychoanalyse nicht »von ungeistigen, materialistischen Voraussetzungen aus«, auch gelte ihr der Mensch nicht »einseitig als ein rein triebhaftes Wesen«; sie unterstütze vielmehr die Machtergreifung des »synthetischen,

regulierenden, ausgleichenden« Ichs (in dem ja schließlich auch noch das Gewissen wirke). Weiterhin sei die Psychoanalyse zwar »wie jede Wissenschaft auseinanderlegend«, doch keineswegs »zersetzend« oder »undeutsch«. Allerdings sei sie gelegentlich durch Dilettanten in Mißkredit gebracht worden. Auch »ist zuzugeben, daß sie ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt« (1933, S. 3) .. . Vorausgesetzt, die Psychoanalyse sei überhaupt ein »Instrument«, war eben dies ja auch die Meinung der neuen Herren, die doch sogar die weitere Anwendung des Ausbeutungs-»Instruments« Kapital gern duldeten, sofern es nur in den Händen von »Volksgenossen« lag.
(8) Vestigia terrent (Die Spuren schrecken Anm.JSB). Zweimal schon haben Psychoanalytiker versucht, sich über das Verhältnis der Freudschen kritischen Theorie und Praxis zur kulturellen Entwicklung, zu den sozialen und politischen Kämpfen zu verständigen. Das eine Mal am Vorabend des 1. Weltkriegs — in Gestalt einer Erörterung des Verhältnisses von Psychoanalyse und »Philosophie« (Putnam, Ferenczi, Reik, Tausk, Freud). Das andere Mal in Gestalt der »Weltanschauungsdebatte« (Freud, Pfister, Hartmann, Bernfeld, Müller-Braunschweig, Reich), als sich der Untergang der Weimarer Republik abzeichnete und dann jenes Reich begründet wurde, das den 2. Weltkrieg und den »Holocaust« über die Menschheit brachte. Gegenwärtig erleben wir eine Neuauflage dieser inner-psychoanalytischen Diskussion, während die Krise unserer Kultur einem neuen Höhepunkt zutreibt. Abermals steht der Status der Freudschen Theorie zur Debatte. Und um nicht abermals »von den Geschehnissen überrollt« zu werden (Kemper), fragt eine neue Psychoanalytiker-Generation, welche Möglichkeiten der Orientierung in dieser Welt gerade ihr »Beruf« bietet, und entdeckt darum am Original der Freudschen Aufklärung mehr und anderes als viele ihrer Vorgänger. Um zu überleben, dürfen die Psychoanalytiker — wie andere Intellektuelle — sich heute so wenig wie 1914 oder 1933 selbst bescheiden, selbst entwaffnen. Sie werden kämpfen müssen — mit der Waffe der Freudschen Kritik wie mit den politischen Waffen von Protest und Widerstand.
(Anschrift des Verf.: Prof. Dr. Helmut Dahmer, Friedrichstr. 50, 6000 Frankfurt 1)
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Kapitulation vor der »Weltanschauung« 1135
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YIGAL BLUMENBERG

Eine Historiographie ohne Erinnerung?


Die Wiederkehr des Verdrängten durch (Affekt)Isolierung des Antisemitismus in »Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936«
von M. Schröter*
Übersicht: Der vorliegende Kommentar problematisiert M. Schröters Historiographie der »zeitgenössischen Perspektive der Akteure« der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in den Jahren 1933-36. Seine Vorstellung einer »historischen Einheit« dieser Jahre basiert auf der Abstraktion von Neid- und Insuffizienzgefühlen wie auch archaischen Vernichtungsängsten und -wünschen der deutschen Analytiker in der Beziehung zu den jüdischen Kollegen und dem Phantasma einer »jüdischen Psychoanalyse«. Damit versagt (sich) eine solche Historiographie im Durcharbeiten und Erinnern tieferer Identifizierungen, schließt sich aus der mit den 1935 ausgeschlossenen jüdischen Psychoanalytikern aus und reinszeniert die Dissoziation im Verhalten der deutschen »Akteure« in der NS-Zeit.
Schlüsselwörter: Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG); Antisemitismus und Nationalsozialismus; Psychoanalyse und Judentum
Die Untrennbarkeit des »ArchivMaterials« vom Blick des Historiographen

  1. Schröters historiographische Arbeit wirft mit dem Archiv-Material einmal mehr die Frage auf, was uns die Historie bedeutet. Diese Frage aber zieht die nächste nach sich, nämlich welche Rolle die (individuelle und kollektive) Erinnerung in der Geschichtsschreibung spielt. So sehr der Historiker sich auf das Archiv-Material beziehen muss, so ist er ihm doch keineswegs unterworfen. Vielmehr beginnt seine Freiheit und wesentliche Arbeit als Historiker gerade in dem Moment, in dem das letzte Dokument zur Kenntnis genommen wurde und der Raum der Interpretation sich er-öffnet. Denn – es kann nicht anders sein – das »bisher unbekannte Archiv-Material« (Schröter 2009, S. 1085) ist ausgewählt und die Darstellung nimmt ihren Ausgangspunkt in einer bestimmten Interpretation des Historiographen. Auf diese Weise kommen Identifizierungen und Erinnerungen M. Schröters ins Spiel, befinden sich bereits von Anfang darin, bleiben mit dem Archiv-Material untrennbar verknüpft und werden dergestalt zu einem integralen Teil seines Textes. So begegnet dem Leser zuallererst der Autor und keineswegs »bloße Fakten«, die nahelegen könnten, der historiographische Artikel sei keine Konstruktion. Demgegenüber scheint M. Schröter in seiner Erwiderung auf D. Beckers Anmerkungen (2010) eine geradezu entgegengesetzte Perspektive einzunehmen: »Gleichwohl gilt: Das erste und letzte Wort hat das Material; es muss gegenüber Wünschen und Affekten des Autors, die in die Deutung einfließen können, unablässig als Korrektiv aufgerufen werden« (Schröter 2010, S. 262). Eine solche Rede von einem Historiographen der Psychoanalyse muss verwundern: Bekanntlich hat das »erste und letzte Wort« der Deuter und Autor; das »Material« kann nicht sprechen. Für M. Schröter besteht die »wissenschaftliche Betrachtungsweise« gerade darin, »affektiv distanziert, quellengestützt, mit gleichschwebender Aufmerksamkeit für möglichst viele Aspekte des behandelten Felds« (S. 263) offen zu sein. Zweifellos muss der Historiograph sich auf die Spuren der Vergangenheit stützen. Aber er darf nicht vergessen, dass seine Aufmerksamkeit auf jene Spuren bereits eine (i. w. S. übertragungsgeleitete) Einnahme eines (historiographischen) Raumes bedeutet, den jene anwesenden Spuren der Vergangenheit eröffnen. Umso mehr, wenn er vom Leser eine empathische Lektüre (zu Recht) erwartet; ein »affektiv distanziertes« Lesen wäre mithin geradezu kontra-indiziert und verunmöglichte eine »gleichschwebende Aufmerksamkeit«.

Die Abstraktion einer »historischen Einheit«

  1. Schröter möchte den Blick des Lesers auf den Zeitabschnitt der Jahre 1933-1936 fokussieren: Diese »Jahre bilden insofern eine historische Einheit, als in ihnen die Hoffnung, daß sich die psychoanalytische Tradition auch unter den Bedingungen des Nazi-Regimes würde fortsetzen lassen, noch weithin lebendig und durchaus begründet war« (2009, S. 1086f.; Hervorh. Y. B.). Dieser »relativ enge zeitliche Fokus« (ebd.) des Historiographen erlaube es, »die Geschichte der Psychoanalyse im Dritten Reich weniger vom Ende her zu betrachten als aus der zeitgenössischen Perspektive der Akteure und […] als einen unabsehbaren Prozeß, in dessen Phasen sich jeweils verschiedene Spielräume des Verhaltens boten« (S. 1087). Der Leser wird also aufgefordert, von dem historischen Verlauf nach 1936 zu abstrahieren und sich mit dem mutmaßlichen Blick der Analytiker der DPG zu identifizieren; er soll davon absehen, was jene auch nicht wissen konnten – sprich: vom Wissen um die von den nationalsozialistisch identifizierten Deutschen initiierte endgültige Vertreibung und Ermordung jüdischer Analytiker. Hier soll also gerade die Erinnerung nicht in die Historiographie aufgenommen, vielmehr vermieden und isoliert werden.
    Wie aber ist ein solches Absehen von dem wie auch immer repräsentierten historischen Verlauf möglich? Was für eine Anstrengung um die Aufrechterhaltung eines »Nicht-Wissens« – und hier scheint mir bereits jene Rede vom »Wir haben nichts davon gewusst« mitzuschwingen – verlangt der Text vom Leser, der im Jahre 2009 von den vergangenen 73 Jahren abstrahieren soll? Wie kann von der eigenen (auch) unbewussten Identifikation und der Beziehung zu den (analytischen) Eltern und deren Tradi-tion abstrahiert werden? Von der deutschen Nachkriegsgeschichte, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands und nun auch mit der »Wieder«-Aufnahme der DPG in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung abgeschlossen scheint? Als ob ein Bruch in der Zeit gedacht und zugleich gedanklich vom Bewusstsein ausgesperrt werden soll.

Die Abstraktion vom Antisemitismus als Voraussetzung einer »historischen Einheit«
Diese Abstraktion resp. Konstruktion einer »historischen Einheit« abstrahiert allerdings von der Problematik der Judenfeindlichkeit, die bekanntlich die gesellschaftlichen Bedingungen bereits der Jahre 1933-36 und damit auch das Handeln der Akteure jener Zeit wesentlich bestimmt hat und von der ja auch jene »historische Einheit« ihren Ausgangspunkt – nämlich mit der »Machtverleihung« an A. Hitler und die Nationalsozialisten 1933 -nimmt. In der »Erwiderung« auf D. Becker weist M. Schröter zwar darauf hin, dass er »Vorgänge benannt [habe], die [er] schmerzhaft finde, so die Ausnutzung des antisemitischen Regimes für die Etablierung einer >deutschen< Psychoanalyse oder den Ausschluss der jüdischen Kollegen aus der DPG Ende 1935 und den Abbruch aller Kontakte zu ihnen« (2010, S. 262f.; Hervorh. Y. B.). Aber die Rede vom »Ausnutzen« insinuiert ein instrumentalisierendes Handeln, dem ein judenfeindliches Ressentiment äußerlich bleibt. Der vorliegende Kommentar versucht demgegenüber deutlich zu machen, dass das »Ausnutzen« des antisemitischen Regimes vielmehr selbst eine (Teil-)Identifizierung mit der Judenfeindlichkeit manifestiert, von der allerdings geschwiegen wird. Ein Schweigen, das als ein unausgesprochenes und heimliches Zentrum jener fokussierten »historischen Einheit« erscheint und eine andere mehr oder minder ausgesprochene Abstraktion mitschwingen lässt: Der Spuk einer »jüdischen Psychoanalyse« als eine »historische Wahrheit« (Freud 1939a) und Diffamierung. So entsteht der Eindruck, dass die nicht stattgefundene Auseinanderset-zung der Akteure jener Zeit mit judenfeindlichen Ressentiments sich im Text M. Schröters aufblättert und gleichsam reinszeniert.


Die (Gegen-) Übertragung auf den (gegen-)übertragenden Text

  1. Beckers »zunehmend negatives Gefühl« (2010, S. 258), das sich in der Lektüre des Textes von M. Schröter einstellte, scheint aus den Schwierigkeiten zu entspringen, die vom Text erwartete »Einfühlung« aufzubringen. In der Tat macht sich ein Unbehagen bemerkbar, das aus einer Denkhemmung entspringt, einer Lähmung, den Text »anzunehmen«, der widersprüchliche Anstrengungen im Lesen verlangt. Schon allein jene vom Text geforderte Abstraktion vom Wissen um das Geschehen nach 1936 verlangt vom Leser, eine bewusste Anstrengung aufzubringen, zu dissoziieren und zu spalten; eine affekt-isolierende Lektüre, die geradezu alle Erinnerung aussperren soll1 . Bekanntlich vollziehen sich solche Bewältigungs- oder Abwehrstrategien unbewusst. Diese (nicht nur) kognitive Anforderung bewirkt daher im Lesen eine Hemmung des freien Spiels unserer Gedanken, Einfälle und Phantasien, was schließlich das Denken zu lähmen droht – ein typisches Phänomen eines aller Freiheit beraubten und totalisierten Denkens. (Das dann kein Denken mehr, sondern lediglich ein Rezipieren, Entgegennehmen, Übertragung. Anm. JSB) Dies scheint den Eindruck zu bestärken, dass – qua identifizierender Erwartung M. Schröters – sich das Handeln, Denken und Fühlen der Akteure jener Zeit im Text als eine (Gegen-)Übertragung (auf die Spuren jener Zeit) unreflektiert einschreibt.
    Zudem ist es kaum verwunderlich, dass – und die bisherigen Diskussionsbeiträge von D. Becker (2010) und E. Brainin & S. Teicher (2010) zum Aufsatz von M. Schröter illustrieren es in aller Deutlichkeit – eine solche geforderte Abstraktion, die die Erinnerung vermeiden soll und im Text die Spuren jener Zeit vergegenwärtigt, heftige Affekte mobilisiert und vielfältige Formen und Ausprägungen von (Gegen-)Übertragungen auslöst. Es wäre geradezu merkwürdig und »unheimlich«, wenn die (Lektüre der) Darstellung des Handelns der Akteure jener Zeit und des mit 1933 in Gang gesetzten Ausschlusses der Juden aus der gesamten deutschen Gesellschaft und im Besonderen aus der wesentlich von jüdischen Analytikern gegründeten Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft keine Affekte auslöste. Der Zivilisationsbruch der Shoah, der von einer Judenfeindlichkeit wesentlich bestimmt ist und sich auch in dem erzwungenen Ausschluss der jüdischen Analytiker aus der DPG manifestierte, lässt keinen unbeteiligt. In diesem Lichte kann es sich gerade nicht in erster Linie um eine »richtige« oder »falsche« Interpretation jener Spuren der Vergangenheit handeln; vorausgesetzt, das vorliegende Material wird konsistent und kohärent zu interpretieren gesucht.

Der Widerspruch zwischen »deutschen« Analytikern und »Juden«
Schon in der Übersicht des Artikels wird der Leser, der »die in Deutschland verbliebenen Analytiker zu verstehen sucht und ihnen nicht a priori die Einfühlung verweigert« (Schröter 2009, S. 1085) – sucht nicht jeder Leser zu verstehen? – auf einen Konflikt hingewiesen, »der sich nicht schlichten lässt« (ebd.): Sich in die deutschen Analytiker einzufühlen, führe zu einem »Widerspruch zur gleichzeitigen Identifikation mit den vertriebenen Juden« (ebd.). Der Leser hat noch nicht den ersten Satz des Aufsatzes gelesen und wird sofort in einen vom Historiographen interpretierten Konflikt und Widerspruch zwischen den »in Deutschland verbliebenen Analytikern« und den »vertriebenen Juden« hineingezogen. Handelt es sich denn nicht auch um die (vertriebenen) jüdischen Analytiker? Und was bedeutet der bemerkenswerte Ausdruck »in Deutschland verbliebene Analytiker«? Hätten sie denn auch vertrieben werden können? Wollten sie denn emigrieren – die deutschen Analytiker? Haben sie sich denn mit den jüdischen Analytikern identifiziert? Diese eben benannten, sich ausschließenden Identifizierungen unterscheiden von Anfang an zwischen Analytikern und den Juden, zwischen denen offenkundig ein Gegensatz besteht und der uns als ein verschwiegener roter Faden begleitet.


Das Handeln E Boehms und C. Müller-Braunschweigs
Kann der Text tatsächlich jene behauptete lebendige und begründete Hoffnung der deutschen Analytiker – qua Einfühlung des Lesers – deutlich machen, »daß sich die psychoanalytische Tradition auch unter den Bedingungen des Nazi-Regimes würde fortsetzen lassen«?
»Aktiv« (S. 1090), ohne es mit den Kollegen zu erörtern und ohne dass es von Seiten der nationalsozialistischen Bürokratie an die DPG herangetragen worden sei, fragte F. Boehm an offizieller Stelle im April 1933 – also drei Monate nach der »Machtverleihung« an A. Hitler – nach, ob auch in der DPG – wie in allen ärztlichen Standesorganisationen – alle jüdischen Funktionäre durch nichtjüdische zu ersetzen seien. M. Eitingon und K. Landauer kritisierten diesen vorauseilenden Gehorsam. Der Text sieht allerdings in dieser »Initiative« wie auch in dem Antrag F. Boehms und C. Müller-Braunschweigs »auf Umbildung des Vorstandes« (ebd.) »eine gut begründete Sorge. Zugleich haben sie wohl etwas zu rasch und zu gern die Machtchance ergriffen, die sich ihnen bot. Daß sie diese Chance be-kamen, lag an Bedingungen, die nicht von ihnen geschaffen waren« (ebd.). Wir lesen also von einer doppelten Motivation eines vorauseilenden Gehorsams: Sorge um die psychoanalytische Gesellschaft und Machtbedürfnis. Warum aber vermag F. Boehm nicht, jene Anfrage mit den Mitgliedern der DPG zu erörtern? Weshalb muss dieses Handeln unabgesprochen erfolgen?2 Die »Chance«, die Macht zu erlangen, eröffnet zwar jene »verschiedenen Spielräume des Verhaltens«, macht allerdings nicht das Greifen nach der Macht verständlich.3 Dies könnten wir nur aus der Motivation der nach der Macht Greifenden verstehen. Hier bleibt der Text merkwürdig hinter seinem Anspruch zurück, durch eine »Einfühlung« dem Leser dies verständlich werden zu lassen; als ob M. Schröters Einfühlung in die Spuren der Vergangenheit ihm nicht (auch) als seine Identifizierung deutlich zu werden vermag. Wie soll sich eine Empathie vergegenwärtigen, wenn nicht als ein Wiederfinden im eigenen Selbst(gefühl)?

EINE HISTORIOGRAPHIE OHNE ERINNERUNG?
Der Text gibt uns weder eine Antwort auf die Frage, warum F. Boehm vorauseilend der nationalsozialistischen Bürokratie Gehorsam demonstrieren musste, noch warum F. Boehm und C. Müller-Braunschweig es geradezu nicht erwarten konnten, nach der Macht zu greifen.
Könnte der vorauseilende Gehorsam, der in jener »gut begründeten Sorge« (S. 1090) aufscheint, der Phantasie und Annahme geschuldet sein, die Psychoanalytische Gesellschaft werde von der nationalsozialistischen Bürokratie – und ebenso von F. Boehm und C. Müller-Braunschweig, wie wir später noch lesen werden – als ein jüdisches Unternehmen, die Psychoanalyse überhaupt als »jüdisch« angesehen? Dass also dem gesellschaftlich sich verallgemeinernden und institutionalisierten Nationalsozialismus und damit auch Antisemitismus der Gehorsam nicht versagt werden dürfe? F. Boehm machte bekanntlich aus seiner judenfeindlichen Einstellung »keinen Hehl« (Lockot 1985, S. 114). Noch in einer Ausschusssitzung vom 7 8. 1945 äußerte er seine Ressentiments, »persönlich unter dem Übergewicht der Juden im alten Institut immer gelitten« zu haben (Brecht et al. 1985, S. 176). Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass jene »gut begründete Sorge« bereits eine rationalisierende und projektiv-identifizierende Tendenz verbirgt, die jüdischen Kollegen aus der deutschen Gruppe der Psychoanalytiker auszustoßen, um sich selbst aus der »Schusslinie« der staatlich legitimierten Judenfeindlichkeit zu nehmen. Jene »Spielräume des Verhaltens« (Schröter 2009, S. 1087), die aus einem offenkundig (aktiven) vorauseilenden Gehorsam – »vorschnell«, wie M. Schröter selbst konstatiert und keineswegs geboten; nach K. Landauer »ein Fehler« (zit. nach Schröter 2009, S. 1090), nach M. Eitingon eine »nutzlose Mimikry« und »subjektive Würdelosigkeit« (Freud & Eitingon 2004, S. 856) – vermeintlich erwachsen sind, könnten sich daher einer (Teil-)Identifizierung mit der nationalsozialistischen Bürokratie verdanken.
So scheint hier der historiographische Text eine identifizierende und die Problematik des wesentlich judenfeindlichen Nationalsozialismus – der doch das Handeln F. Boehms entscheidend ausgelöst und judenfeindliche Ressentiments (re-)mobilisiert hat – skotomisierende Position einzunehmen; als ob die Rechtfertigungsversuche der deutschen Analytiker sich in die Rechtfertigungen M. Schröters einschrieben, im behaupteten »Mut […], emotional, intellektuell und wissenschaftspolitisch, den Repräsentanten der Hiergebliebenen gerecht zu werden, die mit einer unmöglichen Aufgabe konfrontiert waren« (Schröter 2009, S. 1126).

Die »selbstverständliche Loyalität« dem nationalsozialistischen Staat gegenüber
Schon fünf Monate nach der Bücherverbrennung im Mai 1933 und dem Antrag, die jüdischen Vorstandsmitglieder abzuwählen, tritt C. Müller-Braunschweig am 22. 10. 1933 mit einem Artikel »Psychoanalyse und Weltanschauung« im Reichswart, dessen Titelseite bereits 1932 mit einem Hakenkreuz geschmückt war (vgl. Dahmer 1984), an die (Fach-)Öffentlichkeit. Darin heißt es u. a.: »Es ist zugegeben, daß sie [die Psychoanalyse; Y. B.] ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt« (zit. nach Lockot 1985, S. 142; vgl. auch Brecht et al 1985, S. 97). Was meint hier »zugegeben«? Auf wessen Vorwurf und Angriff reagiert hier C. Müller-Braunschweig »geständig«? Und wie lautet die Anschuldigung? C. Müller-Braunschweig »gesteht ein«, dass die Psychoanalyse »ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes« ist. Wer anders als die jüdischen Psychoanalytiker könnten hier gemeint gewesen sein, die mit dem »gefährlichen Instrument« der Psycho-analyse als einer »auflösenden«, sprich: »zersetzenden, destruktiven jüdischen Wissenschaft« den »arischen Geist zersetzen« und bedrohen? In der Sprache der Bücherverbrenner hieß es bekanntlich: »Gegen seelenzer-setzende Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.«
Vier Monate später, im Februar 1934, empört sich C. Müller-Braunschweig in einem die »Gleichschaltungspolitik« (Schröter 2009, S. 1093) der DPG-Verantwortlichen rechtfertigenden Text über F. Lowtzky, »die sich ebenfalls mit dem Gedanken trug, die DPG zu verlassen« (ebd.). In einer recht herrisch anmutenden Weise fragt er: »>Wem< wird >was< vor-geworfen? Der ganzen Gesellschaft? – dem Vorstand? – und was? Daß die Gesellschaft sich der Regierung gegenüber loyal verhält? – Wäre das nicht in jedem europäischen Staate eine Selbstverständlichkeit? – Daß der Vorstand sich bemüht, die psa. Sache in Deutschland am Leben zu erhalten?« (ebd.). C. Müller-Braunschweig schlägt einen Ton an, der selbst feindselig anmutet und von der jüdischen Kollegin sogar »Anerkennung und Unterstützung« (ebd.) für eine judenfeindliche Politik des nationalsozialistischen Staates erwartet. Als ob er sich (durch den bevorstehenden Austritt der jüdischen Kollegin) – in einer projektiv-identifizierenden Abwehr – angegriffen fühlte und verteidigend geradezu eine Verzichtsleistung, »ein Opfer« (ebd.) von den jüdischen Kollegen fordert, da es denen doch »um die Sache und nicht um die Personen geht« (ebd.) und gehen müsse.

Vergegenwärtigen wir uns diesen Vorgang: Ein Jahr nach der »Machtverleihung« der deutschen Gesellschaft an Hitler und die Nationalsozialisten – nachdem also Deutschland von einer Welle staatlich verordneter antijüdischer Gesetze überrollt wurde, die die Juden aus dem öffentlich-gesellschaftlichen Leben verbannen sollen – erwartet C. Müller-Braunschweig selbstverständlich, d. h. in dem Selbstverständnis einer sich anständig und redlich gebärdenden Loyalität dem totalitären judenfeindlichen Regime gegenüber, von einer jüdischen Kollegin eine »Verzichtsleistung« und ein »Opfer« im Namen einer »Sache«. Mit seiner geradezu herrischen Rede reiht er sich ganz fraglos identifizierend mit der herrschenden Gewalt in die Bewegung und Politik einer nationalsozialistischen »Gleichschaltung« ein. Die Einfühlung in die jüdischen Kollegen verweigernd, reißt er selbst die von ihm hochgehaltene »Sache« auseinander, die nun in zwei gegensätzliche und feindlich sich gegenüberstehende »Seiten« zu zerfallen beginnt, sprich: in den Gegensatz zwischen den deutschen und den jüdischen Analytikern.
Der Erwartung M. Schröters folgend, ergibt sich für den Leser nun die Anstrengung und Not, sich in eine innere Welt einzufühlen, in der nächste Kollegen als Angehörige des jüdischen Kollektivs ausgestoßen werden, die Einfühlung verweigert und von einer jüdischen Kollegin zudem erwartet wird, sich mit einem sie verfolgenden und bedrohenden sozialen Geschehen zu identifizieren. M. Schröter konstatiert zwar in dieser Rede vom »Verzicht« einen »bösen Euphemismus« (ebd.), aber er scheint ganz die Rede von der »Sache« zu teilen; zumindest sucht er nicht in die innere Welt C. Müller-Braunschweigs tiefer einzudringen. Das »Böse« dieses Euphemismus schimmert nämlich im nächsten Satz durch: »Das Interesse der >Sache< sollte Vorrang haben vor allen persönlichen oder Gruppen-Interessen, speziell der Juden« (ebd.).4 Dieser Kommentar M. Schröters spricht die Gegenbesetzung aus und reinszeniert das Ausstoßen des »Juden«: »Persönliche oder Gruppen-Interessen« haben offenkundig nicht (nur) die jüdischen Analytiker, sondern schlicht und überhaupt »die Juden«. Die Annahme, dass die deutschen Analytiker ihrerseits »persönliche oder Gruppen-Interessen« gehabt haben könnten, scheint (an dieser Stelle) nicht in die Aufmerksamkeit zu geraten. Aber der Text offenbart sie uns.

»Sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser« (H. Heine)5

Erst gegen Ende des Aufsatzes erfährt der Leser von einem wirklich handfesten, erhellenden und nachvollziehbaren partiellen Gruppeninteresse und Motiv für das Handeln der deutschen Psychoanalytiker: »Was die heutige Einschätzung betrifft, wird die Frage erlaubt sein, ob man in einer Welt, die nicht aus moralischen Helden besteht, billigerweise erwarten kann, dass die nicht-jüdischen Analytiker ihre professionelle Existenz der Solidarität mit ihren stigmatisierten Kollegen hätten opfern sollen« (S. 1122; Hervorh. Y. B.). Diese Frage ist erlaubt, erfrischend unverblümt und entlarvt die Rede von der mutigen und heldenhaften Rettung der »Sache« als das, was sie auch war und ist: die Sicherung des täglichen Brotes, die die Moral bekanntlich, so wenigstes B. Brecht, in die zweite Reihe verweist. Aber es ist eine rhetorische Frage, die die Antwort gleich mitliefert. Bemerkenswert an dieser »heutigen Einschätzung« ist, dass sie mit einer er-schreckenden Beiläufigkeit gegen Ende des Textes auftaucht. Sie gehört an den Anfang und hätte die Rede von jener postulierten »historischen Einheit« ad absurdum geführt. Die dem Nationalsozialismus gegenüber sich loyal erklärenden deutschen Analytiker selbst gaben uns offenkundig, so jedenfalls die vorfindbaren Spuren jener Zeit, darüber nicht den geringsten (ehrlichen) Hinweis. Vielmehr wurde dieses handgreifliche Motiv verbrämt, euphemistisch verklärt und verleugnet und zu guter Letzt auch noch projektiv identifikatorisch in den Vorwurf verkehrt, die jüdische Kollegin F. Lowtzky sei nicht bereit, sich für die »Sache« zu opfern. C. Müller-Braunschweigs Verweigerung, sich in die innere Verfassung F. Lowtzkys einzufühlen, kann schneidender und gefühlskälter kaum sein. Er griff sie geradezu dafür an, die entsolidarisierende Haltung des DPG-Vorstandes in Frage zu stellen. Projektiv-identifizierend und ohne ein Schamgefühl – ein Phänomen, dem wir immer wieder begegnen – wurde die Überlegung F. Lowtzkys nicht nur empört zurückgewiesen, sie bedeutete C. Müller-Braunschweig geradezu einen Angriff auf sein Selbst(wert)gefühl – und musste seinerseits offenkundig mit einem schuldgefühlshaft determinierten Angriff in Funktion einer Selbstentlastung beantwortet werden. Es wurde erwartet und beansprucht, ja verlangt, dass die jüdischen Kollegen – nun erfahren wir es aus dem Munde des »heutigen« und 75 Jahre später auftretenden Historiographen – für die »professionelle Existenz« der deutschen Kollegen ein Opfer zu bringen hätten und dafür auch noch dankbar sein sollten. Ton und Stil sprechen eine Sprache der Gewalt, die einschüchtern und ängstigen, aber vor allen Dingen das Selbst(wert)gefühl der Fragenden entwerten und beschädigen soll. Die Sprache eines »Ober-Ich« (Grunberger 1988 [1972], S. 83), (»Oberst-Ich« Anm.JSB) das von archaisch-verfolgenden Introjekten tyrannisiert wird.6 Es ist auch immer das gleiche Lied: Wenn die »Sache« wichtiger als die Person behauptet wird, dann gerät die Person selbst zu einer »Sache«, wird versachlicht und entmenschlicht. Dann spricht die Dehumanisierung, ein menschenopfernder Götzendienst und die Herrschaft der Gewalt. – Die Vorstellung einer »historischen Einheit« aber wird damit zunehmend fraglicher: Diese Sprache C. Müller-Braunschweigs manifestiert noch nicht einmal ein Jahr nach der »Machtverleihung« an die National-sozialisten und knapp zwei Jahre vor dem Ausstoßen der jüdischen Analytiker aus dem Kollektiv ihrer deutschen Kollegen bereits deutlich das »Untergraben« der »Zusammengehörigkeit« (vgl. Schröter 2009, S. 1102, 1122) und wurde offenkundig von K. Landauer, M. Eitingon, C. Happel und F. Lowtzky deutlich gespürt. Und so verweist der vorauseilende Gehorsam – so sehr er sich der Sicherung der »professionellen Existenz« zu verdanken scheint und die deutschen Analytiker als Opportunisten und »Wendehälse« erscheinen lässt – im Kontext der von M. Schröter gesammelten Spuren auf einen tieferen Motivationskomplex; auf ein weiteres »Gruppeninteresse« und Motiv im Handeln der deutschen Analytiker.
Die Skotomisierung (Gefohlstaubheit Anm.JSB) der feindseligen Besetzung der Beziehung zu den jüdischen Kollegen und einer »jüdischen« Psychoanalyse

Offenkundig haben wir es bereits 1933 mit bestehenden stabilen Identifizierungen zu tun, in denen die Frage einer »jüdischen« Psychoanalyse als ein Schibboleth (Sozialcode, Kennwort, Codewort, Parole Anm.JSB) die Gemüter zutiefst beunruhigte und wohl heimlich empörte: C. Müller-Braunschweig versuchte nämlich »nach 1933 die Gunst der Stunde für die Verbreitung einer >deutschen< Psychoanalyse zu nutzen […] dies […] entsprang einer tiefen, lang hergebrach ten Überzeugung« (S. 1102; Hervorh. Y. B.) – womit eine Spaltung und Isolierung (nicht nur) im Denken C. Müller-Braunschweigs in nuce (in a nutshell, stark komprimiert, kurzgefasst Anm.JSB) sich abzeichnet und sich im historiographischen Text gleichsam reinszeniert. Einerseits trachtete C. Müller-Braunschweig bereits 1933 in »tiefer Überzeugung« eine »deutsche Psychoanalyse« zu verbreiten; andererseits soll in jener angenommenen »historischen Einheit« zugleich die Hoffnung bestanden haben, die Tradition S. Freuds in der NS-Zeit »weithin lebendig« (5.1087) fortzusetzen – eine »deutsche Psychoanalyse« in der Tradition S. Freuds? Jene aktive »Verbreitung einer >deutschen< Psychoanalyse« (S. 1102) führte dazu, dass die »in Deutschland verbliebenen Analytiker« [sic!] dergestalt die »Zusammengehörigkeit mit ihren nicht-deutschen Kollegen [untergruben] « (ebd.). Offenkundig hat es bereits 1933 ein bewusstes Interesse gegeben, eine »deutsche« Psychoanalyse zu entwickeln und eine »partielle Distanzierung von der Lehre Freuds« (S. 1104) voranzutreiben – ein aktives Unternehmen, das also unmittelbar – daher wohl die Rede von der » Gunst der Stunde« (ebd.) – bereits 1933 in Gang gesetzt wurde.
Die von M. Schröter erwähnte » Chance« (S. 1090) für F. Boehm und C. Müller-Braunschweig, die institutionelle Macht in der DPG 1933 zu ergreifen, offenbart nun auch einen weiteren tieferen Sinn: eine »Psychoanalyse von >spezifisch deutschem Gepräge«< (S. 1101) voranzutreiben und zu vertreten. In welche Verstrickungen und Folgen dieses Handeln auch immer schließlich 1936 münden würde resp. mündete – und zweifellos sind wir alle keine Propheten und oft auch »hinterher keineswegs klüger« -, der 1936 erzwungene Ausschluss der jüdischen Analytiker entstammte somit auch einer tieferen Identifizierung mit einem »Deutsch-tum« und manifestierte sich in der Loyalitätsbekundung der deutschen Psychoanalytiker gegenüber dem nationalsozialistischen Staat.7 Die kollektive Identifizierung eines großen oder überwiegenden Teils der deutschen Gesellschaft mit dem Nationalsozialismus ließ auch die deutschen Analytiker nicht unberührt und zog sie in den Bann, den sie offensichtlich kaum noch bewusst zu reflektieren, geschweige denn zu analysieren vermochten. In jedem Fall aber schwiegen sie darüber. In diesem Lichte handelt es sich also zunächst darum, das Handeln der deutschen Psychoanalytiker zu registrieren, ihre Taten und Äußerungen, von denen der Text uns berichtet. Denn schließlich muss sich der Leser in der »Schlussbetrachtung« M. Schröters darüber wundern, dass es »zwar eindeutige Opfer [gibt], aber keine entsprechend eindeutigen Täter« (S. 1124ff.). Das »Untergraben« der Zusammengehörigkeit (als Analytiker) vollzog sich keineswegs von selbst und ohne die Personen. Es konkretisierte sich in der Aktivität der deutschen Analytiker, in deren (Probe-)Handeln, das, wie wir soeben zur Kenntnis genommen haben, »einer tiefen, lang hergebrachten Überzeugung« entsprang.
So lesen wir von deren Motivationslage und Verständnis, in »Freuds Werk« eine »eingeengte Auffassung« (S. 1101) von Psychoanalyse zu sehen. Die deutschen Analytiker seien überhaupt an der Entwicklung einer »Psychoanalyse mit >spezifisch deutschem Gepräge< […] bisher durch die internationale Zusammensetzung der DPG (d. h. primär: das Überge-wicht der Juden in ihr) gehindert worden« (ebd.). Woher aber entstammen Scheu und Hemmung M. Schröters, die sich gerade an dem von ihm angeführten Typoskript »Nationalsozialistische Idee und Psychoanalyse« (Juni 1935) zeigen, sich in das Denken C. Müller-Braunschweigs einzufühlen? In dessen Abschnitt >Psychoanalyse und Deutschtum< lesen wir, wie C. Müller-Braunschweig in einer kaum verhüllten Weise sich der »nationalsozialistischen Regierung« (zit. nach Brecht et al. 1985, S. 167) andient und diese opportunistisch und verleugnend darauf hinzuweisen sucht, dass die Entwicklung einer »deutschen Psychotherapie« von einer »stark international zusammengesetzt[en] [Mitgliedschaft und Dozenten-schaft] « (ebd.), sprich: die jüdischen Analytiker, »erschwert« worden sei. In dieser Spur der Vergangenheit erkennt M. Schröter eine »gewisse Genugtuung darüber, daß der durch das Nazi-Regime erzwungene Exodus der jüdischen Analytiker Autoren wie Müller-Braunschweig eine Chance gab, ihre eigene, als deutsch empfundene Stimme stärker zur Geltung zu bringen« (5. 1101 f.) – wieder lesen wir von einer »Chance«, die dieser Repräsentant der deutschen Analytiker ergriffen hat und die durch die Anwesenheit der jüdischen Analytiker offenbar kaum Gehör gefunden zu haben schien.
Was lässt C. Müller-Braunschweig von einer »Mehrheit jüdischer Analytiker« schweigen? Ängstigte er sich, in der nationalsozialistischen Institution in Verdacht zu geraten, selbst von einem »jüdischen Denken zersetzt« worden zu sein? Wer oder was, wenn nicht seine eigenen Ressentiments und Abwehr von Neid- und entwertend-feindseligen Regungen, könnte ihn wohl daran gehindert haben, seine Vorstellungen von einer »deutschen Psychoanalyse« zu entwickeln? Wie sollten wir uns jenes »Übergewicht der Juden« vorstellen? Als eine Zensur und ein Denkverbot durch die jüdischen Analytiker? Hatte er nicht den Mut, persönlich für seine Anschauungen einzustehen, die ihn (in seiner inneren Welt) in einen Konflikt mit dem Juden S. Freud bringen mussten? Sollte er tatsächlich erst durch die » Gunst der Stunde« – und d. h. in der Gunst und im Schutz der nationalsozialistisch-judenfeindlichen Institution – einen sozusagen geborgten Mut aufgebracht haben? Drängte auf diese Weise die »deutsche Stimme« nach Befreiung von der »Macht und Herrschaft der Juden«? Spricht aus seinen Worten nicht geradezu ein externalisiertes und archaisches Über-Ich, das sich mit fragilen Ich-Ideal-Anteilen kaum zu integrie-ren vermochte? Manifestiert sich gar in diesem Verschweigen des Bei- und Nebeneinanderseins von jüdischen und deutschen Analytikern nicht bereits eine dissoziierende Abwehr der deutschen Analytiker, die schließlich Ende 1935 darin gipfelt, »jeden, auch den leisesten, wissenschaftlichen wie persönlichen Kontakt mit ihren nicht-arischen Kollegen« (Fenichel, zit. nach Schröter 2009, S. 1123) sich zu verbieten? – Erneut scheint der historiographische Blick M. Schröters die bereits 1933 mobilisierte feindselige Besetzung der Beziehung zu den jüdischen Analytikern zu skotomisieren (gefühlstaub machen Anm.JSB) und hinter seinen eigenen Anspruch zurückzufallen, sich in die innere Welt C. Müller-Braunschweigs einzufühlen. So spricht er zwar von der »Chance« für C. Müller-Braunschweig, die »deutsch empfundene Stimme stärker zur Geltung zu bringen«, reflektiert aber nicht die damit mobilisierten Vernichtungs-, Neid- und Entwertungsimpulse einer »jüdischen Psychoanalyse« gegenüber.8

Am 14. Januar 1934 – also schon zwei Monate ( !) nach der Übernahme und »Arisierung« des DPG-Vorsitzes – verfasste C. Müller-Braunschweig eine »Denkschrift« an M. H. Göring, in der er »das Modell einer Zusammenarbeit der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen entwarf« (S. 1105). M. Schröter selbst scheint in seiner Betrachtung dieser »Denkschrift« von einem »hergebrachten Isolationismus der Freud-Schule« (S. 1106) 9 , sprich: die Isolation/Isolierung der jüdischen Analytiker in ihrer Mehrheit, auszugehen und sich dergestalt mit der Perspektive C. Müller-Braunschweigs zu identifizieren. Aus seinen Worten wird nicht deutlich, wer sich hier (von wem) isoliert. Gehen wir zu weit in der Annahme, dass hier unreflektiert und reinszenierend im historiographischen Text erneut -wie im Falle C. Müller-Braunschweig gegenüber F. Lowtzky – die Beziehung zwischen jüdischen und deutschen Analytikern projektiv identifizierend verkehrt wird? Wird hier nicht in der Rede von einer »deutschen« Psychoanalyse eine ressentimentgeladene Phantasie von einer »jüdischen« Psychoanalyse (re-)mobilisiert?
M. Schröter vermutet nun, dass C. Müller-Braunschweig geglaubt habe, mit dieser »Denkschrift« »etwas Positives für die Psychoanalyse geleistet zu haben« (S. 1106), und deswegen fünf Monate später, »im Juni 1934 eine Kopie an Eitingon schickte« (ebd.). Könnte diese Zusendung an M. Eitingon tatsächlich die Interpretation M. Schröters stützen? Was wird wohl M. Eitingon von diesem »schwierigen Spagat« (ebd.) gehalten haben? Nachdem doch deutlich darauf hingewiesen wurde, dass M. Eitingon voller »Bitterkeit, Empörung und Trauer« (ebd., S. 1091) über die Vorgänge 1933 gewesen sein soll und nun auch von einem Akt der »Selbstgleichschaltung« Kenntnis nehmen musste? Die recht späte Zusendung dieser Kopie, die an C. Müller-Braunschweigs verspätete Reaktion des »Danks und Mitgefühls« auf M. Eitingons Austritt aus der DPG erinnern könnte (vgl. Schröter 2009, S. 1091)10 , weist eher auf tiefere schuldgefühlshafte Skrupel hin, die Takt und Scham vermissen lassen; eine geradezu dissoziierende Empathielosigkeit, die sich keine Rechenschaft über das Empfinden des Adressaten zu geben vermag. Nun mag M. Schröter dieses Verhalten anders erleben und interpretieren; aber der Leser erfährt es nicht. Es drängt sich eher der Eindruck auf, dass er kaum eine innere Distanz gegenüber dieser latent feindselig erscheinende Handlung einzunehmen vermag, die sich vor einem externalisierten Über-Ich zu exkulpieren sucht und eine entsprechende Regung im Historiographen zum Schwingen bringt: »diese Gespräche waren der DPG aufgenötigt worden« (S. 1106). Wieder scheinen sich Denken und Fühlen der deutschen Psychoanalytiker jener Jahre in M. Schröters Text zu reinszenieren. Als ob er im Schreiben über jene von deren Denken, Haltung und Motivation geschrieben wird.
Die »Arisierung« der »jüdischen« Psychoanalyse – eine »Enteignung«?
Das tiefe Unbehagen an jener Vorstellung von einer »historischen Einheit« entspringt auch aus der historiographischen Abstraktion und (scheinbaren) Erinnerungslosigkeit von der in den vielen Jahrhunderten zur zweiten Natur gewordenen Judenfeindlichkeit, von der auch die deutschen Analytiker nicht frei waren und die einen zentralen Kern der nationalsozialistischen Identifizierung der deutschen Gesellschaft darstellte. In diesem Lichte enthält die Rede von der »Arisierung« (vgl. S. 1085, 1091, 1094, 1122) der DPG eine mehrfache Dimension: Alltagssprachlich meint dies heute zum einen die »Ersetzung« jüdischer Funktionäre durch nicht-jüdische Deutsche; ein »Ersetzen«, ein »Überflüssig- und Unbrauchbarwerden einer Sache« – wie kann denn eine konkrete Person ersetzt werden? -, das ein Verschwinden der jüdischen Bürger ankündigte. »Arisieren« meinte zum zweiten auch eine »Enteignung« jüdischen Eigentums, dessen Überführung in »arisches«. Auf diese Weise wurde das (bürgerliche) Gesetz gebrochen; Diebstahl, Raub und Plünderung wurden zum staatlich legitimierten Aneignen. Aber in unserem Kontext weist der Ausdruck »Arisierung« der DPG zugleich auf ein Drittes: Aus der Unterscheidung zwischen deutschen und jüdischen Analytikern wird, auch im historiographischen Blick M. Schröters, schleichend ein Unterschied zwischen Analytikern und Juden; auf diese Weise erscheinen schließlich die deutschen Analytiker überhaupt als die Repräsentanten der Psychoanalyse, von der die Juden ausgeschlossen sind/werden. In diesem Lichte meint »Arisierung« der DPG das Auftreten einer »deutschen« Psychoanalyse, die als »arisierte« noch von den Spuren einer gewaltsamen Dissoziation, Trennung und »Enteignung jüdischen Eigentums« kündet.
Aber wie kann vernünftigerweise die »Enteignung jüdischen Denkens« gedacht werden? Welchen Sinn könnte die Vorstellung einer »Ent-Eignung« einer »jüdischen Psychoanalyse« machen? Vorschnell kann hier das Missverständnis aufkommen, hier werde einer »jüdischen Psychoanalyse« das Wort geredet. Aber in dem (vorgeblichen) Anspruch der deutschen Analytiker, mit der Etablierung des Nationalsozialismus und der Institutiona-lisierung der Judenfeindschaft das Allgemeininteresse der psychoanalytischen Community, »das Große der psa. Sache« zu vertreten, verbirgt sich eine immer wiederkehrende Denkfigur; eine Vorstellung, die vom Text M. Schröters, der die Erinnerung verbannt, nicht benannt, allenfalls unbewusst perpetuiert zu werden vermag und worüber die deutschen Analytiker bewusst/unbewusst nicht reflektierten: In jenem Anspruch wird erneut – wie im kollektiven abendländischen Denken seit der Institutiona-lisierung des Christentums – das Interesse und Denken der Juden als partikular, das der Christen, nun der Deutschen, als allgemein und universell behauptet. Diese das jüdische Denken resp. die jüdische Position verdrängende Gegenbesetzung reproduzierte sich schließlich in der deutschen Aufklärung und feiert auch nach 1945 Urständ im zeitgenössischen psychoanalytischen Denken.11
Die Rede von einer »jüdischen Psychoanalyse« verdankt sich kulturgeschichtlichen Bedingungen und spricht eine »historische Wahrheit« (Freud 1939a) aus: Das Denken des radikalen Monotheismus in der jüdischen Text-Tradition wird von dem das abendländische Denken prägenden Christentum dissoziiert und abgespalten, indem sich der hellenistisch-rationalistische »Logos« eine inkarnierte Gestalt gibt, die sich zugleich dogmatisch als transzendent setzt. Diese Hypertrophie menschlicher Ratio sucht sich schließlich in der Aufklärung als die sich selbst setzende autonome Vernunft zu inthronisieren.12 Demgegenüber erscheint die jüdische Text-Tradition, die das Fremde in sich anerkennt und daher verweigert, sich identisch mit der Wahrheit zu setzen, in der jahrhundertealten Position, die herrschenden Denkhorizonte in Frage zu stellen. Mit der durch die Psychoanalyse initiierten »Umwertung aller psychischen Werte« (Freud 1900a, S. 335) und ihrer Erkenntnis von der Unmöglichkeit, das Denken zu totalisieren, erscheint nun die Psychoanalyse als eine

»jüdische Angelegenheit«. »Die Psychoanalyse funktioniert wie eine Katastrophe. Als Infragestellung des abendländischen Textgebrauchs ist die Psychoanalyse eine Panne für die Hierarchie des Denksystems« (Legendre 1989, S. 23; Hervorh. Y. B.). Anders ausgedrückt: Nicht (in erster Linie) weil S. Freud jüdischer Herkunft ist, erscheint sein Werk und das psychoanalytische Denken als eine »jüdische Angelegenheit«; sondern weil dieses Denken quer zum abendländischen und das heißt christlichen Denken und das der Aufklärung steht. Eine »deutsche« Psychoanalyse zu entwickeln bedeutete dann auch, die Psychoanalyse kulturgeschichtlich »auf Linie zu bringen«, sie in der Tat »gleichzuschalten«. In dieser Perspektive hat S. Hönicke-Lersch darauf hingewiesen, dass die von M. Schröter aufgenommenen historiographischen Spuren auf archaisch-narzisstische Verlust- und Vernichtungsängste bei den deutschen Psychoanalytikern schließen lassen; auf tiefe Ohnmachts- und Kränkungsgefühle, das ihnen kulturell fremde »Querdenken« der Psychoanalyse in unzureichendem Ausmaß zu vermögen; andererseits mit der Psychoanalyse S. Freuds notwendigerweise querdenken zu müssen, sich auf diese Weise auch der Gefahr auszusetzen, im totalitären NS-Regime ausgeschlossen, allen Selbstwerts beraubt und schließlich vernichtet zu werden (pers. Bemerkung). Tatsächlich könnte im vorauseilenden Gehorsam und in der Chance, ab 1933 unter den Bedingungen des Nationalsozialismus eine »deutsche Psychoanalyse« zu entwickeln, die Manifestation eines destruktiven Narzissmus gesehen werden, der die Möglichkeiten einer Abwehr, geschweige denn einer Integration destruktiver Neid-und Insuffizienzgefühle kaum noch Raum zu geben vermochte. Diese Ausstoßungs- und Vernichtungsängste – und dies liegt ganz in der Konsequenz S. Hönicke-Lerschs Interpretation – waren wohl mit einer intensiven Neidproblematik verknüpft, die sich in der Identifizierung mit der Psychoanalyse S. Freuds verbirgt; nämlich wie die Juden trotz oder gerade wegen ihrer exilischen Situation als Ausgeschlossene und Diskriminierte in einer stabilen kollektiven Identität und Tradition zu überleben vermochten. In diesem (unbewussten) Neidkomplex wären daher Ver-nichtungsängste und -wünsche verknüpft und verborgen, die in einem zerstörerisch gewendeten Narzissmus sich in der »Arisierung« der Psychoanalyse S. Freuds Ausdruck verschafft haben – eine vernichtende »Ent-Eignung« und »An-Eignung« dessen, was das feindselig besetzte jüdische Kollektiv auszeichnet. Judenfeindschaft meint deswegen immer auch »Psychoanalyse-Feindschaft«, weil die Psychoanalyse wie die jüdische Tradition aus der Anerkennung des Fremden im Eigenen lebt und dies voraussetzt; gleichsam eine anti-totalitäre und anti-institutionelle Position einnimmt. Daher kann auch gesagt werden, dass die Psychoanalyse S. Freuds im abendländischen Denken die jüdische Position einnimmt. Das jüdische Herkommen S. Freuds mag diese Identifizierung noch befördert haben. Das ressentimentgeladene Reden von einer »jüdischen« Psychoanalyse externalisiert ein Unbehagen und verweist daher mehr noch auf eine mangelnde Reflexion über die Bedingungen des eigenen Denkens und verwechselt den Menschen mit seinem Denken und der »Sache«.
Die Spaltung im Vater-Mord
Kulturgeschichtlich besehen steht in der Tat die jüdische Position bzw. die Repräsentanz jüdischen Denkens quer zu einem Denken, das sich einer »Sache« verschreibt und von den handelnden Personen zu abstrahieren sucht; als ob die »Sache« von dem konkreten Menschen getrennt werden könnte. Das Verschweigen der judenfeindlichen Ressentiments der deutschen Analytiker mutet dem Leser eine Dissoziation in der Annäherung an das historische Geschehen zu, das affekt-isoliert verstanden werden soll. Dies wird geradezu explizit und gar als Anspruch formuliert. Damit aber vergegenwärtigt sich in unserem historiographischen Text jene Affektisolierung der deutschen Analytiker, die alle Beziehung aufkündigte, und reinszeniert – in Funktion einer Abwehr der feindseligen Besetzung -jene vermeintliche »Hoffnung« in der »historischen Einheit«. Lässt das (Ver-)Schweigen der Judenfeindlichkeit überhaupt erst jene Konstruktion einer »historischen Einheit« zu, so erhellt die Dissoziation und Affektisolierung in der Lektüre, wie die Psychoanalyse zu einer »Sache« werden kann, in der alle persönlichen Kontakte entmenschlicht werden. Der »Vorrang«, den das »Interesse der »Sache« haben [sollte]« (S. 1093), lässt schließlich die deutschen Analytiker das »Schicksal der Psychoanalyse in Deutschland von dem der jüdischen Analytiker« (ebd.) trennen, forciert die Distanzierung und Spaltung und stößt schließlich die jüdischen Analytiker aus.
R. Lockot berichtet von einem an sie gerichteten Brief A. Freuds, die sich an eine Begegnung mit F. Boehm erinnert:
»Es stimmt auch, daß ich ein Gespräch mit Dr. Boehm bei seinem Aufenthalt in Wien gehabt habe, in dem er mir auseinandergesetzt hat, daß man die jüdischen Mitglieder zum Austritt aus der Vereinigung auffordern muß, was ich schlecht aufgenommen habe. Ich habe ihn gefragt, ob er denn bereit wäre, auch meinen Vater zum Austritt zu veranlassen, was er bejahend beantwortet hat. Ich könnte noch hinzusetzen, daß mein Vater nichts tun wollte, um es den Berlinern schwerer zu machen, aber einverstanden waren wir mit deren Handlungsweise natürlich nicht« (1985, S. 117).13
Diese Erinnerung gestattet uns, die Haltung F. Boehms zu verstehen und im historiographischen Kontext M. Schröters zu vergegenwärtigen: A. Freud überliefert uns jene Schwierigkeit der deutschen Analytiker, mit den jüdischen Kollegen auch in ihrer Identität als Juden in eine persönliche Beziehung zu treten. Als Repräsentant der deutschen Psychoanalytiker votiert F. Boehm unverblümt und ohne ein Schamgefühl für das Aussto-ßen des Gründungsvaters des Kollektivs, in dessen Namen er auftritt und das dieser begründet hat.14 Ein Votum, das eine affektisolierende Dissoziation, Abspaltung und Trennung von der Tradition des väterlichen Gesetzes ausspricht und dergestalt eine Verleugnung der eigenen persönlichen Geschichte, die jenes imponierende Fehlen aller Scham hervorruft. Damit spricht er die in seiner inneren Welt herrschende Tyrannei verfolgender Ängste vor Verlust von Zugehörigkeit und Anerkennung wie auch die feindselige Besetzung und Zerstörung der väterlichen Repräsentanz aus, die den Kern nationalsozialistischen und judenfeindlichen Denkens darstellen. S. Hönicke-Lersch versteht dieses immer wieder auffallende fehlende Schamgefühl im Zusammenhang einer völligen Entwertung und gar Vernichtung des inneren Objekts; was die ebenso imponierende Empathielosigkeit und -verweigerung der deutschen Analytiker erhellen könnte (persönl. Bemerkung). A. Freud überliefert uns damit ein Zeugnis der Zerstörung des Über-Ich und einer universellen Ethik, des Zerfalls von Schuldfähigkeit, Verantwortung und Solidarität – gleichsam eine Vorweg-nahme jenes realen Bruchs der Zivilisation.
Die manische Abwehr der Beziehung zu den jüdischen Analytikern
Wenn wir die Erinnerung A. Freuds in die Historiographie jener bezweifelbaren »historischen Einheit« und vermeintlichen »Hoffnung« aufnehmen, dann lassen die von M. Schröter aufgenommenen Spuren der Vergangenheit in keiner Weise den Schluss zu, dass F. Boehm als Repräsentant der deutschen Analytiker in seiner Identifikation eine wesentliche Änderung in den Jahren 1933-36 durchlief. Vielmehr – und darin liegt die Bedeutung dieses historiographischen Artikels – spiegelt und reinszeniert sich F. Boehms Abwehr der Auseinandersetzung mit dem judenfeindlichen Ressentiment in der Art und Weise, wie dieser Text die Spuren der Vergangenheit interpretierend aufnimmt.
Dies wird noch an einer weiteren Spur deutlich: Im März 1934 beschrieb F. Boehm gegenüber dem bereits emigrierten M. Eitingon das »Selbstverständnis oder Gruppenerleben der in Deutschland verbliebenen Analytiker« (S. 1095) als »>ein [fast allseits] starker Wunsch zu gemeinsamer, reibungsloser Zusammenarbeit«< (ebd.). M. Schröter gibt dem »andere Worte«: »Der Druck von außen, der auf allen lastete, zwang sie, ob Juden oder Nicht-Juden, zum Zusammenhalt im Zeichen der Psycho-analyse« (ebd.). Hier exkulpiert M. Schröter externalisierend das dissoziierende und spaltende Handeln der deutschen Analytiker. Das von K. Dräger benannte »Katakombengefühl der Zusammengehörigkeit« (ebd.) aufnehmend, bringt sein Text die Phantasie zum Schwingen, hier handele es sich um jene antiken Christen, die von der römischen Institution verfolgt werden und sich in den Katakomben Roms verbergen; eine Phantasie, in der nicht nur die Juden zu Christen werden, sondern alle Gruppenkonflikte ausgelöscht scheinen angesichts der übermächtigen feindlichen Institution Roms, sprich: des nationalsozialistischen Regimes. Unmittelbar anfügend: »Ende 1935, als dieser Zusammenhalt gerade am Zerbrechen war, erklärte Boehm […]: >Hier staunt man ganz allgemein, welches Paradies, welches Eldorado ich hier für unsere jüdischen Kollegen aufrechterhalten habe und welcher Mut meinerseits dazu gehört; eine Gesellschaft, in welcher jetzt noch Juden und Nichtjuden vollkommen gleichberechtigt arbeiten, dürfte wohl einzig in Deutschland sein«< (ebd.; Hervorh. Y. B.).15 M. Schröter sieht sich hier allenfalls bemüßigt anzumerken, »daß freilich die >Gleichberechtigung< der Juden nichts weniger als >vollkommen< war und das >Paradies< allenfalls ein sehr relatives, scheint in der ver-rückten Perspektive von damals gar nicht mehr wahrgenommen worden zu sein – außer von den Betroffenen natürlich« (ebd.), die ihrerseits, dies muss der Leser mitdenken und sich erinnern, größtenteils bereits emigrieren mussten. Offenkundig vermag M. Schröter selbst sich nicht mehr in eine solche »ver-rückte Perspektive« einzufühlen. Hier wird das bereits mehrmals aufgefallene Fehlen einer Scham erneut deutlich. Wenn wir F. Boehms Worten keine zynische und bewusst verhöhnende Haltung unterstellen wollen, dann müssen wir von einer ausgesprochen hermetischen Derealisierung ausgehen, die noch manisch abgewehrt wurde.16 In seinem Erleben ging es um »den Juden«, dem er mutig und heldenhaft ein »Paradies« und ein »Eldorado« verschafft habe, als die soziale Realität für die jüdischen Bürger und Kollegen zur Hölle zu werden begann.
In der skotomisierenden historiographischen Interpretation M. Schröters wie auch in seiner Kommentierung der von C. Müller-Braunschweig Anfang 1934 geforderten »Trennung« der »Sache« von der Person wiederholt sich/wiederholt er gleichsam (zwischen den Zeilen) die Spaltung der DPG. Als ob im Text sich der Gegensatz zwischen den jüdischen und deutschen Analytikern Bahn bricht und der Leser, der sich in das »realistische« Denken der deutschen Akteure einfühlen soll, (s)eine Dissoziation (vom späteren historischen Verlauf) aufrechterhalten – und damit auch die Frage nach der Beziehung zu den jüdischen Analytikern vermeiden – muss.
Diese Frage ist notwendigerweise mit einer anderen verknüpft:
»Soviel ich weiß, hat es niemals so etwas gegeben wie eine Selbstprüfung der führenden Personen der deutschen Psychoanalyse hinsichtlich ihres Nationalismus, ihrer Unterwerfungsbereitschaft, der raschen Aufgabe ihrer Bindung an ihre jüdischen Lehrer und Kollegen. Statt Selbstanalyse gab es nur die opportunistische Anpassung an den Zeitgeist jener Tage […]. Auch an ihre jüdischen Lehrer und Vorgänger, an Freud, Abraham und Eitingon, konnten sie sich nicht erinnern, sowenig wie sie es vermochten, sich die Stärke dieser Bindungen und ihre Abhängigkeit davon einzugestehen« (Wangh 1996, S. 109f.).
Die von C. Müller-Braunschweig erklärte Selbstverständlichkeit einer Loyalität dem Nationalsozialismus gegenüber darf daher auch M. Wangh fragen lassen, was die deutschen Psychoanalytiker »nolens volens zu Nationalsozialisten werden« (S. 117) ließ? Mit der uns von R. Lockot überlieferten Erinnerung A. Freuds (s. o.) erhält M. Wanghs Frage eine umso größere Dringlichkeit: »Welche Erniedrigung ihre Abhängigkeit [d.h. der deutschen Psychoanalytiker; Y. B.] von Freud – von dem sie erwarteten, dass er ihren Verrat an den jüdischen Kollegen und an dem essentiellen Individualismus der Psychoanalyse billige – und ihre armselige Unterwerfung unter den Führer Adolf Hitler und seine Paladine bedeuteten« (S. 118). Diese Fragen scheinen angesichts der Historiographie M. Schröters geradezu ihre Zukunft noch vor sich zu haben.

 

»Zusammenbruch« der »historischen Einheit« und der »Hoffnung« -und die dissoziierende Abwehr

Angesichts der stabilen Überzeugungen und Identifizierungen der (Repräsentanten der) deutschen Analytiker erscheint die historiographische Interpretation, sie hofften 1933-36 die Tradition S. Freuds noch fortsetzen zu können, bereits für den Zeitpunkt Januar 1934 mehr als fragwürdig. Unabweisbar verdichten sich diese Zweifel Ende 1934, als der DPG-Vorstand mit der fundamentalen Voraussetzung psychoanalytischen Denkens und Handelns brach: Mit dem »förmlichen Verbot für Mitglieder und Kandidaten, Patienten in Analyse zu nehmen, die sich in regimefeindlicher Weise politisch betätigten« (S. 1115 f.) und einer entsprechenden zu unterschreibenden Verpflichtung zerstörten die deutschen Analytiker die Voraussetzungen psychoanalytischer Arbeit in der Tradition S. Freuds, die u. a. in der Herstellung und im Aufrechterhalten einer haltenden und bergenden analytischen Beziehung besteht.17 Unmissverständlich und in aller Klarheit zitiert M. Schröter diese Zerstörung aller Bedingungen psychoanalytischen Arbeitens durch das Handeln des DPG-Vorstandes in der Argumentation F. Boehms: »[Man] könne von einem Patienten nicht verlangen, >daß er uns, die analytischen Grundregeln befolgend, Dinge mitteilt, welche wir anzeigen müssen, es sei denn, daß wir riskieren wollen, uns eines Vergehens schuldig zu machen, das mit Gefängnis […] bestraft wird«< (S. 1116; Hervorh. Y. B.).
Spätestens für das Ende 1934 muss also der Historiograph mit dieser Zerstörung der Schweigepflicht und des Schutzes der psychoanalytischen Beziehung konstatieren: »Ein business as usual war insofern vom Kern der psychoanalytischen Praxis her unmöglich« (ebd.). Kraft seiner aufgenommenen Spuren der Vergangenheit höhlt er selbst seine Konstruktion einer »historischen Einheit« der Jahre 1933-36 aus, in der noch die »Hoffnung« bestanden haben soll, unter den Bedingungen einer nationalsozialistisch gleichgeschalteten Gesellschaft die Tradition S. Freuds fortführen zu können. Genauer besehen, und dies entnehmen wir dem »Kleingedruckten« einer Fußnote, dürfen wir sogar annehmen, dass »Ende 1934« eine kaum gesicherte Vermutung darstellt. »Die Angabe >Anfang 1934< bei Boehm […] ist weniger glaubhaft, da der betreffende Vorstandsbeschluss auf eine Gesetzesänderung von April 1934 zu reagieren scheint« (S. 1115, Rn. 38; Hervorh. Y. B.). Nichts scheint also gegen die Annahme zu sprechen, dass bereits Mitte 1934 und das heißt ein halbes Jahr nach der »Arisierung« des Vorstands der DPG im November 1933 das psychoanalytische Denken S. Freuds substantiell angegriffen und aufgegeben wurde. Fügen wir noch hinzu, dass die o. a. Begründung F. Boehms für das aktive Suspendieren »des essentiellen Freiraums psychoanalytischer Arbeit« (S. 1116) sich dem Inhalt und Tenor nach wie die von C. Müller-Braunschweig gegenüber F. Lowtzky im Februar 1934 selbstherrlich angeführte Begründung für die Gleichschaltungspolitik der »DPG-Verantwortlichen« und die Erklärung einer »selbstverständlichen« Loyalität dem nationalsozialistischen Staat gegenüber liest.
Obwohl also die Vorstellung jener »historischen Einheit« spätestens mit den Spuren des Jahres 1934 mehr als fragwürdig geworden ist, erkennt M. Schröter erst angesichts F. Boehms Memorandum vom 29. 1. 1936 »ein Maß an Zustimmung zur Rassenpolitik des NS-Staates, das schwer zu ertragen – und das gegenüber früheren Dokumenten neu ist« (ebd.; Hervorh. Y. B.). Was aber ist so »neu« an diesem Zeugnis? »Wir Psychoanalytiker sind der Ansicht, daß nur Arier diese Nacherziehung in unserem Staate erfolgreich leisten können. Die >Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft< besteht jetzt nur aus Ariern« (S. 1122), sprich: nunmehr sei das Kollektiv deutscher Psychoanalytiker in der Lage, eine nationalsozialistische Erziehungsarbeit zu leisten, denn es sei »judenrein« – » [Anfang Dezember 1935] wurden die verbliebenen jüdischen Mitglieder zum Austritt genötigt« (S. 1121). Es ist schon erstaunlich genug, dass M. Schröter an dieser Stelle »Verständnis für Boehms Bemühungen um ein Überleben der Psychoanalyse in feindlicher Umwelt« (ebd.; Hervorh. Y. B.) findet: Sein Versuch, sich in die innere Welt der deutschen Analytiker einzufühlen, reflektiert eine verleugnende Externalisierung der judenfeindlichen Ressentiments der deutschen Analytiker; in Identifizierung mit ihnen projiziert er die feindselige Besetzung der Psychoanalyse in die »feindliche Umwelt«. Was hier aber vor allen Dingen ein Erstaunen hervorrufen muss: Erst im Januar 1936 erkennt er eine »Identifikation [der deutschen Analytiker; Y. B.] mit dem Aggressor« und deren »Maß an Zustimmung zur Rassenpolitik des NS-Staats«, das ihm nun schwer erträglich ist.
Nachdem er – um nur an einige bislang aufgenommenen Spuren jener Zeit zu erinnern – registriert, dass F. Boehm »schon bevor er offizieller DPG-Vorsitzender wurde, große Anstrengungen [unternahm], um die neuen Machthaber positiv von der Kompatibilität der Psychoanalyse mit dem NS-Staat zu überzeugen« (S. 1097); dass die »in Deutschland verbliebenen Analytiker die Zusammengehörigkeit mit ihren nicht-deutschen Kollegen [untergruben]« (S. 1102; vgl. auch S. 1105) und schließlich sich nicht nur von der Freudschen Tradition distanziert (vgl. S. 1104), sondern diese gar angegriffen und zerstört (»arisiert«) haben (vgl. S. 1115f.) -nach all diesen Zeugnissen und Spuren der Jahre 1933-34 vermag M. Schröter erst mit jenem Memorandum F. Boehms vom Januar 1936 bei der »Rest-DPG« »eine Identifikation mit dem Aggressor« (S. 1122) zu dechiffrieren, ein schwer erträgliches »Maß an Zustimmung zur Rassenpolitik des NS-Staates« (ebd.) zu empfinden und »die Identifizierung mit dem NS-Staat zur Grundlage ihrer beruflichen Praxis« (S. 1123) zu erkennen.

 

So bleibt hier nur noch zu fragen: Welches Maß an dissoziierender Abwehr und (Affekt-)Isolierung muss das Schreiben dieses historiographischen Textes begleitet und bewegt haben, dass er an dieser Stelle seines Textes schreiben kann: Dieses »Maß an Zustimmung zur Rassenpolitik des NS-Staats […] [ist] gegenüber früheren Dokumenten neu«? Psychoanalytisch gelesen können wir hier nur noch konstatieren: Die von ihm in seinem historiographischen Text kaum explizierte Einfühlung in die innere Welt der deutschen Analytiker lässt ihn deren Denken, Fühlen und Handeln identifikatorisch wiederholen resp. reinszenieren. Seine hypostasierte »historische Einheit« erscheint geradezu als ein Ausschnitt aus der inneren Welt der deutschen Analytiker in den Jahren 1933-36, in dem von einer Judenfeindlichkeit nicht (mehr) die Rede ist und dergestalt die Beziehung zu den jüdischen Analytiker tabuisiert und abgespalten wird.
Die »Dissoziation« der Juden von den Analytikern

und der heimliche Angriff auf die »jüdische Psychoanalyse«
Nun wird der psychodynamische Hintergrund der immer wieder bemühten und von D. Becker (2010, S. 260) zu Recht problematisierten Unterscheidung »zwischen Angriffen gegen Juden und gegen die Psychoanalyse«, die »für das Verständnis des Schicksals der Freud-Schule in den Anfängen des Dritten Reichs […] per se von kardinaler Bedeutung [ist] « (Schröter 2009, S. 1119), verständlicher. Diese Unterscheidung erweist sich als eine projektive Identifizierung: Der intrapsychische Konflikt der einzelnen deutschen Psychoanalytiker – mit einer ihnen erscheinenden (feindselig besetzten) »jüdischen Psychoanalyse« – wird in einem interaktionellen Konflikt innerhalb der DPG zwischen den jüdischen und deutschen Analytikern und schließlich zwischen der nationalsozialistischen Institution und der DPG, die sich als Repräsentantin der Psychoanalyse darstellte, externalisierend abgewehrt.
Genauer besehen unterscheidet der historiographische Text zwischen »Juden« und »Psychoanalyse«, mithin zwischen konkreten Personen einer Gruppe und einer kollektiven Denkform resp. »Sache«. Dies ist kein Unterschied, der einen Vergleich zuließe und einen Konflikt konstituieren könnte. Wenn es also heißt, dass »zu guter Letzt« »die vorhandene Feindseligkeit des Regimes gegen die Psychoanalyse, anders als zunächst befürchtet, bis 1936 zu keiner Verfolgung oder Unterdrückung [geführt]« (ebd.) hatte18 – dann offenbart dieser Blick seine externalisierende Funktion: 1. Die meisten jüdischen Analytiker, die im Erleben der deutschen Analytiker die »Freud-Schule« und eine »jüdische« Psychoanalyse reprä-sentierten, waren emigriert; 2. der feindliche Gegensatz zwischen den nationalsozialistisch identifizierten Deutschen und den Juden fand ab 1933 als ein Gegensatz zwischen den deutschen und den jüdischen Analytikern in der DPG verschwiegen Eingang: Die deutschen Psychoanalytiker haben gleichsam stellvertretend und in Identifizierung mit dem nationalsozialistischen Staat die »Freud-Schule« selbst angegriffen. C. Müller-Braunschweigs Verkehrung der Psychoanalyse zu einer »Sache«, die dann »arisiert« werden konnte, spiegelte gleichsam die aktiv betriebene Diffamierung und Dissoziation einer »jüdischen« Psychoanalyse, in der not-wendigerweise ihre Träger diskriminiert und ausgestoßen wurden. Ein »Bündnis mit politischen Kräften [einzugehen; Y. B.], die andere, nichtdeutsche, als >jüdisch< verpönte Positionen unterdrückten« (S. 1102), impliziert, »jüdische« Positionen selbst unterdrücken zu wollen. Die nationalsozialistische Institution sah also deswegen keinen Anlass, die »psychoanalytische Sache« anzugreifen und zu »arisieren«, weil die deutschen Psychoanalytiker in ihrer Loyalität zum und Identifizierung mit dem nationalsozialistischen Staat die »jüdische« Psychoanalyse durch eine »deutsche« ersetzten, sprich: »arisierten«. Darin besteht die »kardinale Bedeutung« jener historiographisch behaupteten Unterscheidung »zwischen Angriffen gegen Juden und gegen die Psychoanalyse«.
Woher wissen nun A. Freud und M. Schröter um jene vermeintliche Unterscheidung, wonach die 25 Mitglieder der DPG 1933/34 Deutschland verlassen hatten, weil sie Juden waren und nicht als Analytiker (vgl. S. 1088 f.)? Welche Archivquellen werden hier vorausgesetzt? Was wissen wir tatsächlich über die innere Welt, die Motivationen und das Erleben der sich bedroht fühlenden jüdischen Analytiker, die sich gezwungen gesehen haben zu emigrieren? Könnte es auch sein, dass die ins Exil getriebenen Psychoanalytiker von einem untrennbaren Zusammenhang zwischen der Diffamierung, Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Bürger und Psychoanalytiker ausgegangen waren? Wer kann sich in eine solche das Denken lähmende Dissoziation einfühlen? D. Becker (2010) hat diese Problematik bereits deutlich angemeldet. Könnten die jüdischen Analytiker vielmehr überzeugt gewesen sein, dass die im Kern judenfeindliche Politik des nationalsozialistischen Deutschlands das psychoanalytische Denken selbst angreifen würde und musste? Vor allen Dingen aber auch deswegen, weil mit dem staatlich institutionalisierten Nationalsozialismus die Judenfeindlichkeit institutionalisiert wurde und damit, wie in der Bücherverbrennung in aller Klarheit öffentlich deutlich wurde, »das Buch als Lebensraum« (Lhvinas 2005, S. 68), von dem sich gerade das »Volk des Buches […] nährt« (ebd.), einer zerstörerischen Verfolgung ausgesetzt wurde? Dass »dort wo man Bücher verbrennt, man auch am Ende Menschen [verbrennt] « (H. Heine 1821/23)? Dass es also keineswegs nur ein pöbelhaftes Ressentiment war, gegen eine »jüdische Psychoanalyse« zu hetzen? 19 Dass die jüdischen Analytiker es als zutiefst inhuman und als Zerstörung der persönlichen Beziehungen, die zugleich auch einen Schutz bedeuten, empfunden haben, für die Idee (der Psychoanalyse) den konkret sich als Juden identifizierenden Menschen und Kollegen aufzugeben?
M. Schröter wird nicht müde, die von A. Freud getroffene Unterscheidung immer wieder zu bemühen; als ob die Vorstellung von einer »jüdischen Psychoanalyse« schwer zu ertragen ist und daher eine (unbewusste) Tendenz in Gang setzt, einer forcierten Trennung der Psychoanalyse von ihren jüdischen Trägern das Wort zu reden, damit schließlich und endgültig von jener Vorstellung nicht mehr gesprochen werden kann. Dies scheint mir nicht nur ein Versuch zu sein, unermüdlich gegen die »historische Wahrheit« einer »jüdischen Psychoanalyse« anzuschreiben; darüber hinaus könnte hierin auch ein (un)heimliches Zentrum dieses Diskurses über das Schicksal der Psychoanalyse im nationalsozialistischen Deutschland verborgen sein. Bedeutete vielleicht die Absicht, eine »deutsche« Psychoanalyse zu entwickeln, dass eine »jüdische Psychoanalyse« qua »Gunst der Stunde« zurückgedrängt und angegriffen werden musste -bis zu dem Punkt, an dem – auch für M. Schröter nunmehr – Psychoanalyse und jüdische Existenz völlig voneinander getrennt erscheinen (sollen)?
Der »dissoziierte Jude«
In der Tat kann, wenn auch aus einer anderen Perspektive, gesagt werden, dass in jener Unterscheidung zwischen Juden und Analytikern, die alsbald zu einem (feindlichen) Gegensatz wurde, »das Kernproblem« (Schröter 2009, S. 1121) gesehen werden kann: »Der neue Vorstand glaubte Eitingon, den Psychoanalytiker, auf eine Rest-Identifizierung mit der DPG ansprechen zu können, was ihnen Eitingon, der Jude, verweigerte. Für ihn hatte schon die Kooperation mit einem anti-jüdischen Regime einen unheilbaren Bruch in der Geschichte der DPG gestiftet« (ebd.). Dieser Kommentar folgt unmittelbar der berichteten Episode, wonach M. Eitingon von F. Boehm am 13. 6. 1936 an einen Schuldbetrag von 1970,50 Mark erinnert wird. M. Schröter interpretiert dies als einen »kleinliche [n], pein-liche[n] Niederschlag des Anspruchs auf Kontinuität, den die DPG nach 1933 vertrat« (S. 1120f.). Vergegenwärtigen wir uns: M. Eitingon, der die Berliner Psychoanalytische Klinik gegründet, das Institut und den Internationalen Psychoanalytischen Verlag finanziert hatte und 1933 sich zur Emigration gezwungen sah, wird 1936 – als das psychoanalytische Institut bereits nationalsozialistisch »gleichgeschaltet« war und die DPG endgültig von einer Identifizierung mit der »Rassenpolitik des NS-Staates« (S. 1122) geleitet wurde – an seine Geldschuld erinnert. Die Mahnung F. Boehms als »kleinliche[n], peinliche[n] Niederschlag« zu bewerten, erscheint doch recht euphemistisch; vor allen Dingen aber vermag der historiographische Blick M. Schröters das offenkundige Fehlen von Scham und Schuld in keiner Weise zu verstehen und deswegen gerät ihm eher der »Anspruch« als die »Kontinuität« in die Aufmerksamkeit.20 Gerade weil die Repräsentanten der DPG längst die Tradition S. Freuds als gutes Objekt zerstört hatten, konnten sie keine Scham und Schuld in ihrer Beziehung zu ihren ehemaligen jüdischen Kollegen empfinden; jegliche Kontinuität konnte nur noch als ein von allen Zusammengehörigkeitsgefühlen entleertes Phantasma behauptet werden. Hier erscheint in aller Deutlichkeit die Skotomisierung des historiographischen Blicks M. Schröters, der weder die innere Welt F. Boehms noch die M. Eitingons zu erspüren vermag. Daher scheint er nicht zu verstehen, warum der Vorstand der DPG M. Eitingon auch nicht als jüdischen Kollegen anzusprechen vermochte, der sich in der Not sah, emigrieren zu müssen. Und umgekehrt: Weshalb sieht M. Schröter nur den sich (seinen deutschen Kollegen) verweigernden Juden (vgl. S. 1085) und nicht auch den Psychoanalytiker, der sich menschlich zutiefst verletzt fühlen musste ?21 M. Eitingon ist dem Historiographen M. Schröter immer wieder nur der »Jude«. Lesen wir hier nicht erneut von einer projektiven Verkehrung? Wer hat sich denn der Solidarität »im Namen der gemeinsamen >Sache«< versagt? Waren es denn nicht gerade die deutschen Analytiker, die die Solidarität verweigerten und die »Zusammengehörigkeit [untergruben] « (S. 1102; vgl. auch S. 1122)?
Im Versuch, die innere Welt der Person des jüdischen Analytikers zu verstehen, erblickt M. Schröter den Juden und damit ein Phantasma, das die persönliche Beziehung der deutschen Analytiker zu den jüdischen Kollegen äußerlich bleiben lässt, isoliert und dissoziiert. Selbst noch der »Exodus der jüdischen Mitglieder« (S. 1087, Hervorh. Y. B.) wird zu einem »Auszug der meisten Juden« (S. 1117; Hervorh. Y. B.), der das Bild des biblisch überlieferten »Exodus« aus der Knechtschaft und Unterdrückung, den die Juden vor 3500 Jahren in freiem Willen hinter sich gebracht haben, nahelegt.
Das Bannen des »dissoziierten Juden« wird noch an einer anderen Intention dieser Historiographie deutlich: Der Text sucht dem Leser nahe-zubringen, dass die jüdischen Analytiker resp. 0. Fenichel davon ausgegangen waren, die Psychoanalyse »wäre eine jüdische Angelegenheit […]. Das mag nicht wörtlich die Meinung Eitingons gewesen sein, obwohl er als einer der ersten die Psychoanalyse ausdrücklich als >etwas von einem großen Juden Geschaffenes«< empfand (Freud & Eitingon 2004, S. 871). Aber es ist unverkennbar, dass sein (besonnenes) Verhalten in der Situation von 1933 und danach getragen war von seinem Selbstbewusstsein als Jude. Sein Austritt aus der deutschen Gruppe erfolgte, soweit ersichtlich, im Protest gegen die Diskriminierung jüdischer Mitglieder und nicht etwa wegen einer Verfälschung psychoanalytischer Inhalte, ähnlich wie bei Clara Happel« (S. 1119). Was für M. Schröter »unverkennbar« und »ersichtlich« ist, erweist sich bei näherem Hinsehen als unausgewiesen vorausgesetzt: Zunächst bedeutet die Tatsache, dass ein Jude die Psycho-analyse »geschaffen« habe, keineswegs, dass diese selbst als eine »jüdische Angelegenheit« verstanden wird; wenn auch deutsche und jüdische Analytiker, übrigens auch S. Freud, von einer solchen Vorstellung offenkundig nicht ganz frei waren. Zudem erscheint M. Schröters Lesart der Worte M. Eitingons (»von einem Juden Geschaffenes«) im Kontext des Briefes an S. Freud keineswegs zwingend oder eindeutig: Im Zusammenhang seiner Absicht, in Palästina ein psychoanalytisches Institut zu eröffnen, lesen wir: »Eine Neugründung, etwas von einem großen Juden Geschaffenes, Weltgeltung Habendes soll hier eine Heimstätte haben!« (Freud & Eitingon 2004, S. 871). M. Eitingon akzentuiert hier die universelle Bedeutung der Psychoanalyse, die von einem Juden geschaffen worden sei und nun eine sichere Zufluchtsstätte haben sollte; keineswegs spricht er davon, dass die Psychoanalyse eine »jüdische Angelegenheit« darstelle. Und warum sollte M. Eitingons »besonnenes Verhalten« (allein) auf » [sein] Selbstbewusstsein als Jude« zurückzuführen sein? Es ist nicht auszuschließen und Ehre genug. Aber könnte er nicht auch als Analytiker und als Person mit einem stabilen ethischen Empfinden und Bewusstsein gegen die »Diskriminierung jüdischer Mitglieder« protestiert haben, die ihm als Mensch und Analytiker wichtiger waren als die »Sache«?
In der Tat durchzieht diesen historiographischen Text die Tendenz, den »Juden« zu dissoziieren: »Es gab vor allem unter den Emigranten aus Deutschland starke Tendenzen, den Anschein der Kontinuität in der Ar-

beit der DPG nach 1933 zu durchkreuzen. Sie beruhten teils auf politisch-theoretischen Überzeugungen, teils auf einer Art von jüdischem Nationalstolz« (S. 1116). Es muss nicht verwundern, dass es vielen nicht-deutschen Analytikern ein ernsthaftes Anliegen war, deutlich zu machen, dass in Deutschland die Tradition S. Freuds aufgegeben, abgebrochen und zerstört wurde. Aber in unserem Kontext möchte man doch zu gerne wissen, wieso dieses Anliegen »einer Art von jüdischen Nationalstolz« entspringt. Desgleichen ist in keiner Weise auszumachen, wie M. Schröter auf die Interpretation kommt, M. Eitingons Einwände gegen einen Ausschluss W. Reichs »eher auf jüdischer Solidarität oder jüdischem Stolz [beruhten] « (S. 1096, Fn. 14); dessen Brief an S. Freud vom 21. 4. 1933 kann diesen Zusammenhang in keiner Weise stützen. So wird die Vermeidung der Beziehung zu den jüdischen Analytikern insbesondere in der historiographischen Betrachtung M. Eitingons deutlich. Sie sucht in gewisser Weise die Anstrengung eines »Spagats« zwischen den sich ausschließenden Identifizierungen. Aber es stellt sich immer wieder heraus, dass u. a. dem Juden und Analytiker M. Eitingon die Einfühlung verweigert wird.
Dem Historiographen gerät immer wieder der (vom Analytiker »dissoziierte«) Jude in den Blick: Das Sprechen von einem »Exodus« oder »Auszug« der Juden, das die analytische Identität vermeidet; das Aufscheinen M. Eitingons als Jude, der von seiner Identität als Psychoanalytiker vermeintlich nichts mehr wissen will; weniger als Psychoanalytiker, vielmehr »als Jude« sich verletzt gefühlt habe und daher weniger als S. Freud bereit gewesen sei, Opfer zu bringen. Immer wieder fokussiert der Text ausschließlich den von der psychoanalytischen Bewegung und Organisation getrennten »Juden«. Als ob er dem Bannkreis nicht entkommen kann, den Juda Löb Baruch alias Ludwig Börne am 7 Febr. 1832 verwundert registriert:
»Es ist wie ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die andern verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus.«
Das Gefangensein in einem solchen »Bannkreis« und das Isolieren der Identität der Juden von deren Identität als Analytiker verunmöglicht gerade die Einfühlung und Aufnahme einer Beziehung zu den jüdischen Analytikern. Wenn auch die Diskriminierung der Juden und deren Ausschluss aus der deutschen Gesellschaft benannt werden – die innere Welt der aktiv handelnden Personen bleibt im Dunkeln. So muss (auch) M. Schröter dem Leser schließlich die Antwort schuldig bleiben, wie es denn zum Ende jener vermeintlichen »historischen Einheit« zum Ausschluss der jüdischen Analytiker aus der DPG gekommen ist.
Zur Frage der »moralischen Grauzonen«
Es ist nicht von Belang, ob es in dieser »erzählten Geschichte [unter den Hauptpersonen] keine Schurken und keine Helden [gibt] « (S. 1125). Wenn wir aber von »eindeutigen Opfer [n] « (ebd.) sprechen können, dann auch von »entsprechend eindeutigen Täter [n] « (ebd.). Es kommt eben darauf an, von welchen Taten wir sprechen und wie wir uns auf sie beziehen, was sie uns bedeuten. Ebenso wie die Psychoanalyse (als kollektive Denkform) nicht auf zwei Beinen zu gehen vermag, ebensowenig gibt es eine Historie, die nicht von Menschen gemacht wird. Die allgemeine Identifizierung Deutschlands mit dem Nationalsozialismus war keine Naturkatastrophe, die über Deutschland hereinbrach, noch eine Epidemie, die aus heiterem Himmel große Bevölkerungsschichten infizierte – auch wenn das Handeln der Akteure gleichsam aus deren zweiter Natur entsprang und z. T. unbewusst motiviert war. Sich ausschließlich an deren bewusste Motivationslage zu halten macht ihre Spuren zu nahezu sinnlosen Fakten und befördert eine dissoziierende Lektüre, in der sich die Spuren der Vergangenheit als bedeutungslos Vergangenes reinszenieren.
In diesem Lichte erscheint die historiographische Charakterisierung des »vergeblichen Bemühens der neuen DPG-Leitung um Normalität« (S. 1114) bemerkenswert: Die Feier anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Instituts am 16. 2. 1935, »die eine Demonstration der Normalität hatte werden sollen, [wurde] durch die unentrinnbare Ambivalenz der Situation [vergällt’« (S. 1115; Hervorh. Y. B.). Hier handelt es sich keineswegs um eine sprachliche Ungenauigkeit; vielmehr um einen tiefer determinierten Lapsus : Eine Situation kann nicht ambivalent sein, allenfalls im Blick des Historiographen, der unbedacht seine Wahrnehmung von seinem Erleben und seiner Interpretation isoliert und projektiv verarbeitet. Daher gerät die vermeintlich ambivalente Situation nicht in die kritische Reflexion, die erkennen ließe, dass diese Situation sich überhaupt nur herstellen konnte, weil die deutschen Analytiker gerade nicht ihre Ambivalenz aufrechterhalten konnten; vielmehr in Identifizierung mit der institutionalisierten Judenfeindlichkeit die Psychoanalyse Freuds als gutes inneres Objekt zerstörten und ihren jüdischen Kollegen spaltend die Zusammengehörigkeit verweigerten. Zudem bedeutete das Fehlen der jüdischen Analytiker, die dieses Institut gründeten, finanzierten und mit Leben füllten, gerade auch ein Fehlen lebendiger menschlicher Beziehungen, die die zentralen Konflikte hätten (zusammen-)halten können. In der »Bitterkeit […], die Boehm zu verleugnen suchte« (ebd.), verbarg sich seine Unfähigkeit, sich in die innere Welt der diskriminierten und vertriebenen Kollegen einzufühlen und daher auch die Ambivalenz zu ertragen. Indem nun M. Schröter der Situation eine Ambivalenz zuschreibt, drängt sich ihm (unbedacht?) genau diese Unfähigkeit F. Boehms auf, die er allerdings auf die Situation verschiebt, wo sie eben nicht vorhanden sein kann und damit schließlich als ungeschehen dargestellt wird. In dieser Verschiebung, die auch noch jene Rede von der »psa. Sache« zu perpetuieren scheint, ver-birgt sich zugleich noch eine weitere affekt-isolierende und exkulpierende Strategie: Wir lesen von einer »unentrinnbare[n] Ambivalenz der Situation« (Hervorh. Y. B.). Der damit insinuierten Zwangsläufigkeit des Ge-schehens, das zu dieser Situation geführt hat, begegnen wir auch in der Schlussbetrachtung: »Die unauflösbare Spannung, die 1934/35 zwischen Boehm und Müller-Braunschweig auf der einen und Eitingon auf der anderen Seite bestand, hat etwas Tragisches« (S. 1125; Hervorh. Y. B.). Wird schon in der Zuschreibung einer Situation, ambivalent zu sein, der Frage nach den tieferen Motiven der Repräsentanten der DPG ausgewichen, so erst recht in der Rede von einer »Tragik«. Bekanntlich handeln die Agenten der griechischen Tragödie auf Ratschluss der Götter, dem sie nicht entkommen können; gleichsam als blind Handelnde, aber mit Bewusstsein begabte Menschen, vollziehen sie ungewollt und zwangsläufig den Willen einer fremden Macht. Sollte die Historiographie M. Schröters tatsächlich in F. Boehm und C. Müller-Braunschweig, aber auch in allen DPG-Akteuren, Agenten einer griechischen Tragödie sehen – und damit auch keine »eindeutigen« Täter?
Es darf mit gutem Grund bezweifelt werden, ob »man hinterher immer klüger ist«. Insbesondere dann, wenn das freie Denken durch unreflektierte tiefere seelische Prozesse gehemmt wird, die das historische Geschehen tradieren, nicht vergehen lassen und schließlich abstrakt und disso-ziiert erscheinen lassen. Ja, das dergestalt gelähmte Denken sucht sich schließlich noch gegen ein Infragestellen seiner selbst zu immunisieren: So läuft jeder Leser, der die Jahre nach 1936 nicht zu dissoziieren, sprich: nicht zu vergessen bereit ist, nach der Konstruktion M. Schröters Gefahr, zu einem »Besserwisser« zu werden, der eben »hinterher« klüger zu sein vorgibt. Oder er geriert sich als ein »moralischer Saubermann«, der die »moralischen Grauzonen, in denen sich unser aller Leben zumeist bewegt, [verfehlt] « (S. 1125; Hervorh. Y. B.). Der Leser sollte sich also hüten, es besser wissen zu wollen und moralisch integer aufzutreten. Diese allgemein klingende Mahnung, die in ihrer banalen Selbstverständlichkeit eher stutzig macht, muss vor ihrem realen Hintergrund konkretisiert und in den vorliegenden historiographischen Kontext gestellt werden: Der Leser, dem es, so M. Schröter, » [nicht] gelingt, die verschiedenen Identifikationen zu integrieren« (ebd.), dürfe daher nicht das »Tragische« dieser Geschichte zu einem »scharf konturierten Bild [machen], das dann gegebenenfalls auch eine moralische Verurteilung erlaubt« (ebd.), was eben zu einem Verfehlen der »moralischen Grauzonen, in denen sich unsere aller Leben zumeist bewegt«, führen würde. Konkret und im Kontext: Eine Loyalitätsbekundung dem nationalsozialistisch-judenfeindlichen Staat gegenüber wie auch eine unmissverständliche »Zustimmung zur Rassenpolitik des NS-Staates« gehören dem historiographischen Denken M. Schröters wohl noch zu »menschlich-allzumenschliche[n] Motive [n] « (ebd.) und befänden sich in den »moralischen Grauzonen, in denen sich unser aller Leben zumeist bewegt«.22
Angesichts eines solchen historiographischen Textes – nach dreißig Jahren intensiver Auseinandersetzung der deutschen Psychoanalytiker um das Schicksal der Psychoanalyse während der Zeit des Nationalsozialismus – erscheint es nach wie vor dringlich, den zerstörerischen und judenfeindlichen Kern der Identifizierung der deutschen Analytiker jener Zeit herauszuschälen und zu analysieren (vgl. auch Brainin & Teicher 2010, S. 354). Zweifellos gehört es zu einer human-zivilisatorischen Ethik, an die Mahnung des großen Talmudgelehrten Hillel zu erinnern: »Richte deinen Nächsten nicht, bis du in seine Lage gekommen bist« (Sprüche der Väter, 11/5). Wir alle wissen nicht, wie wir gehandelt hätten. Es kann keinem Akteur der Gruppe der deutschen Analytiker nach 1945 sinnvoller-und ethischerweise vorgeworfen werden, kein Held gewesen zu sein. In diesem Sinne ist es nicht von Belang, ob es »keine Schurken und keine Helden« gegeben habe. Aufrichtigkeit, Respekt und Anstand setzen (jedenfalls nicht zwangsläufig) keineswegs voraus, ohne allen »Makel« einer nationalsozialistischen Identifizierung oder Sympathie mit dem Nazi-Regime aus jener »erzählten Geschichte« »herausgekommen« zu sein. Vielmehr und von weitaus größerer Bedeutung handelt es sich um die Frage, ob eine solche Identifizierung oder Sympathie im Nachhinein einer Reflexion und tieferen Analyse unterzogen worden sind; ob eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln und Denken in der Zeit 1933-45 stattgefunden hat. M. Schröters Historiographie überliefert auf ihre eigene Weise das Verschweigen der tieferen und z. T. bewussten Motive im Handeln der Akteure jener Zeit.
Die immer wieder nach 1950 gehörte Losung »Zurück zu Freud« meint, ernst genommen, einen Weg der Anerkennung, Wiedergutmachung und Annahme des guten Objekts zurück zu beschreiten und eigenen Lebenssituationen, die ehemals aufgegeben, verlassen, angegriffen resp. feindselig besetzt und zerstört wurden, zu begegnen, sprich: sich zu erinnern, was sie bedeuteten und welchen Reichtum sie zur Verfügung gestellt haben. Diese Wiederbegegnung auf der »Rückreise« könnte eine Trauer initiieren. Die Psychoanalyse S. Freuds, in der das Erzählen der persönlichen Geschichte und Tradition im Zentrum steht, wurde in Deutschland 1933-45 gewaltsam unterbunden und schließlich von den deutschen Analytikern selbst zerstört. Es erschien ihnen unerträglich, an der Repräsentanz des Juden S. Freud, des Gründungsvaters ihrer professionellen Existenz, an diesem »guten« identitätsbildenden Introjekt in der Ambivalenz festzuhalten und der Spaltung und Externalisierung des »bösen« und »zersetzenden« Fremden zu widerstehen. Die Möglichkeit zu trauern und die Geschichte als Eigenes anzunehmen wird aber gehemmt, wenn die Frage nach der Bedeutung der verlorenen, vertriebenen und vernichteten jüdischen Analytiker nicht vergegenwärtigt und die Beziehung zu ihnen isolierend vermieden wird. – L. M. Hermanns kennt von C. Müller-Braunschweig »keinen Text […], in dem er sich selbstkritisch zu seiner Vergangenheitsbelastung und der seiner Gruppe geäußert hatte« (S. 47).
M. Schröter repräsentiert uns eine Historiographie gewissermaßen ohne Erinnerung, die die entscheidenden Bedingungen des Handelns und Denkens deutscher Analytiker in den Jahren 1933-36 vergessen zu haben scheint und darüber schweigt. In diesem Sinne schreibt sich das verschwiegene und tabuisierte judenfeindliche Denken und Handeln, mit dem deutsche Analytiker bereits 1933 insgeheim identifiziert waren, re-inszenierend in diese Historiographie ein. Die historiographische Konstruktion einer »historischen Einheit«, die eben eine »Hoffnung«
jener Zeit unterstellt, die Tradition S. Freuds hätte noch unter judenfeindlichen Bedingungen fortgesetzt werden können, tabuisiert die feindselige Besetzung der jüdischen Analytiker. Auf diese Weise wird das eigene Wissen und die Erinnerung vermieden und zwischen den Juden und (jüdischen) Analytikern gespalten. So schließt sich M. Schröter faktisch selbst aus der Beziehung zu den jüdischen Analytikern aus, die dergestalt zu (»ewigen«) Juden und äußerlich Fremden werden. Diese Form der Historiographie, die die Beziehung zu den ausgestoßenen jüdischen Analytikern (ver-)meidet, vermag das Trauern um den Verlust im Durcharbeiten der Erinnerung und der Spuren der Vergangenheit nicht zu befördern, geschweige denn anzuerkennen.

Kontakt: Yigal Blumenberg, Finckensteinallee 90, 12205 Berlin.
E-Mail: yiblumenberg@mac.com
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Summary
Historiography without memory? The return of the repressed via (affective) isolation of anti-Semitism in »The German Psychoanalytic Society 1933-1936« by M Schröter in PSYCHE 63, 2009. – These comments problematize M. Schröter’s historiography of the »contemporary perspective of the actors« of the German Psychoanalytic Society in the years 1933-36. His notion of an »historical unity« in that period is based on the abstraction of feelings of envy and inadequacy and on the archaic annihilation anxieties and wishes of the German analysts in their relation to their Jewish colleagues and the fantasm of »Jewish psychoanalysis.« In this way, Schröter’s historiography falls to face up to the task of working through and remembering deep-seated identifications, excludes itself from the relationship to the Jewish psychoanalysts expelled from the Society in 1935, and reenacts the dissociation in the behavior of the German »actors« in the Nazi era.
Keywords: German Psychoanalytic Society (»Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft«, DPG); anti-Semitism and Nazism; psychoanalysis and Judaism

Résumé

Une historiographie sans mémoire? Le retour du refoulé par l’isolement de l’affect de
l’ antisémitisme dans: »Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933–1936« de
M. Schröter, publié dans Psyche – Z Psychoanal 63, 2009. – Ce commentaire problématise
l’historiographie de »la perspective contemporaine des acteurs« de l’Association
allemande de psychanalyse (DPG) pendant les années 1933–1936 établie par
M. Schröter. Son estimation d’une »unité historique« de ces années repose sur l’abstraction
autant des sentiments de jalousie et d’insuffisance que des angoisses et désirs
de destruction archaiques de la part des analystes allemands par rapport à leurs collègues
juifs ainsi que sur le fantasme d’une »psychanalyse juive«. Par là, une telle historiographie
renonce à une élaboration et à une mémoire d’identifications plus profondes,
se détache des psychanalystes juifs exclus en 1935 et remet en scène la dissociation
dans le comportement des acteurs allemands sous le nazisme .
Mots clés: Société psychanalytique allemande (»Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft
«, DPG); antisémitisme et nazisme; psychanalyse et judaisme

 

* Ich danke Gesine Zeller-Martin für die geduldige und engagierte Diskussion der folgenden Überlegungen. Ebenfalls möchte ich mich bei Sabine Hönicke-Lersch für die ausführliche und anregende Kommentierung meines Textes und Carl Nedelmann für die kritische Durchsicht bedanken.

Bei der Redaktion eingegangen am 6. 10. 2010.

 

1 Der vorliegende Kommentar verwendet zwar eine pathologisierend anmutende Begrifflichkeit, sieht sich aber außerstande, auf eine andere zurückzugreifen, die eine Psychodynamik der Lektüre auch nur annähernd präziser und anschaulicher zu beschreiben vermag. Im Übrigen sollte das psychoanalytische Denken darin ernst genommen werden, dass es nicht zu pathologisieren, sondern zu verstehen sucht.

 

2 Es scheint, als ob sich die unreflektierte Geschichte wiederholt hätte: L. M. Hermanns beschreibt den Gründungsprozess der DPV, in dem C. Müller-Braunschweig »insgeheim Beitrittskonditionen zur IPV […] [aushandelte] und dann im Sommer 1950 die DPV [gründete], in der stillschweigenden Hoffnung, die Nicht-Neoanalytiker der DPG anschließend zu einem Übertritt bewegen zu können« (2001, S. 39; Hervorh. Y. B.). Wenn auch nicht »insgeheim« oder »stillschweigend«, so erinnern diese Bestrebungen in gewisser Weise an den Beitrittsprozess der DPG in die IPV: Obwohl seit den frühen 80er Jahren zunehmend DPG-Analytiker den analytischen Austausch mit IPV-Kollegen gesucht und intensiv betrieben haben, wurden die neuen (IPV-)Ausbildungskriterien sozusagen als »Beitrittskonditionen« gesetzt und gehandelt und gerade nicht innerhalb der DPG, gleichsam aus dem Inneren der Gesellschaft heraus, zuvor entwickelt. Offenbar haben wir es in beiden Fällen – und in diesem Sinne könnten wir darin sozusagen eine Reinszenierung und Erbschaft der DPG der Jahre 1933-36 erblicken – mit tieferen und sich reinszenierenden Gruppenprozessen einer »Anpassung« zu tun, in denen idealisierende und Über-Ich-Strukturen, archaische Sehnsüchte nach Anerkennung und Konfliktvermeidung mit Ängsten, verlassen und ausgesetzt zu werden, interagieren und labil integriert scheinen.

 

3 Es scheint mir nicht viel Sinn zu machen, einen originären »Machttrieb« anzunehmen, der sozusagen bei der geringsten » Chance« angetriggert wird.

 

4 Inwieweit »diese Linie […] von Freud und seiner Tochter gedeckt wurde« (ebd.), steht auf einem anderen Blatt; die Eindeutigkeit, die M. Schröter nahelegt, darf bezweifelt werden. So lesen wir in der Kürzesten Chronik, dass Freud mit F. Boehms »Taktik«, Eitingon solle zurücktreten und die Juden sollten freiwillig aus der DPG austreten, in keiner Weise einverstanden gewesen sei (vgl. z.B. Freud 1992i [1929-39], S. 258). Die Enttäuschung und das Ausmaß der Kränkung, die Freud angesichts von F. Boehms Vorstellungen empfunden haben muss, lassen sich auch aus der Bemerkung erahnen, die Freud einige Wochen später notierte: »[Jeanne Lampl-de Groot hatte] ihr Los mit den Juden geworfen« (S. S. 263). Hier spielt Freud wohl auf das jüdische Purim-Fest (»Losfest«) an, an dem einem geplanten Völkermord an den Juden im 6. Jahrhundert v. d. Ztr. in Babylonien gedacht wird; der Urheber dieses Plans Haman soll mit dem Los das Datum der Ausrottung bestimmt haben. Freuds Eintrag, »ihr Los mit den Juden geworfen«, überliefert uns also eine völlig andere und gegensätzliche Haltung einer nicht-jüdischen Analytikerin als die Repräsentanten der DPG: J. Lampl-de Groots tiefe Identifizierung mit Freud und den jüdischen Analytikern, deren Schicksal sie zu teilen beabsichtigte. Wir werden auf diesen Punkt noch zurückkommen.

 

5 H. Heine, Deutschland Ein Wintermärchen (1844).

 

6 Es ist interessant, dass M. Schröter später von einer »Identifikation mit dem Aggressor«

(S. 1122) spricht, die, darauf weisen auch Brainin & Teicher (2010, S. 356) hin, eine Vorstufe

in der Über-Ich-Entwicklung darstellt.

 

7 Ein Staat mit »dem Programm des Reichskanzlers Hitlers, dessen einziger politischer Punkt ja die Judenhetze ist« (Freud 1992i, S. 246f.). »Mein Urteil über die Menschennatur, speziell die christlich-arische zu ändern war wenig Anlaß. Mein Briefwechsel mit Einstein ist gleichzeitig deutsch, französisch und englisch ausgegeben worden, er kann nur in Deutschland weder angezeigt noch vertrieben werden« (Freud 1963a, S. 151 f.; Hervorh. Y. B.). S. Freud scheint in diesen Zeilen vom 24.5.1933 ( !) an 0. Pfister nicht nur einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Bücherverbrennung, sondern auch zwischen christlicher und »arischer« Judenfeindlichkeit zu sehen.

 

8 So berichtet R. Lockot von A. Freuds Eindruck, dass mit der Etablierung des Nationalsozialismus »>vor allem Müller-Braunschweig< den >Umschwung der äußeren Verhältnisse< >als lang ersehntes Mittel, um sich von den »anderen« frei zu machen<, begrüße« (Lockot 1994, S. 37) – sprich: von den jüdischen Analytikern. Wenn wir die Darstellung R. Lockots (1994) hinzunehmen, dann ergibt sich bereits für die Zeit ab 1933 auch ein anders akzentuiertes und gefärbtes Bild: Nach E. Jones habe C. Müller-Braunschweig »einen leichten Hang zur nationalsozialistischen Ideologie« (Lockot 1994, S. 35) und F. Boehm »zeige einige antisemitische Züge« (ebd.); A. Freud, M. Eitingon und E. Jones sahen in C. Müller-Braunschweig »keinen uneigennützigen, vertrauensvollen Vertreter der Psychoanalyse« (S. 37), vielmehr kokettiere er »mit dem quasi-theologischen Konzept der nationalsozialistischen Ideologie und [sei] antisemitisch eingestellt« (ebd.). Auch M. Eitingon, so in der Überlieferung R. Lockots, sei (in einem Brief an E. Jones) der Auffassung, dass C. Müller-Braunschweig »sehr leicht bereit sein [wird], sich auch mit der Nazi-Weltanschauung zu identifizieren, wenn es verlangt wird, ja er dürfte es auch unverlangt tun, wenn es irgendwie opportun wäre« (S. 38) – die »Gunst der Stunde« bestand mithin in der sich abzeichnenden Erfüllung eines lang ersehntes Wunsches, sich endlich vom »Juden« »frei zu machen«.

 

9 Ich schließe dies aus der Tatsache, dass dieser Ausdruck nicht in Anführungszeichen gesetzt ist.

 

10 Ich war geneigt, diese Formulierung, die unbewussterweise und unbeabsichtigt Dank und Mitgefühl C. Müller-Braunschweigs für M. Eitingons Austritt aus der DPG ausdrückt, zu ändern. In der Bearbeitung des Kommentars habe ich mich entschlossen, diese meine Phantasie über C. Müller-Braunschweigs innere Welt als eine Manifestation dieser hier mobilisierten Matrix mitzuteilen.

 

11 Vgl. Blumenberg 1997; Stegmaier 2000, S. 18ff. Ein aktuelles, zeitgenössisches Beispiel für diese denunziatorischen Rede von einer »jüdischen Psychoanalyse«: Maciejewski 2002, S. 17, 44, 61, 205, 209, 273, 278, 291, 369 Fn. 66. Vgl. hierzu auch W. Hegener (2004), der die Monographie F. Maciejewskis kritisch rezensiert.

 

12 Vgl. z. B. Stegmaier 2000; Vogt-Moykopf 2009.

 

13 Es ist mir nicht möglich gewesen, das Datum dieser Unterredung aus den vorliegenden historiographischen Veröffentlichungen zu rekonstruieren: Aus der Bemerkung F. Boehms, »daß man die jüdischen Mitglieder zum Austritt aus der Vereinigung auffordern muß«, könnte gefolgert werden, daß diese Unterredung vor Anfang Dezember 1935, als die »verbliebenen jüdischen Mitglieder zum Austritt aus der DPG genötigt [wurden] « (Schröter 2009, S. 1121), stattgefunden haben muß. Im Kontext der Darstellung R. Lockots erscheint dagegen das verwirrende Datum »Januar 1938« (Lockot 1985, S. 116f.). E. Jones (1984 [1962], S. 224) berichtet von einem nicht näher bezeichneten Gespräch zwischen F. Boehm und A. Freud am 8.3.1936.

 

14 Dieses auffallende Fehlen eines Schamgefühls darf nicht vergessen werden, auch wenn wir immer wieder lesen, S. Freud habe die Politik der deutschen Analytiker »gedeckt«. Im Januar 1937 kam F. Boehm nach Wien und schilderte über drei Stunden die Lage in Berlin, »bis Freuds Geduld platzte. Er unterbrach seine Rede mit den Worten: >Genug! Die Juden haben für ihre Überzeugungen jahrhundertelang gelitten. Jetzt ist die Zeit gekommen, da unsere christlichen Kollegen für die ihrigen zu dulden haben. Ich lege keinen Wert darauf, daß mein Name in Deutschland erwähnt wird, solange mein Werk dort richtig vertreten wird.< Sprach’s und ging hinaus« (Jones 1984 [1962], S. 224; vgl. auch Lockot 1985, S. 116). S. Freud bestand also unmissverständlich auf ein klares und selbständiges Bekenntnis der »christlichen Kollegen« zu ihren psychoanalytischen Überzeugungen und verweigerte sich allen Tendenzen, einem externalisierten Über-Ich das Wort zu reden.

 

15 Zu F. Boehms Bild vom »Paradies« und »Eldorado« fiel mir die nationalsozialistische propagandistische Beschreibung des KZ Theresienstadt ein.

 

16 Eine ganz ähnliche derealisierende Abwehr scheint aus C. Müller-Braunschweigs Brief an M. Eitingon vom 1. 1. 1935 zu sprechen: »Wir leben doch sehr auf einer Insel mit unserer Ps.A. Die Politik umbrandet die Insel […] aber wir treiben unsere Arbeit still für uns nach ihren eigenen Gesetzen« (zit. nach Schröter 2009, S. 1112). Die Juden werden tagtäglich diskriminiert und aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, und C. Müller-Braunschweig erlebt sich auf einer »Insel« — tatsächlich: »so ging das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …«

 

17 »Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang […] zu bändigen […] liegt in der Handhabung der Übertragung […] indem wir ihm sein Recht einräumen, ihn auf einem bestimmten Gebiete gewähren lassen. Wir eröffnen ihm die Übertragung als den Tummelplatz, auf dem ihm gestattet wird, sich in fast völliger Freiheit zu entfalten« (Freud 1914g, S. 134; Hervorh. Y. B.).

 

18 Eine Bewertung der Ereignisse, die zu vergessen scheint, dass das Frankfurter Psychoanalytische Institut bereits 1933 geschlossen wurde und am 10. Mai 1933 die Bücher S. Freuds verbrannt wurden.

 

19 Vgl. die Faksimiles in K. Brecht et al 1985, S. 86f.

 

20 So scheint M. Schröter auch über seine eigene Bemerkung – » Offenbar fanden sich die Berliner Analytiker nur schwer damit ab, daß ihnen die Zuwendungen Eitingons nicht mehr zur Verfügung standen« (S. 1113) – nicht zu stutzen. Welche Gefühlslage müssen wir hinter diesem »sich nur schwer abfinden« annehmen? Der Verlust der »Sache« wird beklagt, aber nicht der der Person.

 

21 Wir lesen kein Wort über das Schicksal der Emigranten; von keiner Frage nach dem Wohl der vertriebenen jüdischen Kollegen im Exil. Vielmehr vom »Ton der Klage oder gar des Vorwurfs« (S. 1114), ein Lamentieren und Einfordern von »zu viel Mitgefühl« (ebd.) von M. Eitingon.

 

22 Es ist zu vermuten, dass diese historiographischen Bekundungen Anlass für D. Becker sind, hierin eine »Historisierung des Nationalsozialismus« (S. 261) zu sehen, »in denen versucht wird, die ungeheuerlichen Brüche, um die es geht, nicht mehr wahrzunehmen, alles einzuglätten« (ebd.; vgl. auch Brainin & Teicher 2010, S. 353). – Der Eindruck D. Beckers, M. Schröter versuche »endlich auch das angeblich verleugnete eigene Opfertum« (2010, S. 261) herauszuarbeiten, könnte in der Rede von einer »geschrumpften Gruppe« (Schröter 2009, S. 1124) der deutschen Analytiker oder von einer »>geretteten< Gruppe« (S. 1125) seine Bestätigung finden. Wenn auch der letzte Ausdruck sich zwar auf die von A. Freud erwogene Möglichkeit bezieht, »eine kleine Arbeitsgruppe in eine andere Zeit [hinüber zu retten]« (ebd.), so schwingt doch in beiden Bezeichnungen atmosphärisch der Tenor mit, diese Gruppe sei eine von »Überlebenden«. Möglicherweise verknüpft sich dies mit der Rede von den »Hiergebliebenen« (S. 1085, 1095, 1116, 1124) und »Zurückgebliebenen« (S. 1124), »die mit einer unmöglichen Aufgabe konfrontiert waren« (5.1126).

 

 

Kontroverse

DAVID BECKER

 

Historisierung des Nationalsozialismus auf dem Vormarsch

Anmerkungen zu dem Artikel über die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936 von Michael Schröter*[i]

 

Der Artikel von Michael Schröter enthält eine Reihe von interessanten Informationen, die ich mit Gewinn gelesen habe. Nichtsdestotrotz beschlich mich beim Lesen ein zu­nehmend negatives Gefühl, das ich mir zunächst nicht erklären konnte. Obwohl ich hier mit einer Fülle von Fakten konfrontiert wurde, einer scheinbar sehr ausgegliche­nen und detaillierten Schilderung einer außerordentlich komplizierten Zeit, hatte ich doch immer weniger den Eindruck, wirklich Geschichte zu lernen, und immer mehr die Vermutung, vom Autor eine gewisse Lesart der Geschichte nahegelegt bzw. auf­gedrängt zu bekommen. Die gewünschte Wertung wird erst gegen Ende des Artikels offen ausgesprochen:

»Es gibt in der oben erzählten Geschichte (unter den Hauptpersonen) keine Schur­ken und keine Helden. Und es gibt zwar eindeutige Opfer, aber keine entsprechend eindeutigen Täter. […] Vor 25-30 Jahren war es in Deutschland eine notwendige, schwierige und mutige Tat, die auf starken Widerstand stieß, die Schuld der 1933 hiergebliebenen Analytiker gegenüber den vertriebenen Juden aufzuzeigen und zur Anerkennung zu bringen. An sich ist diese Sichtweise heute so berechtigt wie je, aber ihr Kontext ist ein anderer geworden: Sie entspricht mittlerweile dem politisch korrekten Mainstream, erfordert keinen Mut mehr und nicht einmal besondere Gefühlsanstrengungen. Es ist in jeder Hinsicht viel schwerer, emotional, intellek­tuell und wissenschaftspolitisch, den Repräsentanten der Hiergebliebenen gerecht zu werden, die mit einer unmöglichen Aufgabe konfrontiert waren. Vielleicht kann eine sorgfältige Betrachtung der Dokumente, wie sie oben versucht wurde, dazu beitragen, auch ihnen mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen – oder doch den Punkt genau zu bestimmen, an dem Verständnis und Mitgefühl an ihre Grenze ge­langen« (Schröter 2009, S. 1125f.).

Der Autor wollte mein Verständnis wecken für die seiner Meinung nach in voran­gegangenen Publikationen zu einseitig oder zu uneinfühlsam beschriebenen und mög­licherweise verurteilten »Hiergebliebenen«. Er wollte mich davon überzeugen, dass es viele Opfer gibt, aber keine eindeutig zu bestimmenden Täter. Und sollten alle aufgeführten Argumente noch nicht ausreichen, mich zu überzeugen, fügte er noch hinzu, dass heute der Mainstream kritisch ist und er – der Autor – mutig die relativie­rende Geschichtsschreibung versucht hat.

Um mit dem letzten Argument zu beginnen, möchte ich anmerken, dass ich den Artikel des Autors weder mutig noch jenseits des Mainstreams finde. Es schadet sicherlich nichts, Mainstreamartikel zu schreiben; man kann trotzdem Recht haben. In diesem Fall allerdings verkennt der Autor die Realität. Harald Welzer, Tilmann Mo­ser – um nur zwei bekannte Sozialwissenschaftler zu nennen – sind Exponenten dieses neuen Mainstreams, und im gleichen Psyche-Heft, in dem auch der hier zu diskutie­rende Artikel abgedruckt wurde, finden sich in einer Kongressbesprechung Äußerun­gen von Werner Bohleber, die in eine ähnliche Richtung deuten (vgl. Ruschig 2009, S. 1164). Sehr viel mainstreamiger kann es nicht mehr werden.

Zurück zur zentralen These des Autors, es gäbe viele Opfer, aber keine eindeutigen Täter. Wie entwickelt der Autor seine Argumente? Bringt er irgendwelche neuen, bisher nicht bekannten Daten, die uns zwingen würden, das Tätertum der Hiergeblie­benen, hier spezifisch Boehm, Müller-Braunschweig und Schultz-Hencke neu und an­ders einzuschätzen? Meiner Ansicht nach nicht. Vielmehr stellt Schröter weitgehend bekanntes Material dar, ergänzt durch einige zusätzliche – durchaus interessante -Anekdoten, und fügt dem sich durch den ganzen Artikel hinziehende, wertende Sätze hinzu. Es geht um die »Hoffnung, dass sich die psychoanalytische Tradition auch unter den Bedingungen des Nazi-Regimes würde fortsetzen lassen« (Schröter 2009, S. 1087), um die »zeitgenössische Perspektive der Akteure« (ebd.), um »einen unab­sehbaren Prozess« (ebd.), um etwas, das als »höchst naheliegender Schritt der Selbst­erhaltung« (ebd.) erscheint. Es geht um Menschen, die »wohl etwas zu rasch und zu gern die Machtchance ergriffen, die sich ihnen bot« (S. 1090), die aber »diese Chance bekamen« aufgrund von Bedingungen, »die nicht von ihnen geschaffen waren« (ebd.). Eine Analytikerin jüdischer Herkunft kommentiert den Prozess in »auffallend schar­fem Ton« (S. 1092), was gegenüber »den temperierten Stimmen, die wir in den Quel­len zu hören bekommen« (ebd.), auffällt. »Das Illusionäre der ganzen Perspektive ließ sich damals wohl realistischerweise noch nicht absehen« (S. 1093). Die hier zitierten Satzteile stammen alle aus den ersten neun Seiten des insgesamt 45 Seiten langen Ar­tikels. Aber auch der Rest ist von dieser Sinngebung leider nicht frei, eher im Gegen­teil. Solche und ähnliche Zusätze/Wertungen ziehen sich durch den gesamten Artikel und werden hier nur aus Platzgründen nicht wiedergegeben.

Im Zentrum des Textes steht die gebetsmühlenartig wiederholte Hypothese, dass die Verfolgung damals insgesamt noch nicht so schlimm war, dass sie sich zunächst gegen Linke und dann gegen Juden, an keiner Stelle aber eigentlich gegen Analytiker richtete. Als Kronzeugin hierfür wird immer wieder Anna Freud mit dem einschlägi­gen Zitat erwähnt, dass die 25 Institutsmitglieder, die Deutschland verlassen mussten, das taten oder tun mussten, weil sie Juden, nicht, weil sie Analytiker waren. Es wird aufgezeigt, dass diese Linie von der IPV vertreten wurde, dass auch Freud an sie glaubte. An bestimmten Stellen des Artikels wird sie dann noch durch den Autor aus­geweitet, indem er deutet, dass die Abneigung Eitingons gegen die zurückgebliebenen deutschen Kollegen vor allem den Verletzungen geschuldet war, »die er als Jude erlitten hatte, und dass er den Interessen der psychoanalytischen >Sache<, die für Freud seit je­her vornean standen, weniger Opfer zu bringen bereit war als dieser« (S. 1125). Und an anderer Stelle heißt es im Aufsatz: »Der neue Vorstand glaubte Eitingon, den Psy­choanalytiker, auf eine Rest-Identifizierung mit der DPG ansprechen zu können, was ihnen Eitingon, der Jude, verweigerte« (S. 1121).

Nun wird ein Gedanke dadurch, dass man ihn immer wiederholt, nicht richtiger. Und auch die Tatsache, dass Anna Freud etwas gesagt hat, macht die Idee nicht per se

 

zu einer richtigen. Auch Anna Freud kann sich irren. Der Autor glaubt, dass diese Idee im Nachhinein – also aus heutiger Sicht – als falsch erkannt werden kann, dass es aber damals eigentlich nicht möglich war. »Im Rückblick kann man sagen: Psychoanalyse und Nationalsozialismus waren unvereinbar. Aber hinterher ist man immer klüger« (S. 1124). Nun gab es ja offensichtlich damals schon eine Reihe von Analytikern, die erkannten, dass die Idee falsch war, dass Psychoanalyse unter rassistischen Vorzeichen unmöglich ist. Schröter erwähnt auch einige, aber eher abwertend: Sie sind »Linke«, die Unruhe stiften (vgl. S. 1088), jüdische Exilierte, die »Konterbande« organisieren (vgl. S. 1117), oder, wie etwa Eitingon, beleidigte Juden (vgl. S. 1121 und 1125). Er selbst kommt gar nicht auf die Idee, die Hypothese auch aus damaliger Sicht zu hin­terfragen.

Besagte Hypothese kann etwas Richtiges beschreiben, wenn es darum geht, die zentrale Stoßrichtung der Unterdrückung in bestimmten Phasen des Naziregimes genauer zu verstehen, oder auch wenn man versucht, die perversen Mechanismen zu beschreiben, mit denen die meisten totalitären Regime die Illusion schüren, von ihrer Verfolgung seien nur einzelne, spezifisch gefährliche Elemente der Gesellschaft betrof­fen und nicht in Wirklichkeit alle. Aber sobald dieses Argument dafür benutzt wird, angemessenes oder unangemessenes Verhalten Einzelner zu beurteilen, wird es falsch, weil zu einer Spaltung unterschiedlicher Identitätsanteile aufgefordert wird, die nie­mand im Rahmen psychischer Gesundheit leisten kann.

So muss man dann darüber nachdenken, wie viel Realitätsverleugnung notwendig war, um eine solche Spaltung vorzunehmen, oder man kann eine historische Tatsache -wie den auch von Schröter geschilderten unglaublichen Vorgang, in welchem Boehm vom bereits emigrierten Eitingon 1.970,50 Mark Schulden einzufordern versuchte -analysieren. Sollte sich von dieser Geldforderung der Analytiker oder der Jude ange­sprochen fühlen? Ist die saubere Spaltung zwischen Judentum und Psychoanalyse ein Ergebnis der faschistischen Bedrohung? Warum muss der Zusammenhang zwischen Politik und Wissenschaft verleugnet werden? Wenn der Jude vertrieben wird, bleibt der Analytiker dann in Deutschland? Wenn der Linke umgebracht wird, überlebt dann der Jude oder gar der Analytiker?

Es genügt, sich diese Fragen zu stellen, um zu begreifen, wie aberwitzig diese Kon­struktion ist. Interessant ist es in diesem Zusammenhang, sich zu fragen, wie es mög­lich war, dass noch bis 1935 Täter und Opfer oder auch solche, die sich weder als das eine noch als das andere verstanden, geglaubt haben, eine solche Spaltung könne Sinn machen. Der Autor ist mit dieser Hypothese erschreckenderweise noch zum gegen­wärtigen Zeitpunkt vollkommen identifiziert. Während er einerseits rückblickend an­erkennt, dass sie nicht stimmt, benutzt er sie gleichzeitig als zentralen Verteidigungs­Baustein seiner Überzeugung, dass es viele Opfer, aber keine eindeutigen Täter gibt. Dabei läuft er schließlich Gefahr, selbst rassistisch abzugleiten, so z.B. wenn er be­hauptet, der »Jude Eitingon« habe eine Restidentifizierung mit der DPG verweigert bzw. habe als Jude Verletzungen erlitten. Der Mensch Eitingon, der Jude und Psycho­analytiker und sicherlich noch vieles mehr war, wird hier als nicht-auseinander-divi­dierbare Einheit gar nicht mehr wahrgenommen.

Da wird des Weiteren eine merkwürdige Symmetrie zwischen beiden Seiten kon­struiert, die schon damals nicht stimmte. Auf der einen Seite Boehm, Müller-Braunschweig und Schultz-Hencke, auf der anderen Eitingon, Jacobson, Reich und die vielen nicht genannten jüdischen Analytiker, die emigrieren mussten. Während den ersteren zugebilligt wird, sich mit »nationale [n] oder sonstwie gruppentypische[n]

 

Ausprägungen der Psychoanalyse zu identifizieren und [sie] zu pflegen« (S. 1102), und ihre eigentliche Missetat darin besteht, das Bündnis mit politischen Kräften einzuge­hen, »die andere, nicht-deutsche, als >jüdisch< verpönte Positionen unterdrückten« (ebd.), wird den anderen unterstellt, an gewisser Stelle so etwas wie »jüdischen Natio­nalstolz« (5.1116) entwickelt zu haben, der es ihnen nicht erlaubte, sich im Dienste der gemeinsamen Sache weiter zu opfern. Was glaubt der Autor war 1933 »jüdischer Na­tionalstolz«? Auf welche Nation sollen sich »die Juden«, von denen er hier spricht, wohl damals bezogen haben?

Und dann kommt der Autor zum Gipfel der falschen Schlussfolgerung, wenn er schließlich ausführt, dass die Strategie des Überlebens in Deutschland am Ende funk­tioniert hätte, denn schließlich sei ja die so »gerettete Gruppe […] zum Keim« (5.1125) der neuen deutschen Psychoanalyse nach 1945 geworden. Dazu kann ich nur anmer­ken: Wenn es wahr ist, ist es umso schlimmer. An keiner Stelle entwickelt der Autor ein überzeugendes Argument dafür, weshalb die sich mit Nazideutschland identifizie­rende und in ihm aufgehende deutsche Rest-Psychoanalyse ein besonders hilfreicher Beitrag für deren Wiederentstehung nach 1945 war. Vielleicht wäre es viel besser gewesen, sie hätte sich wirklich aufgelöst. Ein klarer Bruch hätte vielleicht eine un­verstelltere Aufarbeitung der Vergangenheit ermöglicht als das, womit man sich offen­sichtlich bis zum heutigen Tage herumschlagen muss und was in seiner Schaurigkeit immer noch unverstanden ist, wie der Artikel von Herrn Schröter zeigt.

Es geht mir nicht darum, Boehm, Müller-Braunschweig und andere einfach zu ver­teufeln. Es geht nicht darum – und ist meiner Meinung nach auch in den bisherigen historischen Darstellungen nie darum gegangen -, hier eine simple Konstruktion zwi­schen Gut und Böse aufzubauen. Aber umgekehrt, eine Art Rechnung aufzumachen, die alle Unterschiede verwischt bzw. letztendlich verharmlosend und banal festhält, dass die Hiergebliebenen »ehrenhafte« und »menschlich-allzu menschliche Motive« hatten, scheint mir eine unzulässige Vorgehensweise. Ich halte das auch nicht für aus­gewogen, sondern im Gegenteil für eine Art der Moralisierung, die sich selbst in das Gewand einer objektiven Geschichtsschreibung zu kleiden versucht. Schröters Text kann verstanden werden als Teil der aktuellen Bemühungen um eine Historisierung des Nationalsozialismus, in denen versucht wird, die ungeheuerlichen Brüche, um die es geht, nicht mehr wahrzunehmen, alles einzuglätten, Raum zu schaffen, damit man endlich auch das angeblich verleugnete eigene Opfertum herausarbeiten kann.

Kontakt: Priv.-Doz. Dr. David Becker, Office for Psychosocial Issues (OPSI), FU Ber­lin – INA, Königin-Luise-Str. 29, 14195 Berlin. E-Mail: david.becker@fu-berlin.de

 

LITERATUR

Ruschig, C. (2009): Psychoanalyse in totalitären und autoritären Regimes (Wien). Psyche -Z Psychoanal 63, 1161-1164.

Schröter, M. (2009): »Hier läuft alles zur Zufriedenheit, abgesehen von den Verlusten …« Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936. Psyche – Z Psychoanal 63, 1085-1130.

 

[i] * Erschienen in: Psyche — Z Psychoanal 63, 2009, Heft 11, S. 1085-1130. Psyche — Z Psychoanal 64, 2010, 258-261

 

 

Kontroverse

ELISABETH BRAININ UND SAMY TEICHER

Kommentar zu: »Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936« von Michael Schröter in Psyche 63, 2009, Heft 11

 

Es ist unvermeidbar, bei dem Thema »die DPG zwischen 1933-1936« moralische Wer­tungen vorzunehmen, wobei der eigene moralische Standpunkt des Beobachters definiert sein muss, um eine wissenschaftlich nachvollziehbare Untersuchung durchführen zu kön­nen. »Die unterschiedlichen historischen Erfahrungen etwa von Juden, Deutschen und Holländern während des Nationalsozialismus müssen bei der Auseinandersetzung mit dieser Zeit zu verschiedenen Ansatzpunkten führen« (Brainin & Kaminer 1982, S. 989f.)

In Schröters Position kann man unschwer die Aufhebung der Täter-Opfer-Dicho­tomie ausmachen. Dies führt zu einer Verwischung der Gegensätze, die moralischen Grauzonen sollen gesellschaftsfähig gemacht werden.(Nur wenn sie die Täter entlasten Anm.JSB)

Schröter scheint das Phänomen der »moralischen Grauzonen« (Schröter 2009, 5.1125) als unhinterfragbare Realität des Lebens vorauszusetzen. Die Fakten des Quel­lenmaterials scheinen bei seiner Interpretation in den Hintergrund zu treten, weil die Grauzonen angeblich unausweichlich sind. Die Fakten der Quellen stehen den Grau­zonen der Interpretation gegenüber.

Worin unterscheidet sich Schröters Schlussfolgerungen von der Position Bau­meyers, der 1971 schrieb, »daß die Psychoanalyse nur durch >Arier< in Deutschland vertreten werden durfte und daß Hinweise auf die jüdische Abkunft vermieden werden mußten […] Mir scheint, dass das Ergebnis nachträglich das kompromissbereite Vor­gehen der DPG gerechtfertigt hat: Die Psychoanalyse ist in Deutschland erhalten geblieben … ! […] 1946 wurde nicht eine neue DPG gegründet, sondern die alte DPG (die alten Mitglieder und der alte Vorstand) nahmen ihre Tätigkeit wieder auf« (Bau­meyer 1971, S. 205, 234, zit. nach Brainin & Kaminer 1982, S. 1000).

Geht es Schröter unterschwellig um die nachträgliche Rechtfertigung der Aussöhnung (keine Aussöhnung, sondern Opportunismus Anm.JSB) von beiden deutschen psychoanalytischen Gruppierungen mit der IPA?

Schröter will Müller-Braunschweig und Böhm gerecht werden, wieso spricht er von den angeblich ungerechten Vorhaltungen Eitingons?

Gleich zu Beginn erwähnt er die »jeweils verschiedenen Spielräume des Verhaltens« (Schröter 2009, S. 1087), die sich den Akteuren boten. Hätten alle Beteiligten densel­ben Handlungsspielraum, könnte man tatsächlich nicht zwischen Opfern und Tätern unterscheiden.

Er schreibt: »Von heute aus erscheint es als ein höchst naheliegender Schritt der Selbsterhaltung, daß die meisten jüdischen Analytiker 1933 emigrierten« (S. 1087). Sind damit die Spielräume gemeint? Weil damals noch keine Vernichtungslager existierten, gilt es als Spielraum, sein Land, seine Kultur zu verlassen, seine Existenz auf­zugeben? Wieso bleibt der nicht jüdische Analytiker Kamm bei Schröter unerwähnt, der »seine Mitgliedschaft unter Protest niederlegte und gemeinsam mit den jüdischen Kollegen auswanderte« (Brainin & Kaminer 1982, S. 991 f.)?

Dann schreibt Schröter weiter, »die jüdischen DPG-Mitglieder gingen nicht deshalb in die Emigration, weil sie als Psychoanalytiker besonders verfolgt worden wären« (S. 1088). Fast alle Psychoanalytiker, die Deutschland bis 1936 verließen, waren vor allem als Juden in ihren Arbeits- und Lebensmöglichkeiten beeinträchtigt. Zu folgen­der Schlussfolgerung kommt er jedoch nicht: Als »arischer« Psychoanalytiker, der sich konform verhielt, hatte man absolut nichts zu befürchten.

Somit könnte man die Analytiker, die Nazi-Deutschland verließen, als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen, da sie ja nicht, noch nicht, vom Tode bedroht waren und den­noch das Land verließen. Ihre Arbeitsmöglichkeiten als Juden oder als Gegner des Re­gimes waren mehr als beeinträchtigt. Sie versuchten in anderen Ländern Fuß zu fassen, was nicht gerade leicht war. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Auch Schröters neue Quellen lassen die Annahme zu, dass Böhm und Müller-Braunschweig ihre Macht und ihren Einfluss auf Kosten der jüdischen Kollegen ausbauten, indem sie die Gunst der Stunde nutzten. Dies ist ihnen auch gelungen, sie wurden die jüdischen Kollegen los, sie übernahmen den Vorstand des Instituts, seine Mittel, seine Einrichtung, alles was Eitingon und die anderen Kollegen in Berlin geschaffen hatten! Was die Nutznießer der Verhältnisse dann nach dem Krieg als be­sondere Gefährdung und als ihren Mut darstellten, sich der »freudianischen Sache« weiter angenommen zu haben, würden wir heute als nachträgliche Umdeutung der Situation bezeichnen. Man kann sagen, dass sie ihre eigene fragwürdige Rolle während der Nazizeit heroisierten und sich als Retter der Psychoanalyse in Deutschland stili­sierten. (Tatsächlich haben sie jedoch die Psychoanalyse in Deutschland gekapert, geraubt und geplündert Anm.JSB)

Sich nicht damit auseinanderzusetzen, dass man auf Kosten der jüdischen Mitglie­der selbst Vorsitzender des Vorstandes und des Lehrausschusses wurde – ist das eine der Grauzonen, von denen Schröter spricht? Ideologische Nazi-Artikel im Reichswart zu schreiben gehörte wohl auch in die Grauzonen, ebenso die vorauseilende Anfrage Böhms an die Ärztekammer, ob die jüdischen Kollegen aus dem Ärztekalender zu streichen seien? Dies gehört auch in die von Schröter beschriebene Grauzone oder in die Zone des Grauens. (Deutschland: eine Grauzone Anm. JSB)

Schröter verweigert Böhm und Müller-Braunschweig nicht seine Einfühlung. Er fühlt sich in ihre Beweggründe ein, auf Eitingons Schreiben lange Zeit nicht zu antwor­ten. Da meint er: Wie »befangen sich die beiden Deutschen Eitingon gegenüber fühl­ten. […] [sie] verfallen in Finanzdingen in einen Ton der Klage oder gar des Vorwurfs« (S. 1114), und weiter ahnt Schröter dann, dass es bei den beiden »Deutschen« um Ge­fühle der Trauer, Ohnmacht und Schuld geht.

Auch hier stellt sich die Frage, ob nicht andere Interpretationen für die affektive Seite des Geschehens möglich wären. Wie begründet Schröter diese Interpretation wissenschaftlich? Welche Texte, die diese Interpretation zulassen, werden uns vorent­halten?

Vielleicht hat das lange Schweigen Müller-Braunschweigs, auf das sich Schröter bezieht, mit schlechtem Gewissen (oder einach mit Verlegenheit Anm. JSB) zu tun, sich nicht nur eines langjährigen Kollegen entledigt zu haben (Eitingon), sondern auch sein Vermögen in Besitz genommen zu haben (wir beziehen uns da natürlich nur auf das DPG-Raubgut). Die Bibliothek hatte Eitingon >ja leider< nach Jerusalem mitgenommen, die mussten die jungen Kollegen nun entbehren, wie die beiden (Böhm und Müller-Braunschweig) beklagten.

Nach Schröter »mokiert« sich Eitingon über seine »Nachfolger« (sic) (S. 1115) in einem Brief an Anna Freud. Juden formulierten »spitz«, wie Schröter schreibt, als es um die Feier zum 15-jährigen Bestehens des Instituts ging, sie waren schließlich auch der Feier fern geblieben. Sie wurden zum Austritt aus dem Verein gezwungen, den sie geschaffen hatten, und bleiben dann der Feier fern!

Und zuletzt interpretiert Schröter die Feier wertend: » So wurde die Feier, die eine Demonstration der Normalität hatte werden sollen, vergällt durch die unentrinnbare Ambivalenz der Situation« (S. 1115). Wir wissen nicht, ob man die reale Situation 1935 in Deutschland als ambivalent bezeichnen kann, Gesetze ließen wenig Interpretations­spielraum zu, Menschen, die als Juden galten, wurden aus allen Vereinen entfernt.

Uns fällt eine Dichotomisierung der verwendeten Begriffe auf. Für die deutschen Analytiker verwendet Schröter Worte wie: Trauer, Ohnmacht, Schuld oder Befan­genheit, während er für die jüdischen Analytiker Begriffe wie hämisch, mokierend, spitz und scharfer Ton verwendet. Uns scheint dies keine zufällige Wertung zu sein, die auf eine Umkehrung des Verhältnisses Opfer-Täter hindeutet. Die Einfühlung in die Motive der »deutschen« Analytiker, der Hiergebliebenen, gelingt erschreckend gut, die Distanz zu seiner Einfühlung kann Schröter jedoch auch nachträglich nicht herstellen.

Die »unschlichtbare Diskrepanz« (S. 1126) macht Schröter die Identifikation mit beiden Seiten unmöglich. Man könnte den erwähnten Brief Eitingons auch als ver­ständliche Reaktion auf den erzwungenen Austritt interpretieren.

Schröter scheint es schwerzufallen, sich in die Reaktionsweisen der ehemaligen jüdischen Mitglieder des Instituts einzufühlen, er interpretiert ihr Verhalten im Sinne beleidigter Wehleidigkeit.

Weiters betont er die starken »Tendenzen, den Anschein der Kontinuität in der Arbeit der DPG nach 1933 zu durchkreuzen. Sie beruhten teils auf politisch-theoreti­schen Überzeugungen, teils auf einer Art von jüdischem Nationalstolz« (S. 1116). Dies wird nochmals in einer Fußnote auf S. 1096 über den Ausschluss Reichs unterstrichen, den Eitingon nicht guthieß. Seine Position interpretiert Schröter ebenso als »jüdische Solidarität oder jüdischen Stolz im Angesicht der Bedrohung«.

Bemerkenswert, dass Schröter sich gezwungen fühlt, mehrmals auf den jüdischen Nationalstolz hinzuweisen, ohne uns darüber aufzuklären, worin dieser besteht. Lässt der Nationalstolz die »deutschen« Kollegen die arische Psychoanalyse im Reichswart gegen den jüdischen Nationalstolz verteidigen?

Schröter unterstellt den jüdischen Analytikern, ihre partikulären, nationalen Inte­ressen (welcher Nation sollten sie angeblich angehören? Anm.JSB) vor die »freudianische Sache« zu stellen. Sie seien in ihren Interessen so gefan­gen, dass sie sogar das Land verlassen müssten und ihr Vermögen aufgäben etc. Ihr persönliches Interesse stellten sie vor das der Psychoanalyse und wollten beim Inter­nationalen Kongress in Luzern 1934 sogar gegen die DPG protestieren.

Dabei spricht er von Konterbande, wenn er über die oben erwähnten Aktivitäten der jüdischen Analytiker schreibt. »Ernster als diese Konterbande« (S. 1117) sieht er die Bestrebungen in Luzern. Auch da ist wieder ein wertender Ton aufzufinden. Da uns nicht klar war, was Schröter mit Konterbande meinte, gingen wir dem nach und fanden folgende Stelle in Wikipedia: »Bei der Konterbande handelte es sich um unmit­telbares Kriegsmaterial (Waffen, Munition usw.)« (http://de.wikipedia.org/wiki/Kon­terbande) Ist dies als Fehlleistung des Autors zu verstehen, dass er einen militärischen Begriff für die Aktivitäten der »Einheitsfront von Reich bis Eitingon« (S. 1118) ver­wendet? Ging es etwa doch um den Krieg, den die Juden dem deutschen Reich erklärt hätten?

Schröter interpretiert die Vorgängen zwischen 1933 und 1936 immer wieder in der Dichotomie >Deutsche< und >Juden< und kommt zu erstaunlichen Interpretationen: »Der neue Vorstand glaubte Eitingon, den Psychoanalytiker, auf eine Rest-Identifizie­rung mit der DPG ansprechen zu können, was ihnen Eitingon, der Jude, verweigerte« (S. 1121). Hier scheint er wiederum auf den sogenannten jüdischen Nationalstolz zurückzugreifen, ohne zu bedenken, dass Eitingon damals bereits als Flüchtling in Jerusalem lebte.

Schröter bemüht sich, Böhm zu verstehen, und deutet bei ihm eine »Identifikation mit dem Aggressor« (S. 1122)! Böhm schrieb 1936 in einem Memorandum: Die Psy­choanalyse habe eine »Nacherziehung« für Menschen zu leisten, die nicht »realitäts­gerecht zu leben verstehen […] Wir Psychoanalytiker sind der Ansicht, daß nur Arier diese Nacherziehung in unserem Staate erfolgreich leisten können. Die >Deutsche Psy­choanalytische Gesellschaft< besteht jetzt nur aus Ariern« (Schröter 2009, S. 1122).

Mit welchem Aggressor scheint sich Böhm da zu identifizieren? Er wurde doch schließlich durch die »Arisierung« in den Vorstand gehievt und nicht angegriffen, schon gar nicht vom neuen Regime. Aber es war Böhm, der die jüdischen Kollegen zum Austritt drängte, der in vorauseilendem Gehorsam bei der Ärztekammer nach­fragte usw. Sieht Schröter außer dem neuen Regime noch einen anderen Aggressor in dieser Geschichte? Vielleicht meint er bei Böhm eine Vorstufe der Über-Ich-Entwick­lung (Oberst-Ich vielleicht? Anm.JSB) aufzufinden, wie sie Anna Freud als Identifikation mit dem Aggressor beschrie­ben hatte, und er verwendet deshalb diesen Begriff. Da hätte er wahrscheinlich recht.

Wir halten einen moralischen Standpunkt (Einfühlung und Mitgefühl reichen völlih aus, Moral braucht man nicht. Anm. JSB) nicht nur für legitim, sondern für ge­boten. Woran misst sich Handeln, wonach können Handlungsspielräume beurteilt werden, wenn nicht auch nach moralischen Gesichtspunkten? (nach Mitgefühl! Anm. JSB) Schröter will eine Sicht­weise in anderem Kontext, für die er postuliert, den »Hiergebliebenen gerecht zu werden, die mit einer unmöglichen Aufgabe konfrontiert waren« (S. 1126).

Abgesehen davon, dass wir die Interpretationen Schröters keinesfalls teilen, auch auf die Gefahr hin, als feige, dem Mainstream verpflichtet zu gelten, meinen wir, dass er psychoanalytische Begriffe für historische Fakten anwendet und den Affekt in Quellen interpretiert, den er zu verspüren meint. Dies erscheint uns nicht zuletzt deshalb problematisch, weil er als zentralen Begriff die »Einfühlungsverweigerung« bemüht.

Grubrich-Simitis (1995) führte diesen Begriff für die problematischen Reaktionen deutscher Psychoanalytiker bei der Behandlung von KZ-überlebenden ein: Der Ana­lytiker muß die Tendenz zur Einfühlungsverweigerung überwinden, die sich sogar bei bloß mittelbarer Berührung mit den Fakten des Holocaust spontan einstellt« (S. 372). Wir sind nicht sicher, ob Schröter das richtig verstehen kann.

Er verwendet den Begriff für die vermeintlichen Traumen von Kollaborateuren und Nutznießern. Er will Böhm und Müller-Braunschweig die Einfühlung in ihre Motive nicht verweigern, verweigert sie aber den jüdischen Analytikern und nimmt damit un­ausweichlich einen moralischen Standpunkt ein, den wir seinen Grauzonen zuschrei­ben müssen. Welches Erkenntnisinteresse steht da dahinter?

Kontakt: Dr. med. Elisabeth Brainin, Halbgasse 6/30, A-1070 Wien. E-Mail: elis ab eth .brainin @ gmail . com

Dipl.-Psych. Samy Teicher, Halbgasse 6/22, A-1070 Wien. E-Mail: samy.teicher@gmail.com

 

 

Baumeyer, F. (1971): Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. 60 Jahre DGP. Z psychosom Med Psa 17, 203-240.

Brainin, E. & Kaminer, I. (1982): Psychoanalyse und Nationalsozialismus. Psyche — Z Psy­choanal 36, S. 989-1012.

Grubrich-Simitis, I. (1984): Vom Konkretismus zur Metaphorik. Gedanken zur psychoana­lytischen Arbeit mit Nachkommen der Holocaust-Generation — anläßlich einer Neu­erscheinung. Psyche — Psychoanal 38, 1-28; überarbeitete Fassung nachgedruckt in: Bergmann, M. S., Jucovy, M. J. & Kestenberg, J. S. (Hg.): Kinder der Opfer Kinder der Täter; Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt/M. (Fischer) 1995, 357-379.

Schröter, M. (2009): »Hier läuft alles zur Zufriedenheit, abgesehen von den Verlusten …« Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936. Psyche — Z Psychoanal 63, 1085-1130.

 

URSULA KREUZER-HAUSTEIN

Die Beziehungsgeschichte von DPV und DPG 1945 bis 1967: Offene und verborgene Auseinandersetzungen mit der NS-Geschichte*[i]

 

Übersicht: Die Autorin untersucht einige DPG- und DPV-Archivdokumente der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte, in denen es um Auseinandersetzungen von Psychoanalytikern beider Gesellschaften mit der Geschichte der Psychoanalyse während des Nationalsozialismus geht. In einem ersten Teil beschäftigt sie sich mit offenen, verbalisierten Auseinandersetzungen, die sich prototypisch als Ver­suche verstehen lassen, die gemeinsame Geschichte über wechselseitige Beschul­digungen aneinander abzuarbeiten. In einem zweiten Teil geht es um verborgene Auseinandersetzungen, die sich in den Dokumenten als Abkömmlinge des Unbewussten in Begriffen, Redewendungen und Assoziationen erkennen lassen. Auf diesem methodischen Weg hermeneutischen Erfassens unbewusster Sinn­strukturen lässt sich die Autorin von drei ausgewählten Topoi leiten: » Gewalt und Fruchtbarkeit«, »Radikalamputation« und »Das Räuberische, das Auffres­sen« zeigen etwas von den unbewussten Ängsten, Verleugnungen und projekti­ven Bewegungen, eine Abwehr, die gleichzeitig wie eine vorbewusste Annähe­rung an die Wahrnehmung der Teilhabe an einer schwer erträglichen Regression und Barbarei erscheint, die stattgefunden hatte.

 

Schlüsselwörter: Psychoanalyse im Nationalsozialismus; DPV/DPG-Bezie­hungsgeschichte; Sündenbockfiguration; Gruppenprojektion

 

Die methodischen Herausforderungen, mit denen Psychoanalytiker zu tun haben, wenn sie historische Dokumente erforschen, liegen nicht nur im Bemühen um Sorgfalt und Klarheit, mit denen die Quellen ausgesucht, vorgestellt und im geschichtlichen Gesamtkontext zu lesen versucht wer­den. Dieses Bemühen (und das Wissen um seine Grenzen) erfordert eine ständige Reflexion des eigenen subjektiven historischen Standorts und gilt für alle, auch professionelle Geschichtsforscher. Wenn wir uns als Psycho­analytiker auf diesem Terrain bewegen und die Quellen zur Psychoanalyse in Deutschland während und nach der Zeit des Nationalsozialismus auf ihre möglichen unbewussten Bedeutungen zu entziffern versuchen, geht es darüber hinaus um eine Auseinandersetzung mit den eigenen emotio­nalen Antworten auf das belastende und komplizierte historische Material sowie um die Reflexion dieser Verstrickungen, um zu einem (sich immer

wieder ändernden) persönlichen und professionellen Standort zu kom­men. Regine Lockot hat während unserer Arbeit in der Archivkommis­sion zum Stichwort »Psychoanalytiker als Historiker« von »einer ganz eigenen Methode in diesem Zwischenland« (Lockot 2010, persönl. Mittei­lung, E-Mail Archivkommission 10.7 2010) gesprochen, die es vielleicht noch zu entwickeln gebe. Sie vermutet unter den Mitgliedern der beiden Fachgesellschaften eine Tendenz, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte an die »Historiker« zu delegieren, manchmal wohl auch, um sich dieser Auseinandersetzung zu entledigen. Der Verweis auf die schwer zu bewältigende Materialfülle der Dokumente fungiere dann als Rationa­lisierung. Die eher randständige Diskussion über methodische Probleme einer »psychoanalytischen Geschichtsforschung« in beiden Fachgesell­schaften lässt diese Einschätzung plausibel erscheinen. Doch die Vermitt­lung psychohistorischer Forschung könnte eine interessante Diskussion über einen genuin psychoanalytischen Zugang zu den Dokumenten der eigenen Geschichte ermöglichen. Sie würde das zunächst fremde Terrain der Geschichtsforschung durch den eigentlichen psychoanalytischen Blick auf unbewusste Prozesse und Strukturen in der Geschichte der Psy­choanalyse vertrauter und interessanter machen.

Vor genau 10 Jahren verwies ich in der Arbeit »Die Vertreibung der jü­dischen Analytiker aus der DPG – die Suche nach dem Verlorenen« (Kreuzer-Haustein 2003) auf die Notwendigkeit des Dialogs für diesen Forschungs- und Selbsterforschungsprozess:

»Wenn wir uns mit der Geschichte der Psychoanalyse im Nazideutschland beschäftigen, haben wir es nach Lockot (2000) mit dem Kennenlernen der faktischen Geschichte und mit emotionalen Antworten zu tun, oftmals […] Affekte des Erschreckens. Je mehr wir uns diesem Prozess, und eben auch dem Schrecken öffnen, umso mehr seien wir bereit, den Dialog (Dialog klingt immer gut, aber mit wem denn? Anm.JSB) zu suchen« (Kreuzer-Haustein 2003, S. 249).

Die folgende Arbeit ist aus einem solchen Dialog entstanden, der fünf Jahre später, 2008, mit der Gründung der DPG/DPV-Archivkommission begann. Auf welche Weise die sehr wertvolle Auseinandersetzung mit den Kollegen beider Gesellschaften meine Überlegungen und meinen jetzigen Standort geprägt haben, kann ich noch gar nicht einschätzen. Ich kann je­doch vorläufig zwei Punkte benennen:

– Es ist inzwischen möglich geworden, die historische Verantwortung für das Zerbrechen der Psychoanalyse während des Nationalsozialismus jenseits der wechselseitigen Projektionen beider Fachgesellschaften als etwas Gemeinsames anzuerkennen und zu erforschen, worum während der Nazarethkonferenzen zwischen 1994 und 2000 noch gerungen wurde, (vgl. Erlich, Erlich-Ginor & Beland 2009; Kreuzer-Haustein 1996, 2010).

– Die Ergebnisse meiner folgenden Untersuchung unterstreichen die Einschätzung, dass wir es in Bezug auf die psychoanalytische Kultur und Community in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur mit einer Dichotomie zwischen Rettung und Zerstörung zu tun haben, sondern um deren »Zer-brechen«, wie Kafka es auf dem IPV-Kongress 2007 in Berlin in seinem Vortrag »Zerbrechen und Unterbrechen« formu­lierte (Kafka 2007). Die von mir untersuchten Dokumente machen ver­stehbar, warum es einiger Jahrzehnte bedurfte, bis auch die Psychoanaly­tiker wie viele andere professionelle Gruppen damit begannen (begannen, aber nicht vollbracht. Anm.JSB), sich mit ihrer schockierenden (für wen schockierend? Für mich nicht. Arschlöcher sind überall. Anm.JSB) und schmerzlichen Geschichte auseinanderzusetzen und anzuerkennen, dass sie trotz aller Bemühungen, die Psychoanalyse zu retten (wer Psychoanalyse retten wollte, musste versuchen, (jüdische) Psychoanalytiker zu retten. Anm. JSB), an ihrem Zerbrechen mitgewirkt haben. So sind in dem von mir untersuchten frühen Zeitraum der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte er­wartungsgemäß nur wenige explizite, offene Auseinandersetzungen mit diesem schmerzlichen Prozess (schmerzlich – für wen denn? Anm.JSB) zu finden – überwiegend in Form von pro­jektiven persönlichen Anschuldigungen -, aus denen ich drei ausgewählt habe.

 

Offene Auseinandersetzungen

 

»Hitlerismus« – Nazi-Beschuldigungen von Müller-Braunschweig gegen Schultz-Hencke

 

Müller-Braunschweigs Bemühungen, unmittelbar nach Kriegsende einen Platz im »Institut für Psychotherapie« zu finden (vgl. Lockot 1994, S. 94), nahm Schultz-Hencke außerordentlich zögernd bis ablehnend auf. In einem Brief vom 8. 7 1945 kritisiert Müller-Braunschweig den Entwurf eines Studienplans für das Institut, in dem der Grundlehrgang ausschließ­lich Schultz-Henckes Lehrmeinung repräsentiere:

»Sie haben die Idee der Freiheit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht bedingungslos Wirklichkeit werden lassen. Wie hätten Sie sonst Ihrer eigenen Lehrmeinung einen solchen Vorrang gegenüber den Theorien der anderen Richtung geben und zunächst einen >Grundlehrgang< planen kön­nen, in dem Sie – es drängt sich fatalerweise der Vergleich mit dem Jungvolk und der Hitlerjugend auf – zunächst die Schüler mit einem schweren Über­gewicht an Vorlesungen und Seminaren für Ihre eigene Lehre vereinzuneh­men suchen. Es ist kein bloßer Zufall und müsste auch Ihnen ernsthaft zu denken geben, dass ich von mehreren Seiten den Vergleich des Hitlerismus zu hören bekam […] : Hier wie dort die gleiche Überzeugtheit von der einzig wahren Lehrmeinung, der gleiche >unbeugsame< Wille, die Lehre zum Siege zu führen« (Müller-Braunschweig/Schultz-Hencke Briefwechsel, DPG-Archiv, Dokumente Helmut Bach; Hervorh. U.K.-H.).

Der außerordentlich scharfe Duktus dieser Passage geht weit über eine von Frostigkeit, Kränkung und erbitterter Rivalität getragene Auseinan­dersetzung hinaus. Es sind Diffamierungen, mit denen Müller-Braun­schweig Schultz-Hencke als Nazipädadogen zu stilisieren versucht, der seine psychoanalytischen Schüler indoktrinieren will. Auch seine An­schuldigungen in den nächsten Jahren kreisen – im Ton etwas weniger dif­famierend – um Schultz-Henckes Versuch einer »Unifixierung der Wis­senschaft«, die ein fruchtbares Austragen wissenschaftlicher Differenzen verhindere (vgl. Brief von Müller-Braunschweig vom 5. 11. 1949, in Brecht et al. 1985, S. 187). Doch indem Müller-Braunschweig in diesem Brief durch die Bemerkung »Ich glaube, dass die Differenz weniger auf wissen­schaftlichem Gebiet liegt« die vielleicht ungewollte Selbsteinschätzung anklingen lässt, dass die »Wissenschaft« lediglich das Kampffeld für sehr persönliche Rivalitäten und Verletzungen darstellt, wird klarer, um was es geht: Schultz-Hencke zum Sündenbock für die eigene, uneingestandene Kollaboration mit den nationalsozialistischen Repräsentanten1[ii] zu machen, was schließlich in der gesamten Präsentation gegenüber der IPV in Zürich 1949 besonders deutlich wird (s.u.).

Gegen Ende des oben zitierten diffamierenden Briefs aus dem Jahr 1945 wirft Müller-Braunschweig Schultz-Hencke vor, den »Todeskeim« des Nationalsozialismus weiterzuführen, und proklamiert anschließend einen humanistischen Neubeginn, eine

»Zeit, die sich erneut auf die hohen Werte einer echten Menschlichkeit und einer Demokratie im idealen Sinne zu besinnen beginnt« (zit. nach Brecht et al. 1985, S. 187).

Der letzte Satz liest sich wie ein Aufruf zur Restitution politischer Ver­nunft und gleichzeitig wie ein verzweifelter Versuch, einen Rettungsanker zu beschwören, um in einem Land, das 1945 in Schutt und Asche lag und dessen Soldaten eine schreckliche Verwüstung angerichtet hatten, über­haupt zu überleben. Indem Müller-Braunschweig in Schultz-Hencke eine Projektionsfigur für die eigene Kollaboration mit nationalsozialistischen Repräsentanten findet, lesen sich seine scharfen Anschuldigungen wie eine projektive Verarbeitung seiner eigenen Ansteckung mit dem »Todeskeim«, dem auch er, Müller-Braunschweig, nicht entgehen konnte. Vor allem aber suggeriert das Bild des »Todeskeims« eine passiv erlittene lebensbe­drohliche Situation. Eine Ansteckung mit dem »Todeskeim« beschwört etwas Schicksalhaftes, dem man nicht entkommen konnte, und entzieht sich der eigenen Verantwortung. Auch wenn Müller-Braunschweig der Aufforderung der Gestapo, in die NSDAP einzutreten, nicht nachkam, sind sein Denken und seine Begrifflichkeit in seinen Publikationen von einer solchen »Ansteckung« nicht frei und Teil seiner Kollaboration. Dazu gehören sowohl seine Veröffentlichung von 1933 über »Psychoanalyse und Weltanschauung« als auch ein Typoskript vom Juni 1935 mit dem Titel »Nationalsozialistische Idee und Psychoanalyse« (vgl. die Analyse von Schröter 2010, S. 1138-1141).

 

Anschuldigungen nach dem Zürcher Kongress von Schultz-Hencke an Müller-Braunschweig

 

Nach dem Züricher Kongress macht Schultz-Hencke in einem Brief vom 5. 11. 1949 Müller-Braunschweig heftige Vorwürfe, weil der die Zensur im Nationalsozialismus nicht benannt habe:

»Sie wußten, daß es ausdrücklich verboten war, Freud auch nur kritisch zu erwähnen. Sie wußten, dass ich im 3. Reich unter keinen Umständen an­ders veröffentlichen konnte, als ich es tat. […] Darüberhinaus aber wußten Sie ganz genau, dass Ihre Hörer in Zürich alle diese Daten nicht kannten. Kameradschaftlicherweise hätten Sie die unter allen Umständen nennen müssen! Das bemängele ich!« (zit. nach Lockot 1994, S. 234).

Was Schultz-Hencke hier kritisiert und nachträglich einklagt, ist eine Situation, die vermutlich zu einem noch größeren Desaster in Zürich ge­führt hätte als der interne, nun öffentlich inszenierte Bruderkampf zwi­schen Schultz-Hencke und Müller-Braunschweig. Denn wenn Müller-Braunschweig 1949 vor den internationalen Kollegen in Zürich, darunter vielen jüdischen Emigranten, das Verbot, »Freud auch nur kritisch zu er­wähnen«, ausdrücklich benannt und zur Diskussion gestellt hätte, dann hätte das vermutlich bei einem Teil der Zuhörer, und vor allem bei den jü­dischen Emigranten, die Verbrennung der Freudschen Schriften in Erin­nerung gebracht. Und damit wäre eine Situation entstanden, in der die Analytiker der DPG die von ihnen aus der DPG vertriebenen jüdischen Kollegen an das Trauma erinnert hätten, das sie ihnen zugefügt hatten und das wahrzunehmen sie selbst noch nicht bereit und in der Lage waren. Denn von einem Verbot zu sprechen, »Freud auch nur kritisch zu erwähnen«, ist eine bagatellisierende Umschreibung einer menschenverachten­den Bücherverbrennung, und macht deutlich, wie sehr sich die Analytiker 1949 vor der Wahrnehmung nationalsozialistischer Zerstörung »artfrem­der« Kunst und Wissenschaft schützen mussten. Stattdessen stellt Schultz­-Hencke in Zürich einen schwer verständlichen, in einer ganz eigenen Ge­dankenwelt versponnenen Vortrag zur »Psychoanalytischen Begriffswelt« zur Diskussion (zit. nach Lockot 1994, S. 343-348), der anschließend »von Müller-Braunschweig […] in Grund und Boden gestampft wurde [n]. Ob Schultz-Hencke narzisstisch und selbstgerecht seine rationalistischen Überlegungen zur psychoanalytischen Theoriebildung durchgezogen hat, ohne Rücksicht auf die Gefühle der im Saale sitzenden emigrierten Kolle­gen zu nehmen, oder ob Müller-Braunschweig mit Kalkül und nachgerade heimtückisch Schultz-Hencke auf diesem internationalen Podium als Dis­sidenten gebrandmarkt und damit erledigt hat, das unterliegt der wechseln­den Perspektive des Beobachters« (Hermanns 2010, S. 1163).

Meiner Einschätzung nach ergeben beide Perspektiven zusammen ein annähernd stimmiges Bild. Aus einer gruppendynamisch-politischen Per­spektive lässt sich das Geschehen in Zürich als Versuch einer Sündenbock­figuration per Identifizierung mit dem Angreifer interpretieren. (Ach, wie kompliziert! Eine dicke Lüge als Schutzbehauptung, reicht auch. Anm.JSB) Müller-Braunschweig konnte

»angesichts einer verfahrenen internen Situation […] seine Identifizierung mit den potentiellen Angreifern aus der IPV zum Ausdruck bringen. Als >deutscher Sündenbock< ist nun Schultz-Hencke gekennzeichnet. Tat­sächlich ist ja auch er, gemeinsam mit Kemper, derjenige gewesen, der die strukturelle Tradition des Göring-Instituts fortgesetzt hat, wenn ihn auch weniger seine Inhalte, als sein diktatorischer Stil in der Nähe des National­sozialismus hat erscheinen lassen […]. Damit erschien Schultz-Hencke in verhängnisvoller Weise als mit der durch die Nationalsozialisten vollzoge­nen >Gleichschaltung< identifiziert« (Lockot 1991, S. 64).

So lässt sich der Kampf zwischen Schultz-Hencke und Müller-Braun­schweig in Zürich wie ein Schaukampf vor den internationalen Kollegen verstehen, um von der gemeinsamen Verantwortung für die Geschichte abzulenken und auf diese Weise sowohl die zu vermutende enorme Angst (vor der Rache der jüdischen Kollegen) zu bewältigen als auch die Angst, den eigenen Schuld- und Schamgefühlen zu begegnen. Damit zeigt die oben genannte Briefpassage im Rahmen des Zürcher Gesamtgeschehens beispielhaft etwas von den Inszenierungen beider Gesellschaften nach dem Krieg, über Kämpfe, wechselseitige Beschuldigungen und paranoide Reaktionen die gemeinsame Geschichte aneinander abzuarbeiten. Es brauchte einige Jahrzehnte, schwer Scham und Schuld Raum zu geben, d. h. die depressive Position zu wagen und anzuerkennen, trotz aller Bemühungen, die Psychoanalyse zu retten, an ihrem Zerbrechen mitgewirkt zu haben.

Diese Erkenntnis war 1949 nur sehr vereinzelt möglich. Doch wie in jeder Abwehr lässt sich auch im Brief Schultz-Henckes etwas vom Abge­wehrten selbst erkennen: Er verweist, wenngleich bagatellisierend, darauf, dass er »im 3. Reich unter keinen Umständen anders veröffentlichen konnte, als […] [er] es tat«. Das hätte in der DPG eine Diskussion über das Leben als Psychoanalytiker in der Nazidiktatur eröffnen können, aber in einer solchen Auseinandersetzung wäre wohl schmerzhaft deutlich ge­worden, dass die meisten der DPG-Kollegen dem Verbot, »Freud auch nur kritisch zu erwähnen«, nachgekommen waren.

 

Der Vorwurf der Parteizugehörigkeit und der Streit um das Kürzel »gegr. 1910« -Schwidder an Scheunen

 

Als Werner Schwidder im Januar 1959 Nachfolger von Böhm wird und sich sowohl um Kontakte mit der DPV bemüht als auch darum, eine eige­ne internationale Vereinigung (die spätere IFPS) zu organisieren (s. u.), verschärfen sich die Rivalitäts- und Revierkämpfe zwischen den beiden Fachgesellschaften. Ein Streitpunkt ist das »gegr. 1910«, das die DPG als Zusatz in ihrem Namen verwandte. Das Kürzel fungierte zweifellos wie ein Symbol für die Zugehörigkeit zur psychoanalytischen, von Freud be­gründeten Tradition und wurde für die DPV ein zunehmendes Ärgernis, weil sie zwar inzwischen Mitglied in der IPV war, gleichzeitig jedoch nach wie vor in der IPV um Anerkennung kämpfen musste und deshalb auch bemüht war, als alleinige Nachfolgegesellschaft der »alten« DPG zu gelten. Lockot sieht im »>angemaßte[n]< >gegr. 1910< […] [einen] Fetisch für Integrität den Vertriebenen gegenüber« (Lockot 2010, S. 1239). Ähn­lich sieht sie in den damaligen Beschuldigungen, Schultz-Hencke verfolge mit seinem Amalgamierungskonzept »Vernichtungsambitionen«, eine »Dämonisierung Schultz-Henckes« (ebd.). Beides – die Dämonisierung Schultz-Henckes und der Kampf um das »gegr. 1910« – seien »>notwen­dige< Station[en] […], sich dem Geschehenen zu stellen und es zugleich verleugnend zu verschieben« (ebd.).2[iii]

 

Im Zuge einer dieser Kontroversen um das »gegr. 1910« wandte sich Schwidder an Scheunen und verwahrte sich gegen die historische Inter­pretation in der DPV, nach der die DPG 1945/1946 (neu) gegründet wor­den sei. Vielmehr gehe es nach der »erzwungenen Auflösung« 1938 um eine Wiedergründung der DPG, weshalb sie auch das Recht auf den Tra­ditionszusatz »gegr. 1910« habe. Dann schreibt Schwidder, dass zur Zeit der Wiedergründung nach den

»damaligen Bestimmungen […] alle Mitglieder, die sich nicht national­sozialistisch betätigt hatten, wieder aufgenommen […] [wurden]. Das war bei allen der Fall mit einer Ausnahme: Sie wissen, dass es sich um Ihre Person handelt« (Schwidder, Brief an Scheunert vom 14.4.1962, DPG-Archiv).

Hier bringt Schwidder Scheunerts Parteimitgliedschaft ins Spiel, Scheu­nert wird als Person und Repräsentant der DPV zur Zielscheibe eines nicht genau benannten Angriffs, der sich jedoch im Gedankenfluss selbst, in der Abfolge der Argumente dieser Passage erschließen lässt. Zunächst besteht Schwidder darauf, dass die DPG 1946 keine Neugründung war, sondern eine Wiedergründung. Er begründet das mit einer »erzwungenen Auflösung« und meint damit eine von den Nationalsozialisten erzwun­gene Auflösung. Doch die DPG stimmte – zwar nach zunehmender Kon­trolle und Überwachung des Lehrbetriebs durch Göring – auf ihrer Gene­ralversammlung vom 19. November 1938 für eine Gleichschaltung, was einer Auflösung gleichkam. Sie gab dem politischen Druck nach.3[iv] Schwid­der reduziert diese Ereignisse auf eine passiv erlittene »erzwungene Auf­lösung«, sodass die »wiedergegründete« DPG nach dem Krieg berechtigt sei, den Zusatz »gegr. 1910« in ihrem Namen zu verwenden. So liest sich diese Gedankenfolge wie ein Versuch, sich als eine Gesellschaft zu legiti­mieren, die gleichsam ungebrochen (oder allenfalls durch eine erzwungene Auflösung »unterbrochen«) in einer Traditionslinie der alten, freudiani­schen DPG steht. Auf diesen Selbstbehauptungsversuch folgt, scheinbar völlig unvermittelt, der Hinweis auf die NSDAP-Mitgliedschaft von Scheunert. Diese kurze Passage gibt damit einen Einblick in einen vergeb­lichen unbewussten Versuch, an eine ungebrochene psychoanalytische Tradition anzuknüpfen: 1. Wir stehen in der psychoanalytischen Tradition der alten (guten) DPG. 2. Die Auflösung der DPG war erzwungen und steht nicht in unserer Verantwortung. 3. Die DPV hat ein prominentes NSDAP-Mitglied, nicht wir!4[v]

Doch es ist insgesamt fragwürdig, das Kriterium der Parteizugehörig­keit für die Frage nach der historischen Verantwortung heranzuziehen, vergleicht man z. B. die Lebensläufe von Scheunert und Müller-Braun­schweig: Während Scheunert NSDAP-Mitglied war und diese Mitglied­schaft nie geleugnet hat – er hat sie nur nicht »vor sich hergetragen«, wie er mehrmals bemerkte -, hat Müller-Braunschweig durchaus, wie bereits er­wähnt, nationalsozialistische Ideen in Form »substantieller Zugeständ­nisse« (Schröter 2010, S. 1138) formuliert. Und er hat nach Hermanns (2001) an keiner Stelle seiner Schriften etwas Selbstkritisches über sich oder seine Gruppe gesagt, während Scheunert bereits 1956 einige selbst­kritische Überlegungen über die Verwicklungen mit dem Naziregime for­muliert hat, was für diese Zeit ungewöhnlich war. Hermanns fragt, ob nicht »auf dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Scheunen in der kleinen DPV­-Gruppe ein Großteil der politischen Belastungen abgeladen worden ist« (Hermanns 2001, S. 49).

Diese Einschätzung ist Teil einer Analyse der DPV-internen Auseinander­setzungen in den 80er und 90er Jahren, während der Brief von Schwidder ein Vierteljahrhundert früher datiert ist. Ich füge diese verschiedenen Zeitachsen zusammen, um deutlich zu machen, dass sowohl Schwidders Legitimierungsversuch als auch die Einschätzung über die Sündenbock-rolle von Scheunert für die DPV den gleichen Mechanismus (auf verschie­denen Terrains) erkennen lässt: In der DPV ging es in der Diskussion um Scheunert um eine gesellschaftsinterne Regulation von historischer Ver­antwortung, sie war Teil der gesamten heftigen historischen Kontroverse, die u. a. in der Psyche 1982/83 ausgetragen wurde. Im Brief von Schwidder an Scheunen 25 Jahre früher ging es um einen Regulationsversuch dieser Verantwortung zwischen den beiden Gesellschaften. Schwidders Anschul­digung der Parteizugehörigkeit Scheunerts ist in einen Assoziationsfluss eingebunden, der insgesamt vor der Wahrnehmung der historischen Rea­lität schützen soll: dass es unabhängig von persönlichen Lebensläufen und Parteizugehörigkeiten eine gemeinsame historische Verantwortung für das Zerbrechen der psychoanalytischen Kultur in Deutschland gibt. Das »gegr. 1910« wird zum Legitimierungs-Symbol pervertiert, die Mitverant­wortung für dieses Zerbrechen wird verleugnet. Es geschah längst vor der administrativen »Auflösung« der DPG, nämlich bereits ab 1933, dass die DPG sich die nationalsozialistische Rassendefinition für eine Mitglied­schaft in der DPG zu eigen machte: Im November 1933 übernahmen Mül­ler-Braunschweig und Böhm den Vorsitz der Gesellschaft und entließen den jüdischen Vorsitzenden Eitingon aus seinem Amt. Im Dezember 1935 wurden die jüdischen Mitglieder aufgefordert, die DPG zu verlassen.

In den 80er Jahren begann, ähnlich wie in der DPV, auch in der DPG eine Auseinandersetzung über die eigene Geschichte, in der auch das »gegr. 1910« zum Thema wurde und heftige Kontroversen über dessen Symbol­gehalt auslöste. Ein Teil der Mitglieder sahen in diesem Namenszusatz ge­radezu eine Art »Bekenntnis zur Geschichte«, weil in der Zeitmarkierung 1910 die gesamte Geschichte der DPG und damit auch die Beschädigung der Psychoanalyse – eher im Sinne eines »Unterbrechens« (Kafka) – mit gedacht werde. Ein anderer Teil der Mitglieder interpretierte das Festhalten am Traditionssymbol dagegen als Leugnung des »Zerbrechen« (Kafka) der psychoanalytischen Kultur. Da sich auf diese Weise in dieser Kontroverse sehr unterschiedliche Positionen entzündeten, brauchte es ca. 20 Jahre, bis die Mitglieder 2003 beschlossen, den Zusatz »gegr. 1910« aus dem Namen der Gesellschaft zu streichen. Er war übrigens nie im Vereinsregister einge­tragen, was Regine Lockot damals bei ihren Recherchen herausfand.

 

Verborgene Auseinandersetzungen

 

Der Austritt der DPV-Mitglieder auf der Generalversammlung der DPG Ende 1950: »Gewalt und Fruchtbarkeit«

 

An der entscheidenden Generalversammlung der »Deutschen Psychoana­lytischen Gesellschaft« vom 3.12.1950 (vgl. Protokoll der Generalver­sammlung) nahmen 21 Mitglieder teil. Acht Mitglieder, die bereits am 13.5.1950 die Planung einer eigenen Gesellschaft beschlossen und am 10.6.1950 die »Deutsche Psychoanalytische Vereinigung« gegründet hat­ten, ohne dies in der DPG bekannt zu machen, erklären am Ende der Sit­zung ihren Austritt: Dräger, Kath, March, Ada und Carl Müller-Braun­schweig, Scheunen, Steinbach und Werner.

 

In dieser turbulenten und dramatischen Sitzung geht es an mehreren Stellen um die Begriffe » Gewalt« / »gewalttätig« und gleichsam als Kon­trapunkt um »Fruchtbarkeit«. Müller-Braunschweig hatte offensichtlich in seinem anfangs verlesenen Bericht von » Gewaltmaßnahmen des Insti­tuts« gesprochen (dem »Institut für Psychotherapie«), dem Baumeyer entgegenhält: »M-BR spricht von Gewaltmaßnahmen des Instituts E.V. Ist es etwa keine Gewalt, wenn ein Vorsitzender wie Sie so gröblich seine Pflichten verletzt? «

Hier bezieht Baumeyer sich vermutlich auf Müller-Braunschweigs heimliche Gründung der DPV ein halbes Jahr zuvor, vielleicht aber zusätz­lich auf dessen Schreiben an Jones vom 30. 4. 1950, in dem Müller-Braun­schweig eine Aufnahme der noch zu gründenden DPV in die IPV sicher­stellen wollte. Frau Fuchs-Kamp, DPG, spricht von einem Irrtum Müller-Braunschweigs, wenn er glaubt, dass

»viele Mitglieder mit fliegenden Fahnen zu ihm überschwenken. Aber ge­rade hier irrt er, sein Fait accompli ist ein Gewaltakt«.

Frau Fuchs-Kamp verweist auf die Verständigungsbereitschaft der neo­analytischen Gruppe und beklagt sich über March, DPV, der offensicht­lich weitere Verhandlungsangebote über die Konflikte abgelehnt hatte, und fügt hinzu, dass von Seiten der DPG »keine gewalttätige Abdrän­gung« vorliege. Später begründet March, warum die DPV-Gruppe nicht eher ausgetreten sei:

»Man hat bereits die Fruchtbarkeit der Begegnungen hervorgehoben. Ge­rade aus Fruchtbarkeit haben wir gemeint, dass sich in der DPG diese Be­gegnung ergeben wird.«

Und schließlich greift Wiegmann, DPG, eine Bemerkung Scheunerts auf, der »die Unfruchtbarkeit als Ergebnis der Atmosphäre« erwähnte. »Wieso soll Schultz-Hencke dazu beigetragen haben? Schultz-Hencke führt die Freud’sche Lehre fruchtbar weiter« (Hervorh. U.K.-H).

Die Begriffe und Redewendungen lassen eine Dichotomie von Gewalt und Fruchtbarkeit erkennen. Die wechselseitigen Beschuldigungen und Rechtfertigungen zeigen, wie sehr der Wunsch nach fruchtbarer Ausein­andersetzung in der DPG Ende 1950 eine Illusion war. Er musste schei­tern, weil die Wahrnehmung und Anerkennung einer schwer erträglichen Realität noch nicht möglich war: daran mitgewirkt zu haben, dass die Kol­legen, die in Deutschland lebten und arbeiteten und die die Nationalsozia­listen zu »Juden« gemacht hatten, die DPG und Deutschland verlassen mussten. Damit waren kollegiale und freundschaftliche

stört, ebenso die Tradition einer psychoanalytischen Kultur und Commu­nity. Besonders eindrucksvoll und knapp zeigt sich für mich die Verken­nung dieser Realität in einer Einschätzung von Böhm, die in indirekter Rede gegen Ende des Protokolls zusammengefasst wird:

»1945 hätte M-B eine blühende Gesellschaft übernommen. Als Facit seiner 5jähr. Tätigkeit hinterliesse er eine ruinierte Gesellschaft, einen Torso.«

Die DPG von 1945 als »blühende Gesellschaft« zu charakterisieren, ist an­gesichts der gerade beschriebenen Situation eine so radikale Umdeutung und Missrepräsentation der Realität dieser Gesellschaft, dass sich diese Formulierung Böhms am ehesten als massive Abwehr der damaligen schwer erträglichen Bedrohung und Angst verstehen lässt. Und gleichzei­tig finden Bedrohung und Angst ihren Ausdruck in Chiffren wie »Ge­walt« und »gewalttätige Abdrängung«, die sich durch die gesamte Mitglie­derversammlung ziehen. Sie zeigen sowohl die persönlichen erbitterten Rivalitätskämpfe als auch die Ungewissheit über die Zukunft der eigenen professionellen Existenz. Doch darüber hinaus lassen sie eine unbewuss­te/vorbewusste Ahnung der verleugneten viel schlimmeren, »tatsäch­lichen« Gewalt erkennen, die längst passiert war. Gezwungenermaßen, gewaltsam haben die meisten Kollegen, die zu »Juden« gemacht wurden, Deutschland (zum Teil auch diese Welt Anm.JSB) verlassen, sie wurden »abgedrängt«. 42 von insgesamt 56 jü­dischen Psychoanalytikern mussten die DPG und Deutschland verlassen, 23 wurden ermordet oder in den Tod getrieben (vgl. Hermanns 2001, S. 46; Lockot 2000, S. 135; Kreuzer-Haustein 2003, S. 235). Doch im Ver­borgenen lässt sich in den unbewussten projektiven Bewegungen dieser Generalversammlung, in den feindseligen Vorwürfen gegen die eine oder die andere Gruppe, ein verzweifeltes Ringen um Auseinandersetzung und Verständigung und um die Sehnsucht nach einem blühenden Neuanfang erkennen. Die Versammlung endet mit der Austrittserklärung der 8 DPV­Kollegen, deren Namen im Protokoll genannt werden:

»Böhm kann Tränen der Rührung nicht vermeiden, wie er selbst sagt. Drä­ger, Kath, March, 2x Müller-Braunschweig, Scheunert, Steinbach und Werner verlassen den Ausschank.«

Wir wissen nicht, was sich in diesen Tränen verbarg.

 

»Radikalamputation«

 

Böhm gibt dem Bild des Torso (vgl. dazu auch Hermanns 2013), das er in
der Generalversammlung verwendet, seine eigene Interpretation: eine
»ruinierte Gesellschaft«. Ähnlich wie in der beschriebenen Dichotomie

von »Gewalt und Fruchtbarkeit« ist im Topos des »Torso« sowohl Zerstö­rung als auch ehemaliger Glanz repräsentiert, denkt man z.B. an den Torso einer antiken Skulptur. Ist in diesem Topos also beides vereint, so löst der der »Radikalamputation«, den Kemper in einem Brief an Böhm vom 31. 1. 1951 verwendet, ausschließlich zerstörerische Assoziationen aus. Im Zusammenhang mit der Gründung der DPV bezweifelt er, »dass die Gruppe von Müller-Braunschweig […] durch die Radikalampu­tation ihrerseits […] die Anerkennung [in der IPV, U.K.-H] erzielen wird. Hat diese Gruppe denn überhaupt Nachwuchs? Sie wissen, dass Müller-Braunschweig mein Lehrer war. Ich hätte ihm persönlich einen anderen Abgang vom psychoanalytischen Welttheater gewünscht. Durch seinen un­seligen Vortrag in Zürich hat er aber erst die volle Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Dinge gelenkt, die auf jeden Fall intern hätten geregelt werden müssen. Schade! Mir scheint, dass er ein Grossteil seines Ressenti­ments aus der Hitlerzeit jetzt in verschobener Form abgeladen hat« (Kem­per, Brief an Böhm vom 31. 1. 1951, DPG-Archiv; Hervorh. U.K.-H.)

In dieser scharfen Kritik wirft Kemper Müller-Braunschweig vor, mit nationalsozialistisch gefärbten Ressentiments gegen Andersdenkende -gegen Schultz-Hencke und gegen die in der DPG verbliebenen Kollegen -vorzugehen, um sich ihrer per »Radikalamputation« zu entledigen. Der drastische Topos der Radikalamputation ist mit der Vorstellung verbun­den, schwerkranke Teile des Körpers chirurgisch abzutrennen, um das Le­ben eines Menschen zu retten, d. h. ein Teil des Körpers wird amputiert, damit der restliche Körper lebensfähig bleibt. Auch wenn der Begriff »ra­dikal« ein gängiger Begriff ist, der in sehr unterschiedlichen Zusammen­hängen verwandt wird, so lässt der Begriff der »Radikalamputation«, den Kemper verwendet, um die »Abtrennung« der DPV von der DPG zu be­schreiben, an die Rassenideologie der Nationalsozialisten denken: an die »Radikallösung« nämlich, die Vernichtung der Juden, um den »gesunden Körper des deutschen Volkes« lebensfähig zu halten. Und auch die deut­schen nicht-jüdischen Psychoanalytiker haben sich radikal aller deutschen und ausländischen jüdischen Kollegen im November 1933 und im Dezem­ber 1935 »entledigt«. Auffallend ist außerdem, dass Kemper sich hier, sonst ein eher um Integration bemühter Mensch, ausschließlich gegen Müller-Braunschweig und dessen (Gegen-)Vortrag in Zürich richtet und nicht auch Schultz-Hencke zumindest erwähnt, dessen Vortrag ja gerade die »Weltöffentlichkeit« 1949 so irritiert hat. Auch wenn er Schultz-Hen­cke freundschaftlich-loyal verbunden war, ist diese einseitige Positionie­rung augenfällig, mit der er die schon bestehende Spaltung weiter festigt. Er stellt sich ganz an Böhms Seite und stellt damit eine Nähe zum »amputierten Opfer« her, d. h. zu Böhm und zu den in der DPG verbliebenen Kollegen, und nimmt allein Müller-Braunschweig in die Verantwortung für das Desaster in Zürich und für den folgenreichen Alleingang, die heim­liche Gründung der DPV.

Es geht an dieser Stelle nicht um die Person Kempers, sondern um Kemper als Repräsentanten unbewusster Gruppenbewegungen, mit de­nen die Psychoanalytiker im damaligen Deutschland schwer erträgliche Schuld, Scham und Verantwortung zu regulieren versucht haben. Auch wenn eine solche Lesart spekulativ ist, ist unbestritten, dass die Psy­choanalytiker während der NS-Herrschaft in ihrem täglichen professio­nellen und privaten Leben mit den Naziideologien konfrontiert waren und deshalb auch unbewusste Identifizierungen anzunehmen sind, denen schwer zu entkommen war. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert spä­ter, eröffnet uns die Sprache der Dokumente etwas von diesen Identifizie­rungen.

In ähnlicher Weise verstehe ich eine kurze Passage von Schultz-Hencke aus seinem Lehrbuch der Analytischen Psychotherapie aus dem Jahr 1951, auf die Armin Pollmann mich aufmerksam machte. Schultz-Hencke, der nach den uns vorliegenden Quellen kein überzeugter oder gar aktiver Na­tionalsozialist war, beschäftigt sich an dieser Stelle in einem bedauernden Ton mit den Grenzen/dem Versagen der Aufklärung, dem immer wieder­kehrenden Versagen des »Verstands«: Er schließt mit dem Satz:

»Daher schwelt mit wachsender Rauchentwicklung das Feuer der Unzu­friedenheit mit dem in Wirklichkeit nur überschätzten Verstand und mit dem Versagen der Aufklärung, der Wissenschaft. In den 30er Jahren war es Angelegenheit eines Teils der SS, die solchen Rauch entwickelte« (Schultz­Hencke 1951, S. 167).

Ähnlich wie im Topos der »Radikalamputation« sind auch in dem der »Rauchentwicklung« unbewusste Spuren von Erfahrungen aus der Nazi­zeit erkennbar. Pollmann sieht im Topos der »Rauchentwicklung« eine »besonders krasse Verdrängung und […] Wiederkehr des Verdrängten« (1992, S. 6). Die einzige ihm bekannte Äußerung Schultz-Henckes zur SS habe dieser »- man muß wohl annehmen völlig unbewusst – in einem Atemzug mit >Rauchentwicklung< erwähnt, ohne dass ihm die Nähe zu Bücherverbrennung und Vernichtungsöfen deutlich zu werden scheint« (ebd.).

So lesen sich diese Dokumente wie exemplarische Belege für die These des Historikers Jörn Rüsen, der in seiner Arbeit »Holocaust-Erfahrung und deutsche Identität« (2001) schreibt:

»In der ersten Epoche der Nachkriegszeit blieb natürlich der National­sozialismus im Bewusstsein und erst recht im Unbewussten aller Zeitgenos­sen lebendig. Seine Verbrechen hatten sich in die Erinnerung der Täter und der Opfer und all derer, die über sie Bescheid wussten oder sie zumindest ahnten, eingebrannt« (Rüsen 2001, S. 96).

 

Das »Räuberische«, das »Auffressen«, »An die Wand gedrückt werden«

 

In einem persönlichen Brief von Werner Becker, dem damaligen Leiter des Berliner Psychoanalytischen Instituts (BPI), an Baumeyer vom 16. 7 1966 taucht der Topos des »Auffressens« auf. Hintergrund ist eine längere Kontroverse, in der es um eine Position Schultz-Henckes geht, der einen Prozess zunehmender Verschmelzung verschiedener analytischer Schul­meinungen in Nordamerika zu beobachten meinte. Becker hält die Ein­schätzung Schultz-Henckes für nicht zutreffend. Allerdings gebe es sehr wohl gelungene Bemühungen der Kooperation verschiedener Schulen, aber die »Amalgamierungsbestrebungen« [Begriff von Schultz-Hencke] würden »als bedrohliches Auffressen empfunden«; die »Vertreter verschiedener Schulen [könnten] unter anderem deswegen in einer psychoanalytischen Vereinigung sein […], weil keine Gruppe versucht, eine andere quasi >auf­zufressen< und/oder ihre >Lebensfähigkeit< zu bestreiten. Gerade dies jedoch ist ja die Tendenz der Neoanalytiker gegenüber den >Freudianern< in Berlin gewesen« (Becker, Brief an Baumeyer, DPV-Archiv; vgl. Lockot 2009, S. 4).

Baumeyer hingegen glaubt nicht,

»dass innerhalb der DPG irgendwo die Neigung besteht, andere >aufzu­fressen< oder ihre >Lebensfähigkeit< zu bestreiten. Sie begehen überhaupt, wie mir scheint, den Irrtum, die DPG mit Schultz-Hencke gleichzusetzen« (Brief an Becker, DPG-Archiv).

Richter formuliert in einem Brief an Scheunert vom 20. 09. 1962 die im BPI grassierende Angst, wegen des federführend von Frau Dührssen be­triebenen Vorhabens des sogenannten Kulturplaninstituts (vgl. die Arbeit von Lacher 2013) in Bedeutungslosigkeit zu verschwinden:

»Wenn wir aus der Angst heraus verhandeln, am Ende doch von den Schultz-Hencke-Leuten gefressen zu werden, so ist natürlich nichts zu ho­len« (Brief von Richter an Scheunert vom 20.9.1962, DPV-Archiv).

Im Juli 1961 greift Laforgue, Ehrenmitglied der DPG in einem Brief an
Schwidder eine Formulierung auf, die Schwidder zuvor benutzt hatte,
seine Angst nämlich, »an die Wand gedrückt zu werden«. Doch dieser Gefahr, so Laforgue, seien »die Orthodoxen ausgesetzt – aber nicht wir«. Es sei »die Zeit gekommen, auszuschwärmen wie die Bienen« (»essaimer comme les abeilles«) (Brief von Laforgue an Schwidder vom 4. 7 1961, DPG-Archiv; vgl. Lockot 2009, S. 16).

Laforgue war Mitbegründer der freudianischen Societe Psychanalytique de Paris und einer der internationalen Kollegen, mit denen Schwidder im Kontakt war mit dem Ziel, einen eigenen internationalen Zusammen­schluss nichtorthodoxer Gesellschaften als Pendant zur IPV zu gründen, verbunden mit dem Wunsch, zum geplanten Gründungskongress 1961 auch »orthodoxe« Freudianer mit einzubeziehen.5[vi] Die sehr interessante Korrespondenz von Schwidder mit vielen interessierten internationalen Kollegen im ersten Halbjahr 1961 zeigt sein großes Engagement und Be­mühen, eine nichtorthodoxe Bewegung und auch Organisation zu kreie­ren – die spätere IFPS -, ohne dass es zu einem Bruch mit der IPV kommt (vgl. DPG-Archiv sowie Lockot 2009, S. 14-19). Die zunehmenden, vor allem internationalen Aktivitäten Schwidders und der DPG zu dieser Zeit beunruhigten einige DPV-Kollegen, die schon 1959 das Programm der DPG-Jahrestagung in Göttingen mit Argwohn beobachtet hatten. Sie zo­gen sich frostig zurück, Gesprächsangebote und Einladungen Schwid­ders zu DPG-Tagungen wurden abgewiesen, die DPV wird angesichts der internationalen Aktivitäten von Schwidder besorgt über ihre alleinige (deutsche) Mitgliedschaft in der IPV (vgl. auch Hermanns 2013).

»Für die von der DPG im Oktober 1961 nach Düsseldorf einberufene internationale Tagung zieht die DPV erfolgreich alle Register bei der IPV, um die Teilnahme von vielen bekannten IPV-Mitgliedern aus aller Welt zu verhindern, was ihr auch gelingt« (Hermanns 2013, S. 708).

Das Bild des »Gefressenwerdens« war damals ein gängiges Bild zwischen der Psychiatrie und der Psychotherapie. Im hier untersuchten Archiv­material zeigt es – ebenso wie die Topoi »An die Wand gedrückt werden«, »Radikalamputation« – etwas von der damaligen heftigen Rivalität um den Einfluss in der psychoanalytischen Landschaft. Doch all diese Topoi, vielleicht vor allem der orale des Auffressens, lassen in einer Zeit beginnenden wirtschaftlichen Wachstums die Spuren der Kriegs- und Nach­kriegserfahrungen basaler Ängste und Nöte wie Hunger, Raub und phy­sische Bedrohung erkennen. Sie zeigen zudem etwas von den affektiven Spuren der vergangenen starken Bedrohungen des professionellen Lebens als Psychoanalytiker im Nazideutschland: das Misstrauen, die Angst vor Verrat, die Angst, als Analytiker keine Bedeutung mehr zu haben, einen sozialen Tod zu sterben. Doch darüber hinaus geben uns diese Doku­mente Einblick in ein Ahnen darüber, an einer bedrückenden, katastro­phalen zerstörerischen Regression teilgehabt zu haben, deren Folgen sich vielleicht auf bedrängende Weise während der Eichmannprozesse unter­schwellig bemerkbar gemacht haben. Einige dieser letztgenannten Briefe von 1961 und 62 sind in der Zeit der Eichmannprozesse entstanden (vgl. Lacher 2013). Der Versuch der »arischen« Psychoanalytiker im national­sozialistischen Deutschland, in einer Dichotomie von Rettung und Zer­störung der psychoanalytischen Kultur und Community zu taktieren und zu überleben, führte schließlich dazu, dass die »Lebensfähigkeit« der jüdi­schen Kollegen bestritten wurde, sie »an die Wand gedrückt«, inhaftiert und einige von ihnen ermordet wurden.

Ich habe versucht, zu beschreiben, auf welche Weise in einigen ausge­wählten, exemplarischen Topoi Abwehrbewegungen erkennbar sind, die etwas von den Spuren einer schwer erträglichen katastrophalen Erfahrung ahnen lassen. Die Teilhabe an dieser Katastrophe hat von Dohnanyi, der damalige Hamburger Bürgermeister, treffend in seiner viel beachteten Rede zum IPV-Kongress in Hamburg 1985 als einen unheimlichen, schlei­chenden Prozess beschrieben. Ohne den Gestus dessen, der glaubt, da­mals wachsamer und mutiger gehandelt zu haben, sagte er:

»In der Gefahr, das Ganze zu verlieren, wurde Teil auf Teil geopfert. Ein je­der Schritt rational und zugleich in der falschen Richtung. Hier ein Kom­promiss der Personen, dort einer in der Sache: immer im vermeintlichen In­teresse des zu bewahrenden Ganzen – das es am Ende nicht mehr gab« (Dohnanyi 1986, S. 86 f.).

 

Kontakt: Dr. disc. pol. Ursula Kreuzer-Haustein, Theaterstr. 1Z 37073 Göttingen. E-Mail: kreuzer-haustein@t-online.de

 

Brecht, K., Friedrich, V., Hermanns, L.M., Kaminer, I.J. & Juelich, D.H. [unter Mitwirkung von Lockot, R.] (Hg.) (1985): »Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …« Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg (Kellner).

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Summary

The history of relations between DPG and DPV from 1945 to 1967: Overt and covert engagement with Nazism. – The author investigates a number of documents from the archives of the German Psychoanalytical Society (DPG) and the German Psycho­analytical Association (DPV) dating from the 20 years after the Second World War. They revolve around the engagement of psychoanalysts from both bodies with the his­tory of psychoanalysis during the Nazi era. The first part examines overt explicitly ver­bal responses that can be understood prototypically as attempts to come to terms with this common history by way of mutual accusations. The second part looks at covert forms of engagement identifiable in the documents as unconscious derivations mani­festing themselves in concepts, idioms, and verbal associations. In this hermeneutic approach to unconscious structures of meaning, the author gears her remarks to three selected topoi: »violence and fertility,« »radical amputation,« and »predatory devour­ing.« They all reflect something of the unconscious anxieties, denials, and projections forming a complex defense mechanism that at the same time resembles a preconscious approach to the perception of involvement in the almost intolerable regression and bar­barism that took place in the period in question.

Keywords: psychoanalysis in the Nazi era; relations between German Psychoanal­ytical Society (DPG) and German Psychoanalytical Association (DPV); scapegoat configuration; group projection

 

Résumé

L’histoire de la relation DPV/DPG de 1945 à 1967: les débats ouverts et les débats

couverts sur l’histoire du national-socialisme. – L’auteure examine certains documents

d’archives de la DPG (»Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft«, Société psychanalytique

allemande) et de la DPV (»Deutsche Psychoanalytische Vereinigung«, l’Association

psychanalytique allemande) datant des deux premières décennies d’aprèsguerre

et ayant pour sujet les débats des psychanalystes des deux associations sur l’histoire

de la psychanalyse sous le national-socialisme. Dans la première partie, elle traite

les débats ouverts et verbalisés qui peuvent être saisis en tant que prototypes de tentatives

d’élaboration de l’histoire commune concernant les accusations réciproques.

Dans la seconde partie, il s’agit des débats couverts se manifestant dans les documents

comme résidus de l’inconscient dans leurs termes, formulations et associations. Sur ce

chemin méthodologique de la compréhension herméneutique de structures de sens

inconscientes, l’auteure se laisse guider par les trois topoi qu’elle a choisi de retenir.

»Violence et fécondité«, »amputation radicale« et »piller et dévorer« révèlent les peurs

inconscientes, les dénis et mouvements projectifs: une défense qui semble simultanément

avoir représenté une approche pré-consciente de la perception d’avoir participé à

une régression et barbarie insupportables.

Mots clés: psychanalyse sous le national-socialisme; histoire des relations »Deutsche

Psychoanalytische Vereinigung« (DPV)/»Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft«

(DPG); configuration du bouc émissaire; projection de groupe

Psyche

[i] Bei der Redaktion eingegangen am 17 1. 2013.

[ii] 1 Hier vor allem der Vetter von Hermann Göring, der Psychotherapeut Mathias Heinrich Göring, der Leiter des im Februar 1936 gegründeten »Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie« (»Göring-Institut«) war.

[iii] 2 Die Interpretation, Schultz-Hencke habe mit seinem »Amalgamierungskonzept« Freuds Theorie einebnen/zunichte machen wollen, ist ähnlich wie der unten beschriebene Topos der »Angst, aufgefressen zu werden« zu verstehen.

[iv] 3 Der beschlossene Tagesordnungspunkt hatte den Wortlaut: »Die Gesellschaft wird aufgelöst infolge ihrer Überführung in das Deutsche Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie als dessen Arbeitsgruppe A« (»Katwan-Bestand« im Archiv der DPG, Archivnummer 2.47; vgl. auch Schröter 2010, S. 1151). Schröter analysiert einige diesem Beschluss vorausgegangene Briefwechsel und Treffen von Müller-Braunschweig und Böhm mit den internationalen Repräsentanten Jones und Anna Freud, in denen es um die damalige Situation der DPG und ihren Verbleib in der IPV ging, nachdem die DPG bereits 1936 ihren Austritt aus der IPV erklärt hatte, den sie anschließend wieder zurücknahm.

[v] 4 Interessant ist übrigens, dass nie eine Diskussion um die Parteimitgliedschaft von Wieg-mann (DPG) stattgefunden hat, der seit April 1940 NSDAP-Mitglied war. Vielleicht ermöglichte die Nazi-Projektion der DPV auf Schultz-Hencke, Wiegmann als DPG-Repräsentanten in der DPG zu schützen (pers. Hinweis von Regine Lockot).

[vi] 5 Zu dieser Bewegung gehörten neben Laforgue vor allem Erich Fromm (Mexiko), Westerman-Holstijn (Holland) und Kollegen der Horney-Gruppe. Ein Brief von Westerman-Holstijn an Schwidder vom 26. 2. 1961 scheint mir die politische und psychoanalytische Richtung und das damit verbundene Dilemma (der großen Ambivalenz der Psychoanalyse gegenüber) treffend zu charakterisieren: er teile »Freudsche Grundbegriffe, viele andere aber nicht« und hoffe auf einen Ausweg zwischen Scylla (Dogmatismus) und Charybdis (Alles darf) (vgl. Lockot 2009).

 

 

Buchbesprechung

 

ULRICH SCHULTZ-VENRATH, KÖLN

Der Mißbrauch von Geschichte als transgenerationelles Traumatisierungsphänomen*[iii]

 

Es gibt wohl nur wenige Bücher, die bei Psychoanalytikern so vehemen­te Gefühle freigesetzt haben wie die jüngste Veröffentlichung von Anne­marie Dührssen, emeritierte Ordinaria des Lehrstuhls für Psychothera­pie und psychosomatische Medizin des Klinikums Westend[iii] der Freien Universität Berlin, Jahrgang 1916 und Mitglied der Deutschen Psycho­analytischen Gesellschaft.

Die erregten Äußerungen, die seit dem Erscheinen laut wurden, reichen vom »erneuten Einzug des intellektuellen Antisemitismus in die Psy­choanalyse« bis zu resignativ verkehrten Wünschen, »leider könne man Frau Dührssen nicht wegen Volksverhetzung anzeigen«. Natürlich wird unter ihren Anhängern beschwichtigt, der Vorwurf des Antisemitismus bekümmere sie sehr, sei ihr doch eine solche Einstellung völlig fremd. Aber welcher Analytiker ist schon frei von jenen personal-, instituts-­ und vereinsbedingten Abhängigkeiten, die das jeweilige Gesichtsfeld in jahrelangen Korrekturen der Wahrnehmung vermutlich mehr eingeengt als erweitert haben? Bei Büchern, die derartige Affekte auslösen, sollte man die unbewußten Motive besonders untersuchen, wenn es sich nicht um ein kalkuliertes Manöver handelt, um bloß nicht in Vergessenheit zu geraten.

Dührssens Buch entzieht sich zunächst jeder Einordnung; denn weder läßt es sich als Zeugnis einer Zeitgenossin noch als Werk einer Historike­rin rezensieren. Die Autorin teilt uns weder ihre persönlichen Erfahrun­gen mit, die sie als Ausbildungskandidatin bzw. Psychotherapeutin am Reichsinstitut für Psychologische Forschung und Psychotherapie und dem Nachfolge-Institut der DPG gemacht hat, noch nutzt sie die Stan­dards und Regeln, die das Handwerk des Historikers auszeichnen. Sie hat es nicht nötig, Zitate zu belegen oder Quellen zu benennen, die

ausgewählte Literatur ist nicht auf dem Stand der gegenwärtigen histori­schen Forschung. Weder ist ihr der Nachtragsband der Gesammelten Werke Freuds von 1987 bekannt, noch, daß es seit 1988 mit Luzifer-Amor eine Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse gibt, noch wird auf den denkwürdigen Katalog anläßlich des 34. Kongresses der Inter­nationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Hamburg zur Geschich­te der Psychoanalyse (Brecht et al., 1985) oder auf andere seriöse Histo­riker, wie z. B. Grubrich-Simitis (1993), Bezug genommen. Insofern werden die sachlichen Interessen eines historiographisch interessierten Lesers gleich vielfach verletzt. Aber genau das ist das Dilemma des Re­zensenten : Wollte man all die Fehler, die skotomhaften Auslassungen und suggestiven Verdrehungen wirklich auflisten, würde man den Leser nur langweilen.

Der scheinbar neutrale Titel des Buches, in dem das Adjektiv »psycho­analytische« groß geschrieben ist (gibt es also doch noch eine heimliche Idealisierung der Psychoanalyse ?), täuscht und enttäuscht die Erwar­tung des Lesers. Es handelt sich keinesfalls um eine historische Analyse der psychoanalytischen Bewegung. Dazu ist das Buch zu sehr aus der Perspektive der Selbstrechtfertigung geschrieben. Es handelt sich allen­falls um die Dokumentation einer einseitigen Vereinnahmung abwei­chender psychoanalytischer Konzepte, etwa am Beispiel Ranks (»Ich halte nichts von einer lang hinausgezogenen Psychoanalyse« [S. 92]), die dem Phantom einer »fundamentalistischen« Position entgegengestellt werden: »Die psychoanalytische »Identität« sollte sich nach den Vorstel­lungen der Fundamentalisten daran knüpfen, daß das reine Gold der >strengen, der tendenzlosen Analyse< als die beste und wirksamste Be­handlungsmethode anerkannt wurde und daß die Durchführung solcher Psychoanalysen die Grundvoraussetzung dafür abgab, daß ein Bewer­ber in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen wurde« (S. 96). Abgesehen davon, daß jede Gruppe ihre Standards der Ausbildung selbst festlegt und das Freud-Zitat vom Gold der strengen Analyse doch schon weitsichtig auf die Probleme der zukünftigen Ver­sorgungsrealität der Psychoanalyse hinwies, fragt man sich angesichts der Parteinahme Dührssens für Kurztherapie oder niederfrequente Psy­chotherapie, ob sie sich selbst im Fall einer Herz- oder Nierentransplan­tation mit einem Chirurgen zufriedengäbe, der seine operativen Erfah­rungen ausschließlich am entzündeten oder »unschuldigen« Appendix gesammelt hat.

Es geht Dührssen um eine höchst persönliche Bilanz, unter Ausschluß
ihrer Biographie, die pathetisch mit dem ersten Satz eingeleitet wird:

≫Wir stehen am Ende eines Jahrhunderts≪, obwohl intendiert ist, ≫wir

stehen am Ende der Psychoanalyse≪. Und dies nicht, weil sich einige Historiker

in ≫einem wahren furor biographicus≪ in Annaherung an Freud

als Person zu sehr fur die Länge seiner Fußnägel oder die Position seiner

Zahnbrücken interessiert hatten (Grubrich-Simitis, 1993), sondern weil

die Gruppendynamik der ≫elitär, auserwählt, aber auch als verfolgt erlebten

≪ Freudschen Großfamilie ≫Elemente… sektiererischer Gefühlseinstellungen

≪ aufweise, die sich ≫bis heute unter den orthodoxen Psychoanalytikern

erhalten haben≪ (S. 23). Es ist für Dührssen beinahe wie

im Leben, daß Sektierer nicht nur immer die anderen, sondern auch an

ihrem Aüßeren zu erkennen sind, weshalb sie nach körperlichen Gebrechen

bei den Mitgliedern des ≫Geheimen Komitees≪ sucht, uber die

Jones angeblich gesagt haben soll: ≫Keiner von uns war ein gut aussehender

Mann≪ (S. 66). Mit Erstaunen ist festzustellen, das sie das tatsachlich

ernst meint: Als Beleg werden Karikaturen von Szekely-Kovacs

und Bereny (1954) angefuhrt, deren Quelle sie mit dem Geheimnis des

≫Privatdrucks≪ umhüllt, obgleich jedes gut geführte psychoanalytische

Antiquariat diese Karikaturen heute führt und Lück und Mühlleitner

(1993) diese sogar kürzlich herausgegeben haben: ≫Tatsächlich fällt diese

Eigentümlichkeit dem Betrachter der wenigen Bilder, die von den Beteiligten

erhalten sind, besonders auf. Keiner sah gut aus, keiner war groß

gewachsen≪ (S. 66). Was anderes als tiefer Antisemitismus soll denn diesem

durchgehend entwertenden Schreibstil zugrunde liegen, der sich der

Aufzählung von persönlichen Schwächen nicht zu schade ist, etwa wenn

sie auf das Stottern Eitingons gleich zweimal Bezug nehmen muß (S. 68,

193), das ihn zunächst am erfolgreichen Abschluß des Gymnasiums gehindert

habe, oder wenn sie die beruflichen Umwege Eitingons und Simmels

mit dem Weg (des Ariers) Borhm vergleicht: ≫Im Gegensatz zu den

beiden Altersgenossen Max Eitingon und Ernst Simmel hat er (Borhm)

sein Medizinstudium mit eindeutigem Berufsziel begonnen≪ (S. 193).

Die (un)heimliche Bindung Dührssens an hochgewachsene, blauäugige,

blonde Männer, führt sie zu der antifeministischen Äußerung, daß die

Komitee-Mitglieder ≫in ihrer männlichen Identität… erschüttert und

verunsichert≪ oder nicht groß genug gewachsen waren (S. 67).

Ihre Methode ist in der heutigen Literatur zur Selbsthistorisierung der

Psychoanalyse ohne Vorbild, ihre Wahrheiten sind weder neu noch originell,

es handelt sich um ≫Als-ob≪-Wahrheiten, vermutlich weil sie sich

mit der Psychoanalyse Freuds weder partiell noch ganz identifizieren

konnte oder durfte (oder wollte. Anm. JSB). So bergen Dührssens Zeilen oft Züge eines tragischen, wenn nicht perversen, Mißverständnisses, was bereits auf den ersten Seiten des Vorworts deutlich wird: ≫Immerhin wurde im Jahre 1992

auf der Delegiertenversammlung des Deutschen Ärztetages der neue

›Facharzt für psychotherapeutische Medizin‹ in die Weiterbildungsordnung

der Ärzte eingeführt und damit eine Entwicklung zum Abschluß

gebracht, die genau 90 Jahre zuvor unter dem Einfluß Freuds und der ersten

Psychoanalytiker ihren Anfang (Hervorhebung USV) genommen

hatte≪ (S. 9). Woher weiß Dührssen, das Freud schon diesen Facharzt

wollte, der heute so berechtigt sein mag? Statt die verschiedenen Spannungsfelder

der Institutionalisierung der Psychoanalyse – Therapie versus

Wissenschaft, Ausbildung in Privatvereinen versus universitäre Einbindung,

Psychoanalyse versus Psychotherapie mit oder ohne Laienanalyse

– zu diskutieren, mißbraucht Dührssen Freud für ihr gesundheitspolitisches

Interesse gleich zweimal: 1. der richtige, in der Tradition der

Psychoanalyse gedachte Abschluß mit Integration in die Medizin wäre

der Arzt für Psychoanalyse. Die Probleme, die Psychologen oder Laienanalytiker

mit einer solchen Bezeichnung hatten, sind andernorts zu

diskutieren, da Dührssen fur beide nichts übrig hat, aber die Folgen sind

dramatisch: Die theoretische Flachheit einer Professorin für Psychosomatische

Medizin und Psychotherapie über die Psychoanalyse ist ebenso

verwunderlich (als hatte sie Freud nur selektiv gelesen) wie das völlige

Fehlen der psychoanalytischen Kulturtheorie. 2. beginnt die psychoanalytische

Bewegung mit dem Hypnotismus und spaltet sich davon ab.

Als unvoreingenommener Leser wundert man sich über Dührssens Logik:

≫Man konnte kaum im Ernst behaupten, daß die Entwicklung bis

zu einem ›Facharzt fur psychotherapeutische Medizin‹ vor allem durch

jene Psychoanalytiker vorangetrieben wurde, die sich zu den Mitgliedern

der ›Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung‹ zählen. Eher

im Gegenteil!≪ (S. 10). Das überrascht, ging es den Psychoanalytikern

der ersten Stunde doch um Aufbau, Entwicklung und Forderung einer

psychoanalytischen Wissenschaft und nicht um einen Facharzt, auch

wenn sich nicht wenige, wie zum Beispiel Felix Deutsch (1959), später

die Frage stellten, wie es dazu kommen konnte, das die Medizin als

Mutterwissenschaft ihr begabtestes Kind, die Psychoanalyse, beinahe

verloren oder so zurückgewiesen habe, daß das Kind für lange Zeit nicht

mehr nach Hause zurückkommen wollte. (Wobei die Frage, welchen

Anteil das weggelaufene Kind, die Psychoanalyse, hatte, trotz Dührssen,

heute ebenfalls noch unbeantwortet ist). Noch überraschender ist allerdings,

daß Dührssen wider besseren Wissens (Dührssen, 1992) oder in

neidvoller, unverarbeiteter Ambivalenz in diesem Zusammenhang verschweigt, daß es immerhin Ernst Simmel war, der als erster (und als IPV-Mitglied) das Profil dieses Facharztes 1926 formulierte, ohne den Boden der Psychoanalyse zu verlassen (Simmel, 1927a). Als Jude, Sozia­list und Psychoanalytiker war Simmel Dührssen und ihren Anhängern schon auf der Hamburger DKPM-Tagung 1990 ein Dorn im Auge, als aus ihrem Kreis das Gerücht in die Welt gesetzt wurde, Simmel habe sich gerichtlich wegen Scharlatanerie verantworten müssen. Natürlich war es für die alte sogenannte »Neo«-Analytiker-Fraktion ein Ärgernis, daß Simmel wie im Hase-und-Igel-Spiel immer schon da war, wohin die Bande des Reichsinstituts unter Verleugnung des Unbewußten, der Se­xualität und psychoanalytischen Psychosomatik auch wollte, seien es die ersten Verhandlungen mit den Krankenkassen 1918, sei es die Gründung der ersten psychoanalytischen Poliklinik 1919, sei es der Facharzt für Psychotherapie oder sei es die Einrichtung einer ersten psychoanalyti­schen Klinik in Sanatorium Schloß Tegel 1927 (Simmel, 1993; Schultz­Venrath, 1992). Nur aus der Kränkung, sich letztlich nicht gut genug zu fühlen, kann man die Projektion verstehen, etwa wenn Dührssen wie­derholt auf einen Arier-Juden-Vergleich zurückgreift. Nur einer sei an­geführt: »Boehm war gewiß ein treuer und ergebener Anhänger von Freud. Verglichen mit Eitingon und Ernst Simmel (der ein Sanatorium, aber keine Ambulanz leitete)« — letzteres ist nachweislich falsch — »wa­ren seine therapeutisch-psychoanalytischen Erfahrungen jedenfalls um­fangreicher« (S. 193). Man fragt sich, woher Dührssen weiß, daß »Ernst

Simmel zu klein war, um Schauspieler zu werden« (S. 193), auch wenn sie sich auf Lockot (1985) beruft, die das gar nicht geschrieben hat.

Die Melange aus Geschichte, tiefer Gekränktheit und egoistischen be­rufspolitischen Interessen mündet in einen eigenwilligen und fremdarti­gen Stil. Immer wieder fühlt man sich ihrem suggestiven Wunsch nach Kontrolle und Manipulation der Geschichte ausgesetzt. Auch wird man an den perversen Modus erinnert, ein nie besessenes oder verlorenes Primärobjekt (das in diesem Falle Freud heißt) (wieder)zugewinnen (Khan, 1989). Nach der Unfähigkeit zu trauern sind wir nun mit dem Miß­brauch der Geschichte konfrontiert, einer neuen Form der transgenera­tionellen Traumatisierung, die der Nationalsozialismus der Psychoanalyse und der psychosomatischen Medizin in Deutschland zugefügt hat. Die transgenerationelle Traumatisierung des psychoanalytischen Nachwuchses durch jene Psychoanalytiker, die im Dritten Reich groß gewor­den sind und vom Verlust des jüdischen Erbes am direktesten betroffen waren, ist durch das Skotom der Idealisierung (keine Idealisierung, sondern Tabuisierung als Totem der machtakkummulierenden Psychokratie und ihrer Nomenklatura Anm.JSB)) noch nicht ins Blickfeld geraten. Wer aber ein solches Skotom aufhebt, bleibt nicht ungestraft: Die Titulierung als »Vatermörder« ist noch das Geringste, das man zu erwarten hat. Aber weder Kandidaten noch Analytiker haben sich der schmerzhaften Auseinandersetzung bisher stellen wollen, daß gerade jene Generation, die während des Dritten Reichs und nach 1945 ihre psychoanalytische Ausbildung begann und die Lehrstühle für Psycho­somatische Medizin und Psychotherapie besetzte, heute zu den heftig­sten Kritikern Freuds zählt. Besteht vielleicht ein reziproker Zusam­menhang darin, daß sie — als Folge der Emigration der jüdischen Analytiker-Fraktion — die schlechteste Ausbildung erhalten hat? Diese transgenerationell traumatisierte Generation, die zwar gerne psycho­analytische Ausbildungskandidaten als Assistenten einstellt, aber einen Gestalt- oder Verhaltenstherapeuten zu deren Oberarzt macht, betont gebetsmühlenartig die Mängel und Schwächen der Psychoanalyse. Das schizoide Dilemma jener Akademikerfraktion, die die Psychoanalyse zur Verbesserung der eigenen Abwehr einsetzt und sie gerne auf dem Scheiterhaufen der Methoden sehen möchte, hat für die historische For­schung nur ein sarkastisches Lächeln übrig. Ihr Primat sind Empirie und Psychometrie als moderne Abwehr der Traumatisierung des eige­nen Fachs. So ist bis heute nicht recht zu verstehen, warum die (durch­aus berechtigte) Kritik an manchen Irrtümern Freuds immer mit dem Beigeschmack der Verachtung oder des hämischen Triumphs geäußert werden muß.

Dührssens Kritik an Freud reiht sich in den ahistorischen mainstream ein. Ohne Beleg behauptet sie: »Für Freud wurde die Hypothese, daß die Sexualität bei der Entstehung der Neurosen eine vorrangige Bedeu­tung spielte, lange Jahre hindurch zu einem festgefügten Dogma« (S. 16). Abgesehen davon, daß sie an dieser Stelle den Dogma-Begriff mit dem des Paradigmas verwechselt — die Auseinandersetzung mit der Geschich­te der psychoanalytischen Bewegung unter dem Aspekt der Entwick­lung wissenschaftlicher Revolutionen und der Entstehung eines Para­digmas (Kuhn, 1993) hätte ihr diese Verwechslung vielleicht erspart —, war die Sexualität für Freud niemals ein Schibboleth, wie sie — wieder ohne jeglichen Beleg — diffamierend behauptet. Spätestens 1918 war die sexuelle Traumatheorie durch das Konzept der narzißtischen Traumati­sierung für das Verständnis der Symptombildung ersetzt oder zumindest ergänzt worden (Simmel, 1919 a), was von der Kriegsneurosen-Debatte eigentlich hätte bekannt sein müssen. Viel schwerer wiegt jedoch: Dührssen stellt sich mit dem Sexualitätsvorwurf auf die Stufe jener völ­kischen Freud-Kritiker, die eine »Ganzheitsmedizin« vertraten. Es war der prominenteste psychotherapeutische Mediziner der Weimarer Zeit, Erwin Liek (1940), dessen Kritik am »Wühlen im Sexuellen« den nazistischen Feuerspruch — »Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele« — intellektuell vorbe­reiten half, mit dem Freuds Bücher schließlich auf dem Scheiterhaufen landeten. Schon 1931 hatte dagegen der von ihr ansonsten (wegen Ab­weichung!) geschätzte Franz Alexander in seiner New Yorker »Harvey Lecture« die Abwehr der Sexualität mit den ehemaligen Widerständen gegen die Einführung der Obduktion in die Medizin verglichen: »Man hatte all die gefühlsmäßigen Vorurteile jener Zeit zu überwinden, so wie heute die Sezierung der Persönlichkeit alle gefühlsmäßigen Vorurteile des heutigen Menschen zum Gegner hat. Wenn man die Schriften gewis­ser Kritiker Freuds in Deutschland liest und für die Worte >Persönlich­keit< oder >Seele< das Wort >Körper< einsetzt, so steht man vor den glei­chen Argumenten, die im 16. und 17. Jahrhundert gegen die Sezierung des Körpers vorgebracht wurden. Die Psychologie ist eine Entweihung, sie degradiert die Seele, zieht unsere höchsten Seelenbesitztümer in den Schmutz … Sicher führten Anatomie und Physiologie zu einer großen Enttäuschung: die Wissenschaft konnte die Seele nicht unterbringen« (Alexander, 1931).

Auch Dührssen zählt zu den Enttäuschten, aber in einem anderen Sinne: Das scheinbar spurlose Verschwinden ihrer alten »Weltanschauung« hinterläßt bei ihr nur das Verlangen nach leerer Aggression. Unter den Bedingungen des Krieges und nach erzwungenem Ausschluß der jüdi­schen Analytiker war ihre Ausbildung so miserabel wie die ihrer Kolle­gen — üblicherweise betrugen die Lehranalysen damals allenfalls 250 Stunden. (Ist es nicht eine Parodie der Geschichte, daß aus der Not die­ser Stundenzahl 150 Stunden für den neuen Facharzt als hinreichend an­gesehen werden ?) Dieser Mangel konnte nur zu einer Imitation der Psy­choanalyse führen.2[iii] Nicht ohne Hintersinn heißt Dührssens Konzept »dynamische Psychotherapie«, das ihren jüngsten, aber sicherlich nicht letzten, Niederschlag in der Frequenzdebatte (drei statt vier Stunden) findet. Die tiefe unbewußte Enttäuschung über eine psychotherapeuti­sche Ausbildung ohne Psychoanalyse, das Getrennt- oder Ausgeschlos­sensein vom primären Objekt »Freud« wird zum Ressentiment. In die­ser Hinsicht gleicht ihr nur noch Peters (1992), der Die Emigration der dynamischen Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939 beschreibt, obwohl es eine solchermaßen definierte Psychiatrie in Deutschland — trotz Am­mon — zu keiner Zeit gegeben hat. Dührssen muß Freud deshalb den Vorwurf machen, er habe nachhaltig dazu beigetragen, »daß die elitäre Abgrenzung der Psychoanalyse von den anderen psychotherapeuti­schen Verfahren erhalten blieb und bis heute durch die >Fundamentali­sten< unter den Freudianern weiterhin kultiviert wird« (S. 74). Der hämi­sche Ton, mit dem sie jede Spaltung und Differenz innerhalb der psycho­analytischen Bewegung in ihrem Buch begleitet, macht sie selbst zu einer Fundamentalistin mit radikalem Selbstverlust und Schwund der rationa­len Urteilskraft. Der unendliche Kampf gegen Freud als Enttäuschungs­objekt, der immer dann ausbricht, wenn der Widerstand des Objekts die omnipotente Kontrolle über den Partner in Frage stellt und den erhoff­ten »Zauber« zerstört, wird von einer besonderen Form des Erinnerns begleitet, das projektive und paranoide Züge trägt. Die zahlreichen sach­lichen Fehler, die man als Historiker unter »schlampig und verantwor­tungslos recherchiert« (Hans-Martin Lohmann) einordnen würde, rei­chen bis in die Gegenwart, etwa wenn Dührssen meint: »Lohmann und Dahmer gehörten gewiß noch zu jener Ausbildungsgeneration, die ihre psychoanalytischen Informationen nur in dem sehr engen Kreis um Mit­scherlich erhalten hatte« (S. 219), wo doch beide weder eine psychoana­lytische Ausbildung erfahren haben noch zu den Mitgliedern der DPV zählen. Was soll dann der Satz, beide seien »unter der Glocke des Schweigens und Vertuschens der DPV aufgewachsen« ? Gerade ihr Sta­tus als Outsider hat Dahmer und Lohmann doch die frühe Auseinander­setzung mit der Geschichte der Psychoanalyse unter Hitler ermöglicht, während Dührssen phantasiert, sie hätten jahrelang stillgehalten, um 1982, nach Alexander Mitscherlichs und Anna Freuds Tod, die Katze endlich aus dem Sack zu lassen.

Man sollte annehmen, daß Dührssen weiß, daß ihr Buch zwar nicht die Psychoanalyse, aber doch die psychoanalytische Bewegung zerstören soll, was ein Grund für die heftigen Affekte sein könnte. Die Art dieser Zerstörung hat etwas von Selbstverstümmelung, die nicht nur als Ne­beneffekt in Kauf genommen wird, sondern — fast wie zur Zeit in Bos­nien — das eigentliche Ziel ist (Verbrannte Erde). Andererseits hat Dührssens mehr oder weniger sublime Identifikation mit dem National­sozialismus etwas mit dem »fortschrittlichen« und sozialpolitisch »mo­dernen« Hitler zu tun, dem man — ähnlich wie beim altbekannten Auto­bahnbau-Argument — für dessen Gesellschaftskonzept, zumindest wenn man unglücklicherweise doch Psychologe und Laienanalytiker sein soll­te, auch noch dankbar sein soll: »Hätte nicht im >Dritten Reich< M. H. Göring den Beruf des >behandelnden Psychologen< geschaffen, der be­rechtigt sein sollte, im Auftrage eines Arztes in der Heilkunde tätig zu werden, dann wären die Laienanalytiker in Deutschland ganz gewiß in eine schwere existentielle Krise geraten« (S. 116).

Insgesamt ist es auch bemerkenswert, daß sie 100 Jahre nach Einführung des Konversionsbegriffs (Freud, 1894 a), mit dem die Psychoanalyse ih­ren Anfang nahm, ausgerechnet auf dem Höhepunkt von Fremdenhaß und Rechtsradikalismus die Freudsche Psychoanalyse auf verschlunge­nen Wegen wieder als jüdische Wissenschaft brandmarkt (S. 184 f.). Es wäre einzuwenden, daß dies auf den ersten Seiten schon vorauszusehen war, wenn sie »Freud … (in der) Rolle eines Religionsstifters« (S.21) sieht und Psychoanalytiker dafür kritisiert, daß sie sich »im Besitz einer neuen Wahrheit fühlten« (S. 23), was doch für jeden Entdecker eines Pa­radigmas gilt. Sollte es sich bei den Bemühungen Dührssens vielleicht um die späte Rache des — von Matthias Heinrich Göring geleiteten —Reichsinstituts für Psychologische Forschung und Psychotherapie an den Überlebenden und Opfern handeln? Man ist geneigt, diese Frage zu bejahen, da sie »die Elemente … (der) sektiererischen Gefühlseinstel­lungen in gewissen Abwandlungen bis heute unter den orthodoxen Psy­choanalytikern« findet, welche — wo sonst? — unter den Mitgliedern der IPV und DPV, den Fundamentalisten, zu suchen sind. Welche Genugtu­ung dürfte Dührssen verspürt haben, als mit Scheunerts Mitgliedschaft in einer NS-Organisation endlich die DPV von der Vergangenheit einge­holt worden war! Auch wenn das schon längst bekannt ist, ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu befürchten, daß eines Tages noch mehr Psycho­analytiker und Psychosomatiker als NSDAP-, SA- oder SS-Mitglieder bekannt werden. Dies ist besonders schwer erträglich für jene, die auf­grund einer nicht hinreichend bearbeiteten negativen Übertragung ihre Identifizierung und Idealisierung nicht aufgeben können. Insofern ist die projektive und oftmals gehässige Auseinandersetzung zwischen DPG und DPV um die »richtige« Analyse eigentliche Abwehrarbeit be­züglich der inneren und äußeren Kontinuitätsfragen zum Nationalso­zialismus. Dührssens Bekenntnis, daß sie »persönlich die Gruppen­kämpfe, die sich seinerzeit abspielten, mit Verwunderung und Abnei­gung zur Kenntnis genommen habe«, ist hinsichtlich der Wirkung ihres Buches eine glatte Verkehrung ins Gegenteil. »Ich war zwar kein Mit­glied der >Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft< und hatte auch nie den Wunsch verspürt, zur Internationalen Psychoanalytischen Verei­nigung zu gehören. Es war eher eine Horrorvorstellung, Mitglied einer Vereinigung zu sein, die ihre Mitglieder wegen abweichender wissen­schaftlicher Positionen ausschloß« (S. 209). Nein, Dührssen war schon damals »als sachverständige Beraterin der Weltgesundheitsorganisation« etwas ganz Besonderes: Sie konnte die »unterschiedlichen Landesgrup­pen« der IPV sozusagen von oben beobachten: »Bei aller Faszination, die von einzelnen, hochbegabten Persönlichkeiten in diesen Gruppen ausging, war es doch befremdend, in welchem Ausmaß unwissenschaft­liche Meinungskämpfe jeweils an der Tagesordnung waren. Zugleich war unverkennbar, daß sich in diesen Gruppen Machtstrukturen ausge­bildet hatten, die dem Machtmißbrauch Tür und Tor öffneten« (S. 209). Natürlich kann in jeder Gruppe Machtmißbrauch vorkommen, aber wie wird man eigentlich ohne Mitgliedschaft in einer psychoanalytischen Vereinigung oder Gesellschaft deren »sachverständige( !) Beraterin« ? Ist das nicht Hochstapelei oder Anmaßung?

Dührssens Buch ist ein trauriges Buch, weil es den mit der Geschichte nicht vertrauten Leser zu dem Schluß kommen lassen könnte, das Jahr­hundert der psychoanalytischen Bewegung sei zu Ende : Es lebe das Jahrhundert der psychotherapeutischen Bewegung! Die Zerstörung der Psychoanalyse hat natürlich nicht mit ihren Dissidenten und auch nicht mit Klaus Grawe begonnen, sondern mit dem Jahr 1933. Indem sich Dührssen in die Tradition der Zerstörung der Psychoanalyse stellt, wer­den die bis heute nicht verstummenden und selbstquälerischen Fragen nach der Identität der Psychoanalyse und ihrer Mitglieder verständli­cher. Was aber noch erschütternder ist: Nachdem sich weder die »Neo­Analyse« Schultz-Henckes mit ihrer NS-verbrämten Sprache (Küte­meyer, 1991) noch Dührssens Kreation einer »dynamischen Psycho­therapie« in Deutschland durchgesetzt haben, muß die Autorin — ein weiterer Etikettenschwindel — den Namen Psychoanalyse als Prestige-und Markenzeichen verwenden, obwohl sie sich logischerweise nicht mehr Psychoanalytikerin nennen kann. Insofern mißbraucht Dührssen mit diesem Buch die Psychoanalyse und die psychotherapeutische Me­dizin ein weiteres Mal. Da sie immer auch Politikerin war, kann der Zweck dieses Buches eigentlich nur darin liegen, all jene DPG-Kollegen zu warnen, die sich der »fundamentalistischen« DPV in den letzten Jah­ren theoretisch und praktisch angenähert haben. Oder soll vielleicht von der viel brisanteren Auseinandersetzung abgelenkt werden, daß in Zu­kunft psychoanalytische Institute einen Teil ihres Ausbildungs-Mono­pols — zumindest bezüglich des Facharztes für psychotherapeutische Medizin — aufgeben müssen?

Es ist der jüngeren Generation zu danken, daß sie sich nicht auf Dührs­sen, sondern auf ihr verlorenes jüdisches Erbe besinnt. (Wie denn, mit „Israelkritik“? Anm.JSB) Erst kürzlich ver­anstaltete die Deutsche Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin in Berlin einen Kongreß über »Ernst Simmel als Pionier und Visionär«.

Auch wenn andere Pioniere der psychotherapeutischen Medizin nicht vergessen werden sollten (z. B. Balint, Deutsch, Ferenczi, Meng), so eig­net sich Simmel geradezu idealiter als Identifikationsfigur. Er hat das Spannungsverhältnis zwischen Psychoanalyse als Forschungsinstru­ment für wenige und Psychotherapie als Behandlungsinstrument für vie­le ausgehalten, ohne mit dem einen das andere zu diffamieren, was auch für eine gelungene Integration gegensätzlicher Impulse durch die psy­choanalytische Ausbildung spricht. In dieser Hinsicht hat Dührssen nicht nur ihrem Ruf geschadet, den sie — zumindest in der Psychosoma­tik — zu verlieren hatte. Sie hat auch den Fachvertretern für psychothera­peutische Medizin geschadet, die die Intention eines solchen Werkes nur schwer ohne Identitätsstörung vertreten können. Nichts wäre zur Zeit unsinniger für den Arzt für psychotherapeutische Medizin als die Im­munisierung gegen die Psychoanalyse.

 

(Anschrift des Verf. : PD Dr. med. Ulrich Schultz-Venrath, Johannes Müller Str. 61, 50735 Köln)

 

BIBLIOGRAPHIE

Alexander, F. (1931): Psychoanalyse und Medizin. »Harvey Lecture« in der Academy of

Medicine in New York, am 31. Januar 1931. Int. Z. Psychoanal., 17,212-233.

Brecht, K. et al. (1985) (Hg.): »Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …« Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg (Michael Kellner). Deutsch, E (1959): On the mysterious leap from the mind to the Body. A study an the theory of conversion. New York (Int. Univ. Pr.).

Dührssen, A. (1992): Zur Frühgeschichte des Facharztes für psychotherapeutische Medi­zin. Zsch. psychosom. Med., 38,299-309.

Freud, S. (1894 a) : Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen Theorie der acquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und gewisser hallu­zinatorischer Psychosen. GW I, 59-74.

Grubrich-Simitis, I. (1993): Zurück zu Freuds Texten. Stumme Dokumente sprechen ma­chen. Frankfurt/M. (S. Fischer).

Khan, M. M. R. (1989): Entfremdung bei Perversionen. Frankfurt/M. (Suhrkamp). Kütemeyer, M. (1991): Die Sprache der Psychosomatik im Nationalsozialismus. In: W.Bohleber und I. Drews (Hg.): »Gift, das du unbewußt eintrinkst …« Der National-

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Kuhn, T. S. (1993): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2. rev. und um das Post­scriptum von 1969 erg. Aufl., Frankfurt/M. (Suhrkamp).

Liek, E. (1940): Das Wunder in der Heilkunde. 4. Aufl., München (Lehmanns).

Peters, U. H. (1992): Psychiatrie im Exil. Die Emigration der dynamischen Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939. Düsseldorf (Kupka).

Schultz-Venrath, U. (1992): Ernst Simmels psychoanalytische Klinik »Sanatorium Schloß Tegel GmbH« (1927-1931). Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte einer psychoanalyti­schen Psychosomatik. Habilitationsschrift, Universität Witten/Herdecke.

Simmel, E. (1919a): Zweites Korreferat: Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. In: Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Internationale Psychoanalytische Bibliothek Nr. 1, Leipzig und Wien (Internationaler Psychoanalytiker Verlag), 42-60.

 

[iii] Anmerkungen zu Annemarie Dührssens Buch Ein Jahrhundert Psychoanalytische Bewegung in Deutschland. Die Psychotherapie unter dem Einfluß Freuds. Göttingen (Van-denhoeck & Ruprecht) 1994. 267 Seiten, 68 DM.

 

[iii] 1 Auf der letzten Seite heißt es »über die Autorin«, daß sie im Klinikum Virchow diese Abteilung inne hatte. Dies kommt sachlich einer Geschichtsmanipulation gleich, weil die Umbenennung erst Jahre nach ihrer Emeritierung durchgeführt wurde.

 

[iii] 2 Diese Idee ist Gemma Jappe zu verdanken, die auf der DPV-Herbsttagung 1994 über »Tradition, Identifikation, Imitation — Ein Nachwort zu den Frequenzseminaren« sprach.

 

 

Diskussion

 

URSULA KREUZER-HAUSTEIN, GÖTTINGEN, UND GÜNTHER SCHMIDT, MANNHEIM

 

Kritischer Kommentar zu Annemarie Dührssens Buch

»Ein Jahrhundert Psychoanalytische Bewegung in Deutschland«*[i]

 

Vorbemerkung: Das vor zwei Jahren erschienene Buch von Annemarie Dührssen hat auf beklemmende Weise veranschaulicht, daß ein (wie im­mer großer oder kleiner) Teil der deutschen Psychoanalytiker nach wie vor bereit ist, die Geschichte der Psychoanalyse, insbesondere die zwi­schen 1933 und 1945, so umzuschreiben, daß die Ausgrenzung der jüdi­schen Analytiker aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft und ihre Ausbürgerung und Vertreibung aus Deutschland — wofern sie nicht umgebracht wurden — im nachhinein als Erfolgsgeschichte der Psychothe­rapie gelesen werden können. Vielleicht war sie das auch wirklich; einige wohlwollende bzw. verharmlosende Rezensionen des Dührssen-Buches lassen jedenfalls darauf schließen. Obwohl schon vor mehr als einem Jahr in der Psyche eine überaus deutliche Stellungnahme (von Ulrich Schultz­-Venrath in Heft 4/1995, S. 392-403) erschienen ist, kommen wir ein weite­res Mal auf den Skandalfall zurück, weil offenkundig scheint, daß die Ge­schichte, hier für die Mitglieder der DPG (deren ehemalige Vorsitzende und heutiges Ehrenmitglied Dührssen ist), noch längst nicht ausgestanden ist. (H.-M. L.)

Das 1994 erschienene Buch von A. Dührssen Ein Jahrhundert Psycho­analytische Bewegung in Deutschland. Die Psychotherapie unter dem Einfluß Freuds hat in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, deren Ehrenmitglied und ehemalige Vorsitzende die Autorin ist, eine er­neute wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung über die Psychoanalyse und ihre Geschichte hervorgerufen. Die Provokanz der Denktraditionen, in denen Dührssen sich bewegt, die historiographi­schen Verzerrungen und die Psychoanalysefeindlichkeit führten zu hef­tigen Reaktionen unter den Mitgliedern. Die Heftigkeit der Auseinan­dersetzungen bestätigt das, was Dührssen verleugnet: Die Gegenwärtig­keit der Folgen des Nationalsozialismus auf die Psychoanalyse und die psychoanalytische Identität, die immer wieder neue Auseinanderset­zungen mit unserer Geschichte erfordert. Das Buch ist zum einen ein historisch und politisch ideologisches Buch; zum anderen repräsentiert es Gefahren und Bereitschaften, mit denen wir uns nicht nur als Psycho­analytiker immer wieder konfrontiert sehen. Es geht um Gefahren der Bagatellisierung des Nationalsozialismus und des Antisemitismus sowie um Versuche projektiver Schuld- und Trauerabwehr, die in unserer Pro­fession in der Spaltung der DPG ihren Ausdruck fand. Das Buch zeigt außerdem die Gefahr, Psychoanalyse auf der Basis plakativer charakte­rologischer Zuschreibungen als etwas »Jüdisches« und von Ausstoßung Bedrohtes darzustellen, ohne daß differenzierte wissenschaftliche Un­tersuchungen über jüdische Elemente oder Wurzeln der Psychoanalyse berücksichtigt werden. Das Buch ist außerdem in seinem ganzen Duktus ein Buch gegen wesentliche Essentials der Psychoanalyse und — berufs­politisch von besonderer Bedeutung — gegen die hochfrequente Analyse. Unser Interesse ist es, einen Teil der DPG-internen Auseinandersetzun­gen über das Buch von Dührssen öffentlich zu machen. Dührssen ist zweifellos eine wichtige Repräsentantin der DPG und der deutschen Psychotherapie. Aber bei der Beschäftigung mit ihrem Buch geht es dar­über hinaus um den Versuch der Auseinandersetzung mit bestimmten Denktraditionen in der Geschichte der DPG.

  1. Sprache

Die Diskussionen über das Buch führen zu Auseinandersetzungen über die Frage, ob dessen Diskurs antisemitisch zu nennen sei. Die Spann­breite der Einschätzungen reicht von der Bewunderung für Dührssen, mutig Tabus aufgegriffen zu haben, bis zu der Einschätzung, antisemiti­sche Passagen seien nicht zu übersehen. Zum Teil würden sie sich erst bei genauerer Textanalyse dem mit Äußerungsformen latenter antisemiti­scher Haltungen Vertrauten erschließen. Karikaturen über die »jüdi­schen Köpfe« des Komitees, Tabellarien, Zahlen und auch persönliche, glaubwürdig erscheinende Erinnerungen, die die reiche Erfahrung von Dührssen »belegen«, können den Eindruck sorgfältiger Recherchen entstehen lassen. Doch dieser erste Eindruck mischt sich mit Unbeha­gen, das einen zweiten Blick — auf die Stilmittel — erforderlich macht. Wir wollen auf vier aufmerksam machen.

  1. Die Verschleierung eigener Positionen durch Zitate und Zitatselektion dient dazu, eigene Positionen unkenntlich zu machen. Sich hinter ande­ren Autoren verbergend, nimmt Dührssen Zuschreibungen z. B. in Form charakterologischer Merkmale an Juden vor: Selbstausgrenzung, Selbsthaß und anderes mehr. Sie zitiert vor allem Bienenfeld, der 1937 in Wien »einen obskuren Vortrag« (Gay, 1994) über »Die Religion der reli­gionslosen Juden« hielt. Dührssen zieht Karikaturen der Mitglieder des Komitees aus einem privaten Karikaturenalbum heran (erschienen im renommierten Internationalen Psychoanalytischen Verlag). Aus einer Fülle weiterer Zitate schließt sie dann: »Keiner sah gut aus, keiner war großgewachsen« (S. 66). Sie führt weiter aus, »daß sie in ihrer männli­chen Identität recht erschüttert und verunsichert waren« (S. 67). Diese Form von »Charaktermorden« (Gay, 1994) wird mit den Worten fortge­führt: »Sie waren — in psychopathologischer Hinsicht — jedenfalls Be­troffene …« (S. 68). Die Schilderungen Dührssens stützen sich auf »Fak­ten« : Einen Sprachfehler Eitingons, ärmliche Verhältnisse Ranks, den Satz Jones‘ »Keiner von uns war ein gutaussehender Mann« (S. 66) »be­legt« Dührssen mit »Zitatfakten«. Sie suggerieren das Bild einer solide arbeitenden Wissenschaftlerin. Doch das Bild, das sie mit Versatzstük­ken ihrer Zitatauswahl von jüdischen Analytikern der ersten Generation zeichnet, ist Ergebnis subjektiver Auswahl und drückt allein die Inten­tionen der Autorin aus.
  2. Ein weiteres Stilmittel läßt sich als Diffamierung per Assoziation be­schreiben. In Begriffen mit bestimmten Assoziationshöfen und mit ei­nem z. T. assoziativen Erzählstil, verbunden mit persönlichen Erfahrun­gen und subjektiven Einschätzungen, reiht Dührssen Episoden, Szenen und Fakten aneinander, die eine diffamierende Bedeutung erhalten. So werden z. B. Psychoanalytiker, die die hochfrequente Psychoanalyse be­fürworten, als »Fundamentalisten« (S. 240) bezeichnet. Dieser Begriff erinnert an den Typus des religiösen Fanatikers. An einer anderen Stelle zeichnet sie — ebenfalls mit dem Stilmittel der Diffamierung per Assozia­tion — das Gespenst des gefährlichen »marxistisch-jüdischen Typus« : »War doch schon damals von den Marxisten — die sehr häufig Juden wa­ren — der >Marsch durch die Institutionen< als Programm aufgestellt worden …« (S. 139). Wenig später ist vom »grausige(n) Vorbild der russi­schen Vernichtungslager« die Rede (ebd.; vgl. dazu Blumenberg, 1995, S. 156 f.).

Als weiteres Beispiel sei folgende Passage (S. 139) angeführt: »Die >Ari­ergesetze< mit ihrem Verbot der >Mischehe< trafen allerdings in weiten Kreisen auf erhebliche Mißbilligung. Aber immerhin wußte man, daß die gläubigen Juden ihrerseits das strenge Verbot der Mischehe und da­mit identische oder noch schärfere Gesetze für ihre >Geschlechterrein­heit< — wie sie sagten — hatten. Kein Jude konnte in seiner Gemeinde ein Amt ausüben (Richteramt oder Priesteramt), der nicht nachweisen konnte, daß seine Vorfahren vier Generationen zurück jüdischen Glaubens gewesen waren … Das Verbot der Mischehe und die Verfolgung der Nachkommen aus diesen Mischehen waren noch strenger. Ein Jude, der eine Nichtjüdin heiratete (eine Goysche), wurde aus der jüdischen Ge­meinde ausgeschlossen, galt für tot und wurde betrauert« (S. 139 f.). Zunächst versieht Dührssen die »Ariergesetze« mit dem verharmlosen­den Kommentar, diese seien »auf erhebliche Mißbilligung« gestoßen. Statt diese Aussage zu belegen oder sich weiter damit auseinanderzuset­zen, wechselt sie das Thema und erwähnt das »Verbot der Mischehe« in der jüdischen Religion. Sie kommt auf einen anderen Gegenstand aus ei­nem anderen Kontext zu sprechen und stellt fest, daß Juden, die Nicht-Jüdinnen heiraten, für »tot« gelten. Mit Hilfe solcher diskursiver Mittel weckt Dührssen Assoziationen, die vorbewußte und bewußte Wirkun­gen nach sich ziehen: Ist nicht der Jude selbst derjenige, der sich tötet? Haben die Juden etwa sich selbst, indem sie das Verbot der »Mischehe« aussprachen, die Ariergesetze zuzuschreiben? Letzten Endes erschei­nen nicht Ariergesetze als Ursache von Verfolgung und Tod, sondern die Juden selbst. Hier mischt sich die »Diffamierung per Assoziation« mit einem dritten Stilmittel°[ii], nämlich mit dem

  1. Konstrukt der Gemeinsamkeiten von Juden und Deutschen. Wenn Dührssen von »sehr subtilen Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Deutschen« spricht (S. 195), so beginnt die Verzerrung bereits in der Ge­genüberstellung von »Juden« und »Deutschen«. Juden in Deutschland waren und sind Deutsche. In der Sprachregelung von Dührssen sind Ju­den jedoch bereits ausgegrenzt. Allenfalls wäre die Frage nach Gemein­samkeiten zwischen Jüdischem und Christlichem sinnvoll. Doch mit Hilfe der Sprachregelung »über die Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Deutschen« entwickelt Dührssen eine verzerrte Perspektive mit dem Ziel, die Grenze zwischen Tätern und Opfern zu verwischen. Die proklamierten Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Deutschen, ihre »geheime unterirdische Verbindung« (S. 195) lägen im »Traum von einer Weltherrschaft«, »im elitären Selbstverständnis« sowie im »messiani­sche[n] Gedanken« (ebd.). Auch der proklamierte deutsche und jüdi­sche »Selbsthaß« seien verwandt, ebenso die »Unterwerfungsbereit­schaft unter Gebote und Verbote« (ebd.).

Diese Zuschreibungen werden zwar mit Formulierungen wie »vielleicht« (ebd.) und »vermutet« (ebd.) versehen. Doch sie werden genannt

 

und suggerieren die Hypothese einer sozialcharakterologischen Basis, auf der sich totalitäre Regime wie der Nationalsozialismus entwickeln können. Wenn also beide — Juden und Deutsche — solche Bereitschaften in sich tragen, dann können auch Juden Nazis und Nazis Juden sein. Da­mit ist die Grenze zwischen Nazitätern und jüdischen Opfern diskursiv aufgehoben.

Doch die (diskursive) Konstruktion eines dialektischen Verhältnisses von Tätern und Opfern eignet sich keinesfalls als politische oder histori­sche Erkenntniskategorie im Zusammenhang mit der nationalsozialisti­schen Herrschaft, der Juden ausgesetzt waren. Wodak (1990) versteht solche Konstrukte, Gemeinsamkeiten von Juden und Deutschen zu be­schreiben, als »Strategie des Rechtfertigungs-Diskurses« (S. 352). Solche Strategien gleichen Darstellungen, in denen Juden zum Urheber ihres ei­genen Unglücks gemacht werden, indem ihnen Wesensarten zugeschrie­ben werden, die Verfolgungs- und Vernichtungsaktionen provozieren.

  1. Euphemismus und Verschweigen: Der Text von Dührssen weist eine Reihe von Euphemismen auf. Einige seien exemplarisch zitiert:

So wird vom »Austritt« jüdischer Mitglieder aus der DPG gesprochen (5. 175) und von der »Notwendigkeit, die beiden jüdischen Vorstands­mitglieder … zu ersetzen« (5.173). Im Zusammenhang mit dem Nazi­einmarsch in Österreich wird von der » Übernahme der Wiener Gesell­schaft durch die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft« (S. 177) ge­sprochen.

In ähnlicher Weise erfolgt die Beschreibung der Verfügbarkeit von Freud Texten im Reichsinstitut :

»Freuds Texte waren trotz der öffentlichen Verbrennung … problem­los … in der Bibliothek greifbar. Man konnte sie ausleihen, selbstver­ständlich — wie in allen anderen Bibliotheken — gegen eine Unterschrift« (S. 179). Auch hier zeigt der Diskurs Bagatellisierungen und Verschleie­rungen durch Verwendung beschönigender Hüllworte. Er verweist da­mit auf verbergende Rechtfertigungen (vgl. auch Wodak, 1990, S. 12, 357).

Ein weiteres Stilmittel Dührssens ist das Verschweigen wissenschaftli­cher Forschungen anderer Autoren. Es wird kein Bezug auf Autoren ge­nommen, die sich mit psychodynamischen Faktoren des Antijudaismus oder Antisemitismus befaßt haben, wie Beland (1991), Brainin, Ligeti und Teicher (1993), Loewenberg (1992), Loewenstein (1971), Wangh (1992) — um nur einige zu nennen. Ebenso fehlt die Rezeption von Ar­beiten, die sich mit den psychischen Folgen der NS-Vergangenheit bei Opfern wie Tätern oder mit der Gegenwart der Vergangenheit befassen (z. B. Brecht et al., 1985; Diebel et al., 1986; Eckstaedt, 1992; Ermann, 1992; Keilson, 1984; Kestenberg, 1993; Moses und Eickhoff, 1992).

  1. Geschichte und Weltanschauung

Die Darstellungen Dührssens zur Situation der Psychoanalyse im Nationalsozialismus unterscheiden sich erheblich von historischen Be­schreibungen anderer Autoren. Nach der Ausgrenzung jüdischer Kolle­gen 1935, der Auflösung der DPG und der Gründung des Deutschen In­stituts für psychologische Forschung und Psychotherapie 1936 scheint für Dührssen eine z. T. begrüßenswerte neue Situation entstanden zu sein. Die »ursprüngliche psychoanalytische Gruppendynamik« ging »damals allerdings wirklich verloren« (S. 182). »Die Psychoanalytiker waren keine kleine elitäre, verschworene Sekte mehr. Man orientierte sich nicht mehr allein am Gründer und Familienvater…. Dafür war ein gewisser Pioniergeist übriggeblieben, der Geist der Aufklärung …« (ebd., 5.182 f.).

Diese Schilderungen lassen Erleichterung über die Ausstoßung jüdi­scher Kollegen erkennen. Jüdischen Psychoanalytikern werden — wie be­reits oben beschrieben — charakterologische Merkmale zugewiesen, die zum einen für die psychoanalytische Gemeinschaft (und zum anderen für die Gesellschaft) als belastend dargestellt werden. Das »Jüdische« der Psychoanalyse hatte dem »Pioniergeist« nicht-jüdischer Psychoana­lytiker Platz gemacht. Im »Geist der Aufklärung«, verbunden mit der banalisierenden und die Veränderungen psychoanalytischer Praxis ver­leugnenden Behauptung, »psychoanalytisches Wissen (sei nicht) gänz­lich liquidiert worden« (S. 182), konnte die Psychoanalyse als allgemeine Psychotherapie neu gestaltet werden.

Diese Passagen lassen eine Fülle von Verleugnungen der historischen Wirklichkeit erkennen. Es ist unverständlich, wie angesichts der Barba­rei im Nazi-Deutschland vom »Geist der Aufklärung« die Rede sein kann. Selbst wenn die Situation des Reichsinstituts isoliert vom natio­nalsozialistischen Deutschland betrachtet würde, wäre eine solche Ein­schätzung absurd. »Die jüdischen Psychoanalytiker bangten um ihre Existenz, die psychoanalytischen Schriften wurden verbrannt und die Psychoanalyse als [jüdische Wissenschaft] gebranntmarkt. In diesem Klima der Angst und existentiellen Bedrohung erschien eine erfolgrei­che psychoanalytische Behandlung … nicht mehr möglich …« (Lockot, 1985, S. 47).

Das Fehlen von Trauer und Bereitschaft zur Übernahme historischer
Verantwortung für den Holocaust ist Ausdruck von Dührssens bruchlosem Anknüpfen an die Ideologie des Vergessens und Verleugnens der fünfziger und sechziger Jahre.
Zum anderen basiert dieser Mangel auf Bagatellisierungsstrategien, die die deutsche »Vergangenheitsbewälti­gung« bis heute begleiten, z. B. in Form von Appellen, dem deutschen Selbstanschuldigungsdrang endlich ein Ende zu machen. Dührssen schreibt unverhüllt: »Die >Deutschenschelte< ist Mode, die Akzeptanz einer Kollektivschuld bis in die 3. und 4. Generation führt zu einer Ver­leugnung aller achtenswerten Eigenschaften, die in Deutschland leben­dig sind« (S. 198).

Die Konferenz über die Folgen des Holocaust auf die Beziehung zwi­schen Israelis und Deutschen 1994 in Nazareth, an der israelische und deutsche Psychoanalytiker (der DPV, DPG und DGAP) teilnahmen, hat erneut in schmerzlicher, aber auch klarer Weise deutlich gemacht, daß die Akzeptanz historischer Schuld und Verantwortung für den Holo­caust unerläßlich ist. Diese Akzeptanz ist keine »Deutschenschelte« und unterscheidet sich wesentlich von diffusen unproduktiven Schuldver­strickungen, die keine Antwort auf den Holocaust sein können und nichts ausrichten (vgl. Kreuzer-Haustein, 1994).1[iii]

III. Der Kampf gegen die Psychoanalyse

Dührssen vertritt den Facharzt für psychotherapeutische Medizin. Sie will damit den Fortbestand des Fachs »Psychosomatische Medizin« an den Hochschulen sichern. Diese sinnvolle Position ist jedoch gleichzei­tig mit plakativer Psychoanalysekritik und Versuchen der Amalgamie­rung psychotherapeutischer Methoden unter dem Begriff patientenbe­zogener Praxis verknüpft. Psychoanalytikern wird vorgeworfen, ein neues »Schibboleth« (S. 247) entwickelt zu haben. Damit meint die Au­torin die hochfrequente Psychoanalyse. Das Konzept der Bedeutung der Sexualität für die Entstehung von Neurosen wird unter der Behauptung, es sei das einzige zentrale Paradigma der Psychoanalyse, als »fehlerhaftes und unhaltbares Konzept« (S. 16), als »alter, langjährig kultivierter Irr­tum« (S. 61) bezeichnet. Dabei erwähnt Dührssen keine weiteren zentralen Konzepte der Psychoanalyse wie das des Unbewußten oder das der Übertragung. Wie andere vor ihr versucht Dührssen, Psychoanalyse als Plagiat zu entlarven (S. 15, 98 ff.). Dabei werden wissenschaftliche Aus­einandersetzungen wie z. B. die zwischen Ellenberger (1973) und Köhler (1990) nicht erwähnt, in denen Köhler kritisch zu einer differenzieren­den Klärung des Freudschen Hysterie- und Verdrängungskonzeptes ge­genüber den Janetschen Vorstellungen der »Einengung des Bewußt­seinsfeldes« gelangt (vgl. Ellenberger, 1973, S. 449 ff.; Köhler, 1990, S. 171).2[iv]

Auch auf die sonstige in der Literatur geführte wissenschaftliche Ausein­andersetzung über Plagiat und Priorität geht Dührssen nicht ein (vgl. z. B. Cremerius, 1981; Scheidt, 1986). Sie stellt sich in die Tradition der schroffsten Kritiker der Psychoanalyse (vgl. Brodthage und Hoffmann 1981, 5.172 ff., 178 ff.). Dabei läßt die Literaturauswahl eine Tendenz des Totschweigens anderer Autoren durch Nichtzitieren erkennen. Die Schlußfolgerungen der Autorin basieren auf einer schmalen Basis und rücken den Diskurs anstelle ausgewogen kritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzungen (wie bei Kernberg, 1994, oder Treurniet, 1995) in die Nähe bloßer Diffamierung.

Dührssens Auseinandersetzung mit der NSDAP-Zugehörigkeit Scheu­nerts ist von Schuldvorwürfen gegen die DPV geprägt und zeigt, daß sie die Ebene unproduktiver Fehde zwischen den Fachgesellschaften nicht verlassen will. Auch hier wird der Mangel an Rezeption historischer Ar­beiten deutlich, in denen es um den »Sinn« der Spaltung der DPG in DPV und DPG geht, nämlich diese Spaltung als Abwehr von Schuld und Trauerarbeit mittels projektiver Mechanismen zu begreifen.

Die heftigen emotionalen Reaktionen in der DPG auf das Buch von Dührssen sind deutliche Antworten auf den Versuch der Autorin, an al­ten Polarisierungen festzuhalten, Geschichte zu verzerren, zu bagatelli­sieren und die Psychoanalyse zu diffamieren. Das Buch ist — obwohl ein schlechtes und böses — paradoxerweise in einem von der Autorin über­haupt nicht beabsichtigten Sinne auch ein »nützliches« Buch: Es zwingt zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart der Vergan­genheit. Allerdings scheiden sich hier die Wege. Dührssen zementiert mit ihrem Text projektive Identifizierungen statt sie in ihrer vielschichti­gen unbewußten Abwehrbedeutung durchsichtiger und für eine ersprießliche Koexistenz psychoanalytischer Fachgesellschaften nutzbar zu machen.

 

Postscriptum: In den Text sind die Ergebnisse von Diskussionen mit den im folgenden aufgeführten KollegInnen (u. a. auf der Sitzung des DPG-Arbeitskreises »Psychoanalyse und Kultur« im Januar 1995) eingegan­gen: F. Beese (Horb), Y. Blumenberg (Berlin), G. Braune (Göttingen), E. Diebel-Braune (Göttingen), R. Eckes-Lapp (Freiburg), M. Ermann (München), U. Gaitzsch (Weinheim), H. Gerbeit (Berlin), I. Gleiss (Ber­lin), C. Hampel (Berlin), H. Hilpert (Heidelberg), R. Jackenkroll (Os­nabrück), B. Janta (Mannheim), S. Krutzenbichler (Bad Berleburg), M. Luhn (Stuttgart), C. Marahrens-Schürg (Hannover), K. Menge-Herrmann (Bad Vilbel), K. Oeter (Hannover), A. Pollmann (Berlin), I. Pollmann (Berlin), A. Rasche (Freiburg), C. Rohde-Dachser (Hanno­ver), D. J. Salvini (Stuttgart), M. Strothmann (Kassel), C. Studt (Karlsru­he), H. Thiel (Bad Berleburg), S. Wahmhoff-Rasche (Freiburg).

 

(Anschrift der Verff.: Dr. Ursula Kreuzer-Haustein, Hainholzweg 23, 37085 Göttingen; Dr. Günther Schmidt, 0 6/7, 68161 Mannheim)

 

BIBLIOGRAPHIE

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Diskussion 573

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[i] * Bei der Redaktion eingegangen am 10. 8. 1995.

[ii] o An dieser Stelle sei auf die Ähnlichkeit des Verschleierungsdiskurses durch Zitieren so¬wie der Diffamierung per Assoziation mit den sprachlichen Realisierungsformen antisemi¬tischen Charakters hingewiesen, die Hortzitz (1988) und Wodak (1990, z. B. S. 15, 352 ff.) beschrieben haben.

[iii] 1 An dieser Stelle sei kurz auf einige weitere historische Fehlangaben der Autorin hinge¬wiesen. Dührssen spricht davon, Freud habe sich im Jahre 1872 verlobt. Zu diesem Zeit¬punkt war Freud jedoch erst 16 Jahre alt (S. 26). Von Lohmann und Dahmer wird so ge¬sprochen, daß der Eindruck entsteht, sie seien Psychoanalytiker (S. 219). Die Ausführun¬gen zu Ferenczi (S. 99) sind schwer zu belegen. Ferenczi entwickelte seine Theorie von der »Identifikation mit der strafenden Autorität« in Zusammenhang mit der Über-Ich-Ent¬wicklung 1927 (Ferenczi, 1927, S. 363). Weitere wesentliche Arbeiten Ferenczis sind erst in späteren Jahren verfaßt und publiziert worden.

[iv] 2 In der Auseinandersetzung mit Nietzsche greift Dührssen außerdem alte Irrtümer und Unzulänglichkeiten im Bereich wissenschaftlichen Zitierens auf (S. 103). Es sei hier auf die entsprechende Literatur bei Nietzsche (1886, S. 168), Küchenhoff (1985, S. 145) sowie Nitzschke (1983, 1989) und Köhler (1990, S. 168) verwiesen

 

 

 

URSULA KREUZER-HAUSTEIN

Die schwierigen Jahre: Brennpunkt Seeon – Ein Neubeginn*[iii]

 

Was war schwierig zwischen DPV und DPG? Was fokussierte, verdichtete sich im Brennpunkt Seeon? Und: War es ein Neubeginn? Als ich meinen Bericht über Seeon, den ich nach der Konferenz vor 14 Jahren geschrieben hatte, jetzt noch einmal las, waren mir alle Szenen lebendig vor Augen. Auch meine Gedanken und Interpretationen waren mir, auch wenn ich heute einiges anders sehe, nicht fremd geworden. Und gleichzeitig hatte ich den Eindruck eines historischen Artefakts, als hätte sich das, was sich in Seeon an kaum zu überwindenden Konflikten und nicht enden wollen­den Streitritualen zwischen den beiden Gesellschaften inszenierte, über­holt – was zweifellos auch so ist. Sonst hätten wir diese Tagung nicht zusammen ausrichten können, ebenso nicht den IPV-Kongress in Berlin, die DPG wäre nicht component society der IPV geworden und es gäbe auch keine gemeinsame Archivkommission, in der wir die Beziehungsge­schichte von DPG und DPV in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten zu dokumentieren versuchen. Von daher haben Seeon und die Nazareth-Konferenzen zweifellos mit zu diesen Entspannungen und Veränderungen beigetragen – insofern ein Neubeginn.

Auf der anderen Seite rechne ich – auf der Ebene des Unbewussten -mit der Zählebigkeit tief verankerter, vertrauter und jahrzehntelang ein­geübter innerer Bilder über die eigene professionelle Gruppe und die der anderen, der fremden Gruppe. Umso mehr, wenn die jahrzehntelangen Klischees über »die DPV« und »die DPG« vor allem dazu gedient haben, die schwer erträgliche historische Realität aus dem Blick zu drängen, die Ross Lazar, der Direktor der Seeon-Konferenz, gleich zu Beginn im Ple­num formulierte: »Wäre Freud nicht rechtzeitig geflohen, wäre er vermut­lich in einem Konzentrationslager ermordet worden.«

Trotz vielfältiger Auseinandersetzungen mit diesem finsteren Teil un­serer Geschichte, die 1994 bereits in beiden Gesellschaften stattgefunden hatte: Als deutscher Psychoanalytiker diesen Satz von Ross Lazar, einem jüdischen Analytiker, in sich aufzunehmen, und noch dazu in einem regressiven Gruppenklima – das macht das Ausmaß der Abwehr verständ­lich, das die Teilnehmer in Seeon inszenierten und auch benötigten. Für mich ist Seeon heute noch mehr als damals eine Konferenz der Abwehr, doch gerade darin lag ihr großer Erkenntnis- und Lerngewinn. Denn es war der Gruppe möglich, in diesen fünf Tagen intensiver Gruppenarbeit immer wieder das Ausmaß der Abwehr als etwas zu erkennen, was sie brauchte. Und zwar, weil es um schwer erträgliche Affekte von Scham, Schuld, Destruktivität (Insuffizienz Anm.JSB) ging, um die Sehnsucht nach Vergebung und um die Brüchigkeit des Selbstwerts als deutscher Analytiker, und das traf ins Herz der psychoanalytischen Identität. Und eine weitere Frage war von hoher Brisanz: können sich beide Gesellschaften inzwischen gemeinsam mit ihrer auch gemeinsam zu verantwortenden Geschichte auseinander­setzen und die bekannten Feindseligkeiten hinter sich lassen?

Ich will zwei Gruppenbewegungen und Erkenntnisse dieser Konferenz beschreiben: 1. Klischees und Streitrituale, 2. Das Ringen um Anerken­nung.

  1. Klischees und Streitrituale

Die Konferenz war geprägt von hektisch-aggressiven, z. T. sehr lauten Auseinandersetzungen bis hin zu fast gewaltbereiten Szenen, die sich zunächst überwiegend zwischen den Fachgesellschaften inszenierten. Schultz-Hencke wurde zum Sinnbild des Verrats an der Psychoanalyse, die Streichung der 4-Stunden-Analyse aus der vertragsärztlichen Versor­gung sei, so wurde ein DPV-Kollege zitiert, eine »späte Rache Schultz­-Henckes«. Er habe nicht nur die Psychoanalyse verraten, sondern sich auch ganz dem Naziregime unterworfen, sei selber überzeugter Nazi ge­wesen, was er bekanntermaßen nicht war. Wie irrational und nachhaltig wirksam dieser Mythos auch unter den DPG-Kollegen war, zeigte sich in folgender Sequenz während einer Plenarsitzung: Es ging um das Versäum­nis, so ein Teilnehmer, »Schultz-Hencke auf anständige Weise zu Grabe getragen zu haben«. Seine Verdienste kamen zur Sprache, z.B. die Bemü­hungen um finanzierte Psychotherapie. Daraufhin sagte eine DPG-Kolle­gin, es gehe ihr so, als wenn jemand sagt: Hitler hat die Autobahn gebaut. Dieser Einfall zeigt etwas von der Mächtigkeit irrationaler Geschichts­klitterungen, die trotz aller historischen Forschungen von Regine Lockot (1985, 1994) und anderen auch 1994 noch wirksam waren. Immer noch geisterte das Gespenst, dass die Nachkriegs-DPG die eigentliche Ver­antwortung für das Erbe des Göring-Institutes zu tragen hätte. Ich ver­stehe das lange Festhalten der DPG am Zusatz »gegründet 1910«, an dem sie bis 2003 festhielt, wie einen Versuch der Rache: Wenn wir schon alleine die historische Last zu tragen haben, dann beanspruchen wir auch, in der Tradition der guten DPG zu stehen, der DPG vor dem Nationalsozia­lismus.

Die Nachkriegs-DPG als Nazigesellschaft – wie lässt sich diese Zu­schreibung verstehen? Ich will mich hier auf einen, vielleicht auch zentra­len Hintergrund beschränken, die Gründung der DPV und die Aufnahme in die IPV 1950/51, während die DPG außerhalb der IPV verblieb, mit der Aufforderung, zunächst ihre psychoanalytischen Positionen zu klären. Das führte zu fundamentalen institutionellen Spannungen. Die Aufnahme der DPV in die IPV fungierte als Indiz für eine politische Rehabilitierung, und es kam zu den wechselseitigen Klischees der bösen Deutschen in der DPG und der »reingewaschenen« Kollegen in der DPV. Doch diese wech­selseitigen Klischees gerieten in Seeon erheblich ins Wanken: Gleich zu Beginn wurde deutlich, wie sehr es der ganzen Gruppe, also beiden Fachgesellschaften, ähnlich wie in Nazareth um die unerfüllt bleibende Sehn­sucht nach »Reinwaschung«, Vergebung und damit auch Anerkennung als Psychoanalytiker ging. Da der z. T. jüdische Staff diese Wünsche nicht be­friedigte, entstanden sehr rasch destruktive Übertragungen auf ihn, seine Deutungen wurden entwertet und zerstört. Der Staff lässt sich im Erleben der Gruppe wie eine unbewusste Repräsentanz verstehen, eine Repräsen­tanz für die 1935 vertriebenen jüdischen Kollegen aus der DPG. Und die Destruktivität gegen den Staff kann als »Antisemitismus nach dem Holo­caust« (H. Beland, mündl. Mitteilung) verstanden werden, weil er uns immer wieder mit Schuld und Verantwortung konfrontierte: »Wäre Freud nicht rechtzeitig geflohen, so wäre er vermutlich in einem deutschen Kon­zentrationslager ermordet worden.« Und die beschriebenen Streitrituale und Klischees – 4-Stunden-Analyse, Schultz-Hencke usw. – dienten dazu, sich genau damit nicht zu beschäftigen: dass wir es eben mit einem »Zer­brechen« und nicht nur mit einem »Unterbrechen« der Psychoanalyse in Deutschland zu tun haben, wie John Kafka (2007) es formulierte. Die Folge ist eine nachhaltige Beschädigung des Selbstwerts als Psycho­analytiker.

  1. Das Ringen um Anerkennung

In einer sehr eindrücklichen Szene, in der die beschriebene Abwehr der vertrauten Streitrituale einmal Pause machte, sprach eine Teilnehmerin sehr bewegt davon, wie schwer es sei, sich angesichts der Vernichtung der Juden mit ihren eigenen destruktiven Seiten zu beschäftigen. Ein Staff-Mitglied sagte: »Solange Sie diese destruktive Seite nicht als zu sich zu­gehörig wahrnehmen und anerkennen, wird es keine Humanität geben.« Blitzschnell löste ein anderer Teilnehmer den Begriff des »Anerkennens« aus dem Bedeutungszusammenhang dieses Satzes heraus und stellte ihn in einen ganz anderen Kontext: Die Frage sei, wie die deutschen Psycho­analytiker wirklich Anerkennung bekommen können. In dieser verblüf­fenden Wendung und sprachlichen Doppelbedeutung des Begriffs der »Anerkennung« verdichtete sich etwas Zentrales dieser Konferenz: der Zusammenhang von Anerkennung eigener Bereitschaften zu Destruktivi­tät und der Anerkennung, also Wertschätzung, als Psychoanalytiker. Es tat sich ein Weg aus der Sackgasse auf: Als deutscher Psychoanalytiker Aner­kennung zu bekommen, und vor allem, sie sich selbst zu geben, setzt voraus, die eigene Bereitschaft zur Destruktivität und die Zerstörung der Psychoanalyse während des Nationalsozialismus »anzuerkennen« und schmerzlich zu erleben.

In dieser Gruppenszene lässt sich ein zentrales Ergebnis dieser Konfe­renz erkennen, dass nämlich die beschriebenen wechselseitigen Entwer­tungen und Streitrituale doppelt determiniert sind: Sie sind Versuche der Abwehr anzuerkennen, als deutscher Analytiker in einer zerstörerischen deutschen Tradition zu stehen. Und sie sind Versuche, die in beiden Gesellschaften jeweils unterschiedlichen Brüchigkeiten im Selbstgefühl als Psychoanalytiker zu bewältigen. Die DPV betrieb in vielen Köpfen der DPG-Kollegen gemäß ihrer Reinwaschung auch eine »reine Psycho­analyse«, d. h. sie war steril, »puristisch«, orthodox und elitär. Wir hin­gegen waren in unserem Selbstverständnis frei, offen in der Diskussion, unorthodox und fortschrittlich und hatten klinisch die Nase vorn. Um­gekehrt waren die DPG-Kollegen für die DPV keine Analytiker, sondern Psychotherapeuten und ansonsten ein ziemlich chaotischer Verein.

Gesine Schwan (2001) hat in ihrer Analyse der gesellschaftlich-kultu­rellen Merkmale des »Beschweigens« in der BRD nach dem Krieg den Pro­vinzialismus (S. 205) und den Trotz (S. 52) beschrieben. Beides trifft meiner Einschätzung nach für die DPG während der ersten drei Nachkriegsjahr­zehnte zu. Ein provinzieller Trotz war der Versuch, den beschädigten Wert als Psychoanalytiker zu reparieren und die unbewusste Kränkung, nicht in der IPV zu sein, zu bewältigen. Armin Pollmann (1998) hat anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Instituts für Psychotherapie Berlin ebenfalls vom trotzigen Gestus in der DPG gesprochen: eine Haltung, trotz des Abge­schnittenseins von der internationalen psychoanalytischen Community eine eigene, wertvollere und praxisnähere Psychoanalyse zu betreiben. Doch das konnte über die Existenz des Ausgeschlossenseins aus der IPV nicht hinwegtäuschen. Die Archivdokumente lassen erkennen, mit wel­chem Enthusiasmus und aufrichtigem Bemühen z.B. Schwidder Anfang der 60er Jahre zunächst sowohl die Verständigung mit der DPV suchte als auch um internationale Verbindungen warb, was nur spärlich gelang, und schließlich die IFPS gründete, um der IPV etwas entgegenzusetzen.

Ein trotziger Gestus inszenierte sich in der Seeon-Konferenz eindrucks­voll: Vier DPG-Kollegen wollten nicht aus einem Raum hinausgehen, ob­wohl sich eine andere DPG/DPV-Gruppe dort versammelt hatte, und zwar interessanterweise zum Thema eines möglichen Aneignungstabus deutscher Analytiker. Es sollte um die Frage gehen, die Hermann Beland in die Diskussion gebracht hatte: ob das historische Trauma die deutschen Analytiker daran hindert, sich die Psychoanalyse wirklich zu eigen zu ma­chen und sie kreativ zu betreiben, was ja bedeuten würde, das zu betreiben, was sie zerstört haben. Als die vier hinzukommenden DPG-Kollegen auf keinen Fall den Raum verlassen wollten, mit der einzigen Begründung »Wir wollen bleiben, wir haben ein Recht, hier zu sein«, entstand inner­halb weniger Minuten eine fast gewaltbereite Atmosphäre, und die Dis­kussion über das Aneignungstabu kam erst einmal nicht zur Sprache.

Der Staff deutete diese Inszenierung als Abwehr gegen das Thema selbst. Ich interpretierte damals diese Szene darüber hinaus als ein trotzi­ges Behaupten der DPG, ein Beharren auf dem Recht, sich nicht vertrei­ben zu lassen und in der psychoanalytischen und auch internationalen Community ihren Platz zu haben. Heute würde ich hinzufügen: es geht vielleicht um ein Behaupten aller deutschen Psychoanalytiker, auch das der DPV. Denn – ich erwähnte es schon – es war ein Klischee, was in der DPG über die DPV kursierte: dass sie 1951 die »Weihen« der IPV erhalten habe, ohne viel Anstrengungen oder Konflikte, und dass sich die DPG al­leine mit der Last der Geschichte beschäftigt habe.

Erst in Seeon wurde für einige DPG-Kollegen spürbar, wie schwer es für die Kollegen der DPV nach deren Gründung war, einen selbstverständ­lichen und sicheren Platz und vor allem Anerkennung in der IPV zu finden. Dass die DPG das kaum zur Kenntnis nahm, hat mit der Wunde zu tun, von der DPV 1951 »verraten« worden zu sein. Diese tiefe Wunde brach in Seeon noch einmal auf. Interessant ist nämlich, was der Szene des trotzigen Dableibens der »4er-Bande,« wie sie später hieß, voranging: DPG-Kolle­gen hatten die DPV eingeladen, zusammen über das Aneignungstabu zu diskutieren. Doch dieser Einladung ging eine lange Diskussion voraus, ob sie es wagen sollten, diese Einladung überhaupt auszusprechen, aus Miss­trauen und Angst, erneut mit der historischen Verantwortung alleine gelas­sen zu werden.

 

In unserem Tagungsflyer schrieben wir: »Der über Jahrzehnte hochge­haltene Vereinsgegensatz verlor angesichts der gemeinsamen historischen Verantwortung sein narzisstisches Gewicht und konnte als kollektive Ab­wehr verstanden werden.«

Ich habe Ihnen einen kleinen Ausschnitt aus diesem zählebigen und tur­bulenten Weg nahegebracht und möchte schließen mit einem Hinweis von Ross Lazar (2004), der gerade in den Gemeinsamkeiten und nicht in den Unterschieden ein hohes narzisstisches Kränkungspotential sieht. Es sind, so Lazar in seinem Bericht über die Seeon-Konferenz, die » Gemeinsam­keiten des Backgrounds, das gleiche Erbe, die geteilten Ansichten und Wurzeln, die zu unüberbrückbaren Differenzen führen« (Lazar 2004, S. 148; Übers. U.K.-H.).

Gerade das gemeinsame historische Nazi-Erbe ist das schwer Erträgli­che. Auch wenn wir, DPG und DPV, nach vielen Jahrzehnten wechselsei­tiger Missachtung inzwischen die Früchte gemeinsamer Anstrengungen, nämlich entspannterer Beziehungen, ernten können, ist dieses Pflänzchen, so denke ich, anfällig und bedarf der kontinuierlichen analytischen Pflege durch das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Und ich denke dar­über hinaus, dass sich Themen wie Ausgrenzung und Zugehörigkeit, An­erkennung und Wertschätzung als Psychoanalytiker intern in unserer Ge­sellschaft fortgesetzt haben, als wir begonnen haben, den Weg in die IPV zu suchen. Und mit diesem »Weg voller Ambivalenzen« setzt sich Ingo Focke in seinem Beitrag auseinander.

 

Kontakt: Dr. Ursula Kreuzer-Haustein, Am Feldborn 22, 37077 Göttingen. E-Mail: kreuzer-haustein@t-online.de

 

LITERATUR

Focke, I. (2010): Der Weg der DPG in die IPV. Wunsch und Ambivalenz. Psyche – Z Psy­choanal 64,1187-1205.

Kafka, J. S. (2007): Zerbrechen und Unterbrechen. Psyche – Z Psychoanal 61,368-374. Kreuzer-Haustein, U. (1996): Die Teilung der psychoanalytischen Gemeinschaft in Deutschland und ihre Folgen. Forum Psychoanal 12,363-369.

Lazar, R. A. (2004): Experiencing, understanding, and dealing with intergroup and institu­tional conflict. In: Gould, L. J., Stapley, L. F & Stein, M. (Hg.): Experiential Learning in Organizations. Applications of the Tavistock Group Relations Approach. Contributions in Honour of Eric J. Miller. London (Karnac), 153-171.

Lockot, R. (1985): Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Frankfurt/M. (Fischer).

– (1994): Die Reinigung der Psychoanalyse. Die Deutsche Psychoanalytische Gesell­schaft im Spiegel von Dokumenten und Zeitzeugen (1933-1951). Tübingen (edition dis­kord).

Pollmann, A. (1998): Auswirkungen des Nationalsozialismus auch 50 Jahre später. In: Kohte­Meyer, I. (Hg.): Über die Schwierigkeit, die eigene Geschichte zu schreiben. 50 Jahre Institut für Psychotherapie Berlin. Tübingen (edition diskord), 122-140.

Schwan, G. (2001 [1997])) Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens. 3. Aufl. Frankfurt/M. (Fischer).

 

 

DETLEV STUMMEYER

Im Prokrustesbett der offiziellen Geschichtsschreibung*[i]

 

Übersicht: Der Essay setzt sich kritisch auseinander mit der Arbeit von M. Schrö­ter »Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936« in der Psyche 11/2009. Er knüpft vor allem an die objektivierende Schlussbetrachtung dieser Arbeit an und versucht aufmerksam zu machen und die Sinne dafür zu schärfen, wie nach Meinung des Autors ständig darum gerungen werden muss, eigenen Tendenzen entgegenzutreten, die eine gedankliche und gefühlsmäßige Anstren­gung behindern, wie sie eine Annäherung an die Zeit des Nationalsozialismus erfordert. Er ist zudem ein Plädoyer für die Notwendigkeit einer moralischen (bitte boß kein Moralisieren, Mitgefühl reicht vollkommen! Anm.JSB) Bewertung dieser Zeit gerade heutzutage. Sie wird skizziert im Anschluss an Reemtsma (2000) und soll einer gewissen >Beliebigkeit< Einhalt gebieten.

 

Schlüsselwörter: Anpassungspolitik der DPG; moralische Bewertung

 

Die Arbeit von M. Schröter in der Psyche – Z Psychoanal 63, H. 11, über die »Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936« (Schröter 2009) irritiert. Er versucht, die Vereinsgeschichte dieser Jahre mit dem Mittel der verstehenden Einfühlung in die beiden Analytiker Felix Boehm und Carl Müller-Braunschweig zu erhellen. Die nebenher laufende Kom­mentierung, die immer wieder auch andere Sichtweisen zu erfassen sucht, bleibt zwangsläufig nur halbherzig – weil so beabsichtigt – und im Schat­ten der praktizierten Einfühlung – weil so gewollt. Die letzten zwei Seiten der Arbeit sollen wohl einem objektivierenden Resümee dienen; sonst hätte in der Tat dem jetzigen Titel der Zusatz »in der Sicht von Boehm und Müller-Braunschweig« hinzugefügt werden müssen. Ohne diese Schluss­betrachtung gäbe es diese Kontroverse kaum; und ohne Kontroverse wäre diese Arbeit von Schröter vermutlich nicht so gründlich gelesen worden.

Ich werde sieben Punkte meiner kritischen Lektüre herausgreifen und zu bündeln versuchen.

 

  1. Geschichte aus Boehms und Müller-Braunschweigs Perspektive

Was ein Eingehen auf diesen Text so schwierig macht, ist der Umstand, dass die Kommentierung der Ereignisse und die Beschreibung der Lage die Sicht Boehms und Müller-Braunschweigs aufzeigen soll, während in dem knappen Schlussteil der Leser nicht umhin kann, sich selbst um eine viel­schichtigere Sichtweise zu bemühen, um die Schlussbetrachtung prüfen zu können. Anders ausgedrückt: Oft reicht das im Hauptteil der Arbeit zur Verfügung gestellte Material nicht aus, um als Leser für das Resümee ge­rüstet zu sein. Ich will das an einer unauffälligen Fußnote verdeutlichen.

Auf S. 1089 (Schröter 2009) in der Fußnote 6 wird Bezug genom­men auf den Hamburger Katalog zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland (Brecht et al. 1985). Es sei irreführend, moniert Schröter, das dort wiedergegebene » Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamten­tums« vom 7 4. 33 als Beleg für »berufliche Beeinträchtigungen« zu Be­ginn der NS-Zeit anzuführen. Analytiker seien per se nicht davon betrof­fen gewesen. An der Wortwahl »berufliche Beeinträchtigung« lässt sich gut aufzeigen, wie schwierig es sein kann, aus der Sphäre der Empathie zu wechseln in eine distanzierte Haltung und sich frei zu machen, auch an­dere Sichtweisen aufzunehmen. »Berufliche Beeinträchtigung« erinnert an die von Müller-Braunschweig »Verzicht« genannte Entfernung der jüdischen Analytiker aus dem Vorstand, ein Ausdruck, der von Schröter (S. 1093) als »böser Euphemismus« gegeißelt wird. Aber ist der Ausdruck »berufliche Beeinträchtigung« angesichts der im Gang befindlichen Ent­rechtung der Juden nicht ebenfalls ein böser Euphemismus, der so auch aus der Feder Müller-Braunschweigs hätte stammen können? Er und Boehm – und damit auch Schröter, sobald er eine objektivierende Position einzunehmen versucht, in der aber die gefühlsmäßige Nähe zu den beiden Analytikern dominiert – stehen vor einem kaum lösbaren Dilemma, das ständiges Balancieren erfordert. Das macht auch die Arbeit von Schröter so flirrend: Einerseits muss die politische Lage als so dramatisch geschil­dert werden, dass eine Rettungstat in Form der Gleichschaltungspolitik mit den erforderlichen stetigen Anpassungen an die herrschende Ideologie unumgänglich erscheint, um »die Sache« zu retten. Andererseits birgt dies die Gefahr, dass man ihnen vorhalten könnte, mit den braunen Macht­habern zu paktieren, die schon erkennbar ihr >wahres< Gesicht zeigen, wenn man die Lage so dramatisch darstellt. Es soll Kooperation sein, die unumgänglich ist, aber keine Kollaboration, die Grenzen überschreitet, zumindest ist das der subjektive Impuls ihres Handelns. Ein schwieriges Unterfangen.

 

Nebenbei bemerkt, führt die S. 36 des Katalogs den Laienanalytiker Hans Kalischer als einen von diesem Gesetz Betroffenen an (vgl. auch Hermanns 2007, S. 76).

Dessen ungeachtet heißt dies aber keineswegs, dass es nicht schon vor dem 7 4. 33 zu »beruflichen Beeinträchtigungen« von jüdischen Deut­schen gekommen wäre. Im März 33 wurden jüdische Anwälte und Rich­ter aus ihrer beruflichen Tätigkeit herausgezerrt, auch mit Gewalt, und ihnen wurde der Zutritt zu ihrer Arbeitsstelle untersagt (Aly et al. 2008, S. 81). (Was das für den >Phantasieraum< eines damaligen Analytikers bedeutete, kann man sich denken; vgl. auch Lockot 1991, S. 53.) Ganze Stadtverwaltungen entledigten sich ihrer jüdischen Mitarbeiter noch vor April 33 (so z.B. Frankfurt/M.; Aly et al. 2008, S. 97). Und gleich nach Inkrafttreten des Gesetzes übernahmen nichtöffentliche Arbeitgeber in vielen Fällen die Regelungen des Gesetzes. Und wenn es noch eines Be­weises bedurft hätte, war dieses Gesetz ein Signal, dass die Nationalsozia­listen Ernst mit dem machten, was sie bereits die Jahre zuvor im Reichstag durch Gesetzeseingaben zu erreichen versucht hatten: die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Der Unterschied zu früher, vor 1933, war auch, dass nun keine Empörungswellen mehr bei antisemitischen Über­griffen durchs Reich gingen: Der Antisemitismus war zur Staatsideologie geworden. Wenn man Brecht et al. kritisieren will, kann man ihnen vor­halten, dass sie das Vorhandensein eines Gesetzes zum Beleg einer Diskriminierung im NS-Staat machen. Der NS-Staat war von Anbeginn an ein Unrechtsstaat und die Willkür sein charakteristisches Merkmal. Die deut­sche Judenpolitik von 1933 bis zu den Novemberpogromen 1938 muss als ein »tückische[s] Wechselspiel zwischen willkürlicher Gewalt und vor­übergehender Mäßigung« (ebd., S. 38) beschrieben werden. So war ein jüdischer Zahnarzt im Mai 33 von SA-Schlägern ermordet worden. Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt, nachdem Göring als preußischer Ministerpräsident eine Verfügung erlassen hatte, bis dahin begangene antisemitisch motivierte Straftaten nicht länger zu verfolgen; bereits Ver­urteilte wurden amnestiert (S. 39 u. 228). Was das für die Gemütslage eines jüdischen Deutschen, der hiervon erfuhr, bedeutete und welche Ver­leugnungs->Leistungen< nötig sind, um in diesen Verhältnissen zu leben, braucht hier nicht ausgeführt zu werden (vgl. Dräger 1984, S. 43 f.; sie redet vom »Terrorregime«). Soviel in aller Kürze als >Gegengewicht< zur historischen Darstellung in Schröters Arbeit.

Edith Weigert, geb. Vowinckel, seit 1929 DPG-Mitglied, berichtet 30 Jahre später von ihren Patienten, die sie an einem Vormittag in den ersten Monaten des Nazi-Regimes sah (Weigert 1962, S. 255, zit. Nach Holmes 2007; vgl. Schröter 2009, S. 1116). Auch wenn dies in verdichteter Form nach so langer Zeit geschehen sein mag, so gibt ihre Darstellung von der Allgegenwart und der Wucht der äußeren Realität beredt Aus­kunft und belegt, wie ungemein schwierig, wenn man nicht unmöglich sagen will, psychotherapeutisches und psychoanalytisches Arbeiten im Nationalsozialismus gewesen sein muss. Einen Gedanken aus damaliger Zeit hält sie so fest: »Wie können wir in einer wahnsinnigen, von einer Umwälzung der traditionellen Werte erschütterten Gesellschaft auf das Ziel psychischer Gesundheit hinarbeiten?« (Diese Frage stellt sich ebenso heute. Anm. JSB) Die fruchtbare Frage, weshalb Boehm und Müller-Braunschweig auf der einen, Eitingon, Happel, Vo­winckel und Fenichel auf der anderen Seite von Anbeginn an so unter­schiedliche Einschätzungen über die Möglichkeiten psychoanalytischen Handelns im >Dritten Reich< hatten, wird zwar zum Schluss aufgeworfen, jedoch mit dem apodiktischen Satz »Aber hinterher ist man immer klü­ger« (S. 1124) im Keim erstickt.

 

II . Eitingons » Gravur«

 

Nur wenig Beachtung findet die Entfernung des Namens von Max Eitin­gon vom gläsernen Institutsschild. Er ließ am 7 4. 33 kurz vor Antritt seiner Urlaubsreise als Vorsichtsmaßnahme, um nationalsozialistischen Aktionen gegen das Institut vorzubeugen, sowohl Simmels Namen – die­ser war als sozialistischer Arzt bekannt – als auch seinen eigenen Namen vom Institutsschild entfernen. Boehm kommentiert dies, es sei aus Takt Simmel gegenüber geschehen (Boehm 1985 [1934], S. 99). Das greift für diesen symbolträchtigen Vorgang zu kurz. Folgende Interpretation drängt sich auf: Eitingon bringt das >Kunststück< fertig, einerseits durch die Unkenntlichmachung seines Namens kenntlich zu machen, dass die DPG eine andere geworden ist, der er seinen Namen entzieht: Seine Deidenti­fikation mit der DPG – deren Vorsitzender er war – erhält durch diesen aktiven Schritt etwas Unumkehrbares. Folgerichtig – gerade weil er an der Psychoanalyse festhält – gründet er das Jerusalemer Institut, das er als den legitimen Erben des alten Berliner Instituts ansieht. Andererseits >reinigt< er das Institutsschild und damit die DPG und bereitet den Boden vor, die Anpassungspolitik zu beginnen. Man könnte fast vermuten, dass Boehm diesen Akt unbewusst verstanden hat und dann initiativ geworden ist. Hiermit hat Eitingon die vielfach eingeforderte »Restidentität« mit der DPG praktiziert und die >Übergabe< der DPG in andere Vorstands->Hände< in Gang gesetzt. Die Entfernung gerade seines Namens ist eine »Gravur« (Lockot 1994, S. 9; Dahmer 1997, S. 169), die er vorgenommen hat als DPG-Vorsitzender und die eine Markierung signalisiert. Dieser eminente Schnitt bezeugt im weiteren Verlauf seine Unabhängigkeit von Sigmund Freud (Grubrich-Simitis 2005, S. 279). Dass versucht wird, ihn einzuebnen und eine persönliche Animosität als primäre Ursache der Entfremdung zwischen Eitingon und den zurückbleibenden Berlinern zu finden (Schröter 2009, S. 1125), lässt auf ein Interesse schließen, seine Missbilligung der Anpassungspolitik auf persönliche, weniger auf inhalt­liche Gründe zurückführen zu wollen. Dabei ist ein Eitingon störend, der schon ante, nicht erst ex post hellsichtig gewesen ist. Das Reden von Eitingons persönlichen Prioritäten und seiner mangelnden Restidentität mit der DPG hört sich an wie das ferne Echo der Klagen Boehms und Müller-Braunschweigs über seine fehlende Solidarität.

Von Eitingons Gespür für die bevorstehende Entwicklung zeugt ein Brief an S. Freud vom 24. 3. 33 – mehr als 2 Wochen vor Boehms Initiative bei der Ärztekammer:

»Unter dem großen Druck, unter dem man hier in den nächsten Jahren [( !); D.S.] stehen dürfte, ist ja ein Kompromißmachen auch wider Willen, besonders bei Menschen, die nicht ganz klar sehen, was sie tun, mehr als wahrscheinlich und so auch etwas zu befürchten, was man schon eine Ver­rottung nennen dürfte« (Freud & Eitingon 2004, S. 849; vgl. hierzu Jones‘ Brief an A. Freud vom 2. 12. 1935 in Brecht et al. 1985, S. 114f.).

 

III Verflüchtigung der Verantwortlichkeit

 

Als ein Beispiel für die suggestive Kraft, die von Schröters Beschreibung ausgeht, möchte ich seine Formulierungen untersuchen, die sich mit Boehms Initiative zwischen dem 10. 4. 33 (seinem Vorsprechen in der Ärz­tekammer ohne ausdrückliche Legitimation) und mit Müller-Braun­schweigs Gesprächen ab Anfang 1934 über eine geplante »Reichsfach­schaft« für Psychotherapie befassen.

»Daß sie [Boehm und Müller-Braunschweig] diese Chance bekamen, lag an den Bedingungen, die nicht von ihnen geschaffen waren« (Schröter 2009, S. 1090), heißt es in diesem Zusammenhang. Ein Satz, der so wahr ist, dass man >bedenkenlos< weiterliest. Aber warum steht er da? Hat ihnen jemand den Vorwurf gemacht, sie seien dafür verantwortlich, die Bedingungen geschaffen zu haben, die diese Chance eröffnet haben? Wohl kaum – und wenn doch, ist dieser Vorwurf haltlos. Es wird also auf eine Frage reagiert, die zwar nicht gestellt wurde (zumindest erfährt der Leser nichts davon), deren Antwort aber auf jeden Fall ein Freispruch ist. Wer hat da einen Freispruch so nötig, wo doch kurz vorher ihr Handeln aus »einer gut begründeten Sorge« erklärt worden ist, was den folgenden mil­den Tadel mehr als wettmacht. Im Leser >verwischt< der geschenkte Frei­spruch den Wunsch nach einer wirklichen Debatte um Boehms Initiative (die an dieser Stelle nicht erforderlich ist, aber auch nicht nachgeholt wird), und es wird suggeriert, die Zeitumstände seien letztlich verantwort­lich. („Zeitumstände“, es gibt also keine Täter. Anm. JSB) Aber auch in diesen gibt es verantwortlich handelnde Akteure. Statt­dessen wird Ernest Jones mit einer Bemerkung zitiert, die sich mit seiner Autorität wie eine Verstärkung und Bekräftigung all des in der Arbeit vor­her Gesagten liest.

Schon im nächsten Absatz sind die Folgen zu besehen. Dort heißt es dann: »Es zeigte sich bald, daß die Anpassung des Vorstands an die neuen Vorschriften nur eine Frage der Zeit war« (S. 1091). Die Zeit als Akteur? Auch wenn die Rede von der Eigendynamik ein Allgemeinplatz ist, so ver­bergen sich oft divergierende Interessen dahinter, über die nicht offen ver­handelt werden soll. Zur Veranschaulichung, wie Boehm im Rückblick im August 34 auf jene Zeit (Frühsommer 33) schaut:

»Jetzt wurde die Situation brenzlich. [Wenige Zeilen vorher hatte er von der Bücherverbrennung von Freuds Werken berichtet, D.S.] Die Stim­mung unter den reichsdeutschen Kollegen, welche beschlossen hatten, in Deutschland zu bleiben, wurde wegen der Passivität des Vorstands immer erregter. Der Ausdruck >harakiri< fiel mir gegenüber wiederholt« (Boehm 1985 [1934], S. 102).

Auch wenn man berücksichtigt, dass dieser Rückblick unter dem Druck einer Rechtfertigung geschrieben sein mag und er die Lage der Gruppe möglicherweise dramatisiert hat, so kann man, auch nach Abzug dessen, Boehm und die von ihm so benannten »reichsdeutschen Kollegen« als Akteure ausmachen. Nebenbei bemerkt, könnte diese Stelle in Boehms Aufzeichnungen auch die Frage nach seiner Legitimation berühren, die sich stellte, wenn er in den folgenden Wochen mit Nationalsozialisten in Sachen Psychoanalyse verhandelte: Boehm könnte sagen wollen, dass er sich im Auftrag der von ihm beschriebenen Gruppe als Vertreter hierzu befugt fühlte.

Vollends getilgt ist der aktive Handlungsanteil, der noch einer Wahlent­scheidung untersteht, in der Beschreibung Schröters: »Aber diese Gesprä­che waren der DPG aufgenötigt worden und sie verteidigte darin – solange es ging – ihre Selbständigkeit« (Schröter 2009, S. 1106). Gemeint sind >aufgenötigte< Gespräche, die im Laufe des Jahres 1934 geführt wurden, um die DPG-Gruppe in den Dachverband der deutschen Psychothera­peuten (DAÄG) einzubinden. Die »Selbständigkeit« ist hier nur denkbar unter der Prämisse, den bis dahin eingeschlagenen Weg der Gleichschal­tung weiter zu beschreiten. Innehalten ist anscheinend keine Option.

Diese drei Hinweise mögen genügen anzudeuten, wie das einfühlende Verstehen Spuren im Text von Schröter hinterlässt und den Leser daran teilhaben lässt, was Boehm und Müller-Braunschweig innerlich bewegt haben mag. Jeder, der Gutachten verfasst hat, kennt die emotionale An­strengung, die sich einstellen kann, wenn nach dem einfühlenden Verste­hen innerlich die Identifikation soweit zurückzunehmen ist, dass die ge­forderte objektivierende Beurteilung geleistet werden kann. Häufig genug gelingt dies nur unzureichend. Das einfühlende Verstehen liefert wertvolle Erkenntnisse, solange seine methodische Bedingtheit gesehen wird. Bei einer objektivierenden Betrachtung wie der Schlussbemerkung verliert es seinen prominenten Platz.

 

  1. Vom Verstummen zweier Kritiker

 

Clara Happel auf der einen, Wilhelm Reich auf der anderen Seite erleiden in der Arbeit ein besonderes Schicksal. Aus Sicht Boehms und Müller-Braunschweigs sind dies zwei Personen – die eine sehr früh und dezidiert, der andere sehr vehement -, die sich der Gleichschaltungspolitik wider­setzt haben. Ich habe mich gefragt, warum Schröter, der häufig kom­mentierend die Perspektive wechselt und >mäßigend< eingreift, hier – bei Happel – merkwürdig still ist, dort – bei Reich – mit heftigem Affekt rea­giert. »Happel agierte im Bewußtsein der Unterdrückung und Kränkung« (S. 1092), so erklärt er ihr Verhalten. Ist die deutliche Assoziations­verschiebung – »agierte« statt »handelte« – gewollt? Happel, deren Mann sich 1934 scheiden ließ, um als >jüdisch Versippter< keine beruflichen Nachteile ertragen zu müssen, wurde in den USA nie heimisch und be­ging nach Kriegsende Suizid. Makaber klingt dann der Satz im Ohr nach, »daß Psychoanalytiker […] relativ günstige Berufschancen im Ausland hatten« (S. 1089): Die seelischen Kosten einer Emigration werden unter­schlagen. Und Happel ist gewiß kein Einzelfall. Auf jeden Fall war sie, de­ren Widerstand gegen die Anpassungspolitik im Sitzungsprotokoll getilgt ist, eine, die den Satz »Aber hinterher ist man immer klüger« Lügen straft. Würde sie, in ähnlich »scharfem Ton« (S. 1092) wie 1933, auch der Schlussbetrachtung Schröters widersprechen?

Es kann hier nicht darum gehen, sich mit Reichs Anschauungen zu be­schäftigen. Dennoch taucht er hier als Behälter für heftige Affekte auf. Man muss sich die Szene vom 17 4. 33 ins Gedächtnis rufen, als Boehm mit Freud »die schwebende Situation in Berlin« (Boehm 1985 [1934], S.100) berät. Boehm verlässt Wien mit Freuds Plazet zu seiner Kandida­tur und mit Freuds Wunsch, (u. a.) dafür zu sorgen, dass Reich aus der DPG ausgeschlossen werde. Schröters Bericht über den Versuch, im Bul­letin des International Journal of Psychoanalysis den – zumindest perso­nellen – Bruch in der Kontinuität der DPG kenntlich zu machen (Schröter 2009, S. 1117), der einen oppositionellen Akt darstellte, verweist auf dieses Agreement, das Boehm mit Reichs Ausschluss schon erfüllt hatte. Der Ärger Müller-Braunschweigs über diesen Eklat ist verständlich. Es folgt nun der auch mir (Brainin & Teicher 2010, S. 355) unverständliche Satz mit dem Ausdruck »Konterbande« (Schröter 2009, S. 1117). Unter »Kon­terbande« findet man im Großen Fremdwörterduden: »Schmuggelware, Bannware«. Die »Schmuggelware«, nämlich Freuds Wunsch, Reich aus­zuschließen, haftet der Unterredung vom 17.4.33 an und bringt sie so auf jeden Fall ins Zwielicht (vgl. Dahmer 1997, S. 179). Bei allem Ärger über Reich steht auch sein Name für diesen >Schmuggel<, für den er – in diesem Fall unverdient – wütende Attacken erntet. So wird Reich als »gläubige [m] Kommunist[en] « nicht zugestanden, anerkannt zu werden als einer, der »die Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Psychoanalyse« schon früh betont hat (Schröter 2009, S. 1093). Das trägt beinahe Züge einer in­tellektuellen Vernichtung.

 

V Jude vs. Analytiker

 

Die für die IPV-Geschichtsschreibung so zentrale Argumentationsfigur der Identitätsaufspaltung in Jude und Analytiker wird auch in Schröters Arbeit unhinterfragt – wenn man Anna Freuds Autorität außer Acht lässt -als geeignete Methode angesehen, um die nationalsozialistische Verfolgung der jüdischen Analytiker begrifflich >einzufangen<. Dass dieses Projekt sehr zweifelhaft ist, will ich nur andeuten: Wie bei kaum einem anderen Beruf steht bei einem Analytiker eine solche Aufspaltung seiner Identität in einen persönlichen und einen beruflichen Anteil im Verdacht, eine künstliche Konstruktion zu sein. Anders gesagt: Es ist wohl kein Zufall, dass die Analyse zu einer »Nacherziehung« durch arische Analytiker (S. 1122) mutiert ist, nachdem mit ihrem Ariertum identifizierte Analyti­ker und Analyse sich >gefunden< hatten.

Mir geht es mehr um eine ideologiekritische Betrachtung, um die Be­deutung dieser Aufspaltung für die vereinsgeschichtliche Darstellung. Zu­nächst einmal ist zu vermuten, dass die Nazis bis 1933 wenig von dieser Trennung in Jude und Analytiker hielten. Sie nannten die Analyse eine jü­disch-marxistische (bolschewistische) Schweinerei, eine hochgradig tautologische Beschreibung im Nazijargon: Jedes Wort hat auch die Bedeutung der anderen Worte. Die von A. Freud vorgenommene Auftrennung in Jude und Analytiker wirkt demgegenüber eher wie ein verzweifelter Ver­such, die »Sache« zu >reinigen< und damit auch in Nazizeiten zu retten. Sie hätte also ihre Entsprechung und ihren Vorläufer in der NS-Ideologie (die »Juden« sind keine homogene Gruppe). Schröter gibt dieser Aufspal­tung eine reale Grundlage, indem er diese im Verhalten (nicht in irgend­welchen Äußerungen) der Nazis verortet: Juden wurden verfolgt, psycho­analytische Organisationen wurden verschont. Das möchte ich so in dieser Klarheit in Frage stellen. Mit der Verwüstung des Instituts für Se­xualwissenschaft in Berlin und des IFSF in Frankfurt wurden zwei Insti­tute getroffen, die in großer Nähe zur Psychoanalyse standen und gesell­schaftlich relevante, antitotalitäre Forschung betrieben, wobei letzteres Institut sogar der Frankfurter Psychoanalytischen Gruppe räumlichen >Unterschlupf< gewährte: Die Nationalsozialisten fürchteten zu Recht das subversive Potential der Psychoanalyse, weshalb sie Freuds Werke vor allem und in erster Linie verbrannten.

Auf der im Hamburger Katalog aufgeführten Liste der verbotenen Bücher und Schriften der Psychoanalyse (Brecht et al. 1985, S. 91) erschei­nen auch nicht-jüdische Autoren. Es war anscheinend ausreichend, um in jene Liste aufgenommen zu werden, wenn im Titel der Schrift ein offen­sichtlicher Bezug zur Psychoanalyse hergestellt werden konnte oder wenn im Internationalen Psychoanalytischen Verlag veröffentlicht worden war.

Entscheidender hier ist jedoch die Frage, welche Wirkung die Gespräche hatten, die Boehm seit dem Frühsommer 33 mit den nationalsozialistischen Machthabern führte. Schröter schreibt selbst, dass Boehm »große Anstren­gungen« unternahm, »die neuen Machthaber positiv von der Kompatibili­tät der Psychoanalyse mit dem NS-Staat zu überzeugen« (Schröter 2009, S. 1097), Bemühungen, die mit dem »Memorandum« und dem Reichs­wart-Artikel einen vorläufigen Abschluss fanden. Wenn man die Wir­kungslosigkeit der Kontakte behauptet, hat man Schwierigkeiten, die Poli­tik der Anpassung zu begründen. Von einem Gespräch am 10. 8. 33 – im Juli wurde Reich ausgeschlossen – berichtet Boehm, dass er seinen Ge­sprächspartner zu dem Schluss gebracht habe, »es müsse demnach zwei Arten von Ps.-A.« geben (Boehm 1985 [1934], S. 105): Wohl eine jüdisch-marxistische und eine >saubere<, muss man schlussfolgern. Diesen Natio­nalsozialisten hat er insoweit überzeugt, als er in Boehm einen Vertreter der >sauberen< Psychoanalyse sah und er – wenn man Boehms Angaben traut -»eine Aktion gegen uns«, die geplant war (S. 104), vereitelte, eine von drei Aktionen, deren Verhinderung Boehm für sich reklamiert.

 

  1. Im Banne der IPV

 

Schröters Schlussbetrachtung arbeitet mit vielen nicht weiter hinterfragten Postulaten (diese sind auch schon vorher wirksam, nur müssen sie sich jetzt einer kritischen Schau unterziehen), von denen ich zwei genauer an­sehen möchte. (Von der Problematik der stillschweigend vorgenommenen Gleichsetzung der Psychoanalyse mit ihrer institutionellen Verankerung sehe ich ab.)

 

S.Freuds Diktum vor Reichs Ausschluss:

»Wenn die Psychoanalyse verboten wird, so soll sie als Psa. verboten wer­den, aber nicht als Gemisch von Politik und Analyse, das Reich vertritt« (Schröter 2009, S. 1096)

und A. Freuds Bemerkung vom März 1936 angesichts »der (illusionären) Hoffnungen« Boehms:

»Gelingt es nicht, so hat die Analyse nichts dabei verloren. Dann ist uns eben eine Gruppe verloren gegangen, die unter diesen Bedingungen nicht zu halten war. Rettet er eine kleine Arbeitsgruppe in eine andere Zeit hin­über, so ist es gut« (S. 1125)

werden gedanklich miteinander verkettet. Der heftige Wunsch, Reich aus­zuschließen, macht unaufmerksam in der Bewertung, ob damit die Gefahr gebannt ist, ein »Gemisch von Politik und Analyse« zu sein. Es wird allzu schnell suggeriert, dass nach Reichs Ausschluss Freuds Diktum in der Form: »Wenn die Psychoanalyse überlebt, so soll sie als Psychoanalyse überleben, aber nicht als Gemisch von Politik und Analyse« automatisch einträte. Die Argumentation A. Freuds, zumindest in jenem Zitat, hat gar nicht im Auge, dass der Fall eintreten könnte, »eine kleine Arbeitsgruppe« könnte gerettet werden, die die Sache der Psychoanalyse so vertritt, wie sie sich das nicht vorstellt. (Man muss sich zudem vergegenwärtigen, dass A. Freuds Zitat noch 9 Jahre nationalsozialistischer Diktatur bevorste­hen.) So wird unter der Hand Rettung einer Gruppe mit Bewahrung der Psychoanalyse gleichgesetzt. Zweifellos hat die Gruppe A des » Göring-Institutes« die NS-Zeit überlebt, genaugenommen: »Referentenkreis für Kasuistik und Therapie« (Lockot 1991, S. 57). Ob dies zwangsläufig oder »cum grano salis« (Schröter 2009, S. 1125) die Sache der Psychoanalyse bewahrt oder aber zu wesentlicheren Beschädigungen geführt hat, bleibt unbesprochen. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür, dass A. Freud mit der »kleine[n] Arbeitsgruppe« eine Gruppe wie die Gruppe A gemeint haben könnte? Die These, dass die IPV-Politik »auf kurze Sicht realistisch – und auf lange erfolgreich« und dass daher die Gleichschaltungpolitik der DPG im Ganzen angemessen gewesen sei, ist mit Argumenten seltsam schwach unterfüttert. Deswegen meine ich, es wird hier weniger argumentiert und abgewogen, als vielmehr postuliert. Der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass von Schröter selbst wichtige Hinweise (so z.B. S. 1102, 1122f.) aufgeführt, aber leider zum Schluss nicht mehr aufgenommen wer­den, die ein großes Fragezeichen hinter seinem »cum grano salis« auf­leuchten lassen.

Die in der Schlussbetrachtung vorgenommene Bewertung ist keine Objektivierung, sondern eine Art Formatierungsprozess, in dem die im Hauptteil gewonnenen Erkenntnisse >abgeglichen< werden mit der offi­ziellen Geschichtsschreibung, ohne deren Prämissen (sowohl für die Zeit vor als auch nach 1945) zu überprüfen.

Dies scheint mir die Folge einer anhaltenden Identifikation mit Boehm, Müller-Braunschweig und der IPV zu sein, die es so schwer macht, ande­ren Sichtweisen bei der Beurteilung, ob diese »Rettung« die Anpassungs­politik rechtfertigt, einen gleichwertigen Platz zuzuweisen. »Sie [die lei­tenden deutschen Analytiker] gerieten dabei auf eine abschüssige Bahn, auf der sie keinen Punkt mehr erkannten, wo sich ein Weitermachen hätte verbieten sollen« (S. 1124): Hier wird die Anpassungspolitik als ein >Ver­laufen ohne Orientierung< resümiert und damit eine Möglichkeit zu einer wirklichen Analyse verpasst. Das Terrain wird so vorbereitet, um am Schluss der Arbeit formulieren zu können, man werde divergierende Per­spektiven akzeptieren und deren unschlichtbare Diskrepanz aushalten müssen (S. 1126). Wohl wahr. Doch dem kann man nur mit Jan Philipp Reemtsma entgegenhalten:

Es »[…] hätte erstens zur Konsequenz, Geschichtsschreibung immer dort abzubrechen, wo das Handeln von Individuen in den Blick kommt, und zweitens Reden über moralische Fragen generell mit einem Tabu zu bele­gen. Mit der scheinmoralischen Haltung, man wolle sich nicht über andere erheben, soll die Frage nach richtig und falsch und Recht und Unrecht überhaupt keine Rolle mehr spielen« (Reemtsma 2000, S. 286).

Weil eine moralische Beurteilung nicht vorgenommen wird, bleiben am Schluss »divergierende Perspektiven« nebeneinander gleichberechtigt ste­hen. Reemtsma nennt dies »moralisches Analphabetentum, das sich als Mentalität der latenten Komplizenschaft herausgebildet hatte« – »ein Fol­geschaden der Jahre 1933 bis 1945« (S. 285).

 

VII. Eine moralische Bewertung

 

Ich möchte der Darstellung Schröters von der »erzählten Geschichte« – er meint die Geschichte der Anpassungspolitik, in der es »keine Schurken und keine Helden«, »zwar eindeutige Opfer, aber keine entsprechend ein­deutigen Täter« (Schröter 2009, S. 1125) gegeben habe – eine andere Sicht gegenüberstellen. Schröter möchte »die moralischen Grauzonen« erfas­sen und wendet sich gegen das Entwerfen eines »Schwarz-Weiß-Bild[s]«. »Die unauflösbare Spannung« zwischen den arischen Analytikern und Eitingon hat primär nichts »Tragisches« (S. 1125): Sie ist Konsequenz der Dichotomisierung der Gesellschaft in Arier, die dann eine Volksgemein­schaft werden, und in >Rassefremde<, die durch die Nationalsozialisten willkürlich definiert wurden. Das ist in der Tat unauflösbar und ist eine Dichotomisierung, die sich durch keinerlei methodisches Vorgehen aus der Welt schaffen lässt. Das Bild ist schwarz-weiß grundiert. Davon unbe­rührt bleibt eine spätere Differenzierung der Täter-Opfer-Dichotomie: Täter, die Opfern helfen.

Um dieses Bild weiter zu differenzieren, greife ich auf Reemtsma zu­rück. Im Anschluss an Hannah Arendt führt er (Reemtsma 2000, S. 278) das Begriffspaar der manifesten und der latenten Komplizenschaft ein, letztere, um eine Begrifflichkeit für die durch ein gemeinsames Schuldge­fühl gestiftete Volksgemeinschaft zu finden. Die latente Komplizenschaft fängt mit dem »Wegsehen« an und verfestigt sich durch die Teilhabe an der »Beute« (S. 278; vgl. auch Klaus Kennel in Beland et al. [1986], S. 441). Von Beidem ist in Boehms und Müller-Braunschweigs Anpassungspolitik etwas zu finden. Weitere Kriterien zur genaueren Differenzierung gibt Reemtsma mit der Unterscheidung zwischen »begeistertem und apathi­schem Konsens« (Reemtsma 2000, S. 286) zur Hand. Wenn man ihr Han­deln und ihre schriftlichen Äußerungen in Schröters Arbeit besieht, kommt man nicht umhin, von einem bereitwilligen »Konsens« bei Boehm und Müller-Braunschweig zu sprechen. Daran ändert auch ihre subjektive Meinung während der Zeit 1933-36 nichts, für die Rettung der Psycho­analyse zu kämpfen. Es macht diesen >bereitwilligen Konsens< vielleicht erträglicher, schließlich konnte damals keiner den Ausgang »zwingend« (Schröter 2009, S. 1124) voraussagen. Einzig Bernhard Kamm scheint ein »Unbestechlicher«, nach der Terminologie Reemtsmas (Reemtsma 2000, S. 286), geblieben zu sein. Aber es wäre empörend, seine Unbestechlich­keit auszuspielen gegen ein Zuwenig an Identifikation mit der »Sache«. Der »Unbestechliche« (für Reemtsma prototypisch: Karl Jaspers) ist eine Kategorie, die angesiedelt ist zwischen »Mitmachen und Helden des Widerstandes«. Mit dem Instrumentarium Reemtsmas ist sichergestellt, dass die Dichotomisierung, die die Nationalsozialisten vorgenommen haben, nicht verwischt wird und dass dennoch viele unterschiedliche Schattierun­gen vorgenommen werden können.

Es bleibt zurück eine derart scham- und schuldbesetzte Kränkung, dass wir in ihrem >Anziehungsfeld< dem verführerischen Wunsch erliegen kön­nen, das Abgewehrte zu übersehen und zu verleugnen. Schlimmer noch: Wir sind nicht geschützt vor Anfälligkeit.

Max Planck, »der sich für eine Reihe bedrohter Kollegen einsetzte«, auf einen Vorschlag im Juli 33, einen Protest prominenter Professoren gegen die Behandlung jüdischer Kollegen zu organisieren: »Wenn heute 30 Pro­fessoren aufstehen und sich gegen das Vorgehen der Regierung einsetzen, dann kommen morgen 150 Personen, die sich mit Hitler solidarisch erklä­ren, weil sie die Stellen haben wollen« (Hahn 1968, S. 145, zit. nach Grütt­ner & Kinas 2007). Mutatis mutandis: Boehm äußerte im August 1945, »daß er unter dem Übergewicht der Juden am alten Institut immer gelitten habe« (Lockot 1985, S. 114).

 

  • Die andere DPG

 

Die andere DPG – die Deutsche Physikalische Gesellschaft – hat ihre jüdi­schen Mitglieder auf ministerielle Anweisung im Dezember 1938 zum Aus­tritt auffordern müssen. Ihre Satzungsänderung, nach der keine Juden DPG-Mitglieder werden konnten, trat 1941 in Kraft (Wolff 200Z S. 120-125).

 

Kontakt: Dr. rer. nat. Detlev Stummeyer, Erlenweg 13, 68535 Edingen-Neckarhausen. E-Mail: stummeyer@t-online.de

 

LITERATUR

 

Aly, G., et al. (Hg.) (2008): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 1: Deutsches Reich 1933-1937 München (Oldenbourg).

Beland, H., Loch, W., Mitscherlich-Nielsen, M., Vogt, R., Appy, G. & Kennel, K. (1986): Podiumsdiskussion. Psychoanalyse unter Hitler — Psychoanalyse heute. Psyche — Z Psy­choanal 40, 423-442.

Boehm, F. (1985 [1934]): Ereignisse 1933-1934. In: Brecht et al. (Hg.), 99-109.

Brainin, E. & Teicher, S. (2010): Kommentar zu »Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936« von Michael Schröter in Psyche 63, 2009, Heft 11. Psyche — Z Psychoanal 64, 353-357

Brecht, K., Friedrich, V., Hermanns, L.M., Kaminer, I. J. & Juelich, D. H. (Hg.) (1985): »Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …« Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg (Kellner).

Dahmer, H. (1997): Psychoanalytiker in Deutschland 1933-1951. Ein unglückseliger Verein und eine Geschichte, die sich nicht selber schreibt. In: Lohmann, H.-M. (Hg.): Psycho­analyse und Nationalsozialismus. Beiträge zu einer Bearbeitung eines unbewältigten Traumas. Frankfurt/M. (Fischer), 167-189.

Dräger, K. (1984 [1971]): Bemerkungen zu den Zeitumständen und zum Schicksal der Psy­choanalyse und der Psychotherapie in Deutschland zwischen 1933 und 1949. In: Loh­mann, H.-M. (Hg.), 41-53.

Freud, S. & Eitingon, M. (2004 [1906-39]): Briefwechsel. Hg. v. M. Schröter. Tübingen (edition diskord).

Grubrich-Simitis, I. (2005): »Wie sieht es mit der Beheizungs- und Beleuchtungsanlage bei Ihnen aus, Herr Professor?« Zum Erscheinen des Freud-Eitingon-Briefwechsels. Psy­che – Z Psychoanal 59,266-290.

Grüttner, M. & Kinas, S. (2007): Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933-1945. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 55,123-186.

Hahn, 0. (1968): Mein Leben. München (Bruckmann).

Hermanns, A. (2007): Hans Kalischer – eine biographische Skizze. Luzifer-Amor 20 (39), 72-79.

Holmes, M. (2007): Düsseldorf – Berlin – Ankara – Washington: Der Lebenslauf von Edith Weigert, geb. Vowinckel (1894-1982). Luzifer-Amor 20 (39), 7-52.

Lockot, R. (1985): Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Frankfurt/M. (Fischer).

(1991): Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus auf Gruppenbildungen der psychoanalytischen Organisationen in Deutschland (1945-1951). Luzifer-Amor 4 (7), 51-77

(1994): Die Reinigung der Psychoanalyse. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft im Spiegel von Dokumenten und Zeitzeugen (1933-1951). Tübingen (edition diskord).
Reemtsma, J. P. (2000): Was man will und was daraus wird. Gedanken über ein prognostisches Versagen. In: Greven, M. & Wrochem, 0. v. (Hg.): Der Krieg in der Nachkriegszeit. Der Zweite Weltkrieg in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik. Opladen (Leske + Budrich), 273-290.

Schröter, M. (2009): »Hier läuft alles zur Zufriedenheit, abgesehen von den Verlusten …« Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933-1936. Psyche – Z Psychoanal 63, 1085-1130.

Weigert, E. (1962): Goals in psychoanalysis. In: Daniels, G. E. et al. (Hg.) (1965): New Per­spectives in Psychoanalysis. New York, London (Grune & Stratton), 253-281.

Wolff, S. L. (2007): Die Ausgrenzung und Vertreibung der Physiker im Nationalsozialis­mus. Welche Rolle spielte die Deutsche Physikalische Gesellschaft? In: Hoffmann, D. & Walker, M. (Hg.): Physiker zwischen Autonomie und Anpassung. Weinheim (Wiley­VCH), 91-138.

 

Summary

On the procrustean bed of official historiography. – The essay is a critical engagement with M. Schröter’s article »The German Psychoanalytic Society 1933-1936« in the 11/2009 issue of Psyche. It takes its bearings largely from Schröter’s objectifying con­clusions and attempts to sharpen our awareness of the necessity of fighting to obviate tendencies in ourselves that impede the kind of intellectual and emotional effort required to find an approach to the Nazi era. It also urges the necessity for a moral evaluation of that era in this day and age. Such an evaluation is outlined with reference to Reemtsma (2000) and is designed to put a stop to a species of what the author calls »arbitrariness.«

 

Keywords: adaptation policy of the German Psychoanalytic Society (DPG); moral evaluation

 

Résumé

Dans le lit de Procuste de l’historiographie officielle. – Cet essai est une mise en débat critique du texte de M. Schröter »L’association psychanalytique allemande de 1933 à 1936« (»Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 1933–1936«) paru dans Psyche 11/2009. En s’appuyant surtout sur les conclusions objectivantes de ce texte, l’auteur désire mettre en évidence la nécessité de combattre incessament les propres tendances entravant l’effort intellectuel et affectif qu’exige une approche du nationalsocialisme.

L’essai est aussi un plaidoyer pour la nécessité valant tout particulièrement aujourd’hui d’une estimation morale de cette période. Celle-ci est esquissée en référence à Reemtsma (2000), son objectif étant de faire obstacle à un certain »laxisme«.

 

Mots clés: la politique d’allégeance de la DPG; estimation morale

 

[i] * Für ihre kritische Sicht danke ich Elisabeth van Quekelberghe und Johannes Picht. Bei der Redaktion eingegangen am 27 5. 2010.

 

 

YIGAL BLUMENBERG, BERLIN

»Die Crux mit dem Antisemitismus«. Zur Gegenbesetzung von Erinnerung, Herkommen und Tradition*[i]

 

Übersicht: Anknüpfend an die von Alexander und Margarete Mitscherlich analysierte »Unfähigkeit zu trauern«, zentriert der Autor seine Überlegungen um das (Nicht-)Erinnern und (Nicht-)Durcharbeiten des Antisemitismus, in welchem sich in wenngleich verzerrter Gestalt, in einer Gegenbesetzung, eine Beziehung zum Judentum ausdrückt. Die Schwierigkeiten, diese Gegenbesetzung zu dechiffrieren und sich erinnernd mit dem »Juden« in Beziehung zu setzen, entstammen Blumenberg zufolge der Tradition einer dreifachen kulturgeschichtlichen Verdrängung des Judentums: durch die Institutionalisierung des Christentums, die Aufklärung und den Nationalsozialismus. Diese die jüdischen Wurzeln der abendländischen Kultur entwertende Tradition flüchtet sich in purifizie­rende, Ambivalenzen aufhebende Tendenzen und trägt den Keim zur Selbstzerstörung in sich. Die Auslöschung der Erinnerung an den vorausgesetzten eigenen Ursprung, die eine zentrale Dimension jüdischen Denkens darstellt, erweist sich als der Herkunftsort des Antisemitismus. Erst im Durcharbeiten des Antisemitismus, d. h. in der Wiederherstellung der Erinnerung wird es möglich, (Kultur-)Geschichte zu schreiben.

 

Inhuman aber ist das Vergessen, weil das akkumulierte Leiden vergessen wird; denn die geschichtliche Spur an den Dingen, Worten, Farben und Tönen ist immer die vergangenen Leidens. Darum stellt Tradition heute vor einen unauflöslichen Widerspruch. Keine ist gegenwärtig und zu beschwören; ist aber eine jegliche ausgelöscht, so beginnt der Einmarsch in die Unmenschlichkeit… Wiederzukehren vermag Tradition einzig in dem, was unerbittlich ihr sich versagt.

Th. W Adorno, Über Tradition

 

  1. Was heißt das: »trauern« ?

Die von A. und M. Mitscherlich vor 30 Jahren analysierte Unfähigkeit, um die nationalsozialistischen Ideale zu trauern, war eine wichtige Antwort auf die kollektive Abwehr der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus (Mitscherlich, 1967). Obwohl diese Analyse nach wie vor an Aktualität kaum eingebüßt hat, drängt sich heute die Frage auf, ob sie nicht ergänzt werden müßte. Nach wie vor scheint es keineswegs akzeptiert zu sein — wenn wir z. B. an die Debatte um das Buch von D. Goldhagen oder an die Diskussion um das geplante Holocaust-Denkmal in Berlin denken -, daß jene Unfähigkeit, um die nationalsozialistischen Ideale zu trauern, untrennbar mit der Schwierigkeit oder Unmöglichkeit verbunden ist, sich der Beziehung zum Völkermord an den Juden bewußt zu werden; daß die kollektive Identifizierung der deutschen Bevölkerung mit den Idealen des Nationalsozialismus die Identifizierung mit dem Antisemitismus als den zentralen Kern enthielt und damit eine ganz bestimmte innere Beziehung zum Judentum und dessen Träger: eine wesentlich feindliche und verfolgende Besetzung der Juden. Was bedeutet dies im Zusammenhang der Frage nach der Unfähigkeit zu trauern?

»Trauer«, so Freud, »ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.« (1917e, S. 429). »Die Trauer entsteht unter dem Einfluß der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt, daß man sich von dem Objekt trennen müsse, weil es nicht mehr besteht. Sie hat nun die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Objekt in all den Situationen durchzuführen, in denen das Objekt Gegenstand hoher Besetzung war« (Freud, 1926d, S. 205; Hervorh. Y.B.).

Das Trauern stellt uns vor die schmerzliche Notwendigkeit, den Verlust

anzuerkennen, um nicht das Schicksal der verlorenen Person oder des Ideals zu teilen, dergestalt dem Leben zu entsagen und dem Tod zu folgen. Daher geht es in der Trauerarbeit um die Erinnerung an die Beziehung zu den verlorenen Menschen und Idealen, die noch einmal einer Prüfung, einer Analyse und Bewertung unterzogen werden muß, damit Vergangenheit werden kann; die Realität gebietet den Verlust und den Tod dadurch anzuerkennen, indem die Beziehung zu jenen verlorenen Menschen oder Idealen vergegenwärtigt wird. Wenn ich mich nicht erinnern und mir die Beziehung zum Verlorengegangenen nicht vergegenwärtigen kann, bleibe ich an das Objekt gebunden; so als ob es noch leben und existieren würde, eine lebendige Beziehung noch bestünde und der Verlust nicht eingetreten wäre. Dann aber wird der Kontakt zur Wirklichkeit gestört. Das Trauern als eine Beziehungsaufnahme zum Verlorenen bedeutet daher eine Hinwendung zur Vergangenheit, um Gegenwart und Zukunft hernach freier gestalten zu können.

Diese Gegenbesetzung besitzt vielerlei Facetten (in unterschiedlichem Grad an Bewußtheit) und läßt das Kollektiv der Juden in den bekannten Vorurteilen, die sich um keine Widersprüche sorgen, erscheinen: U. a. als »Landfremde«; als die Minderheit par excellence; als die Anderen schlechthin; als Gottesmörder, die »trotzig« und »hartnäckig« an »ihrem« Alten und Tradierten festhalten und zugleich macht- und geldgierig die Moderne repräsentieren, die das »Alte« und »Bewährte« zu zerstören trachtet; als Intellektuelle etc. (vgl. z. B. Freud, 1939a, S. 197f.; Grunberger, 1988). Die zu konstatierenden Schwierigkeiten der Trau­er- bzw. Erinnerungsarbeit entstammen — über die schier unerträgliche Ansehung des Zivilisationsbruchs durch die Shoa hinaus — einer hermentischen Tradition des Antisemitismus, der — qua »kultureller Selbstverständlichkeit« — nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es macht ganz den Eindruck, als existiere der Antisemitismus als kulturelle Konstante und über Jahrhunderte tradierte Gegenbesetzung gewissermaßen als »zweite Haut«. »Schwerlich aber ist die religiöse Feindschaft, die für zweitausend Jahre zur Judenverfolgung antrieb, ganz erloschen. Eher bezeugt der Eifer, mit dem der Antisemitismus seine religiöse Tradition verleugnet, daß sie ihm insgeheim nicht weniger tief innewohnt als dem Glaubenseifer früher einmal die profane Idiosynkrasie. Religion ward als Kulturgut eingegliedert, nicht aufgehoben. … Bei den deutschen Christen blieb von der Religion der Liebe nichts übrig als der Antisemitismus« (Horkheimer und Adorno, 1947, S. 185; Her­vorh.Y.B.).

Als Psychoanalytiker sind wir (auch) in der philosophischen und wissenschaftlichen Tradition der Aufklärung sozialisiert worden. Aber so sehr der Antisemitismus heute (nicht nur) unter Psychoanalytikern offenkundig bewußt problematisiert wird (und sowohl latent als auch virulent ist Anm.JSB), so sehr scheint die heimliche Fortexistenz judenfeindlicher Tendenzen in der Tradition der Aufklärung bis heute schlicht nicht wahrgenommen zu werden. Auch Freud wurde nicht müde, dem Ideal der Aufklärung berechtigterweise Aner­kennung zu zollen — aber über ihr inhärentes judenfeindliches Erbe scheint sich ein großes Schweigen zu legen und beständig zu reproduzie­ren. Andererseits sprechen z. B. seine Schriften Totem und Tabu (1912/ 13), »Der Moses des Michelangelo« (1914 b) — als die Trennung von Jung vollzogen war — und ganz als Fokus im Mann Moses und die monothei­stische Religion (1939a) — als Freud sich mit dem Nationalsozialismus und den ihn verfolgenden mörderischen Haß konfrontiert sah — auch die Sprache seiner Trauerarbeit. In diesen Schriften versucht er über das Ge­winnen eines Verständnisses des Judentums und der Wurzeln des Antise­mitismus sich der brennenden und ihn quälenden kulturgeschichtlichen Frage zu nähern, was immer wieder den Judenhaß hervorrufe.1[ii] Im Juni 1938, als er sich bereits im sicheren englischen Exil befindet, erinnert er einerseits an sein Verständnis der religiösen Phänomene, die »nur nach dem Muster der uns vertrauten neurotischen Symptome des Individu­ums zu verstehen sind« (Freud, 1939 a, S. 160). Andererseits scheinen sich angesichts der sich anbahnenden kollektiven Zerstörung abendlän­discher Ethik und der Verfolgung des jüdischen Volkes Zweifel an dieser über 25 Jahre alten Vorstellung über die Natur der Religionen zu regen : »Meine Unsicherheit setzt erst ein, wenn ich mich frage, ob es mir gelun­gen ist, diese Sätze für das hier gewählte Beispiel des jüdischen Mono­theismus zu erweisen« (ebd.).

Was Freud »wie ein unerlöster Geist (quälte)« (ebd., S. 210), könnte jene innere Not gewesen sein, die viele andere jüdische Wissenschaftler, In­tellektuelle und Künstler plagte: Mit der Emanzipation und Assimila­tion im 19. Jahrhundert scheint das jüdische Denken unerkannt und in der Maskierung der die Universalität des Menschen propagierenden Aufklärung wieder Eingang in die Kulturgeschichte gefunden zu haben (z. B. A. Einstein, E Kafka).2[iii] Aber bei Strafe der antisemitischen Diffa­mierung und Denunziation durften sich jüdische Wurzeln und Tradition nicht zu erkennen geben und mußten sich dem Ideal der Aufklärung beugen, wonach es keine Juden mehr geben darf, sondern nur noch universelle Bürger.3[iv]

Dies scheint mir das Problem im Selbstverständnis Freuds und in dem Hineinwirken der jüdischen Tradition in das Gebäude der Psychoanalyse zu sein, was sich eben nicht zuletzt in Freuds Verständnis der Religion niederschlägt.4[v] Der Psychoanalyse sollte wohl die Rolle zufallen, eine universelle Ethik mit traditionellen und partikularen Wurzeln zu versöhnen und dergestalt das Individuum aus seiner »selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) zu emanzipieren. Diesem Ideal der Aufklärung verpflichtet, scheint sich aber die Psychoanalyse ständig in einem Konflikt mit den aus der Übertragung gewonnenen Einsichten zu befinden. Denn wenn etwas in der Psychoanalyse sich dem absoluten Prinzip der Vernunft entzieht und es Lügen straft, dann ist es das unbewußte Über­tragungs- und Gegenübertragungsgeschehen, das — auch in den Schriften Freuds zu entdecken — von einer eigenen Geschichte und Tradition erzählt und eine ganz einzigartige subjektive Wahrheit offenbart.5[vi] Daher könnte erst die Anerkennung der untrennbaren Verbindung und (nicht aufzulösenden) Differenz zwischen unbewußten und gänzlich subjektiven Phantasien, die sich der kollektiven Historie und persönlichen Tradition verdanken, einerseits und jener Vernunft bzw. behaupteten »Wirklichkeit« und Rationalität andererseits die Aufklärung zu dem führen, was sie in ihrem eigenen Namen ausspricht. Im Über-Ich und Ich-Ideal vergegenwärtigen sich bekanntlich gleichsam die besondere Geschichte und die Tradition der Eltern, deshalb leben wir nie ganz in der Gegenwart, sondern zu einem guten Teil in der kollektiven Vergangenheit. Im Rahmen unserer Überlegungen haben wir es mit einer Vergangenheit zu tun, in der sich 15 Jahrhunderte judenfeindliche Ressentiments und nationalsozialistische Identifizierungen quasi bruchlos und ganz primärprozeßhaft ineinander verschieben und verdichten, wie selbstverständlich aufscheinen und sich einer langen und machtvollen, weil auch heimlichen, Tradition verdanken.

 

  1. Die kulturgeschichtliche Verdrängung des Judentums6[vii]

 

Im Folgenden soll diese Tradition skizziert und deutlich werden, daß sie hierbei immer wieder mit einer Verweigerung einhergeht, die eigenen Identifizierungen anzuerkennen und sich der eigenen Geschichte und des Herkommens — in Trauerarbeit — zu erinnern. Dieser recht widersprüchliche Prozeß einer unbewußten bzw. abgewehrten (Selbst-)Ent­wertung des eigenen Ursprungs und Tradition, der sich schließlich mit einer Rede von einer vermeintlichen und von jeglicher Subjektivität gereinigten Wahrheit paart, macht sich in der abendländischen Kulturgeschichte nicht zufällig an der Repräsentanz des Judentums und dessen gegenbesetzter Gestalt im judenfeindlichen Ressentiment geltend. Wenn wir sagen können, daß die abendländische Kulturgeschichte ohne das institutionalisierte Christentum nicht gedacht werden kann, dann müssen wir auch sagen: Ohne die jüdische Bibel ist die (Selbst-)Aufgabe des Pharisäers Saulus und dessen mystische Verwandlung in Paulus, damit auch das christliche Dogma vom »fleischgewordenen Wort Gottes« nicht zu denken. Diese Einnahme einer dogmatischen oder präziser: to­talisierenden Position tendiert immer wieder zu einer Entwertung und Zerstörung des (väterlichen) Gesetzes und des (reifen) Über-Ich. Im Folgenden werde ich von einer dreifachen kulturgeschichtlichen Verdrängung desJudentums sprechen,7[viii] einer hermetischen Verweigerung des europäischen Abendlandes, das Judentum kulturgeschichtlich sich selbständig artikulieren zu lassen, vielmehr es allein im antisemitischen Ressentinment (als Gegenbesetzung) zu bannen.

 

2.1 Paulus und die Institutionalisierung des Christentums

 

Schalom Ben-Chorin (1980) hat in seiner »Paulus«-Studie die äußerst konflikthafte Entwicklung der Theologie Paulus‘ »aus jüdischer Sicht« beschrieben und nachgezeichnet, wie Paulus dem jüdischen Gesetz zunehmend ein abstraktes, typologisches und allegorisches Verständnis unterlegt (vgl. Klausner, 1980; Schoeps, 1959; Taubes, 1995). Das Wort der Thora bzw. der jüdischen Bibel, das nach der jüdischen Tradition auch in seiner wörtlichen Bedeutung festgehalten, diskutiert und daher auch in seinen vielfältigen Bedeutungen anerkannt werden muß (vgl. Blumenberg, 1995), verflüchtigt sich schrittweise im Verständnis Paulus‘ und wird unverbindlich. Schließlich lautet der den am Ritualgesetz festhaltenden Juden gemachte Vorwurf: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig« (2. Korintherbrief 3,6). Drückt diese Position einerseits die inhärente universalistische und die Banden der Naturidolatrie sprengende Tendenz des Christentums aus, so erscheint andererseits diese Kritik an den vorgegebenen und vorausgesetzten geistigen und sozialen Strukturen und Bedeutungen durch die Entwertung und Verachtung ihres Ursprungs erkauft, auf Kosten der lebendigen Erinnerung an das eigene Herkommen und der Tradition (der Pharisäer). Mit diesem Polarisieren zwischen partikularem »Buchstaben« und universalisti­schem »Geist« konstituiert sich ein Schema der Spaltung, auf der die spätere Verunglimpfung des rabbinischen Judentums basiert ;8[ix] danach erscheinen die jüdischen Gelehrten im antisemitischen Zerrbild als »Wort- und Rechtsverdreher«, die alles »zerreden«, die »seelenlos« am Buchstaben kleben und insgeheim materialistisch »Sophistik« betrei­ben.9[x] Diese Polarisierung schneidet die lebendige und kollektive Ausein­andersetzung mit dem überlieferten Wort ab; sie markiert eine regressive Bewegung, in der sich sozusagen das »gute Objekt« — die Freiheit (vom Gesetz) — vom »bösen Objekt« — das verpflichtende Gesetz — ausschlie­ßen muß. In dieser Spaltung bleibt kein Spielraum erhalten, die Span­nung zwischen Freiheit und Gesetz im Verhältnis zueinander festzuhal­ten und zu differenzieren.10[xi] Die (individuelle wie kulturelle) Konflikt­haftigkeit und die Ambivalenz scheinen dergestalt nicht mehr ertragen werden zu können, und folgerichtig heißt es dann: »Wenn nämlich jene Erben sind, die das Gesetz haben, dann ist der Glaube entleert und die Verheißung außer Kraft gesetzt. Das Gesetz bewirkt Zorn; wo es aber das Gesetz nicht gibt, da gibt es auch keine Übertretung.« Deshalb gilt: »aus Glaube«, damit auch gilt: »aus Gnade« (Brief an die Römer 4,13 ff.; vgl. ebd., 2,17 ff. und 13,8 ff.; Galaterbrief 3,19ff. und 5,4 ff.). Wir sehen: Für Paulus beginnt die innere Not und »Sündhaftigkeit« nicht mit der Anerkennung und Auseinandersetzung um die eigene Unzulänglichkeit und Begrenztheit, sondern durch die Existenz des (väterlichen) Geset­zes, das projektiv als unzulänglich und veraltet verworfen wird; ohne Gesetz keine »Sünde«. Die Frage hat sich nun verwandelt: Es geht nicht mehr darum, wie der »Sünde« — d. h. den eigenen Identifizierungen — be­gegnet werden kann, sondern wie man sich vom Gesetz — das doch die ei­gene Unzulänglichkeit und Konflikthaftigkeit voraussetzt und hervor­treten läßt — befreit.11[xii]

Von nun an geht es in der Paulinischen Theologie nicht mehr um die Er­füllung der Gebote, sondern allein um das Prinzip »Sola fide«, »nur aus Glauben«. Mit diesen Vorstellungen des Römer-Briefes ist der Bruch mit dem rabbinischen Judentum — in dem die Wahrheit allein auf dem Weg der prinzipiell nicht abgeschlossenen Diskussion des Gesetzes gesucht wird12[xiii] — vollzogen; ein Bruch, der den lebendigen Ursprung und eine Quelle des (späteren) Christentums entwertet, verurteilt und verdrängt. Aber mit der feindlichen Besetzung des eigenen Ursprungs wird auch ei­ne Gegenbesetzung aufgerichtet und der Verinnerlichung des Verbotes der Boden bereitet, sich an den (kollektiv-)historischen Prozeß — über die Anerkennung der eigenen Identifizierungen — zu erinnern; z. B. daß dem Paulus der Pharisäer Saulus vorausging, der in die Schule des Rabban Gamliel ging; eines Lehrers, der mit (väterlicher) Autorität dem rabbini­schen Judentum seine organisatorischen und institutionellen Bedingun­gen zu sichern suchte. Wenn aber die eigene Geschichte nicht erinnert werden darf bzw. die Identifizierungen verleugnet und verworfen wer­den, kann nicht getrauert werden. Diese »seelische Auflehnung gegen die Trauer (über die Vergänglichkeit)« (Freud, 1916a, S. 359) führt zu einer Ich-Verarmung, die sich vom affektiven Geschehen als persönlicher Grundlage jeglicher Werte gereinigt meint — so als ob »man … die Vergan­genheit selbst aufzuheben, … zu verdrängen sucht« (Freud, 1926 d, S,150).

Schließlich wird mit der Institutionalisierung des Christentums im vier­ten Jahrhundert jene Gegenbesetzung und deren inhärente regressive und paranoide Spaltung als Dogma kulturell verankert. Das Christen­tum erhält nun sozusagen seine irdische legale und machtpolitische Er­scheinung; die behauptete Wahrheit von dem »fleischgewordenen Wort Gottes« scheint nun in dem Zusammenfallen von politischer und reli­giöser Macht eine materielle Verwirklichung zu finden. »Aber kraft der gleichen Momente, durch welche das Christentum den Bann der Natur­religion fortnimmt, bringt es die Idolatrie, als vergeistigte, nochmals hervor. Um soviel wie das Absolute dem Endlichen genähert wird, wird das Endliche verabsolutiert. Christus, der fleischgewordene Geist, ist der vergottete Magier. Die menschliche Selbstreflexion im Absoluten, die Vermenschlichung Gottes durch Christus ist das proton pseudos [= erste Lüge; Y.B.]« (Horkheimer und Adorno, 1947, 5.186). Die zur Staatsreligion gewordene »Sohnesreligion« (Freud) tritt nun einen kul­turgeschichtlichen Siegeszug an, und die jüdische Vaterreligion erscheint zunehmend als überflüssig und veraltet. Mehr noch: Das Christentum kann oder darf sich nicht mehr aus seinen geschichtlichen Wurzeln legi­timieren und beansprucht doch zugleich, legitimer Erbe des »alten« Is­rael zu sein und damit allein die überlieferten Schriften richtig zu verste­hen und zu interpretieren — ein Erbe, das sich eben durch das nach wie vor lebendige und erneuernde Judentum ständig an seine Wurzeln erin­nert und dergestalt in seinem Anspruch in Frage gestellt sieht. Damit aber entwickelt sich der Unterschied zum Judentum in einen Gegensatz und Widerspruch, bringt eine Gegenidentität und Tendenz hervor, sich permanent selbst legitimieren zu müssen und gipfelt schließlich in dem Dogma, wonach die Juden die Heilige Schrift verfälschen würden.13[xiv] Die­ser Prozeß konstituiert die erste kulturgeschichtliche Verdrängung des Judentums.

 

2.2 Die heimliche Tradition des Christentums in der Aufklärung

 

Mit der rationalistischen Bibelkritik Spinozas (1632-1677), der engli­schen Deisten im frühen 18. Jahrhundert, der deutschen und französi­schen Aufklärung z. B. durch Voltaire (1694-1778) wird bekanntlich das Christentum heftigst angegriffen — und damit natürlich auch sein jüdi­scher Ursprung. Anders ausgedrückt: Da nun die Philosophie der Auf­klärung und die sich entwickelnden Wissenschaften das legitime Erbe der christlichen Theologie anzutreten beanspruchen, treten sie auch das Erbe der judenfeindlichen Tendenz an. Aber was oft übersehen wird: Weil das Christentum (im ausgehenden Mittelalter) in weltlicher Gestalt und Macht auftritt, durchläuft es auch einen allmählichen und ganz weltlichen Prozeß der sozialen und kulturellen Umwälzung (vgl. z. B. von Braun, 1995), was in der Folge gerade nicht zur Überwindung des Christentums als Religion führt, aber schließlich die Illusion hervorruft und nährt, daß mit der Kritik an der christlichen Kirche das christliche Denken selbst und seine innere Konflikthaftigkeit mit dem Judentum überwunden sei. Funkenstein (1995) weist darauf hin, daß die Aufklärung gar nicht so sehr mit der christlichen Tradition gebrochen habe, wie es immer wieder behauptet wird: Die Ideale der Aufklärung seien sozusagen »>wieder auf ihre Füße gestellte< christliche Ideale« (ebd., S. 174); nun sei es das Nichtwissen und die Ignoranz, die zur Ursünde erklärt werden; allein das Wissen, die Vernunft und der Verstand verheißen nun Erlösung, und der missionarische Eifer gestaltet sich nun zwar weniger kirchlich, dafür aber mehr pädagogisch-säkular. Aufklärung durch Wissen wird zum Erziehungsideal, dem die Vorstellung einer stetig sich höherentwickelnden Moral unterliegt und damit die Vervollkommnung des Menschen und seine Erlösung im Diesseits und auf Erden verspricht. Das neu aufgekommene und scheinbar humanistische Ideal, daß die Juden nicht von Natur schlecht seien und daß es eigentlich der Haß und die Gesetze des Christentums seien, die die Juden schlecht machten (vgl. z .B . Schopenhauer, 1851 (II.), S .239), spricht noch das Ressentiment aus, wonach die Juden zum Guten (oder eben auch zum Schlechten) erzogen werden können und müssen; also nicht selbst sich artikulieren und keine autonome Individuen sein können. Auch die Forschungen von Katz (1989) und die grundlegende Geschichte des Antisemitismus von Poliakov (1978) zeigen in aller Deutlichkeit, wie sehr die Aufklärung christliche Ideale und damit auch deren innere judenfeindliche Tendenz tradiert.14[xv]

So übernimmt Kant (1724-1804), der sich sozusagen aus der lutherischen Theologie heraus verweltlicht hat (vgl. Poliakov, Bd.V, S. 199f.; Bein, 1980, Bd. I, S. 175 f., Bd. II, S. 116ff.)15[xvi] die Religionskritik der englischen Deisten und Rationalisten, und zwar insbesondere die Kritik am Ritual und den Zeremonien. In seinem Spätwerk Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft argumentiert er: Gerade die Tatsache, daß es den Juden weniger auf den Glauben ankomme als auf das Praktin zieren der überlieferten Gebote, zeige, daß sie sich nicht den Geboten der Vernunft unterwerfen, sondern blind am »Joch des Gesetzes« fest­halten würden. Schon dies allein mache deutlich, daß sie sich nicht zu ein ner Moral und Ethik erheben könnten, die allein aus Verstandes- und Vernunftsgründen zu legitimieren sei (1791, S. 184ff.). Für Kant sind die Gesetze des Judentums Ausdruck eines »Afterdienstes Gottes in einer statutarischen Religion« (ebd., S. 187); es sei ein Verhalten eines Knechtes, sich an die offenbarten Gesetze zu halten, eine unreife, weil unvernünftige Weise, sich die Religion anzueignen.16[xvii] Dagegen sei das Christentum als »natürliche Religion« (ebd., S. 174f.) anzusehen, weil —welch bemerkenswerte Begründung für einen Rationalisten der Aufklärung —aus den Evangelien zu entnehmen sei, daß diese »vollständige Religion« »allen Menschen durch ihre eigene Vernunft faßlich und überzeugend vorgelegt werden kann« (ebd., S. 181). Selbst noch die Verweise der Evangelien, die sich auf die jüdische Bibel berufen würden, sprechen nicht »für die Wahrheit der gedachten Lehren selbst«, sondern dienten nur zur »Introduktion unter Leuten, die gänzlich und blind am Alten hingen« (ebd.). Folgerichtig spricht Kant in seiner Schrift Der Streit der Fakultäten von einer notwendigen »Euthanasie des Judentums«, damit die Religion »rein moralisch« werden könne (1798, S. 52).

Wenn hier auch nicht vorschnell ein Zusammenhang zum Euthanasie-Programm des nationalsozialistischen Deutschlands hergestellt werden darf, so muß doch gefragt werden, ob wir es hierbei nicht mit einer untergründigen Tradition zu tun haben, die projektiv einen konfliktlosen Zustand »reiner Moralität« hypostasiert und schließlich in der Tötung »unwerten Lebens« mündet. Immerhin plädiert hier der große Kant für eine »Sterbehilfe« einer 2500 Jahre alten Kultur —und was ist eine Kultur ohne ihre Träger? -, die das Christentum und seine eigene Philosophie mit hervorgebracht hat. Es handelt sich hierbei um die Hybris menschlichen Geistes, der das kulturell Allgemeine — nämlich das Christentum – als etwas »Natürliches« idealisiert und das Besondere und Fremde — hier also das Judentum — als »unnatürlich« und veraltet denunziert.17[xviii] Konse­quent wird das soziale und geistige Leben der Juden von der Identifizie­rung mit dieser »rein moralischen Religion« abhängig gemacht und ge­wissermaßen eine bürgerliche Taufe gefordert: Allein im Lossagen vom jüdischen Gesetz und seiner Gebote, so Kant, sei eine Möglichkeit gege­ben, den Juden die bürgerlichen Rechte zu geben.

Man kann nur verwundert festhalten, wie die Institutionalisierung des Christentums, dessen Verwachsensein mit den politischen Machtstruk­turen und dessen kultureller Allgegenwärtigkeit — und damit auch des­sen judenfeindliche Tradition — so naturwüchsig, quasi als zweite Haut so selbstverständlich den Geistern erscheint wie die sie umgebende Luft. Hier begegnet uns wieder eine totalisierende Dogmatik, die sich nicht (historisch) zu hinterfragen vermag, mit dem Anspruch einer voraussetzungslosen Rationalität gegen das jüdische Gesetz polemisiert und das Allgemeine und »Natürliche« zu wissen vorgibt.18[xix]

Fichte (1762-1814), ein Schüler Kants, spitzt dessen These von der »Eu­thanasie des Judentums« in Ansehung der Französischen Revolution, der er begeistert zustimmt, radikal zu:

»Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht, und der in manchen fürchterlich schwer auf die Bürger drückt; es ist das Judentum. Ich glaube nicht, … daß dasselbe da­durch, daß es einen abgesonderten, und so fest verketteten Staat bildet, sondern dadurch, daß dieser Staat auf den Haß des ganzen menschlichen Geschlechts aufgebauet ist, so fürchterlich werde…. (Von einem Volke) das sich zu dem den Körper erschlaffenden, und den Geist für jedes edle Gefühl tötenden Kleinhandel verdammt hat, und verdammt wird; … von so einem Volke sollte sich etwas anders erwarten lassen, als was wir sehen, daß in einem Staate, wo der unumschränkte König mir meine väterliche Hütte nicht neh­men darf, und wo ich gegen den allmächtigen Minister mein Recht erhalte, der erste Jude, dem es gefällt, mich ungestraft ausplündert. Dies alles seht ihr mit an, und könnt es nicht leugnen, und redet zuckersüße Worte von Toleranz, und Menschenrechten, und Bürger­rechten, indes ihr in uns die ersten Menschrechte kränkt …Erinnert ihr euch denn hier nicht des Staats im Staate? Fällt euch denn hier nicht der begreifliche Gedanke ein, daß die Juden, welche ohne euch Bürger eines Staats sind, der fester und gewaltiger ist, als die euri­gen alle, wenn ihr ihnen auch noch das Bürgerrecht in euren Staaten gebt, eure übrigen Bürger völlig unter die Füße treten werden. [In einer FN fortfahrend:] Fern sei von diesen Blättern der Gifthauch der Intoleranz, wie er es von meinem Herzen ist! Derjenige Jude, der über die festen, man möchte sagen, unübersteiglichen Verschanzungen, die vor ihm lieg gen, zur allgemeinen Gerechtigkeits-, Menschen- und Wahrheitsliebe hindurchdringt, ist ein Held und ein Heiliger. Ich weiß nicht, ob es deren gab oder gibt. Ich will es glauben, so bald ich sie sehe .. Möchten doch immer die Juden nicht an Jesum Christum, möchten sie doch sogar an keinen Gott glauben, wenn sie nur nicht an zwei verschiedne Sittengesetze, und an einen menschenfeindlichen Gott glaubten. — Menschenrechte müssen sie haben, ob sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden. Zwinge keinen Juden wider seinen Willen, und leide nicht, daß es geschehe, wo du der nächste bist, der es hindern kann; das bist du ihm schlechterdings schuldig. Wenn du gestern gegessen hast, und hungerst wieder, und hast nur auf heute Brot, so gibs dem Juden, der neben dir hungert, wenn er gestern nicht gegessen hat, und du tust wohl daran. — Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken« (1793, S. 114f.; Hervorh. Y.B.).19[xx]

Offenkundig kann sich das neue humanistisch-universalistische Denken, selbst noch (auch) der heidenchristlichen Kirche und der weltlichen Gestalt des Christentums entsprungen, von der feindlichen Besetzung des Kollektivs der Juden nicht emanzipieren. Daß die allgemeinen Menschenrechte, wie Simon (1980) zeigt, ihren Ursprung den noachidischen Geboten (1. Buch Moses 9,4 ff.) verdanken, ist Fichte offenkundig eben so verwehrt zu erkennen wie manchem heute, daß jene Gebote zur Grundlage des späteren stoisch-christlichen Naturrechts und schließlich des internationalen Völkerrechts geworden sind (vgl. Simon, 1980, S. 33 ff.). Insbesondere polemisiert dieses sich humanistisch gerierende Denken Fichtes gegen das jüdische Gesetz (jenem »Staat im Staate«) —und damit gegen den eigenen Ursprung — und macht das kulturgeschichtliche Fortwirken der judenfeindlichen Tradition der institutionalisierten paulinischen Theologie deutlich. Die den Horror Fichtes auslösende Vorstellung eines »Staates im Staate« läßt wiederum an jene purifi­zierende Tendenz (»nur aus Gnade«, »rein moralisch«) denken, die das Fremde ausschließlich projektiv externalisiert zu ertragen vermag und daher in der Forderung nach einem sozialen und geistigen Tod münden muß. Übrigens wird später auch Hitler in Mein Kampf diese Rede von Antisemitismus als

den Juden als »Staat im Staate« aufnehmen. Und es ist auch Fichte, der in seinen Grundzüge(n) des gegenwärtigen Zeitalters aus dem Jahre 1804 den späteren »Ariern« den geistigen Boden bereitet, indem er nicht nur die »natürliche« Religion mit dem wahren Christentum des Johannes-Evangeliums identifiziert, sondern zugleich meint, im deutschen Volk das »Urvolk« erkannt zu haben (Poliakov, Bd. V, S. 204f.). Hier scheint also die Verbindung und die Kontinuität zwischen der Entwertung des jüdischen Gesetzes durch Paulus, dem Dogma der Kirche vom »fleischn gewordenen Wort Gottes« und der nationalsozialistischen Ideologie —vermittelt über die Aufklärung — durch die kulturgeschichtliche Verdrängung der Tradition des Judentums und der Aufrechterhaltung der Gegenbesetzung im judenfeindlichen Ressentiment offenkundig.20[xxi] Für Hegel (1770-1831) ist die Vorstellung eines geoffenbarten Gesetzes eine geistige und seelische Zumutung. So bemerkt Bloch in seinen Erläuterungen zu Hegels Religionsphilosophie: »Hier wirkt eine vom jungen Hegel her anhaltende, auch mystisch genährte Abneigung gegen die rab­binische Gesetzesreligion« (1971, S. 319). In Hegels Religionsphilosophie ist das christliche Dogma von der Gottwerdung eines Menschen in der Philosophie des absoluten Geistes weltlich gekleidet, gewissermaßen die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur säkular entwik­kelt (vgl. Hegel, 1832, S. 276ff.; 1837, S .241 ff., 388ff.). Von daher muß er sich in einem Gegensatz zur rabbinischen Tradition sehen, die von einner unaufkündbaren Beziehung und prinzipiellen Differenz zwischen Gott und Mensch, dem die Gesetze offenbart wurden, spricht und daran festhält, daß der radikale Monotheismus in einem Denksystem des menschlichen Geistes nicht vernünftig abgeleitet werden kann (vgl. Bloch, 1971, S. 319ff.). Hegel meint, es sei etwas Zufälliges, Unwesentliches an dieser jüdischen Religion, denn letztlich müsse alles »Gesetzte«, d. h. Vorausgesetzte und Angenommene durch den menschlichen Geist als Vernünftiges ausgewiesen werden. Daher folgert auch Hegel, wie schon Kant, daß das Verhältnis der Juden zu Gott ein sklavisches sei, da sie sich dem Gesetzten unterordnen.21[xxii]

Das Judentum scheint offenkundig jegliche Logik der rationalistischen Aufklärung und der deutschen idealistischen Philosophie in Frage zu stellen, sich dem Hegelschen System als Höhepunkt der deutschen Phi­losophie zu sperren und diesem eine Grenze zu setzen. Kant und Hegel sind sich also in der Kritik und im Verwerfen des Judentums einig, weil es einem Zusammenfallen von Gott bzw. Gesetz und Mensch wider­spricht und sich jeglicher Systematisierung — und dies heißt auch : Totali­sierung — der Beziehung zwischen Gesetz und Mensch verweigert22, vielmehr die Anerkennung einer vorausgesetzten Begrenztheit und Konflikthaftigkeit menschlichen Lebens fordert und an der Notwendig­keit festhält, sich dieser Bedingung menschlicher Existenz in einer Pra­xis der Erinnerung und unverzichtbaren beständigen Interpretation der kollektiven Überlieferung anzunähern.

Schopenhauer (1788-1860) vermag nur noch Verachtung gegenüber den Juden zu formulieren und folgert schließlich, daß die Juden durch Mischehen sich ihres Herkommens entledigen müßten. Er knüpft so­wohl an Kant wie auch an Hegel an: Mit Kant hält er am absoluten Prin­zip der Vernunft und insoweit an der Kritik eines geoffenbarten und dem menschlichen Verstand vorausgesetzten Gesetzes fest; mit Hegel verlangt er, die (persönliche) Beziehung zwischen Mensch und Gott auf deren Einheit zurückzuführen. Schopenhauer distanziert sich auf bemerkenswerte (moderne) Weise vom Christentum, das in seinen rationalen und »wahren« Inhalten dem Buddhismus und Brahmanismus entspreche (vgl. 1847/11., S. 136f.; 1859/11., S. 675, 702; 1860, S. 598) und dem Judentum, dem allein der Begriff des (Mono-)Theismus zukomme (vgl. 1847, S. 136; 1851/1., S. 129; 1851/11., S. 332 f.; 1859/1., S. 618), nur aufge­propft sei (vgl. 1851/11., S. 324 f., 333 f.). »Alles, was im Christenthum Wahres ist, findet sich auch im Brahmanismus und Buddhaismus. Aber die jüdische Ansicht von einem belebten Nichts, einem zeitlichen Machowerk, welches sich für eine ephemere Existenz, voll Jammer, Angst und Noth nicht demütig genug bedanken und den Jehova dafür preisen kann, — wird man im Hinduismus und Buddhaismus vergeblich suchen« (1851/11., S. 334f.). Schopenhauer favorisiert den Buddhismus bzw. dessen atheistische Vorstellungen — und für ihn sind Atheismus und Nichtjudentum geradezu identische Begriffe (vgl. 1847, S. 136) —weil sie weder eine Schöpfung aus dem Nichts noch den Tod als absolute Grenze menschlicher Existenz, die als traumartig begriffen wird (vgl. 1851/11., S. 332), noch die Schuldhaftigkeit des Menschen anerkennen. Daher sieht er sich gezwungen, gegen das Judentum zu polemisieren. Es sind also die Vorstellungen von der Nichtigkeit (der Bedeutung) der materiell-sozialen Welt, die Verleugnung des Todes und die Idee eines sich selbst hervorbringenden und reproduzierenden Individuums, die Schopenhauer — im Eingebundensein in die christlich dominierte Kulturgeschichte — zur Entwertung des jüdischen Gesetzes führen. Schopenhauers radikale Kritik am Christentum mündet daher darin, daß alle dessen dem Judentum entsprungenen Inhalte als absurd und empörend erscheinen (vgl. 1851/11., S. 327) — »wie Judenpech und foetor Judaicus« (1851/ II., S. 329; vgl. ebd., S. 353; 1860, S. 598, 605).23[xxiii]

Was Schopenhauer also begrifflich (und wohl auch affektiv) nicht zu integrieren bzw. in seiner Ambivalenz zu ertragen vermag — und hierin stellt er sich in die Tradition der paulinischen Theologie und der Aufklärung -, ist gerade die differentia specifica des Judentums: Anerkennung der menschlichen Konflikthaftigkeit in der irreduziblen und nicht aufkündbaren persönlichen Beziehung zum (absoluten) Anderen. Anders bzw. psychoanalytisch ausgedrückt: Schopenhauers Vorstellungen manifestieren eine diffamierende bzw. spaltende und feindselig besetzte pro­jektive Abwehr des der eigenen Existenz vorausgehenden Fremden; eine Abwehr, die dahin tendiert, den fremdartigen Anderen zu totalisieren und jegliche Unterschiede, Besonderheiten und Gegensätze — also Charakteri­stika jeglichen Lebens — einzuebnen. Es ist der Vater als Fremder, der die natürlich anmutende narzißtische Grandiosität — in der das Gesetz ver­leugnet wird, daß jeder Mensch gezeugt und geboren wurde und keines­wegs sich einer Schöpfung ex nihilo verdankt, daher auch prinzipiell mit Unzulänglichkeiten, Konflikten und Begrenztheiten ausgestattet ist —stört, triangulierende Verhältnisse abverlangt und den Anforderungen des Realitätsprinzips, der Vernunft und des Wortes Geltung zu verschaffen sucht. Es ist also wiederum der Stachel des (väterlichen) Gesetzes; der Ju­de bleibt der »ewige Fremde«. Die Religion des »parasitisch« lebenden »ewigen Juden« (1851/11., S. 238) sei »von Hause aus mit ihrem Staate ver­schmolzen und Eins« (ebd., S. 239);24[xxiv] diesem »Nationalcharakter« hänge der »bekannte Fehler« an, »worunter eine wundersame Abwesenheit al­les Dessen, was das Wort verecundia [= Scheu, Schamgefühl, Ehrfurcht; Y. B.] ausdrückt, der hervorstechendste« (ebd.) sei.25[xxv] M. a.W. : Den Ju­den fehle genau das, was den Menschen wesentlich kennzeichnet; sie sind sozusagen durch die Negation des Menschlichen definiert. Daher:

»Um … dem ganzen tragikomischen Unwesen ein Ende zu machen, ist gewiß das beste Mittel, daß man die Ehe zwischen Juden und Christen gestatte, ja, begünstige; wogegen die Kirche nichts einwenden kann, da es die Auktorität des Apostels selbst für sich hat (1. Cor. 7, 12-16). Dann wird es über 100 Jahre nur noch sehr wenige Juden geben, und bald darauf das Gespenst ganz gebannt, der Ahasverus begraben seyn. Jedoch wird dieses wün­schenswerthe Resultat vereitelt werden, wenn man die Emancipation der Juden soweit treibt, daß sie Staatsrechte, also Theilnahme an der Verwaltung und Regierung christlicher Länder erhalten. Denn alsdann werden sie erst recht con amore Juden seyn und bleiben. Daß sie mit andern gleiche bürgerliche Rechte genießen, heischt die Gerechtigkeit: aber ih­nen Antheil am Staat einzuräumen, ist absurd: sie sind und bleiben ein fremdes, orientali­sches Volk, müssen daher stets nur als ansässige Fremde gelten« (ebd., S. 240).26[xxvi]

Schließen wir diese Skizze ab. So sehr also die Philosophie der Aufklärung und des Deutschen Idealismus als eine fundamentale Kritik der christlichen Theologie angesehen werden kann und einen Bruch und Fortschritt im Denken der europäischen Kulturgeschichte anzeigt — angesichts der Kritik und Entwertung des jüdischen Gesetzes ist eine erstaunliche Kontinuität zwischen dem christlich dominierten Mittelalter und der Neuzeit zu registrieren. Mit der Aufklärung wird eine nochmalige, zweite kulturgeschichtliche Verdrängung des Judentums in Gang gesetzt, die eine weitere Schicht judenfeindlichen Denkens hervorbringt und ein weiteres Mal die Möglichkeiten eingrenzt, die Bedeutung des Judentums — und d. h. auch: die Abwehr und Gegenbesetzung in der Beziehung zu dessen Träger — für Zivilisation und Ethik des Abendlandes zu erkennen: Das rabbinische Judentum muß mit der Aufrichtung und Anerkennung des Gesetzes und der religionsgesetzlich gebotenen Tradition der Gesetzesauslegung (was die Notwendigkeit des Erinnerns eilig schließt) — anders: mit dem Festhalten an dem notwendigen Zusammenhang zwischen Partikularität und Universalität — sich zu jedem menschlichen oder institutionalisierten Anspruch, die Wahrheit zu besitzen, im Widerspruch befinden; es ist der lebendige Widerspruch zu jeglicher Heilslehre, die die Konflikthaftigkeit im Diesseits zu leugnen sucht. Demgegenüber bedarf ein Denken, das die messianische Erlösung als bereits eingetreten voraussetzt, sich selbst gewissermaßen als krönender Abschluß der menschlichen Geschichte (als »rein moralisch« oder in Identität mit dem absoluten Geist) reflektiert oder sich einem fraglosen Zugriff auf die Wahrheit sicher weiß — ein solches Denken bedarf weder der Erinnerung noch eines Gesetzes. Vielmehr leistet es einer Zerstörung jeglicher Kultur und Ethik Vorschub. Das Verwerfen des unauflöslichen Verhältnisses von Gesetz und Tradition und der darin eingeschlossenen Notwendigkeit, jenes Verhältnis interpretierend sich anzueignen, verdrängt diesen einen Ursprung abendländischer Zivilisation und ihrer universellen Ethik. Denn wie sehr auch das Christentum sich zu seinen jüdischen Quellen bekennen mag, das rabbinische Judentum erscheint in der europäischen Geschichte und im abendländischen Denken im wesentlichen in seiner antijudaistischen und antisemitischen Gestalt. Daher kann die jüdische Tradition auch nicht als eine Antwort auf die nach wie vor brennende Frage erkannt werden, wie sich eine universelle Ethik mit besonderen Traditionen verträgt und beständig erneuern kann (vgl. in diesem Zusammenhang z .B . Freud, 1939a, S .219ff., 233 ff.).

Es ist also wichtig zu verstehen, daß die Tradition der Aufklärung, auf

die wir uns bis heute immer wieder berufen, notwendigerweise mit der Hypothek eines judenfeindlichen Ressentiments behaftet ist, auch wenn sich dieses Ressentiment nicht immer manifestieren muß. Dies meinten Horkheimer und Adorno, als sie in ihrer Dialektik der Aufklärung vermerkten: »Religion ward als Kulturgut eingegliedert, nicht aufgehoben« (S. 185; Hervorh. Y.B.). So evident es ist, daß Christentum und Aufklärung nicht auf die ihnen inhärente judenfeindliche Tendenz zu reduzieren sind, so haben sie zugleich ein Denken hervorgebracht, das sich dem Judentum gegenüber prinzipiell in einen Gegensatz stellen muß und sich dergestalt erweist, wenn es eben blind dieser Tradition folgt, die Erinnerrung an die eigene kollektive Geschichte zu verdrängen und sich aus sich selbst heraus zu legitimieren sucht. Darin, so scheint mir, liegt eine tiefe Selbstentwertung verborgen, die zur Entwertung des Anderen tendieren muß. Diese Entwertung und Verleugnung des eigenen Herkommens widerspricht zentral dem jüdischen Denken, das sich immer wieder über das Erinnern zentriert und erneuert. Daher sollte diese Tradition im Zivilisationsbruch durch die Shoa — die dritte kulturgeschichtliche Verdrängung — vernichtet und aus dem kollektiven kulturellen Gedächtnis gelöscht werden. Hierzu dient oder pointierter: das ist Antisemitismus, der — in der Wiederkehr des Verdrängten — immer wieder jene verdrängende Tradition anzeigt, die sich gegen jede Erinnerung richtet und Geschichte auszulöschen sucht. Erinnern ist das Zentrum einer Kultur. So gesehen heißt Schreiben unserer (Kultur-)Geschichte, die ohne Christentum und Aufklärung nicht zu denken ist, (auch) Durcharbeiten und Erinnern des Antisemitismus. In dieser Perspektive muß sich der nationalsozialistische Bruch der Zivilisation in einem tiefen Mangel der kulturellen Erinnerung empfindlich bemerkbar machen.

 

  1. Was heißt das: »erinnern« ?————

 

Nach den bisherigen Überlegungen kann also gesagt werden: Es ist die Wahrnehmung bzw. Nicht-Wahrnehmung des Problems des Antisemitismus und dessen Tradition, an der die Schwierigkeit oder Unfähigkeit sich reflektiert, 1. sich zu erinnern, 2. die Abwehr des In-Beziehung-Tre­tens zu den ausgeschlossenen und verfolgten Juden bzw. jüdischen Psychoanalytiker durchzuarbeiten und 3. die eigene Geschichte des psychoanalytischen Kollektivs zu schreiben.

Verfolgt man die Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum zur Auseinandersetzung um die Geschichte der Psychoanalyse in den Jahren des Nationalsozialismus und deren Folgen, so werden die Bücher von Regine Lockot immer wieder zitiert, und es scheint, als ob sie mittlerweile Basis und Ausgangspunkt weiterer Diskussionen markierten. Lockots 1985 veröffentlichtes Buch Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus27[xxvii] ist mei­nes Wissens eine der ersten umfassenden dokumentarischen Darstellun­gen einer Psychoanalytikerin in Deutschland, die sich mit der Geschich­te der Psychoanalyse während des Nationalsozialismus beschäftigt. Zu­sammen mit ihrem 1994 erschienenen Buch Die Reinigung der Psycho­analyse. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft im Spiegel von Dokumenten und Zeitzeugen (1933-1951) eröffnet sie ein schier uner­schöpfliches und für die zukünftige Diskussion unverzichtbares Reser­voir von Quellen und Dokumenten. Gerade wegen der Anerkennung dieser fundamentalen Forschungsleistung Lockots, ihres Sichtens, Ord­nens und der Zusammenstellung dieser »ungeheuren« Materialsamm­lung macht sich die im Folgenden diskutierte grundsätzliche Problematik empfindlich bemerkbar. Bei einer ersten Lektüre ihres ersten Buches sind es gerade die Dokumente, die sich zunächst als unumstößliche Ge­wißheiten, sozusagen als unbestechliche Zeugen jener Jahre 1933-1945 anbieten. Mit einer erneuten und vertiefenden Lektüre entsteht aller­dings die Frage, ob die Darstellung tatsächlich in ihrem dokumentari­schen Charakter Zeugnis abzulegen vermag.28[xxviii] Können Dokumente für sich tatsächlich Zeugen sein? Dichtet nicht vielmehr der Leser den Do­kumenten ihren Charakter als Zeugen an? Beabsichtigt Lockot überhaupt, Zeugnis abzulegen? In ihrem 1994 veröffentlichten Buch will sie, konsequenter noch als in dem 1985 erschienenen, die Dokumente spre­chen lassen (1994, S. 11 f., 20). Gleichsam zu »Menschen« geworden, läßt Lockot die Dokumente »schreiben«, »das Material für sich selbst spre­chen«, wie sie es ausdrückt (1985, S. 36). Selbst noch ihren Namen hat Lockot nicht geschrieben: »Auf dem Umschlag des Buches steht mein Name, aber ich habe es nicht geschrieben. >Geschrieben< wurden die Texte … von Zeitzeugen für Zeitgenossen. Ich habe diese Form gewählt, weil ich sie für besonders authentisch halte« (1994, S. 11; Hervorh. Y. B.). Und genau an dieser Frage der Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der Darstellung — immerhin geht es ihr nicht um eine Archivierung, sondern um ein »Erinnern und Durcharbeiten« — eröffnet sich das grundsätzliche Problem. Lockots Darstellung tritt in einer — wie James E. Young (1992, S. 110 ff.) es sehr treffend dechiffriert hat — »Rhetorik des Faktischen« auf, die im Leser den Eindruck entstehen läßt, die Darstellung sei keine Konstruktion. Es gehört schon tatsächlich eine immense Anstrengung dazu, bei der Lektüre nicht zu vergessen, daß auch die (immer einen sinngebenden historischen Zusammenhang unterstellende) Geschichts­betrachtung vermittels Dokumenten eine Erzählung der Dokumentali­stin darstellt, die etwas mit Erinnerung, Tradition und Interpretation der Autorin zu tun hat.

 

3.1 Die Institutionalisierung des Antisemitismus und die Aufrichtung des Dog­mas

 

Eine der wenigen überhaupt explizit geäußerten Thesen in der Veröf­fentlichung Lockots aus dem Jahre 1985 findet sich in der Einleitung: »Die Entwicklung der Psychoanalyse in Deutschland ist, durch die poli­tischen Einflüsse forciert, in eine Entwicklung hineingedrängt worden, die sich, wahrscheinlich in einem größeren Zeitabschnitt, auch ohne den Nationalsozialismus in ähnlicher Weise vollzogen hätte« (S. 8).29[xxix] Merk­würdig: Die Liquidation der Psychoanalyse durch die Nationalsoziali­sten, die im Ausschluß der Juden aus der DPG und in deren Vertreibung und Ermordung kulminierte, soll keineswegs konstitutiv für die Ent­wicklung der Psychoanalyse bis heute gewesen sein. Hat die Entwick­lung der Psychoanalyse bis heute wirklich nichts mit dem Schicksal der Psychoanalyse und dem der jüdischen Analytiker während des Natio­nalsozialismus zu tun? Stünden wir auch ohne deren Vertreibung heute vor dem gleichen Resultat ? Wie belegt Lockot diese These ?«Die Juden-Vertreibung und -Vernichtung war sicher ein Geschehen, das die Ge­schichte der Psychotherapie und der Psychoanalyse nicht unbeeinflußt gelassen hat — aber haben die Juden tatsächlich alles >mitgenommen< ?« (S. 8).30[xxx] Lockot vermutet, daß in der Zeit des Nationalsozialismus sich ein »komprimierter Prozeß der >sozialen Amnesie<« (ebd.) vollzogen habe, der erkennbar sei an »einer Kette von Konzessionen, die die Psychoana­lytiker machten, weil jede Konzession einen kleinen Gewinn versprach; die Konzessionen wurden nicht ohne Nutzen gemacht« (ebd.). Schauen wir uns also diese von Lockot aufgezählten »gewinnverspre­chenden« Zugeständnisse an : 1. Die psychoanalytische Terminologie wird aufgegeben; 2. der jüdische Vorstand der DPG muß zurücktreten; 3. den jüdischen Psychoanalytikern wird nahegelegt, ihre Mitgliedschaft niederzulegen; 4. das von Eitingon materiell geförderte Berliner Psy­choanalytische Institut wird vom Deutschen Institut »geschluckt«; 5. die Autonomie der psychoanalytischen Gruppe geht verloren; 6. die DPG muß aus der IPV austreten; 7. die psychoanalytische Theorie darf nicht mehr diskutiert werden.31[xxxi] Abgesehen davon, daß aus diesen Zuge­ständnissen auch gefolgert werden könnte, daß es gerade der National­sozialismus war, der das heutige Schicksal der Psychoanalyse in Deutschland entscheidend geprägt hat32[xxxii], wird an diesen »Konzessio­nen« etwas deutlich, was Lockot nicht erkennt, zumindest aber nicht weiter analysiert: Der psychoanalytische Diskurs unterliegt einem Ver­bot, einen jüdischen Vorsitz darf es mit dem Ausschluß der jüdischen Mitglieder auch nicht geben, das Berliner Institut wird von einem Deut­schen Institut quasi »arisiert« und die internationalen Verbindungen ge­kappt. Anders ausgedrückt: Ausschluß der Juden, Herstellen einer sich als deutsch verstehenden homogenen Gemeinschaft, Abbruch interna­tionaler, d. h. auch Abbruch kultureller Beziehungen, in denen Fremden begegnet wird, und Diskussionsverbot. Zugespitzt: Der Ausschluß der Juden aus der Psychoanalyse ist gleichbedeutend mit dem Ausschluß des Fremden und dem Einführen und Etablieren des Dogmas. Kurz: Der Antisemitismus wird (»gewinnversprechend« ?) institutionalisiert.33[xxxiii]

Ein bemerkenswertes Ergebnis : Lockots Geschichtsbetrachtung der Entwicklung der Psychoanalyse in der Jahren 1933-1945 kann im wesentlichen auch als die Institutionalisierung des Antisemitismus gelesen werden. So gesehen wird also schon in ihrer Einleitung deutlich, daß wir es auch mit der Erinnerung und dem Durcharbeiten des Antisemitismus zu tun haben, der sich in der feindlichen Besetzung und im Ausschluß der jüdischen Psychoanalytiker manifestierte — was aber mit keinem Wort erwähnt, analysiert oder interpretiert wird. Wie ist es zu verstehen, daß eine Analyse der Geschichte der — von einem Juden begründeten und im wesentlichen von jüdischen Mitstreitern getragenen — Psycho­analyse während der Zeit des Nationalsozialismus, zu dessen essentiel­lem Kern das judenfeindliche Ressentiment gehört, gerade diesen zen­tralen Kern übersieht? Welchen Sinn hätte es sonst, von »gewinnverspre­chenden Konzessionen« der deutschen Psychoanalytiker an die natio­nalsozialistische Bürokratie zu sprechen, da diese es doch gerade auf die Diskriminierung und Verfolgung »des Juden« abgesehen hatte?

Nun ist es gewiß keine Frage, daß Lockot um den Antisemitismus weiß. Aber es scheint ganz so, als sei es ihre Darstellung vermittels der Doku­mente, ihre »Rhetorik des Faktischen«, die ihr den Blick auf den Antise­mitismus als Gegenbesetzung versperrt, ihn ausgrenzt und die Einsicht —wider besseres Wissen — verdrängt, daß (ihre) Geschichtsbetrachtung, Erinnerung und Gedächtnis sich aus Traditionen speisen und diese Tra­ditionen sich ihrerseits aus dem kollektiven Gedächtnis heraus konstitu­ieren und daher als Interpretationen und Deutungsmuster den Diskurs bestreiten. Lockots »Abstinenz«, was Interpretation anbelangt, und ihre Trennung von vermeintlicher Faktizität und Konstruktion, von Doku­ment und Interpretation ist notwendig — aber unausgesprochen — selbst Konstruktion. Es muß der Eindruck entstehen, daß hier unbewußt eine Ideologie sich artikuliert, die den Leser glauben machen will, daß es kei­ne andere Sicht der Dinge geben kann, weil sie als »authentische« und »unbezweifelbare Wirklichkeit« daherkommt. Wir müssen also die un­ausgesprochenen und verschwiegenen Bestandteile jener »Rhetorik des Faktischen« (interpretierend) analysieren, damit deutlich werden kann, daß das scheinbare Fehlen eines Kommentars selbst schon Kommentar ist; daß also die Form der Darstellung keineswegs unabhängig vom In­halt ist. Lockots Rhetorik stellt selbst schon eine kaum noch wahrzu­nehmende Interpretation des Gangs der Ereignisse dar — und damit eine spezifische (Nicht-)Beziehung zum »Fehlenden« und »Ausgeschlosse­nen«, sprich: zum »Juden«. Dies auszusprechen könnte die Dechiffrie­rung und Aufdeckung jener »komprimierten >sozialen Amnesie<« (S.8) im Prozeß eines »Erinnerns und Durcharbeitens« einleiten. Die als »spre­chende Dokumente« angekündigten sogenannten »authentische(n) Zeitzeugen« (Lockot, 1994, S. 11), die als zuverlässige und glaubwürdige Zeugen uns verbürgt werden, müssen aber gerade dadurch ihre Glaubwürdigkeit verlieren, weil sie nicht in persönlicher Zeugenschaft — und d. h. in erinnerter und interpretierter Weise — auftreten (sollen). Ich glaube, daß die Frage nach der Bedeutung dessen, was bezeugt werden soll, eines persönlichen Zeugen bedarf; eines persönlichen Berichts, dessen Herkommen, Tradition und Interesse beurteilt werden kann. Das grundsätzliche Problem steckt also in jener »Rhetorik des Faktischen«, in der behauptet wird, Dokumente könnten sprechen und die Tatsachen seien klar.

Nun ist an der grundsätzlichen Notwendigkeit, Fakten bzw. Dokumenn te zur Kenntnis zu nehmen, um über das vergangene Geschehen des N all tionalsozialismus sich ein Urteil zu bilden und Zeugnis abzulegen, in keiner Weise zu zweifeln. Tatsächlich aber erscheinen die Fakten, wenn überhaupt, nur dann als Zeugen, wenn sie erinnert und durchgearbeitet, d. h. interpretiert werden. Dann aber erscheint das, was auch als durchn zuarbeiten und zu erinnern sich (für mich) aufdrängt: das Problem des Antisemitismus; in einer weitergehenden Phantasie vielleicht sogar — im Ausschluß der jüdischen Analytiker — als eine regressive Wiederkehr der Menschenopferung, um einen Abgott zu besänftigen oder einer »Sache« wegen. Insofern könnten wir auch in einem weitaus tieferen Sinne, als Lockot es anspricht, von »Konzessionen« sprechen: Es geht hier keineswegs um einen Gegensatz zwischen der nationalsozialistischen Bürokratie und den ihnen gegenüberstehenden deutschen Psychoanalytikern. Nun erscheint der Begriff der »Konzession« als das, was er auch meint: als eine zugrundeliegende Interessenidentität oder doch als das Vorhandensein von zumindest nicht in Konflikt stehenden Interessen.34[xxxiv] Die »Selbstgleichschaltung« (S. 312) durch den den jüdischen Analytikern abgenötigten Austritt ist sozusagen Ausdruck der kollektiven Einstellung gegenüber dem »Juden«; im Akt der Diskriminierung und Verfolgung schalten sich die Verfolger gleich, regredieren zu einer Einheit, zu einem »Volkskörper«, der qua Institutionalisierung eine Reinheit und Zugehörigkeit dogmatisch und als unbezweifelbar festlegt. Die psy­chischen und sozialen Bedingungen für die Diskriminierung und Verfol­gung waren auch von jeher vorhanden: Die judenfeindliche Tradition, die die innere Ambivalenz dem »Juden« als Fremden par excellence ge­genüber als unerträglich erscheinen läßt, immer wieder zur inneren Spaltung führt und externalisiert wird.

Damit sind wir bei einer der für mich zentralen Fragen, die auch von Martin Wangh (1996) aufgeworfen wurde: »Was bewog Boehm und Müller-Braunschweig und die anderen arischen Mitglieder der DPG dazu, dem Druck des Naziregimes nachzugeben ?« (S. 109) Und er for­muliert es sehr klar: »Soviel ich weiß, hat es niemals so etwas gegeben wie eine Selbstprüfung der führenden Personen der deutschen Psycho­analyse hinsichtlich ihres Nationalismus, ihrer Unterwerfungsbereit­schaft, der raschen Aufgabe ihrer Bindung an ihre jüdischen Lehrer und Kollegen. Statt Selbstanalyse gab es nur die opportunistische Anpas­sung an den Zeitgeist jener Tage …Auch an ihre jüdischen Lehrer und Vorgänger, an Freud, Abraham und Eitingon, konnten sie sich nicht er­innern, sowenig wie sie es vermochten, sich die Stärke dieser Bindungen und ihre Abhängigkeit davon einzugestehen« (ebd., S. 109 f.). Was ließ also die deutschen Psychoanalytiker »nolens volens zu Nationalsoziali­sten werden« (ebd., 5.117) ? Wangh benennt auch das, was herausgefun­den werden muß : »welche Erniedrigung ihre Abhängigkeit (d. h. der deutschen Psychoanalytiker; Y. B.) von Freud — von dem sie erwarteten, daß er ihren Verrat an den jüdischen Kollegen und an dem essentiellen Individualismus der Psychoanalyse billige — und ihre armselige Unter­werfung unter den Führer Adolf Hitler und seine Paladine bedeuteten« (ebd., S. 118).

Bedeutet dies nicht — und dies scheint mir die zentrale Frage zu sein —, daß jene oft beklagte chronische »Unfähigkeit zu trauern« eine Unfähig­keit markiert, sich zu erinnern ? Also nicht nur ein Erinnern und Durch­arbeiten der nationalsozialistischen Identifizierungen und Ideale ein­schließen muß, sondern notwendigerweise zugleich auch ein Erinnern und Durcharbeiten der über die Jahrhunderte tradierten chronischen antisemitischen Ressentiments ? Könnte nicht erst dann jene Trauerar­beit begonnen werden, wenn gefragt werden würde: Welchen Verlust be­trauern wir eigentlich mit der Vertreibung und Vernichtung jüdischer Psychoanalytiker? Was bedeutet mir dieser Verlust an jüdischen Men­schen ? (Mehr Platz an der Sonne für nichtjüdische Menschen. Anm. JSB)

 

3.2 Der Vater-Mord

 

Die Schwierigkeiten zu trauern zeigen sich auch im folgenden Beispiel. Lockot zitiert aus einem an sie gerichteten Brief Anna Freuds, in dem es um die Begegnung Freuds mit Boehm im Januar 1938 geht: »Es stimmt auch, daß ich ein Gespräch mit Dr. Boehm bei seinem Aufenthalt in Wien gehabt habe, in dem er mir auseinandergesetzt hat, daß man die jüdischen Mitglieder zum Austritt aus der Vereinigung auffordern muß, was ich schlecht aufgenommen habe. Ich habe ihn gefragt, ob er denn bereit wäre, auch meinen Vater zum Austritt zu veranlassen, was er bejahend beantwortet hat. Ich könnte noch hinzusetzen, daß mein Vater nichts tun wollte, um es den Berlinern schwerer zu machen, aber einverstanden waren wir mit deren Handlungsweise natürlich nicht« (S. 117). Dieses bemerkenswerte persönliche Dokument ist für Lockot kein Anlaß, in der Dokumentation innezuhalten, um sich die tiefere Bedeutung dieser von A. Freud bezeugten Antwort Boehms zu vergegenwärtigen. Ihre offenkundige »Abstinenz« an Interpretation oder Deutung markiert jene Schwierigkeit, mit den ausgeschlossenen Juden in eine (innere) Beziehung zu treten.35[xxxv] Boehm — und wir können seine Antwort als die Stimme des deutschen psychoanalytischen Kollektivs nach dem Ausschluß der jüdischen Kollegen, also sozusagen in Folge eines Geschwistermordes, verstehen — hat nicht mehr und nicht weniger als den Vater-Mord bewußt befürwortend ausgesprochen; die feindselige Besetzung und Zerstörung der väterlichen Repräsentanz als den Kern antisemitischen Denkens. Boehms Antwort meint, den Vater aus der Gemeinschaft auszuschließen, die er begründet hat; sie bedeutet, die Tradition des väterlichen Gesetzes abzuschneiden und die eigene persönliche Ge­schichte zu verleugnen.36[xxxvi] Damit aber ist die Zerstörung des Über-Ich und einer universellen Ethik eingeleitet, die von Schuldfähigkeit und Verantwortung spricht. Hier erscheint der Vatermord gewissermaßen als eine Antizipation jenes realen Bruchs der Zivilisation.37[xxxvii]

So wird an dieser Stelle nochmals deutlich, daß es im Schreiben der Ge­schichte der Psychoanalyse schließlich um das eigene psychoanalytische Denken, dessen Herkunft und Tradition wie um das Verfahren selbst geht. Dies wird zwar von Lockot auch gesehen, aber es hat keine Konse­quenzen für ihre Darstellung; es bleibt offenkundig allein intellektuell konzediert. Die umfassende Abwehr der Beschäftigung mit dem antise­mitischen Ressentiment in ihrer Geschichtsbetrachtung ist sozusagen die Kehrseite der Medaille; die programmatische — aber letztlich unmög­liche — Trennung der Dokumente von deren Interpretation und Kom­mentar die Vorderseite. Es zeigt sich erneut, daß mit der »Institutionali­sierung des Antisemitismus« zugleich das Dogma aufgerichtet wird. So ist es auch nur konsequent, daß die Nichtbeschäftigung mit dem Antise­mitismus — dort, wo er im Zentrum steht — die Tendenz hervorbringt, »wahre Tatsachen« von Interpretation vermeintlich scheiden zu können. Hier begegnet uns erneut jene kulturgeschichtliche Tradition, die im »Ausschluß der Repräsentanz des Juden« die eigene Tradition ver­schweigt und sich selbst als »authentisch« ausgibt.

 

3.3 Der »Befehlsnotstand«

 

Dieser Zusammenhang von Abwehr des Antisemitismus und der Be­hauptung einer von allen Schlacken subjektiver Konflikthaftigkeit gerei­nigten »objektiven« Wahrheit wird an Lockots Behandlung jenes vieldiskutierten Memorandums von Boehm und Müller-Braunschweig aus dem Jahre 1933 noch einmal deutlich.38[xxxviii]

Schon vier Monate nach der Bücherverbrennung im Mai 1933 treten Boehm und Müller-Braunschweig im September 1933 mit einem Memo­randum an die Fachöffentlichkeit, das — nach Lockot — »fast identisch (ist) mit dem im >Reichswart< (August 1933) publizierten Artikel Müller-Braunschweigs, >Psychoanalyse und Weltanschauung<« (S. 343 f.).39[xxxix] Be­trachten wir eine Passage aus diesem von Lockot referierten Artikel et­was genauer und schauen dann, wie sie mit diesem doch bedeutsamen Dokument umgeht:

»Die Psychoanalyse will als Wissenschaft wie als Therapie die unbewuß­ten Anteile der Persönlichkeit, die den neurotisch kranken Menschen in der Betätigung eines ungebrochenen, aufbauenden, schöpferischen Wol­lens und Schaffens einengen und behindern, seiner bewußten Verfügung und Verantwortung wieder zuführen. Dadurch wirkt sie nicht auflö­send, sondern erlösend, befreiend und aufbauend« (S. 142; Hervorh. Y. B.). Wir haben es hier mit der Phantasie eines regressiv mystifizierten menschlichen Anfangszustandes zu tun, der noch »ungebrochen« scheint, konfliktfrei und ungestört von fremden Einflüssen und dessen Herstellung oder Herbeiführung zu einer »Erlösung« und »Befreiung« führt, das »wahre Heil« verspricht. Jenes »ungebrochene, aufbauende, schöpferische Wollen und Schaffen« scheint unberührt und abgekapselt von jeder menschlichen Entwicklung zu existieren, die ihrerseits, da konflikthaft, als neurotisch und krank diffamiert und dergestalt offenkundig als eine tiefe Kränkung und Entwertung abgewehrt wird. So gesehen wird gerade die konfliktreiche Entwicklung und deren Fortschritt durch adäquatere Konfliktlösungen denunziert und gegen den Mythos einer Befreiung oder Beseitigung von Konflikten ausgespielt. (Es sei hier an die Wendung des Paulus gegen das Gesetz erinnert).

Schauen wir weiter: »Es ist zugegeben, daß sie (d. h. die Psychoanalyse; Y. B.) ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt« (ebd.; Hervorh. Y.B.). Was heißt hier »zugegeben«? Wer erhebt hier einen Vorwurf? Wie lautet die Anschuldigung? Bemerkenswert: Boehm und Müller-Braunschweig »geben zu«, daß die Psychoanalyse »ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes« ist. Wer anders als die jüdischen Psychoanalytiker können hier gemeint sein, die mit dem »gefährlichen Instrument« der Psychoanalyse als einer »auflösenden«, sprich: »zersetzenden, destruktiven jüdischen Wissenschaft« den »arischen Geist zersetzen« und bedrohen? In der Sprache der Bü­cherverbrenner hieß es: »Gegen seelenzersetzende Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud«. »Für den Adel der menschlichen Seele« — die Fiktion eines Urzustandes, in dem die menschliche Seele einen reinen adeligen Zustand besitzt, wird gleichsam in eine erlösende und befreiende Zukunft projiziert und erscheint damit quasi zeitlos mythisch (vgl. Juelich, 1995). Aber erinnern wir uns: Der Bücherverbrennung im Mai 1933 gingen öffentliche Verbrennungen der Talmudtraktate im 7., 13., 16. und 18. Jahrhundert voraus (vgl. Hilberg, 1961, S. 13f.; Schoeps, 1992, S .446), in der das institutionalisierte Christentum ebenfalls den Versuch unternahm, jegliche Zweifel und Ambivalenz zu beseitigen, um das Dogma der Kirche, allein die Wahrheit verkünden zu können, rein zu erhalten.40[xl] Vergessen wir auch nicht Kants Rede von notwendiger »Euthanasie des Judentums«, damit die Religion »rein moralisch« werden könne.

Lockot macht auch hier keine Anstalten, diese im Memorandum deutscher Psychoanalytiker deutlich zum Ausdruck kommende regressive Phantasie einer judenfeindlichen politischen Religion zu analysieren; einer politischen Religion, die sich fluchtpunktartig in einem Mythos verliert und gerade nicht die eigenen (real-)historischen Wurzeln zum Be­zugspunkt einer Identität macht. Sie bemerkt hierzu: »Dieses Memo­randum bezeugt, wie sehr die Psychoanalytiker darum bemüht waren, um jeden Preis ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu sichern« (S. 143). Im Kern stellt dieser Kommentar jene oft gehörte Exkulpierung durch »Befehlsnotstand« dar. Anstatt die Sätze zu analysieren — was sie zu einer (psychoanalytischen) Zeugin werden ließe, die die Vergangen­heit dadurch anerkennt, daß sie sie in der Gegenwart bewußt interpre­tiert und vergegenwärtigt — und sich dergestalt den nationalsozialisti­schen Identifizierungen und antisemitischen Ressentiments anzunähern und sie durchzuarbeiten, bleibt sie bei den bewußten Vorstellungen stehen und fragt nicht, was es den deutschen Psychoanalytikern so leicht gemacht hat, schon sieben Monate nach der »Machtverleihung« (an Hit­ler) im Januar 1933 sich fast bruchlos anzupassen.41[xli] Lockot fragt in ihrem Versuch, die Geschichte der Psychoanalyse während des National­sozialismus zu erinnern und durchzuarbeiten, nicht nach der Psychody­namik, die eine Anpassung an die äußeren Verhältnisse ja erst ermög­licht. So als ob entschuldigend eingewendet würde: »Ich will hier nicht werten und meine persönliche Meinung wiedergeben, sondern nur die Tatsachen auf den Tisch legen.« In gewisser Weise und entgegen dem Ti­tel ihres Buches »wiederholt« sie — »Ich habe nur meine Pflicht als Do­kumentalistin zu erfüllen und mich jeder persönlichen Stellungnahme zu enthalten« —, anstatt sich zu »erinnern« und »durchzuarbeiten«.42[xlii] Wenn hier ganz gehorsam nach dem Prinzip verfahren wird: Jede per­sönliche Kommentierung muß die Wah