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Leo Trotzki – Literatur, Kunst und Revolution

 

Red Bus“ 2003 © Julian S. Bielicki oil on canvas, 94x120cm

„Man wähnt, wenn man nach wissenschaftlichen Regeln sich richtet, dem wissenschaftlichen Ritual gehorcht, mit Wissenschaft sich umgibt, gerettet zu sein. Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen, in der Wissenschaft erst bestünde. […] Je tiefer man ahnt, daß man das Beste vergessen hat, desto mehr tröstet man sich damit, daß man über die Apparatur verfügt.“ (Theodor W. Adorno, Philosophie und Lehrer, AGS 10.2, 491)

Leo Trotzki – Literatur und Revolution

 

Literatur und Revolution Taschenbuch – 1904   Amazon.de

Der Bürgerkrieg war eben erst beendet und die Epoche der „Neuen ökonomischen Politik“ hatte begonnen, da veröffentlichte Leo Trotzki (1923) sein revolutionärstes und utopischstes Buch unter dem Titel „Literatur und Revolution“. Für den Leser von heute, der sich nicht speziell für die damals zeitgenössische russische Literatur und ihre Stilrichtungen interessiert, sind in erster Linie die letzten drei Kapitel von Belang. In ihnen diskutiert Trotzki die Frage „Gibt es eine proletarische Kultur?“ und welche Folgen die Revolution dereinst für das Verhältnis von Kunst und Alltagsleben haben wird.

Eine „proletarische Kultur“, so lautet Trotzkis apodiktische Antwort, gibt es nicht und wird es auch nie geben. Konsequent im Geiste von Marx argumentiert er: Je vollständiger das neue Regime gegen politische und kriegerische Erschütterungen abgesichert sein wird, je günstiger sich die Bedingungen für kulturelles Schaffen gestalten werden, um so mehr wird sich das Proletariat in der sozialistischen Gemeinschaft auflösen, sich von seinen Klassenmerkmalen befreien, das heißt also, nicht mehr Proletariat sein. Mit anderen Worten: In der Epoche der Diktatur kann von der Schaffung einer neuen Kultur… keine Rede sein; und jener mit nichts früherem vergleichbare kulturelle Aufbau, der einsetzt, wenn die Notwendigkeit der eisernen Klammern wegfällt, wird schon keinen Klassencharakter mehr tragen“.

Wie wird nun die Kunst der Revolution aussehen? „In einem weiten philosophischen, nicht aber im schulmäßigen Sinne wird die neue Kunst – so Trotzkis Auffassung – realistisch sein“, da „Revolution und Mystik sich nicht vertragen“. Von diesem Realismus sagt Trotzki, daß er „den Gefühlen und Bedürfnissen verschiedener Gesellschaftsgruppen Ausdruck verliehen“ habe und „das mit recht verschiedenen Methoden“. Sie alle hätten nur eins gemeinsam, „den Drang zum Leben, so wie es ist; kein Ausweichen vor der Wirklichkeit, sondern ihre künstlerische Bejahung, aktives Interesse an ihr, an ihrer konkreten Beständigkeit oder Veränderlichkeit, das Bestreben dieses Leben – entweder so darzustellen, wie es ist, oder es zur Perle der Schöpfung zu erheben, es entweder zu rechtfertigen oder zu verdammen, entweder zu photographieren oder zusammenzufassen oder zu symbolisieren – immer aber gerade dieses Leben in unseren drei Dimensionen als ausreichende, vollwertige, und eigenwertige Materie für die schöpferische Gestaltung anzuerkennen“. Mit einer solchen weiten Definition des Realismus wäre’sicher auch Bertolt Brecht einverstanden gewesen, der gegen die engherzige Auffassung des sogenannten „sozialistischen Realismus“ mit seinem Essay über „Weile und Vielfalt der realistischen Schreibweise“ sich zur Wehr gesetzt hat.

Die historische Bildung des Revolutionärs Trotzki und sein Sinn für die sozialistische Utopie wird bei seiner Diskussion der Tragödie und ihres künftigen Schicksals deutlich. In der antiken Tragödie, meint er, spiegelte „der Glaube an ein unabwendbares Schicksal die engen Grenzen wider, die der antike Mensch mit seinem klaren Gedanken und seiner armen Technik nicht überwinden konnte“. Das Mittelalter sei vor der Tragik der menschlichen Existenz durch ein System „der doppelten Buchführung“ entflohen. Die Leidenden wurden mit einem Wechsel auf die jenseitige Zukunft nach dem Tode vertröstet: „Die Herrschenden unterschrieben, die kirchliche Hierarchie trat als Bürge auf und die Geknechteten beabsichtigten im Jenseits abzurechnen“.

Der Aufstieg des Bürgertums, der in der Reformation seinen Ausdruck findet, und die Dramen Shakespeares, die erst auf dieser Basis möglich wurden, führte dazu, daß „die religiösen Symbole der Kunst sich von der himmlischen Nabelschnur trennten und begannen, auf den Kopf gestellt, in der unsicheren Mystik des individuellen Bewußtseins Halt zu suchen“. So seien die „individuellen menschlichen Leidenschaften“, die über den Kopf der Individuen hinauswachsen und sie in ihren Bann schlagen, die eigentlichen Protagonisten der Shakespeareschen Dramen: „die Eifersucht Othellos, der Ehrgeiz der Macbeth, die Habgier Shylocks, die Liebe zwischen Romeo und Julia, der Hochmut Coriolans, und das seelische Schwanken Hamlets“ zeigen die Verwandlung von Leidenschaften in eine Art überpersönliches Schicksal. Gegenüber der antiken Tragödie, die „das Bewußtseineines ganzen Volkes ausdrückte“, ist die Shakespearesche „individualistisch“, dennoch aber „ein Schritt vorwärts“, weil sie menschlicher ist.

Während Georg Lukács sich zuweilen fragte, ob in der künftigen klassenlosen Gesellschaft Tragödie überhaupt noch einen Platz haben werde, meinte Trotzki 1923: „Die Tragödie isolierter persönlicher Leidenschaften ist für unsere Zeit zu fade. Aber weshalb? Weil wir in einer Epoche der sozialen Leidenschaften leben. Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv.“

Der moderne Gedanke, daß die Gestaltung der Städte und der Dörfer (die durch „Agrostädte“ abgelöst werden sollten) unter aktiver Mitwirkung der künftigen Bewohner erfolgen sollte, wird von Trotzki schon ausführlich diskutiert. Dabei denkt er offenbar an eine lebendige demokratische Willensbildung, die er sich anschaulich vorstellt: „Da werden sich echte Volksgruppen dafür und dagegen (den aufgestellten Plan einer Agrostad:) bilden, eigenartige bautechnische Parteien der Zukunft, mit Agitation, Leidenschaften, Meetings, Abstimmungen. In diesem Kampf wird die Architektur von neuem, aber schon auf höherer Ebene, von den Gefühlen und Stimmungen der Massen durchdrungen sein, und die Menschheit wird sich plastisch erziehen, das heißt, sie wird sich daran gewöhnen, die Welt als gefügigen Ton zum Formen immer vollkommenerer Lebensformen zu betrachten …“ Wenn sich das Zukunftsbild, das Trotzki in „Literatur und Revolution“ von einer klassenlosen Gesellschaft durch einen Zug von den Ländern des „real existierenden Sozialismus“ unterscheidet, so vor allem durch seine bunte Vielfalt und Lebendigkeit. In Trotzkis Utopie würde es jedenfalls nicht langweilig sein. Die von ihm erträumten Städte hätten gewiß nicht jene monumentale Imponierarchitektur und jene Zuckerbäckerornamente gekannt, die heute die Großstädte der Sowjetunion „zieren“, und die Bevölkerung wäre auch nicht bloßes Objekt bevormundender Planung geworden, wie sie es seit der Stalin-Ära ist.

Seine Zukunftsvision erreicht einen Höhepunkt, wenn Trotzki davon spricht, daß die Scheidung zwischen Kunst und Technik, aber auch zwischen Kunst (im Sinne von Gestaltung) und Natur fallen werde: „Die gegenwärtige Verteilung von Berg und Tal, von Feldern und Wiesen, Steppen, Wäldern und Meeresküsten dürfe man keinesfalls als endgültig bezeichnen… Wenn der Glaube (einst) versprach, Berge zu versetzen, so ist die Technik, die nichts auf Treu und Glauben hinnimmt, wirklich imstande, Berge abzutragen und sie zu versetzen… Der Mensch wird sich mit der Neuregistrierung der Berge und Flüsse befassen und die Natur überhaupt ernstlich verändern. Schließlich wird er die Erde, wenn auch nicht nach seinem Vor- und Ebenbild, so doch nach seinem Geschmack umbauen. Wir haben keinen Grund zu der Befürchtung, daß dieser Geschmack ein schlechter sein wird. Ganz so titanisch und optimistisch können wir – jedenfalls im heutigen Europa – die Möglichkeiten menschlicher Umgestaltung der Erde freilich nicht mehr ansehen, und wenn dann Trotzki sogar meint, man dürfte nicht von einem „Dualismus Maschine Erde“ reden, denn die Maschine stehe zwar im Widerspruch zu dem „rückständigen Bauernacker“, nicht aber zur „Weizenfabrik“ oder der „sozialistischen Plantage“, dann hat er damit zwar recht, vergißt aber die Frage, ob denn die Maschine in ihrer vorhandenen Gestalt der Erde auch „guttut“. Trotzki ist jedenfalls auch hier optimistisch und spricht davon, daß in einer vernünftig geplanten und gestalteten Welt der Mensch den Maschinen wie den natürlichen Gebilden – Berg, Fluß, See usw. – so geschickt und glücklich ihren Platz anweisen werde, „daß selbst der Tiger den Baukran nicht bemerken und nicht melancholisch werden, sondern wie in Urzeiten weiterleben werde“. Der „passive Naturgenuß“ werde freilich aus der Kunst verschwinden, aber „die Technik werde eine viel mächtigere Inspiratorin des Kunstschaffens. Und später werde sich selbst der Gegensatz zwischen Technik und Natur in einer Synthese auf höherer Ebene auflösen“.

In diesem Prozeß der Entfaltung und Befreiung – so Trotzki – wird auch „die Frau endlich aus dem Zustand der Halbsklaverei befreit werden“, und neben „der Technik wird die Pädagogik – im breitesten Sinn der psychophysischen Formung neuer Generationen – zur Beherrscherin der öffentlichen Meinung werden“. Damit ist nun nicht die heute von Konservativen so sehr beklagte Dominanz pädagogischer Doktrinen gemeint, sondern im Gegenteil eine lebhafte und freie Auseinandersetzung zwischen „pädagogischen Systemen“, die „mächtige Parteien um sich scharen“ und im Wettbewerb untereinander die beste Methode zur Gestaltung der „kommunistischen Daseinsform“ suchen werden.

„Wenn das Dasein aufhört, eine Elementargewalt zu sein, wird es aufhören, schal zu sein. Der Mensch, der es gelernt hat, Flüsse und Berge zu versetzen und Volkspaläste auf dem Gipfel des Montblanc oder auf dem Meeresgrund des Atlantischen Ozeans zu bauen, wird seinem Alltag natürlich nicht nur Reichtum, Farbigkeit und Spannung verleihen, sondern auch höchste Dynamik … Das Leben der Zukunft wird nicht eintönig sein. Mehr noch. Der Mensch wird endlich darangehen, sich selbst zu harmonisieren. Er wird es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eignen Organe – bei der Arbeit, beim Gehen oder im Spiel – höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen. Er wird den Willen verspüren, die halbbewußten und später auch die unbewußten Prozesse im eigenen Organismus: Atmung, Blutkreislauf, Verdauung und Befruchtung zu meistern, und wird sie in den erforderlichen Grenzen der Kontrolle durch Vernunft und Willen unterwerfen …“ Durch solche Arbeit der Menschen an ihnen selbst, durch dieses „kollektive Experiment“ wird aus dem Menschen „der Übermensch“ geschaffen werden, und mit einer emphatischen Beschreibung des künftigen Übermenschen endet auch Trotzkis Schrift: „Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.“

Zu solch kühner Antizipation einer besseren Zukunft war höchstens noch Ernst Bloch fähig. Man kann sich vorstellen, wie der Revolutionär Leo Trotzki aus der Vision dieser Welt die Kraft für seine eigne Tätigkeit und die unerschütterliche Zuversicht nahm, mit der er bis zuletzt an den künftigen Sieg des Sozialismus (auch in Stalins Sowjetunion) glaubte.

Iring Fetscher

Professor Iring Fleischer lehrt Philosophie und Politische Wissenschaft an der Universität Frankfurt und hat mehrere Bücher über Demokratie, Sozialismus und marxistische Theorie verfaßt.

http://www.zeit.de/1983/17/literatur-und-revolution/komplettansicht

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Trotzki, der ermordete Sieger
Er war der brillanteste der russischen Revolutionäre, ein blendender Rhetoriker und präziser Stratege – aber er unterlag dem bauernschlauen Stalin, der ihn vertrieb und im Exil umbringen liess.