Kategorie-Archiv: Langeweile

Die Deutschen sind Top in der Welt, auch beim Langweilen

Klaus Lemke
»So bleiben wir Toplangweiler worldwide«
Im Feuilleton tobt eine Debatte um Sinn und Unsinn von Kultursubventionen (siehe S. 42). KONKRET bat Kulturschaffende und -veranstalter um ein Statement: Sind staatliche Subventionen unverzichtbar, oder lähmen sie gar die Kreativität, wie die Kulturinfarkt-Autoren behaupten?
Filmförderung aus Steuermitteln ist so effektiv wie Schwarzfahren gegen den Hunger in der Welt. Drei von zwei der Beteiligten wissen das, versprechen aber, nichts zu sagen, wenn die Fördermittel jährlich verdoppelt werden. Das geschieht fast jedes Jahr. Dieses System für abgefischte Stornos hat Alexander Kluge ersonnen – weil die Zuschauer in den sechziger Jahren die verquasten Filme seiner »Oberhausener « nicht sehen wollten. Zur Strafe sollten die Zuschauer dafür zahlen. Kluges Bitte um Steuergelder für das Kulturgut Film war de facto der Anschluß an das Staatskino der DDR. Die DDR ist weg. Aber der Staat hat immer noch seine Griffeln im Film, bis dann bald niemand mehr ins Kino geht. Weil die Leute merken, daß Staatskino tatsächlich auch 60 Jahre nach seiner Erfindung durch Adolf Hitler immer noch nichts mit ihrem Leben zu tun hat. Würde man jede Filmförderung aus Steuermitteln über Nacht abschaffen – wir wären in zwei Jahren das kreativste Land in Europa. So weiter bleiben wir Toplangweiler worldwide. Wir bauen die geilsten Autos. Wir haben die schönsten Frauen. Aber unsere Filme sind wie Grabsteine. Lemke.
?Klaus Lemke präsentiert gerade in Berlin seinen neuen Kinofilm »Berlin für Helden«, der ohne jedwede Förderung und jedweden Einfluß von außen produziert wurde
Konkret 05/12, S. 45
Lisa Politt
»So bleiben wir Toplangweiler worldwide«
Im Feuilleton tobt eine Debatte um Sinn und Unsinn von Kultursubventionen (siehe S. 42). KONKRET bat Kulturschaffende und -veranstalter um ein Statement: Sind staatliche Subventionen unverzichtbar, oder lähmen sie gar die Kreativität, wie die Kulturinfarkt-Autoren behaupten?

Ich hätte gern was geschrieben über unsere »basisdemokratischen« Auseinandersetzungen seinerzeit auf dem von uns mitbesetzten Hamburger Kampnagel-Gelände: über die Debatten um staatliche Förderung, die ich als immerhin demokratisch kontrolliert gegen Modelle der Wirtschaftsförderung verteidigt habe; wie ich für diesen Standpunkt schon früh ausgelacht worden bin, ausgerechnet von Vollpfosten, die sich für schlitzohrig gehalten haben, weil sie sich ohne größere Zugeständnisse Sponsoren aus der Industrie beschafft hatten; wie wir dann einen ganzen Abend über Sponsoring mit dem Titel »Gedankenstrich« gemacht und darin die Werbekonzepte der Wirtschaft verarbeitet haben, die sich des Kultursponsorings bedienen, weil sie auf diese Weise Steuern sparen; und dann wollte ich den entsprechenden Experten bei Philip Morris zitieren, der sich über die Kulturdeppen lustig gemacht hat: Die würden sich immer freuen, daß sie keine direkten Einflußnahmen ihrer industriellen Mäzene erlebten, würden aber grundsätzlich nur (als meist sogar unterbezahlte) Trendscouts beforscht. Man beobachte lediglich ihr Kaufverhalten, da sie als Künstler als sensibel auf den Markt reagierende Käuferschichten gelten.
Wenn man sich allerdings die sich verändernde Berichterstattung über das Arschloch Grass und seine immer noch als »Gedicht« bezeichnete Haßpredigt im Fernsehen anguckt (er wird immer mehr zum »mutigen Kritiker« und bekommt etwa in den »Tagesthemen« Gelegenheit darzulegen, wie er sich verstanden wissen will), kommt mir meine ganze Argumentation von damals lächerlich vor. Was soll ich anhand dieser Scheiße, die den Kulturbegriff unserer Gesellschaft schlagartig erhellt, an einer »demokratischen Geldvergabe« noch verteidigen? Wo das ein Gedicht ist, da will ich kein Künstler sein. ??
Lisa Politt betreibt zusammen mit Gunter Schmidt die Hamburger Kabarettbühne Polittbüro; die beiden sind im Mai als Herrchens Frauchen unterwegs (http://www.polittbuero.de)
Konkret 05/12, S. 45
Berthold Seliger
»So bleiben wir Toplangweiler worldwide«
Im Feuilleton tobt eine Debatte um Sinn und Unsinn von Kultursubventionen (siehe S. 42). KONKRET bat Kulturschaffende und -veranstalter um ein Statement: Sind staatliche Subventionen unverzichtbar, oder lähmen sie gar die Kreativität, wie die Kulturinfarkt-Autoren behaupten?

Vor Ostern in Wagners »Walküre« an der Berliner Staatsoper gewesen. Das Ticket, nicht die beste Kategorie, kostete 210 Euro. Und ich war, was mir mit meinen 52 Jahren selten passiert, einer der Jüngsten im Publikum. Jedes Staatsopern- Ticket wird von den Steuerzahlern mit mehreren Hundert Euro subventioniert – und dennoch können sich viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt den Eintrittspreis nie leisten. Von allen wird eine Repräsentationskultur finanziert, die nur Ober- und Mittelschicht zugute kommt. Gleichzeitig verschickt der Berliner Senat Förderbescheide an Träger der freien Kulturszene, in denen Stundenlöhne von drei Euro fixiert sind.
»Kultur für alle« ist ein Programm aus vergangenen Zeiten. Den sozialen Status des Heers von Kulturarbeitern als »Prekariat« zu bezeichnen, grenzt schon an Verniedlichung. Die in Sonntagsreden gefeierte »Kreativwirtschaft« und ihre fragmentarischen, flexiblen und für den einzelnen ruinösen Arbeitsbedingungen dienen als gesellschaftliches Modell. Was alle werden sollen, ist auch, was allen droht.
Wer Zuschüsse von der staatlichen »Initiative Musik« in Anspruch nimmt, muß sich der Zensur unterwerfen: »Die Vertragsparteien sind verpflichtet, sich gegenseitig jeder negativen Darstellung des anderen Teils zu enthalten und Kritik an der Kooperation nicht an die Öffentlichkeit zu tragen«, und: »Vor der Veröffentlichung von Pressemitteilungen … und projektbezogenen Verlautbarungen … ist der Antragsteller verpflichtet, eine Freigabeerklärung der Initiative Musik einzuholen.« Kein Popmusiker, der noch einigermaßen bei Trost ist, kann sich auf derartige Bedingungen einlassen – mal abgesehen von der Frage, ob sich ein Popmusiker überhaupt vom Staat finanzieren lassen sollte: Oder kann sich jemand vorstellen, daß die Rolling Stones sich ihren »Street Fighting Man« hätten vom Staat subventionieren lassen? Kunst, Kultur hat eine subversive Botschaft, und da es darum geht, »nicht imperiale Kunst« (Alain Badiou) zu schaffen, ist die Unterwerfung unter jedwede Staatsräson entschieden abzulehnen. Natürlich gibt es trotz alledem und alledem Kunstformen, die der Subvention bedürfen – Theater etwa, Opernhäuser, Museen. Daher regelt alles Nähere der Revolutionsrat. ??
Berthold Seliger ist Konzertveranstalter in Berlin
Konkret 05/12, S. 45
Stefan Gärtner
Subventionsstreichquartett
Kultur-Kolumne
Stefan Gärtner (Künstlersozialkasse Nr. G 52 xxxx73 / KA 25)
Daß Kunst was mit Geld zu tun hat, hat selten so schöne Illustration erfahren wie im Briefwechsel zwischen Siegfried (»Suhrkamp«) Unseld und Thomas Bernhard, der Geld für seine stetig wachsenden Latifundien brauchte, und zwar von Unseld, der dem Nachwuchsschriftsteller zum Einstand gleich 40.000 Mark auslegt und sich dafür bis zu Bernhards Tod dessen Tiraden, Erpressungen und haltlosen Anwürfen aussetzen darf (»Sie wissen genau, daß ich mit meiner Prosaarbeit … nicht einmal die Lohnhöhe meines Nachbarn, der als Hilfsarbeiter in der Schottergrube arbeitet, erreiche «). Daß Kunst fremden Geldes bedarf, wenn das eigene nicht reicht, okay; schwieriger wird’s, wenn die Förderung vom Staat kommt. Was geht den das schließlich an? Und warum bezahlt ein Hilfsarbeiter in der Schottergrube einen mit 150 Euro pro Vorstellung subventionierten Opernsitz, auf dem er nie zu sitzen kommt?
Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das gleiche (Knaus) haben die Herren Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz – ein Soziologe, ein Kulturstiftungsdirektor, ein Professor für Kulturmanagement und einer für Kulturwissenschaft – ihre »Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention« und nämlich gegen das »Gießkannenprinzip« bei der Kulturförderung genannt. Auf locker mal die Hälfte der allesamt unrentablen Museen und Theater, so die entschlossen kontroverse These, sei doch gut verzichten, denn die sozialdemokratisch inspirierte Kulturpolitik, das »Kultur für alle!«, sei gescheitert, insofern Kultur Hochkultur bedeute, für welche sich Frau Hinz und Herr Kunz nach wie vor nicht interessierten, und die einzigen, die von dem vielen Geld etwas hätten, seien Kulturfunktionäre, Kulturvermittler und ein Künstlervolk, das bequem die Marktgesetze ignorieren dürfe.
Die Reaktion kam prompt: »Kultursubventionen sind Umverteilungsmaßnahmen zugunsten der akademischen Mittelschicht. Sie profitiert am meisten davon. Aber ist das nicht gut so?« frug Jens Bisky pro domo in der »Süddeutschen Zeitung«. »Geht es dem Land nicht eben deshalb gut, weil diese Schicht in der Öffentlichkeit den Ton angibt und Kunst und Kultur dabei als Ressource der Legitimierung und des Streits nutzt? Und schlittert das Land nicht deswegen so erfolgreich durch die Krise, weil seine Institutionen so stabil, zäh und alles in allem produktiv sind?«
Man darf bezweifeln, daß es an den vielbeschworenen drei Berliner Opern liegt, daß das Land, ohne Rücksicht auf europäische Verluste, so erfolgreich durch die Krise schlittert; und was immer die Leute im Alltag bei der Stange hält, »Rigoletto« ist es nicht, schon eher »DSDS«. Aber die Ideen unseres Subventionsstreichquartetts muß man darum noch nicht mögen: »Nachfrageorientierung vor allem durch höhere Wertschöpfung am Konsumentenmarkt«, »Institutionen in betrieblicher Selbständigkeit«, »Kraft für Innovationen, für Visionen, für die Erschließung strategischer Potentiale« als »Voraussetzung, um im Markt erfolgreich agieren zu können« – was in klassisch zu nennenden Polemiken gegen das Förderwesen noch überzeugend, weil subversiv klingt: »Ich fordere Innovation statt Subvention. Ich fordere das Ende jeder Filmförderung aus Steuermitteln. Der Staat soll seine Griffeln aus dem Film endlich wieder rausnehmen. 13 Jahre Staatskino unter Adolf und die letzten 40 Jahre staatlicher Filmförderung haben dazu geführt, daß der deutsche Film schon in den siebziger Jahren auf Klassenfahrt in der Toskana hängenblieb« (Klaus Lemke), verliert an Charme, wo in BWL-Diktion »Nachfragepolitik« gefordert wird; denn was die anrichtet, kann, wer partout will, allabendlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestaunen.
Aus dem »Kultur für alle!« ist längst, soviel ist richtig, ein so weit- wie tiefwurzelndes Subventionssystem für den Kulturbürger und seine moralischen Anstalten geworden. Aber erstens ist dieses Land sowieso kein proletarisches, zweitens ist die Kinderarmut nicht wegen der Kulturförderung so hoch und drittens gibt es ein »Schisma« von »geförderter Kunst und nicht-geförderter Nicht-Kunst« gar nicht mehr, wo sich das Feuilleton gebetsmühlenartig über »Mad Men« und »The Wire« verbreitet und die überregionalen Tageszeitungen Redakteure für Rock & Pop-Musik bezahlen. »Ausgegrenzt in die Zone der Unkultur dagegen werden im guten alten Europa mit Vorliebe die amerikanisch geprägte Kulturindustrie, die Amateurkultur inklusive Folklore, die Unterhaltung, die Computerspiele, die sich selbst finanzierende Kunst, die Kunst der Migranten.« Selbst wenn wir vom gebührenfinanzierten »Frühlingsfest der Volksmusik « absehen, ist das Quatsch, sofern »Ausgrenzung « nicht bloß bedeutet, daß es keine Staatsknete gibt, die in der Argumentation von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz doch nur die Innovationsfähigkeit erstickt. »Kultur zu fördern heißt Ausgrenzung zu konstruieren« – der Erfolg amerikanisch geprägter Kulturindustrie beruht aber auf der Inkorporation vormals ausgegrenzter Subkultur, und Computerspiele gelten längst als interaktive Filmerzählungen. Es ist dies ein dialektisches, sich immer wieder neu formierendes Verhältnis von Zentral- und Subversivkultur, und daß Jazz und Elvis mal als Negermusik galten, hat ihnen nicht geschadet, im Gegenteil. »Die Erzeugungsweise der Kunst bewegt sich nicht nur in den Lücken der herrschenden Erzeugungsweise. Sie bewegt sich auch in den Lücken der herrschenden Kunsterzeugungsweise « (Peter Hacks).
»Kunst wird nicht mehr als ästhetischer, emotionaler, sozialer Prozeß gesehen, der die Ordnung im umfassenden Sinne erschüttert«, so die Kulturkardiologen, »sondern als vom Markt und der Faulheit der Menschen bedrohte Spezies von Zeichen, die ohne Schutz vom Planeten verschwinden würde, ähnlich einer seltenen Tierart.« Wenn Zivilisation aber die größtmögliche Entfernung vom Naturzustand bedeutet, wäre gegen diese Art von Bestandsschutz doch gar nichts einzuwenden, und es ist albern, sich auf Shakespeare zu berufen, der auf eigene Verantwortung für ein volles Haus habe sorgen müssen, mit Stücken, die nicht nur singulär, sondern auch populär waren, während sich im heutigen Regietheater nackte Schauspieler subventioniert mit Kot bewerfen. Denn Shakespeare war auch im Wortsinne konkurrenzlos; und gegen Flachbildschirm und Cineplex wird »Hamlet« halt zum Subventionsfall. Benj. v. Stuckrad-Barre war mal stolz darauf, als »Mitarbeiter der Unterhaltungsindustrie « nicht auf Stipendien und ähnliches Teufelswerk angewiesen zu sein. Heute ist er bei Springer. Die Ordnung, wie sie ist, ist sowenig durch Kunst erschütterbar, wie sie Unabhängiges kennt, und was »Kunst« sei, kann das Publikum sowenig entscheiden wie ein Fördergremium. So romantisch das klingt: »Rettung kann allein von Omas Häuschen kommen, das man heimlich bei der Bank beleiht. Denn nur für das eigene Geld lohnt es sich nachzudenken – wenn es in Gefahr ist« (Lemke), so hat das rebel without a budget-Prinzip durchaus was Tautologisches. »Zwischendurch nervt es, ehrlich gesagt, auch ein bißchen« (P. Körte, »FAS«, angesichts Lemkes frischem Film »Berlin für Helden«). Denn Kunst wird durch Geld nicht bedroht; allenfalls, mit Hacks, belästigt.
Konkret 05/12, S. 42