Kategorie-Archiv: Otto Normalvergaser

Hass gegen Israel als Lehrfach

Von Armin H. Flesch.

Nun ist es heraus. Am 2. November 2016 ging die nachfolgende Erklärung des Senats der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim an die Medien:

Der Senat würdigt die bisherige Zusammenarbeit mit der Präsidentin Frau Prof. Dr. Christiane Dienel. Er hat jedoch den Eindruck gewonnen, dass ihr Krisenmanagement in Folge der Antisemitismusvorwürfe der Hochschule schadet. Der Senat ist weiter der Überzeugung, dass die dadurch entstandenen Verwerfungen nicht mehr von der amtierenden Präsidentin behoben werden können. Daher zieht der Senat seine Empfehlung an das MWK zur Wiederernennung von Frau Prof. Dr. Dienel vom 18.05.2016 zurück.

Verpasste Gelegenheit

Soweit so gut. Dass die Präsidentin der HAWK nicht mehr zu halten sein würde, zeichne­te sich bereits auf einer Podiumsdiskussion am 15. September in Hannover ab. Die Ver­anstaltung stand unter der Überschrift „Wo beginnt israelbezogener Antisemi­tis­mus?“, doch im Zentrum der Diskussion standen vor allem das Hildesheimer Köhler-Semi­nar und der Umgang der Hochschulleitung mit substantieller öffentlicher Kritik. Der Abend war Dienels große Gelegenheit, die Kri­tiker der Hoch­schu­le nicht länger als Teil einer „Hass-Kampagne ziemlich einflussreicher Kreise“ dar­zustellen, sondern inhaltlich auf sie ein­zu­gehen.

Doch die Präsidentin blieb sich treu, wie sich bereits in ihrem Eingangs-State­ment zeigte. Zunächst freut sie sich, aufs Podium gekommen zu sein. Sie habe auch in der Ab­sicht, endlich „ver­nünf­­­tig miteinander zu reden,“ ihre Teilnahme sofort zugesagt. Doch bereits im näch­sten Satz ändert Dienel die Richtung und geht zum Angriff über: Das vernünftige Mit­ein­ander-Reden hätte „günstigerweise schon früher stattfinden sollen,“ stellt sie zutreffend fest, verschweigt aber, dass es gerade sie selbst und Dekanin Paulini gewesen waren, die das verhindert hatten.

In dem Stil geht es über den Abend weiter, und am Ende ist klar: Dienel unternimmt lediglich den erneuten Versuch der Schadens­begren­zung und der Kritik an den Kriti­kern. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit deren Argu­menten bleibt sie schuldig.

Hass gegen Israel als Lehrfach

Nicht die Größe der Kampagne oder gar Hass sind es, die Dienel schließlich zu Fall brin­gen. Viel­mehr unterschätzt sie von Anfang an die Ernsthaftigkeit des Problems ihrer Hoch­schule, das sie als deren Präsidentin zu lösen hatte. Es lässt sich in zwei Sätzen darstellen: Mehr als 15 Jahre lang verbreitet eine als Israelhasserin bekannte Lehrbe­auftragte ohne einschlägige wissen­schaft­­­liche Qualifikation antiisraelische Propaganda unter dem Deckmantel eines Hochschulse­mi­nars. Alle Dekane seit 2000 wissen darum, es gibt mehrfach substantielle Kritik, doch nie­mand in der Leitung von Fakultät oder Hoch­schule macht diesem Zu­stand ein Ende.

Erst nachdem die niedersächsische Wissenschaftsministerin die erneute Ernennung Dienels zur HAWK-Präsidentin vom Ausgang eines beim Berliner Zentrum für Antisemi­tismusforschung in Auftrag gegebenen Gutachtens abhängig macht, erst als es nun um ihre eigene Karriere geht, erkennt Dienel zumindest die Tragweite der Affäre und drängt Dekanin Paulini zum Rücktritt.

Doch für Bauernopfer ist es bereits zu spät. Längst haben sich neue Beweise für Antisemitismus an der HAWK gefunden, sind E-Mails aufgetaucht, die beweisen, dass Dienel viel früher um die Kritik am Seminar hätte wissen müssen, als bislang behauptet. Zunächst treten Mitglieder der hochschulinternen Ethik-Kommission zurück, dann distanziert sich der Senat von seiner Präsi­den­tin. Jetzt hat Christiane Dienel noch zwei Wochen Zeit, ihr Hildesheimer Büro auszuräumen. Der Inhalt des Berliner Gutachtens wird für sie keine Bedeutung mehr haben.

Grund zum Feiern?

Grund zum Feiern? Für Frau Dienel, die nun endlich ganz nach Berlin zurückkehren kann, si­cherlich nicht. Noch ihre letzte Erklärung nach dem Raus­wurf ist ein schwer erträgliches Doku­ment der Selbstgerechtigkeit, das alle Schuld am Ende ih­rer „engagierten Arbeit“ anderen in die Schuhe schiebt. Christiane Dienel, die Kämpfe­rin für die Freiheit der Lehre und die Ehre ihrer Hoch­schule, fiel als letzte Aufrechte mit der Fahne in der Hand. Und wie steht es mit der Hoch­schule oder dem Wissenschaftsministerium in Hannover? Darf man sich dort nun beruhigt zu­rücklehnen und darüber freuen, ein lästiges Pro­blem endlich losgeworden zu sein?

Möglich, dass es so kommen wird, aber zu empfehlen ist es nicht. Denn frei nach einer alten Politikerweisheit ist nach dem Skandal immer schon vor dem Skandal. Die Affäre um das an­ti­semitische und israelfeindliche Seminar der Ibtissam Köhler war zu jedem Zeitpunkt auch eine der gesamten Hochschule, des akademischen Lehrbe­triebs, ja der ganzen Gesellschaft. Sämtliche einschlägigen Untersuchungen beweisen: Antisemitismus ist kein Reservat fürs glatzköpfige Pre­kariat, er wurzelt in allen Schichten, durch alle ethnischen, reli­giösen und Bildungshin­ter­gründe hindurch mitten in der Gesellschaft.

Worauf also käme es an? Die Hochschule in Hildesheim, unter tätiger Mithilfe der niedersäch­sischen Landespolitik, müsste bereit sein, ihre unrühmliche jüngste Vergangenheit gründlich aufzuarbeiten, um Wiederholungen in Zukunft nach Möglich­keit zu verhindern. Diese Aufklärung müsste auch andernorts Schule machen, ohne dass Ver­ant­wortliche durch medialen Druck dazu getrieben wären. Schließlich sollte die öffent­liche Dis­kussion, die der Fall Köhler ausgelöst hat, nicht einschlafen, sondern wachsen.

Den ganz gewöhnlichen, alltägli­chen Antisemitismus, die nachgerade zwanghafte negative Fixierung großer Teile un­se­rer Gesellschaft auf Israel, sollten wir in den Blick nehmen und die Ursachen erkennen. Damit wären unsere Stamm­tische, Medien, Hochschulen und Parlamente noch keine besseren, aber sie wüssten wenigstens, was sie tun.

Grund zum Feiern besteht jeden­falls nicht.

Siehe auch: Hochschul-Senat zieht Empfehlung für Präsidentin Dienel zurück 

Mal wieder ein neues Deutschland, wie eine abgehobene Berliner Elite von Publizisten und Politikern, Professoren und Pastoren es sich erträumt. Deutschland, wie es nicht ist.

Nationalsozialismus ist Detschland nicht verschwundern, sondern lediglich die Seiten gewechelt. Anm. JSB

Mal wieder ein neues Deutschland – eine Endlosschleife

Von Frank A. Meyer. Da ist es wieder, das atavistische germanische Amalgam: Schuld und Sühne – und Schwärmerei fürs endlich und endgültig gute Deutschland. Deutschland, wie eine abgehobene Berliner Elite von Publizisten und Politikern, Professoren und Pastoren es sich erträumt. Deutschland, wie es nicht ist. Deutschland, wie es deshalb schleunigst werden soll. Mit Zuwanderen als neuem revolutionären Subjekt wird die ewige Sehnsucht nach einem neuen Deutschland beschworen.

Von Frank A. Meyer

Wie steht es um Deutschland? Nicht gut. Jedenfalls, wenn man dem Politologen Herfried Münkler glaubt. Sein aktuellstes Buch, mit seiner Gattin Marina verfasst, trägt den Titel „Die neuen Deutschen„, und in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel plädiert er für einen grundlegenden Wandel der deutschen Gesellschaft: Sie müsse sich „neu definieren und eine veränderte Identität entwickeln“. Wieder einmal.

Dasselbe wollte vor über hundert Jahren schon Harry Graf Kessler, Publizist und Kunst-Netzwerker avant la lettre. Er ersehnte vom Ersten Weltkrieg „die Erneuerung des deutschen Menschen“. Mit ihm sangen zahllose Künstler, Literaten und Studienräte und nahezu das gesamte geistige Deutschland – übrigens auch Thomas Mann – das Loblied einer Neugeburt der Nation.

Der Professor müsste eigentlich um die Fatalität des Rufes nach einem neuen Deutschland, nach einem neuen deutschen Menschen wissen. Eines seiner Werke heißt „Der große Krieg. Die Welt 1914–1918“. Mit Münkler stimmen auch heute wieder zahlreiche Zeitgenossen jubilierend ein in die Lobgesänge auf Deutschlands Erneuerung. Diesmal soll die Wiedergeburt allerdings nicht nationalistisch ausfallen, sondern multikulturell. Und nicht kriegerische Stahlgewittersind für die Zurichtung des Zukunftsdeutschen zuständig, sondern die Einwanderer.

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen, schwelgt im Gefühl der bevorstehenden Revolution: „Unser Land wird sich ändern und zwar drastisch, ich sag euch eins, ich freu mich drauf, vielleicht auch, weil ich schon mal eine friedliche Revolution erlebt habe. Dieses hier könnte die sein, die unser Land besser macht.“ Wieder einmal.

NEUES DEUTSCHLAND, besseres Deutschland. Hauptsache, nicht mehr das Deutschland der alten Bundesrepublik, des rheinischen Kapitalismus. Die revolutionsbeseelte Grüne, einst Aktivistin des DDR-Jugendverbands FDJ, hat’s im Blut: Ihr erstes neues Deutschland ist gescheitert, das nächste muss gelingen. Zumal ja gerade das geeignete revolutionäre Potenzial ins Land strömt: Migranten aus der islamischen Welt. Sie sollen als „Neubürger“ aufgenommen werden. Diesen Zustrom im Blick, kennt die Begeisterung der bekennenden Protestantin kein Halten mehr: „Wir bekommen Menschen geschenkt.„Menschen als Geschenk? So reden Mütter von Neugeborenen.

Da ist es wieder, das atavistische germanische Amalgam

Von Mitte links bis links außen scheint eine Berliner Elite geradezu vernarrt in die Migranten, die auf dem Marsch ins gelobte Deutschland ihre mittelalterliche Kultur im Tornister tragen: Unterwerfung unter religiöse Regeln von Koran und Scharia, Männerherrschaft und Unterdrückung der Frau, völliges Unverständnis für Freiheit und Verpflichtung des Grundgesetzes – der westlichen Zivilisation. Ist das den Zuwanderern vorzuwerfen? Wohl kaum, entstammen sie doch der erfolglosesten Religionskultur der Geschichte: 1,57 Milliarden Muslime – und keine Demokratie, kein Rechtsstaat, keine moderne Gesellschaft.

Diese Misere scheint es den Göring-Eckardts angetan zu haben. Denn fürs Experimentieren mit einem neuen Deutschland bedarf es des geeigneten Materials. Da kommen die muslimischen Migranten gerade recht: unverdorben von westlich-kapitalistischer Dekadenz, Jean-Jacques Rousseaus edle Wilde, nachdem es mit dem Proletariat leider nicht geklappt hat. Auch die regionale Herkunft der frisch importierten revolutionären Klasse ist ganz besonders attraktiv: aus den Armutsregionen Nordafrikas und des Nahen Ostens. Hat der Westen an denen nicht manches wiedergutzumachen, was er einst kolonialistisch verdarb?

Da ist es wieder, das atavistische germanische Amalgam: Schuld und Sühne – und Schwärmerei fürs endlich und endgültig gute Deutschland. Deutschland, wie eine abgehobene Berliner Elite von Publizisten und Politikern, Professoren und Pastoren es sich erträumt. Deutschland, wie es nicht ist. Deutschland, wie es deshalb schleunigst werden soll. Als ob es nicht schon genug der Neuerung wäre, Millionen Fremde unbesehen hereinzulassen. Doch nein, genug ist zu wenig. Das revolutionäre Potenzial soll schließlich genutzt werden. Vor allem die linken Traumtänzer, von linksliberal über linksgrün und linksevangelisch bis linksradikal, sind bemüht, die geschenkten Menschen gegen die geschenkte Demokratie von 1949 in Stellung zu bringen – gegen den westlichen Wertekanon.

  • Der Fall Gottfried Benn (folgender Text in Kursiv eingefügt von JSB)

Benn war ein begeisterter Nazi, ohne Parteimitglied zu sein, der versuchte die Kunst der Moderne in die Naziideologie einzubinden[1] und bemühte sich auf diese Einfluss zu nehmen, was ihn in Konfrontation mit den Nazis brachte und 1938 zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und somit zum Publikationsverbot führte.[2]

1934 begrüßte Benn am 29.März bei einem offiziellen Empfang den prominentesten Vertreter des italienischen Futurismus und Faschismus, Filippo Tomasso Marinetti mit den Worten: „Wir freuen uns […], daß Sie nach Deutschland gekommen sind in einer Zeit, in der das neue Reich entsteht, an dem mitzuarbeiten der Führer, den wir alle ausnahmslos bewundern, auch die Schriftsteller berufen hat.“[3]

Gegen die „kranke“, „entartete“ Moderne bündelten sich zusammen Argumente sozialistischer, sozialdarwinistischer, rassistischer, heimatkunstbewegter, neoklassizistischer und völkisch-nationaler Provenienz.[4] Die Moderne wurde zu einem Begriff für den Kampf, gleich gegen oder für was auch immer, einfach für den Kampf als solchen.[5]

Benn war ein begeisterter Nationalsozialist und Antimarxist, Antisozialist und Antikommunist. Im Hitler-Staat sah Benn eine harmonische Vereinigung aller mit allem, eine klassenlose Gesellschaft, Kapital und Proletariat vereint im Staatskörper, alle ziehen an gleichem Strang. In der antifaschistischen Opposition sah er Spielverderber, die eine solche wunderbare Vereinigung von Führer, Volk, Staat und Massen verderben möchte. Von Dialektik hielt Benn ebenfalls nichts, er war sozusagen betrunken mit dem Nektar der nationalsozialistischen Ideologie. Und nicht nur er, mehr als 40% der Mitglieder der NSDAP waren jünger als 30 Jahre. Hitlerismus war eine euphorische Bewegung der Jugend.[6] Am meisten in seinem Leben publizierte Benn im ersten Halbjahr 1933. Als die Nazis die „Freien Gewerkschaften“ (ADGB) und Angestelltenverbände (Afa) zerschlagen haben, jubelte Benn in seiner Rundfunkrede zu einem Massenaufmarsch der Nazis auf dem Tempelhofer Feld und forderte, dass der „unfruchtbar gewordene marxistische Gegensatz von Arbeitnehmer und Arbeitgeber“ aufgelöst werden müsse in einer höheren Gemeinsamkeit eines Nazi-Staates.[7]

Mit anschwellendem Bocksgesang verhöhnt er die vor dem Nazi-Terror aus Deutschland geflohenen „literarischen Emigranten“, die nach Benn „an den Badestränden sitzen“, während er und seine Nazi-Genossen, „Arbeiter der Stirn und der Faust“, den Neuen Nazi-Staat aufbauen und besingt in einer den Klaus Mann immer wieder verfälschend zitierender öffentlicher Antwort auf dessen privaten Brief, den er einen Tag nach der Bücherverbrennung, am 11 Mai 1933 erhielt[9], hymnisch diesen nationalsozialistischen „Neuen Staat“:

„Wollen Sie, Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts, endlich doch verstehen, es handelt sich hier gar nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisation des Weltgeistes überhaupt, präludiert in jenem Hymnus Goethes „An die Natur“ -, und wollen Sie auch das noch in sich aufnehmen: über diese Vision entscheidet kein Erfolg, kein militärisches oder industrielles Resultat, wenn zehn Kriege aus dem Osten und aus dem Westen hereinbrächen, um diesen deutschen zu vernichten, und wenn zu Wasser und zu Lande die Apokalypse nahte, um seine Siegel zu zerbrechen, der Besitz dieser Menschheitsvision bliebe vorhanden, und wer sie verwirklichen will, der muß sie züchten, und Ihre philologische Frage nach Zivilisation und Barbarei wird absurd vor so viel Legitimation als geschichtlichen Sein.“[10]

 

Beachte die Verkehrung ins Gegenteil, wenn Benn von Bedrohung Deutschlands vom Osten und Westen redet, während tatsächlich Deutschland den Osten und Westen bedrohte.

Die in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25. Mai 1933 als Offener Brief von Gottfried Benn publizierte Antwort auf den an in privat gerichteten Brief von Klaus Mann leitet die Redaktion mit den perfiden Worten an: „Gottfried Benn, der Arzt und Dichter, hat von Berufsgenossen, die zu Beginn der deutschen Umwälzung ins Ausland gingen, verschiedene Zuschriften mit Vorwürfen wegen seiner politischen Haltung gegen den neuen deutschen Staat empfangen. Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei festgestellt, daß es sich um Briefschreiber nichtjüdischer Abstammung handelt. Er hat Mittwochabend im Rundfunk auf diese Briefe geantwortet: wir geben  hier seine Ausführungen, die er uns zur Verfügung gestellt hat, gerne wieder, da sie uns grundsätzlich wichtig erscheinen.“[11]

„Sie schreiben mir einen Brief aus der Nähe von Marseille. In den kleinen Badeorten am Golf de Lyon, in den Hotels von Zürich, Prag und Paris, schreiben Sie, säßen jetzt als Flüchtlinge die jungen Deutschen, die mich und meine Bücher einst so sehr verehrten. Durch Zeitungsnotizen müßten Sie erfahren, daß ich mich dem neuen Staat zur Verfügung hielte, öffentlich für ihn eintrete, mich als Akademiemitglied seinen kulturellen Plänen nicht entzöge.“[12]

Während Klaus Mann die Entbehrungen des Exils, die Not der mittellosen Emigranten in den „kleinen Hotels“ anspricht, so schreibt Benn scheinheilig von den „kleinen Badeorten am Golf de Lyon“ und vom Leben „in den Hotels von Zürich, Prag und Paris“ so, als ob die deutschen Flüchtlinge lediglich luxuriöse Ausflüge unternommen hätten. Über die Flüchtlinge schreibt Benn, mit den Flüchtlingen, die ins Ausland reisten, könne man nicht reden.[13]

Immer wieder verfälscht Benn die angeblichen Zitate aus dem Brief von Klaus Mann und wird offen höhnisch und beleidigend:

„In Ihrem Brief lautet die Stelle so: ‚Erst kommt das Bekenntnis zum Irrationalen, dann zur Barbarei, und schon ist man bei Adolf Hitler.‘ Das schreiben Sie in dem Augenblick, wo doch vor aller Augen Ihre opportunistische Fortschrittsauffassung vom Menschen für weiteste Strecken der Erde Bankerott gemacht hat, wo es sich herausstellt, daß es eine flache, leichtsinnige, genußsüchtige [!] Auffassung war, daß nie je in einer der wahrhaft großen Epochen der menschlichen Geschichte das Wesen des Menschen anders gedeutet wurde als irrational, irrational heißt schöpfungsnah und schöpfungsfähig. Verstehen Sie doch endlich dort an Ihrem lateinischen Meer, daß es sich bei den Vorgängen in Deutschland gar nicht um politische Kniffe handelt, […] sondern es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert [!] und ein Volk will sich züchten.“[14]

Über die biologische Züchtung des deutschen Volkes und des Neuen (arischen)  Deutschen Menschen veröffentlicht Benn einen ganzen Aufsatz, in dem er u. A. schreibt:

„Welches werden sonst seine (des Neuen Deutschen Menschen. Anm. AS) Ziele sein? Halb aus Mutation und halb aus Züchtung hieß im vorigen Abschnitt, und wieviel Geist, mehr Zentaur (halb Stier, halb Mensch. Anm. AS) oder mehr aus der Phiole (Reagenzglas. Anm.AS), fragen wir uns, und wieder stoßen wir, und zwar in geistigen Reichen, auf das Wort Züchtung, von dem viele meinen, das es den neuen Menschen infolge eines gewissen legislativen (von der Gesetzgebung Anm.AS) von vornherein moralisch belaste und jeder inneren höhe beraube, wir müssen daher zur Verteidigung des neuen Menschen diesen Begriff genau und aus seiner eigenen Geschichte leiten.“[15]

[1] Ebd.

[2] R.  Frey: Gottfried Benns Engagement für den Nationalsozialismus am Beispiel der Essays.  (http://www. mythos-magazin. de/ideologieforschung/rf_benn. pdf, S. 4. ).

[3] Ebd. , S.  1.

[4] Frey: Gottfried Benns Engagement.  S.  3.

[5] Ebd.

               [6] J.  Dyck: Gottfried Benn.  Berlin 2009, S.  90.

[7] Ebd. , S.  91.

[8] Deutsche Allgemeine Zeitung.  Berlin 25. Mai 1933, Titelblatt.

[9] J.  Dyck: Der Zeitzeuge.  Gottfried Benn 1929 – 1949.  Göttingen 2006, S. 104.

               [10] Gottfried Benn: Brief an die literarischen Emigranten.  In: Dieter Wellersdorf: Gesammelte Werke IV.  Stuttgart 1981, S. 27-29.

[11] Gottfried Benn: Antwort an die literarischen Emigranten.  In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 25. Mai

1933, S.  1-2.  

[12] Benn: Antwort an die literarischen Emigranten. , S.  1-2.

[13] Ebd. , S. 1.

[14] Ebd.

[15] Gottfried Benn: Züchtung.  In: Gottfried Benn (Hg. ):Der neue Staat und

die Intellektuellen.  Stuttgart 1933, S.  158.

[16] Benn: Antwort an die literarischen Emigranten. , S.  1-2.

[17] Ebd. , S.  1-2.

 

Es etabliert sich gerade ein neues deutsches Freiheitsverständnis. Abgehandelt wird er an der Burka. In der linken Tageszeitung taz prangte vor kurzem auf Seite eins die Schlagzeile: „Freiheit ist die Freiheit des Andersbekleideten.“ Die Süddeutsche Zeitung lässt eine Verhüllte beteuern: „Ich fühle mich mit meinem Niqab frei.“ Und der Spiegel sekundiert allen Ernstes: „Die Burka kann ein Zeichen der Freiheit sein.“ Die total verhüllte, gespenstisch unsichtbar gemachte Frau – Freiheitsstatue der Linken! Ebenfalls im Spiegel, dem Magazin, das sich einst der bürgerlichen Emanzipation verpflichtet fühlte, wird ausführlich begründet, „warum wir den Glauben anderer schützen müssen“. Ja, das ist ja das Faszinosum: endlich wieder Gläubige! Zuhauf! Millionen!

Wo glaubt noch jemand an ein gläubiges Deutschland? – offenbar im Bundeskanzleramt

Lange musste die Linke leiden unter der säkularen westlichen Zivilisation, einer seit drei Generationen anhaltenden Entzauberung Deutschlands. Mit der Religion des Sozialismus hat’s nicht geklappt. Der Achtundsechziger-Glaubensaufstand entpuppte sich als Kirmes. Die DDR endete als ökonomischer Sanierungsfall. Es war die Hölle. Zumindest ein Fegefeuer. Wo glaubt noch jemand an ein gläubiges Deutschland?

Offenbar im Bundeskanzleramt. Dort meint die Chefin selbst: „Wir haben doch alle Chancen und Freiheiten, uns zu unserer Religion zu bekennen. Und wenn ich etwas vermisse, ist es nicht, dass ich jemandem vorwerfe, dass er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, sondern dann haben wir doch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind. Haben wir doch dann auch bitte schön die Tradition, mal wieder in den Gottesdienst zu gehen, ein bisschen bibelfest zu sein.“

Das ist es, das Bild vom neuen Deutschland: bibelfest die Bürger, gottesfürchtig die Gesellschaft, ob muslimisch, jüdisch oder christlich. Und vor allem gläubig multikulturell. Das Grundgesetz wird dazu einfach auf den Kopf gestellt: Die Religionsfreiheit ist das neue oberste Gebot, untergeordnet ist ihm die Gleichberechtigung der Frau, womit sich die neudeutschen Werte aufs Harmonischste anschmiegen an Koran und Scharia. Ja, wir schaffen das: das neue Deutschland.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nennt es „Merkels Manhattan-Projekt“, in Anlehnung an die hochgeheime Konstruktion der Atombombe in den USA der vierziger Jahre. Eine bedrohliche Vision, die das konservative Blatt seinen Lesern da eröffnet. Innenminister Thomas de Maizière seufzte ganz verzweifelt im Stern: „Wir wissen nicht mehr, wer wir sind.“ Doch Flüchtlingsidol Merkel beschwichtigt alle Irritierten: „Deutschland wird Deutschland bleiben.“

Ja, Deutschland bleibt Deutschland – das Deutschland der ewigen Sehnsucht nach einem neuen Deutschland.

Zuerst erschienen im Montsmagazin Cicero. Wir danken für die Erlaubnis diesen Beitrag zu veröffentlichen.

http://www.achgut.com/artikel/schon_wieder_ein_neues_deutschland_-_eine_endlosschleife

Die Straße frei dem rot-rot-grünen Mob, die Fäuste hoch, die Reihen fest geschlossen!

Am Tag vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus war das ganze politische Berlin auf den Beinen. Allerdings fiel es manchem schwer, sich zu entscheiden. Geht man zur Demo gegen Ceta und TTIP, wo linke und rechte Kritiker des Freihandels vereint sind, zum Marsch für das Leben oder zur Gegendemo der Grünen und Linken am Brandenburger Tor? Ich wollte wissen, wie es um die Demonstrationsfreiheit in Deutschland 2016 bestellt ist, da bot sich der Marsch für das Leben an, der am Reichstag beginnen sollte.

Auf dem Weg dorthin kam ich am Brandenburger Tor vorbei, wo gerade Anton Hofreiter von den Grünen das Wort ergriff. Das  Publikum von unter hundert Teilnehmern, war überwiegend in die Lederkluft der 70er Jahre gekleidet. Die Gesichter ernst, zum Kampf entschlossen. Hofreiter lieferte im Stakkato  alle Phrasen, die damals schon die Eltern seiner jüngeren Zuhörer serviert bekamen. Die anwesenden Veteranen nickten zustimmend zur Rhetorik ihrer Jugend. Es waren allerdings nicht mehr der „Schweinestaat“, oder die „Kapitalisten“, sondern die „Rechten“ oder „Rechtspopulisten“, die angeblich  dabei sind, die emanzipatorischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zu zerstören. Frauenemanzipation, Gleichstellung für Schwule und Transgender seien akut bedroht. Allerdings erwähnte Hofreiter mit keinem  Wort die Hauptgefahr, den Islamismus. Die ganze Veranstaltung wirkte wie aus der Zeit gefallen.

Die Wiese auf der Westseite des Reichstags, wo sich die Marschierer für das Leben versammelt hatten, war weiträumig abgesperrt. Die Polizei hatte offensichtlich den Befehl, Demonstranten und Gegendemonstranten strikt voneinander zu trennen. Das tat sie mit aller Konsequenz. Vor der Absperrung schrien sich etwa zwei Dutzend willige Antifa-Anhänger die Kehlen wund, dahinter herrschte friedliche Kirchentagsatmosphäre. Herzförmige rote Luftballons, Plakate mit Babybildern, sanfte Lieder von der Band, Redner, die das Leben feierten, auch wenn es Schmerz bedeutet.

Wie ihre Urgroßeltern in den 30er Jahren

Ich stimme in vielen Punkten nicht mit den Demonstranten überein, weil ich mir das Recht selbstbestimmt sterben zu wollen, nicht absprechen lasse, aber emotional war ich auf ihrer Seite, denn sie zeigen die Toleranz, die ihre Gegner vermissen lassen.

Als sich der Zug in Bewegung setzte, wurden auch die Gegendemonstranten aktiv. Sie rannten neben der Demonstration her, stellten sich an markanten Stellen auf und versuchten, durch lautes Schreien zu stören. Neben den Slogans, die auf jeder Antifa-Demo zu hören sind, wurde vor allem gebrüllt: „Hätte man euch doch abgetrieben!“. Oder es wurde den Demonstranten von  hysterischen Jungmädchen mit sich überschlagenden Stimmen mehr Analverkehr empfohlen. Daneben kamen Trillerpfeifen zum Einsatz. Ein besonders eifriger und handwerklich geschickter Antifant hatte eine lebensgroße Marienfigur aus Sperrholz gebastelt, mit beweglichem Arm, der vor dem nackten Unterleib der Gottesmutter hin- und herbewegt wurde. Soviel zum Respekt vor Andersgläubigen. Denn der Schöpfer dieser onanierenden  Maria würde vermutlich sofort auf die Knie gen Mekka fallen und Allahu Akbar rufen, sobald ihn ein Islamist darauf aufmerksam gemacht hätte, dass Maria eine im Islam hochverehrte Heilige ist.

Einmal gelang es einem Jüngling, die Polizeikette zu durchbrechen. Er entriss einer  Mutter mit behindertem Kind ein Kreuz und warf es unter dem Gejohle seiner Genossen in die Spree. Spätestens dann wurde offensichtlich, dass sich die Jugendlichen benahmen, wie ihre Urgroßeltern in den 30er Jahren. Mit hassverzerrten Gesichtern andere Meinungen niederbrüllen, Andersdenkende attackieren, ihnen verbal den Tod  wünschen- das ist Faschismus. Wer waren diese Jugendlichen? Es waren sichtlich nicht die harten Antifanten, sondern Gymnasiasten aus besseren Häusern. Der Typ, dem von den überfürsorglichen Eltern jedes Steinchen aus dem Weg geräumt wurde, der sich darauf verlassen konnte, dass Mama oder Papa sich den Lehrer zur Brust nahmen, wenn er eine schlechte Zensur bekam. Eine Generation, der eingetrichtert wurde, dass sie jedes Recht, aber keine Pflichten hat. Eine Kohorte von scheinbaren Individualisten, die nie gelernt hat, selbst zu denken, Verantwortung zu übernehmen, sondern die sich in der Masse bewegt, wie fremdgesteuert.

Beim Marsch für das Leben waren sie eine verschwindende Minderheit. Ich habe an mindestens sechs verschiedenen Stellen die immer gleichen dutzend Gesichter gesehen. Wie die Polizei hinterher bekannt geben konnte, es wären 1500 Gegendemonstranten gewesen, kann nur erklärt werden, indem jeder etwa zehnmal gezählt wurde.

Aber diese lautstarke, aggressive Minderheit hat das Demonstrationsrecht praktisch außer Kraft gesetzt. Wenn 1300 Polizisten eingesetzt werden müssen, um 8 000 Demonstranten zu schützen, kann von Demonstrationsfreiheit nicht mehr die Rede sein.

Von der Politik werden die Zerstörer unserer demokratischen Rechte übrigens unterstützt: Linke, Grüne und SPDler haben sich hinter die Gegendemonstranten gestellt, darunter der Regierende Bürgermeister Müller. Müller will nach der Wahl eine Rot-Rot-Grüne Regierung anstreben. Eine gute Nachricht für die Genossen von der Antifa, eine schlechte für die Demokratie in Berlin.

Erschien zuerst auf : Freedom is not free

Das Dritte Reich und die DDR waren Wertegemeinschaften – wir sollen uns tunlichst davon fernhalten

Von Giuseppe Gracia. Politiker reden im Moment gern von „Wertegemeinschaft“ oder „Leitkultur“. Als wolle man uns in bewegten Zeiten mit harmonisierenden Werten und Ansichten beglücken. Was bedeutet der Versuch, politische Programme mit Verweis auf höhere Werte verbindlich ans Gewissen der Bürger zu binden und Alternativen als ethisch minderwertig abzukanzeln?

 

Von Giuseppe Gracia.

Im Klassiker „L’etranger“ von Albert Camus (1942) wird der Fremde, eine Figur von verstörender Ehrlichkeit, hingerichtet: letztlich nicht deshalb, weil er auf jemanden schiesst, sondern weil er an der Beerdigung seiner Mutter nicht weint und sich auch sonst weigert, mehrheitsfähige Gefühle und Ansichten an den Tag zu legen. Er verstösst gegen die moralische Konformität, das wird ihm zum Verhängnis.

Wie sieht es heute aus mit dem Zwang zur moralischen Konformität? Kürzlich sprach die Publizistin Cora Stephan hier von „Denkverboten statt Debatte„. Sie beschreibt das Phänomen einer sich verengenden Meinungsäusserungsfreiheit in Europa, bei Reizthemen wie Islam, Migrationspolitik oder Gender. Tatsächlich scheinen nicht wenige Leute das Gefühl zu haben, irgendwo da draussen gäbe es eine fürsorgliche Aufklärungs-Gendarmerie, die zwar nicht über totalitäre Strukturen verfügt, doch aber über eine massenmediale Schwarmintelligenz.  Was bedeutet das für unser Selbstverständnis als säkulare Gesellschaft? Säkularismus meint ja nicht nur die Trennung von Staat und Religion, von Gesetzgebung und persönlicher Weltanschauung. Sondern die Erkenntnis, dass eine liberale Gesellschaft allen Mitgliedern eine gedanklich-moralische Sphäre der Freiheit garantieren muss. Das geht nicht ohne Trennung von Macht und Moral.

Und dennoch reden Politiker im Moment gern von „Wertegemeinschaft“ oder „Leitkultur“. Als wolle man uns in bewegten Zeiten mit harmonisierenden Werten und Ansichten beglücken. Der Mitte-Links-Block tut dies gewöhnlich mit einem merkwürdig missionarischen Relativismus, der zwar nichts wissen will von einer zivilisatorischen Überlegenheit des Westens, aber trotzdem danach strebt, möglichst viele in diesen Westen hinein zu erziehen. Im bürgerlichen Mitte-Block dominiert ein geglätteter Pragmatismus zwecks Machterhalt, verkauft als angebliche Vernunft der Mehrheit. Während man im rechten Block von der Wiedergeburt einer patriotischen Gesinnungsgemeinschaft träumt – von einer Gemeinschaft, die auch als gedanklicher Grenzzaun gegen fremdländische Identitätsverwirrungen taugt.

Das Dritte Reich war eine Wertegemeinschaft – wir sollten uns davon fernhalten

Was ist davon zu halten? Was bedeutet der Versuch, politische Programme mit Verweis auf höhere Werte verbindlich ans Gewissen der Bürger zu binden und Alternativen als ethisch minderwertig abzukanzeln? Dazu der Philosoph Robert Spaemann 2001: „Es ist gefährlich, vom Staat als ‚Wertegemeinschaft‘ zu sprechen, denn die Tendenz besteht, das säkulare Prinzip zu Gunsten einer Diktatur der politischen Überzeugungen zu untergraben. Das Dritte Reich war eine Wertegemeinschaft. Die Werte – Nation, Rasse, Gesundheit – hatten dem Gesetz gegenüber immer den Vorrang. Das Europa von heute sollte sich von diesem gefährlichen Weg fernhalten.“

Und wie sieht es mit unseren Medien aus? Gewiss ist die Rede von der „Lügenpresse“ übertrieben und führt in den Nebel der Verschwörungstheorien. Trotzdem darf man feststellen, dass einige Medienschaffende, sei es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder in der Presse, . Statt für Meinungsfreiheit kämpfen sie lieber gegen die „Hetze“ politischer Gegner. Statt einen Pluralismus der Anschauungen zuzulassen schüchtern sie lieber mit der Diskriminierungs-Keule ein – Seite an Seite mit Politikern und ausgewählten Sozialingenieuren. Das Ziel ist offenbar nicht mehr die Vermittlung umstrittener Sachverhalte, sondern die Formung eines moralisch erwünschten Volkskörpers.

Nur folgerichtig, wenn es dann zur journalistisch verpackten Propaganda für gesinnungsverwandte Regierungsprogramme kommt, wie eine aktuelle Studie der Hamburg Media School zeigt. Die Auswertung von 34 000 Pressebeiträgen zwischen 2009 und 2015 zum Thema Flüchtlinge ergab: 82 Prozent der Beiträge waren positiv, nur 6 Prozent hinterfragten kritisch die Flüchtlingspolitik der Regierung. Leider gibt es keinen Grund zur Annahme, dass eine solche Regierungsnähe nur in deutschen Medien oder nur beim Thema Migration vorkommt. So wenig wie die Verfolgung des sogennaten „Hate speech“ nur bei Facebook stattfindet.

Die Kirchen dienen sich dem Staat als Moralinspender an

Dazu erklärt die Amerikanische Anwaltskammer sinngemäss: Äussert sich jemand heutzutage über eine Gruppe von Menschen, die sich deswegen beleidigt fühlt, ist das bereits „Hate Speech“. Mit anderen Worten: es werden Gefühle und Anschauungen kriminalisiert und aus der Öffentlichkeit verbannt, mit Regierungsbeteiligung. Ein Beispiel aus Deutschland ist Bundesjustizminister Heiko Maas: dieser arbeitet seit 2015 mit Facebook und anderen Organisationen an „Vorschlägen für den nachhaltigen und effektiven Umgang mit Hasskriminalität“. Das geht in Richtung einer Mind Police, die ihre Einsatzwagen bestimmt nicht nur durch die sozialen Medien fahren lassen wird.

Dass diese Probleme zur Zeit durch einen anti-säkularen Islam verschärft werden, ist bekannt. Aber wie verhalten sich eigentlich die christlichen Kirchen? Im Moment empfehlen sie sich der Gesellschaft weniger durch den Anspruch, den geoffenbarten Willen Gottes kundzutun und die Auferstehung von den Toten zu bezeugen, als durch das Angebot, die Gesellschaft durch Wertevermittlung zu stabilisieren. Also auch hier eine Liebschaft zwischen Macht und Moral? Es sieht leider danach aus, wenn man sich dem Staat als zivilreligiöser Moralinspender anbietet.

Und dann gibt es ja auch bei den Christen das Lager der Fundamentalisten, die den Säkularismus überhaupt ablehnen und die Moderne dämonisieren. Das ist eine tragische Entwicklung. Nicht nur deshalb, weil damit der freiheitliche Staat ohne genuin christliche Verteidigung bleibt. Sondern auch deshalb, weil Jesus selbst die Unterscheidung zwischen Gott und Kaiser gemacht hat, zwischen weltlicher Macht und persönlicher Weltanschauung.

Christen, die das ernst nehmen, könnten für die Verteidigung des Rechtsstaates heute sehr wertvoll sein. Sie müssen den Säkularismus nicht als Gegensatz zum Christentum oder als Feind des Glaubens sehen, sondern als Kind aus der gleichen Familie. Dazu erklärt der Oxford-Professor Larry Siedentop im Buch „Die Erfindung des Individuums„, wie das christliche Denken den Weg zum Liberalismus nicht nur geebnet, sondern überhaupt erst ermöglicht hat und warum der Säkularismus aufgrund seiner religiösen Wurzeln gerade von Christen verteidigt werden sollte.

Ein Stein, den wir im Einsatz für die Freiheit immer wieder hochrollen müssen

So scheint die Trennung zwischen Macht und Moral immer weniger Verbündete zu finden. Sei es aufgrund eines Staates, der sich als Wertegemeinschaft versteht, oder aufgrund der Volkstherapeutik einer humanistisch erleuchteten Elite. Aber vielleicht gehört es gerade zum Wesen der individuellen Freiheit, dass ihre Verteidgung so anspruchsvoll ist. Denn der Einsatz für diese Freiheit schliesst stets die Freiheit dessen mitein, der mir Widerstand leistet, der mich ärgert und abstösst. Das bedeutet laufende Toleranzzumutungen und eine Pflicht zur Selbstdisziplinierung.

Natürlich darf man sich in einer Demokratie wünschen, dass die Mehrheit der Menschen, die zum Gesetzesgehorsam verpflichtet sind, die Wertintuitionen teilen, die den Gesetzen zugrunde liegen. Sonst haben auf die Dauer die Gesetze selber keinen Bestand. Aber diese Intuitionen zu teilen, kann nicht selbst wiederum erzwungen oder zur Bürgerpflicht erhoben werden. Denn das wäre ein Verrat an der Freiheit, die es ja gerade zu verteidigen gilt. Eine Verteidigung, die ohne Generallösungen auskommen muss und nie aufhört.

Das bringt uns zu Albert Camus zurück. Im „Mythos von Sysiphos“ (1942) beschreibt er, wie Sysiphos von den Göttern dazu verdammt wurde, auf dem Rücken eines unbesiegbaren Berges auf Ewig einen Stein hochzurollen, nur um ihn jedes Mal wieder hinabrollen zu sehen. Camus sieht darin ein Sinnbild der Existenz: den ebenso absurden wie grossen Kampf um die Freiheit. Camus schlägt vor, dass wir uns Sysiphos als glücklichen Menschen vorstellen, weil er trotz seiner Lage nicht aufgibt und dadurch grösser wird als sein Schicksal. Eine bis heute treffende Parabel. Zumindest dann, wenn wir uns vorstellen, dass unser aktuelles Ringen um die Trennung von Macht und Moral sich so anfühlt wie dieser Stein, den wir im Einsatz für die Freiheit immer wieder hochrollen müssen, auf den Berg menschlicher Schwächen und Bedrohungen.

Giuseppe Gracia ist freier Autor und Infobeauftrager des Bistums Chur

Siehe auch:

Dieses unser Land gehört wieder einmal selbsternannten Eliten, diesmal den neuen Moralisten.

https://psychosputnik.wordpress.com/2016/07/18/dieses-unser-land-gehoert-wieder-einmal-selbsternannten-eliten-diesmal-den-neuen-moralisten/

und

Psychokratie – eine neue Nomenklatura in Deutschland

https://psychosputnik.wordpress.com/2015/06/13/psychokratie-eine-neue-nomenklatura-in-deutschland/

Populismus, das blödeste Schimpfwort überhaupt

„Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus.“ Seit über 40 Jahren wird die alte Freud‘sche Sentenz von der modernen Verhaltensforschung neu interpretiert. Viel Aufmerksamkeit erhielten vor allem Daniel Kahnemanns und Amos Tverskys Arbeiten über Verhaltensweisen, die in ihren Augen die Linie der Vernunft verließen.

Menschliche Handlungen entsprächen nicht immer kühl berechnender Kalkulation, wie das z.B. die Ökonomen gern sähen. Im Kern behaupten sie, der Mensch sei psychologisch nicht qualifiziert, rationale Entscheidung zu treffen.

Diese Kritik am rationalen Nutzenmaximierer wurde eifrig aufgegriffen von den politischen Großerziehern. Sie witterten die Chance, ihr Menschenbild „wissenschaftlich“ zu legitimieren. Der gemeine Bürger, er wisse gar nicht, was gut für ihn sei; er bedürfe kluger Lenkung, ja, man müsse ihn gar vor sich selber schützen.

Niemand hat das so unverblümt ausgesprochen wie Hillary Clinton: „We can’t expect our people to make the right choices“ (Deutsch: Wir können von den Leuten nicht erwarten, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen).

Keine richtigen Demokratien

Eine der jüngsten Anwendungsformen dieses Menschenbildes ist das Verdikt „Populismus!“ Schnell ist der Vorwurf bei der Hand, der jeden exkommuniziert, der sich nicht geschmeidig in die politisch korrekte Schweigespirale fügt.

Ein Argument, das auch im Programmheft der AfD oder der Schweizer SVP stehen könnte, ist keins. Sondern ein Grund eisigen Schweigens, betretenen Wegschauens bzw. talkshowtauglicher Empörung. Wer es aufbietet, ist nicht satisfaktionsfähig. Vielmehr irgendwie nicht ganz bei Trost, der Komplexität des Themas nicht gewachsen, steht auf jeden Fall in jener Ecke, in der das Denken aufhört und aus der es kein Entrinnen gibt: rechts.

Vor allem dort waltet der Populismus. Dort tummeln sich auch keine richtigen Demokraten, sondern falsche, weil lediglich numerische, die Stimmen zählen. Die sind streng zu unterscheiden von den richtigen, den normativen Demokraten, die Stimmen gewichten. Erstere sind tumbe Toren, letztere haben privilegierten Zugang zur Wahrheit.

Der Populismus-Vorwurf ist kurios

Wer oft im Ausland weilt, liest überall die gleiche Denkfigur: die Schweizer SVP, die deutsche AfD, der französische Front National, die österreichische FPÖ, die niederländische PVV, Trump, das alles seien ressentimentgeladene Populisten, denen das Volk „auf den Leim gehe“, denen die „kleinen“ Leute „hinterherlaufen“, sich von „einfachen“ Botschaften gerne „verführen“ und „in die Irre führen“ ließen. Sie wollten ohnehin bloß dem „Establishment“ eins auswischen, nur kritisieren, nie konstruktiv mitarbeiten.

Birthler wirft AfD Verlogenheit vor

Im Interview mit der Welt geht die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen hart mit der AfD ins Gericht. Sie sieht Parallelen zwischen der SED und der rechtspopulistischen Partei.

Quelle: Die Welt

Man zähle nur die in den letzten Monaten veröffentlichten Artikel, die vor größerem direktdemokratischen Einfluss in Deutschland warnen. Tenor: Triumph des Ressentiments! Tyrannei der Mehrheit! „Reaktiver Expressionismus!“ (Manfred Schneider)! Als wäre die Schweiz ein anarchisches Tollhaus.

Dabei ist der Vorwurf des Populismus demokratietheoretisch kurios: Populisten, die Populisten Populisten nennen. Wollen CDU und SPD nicht gewählt werden? Schielen die nicht auf „das Volk“? Wäre mehr demokratische Akzeptanz von EU-Entscheidungen nicht wünschenswert?

Sind Wähler, die sich nicht an die tradierten Alternativen halten, trotzige Kinder? Oder haben sie nicht doch Gründe, Politikangebote abzulehnen, die den Souverän bei wichtigen Zukunftsfragen ausblenden? Ganz rationale Gründe?

Ein Angriff auf die Demokratie

Wenn wir anerkennen, dass der Mensch immer eigennützig handelt (nicht notwendig egoistisch!), dass er nicht nur materielle Motive kennt, sondern auch gefühlsökonomisch kalkuliert, eben soziale Präferenzen kennt, dann sind das – aus der Innensicht – ganz rationale Gründe. Dann sollten wir uns für diese Gründe interessieren.

Welche Ansprüche verbergen sich hinter der Gegnerschaft gegen Freihandelsabkommen, Willkommenskultur, EU, Burka, gleichgeschlechtliche Ehe? Man muss die Protagonisten dieser Ansprüche nicht mögen, man muss ihre Weltsicht nicht teilen, schon gar nicht die Konsequenzen ihrer Handlungsvorschläge.

Und ihr autokratischer Kreuzzug zum Schutz der „wahren“ Demokratie und eines homogenisierten „Volkes“ ist anmaßend. Aber hinter dem Populismus-Vorwurf verbirgt sich die prekäre Unterscheidung zwischen guten, normativ gewichteten Wählern und schlechten, weil rein numerisch zählenden Wählern.

Die Gründe der Letzteren gar nicht erst ernst zu nehmen, verunmöglicht einen liberalen Diskurs und verletzt die Spielregel eines nicht auf Konsens, sondern auf Dissens gebauten Gemeinwesens. Das ist wahrhaft ein Angriff auf die Demokratie.

Der Autor ist Managementberater und hat mehrere Bücher geschrieben.

Otto Normalvergaser hat die Deutungsherrschaft, der Jude soll schweigen.

Ausgabe

#11 vom 08.06.2009

Traditionslinien in Enzo Traversos Gesellschaftskritik

Der Jude muss schweigen. Davon hängt sein Werk ab. Es lebt von der Judenfrage und der Judenvernichtung und davon, diese als nicht spezifisch jüdische darzustellen. Was im Zentrum seines Werkes steht, das muss er immer wieder zum Verschwinden bringen, daher die Rastlosigkeit und die stetig abgewandelte Wiederkehr seiner Bemühungen. Und dabei geht es Enzo Traverso zunächst um etwas ganz anderes. In seinem neuesten Buch Im Bann der Gewalt um eine Neuinterpretation der Zeit zwischen 1914 und 1945, in seinen Büchern von 1993 bis 2003 darum, den Nachweis zu führen, dass zwischen Holocaust und Moderne ein intimer Zusammenhang bestehe.

 Europäischer Bürgerkrieg gegen Deutschland

Die Zeit zwischen 1914 und 1945 nennt Traverso, in Anlehnung an Eric Hobsbawm [1], ein „Zeitalter der Extreme“, in das nicht nur zwei Kriege fielen, sondern das auch eine Epoche der Revolutionen gewesen sei. Er nennt sie auch die des „europäischen Bürgerkriegs“ (Im Bann, S. 9), eine Bezeichnung, die er Ernst Nolte entleiht [2], von dessen revisionistischen Intentionen er sich deswegen absetzen muss. Ein Bürgerkrieg, das weiß auch Traverso, ist „kein zwischenstaatlicher Konflikt, sondern ein Ordnungsbruch im Inneren eines Staates, der sich nicht mehr in der Lage sieht, sein Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten“ (ebd., S. 81), und deswegen macht der Begriff des „europäischen Bürgerkriegs“ keinen Sinn, denn Europa war und ist kein Staat, in dessen Innerem ein kriegerischer Konflikt ausgefochten worden wäre. Man kann diesen Gedanken auch vernachlässigen, denn weder erfährt man über diesen angeblichen Bürgerkrieg viel, noch begründet Traverso sein Konzept. Er bemüht sich lediglich, formale Merkmale eines Bürgerkrieges in der Epoche von 1914-1945 wieder zu finden, aber weder die Strategie eines unconditional surrender [3], noch die Selbstzweckhaftigkeit des Kriegführens [4] und auch nicht der gnadenlose Krieg gegen die Zivilbevölkerung [5] treffen auf alle Bürgerkriege und auf alle Beteiligten der Kriege und Konflikte zwischen 1914-1945 zu.

Traverso beschwört Europa immer wieder als Einheit, so wenn er den Ersten Weltkrieg als „eine europäische Krise“ (ebd., 141) bezeichnet und es zum Subjekt macht, welches nach dem Ersten Weltkrieg „damit beschäftigt [war], seine Wunden zu verbinden“ (ebd., S. 160). Belege für sein Bild eines gegen Europa geführten europäischen Bürgerkrieges findet er v.a. bei Äußerungen von Autoren aus der Zwischenkriegszeit [6], aber Wahrnehmungen von Literaten schaffen noch keine Fakten. Das Konzept des europäischen Bürgerkrieges funktioniert nur vor dem Hintergrund einer Idee, die Traverso immer wieder andeutet, nämlich dass die europaweit exilierte antifaschistische Linke die Trägerin eines geheimen Europas sei. [7]

Folgt man Traversos Überlegungen, dann wurde der europäische Bürgerkrieg hauptsächlich gegen Deutschland geführt, denn über weite Strecken präsentiert Im Bann der Gewalt die Deutschen als Opfer. Wo man Täter und Verantwortliche, v.a. deutsche, benennen könnte, da verwendet er unpersönliche Beschreibungen von subjektlosen Entitäten, die blind vor sich hinwirken. Der Titel des Buches gibt den Ton vor: wer im Bann der Gewalt steht, der tut, wie alle anderen Gebannten, nur das, was er anders nicht kann. Aber bei Traverso ist eine Doppelstrategie zu erkennen: deutsche Verbrechen werden unter den unterschiedslosen Bann ‚der Gewalt‘ subsumiert, militärische Aktionen gegen Deutschland hingegen nicht, sondern Subjekten mit – meist niederen – Intentionen zugeschrieben. Der Erste Weltkrieg bspw. entstand bei Traverso wie ein Waldbrand, denn das Attentat von Sarajevo war wie ein „Streichholz […], das einen Brand entzündete, der ganz Europa ergriff.“ Der Krieg selber wurde „von keinem seiner Akteure vorausgesehen oder gar gewollt. Hervorgerufen wurde er durch die Havarie einer diplomatischen Maschinerie“ (ebd., S. 80). Nach dem Krieg aber sind die Rollen klar verteilt, denn hier „entschied man sich, […] Deutschland zu bestrafen“ (ebd., S. 48), und so „bahnte er [der Versailler Vertrag] dann dem Faschismus den Weg“ (ebd., S. 50). Nachdem das uneuropäische Europa Deutschland bestraft und damit in den Nationalsozialismus getrieben hatte, sollte Deutschland im Zweiten Weltkrieg vernichtet werden. „Die Bomben sollten die deutsche Zivilgesellschaft unter einem Schutthaufen begraben und ihre Kultur vernichten. Der Nihilismus, der sich zuerst auf spektakuläre Weise in den Bücherverbrennungen zeigte, […] fand nun auf dem Höhepunkt des europäischen Bürgerkriegs sein logisches Ende“ (ebd., S. 135). Traverso differenziert nicht nach Intentionen und unvermeidbaren Nebeneffekten, dafür suggeriert er eine irgendwie bestehende Verbindung zwischen Nazis und Alliierten, die er durch das theoretische Kitt-Wort „logisch“ erschleicht. Zuerst verbrannten die Nazis und dann die Alliierten den europäischen Geist in Buchform; nicht taten die ersten mit Absicht, was die zweiten leider nicht verhindern konnten, wenn sie die ersten daran hindern wollten, nicht nur Bücher, sondern die ganze Welt anzuzünden. Geht es um alle Beteiligten des Luftkrieges, inklusive der Deutschen, so verlieren sich die konkreten Umstände schnell in der „Spirale der Gewalt“ (ebd., S. 131) und der „Logik des totalen Kriegs“ (ebd., S. 133); geht es hingegen um die alliierten Luftangriffe auf Deutschland, dann wird das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung beschworen, über das man laut Traverso in Deutschland jahrzehntelang nicht habe sprechen dürfen. [8] Geht es um die Nürnberger Prozesse, dann wird der Gegenstand dieser Prozesse, die deutschen Vernichtungskriege, schnell zu einer „gerade zu Ende gegangene[n] kriegerische[n] Auseinandersetzung“ (ebd., S. 154f.) neutralisiert, der Prozess selber hingegen zum selbstherrlichen Schauspiel einer ungerechten Siegerjustiz stilisiert, die v.a. ihr „Rachebedürfnis befriedigen“ wollte (ebd., S. 149ff.).

 Holocaust und Moderne

Traverso behauptet, dass zwischen ‚der Moderne‘ und dem Holocaust ein enger innerer Zusammenhang bestehe. Es ist Konsens in verschiedenen Disziplinen, dass die Herausbildung durchrationalisierter Strukturen eine der bestimmenden Züge moderner Gesellschaften ist. Traverso greift hier die weberianischen Diagnosen über das Wesen der Bürokratie auf und kombiniert sie mit einer marxistischen Entfremdungskritik des Fabrikwesens. Er folgt auch der These der Radikalisierung der Rationalisierung, dass diese sich immer weitere Bereiche der Gesellschaft subsumiere und zum Schaden der Lebenswelt nach ihrer eigenen Logik umforme, pointiert sie aber dahingehend, dass diese rücksichtslose Rationalisierung ihre extremste und brutalste Form in Auschwitz gefunden habe. In der systematischen Judenvernichtung ließen sich zum einen die Organisationsprinzipien von Bürokratie und Fabriksystem und zum anderen ältere Herrschaftsstrategien identifizieren.

Traversos Herstellung des Zusammenhangs hat unterschiedliche logische Status, dessen scheint er sich aber nicht bewusst zu sein. (1) stellt er den Zusammenhang über Vergleiche und Analogien her. [9] Zum zweiten sollen Moderne und Holocaust in einem inneren Bedingungsverhältnis zueinander stehen, das Traverso unterschiedlich dringlich fasst. (2a) habe die Moderne Auschwitz ermöglicht [10], habe also die Mittel bereitgestellt, um die Judenvernichtung durchzuführen. (2b) sei die Entwicklung von der Moderne zu Auschwitz wenn auch nicht notwendig (in einem historisch-teleologischen Sinn), so doch immerhin folgerichtig gewesen. [11] Eine Teleologie, eine Notwendigkeit, eine Unvermeidbarkeit, die Traverso an anderer Stelle verneint, schleicht sich hier durch Begriffe wie „Logik“ oder „Tendenz“ wieder ein. [12] (2c) sei in Auschwitz – auch wenn Traverso sich das metaphysische Vokabular wohl verbitten würde – das Wesen der Moderne zur Erscheinung gekommen. [13]Um dies noch in eine andere Richtung ein wenig auszubuchstabieren und durchzudenken: Gab es früher auch Herrschaft, Ausbeutung, Verfügung und Vernutzung, so seien diese früher doch nie gänzlich inhuman gewesen. Das Mischungsverhältnis vom grundsätzlich inhumanen Charakter von Herrschaft und Ausbeutung einerseits und humanen Rücksichten andererseits sei in Auschwitz entmischt worden. Herrschaft und Ausbeutung treten hier rein hervor, werden quasi rationalisiert, d.h. von allen Beigaben gereinigt. Einerseits sei in Auschwitz alles wie immer gewesen, habe business as usual geherrscht, andererseits sei das Ewiggleiche radikalisiert worden und damit viel schlimmer geworden.

Wohlgemerkt hat Traverso den traditionsmarxistischen Diskurs verlassen: es geht ihm nicht darum, einen ökonomischen Nutzen der Judenvernichtung oder ökonomische Interessen, die hinter ihr gestanden hätten, nachzuweisen. Die Rationalität der Shoah bezieht sich bei ihm nicht auf die Rationalisierung von Ausbeutung (= exorbitante Erhöhung des Mehrwerts durch die Möglichkeit zu besonderer Rücksichtslosigkeit gegenüber den Arbeitskräften), sondern auf die Rationalisierung (i.e. rationellere = effektivere Organisation) des Judenmords. Auch betont er, dass die Vernichtung nicht Mittel zu einem außer ihr liegenden Zweck, sondern Selbstzweck war. Insofern war sie „unvernünftig“ [14] und fügt sich auch nicht in eine Geschichtsteleologie. „In Auschwitz kam es zu der für das 20. Jahrhundert so charakteristischen Vereinigung einer hohen Rationalität der Mittel […] mit einer völligen Irrationalität der Zwecke“ (Auschwitz denken, S. 338). [15]

Dieser These von den Strukturen, die Auschwitz ermöglicht haben sollen, korrespondieren Vorstellungen vom Ablauf der Tat und vom Charakter und Verhalten der Täter. Diese hätten sich vom bisherigen Rassen- und Judenhass signifikant unterschieden, die Ermordung sei ruhig und sauber abgelaufen, die Täter seien keine sadistischen Hasstäter gewesen, sondern kalt kalkulierende, rational vorgehende Beamte und Bürokraten, die nur ihre Arbeit erledigt hätten. Letzteres lässt sich dahingehend auffächern, dass sie erstens, wie in der modernen Arbeitswelt von Fabrik und Bürokratie üblich, nur mit dem Teilbereich befasst gewesen seien, der ihnen als Arbeitsgebiet zugeteilt worden sei. Auf Grund der modernen Organisation von Arbeitsabläufen hätten sie auch gar keine Möglichkeit gehabt, den Gesamtprozess zu überblicken, d.h. also zu realisieren, dass sie ein kleines Stück zur Judenvernichtung beitrugen. Dieser objektiven Verhinderung von Einsicht in ihr Tun korrespondiert zweitens ein subjektiver Faktor, eine bestimmte Mentalität der Bürokraten der Endlösung. Diese seien nur an der effizienten Ausführung ihrer partikularen Tätigkeit interessiert gewesen, hätten ihre Aufgabe nur formal betrachtet, nicht dem Inhalt nach. Und dies impliziert, dass ihnen ihre Aufgabe gleichgültig gewesen sei und sie für jede beliebige Aufgabe universell einsetzbar gewesen sein müssen. Drittens folgt hieraus, dass sie tatsächlich nur Anweisungen befolgt hätten, denen sie auf Grund ihrer subalternen Mentalität sich nicht hätten entziehen können und über die sie sich auf Grund ihrer Borniertheit nie Gedanken gemacht hätten. [16]

 Zur Methode

Man kann dieses Bild vom Holocaust unter verschiedenen Aspekten kritisieren: Erstens es ist historisch/sachlich meist falsch, mindestens aber einseitig. Es ist zweitens in sich widersprüchlich, weil Traverso sich einander widersprechende Argumente vorbringt. Drittens sind seine Argumente schwach, weil er meist nur Analogien präsentiert und nicht den logischen Status seiner Indizien klärt. Dies sei hier nur kurz erwähnt und – zugegeben – nicht weiter material ausgeführt und begründet. Diese Kritik bleibt hier nur als These stehen; ausgeführt und begründet wird sie in Zukunft an anderer Stelle.

Worum es hier gehen soll, das ist ein weiterer Aspekt von Traversos Methode, auf die er nicht reflektiert und der er deswegen blind folgt. Es soll hier um die Anordnungen gehen, was als relevantes und legitimes historisches Indiz zugelassen wird und was nicht, um das also, worauf sein Gesamtbild vom Nationalsozialismus aufbaut – und was er hierzu nicht zulässt. Und an dieser Stelle kommt seinem vorletzten Buch, Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit, eine Schlüsselrolle zu, weil er in diesem versucht, eine bestimmte historiographische Perspektive methodisch auszuschließen: die jüdische und israelische. Dieser Ausschluss ist wichtig, denn diese Perspektive gefährdet sein Gesamtbild sowohl vom europäischen Bürgerkrieg als auch vom Zusammenhang von Holocaust und Moderne. In beiden Fällen verhindert die These von der Singularität der Shoah Traversos Versuch einer Kontextualisierung der Shoah, und im zweiten Fall zersetzt die Perspektive der Überlebenden sein Bild von Tat und Tätern.

 Singularität im Kontext

Traverso betont, dass die Shoah singulär war und ist [17], auch wenn er das, was an ihr singulär ist, inhaltlich falsch bestimmt und sich dabei obendrein selbst widerspricht. [18] Und an diesem Punkt gelangt man an eine für Traverso typische Doppelstrategie: etwas verbal zu behaupten – dies aber in der Praxis nicht zu berücksichtigen. Er behauptet die Singularität der Shoah – und handelt im weiteren nicht danach. Ja: die Shoah ist singulär – aber. Natürlich kann man die Shoah mit anderen Ereignissen der Geschichte vergleichen, man kann sie sogar gleichsetzen; man kann alles mit jedem vergleichen, es kommt nur darauf an, was man als das vergleichende Dritte einsetzt. Man sollte aber auf dieses Dritte reflektieren und dann schauen, ob man mit diesem Dritten der Shoah gerecht wird.

Traverso bereitet seine Kontextualisierungsversuche zunächst mit moralischen Bekenntnisformeln vor. „Natürlich möchten wir hier nicht die Singularität der Gewaltakte des Nationalsozialismus verharmlosen“ (Moderne und Gewalt, S. 24, meine Hervorhebung). Nachdem der eigene gute Wille zu Protokoll gegeben wurde, kann man dazu übergehen, dass man trotzdem kontextualisieren müsse. „Die ‚Endlösung‘ erscheint uns heute als der Höhepunkt einer ununterbrochenen Kette von Gewalttaten, Ungerechtigkeiten und Morden, die mit der Entwicklung der westlichen Welt einhergehen, und zugleich als ein einmaliger, mit nichts zu vergleichender Bruch innerhalb der Geschichte. Dies heißt, daß die Einzigartigkeit von Auschwitz nur in einem komparativen Verfahren wahrgenommen und analysiert werden kann, das in der Lage ist, es in einen größeren Kontext von Verbrechen und rassistischen Gewalttaten einzuordnen“ (Die Juden, S. 142, meine Hervorhebung). Dies wäre eine Quadratur des Kreises. Es ist sinnlos zu behaupten, dass die Shoah gleichzeitig singulär und gleichartig mit anderen Ereignissen sei. [19] Die Shoah wird hier nacheinander unter zwei unterschiedlichen und einander ausschließenden Hinsichten betrachtet. Das vergleichende Dritte seiner Kontextualisierung ist Gewalt, Grausamkeit, Ausbeutung, Herrschaft [20]; unzweifelhaft, dass dies Elemente des Holocaust sind, aber damit wird nicht das bezeichnet, was ihn ausmacht. Die Aspekte, mit und unter denen er die Shoah in die Kontextualisierung hineinzieht, sind die, die die Shoah zur bloßen Erscheinung eines Anderen machen. Sie war laut Traverso nicht nur der „Gipfel eines Berges aus den Trümmern und Leiden der Menschen“, sondern eben auch „[n]ur der Gipfelpunkt eines historischen Prozesses“ (ebd., S. 149 und 148, meine Hervorhebung). Die Fixierung auf die Aspekte, mit und unter denen er die Shoah in die Kontextualisierung hineinzieht, ist die, die er selber vorher als Kennzeichen für die Singularität abgelehnt hatte (Maximum an Grausamkeit und Opfern), und ist die, die das  Begreifen der Shoah verunmöglicht.

An dieser Stelle seien zwei Hinweise erlaubt. Zum einen spielt Traversos vergleichendes Dritte (‚die Gewalt‘) später genau dann keine Rolle mehr, wenn sie es müsste, nämlich bei der Phänomenologie der Tat und der Täter. Zum anderen – und ich betone hier ausdrücklich, dass diese Überlegung spekulativ ist und in den fragwürdigen Bereich der Psychologisierung übergeht – ist es möglich, dass mit dem nur moralischen Bekenntnis zur Singularität der Grundstein für ein Ressentiment gelegt wird, das man im Folgenden beobachten kann. Errichtet wird eine moralische Instanz, weil man sich die Singularitätsthese nur moralisch begründet vorstellen kann. Und diese moralische Instanz, ihre aus eigener Schwäche herrührende dogmatische Starrheit, an der man selber schuld ist, wird dann auf die Juden/Israel projiziert.

 Universale gesellschaftskritische Lehre

Die Kontextualisierung von Auschwitz ermöglicht es Traverso sowohl zu erkennen, dass Auschwitz „nicht nur eine deutsche Besonderheit, sondern eine europäische Tragödie des 20. Jahrhunderts“ sei (Auschwitz denken, S. 351), wie auch das „universelle Erbe von Auschwitz“ (ebd., S. 356) herauszustellen. Zu diesem Erbe gehört die Verpflichtung, dafür Sorge zu tragen, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Diesen kategorischen Imperativ Adornos hält auch Traverso hoch und ihn zu befolgen heißt für ihn, ‚die Moderne‘ respektive den Westen‘ kritisch zu begutachten, weil die Strukturen, die nach Traversos Ansicht schon einmal nach Auschwitz führten [21], nach wie vor bestehen. [22] Man solle auf die Janusköpfigkeit der Moderne [23] sowie auf die Brüchigkeit respektive Abgründigkeit ihrer Normalität aufmerksam werden. [24] Zu was für einer Art von Opposition ihn diese Einsichten treiben, das bleibt offen. Wenn Auschwitz „grundlegend die Geschichte des Abendlandes in Frage“ stelle (Die Juden, S. 140), dann stellt sich die Frage, ob nur die Geschichte oder auch das Abendland in Frage gestellt werden soll. Sein Urteil, dass „Auschwitz […] eine unerbittliche Verdammung des Okzidents“ bleibe (Nach Auschwitz, S. 117), hinterlässt das Unbehagen, ob hier die Wut über die misslungene Aufklärung sich nicht wieder mal gegen das Misslingen, sondern gegen die Aufklärung richtet; oder ob, schlimmer noch, das Misslingen der Aufklärung nur als Vorwand dient, in der Pose des gerechten Empörers die Aufklärung zu bekämpfen.

 Die jüdische Perspektive

Nur und erst die Kontextualisierung von Auschwitz erlaubt es, die universalen gesellschaftskritischen Lehren aus Auschwitz zu ziehen. Der Kontextualisierung – und, wie wir im weiteren sehen werden, Traversos gesamter Konstruktion des Zusammenhanges von Holocaust und Moderne – entgegen steht die jüdische Perspektive auf die Shoah, die des Überlebenden, inklusive seiner Nachfahren. In den Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit geht es vor allem darum, diese jüdische Perspektive zu einer hegemonialen zu stilisieren und Richtlinien für einen richtigen Gebrauch der Vergangenheit, insbesondere des Holocaust, festzulegen.

Wir betreten nun Gefilde der Vermutung, des Gerüchts und der Unterstellung, von nun an wird es mitunter schwierig, deutlich auszumachen, gegen wen und was Traverso sich wendet und wie er darauf kommt. Dies ist auffällig, weil er sich ansonsten bemüht, alle seine Thesen mit reichlich Fußnoten-Material zu unterfüttern. [25] Seinem Befund, dass Fragen zum Umgang mit der Vergangenheit und dass das Thema Erinnerung in den letzten Jahren eine erheblich größere Bedeutung erlangt haben, kann zugestimmt werden. [26] Aber auf welches Land bezieht er sich, wenn er von einer „Erinnerungsbesessenheit“ (Gebrauchsanleitungen, S. 8) und einer „Phase der Obsession“ spricht, „wie sie heute herrscht“ (ebd., S. 39), welche Erinnerung woran meint er und welche Zeitzeugen würden „auf einem Sockel“ stehen (ebd., S. 11) und „heute ungefragt zu Ikonen“ (ebd., S. 12)? Er sagt es nie explizit, aber man weiß, was er meint: Deutschland, den Nationalsozialismus, die Holocaust-Überlebenden. Es nicht sagen zu müssen und trotzdem damit rechnen zu können, dass jeder einen versteht – respektive andersherum: – es nicht explizit gesagt zu bekommen und trotzdem zu verstehen, was er meint, dies schafft ein besonderes Einverständnis zwischen Autor und Rezipienten.

Traverso macht die Erinnerung der Überlebenden en passant verächtlich, indem er sie mit Pejorativa aus der linken Theorie assoziiert [27], vor allem aber geht es ihm um ihre angebliche hegemoniale Stellung. Wer auf einem Sockel steht, der wird unangreifbar, dem unterwirft man sich (oder dem muss man sich unterwerfen) wie einer Götzenstatue und der lässt nichts anderes neben sich gelten. [28] Im Besonderen verdrängt werde die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand [29] – und damit die Möglichkeit genommen, Traversos linkes vereinigtes Europa als Appellationsinstanz zu etablieren. Im Allgemein bestehe die Gefahr, dass die Subjektivität der Zeitzeugenberichte die Objektivität der Geschichte verdecke. [30] Die partikulare jüdische Perspektive neige dazu, sich als allgemeine aufzuspreizen und drohe, alle anderen zu verdrängen. [31]

Traverso folgt der schon erwähnten Doppelstrategie: die Berechtigung der jüdischen Perspektive verbal anzuerkennen – und dies de facto nicht zu tun. Es gehe ihm nicht darum, die „Erinnerung auszuschließen, sondern sie auf Distanz zu halten und sie in ein größeres historisches Ensemble einzufügen“ (ebd., S. 27), aber dabei hält er sie so weit auf Distanz, dass sie sein historisches Urteil nicht mehr affizieren kann. Man könne auch verstehen, dass für einen jüdischen Historiker die Shoah einmalig sei, aber dieser dürfe diesen Völkermord nicht zum einzigen in der Geschichte machen. Dass die Shoah singulär ist, ist nun nicht mehr eine Einsicht, zu der man nach einem eingehenden Vergleich historischer Fakten gelangt, sondern nur noch die Perspektive jüdischer Erinnerung. [32]

 Die Zeugen der Anklage

Auch wenn Traverso weiß, dass „eigentlich […] jede historische Arbeit auch indirekt ein Urteil über die Vergangenheit“ enthält (ebd., S. 67), dass die Wahrheit des Historikers sich nicht darauf beschränkt, „die Fakten zu etablieren, sondern versucht, auch sie in ihren Kontext zu stellen“ und dass „[d]ieselben Fakten […] zu unterschiedlichen Wahrheiten“ führen (ebd., S. 68), so verfolgt er doch das Ziel, historische Objektivität zu etablieren. Dabei zeigt sich allerdings zum einen, wie wenig er von dem weiß, was er als partikulare Perspektive auf Distanz halten will, und zum anderen, wie unkritisch er dem gegenüber steht, was er als Quellen historischer Objektivität ansieht.

Denn mitnichten ist es so, dass die Erinnerung eines Überlebenden für diesen auf Grund seiner Subjektivität „keine Beweise für den [benötigt], der sie in sich trägt“ (ebd., S. 16). Diese Unterstellung würde schnell zerstreut durch einen Blick in die entsprechende Literatur. [33] Aber diese kommt bei Traverso nicht vor und seine Sprache zeigt, wie er sich diese Erfahrungen und damit die Realität des Holocaust jenseits imaginierter Amtsstuben von Schreibtischtätern vom Leibe hält. Wenn Überlebenden sich immer wieder verzweifelt das Problem stellt, dass die konventionelle Sprache auch in ihren drastischen Ausdrücken nicht hinreicht, um die Realität in den Lagern und ihre Gefühle zu beschreiben, so schwanken Traversos Beschreibungsversuche zwischen Ahnungslosigkeit und Verharmlosung: Ein „Zeitzeuge“ erinnere sich an „Geräusche, Stimmen, Gerüche, Angst und an das Fremdsein bei Ankunft im Lager“ oder auch an „die Müdigkeit einer langen Reise“ (ebd., S. 18). ‚Lärm, Geschrei, Gestank, Terror, Panik, Todesangst, Verzweiflung und Entsetzen‘ sind bereits zu schwach und „Müdigkeit“ war das geringste Problem für den, der nicht „eine lange Reise“ hinter sich hatte, wie jemand, der in den Urlaub fährt und behaglich müde im Badeort ankommt, sondern der mehrere Tage eingequetscht zwischen wahnsinnig gewordenen Menschen, Leichen, Kot, Urin und Verwesung, in quälender Hitze oder tödlicher Kälte halb verhungert und verdurstet – ja, was? – ‚unterwegs war‘? ‚deportiert wurde‘? ‚mit dem Tod zur Vernichtung fuhr‘?

Für jemanden, der die objektive Geschichte hochhält, ist Traverso sehr schnell fertig mit jemandem wie dem überragenden Historiker und Philosophen Steven T. Katz, der in seinen äußerst umfangreichen Untersuchungen ein erdrückend massives Material von nichts als Fakten entfaltet und ein ausgeprägtes Methodenbewusstsein für den Beleg seiner These von der Singularität der Shoah beweist. [34] Er hält sich stattdessen lieber beispielsweise an „die aus Auschwitz erhaltenen Fotos“ (ebd.). Es gibt zwei Fotofolgen aus Auschwitz, die eine ist kurz und besteht aus verwackelten Fotografien, die heimlich von Mitgliedern des so genannten „Sonderkommandos“ aufgenommen wurden; die andere ist länger und die Bilder konnten von SS-Männern in aller Ruhe aufgenommen werden. Die erste ist relativ unbekannt, die zweite nicht, denn einzelne Aufnahmen sind auf den Umschlägen sowie im Inneren zahlreicher Geschichtsbücher für unterschiedlichen Gebrauch zu finden, es handelt sich um das berühmte „Auschwitz-Album“. [35] Die Beschreibungen, die Traverso zu den „aus Auschwitz erhaltenen Fotos“ beisteuert, lassen vermuten, dass er letzteres im Sinn hat. Die Kritik der Konstitution von Faktizität ist – man denke nur an den „Positivismusstreit“ – häufig ein philosophisch schwieriges Problem, man unterscheidet zwischen Fakten und Faktizität, Wirklichkeit, Realität und Objektivität, wahr und richtig. In diesem Fall jedoch fällt die Beantwortung der Frage danach, wer die Fotos und vielleicht zu welchem Zweck gemacht hat, was auf ihnen zu sehen ist und was nicht, leicht. Täter haben diese Fotografien nicht nur gemacht, sondern fabriziert und inszeniert. Das „Auschwitz-Album“ ist kein unvorsichtigerweise von den Tätern gewährter Blick hinter die Kulissen der Vernichtung, sondern zeigt etwas von ihr, um von ihr ablenken zu können. Der übliche Horror von Tod und massiver brachialer Gewalt bei der Ankunft eines Transports ist auf ihnen nicht zu sehen, es gibt keine grundlos schreienden, prügelnden und schießenden Wachen, keine scharf gemachten Schäferhunde, keinen Gestank, keine Exkrementeberge in den Waggons, keine gestapelten Leichen, die aus den Waggons fallen, keine Selektion, keine verzweifelten, weil auseinander gerissenen Familien usf. Stattdessen kommen Menschen an und finden ihren Weg ins Lager. Sie sehen nicht glücklich aus und es wird nicht behauptet, dass sie nicht ermordet würden, aber dies wird auch nicht gezeigt. Alles geht seinen ruhigen, geordneten, sauberen Gang. Genau so, wie Enzo Traverso sich den Holocaust vorstellt.

Er kritisiert, dass Überlebenden-Berichte historischen Quellen gleichgestellt würden [36], aber weder bezieht er dieses Urteil auf alle Zeugen, noch folgt er seinen eigenen Grundsätzen. Denn die Zeugen für seine These vom Zusammenhang von Holocaust und Moderne, die er zurecht von der jüdischen partikularen Perspektive bedroht sieht, seine Zeugen für seine Anklage der Moderne, sind allesamt Täter des Nationalsozialismus, deren Aussagen er vertraut. Keine Andeutung einer kritischen Distanz ist zu merken, keine Skepsis, kein Misstrauen, dass ein Beteiligter an einem Massenmord sich vielleicht exkulpieren können wollte. Gerade ein Zeugnis wie das von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, ist kein unverhoffter Einblick in die Täter-Seele, sondern ein Versuch Höß‘, sich als tragisches Opfer von weltgeschichtlichen Schicksalszwängen nicht nur herauszureden, sondern vor allem sich zu überhöhen. [37]

Es geht hierbei nicht um moralische Empörung darüber, dass Traverso auf der einen Seite den Opfern nur subjektivistische Borniertheit zutraut und ihnen vorwirft, sich quasi zur herrschenden Klasse der weltweiten Erinnerungspolitik aufzuschwingen respektive sich dafür missbrauchen zu lassen, und auf der anderen Seite die Täter-Zeugnisse dafür zu nutzen, die historische Objektivität zu konstruieren, zu der die Opfer unfähig seien. Sondern es geht um um seine offensichtliche Naivität wenn nicht Parteilichkeit, die sein Streben nach historischer Objektivität hohl werden lässt, und die man vielleicht dadurch ergründen kann, indem man ihm unterstellt, unbedingt den Zusammenhang von Holocaust und Moderne herstellen zu wollen.

Er greift die Täter-Aussagen auf, die sein Bild vom Holocaust, von der Mentalität der Täter und vom Charakter der Tat stützen. Das Bild vom reinen Schreibtischtäter, der nur seine Arbeit tat und nicht wusste und auch nicht wissen konnte, zu welchen Ergebnissen seine Arbeit führte, lässt er sich von Walter Stier, dem ehemaligen Chef des Büros 33 der Deutschen Reichsbahn bestätigen. [38] Das Bild von der perfektionierten, rationalisierten und höchst effizienten fabrikmäßigen Vernichtung liefert ihm der SS-Arzt Friedrich Entreß. [39] Zu einem reibungslosen und effizienten Massenmord gehört auch, dass er sauber und diskret ablief. Und so wurde in den Gaskammern von Auschwitz für Traverso„der Tod zum ersten Mal zu einem anonymen und ’sauberen‘. Blut wurde nur vergossen, wenn die Opfer einander in ihrem Todeskampf niedertrampelten und zerkratzten“ (Auschwitz denken, S. 343). Überlebende des so genannten „Sonderkommandos“ berichten, dass es „nur“ bei jeder Vergasung passierte, dass die Opfer in Panik gerieten und schrien, von den Stellen, an denen die Zyklon B-Körner eingeworfen wurden, wegdrängen wollten, und sich dabei gegenseitig zerkratzten und außerdem zu Tode quetschten und trampelten und im Todeskampf ihre Exkremente unter sich ließen. [40]

Aber dabei bleibt es nicht, denn er deutet die Geschehnisse auch selber um, malt sich den Rahmen seiner kategorialen Staffelei so aus, dass das Bild zu seiner These passen wird. Wenn Traverso an einer Stelle mal wieder behauptet, dass die Leiter des bürokratischen Apparates „den Prozess in seiner Gesamtheit nicht“ kontrolliert hätten, dann spricht er hier wohlgemerkt nicht über Beamte der Reichsbahn (die tatsächlich Beamte waren, vor dem und während des Nationalsozialismus), sondern über die Leiter von Vernichtungslagern (die keine Beamte waren, sondern Angehörige des Reichssicherheitshauptamtes, was einen erheblichen Unterschied macht [41]). Und auch ihnen gesteht er folgerichtig zu, dass „sie sich damit rechtfertigen, dass sie sagten, dafür trugen sie keinerlei Verantwortung, sie hätten nur Befehle ausgeführt“ (Moderne und Gewalt, S. 47). Es bleibt schleierhaft, was er mit den „Behörden, die die Lager leiteten“, (Nach Auschwitz, S. 22) meint, denn zwar verfügten Auschwitz und Majdanek, weil sie nicht ausschließlich Vernichtungs-, sondern auch Konzentrationslager waren, über Registraturen, Schreibstuben, SekretärInnen und ähnliches, aber ein Blick in das nach wie vor umfangsreichste Buch über die drei reinen Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka [42] ergibt, dass es dort nichts dergleichen gab. Auch das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt, quasi der ökonomische Arm der Lager-Verwaltung, war keine normale Behörde. [43] Aber für Traverso muss, wo Holocaust war, Bürokratie beteiligt gewesen sein.

Wie anderswo üblich sind auch bei ihm Adolf Eichmann und Rudolf Höß die Kronzeugen für die angebliche Bürokratenhaftigkeit der Täter. Aber beispielsweise Höß‘ Klage darüber, er habe ständig dem gesamten Vernichtungsprozess beiwohnen müssen [44], passt nicht zu der Diagnose von nach Verwaltungs- und Fabrik-Vorbild mediatisierten Prozessen, die es verunmöglichten, den Gesamtprozess zu überblicken und ein Gefühl persönlicher Verantwortung zu entwickeln. Der Bericht eines Zeitzeugen, den auch Traverso akzeptieren müsste, weil dieser nämlich als nicht-jüdischer deutscher Kommunist im KZ war, belegt außerdem wiederholt Höß‘ unmittelbare seelische wie körperliche Grausamkeit im KZ Sachsenhausen. [45]

Gegen die äußerst populäre Vorstellung, Eichmann sei ein „typische[r] Repräsentant der deutschen Bürokratie“ (Gebrauchsanleitungen, S. 40) und deswegen so ein erfolgreicher Judenvernichter gewesen, mag man sich vielleicht kaum wehren können, weil Eichmann selber sich so darstellte und vor allem von Hannah Arendt an dazu gemacht wurde. (Aber inzwischen könnte man es besser wissen. [46]) Höß versuchte zwar auch, sich in seinen autobiographischen Aufzeichnungen als „Rad in der großen Vernichtungsmaschine des Dritten Reichs“ [47] darzustellen – was Traverso nachspricht [48] –, machte aus seiner unbürokratischen Mentalität, aus seinem Hang zum Söldnertum, seinen umfangreichen Gewalterfahrungen, seiner Landsknechtsnatur und seiner frühen Neigung zum Nationalsozialismus aber nie einen Hehl. Traverso macht aus ihm trotzdem einen Bürokraten [49], auch wenn Höß dieses Deutungsmuster nicht vorgab, sondern nur immer wieder den Zwang der Befehle betonte, und seine Unmöglichkeit, sich ihnen zu widersetzen. [50] Traverso führt auch nicht aus, was er damit meint, und eröffnet deshalb nur einen Raum für vage Assoziationen.

Er bemängelt an den Kritikern von Arendts Eichmann-Buch, dass jene ihre „Haltung kritischer Empathie“ (ebd., S. 29) gegenüber Eichmann nicht verstanden hätten. Arendt sei es darum gegangen zu verstehen, nicht zu rechtfertigen, sie habe deswegen versucht – wie ein Polizist in einem Krimi – sich in die Psyche des Täters hineinzuversetzen, um sein Handeln besser nachverfolgen zu können. Es bleibe dahin gestellt, ob dies funktonieren kann und ob dies das Verstehen der Shoah befördert; zu kritisieren bleibt Arendt dafür, dass ihre Einfühlung häufig darin bestand, ihre Interpretationen mit den Gedanken und inneren Regungen Eichmanns zu verwechseln, von denen sie jedoch gar nichts wissen konnte. [51] Auch Traverso ist dies nicht fremd: Höß habe „jeden Abend über seine Opfer Buch“ geführt (Auschwitz denken, S. 341), und wir erfahren nicht, woher er dies weiß; aus Höß‘ Memoiren kann er es nicht haben. Aber man sieht ihn sofort vor sich, den angeblichen Bürokraten, wie er zu sein hat, damit das Bild von Holocaust und Moderne stimmt: ein Pedant mit Brille, ordentlichem Seitenscheitel, verkniffenem säuerlichen Gesicht und Ärmelschonern sitzt an einem aufgeräumten Sekretär, vor sich ein großes Buch mit vielen Linien, Kästchen und Tabellen, in der rechten Hand einen Füller, rechts vom Buch ein Tintenfässchen, von dessen Inhalt bestimmt kein Tropfen daneben geht. Und so sitzt er da und trägt mit leicht kratzenden Geräuschen zum Ende eines langen harten Arbeitstages säuberlich die Zahlen des mordenden Tagesgeschäfts ein. So sieht er aus, der Mann der Wachträume des Enzo Traverso, eine Chimäre seiner historischen Objektivität.

 Vermeidungsstrategien

Die eigentlich recht plumpen – und schon lange widerlegten – Ausreden der Täter, sie hätten nichts gegen die Judenvernichtung tun können, hätten keine Verantwortung getragen, nur Anweisungen ausgeführt und nichts als ihre Arbeit getan, diese Ausreden fanden in den gesellschaftskritisch motivierten und meist links anzusiedelnden Nachkommen eifrige Verfechter. Was andere Bevölkerungsteile stur nachsprachen und sich selbst und aller Welt immer wieder versicherten, das wurde von den Nachkommen in den Rang tieferer Einsichten und zum gesellschaftskritischen System erhoben.

Traverso gibt vor, den Holocaust im Gegensatz zu vielen anderen Theoretikern nicht zu verdrängen, sondern ihn zuzulassen, damit dessen Negativität sich voll entfalten könne, um einen Bruch im Gefüge der Moderne sichtbar zu machen. Aber wo lässt er diesen Bruch auftreten und wofür ist dieser gut? Es gehe darum, Unbehagen gegenüber der Normalität zu verspüren respektive ihre grundsätzliche Brüchigkeit zu bemerken, um ein Unbehagen an ihr zu nähren und eine Distanz zur eigenen Gesellschaft herzustellen. Eine Empörung gegenüber der eigenen Gesellschaft soll aufsteigen, wegen ihrer genozidalen Potenz und wegen ihres Umgangs mit dieser Vergangenheit, die universal drohe wiederzukehren: weil sie ihre genozidale Potenz verbirgt, weil sie die Erinnerung an die Vergangenheit benutzt, um von ihren gegenwärtigen Verbrechen abzulenken, und weil sie die Leiden, die sie selbst verursacht, verdecken möchte. [52]

Was Traverso vorgibt zu tun, das tut er nicht. Zum einen ist seine Thematisierung des Holocaust gleichzeitig eine De-Thematisierung, die Ereignisse des Holocaust hält er auf Distanz und rationalisiert sie. [53] Denn zum anderen tauchen Tat, Täter und Opfer der Shoah bei ihm nicht auf, ein bestimmtes Narrativ vom Holocaust ist ihm nur Mittel zum Zweck, um ‚Gesellschaftskritik‘ betreiben zu können. Es geht hierbei nicht um moralische Empörung darüber, dass der Holocaust instrumentalisiert wird und dass man dies nicht dürfe, sondern darum, dass Traverso dem Holocaust mit seinen Bemühungen nicht gerecht wird. Er tut, was er anderen vorwirft: weil er weiß, welche Macht der Holocaust als Mittel zur Anprangerung hat, deswegen benutzt er ihn. Pikanterwise kritisiert er dabei ‚die Moderne‘ mit einer Version vom Holocaust, die sich auf Aussagen von Menschen stützt, die ihrerseits in Theorie und Praxis große und militante Feinde der Moderne waren.

Anmerkungen:

[1] Hobsbawm 1995.

[2] Nolte 1987.

[3] Vgl. Im Bann, S. 86f.

[4] Vgl. ebd., S. 93ff.

[5] Vgl. ebd., S. 99f. und 121ff.

[6] Romain Rolland, für den Europa „verstümmelt“ wurde (ebd., S. 183) und Winston Churchill, für den mit dem Krieg der „europäischen Zivilisation“ „eine schreckliche Wunde“ zugefügt worden sei (ebd., S. 188).

[7] Vgl. ebd., S. 293ff.

[8] Vgl. ebd., S. 135f. und Gebrauchsanleitungen, S. 26.

[9] „Die Lager funktionierten wie Todesfabriken, die dem Blick der Zivilbevölkerung entzogen waren, und wo die Serienproduktion von Waren durch die Produktion und industrielle Eliminierung von Leichen ersetzt war“ (Moderne und Gewalt, S. 42). „Wie in einer tayloristischen Fabrik war die Aufgabenteilung [beim Tötungsprozess] mit der Rationalisierung der Zeit verbunden“ (ebd., S. 43), weswegen Traverso hier eine „Analogie zum Taylorismus“ (ebd., S. 44) sieht. „Das System der Produktion und das der Menschenausrottung glichen einander in erstaunlichem Maße. Auschwitz funktionierte wie eine produktive Todesfabrik.“ (Auschwitz denken, S. 338), weswegen er hier „Ähnlichkeiten […] mit dem Zivilisationsmodell der westlichen Welt“ (Gebrauchsanleitungen, S. 93) erblickt. (Alle Hervorhebungen von mir.)

[10] Traverso betont, dass er nicht nach „Ursachen“, sondern nach „Ursprüngen“ suche, „nach Elementen, die für ein geschichtliches Phänomen erst dann konstitutiv werden, als sie sich in ihm kondensiert und herauskristallisiert hatten“ (Moderne und Gewalt, S. 22). Immer wieder betont er „die tiefe Verankerung des Nationalsozialismus […] in der Geschichte des Okzidents, im Europa des industriellen Kapitalismus, des Kolonialismus, des Imperialismus, des Aufschwungs der modernen Wissenschaften und der Technik, im Europa der Eugenik, des Sozialdarwinismus“ (ebd., S. 21). Deswegen ist Auschwitz für ihn an manchen Stellen „nicht das unausweichliche, natürliche und notwendige Resultat der Moderne. Der Gewaltexzeß, zu dem es dort kam, ist für die moderne Gesellschaft keineswegs normal. Doch die Moderne schuf die Voraussetzungen für die Menschenvernichtung“ (Auschwitz denken, S. 349). Die „historischen Voraussetzungen“ der Gaskammern waren „mit unterschiedlicher Intensität in der gesamten westlichen Welt verbreitet“ (Gebrauchsanleitungen, S. 92), die Judenvernichtung habe das staatliche Gewaltmonopol sowie konstitutive Strukturen der modernen Zivilisation (Technik, Industrie, Arbeitsteilung und bürokratisch-rationelle Verwaltung) vorausgesetzt, deswegen könne man Auschwitz ein „Kind der westlichen Welt“ nennen (ebd., S. 73). (Alle Hervorhebungen von mir.)

[11] „Die Gaskammern und die Verbrennungsöfen stellen den Endpunkt eines langen Prozesses der Entmenschlichung und der Industrialisierung des Todes dar, in den die instrumentelle Rationalität sowohl der Produktion wie der Administration der modernen westlichen Welt (die Fabrik, die Bürokratie, das Gefängnis) Eingang gefunden hat“ (Moderne und Gewalt, S. 25). „[I]n Auschwitz machte sich eine verborgene Tendenz der westlichen Welt geltend, brach eine latente Hölle an die Oberfläche der Kultur durch“ (Auschwitz denken, S. 335). Der westliche Rationalismus habe „die Tendenz […], sich dialektisch in ein Dispositiv der Herrschaft, sodann in eine Quelle der Zerstörung des Menschen zu verwandeln“ (Nach Auschwitz, S. 118). (Alle Hervorhebungen von mir.)

[12] Auschwitz ist für ihn „eine Ausnahme, eine Anomalie -, deren Möglichkeit in der Normalität der modernen Gesellschaft angelegt war“ (Auschwitz denken, S. 350) und deshalb „eine der Entwicklungsmöglichkeiten unserer Zivilisation“ (ebd., S. 353). (Alle Hervorhebungen von mir.)

[13] Auschwitz war von der taylorisierten Fabrik „eigentlich nur eine in schlimmerer Weise karikaturhafte Variante “ (Moderne und Gewalt, S. 44). „[I]m Bau von Gaskammern machte sich eine Rationalität geltend, wie sie für die Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts typisch ist“ (Auschwitz denken, S. 348). (Alle Hervorhebungen von mir.)

[14] Nach Auschwitz, S. 18 und 110.

[15] Vgl. auch Auschwitz denken, S. 337-9 und 345.

[16] Belege und Material hierzu an späterer Stelle, wenn konkrete Täterdarstellungen erörtert werden.

[17] „[D]er Krieg der Nazis“ stellte „einen Bruch und etwas völlig Neues“ dar (Im Bann, S. 51); die Shoah könne „nicht einfach aus dessen [vom Zweiten Weltkrieg] innerer Logik abgeleitet werden“ (ebd., S. 73). Sie sei „eine gewaltsame und plötzliche Zerstörung, die man nur irrtümlich als Ergebnis eines unausweichlichen historischen Prozesses verstehen kann.“ Auschwitz sei „ein absolutes Novum“ gewesen, „ein großer qualitativer Sprung“, stelle „einen tiefen Riß in unserem Jahrhundert“ dar (Die Juden, S. 150).

[18] In einem älteren Werk (Die Juden) besteht „in ihrer Modernität“ „[e]iner der markanten Züge der Shoah“, hierin sei sie präzedenlos (ebd., S. 145). Wenige Seiten vorher betont er, dass nicht das „Ausmaß“ (i.e. die Quantität der Opfer) und nicht die „industrielle Art und Weise“ der Vernichtung die Shoah einzigartig mache, sondern dass „[z]um ersten Mal in der Geschichte“ versucht worden sei „eine Gruppe von Menschen aus ‚rassenbiologischen‘ Gründen zu vernichten“ (ebd., S. 142). Die Vernichtung „im Namen der Reinheit der ‚arischen Rasse’“ (ebd., S. 147), der „Siegeszug einer modernen und angeblich wissenschaftlichen Theorie, des biologischen Rassismus“ (ebd., S. 148) mache die Singularität aus. Über zehn Jahre später ist wieder die „industrielle“ Art und Weise der Vernichtung das Singuläre (Gebrauchsanleitungen, S. 92). – Dies ist falsch. Die Singularität besteht in der ‚Absichthaftigkeit‘ („intentionality“) und darin, dass die Shoah der bislang erste und einzige ‚richtige‘ Genozid war, weil es den Deutschen darum ging, wirklich jeden Juden zu vernichten. Material in aller Ausführlichkeit und Gründlichkeit, in reiner Sachlichkeit und ohne die üblichen moralisierenden Beimischungen in Katz 1994 (Band 2 und 3 erscheinen hoffentlich bald), in Kurzform und unter verschiedenen Perspektiven in Katz 1981, 1988, 1991 und 1996. Vgl. auch Bauer 1978, 1984, 1987, 1990, 1991.

[19] Sie sei gleichzeitig „Endpunkt einer ununterbrochenen Kette von Gewalt und Ungerechtigkeit, in ihrer mörderischen Einzigartigkeit jedoch ein radikal neues Phänomen“ (Die Juden, S. 148f.). (Alle Hervorhebungen von mir.)

[20] Beispiele aus der Geschichte zeigten, „dass Auschwitz sich in ein noch viel größeres Ganzes von Gewalt einschreibt“ (Nach Auschwitz, S. 118).

[21] „Auschwitz hat ein für allemal bewiesen, daß ökonomischer und industrieller Fortschritt zu einer menschlichen und sozialen Regression führen kann“ (Die Juden, S. 148).

[22] „[W]ir leben immer noch in einer Welt, in der Auschwitz möglich ist“ (Gebrauchsanleitungen, S. 72).

[23] „Der Westen besteht eben nicht nur aus den edlen Prinzipien der Erklärungen der Menschenrechte; er hat auch andere Gesichter“ (Moderne und Gewalt, S. 21).

[24] „Die Formulierung, dass Auschwitz wie eine Todesfabrik funktionierte […] wirft die Frage nach der Normalität unserer modernen Gesellschaften auf“ und sei deswegen geeignet, „unser ‚Alltägliches‘ in Frage zu stellen“ (Gebrauchsanleitungen, S. 73). Es gehe nicht darum, „die Vergangenheit zu normalisieren“, sondern darum, „die Gegenwart zu entnormalisieren“ (Auschwitz denken, S. 345/Fn 32), respektive „unsere Zivilisation zu ‚entnormalisieren‘ und die Geschichte Europas in Frage zu stellen“ (Gebrauchsanleitungen, S. 93).

[25] Auch wenn er sich nicht über den logischen Status eines Zitats im Klaren zu sein scheint: Ein Zitat eines Autoren, der weitgehend seiner Meinung ist (wie Zygmunt Bauman, Günther Anders, Hannah Arendt etc.), kann kein Beweis für Traversos Thesen sein, sondern nur dafür, dass es andere gibt, die derselben Meinung sind wie er. Ein Zitat ist hier nur eine Variation der eigenen Gedanken, der man sich bspw. deswegen bedienen kann, weil die Formulierung gelungen ist und zur Illustration der eigenen Überlegungen besonders gut taugt. Zieht er doch ein solches Zitat als Beweis für seine Thesen heran, dann ist das, wie wenn ein Zeuge Jehovas aus der Bibel zitiert, um die Richtigkeit seines Glaubens zu ‚beweisen‘. Das Zitieren wird redundant und tautologisch, ärger noch, wenn er sich des trotzkistischen Zitierkartells bedient.

[26] Vgl. zur Übersicht bspw. König 2003.

[27] Erstens laufe die Betonung der Einzigartigkeit Gefahr, „in ein altes eurozentristisches Voruteil zu verfallen“ (Nach Auschwitz, S. 119). Zweitens werde die Erinnerung durch ihre Ubiquität schließlich auch kulturindustriell verwertet und deswegen komme es zu „einem Phänomen der Verdinglichung der Vergangenheit, d.h. ihrer Verwandlung in ein Konsumprodukt“ (Gebrauchsanleitungen, S. 8). Drittens erfülle die Erinnerung eine ideologische Funktion, weil sie zu dem Zeitpunkt der „Vermittlungskrise der Gesellschaften“ (ebd., S. 10) auftrete. Die Erinnerung wird also zu einer Ersatzhandlung für die Bewältigung gesellschaftlicher Probleme.

[28] Die Vergangenheit verwandele sich zu einer „mystische[n] Vergangenheit“, die Erinnerung an die Shoah werde zu einer „Alltagsreligion“ (ebd., S. 8), es komme „auf erschreckende Weise [zu] eine[r] Sakralisierung der Singularität der Shoah“ (Nach Auschwitz, S. 120).

[29] Weil Zeitzeugen „mehr und mehr als Opfer identifiziert“ werden, deswegen haben „Widerständler […] ihre Aura verloren oder sind vergesssen worden“ (Gebrauchsanleitungen, S. 12). Unter dem Druck der hegemonialen Narrative würden überlebende antifaschistische Kämpfer dazu gebracht, sich nicht mehr als Kommunisten, sondern „vor allem als jüdische Deportierte“ zu betrachten (ebd., S. 16). Traverso gibt keinen Beleg.

[30] Oder sogar dazu neige, die objektive Geschichte auszulöschen. Claude Lanzmann, dessen Shoah er früher noch als „hervorragende[n] Film“ lobte (Die Juden, S. 141), beschuldigt er später, seinen Film als Ereignis „nach und nach an die Stelle des eigentlichen Ereignisses“ setzen zu wollen (Gebrauchsanleitungen, S. 60), „dessen Beweise er sogar zerstören wollte.“ Der Holocaust werde bei ihm auf eine diskursive Konstruktion reduziert und dem Autor unterstellt Traverso niedere Beweggründe: „weil Shoah sich als Dialogfolge abspielt, deren Subjekt Lanzmann bleibt, zeigt der Film auch die narzisstische Haltung des Autors“ (ebd., S. 61). In Lanzmanns wohl begründeter Entscheidung, die Frage nach dem Warum der Judenvernichtung nicht stellen zu wollen, sieht Traverso eine „Sakralisierung von Erinnerung […] mit obskurantistischer Einfärbung“, „ein normatives Verbot des Verstehens, welches das Herz der Geschichtsschreibung als Interpretationsversuch trifft“ (ebd., S. 62). Stets kann man in Traversos Kritik einen Kampf von Machinationen, Künstlichem und Erfundenem gegen die objektive Realität beobachten. Eine einseitige, nationalen Interessen untergeordnete Geschichtsforschung in Israel lege es darauf an, auf der einen Seite „tausendjährige Spuren der jüdischen Vergangenheit in Palästina zum Vorschein zu bringen“ und auf der anderen Seite „die realen Spuren der arabisch-palästinensischen Vergangenheit zu zerstören“ (ebd., S. 24, unter Bezug auf Edward Said). Ebenso werde in Israel die Historiographie der Vertreibung der Palästinenser 1948, der Nakbah, unterdrückt. „Diese Erinnerung und Geschichtsschreibung blieben bis heute auf die arabische Welt beschränkt, sie verstoßen sowohl gegen den zionistischen Bericht […] als auch gegen das historische Bewusstsein der westlichen Welt“ (ebd., S. 46).

[31] Vor der Folie der ideologietheoretischen Modelle des traditionellen Marxismus (vgl. bspw. Haug 1993, 4. Kapitel, Hauck 1992, S. 9ff.) sind die Juden in der globalen Erinnerungspolitik wie innergesellschaftlich die bürgerliche Klasse im Kampf gegen das Proletariat. Denn auch hier spreize sich eine partikulare Perspektive als allgemeine auf, um hegemonial werden zu können. Sie stelle sich als allgemeine dar, damit die Subalternen ihr auf den Leim gehen, – sei es in Wirklichkeit aber nicht. Die bürgerliche Klasse lege ihre ideologische Sicht nur über die Wahrheit und der Marxismus wird zum Gralshüter der Objektivität.

[32] „Die Gesamtheit dieser Erinnerung ist Teil der jüdischen Erinnerung, eine Erinnerung, die der Historiker nicht ignorieren kann und die er respektieren, untersuchen und verstehen muss, aber der er sich nicht unterordnen darf. Er hat nicht das Recht, die Besonderheit dieser Erfahrung in ein normatives Prisma der Geschichtsschreibung zu verwandeln. Seine Aufgabe besteht eher darin, diese Einzigartigkeit der gelebten Erfahrung in einen allgemeinen historischen Kontext einzuschreiben“ (Gebrauchsanleitungen, S. 18).

[33] Vgl. summarisch nur bspw. Langer 1988, 1998, 2006.

[34] Vgl. Gebrauchsanleitungen, S. 19.

[35] Vgl. hierzu Doosry 1995 im Folgenden des weiteren Knoch 2001, S. 75-91 und 102-115, v.a. aber Rupnow 2005, S. 232-261 und 2006, S. 101-106.

[36] Die Zeitgeschichte „integriert die mündlichen Quellen auf gleicher Ebene wie die Quellen aus den Archiven“ (Gebrauchsanleitungen, S. 15). Den Beleg bleibt Traverso schuldig.

[37] Vgl. Loewy 2002 und 2004.

[38] Vgl. Auschwitz denken, S. 339/Fn 21. Er bedient sich dabei Stiers Aussage in Lanzmanns Shoah (vgl. Lanzmann 1999, S. 156-164) und verkehrt damit dessen Intention in dieser Szene ins Gegenteil.

[39] Vgl. Auschwitz denken, S. 336.

[40] Vgl. bspw. Lanzmann 1999, S. 137 und 148-9, Greif 1999, S. 95-7, 154, 195f., 207f., 253, 301, 309-11, 320f. und Venezia 2008, S. 103, 109.

[41] Vgl. Wildt 2002.

[42] Arad 1987.

[43] Vgl. Kaienburg 2003 und Schulte 2001.

[44] Vgl. Höß 1963, S. 132.

[45] Vgl. Naujoks 1987, S. 171, 172, 176-9.

[46] Vgl. aus der vielfältigen Literatur nur Safrian 1995, Cesarani 2004 und Lozowick 2000.

[47] Höß 1963, S. 156.

[48] Vgl. Nach Auschwitz, S. 22.

[49] „[D]ie bürokratische Mittelmäßigkeit […], die autoritäre Persönlichkeit, die geistige Armut, kurz die „Banalität des Bösen“, die eine Masse von anonymen Beamten und Bürokraten zu unerbittlichen Vollstreckern eines geplanten Massakers werden ließ“ (ebd., S. 113).

[50] Vgl. Höß 1963, S. 124f., 126.

[51] Vgl. Robinson 1965, S. 8, 10-12, 15, 49, 53, 54, 105.

[52] In einer „sehr selektiven Erinnerung“ werde der Holocaust „in ein Instrument transformiert für eine besonders vergessliche Erinnerungspolitik, was die Verbrechen der USA angeh[t]“ (Gebrauchsanleitungen, S. 50, Bezug auf Susan Sontag). Es bestehe die Gefahr, „die Erinnerung an sie [die Shoah] zu missbrauchen, sie einzubalsamieren, in Museen einzusperren und ihr kritisches Potential zu neutralisieren, oder schlimmer, sie apologetisch als Stütze der aktuellen Weltordnung zu benutzen.“ Sie diene dann als „negative Legitimation des liberalen Westens“ (ebd., S. 71).

[53] Vgl. hierzu Langer 1998.

Literatur:

Arad, Yitzhak (1987), Belzec, Sobibor, Treblinka. The Operation Reinhard Death Camps, Bloomington – Indianapolis.

Bauer, Yehuda (1978), Against mystification: the Holocaust as a historical phenomenon, in: Ders., The Holocaust in Historical Perspective, London, S. 30-49.

Ders. (1984), Was the holocaust unique?, in: Midstream, Bd. XXX, Nr. 4, April 1984, S. 19-25.

Ders. (1987), Essay: On the place of the holocaust in history, in: Holocaust and genocide studies, Bd. II, Nr. 2, 1987, S. 209-220.

Ders. (1990), Is the holocaust explicable?, in: Holocaust and genocide studies, Bd. V, Nr. 2, 1990, S. 145-156.

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Schwadronieren von der „Universalität der Menschenrechte“

Luther ‚Guitar Jr‘ Johnson ~ “Hard Times“(Modern Electric Chicago Blues 1984)

Ausgabe

#11 vom 08.06.2009

Einblicke in die Epoche der Endzeit

Moderne Zeiten galten noch vor gar nicht allzu langem als schwierige, ja, harte Zeiten. Freilich bedurfte es für diese Einschätzung einer gewissen kritischen Distanz zu den jeweils aktuellen Geschehnissen, die vom herrschenden Zeitgeist stets als Fortschritt bzw. als unmittelbare Vorstufe zu einem solchen affirmiert wurden. Charlie Chaplins Filmklassiker Modern Times von 1936 liefert noch heutigen Betrachtern auf witzig-melancholische Weise eine eindrucksvolle Darstellung der Ausgeliefertheit des Individuums an die seinerzeitige „Fabrikgesellschaft“. Dass kapitalistische Warenproduktion völlig anderen Zwecken genügt als denen der Erfüllung realer menschlicher Bedürfnisse, ist selten wieder so eindrucksvoll filmisch inszeniert worden. Und als neun Jahre und einen Weltkrieg später, im Herbst 1945, französische Linksintellektuelle um Jean-Paul Sartre die Zeitschrift Les Temps Modernes gründeten, wollten sie mit dem Titel alles andere als stromlinienförmige Anpassungswilligkeit zum Ausdruck bringen. Vielmehr sollte damit der Wille formuliert werden, angesichts des mählich heraufziehenden Kalten Krieges und der absehbaren Parteinahme sozialdemokratischer wie parteikommunistischer Linker für die eine oder die andere der neuen Weltmächte eigenständige kritische Positionen in emanzipatorischer Absicht zu beziehen. [1]

Die Skepsis der Linken gegenüber dem affirmativen Attribut des Modernen für die neuen Entwicklungen kapitalistischer Gesellschaften war Ausdruck der Krise des teleologischen Geschichtsverständnisses des tradierten Marxismus. Diesem zufolge hätte die gesamtgesellschaftliche Entfaltung kapitalistischer Produktionsweise nicht nur ein antagonistisch organisiertes Proletariat hervorbringen, sondern diesem längst den kommunistischen Sieg beschert haben müssen. Dass dieser jedoch ausgeblieben war und selbst nach den in weiten Kreisen als Zivilisationskatastrophe empfundenen Gemetzeln des Ersten Weltkrieges große Teile des europäischen Proletariats ihren „Sozialpatriotismus“ umstandslos in Parteinahme für faschistische Bewegungen zu transformieren vermochten und der Rest unter dem Einfluss sozialdemokratischer und stalinistischer Parteiapparate in weitgehender Passivität verharrte, ist nicht nur Ausdruck einer real-historischen Katastrophe, sondern auch eines in historisch-metaphysischen Kategorien befangenen Denkens. Angesichts des Wissens um diese Doppel-Katastrophe, die ja durchaus auch eine Bedingung für die Menschheitskatastrophe von Auschwitz war, dennoch am Vorsatz menschlicher Emanzipation vom Kapitalverhältnis festzuhalten und deshalb Moderne Zeiten als antihuman und daher der selbstbewussten Aufhebung harrend zu begreifen, kennzeichnet die Würde und intellektuelle Größe jener heute äußerst unzeitgemäßen Linken.

Heutzutage, nach dem Abtreten linksradikaler Rigorosität und der durchgesetzten marginalen Elendsexistenz kritischen Denkens, gelten Moderne Zeiten als unhinterfragbarer Ausdruck einer als quasi endzeitlich verstandenen Epoche. [2] Die ideengeschichtliche Existenz dieser als Moderne bezeichneten Epoche ist eigentlich noch nicht sehr alt, sie entstand als „hegemoniale“ Kategorie affirmativer Weltbetrachtung etwa Mitte der 80er Jahre, zunächst in Abgrenzung zum seinerzeit neuen Terminus Postmoderne. Diese wurde als öffentliches Ereignis ausgerufen, nachdem die „großen Erzählungen“ in den Bereichen Architektur, bildende Kunst und Literatur als totalitär abqualifiziert und dementsprechend auf den Müllhaufen „der“ Geschichte geworfen wurden. Das daraus folgende Bekenntnis zum wohlgemuten Ekklektizismus übertrug sich bald auch auf den Bereich der Sozialwissenschaften, denn was bislang als Ausweis des Fortschritts galt, das Erscheinen immer weiterer Formen des Neuen mit dem Versprechen einer qualitativen Verbesserung menschlicher Sozialität, wollte sich – zumindest in den Gesellschaften des damaligen „Westens“ – partout nicht einstellen. Aus dem gleichermaßen krisenhaften wie innovationsschwangeren Niedergang der zur Gewohnheit gewordenen „Fabrikgesellschaft“ entstand keine neue Perspektive sozialer Erneuerung oder gar Veränderung, vielmehr erschien eine Vielzahl bis dahin unbekannter oder nur randständig existierender „Identitäts“- und Lebenskonzepte auf der Agenda der konformistischen Selbstvergewisserung. Dies wurde zunächst überwiegend abgelehnt: Die Rest-Linke mokierte sich über die postmoderne Beliebigkeit, wer schon etwas näher am Zentrum der Gesellschaft war, zeigte sich von der neuen Unübersichtlichkeit irritiert. So beispielsweise der prominente akademische Denker Jürgen Habermas, dessen umfangreiche Textproduktion als eine staatsphilosophische zu bezeichnen wohl in der mehrfachen Bedeutung des Wortes angemessen erscheint.

Habermas machte Mitte der 80er Jahre mit dem Anspruch auf sich aufmerksam, das „Projekt der Moderne auf sich nehmen“ zu wollen, es zu hegen und zu pflegen und nach Möglichkeit weiter zu verbreiten. Vielleicht war es die ostentative Unbescheidenheit des Anspruchs, jedenfalls erwuchsen dem zunächst einsamen Rufer bald reihenweise Mitstreiter aus allen bis dahin bekannten politischen Lagern. Worin das ominöse Projekt eigentlich bestand, wer seine Projekteure waren und was es überhaupt von der Welt wollte, darüber bestanden unterschiedliche Ansichten und bis heute herrscht diesbezüglich keine letztgültige Klarheit. Für die einen beginnt das „Projekt der Moderne“ bereits in der Renaissance, als nach langer Zeit erstmals wieder die menschliche Physis zum künstlerischen Sujet erhoben wurde. Für andere beginnt es mit der europäischen Aufklärung und dem von ihr formulierten Anspruch auf Autonomie des menschlichen Denkens und Handelns. Wieder andere verorten den Projektbeginn mit der Französischen Revolution und der Inauguration bürgerlicher Staatlichkeit. Anhänger des deutschen Papstes in Rom, der mit der These „Christentum ist Aufklärung“ mancherorts kurzzeitig für Verblüffung sorgte, arbeiten vielleicht schon an einer eindrucksvollen Projektion des Nazareners als erstem Modernen.

Wie auch immer, alle Anhänger der Moderne (die von Unfertigem kündende Qualifizierung als „Projekt“ wurde schnell fallengelassen) sind darin einig, dass Menschen grundsätzlich als vom staatlichen Souverän gesetzte Subjekte existieren sollen, dass demzufolge menschliches Tun und Lassen nur vom Staat nach Maßgabe seiner Gesetze reglementiert werden darf. Darüber hinaus gelten die Menschen in der Moderne als völlig in ihrer ökonomischen Situation und juristischen Setzung aufgehende und in ihrem Sinnen, Trachten und Handeln als solchermaßen „frei“, dass sie die wirtschaftliche und staatliche Organisation das Warentausches als selbstverständliche Notwendigkeiten fraglos akzeptieren. Auch staatliche Sanktionen haben in der Moderne gewissen Standards zu folgen, nach denen der Mensch als staatlich gesetztes Subjekt mit einer „Würde“ und mit „Rechten“ ausgestattet ist. Auf diese Weise werden de facto direkte Sanktionen, Aneignungen und andere gewalttätige Übergriffe von privater Seite unterbunden und als unangemessen, weil „menschenunwürdig“, begriffene staatliche Gewalt, z. B. Folter und Hinrichtungen, de jure untersagt.

Von der „Universalität der Menschenrechte“ schwadronieren heute auch intellektuell abgedankte einstige Ideologiekritiker, Teilnehmer einer Freizeitveranstaltung, an der ja auch der ganz junge Habermas einmal teilhatte. Wenn aber die Rede auf die faktisch in nahezu allen Ländern der Moderne zumindest gelegentlich praktizierte Folter im Polizeibereich [3] oder auf die Hinrichtungen in den von manchen als vorbildlich begriffenen USA kommt, kann der Ohrenzeuge besonders aus diesen Kreisen eindrucksvoller Argumentationsartistik gewahr werden: Die Todesstrafe in den USA sei eine äußerst hässliche Angelegenheit, aber immerhin werde die grausige Praxis doch relativiert, indem es jedem frei stehe, ungehindert Kritik daran zu üben. Solcherlei Akrobatik findet ihre Anwendung auch auf den USA entfernteren Regionen. Dass in China die Todesstrafe noch wesentlich exzessiver und willkürlicher praktiziert wird als in den USA, wird zunächst, wenn es sich um dieselben Argumentationsakrobaten handelt, mit Erleichterung aufgenommen („da sieht man doch einen wichtigen Unterschied“), um sodann in geschichtsphilosophische Erörterungen einzusteigen: China sei ein Land der Moderne, denn es verfüge über eine funktionierende Staatlichkeit, dies gelte mit gewissen Einschränkungen (Kulturrevolution) auch für das maoistische China, in dem sich zumeist die „dunkle Seite der Moderne“, ähnlich wie im Stalinismus oder NS-Deutschland, zum Ausdruck gebracht habe. Heute sei China ein Staat, der das Recht auf Eigentum garantiere und den privaten Reichtumserwerb fördere, mithin zumindest weit fortgeschritten auf dem Weg in eine „westlich geprägte Moderne“, da werde sich „das mit den Menschenrechten“ quasi von selbst regeln. Im Iran werden neben kriminellen und politischen Delikten bekanntlich auch Sexualstraftaten mit der Todesstrafe geahndet, die im Westen keine (mehr) sind. Auch dies finden Anhänger der Moderne und ihrer „universellen Menschenrechte“ sehr bedauerlich, ja, zumeist sogar äußerst verabscheuenswürdig. Dies hindert viele aber nicht daran, dem dortigen klerikalfaschistischen Regime gewisse Pluspunkte in Sachen „auf dem Weg in die Moderne“ zu konzedieren, sei es, dass in dieser oder jener Region „unabhängige“ Kandidaten zu Wahlen nominiert wurden, oder es hier und da einer Frau (selbstverständlich mit Tschador) gelungen ist, in eine Verantwortungsposition, möglicherweise sogar im Justizbereich, aufzusteigen.

Parteigänger der Moderne sind also alles andere als Dogmatiker. Es zeichnet sie vielmehr eine Flexibilität des Erfassens und Beurteilens aus, die ihr rigoroser „universalistischer“ Anspruch zunächst nicht vermuten lässt. Eines sind sie aber gewiss: Antikommunisten, oder, falls dieser Titel nicht mehr zeitgemäß erscheint, Gegner jeder menschlichen Emanzipation von Ökonomie und Politik. Der Kommunismus will den realen Menschen zum tatsächlichen Subjekt der Gesellschaft und ihrer Geschichte erheben, ihn aus den ideologisch definierten und juristisch fixierten Rollen gegenüber dem gesellschaftlich vorhandenen und möglichen Reichtum befreien. Dass die Potenziale gesellschaftlichen Reichtums allen, ungeachtet ihrer realen Fähigkeiten und ihren konkreten Bedürfnissen, nach Belieben zur Verfügung stehen sollen, ist eine kommunistische Forderung, die seit ihrer Formulierung im 19. Jahrhundert nichts an Aktualität eingebüßt hat. Anhängern der Moderne muss solch ein Anliegen als Feindschaftserklärung erscheinen. Tatsächlich ist in heutigen Bekenntnissen zur Moderne, d. h. so gut wie in jedem zweiten oder dritten Zeitungs- und TV-Kommentar, von „Rebellion gegen die Moderne“, „Aufstand gegen die Moderne“ und dergleichen die Rede. Dass in diesen Produkten nicht primär vom Kommunismus, sondern von Faschismus und radikalem Islam die Rede ist, bezeugt das Elend der aktuellen Modernen Zeiten.

Freilich sind Faschismus und radikaler Islam gemeinsame Feinde von Anhängern der modernen Ordnung wie ihrer kommunistischen Gegner. Könnte also etwas wie eine gemeinsame, durchaus im Wortsinne, Gegnerschaft von radikalen Gegnern der bestehenden Verhältnisse und ihren modernegläubigen Affirmatoren denkbar sein? Denkbar schon. Aber realisierbar? Auf deutsche Initiative hatten sich die in Afghanistan Krieg gegen den radikalen Islam führenden westlichen Mächte kürzlich auf eine Offerte an „gemäßigte Taliban“ zwecks Machtteilhabe in einem ohnehin schon vom Westen als „Islamische Republik“ konzipierten Staat geeinigt. [4] Das bedeutete: Liebe Taliban, wir wären bereit mit euch zu koexistieren, beschränket ihr eure barbarischen Schlächtereien, eure nahezu genozidale Ermordung von nicht in eurem Sinne konformen Frauen, Homosexuellen und anderen irgendwie in eurem Sinne Eigenwilligen, eure atavistische Bildungs- und Wissensfeindschaft, eure Ablehnung jedes nur in unserem Verständnis zivilisierten Miteinanders auf euer Territorium und nervtet ihr uns nicht mit Gastfreundschaft für Al-Kaida und ähnliche Gruppierungen, wir ließen euch nicht nur völlig ungeschoren, sondern bemühten uns auch um Verständnis für eure ach so autochthone Kultur.

Nun haben die Taliban das Angebot unmissverständlich, „wir sind nicht gemäßigt“, abgelehnt und damit auch ein eindeutiges Drohsignal an möglicherweise mit den westlichen Truppen kooperationswillige Anführer ausgesandt; dennoch: Das Angebot besteht nach wie vor. Es heißt im Klartext: Die Moderne mit ihren „universellen Menschenrechten“ ist bereit, mit der Barbarei nicht nur zu koexistieren, sondern auch zu kooperieren, denn schließlich müssen auch mit den „gemäßigten Taliban“ vertraglich bindende Übereinkünfte geschlossen werden. Immerhin wird man sicherstellen wollen, dass in Zukunft nach Möglichkeit keine westlichen Interessen mehr tangiert werden und wird im Gegenzug der anderen Seite garantieren wollen, deren Gepflogenheiten weitgehend zu tolerieren.

Man könnte meinen, mit der Konstruktion der „gemäßigten Taliban“ durch die Vertreter der Moderne habe sich eine weitere kritische Erörterung des Themas erledigt. Gleichwohl erscheint es sinnvoll, dass reale Verhältnis von Moderne und ihrer Apologeten zum barbarischen Islam anhand zweier Beispiele unmittelbar zu beleuchten.

Die heutige Türkei gilt weithin als ein Land, das es im Verlaufe seiner Modernisierungsgeschichte zu einer den nationalen Belangen äußerst förderlichen Beziehung von „Tradition und Moderne“ gebracht habe. Zwar werden gelegentlich noch Mängel in „Fragen der Menschenrechte“ bemerkt, doch geht deren Feststellung zumeist mit der Vergewisserung ihrer baldigen Behebung durch eine Intensivierung türkisch-europäischer Zusammenarbeit einher. In der Tat: Die Türkei hat in bald 90 Jahren einen beachtlichen Weg vom klerikal-feudalen Koloss auf wackeligen Beinen zu einer agilen technokratisch-kapitalistischen Macht zurückgelegt. Vor allem in den letzten 20 Jahren hat sich der einstige antikommunistische Kettenhund der Nato zu einem erfolgreichen Exporteur von Agrarprodukten und ausländischen Distributoren zu Dumping-Preisen feilgebotenen Textilien entwickelt. Ebenfalls in den letzten 20 Jahren verzeichnet das Land in den Augen der Moderne enorme Fortschritte in Sachen Demokratisierung: Das politische Führungspersonal und dessen Anwärter bestehen darauf, sich durch Wahlen bestätigen zu lassen. Mögen diese Wahlen auch ein paar Schönheitsfehler aufweisen – Verbot oder Einschüchterung von unliebsamen Parteien, vor allem der Linken und der Kurden und eine Zehn-Prozent-Hürde bei der Erlangung von Parlamentsmandaten –, für Freunde der Moderne sind das Kleinigkeiten. Die hierzulande lobend zur Kenntnis genommene Ausgewogenheit von „Tradition und Moderne“ stellt sich in der Türkei selbst als Balance von Islam und Militär dar. Von einer fanatischen Militär-Kamarilla um den legendären Kemal Atatürk gegründet und von dieser in den 1920er Jahren rigide ethnisch gesäubert, scheint es dem türkischen Staat mit der Etablierung des Islam als Staatsreligion im preußisch-deutsch-wilhelminischen Sinne – die „Staatskirche“ wurde in Form eines Religionsministeriums, das bis heute die religiösen Inhalte türkischer Moslems auch außerhalb der Türkei definiert – gelungen zu sein, kulturellen Rückstand der Gesellschaft und Modernisierungsambitionen des Staates zu einem für letzteren äußerst produktiven Amalgam zu verschmelzen. Daran konnte auch der Aufstieg der islamischen AKP zur Regierungspartei nicht viel ändern. Nur selten bedurfte es mahnender Ansprachen des militärischen Oberkommandos, um regierungsislamistischen Eigensinn im Zaum zu halten. Mögen Islamisten und Nationalisten in der heutigen Türkei noch so spinnefeind erscheinen, es eint sie doch das gemeinsame Bekenntnis zu dem, was sie als „Türkentum“ bezeichnen: das häufig erregt formulierte Bekenntnis zur wie auch immer definierten „Größe der Nation“ nach innen wie nach außen.

Doch gerade im Inneren des Staates stößt das Bekenntnis auf eine peinliche Grenze. Vor allem im Südosten des Landes wird das „Türkentum“ von beträchtlichen Bevölkerungsteilen überhaupt nicht geschätzt, man hält es eher mit einem Kurdentum, auch wenn man dies nicht so grandios-pathetisch zur Schau trägt, sondern sich lieber im Scharfschiessen auf ungeliebte türkische Soldaten und Polizisten übt. Der kurdische Separatismus ist die offene Wunde des türkischen Staates: Nie ist es ihm gelungen, den Protest gegen die offensichtliche ökonomische Benachteiligung und politische wie kulturelle Diskriminierung der Kurden in staatsbürgerlich-affirmative Bahnen zu leiten und damit national produktiv zu machen, nie vermochte er es nach dem Beispiel Nordirlands oder des spanischen Baskenlandes, integrative Angebote zu unterbreiten, in deren Gefolge nur noch schrumpfende Minderheiten der irredentistischen Militanz huldigen würden. Stattdessen setzt die Türkei hier neben der Durchsetzungskraft ihres Militärs – auf den Islam. Konkret heißt das: In den ländlichen Regionen des Südostens werden die männlichen Mitglieder von Familien und Dorfgemeinschaften, denen aufgrund ihrer islamisch-religiösen Befangenheit das Anliegen der kurdischen Nationalpartei PKK am Hinterteil des Propheten vorbeigeht, für so genannte „Dorfschützer“-Einheiten angeworben, deren Mitgliedschaft neben geringem Bargeld durch Bewaffnung abgegolten wird. Jeder „Dorfschützer“ – insgesamt soll es etwa 70.000 von ihnen geben – erhält eine Maschinenpistole nebst Patronengurten und mindestens zwei Handgranaten, was im sozialen Zusammenhang dieser Männer einen großen Prestigezuwachs darstellt. Für jeden getöteten PKKler – ob er tatsächlich oder vermeintlich ein solcher war, ist nachrangig – gibt es eine Prämie, ebenso für „sachdienliche Hinweise“ an die Armee. „Überhaupt nicht schön“ werden türkeifreundliche Anhänger der Moderne dies kommentieren und eilends darauf hinweisen, dass solcherlei Staatshandeln im dramatischen „Spannungsfeld von Tradition und Moderne“ stattfinde.

In diesem Spannungsfeld fand Anfang Mai ein dramatisches Ereignis statt, dass vorübergehend in deutschen Massenmedien als eine Art GAU (Größter Anzunehmender Unfall) der türkischen Innenpolitik rezipiert wurde. Freilich nicht als ein GAU des türkischen Weges in die Moderne oder gar des „Projekts der Moderne“ selbst. In dem südostanatolischen Dorf Bilge war eine Hochzeitsfeier jäh durch Schüsse beendet worden. Mehrere Dutzend Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts lagen mit grässlichen Schusswunden versehen unter Allahs Himmel. Die Beschreibung und gelegentliche bildliche Darstellung der Schusswunden in den Massenmedien erinnerte den Rezipienten an Bilder aus Sam-Peckinpah-Filmen. Doch anders als bei Peckinpah standen die Getroffenen nach vollendeter Action nicht wieder auf, entfernten die artifiziellen Wunden und ließen in der Drehpause bei geistigen Getränken Allah oder den Herrgott einen guten Mann sein. 44 von ihnen waren tatsächlich tot, viele schwerverletzt, einer starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Es war ein “Ehrenmassenmord“. So beurteilte zwei Tage später eine türkische Frauenrechtlerin das Gemetzel in einem taz-Interview. Und sie hatte Recht: Es ging um die Braut, die als Kind einem Angehörigen des Nachbardorfes “versprochen“ worden war, der dem gleichen „Stamm“ angehörte. Irgendwann, über Einzelheiten erfahren wir nichts, muss diese Vereinbarung von der Brautfamilie als ungültig betrachtet worden sein. Die Ankündigung der Hochzeit mit einem „Illegitimen“ wird im Nachbardorf als Provokation begriffen worden sein. Hinzu kommt ein schwerwiegender Fakt, den die taz aus dem Mund des türkischen Innenministers zitiert: „Die Familie der Angreifer und die des Bräutigams sind seit 20 Jahren verfeindet.“ Folgerichtig griffen die Männer des düpierten Dorfes zu den Waffen und produzierten ein Massaker. „Ein Massaker mit den Waffen des Staates“, titelt die taz noch einmal zutreffend. Denn alle Todesschützen verfügten über ein Engagement als „Dorfschützer“, die Waffen waren ihnen staatlicherseits zur Liquidierung kurdischer Rebellen ausgehändigt worden.

„Modern Times, hard Times“ heißt es in irgendeinem Folksong der Woodie-Guthry-Ära. Zumindest eine Spur des darin ausgedrückten Pessimismus müsste eigentlich die Anhänger der Moderne, speziell die von einem „türkischen Weg in die Moderne“ überzeugten, angesichts des Bilge-Massakers zu Bewusstsein kommen. Denn der praktizierte Mordeifer hatte zumindest, sieht man einmal von der durch – tatsächlich – Gutwillige dem Menschen als Gattungswesen unterstellten Tötungshemmung ab, zwei Hemmschwellen zu durchbrechen: Die von der staatlichen Moderne gesetzte, denn die Todesschützen waren ja ausschließlich für das Töten von PKKlern bewaffnet worden, und auch noch die durch die Vormoderne des Stammes definierte Loyalität. Was letztendlich den Ausschlag zur Überwindung beider gab, war der islamische Kult der Familie. Ein schwieriger Fall für Freunde der Moderne, aber wohl kein unlösbarer. [5]

Die für kritische Betrachter hier relevante Frage lautet: Hätte solch ein interfamiliäres Gemetzel unter der Herrschaft der PKK auch geschehen können? Schließlich versorgt sie in den von ihr kontrollierten Gebieten die Anhänger auch mit Waffen. Die Antwort lautet: Wahrscheinlich nicht. Dem liegt eine äußerst simple Ursache zugrunde. Die kurdischen Nationalisten können sich eine „Ausgewogenheit von Tradition und Moderne“, wie sie der türkische Staat betreibt, für ihr Projekt einfach nicht leisten. Es wäre für ihre Zwecke völlig kontraproduktiv, religiöse Traditionen zu instrumentalisieren. Ihre Religion ist die Zivilreligion nationalen Aufbaus und Fortschritts. Dafür müssen zwangsläufig überkommene Formen des sozialen Lebens über Bord geworfen werden. Der ideale Kurde hat sich weder an religiösem Aberglauben noch an familiären oder Stammestraditionen zu orientieren, sondern einzig und allein an dem, was die Nationalpartei für national gedeihlich hält. Die daraus resultierende Notwendigkeit der völligen Mobilisierung aller individuellen und sozialen Ressourcen bringt für viele zunächst eine in der Region ansonsten nicht anders einzulösende Freiheit mit sich. Im Falle der PKK vor allem für Frauen und Jugendliche, denen durch national-militantes Engagement ein Ausweg aus traditionell vorgezeichneten und persönlich erniedrigenden Lebenssituationen versprochen wird.

Wie viele vergleichbare nationale „Befreiungsbewegungen“ in allen möglichen Teilen der Welt propagiert die PKK eine Befreiung und persönliche Eigenständigkeit der Frauen. Eine Offerte, die zum Nutzen beider Seiten vielfach angenommen wird, denn türkischen wie ausländischen Beobachtern fällt der hohe Frauenanteil dieser Organisation deutlich ins Auge. Für kurdische Frauen bedeutet ein Engagement für die PKK sowohl einen Ausbruch aus dem islamischen Gefängnis als auch die Aussicht auf eine Zukunft, die bislang Männern vorbehalten war: Als Kämpferinnen erlangen sie soziales Prestige und Einfluss, sogar eine Karriere als Kommandantinnen und Funktionärinnen steht ihnen offen. Sollte der nationale Kampf eines Tages von Erfolg gekrönt sein und sie diesen überlebt haben, winken auch den kurdischen Frauen Posten als Politikerinnen und andere Führungspositionen. Ein schönes Beispiel für das, was unter den Insignien kurdischer Befreiung alles an „revolutionär“ erscheinenden Veränderungen möglich ist, liefert gegenwärtig die Entwicklung im autonomen kurdischen Gebiet des Irak.

Ähnlich wie der moderne türkische Staat setzte auch die PKK auf zwei wesentliche Elemente von Herrschaft: Was bei jenem die Kombination von Militär und islamischer Tradition ist, stellt sich bei dieser als Kombination von Militär und antitraditionalistischem Subjektivismus dar. Auch die Türkei hatte einst unter der Atatürk-Kamarilla mit einer subjektiv ausgeübten Herrschaft begonnen. In den heroischen Zeiten der Nation bestimmten vom unbedingten Willen eines staatlichen Fortschritts besessene Planer und Strategen die rigide Beseitigung überkommener Sozialformen, deren Primat in der Partikularität von Religion und Tradition bestand. Auch in der Frühzeit der Atatürk-Republik wurde die Befreiung der Frauen zu Staatsbürgerinnen propagiert und mancherorts auch praktiziert. Erst mit der Konsolidierung der Macht als einer modernen und ihrer bald auftretenden neuen Infragestellung durch einen anderen national definierten Partikularismus besann man sich auf vormoderne Ansprüche zur Herrschaftssicherung und entwickelte das Konzept einer Balance von „Tradition und Moderne“.

Das türkisch-kurdische Beispiel vermittelte das Bild zweier Versionen der Moderne: einerseits die „subjektlose Moderne“ des türkischen Staates, der auch die unmittelbare Gewalt seines Militärs als Ausdruck der unhinterfragbaren Gesamtinteressen einer als Einheit imaginierten Nation definiert, andererseits die „subjektive Moderne“ der kurdischen Nationalisten, deren vorgestelltes nationales Gesamtinteresse bis auf weiteres das Ziel einer zu erreichenden allgemeinen staatsbürgerlichen Gleichheit beinhalten muss. So skeptisch man auch einen eventuellen Erfolg der PKK in bezug auf eine mögliche Emanzipation der Menschen von gesellschaftlichen Zwängen einschätzen sollte, an der simplen Erkenntnis einer zumindest temporären Verbesserung der Situation von Frauen, ihrer Befreiung aus dem islamischen Gefängnis, führt kein Weg vorbei. Eine Parteinahme zugunsten der Türkei mit ihrer „Ausgewogenheit von Tradition und Moderne“, wie sie von vielen Anhängern der Moderne betrieben wird, kann daher nur als zynisch und – hier trifft das inflationäre Modewort einmal tatsächlich zu – „menschenverachtend“ bezeichnet werden.

Dieser Zynismus der Moderne führt uns zum nächsten Beispiel, in die Heimat der „gemäßigten Taliban“, nach Afghanistan. Auch dort wurde in den 70er und 80er Jahren mittels subjektiver Herrschaft das Projekt einer nationalen Modernisierung betrieben. Auch dort galt die Erreichung allgemeiner staatsbürgerlicher Gleichheit, mithin auch die Befreiung der Frauen aus der islamischen Gefangenschaft, als unverzichtbare Erfolgsbedingung. Die Maßnahmen der damaligen afghanischen Regierung, die ab 1979 von sowjetischen Truppen gegen islamischen Widerstand gesichert wurden, und neben der Frauenbefreiung auch so an sich selbstverständliche Dinge wie den Aufbau eines Bildungswesens und einer allgemeinen medizinischen Versorgung enthielten, wurden bekanntlich in der Moderne des damaligen Westens als nackter Terror begriffen. Die westliche Unterstützung für den tatsächlichen, islamischen, Terror im Afghanistan jener Jahre kann als bekannt vorausgesetzt werden. Ebenso bekannt dürfte das Endresultat dieser Unterstützung des angeblichen „afghanischen Freiheitskampfes“ sein: Die Taliban-Herrschaft, die Verwandlung des Landes in ein großes Leichenfeld sowie der Aufbau von Ausbildungslagern der Al-Kaida und anderer islam-faschistischer Terrorgruppen.

„In Afghanistan haben wir Großartiges geleistet. Nur das Endspiel haben wir versaut.“ Diese törichten Sätze fallen am Ende des Spielfilms Der Krieg des Charlie Wilson aus dem Munde eines von Tom Hanks verkörperten US-Senators. In dem Film des linksliberalen Regisseurs Mike Nichols wird auf ziemlich obskure Weise die Aufrüstung der afghanischen Mujaheddin mit amerikanischen Boden-Luft-Raketen auf das idealistische Wirken dreier pittoresker und recht sympathischer Figuren zurückgeführt. [6] In die das Spektakel beschließende Erfolgsfeier fällt freilich der Wermutstropfen des versauten Endspiels. Versaut wurde dieses aber nicht von der launischen Fortune eines jeden Spielers, sondern von kapitalistischen Profitinteressen. Nach dem endlich durchgesetzten Abzug der Sowjets ist nämlich niemand in den USA mehr bereit, in Afghanistan auch nur den Bau einer einzigen Schule zu finanzieren, denn damit ist weniger Gewinn zu machen als mit schnell verschleißenden Feuer- und Explosionswaffen. Ohne Schulen, so räsoniert der Senator am Ende des Films, mussten die jungen Afghanen einfach zu Feinden der „freien Welt“, sprich der Moderne werden.

Der Krieg des Charlie Wilson verdeutlicht den Wunsch nach Subjektivität in der, weil als unhinterfragbares und unaufhebbares Produkt selbsttätiger historischer Entwicklung verstandenen, subjektlosen Moderne. Es muss einfach Verantwortlichkeit geben, im Guten wie im Schlechten, lautet die Botschaft. Dass nach dem Ende der dämonisierten Sowjets nun profitgierige Kapitalisten die Rolle der Bösen zu übernehmen haben, ist nur in Bezug auf ein Produkt der US-Kulturindustrie wirklich bemerkenswert. Die Suche nach „Schuldigen“ an der aktuellen Krise kapitalistischer Weltökonomie ist inzwischen international eröffnet worden. Zumindest hierzulande meint man die neuen Bösen auch zu kennen, eine Erkenntnis, die durch den Slogan „Die Verantwortlichen müssen zahlen“ zum Ausdruck gebracht wird. Wer „Verantwortliche“ sucht, findet und zur Rechenschaft zieht, wird sich wahrscheinlich an Sündenböcken vergehen und so seine Verstrickung in die bestehenden Verhältnisse besiegeln. Der Wille einer Aufhebung des bestehenden gesellschaftlichen Ganzen im Sinne einer menschlichen Emanzipation von Kapital und Staat wird von solchen Leuten nicht zu erwarten sein. Und das soll es auch nicht, denn das „Projekt der Moderne“ als Höhepunkt bisheriger Geschichte beansprucht schließlich die Ewigkeit.

Anmerkungen:

[1] Übrigens gab es in den frühen 80er Jahren auch in der westdeutschen Linken eine Monatszeitschrift Moderne Zeiten. Herausgeber- und Autorenschaft rekrutierte sich aus ehemaligen KB-Migliedern und anderen damals noch radikalen Linken, die innerhalb der „Grünen“ und der vor dem Hintergrund der Stationierung neuer angriffsfähiger US-Mittelstreckenraketen in Europa erstarkenden Friedensbewegung kapitalismuskritische Inhalte durchsetzen wollten. Ähnlich wie beim französischen Vorbild war man bestrebt, neue emanzipationsfähige Subjektformen ausfindig zu machen, was angesichts des damals weit verbreiteten Geredes über „Neue Soziale Bewegungen“ auch nahezuliegen schien. Die Zeitschrift beendete ihr Erscheinen irgendwann um 1983/84 mehr oder weniger sang- und klanglos.

[2] Zwar erschien noch Mitte der 90er Jahre (1996) eine CD der britischen Popgruppe „Oasis“ mit dem Titel Modern Time is rubbish. Doch kann dieses Werk getrost als Produkt der Postmoderne verbucht werden.

[3] Offizielle (z. B. Berichte der EU-„Anti-Folter-Kommission“) wie offiziöse (z. B. Dossiers von „Amnesty International“) legen ein beredtes Zeugnis davon ab.

[4] Die Idee des „gemäßigten Taliban“ wurde der deutschen Öffentlichkeit erstmals Anfang 2008 durch den später entmachteten SPD-Chef Kurt Beck vorgestellt. Am Ende der Bush-Ära signalisierte die damalige US-Außenministerin ein zunächst noch zögerliches Adaptionsinteresse. Für die heutige Obama-Regierung ist die Suche nach der gleichermaßen die Phantasie entzündende wie den praktischen Alltagsverstand frustrierende Figur ein programmatischer Fixpunkt. Der „gemäßigte Taliban“ ist zweifellos dem Phantasiereich des „moderaten Islam“ zuzurechnen, ein fiktive Region „moderner“ Weltbetrachtung, die manche gar zu der Imaginationsleistung einer „islamischen Moderne“ anspornt.

[5] An einer Lösung wird gearbeitet, deren Bestandteile freilich alles andere als neu sind. Der schädliche Konsum von unterhaltungsindustriellen Waren wird hier wie dort für überraschende wie sozial unproduktive Gewaltexzesse verantwortlich gemacht. „Auch in Diyarbakir [sog. „Kurdenhochburg“, H. P.] kann man sich amerikanische Massenmordfilme ansehen oder im Internet Killerspiele herunterladen. Über Satelitenschüsseln dringt eine glitzernd-blutige Terminatorwelt in die Köpfe der Verbraucher.“ So räsoniert ein Michael Martens in der FAZ vom 11. Mai 2009 in einem Artikel Blut und Rache. Das Massaker von Bilge: Archaische Wertvorstellungen und moderner Gewaltkonsum. Der Autor zitiert darin eine Reihe in türkischen Medien zu Wort gekommener „Experten“, deren Auffassung haargenau mit der ihrer Kollegen hierzulande identisch ist: Die heutige Version der einstigen „Schundliteratur“ in Form digitalen „Schunds“ übt einen unheilvollen Einfluss aus. Überhaupt liegt dem Martens eher eine Betrachtung in irgendwie größeren Zusammenhängen am Herzen. Nach nicht einmal der Hälfte seines Artikels verlässt er die Türkei, nimmt seine Leser auf eine Balkanreise mit, die schließlich mit einer Betrachtung der Blutrache in den nordalbanischen Bergen endet.

[6] Ein dem alkoholischen und erotischen Genuss reichlich zusprechender texanischer Senator, der in Washington als Hinterbänkler und Gelegenheitslobbyist dilettiert, eine in die Jahre gekommene ehemalige Striptease-Tänzerin, die von antikommunistischem Idealismus nur so strotzt und ein degradierter, etwas neurotischer CIA-Agent, dessen Maxime „Ich will Russen töten“ man ihm nicht übel nehmen soll. Alle drei verkörpern ganz und gar nicht prüde, äußerst lockere Amerikaner, die wie im Western nur das tun, was ein anständiger Mensch eben zu tun hat.

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