Das eigene Weltbild als absolute Wahrheit verkaufen zu wollen, ist ein Merkmal des Totalitären. Eines der wesentlichen Prinzipien in der Demokratie ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen.

Von Dirk Maxeiner. Unter dem Label  „Constructive Journalism“ soll endlich wieder das Positive in die Welt kommen. Das ist sehr wünschenswert, allerdings nicht Aufgabe des Journalismus. Der soll berichten, was ist, und den Mächtigen auf die Finger schauen. Hasso Mansfeld hat auf diese schlichte Selbstverständlichkeit hingewiesen mit so wunderschönen Sätzen wie diesem: „Eines der wesentlichen Prinzipien in der Demokratie ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen.“ Jetzt kriegt er von denjenigen mächtig Haue, die ihr eigenes Weltbild als das absolut Positive festschreiben wollen. Wie sagte einmal der langjährige ZDF-Intendant Dieter Stolte. „Ich fürchte Weltverbesserer.“

Ein Gast-Kommentar von Hasso Mansfeld

Der Autor erlebt es relativ selten, dass ihn Reaktionen der Leser auf einen Kommentar bis in die eigenen E-Mails verfolgen. Dass ihm Meinungen zu seinem Meinungsbeitrag in persönlichen Mails kundgetan werden. Das ist schon deshalb merkwürdig, weil es in Furor und Intensität an einen Glaubenskampf erinnert. Mein Thema war Konstruktiver Journalismus (KJ). Die Reaktionen nun sprechen für die These, dass dieser KJ eine eigene spezielle Agenda hat, die über das Journalistische hinauszugehen scheint.

Nun  garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes die Freiheit der Berichterstattung. So soll gewährleistet sein, dass demokratisch legitimierten Mächtigen auf Zeit, dauerhaft auf die Finger geschaut wird. Nicht umsonst gilt die Presse als vierte Gewalt, der eine Kontrollfunktion zugestanden wird. Das muss dann zwar nicht in jedem Falle zu einem Dissens führen, aber diesem kommt in solchen Debatten eine wichtige Rolle zu: Dissens ist in der Demokratie viel wichtiger als Konsens. Eines der wesentlichen Prinzipien in der Demokratie ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen. Ausgesprochenes Misstrauen durch die Instrumente zur Kontrolle derselben. Die Presse findet schon deshalb ihren besonderen Niederschlag im Grundgesetz, weil sie Macht kritisch beschaut.

Wenn man nun meint, Journalismus müsse „konstruktiver“ werden, dann ist das ein Ausfallschritt weg vom Artikel 5 hin zu Artikel 21 des Grundgesetzes. Der nämlich besagt, dass die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken haben.

Aber was ist das nun, wenn Journalismus mit einem bestimmen „positiven“ Weltbild daherkommt?  Was „positiv“ ist liegt doch einzig im Auge des Betrachters, ist also relativ. Ansonsten würde doch jede Definition des Positiven eine absolute Vorstellung von Wahrheit benötigen. Diese aber gibt es nicht. Wenn beispielsweise die Steuern erhöht werden sollen, dann mag das für die Partei Die Linke und für Martin Schulz eine gute Nachricht sein, in der Wahrnehmung von Konservativen und Unternehmern ist sie sicher eine negative.

Diese Debatte ist übrigens nicht einmal neu. „Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche.“, befand einst Ernst Jünger. Und Kurt Tucholsky zitiert einen Husaren, der gerade einen gegnerischen Offizier getötet hat: „Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, und welch schöne Sache ist doch der Krieg!“

Konstruktiver Journalismus würde nun wahrscheinlich alles tun, Kriege zu vermeiden und man könnte annehmen, es gäbe einen allgemeinen Konsens darüber, das Krieg von allen Menschen als etwas Schlechtes empfunden wird. Dafür allerdings werden auch aktuell noch zu viele „heilige Kriege“ geführt, Kriege um Ideologien, Religionen, absolute Wahrheiten und nicht zuletzt um Rohstoffe. Also für einige offensichtlich lohnenswert scheinende Kriege, die eine Umverteilung vornehmen oder sonst wie in höherem heiligem Auftrage die Welt retten wollen.

Aber zurück auf die Erde. Die prominentesten deutschen Wegbereiter des Konstruktiven Journalismus wollen die Gründer von “Perspective Daily“ sein. Eine der Gründerin, Maren Urner, erklärte unverblümt gegenüber der taz: „Wir möchten einen Journalismus machen, der ein realistisches Weltbild vermittelt. So negativ, wie die Medien häufig berichten, lässt es viele Leser apathisch zurück. Wir hingegen wollen unsere Leser ermutigen, ihnen zeigen, dass sie etwas tun können.“

Ist das nicht furchtbar? Selbstverständlich darf man ein eigenes Weltbild haben. „Realistisches“ Weltbild hört sich in meinem Ohren dann aber schon wieder stark nach Verabsolutierung einer Perspektive an. Es bleibt aber Merkmal des Totalitären, sein Weltbild als absolute Wahrheit verkaufen zu wollen.

Journalismus hat eine dienende Funktion innerhalb unserer Demokratie. Er hat die Aufgabe, so definiert es auch der DJV „Sachverhalte oder Vorgänge öffentlich zu machen, deren Kenntnis für die Gesellschaft von allgemeiner, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung ist“. Ob das daraus endstehende Informationsangebot „positiv“ oder dazu geeignet ist, Teile der Bevölkerung zu verunsichern, darf für den Journalismus keine Rolle spielen.

Über den Autor:
Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de.

Islam ist Faschismus

Hamed Abdel-Samad ist trotz seiner schonungslosen Kritik am Islam seit Jahren in den Medien präsent. Zu Beginn auch in den Mainstream-Medien – in Talkshows in Deutschland und Österreich, zum Zweier-Gespräch bei Frank A. Meyer und Peter Voß. Inzwischen ist er jedoch aus diesen Formaten fast gänzlich verschwunden, wurde  nicht selten von Universitäten und anderen Institutionen wieder ausgeladen und steht unter ständigem Polizeischutz. Das Schicksal eines, der Klartext spricht.

Die Botschaften des Koran

Sein Deutsch ist heute perfekt, seine Sprache differenziert und überzeugend. Erst vor wenigen Tagen hat ihm NZZ-Standpunkte erfreulicherweise eine Plattform geboten. Das Gespräch mit Chefredakteur Eric Gujer und Politikphilosophin Katja Gentinetta ist ein Höhepunkt an Klarheit und Ausgereiftheit seiner Aussagen. Kein Satz ist überflüssig. Die anfangs noch scharfen Fragen von Eric Gujer versickern letztendlich ob der Stärke seiner Argumentation, die so scharfsinnig und konzise ist, dass ich die Darlegungen hier einmal zusammenfassten möchte, um dem Leser gegebenenfalls überzeugende Diskussionsargumente an die Hand zu geben.

Deutschlands Institutionen paktieren mit Fundamentalisten

Hamed Abdel-Samad, in Ägypten geboren, skizziert anfangs kurz den langen schmerzhaften Prozess seiner Loslösung vom Glauben. In meiner Besprechung seines Buches „Mein Abschied vom Himmel“ habe ich darüber detailliert berichtet. Sein Ausgangspunkt ist nicht, wie die

NZZ

vermutet, die Islamkritik, sondern die Freiheit des Menschen in der Tradition von Humanismus und Aufklärung. Der Politikwissenschaftler kennzeichnet den Islam als die einzige Religions-Ideologie, die sich mit ihren Regelungen in alle Lebensbereiche, bis in die privatesten Angelegenheiten des Menschen einmischt –

„was er isst, was er trinkt, was er träumt, wen er liebt – wen er lieben darf, und wen er nicht lieben darf.“

So entsteht unter der Vorgabe, den Willen Gottes durch die Gebote des Korans in die Tat umsetzen zu müssen, zwangsläufig ein Unterdrückungssystem, das besonders Frauen keinerlei Spielraum lässt. Und da der Islam neben einer spirituellen-sozialen Seite eine juristisch-politische Seite hat, entstehen unter seinem Regime ausweglose

„Freiluftgefängnisse“

, wie er sie nennt.

Der Koran als letzte direkte Botschaft Allahs beinhaltet einen politischen Auftrag. Das Ziel ist eine Weltordnung, die sich allein nach den Gesetzen Allahs richtet, in einer Welt, die aufgeteilt ist in Gläubige und Ungläubige, Reine und Unreine. Letztere werden dämonisiert und „schlimmer als die Tiere“ angesehen – Affen und Schweine. Wenn sie eine so minderwertige Rolle in der Welt haben, liegt Gewalt gegen sie nicht mehr ganz fern: Es gibt 25 Tötungsbefehle im Koran, der gerne schön geredet wird, indem man nur die friedlichen Passagen zitiert. Hier zwei Beispiele:

Sure 9, Vers 5: „Sind aber die Schutzmonate abgelaufen, so erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet, und packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf!“

Sure 47, Vers 4: „Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.“

Die Entwicklungsgeschichte Mohameds und seiner Bewegung

Wenn man die Lehre verstehen will, muss man über die Entwicklungsgeschichte ihres Propheten Bescheid wissen, die ein „Protokoll seiner Gemeinde-Bildung“ ist, erklärt Hamed Abdel-Samad. In den 13 Jahren, in denen Mohamed noch in Mekka wirkte, warb er für Friedfertigkeit und Verständigung, denn seine Gemeinde war noch klein und schutzlos und auf die Toleranz der anderen dort Lebenden angewiesen. Als er dann nach Medina ging, mit der wachsenden Zahl seiner Anhänger eine Armee gründete und anfing, von Kriegsbeute zu leben, veränderte sich die Sprache des Korans radikal. Nun offenbarte sich Allah als Krieger, der die Ungläubigen eigenhändig tötete und seine Anhänger aufforderte, ihr Leben für den Djihad aufzuopfern.

Nur diejenigen, die nicht gläubig sind, könnten den Koran heute als „Kind seiner Zeit“ sehen, sagt Abdel-Samad. Wer aber daran glaubt, dass es Gott ist, dessen Wille aus dem „Heiligen Buch“ spricht, braucht keinen Kontext. Für ihn ist Gott zeitlos. Sein Wort ist nicht an eine bestimmte Situation gebunden, sondern für alle Zeiten gültig und unveränderlich.

Islam – „Islamismus“

Als hätte er den Ausführungen nicht zugehört, stellt Chefredakteur Gujer die anscheinend unausrottbare Ansicht in den Raum, der Islam und der „Islamismus“ hätten nichts miteinander zu tun, seien zwei völlig verschiedene Dinge. Und bekommt natürlich die auch schon immer wieder ausgesprochene Antwort, der Islamismus sei nur eine konsequente Umsetzung dessen in die Tat, was im Koran stehe. „Der Islam ist mit diesem politischen Auftrag geboren„, sagt Abdel-Samad. Sein Geburtsfehler sei die Vermischung von Glauben, Politik, Wirtschaft und Gesetzgebung seit der ersten Stunde. Mohamed war Heerführer, Finanzminister, Prophet, Gesetzgeber und Polizei in einem. Der „Islamismus“ sei kein Missbrauch, sondern ein Gebrauch der Religion. „Es gibt keinen Islam und Islamismus. Es gibt nur einen Islam. Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam“, wird Recep Tayyib Erdogan zitiert, der ja auch eine solch führende Position anstrebt.

Eric Gujer fährt fort, wieder stur all die Fragen zu stellen, deren wir schon lange überdrüssig sind, und auf die er anscheinend immer noch keine Antwort gefunden hat: Der Islamismus sei aber doch eine moderne politische Idee, entstanden an der Wende vom 19-ten zum 20-sten Jahrhundert als Reaktion auf die Begegnung der orientalischen Welt mit dem europäischen Imperialismus – und somit in der Jetztzeit angesiedelt. Hamed Abdel-Samad muss noch einmal wiederholen, was er gerade gesagt hat: Der „Islamismus“ sei so alt wie der Islam selber. Er habe zwar immer wieder sein Erscheinungsbild verändert, doch die Eckpunkte Djihad, Aufteilung in Gläubige und Ungläubige, Frauen als Dienerinnen und Sexsklavinnen sind Gebote des Islams seit seiner Geburtsstunde. Der Islam sei nach Aussage von Mohamed überdies die beste Gemeinschaft, die je für die Menschen hervorgebracht wurde. Daran sei nicht zu rütteln.

Überlegenheit versus Machtlosigkeit

Diese extreme Ausprägung hat sich in Wellen immer wieder erneuert. Es gab jedoch auch andere Zeiten, in denen diese Elemente nicht die Hauptrolle gespielt haben. Der Zeitraum zwischen dem 8-ten und dem 13-ten Jahrhundert war das Zeitalter des großen kulturellen Aufschwungs in der Philosophie, der Baukunst, der Medizin, in den Sprach- und Geschichtswissenschaften und Naturwissenschaften, der zu einer Blüte und zu einem Überlegenheitsgefühl in der islamischen Welt geführt hat.

Während der Kreuzzüge trafen die Kreuzfahrer auf eine Zivilisation, die der ihren kulturell überlegen war. Man trank Alkohol, es gab erotische Poesie und sogar islamkritische Vorträge von jüdischen Gelehrten. Das hohe Selbstbewusstsein führte zu Lockerungen der strengen Regeln. Doch als sich das Gleichgewicht zugunsten der Europäer verschob, erstarrte die islamische Welt wieder in ihren alten Traditionen. („Die versiegelte Zeit“ heißt ein Buch von Dan Diner.) Den Gläubigen blieb nur das Gefühl einer moralischen Überlegenheit und der Traum, am Ende doch noch den Sieg zu erringen.

Unterschiede

Eric Gujer fragt weiter, ob man denn wirklich alle islamischen Länder über einen Kamm scheren könne. Er habe den Islam in Indonesien z.B. ganz anders als in Pakistan erlebt. Antwort: Bei 53 islamischen Staaten mit muslimischer Mehrheit gebe es natürlich Unterschiede. Man könne einen Sufi aus Senegal nicht mit einem Wahabiten aus Saudi-Arabien vergleichen oder einen Schiiten aus dem Iran mit einem „Islamisten“ aus Somalia. Natürlich gebe es einen kulturellen Spielraum, aber diese Unterschiede seien aus politischer Sicht irrelevant. Die Geisteshaltung und der Auftrag seien die gleichen.

Anspruchsgrundlagen auf dem Prüfstand – Teil 3

Erich Gujer macht nun auf die schwierige Lage der Migranten in einer ihnen fremden Umgebung aufmerksam und fordert vermehrtes Verständnis. Hamed Abdel-Samad hält jedoch jede apologetische Auslegung für gefährlich. Sie habe bisher nicht weniger, sondern im Gegenteil immer mehr Islamisten hervorgebracht. Es kommen doch auch Jesiden und Christen aus dem Nahen Osten hierher, sagt er. Die Christen seien heute sogar die unterdrückteste Gruppe der Welt. Warum hören wir nichts von ihnen? fragt er. Sie leben doch unter den gleichen schweren Bedingungen wie die Muslime. Sie kommen aus den gleichen patriarchalischen Strukturen. Und haben etwa Vietnamesen oder Japaner keine Identitätsprobleme, leiden sie nicht unter Marginalisierung? Warum rasen sie nicht mit Lastwagen in eine Menge oder stürzen sich mit einer Axt auf Bahn-Passagiere? Nein, es ist die Ideologie, die sich leider immer größerer Beliebtheit gerade unter jungen Menschen erfreut. Solange die Aufrufe zur Gewalt und die Aufteilung in Gläubige und Ungläubige nicht aus dem Koran verschwinden, solange wird sich auch nichts ändern. Denn wie kann man mit Ungläubigen sympathisieren, wenn im Koran steht, dass Gott sie hasst. Die Mauern zur Verständigung seien noch zu hoch, sagt Abdel-Samad. Neue Ideen würden als verlängerter Arm des Westens, als Brechen des Kampfwillens angesehen. Er selber setze auf die Moderaten, die er unterstützen und aufklären will.

Warum man zum Kämpfer wird

Eric Gujer will nun wissen, was die Religion so interessant für potentielle Gewalttäter macht, von denen sich 30.000 aus allen westeuropäischen Ländern, wie er sagt, dem sogenannten IS angeschlossen hätten. Abdel-Samads Erklärung: Durch Isolierung in patriarchalischen Strukturen und Angstpädagogik der Community wachsen die Kinder zu verunsicherten Individuen zwischen zwei Kulturen heran und sind leicht verführbar für Ideologien. Sie sind empfänglich für das Versprechen, dass man, wenn man dem Propheten folgt, die Welt mit einfachen Mitteln verändern kann. Ein junger Mensch, der im Leben noch nichts zustande gebracht hat und sich weder von seiner Community noch von der westlichen Gesellschaft anerkannt fühlt, ist nun plötzlich Avantgarde, ein Soldat Allahs. Die Vorhut einer islamischen Revolution. In der Moschee wird ihm eingeredet, dass er in Sünde lebt und die Hölle fürchten muss, wenn er Alkohol trinkt, in die Disco geht und eine Freundin hat. Die Angst davor fördert den Wunsch, sich von all dem zu reinigen. Der Reinheitswahn ist weit verbreitet im Islam – Pakistan bedeutet „Land der Reinen“. Außerdem ist man von Vorneherein in einer Win-Win-Situation: Denen, die im Leben nicht siegreich sind, winkt das Paradies mit seinen Freuden. Von Aussteigern hört man, dass sie all das genauso wörtlich  geglaubt haben.

Was sollen wir tun?

Der Koran ist nicht modern interpretierbar

Abdel Samad: Debatten müssen ohne Tabus geführt werden. Wir dürfen nicht hinter die Werte und Errungenschaften der Aufklärung zurückfallen. Die Burka und andere Zwänge sind Symbole einer Jahrhunderte währenden Unterdrückung und gehören nicht in unsere Zeit. Was im Namen dieser Symbole geschah und geschieht, die Geiselnahme der Frauen, kann man nicht einfach so vergessen und umdeuten, wenn man sich auf dem Boden des Humanismus bewegt. Wer glaubt, dass eine freie Frau sich freiwillig ohne Not in ein solches Gefängnis begibt, glaubt auch an den Weihnachtsmann. Wann wurde im Übrigen je so viel über die Bekleidung von anderen Migrantengruppen gesprochen? Schluss mit den Relativierungen und dem Hin und Her!

Eric Gujer kommt nun wieder damit, dass die Toleranz doch ein ganz wichtiger Wert der Aufklärung sei. Falsch, sagt Abdel-Samad. Gerade Religionskritik ist einer der wichtigsten Bestandteile der Aufklärung, die – wie wir heute sehen – beileibe noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann. Warum könne man Jesus kritisieren und nicht Mohamed? Wie dürfe es geschehen, dass ein Autor im 21-sten Jahrhundert unter Polizeischutz leben muss, weil er eine Religion kritisiert? Wir könnten doch nicht zulassen, dass die Intoleranten heute im Namen der Toleranz in Deutschland ihre Infrastrukturen in Form der Verbände und anderer zweifelhaften Strukturen aufbauen. Mit ständig neuen Forderungen und Sonderwünschen.

Herausforderungen in einer Zeit der massiven Drohungen aus der Türkei

Der Westen hat verlernt, Klartext zu reden und bedient stattdessen „Political Correctness“ und „Appeasement“. Unsere Geschichtsvergessenheit ist hoch gefährlich. „Der Marsch durch die Institutionen“, das Verwechseln von Toleranz und Laisser-faire, gehören heute zum Geschäft. Doch die Trennlinie muss klar sein: wird im Fall einer Kollision der bürgerlichen Gesetze und Werte mit einem „Heiligen Buch“ und seinen Symbolen letzterem der Vorzug gegeben, stehen wir außerhalb der Aufklärung und somit außerhalb des westlichen Wertesystems, von dem hier ja ständig die Rede ist.

Dass man sich überhaupt in diesen Tagen unschlüssig darüber ist, ob ein Staatsführer und seine Entourage, die die islamische Ideologie als Machtinstrument benutzen und ein Sultanat errichten wollen, gerade in unserem Land dafür werben dürfen, kann doch wohl nicht wahr sein.

Der Gesetzentwurf zur Bekämpfung von Hate Speech und Fake News von Bundesjustizminister Heiko Maas kommt bei der NGO „Reporter ohne Grenzen“ (RoG) gar nicht gut an. Maas Kriterienkatalog sei „willkürlich zusammengestellt“ und könne Diktatoren auf der ganzen Welt als Vorbild dienen.

Maas solle Facebook und Co. nicht per Gesetz zum „Hüter über die Meinungsfreiheit“ machen, mahnt RoG. Die Presse- und Meinungsfreiheit dürfe nur durch unabhängige Gerichte nach den Vorgaben der allgemeinen Gesetze beschnitten werden und nicht über „private Rechtsdurchsetzung“.

Auch von anderer Seite fängt sich Maas derzeit viel Kritik ein. Viele Juristen halten das Gesetz für verfassungs- und europarechtswidrig. Dr. Bernhard Rohleder, der Hauptgeschäftsführer des IT-Branchenverbandes Bitkom glaubt, dass das Gesetz zu einer „Löschorgie“ führt, die „auch viele nicht rechtswidrige Inhalte betreffen“ wird. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki rügte Maas für seine „PR-Aktion“ und tagesspiegel-Kommentator Harald Martenstein warf dem Minister Erdoganismus vor.

 http://www.achgut.com/artikel/zensur-heiko_als_diktatoren-vorbild

Die Gemeinde Oppeano am Gardase kaufte das Grundstück der örtlichen Moschee, riss diese ab und machte daraus die „Piazza Oriana Fallaci“

Florenz hat viele berühmte Söhne und Töchter hervorgebracht. Eine von ihnen war Oriana Fallaci, die dort 1929 geboren wurde und nach einem bewegten Leben auch gestorben ist (2006). Ihre Heimatstadt nennt sie heute, die zu Lebzeiten durchaus umstritten war, „una grande fiorentina“ und hat ihr einen Platz gewidmet: „Piazzale Oriana Fallaci“ , beim Gardino della Fortezza da Basso. Die Einweihung war am 15. September 2016, ihrem zehnten Todestag.

Die Gemeinde Oppeano am Gardasee (knapp 10.000 Einwohner), deren Bürgermeister Alessandro Montagnoli für die Lega Nord in der Camera dei deputati sitzt, ehrte die Verstorbene bereits 2008 auf eine Weise, die ihr besonders gefallen haben dürfte: Sie kaufte das Grundstück der örtlichen Moschee, riss diese ab und machte daraus die „Piazza Oriana Fallaci“. „Addio moschea. Al suo posto, piazza Oriana Fallaci“ (Leb wohl, Moschee. An ihrer Stelle Oriana-Fallaci-Platz), schrieb die italienische Zeitung la Repubblica im Mai 2008. Symbolträchtiger konnte man diese mutige Aufklärerin, diese Kassandra nicht ehren.

Zweigstelle des Osmanischen Reiches

Um an eine Frau wie Oriana Fallaci zu erinnern, braucht man keine runde Zahl, kein typisches Jubiläumsdatum. Die Islamisierung Europas, vor der sie unermüdlich und unerschrocken gewarnt hat, ist allgegenwärtig. Für Deutschland hat Herwig Schafberg das in einem „Nachruf auf die Freiheitskämpferin Oriana Fallaci 10 Jahre post mortem“ so beschrieben:

„Das unterscheidet wohl eine stolze Frau wie Oriana Fallaci von Claudia Roth sowie anderen Personen weiblichen Geschlechts, die sich mit vorauseilendem Gehorsam brav unter Tüchern ducken, wenn sie unser Land auf Reisen in den muslimischen Orient vertreten, und bei der Gelegenheit schon mal vorführen, was die muslimische Religionslehrerin Lamya Kaddor für ausgemacht hält:

‚Deutschsein bedeutet in Zukunft… nicht autochthon blaue Augen und helle Haare, sondern ein Kopftuch zu tragen…‘

Was Lamya Kaddor sich in Zukunft vorstellt, entspricht teilweise bereits heute der Realität im Land. Während vor 20, 30 oder 40 Jahren allenfalls ein paar alte Frauen türkischer und arabischer Herkunft Kopftücher trugen, sind es inzwischen massenweise kleine eingebürgerte Mädchen, die derartig ‚sittsam‘ eingekleidet werden. Für die alten Frauen war es Tradition, die sie aus freien Stücken pflegten; heute ist es die Religion, die es den Mädchen vorschreibt. Und das ist nur ein Beispiel für die schleichende Islamisierung in der ‚bunten‘ Republik, zu der sich die Bundesrepublik Deutschland entwickelt hat.“

Als weiteres Beispiel könnte man an Fallacis Schilderung der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 durch die Osmanen unter Sultan Mehmet II. anknüpfen, denn nach Mehmet II., der später den arabischen Beinamen Fatih, der Eroberer, erhielt, sind in Deutschland rund 50 Moscheen benannt. Kein Wunder, dass Oriana Fallaci Deutschland „mit seinen zweitausend Moscheen und seinen drei Millionen Muslimen [mittlerweile geht das BAMF von vier bis viereinhalb Millionen Muslimen aus und die Zahl der Moscheen ist auf rund 2.800 gestiegen] eine Zweigstelle des untergegangenen Osmanischen Reiches“ nennt.

Mutige Fragen an einen islamischen Herrscher

Eine der vielen Leistungen, die Oriana Fallaci für mich unvergesslich gemacht hat, war ihr Interview mit Ayatollah Ruhollah Khomeini am 12. September 1979 (nachdem sie zehn Tage in Ghom auf einen Termin gewartet hatte).

Auf ihre Frage: „What’s wrong with this noun [democratic, democracy], which seems so beautiful to us in the West?“ antwortete der Imam

KHOMEINI: To begin with, the word Islam does not need adjectives such as democratic. Precisely because Islam is everything, it means everything. It is sad for us to add another word near the word Islam, which is perfect. Besides, this democracy, which you love so much and that you consider so valuable, does not have a precise meaning. Aristotle’s democracy is one thing, the Soviet democracy is another thing, the democracy of the capitalists is still another. We cannot afford to have such an ambiguous concept placed in our Constitution. Finally, let me give you a historical example, to show you what mean by democracy. When All [the seventhcentury Imam whom Shiite Moslems believe to be the first rightful Moslem leader] succeeded the Prophet, and became head of the Islamic state — and this consideration had all the power, and his reign extended from Saudi Arabia to Egypt, and included a large part of Asia and also of Europe happened to have a dispute with a Jew. And the Jew had him called by the judge, and All accepted the summons of the judge, and went to him. And when he entered the room, the judge stood up, but All said to him angrily, „Why do you stand up when I enter the room but not when the Jew entered? Before a judge the two contending parties should be treated the same way.“ Afterward, he accepted the sentence, which was unfavorable to him. I ask you, you who have traveled and seen all forms of government and know history, can you give me a better example of democracy?

Hier sei ein kleiner Einschub gestattet: Den Satz des Schiiten Kohmeini „It is sad for us to add another word near the word Islam, which is perfect“ hat der Sunnit Erdoğan, bewusst oder unbewusst, aufgegriffen., als er auf den Begriff „moderater Islam“ so reagierte: „Diese Bezeichnungen sind sehr hässlich, es ist anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und damit hat es sich.“ (Milliyet, Turkey, 21.08.2007)

Und dann die Szene in Ghom, die legendär wurde:

FALLACI: Please, Imam, there are many things I still want to ask you. For example, this chador that they made me put on, to come to you, and which you insist all women must wear. Tell me, why do you force them to hide themselves, all bundled up under these uncomfortable and absurd garments, making it hard to work and move about? And yet, even here, women have demonstrated that they are equal to men. They fought just like the men, were imprisoned and tortured. They, too, helped to make the revolution.

KHOMEINI: The women who contributed to the revolution were, and are, women with the Islamic dress, not elegant women all made up like you, who go around all uncovered, dragging behind them a tail of men. The coquettes who put on makeup and go into the street showing off their necks, their hair, their shapes, did not fight against the Shah. They never did anything good, not those. They do not know how to be useful, neither socially, nor politically, nor professionally. And this is so because, by uncovering themselves, they distract men, and upset them. Then they distract and upset even other

FALLACI: That’s not true, Imam. In any case, I am not only talking about piece of clothing, but what it represents. That is, the condition of segregation into which women have been cast once again, after the revolution. The fact that they can’t study at university with men, or work with men, for example, or go to the beach or to a swimming pool with men. They have to take a dip apart, in their chadors. By the way, how do you swim in a chador?

KHOMEINI: This is none of your business. Our customs are none of your business. If you do not like Islamic dress you are not obliged to wear it. Because Islamic dress is for good and proper young women.

FALLACI: That’s very kind of you, Imam. And since you said so, I’m going to take off this stupid, medieval rag right now. There. Done. But tell me something. A woman such as I, who has always lived among men, showing her neck, her hair, her ears, who has been in war and slept in the front line in the field among soldiers, according to you, is she an immoral, bold and unproper woman?

KHOMEINI: Your conscience knows the answer. I do not judge personal matters, I cannot know whether your life is moral or immoral, whether you behaved properly or not with the soldiers at the front. But I do know that, during my long lifetime, I have always been right about what I said. If this piece of clothing did not exist — the Islamic dress — women could not work in a useful and healthy way. And not even men. Our laws are valid laws.

Wer hat je gewagt, einem islamischen Herrscher solche Fragen zu stellen und sich so zu verhalten! Wobei natürlich die Passagen davor und danach ebenfalls absolut lesenswert sind.

Genau wie die beiden Bücher, die Oriana Fallaci zum Thema Islam und Islamisierung geschrieben hat:

–        „La Rabbia e L’Orgoglio“ (Mailand 2001), deutsch (Berlin 2004) Die Wut und der Stolz und

–        „La Forza della Ragione“ (Mailand 2004), deutsch (Berlin 2004) Die Kraft der Vernunft

„Der Bauch unserer Frauen wird uns den Sieg schenken“

Es ist ja keineswegs so, dass uns die jetzige Situation, wie Merkel und Co. es gerne darstellen, unverhofft, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Oriana Fallaci zitiert den seinerzeitigen algerischen Staatspräsident Houari Boumedienne, der 1974 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärt hatte:

„Eines Tages werden Millionen Menschen die südliche Hemisphäre verlassen, um in der nördlichen Hemisphäre einzufallen. Und gewiss nicht als Freunde. Denn sie werden als Eroberer kommen. Und sie werden sie erobern, indem sie sie mit ihren Kindern bevölkern. Der Bauch unserer Frauen wird uns den Sieg schenken.“

Und ihre ganze Wut spürt man in folgenden Sätzen (die allerdings aus „Die Kraft der Vernunft“ stammen):

„Da ist das Europa der ehr- und hirnlosen Staatschefs, der gewissenlosen Politiker ohne einen Funken Intelligenz, der würdelosen Intellektuellen ohne jeden Mut. Kurz und gut, das kranke Europa. Das Europa, das sich wie eine Dirne an die Sultane, Kalifen, Wesire und Landsknechte des neuen Osmanischen Reiches verkauft hat. Kurz und gut, Eurabien.“

Dabei nimmt sie keineswegs für sich in Anspruch, „diesen erschreckenden Ausdruck“ erfunden zu haben, sondern verweist auf die Recherchen von Bat Ye’or (Gisèle Littman). Und Fallaci schreibt, was jeder weiß und trotzdem nicht glauben mag:

„Es handelt sich ja nicht um eine Verschwörung, die im Dunkeln von Unbekannten oder allein den Polizeipräsidien oder Interpol bekannten Galgenstricken angezettelt worden war. Es handelt sich um eine Verschwörung, die am helllichten Tag vor aller Augen bewerkstelligt wurde, vor laufenden Fernsehkameras und angeführt von berühmten Staatsmännern. Von bekannten Politikern, von Leuten, denen Bürger ihre Stimme und somit ihr Vertrauen geschenkt hatten.“

Nicht Wut, nicht Stolz, sondern Vernunft

Oriana Fallaci fühlt sich an die Erzählung von Edgar Allan Poe „Der gestohlene Brief“ erinnert. Man könnte auch an „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch denken.

Hannah Arendt hat das in ihrer grundlegenden Analyse „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ so beschrieben:

„Und diese Popularität [totalitärer Führer] … ist keineswegs das Produkt einer meisterhaften und lügnerischen Propaganda, welche die Dummheit und Unwissenheit der Massen auszunutzen versteht; denn die Propaganda totalitärer Bewegungen, die der totalen Herrschaft vorausgehen und sie bis zu einem gewissen Punkt weiterhin begleiten, ist zwar letztlich verlogen, aber keineswegs geheimnistuerisch; totalitäre Führer beginnen ihre Karriere meist damit, daß sie sich ihrer vergangenen Verbrechen mit unvergleichlicher Offenheit rühmen und ihre zukünftigen mit unvergleichlicher Genauigkeit ‚voraussagen‘.“

Das zweite Buch Oriana Fallacis endet mit folgenden Sätzen, denen wirklich nichts mehr hinzuzufügen ist:

„Zum Leben braucht man Leidenschaft. Doch hier handelt es sich nicht einfach darum zu leben und basta. Hier geht es ums Überleben. Und um zu überleben, braucht man Vernunft. Rationalität, gesunden Menschenverstand, Vernunft. Daher appelliere ich diesmal nicht an die Wut, den Stolz, die Leidenschaft. Ich appelliere an die Vernunft. Und gemeinsam mit Mastro Cecco [Cecco d’Ascoli, italienischer Dichter und Freidenker, am 26. September 1327 in Florenz auf dem Scheiterhaufen verbrannt], der erneut auf den von der Unvernunft angezündeten Scheiterhaufen steigt, sage ich dir: Man muss zur Kraft der Vernunft zurückfinden.“

achgut.com

Vorhersagbarkeit mit algorithmischer Präzision

Angenommen, in diesem Moment liefe eine Eilmeldung über die Schirme, ein „Mann“ habe wahllos Menschen massakriert, in Berlin, Paris, Brüssel oder sonst wo. Angenommen weiter, es stellte sich rasch heraus, dass dieser Mann nicht Heinz Müller oder Francois Dupont heißt – was, glauben Sie, würde zu dem Fall beinahe ebenso schnell gemeldet? Das lässt sich mit algorithmischer Präzision vorhersagen. Gibt man in den einschlägigen Blättern oben die Meldung von einem Attentat in X, Y, oder Z ein, purzeln unten die Textbausteine aus den Meinungsautomaten.

Der Täter ist ein Einzeltäter. Hatte schon lange psychische Probleme. Als chronischer Straftäter bekannt, weil er, nostra culpa, in Europa nie wirklich integriert wurde. Aber erst im Gefängnis selbstradikalisierte er sich! Und dass er irgendwas mit Allah und Dschihad gerufen hat, Kontakte zu Terrornetzen gehabt haben soll? Unmöglich, sagt sein Vater, er trank ja Alkohol.

Und die allfälligen Kommentare zu der betrüblichen Tat? Noch in der Nacht, spätestens am nächsten Morgen flutschen die  Phrasen aus dem Stehsatz direktemang in die Leitartikel der Qualitätspostillen:

Jetzt bloß nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen! (hier) Ruhe bewahren! Keine Angst! (hier). Nur keinen Hass! (hier). Schärfere Gesetze bringen nichts! (hier) Sind nicht auch wir schuld an den Verzweiflungstaten chancenloser Einwanderer? Und spielen dabei nicht auch die Verbrechen der Kolonialzeit eine Rolle? (hier) Nur nicht in die Falle tappen, welche die Terroristen uns mit jedem Anschlag stellen! Denn genau das ist es ja, was die wollen: dass wir unsere freiheitlichen Werte aufgeben! (hier)

Sorry, geschätzte Programmierer, das mit dem Roboterjournalismus ist zwar eine hübsche Idee. Aber im Schriftleitermilljöh längst Realität. Ganz ohne Algorithmen.

Roboterjournalismus? Brauchen wir nicht, haben wir schon

Nein, ein „Roboterjournalist“ ist keiner dieser mies bezahlten Texteschrubber von Nachrichtenportalattrappen à la „focus.de“, „N24“ oder „t-online.de“, die Agenturmeldungen ausflöhen und zu vorgeblich eigenen Stücken verwursten. Vielmehr handelt es sich beim automatischen Schreiberling um ein noch nicht ganz ausgereiftes IT-Projekt zur Anhäufung medialer Müllhalden ohne viel menschliches Zutun. Irgendwas mit Algorithmen, Datenbanken und –kolonnen (Siehe hier).

Programmentwickler werkeln fleißig an virtuellen Robotniks, die dereinst viele leibhaftige Journos ersetzen sollen. Die finanziellen Vorteile für Inhaber von Content-Schleudern – formerly known as Pressehäuser – klingen in der Tat verführerisch.Nun hat sich der Hamburger Journalistik-Professor Thomas Hestermann in einem Interview  zu den Einsatzmöglichkeiten des algorithmisierten Journalismus geäußert. Welcher weitgehend aus kombinierten Textversatzstücken besteht, ähnlich den Ansagen der fabelhaften Anna vom Tom Tom-Navi.

Hestermann: „Soweit Journalismus in sehr engen Routinen und Textformen arbeitet, können Maschinen heute schon genauso gut und in Zukunft wahrscheinlich besser, schneller und ausdauernder als wir Menschen arbeiten.“ Realistisch sei das aber vorerst – so des Profs gute Nachricht für die derzeit noch in Lohn und Brot stehenden Medienschaffenden – nur für bestimmte Bereiche. Etwa bei Wetter-, Bilanz- oder Sportberichten. Hestermann glaubt: „Guten, phantasievollen Journalismus wird auch in 50 Jahren kein Roboter produzieren.“

Mag sein. Andererseits: Mischt nicht Mr. Robot im redaktionellen Geschehen schon kräftig mit? So jedenfalls kommt es dem lesenden Mittelständler bei vielen Blättern vor. Besonders anlässlich gewisser, sich in immer kürzeren Abständen repetierender, Tatbestände.

Vorhersagbarkeit mit algorithmischer Präzision

Angenommen, in diesem Moment liefe eine Eilmeldung über die Schirme, ein „Mann“ habe wahllos Menschen massakriert, in Berlin, Paris, Brüssel oder sonst wo. Angenommen weiter, es stellte sich rasch heraus, dass dieser Mann nicht Heinz Müller oder Francois Dupont heißt – was, glauben Sie, würde zu dem Fall beinahe ebenso schnell gemeldet? Das lässt sich mit algorithmischer Präzision vorhersagen. Gibt man in den einschlägigen Blättern oben die Meldung von einem Attentat in X, Y, oder Z ein, purzeln unten die Textbausteine aus den Meinungsautomaten.

Der Täter ist ein Einzeltäter. Hatte schon lange psychische Probleme. Als chronischer Straftäter bekannt, weil er, nostra culpa, in Europa nie wirklich integriert wurde. Aber erst im Gefängnis selbstradikalisierte er sich! Und dass er irgendwas mit Allah und Dschihad gerufen hat, Kontakte zu Terrornetzen gehabt haben soll? Unmöglich, sagt sein Vater, er trank ja Alkohol.

Und die allfälligen Kommentare zu der betrüblichen Tat? Noch in der Nacht, spätestens am nächsten Morgen flutschen die  Phrasen aus dem Stehsatz direktemang in die Leitartikel der Qualitätspostillen:

Jetzt bloß nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen! (hier) Ruhe bewahren! Keine Angst! (hier). Nur keinen Hass! (hier). Schärfere Gesetze bringen nichts! (hier) Sind nicht auch wir schuld an den Verzweiflungstaten chancenloser Einwanderer? Und spielen dabei nicht auch die Verbrechen der Kolonialzeit eine Rolle? (hier) Nur nicht in die Falle tappen, welche die Terroristen uns mit jedem Anschlag stellen! Denn genau das ist es ja, was die wollen: dass wir unsere freiheitlichen Werte aufgeben! (hier)

Sorry, geschätzte Programmierer, das mit dem Roboterjournalismus ist zwar eine hübsche Idee. Aber im Schriftleitermilljöh längst Realität. Ganz ohne Algorithmen.

Update des Autors: Dieser Beitrag wurde kurz vor dem Anschlag in London geschrieben. Das „Heute Journal“ des ZDF widmete dem leidigen Vorfall in der britischen Hauptstadt am späten Abend des Tattages (22. März 2017) ein paar Minuten. Aufgeschnappt habe ich in der Sendung vier Mal (könnten auch fünf oder sechs Mal gewesen sein) den Begriff „Einzeltäter“. Schauen wir mal, was die deutsche Medienlandschaft ab dem 23. März an vereinzelten Täterschaften noch so alles aufzubieten hat.

Es ist mal wieder soweit: Das Individuum wird vernichtet im Islamofaschismus und ihm anhängenden rot-grünen Totalitarismus

Von Ansgar Kruhn.

Das Individuum, gedacht als rational handelndes und unmittelbar für sich selbst verantwortliches Wesen, hat viele Väter. Im antiken Athen waren es die Philosophen und besonders die Sophisten, die das Individuum in den Mittelpunkt der Welt gerückt haben. In den Tragödien wirkt der Gedanke, dass das Individuum für sein Handeln auch dann die Verantwortung übernehmen muss, wenn die Einflüsse von außen überwältigend sind, bis heute nach. Auch das Christentum – letztlich ein Produkt der ausgehenden Antike – setzte bei aller Gemeinschaftsrhetorik doch auf den einzelnen Menschen und seine individuelle Glaubensbereitschaft.

Spätestens in der Renaissance erlebte das Individuum einen neuen Aufschwung, der Renaissance-Mensch ist mithin sprichwörtlich geworden. Anders als noch im Mittelalter wurde Individualität zunehmend nicht nur als Eigenschaft der Elite, sondern als Charakteristikum von potentiell allen Menschen angesehen. Philosophisch vollendet wurde das Individuum schließlich in der Aufklärung, die unmittelbar die Ursprünge des modernen Liberalismus ausbildete, der wiederum auf das ökonomische und politische Individuum setzt.

Es geht vermutlich nicht zu weit, den Erfolg der Europäer zumindest in Teilen auf diese Gedanken zurückzuführen. Studiert man die im 15. Jahrhundert beginnende „europäische Expansion“, erkennt man deutlich, wie es durch die immense Energie von gegeneinander arbeitenden und von ihren Ideen erheblich motivierten Individuen möglich wurde, dass die verschiedenen kleinen europäischen Herrschaften nicht nur Amerika erobern, sondern auch die asiatischen Reiche – ungleich reicher und größer als die europäischen Länder – dominieren konnten.

Im 20. Jahrhundert wurde schließlich eine doppelte Attacke auf das Individuum, das weitgehend in Gestalt des Bürgers auftrat, geritten: Die modernen Massengesellschaften luden förmlich dazu ein, das Individuum als anachronistisch abzuschaffen und durch gegliederte Körperschaften zu ersetzen. Dafür ließ sich auf eine Ordnung der Gleichheit (Kommunismus) oder eine Ordnung der Ungleichheit (Faschismus) setzen. Bei allen Unterschieden zwischen diesen beiden Ideologien kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass im Kern ihres Feindbildes der Liberalismus und mit ihm der eigenständige, sich in erster Linie selbstverantwortliche Mensch mit eigengewählter Lebensform stand. Hitlers Begeisterung für Architektur, stramm marschierende Massen und geometrische Menschenformationen kann man als Sinnbild für dieses Denken ansehen, das im Menschen keinen individuellen Wert erkennen konnte – außer die Erfüllung einer Funktion.

Der Mensch als Sklave seiner Äußerlichkeit

Der Faschismus unterlag, der Kommunismus fast ein halbes Jahrhundert später ebenso. Nach 1945 erlebte man im Westen eine fortschreitende Individualisierung der Lebensformen, die Glorifizierung des „mündigen Bürgers“ und einen ungeahnten wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. In den 1990er Jahren schien die Zukunft für das Individuum rosig. Keine 20 Jahre später kann man dies nicht mehr behaupten. Auch dieses Mal scheint der Angriff auf das Individuum aus zwei Richtungen zu kommen. Einmal wäre da eine Erscheinung, die ich Tribalismus nennen möchte, und dann die Funktionslogik des globalen Wirtschaftssystems.

Unter Tribalismus verstehe ich die aktuelle Erscheinung, zwischen dem Individuum und der Gesellschaft (Summe der Individuen) neue Teilgemeinschaften zu konstruieren, die auf mehr oder weniger willkürlich ausgewählten Eigenschaften einzelner Menschen beruhen. Diese Eigenschaften (wie ethnische Herkunft, Geschlecht, äußere Erscheinungsmerkmale, sexuelle Orientierung etc.) haben die Funktion von Identitätsträgern, das heißt das Individuum gibt einen Teil seiner Individualität zugunsten der Zugehörigkeit zu einer essentialistisch gedachten Gemeinschaft auf. Die typische rhetorische Figur dazu lautet: „Ich – als Frau / Homosexueller / Behinderter / Schwarzer et cetera – sage, dass …“.

Diese neu gewonnene Identität verheißt dem Einzelnen eine höhere Autorität in seinen Äußerungen, da er sie gewissermaßen als Sprachrohr für eine ganze Gruppe tätigt. Dazu kommt in einem weiteren Schritt die Überzeugung, dass erst solche Identitäten einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit ermöglichen. Rationalität und Objektivität gelten überall dort nicht mehr, wo die verschiedenen Identitäten direkt oder indirekt betroffen sind. Mit anderen Worten: Aussagen über die verschiedenen Identitäten lassen sich – in diesem Denken – nur von den Angehörigen der jeweiligen Gruppen treffen.

Man könnte hier schnell geneigt sein, dies als politischen Trick einzelner Interessenvertreter abzutun, doch scheint die Entwicklung dahin zu gehen, dass auch Individuen, die sich dieser „identity politics“ widersetzen, entsprechend ihrer äußerlichen Eigenschaften eingestuft werden. Hier wäre die rhetorische Figur: „Wie kannst Du als Frau / Homosexueller / Behinderter / Schwarzer et cetera denn … sagen?“ Das Individuum wird so unabhängig von seiner Individualität in seinen aus Äußerlichkeiten gezimmerten Stamm eingesperrt.

So wird ein neues politisches Denken geschaffen: Dem Tribalismus geht es nicht mehr darum, einen Staat zu schaffen, der den Individuen ein freies, das heißt individuelles Leben im Rahmen gewisser Grenzen (Freiheit der Anderen) ermöglichen soll, stattdessen wird es zur staatlichen Aufgabe, den imaginierten Bedürfnissen der verschiedenen Identitätsgruppen Rechnung zu tragen, was vor allem bedeutet, die Menschen so zu erziehen, dass sie Individualität nur noch für innerhalb ihres Stammes möglich halten.

Seine Überzeugungen bekommt dieser „Mensch als Sklave seiner Äußerlichkeit“ direkt von seinem Stamm mitgeliefert. Eine Politik auf Grundlage von rationalen Entscheidungen zum Wohle der Gesellschaft ist aus Sicht des Tribalismus eine anachronistische Unmöglichkeit, die den verschiedenen Identitätsstämmen keine Rechnung trägt. Die Folge davon dürfte eine zunehmende Balkanisierung des Staates zusammen mit einer Alimentierung der Eliten der verschiedenen Identitätsstämme sein.

Die Wirtschaft setzt auf Homogenisierung der Beschäftigten

Kann man den Tribalismus als eine vornehmlich linke Erscheinung, die ihren Rassismus und Sexismus allerdings nur durch die immer wieder wiederholte und unhinterfragte Behauptung, man sei antirassistisch, verdecken kann, begreifen, dann stellt die Funktionslogik der globalen Wirtschaft den aktuellen (eher) rechten Angriff auf die Individualität dar. Dass die Einteilung des politischen Feldes in links und rechts keinen eigentlichen Sinn mehr hat, wird auch durch diese Überlegungen bekräftigt.

Wie dem auch sei, die globale Wirtschaft der großen Konzerne folgt aktuell einer überstaatlichen Funktionslogik, die auf eine Homogenisierung der Beschäftigten setzt. Zwar wird aktuell die Bedeutung von Diversität betont, doch scheint es sich dabei weniger um individuelle Köpfe als um den Einbezug von Trägern der oben beschriebenen Identitätsstämme zu drehen. Ob man nun weiß oder schwarz, hetero- oder homosexuell ist, komplexe Zusammenhänge sind für alle in das Kauderwelsch der PowerPoint’schen Halbsätze zu pressen.

Während die Bedeutung von Steuergeldern, die für immer umfangreichere Projekte (auch bereits solche des Tribalismus im oben formulierten Sinne) benötigt werden, wächst, steigt zwangsläufig auch die Bedeutung der Wirtschaftsunternehmen, die ihre Vorstellungen wiederum in staatlichen Einrichtungen wie der Schule und den Universitäten umsetzen können. Die alten Lehrpläne, die für die Vermittlung eines gewissen Bildungskanons standen, werden zunehmend durch Kompetenzpläne ersetzt, in denen es nicht mehr um Wissen als Selbstzweck, sondern die Vermittlung von wirtschaftsnahen Fähigkeiten geht. Ein solches Bildungssystem fördert nicht das Heranwachsen von Individuen, sondern von Funktionserfüllern. Ähnlich ist es an den Universitäten, wofür ich ein persönliches Beispiel anführen möchte.

Ich unterhielt mich mit einer älteren Informatikprofessorin, die enge Verbindungen zu einem großen deutschen IT-Unternehmen hat. Dieses Unternehmen trat damals für die Einführung des Bachelors und Masters ein, da man an jüngeren und billigeren Absolventen großes Interesse hatte. Aus Sicht des Unternehmens sind für die meisten Aufgaben keine voll ausgebildeten Akademiker nötig, das Tagesgeschäft benötigt im Kern spezialisierte Sachbearbeiter. Entsprechend betonte man, dass der Bachelor-Studiengang möglichst praktisch anzulegen sei. Für die wichtigen Innovationen und neue Produkte hingegen kauft sich das Unternehmen zielgerichtet und international Absolventen von amerikanischen Elitehochschulen und Experten ein. Für einen Großteil der Angestellten ist Austauschbarkeit das wichtigste Kriterium.

Am Ende steht der Funktionsmensch

Neben den beiden ausführlicher beschriebenen Faktoren sind weitere Entwicklungen zu nennen, die zu einer Schwächung des Individuums führen. Da wäre etwa eine Politik der großen Zahl, die es sich mehr und mehr zur Aufgabe macht, Probleme durch Zahlenverschieberei zu lösen. Stimmt die definierte Wunschzahl von Akademikern nicht, dann wandelt man eben Ausbildungen in Studiengänge um, bis die Zahlen „stimmen“. Ähnlich macht man es bei der Bevölkerungszahl. Sinkt die Zahl der Deutschen, dann müssen eben Zuwanderer angelockt werden, bis die Zahlen wieder „stimmen“. Ob es überhaupt die Aufgabe des Staates ist, seine Bürger in gewünschte Richtungen zu drängen oder vor vollendete Tatsachen zu stellen, spielt keine Rolle mehr. Der Gedanke, dass der Bürger in erster Linie eine Funktion für den Staat zu erfüllen hat, scheint sich weitgehend durchgesetzt zu haben.

Entsprechend hart werden Steuerhinterziehungen oder sogar das Nicht-Bezahlen von GEZ-Gebühren bestraft. Durchaus auf einer Linie mit den Nationalsozialisten ist man wieder im Hinblick auf Gesundheitsfragen: Gesunde Ernährung, sportliche Betätigung, reduzierter Alkohol- und Tabakgenuss sind mithin Bürgerpflichten geworden, die über Besteuerung, politische Bildung und in Zukunft vielleicht auch über Gesetze eingefordert werden. Liberalismus ist nachgerade zum Schimpfwort geworden, obgleich er als einziges der drei großen politischen Systeme des 20. Jahrhunderts keine Lager zur Verfolgung und Vernichtung seiner Gegner errichtet und stattdessen ein bisher unerreichtes Lebensniveau geschaffen hat.

Am Ende der geschilderten Entwicklungen wird, wenn es so weitergeht, nicht mehr das Individuum stehen, sondern der Funktionsmensch. Vielleicht hat sich das Individuum historisch einfach überlebt und taugt nicht mehr für die neuen sozialen und politischen Systeme, deren Entstehen wir gerade beiwohnen. Wir werden sehen.

Ansgar Kruhn ist Historiker und nebenbei Reisender in Sachen Weltanschauungstourismus .

Detschland 2017 ist ein realitätsfremder Fantasyroman

achgut.com

 Wer das verlogene Kitschgemälde vom weltoffenen und supertoleranten Einwanderungsland – dessen Bewohner idealerweise Seite an Seite mit angeblich diskriminierten Minderheiten wie Muslimen und Homosexuellen „gegen Rechts“ demonstrieren – mit Einsprengseln aus der Realität beschmutzt, kann schnell furchtbar einsam werden.
Kritische muslimische Intellektuelle kommen öffentlich kaum noch zu Wort, weder in der Islamkonferenz noch in den Medien, während mit Kopftuch verhüllte Funktionärinnen der Islamverbände in den politischen Talkshows ihr immergleiches Klagelied von „Rassismus“ und „Diskriminierung“ anstimmen dürfen. Lobbyisten des politischen Islam besetzen inzwischen wichtige Schaltstellen der Macht, in Parteizentralen, Redaktionsstuben, Rundfunkräten oder interreligiösen Dialogforen, wo sie darüber wachen, dass ihre „Religion des Friedens“ nicht in Zusammenhang mit Intoleranz, Hass, Gewalt und Terror gebracht wird.
Sogar in der Bundesregierung selbst sitzt mit Aydan Özoguz eine Frau, die jede Gelegenheit nutzt, um die Gefahren des Islamismus zu verharmlosen und schönzureden. Und Berlins Regierender Bürgermeister Müller berief mit Sawsan Chebli eine Staatssekretärin, für die die Scharia „absolut kompatibel“ mit dem Grundgesetz sei, da diese nur „das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen regelt“.

Felsenbeißer, Nachtalb, Winzling und Irrlicht – das sind keine Spottnamen für Mitglieder der Bundesregierung, sondern vier unterschiedliche Geschöpfe Phantásiens, die als Boten unterwegs sind zur Kindlichen Kaiserin, der Herrscherin des Landes. Am Anfang von Michael Endes „Unendlicher Geschichte“, einem der besten und klügsten Jugendbücher überhaupt, treffen sie an einem Lagerfeuer zusammen und stellen dabei fest, dass sie aus ihren jeweiligen Herkunftsregionen alle die gleiche beunruhigende Nachricht überbringen: Überall in Phantásien verschwinden Landschaften und Lebewesen spurlos, als hätten sie nie existiert. Scheinbar unaufhaltsam breitet sich das Nichts aus.

Dieser Austausch am Lagerfeuer hat eine wichtige Funktion. Indem die Boten ihre Erfahrungen zusammentragen, ergibt sich ein Gesamtbild der Lage, und sie erkennen, dass das Problem, das sie quält, nicht ihrer Einbildung entspringt, sondern das gesamte Land gefährdet. Da sich im Buch die Welten der Phantasie und der Realität voneinander abschotten, anstatt sich gegenseitig zu durchdringen und zu befruchten, verkümmern sie beide, und an ihre Stelle tritt das Nichts. Folgerichtig kann die sterbenskranke Kindliche Kaiserin in ihrem „Elfenbeinturm“ erst wieder gesunden, als ein Junge aus der realen Welt, der gerade seinen Schulunterricht schwänzt, um ihre Geschichte zu lesen, ihr einen neuen Namen verleiht.

Ideal stößt auf Realität

Auch in der bundesdeutschen Wirklichkeit gibt es zwei völlig voneinander abgeschottete Welten, betreffend die Sichtweisen von der gegenwärtigen Migrations- und Integrationspolitik. Die eine sieht ein weltoffenes und tolerantes Land mit einer florierenden Wirtschaft, das aus diversen Gründen auf Zuwanderer angewiesen ist. Daher sind diese „wertvoller als Gold“ (SPD-Kanzlerkandidat Schulz), auch und gerade die rund 1,5 Millionen überwiegend jungen Männer muslimischen Glaubens, die in den letzten zwei Jahren hereingeströmt sind.

Etwaige Integrationsprobleme gehen entweder auf mangelnde Bildung zurück und wären durch die ausreichende Finanzierung von Sprach- und Eingliederungskursen lösbar. Oder sie haben ihre Ursache in Diskriminierung und Ressentiments der deutschen Mehrheitsbevölkerung und dem dadurch verursachten Aufstieg des Rechtspopulismus. Hier müssen „Projekte gegen Rechts“ her, müssen die Medien „aufklären“, muss die Zivilgesellschaft „Gesicht zeigen“. Soweit – in groben Zügen – die Version einer ganz großen Koalition aus Regierung, Opposition, Kirchen und den meisten Medien.

Eine ganz andere Sichtweise ergibt sich hingegen aus der Kenntnis der Verhältnisse an der Basis. Schon seit Jahren versuchen Polizeibeamte, Richterinnen, Lehrer, Sozialpädagoginnen oder Lokalpolitiker die „erste Welt“ mit Nachrichten aus den Praxisbereichen zu konfrontieren, in die sie jeweils Einblick haben. Ihre Botschaft lautet: Bei uns läuft etwas grundsätzlich schief! Wir können nicht mehr! Wenn der jetzige Kurs beibehalten wird, fahren wir gegen die Wand!

Die Rolle des Lagerfeuers, an dem sich die Boten austauschen, käme in einer realen Gesellschaft der Öffentlichkeit zu. Wo bleiben nun die kontroversen Diskussionen in allen politischen Parteien und Medien über die offensichtlichen Divergenzen zwischen beiden Weltsichten, die doch in jedem Fall Lebensfragen dieses Landes betreffen? Die Auseinandersetzung, um die es hier geht, ist offensichtlich eine zwischen Ideal und Wirklichkeit. Aber anders als in Michael Endes kongenialem Fantasyroman sind die deutsche Herrscherin des Jahres 2017 und ihr Gefolge nicht empfänglich für die Warnrufe, sondern halten unbeirrbar fest an ihrem Ideal. Was diesem zuwiderläuft, wird vom Hof ferngehalten. Heerscharen höfischer Experten versuchen den Boten „Hetze“ nachzuweisen, und die von ihnen berichteten Erfahrungen als Massenwahn hinzustellen, der auf „Fake-News“ zurückzuführen sei.

Alarmrufe in Buchform

Deshalb bestand die einzige Chance für die Boten, sich Gehör zu verschaffen, bisher darin, ihre Erfahrungen in Buchform zu fassen. Nach Kirsten Heisigs schriftlichem Vermächtnis „Das Ende der Geduld – konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“, das 2010 fast zeitgleich mit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ als eine Art „Eisbrecher“ fungierte, drängten so – meistens als Bestseller in renommierten Verlagen – Titel auf den Markt wie:

  • Chaos der Kulturen – die Debatte um Islam und Integration
  • Das Migrationsproblem – über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung
  • Der Multikulti-Irrtum – wie wir in Deutschland besser zusammenleben können
  • Deutschland gehört auf die Couch – warum Angela Merkel die Welt rettet und unser Land ruiniert
  • Deutschland in Gefahr – wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt
  • Deutschland ist bedroht – eine deutsche Jesidin verteidigt ihre Werte
  • Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik
  • Die neue Völkerwanderung nach Europa – über den Verlust politischer Kontrolle und moralischer Gewissheiten
  • Die verschleierte Gefahr – die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn in Deutschland
  • Europa ohne Identität – Europäisierung oder Islamisierung?
  • Erstickt an euren Lügen – eine Türkin in Deutschland erzählt
  • Geplanter Untergang – wie Merkel und ihre Macher Deutschland zerstören
  • Kampfzone Straße – jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen
  • Neukölln ist überall
  • Polizei am Limit
  • Richter ohne Gesetz – islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat
  • Scharia in Deutschland – wenn die Gesetze des Islams das Recht brechen
  • Schluss mit der Sozialromantik – ein Jugendrichter zieht Bilanz
  • Wir schaffen es nicht – Eine Flüchtlingshelferin erklärt, warum die Flüchtlingskrise Deutschland überfordert.

Soweit eine kleine Auswahl aus der Fülle der in den letzten Jahren erschollenen Alarmrufe in Buchform, unter deren Autoren übrigens solche mit (zumeist muslimischem) Migrationshintergrund überdurchschnittlich oft vertreten sind. Es handelt sich wohlgemerkt nicht um ideologische Traktate von Fremdenfeinden, Rassisten und Islamhassern, sondern um Wasserstandsmeldungen und Hilferufe aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Sie legen eine Vielzahl brennender Probleme bei der Migrations- und Integrationspolitik offen, die negative Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft haben. Unübersehbar ist in ihnen allerdings die Warnung vor einer weiteren Ausbreitung des politischen Islam, vor dem Staat und Gesellschaft aus falsch verstandener Toleranz zurückweichen und so den Boden bereiten für Parallelgesellschaften, in denen eher die Scharia gilt als das Grundgesetz.

Zwei Beispiele

In „Das Ende der Geduld“, 2010 kurz nach ihrem Freitod erschienen, zeigte die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig auf, wie wichtig rasche und konsequente Sanktionen gegenüber jugendlichen Intensivtätern sind, sowohl für die Gesellschaft, die einen Schutzanspruch hat, als auch für die Täter selbst, um diesen einen Lebenslauf als Berufsverbrecher zu ersparen. Besonderes Augenmerk legte Heisig auf die Schilderung des kriminellen Milieus arabischer Großfamilien in Berlin, die aufgrund ihrer kulturell-religiösen Prägung, aber auch der laschen und inkonsequenten Haltung des Staates jeden Respekt vor der deutschen Rechtsordnung verloren haben. Unter höchstem persönlichem Engagement initiierte die Jugendrichterin das „Neuköllner Modell“ einer schnellen Reaktion auf die Straftaten und einer engen Vernetzung der beteiligten Ämter, das sich jedoch nur teilweise in Berlin und Bayern durchsetzen konnte.

Das 2012 herausgekommene Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein toter Jude“ ist die packend geschriebene Biografie von Arye Sharuz Shalicar, einem 1977 geborenen Weddinger persischer Herkunft, der seit Ende der neunziger Jahre Mitglied diverser Jugendbanden war, bis er von seiner jüdischen Herkunft erfuhr und sich einen ihm von der Großmutter geschenkten Davidstern umhängte. Die Wirkung war erschreckend: Schlagartig rückten seine bisherigen muslimischen Freunde von ihm ab, beschimpften und bedrohten ihn.

Das Schicksal dieser beiden Autoren ist ein Teil der Antwort auf die oben gestellten Fragen. Wer das verlogene Kitschgemälde vom weltoffenen und supertoleranten Einwanderungsland – dessen Bewohner idealerweise Seite an Seite mit angeblich diskriminierten Minderheiten wie Muslimen und Homosexuellen „gegen Rechts“ demonstrieren – mit Einsprengseln aus der Realität beschmutzt, kann schnell furchtbar einsam werden. Kirsten Heisig wurde zu Lebzeiten von Vorgesetzten und vielen Kollegen weder unterstützt noch gewürdigt, sondern in Verkennung ihrer zutiefst menschenfreundlichen Motive als „Richterin Gnadenlos“ diffamiert. Sie rieb sich als Einzelkämpferin an den Verhältnissen auf und suchte schließlich 2010 den Freitod. Arye Sharuz Shalicar wanderte nach Israel aus, weil er in Deutschland keine Zukunft mehr für sich sah, vor allem aufgrund des importierten und von der deutschen Gesellschaft tabuisierten muslimischen Antisemitismus. Er arbeitete dann längere Zeit als Pressesprecher der israelischen Armee.

Mit Scientology im Kampf gegen Sekten

Diese und viele andere Beispiele machen deutlich, dass die Probleme der multikulturellen Gesellschaft sich schon vor 10-20 Jahren nicht mehr mit der Primitiv-Schablone „gute schutzbedürftige Migranten“ vs. „böse rassistische Mehrheitsgesellschaft“ erfassen ließen, und wie wichtig schon damals eine intensive Erforschung und energische Bekämpfung von innermuslimischen Vorurteilen, Denk- und Verhaltensmustern gewesen wären, die die Integration ihrer Träger erschweren. Nichts davon ist seither geschehen, im Gegenteil, es geht immer rasanter in die falsche Richtung.

Kritische muslimische Intellektuelle kommen öffentlich kaum noch zu Wort, weder in der Islamkonferenz noch in den Medien, während mit Kopftuch verhüllte Funktionärinnen der Islamverbände in den politischen Talkshows ihr immergleiches Klagelied von „Rassismus“ und „Diskriminierung“ anstimmen dürfen. Lobbyisten des politischen Islam besetzen inzwischen wichtige Schaltstellen der Macht, in Parteizentralen, Redaktionsstuben, Rundfunkräten oder interreligiösen Dialogforen, wo sie darüber wachen, dass ihre „Religion des Friedens“ nicht in Zusammenhang mit Intoleranz, Hass, Gewalt und Terror gebracht wird.

Sogar in der Bundesregierung selbst sitzt mit Aydan Özoguz eine Frau, die jede Gelegenheit nutzt, um die Gefahren des Islamismus zu verharmlosen und schönzureden. Und Berlins Regierender Bürgermeister Müller berief mit Sawsan Chebli eine Staatssekretärin, für die die Scharia „absolut kompatibel“ mit dem Grundgesetz sei, da diese nur „das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen regelt“.

In Deutschland den Islamismus bekämpfen zu wollen, wird auf diese Weise immer mehr zur Farce, etwa so, als müsste man, um vor Sekten warnen zu dürfen, dafür jeden Schritt mit Scientology-Vertretern abstimmen. Die gesamte Aufklärungsarbeit gegen politischen Extremismus ist selbst in eine extreme Schieflage geraten. Der islamische Extremismus wird unter dem Deckmantel der „Antidiskriminierung“ geschont, der linke als strategischer Verbündeter mit staatlichen Fördergeldern gepäppelt und der rechte zum Popanz aufgeblasen, um Andersdenkende und Islamkritiker leichter in die Nazi-Ecke drängen zu können.

Die Ausbreitung des Nichts

Wo in Großstädten No-go-Areas entstehen, die von muslimischen Clans dominiert werden; wo in radikalen Moscheen unter dem Schutz der Religionsfreiheit gegen Juden und „Ungläubige“ gehetzt wird; wo eine Regierung die Erfahrungen von Bürgern, die ihre falsche Politik in Frage stellen, ignoriert und diffamiert; wo das Vertrauen in eine Rechts- und Werteordnung erodiert, deren Fassade zwar noch durch die Sonntagsreden ihrer offiziellen Vertreter aufrechterhalten wird, die sich jedoch im Erleben vieler Bürger in der Fläche zurückzieht; wo schließlich die Wächter der politischen Korrektheit jede offene Diskussion über diese Fehlentwicklungen unterbinden – da breitet sich wie in der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende das Nichts aus. Diese Entwicklung vollzieht sich schon seit längerem, wird jedoch durch den Massenzustrom muslimischer Migranten im Zuge der Flüchtlingskrise und den unehrlichen Umgang von Politik und Medien mit ihm dramatisch verstärkt.

Das Nichts sind nicht die Migranten selbst, die in Deutschland bessere Lebensbedingungen suchen und natürlich ihre religiös-kulturellen Prägungen mitbringen. Vielmehr entsteht es dort, wo Gesellschaft und Rechtsstaat sich zurückziehen vor inkompatiblen Wertvorstellungen, falschen Erwartungen und überhöhten Ansprüchen, anstatt sich der notwendigen Konfrontation mit ihnen zu stellen. Da, wo eine üble Mischung aus Verantwortungslosigkeit, Ignoranz und Feigheit als „Weltoffenheit“, „Toleranz“ oder „Willkommenskultur“ ausgegeben wird, dehnt sich das Nichts aus. In dieser Doppelbödigkeit blüht und gedeiht es, wenn etwa staatliche und kirchliche Repräsentanten die Opfer des Lkw-Attentäters vom Berliner Weihnachtsmarkt erst peinlich beschweigen, um schließlich in einer bigotten Gedenkfeier den Vertretern desselben reaktionären Islam eine Bühne zu bieten, in dessen Namen der Anschlag begangen wurde.

Fein wie Wüstensand kriecht es in alle Poren einer Gesellschaft, die starr ist vor Angst, sich „unkorrekt“ zu äußern über eine menschenfeindliche und rückständige Ideologie. Das Nichts verströmt sich über die Doktrin der „Antidiskriminierung“, der zufolge der Zorn und die Frustration vieler Muslime nicht auf ihre eigenen religiös-kulturellen Prägungen, sondern auf Diskriminierung in ihren westeuropäischen Aufnahmeländern zurückzuführen seien; eine Doktrin, die von denjenigen politischen Parteien in Deutschland gepflegt wird, welche vom Schulterschluss mit den Islamverbänden zu profitieren glauben.

In der „Unendlichen Geschichte“ wird das Land Phantásien gerettet durch das richtige Wort in letzter Sekunde. Wenn wir für das, was momentan in Deutschland vor sich geht, keine Worte finden und keine offene Diskussion darüber wagen, wird das Nichts uns verschlingen. Dann wird Deutschland den Weg Frankreichs, Belgiens und anderer westeuropäischer Länder gehen: Mehr islamistische Anschläge, noch mehr Angst vor Kritik an der „Religion des Friedens“, mehr Überwachung, Militärpatrouillen in Fußgängerzonen, der Ausnahmezustand als Norm, schließlich neu aufkommende Parteien, die radikale Lösungen versprechen. Sollte diese Entwicklung wirklich nicht aufzuhalten sein  – an mangelnden Warnungen wird es nicht gelegen haben.

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein KriminalromanWiosna – tödlicher Frühling„.

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