Kategorie-Archiv: Evelyn Kremer

Eine neue Erzählung von Evelyn Kremer: Tod der Schwiegermutter

Tod der Schwiegermutter

von Evelyn Kremer

 

Mir gegenüber, in der U-Bahn, saßen zwei kräftige Frauen mittleren Alters. Sie wirkten beide etwas dümmlich aber sehr selbstzufrieden. Ein wenig ähnelten ihre Gesichter zwei kleinen Schweinchen. Sie trugen figurbetonte, pastellfarbene Hosen, unter denen sich die Speckschwarten abzeichneten und ihr Ausschnitt ließ tief blicken. Breitbeinig und fest saßen sie auf ihrem Sitz in der wackelnden Bahn. Ihre Brüste wippten. Mir fiel auf, dass die beiden Damen eine kleine Goldkette mit einem Kreuz um den Hals trugen. Ihren Gesichtern sah man allerdings keinerlei Frömmigkeit an: Beide wirkten eher durchtrieben. Eventuell waren sie Schwestern. Die eine hatte braune, die andere hellblond gefärbte Haare. Beide waren tief gebräunt, am Hals und Decolleté faltig. Sie trugen einige Goldringe an ihren dicken Wurstfingern und billige aber blinkende Taschen.

Ich lauschte ihrem Gespräch. Sie unterhielten sich über den Tod der Schwiegermutter. Die Schwiegermutter war wohl erst vor Kurzem gestorben und hatte keinerlei Geld für die Beerdigung hinterlassen. Die Blonde regte sich über die Verwandten auf, die ebenfalls keinerlei Ersparnisse hatten, um die Beerdigung zu bezahlen. So waren sie und ihr Mann auf jeglichen Kosten der Trauerfeier sitzen geblieben. Sie rechnete vor, dass ihr Mann und sie von dem Geld mindestens vier Kreuzfahrten hätten machen können. Weil alles so teuer gewesen sei, hätten sie nur einen hässlichen Sarg aus Polen bestellen können. Auf Blumen mussten sie auch verzichten. Außerdem wussten sie nicht, wie lange sie den Liegeplatz auf dem Friedhof noch zahlen könnten.

Die Blonde sagte, dass sie zu der Schwiegermutter sowieso nie ein gutes Verhältnis gehabt habe und sie immer nur besuchte, wenn es unbedingt notwendig gewesen war. Auch ihr Mann habe sich eigentlich nie um die Mutter gekümmert, da sie eine sehr schwierige Frau gewesen und immer störrischer geworden sei. Ständig habe sie ihren Sohn wie einen kleinen Jungen behandelt. Am Schluss habe sie in ihrer eigenen kleinen Welt gelebt, nur noch Lotto gespielt und Kreuzworträtsel gelöst. Die Geschwister des Mannes der Blonden wohnten weiter weg, so dass die Mutter allein im Fernsehsessel gestorben sei. Erst nach zwei Tagen habe man sie gefunden. Neben ihrem Sessel stand ein kleiner Tisch mit einem halbvollen Glas und einer Flasche Eierlikör. Der Fernseher lief noch. Als man sie spät abends fand, lief gerade ein Erotikfilm. Die Nachbarn hatten sich über das „schlimme“ Stöhnen gewundert und gedacht, dass es der Nachbarin nicht gut gehe. Man hatte dann die Polizei gerufen und die Tür aufgebrochen. Die Wohnung stank stark nach Zigaretten, weil die Verstorbene bis zum Schluss zwei Päckchen pro Tag geraucht hatte. Die Blonde sagte, dass die Schwiegermutter im Sarg „richtig gelb“ ausgesehen habe und es aus dem Sarg sogar nach Zigaretten gerochen hätte.

„Eigentlich ein netter Tod – so vor dem Fernseher“, sagte die Braunhaarige. „Ich würde gerne währen der Sendung Traumschiff sterben mit meinem Hund auf dem Arm und bei einem kühlen Bier im Sommer bei offener Balkontür“. Beide lachten. Die Blonde fuhr fort in ihrer Erzählung: Bei dem letzten Besuch der Schwiegermutter hatte diese ihren Kindern gegenüber geäußert, dass sie gerne in ihrer Heimat, in Italien, begraben werden wolle. Beide Frauen lachten wieder und die Blonde sagte: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Sie flüsterte der anderen zu, dass der Leichentransport nach Italien mindestens zehntausend Euro gekostet hätte. Sie regte sich nun darüber auf, dass die Schwiegermutter so etwas verlangen konnte, wo sie doch selbst keinen Pfennig hinterlassen und das Geld beim Lotto lieber verspielt habe. Der Grund für ihren letzten Wunsch war wohl gewesen, dass sie sich von all ihren Kindern vernachlässigt fühlte und sie gerne in der alten Heimat begraben worden sei. Nun lag sie nicht auf dem Friedhof am Meer unter Olivenbäumen ihrer Heimatstadt in Italien, sondern auf einem reinlich deutschen Friedhof in einem Einzelgrab, säuberlich umringt von weißen Kieselsteinen. Auf der noch unbepflanzten Erde hatten Verwandte zwei rote Geranien in einem schwarz-weißen Blumentopf platziert, die inzwischen vertrocknet waren. Der Friedhof befand sich direkt am Standrand einer Kleinstadt, angrenzend an das Industriegebiet.

Dann erzählte die Blonde von der Beerdigung. Zum Zeitpunkt der Beerdigung war das Testament noch nicht eröffnet worden. Deshalb seien alle Verwandte scheinheilig angereist und täuschten bei der Beerdigung große Trauer vor. Viele der Verwandten hatten die Verstorbene jahrelang nicht gesehen. Sie vermuteten, dass die Verstorbene einiges an Geld von ihrer reichen Schwester geerbt hätte und jeder einzelne dachte, dass er im Testament eventuell berücksichtigt worden sei. Für große Aufregung sorgte ein allen unbekannter Herr bei der Beerdigung: Dieser gab an, der Freund der Verstorbenen gewesen zu sein. Er sagte, dass er die Verstorbene vor acht Monaten auf einer Singleplattform für Rentner kennengelernt habe und viel Zeit mit ihr verbracht habe – lachend sagte er, dass die Verstorbene „ein heißer Feger“ gewesen sei. Viele der Verwandte fürchteten, dass die Alte dem Freund das übrige Geld vermacht habe.

Nach der Beerdigungszeremonie in der Kirche war die ganze Gesellschaft in ein schäbiges Restaurant neben dem Friedhof gegangen. Hier heuchelte man bei billigen, belegten Wurst- und Käse-Broten, dünnem Kaffee und trockenem Kuchen Interesse an den anderen Gästen vor, lediglich um sie auszuhorchen und um zu erfahren, ob von dem Geld schon etwas verteilt worden sei. Niemand sprach über die Verstorbene. Nach der Testamentseröffnung am Nachmittag, die nur fünf Minuten dauerte, verließen alle Verwandte schweigend mit verzogenen und griesgrämigen Gesichtern den Notar und verabschiedeten sich gegenseitig kaum. Die Blonde sagte, dass man sich bestimmt erst bei der nächsten Beerdigung wiedersehen würde, in der Hoffnung, dass es hier endlich etwas zu holen gäbe. „Die haben alle selbst nichts erreicht im Leben und die letzte Hoffnung ist dann ein Erbe“, sagte sie.

„Wie schäbig und was für ein Theater“, sagte die Braunhaarige. „Da bildet man sich sein ganzes Leben ein, etwas Besonderes und wichtig für andere Menschen zu sein und dann so eine Beerdigung.“

Die U-Bahn hielt. Die beiden Frauen hätten fast den Ausstieg verpasst. Sich gegen die Schwerkraft aufbäumend erhoben sie sich schnell von ihrem Sitz und wackelten mit schnellem Schritt zum Ausgang der Bahn. Schade. Ich hätte sie gerne weiter belauscht.

Neue Erzählung von Evelyn Kremer: Letzter Spaziergang zu Zweit

Letzter Spaziergang zu Zweit
Sie waren extra früh aufgestanden. Es war einer der ersten Frühlingstage. Schon morgens war der Himmel blau. Aber es war noch kalt. Sie zogen sich warme Jacken an, schlossen die Tür hinter sich und stiegen ins Auto. Es war Sonntag und die Straßen der Stadt waren leer. Ohne zu sprechen, fuhren sie Richtung Autobahn. Raus aus der Stadt. Erst langsam wurde es warm im Auto.
Als er auf der Autobahn etwas schneller fuhr, wurde sie nervös. „Fahr langsam“, sagte sie und schaute vorwurfsvoll zu ihm. Sie versuchte, ruhig zu wirken. „Das passt ins Bild“, dachte sie. „Warum kann er nicht fürsorglicher sein?“ Er fuhr kurz langsamer, machte dann laute elektronische Musik an – ohne zu sprechen. Ohne zu fragen, ob ihr die Musik gefiel.
Er war genervt. Im Grunde genommen, kotzte ihn alles an. Er schaut zu ihr hinüber; Schaute in ihr ungeschminktes Gesicht. Dann schaute er auf ihren Bauch. Der Bauch war groß. Riesig. Er war die letzten Wochen immer größer geworden. Je größer der Bauch wurde, desto mehr Angst hatte er und desto fremder war sie ihm geworden.
Auch sie selbst war sich fremd. Wenn Sie in den Spiegel schaute, kam ihr Körper ihr unwirklich vor. Die Brüste waren groß, ihre Haut wirkte aufgedunsen und ihre Kleider passten nicht mehr. Hinzu kamen die starken Rückenprobleme – so dass sie in den letzten Tagen nur noch liegen konnte.  Die Wohnung war unaufgeräumt. Genauso, wie es in ihrem Inneren aussah.
Seit einer Woche verließ sie heute zum ersten Mal die Wohnung. Sie wusste, dass dies ihr letzter Ausflug zu Zweit war. Schon in wenigen Tagen würde sie für die Entbindung im Krankenhaus sein, um anschließend mit einem kleinen Wesen das Leben zu Dritt zu beginnen. Sie freute sich auf ihre Tochter. Sie hatte sich immer ein Kind gewünscht. Aber auch sie hatte Angst – vor dem Leben danach. Wird alles anders sein?
Sie schaute ihn unauffällig an. Er wirkte angespannt. Sie fasste Mut und streichelte ihn an der Schulter; Ein kurzes, unsicheres Lächeln zuckte über sein Gesicht. Er wollte stark wirken. Erneut erhöhte er die Geschwindigkeit des Autos. Kurz kam ihm der Gedanke, dass es schön wäre, jetzt alleine im Auto zu sitzen und einfach immer weiter und weiter zu fahren. Weit weg.
Als sie ihr Ziel erreicht hatten, parkten sie und stiegen aus. Immer noch hatten sie kein Wort gesprochen. Sie hatte Schwierigkeiten, aufzustehen und aus dem Auto zu kommen. Er half ihr. Sie sagte: „Lass uns langsam laufen.“
Es war schön hier. Die Bäume waren noch kahl, aber die Sonnenstrahlen ließen den Wald freundlich aussehen. Die Äste der Bäume warfen lange Schatten. Endlich hört man wieder Vögel. Auf dem Waldboden zeigten sich die ersten grünen Spitzen von Gräsern.
Sie liefen in den Wald hinein. Der Weg war matschig. Vorsichtig nahm er ihre Hand. Sie freute sich über das zärtliche Zeichen. Wie oft hätte sie in den letzten Wochen eine Umarmung von ihm gebrauchen können. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass er sich genauso freuen würde wie sie – über das Kind. Stattdessen war es ihm in den letzten Wochen schlecht gegangen: Nur mühsam schleppte er sich zur Arbeit und er war noch stiller geworden als zuvor.
Wenigstens hier im Wald konnte man tief durchatmen. Die Luft war frisch. Es roch nach Holz und vermodertem Laub. „Unser letzter Spaziergang zu Zweit“, sagte sie und schaute ihn an. Er blieb stehen. Sie blieb stehen. Sie umarmten sich. Er musste sich für die Umarmung stark vorbeugen wegen ihrem großen Bauch.
Das Kind verband sie, war aber gleichzeitig zwischen ihnen. Immer öfter drängte es, endlich das Licht der Welt zu erblicken. Es boxte und trat. Es würde süß aussehen, aber gleichzeitig egoistisch sein. Es würde schreien – auch in der Nacht. Ohne Rücksicht auf die Eltern. Mindestens sechzehn Jahre würde es nun die Gedanken der Eltern steuern, würde diesen schlaflose Nächte bereiten und ihnen gleichzeitig sehr glückliche Momente bescheren. „Welchen Charakter wird es haben?“, dachte sie.
Tausend weitere Gedanken schossen den beiden jungen Eltern während des Spaziergangs durch den Kopf. Sie schauten sich an und erinnerten sich daran, wie sie sich das erste Mal geküsst hatten. Beide hatten Tränen in den Augen. „Wir schaffen das“, sagte er. Sie schluckte.
Eigentlich dachte er immer, der Stärkere von beiden zu sein. Aber in den letzten Monaten hatte sich das geändert. Oft wunderte er sich, wie stark sie war und wie stark sie wirkte. Sie würde eine gute Mutter sein. Er zweifelte, ob er ein guter Vater sein würde. Wieder hatte er Angst. Vielleicht würde sich alles ändern, wenn das Kind da war. Er hoffte.
Sie dachte daran, dass eigentlich alles vorbereitet sei. Das Kinderbett war aufgebaut, der Kinderwagen stand bereit und die Freundinnen und Eltern hatten ihr bereits Kleidungsstücke für das Baby geschenkt. Viele rosafarbene Dinge. Alles sehr kitschig. Sie wünschte sich jetzt nichts sehnlicher, als endlich ihre Tochter in den Armen zu halten.
Hand in Hand gingen sie weiter den Weg entlang. Sie liefen noch lange in den Wald hinein. Die meiste Zeit schweigend.
Nach dem Rückweg, kurz vor dem Auto, spürte sie ein starkes Ziehen im Bauch. Fast hätte sie sich übergeben vor Schmerzen. Sofort wusste sie, dass es jetzt nur noch wenige Stunden bis zur Geburt sein konnten. Sie sagte nichts. Sie hatte Angst, dass er zu nervös werden würde. Ruhig stieg sie ins Auto und ließ sich nichts anmerken. Ihr Körper entwickelte ungeahnte Kräfte. Sie spürte, dass das Kind unruhig wurde und raus wollte in die Welt. Um das Leben kennenzulernen.
Erst als sie wieder in der Stadt waren sagte sie mit ruhiger und gefasster Stimme zu ihm: „Lass uns direkt in die Klinik fahren. Meine Sachen kannst du später bringen.“ Er schaute sie mit großen Augen an und wurde blass.
Als sie im Krankenhaus ankamen, ging alles sehr schnell. Danach war alles anders. Zu Dritt. 

Eine neue Erzählung von Evelyn Kremer: Der Ring

Der Ring

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie ihr die Großeltern den Ring damals geschenkt hatten: Sie feierte ihren zwanzigsten Geburtstag mit der Familie. Schon einige Monate zuvor hatten die Großeltern sie gefragt, was sie sich zum Geburtstag wünschte. Ohne zu zögern sagte sie, dass sie sich über einen Ring freuen würde. Sie zeigte ihren Großeltern mehrere Bilder von Ringen, die ihr gefielen, um sicherzugehen, dass der Ring genau ihren Vorstellungen entsprechen würde. Sie wollte einen Ring haben, den sie zu besonderen Anlässen tragen konnte. Der Ring sollte goldfarben sein und mit schönen, glitzernden, weißen Steinen besetzt sein:  Vielleicht in Form einer Blüte oder eines Sterns. Der Ring sollte nicht zu klein sein, aber dennoch fein wirken. Es sollte ein Ring sein, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, den sie bei Feiern, Festen und Partys tragen könnte. Der Ring sollte außerdem möglichst neutral aussehen, so dass er zu ihren verschiedenen Kleidern passte.
Auch eine ihrer Freundinnen hatte einen solchen Ring und insgeheim hoffte sie, dass ihr Ring noch viel schöner sein würde und sie der Freundin die Schau stehlen würde. Damals maß sie sich ständig mit ihren Freundinnen. Es ging immer wieder darum, wer hübscher, besser geschminkt, beliebter und besser gekleidet war. Eigentlich war ihr Schmuck nie wichtig gewesen, aber das, was ihre Freundinnen hatten, wollte auch sie haben. Es sollte ein „perfekter“ Ring sein, den alle bewunderten. Der Ring sollte genauso perfekt sein, wie sie sich damals – kurz vor ihrem Geburtstag – auch ihr späteres Leben vorstellte: Sie träumte sehr naiv von einer Karriere als Journalistin und davon, während des Studiums ihren Traummann zu treffen. Auch dieser sollte „perfekt“ sein: Charmant, gutaussehend, intelligent, mit einem interessanten Beruf und einem guten Gehalt. Obwohl sie diesen Mann noch nicht kannte, stellte sie sich damals sogar ihre Hochzeit vor. Sie wusste genau, wo und wie sie heiraten wollte, hatte bereits genaue Vorstellungen von ihrem Kleid und dem Hochzeitsstrauß. Nach der Hochzeit wollte sie zwei Kinder haben und keinesfalls ihre erfolgreiche Karriere als Journalistin aufgeben. Sie würde – genau wie ihre Eltern – in einem schönen und gut eingerichteten Altbau am Stadtrand wohnen, ein vorbildliches Familienleben führen und begabte Kinder haben. All das, hatte sie mit Neunzehn genau vor Augen und sie war der festen Überzeugung, dass alles genauso eintreffen würde: Sie hatte von ihrem Leben genauso konkrete Vorstellungen wie von dem Ring, den sie sich von ihren Großeltern wünschte.
Als ihr die Großeltern zum Geburtstag feierlich die kleine Schmuckschatulle überreichten, war sie aufgeregt wie ein kleines Kind. Sie entfernte die blaue Schleife und öffnete vorsichtig und mit voller Erwartung die dunkelrote Schatulle. Bevor sie einen Blick in die Schatulle warf, schaute sie dankbar ihre Großeltern und fröhlich mit glänzenden Augen ihre Eltern an, die ebenfalls neugierig auf das Geschenk waren. Als sie den Blick senkte, um den Ring zu betrachten, schossen ihr Tränen in die Augen: Der Ring war ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Er war nicht gold- sondern silberfarben, mit einem matten, eckigen und großen Stein in einem tiefen Korallenrot. Zu allem Überfluss sah man außerdem deutlich, dass eine Ecke aus dem Stein gebrochen war. Außerdem verlief in der Mitte des Steins ein Riss. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte – so entsetzt war sie. Tausende von Gedanken schossen ihr durch den Kopf und in die Gedanken mischten sich Wut und Traurigkeit. Sie konnte ihre Großeltern unmöglich enttäuschen und so versuchte sie, ihr Entsetzen und ihre Wut zu verbergen und mit einem Lächeln zu überspielen. Sie tat so, als sei sie gerührt und sie umarmte ihre Großeltern zum Dank. Dabei hoffte sie, dass ihr niemand die Enttäuschung ansehen würde. Doch ihr Großvater beobachtete sie ernst und eindringlich, während sie sich den Ring an den Finger steckte und ihn an den schlanken Fingern betrachtete. Ihr Großvater sagte leise zu ihr: „Ich weiß, dass der Ring nicht Deinen ursprünglichen Vorstellungen entspricht und er einen Riss hat sowie eine kleine Ecke herausgebrochen ist. Aber der Ring stammt von meiner Mutter und glaube mir: Irgendwann wirst auch Du ihn schön finden, ihn zu schätzen wissen und ihn mit anderen Augen betrachten.“ Sie wusste nicht, was der Großvater meinte, umarmte ihn und tat weiterhin so, als ob ihr der Ring gefallen würde. Innerlich aber bebte sie und am liebsten hätte sie den Ring direkt vom Finger gerissen und in die Ecke geworfen. Nun aber prangte er wie ein dicker und fieser Käfer noch den ganzen Nachmittag an ihrem Finger.
Als sie am Abend allein in ihrem Zimmer war, betrachtete sie den Ring und war abermals so enttäuscht, dass sie aus Selbstmitleid weinte. Sie konnte nicht begreifen, wie ihr die Großeltern einen so hässlichen und dazu noch kaputten Ring schenken konnten. Sie zog den Ring von ihrem Finger, packte ihn in die kleine Schatulle, öffnete eine Schreibtischschublade, warf die Schatulle abfällig hinein und knallte die Schublade mit lachendem, schadenfrohen Gesicht zu. Dann ging sie ins Bett und träumte die ganze Nacht von dem Ring. Sie träumte, dass sie mit ihren Freundinnen auf einer Feier sei und alle über ihren Ring lachten. Der Ring verwandelte sich ständig in andere widerwärtige Kriechtiere und Insekten, die ihr die Arme hochkrochen und ihre Freunde angeekelt zurückweichen ließen.
Nach einigen Tagen hatte sie den Ring vergessen und die Schatulle in der Schublade verschwand mit der Zeit unter Papieren, Stiften, Radiergummis und allerlei anderen Gegenständen – genauso, wie unangenehme Gedanken und Erlebnisse mit der Zeit verdeckt werden von vielen anderen Gedanken und Geschehnissen.
Es vergingen viele Jahre und ihr Leben entwickelte sich ganz anders, als sie es sich damals vorgestellt hatte: Zwar meisterte sie ihr Studium, aber sie schaffte nicht den Einstieg als Journalistin. Jahrelang hangelte sie sich als Lektorin von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob und auch der richtige Mann ließ auf sich warten. Erst mit Mitte dreißig traf sie einen Mann, mit dem sie sich eine Familie vorstellen konnte – auch wenn er keinesfalls ihren ursprünglichen Vorstellungen entsprach: Er war nicht besonders gutaussehend, hatte nicht studiert und verdiente nur wenig. Irgendwann wurde sie schwanger und bekam eine Tochter. Die Schwangerschaft und Geburt sowie die Jahre der Erziehung danach, machten ihr so zu schaffen, dass sie keine weiteren Kinder haben wollte. Irgendwann beschloss sie sogar, sich von ihrem Mann zu trennen. Nach einigen schweren und unschönen Jahren schaffte sie es, beruflich einen großen Schritt voran zu kommen: Sie war als Journalistin bei einer Tageszeitung tätig. Eine eigene Wohnung, geschweige denn ein eigenes Haus, konnte sie sich nicht leisten. Aber sie war glücklich: Sie genoss die Stunden mit ihrer Tochter, die als Teenager bereits schwanger geworden war; Sie mochte ihren Job und ihre Kollegen; Sie liebte es zu Kochen; Sie genoss die Zeit mit ihrem Enkelkind und mit ihren vielen Freunden; Am glücklichsten jedoch war sie bei der Gartenarbeit in ihrem kleinen Schrebergarten. Hier genoss sie die Sonne, beobachte die Pflanzen im Verlauf der Jahreszeiten, pflanzte, züchtete, erntete und säte. Wenn sie – damals mit Zwanzig – von ihrem späteren Leben erfahren hätte, wäre sie entsetzt gewesen. Alles war ganz anders gekommen als sie es sich damals vorgestellt hatte – aber sie war zufrieden und glücklich.
Als sie eines Tages in einem längeren Urlaub endlich dazu kam, alte Schubladen und Kisten auszumisten, fiel ihr zufällig die Schmuckschatulle ihrer Großeltern in die Hände. Sie betrachtete die Schatulle und öffnete sie ohne große Erwartungen vorsichtig. Zunächst traute sie sich nicht den Blick zu senken, weil sie sich plötzlich sehr genau an das schreckliche Geschenk und die Enttäuschung von damals erinnerte. Doch dann fasste sie Mut und schaute neugierig in die Schatulle: War das der Ring, den sie damals so abschätzig in die Schublade geworfen hatte? Sie konnte es kaum glauben: Der Stein des Rings hatte eine wunderschöne, rote Farbe mit lebendigen und interessanten Musterungen. Der Riss, der durch die Mitte des Steins verlief, hatte einen besonderen Reiz; Die fehlende Ecke im Stein verlieh dem Ring eine ungewöhnliche Note und machte ihn interessant und charmant; Das angelaufene Silber passte zu dem besonderen Muster des Steins und verlieh ihm eine außergewöhnliche Patina. Sie zog den Ring langsam und vorsichtig an. Er schmiegte sich genau passend an ihren rechten Ringfinger. Sie betrachte den Ring an ihrer Hand lange. Der Ring war wunderschön. Ein wohliges und warmes Gefühl durchströmte sie, so dass ihr vor Glück Tränen in die Augen stiegen. Sie erinnerte sich daran, was ihr Großvater damals zu ihr gesagt hatte und erst jetzt verstand sie: Der Ring war ein Symbol für das Leben mit all seinen Rissen und Brüchen. Gerade in dieser Imperfektion konnte sie Schönheit und Glück entdecken. Wie langweilig wäre es gewesen, wenn ihr Leben genauso verlaufen wäre, wie sie es sich damals – kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag – vorgestellt hatte. Ihr Leben wäre eine Kopie ihrer Vorstellungen gewesen und sie hätte nicht gelebt, sondern sich in ein Muster und in eine genaue Vorstellung gepresst. Sie konnte nicht mehr aufhören zu Weinen und beschloss den Ring irgendwann ihrer Enkelin zu schenken. Doch bis dahin würde sie ihn nicht mehr vom Finger nehmen.
In der Nacht träumte sie – genau wie damals – von einer Feier mit Freunden. Die Insekten und Kriechtiere auf ihrer Hand hatten sich in Blüten und Schmetterlinge verwandelt.

Evelyn Kremer: Der Beichtstuhl

Der Beichtstuhl

Ich war im Urlaub, und es war heiß in den Straßen der kleinen Stadt. Ich streunte durch die schmalen Gassen. Als mir die Füße vom vielen Laufen weh taten und ich mich kurz ausruhen wollte, kam ich zufälligerweise an einer Kirche vorbei. Als ich eintrat, war ich die Einzige. Es roch hier nach frischen Blumen und etwas Weihrauch, und es war angenehm kühl und schattig hier. Ich setzte mich auf eine der Bänke in den vorderen Reihen und atmete tief ein und aus. Schön ruhig – und entspannend für meine Füße. Das Sonnenlicht von draußen fiel in bunten Farben durch die Fenster auf den Boden der Kirche und tauchte sie in ein magisches Licht. Die Kirche hatte einen wunderschönen Altar aus weißem Marmor und ich dachte, dass es schön wäre, hier an einem Gottesdienst teilzunehmen.
Plötzlich hörte ich Schritte von hinten. Es waren langsame, schwere Schritte. Ich drehte mich um und erkannte einen Pfarrer in seinem langen Gewand. Er lief an mir vorbei und bog dann rechts ab. Ich hätte gerne selbst mein verwundertes Gesicht gesehen, als der Pfarrer den alten aus Holz geschnitzten Beichtstuhl an der Kirchenwand öffnete, sich hineinsetzte und die mit Ornamenten verzierte Tür hinter sich schloss. Ich überlegte kurze Zeit, wann ich so etwas zuletzt gesehen hatte. Irgendwie hatte ich jahrzehntelang die Existenz eines Beichtstuhls vergessen – der Beichtstuhl schien aus einer anderen Zeit zu stammen und passte so gar nicht mehr in unsere Welt.
Dunkel erinnerte ich mich plötzlich an die Zeit meiner Kommunion. Ich erinnerte mich, dass auch ich damals beichten sollte und ich lange überlegen musste, welche Sünden ich gestehen sollte. Ich war mir als Kind keinerlei Schuld bewusst und ich erinnerte mich, dass ich etwas erfand, um es dem alten und strengen Pfarrer Recht zu machen. Ich hatte ihm erzählt, dass ich manchmal meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte und bei der Lehrerin dann so tat als hätte ich mein Schulheft vergessen. Das war das Einzige, was mir damals als Sünde einfiel. Trotz des lächerlichen Schuldgeständnisses sprach der Pfarrer: „Deine Sünde sei Dir vergeben. Ich spreche Dich von Deiner Sünde los.“ Erleichtert und beschwingt hatte ich damals den Beichtstuhl verlassen.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich erneut Schritte hörte und eine ältere Frau mit auffällig buntem Kleid und hochgesteckten Haaren die Kirche betrat. Sie bewegte sich langsam und bedächtig auf den Beichtstuhl zu, öffnete die Tür, setzte sich auf die kleine, fast zu enge Bank im Inneren und schloss die Tür behutsam hinter sich. „Was wird sie dem Pfarrer wohl erzählen?“, fragte ich mich. Allerdings sah die Frau nicht so aus, als ob sie große Sünden zu beichten hätte. Vielleicht verteufelte sie manchmal gedanklich ihren Mann oder war von ihrer alten Mutter genervt? Mehr Sünden konnte man ihr keinesfalls zutrauen. „Oder täuscht man sich?“, fragte ich mich. „Vielleicht hat sie einen Liebhaber oder hat im Kaufhaus etwas mitgehen lassen?“ Neugierig versuchte ich, Sprachfetzen des Gesprächs aus dem Beichtstuhl einzufangen. Aber ich hörte nur ein leises und geheimnisvolles Tuscheln. Nach etwa fünf Minuten öffnete sich die Tür und die Frau trat heraus. Irgendwie schien sie fröhlicher und erleichterter zu sein, und mit lockererem und schnellem Schritt verließ sie die Kirche. In der Kabine rumpelte es seltsam – der Pfarrer schien es sich in dem Beichtstuhl bequem zu machen und auf den nächsten Sünder zu warten.
Ich überlegte mir, wie interessant diese Aufgabe des Pfarrers doch war – gerade in früheren Zeiten: Alle Bewohner eines Dorfes vertrauten ihm die geheimsten Geschichten an, und er war der Einzige, der gottesgleich genau wusste, was im Dorf hinter den Kulissen vor sich ging und welche Abgründe menschlicher Taten sich unter der Oberfläche der angeblich frommen Gemeinde verbargen. Der Gedanke ließ mich nicht los und als ich abends wieder im Hotel war, beschloss ich, mich über das Beichten zu informieren.  „Der Beichtstuhl ist der klassische Ort für das persönliche Sündenbekenntnis der Gläubigen, dem die Lossprechung durch den Priester folgt“, hieß es im Internet. Ich überlegte und kam zu dem Schluss, dass der Beichtstuhl sicher auch eine psychologisch reinigende Funktion hatte: Durch das Aussprechen einer „Sünde“ erleichterte man sein Gewissen und konnte anschließend wieder „gereinigt“ einen besseren Weg einschlagen.
„Eigentlich war es seltsam, dass der Beichtstuhl heute kaum noch genutzt wird“, überlegte ich und wurde direkt eines Besseren belehrt, als ich weiter im Internet stöberte: Ich traute meinen Augen kaum, als ich „Onlinebeichtstühle“ entdeckte. Hier konnte man anonym Beichten abgeben, und einige der Online-Beichtstühle veröffentlichten alle Beichten! Neugierig verbrachte ich eine Stunde mit dem Lesen von Beichten und war fasziniert von den verschiedensten Geständnissen, die dort offengelegt wurden. Zum Beispiel schrieb ein Mann: „Ich, männlich, 16, beichte, dass ich heute in der Drogerie das erste Mal Kondome gekauft habe. Weil ich mich so geschämt habe, habe ich extra gewartet, bis die fette Kassiererin an der Kasse war. Vor ihr schien mir der Kauf der Kondome weniger peinlich zu sein.“ Eine andere Beichte lautete: „Ich, weiblich, 46, beichte, dass ich als Kellnerin arbeite und mir zwischendurch immer wieder einen Schluck Vodka gönne, um den Stress zu ertragen.“ Es ging weiter mit diesen zwei Beichten: „Ich, männlich, 19, beichte, dass ich mit einem wunderhübschen Mädchen zusammen bin, sie aber nicht liebe. Ich dachte, dass das Verliebtsein mit der Zeit kommt. Sie ist total verknallt in mich, und ich weiss nicht, was ich machen soll“. „Ich, weiblich, 18, habe ein Poster meines Lieblingsstars an meiner Zimmertür hängen. Ich beichte, dass ich das Poster jedes Mal anfassen und küssen muss, wenn ich das Zimmer verlasse“.
Ich überlegte, was ich selbst auf der Plattform beichten könnte und dann fiel mir eine Sache ein, die ich niemandem erzählen würde – hier aber schien mir ein guter Ort für die Offenlegung zu sein. Ich schrieb den Text der Beichte in das Freitextfeld. Dann sandte ich die Beichte mit einem Klick auf den Sende-Button ab. Kurz darauf erschien „meine Beichte“ mit einem „Bling“ in der Chronik des Online-Beichtstuhls. Eine Computerstimme sagte: „Deine Sünde sei Dir vergeben“. Ich fragte mich, was die Leser der Plattform über meine Beichte denken würden – Gott sei Dank konnte man die Beichten nicht kommentieren. Kurz lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, als mir der Gedanke kam, dass man die Beichte ja vielleicht irgendwie auf meine IP-Adresse zurückführen könnte. Ich beruhigte mich schnell, weil ich zu dem Schluss kam, dass das nicht möglich sei. Dann fühlte ich mich irgendwie erleichtert und besser als vorher. Ich beschloss, den Online-Beichstuhl öfter in Anspruch zu nehmen – nicht nur um selbst zu beichten, sondern – wie ein Pfarrer – zu wissen, welche „Sünden“ Menschen beschäftigen. Irgendwie war das ein faszinierender Gedanke: Meine Beichte und die Beichte von Millionen von anderen Menschen würde nun für immer anonym im Nirvana des Internets verschwinden. Und wer weiss, ob meine Beichte und die Beichten der vielen anderen Menschen noch in hundert Jahren online sein würden? Das Internet als Friedhof der menschlichen Abgründe und Tiefen?
Als ich am nächsten Tag die Zeitung las, stieß ich auf Unglaubliches: In der Zeitung war ein Foto der Frau, die ich gestern in der Kirche gesehen hatte – ich war mir ganz sicher. Ich konnte es kaum glauben und noch weniger zu glauben war, was dort in der Zeitung stand: Das Foto hatte die Überschrift „Frau beichtet Mord in Kirche“. Aufgeregt begann ich zu lesen, und die Zeitung zitterte in meinen Händen. „Suanne M., 64 Jahre alt, hat gestern in der Marienkirche den Mord an ihrem 75jährigen Mann gebeichtet. Nach 35 Jahren Ehe war es immer öfter zu Streits gekommen und so hatte sie schon vor einigen Monaten beschlossen, ihren Mann umzubringen. Sie verabreichte ihm täglich giftige Tabletten, so dass er schließlich an Herzversagen starb. Direkt nach dem Tod des Mannes war Susanne M. in die Kirche gegangen, hatte dem Pfarrer den Mord gebeichtet und ihn darum gebeten, die Polizei zu informieren. Sie sagte aus, dass sie mit ihrer großen Schuld nicht mehr leben wollte. Schockiert von ihrer Beichte und in einer Art Schockstarre, hatte der Pfarrer ihr direkt den Segen Gottes erteilt und ihr die Sünde verziehen. Nachdem er in seinem Beichtstuhl aufgrund der ungewöhnlichen Situation einen Schwächeanfall erlitten hatte, wurde er von seinem Messdiener entdeckt. Als es dem Pfarrer wieder besser ging, informierte er – wie es Susanne M. gewünscht hatte – die Polizei. Susanne M. wurde anschließend weinend in ihrer Wohnung aufgefunden und festgenommen. Der Leichnam ihres Mannes wurde abtransportiert. Auch wenn Susanne M. ihre Tat gestanden – und gebeichtet – hat, droht ihr eine mehrjährige Haftstrafe.“

Eine neue Erzählung von Evelyn Kremer: Beim Friseur im Theater

Beim Friseur im Theater

von Evelyn Kremer

Seit einigen Monaten bin ich bei einem neuen Friseur. Eine Freundin hat mich hierher empfohlen. Die Freundin ist immer sehr auf ihr Äußeres bedacht und besitzt eine Reinigung in der die Prominenz der Stadt ein und aus geht. Daher weiß sie, welche Läden in der Stadt angesagt und gut sind. Aus Neugierde wollte nun auch ich diesen Friseur ausprobieren. Der Salon befindet sich in der Seitenstraße einer exklusiven Einkaufsstraße. Von Außen ist der Salon unscheinbar. Von Innen sind Wände und Böden mit marmorähnlichen großen Kacheln bedeckt und auf dem Tresen am Eingang steht immer ein riesiger frischer Blumenstrauß.

Die Inhaberin ist eine geschäftstüchtige Russin. Manchmal wirkt sie eher wie eine Puffmutter. Sie ist sicher um die fünfzig, ist stets sehr elegant gekleidet, hat toupierte Haare und teuren Schmuck um Hals und Gelenke. Sie ist eine zierliche Frau und an ihren energischen Bewegungen merkt man, dass sie sehr ehrgeizig ist. Ihre Mitarbeiter hat sie sorgsam ausgewählt: Sie sind alle zwischen zwanzig und vierzig Jahren, alle sehr freundlich und gleichzeitig sehr gut aussehend und modisch gekleidet. Drei Damen und drei Herren, wobei die Damen oft die männlichen Kunden betreuen und die Herren oft die weiblichen.

Zunächst wird man vor einem großen Spiegel platziert. Über den Spiegel hat man einen guten Blick in den ganzen Salon. Nichts kann entgehen und so gleichen die zwei Stunden, die man hier sitzt, oft einer Theatervorstellung: Zunächst betritt eine kleine, uralte Dame in schickem Chanel-Kostüm den Salon. Sie hat einen kleinen weißen Pudel an der Leine der besser frisiert ist als sie. Die Dame wirkt bescheiden obwohl man an ihren Accessoires sieht, dass entweder sie oder ihr Ehegatte viel verdient oder geerbt haben muss. Seltsam, dass im Gegensatz zu ihr der Pudel viel arroganter und elitärer wirkt. Mit geschwollener Brust und erhobenem Haupt stolziert er wie ein Zuchtpferd mit kleinen Schritten und kritischem Blick in den Salon hinein. Nachdem die Dame platziert wurde, wird dem Pudel direkt eine Schale Wasser und ein Körbchen gebracht. Kritisch beäugt der Pudel die lapidare Wasserschalte und dem ihm angebotenen Platz und setzt sich dann so in den Korb, dass auch er den gesamten Salon im Blick hat. Das Wasser rührt er nicht an. Er ist sicher besseres gewöhnt. Die Dame beugt sich immer wieder zu ihm hinunter um ihn zu streicheln. Man sieht, wie sehr sie ihren Pudel liebt, denn jedes mal, wenn sie ihn streichelt, entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie beginnt zu lächeln. Mein Friseur berichtet mir, dass die alte Dame jeden zweiten Tag in den Salon zum Frisieren kommt. Ihr Mann hat in der Stadt hunderte Immobilien und sie ist nun zu alt, um sich selbst die Haare zu machen. Man munkelt aus Scherz im Salon, dass ihr Pudel alles erben wird, weil das Paar keine Kinder hat. „Wenn man genau hinsieht,“ flüstert mein Friseur, „sieht man, dass der kleine Vierbeiner ein Halsband mit Diamanten trägt!“

Während mein Friseur mir Strähnen in die Haare macht, wird meine Aufmerksamkeit abgelenkt von einer Dame, welche die ganze Zeit in der Ecke gesessen und gelesen hat. Sie ist die intellektuellst aussehende hier im Salon. Sie trägt schlichte Kleidung aus gutem Stoffen. Die Farben der Kleidung sind zurückhaltend: Schwarz und beige. Sie scheint sich nicht viel aus ihrem Äußeren zu machen. Ihre Haare sind grau und sicher geht sie nur zum Friseur, weil die lockigen Haare zu lang geworden sind. Ich versuche zu erkennen, was sie liest. Es ist eine Art wissenschaftliche Zeitschrift mit viel Text und wenig Bildern. Die bunten Klatsch- und Tratsch-Zeitschriften, die ihr der Friseur hingelegt hat, hat sie abfällig zur Seite geschoben. Mit konzentriertem Blick liest sie und antwortet nur knapp wenn der Friseur sie etwas fragt. Man merkt, dass sie keine Lust auf  ein Gespräch hat – sicher sind ihr die Gespräche zu lapidar. Er merkt das und fragt sie geschult ab sofort nur das Nötigste. Sicher ist auch er mal froh, seine Kunden nicht unterhalten und Kummerkasten spielen zu müssen. Schließlich gibt es hier immer wieder Kundinnen, die ihm ihre ganze Lebens- und Liebesgeschichte in zwei Stunden erzählen und am Ende des Friseurbesuchs meinen, dass der Friseur ihr bester Freund sei.

Nun betritt eine Frau mittleren Alters den Salon. Sie zieht ihren Pelzmantel aus und ist wie eine Wurst in ein enges und grelles Wollkleid gepresst. Sie hat lange Beine, ausladende Hüften, riesige Brüste, eine blonde, lockige Haarmähne und zahlreiches Klimbim an den Händen. Genauso ausladend wie ihre Hüften und ihre Brüste sind ihre Lippen. Ihr Gesicht gleicht einer geschminkten Maske und sicher hat sie sich operieren, straffen und die ein oder andere Stelle unterspritzen lassen. „Vielleicht ist sie schon viel älter, als sie aussieht?“, frage ich mich. Selbstbewusst steuert sie direkt auf einen freien Platz zu und betrachtet sich selbst im Spiegel. Sie scheint ihre Umwelt kaum wahrzunehmen und ist nur auf sich fixiert. In den Spiegel starrend schüttelt sie ihre Haare, reckt ihren Kopf zu allen Seiten und macht seltsame Posen als würde sie fotografiert werden. Sie schaut sich dabei selbstverliebt an und überlegt sicher, was sie als nächstes optimieren kann. Wieder berichtet mir mein Friseur flüsternd interessante Details: „Die Dame hat einen reichen, älteren Herrn geheiratet, der ihr jeden Wunsch erfüllt.“ Lachend ergänzt mein Friseur: „Wenn der Kleine steht, schweigt der Verstand“. Anschließend berichtet er, dass die Dame denke, dass sie alle anstarrten, weil sie so schön sei. Dabei schauten alle nur, weil sie so schrecklich aufgespritzt aussehe. Die Dame ist nur zum Haarewaschen und Föhnen gekommen. Als sie fertig frisiert ist, macht sie von sich mehrere Selfies, wobei sie ihre Lippen noch weiter aufplustert und eine sexy Pose macht. Dann kommt ihr Mann in den Laden. Ein dünner, alter, grauer Herr, der eigentlich ein intelligentes Gesicht hat. „Sicher erfüllt sie ihm all ihre Träume“, flüstert mir mein Friseur amüsiert ins Ohr. Ich beobachte, wie hörig der Herr seiner „Göttin“ ist. Er macht ihr Komplimente, hilft ihr wie ein Diener in den Mantel, bezahlt für sie an der Kasse und trägt ihr die schwere klimpernde Tasche. Sie stolziert auf ihren überhohen Hacken wie eine Königin aus dem Salon und lässt sich wie selbstverständlich die Tür von ihm aufhalten.

Ich beobachte noch eine Weile einen Herrn, der sehr gestresst in den Laden kommt und ständig sein Handy zückt – wohl um Mails zu lesen. Er wippt während des Haareschneidens ungeduldig mit den Knien. Beim Haare Waschen aber scheint er sich wie ein Baby zu fühlen. Er lässt sich in den bequemen Leder-Sessel vor dem Becken fallen und gibt sich ganz der Kopfmassage der hübschen, lockigen Friseurin hin. Sie scheint ihn schon länger zu kennen und genau zu wissen, wie er es mag. Geduldig und lange massiert sie ihm den Kopf bis sie an einem kurzen Schnarcher merkt, dass er eingeschlafen ist. Erschreckt von seinem eigenen Schnarchen zuckt der Herr zusammen und wird wach. Peinlich berührt, entschuldigt er sich und nimmt wieder gespannte Haltung an um zurück am Frisiertisch direkt wieder seine Mails zu checken.

Auch ich entspanne mich, während das lauwarme Wasser über meinen Kopf rinnt und auch ich eine sanfte Kopfmassage erhalte. Auch ich höre kurz nur noch das Rauschen und dumpfe Stimmen um mich herum, bis mir fest ein Handtuch um den Kopf gewickelt wird. Zurück am Platz werden meine Haare geföhnt und mit verschiedenen Mittelchen bearbeitet. Es duftet nach Ölen und Sprays. Seltsam, dass man sich nach einem Friseurbesuch so frisch fühlt. Nicht nur Äußerlich sondern auch Innerlich. So ein Friseurbesuch hat fast etwas von einem Arztbesuch: Ein anderer Mensch kümmert sich um einen und schenkt Aufmerksamkeit. Als ich bezahle, verschlägt es mir kurz die Stimme und mein Atem stockt. Die Rechnung ist ziemlich hoch. Dennoch gebe ich ein gutes Trinkgeld um hier nicht unangenehm aufzufallen. Ich beruhige mich selbst mit dem Gedanken, dass eine gute Premieren-Theaterkarte mindestens genauso viel gekostet hätte, wie der Besuch dieses Salons. Ich freue mich schon auf die Vorstellung beim nächsten Mal.

Evelyn Kremer – neue vier Erzählungen / Gegenstände der Kindheit / Alltagsgrau / Sonntagskaffee / Herbstmorgen

Gegenstände der Kindheit

von Evelyn Kremer

Wenn sie an ihre Kindheit und Jugend dachte, erinnerte sie sich oft an Dinge und Gegenstände, die es heute gar nicht mehr gab. Zunächst fiel ihr da zum Beispiel das Telefon mit der Wählscheibe ein: Das Telefon selbst war meist dunkelgrün und hatte einen klobigen Körper aus glänzendem Kunststoff. Auf das Telefon war eine durchsichtige Wählscheibe montiert und der schwere Telefonhörer mit Sprech- und Hörmuschel befand sich oberhalb dieser Wählscheibe. Wollte man eine Nummer wählen, wählte man mit dem Zeigefinger zum Beispiel für die Vier das vierte Loch in der Wählscheibe. Dann drehte man die Scheibe bis zum Anschlag. Anschließend folgte die nächste Zahl – sobald die Scheibe sich von selbst zurückgedreht hatte. Wenn man sich verwählte, gab es keine Zurück. Man musste noch einmal den Hörer auflegen und von Vorne anfangen. Einen Vorteil hatte der schwere Hörer am Telefon: Man konnte ihn bei unangenehmen Gesprächen richtig schön „aufknallen“ und damit direkt seine Wut herauslassen.

Meist stand das Telefon an einem zentralen Platz im Haus oder in der Wohnung. Deshalb war es schwierig, ein Telefon-Gespräch zu führen, ohne dass die anderen Familienmitglieder alles mitbekamen. Sie erinnerte sich noch, dass ihre Mutter bei „Erwachsenengesprächen“ oft begann, auf Englisch zu sprechen, damit sie und ihre Geschwister nichts verstanden. Zusätzlich stand das Telefon meist an einem eher ungemütlichen Platz – zum Beispiel im gekachelten Flur. Dort konnte man sich mit kalten Füßen höchstens auf einen kleinen Hocker setzen und sich beim Telefonieren nicht gemütlich auf die Couch legen. Sie erinnerte sich noch an Tage an denen ihre Eltern nicht im Haus waren und sie ungestört stundenlang mit ihren Freundinnen telefonieren konnte – ohne dass die Mutter nervte und ständig zum Beenden des Gesprächs aufforderte.

Dann war da zum Beispiel auch noch der Kassettenrecorder! Schon als Kleinkind hatte sie mit ihren Schwestern viele Kassetten gehört vor dem Einschlafen. Faszinierend war immer das Magnetband: Wenn es sich im Kassettenrecorder festhakte und verhedderte, musste man das Band mühsam per Hand wieder in die Kassette spulen indem man eines der Rädchen innerhalb der Löcher in der Kassette drehte. Mit einem Kassettenrecorder stellte sie sich damals auch ihre eigene erste Musikkassette mit Lieblingssongs zusammen. Stundenlag saß sie dafür nach der Schule vor dem Radio und drückte die Aufnahmefunktion sobald ein guter Song kam. Nach Ende des Songs stoppte  sie die Aufnahme schnell – oft ärgerlich darüber, dass sie schon wieder ein Stück der Sprecherstimme am Ende des Songs mit aufgenommen hatte.

Sie erinnerte sich auch noch gut an den Marzipangeruch der von den Lehrern verteilten Arbeitsblätter für den Schulunterricht. Damals gab es noch keinen Kopierer und man musste die Texte der Arbeitsblätter mit einer unter das Papier gelegten „Matrize“ schreiben. Durch die Matrize erschienen die Texte in Spiegelschrift auf einem anderen Papier. Dieses wurde dann vom Matrizendrucker vervielfältigt. Das Papier roch aufgrund der Matrizen-Tinte nicht nur nach Marzipan; die schöne lilafarbene Tinte war auf ein seidenglattes, spezielles Papier aufgedruckt. Gerne strich sie über die seidige Oberfläche und roch an dem Papier.

Am Abend – wenn sie schon im Bett lag – hörte sie oft das Tippen der Mutter an der Schreibmaschine und das Fluchen, wenn die Mutter einen falschen Buchstaben getippt hatte. Den falschen Buchstaben musste sie mühsam mit weißer Farbe überdecken und die fehlerhafte Stelle dann mit einem neuen Buchstaben überschreiben. Wenn man eine Zeile fertig getippt hatte, musste man den Buchstaben-Zylinder der Schreibmaschine wieder an den Anfang des Papiers schieben. „Wie einfach war es doch, als es endlich die elektronische Schreibmaschine gab“, dachte sie. Doch auch das war kein Vergleich mit den heutigen Computern. Oft fragte sie sich, wie man früher mit Schreibmaschinen und Briefpost – ohne Email – riesige Unternehmen, Heere und Veranstaltungen organisieren und steuern konnte.

Irgendwann an Weihnachten kaufte ihr Vater den ersten Computer. Sie kann sich nicht mehr genau an Einzelheiten erinnern, aber das erste Computerspiel hat sie nicht vergessen. Stundenlang spielte sie zusammen mit ihren Schwestern. Sie stritten ständig um den Joystick. der Computer löste für lange Zeit den beliebten Fernseher ab, mit dem man sowieso nur zwei Programme empfangen konnte. Dann irgendwann kam das „Internet“. Zunächst nur an der Uni: Jeder Student bekam ein Passwort und in einem großen Saal stand ein Computer neben dem nächsten – insgesamt mindestens fünfzig. In den ersten Jahren des Internets musste man sich noch übers Modem ins Internet einwählen. Dieses machte ein tutendes, piependes und rauschendes Geräusch für mehre Sekunden. Sie erinnerte sich noch ganz genau daran, wie aufgeregt sie war, als sie das erste mal mit Freunden chattete.

Zuletzt fielen ihr noch die gelben Telefonzellen mit den dicken Telefonbüchern ein. Meist war es in den Zellen etwas dreckig und roch übel. Um zu telefonieren, musste man dreißig Pfennig einwerfen – später konnte man auch mit einer speziellen Telefonkarte bezahlen. Die dicken Telefonbücher mit hunderttausenden von Nummern bestanden aus einem hauchdünnen, grauen, mit Namen und Nummern bedrucktem, Papier. Man brauchte ewig, um die richtige Nummer zu finden – vor allem wenn der Gesuchte einen häufigen Nachnamen wie Müller, Bauer oder Maier hatte. Die Telefonzellen wurden sehr oft zweckentfremdet: Wenn es regnete drängten sich in eine Telefonzelle fünf  Teenager oder ein verliebtes Teenie-Paar. In dem Telefonhäuschen führte auch sie die ersten Telefonate mit Jungs und bei Regen hatte auch sie sich mit ihren Freundinnen ins das Häuschen geflüchtet.

„Wie sehr hat sich die Welt in den letzten Jahren verändert“, dachte sie. Dabei war sie doch erst Mitte Dreißig. Wenn sie an die vielen Dinge dachte, die es heute schon nicht mehr gab – wie würde es dann sein, wenn sie achtzig ist? Sie konnte sich plötzlich vorstellen, dass sich alte Leute irgendwann wie Außerirdische fühlen – leben sie im Alter doch meist in einer ganz anderen Welt als in ihrer Kindheit. „Vielleicht wollen sie dann einfach nicht wieder etwas Neues sehen“, dachte sie. „Sie freuen sich dann einfach mal etwas Ruhe zu haben“.

Alltagsgrau
von Evelyn Kremer

Es gibt Tage an denen ihr einfach alles nur Grau vorkommt. Schon am Morgen hat sie keine Lust aufzustehen. Nichts treibt sie, nichts motiviert sie, nichts zieht sie. Immer dasselbe erwartet sie. Erst immer wieder dasselbe öde Frühstück allein am Tisch, ohne Appetit, nur um satt zu sein und nicht umzukippen. Es ist dann noch dunkel draußen und kalt im Winter. Auch die Luft in der Wohnung ist kalt. Im Bett war es am Schönsten.Dann Duschen, sich fertig machen. Sich bemühen, einigermaßen gut auszusehen, trotzt der fahlen Winterhaut und der wenigen Energie: Erst die Zähne putzen, dann Eincremen, dann Schminken, dann die Haare machen. Immer gleich. Manchmal kann sie sich selbst nicht mehr sehen. Würde gerne einfach für einen Tag jemand anderes sein, anders aussehen, die Welt aus anderen Augen betrachten, in einer anderen Wohnung wohnen, einen anderen Job haben. Einfach etwas Abwechslung.

Der Weg zu Arbeit. Oft überlegt sie, welchen anderen Weg sie noch gehen kann um wenigstens auf dieser kurzen Strecke am Tag etwas anderes zu sehen. Mal mit der Straßenbahn, mal mit der U-Bahn, mal mit dem Fahrrad, mal mit dem Bus. Aber eigentlich ist sie alle Wege schon gefahren. Sie kennt jede Straße und jedes Haus, jedes Geschäft. Alles kommt ihr Trist, langweilig und ohne Leben vor. Vielleicht spiegelt sich im Äußeren nur ihr Inneres? Egal. Das kommt aufs gleiche raus.

Bei der Arbeit angekommen, begegnen ihr immer dieselben Gesichter. Eigentlich sind alle Kollegen nett und sie würde sich gerne mit ihnen unterhalten, um mehr über sie zu erfahren. Aber dafür ist keine Zeit. Der Job ist anstrengend und stressig. Manchmal bleibt ihr kaum Zeit zu essen. Wie soll sie sich da auf die Geschichten der Kollegen einlassen? Sie kommt sich vor wie eine Maschine. Wie ein elektrisches Fahrzeug das während des Tages möglichst gut alle Hindernisse und Hürden meistern muss, um am Ende des Tages erschöpft eine Etappe auf einem nie endenden Weg zu erreichen. Die Räder drehen am Abend durch. Das Benzin ist leer. Wenn sie ihren Job am Abend beendet, ist es schon wieder dunkel.

Müde schleppt sie sich nach Hause und schafft es gerade noch etwas zum Abendessen einzukaufen. Ein lustloses Essen. Zu müde zum Telefonieren. Kein Kontakt außer mit Kollegen gehabt. Nur über Arbeitsprojekte, kein persönliches Wort geredet, 136 E-Mail empfangen, 64 E-Mails geschrieben, ständig zusammenzuckend, wenn eine neue E-Mail aufpoppt. Müde hängt sie auf der Couch. Sie zappt durch die Programme und kann sich nur noch Unsinn anschauen. Der Fernseher flimmert, wirres Gerede und wirre Gesten. Kein wirklicher Inhalt. Sie schläft auf der Couch ein und kann sich um Mitternacht nur noch ins Bett schleppen.

Unruhig schläft sie bist zum nächsten Morgen. Sie träumt von E-Mails, die sie noch beantworten muss. Dann hat sie wilde Träume einer Reise, sie trifft Menschen. Oft erlebt sie im Traum mehr, als im Alltag. Dann um sieben Uhr klingelt der Wecker. Nichts treibt sie, nichts motiviert sie, nichts zieht sie. Immer dasselbe erwartet sie. Erst immer wieder dasselbe öde Frühstück allein am Tisch, ohne Appetit, nur um satt zu sein und nicht umzukippen. Es ist dann noch dunkel draußen und kalt im Winter.

Eigentlich hatte sie gute Laune. Es ist Sonntag und sie hatte sich viel vorgenommen: Sie wollte nach dem Besuch ihrer Eltern noch ins Museum und abends mit Freunden ins Kino. Doch beim Besuch ihrer Eltern nimmt der Tag eine unschöne Wendung. Sie sitzen beim Kaffee. Ihr Bruder ist auch da. Die Mutter beschwert sich, dass sie sich „so lange“ nicht gesehen haben. Sie kann das nicht begreifen. Sie ist nicht zur Belustigung ihrer Mutter da. Die hat ewig Zeit, ist in Rente und springt nur noch von einem Event zum nächsten. Erst vor einer Woche haben sie sich getroffen – zum Abendessen. Ihre Mutter versteht nicht, dass sie einen anstrengenden Job hat und diese Woche über fünfzig Stunden in der Firma war. Sie ist froh, wenn sie am Wochenende ein bisschen Zeit für ihre Eltern hat – und dann muss sie sich diese Vorwürfe anhören.

Die Eltern erzählen von einem Geburtstag, wo sie am Abend zuvor gewesen sind. Es war der siebzigste Geburtstag eines ehemaligen Kollegen des Vaters. Sie waren in ein schickes Hotel eingeladen, zusammen mit zwanzig anderen Gästen. Nun tratschen und lästern ihre Eltern über das Erlebte: Die Tochter der Bekannten sei eine kühle und unattraktive Person, zwei Kinder habe sie und sei schon zwei mal geschieden. Der Sohn sei dick mit Glatze und studiere immer noch. Die Frau des Geburtstagskinds sei bereits dement und die anderen Gäste –  meist Verwandte des Geburtstagskindes – seien dümmlich. Auch die Musik und das Essen waren nicht gut. „Wie kann man so lästern über einen Abend für den der Gastgeber viel Geld ausgegeben hat? Sicher hat er sich viel Mühe für die Vorbereitung der Feier gemacht“, denkt sie und nimmt sich vor, selbst nie wieder eine Party zu geben.

Nachdem die Geburtstagsfeier durch ist, ist sie dran. Die Eltern fragen, was es Neues gibt und der Bruder fragt penetrant, ob es nun endlich einen neuen Mann in ihrem Leben gebe. „Du suchst Dir nie die Richtigen. Such Dir mal einen bodenständigen“, sagt die Mutter und dann ergänzt der Bruder: „Kein Wunder. Du treibst Dich mit den falschen Leuten rum. Deine Freundin ist schrecklich. Eine richtige Schlampe. Außerdem geht man in Deinem Alter nicht mehr auf Parties, um sich von jungen Typen anhimmeln zu lassen“. Der Vater fügt aus Spaß hinzu „das sind wahrscheinlich eher Orgien“. Er wundert sich, dass keiner lacht.

Die Mutter fragt, ob sie noch ein Stück Kuchen haben wolle. Sie sagt, dass ihr der Appetit vergangen sei. Verwundert schauen die Eltern und der Bruder sie an: „Du hast heute wohl schlechte Laune“, sagt die Mutter. „Philipp war bodenständig“ sagt sie, „und immerhin waren wir fünf Jahre zusammen, bevor er sich getrennt hat“. Der Bruder kommentiert „ja, aber eigentlich war er ein Arschloch wie man später festgestellt hat. Sein Vater war auch ein Macho – seltsam, dass Du dass nicht gemerkt hast“.

„Was ist denn eigentlich mit Dir und den Frauen?“, fragt die Mutter den Bruder. „Magst Du nicht auch mal eine kennenlernen? Du hast ja noch die Chance, Kinder zu bekommen mit einer netten Frau“. Die Schwester wird kreidebleich. Sie sagt: „Bei mir siehst Du wohl keine Chance mehr auf ein Kind, oder?“. Die Mutter antwortet „na bei Dir ist der Zug ja wirklich fast abgefahren. Aber das ist ja nicht schlimm.“ Dann fragt die Mutter, wie es ihrer Freundin Nadja geht, die gerade schwanger ist. Ihr Bruder fragt direkt: „Ist der Mann von Nadja ein Deutscher?“. „Nein“ erwidert sie. „Er ist ein sehr netter und intelligenter Türke“. „Wieder eine Deutsche, die sich einen Dunklen nimmt“, sagt der Bruder und macht eine abfällige Geste. „Die Deutschen packen es einfach nicht mehr, Kinder in die Welt zu setzen. Eine verkommene Generation“.

Sie hat inzwischen einen Kloß im Hals und muss die Tränen zurückhalten. Sie versucht, die Contenance zu wahren. Sie hält noch durch, bis die Kaffee-Tafel aufgehoben wird und alle ein frommes Sonntagsgesicht machen. Dann versucht sie, sich schnellstmöglich zu verabschieden. Sie drückt ihren Eltern nur kurz einen Kuss auf die Backe. Die Mutter ist verwundert, dass sie sich so schnell verabschiedet.

Im Auto kommen ihr die Tränen. Sie heult auf der ganzen Rückfahrt und kann sich kaum auf den Verkehr konzentrieren. Am liebsten würde sie einen Unfall bauen. Als sie zu Hause ankommt, ruft ihre Mutter an: „Ich wollte mich erkundigen, was mit Dir los ist? Du hast heute so angespannt gewirkt. Ich glaube Du bist gestresst von der Arbeit und brauchst mal wieder Urlaub. Wollen wir nicht alle zusammen eine Woche weg fahren?“.

Herbstmorgen
von Evelyn Kremer

Plötzlich ist es Herbst. Ich wache auf und es ungewöhnlich dunkel im Zimmer – obwohl die Vorhänge offen sind. Heute Nacht habe ich das erste mal wieder gefroren. Ich habe mir mitten in der Nacht eine Decke aus dem Schrank geholt. Jetzt lausche ich und höre, dass es leicht regnet. Durch das gekippte Fenster dringt eine feuchte und kühle Luft ins Zimmer. Ich ziehe noch einmal die Decke über mich und atme die Luft, die seit Wochen nicht so frisch war wegen der Wärme. Dann schlafe ich noch einmal ein – irgendwie bin ich träge heute. Meine Stimmung ist etwas melancholisch. Ich denke an die letzten Sommertage.

Als ich zum Bäcker gehe, läuten die Glocken der Kirche – ich höre sie, weil es ruhiger ist auf der Straße als in den letzten Wochen. Es nieselt und ich habe den Regenschirm vergessen. Außerdem ist es noch kühler als ich dachte. Die offenen Schuhe kann ich die nächsten Tage nicht mehr anziehen. Meine Füße sind feucht. Ich friere. In der Bäckerei ist es warm und es riecht nach frischen Brötchen. Ich beeile mich, nach Hause zu laufen, um nicht allzu nass zu werden.

Auf dem Weg zurück, rieche ich faule Blätter: Ein schwerer aber beruhigender Geruch. Ein Windstoß weht weitere Blätter vom Baum; Blätter in Rot, Braun, Gelb. Manche Bäume verlieren  nur langsam ihr buntes Laub. Der Himmel ist grau. Es liegt ein leichter Nebel in der Luft. Die Straße wirkt trist. Der Regen hat die Fassaden genässt und sie wirken dunkler als sonst. Ich freue mich auf die Wohnung.

Als ich eintrete, merke ich, dass es auch hier etwas kühl ist. Ich stelle die Heizung an: Das Heizungswasser rauscht in den Rohren und ich lehne mich kurz an die Heizung bis sie warm wird. Eine kleine Spinne sitzt auf der Wand. Auch sie hat sich vor der Kälte ins Haus geflüchtet. Ich krame einen warmen Pullover und einen Schal aus den oberen Fächern des Schrankes und mache mir einen heißen Tee. Ich habe mehr Hunger als an den heißen Sommermorgen. Ich esse drei statt zwei Brötchen mit Marmelade.

Nach dem Frühstück fühle ich eine schwere Müdigkeit über mich kommen. Ich zünde im Wohnzimmer eine Kerze an. Ich lege mich auf die Couch und wickele mich in meine warme Wolldecke.  Eigentlich wollte ich heute Vormittag ins Museum. Aber ich beschließe, ein Buch zu lesen. Endlich kann man sich wieder aufs Lesen konzentrieren und hat nicht den Drang, in die Sonne zu gehen. Nach den ersten Zeilen lausche ich dem leichten Regen, der an die Fenster tropft und den Vögeln, die noch nicht in den Süden gezogen sind. Mich überkommt eine schwere Müdigkeit. Dann schlafe ich ein. Das Buch auf meiner Brust. Ich habe gerade ein Kapitel geschafft.

2016 © by Evelyn Kremer

evelyn.kremer@gmx.de

http://evelynkremer.blogspot.de/

Siehe auch:

Evelyn Kremer: Sommertanz

Sommertanz

von Evelyn Kremer

 

Es ist ein heißer Sommertag. Die Luft brennt. Wochenlang hat es geregnet und deshalb ist jeder froh, dass es endlich warm ist. Die Frauen rasieren sich die Beine und ziehen die schon vor Wochen gekauften neuen und bunten Kleider an. Die Männer freuen sich auf ein kühles Bier im Liegestuhl. Überall gibt es Straßenfeste und während der Mittagszeit kann man es nur im Schatten ertragen. Viele freuen sich auf den Abend. Auf den Open-Air-Partys kann getanzt, getrunken, gelacht und geflirtet werden.

Eine Feier am See: Es dämmert schon und die Musik animiert erste Grüppchen von Leuten zum Tanzen. Die Bar ist voll. Die Gäste freuen sich auf einen Alkoholrausch, um die laue Sommer-Nacht noch mehr zu genießen. Stimmengewirr schon von Weitem. Schlafen kann man sowieso nicht bei der Hitze. Wer weiß, wie lange der Sommer noch bleibt.

Der Eingang der Party gleicht einem Laufsteg. Die Frauen haben sich in Schale geworfen: Eine Frau kann in ihren hohen High-Heels kaum laufen und ist sichtlich mit ihren schon jetzt schmerzenden Füßen beschäftigt. Der Mann an ihrer Seite bemerkt es nicht. Er ist zu sehr mit seiner eigenen Außenwirkung beschäftigt. Stolz wie ein Pfau geht er an der Seite seiner Freundin, die mit ihren langen Beinen und dem unbeholfenen Schritt aussieht wie ein Storch. Er selbst wirkt, als hätte er mindestens so viel Zeit im Bad verbracht wie sie: Gepflegter Bart, parfümiert, enge Hose im Hipster-Stil und ein gute gebügeltes, enges Hemd, bis zur Brust die Knöpfe geöffnet. Die beiden stoßen zu einer Gruppe, die ähnlich gekleidet ist. In der Gruppe sind alle cool, schön und reich – zumindest wirkt es so. Die neue Generation der deutschen Möchtegern-Elite.

Jetzt kommt eine Gruppe sehr junger Mädchen herein. Eine sieht aus wie eine kleine Lolita und weiss sich bereits sehr sexy und fraulich zu bewegen – dennoch hat sie ein Kindergesicht. Ihre Bluse bedeckt weniger Haut als sie offenlegt. Sie trägt eine knallenge Möhrenjeans. Der rote Lippenstift steht ihr gut. Sie wirft die blonden Haare nach hinten. Ihre Freundinnen wirken noch etwas unbeholfen – sowohl in ihrem Verhalten als auch in ihrem Kleidungsstil. Sie tragen weite T-Shirts, Turnschuhe und einen Rock oder eine Jeans. Sie haben sich geschminkt: Sicher das erste mal. Ihre Haare sind auftupiert. Vielleicht kommen sie aus einem Vorort und gehen das erste mal aus in einer Großstadt. Sicher sind sie mit dem Bus gekommen. Sie lachen und kichern. Das ist auffällig hier, denn die meisten wollen aufgeklärt und cool wirken und lachen erst nach dem zweiten Cocktail.

Eine Clique junger Südländer stürzt sich auf die naive Mädchengruppe – sie sind offensiver als die anderen im Ansprechen von Frauen. Mit geschwollener Brust und gegeltem Haar mustern sie alle Damen und da sie pro Abend mehrfach verschiedene Frauen ansprechen, ergibt sich immer ein Tete a Tete mit einsamen Herzen.

Auch eine Gruppe älterer Gäste ist da: Sie fühlen sich sichtlich etwas unwohl in der Masse der Jungen. Vor allem die Frauen. Den Männern scheint es weniger auszumachen. Die Frauen schauen gelangweilt und nuckeln an den Strohhalmen ihres lauwarmen Cocktails. Sie vergleichen sich mit den jüngeren Frauen und denken wehmütig an die Zeit als die Männer ihnen auch noch hinterhergeschaut haben und sie ständig angesprochen wurden. Sie denken an die heißen Sommernächte der Jugend, an die erste große Liebe, die sie auf einer Party geküsst haben, an die Feiern denen sie wochenlang entgegengefiebert haben.

Später am Abend: Die Körper bewegen sich im Rhythmus der hämmernden Musik und des blitzenden Lichts. Die Stimmung ist aufgeheizt und sogar die älteren Damen sind nun lockerer geworden und tanzen wilder als alle anderen um zu imponieren und vielleicht einen jüngeren Mann zu beeindrucken. Der Boden vibriert unter der wippenden Masse. Die Bässe dröhnen im Ohr. Möchte man sprechen, muss man seinem Gegenüber ganz nah kommen, um etwas zu verstehen. Aber sprechen ist  hier auch nicht wichtig.

Je enger die Tanzfläche wird, desto mehr Stimmen und Gerüche überlagern sich. Frauen werden angetanzt – mal geschickt mit Erfolg, mal lächerlich. Blicke schweifen zum anderen Geschlecht. Der Einzelne geht unter in der Bewegung der Masse zur Musik. Zwischendurch heben Gäste die Hände zur Musik. Bei manchen Songs kreischt die Gruppe junger Mädchen. Einige Männer bewegen sich etwas unbeholfen.

Berauscht vom Alkohol, der elektronischen Musik und der Sommerhitze wanken einige aus der Masse an den Rand, um sich kurz auszuruhen. Ein sehr junger Mann hat zu viel getrunken. Er kann sich kaum auf den Beinen halten und wird von seinen Freunden weggebracht. In der Mitte der Tanzfläche überwiegt die Anzahl der Frauen. Viele Männer stehen am Rand, halten mit wachem Blick nach Opfern Ausschau, führen zwischendurch die Bierflasche oder das Glas zum Mund und ziehen lässig an der glimmenden Zigarette.

Ab und an verschwinden eine Frau und ein Mann von der Tanzfläche. Er hat sie an der Hand genommen und zieht sie hinter sich her oder er geht vor und sie folgt ihm. Sie suchen sich eine ruhige Ecke und freuen sich, dass sie ihr Zielobjekt erobern konnten. Manche werden sich nach dieser Nacht nicht wiedersehen, andere schreiben sich einige Male, nicht viele werden ein Paar.

Die meisten verlassen die Party spät  in der Nacht, berauscht ohne eine Telefonnummer ergattert zu haben. Sie fühlen sich am nächsten Tag ziemlich verkatert und etwas depressiv. Sie gehen dann in den Park oder ins Schwimmbad, um ihren Rausch auszuschlafen. Mit Ungeduld freuen sie sich auf die nächste heiße Sommernacht um zumindest dann nicht allein nach Hause zu gehen.

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