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Als Donald Trump Deutschland von der Sofakante stieß

Seit dem In­ter­view mit Do­nald Trump, das die Bild-Zei­tung am 16.1.2017 ab­druck­te, ist die Zeit der Be­schwö­run­gen, es werde mit ihm schon nicht so schlimm kom­men, erst ein­mal vor­bei: „In ein, zwei Fe­der­stri­chen stellt er die po­li­ti­sche und die wirt­schaft­li­che Ord­nung des Wes­tens in Frage“, ver­merk­te die FAZ am 17.1.2017 und wei­ter: „Nun deu­tet sich an“, dass neben Russ­land auch die USA „zur Groß­macht­po­li­tik im Jal­ta-Stil zu­rück­keh­ren könn­te. Auch Deutsch­land würde dann von der So­fa­kan­te ge­sto­ßen.“ In der Tat könn­te eine deut­sche heile Welt an ihr Ende ge­kom­men sein und eine neue Ord­nung be­gin­nen, in der mög­li­cher­wei­se alle Sie­ger­mäch­te des Zwei­ten Welt­kriegs als of­fe­ne statt wie bis­her ver­deck­te Kon­kur­ren­ten auf­tre­ten und nicht wei­ter als Part­ner in einem Spiel mit­tun, in dem alle Sti­che Ber­lin und vor­her Bonn ge­macht hat. Trumps In­ter­ven­tio­nen zur deut­schen Füh­rung in der EU, sein Lob des Brex­it, seine Kri­tik an der deut­schen Flücht­lings­po­li­tik und dem ver­gif­te­ten deut­schen Na­to-En­ga­ge­ment sind weder neu, noch stam­men sie von ihm. Auch wenn es an­ders ge­meint war, ist der FAZ zu­zu­stim­men: „Die Of­fen­heit, mit der Trump die Dinge beim Namen nennt, ist ir­ri­tie­rend und er­fri­schend zu­gleich.“ (17.1.2017) Hier de­nun­zier­te einer, dem man den Mund nicht ver­bie­ten kann, die deut­schen Tu­gen­den wie Ver­ant­wor­tung vor der Ge­schich­te, Ge­walt­lo­sig­keit, An­ti­na­tio­na­lis­mus und Welt­of­fen­heit als Pro­pa­gan­da, die nur dazu diene, da­hin­ter wir­ken­de De­struk­ti­ons­po­ten­tia­le zu be­schö­ni­gen. Das trifft ein Land emp­find­lich, des­sen Auf­tre­ten als post­na­tio­na­le und mo­ra­li­sche EU-Füh­rungs­macht er­heb­lich dazu bei­ge­tra­gen hat, dass sich über­all in Eu­ro­pa na­tio­na­le Pro­test­be­we­gun­gen eta­blie­ren konn­ten, die immer we­ni­ger als an­ti­eu­ro­pä­isch und ewig­gest­rig wahr­ge­nom­men wer­den, son­dern als an­ti­deut­sche Ab­setz­be­we­gung von einem ver­hass­ten Deutsch-Eu­ro­pa. Seit Trumps Wor­ten erste Taten fol­gen, sieht man sich in Deutsch­land an der Front und emp­fiehlt „Wi­der­stand statt An­pas­sung“ (Deutschlandfunk.de, 4.2.2017) und „Zi­vil­cou­ra­ge“ (FAZ) gegen den als Fa­schis­ten ge­schol­te­nen Prä­si­den­ten der Na­ti­on, die Deutsch­land maß­geb­lich vom Fa­schis­mus „be­freit“ hat. Höchs­te Zeit also, sich dem ge­müt­li­chen Sofa näher zu wid­men, auf des­sen Kante man be­schei­den aber aus­kömm­lich ge­ses­sen hat, bevor einen eine skru­pel­lo­se Welt­macht und wort­brü­chi­ge Ver­bün­de­te her­un­ter­ge­sto­ßen haben.

Erst Europa, dann die ganze Welt

Vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung wur­den deut­sche In­ter­es­sen in der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik of­fi­zi­ell immer unter Be­rück­sich­ti­gung der als vor­ran­gig gel­ten­den Ein­bin­dung in Nato und Eu­ro­päi­sche Union wahr­ge­nom­men. Das noch in der Amts­zeit Hel­mut Kohls aus­ge­ge­be­ne „Ziel der deut­schen und eu­ro­päi­schen Ein­heit“ (Wahl­pro­gramm für die Bun­des­tags­wahl 1983 der CDU/CSU) war west­deut­sche Staats­rä­son, die par­al­lel voran ge­trie­be­ne För­de­rung wei­te­rer mul­ti­la­te­ra­ler In­sti­tu­tio­nen wurde nicht als Wi­der­spruch dazu be­grif­fen. Zwar gal­ten deut­sche „Al­lein­gän­ge“ als schäd­lich, den­noch be­an­spruch­te man für sich unter dem Na­to-Schutz­schirm eine Son­der­stel­lung beim Dia­log mit allen Sei­ten, der an­ti­im­pe­ria­lis­ti­sche und pa­zi­fis­ti­sche Po­li­ti­kel­e­men­te ge­nau­so wie ein Ko­ket­tie­ren mit dem als Drit­ter Weg be­zeich­ne­ten Kurs der block­frei­en Län­der be­inhal­te­te. Damit wurde nach innen eine von den Kon­ser­va­ti­ven bis zu den Kom­mu­nis­ten un­ter­stütz­te, auf Sou­ve­rä­ni­täts­zu­ge­winn set­zen­de Au­ßen­po­li­tik be­grün­det, die sich in mo­ra­li­scher Selbst­über­hö­hung gegen ego­is­ti­sche und damit un­ver­ant­wort­li­che Macht­po­li­tik rich­te­te. Die alte Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land be­stand auf größt­mög­li­che Un­ge­bun­den­heit, die als mul­ti­la­te­ra­les in­ter­na­tio­na­les Auf­tre­ten zum deut­schen Mar­ken­zei­chen wurde und auch die Sie­ger­mäch­te als Ver­trags­part­ner und nicht als Ga­ran­ten der na­tio­na­len Si­cher­heit ein­schloss. Kei­nes­falls woll­te man zum blo­ßen Er­fül­lungs­ge­hil­fen oder im Ex­trem­fall Kriegs­knecht der Ver­bün­de­ten wer­den, wes­halb z.B. die USA mal für zu wenig und mal für zu viel Sä­bel­ras­seln kri­ti­siert wur­den, da es ihrer Po­li­tik an einem den na­tio­na­len Ego­is­mus tran­szen­die­ren­den Idea­lis­mus ge­bre­che. Die Ab­leh­nung mi­li­tä­ri­scher Ge­walt be­grün­de­te den selbst­be­wusst vor­ge­tra­ge­nen deut­schen Macht­an­spruch jen­seits von Nato und EU. Wenn Bun­des­prä­si­dent Gauck be­haup­te­te, „Schritt um Schritt wird die Bun­des­re­pu­blik von einem Nutz­nie­ßer zu einem Ga­ran­ten in­ter­na­tio­na­ler Si­cher­heit und Ord­nung“ (auf der 50. Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz 2014), so ist das nicht nur im Kon­text mas­si­ver Rüs­tungs­ex­por­te und aus­ge­wei­te­ter Aus­lands­ein­sät­ze zu sehen; ge­meint war vor allem die Ab­gren­zung von der fran­zö­si­schen, eng­li­schen und ame­ri­ka­ni­schen Auf­ga­ben­de­fi­ni­ti­on für ihre Streit­kräf­te. Nato und NGO ge­hö­ren nach deut­scher Auf­fas­sung zu­sam­men – eine Ein­schät­zung, der auf seine Weise auch Wla­di­mir Putin folgt, wenn er in Russ­land po­li­tisch tä­ti­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen, denen Gel­der aus dem Aus­land zu­flie­ßen, als „aus­län­di­sche Agen­ten“ be­zeich­net und ent­spre­chend be­han­delt. Au­ßen­mi­nis­ter Wes­ter­wel­le be­ton­te davon un­be­ein­druckt auf der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz 2012: „Eine mo­der­ne Si­cher­heits­po­li­tik des 21. Jahr­hun­derts wird zu­neh­mend auf zi­vi­le Mit­tel set­zen“ (http://www.auswaertiges-amt.de), Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter de Maizière hob beim Deut­schen Forum Si­cher­heits­po­li­tik 2013 her­vor: „Wenn wir über­le­gen, wie wir unser Land schüt­zen und un­se­re na­tio­na­len In­ter­es­sen und Bünd­nis-In­ter­es­sen ver­tre­ten kön­nen, be­zie­hen wir wirt­schaft­li­che, so­zia­le, de­mo­gra­phi­sche, öko­lo­gi­sche und immer mehr auch re­li­giö­se As­pek­te stär­ker mit ein als frü­her“ (https://www.dfs.bund.de) und das Aus­wär­ti­ge Amt fasst bün­dig zu­sam­men: „Deut­sche Au­ßen­po­li­tik ist Frie­dens­po­li­tik. Kon­kret be­deu­tet das den Ein­satz für ver­bind­li­che Re­geln und star­ke mul­ti­la­te­ra­le In­sti­tu­tio­nen, sowie En­ga­ge­ment für Ab­rüs­tung, Kri­sen­prä­ven­ti­on und fried­li­che Streit­bei­le­gung“. (www.auswaertiges-amt.de)

Die „Zi­vil­macht“ (Hanns W. Maull) Deutsch­land ist dem­nach an­ders als die Groß­mäch­te be­strebt, die in­ter­na­tio­na­len Be­zie­hun­gen durch eine Stär­kung in­ter­na­tio­na­ler Nor­men zu zäh­men. Bei der Durch­set­zung in­ter­na­tio­na­ler In­sti­tu­tio­nen wie der Ein­rich­tung des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs oder bei mul­ti­la­te­ra­len Ab­kom­men, auch (Frei-)Han­dels­ab­kom­men, geht es immer um ein über­staat­li­ches Re­gime, dem sich auch die Welt­mäch­te ein­fü­gen müs­sen. Die­ses Auf­tre­ten des Welt­kriegs­ver­lie­rers ge­ra­de ge­gen­über den alli­ierten Sie­ger­mäch­ten als „Zi­vi­li­sie­rer“ oder Ein­he­ger be­grün­de­te vie­ler­orts den guten Ruf Deutsch­lands.

Überrumpelungsstrategien einer Zivilmacht

Nach der Wende er­wies sich die deut­sche Au­ßen- und Eu­ro­pa­po­li­tik ent­ge­gen der ei­ge­nen Pos­tu­la­te je­doch oft als wenig be­re­chen­bar. Den Tur­bu­len­zen bei der In­te­gra­ti­on der DDR wurde noch viel­fach mit Ver­ständ­nis be­geg­net, auch wenn die da­ma­li­ge Hoch­zins­po­li­tik, die ver­füg­ba­res Leih­ka­pi­tal nach Deutsch­land lenk­te, in der EU zu mas­si­vem Streit führ­te. Doch schon bald er­wies sich, dass im Um­gang mit tra­di­tio­nel­ler eu­ro­päi­scher Geo­po­li­tik, der EU-In­te­gra­ti­on, der in­ner­eu­ro­päi­schen Kon­kur­renz, der si­cher­heits­po­li­ti­schen Aus­rich­tung und im Um­gang mit in­ter­na­tio­na­len Han­dels­in­ter­es­sen keine ver­bind­li­che mul­ti­la­te­ra­le deut­sche Po­si­ti­on ein­ge­nom­men wurde, son­dern immer häu­fi­ger Al­lein­gän­ge sicht­bar wur­den. Als Kenn­zeichen deut­scher Po­li­tik könn­te man von Über­rum­pe­lungs­ak­tio­nen spre­chen. Sei es die un­ver­mit­tel­te völ­ker­recht­li­che An­er­ken­nung von Kroa­ti­en und Slo­we­ni­en, die Wei­ge­rung, sich am Irak­krieg zu be­tei­li­gen, die Un­ter­stüt­zung einer Ostsee­pipeline für rus­si­sches Gas, die Ent­hal­tung im UN-Si­cher­heits­rat zum mi­li­tä­ri­schen Ein­grei­fen in Li­by­en, die En­er­gie­wen­de, die Maut oder die Grenz­öff­nung: Jedes Mal wur­den Bünd­nis­part­ner vor den Kopf ge­sto­ßen. Be­son­ders die mit an­ti­ame­ri­ka­ni­scher Verve von der Schrö­der-Re­gie­rung be­trie­be­ne Ab­leh­nung des Irak­krie­ges, die u.a. von Frank­reich ge­teilt wurde, ver­deut­lich­te den Bruch mit dem Prin­zip des Mul­ti­la­te­ra­lis­mus. Zu­sam­men mit der Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zu einer den Krieg le­gi­ti­mie­ren­den UN-Re­so­lu­ti­on, ohne einen Kom­pro­miss über eta­blier­te Ka­nä­le in eu­ro­päi­schen und trans­at­lan­ti­schen In­sti­tu­tio­nen zu su­chen, war das ein deut­li­ches Zei­chen dafür, dass Deutsch­land sich im Zwei­fel nicht an seine ei­ge­nen po­li­ti­schen Glau­bens­sät­ze hält, son­dern sich wie eine der viel ge­schol­te­nen Füh­rungs­mäch­te ganz ego­is­tisch mul­ti­la­te­ra­len Ver­fah­ren ent­zieht. Im Zu­sam­men­hang mit dem Irak­krieg hatte man sich gegen die trans­at­lan­ti­sche Bin­dung zu­guns­ten einer kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Op­ti­on ent­schie­den. Der im Herbst 2002 er­schie­ne­ne Best­sel­ler Der Brand von Jörg Fried­rich und die sich daran an­schlie­ßen­de De­bat­te über die deut­schen Opfer „anglo-ame­ri­ka­ni­scher“ Bom­ben­an­grif­fe hat­ten die brei­te Zu­stim­mung zu Kanz­ler Schrö­ders „deut­schem Weg“ gegen den ame­ri­ka­ni­schen vor­be­rei­tet. Doch der kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­sche Traum platz­te, kaum dass er offen aus­ge­spro­chen war: Ei­ni­ge ost­eu­ro­päi­sche Staa­ten zogen die noch unter Obama be­währ­ten trans­at­lan­ti­schen Ga­ran­ti­en den an­ti­ame­ri­ka­ni­schen „eu­ro­päi­schen“ Schach­zü­gen der Schrö­der-Re­gie­rung vor und tra­ten der Ko­ali­ti­on der Wil­li­gen bei, der auch Ita­li­en, Spa­ni­en, Por­tu­gal und die Nie­der­lan­de an­ge­hör­ten. Die ver­stärk­te Hin­wen­dung zur EU be­gann also mit einem Rein­fall, der Vor­schein einer gan­zen Kette eu­ro­päi­scher Nie­der­la­gen war.

In­zwi­schen wird der ehe­ma­li­gen „Zi­vil­macht“ Deutsch­land eine „nor­ma­ti­ve Ero­si­on“ (Hanns W. Maull) in der Au­ßen­po­li­tik at­tes­tiert – im Hin­blick auf die frü­her stets in­te­gra­ti­ons­freund­li­che eu­ro­pa­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung ge­nau­so wie auf die schwin­den­de Be­reit­schaft zur Sou­ve­rä­ni­täts­über­tra­gung Rich­tung eu­ro­päi­sche Ebene. Für die deut­sche Au­ßen­po­li­tik gilt der Mul­ti­la­te­ra­lis­mus immer we­ni­ger als Ap­pell an die ge­mein­sa­me Ver­ant­wor­tung und damit als Ein­spruch gegen na­tio­nal bor­nier­te Macht­aus­übung, son­dern prä­sen­tiert sich als his­to­risch er­wor­be­nes ori­gi­nä­res Po­ten­ti­al, das zur Um­set­zung deutsch de­fi­nier­ter „Frie­dens­po­li­tik“ nicht un­ge­nutzt blei­ben dürfe. Im Ver­hält­nis zur EU, aber auch dar­über hin­aus, stellt sich die In­te­gra­ti­on in die EU als Be­din­gung für die ei­ge­ne Welt­gel­tung dar. Die ex­klu­si­ven bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Län­dern müss­ten dabei mit den mul­ti­la­te­ra­len in der EU in einer glück­li­chen Ba­lan­ce ge­hal­ten wer­den – genau das wird dem er­klär­ten He­ge­mon in­ner­halb der EU immer we­ni­ger zu­ge­traut. Im Ge­gen­teil: Die Vor­schlä­ge zur eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­on, die Her­aus­bil­dung einer an­ti­ame­ri­ka­ni­schen Ge­gen­macht, die ge­schei­ter­te Frie­dens­po­li­tik und der all diese Zu­mu­tun­gen erst be­flü­geln­de wirt­schaft­li­che Er­folg wer­den in vie­len an­de­ren Län­dern als Last emp­fun­den. Die öko­no­mi­sche Über­macht der Deut­schen ze­men­tiert im EU-Aus­land Ab­hän­gig­kei­ten und be­för­dert wirt­schaft­li­che Ago­nie, ohne dass eine Kom­pen­sa­ti­on in Aus­sicht ge­stellt würde – und der immer selbst­be­wuss­ter vor­ge­tra­ge­ne An­ti­fa­schis­mus ruft erst recht Er­in­ne­run­gen an das im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus durch­ge­führ­te eu­ro­päi­sche Neu­ord­nungs­pro­gramm her­vor.

Wirtschaftswunderstaat gegen absteigende Weltmacht

Nach dem Schei­tern des Deut­schen Rei­ches mit­samt sei­nen Plä­nen für die He­ge­mo­nie in Eu­ro­pa 1945 hat der „alte Kon­ti­nent“ auf­ge­hört, der be­stim­men­de Mit­tel­punkt der Welt zu sein, po­li­tisch wie wirt­schaft­lich. In der frü­hen BRD hatte man das ver­stan­den, wes­halb die deut­sche Po­li­tik früh an einem Selbst­ver­ständ­nis zu ar­bei­ten be­gann, das Wirt­schafts­mi­nis­ter Er­hard als glo­ba­len Ex­port-Na­tio­na­lis­mus kon­zi­pier­te: „Deut­sche Wirt­schafts­po­li­tik stand von An­fang an im Span­nungs­ver­hält­nis von eu­ro­päi­scher Pflicht und welt­wirt­schaft­li­cher Kür.“ Da der Mar­shall­plan „vor allem dar­auf ab­ziel­te, po­ten­zi­el­len De­fi­zit­län­dern De­vi­sen­hil­fe zum Kauf deut­scher Ma­schi­nen und An­la­gen zu leis­ten“, sah Er­hards Mi­nis­te­ri­um darin be­reits 1949 mehr als „einen un­ge­heu­er gro­ßen Schritt vor­wärts zu einer eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft“: Die­ses Eu­ro­pa, mit Deutsch­land als pro­duk­ti­vem Zen­trum, soll­te eine „erste Stufe zur Welt­wirt­schaft“ sein. Man woll­te, so Wer­ner Abels­hau­ser in der FAZ vom 7.12.2016 unter Zi­tie­rung von Er­hard und des­sen Mi­nis­te­ri­um wei­ter, als Aus­stat­ter für Schwel­len­län­der „Part­ner eines neuen ‚welt­wirt­schaft­li­chen Wachs­tums­ge­schäfts‘ wer­den“. Das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ging schon An­fang der 1950er Jahre davon aus, „dass der Über­see­han­del mit einem ‚blo­ßen Wa­ren­ver­kehr‘ immer we­ni­ger ge­mein hatte. Galt im 19. Jahr­hun­dert noch die De­vi­se ‚trade fol­lows the flag‘ – und damit der Präroga­ti­ve der Ko­lo­ni­al­mäch­te –, war man jetzt davon über­zeugt, dass die Phase ‚trade fol­lows the en­gi­neer‘ an­ge­bro­chen war, in der den deut­schen, von An­fang an welt­markt­ori­en­tier­ten Neuen In­dus­tri­en [Groß­che­mie, Ma­schi­nen­bau und Elek­tro­tech­nik] Wett­be­werbs­vor­tei­le zu­wuch­sen. Viele der Er­hard­schen Schwel­len­län­der wie Ar­gen­ti­ni­en, Ägyp­ten, Me­xi­ko, die Tür­kei oder In­do­ne­si­en er­füll­ten die in sie ge­setz­ten Hoff­nun­gen nicht oder ver­harr­ten wie In­di­en oder Bra­si­li­en dau­er­haft in die­sem Sta­tus“ und konn­ten nie dem Club der In­dus­trie­län­der bei­tre­ten. „Für die Aus­sich­ten der west­deut­schen Au­ßen­wirt­schafts­po­li­tik än­der­te dies frei­lich wenig, rück­ten doch immer neue Län­der in die­ses ‚Pio­nier­ge­schäft der wirt­schaft­li­chen Er­schlie­ßung‘ nach.“ Die deut­sche Wirt­schafts­po­li­tik „wurde reich­lich be­lohnt, als mit China (1978) und den Ost­block­staa­ten (1990) wich­ti­ge Kun­den in den Welt­markt ein­tra­ten und die Dy­na­mik einer neuen Ge­ne­ra­ti­on von Schwel­len­län­dern dafür sorg­te, dass Deutsch­land seine seit 1952 be­ste­hen­de Po­si­ti­on als füh­ren­des und nach­hal­ti­ges Über­schuss­land wei­ter aus­bau­en konn­te. […] Als die Re­gie­rung Kohl 1983 nichts we­ni­ger als ‚die Über­nah­me einer eu­ro­päi­schen Füh­rungs­rol­le (ana­log der ame­ri­ka­ni­schen im Bünd­nis)‘ an­streb­te, folg­te das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um dem Kanz­ler­amt be­reit­wil­lig, ge­ra­de weil es darin die Vor­aus­set­zung sah, die nö­ti­ge Hand­lungs­frei­heit am Welt­markt zu ge­währ­leis­ten. Nicht zu­letzt den ‚Ver­ei­nig­ten Staa­ten wurde so klar zu ver­ste­hen ge­ge­ben, dass kein Land die in­ter­na­tio­na­len Spiel­re­geln nach ei­ge­nem Gusto in­ter­pre­tie­ren kann‘. Auf dem Markt konn­te die Bun­des­re­pu­blik den Ame­ri­ka­nern leicht auf Au­gen­hö­he be­geg­nen. Wenn es um die Macht ging, die Spiel­re­geln aus­zu­han­deln, war sie gleich­wohl auf den Rück­halt der EU an­ge­wie­sen.“ Deutsch­lands Mis­si­on gegen den Welt­he­ge­mon wird heute ge­le­gent­lich auch als War­nung vor der zu engen Bin­dung an eine „ab­stei­gen­de Welt­macht“ (Die Welt) vor­ge­tra­gen.

Deut­sche Po­li­tik­be­ra­ter emp­fah­len den Weg der Kon­fron­ta­ti­on, der als ein „Neu-Aus­han­deln von Spiel­re­geln“ ver­harm­lost wurde, zu­sam­men mit der ge­sam­ten EU zu gehen, die als „nor­ma­ti­ve power“ „be­son­ders gro­ßen Wert auf prin­zi­pi­en­ge­lei­te­tes Han­deln legen soll­te. Dies gilt ins­be­son­de­re für Kon­flik­te mit den USA, denn die Ab­gren­zung vom trans­at­lan­ti­schen Part­ner durch mul­ti­la­te­ra­les Han­deln bie­tet der EU die Mög­lich­keit, ihr ei­ge­nes Pro­fil als Ak­teur in der Welt­po­li­tik zu schär­fen und den eu­ro­päi­schen Bür­gern eine po­si­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Au­ßen­po­li­tik der Union zu er­mög­li­chen.“ (Ca­ro­li­ne Fehl / Jo­han­nes Thimm: Welt­macht und Welt­ord­nung, SWP-Stu­die, 2008, 24)

Die Aus­rüs­tung der In­dus­trie mög­lichst vie­ler Län­der über­all auf dem Glo­bus bot ge­nü­gend Stoff für Kon­fron­ta­tio­nen mit der west­li­chen Füh­rungs­macht, da die­ses Agie­ren den stra­te­gi­schen In­ter­es­sen der USA häu­fig zu­wi­der­lief. Ge­le­gent­lich er­folg­ten Hin­wei­se von US-Be­hör­den an deut­sche Un­ter­neh­men, man könne für öko­no­mi­sche Nach­tei­le sor­gen, die die er­war­te­ten Ge­win­ne aus den vom Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ge­neh­mig­ten Ge­schäf­ten mit be­stimm­ten Dritt­län­dern deut­lich in den Schat­ten stel­len wür­den. Ge­ra­de die Ge­schäf­te mit dem von US-Wirt­schafts­sank­tio­nen be­trof­fe­nen Iran stan­den nicht für die Aus­nah­me, son­dern für ein Prin­zip deut­scher Wirt­schafts­po­li­tik. Ent­spre­chend emp­fahl die Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik (SWP) gegen einen „auf immer stär­ke­ren Zwang set­zen­den An­satz“ der USA den Eu­ro­pä­ern, „mit Sank­ti­ons­er­leich­te­run­gen ihre si­cher­heits­po­li­ti­sche Rolle wie­der ei­gen­stän­di­ger wahr­zu­neh­men.“ (SWP-Ak­tu­ell 63, Ok­to­ber 2013, 1) Das Aus­wär­ti­ge Amt hat für die auf­stre­ben­den Volks­wirt­schaf­ten China, In­di­en, Bra­si­li­en und Süd­afri­ka, deren Re­prä­sen­tan­ten sich jähr­lich tref­fen, die Be­zeich­nung Ge­stal­tungs­län­der ein­ge­führt, mit denen „die Zu­sam­men­ar­beit aus­zu­bau­en“ sei. (www.auswae­rtiges-amt.de) Zu Russ­land, das wie diese zu den BRICS-Staa­ten zählt, gal­ten Son­der­be­zie­hun­gen, die so weit­ge­hend von po­li­ti­schen Rück­sicht­na­men ge­prägt waren, dass Deutsch­land von ame­ri­ka­ni­scher Seite vor­ge­wor­fen wurde, vom ver­läss­li­chen Bünd­nis­part­ner und Ver­mitt­ler zu einem Al­li­ier­ten ge­wor­den zu sein, „der die Ziele der USA in na­he­zu allen wich­ti­gen Punk­ten blo­ckiert hat“. Die deut­sche Na­to-Po­li­tik ori­en­tie­re sich nicht am Bünd­nis mit den USA, son­dern an einem „Gleich­ge­wicht der Mäch­te und der na­tio­na­len In­ter­es­sen“. (Jäger u.a.: 2011, 115) Für das deut­sche Vor­ge­hen im glo­ba­len Rah­men steht die Mo­der­ni­sie­rungs­part­ner­schaft mit Russ­land ex­em­pla­risch, die trotz des EU-Em­bar­gos von Waf­fen­lie­fe­run­gen und der Han­dels- und Geld­markt­be­schrän­kun­gen fort­ge­setzt wird, ob­wohl seit der Be­set­zung der Krim Deutsch­lands Glaub­wür­dig­keit in Ost­eu­ro­pa dar­un­ter lei­det.

Imperialisten drohen der friedlichen Welt

Die bri­ti­sche Eu­ro­pa-Po­li­tik, die tra­di­tio­nell kei­nen He­ge­mon zu­las­sen will, könn­te Nach­ah­mer fin­den. Wenn, wie es Do­nald Trump er­war­tet, wei­te­re Mit­glie­der die EU ver­las­sen, könn­te Deutsch­land zu­sam­men mit Frank­reich doch noch zum un­an­ge­foch­te­nen An­füh­rer einer al­ler­dings er­heb­lich klei­ne­ren Union wer­den. Für die Bri­ten, die von Eu­ro-Eu­ro­pa auf eine zweit­ran­gi­ge EU-Mit­glied­schaft ver­wie­sen wur­den, er­klär­te die Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May den Brex­it u. a. damit, dass „der Platz des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­rei­ches in der Eu­ro­päi­schen Union auf Kos­ten un­se­rer glo­ba­len Bin­dun­gen“ gehe (https://www.gov.uk/government/speeches/the-governments-negotiating-objectives-for-exiting-the-eu-pm-speech). An Do­nald Trump ge­rich­tet hatte May da­ge­gen auf Ge­mein­sam­kei­ten hin­ge­wie­sen: „Die Füh­rung, die un­se­re bei­den Län­der durch ihre be­son­de­re Be­zie­hung über­nom­men haben, hat mehr er­reicht als Krie­ge zu ge­win­nen und Feind­se­lig­kei­ten zu über­win­den.“ Wa­shing­ton und Lon­don hät­ten ge­mein­sam „In­sti­tu­tio­nen in­spi­riert, von denen die Welt ab­hängt“, und schließ­lich: „Wir haben die Ge­le­gen­heit, wie­der – ge­mein­sam – zu füh­ren“ (FAZ, 27.1.2016). May deu­tet hier einen ei­ge­nen Füh­rungs­an­spruch gegen ein Deutsch-Eu­ro­pa an, der auf welt­wei­te Ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten unter klar de­fi­nier­ter Füh­rung setzt, statt der of­fen­sicht­lich fal­schen Prä­mis­se zu fol­gen, eine fort­wäh­ren­de Zi­vi­li­sie­rung der Staa­ten­ord­nung sei durch die Aus­bil­dung von immer neuen In­sti­tu­tio­nen und in­ter­na­tio­na­lem Recht zu ge­win­nen.

Schon die An­deu­tung die­ser Ge­gen­po­si­ti­on und der Hin­weis auf eine dem­nächst in Um­fang und Be­deu­tung ge­schrumpf­te EU ver­lei­ten die deut­sche Seite zu durch nichts ge­deck­tem Auf­trump­fen, wie es z.B. aus dem Kom­men­tar von Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Ga­bri­el nach dem Rück­zug der USA aus dem Ab­kom­men zur Transpa­zi­fi­schen Part­ner­schaft (TTP) sprach: „Eu­ro­pa soll­te jetzt an einer neuen Asi­en-Stra­te­gie ar­bei­ten. Die Räume, die Ame­ri­ka frei macht, müs­sen wir jetzt nut­zen“ (FAZ, 25.1.2017). Auch vor der Selbst­über­he­bung als Wel­ten­len­ker in spe schreckt man nicht zu­rück, ge­ra­de so, als sei die halb­her­zi­ge In­te­gra­ti­on in den Wes­ten die Er­nen­nungs­ur­kun­de zur Füh­rungs­macht des Wes­tens. Wenn Die Welt (3.1.2017) tri­um­phie­rend die Schlag­zei­le der Fi­nan­ci­al Times „Mer­kel fällt die Füh­rung der west­li­chen li­be­ra­len Welt zu“ über­nimmt, ob­wohl die bri­ti­sche Zei­tung im­mer­hin auch von den Schwie­rig­kei­ten sprach, die einer sol­chen Rolle ent­ge­gen­ste­hen, ge­riert sich Deutsch­land als der letz­te Mo­hi­ka­ner der west­li­chen Werte, die von den Kern­län­dern in­zwi­schen ver­ra­ten wür­den. Dar­über­hin­aus wer­den von deut­scher Seite aus immer neue Ak­teu­re auf der Bühne der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik tech­no­lo­gisch aus­ge­stat­tet, die sich aus­drück­lich gegen den Wes­ten als neue Macht­zen­tren eta­blie­ren und das nach deut­schem Ver­ständ­nis of­fen­bar auch sol­len.

Indes der po­li­ti­sche Ge­gen­wind ist nicht so plötz­lich auf­ge­kom­men, wie es ein die in­ter­na­tio­na­len Be­liebt­heits­ska­len an­füh­ren­des und von Ber­lin-Schwär­mern hoch­ge­ju­bel­tes Deutsch­land er­schreckt dar­stellt. Be­reits vor über zwei Jah­ren, lange vor Trump und Brex­it, wuss­te die FAZ (10.11.2014), dass es eng wer­den würde: „Deutsch­land be­fin­det sich au­ßen­po­li­tisch in einer Lage, die man frü­her als pre­kär be­zeich­net hätte. Zu kei­nem sei­ner wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten und Part­ner hat es gute Be­zie­hun­gen – weder in Eu­ro­pa noch über den At­lan­tik hin­weg. Der Grad der Ver­stim­mung reicht von wirt­schafts­po­li­ti­schem Grund­satz­streit bis zur of­fe­nen geo­po­li­ti­schen Geg­ner­schaft. […] Deutsch­land, so viel kann man mit Si­cher­heit sagen, wird nie ein zwei­tes Groß­bri­tan­ni­en sein. Es gäbe genug ge­teil­te Werte, aber es fehlt nun an Ver­läss­lich­keit – auf bei­den Sei­ten. […] Ame­ri­ka ist eine Welt­macht, die in stra­te­gi­schen Ka­te­go­ri­en denkt. […] Deutsch­land da­ge­gen ver­steht sich als Han­dels­na­ti­on. […] So steht das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land ein­sa­mer auf dem in­ter­na­tio­na­len Par­kett, als sich das 1990 viele vor­stel­len konn­ten. […] Für ein Land, das im west­li­chen Main­stream auf­ge­hen woll­te, ist das eine Er­fah­rung, die nach­denk­lich ma­chen soll­te.“

Es funktioniert nicht mehr

Die Krise der Eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on ab dem Jahr 2010, deren Ver­lauf das zi­tier­te au­ßen­po­li­ti­sche Re­sü­mee der FAZ präg­te, wurde von der Bun­des­re­gie­rung von Be­ginn an al­lein als eine Staats­schul­den­kri­se be­trach­tet, die durch eine re­strik­ti­ve staat­li­che Fis­kal- und Aus­ga­ben­po­li­tik be­kämpft wer­den müsse, ob­wohl die Ver­schul­dung der pri­va­ten Hand die Ban­ken­kri­se be­son­ders in Ir­land, Spa­ni­en, aber auch in Grie­chen­land maß­geb­lich ver­ur­sacht hatte. Deutsch­land ver­ord­ne­te kon­se­quent dras­ti­sche Spar­pro­gram­me für die Staats­haus­hal­te, weil eine Aus­wei­tung der Li­qui­di­tät „aus Sicht Ber­lins den Re­form­ei­fer der Re­gie­run­gen in den Pro­gramm­län­dern zu un­ter­wan­dern droh­te.“ (Har­nisch / Schild: 2014, 29) Dabei ist die pri­va­te Ver­schul­dung von Be­trie­ben und Haus­hal­ten be­reits ein Hin­weis auf das Schick­sal der im EU-Rah­men zu­rück­fal­len­den Öko­no­mi­en, die zwar deut­sche Ex­por­te auf­neh­men sol­len, je­doch unter Ver­weis auf die Sta­bi­li­tät des Euro und zu­künf­ti­ge Wett­be­werbs­vor­tei­le dar­auf ver­pflich­tet wer­den, die Staats­aus­ga­ben zu­rück­zu­fah­ren, die Steu­er­ein­nah­men zu er­hö­hen und nicht nur keine neuen So­zi­al­pro­gram­me auf­zu­le­gen, son­dern die Kos­ten der So­zi­al­sys­te­me zu sen­ken. Ob­wohl als Ak­teu­re die­ser Pro­gram­me of­fi­zi­ell Brüs­sel, wo die Über­schuss­län­der ihren Ein­fluss bün­deln, oder die Troi­ka gel­ten, wird als In­spi­ra­tor und Ga­rant die­ser Po­li­tik zu Recht Deutsch­land ge­se­hen – ein Deutsch­land, das ge­ra­de so agiert, als wenn aus dem für die BRD er­folg­rei­chen Er­hard­schen Nach­kriegs­mo­dell als in­dus­tri­el­ler Aus­stat­ter in Eu­ro­pa noch immer die wirt­schafts­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung ab­ge­lei­tet wer­den könn­te. Jetzt, wo der Zu­griff auf die EU-Län­der um­fas­sen­der ge­wor­den ist, wird die Ver­ant­wor­tung für die schei­tern­de Ge­ne­sung dem Chef­arzt ge­ge­ben, der den Pa­ti­en­ten unter Schwä­chung sei­ner staat­li­chen Len­kungs­mög­lich­kei­ten aus­ge­rech­net durch die von Schul­den ge­fes­sel­ten Kräf­te der Markt­teil­neh­mer ku­rie­ren möch­te.

Es ge­lang zwar, zu ver­hin­dern, dass ganze Län­der in In­sol­venz gehen und die Eu­ro­zo­ne aus­ein­an­der­bricht, ein Er­folg ist die Ret­tung der Wäh­rungs­uni­on aber eben nicht. „,Die pri­va­ten Schul­den wer­den noch für Jahre das Wirt­schafts­wachs­tum in der Eu­ro­zo­ne be­las­ten‘, schrei­ben daher die Au­to­ren Mo­ritz Krä­mer und Ste­fan Best in der Stu­die von Stan­dard & Poor’s. Das be­deu­tet auch: Die Ar­beits­lo­sig­keit wird wei­ter hoch blei­ben und damit die Ge­fahr, dass eu­ro­kri­ti­sche Par­tei­en Wah­len ge­win­nen.“ (Zeit on­line, 30.7.2014) Nicht nur die wirt­schaft­li­che Er­ho­lung, die oh­ne­hin nur auf Nied­rig­löh­nen und in­ten­si­vier­ter Selbst­aus­beu­tung auf­ru­hen würde, bleibt aus, die deut­sche Po­li­tik in Eu­ro­pa, zu der es „keine Al­ter­na­ti­ve“ (Mer­kel) geben soll, for­ciert den teils frei­wil­li­gen, teils er­zwun­ge­nen Sou­ve­rä­ni­täts­trans­fer zu­guns­ten der EU-Be­hör­den, was zu er­heb­li­chen Span­nun­gen zwi­schen „Eli­ten“ und Bür­gern in den Mit­glieds­län­dern führt.

Deutsch­land woll­te die EU-Bür­ger durch­aus ak­ti­vie­ren, aber nur als Ex­per­ten ihrer immer pre­kä­re­ren wirt­schaft­li­chen Exis­tenz. Dabei kann die EU nicht nur auf nach innen ge­rich­te­ter Kon­kur­renz be­ru­hen, wel­che die Welt­markt­kom­pa­ti­bi­li­tät für eine dann an­geb­lich star­ke welt­po­li­ti­sche Kraft ga­ran­tie­ren soll. Selbst Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler macht das Vor­ge­hen deut­scher Po­li­tik ge­le­gent­lich rat­los: „Dass Deutsch­land sich nach wie vor sträubt, im ei­ge­nen In­ter­es­se mehr fi­nan­zi­el­le und po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, stellt das ei­gent­li­che Füh­rungs­rät­sel deut­scher Eu­ro­ret­tungs­po­li­tik dar.“ (Sieg­fried Schie­der in: Har­nisch / Schild: 2014, 86) Das Pro­blem deut­scher Macht in Eu­ro­pa bleibt un­ge­löst, weil das star­ke Deutsch­land schwa­che Part­ner ge­ne­riert, die post­na­tio­na­li­siert wer­den sol­len, d.h. funk­tio­nie­ren­de In­sti­tu­tio­nen für z.B. die Im­ple­men­tie­rung von EU-Pro­gram­men, die Steu­er­er­he­bung und die in­ne­re Si­cher­heit ent­wi­ckeln, aber keine ei­ge­ne Wirt­schafts- oder Au­ßen­po­li­tik ver­fol­gen sol­len. Da­ge­gen rich­ten sich die neuen Pro­test­par­tei­en und -be­we­gun­gen, die na­tio­nal re­agie­ren und nur zum kleins­ten Teil so­zi­al (, indem sie zum Bei­spiel die in der EU ex­trem un­ter­schied­li­chen Durch­schnitts­löh­ne oder die Ar­beits­lo­sig­keit zum be­stim­men­den Thema ge­macht hät­ten). Stell­ver­tre­tend kün­dig­te der Chef der spa­ni­schen Links­par­tei Po­de­mos, Pablo Igle­si­as, am Tag des Brex­it-Vo­tums im Wahl­kampf an: „Nach dem Wahl­sieg wer­den wir ge­mein­sam das Va­ter­land neu­ge­stal­ten“, und mach­te klar, was sei­nem neuen „Va­ter­land“ im Wege steht: „Das deut­sche Eu­ro­pa funk­tio­niert nicht mehr, es über­zeugt ein­fach nicht.“ (Zeit on­line, 26.6.16) Die Wahl ver­lor er zwar mit sei­ner erst 2014 ge­grün­de­ten Par­tei, doch ist er in kur­zer Zeit in Spa­ni­en zu einer po­li­ti­schen Größe ge­wor­den. An­ge­sichts der gro­ßen Un­zu­frie­den­heit und des of­fe­nen Wi­der­stands gegen ein Deutsch-Eu­ro­pa war es eine ganz be­son­de­re deut­sche Leis­tung, mit der Öff­nung nicht nur der ei­ge­nen Gren­zen für un­kon­trol­lier­te Flücht­lings­strö­me die ter­ri­to­ria­le Sou­ve­rä­ni­tät aller EU-Staa­ten in Frage zu stel­len. „Ab­schot­tung ist im 21. Jahr­hun­dert keine ver­nünf­ti­ge Op­ti­on“, de­kre­tier­te An­ge­la Mer­kel und mach­te die Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen zum Prüf­stein für die So­li­da­ri­tät mit Deutsch­land und für die deut­sche So­li­da­ri­tät mit den an­de­ren Mit­glieds­staa­ten.

Fluchtbewegungen

„Die Deut­schen haben schon lange das Ge­fühl, dass sie bei der Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se eine über­pro­por­tio­nal große Last zu tra­gen haben. In einer Um­fra­ge vom ver­gan­ge­nen Ok­to­ber sag­ten rund drei Vier­tel der Be­frag­ten, Deutsch­land werde von sei­nen Part­nern in der EU im Stich ge­las­sen“, kon­sta­tiert die FAZ am 4.1.2017, um dro­hend fort­zu­fah­ren: „Aber nie­mand braucht sich zu wun­dern, wenn dem­nächst bei einem an­de­ren Thema in der EU So­li­da­ri­tät an­ge­mahnt wird und viele Deut­sche sich der Hal­tung der Part­ner er­in­nern, in den Flücht­lin­gen al­lein ein deut­sches Pro­blem zu sehen.“ Der an­ge­kleb­te mo­ra­li­sche Ap­pell an die an­de­ren fiel ge­nau­so hilf­los wie trot­zig aus: „Deutsch­land hat Alep­po je­den­falls nicht bom­bar­diert.“

In­zwi­schen wer­den Flücht­lin­ge nach Un­garn, Polen oder Ita­li­en zu­rück­ge­schickt und für Grie­chen­land ist dies an­ge­kün­digt. Ob­wohl längst nie­mand mehr wagt, die zwangs­wei­se Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge unter die Mit­glieds­staa­ten zu er­zwin­gen, ist man in den meis­ten EU-Staa­ten so nach­tra­gend, die Ber­li­ner Ent­schei­dung, zu­nächst die Dritt­staa­ten­re­ge­lung aus­zu­set­zen, wei­ter­hin als „deut­sches Pro­blem“ an­zu­se­hen. Die Dro­hung De Maizières ge­gen­über den mit­tel­eu­ro­päi­schen Län­dern, die EU-Struk­tur­mit­tel zu kür­zen, hatte zu kei­nem Ein­len­ken ge­gen­über der deut­schen For­de­rung nach Quo­ten­er­fül­lung ge­führt, dafür aber Un­garns Pre­mier­mi­nis­ter Orbán dazu ver­hol­fen, in die Pose eines eu­ro­päi­schen An­füh­rers zu schlüp­fen und bei einem Be­such in Bay­ern Deutsch­land „mo­ra­li­schen Im­pe­ria­lis­mus“ vor­zu­wer­fen (Zeit on­line, 23.9.2015). Die Bun­des­re­pu­blik stand im Herbst 2015 ein­sa­mer da als je­mals zuvor und sah sich nicht nur mit Kri­tik, son­dern auch noch mit Spott über­zo­gen. Der auf­trump­fen­den hu­ma­nen Geste folg­te, kaum in der Rea­li­tät an­ge­kom­men, der umso höher ge­reck­te mo­ra­li­sche Zei­ge­fin­ger.

Schließ­lich ver­stärk­ten die is­la­mi­schen An­schlä­ge in Eu­ro­pa die Zwei­fel an einer Füh­rungs­na­ti­on im War­te­stand, die die Ver­stän­di­gung mit einer „an­de­ren Kul­tur“ an­hän­gen­den Völ­kern, er­gänzt um den Ap­pell zum ge­mein­sa­men Hass auf den ame­ri­ka­ni­schen Wel­ten­len­ker, so gut mit sei­nem Welt­wirt­schafts­mo­dell ver­ein­ba­ren konn­te. Dabei hatte man doch über­all auf der Welt Freun­de ge­fun­den, warum soll­te das nicht auch für den is­la­mi­schen Raum gel­ten? Dass die alten und neuen Ko­lo­ni­al­mäch­te oder Is­ra­el den Hass be­ken­nen­der Mos­lems auf sich zie­hen, wird, wenn es zu Ter­ror­an­schlä­gen kommt, als kri­tik­wür­dig aber zu­gleich auch ver­ständ­lich an­ge­se­hen. Zu An­schlä­gen in Deutsch­land, so hoff­te man, würde es schon des­halb nicht kom­men, weil das den In­ter­es­sen der je­wei­li­gen Auf­trag­ge­ber wi­der­sprä­che. Nach dem An­schlag auf einen Ber­li­ner Weih­nachts­markt, dem zwei klei­ne­re An­schlä­ge im Som­mer vor­aus­ge­gan­gen waren, er­kann­te man im Aus­land erst recht deut­sches Ver­sa­gen und deut­sche Mit­schuld, was z.B. Welt on­line be­reits nach dem An­schlag in Ans­bach am 27.7.2016 dazu brach­te, die de­fä­tis­ti­sche Ein­schät­zung zu ver­brei­ten, dass „die Will­kom­mens­po­li­tik von An­ge­la Mer­kel im ver­gan­ge­nen Jahr ein Feh­ler war, der sich jetzt zu rä­chen be­ginnt, ein Feh­ler, des­sen Aus­wir­kun­gen weit über die deut­schen Gren­zen rei­chen“.

Im Grun­de wohn­te der pa­trio­ti­schen Feier deut­schen Idea­lis­mus’ im Spät­som­mer 2015 schon ein Mo­ment der Ver­zweif­lung inne über die auf eu­ro­päi­scher und glo­ba­ler Bühne schon ver­lo­ren ge­ge­be­nen ei­ge­nen Füh­rungs­am­bi­tio­nen: „Die Sze­nen, die sich an vie­len Orten der Re­pu­blik ab­spiel­ten, waren ‚atem­be­rau­bend‘ und ‚be­we­gend‘, wie die Bun­des­kanz­le­rin am Mon­tag sagte. […] Es sind die we­ni­gen his­to­ri­schen Mo­men­te, in denen sich die Deut­schen und selbst ein so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Vi­ze­kanz­ler zu sagen trau­en, man dürfe ruhig ein­mal stolz auf die­ses Land sein. Doch dem Auf­bruch folg­te so­gleich auch die Er­nüch­te­rung. Der An­drang der Flücht­lin­ge führ­te am Mon­tag man­cher­orts in Deutsch­land an den Rand des Ka­ta­stro­phen­alarms. […] Die Frage ist, was die Deut­schen nö­ti­ger haben, Rea­lis­mus oder Zu­ver­sicht.“ (FAZ, 8.9.2015) Man hat sich of­fen­sicht­lich für die Zu­ver­sicht ent­schie­den, der Rea­lis­mus muss­te von außen kom­men, über Un­garn, Ös­ter­reich und Ma­ze­do­ni­en.

Wie alles doch noch gut wird

Der Ver­such, die Grenz­öff­nung An­fang Sep­tem­ber 2015 nicht nur hu­ma­ni­tär zu er­klä­ren, son­dern auch als zweck­dien­li­che Maß­nah­me im na­tio­na­len In­ter­es­se, als de­mo­gra­phi­sche, kul­tu­rel­le, den Ar­beits­markt ent­las­ten­de Auf­fri­schung bun­des­deut­scher Res­sour­cen, sich also sel­ber rea­lis­tisch zu geben, ge­riet zu rei­nem Irr­sinn. Als eine sol­che rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung wurde be­reits im No­vem­ber 2015 eine „Weit­blick-Stu­die“ der no­to­ri­schen SWP unter dem Titel 2020 – Wie Deutsch­land und die EU die größ­te Flücht­lings­kri­se der Nach­kriegs­zeit be­wäl­tig­ten in Ber­lin her­aus­ge­ge­ben und her­um­ge­reicht, die zu­sam­men­fass­te, was zum Teil noch heute in Po­li­tik und Me­di­en ver­brei­tet wird. Wer ver­ste­hen will, was die Ver­ant­wort­li­chen da­mals um­ge­trie­ben hat, wel­che ha­ne­bü­che­nen Spe­ku­la­tio­nen man bis hin­ein in die Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de an­stell­te, was in Deutsch­land also als Rea­lis­mus gilt, der kommt an die­sem wis­sen­schaft­li­chen Pam­phlet, das als große deut­sche Er­zäh­lung an­ge­legt ist, nicht vor­bei: „Deutsch­land im Jahr 2020: Das Thema Flücht­lin­ge steht, wie auch in den an­de­ren EU-Staa­ten, nicht mehr ganz oben auf der po­li­ti­schen Ta­ges­ord­nung. Dies liegt nicht etwa daran, dass die Wan­de­rungs­be­we­gun­gen ab­ge­nom­men hät­ten – in den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben je­weils über eine Mil­li­on Men­schen in der EU Asyl be­an­tragt. An­ders als im Kri­sen­jahr 2015 be­fürch­tet, kon­zen­triert sich die Zu­wan­de­rung aber nicht mehr vor­nehm­lich auf Deutsch­land, und sie ge­fähr­det weder den in­ne­ren Frie­den dort noch den Zu­sam­men­halt der EU-Mit­glieds­staa­ten. Statt­des­sen ver­lau­fen Asyl und Zu­wan­de­rung in ge­re­gel­ten Bah­nen. […] Über die Wie­der­ein­füh­rung von Kon­trol­len an den eu­ro­päi­schen Bin­nen­gren­zen wird nicht mehr dis­ku­tiert. Die EU hat sich po­li­tisch kon­so­li­diert; die Schleu­ser­kri­mi­na­li­tät und die damit ver­bun­de­nen Tra­gö­di­en konn­ten deut­lich ein­ge­schränkt wer­den. Mei­nungs­um­fra­gen zei­gen, dass Flücht­lin­ge über­wie­gend als er­wünsch­te Ein­wan­de­rer wahr­ge­nom­men wer­den – als Men­schen, die mit ihren Po­ten­tia­len einen po­si­ti­ven Bei­trag zur Zu­kunft Deutsch­lands und Eu­ro­pas leis­ten kön­nen und sol­len.“ (S. 40) Ein glück­li­ches Zeit­al­ter ist dank be­herz­ter deut­scher Füh­rung an­ge­bro­chen: „Ein­wan­de­rer sind un­ver­zicht­bar ge­wor­den, um den Be­darf deut­scher Fir­men an Fach­kräf­ten zu de­cken, und auch ge­ring qua­li­fi­zier­te Mi­gran­ten leis­ten einen Bei­trag zur Fi­nan­zie­rung der So­zi­al­sys­te­me. Das Glei­che gilt für an­de­re EU-Staa­ten mit guter wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lung. Jen­seits die­ser auf na­tio­na­ler Ebene ent­schei­den­den Fak­to­ren ist Deutsch­land auch in­ter­na­tio­nal ge­stärkt aus der gro­ßen Flücht­lings­kri­se her­vor­ge­gan­gen. Dass sich eine Kern­grup­pe von EU-Staa­ten auf eine eu­ro­päi­sche Ver­ant­wor­tungs­tei­lung ei­nig­te, hat zu grö­ße­rer So­li­da­ri­tät und mehr Dia­log­be­reit­schaft zwi­schen den be­tref­fen­den Län­dern ge­führt. Die­ser Trend wirkt nun als Ka­ta­ly­sa­tor für eine um­fas­sen­de­re ge­mein­sa­me Mi­gra­ti­ons­po­li­tik in Eu­ro­pa. Das po­li­ti­sche Ge­wicht jener Län­der, die sich der fai­ren Ver­tei­lung bis­her ver­wei­gert haben, ist in die­sem Pro­zess spür­bar ge­rin­ger – mit der Folge, dass wei­te­re Staa­ten pla­nen, sich an dem Aus­gleich zu be­tei­li­gen. Durch das kon­se­quen­te Ein­tre­ten für eine groß­zü­gi­ge Flücht­lings­auf­nah­me und für eine um­fas­sen­de, ko­hä­ren­te, gleich­wohl aber prag­ma­ti­sche Mi­gra­ti­ons- und Flücht­lings­po­li­tik hat Deutsch­land seine mi­gra­ti­ons­po­li­ti­sche Füh­rungs­rol­le auf eu­ro­päi­scher Ebene ge­stärkt und auch in­ter­na­tio­nal an Ein­fluss ge­won­nen.“ (S. 45)

Diese er­staun­li­che Wen­dung der Krise, in die das deut­sche Vor­pre­schen die EU hin­ein­ge­trie­ben hatte, wurde in Deutsch­land gemäß der Stu­die durch eine „na­tio­na­le Kraft­an­stren­gung“ er­reicht – mit­hil­fe der Ein­be­ru­fung eines run­den Ti­sches mit „Ver­tre­tern der Par­tei­en, der Län­der und der Kom­mu­nen, von Wirt­schaft, Ge­werk­schaf­ten, Kir­chen, Wohl­fahrts­ver­bän­den, Wis­sen­schaft und Mi­gran­ten­grup­pen“ (S. 40). Ein sol­che ko­or­di­nier­te Ak­ti­on von Staat und den vor Ort ak­ti­ven Re­prä­sen­tan­ten der Zi­vil­ge­sell­schaft soll das Ruder her­um­rei­ßen. Gemäß der Er­war­tung, dass an­ge­sichts einer „Krise der Staat­lich­keit“ sich „Staa­ten zu­se­hends von Herr­schafts­mo­no­po­lis­ten zu Herr­schafts­ma­na­gern“ wan­deln wür­den (S. 10), wurde die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge in kom­mu­na­ler Ver­ant­wor­tung ge­stärkt: „Eine Ver­fas­sungs­än­de­rung er­mög­lich­te es dem Bund, Gel­der für Flücht­lin­ge di­rekt an die Kom­mu­nen zu lei­ten und diese so auch kurz- und mit­tel­fris­tig zu un­ter­stüt­zen.“ Die­ser Staats­um­bau solle ein zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment be­glei­ten, das „nun auch Wohl­fahrts­ver­bän­den, NGOs und Fa­mi­li­en er­laubt, im Erst­auf­nah­me-Ver­fah­ren als Trä­ger und Un­ter­brin­ger aktiv zu wer­den. Ins­be­son­de­re ent­stand nach ka­na­di­schem Vor­bild die Mög­lich­keit der ‚Pri­vatein­wan­de­rung‘ und des ‚Pri­va­t­asyls‘; dabei wer­den sämt­li­che Kos­ten über einen Zeit­raum von zehn Jah­ren von pri­va­ten Trä­gern über­nom­men.“ (S. 41) Auf der Zi­vil­ge­sell­schaft auf­ru­hend sam­melt der Staat die Kraft für eine Ver­tei­lungs­über­ein­kunft mit einem Kern von Wil­li­gen, schließ­lich auch mit den sich zu­nächst ver­wei­gern­den EU-Staa­ten und ebnet so den Weg für einen post­na­tio­na­len Sieg der sub­si­diä­ren Mi­lieus über die Na­tio­na­lis­men als ge­samt­eu­ro­päi­sche Per­spek­ti­ve. Der Star die­ses apo­ka­lyp­tisch an­mu­ten­den Pro­jekts kann nur Deutsch­land sein.

Karl Nele (Ba­ha­mas 75/2017)

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