Kategorie-Archiv: Russland

Putin ist an allem schuld

In der Ukraine steigen die Spannungen, aber Kiew kann sich weiter auf 
den blinden Schutz des Westens verlassen.

Von Thomas Fasbender

Für die journalistischen Megafone der «freien Welt» im Westen gibt es keine Zweifel: Sie wissen immer genau, wer gut und wer böse ist. In einer Tageszeitung wie der Welt fliessen Worte wie Schauerpropaganda, Schamlosigkeit und terroristische Willkürherrschaft wie geölt über die Seiten – sofern sie als Attribute der aggressiven Russen dienen.

Das ist keine Ausnahme in den martialischen Berichten, die den Unvoreingenommenen das Frösteln lehren: Putin ist immer der Böse. ­«Georgien liess er 2008 im August angreifen», will uns die Welt glauben machen, wo doch längst feststeht, dass der Aggressor damals ­Micheil Saakaschwili hiess und georgischer Präsident war. Auch die Frankfurter Allgemeine stimmt in den Chor ein: «Putin könnte den Konflikt [den ukrainischen Bürgerkrieg] mit einem Fingerschnippen beenden, wenn er wollte», meint sie. Oh, wenn die Welt so einfach wäre.

Aber Unwahrheiten, Halbwahrheiten und verdrehte Tatsachen charakterisieren auch diesen Ost-West-Konflikt.

Der Unvoreingenommene hat wirklich einen schweren Stand. Fakt ist: «Minsk II», der Friedensfahrplan vom Februar 2015, kommt seit ­vergangenem September nicht von der Stelle. ­Damals hätte die Oberste Rada, das ukrainische Parlament, eine Autonomieregelung für die aufständischen Gebiete verabschieden sollen. So verlangt es der vierte von dreizehn Punkten der Minsker Traktandenliste. Doch die Abgeordneten weigern sich bis heute. Politischer Druck aus dem Westen bleibt aus, dort vernebelt man die Kausalitäten mit dem Argument, Russland habe die Kontrolle der ­ukrainischen Aussengrenzen durch die Kiewer Regierung nicht wieder zugelassen. Unterschlagen wird in dieser Argumentation, dass dieser Schritt auf der Minsker Agenda erst an neunter Stelle folgt – lange nach der Festschreibung der Autonomie.

Die Spannungen zwischen Moskau und Kiew wachsen exponentiell. Im Juli lag die Opferzahl auf beiden Seiten der Bürgerkriegsfront höher als seit Jahresbeginn 2015. Gerüchte machen die Runde, Kiew plane nach dem Unabhängigkeitstag am 24. August eine militärische Offensive.

In der Nacht zum 7. August kam es zu Schusswechseln an der ukrainischen Festlandgrenze zur Krim. Russische Medien berichteten von drei aus der Ukraine eingedrungenen Kommandos, darunter Bewohner der Halbinsel, die in der Ukraine ausgebildet worden seien, um auf der Krim Bombenanschläge zu verüben. Präsentiert wurden Sprengstoff, Waffen und ein angeblicher Gefangener. Die ukrainische Seite dementierte sofort und umfassend. Eindeutige Beweise gibt es nicht; nur Eingeweihte wissen, ob das Ganze nicht ein Konstrukt russischer Geheimdienste ist.

Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle: Die Vorfälle seien eine Aktion nationalistischer ­ukrainischer Freikorps gewesen. Russische De­serteure und Armeeeinheiten hätten aufeinander geschossen. Es handele sich um ein russisches false flag-Manöver – mit anderen Worten: in den ukrainischen Uniformen steckten Russen. Oder der ukrainische Geheimdienst plane wirklich, im Vorfeld der russischen Parlamentswahlen Mitte September auf der Krim Panik zu schüren. Für jede Version finden sich Motive. Wobei das im Westen gern kolportierte Motiv, dass der Kreml derartige Vorfälle nutze, um innenpolitischen Unmut auf ausländische Gegner zu projizieren, am fragwürdigsten ist. Putin reitet seit Monaten auf einer Zustimmungswelle von über 80 Prozent. Ausserdem: Ginge es nach zynischer Geheimdienstlogik darum, das Volk hinter die Regierung zu scharen, wären Terrorakte im Landesinneren ein wesentlich probateres Mittel als riskante auswärtige Konflikte.

Moskau ist saturiert

Gibt es überhaupt vernünftig nachvollziehbare Gründe für eine russische militärische Expansion? Bei Licht besehen ist Moskau, was die Ukraine betrifft, saturiert. Die Krim ist «heim im Reich», und der eingefrorene Konflikt im Donbass sorgt dafür, dass der Westen an seiner jüngsten Trophäe keine unbeschränkte Freude hat. Weiterreichende Ziele wie Noworossija oder die Landbrücke zur Krim, beide nur mit viel Blut zu erkaufen, wurden schon im Frühjahr 2014 von nicht einmal 15 Prozent der russischen Bevölkerung geteilt. Und nicht zuletzt hat es der Kreml mit seiner Nahostpolitik geschafft, den USA wieder auf Augenhöhe zu begegnen. Wofür das alles riskieren?

Nicht saturiert sind hingegen die Interessen Kiews. Die Krim ist verloren, die Ostukraine ein Schwelbrand, die Wirtschaft schrumpft. Für die Welt gibt es Wichtigeres als den slawischen ­Bruderstreit. Präsident Poroschenkos einziger Trumpf ist die Loyalität des Westens, dessen führende Politiker seinem Land jede Schandtat nachsehen, wenn es darum geht, Russland Pa­roli zu bieten. Jetzt rollen die Panzer: die ukrainischen nach Süden, die russischen auf die Krim. Kommt es zum Showdown, kann Kiew mit massiver finanzieller und militärischer Unterstützung des Westens rechnen. Der Kriegsschuldige steht in dessen Augen schliesslich schon fest.

Thomas Fasbender ist der Autor des Buchs «Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens» (Manuscriptum 2014, 368 S., Fr. 28.90).

Russland-Feldzug: Blitzkrieg in den Untergang

Masslose Überheblichkeit führte zu Hitlers «Unternehmen Barbarossa». 
Der furchtbarste ­Vernichtungskrieg der Geschichte markiert das ­Ende Europas als 
Machtzentrum der Welt.

Von Ralf Georg Reuth

Verzweiflungstat: Hitler, 1943.Bild: Wikimedia Commons

Als vor einem Dreivierteljahrhundert der Feldzug gegen die Sowjetunion begann, verstand niemand so recht Hitlers Entscheidung. Nicht nur die Deutschen fragten sich, worin denn die Not für einen solchen Schritt bestand, hatte man doch mit Russland im August 1939 einen Nichtangriffspakt geschlossen. Ausserdem war der Krieg gegen England noch nicht beendet. Doch nach dem triumphalen Sieg im Westen, wo im Ersten Weltkrieg ­eine ganze Generation im vierjährigen Stellungskrieg verblutet war, ertrug man im Reich das Nichtnachvollzieh­bare im blinden Vertrauen auf den scheinbar unfehlbaren «Führer».

Auch Stalin wurde durch den Angriff überrascht, wusste er doch durch Agentenberichte vom Scheitern der Mission des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess, der ein paar Wochen zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Schottland geflogen war, um einen Frieden mit Grossbritannien herbeizuführen. Dass Hitler das Risiko eines Zweifrontenkrieges eingehen würde, schloss Stalin trotz aller Truppenkonzentrationen an der Westgrenze seines Imperiums kategorisch aus. Eine gute Woche vor Beginn des deutschen Angriffs liess er über die Nachrichtenagentur Tass verbreiten, dass Gerüchte von ­einem bevorstehenden deutsch-sowjetischen Krieg gegenstandslos seien. Er glaubte, abwarten zu können, bis sich die kriegführenden Staaten verschlissen hätten, um dann mit ­einem Vorstoss seiner Roten Armee nach Westen die «Ernte» einzufahren.

Es waren Superlative, die in jenem Juni des Jahres 1941 die Welt in Atem hielten: 160 Divisionen mit mehr als drei Millionen Soldaten sowie 3500 Panzern und Geschützen traten unter dem Schirm dreier Luftflotten mit fast 2000 Flugzeugen auf einer Frontbreite von 1500 Kilometern zum Angriff auf die Sowjetunion an. In Hitlers Aufruf an die Soldaten der Ostfront hiess es dann auch nicht zu Unrecht, dass der Aufmarsch, an dem Finnen und Rumänen teilnähmen, «in Ausdehnung und Umfang der grösste ist, den die Welt je ge­sehen hat».

Und dennoch war das «Unternehmen Barbarossa», wie der Deckname für den Krieg gegen die Sowjetunion lautete, nicht Ausdruck nahezu unbegrenzter militärischer Möglichkeiten des nationalsozialistischen Deutschland, wie es Hitler bei Feldzugsbeginn seinen Soldaten und danach die goebbelssche Propaganda den Menschen im Reich zu suggerieren versuchte. Der Russlandfeldzug zu diesem Zeitpunkt war vielmehr eine Verzweiflungstat des deutschen Diktators, denn dessen Strategie war bislang alles andere als aufgegangen.

Demnach war vorgesehen gewesen, sich irgendwie mit der Seemacht Grossbritannien
 zu arrangieren und mit der Rückenfreiheit im Westen Deutschland ein Kontinentalimperium im Osten zu erkämpfen. Das Kernstück von Hitlers Strategie war die Niederwerfung der ­Sowjetunion. «Alles, was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Rus­sen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden», hatte Hitler im August 1939 zum Danziger Völkerbundkommissar, dem Schweizer Carl J. Burckhardt, gesagt.

Im Monat darauf, als der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt geschlossen war und die Wehrmacht die Kampfhandlungen gegen Polen eröffnete, um die Voraussetzung für den Griff nach Osten zu schaffen, erklärten Grossbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. So hatte dieser aus der Sicht Hitlers seitenverkehrt begonnen. Der Blitzkrieg und -sieg gegen Polen und im Jahr darauf gegen Frankreich änderte aber nichts an der Haltung Grossbritanniens. London blieb standhaft und lenkte nicht ein. Dabei hatte Hitler darauf gesetzt, dass der triumphale Sieg im Westen ebendies bewirken würde. Und der Versuch, England durch eine grossangelegte Luftoffensive friedensreif zu bomben oder doch wenigstens die Luftherrschaft als Voraussetzung für eine Invasion der Britischen Inseln zu erstreiten, scheiterte an der Royal Air Force. Die Rückenfreiheit für den Feldzug gegen die Sowjetunion war damit nicht mehr zu erreichen.

Völkische Sektierer

Als Konsequenz daraus traf Hitler die Entscheidung, das «Unternehmen Barbarossa» jetzt, im Juni 1941, durchzuführen. Konzipiert war es als weiterer Blitzkrieg. Bis zum Einbruch des Winters sollten die Operationen der drei Heeresgruppen mit der Zerschlagung der Sowjetmacht und dem Vormarsch auf eine ­Linie Kaukasus–Wolga–Archangelsk abgeschlossen sein. Einen Plan B gab es nicht, denn für einen langen Abnutzungskampf reichten angesichts des parallel zu führenden Krieges gegen Grossbritannien die Möglichkeiten Deutschlands bei weitem nicht aus.

Hitlers Generäle hatten «Barbarossa» für machbar gehalten. Die infolge des Frankreichfeldzuges siegestrunkenen Offiziere schätzten die Kampfkraft der Roten Armee gering. Hinzu kam das Gefühl einer zivilisatorischen Überlegenheit gegenüber den Russen, die ­ihren Ursprung in den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges hatte. Dies alles artikulierte sich bei manchem in der Generalität in einer masslosen Überheblichkeit gegenüber der feindlichen Truppe und ihrer Führung. Ganz anders Hitler. Er warnte davor, die Rote Armee zu ­unterschätzen. Er sprach von einem «grossen Risiko» und immer wieder davon, dass der Entschluss für «Barbarossa» der schwerste seines Lebens sei.

Doch warum ging Hitler, der Europa beherrschte, im Juni 1941 dieses Risiko ein? Weil er anders als der nüchtern abwartende Stalin ein Getriebener war, dessen Handeln nicht von den Denkkategorien europäischer Politik bestimmt war. Die Sowjetunion war nämlich aus seiner Sicht nicht nur die aggressive Grossmacht im Osten, sondern neben dem westlichen «Börsenkapitalismus» Teil einer jüdischen Weltverschwörung, die sich vor allem gegen den arischen Menschen und dessen stärkste Nation, Deutschland, richtete. Was Hitler sich im geistigen Chaos der Nachkriegs- und Revolutionsjahre mit Hilfe völkischer Sektierer zusammenkonstruiert hatte, bestimmte ihn. Er sah sich als Auserwählten an, der dazu berufen sei, seine Mission zur Rettung des Abendlandes zu erfüllen.

Der Kampf gegen die Sowjetunion war für Hitler, der Bolschewismus mit Judentum gleichsetzte, neben der Gewinnung von Lebens­raum und Rohstoffen daher ein Rassenkampf – ein Rassenkampf, dessen Ziel es war, die jüdisch-bolschewistische Führungsschicht einschliesslich ihrer biologischen Wurzel, der Millionen Juden in Ostmitteleuropa, auszurotten. Hitler stand bei all dem unter einem enormen Zeitdruck. Denn die Sowjetunion rüstete in rasantem Tempo auf und konnte ­dabei auf schier unerschöpfliche Rohstoffressourcen zurückgreifen. Hinzu kam die schon fast manische Furcht des deutschen Diktators, er könne vorzeitig aus dem Leben gerissen werden und seine welthistorische Mission nicht mehr zu Ende bringen.

«Odium der Mordbrennerei»

Diese eigentlichen Motive für den deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 blieben den allermeisten Zeitgenossen verborgen. Hitler selbst sollte später gegenüber seinem Sekretär Martin Bormann im Führerhauptquartier davon sprechen, dass sie mit der Ausrottung des jüdischen Bolschewismus «eine Tat für die Menschheit» vollbrächten, «von deren Bedeutung sich unsere Männer draussen noch gar keine Vorstellung machen können». Mehr vom ideologischen Überbau Hitlers wusste die Generalität in seinem Umfeld, beschäftigte sich aber nicht näher damit, worauf Hitler auch gar keinen Wert legte, denn sie würden die Zusammenhänge – so meinte er – ohnehin nicht verstehen. Sehr genau wussten die Generäle aber von Anfang an, dass der Russlandfeldzug kein normaler Krieg sein würde. Franz Halder, der Generalstabschef des Heeres, fasste in seinem Tagebuch im März 1941 die Ausführungen seines Oberbefehls­habers dahingehend zu­sammen: «Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil über Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. [. . .] Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.»

Die Generalität billigte dann auch die verbrecherischen Befehle Hitlers. Sie erarbeitete entsprechende Ausführungsbestimmungen wie den Erlass, «die militärische Gerichtsbarkeit im Kriege gegen die Sowjetunion betreffend». Danach sollte für Angehörige der Wehrmacht kein «Verfolgungszwang» bestehen, wenn sie bislang als Verbrechen geahndete ­Taten begingen. Gemäss dem «Kommissar­befehl» sollten gefangene Politoffiziere «nach durchgeführter Absonderung» sofort «er­ledigt» werden.

Willfährig akzeptierte die Heeresführung auch das Tun der Einsatzgruppen, die bereits in den ersten Monaten des Feldzuges Hunderttausende Juden im rückwärtigen Raum der Front töteten. Sie gewährte sogar logistische Unterstützung dafür. Der Diplomat Ulrich von Hassell urteilte: «Brauchitsch [der Oberbefehlshaber des Heeres] und Halder haben sich nunmehr bereits auf das Hitlersche Manöver eingelassen, das Odium der Mordbrennerei von der bisher allein belasteten SS auf das Heer zu übertragen.» Es gab sie also nicht, die anständige Wehrmacht im Osten, wohl aber Millionen ­Soldaten, die anständig bleiben wollten.

Anfangs schien es so, als ginge der deutsche Blitzkriegsplan auf, als sei die Entscheidung des auf beiden Seiten mit unerbittlicher Härte geführten Kampfes bereits westwärts von ­Düna und Dnjepr erzwungen worden. Mehr als eine Million gefallener und gefangener Rot­armisten; gewaltige Mengen an Kriegs­gerät waren erbeutet worden. Halder notierte selbstzufrieden, er glaube, es sei «nicht zu viel gesagt, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb [von] vierzehn Tagen gewonnen wurde». Und Hitler schwelgte in Vernichtungsfantasien: Er werde Leningrad und Moskau «dem Erdboden gleichmachen».

Flucht nach vorne

Doch dann fuhr sich der Vormarsch unerwartet fest. Die Reserven der Sowjets schienen sich einfach nicht erschöpfen zu wollen. Halder notierte Mitte August in sein Tagebuch, dass man mit 200 feindlichen Divisionen gerechnet habe, nunmehr seien es bereits 360. Die Lage liess sich konsolidieren. Doch man musste einräumen, dass die weitgesteckten Ziele im Jahr 1941 nicht mehr zu erreichen waren. Als im ­Zuge der aus dem Raum Smolensk/Orjol eingeleiteten deutschen Grossoffensive mit dem Ziel Moskau bei Wjasma und Brjansk Anfang Oktober 70 russische Divisionen vernichtet wurden, keimte die Hoffnung wieder auf. Im Berliner Sportpalast verkündete Hitler, dass der Gegner «gebrochen» sei.

Der russische Herbst brachte dann den Schlamm. Nun ging nichts mehr. Man wartete auf den Frost, um mit der Einnahme Moskaus die Früchte der vergangenen Siege einfahren zu können. Doch mit dem Wintereinbruch Anfang Dezember standen den erschöpften und den Unbilden des Wetters hilflos ausgesetzten deutschen Verbänden plötzlich neue, für den Winterkampf bestens ausgerüstete sibirische Divisionen gegenüber.

Stalin konnte sie an seine Westfront werfen, weil ein Agent namens Richard Sorge aus Tokio gemeldet hatte, dass die japanische Expansion auf den pazifischen Raum zielen würde und damit die Gefahr ­einer zweiten Front für die Sowjetunion nicht mehr gegeben sei. So scheiterte der als Blitzkrieg konzipierte deutsche Feldzug vor den Toren Moskaus – die goldenen Kuppeln des Kreml in Sichtweite. Schuld daran war aber nicht «General Winter» mit seinen 42 Grad unter null, wie es Hitler und die nationalsozialistische Propaganda glauben machen wollten. Es war vielmehr die katastrophale Unterschätzung der Stärke und der Kampfkraft der Roten Armee.

Was Hitler nun tat, erschien den Zeitgenossen wiederum schwer verständlich. Angesichts seines Scheiterns trat er die Flucht nach vorne an und erklärte an der Seite Japans den Vereinigten Staaten den Krieg. Gemäss seinem Weltverschwörungskonstrukt war dieser Schritt folgerichtig, legte er doch endgültig die Frontstellungen offen. Die jüdisch beherrschte amerikanische Union stünde ohnehin an der Seite Britanniens, wo «der Jude» hinter Churchill endgültig die Oberhand gewonnen habe, glaubte er. Angetrieben von ­einem unendlichen Hass, liess Hitler jetzt auch die Vernichtung der europäischen Juden in Angriff nehmen. Für ihn war dies eine Kriegsmassnahme in seinem nun bis zum Äussersten forcierten Weltenkampf der Rassen.

Was den Russlandfeldzug anlangte, so erhoffte sich Hitler durch die Kriegserklärung an Amerika einen Zeitgewinn für einen zweiten Anlauf im Jahr 1942. Denn die Vereinigten Staaten hätten nun einen «Zwei-Ozean-Krieg» zu führen, der ihr Eingreifen in Europa hinausschieben würde, kalkulierte er. Nachdem die Katastrophe vor Moskau noch einmal abgewendet worden war, konzentrierten sich die deutschen Angriffsplanungen auf den Südabschnitt der Ostfront.

Die Grossoffensive, an der auch rumänische und italienische Verbände teilnahmen, sollte über den Donbogen bis zur Wolga bei Stalingrad vorangetrieben werden, um im Anschluss daran in Richtung auf das Industriegebiet und die Ölfelder von Maikop, Grosny und Baku weitergeführt zu werden. Es waren dies Planungen, die die Kräfte der Angreifer und ­deren logistische Möglichkeiten bei weitem überschritten. Das Unternehmen endete dann auch mit dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad, der von der Welt wahrgenommenen Wende des Ostkrieges, der schon im Vorjahr vor Moskau entschieden worden war.

Was folgte, war ein fast zweieinhalb Jahre dauernder, sinnloser Kampf mit den ebenso sinn­losen Durchhaltebefehlen Hitlers, die nichts daran änderten, dass sich die Front unaufhaltsam nach Westen verschob. Der Diktator, dessen Menschen-Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz, Majdanek, Sobibor und anderswo, solange es ging, auf Hochtouren lief, war dabei mehr denn je in seinem rassenideologischen Weltverschwörungskonstrukt gefangen. So wies er etwa konsequent zurück, dass die Wehrmacht oder die Waffen-SS, in der Skandinavier, Flamen und Franzosen mitkämpften, mit der ukrainischen Unabhängigkeitsarmee gegen die Sowjets zusammenarbeiteten. Nein, «rassisch minderwertige Slawen» sollten nicht dabei sein. Selbst sowjetische Friedensfühler liess er abweisen, obwohl die Landung der Angloame­rikaner in Frankreich nur noch eine Frage der Zeit war. Er handelte so, als wollte er seinen Worten aus «Mein Kampf» ­gerecht werden. Dort hatte er geschrieben: «Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein.»

Mit der Kapitulation gegenüber der Sowjetunion am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst hörte dann der deutsche Staat tatsächlich auf, zu be­stehen. Mehr als 6,3 Millionen Deutsche hatte Hitlers Krieg das Leben gekostet. Das Ende des Zweiten Weltkrieges markiert auch das ­Ende Europas als Machtzentrum der Welt. Diese wurde nun eine bipolare. Die Sowjetunion, die die Hauptlast des Krieges gegen Deutschland getragen hatte, stieg neben den Vereinigten Staaten zur neuen Supermacht auf. Bis tief ins Herzen Europas hatte sie ihren Machtbereich vorgeschoben.

Und noch etwas: Hitlers Krieg war es ge­wesen, der die Herrschaft des Kreml über die Völker der Sowjetunion konsolidierte, die mit 27 Millionen Toten einen gewaltigen Blutzoll entrichtet hatten. Die Erinnerung an den «Grossen Vaterländischen Krieg», wie noch heute der opfervolle Kampf gegen Hitler-
Deutschland in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion genannt wird, wurde zum Binde­glied, wohl dem einzig wirklichen in der kommunistischen Diktatur. Hitlers Weltverschwörungsszenarium und das daraus resultierende Motiv zum furchtbarsten Versklavungs- und Vernichtungskrieg der Weltgeschichte spielten dabei keine Rolle. Für die Sowjetmenschen war der deutsche Diktator ein besiegter imperialistischer Aggressor – und sonst nichts.

Ralf Georg Reuth ist Historiker, Autor und ­Chefkorrespondent der Welt am Sonntag.

Er schrieb ­Biografien über Joseph ­Goebbels, Adolf Hitler, 
Erwin Rommel und Angela Merkel.

Tomo Polic: Rote Welle – Sowjetischer und post-sowjetischer Film

Flyer Rote Welle_web

Grafik: 2016 © Kristina Polic

Rote Welle – Sowjetischer und post-sowjetischer Film

 

Die einzigartige Befreiung der Menschen wurde in der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution 1917 mit allen Mitteln gefeiert. Denn nie davor waren die Menschen frei, bis auf eine ganz kleine Minderheit lebten sie den Sklaven ähnlich. Übrigens, in vielen Filmen, darunter auch in dem gefeierten Eine-Einstellung-Werk  „Russian Ark“ (A. Sokurow 2002), wird diese historische Tatsache ausgeblendet und die Geschichte des russischen Menschen als Geschichte der „Schönen und Reichen“ in ihrer ganzen Pracht dargestellt.

Da der Sklave bekanntlich die Freiheit nicht schätzt und nicht will, sondern viel lieber selbst Sklavenhalter sein möchte, entwickelten sich die Dinge nach der Revolution äußerst widersprüchlich. Die rote Welle fegte alles Alte weg und machte Millionen von Rechtslosen sichtbar. Jeder Verkäufer durfte entscheiden, wer „seine“ Ware überhaupt kaufen darf, der analphabete Arbeiter, der zugleich Mitglied der kommunistischer Partei war, bekam die Macht über seinen Vorgesetzten-Nichtkommunisten, der Hausmeister stand über den Mietern, und die Denunzianten über alle anderen. Allein die „Volksfeinde“ waren von der Macht des Volkes ausgeschlossen, und wurden im Idealfall ins Lager gebracht.

Auf der anderen Seite verbesserte sich die Lebensqualität der Menschen enorm. Die Alphabetisierung schritt voran und Kultur wurde in jede Ecke des weiten Landes gebracht. Die Kunst profitierte von dem allgegenwertigen Geist der Veränderung, von der Freisetzung der in den Menschen über viele Jahrhunderte der Unterdrückung  akkumulierten kreativen, schöpferischen Energie. Der neue proletarische Staat wurde zum Eldorado für Künstler, für  Maler, Architekten, Dichter…. Ohne die  Oktoberrevolution hätte es übrigens auch Sartre, Camus, Ionesco, Brecht nicht gegeben.

Mit ihren Werken stimmten die Künstler gemeinsam die Ode an die Befreiung der Menschen ein. Ihre Kunst sprengte Grenzen, sie war mutig, neu, radikal, revolutionär. In den vorderen Reihen standen die Vertreter der neuen und „wahren proletarischen Kunst“- des Films.

Erst mit dem Stalinismus (1927-1953) starb die Begeisterung. Die Kunst, wie das Volk, wurde zum Schweigen gebracht. Es kam die Angst und mit der allgegenwärtigen Furcht die erstarrte Kunstform des Sozialistischen Realismus, mit ihr die Tabus, Normen, Verbote, Exekutionen. Erst nach dem Tod Stalins kam die Erholung.

Wir werden uns die unterschiedlichsten Filme im Lichte der gesellschaftlichen Wandlungen und der gesamtkulturellen Phänomene der sowjetischen Gesellschaft anschauen: von den feierlichen Anfangsjahren, über die Epoche des Stalinismus und des Krieges und der darauffolgenden Etappe des „real existierenden Sozialismus“ bis hin zu Glasnost und Perestrojka der Ära Gorbatschow, der an eigenem Reformwillen scheiterte und den Niedergang des sowjetischen Staates nur noch zu beschleunigen wusste. Genauso werden wir die Literaturbezüge sowie die Rolle der Musik gemeinsam diskutieren. In dieser Hinsicht ist das Wirken des Liedermachers und Schauspielers Wladimir Semjonowitsch Wyssozki sowie des Liedermachers und Drehbuchautors  Bulat Schalwowitsch Okudschawa in den 1960ern, besonders interessant.

Wir werden über die verschiedenen Phänomene wie Agitprop-Film sprechen, genauso wie über den Einfluss des Theaters auf das sowjetische Kino der Stummfilmphase, sowie über die Darstellungen von Landschaft und Natur, in der sich der seelische Zustand der Figuren widerzuspiegeln scheint  – und auf diese Weise die berühmte „russische Seele“ sozusagen sichtbar gemacht wird.

Die ersten Sitzungen werden wir uns dem frühen Montagefilm der postrevolutionären Zeit und den Hauptvertretern der „Moskauer Schule“ widmen und uns mit den experimentellen Werken von Kuleschow und Vertov, dem historischen Epos von Eisenstein, Pudowkin und Dowschenko, sowie den Filmen, die den sowjetischen Alltag zeigen, auseinandersetzen. Die Montagetechnik sowie filmtheoretischen Aufsätze von Pudowkin und Eisenstein werden uns dabei  begleiten.

Wir werden die prominentesten Vertreter der eher pessimistischen „Leningrader Schule“ und die  Werke der russischen Kultregisseure (Schukschin,  Nikita Michalkow, Michalkow-Konchalowski ) kennenlernen.

In der Sowjetunion wurden keine Horrorfilme gedreht. Denn man war der Meinung, dass man Filme über die schönen Sachen drehen sollte. Denn das Leben sei ja schließlich schrecklich genug.  Die Filme, die brutale Realität des untergegangenen Staates, der einmal für die Hoffnung der Menschheit stand, wie Alexei  Balabanows post-sowjetische Mafia-Thriller „Der Bruder“( 1997) oder „My Joy“ (2010) von Sergei Loznitsa, könnten das Tutorium abschließen.

Die regelmäßige Filmsichtung ist geplant.

Autor: 2016 © Tomo Polic

 

Zur Anmeldung:

https://qis.server.uni-frankfurt.de/qisserver/rds;jsessionid=256962BA45C9E46566C9A939CF14549F.waldmarie02?state=verpublish&status=init&vmfile=no&publishid=209024&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfo&publishSubDir=veranstaltung

 

Siehe auch:

Vom Film-Soundtrack der jugoslawischen Schwarzen Welle der 1960er Jahre bis zum Balkan-Pop

2015 © by Tomo Polic

tomo@tomopolic.de

Mobile 0157 56107939

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Siehe auch:

 

 

Balkan Ballroom* Jubiläums-Mixtape*

 

 

Nur noch mit Schaum vorm Mund kommentieren deutsche Medien die Politik des russischen Präsidenten Putin.

NATO has become a de facto world army, accountable only to itself…

The single biggest threat to peace and prosperity in Europe and Eurasia today is NATO. Their insistence to further inflame the Ukraine crisis by directly arming non-NATO member Ukraine is not actually provided for in NATO’s charter. Rather, it’s a move designed to escalate tensions between NATO and Russia.

The North Atlantic Treat Organisation (NATO) was originally formed after WWII to offer a binding framework for mutual security in Western Europe in the face of Soviet expansion. It advertises itself as a collective, but in reality, it mainly financed and almost exclusively run by the United States, servings an extension arm to enforce American interests overseas. After the fall of of the Iron Curtain and the break-up of the Soviet Union in 1991, instead of rolling back its activities, NATO began to rapidly expand eastward and become hyper-active in both its political and military activities.

Besides reports of promises made to Mikhail Gorbachev, not to expand NATO “as much as a thumb’s width further to the East”, Spiegel Online reports of other assurances made during German reunification:

On Feb. 10, 1990, between 4 and 6:30 p.m., Genscher spoke with Shevardnadze. According to the German record of the conversation, which was only recently declassified, Genscher said: “We are aware that NATO membership for a unified Germany raises complicated questions. For us, however, one thing is certain: NATO will not expand to the east.”

Those promises were all broken.

http://theglobalelite.org/nato-oversteps-charter-running-guns-weapons-ukraine/

 

Vorwärtsverteidigung
Jörg Kronauer
Konkret 07/12, S. 25
Nur noch mit Schaum vorm Mund kommentieren (bzw. Diffamieren Anm.JSB)  deutsche Medien die Politik des russischen Präsidenten Putin. Sie haben Grund dazu: Sein Konzept einer Eurasischen Union konterkariert die deutscheuropäischen (und amerikanischen Anm.JSB) Ambitionen in der Region.
Moskau hat ausgedient, meint Sergei Schoigu. Die größte Stadt Europas platzt mit ihren rund zwölf Millionen Menschen aus allen Nähten; Verkehrschaos und Platzmangel sind in der dichtbesiedelten Metropole kaum noch in den Griff zu kriegen. Eine Ausdehnung des Stadtgebiets ins Umland ist seit geraumer Zeit im Gespräch. Auch Regierungsbehörden sollten aus dem Zentrum in die Moskauer Peripherie verschoben werden, um die Innenstadt zu entlasten, raten Fachleute. Da greift der langjährige Katastrophenschutzminister Schoigu, seit Mai 2012 Gouverneur der Oblast Moskau, in die Debatte ein. Anstatt die Staatsregierung an den Stadtrand zu verbannen, solle man die Hauptstadt lieber nach Sibirien verlegen, empfahl er im April in einem Rundfunkinterview: Das werde Moskau spürbar entlasten und überdies Sibirien zu einem gewaltigen Aufschwung verhelfen. Krasnojarsk zum Beispiel, verkehrsgünstig am Jenissei und der Transsibirischen Eisenbahn gelegen, ist inzwischen eine Millionenstadt; sogar eine U-Bahn wird dort gebaut. Und überhaupt: Krasnojarsk liegt viel näher am geographischen Mittelpunkt der eurasischen Macht Rußland als das allzu westliche Moskau. Sibirien, meint Schoigu, wäre als Standort einer künftigen russischen Hauptstadt bestens geeignet.
Rußland mangelt es zur Zeit sicherlich nicht an Problemen. Die Frage, ob es eine neue Hauptstadt braucht, gehört kaum zu den drängendsten. Daß aber ein erfahrener Politiker es in Betracht zieht, das traditionsreiche europäische Moskau ab- und das unbekannte asiatische Sibirien aufzuwerten, zeigt: In Rußland könnte einiges in Bewegung geraten. Dies hat viel mit den ökonomischen Schwierigkeiten zu tun, aus denen die einstige Weltmacht seit ihrem Zusammenbruch in den neunziger Jahren nicht herauskommt. Sie besitzt riesige Erdölvorräte, und sie ist der Staat mit den größten Erdgasreserven weltweit: Das reicht aus, um den Staatshaushalt in den kommenden Jahrzehnten mit erklecklichen Summen zu bedienen. Es reicht auch aus, um Deutschland und die EU in Lieferabhängigkeit zu halten. Es genügt allerdings nicht, um den weltpolitischen Einfluß auf lange Sicht zu stabilisieren. Rußland werde schwächer, ist nicht nur in US-amerikanischen, sondern auch in deutschen Think-Tanks immer häufiger zu hören. Fachleute von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) etwa beurteilen die Aussichten des Landes schlicht als »trüb«.
Wieso? Von zentraler Bedeutung sei, heißt es gewöhnlich, der Niedergang der russischen Industrie. Er wurde weltweit zum Gesprächsthema, als im Mai der neue Suchoi Superjet 100, ein Vorzeigeprojekt der russischen Luftfahrtindustrie, bei einem Demonstrationsflug in Indonesien an einem Vulkan zerschellte. Schon im Herbst hatte die SWP geurteilt, »besorgniserregende Zwischenfälle« etwa »in Wasserwerken, beim Brandschutz und bei der Flugsicherheit « zeigten, daß die Investitionen in die russische Industrie und die Infrastruktur seit vielen Jahren »weit unter dem notwendigen Niveau geblieben« seien. Technologische Rückstände, marode Betriebe – die Probleme seien gravierend, ganz besonders außerhalb der Metropolen: Schon seit Jahren, heißt es in einer Kurzanalyse des vom Kanzleramt finanzierten Think-Tanks, »vegetieren weite Teile der russischen Provinz vor sich hin«. In einigen Gebieten drohe sogar der Staatszerfall, warnt die SWP: »Mit Blick auf die prekäre Situation im Nordkaukasus « etwa kämen »Zweifel auf, inwieweit Rußland seine eigene territoriale Integrität auf Dauer wahren kann«. Ganze Regionen versänken im Chaos, und laut Meinungsumfragen stellten mittlerweile »immer mehr Russen die Zugehörigkeit der kaukasischen Föderationssubjekte zu ihrem Staat in Frage«.
Moskau versucht gegenzusteuern, nicht zuletzt in Sachen Industrie. Schon 2008 hat die russische Regierung eine »Modernisierungspartnerschaft « mit Berlin geschlossen. Der Grundgedanke ist simpel: Die deutsche Wirtschaft erhält in Rußland privilegierten Zugang, als Gegenleistung wird investiert; Deutschland gewährt dabei den dringend benötigten Technologietransfer. Als russisches Paradeprojekt gilt das »Innovationszentrum«, das in Skolkowo bei Moskau mit staatlicher Hilfe errichtet werden soll – nach dem Vorbild des Silicon Valley. Modernste Industrien und Wissenschaftseinrichtungen sollen dort zusammengeführt werden, etwa Firmen der Raumfahrt- und der Atomtechnologie. Auch deutsche Konzerne mischen mit, vor allem Siemens, und das lohnt sich zumindest für die deutsche Seite, denn es gibt umfangreiche Vergünstigungen bei Steuern und Verwaltungsverfahren. Ob Skolkowo funktioniert und die russische Industrie es wieder an die Weltspitze schafft, muß sich zeigen. Die »Modernisierungspartnerschaft« jedenfalls kann aus russischer Sicht als gescheitert gelten: Anstatt den Technologietransfer zu unterstützen, beharrt die deutsche Seite darauf, »Modernisierung« bestehe vor allem darin, in Rußland für deutsche Mittelständler günstige wirtschaftliche Bedingungen zu schaffen. Im Sinne des Moskauer Vorhabens ist das nicht.
Aus deutscher Sicht gibt es andere Gründe zur Sorge. Ein Beispiel: Rußland muß in großem Umfang Maschinen einführen; der eigene Maschinenbau gilt schlicht als »nicht weltmarktfähig «. Deutsche Maschinenbauer konnten ihren Anteil an den russischen Maschinenimporten zwischen 2006 und 2008 auf mehr als 25 Prozent steigern – ein weiterer Grund übrigens, wieso das deutsche Interesse am Technologietransfer nach Rußland nicht gerade gewaltig ist. Inzwischen allerdings stellt sich heraus, daß auch chinesische Unternehmen hochwertige Maschinen produzieren, und das viel billiger. Die Maschinenimporte aus China hätten sich »binnen der letzten Jahre vervierfacht«, klagte im April 2010 ein Vorstandsmitglied des Ost- Ausschusses der Deutschen Wirtschaft – und drang auf rasche Schritte zur Eindämmung der chinesischen Konkurrenz. Die Verschiebung der russischen Importstruktur ist in der Tat umfassend: 2010 kamen zwar 12,3 Prozent der russischen Einfuhren aus Deutschland, 15,8 Prozent jedoch bereits aus der Volksrepublik. Und Chinas Potential ist längst noch nicht ausgereizt.
Wie sehen die Perspektiven für Rußland aus, wenn es mit der Industrie weiter bergab geht und die ökonomische Konsolidierung nicht gelingt? Alexander Rahr hat die gängigen Szenarien in seinem jüngsten Rußland-Buch Der kalte Freund aufgezählt. Rahr ist einer der einflußreichsten Berliner Rußland-Experten und leitet das mit der GUS befaßte »Kompetenzzentrum « der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), das zu Ehren eines bekannten Pioniers bundesdeutsch-sowjetischer Nachkriegsgeschäfte »Berthold-Beitz- Zentrum« heißt. Läßt man die Szenarien außer Betracht, die Rahr als unwahrscheinlich einstuft – den Zerfall Rußlands oder seine Eingliederung in die EU »wie heute Frankreich oder Großbritannien« – , dann bleiben drei Optionen. Nummer eins: Rußland hält seine Stellung mit knapper Not, allerdings schrumpft sein Einfluß auf die Staaten der GUS, darunter die Ukraine, spürbar. Nummer zwei: Rußlands Position wird dramatisch schwächer; die Ukraine, Belarus und die südkaukasischen Staaten (Georgien, Armenien, Aserbaidschan) »werden Teil des Westens«, während Zentralasien »teils unter die Kontrolle von China« gerät. Rußland werde in diesem Falle »von seiner geopolitischen Bedeutung her in etwa die Rolle Brasiliens in Lateinamerika spielen«. Nummer drei: Rußland kann sich, gestützt auf seine Energiewirtschaft, einigermaßen konsolidieren, ihm gelingt die »teilweise Wiederherstellung seines Einflußgebiets « – und zwar mit Hilfe eines engen Zusammenschlusses mit seinen westlichen Nachbarstaaten (Belarus, Ukraine) und, wegen dessen umfangreicher Rohstoffvorräte, mit Kasachstan.
Nummer drei ist in etwa das, was Putin zum Programm seiner dritten Staatspräsidentschaft gemacht hat. Seine Aktivitäten werden in Deutschland genauestens beobachtet, von der SWP, aber etwa auch in den regelmäßig publizierten »Rußland-Analysen«, deren Herausgabe der Ost-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft unterstützt. Tatsächlich hat Moskau seit den neunziger Jahren mehrfach in verschiedensten Formaten versucht, die postsowjetischen Staaten geschlossen zu organisieren und sich als Zentrum einer handlungsfähigen GUS zu konstituieren. Gelungen ist das nicht. 2006 hat Putin einen neuen Anlauf gestartet und ältere Gespräche über eine Zollunion zwischen Rußland, Belarus und Kasachstan wieder aufgenommen; 2010 führten sie zu einer Einigung. Die Zollunion soll nun ausgebaut und gleichzeitig um neue Staaten erweitert werden. An sie sind außerdem Putins Planungen für eine Eurasische Union gebunden, die auf ökonomischer Integration aufbauen und auch politische Kooperation im engeren Sinne umfassen soll. Als Vorbild nennt Putin die EU. Zwar umfaßt die Ausgangsformation, die Zollunion, mit Rußland, Belarus und Kasachstan immerhin schon drei Viertel des postsowjetischen Territoriums und 165 Millionen Menschen. Dennoch führt aus Sicht Moskaus an der Integration weiterer Länder kein Weg vorbei. »Aus russischer Sicht«, so war im Mai in den »Rußland-Analysen « zu lesen, sei »Belarus der engste Partner im eurasischen Integrationsverbund und die Ukraine jenes Land, ohne das Integration im postsowjetischen Raum äußerst unvollständig wäre «. Diese Ansicht werde von einem Großteil der russischen Bevölkerung geteilt: »Laut einer Meinungsumfrage vom September 2011 betrachtet eine Mehrheit der Russen (60 Prozent) beide Staaten« – Belarus und die Ukraine – »nicht als Ausland.«
In Berlin ist man von Putins Eurasischer Union, gelinde gesagt, nicht angetan. Deutschland hat mit der EU-Osterweiterung im Jahr 2004 große Teile seines traditionellen osteuropäischen Einflußgebiets seiner Hegemonialzone einverleibt und versucht seitdem verstärkt, weitere Teile Osteuropas fest anzubinden. Die deutsche Unterstützung für die Proteste gegen mutmaßliche Wahlfälschungen in der Ukraine Ende 2004, hierzulande als »Orangene Revolution« gefeiert, war ein erster entschlossener Schritt in diese Richtung. Die 2005 verschärfte Kampagne gegen die Regierung Lukaschenko in Belarus setzte diese Politik fort. Im Mai 2008 beschloß die EU ihre »Östliche Partnerschaft«. Offizielles Ziel des Vorhabens, das am 7. Mai 2009 in aller Form gestartet wurde, ist es, Belarus, die Ukraine und Moldawien sowie die drei südkaukasischen Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan an die EU »heranzuführen«. Damit ist faktisch die deutsch-europäische Dominanz über die genannten Staaten gemeint, allerdings – daran läßt in Berlin inoffiziell kaum jemand einen Zweifel – ohne jegliche Perspektive auf eine für Deutschland kostspielige EU-Vollmitgliedschaft. Ganz auf dieser Linie liegt auch das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine, das die EU Ende März dieses Jahres paraphiert hat. Daß Berlin Krach schlagen würde, sobald Moskau sich bemüht, sein eigenes Einflußgebiet mit einem Projekt wie der Eurasischen Union gegen das deutsch-europäische Vordringen zu verteidigen, war klar. Dmitri Medwedew hatte als Staatspräsident versucht, Rußland in Kooperation mit Deutschland zu konsolidieren – die »Modernisierungspartnerschaft« war das Mittel seiner Wahl. Da Berlin ihm keinerlei Zugeständnisse machte und den gewünschten Technologietransfer zur Stärkung der russischen Industrie schlicht verweigerte, war die Personalrochade im Kreml nur die logische Konsequenz: Putin, der einst den Zerfall der Sowjetunion als »größte geopolitische Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts« bezeichnet hatte, kündigte schon im Wahlkampf den Aufbau einer Eurasischen Union an. Dabei ist er mit seinen Plänen sogar einige Schritte auf Berlin zugegangen. Zwar verlangt er, die Eurasische Union solle eine eigenständige »Stütze der heutigen Welt« werden, sprich: Moskau auf Augenhöhe mit Washington, Beijing und Berlin/ Brüssel bringen. Doch stellt er der EU zugleich eine »europäisch-eurasische Partnerschaft« in Aussicht – faktisch also ein Bündnis Rußlands mit der EU unter ihrer Vormacht Deutschland.
Berlin, das in Osteuropa seine eigenen Pläne verfolgt, reagiert trotz aller Kooperationsangebote verärgert. Uwe Halbach von der SWP etwa wettert über Putins »europäisch-eurasische Partnerschaft«: »Es handelt sich um einen weiteren Versuch, gegen die transatlantische Bindung Europas vorzugehen.« Tatsächlich sind nicht wenige in Berlin einer engen deutsch-russischen Kooperation prinzipiell sehr gewogen: Schließlich verschafft sie ein Gegengewicht zur Zusammenarbeit mit den USA und erweitert damit den weltpolitischen Spielraum Deutschlands ganz erheblich. Die Auseinandersetzungen um den Überfall auf den Irak im Jahr 2003, bei denen Berlin und Moskau gegen Washington standen, ließen erahnen, welche Machtperspektiven eine Achse Berlin-Moskau prinzipiell eröffnet. Allerdings ist dabei nicht vorgesehen, daß das Moskauer Ende der Achse stark genug ist, die Drehrichtung zu bestimmen; genau darauf jedoch zielt Putin mit der Eurasischen Union.
Kein Wunder daher, daß in Berlin, das bei Bedarf stets Menschenrechte und Demokratie zur Hand hat, plötzlich Fragen aufkommen: Ist Putin wirklich, wie Ex-Kanzler Schröder meint, ein »lupenreiner Demokrat«? Ist er nicht vielmehr ein skrupelloser Machtmensch – so etwas gibt es in Deutschland bekanntlich ja nicht – , der entschlossen bekämpft werden muß? Das Putin-Bashing, das Berlin seit letztem Herbst unter der üblichen menschenrechtlich-demokratischen Kostümierung betreibt, hat allerdings noch ein zweites Ziel: Es soll nicht nur den Vorkämpfer der Eurasischen Union schädigen, sondern auch die Sympathie der noch recht schwachen, aber an Umfang und Einfluß gewinnenden russischen Mittelschichten erkämpfen, die tendenziell am liberalen Westen orientiert sind und mit Macht nach oben streben – gegen Putin und seine autoritären Herrschaftsstrukturen. Mit seinen Hilfen für die neuen urbanen Mittelschichten möchte Berlin sich auf lange Sicht verläßliche Verbündete in Moskau schaffen.
Von erheblicher Bedeutung in puncto Eurasische Union ist natürlich die Ukraine. In Berlin ist mit Sorge vermerkt worden, daß Staatspräsident Janukowitsch bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2010 die Nutzungsgenehmigung für die russische Flottenbasis im ukrainischen Sewastopol um ganze 25 Jahre verlängert hat. Sewastopol ist der bedeutendste Standort der russischen Schwarzmeerflotte; Kiews prowestliche Vorgängerregierung hatte das Stationierungsabkommen beenden wollen. Auch weitere Maßnahmen der ukrainischen Regierung werden in Deutschland als prorussisch interpretiert, etwa das Vorhaben, das Russische zur offiziellen Amtssprache aufzuwerten. Eigentlich entspricht das nur den von Berlin meist gepriesenen Minderheitenrechten – schließlich geben rund 30 Prozent der ukrainischen Bevölkerung Russisch als ihre Muttersprache an. Aber wächst nicht Moskaus Einfluß, wenn das Russische in der Ukraine gestärkt wird? Viele Experten befürchteten, die Ukraine könne langfristig »geopolitisch abdriften«, bilanzierte im April Kai-Olaf Lang von der »Forschungsgruppe EU-Integration« der SWP. Entsprechend drischt Berlin nicht nur auf Putin, sondern auch auf die Regierung Janukowitsch ein, zumal die ukrainische Justiz mit Exministerpräsidentin Julia Timoschenko die wichtigste Parteigängerin des Westens außer Gefecht gesetzt hat. Auch im Falle der Ukraine sind Menschenrechte als Kampfmittel hilfreich. Zwar sind Hunderte Menschen wegen unzureichender medizinischer Versorgung in ukrainischer Haft ums Leben gekommen, als in Kiew noch Timoschenko regierte und die deutsche Journaille damit beschäftigt war, Polen (wegen der Kaczynskis) und China (zugunsten des Dalai Lama) als »Menschenrechtsfeinde« in Grund und Boden zu schreiben, aber Timoschenko kooperierte mit Berlin – da gab es keinen Anlaß, sich um lästige Beschwerden von Amnesty International zu kümmern.
Bei alledem gibt es einen Faktor, der die deutsche Machtpolitik in Osteuropa empfindlich stören könnte: China. Als der mutmaßlich nächste chinesische Ministerpräsident Li Keqiang Ende April Moskau besuchte, wies der Warschauer Think-Tank Osrodek Studiów Wschodnich (OSW, Zentrum für Oststudien) auf die sich rasch intensivierende Zusammenarbeit zwischen Moskau und Beijing hin. Demnach boomen nicht nur die allgemeinen Wirtschaftsbeziehungen; China bezieht mittlerweile über eine Pipeline auch Erdöl aus Rußland, Verhandlungen über Erdgaslieferungen sind ebenfalls im Gange. Lieferte Gazprom Gas in die Volksrepublik, dann wäre Europa wohl bald nicht mehr sein privilegierter Kunde; die russisch-chinesischen Beziehungen hingegen könnten weiter an Bedeutung gewinnen. Bereits jetzt, hielt das OSW fest, führten Rußland und China sogar gemeinsame Seemanöver durch.
Explizit wies das OSW auch auf ein Kooperationsformat hin, das größer ist als Putins Eurasische Union, im Gegensatz zu dieser auch schon funktioniert, aber nicht von Rußland beherrscht wird und künftig sogar von China dominiert werden könnte – die Shanghai Cooperation Organisation (SCO). Das Bündnis, 2001 gegründet, umfaßt neben politischer und ökonomischer Kooperation auch gemeinsame Militärmanöver und bindet Moskaus Aufmerksamkeit in wachsendem Maß. Es zeigt, wie sich Rußland immer stärker nach Ostasien orientiert – keineswegs nur ökonomisch, sondern auch strategisch. Wenn es mit Putins »europäischeurasischer Partnerschaft« nichts wird, weil Berlin seine eigenen Machtambitionen durchsetzen will, dann eröffnen sich für Moskau neue Chancen im Osten. Für diesen Fall aber mag es durchaus sinnvoll sein, eine Hauptstadt zu haben, die näher am Zentrum des Geschehens in Ostasien liegt und nicht so weit ab vom Schuß wie das allzu weit westliche Moskau. Zugegeben – Schoigus Vorschlag wird wohl kaum realisiert werden. Er zeigt aber, daß Rußland weiterhin ganz eigenen Kalkülen folgt.
Jörg Kronauer schrieb in KONKRET 6/12 über die syrische Opposition
Konkret 07/12, S. 25
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