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Elfriede Jelinek: »Die Sprache ist […] ein Werkstück, und jeder kann auf sie draufhauen«

Überlegungen zu Elfriede Jelineks poetologischem Konzept am Beispiel des Theaterstückes »Stecken, Stab und Stangl« (1996)

»Die Sprache ist […] ein Werkstück, und jeder kann auf sie draufhauen«,1 sagt Elfriede Jelinek 2006 in einem Interview und deutet damit in pointierter Weise auf den Kern ihrer poetologischen Verfahrensweise.

Wie aber schlägt man auf die Sprache ein, womit und wozu? Welche Auffassung von Sprache und Text, von Werk und Autor liegt diesem Konzept zu Grunde? Und welche Position nimmt darin der Leser oder der potentielle Zuschauer eines Theaterstückes von Elfriede Jelinek ein?

All diese Fragen stehen im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen, die am Beispiel des 1996 unter der Regie von Thirza Bruncken in Hamburg uraufgeführten Stückes Stecken, Stab und Stangl2 geführt werden. Den theoretischen Ausgangspunkt bilden einige Gedanken aus Roland Barthes’ 1984 unter dem Titel Le bruissement de la langue erschienener und 2005 unter dem deutschsprachigen Titel Das Rauschen der Sprache3 vorliegender Essaysammlung, anhand derer die Bedeutung von Jelineks Arbeitsweise gespiegelt werden soll. Wiewohl der Einfluss von Roland Barthes auf das Werk Elfriede Jelineks in der Sekundärliteratur immer wieder konstatiert wird, liegt der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf der Diskussion der von Barthes angeregten Dekonstruktion von Trivialmythen.4 Doch zeichnet sich eine Zuwendung zu anderen Schriften Barthes ab, wie zum Beispiel in Ulrike Haß’ Überlegungen zur »Figur des Chores« in Einar Schleefs Inszenierung von Jelineks Sportstück,5 die meinen Blick auf die texttheoretischen Schriften von Roland Barthes angeregt haben.

Ziel der hier vorgenommenen Spiegelung ist es zum einen, die ideologiekritischen Zusammenhänge des poetischen Verfahrens Jelineks, das besonders für ihre späten Werke charakteristisch ist, zu verdeutlichen. Zum anderen soll ein Beitrag geleistet werden, den in der Rezeption Jelineks immer wiederkehrenden Vorwurf von der Unlesbarkeit ihrer Texte zu entkräften. Es sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie mittels einer aktiven, den Irritationen des Textes folgenden Rezeptionshaltung eine neue Lust an der textuellen Auseinandersetzung entsteht, die nicht durch lineares Lesen, sondern durch das Abtragen von Textschichten im Intertext gestillt wird.

Zuvor ist es jedoch notwendig, einen kurzen Blick auf die Entstehungsgeschichte und auf die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge des Stückes zu werfen, sowie seinen sich unter dem kryptischen Titel Stecken, Stab und Stangl verbergenden Inhalt zu beleuchten.

1. Bemerkungen zu Entstehung und Inhalt des Stückes Stecken, Stab und Stangl

Den außerliterarischen Anlass für das Werk Stecken, Stab und Stangl bildete ein Rohrbombenanschlag, der im Februar 1995 im burgenländischen Oberwart verübt wurde und vier Angehörigen der österreichischen Minderheit der Roma das Leben kostete. Der tödliche Sprengstoff wurde unter einem Schild mit der provokativen Aufschrift »Roma, zurück nach Indien!« versteckt und explodierte, als die vier Männer die Tafel entfernen wollten.

Dieses Verbrechen, »das den Text auflädt wie eine Batterie«, kommentierte Jelinek als das »katastrophalste Ereignis der Zweiten Republik«.6 Dabei bezog sich ihr Urteil nicht allein auf den heimtückischen Mord, sondern auf die Art und Weise, wie damit in der österreichischen Öffentlichkeit durch Presse und Politik umgegangen wurde. So insinuierte der damalige FPÖ-Vorsitzende Jörg Haider in einem Interview in den Kärntner Nachrichten eine Mitschuld der Opfer an dem Verbrechen, indem er sie und ihre Angehörigen kriminalisierte und damit den Mord zu verharmlosen versuchte. Eine dieser Bemerkungen Haiders findet sich im Gestus eines Mottos dem Text vorangestellt: »Wer sagt, daß es nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft, einen Autoschieberdeal oder um Drogen gegangen ist.«7

Die Empörung über den unstatthaften Umgang mit dem Verbrechen und die eigene emotionale Beteiligung evozierten in Jelinek den Wunsch

einer so unterdrückten Minderheit, die unter unglaublichen Umständen lebt, deren Kinder alle automatisch in Sonderschulen abgeschoben werden, die also gar keine Möglichkeit zur Bildung bekommen, diesen Menschen das Äußerste, was ich mir in meiner Kunst erarbeitet habe, zur Verfügung [zu] stellen: Für die, die sprachlos sind oder deren Sprache wir nicht verstehen, zu sprechen […].8

Die den Titel bildenden, stabreimenden Nomen ›Stecken, Stab und Stangl‹ stehen in einem vieldeutigen Verweiszusammenhang, für dessen Auflösung Jelinek in ihrem Interview zum Stück einige Assoziationsfelder aufruft. So habe sie die Zwillingsformel »Stecken und Stab« dem Hirtenpsalm Davids entnommen, in dem es bekanntlich heißt: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. […] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.«9 Als ironisch verwendetes Zitat spiegelt es nicht nur die gesellschaftliche Randposition der Roma und ihre damit verbundene Schutzlosigkeit wider, sondern verweist zugleich auch auf die Ursachen der Ausgrenzung: Denn Stecken und Stab können als Symbole einer patriarchal ausgerichteten Gesellschaft mit ›katholisch-nationalsozialistischer‹ Prägung verstanden werden, wie sie Thomas Bernhard in ähnlicher Weise in seinen Werken angeprangert hat. Die Bezeichnung ›Stangl‹ bezieht sich denn auch auf Franz Stangl, den aus Österreich gebürtigen, berüchtigten ›Kommandanten‹ des Konzentrationslagers Treblinka, der 1970 wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400.000 Menschen angeklagt und verurteilt wurde. Der im Titel zwischen Stecken und Stangl in der Mitte angesiedelte Stab ist nicht nur Teil der Zwillingsformel aus dem Hirtenpsalm, sondern zeigt sich auch mit der anderen Seite verschmolzen, indem damit auf den rechtspopulistischen Kolumnenschreiber Staberl angespielt wird. Staberl ist das Pseudonym des 1920 geborenen, unterschwellig rassistisch und antisemitisch agierenden Journalisten Richard Nimmerrichter, der von 1964 bis 2001 in der österreichischen Boulevardzeitung Krone eine täglich erscheinende Kolumne unterhielt. Sowohl aus den Prozessprotokollen von Franz Stangl als auch aus den fremdenfeindlichen Kolumnen Staberls wird in Stecken, Stab und Stangl an mehreren Stellen zitiert.

Das Stück ist an einer überdimensionalen Fleischtheke aus Chrom und Glas situiert, die auf ironische Weise die Konsumgesellschaft in ihrer österreichischen Ausprägung10 augenfällig macht. Das Figureninventar besteht aus einem Fleischer und seinen diversen Kunden, die nicht näher differenziert sind und entweder keinen Namen tragen oder entweder Herr Stab oder Frau Margit heißen. Sie fungieren lediglich als Sprachträger und sind keine Schauspieler im traditionellen Sinn. Denn die Schauspieler des dramatischen Theaters haben in Jelineks ›postdramatischem‹11 Theater ausgedient. Der Jelinek’sche Schauspieler soll keine »andere Person […] aus seinem Mund hervor[zerren], die ein Schicksal hat, welches ausgebreitet wird,« sondern ist hier um »ein Sprechen [zu] vollziehen«.12

Gegenstand dieses Sprechens ist »die zitierende Rede über sich selbst«,13 die in einem kunstvollen Arrangement der unterschiedlichsten Diskursflächen die »Ermordung der Roma […] an Auschwitz [spiegelt], und beide Themen an der Sprache der Presse.«14 Hinein verwoben in diese sprachliche Häkellandschaft, – in der der Ekel lautlich mitschwingt, – sie stellenweise zerreißend und durchbrechend – sind Texte und Zitate unterschiedlichster philosophischer und literarischer Provenienz: Neben der am deutlichsten vernehmbaren Stimme von Paul Celan finden sich Texte und Gedanken von Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Moritz Schlick oder auch von weniger bekannten Künstlern wie etwa Viktor Ullmann, einem Komponisten, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.15

»Das meiste, was man sieht«, – so Jelinek in der ersten Bühnenanweisung – »ist mit eiskremfarbenen Häkelüberzügen, meistens rosa, überzogen« und schlägt für den weiteren Verlauf des Stückes, das nicht umsonst den Untertitel Eine Handarbeit trägt, das Folgende vor:

Im Verlauf des Textes wird an den Häkelwaren herumgebessert, geflickt etc. Die Schauspieler sollen damit, fast unmerklich beginnend, sukzessive immer stärker beschäftigt sein. Am Ende ist eine Handarbeitslandschaft entstanden. Auch die Schauspieler sind dann mit Hüllen überzogen. (SSS, S. 17)

Unter der an der Textoberfläche offensichtlichen Gleichsetzung von Text und Textur, verbirgt sich auch ein ironischer Seitenhieb auf die den Frauen im Verlauf der Geschichte immer wieder abgesprochenen Leistungen in Kunst, Kultur und Wissenschaft, wie Jelinek im Interview mit Anke Roeder zum Ausdruck bringt:

Weder in der Freudschen Kulturtheorie (Freud begründet ja die von ihm als gegeben angenommene Tatsache, daß die Frau, außer Flechten und Weben – was vom Verhüllen ihres Genitals herrühren soll – keine großen Kulturleistungen erbracht habe, damit, daß sie nicht, wie der Mann, sublimieren müsse, kein annähernd starkes Über-Ich ausbilden könne), noch in der öffentlichen Meinung, der veröffentlichten Meinung, wird der Frau ein Sprechen zugestanden, das über das Sprechen-Lehren des Kindes (man sagt ja »die Mutter-Sprache«!) hinausgeht in den Raum des Symbolischen.16

Mit der Aufforderung einen Blick in diese Textur als bühnenmetaphorische Häkellandschaft zu nehmen, die EINER, EGAL WER an das Publikum heranträgt, setzt das Stück ein:

EINER, EGAL WER: Bitte, sehen Sie hier eine flache Landschaft, in die versenkt Jauchegruben, Ziegelteiche, Erdhügel ruhen, eine Ebene, die gleichmütig von sich selbst fortstrebt! Sie ist leer und doch wieder nicht, das sehen Sie doch, oder? Normalerweise ist Leere das Fehlen von etwas, und sie ist auch das Fehlen von dem dazwischen, das sich hätte zeigen können. Vorausgesetzt wir hätten rechtzeitig darauf geachtet. (SSS, S. 17f.)

Dass es sich hier um keine reale österreichische (Ferien-)Landschaft, sondern um eine Sprachlandschaft handelt, wird spätestens nach dem ersten Lesen des Textes vollständig deutlich. Dann nämlich, wenn sich der um seine Lesefrüchte geprellte Leser noch einmal aufmacht und – wie ihm die ironische Stimme des Fleischers am Ende empfiehlt, – einfach »ein bisschen [am Text] zu rubbeln« beginnt und dabei auf unterschiedliche, einander teilweise überlagernde Textschichten stößt.

Da liest sich dann zum Beispiel der Satz »Normalerweise ist Leere das Fehlen von etwas, und sie ist auch das Fehlen von dem dazwischen, das sich hätte zeigen können« als gedankliches Spiel mit Sätzen aus Ludwig Wittgensteins Tractatus logico philosophicus, in welchem das Fragen nach dem Metaphysischen der Unsinnigkeit überführt wird. Kurz bevor die Abhandlung Wittgensteins in den berühmten Satz »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen« mündet, räumt er ein, dass es »Unaussprechliches« gebe. »Dies zeigt sich, es ist das Mystische.«17

Wittgenstein folgend gibt es auch in Jelineks Stück nichts Metaphysisches und um das Mystische zu sehen, muss man »rechtzeitig darauf achten«, was ein salopp gesprochener Hinweis auf die im Stück im Verborgenen liegenden Stimmen von Künstlern und Künstlerinnen sein mag, die unter den verwobenen und verfilzten Sprach- und Diskursflächen durchscheinen oder diese aufreißen. Von dieser Textpassage aus kann der Leser weiteren Bedeutungspuren folgen und die nahezu kalauerhafte Brechung des letzten Satzes des Tractatus – dahingehend verstehen, dass es in Stecken, Stab und Stangl darum geht, zu sprechen, wovon man nicht sprechen darf und worüber (vor allem in Österreich) geschwiegen wird.

2. Schreiber, Text, Leser

2.1. Autor versus Schreiber

In seinem berühmten Essay »Der Tod des Autors« aus dem Jahre 1968 verabschiedet Roland Barthes den traditionellen Autor- und Werkzusammenhang, der die bisherige, konventionelle Auffassung von Literatur geprägt hat. Es ist dies – wie Fotis Jannidis und andere in der Einleitung zu ihrer umfangreichen Studie zur Rückkehr des Autors betonen – die »wirkungsmächtigste Kritik am Autor«,18 für deren Durchsetzungsvermögen die 68er Bewegung mitverantwortlich war.19 Die Polemik Barthes’ richtete sich denn auch – so Fotis Jannidis – besonders gegen die in Frankreich bis dahin übliche »explication de texte, eine seit dem Jahrhundertbeginn staatlich sanktionierte Instruktion«, die »umfassende Geltung für Schulen und Universitäten beansprucht hatte.«20 Diese Vorstellung von Literatur ist in den Augen von Roland Barthes

tyrannisch auf den Autor ausgerichtet, auf seine Person, seine Geschichte, seine Vorlieben und seine Leidenschaften. […] Die Erklärung des Werkes wird immer auf seiten desjenigen gesucht, der es hervorgebracht hat, als »spräche sich« durch die mehr oder weniger durchsichtige Allegorie der Fiktion hindurch letztlich immer die Stimme ein und derselben Person »aus«, nämlich des Autors.21

Anstelle dieses traditionellen Autor- und Werkzusammenhangs setzt Roland Barthes den Begriff des Schreiber- und Textzusammenhangs, der besonders für die Lektüre moderner beziehungsweise postmoderner Texte nutzbar wird. Denn die Abwesenheit des traditionellen Autors, der als Schöpfer des Werkes für dessen Sinn bürgt, hat nach Roland Barthes den »modernen Text von Grund auf verwandelt« und zwar insofern als dieser Text

nicht aus einer Wortzeile besteht, die einen einzigen gewissermaßen theologischen Sinn (das wäre die »Botschaft« des ›Autor-Gottes‹) freisetzt, sondern aus einem mehrdimensionalen Raum, in dem vielfältige Schreibweisen, von denen keine ursprünglich ist, miteinander harmonieren oder ringen: Der Text ist ein Geflecht von Zitaten, die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen.22

Die Rolle des Schreibers beschränkt sich darauf, »die Schreibweisen zu mischen, sie dergestalt gegeneinander auszuspielen, daß er sich nie auf eine von ihnen stützt.«23 Er kann sich dem Text wohl einschreiben, sich aber nicht darin ausdrücken, ohne zu wissen, »daß die innerliche ›Sache‹, die er sich zu ›übersetzen‹ anmaßt, selbst wieder nur ein völlig zusammengesetztes Wörterbuch ist, dessen Wörter sich nur durch andere Wörter erklären lassen und dies ad infinitum […].«24

Solche »Gesten der Einschreibung«25 reichen weit über die Bedeutung eines konventionellen autobiographischen Verweises hinaus und finden sich auf vielfältige Weise im Werk Jelineks. In ihrem programmatischen Theateressay Sinn egal. Körper zwecklos vergleicht sie diesen Modus der Einschreibung beispielsweise mit dem Aufladen einer Batterie:

Also lade ich ihn, den Schauspieler, mit der Herausforderung meiner Sprache auf, mische die unbezahlten Forderungen von mindestens zweihundert anderen Autoren […] und mische alsdann auch noch meine eigenen Einkaufsposten, die sich sofort neben mir aufpflanzen und keinen mehr durchlassen darunter; der Schauspieler erhält die Anforderung, welche jetzt auch die meine geworden ist […] auf den Körper gedrückt. Na, die kriegt er nie mehr ab, jetzt kann er das Theater verlassen und später wieder reingehen, meinen Stempel trägt er.26

Ein anderes Beispiel für eine Einschreibung der Autorin im Text findet sich im Sportstück aus dem Jahre 1998, in dem sie sich selbst in der Figur der Elfi Elektra eine Rolle zuweist und so mit ihrer Rolle als Autorin spielt. Auch in Stecken, Stab und Stangl gibt es eine Einschreibung der Schriftstellerin und zwar eingeflochten in eine längere Textpassage, innerhalb der der Fleischer die Autorin plötzlich als »doppeltkohlensaure Gletscherspalte« anspricht. Der genaue Wortlaut dieser Textstelle heißt:

DER FLEISCHER: […] Bitte, ich zum Beispiel kann Ihr Verhalten nicht ganz verstehen, Frau Autorin, Sie doppeltkohlensaure Gletscherspalte, dass Sie mir dauernd sagen, ich sei an etwas schuld, das ich persönlich überhaupt nur vom Hörensagen kenne. (SSS, S. 48)

Bei dieser möglicherweise tatsächlich einmal so oder ähnlich vorgebrachten Beschimpfung27 handelt es sich nicht nur um eine ironische Selbstzuschreibung Jelineks als beispielsweise »sexuell frigide Moralistin«,28 wie dies Bärbel Lücke in ihrer Studie nahelegt. Vielmehr hat man es auch hier mit einem umfangreichen Verweiszusammenhang zu tun, der sich dem Assoziationsprinzip folgend ›aufschlüsseln‹ lässt. So zeigt zum Beispiel Gerda Baumgartner, wie sich diese Bezeichnung ganz im Sinne von Roland Barthes zerlegen und bis ins Detail aufspalten lässt und sich die Bedeutungshöfe der einzelnen Begriffe zur poetologischen Metapher verdichten. Dieser Metapher entsprechend schreibt sich die Autorin als »Riss im festen Material«29 ein, oder als »Leerstelle« im Text, in dem sie etwas verbirgt, »was sich nur zeigt, wenn man in den Text wie in eine Gletscherspalte hineinfällt […] und sich auf die Mehrdeutigkeit und auf Unauflösbares einlässt.«30

Dass solche autobiographischen Einschreibungen nicht nur der Destruktion des Mythos vom Autor dienen, sondern eine viel weitreichendere Rolle im poetologischen Kalkül Jelineks innehaben, zeigt Jeanine Tuschling in ihren Überlegungen zu Jelineks Internetroman Neid. Darin bestimmt sie das Spiel mit der Autorinstanz als wichtiges Element im literarischen Verfahren der ›Autofiktion‹, wobei Tuschling hier dem von Serge Doubrovsky in den siebziger Jahren geprägten Begriff folgt, der darunter einen Text im Spannungsgefüge zwischen »autobiographische[n]« und »fiktionalen Anteilen«31 versteht. »Aufgabe« dieses Verfahrens, das nach Tuschling eine besondere Rolle bei der Artikulation von historischer Erfahrung innehat, ist es, »gegen die Verdrängung und das Verschweigen anzuarbeiten.«32 Jelinek demonstriere damit

die paradoxe Stellung des Autors im Erinnerungsdiskurs, die darin besteht, dass das Biographische einerseits zur Legitimation der Sprecherposition dient, den/die Sprechende/n aber gleichzeitig erneut zum Opfer und damit das Leiden zur Privatsache macht.33

Inwieweit sich die Kategorie des Autors für die Interpretation von Literatur überhaupt hintergehen lässt, bleibt fraglich und ist ein wiederkehrender Diskussionspunkt der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung. So zeigt beispielsweise Gerhard Lauer, dass sich die Überlegungen von Roland Barthes zum Tod des Autors selbst wesentlich auf ein bestimmtes Autorenkonzept stützen und sich so offensichtlich in einem logischen Widerspruch befinden:

Um zu zeigen, der Autor sei eine obsolete Kategorie für die literaturwissenschaftliche Arbeit, beruft sich Barthes auf Autorennamen, nennt Mallarmé, Valéry und Proust. Mit diesen Namen verknüpft er ein ganz spezifisches poetologisches Wissen, das er aus wenigen ausgewählten Selbstdeutungen der Autoren ableitet.34

Einen ähnlichen Widerspruch könnte man auch den hier gemachten Überlegungen vorwerfen, die sich ja bereits im Titel auf die Autorin berufen. Hierzu lässt sich Folgendes vorbringen: Bei aller Richtigkeit der Einwände gegenüber der Polemik Barthes’, die erstens an ihre Zeit gebunden ist und zweitens die Vielfalt des Umgangs mit der Funktion des Autors sowohl seitens der Schriftsteller als auch seitens der Literaturwissenschaft außer Acht lässt,35 findet in der Diskussion um den Tod des Autors der Begriff des Schreibers, den Barthes anstatt des traditionellen Autorbegriffs einsetzt, meiner Meinung nach zu wenig Beachtung. Denn die Polemik von Barthes richtet sich nicht gegen den Textschaffenden, sondern gegen die Rolle, die sich dieser anmaßt beziehungsweise die an ihn heran getragen wird. Diese aber definiert sich wiederum über die jeweilige kultur- und gesellschaftspolitische Situation, in die er eingebunden ist sowie aus seinem jeweiligen Verhältnis zur Sprache. Genauer gesagt: Während der Autor die Sprache benutzt, um damit Botschaften auszudrücken, dient sie dem Schreiber dazu, sie selbst zum Sprechen zu bringen.

Festzuhalten bleibt, dass der Schreiber oder genauer gesagt die Schriftstellerin Jelinek deshalb nicht auf ihren persönlichen und künstlerischen ›Stempel‹ verzichtet und die Textdeutung keineswegs vollständiger Beliebigkeit preiszugeben ist. Dies wäre schon allein mit dem politischen Engagement unvereinbar, mit dem Jelinek ihre Kunstproduktion von Beginn an verbindet und dessen Bedeutung sie in Interviews verschiedentlich zum Ausdruck gebracht hat. So zum Beispiel 1989 in einem Gespräch mit Anke Roeder, in dem es heißt:

Meine Texte sind engagierte Texte […]. Sie wollen Gegenwart sichtbar machen in ihrer historischen Dimension, und sind vor allem einer politischen Aussage untergeordnet. Das unterscheidet sie entschieden von der Postmoderne.36

Das heißt, dass sich ihre Stücke trotz der darin vorgenommenen Dekonstruktion von Sinnzusammenhängen nicht mit der kurzschlüssigen Vorstellung von postmoderner Beliebigkeit vereinbaren lassen. Die politische Aussage, der die Texte untergeordnet sind, steht im Dienst einer aufklärerischen, marxistisch orientierten Ideologiekritik, die Jelinek auch nach ihrem Austritt aus der Kommunistischen Partei Österreichs, den sie nach der Wende im Jahre 1991 vollzogen hat, beibehält.37 Diese von Jelinek intendierte Gesellschaftskritik greift die Grundfesten einer patriarchal ausgerichteten, westlichen Industriegesellschaft mit all ihren Verstrickungen und Schuldzusammenhängen im Nationalsozialismus an.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: So sinnvoll es auf der einen Seite sein kann, den in diversen Interviews und Reden von Jelinek ausgelegten Spuren nachzugehen, so wichtig bleibt auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass es sich dabei nur um eine, von vielen anderen möglichen Spuren handelt und dass der Leser letztlich selbst aktiv werden muss. »Denn die Autorin« – so betont auch Maja Sybille Pflüger in ihrer Studie zur Theaterästhetik Jelineks – »gebietet nicht wie ein Souverän über ihre Sprache, sondern ist letztlich nur eine der an den Texten beteiligten Instanzen.«38 Dies sollen die folgenden Abschnitte näher verdeutlichen.

2.2. Text versus Werk

Den Unterschied zwischen Werk und Text macht Roland Barthes mit folgenden Worten sinnfällig: »[D]as Werk ruht in der Hand, der Text ruht in der Sprache.«39 Das bedeutet – so Roland Barthes, – »daß der ›Text‹ nicht enden kann (etwa auf dem Regal einer Bibliothek); seine konstitutive Bewegung ist die Durchquerung40 Ein Text, der ein vielschichtig gesponnenes »Geflecht von Zitaten [ist], die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen«,41 ist in der Lage, nicht nur eines sondern eine Vielzahl an Werken zu durchwandern. Der Begriff der Durchquerung als ständig fortschreitende Bewegung macht deutlich, was einen so gestalteten Text charakterisiert. Ich zitiere Roland Barthes im unüberhörbaren Anklang an den von Jacques Derrida geprägten Begriff der différance42: Der Text »praktiziert das endlose Zurückweichen des Signifikats, der ›Text‹ schiebt hinaus; sein Feld ist das des Signifikanten«;43 er verweist auf das endlose Spiel der Zeichen. Der so entstehende »immerwährende Signifikant« wird – so Barthes – »nicht auf dem organischen Weg einer Reifung oder auf dem hermeneutischen Weg einer Vertiefung« hervorgebracht, sondern »eher in einer seriellen Bewegung von Versetzungen, Überlappungen und Variationen […].« Seine Logik ist

keine begreifende (definieren, was das Werk ›meint‹), sondern eine metonymische; die Arbeit der Assoziationen, der Kontiguitäten und der Übertragungen deckt sich mit einer Freisetzung der Symbolenergie […].44

Ganz ähnlich hört es sich an, wenn Elfriede Jelinek ihre Arbeitsweise beschreibt. So spricht sie beispielsweise von einer »Assoziationssucht«, deren Wurzeln sie in ihrer jüdischen Herkunft ortet und erläutert diese so:

irgendwie stößt man auf fremde Sprachfelder, wo man sie braucht. Das geschieht weitgehend intuitiv, aber dann fasst man ein (fremdes) Wort und dreht es, wie ein Mistkäfer den Mist, um und um, bis etwas Neues herauskommt.45

Das Ergebnis dieser Vorgehensweise sei aber nicht Beliebigkeit, sondern – so Jelinek im Gespräch mit Tilman Urbach – »man zwinge die Wörter dazu, ihren eigentlichen (ideologischen) Charakter preiszugeben. Auch gegen ihren Willen.«46

2.3. Leser versus Konsument

Dass die Texte Elfriede Jelineks vielfältige Geflechte von Zitaten vorstellen, ist ein unter dem Begriff der Intertextualität firmierender Gemeinplatz der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihrem Werk. Wie diese zu bewerten ist und vor allem wie man als Leser damit umgeht, stößt auf weit größere Meinungsdifferenzen.

Entsprechend der Bandbreite, welche »die beinahe dreißig Jahre währende Diskussion über die Definition von Intertextualität in all ihren Abgrenzungen zu Dialogizität und Montage«47 entfaltet hat, lassen sich – am Beispiel von Einzelstudien zu Prosa und Dramen Jelineks – verschiedene theoretische Ausgangspunkte feststellen, die auf unterschiedliche Weise nutzbar gemacht werden. So beschreibt Margret Sander »Intertextualität als Verfahren der Textherstellung«48 und richtet ihr Augenmerk besonders auf die Montagetechnik Jelineks. Sie orientiert sich dabei an Manfred Pfisters Definition von Intertextualität, der diese als

Oberbegriff für jene Verfahren eines mehr oder weniger bewußten Bezugs auf einzelne Prätexte, Gruppen von Prätexten […], wie sie die Literaturwissenschaft unter Begriffen wie Quellen und Einfluß, Zitat und Anspielung, Parodie und Travestie, Imitation, Übersetzung, Adaption bisher schon behandelt hat.49

Einen anderen Zugang zum Intertextualitätsbegriff bei Jelinek unternimmt Maja Sybille Pflüger, die sich auf Julia Kristevas Bachtin-Adaption bezieht, wobei sie allerdings einschränkend feststellen muss, dass der »auf Bachtins Dialogizität aufbauende Begriff der Intertextualität von Kristeva so weitgehend generalisiert« wurde, dass er kein brauchbares Analyseinstrument vorstellt: »Denn wenn jedes Zeichensystem in einen universalen Intertext eingerückt wird, drohen die Begriffe nichtssagend zu werden und erlauben keinen analytischen Zugriff mehr.«50 Der Begriff der Dialogizität, den Bachtin »exklusiv« auf Phänomene des Romans angewendet habe, scheint ihr besser dazu geeignet, »die Komplexität der Jelinek’schen Theatertexte zu erfassen« und die »Interferenz der Textfragmente« zu analysieren. Intertextualität ist in ihren Augen ein »Produktionsverfahren, mittels dessen die Dialogizität der Rede«51 hergestellt wird.

Uda Schestag, die »die Vorzüge beider Ansätze« für ihre Deutung nutzbar macht, erweitert das Spektrum zudem mit dem Wittgenstein’schen Sprachspiel-Begriff, der die Bedeutung der intertextuell miteinander verknüpften sprachlichen Äußerungen in ihren Gebrauch, das heißt, im Kontext, in dem sie eingebettet sind, verortet.52

Alexandra Pontzen hingegen begreift die Intertextualität bei Jelinek als einen »Modus, Weltekel durch Formulierungsfreude abzuarbeiten«53 und stellt die These auf, dass »Aggression […] nicht die Ursache von Jelineks Texten, sondern die Wirkung von deren Lektüre« sei, da sie »den Leser mit dem Verlust seiner hermeneutischen Unschuld« konfrontiere. Pontzen meint damit das Faktum, dass sich Jelineks Texte »nicht […] linear lesen lassen«, wodurch der Leser »zu einer intertextuellen Lektüre gezwungen« sei. »Schon dieses Diktat ›zum Lesen mit Bleistift‹ provoziert bei vielen, auch professionellen Lesern Abwehr«,54 so Alexandra Pontzen.

Die von Pontzen angesprochenen Aggressionen, die sich vielfach bei der Lektüre der Texte Jelineks einstellen, verweisen auf die veränderte Rolle des Lesers, der den Text als mehrdimensionale »neuartige Partitur« nicht einfach konsumieren kann. Vielmehr »fordert [sie] vom Leser eine praktische Mitarbeit«.55 Gerade diese »Reduktion der Lektüre auf einen Konsum«, die den Text lediglich als eine binäre Verknüpfung von Form und Inhalt wahrnimmt, ist nach Roland Barthes

verantwortlich für die »Langeweile«, die viele vor dem modernen (»unlesbaren«) Text, dem avantgardistischen Film oder Bild empfinden: Sich langweilen heißt, daß man den Text nicht hervorbringen, nicht auf ihm spielen, ihn nicht zerlegen, ihn nicht loswerden kann.56

Gefragt ist also eine intertextuelle Lektüre, die sich nicht auf das Dekodieren der disparaten Hypotexte beschränkt, die den Text also nicht nur »entziffert«, sondern »entwirrt«. Barthes versteht darunter das Nachvollziehen der Struktur, die

an all ihren Nahtstellen und auf allen ihren Stufen verfolgt [und] aufgetrennt werden [kann], (wie eine Laufmasche einen Strumpf auftrennt), aber es gibt keinen Inhalt, der Raum des Schreibens muß durchlaufen, nicht durchstoßen werden; das Schreiben setzt fortwährend Sinn, aber immer nur, um ihn zu verflüchtigen.57

Eine Laufmasche kann sich bekanntlich an jeder beliebigen Stelle einer Textur befinden: Der Leser, der in Form einer vom Text ausgehenden Irritation eine solche »Laufmasche« in Jelineks »Handarbeit« wahrnimmt, hat die Wahl von hier oder aber von einer anderen Stelle aus den Text aufzutrennen, oder – eine andere Metapher von Barthes gebrauchend – den Text von hier oder von einer anderen Stelle aus zu »durchqueren«.58 Auf diese Weise befindet er sich – ehe er sich versieht – in höchst spannender Lektüre im Intertext, immer mehr Textschichten durchschreitend und abtragend, in denen sich das Generalthema des Stückes auf vielfältige Weise spiegelt.

Ein Beispiel für einen solchen Lesevorgang sei im Folgenden angeführt, wobei die dargestellte »Textdurchquerung« auf die Lese- und Recherchearbeit von Thomai Diamanti zurückgeht, die diese im Rahmen ihrer Vorstudien zu ihrer Diplomarbeit Im Netz der Diskurse59 vorgenommen hat. Es bezieht sich auf folgende Textpassage, die der Deutlichkeit halber zunächst in voller Länge und samt den Bühnenanweisungen zitiert wird.

DER FLEISCHER im Häkelwerken: Bluthufe scharren die Denksträuße zusammen, ein Aschen-Juche blättert die Singstimmen um. Freigegeben auch dieser Start. Tür du davor einst, Tafel mit dem getöteten Kreidestern drauf. Sie sehen, solche und ähnliche Sachen beschäftigen mich zur Zeit beinahe ununterbrochen. Ich bin zeitgeschichtlich interessiert.

EINE ANDERE: Entschuldigung, was haben Sie da eben gesagt?

Der Fleischer nimmt statt einer Antwort den Schweinskopf ab, darunter trägt er eine rosa Häkelmaske wie sie Bankräuber tragen, eine Schimütze also, die die Augen und den Mund mit Löchern freiläßt. Er näht sich neue Ohren an den Schweinskopf, den er abgenommen hat.

Die folgende Passage wird zuerst normal, dann sozusagen umbrochen gesprochen, das heißt die Leute in der Warteschlange sprechen jeweils eine Zeile des Textes, am Ende der geschriebenen Zeile hört der jeweilige Sprecher auf, und die nächste Zeile wird dann, ohne Rücksicht auf den sich ergebenden Sinn, vom nächsten gesprochen und so fort. Sie hüpfen dabei übermütig aus dem Stand hoch, zusammengehäkelt.

Wenn in einem halbwegs zivilisierten Staat ein Mordprozeß abläuft, dann geht es klarerweise vor allem darum, ob der Angeklagte die ihm zur Last gelegte Tat begangen hat. Als weniger wichtig wird angesehen werden, ob der Mörder sein Opfer erwürgt, erschossen, erschlagen oder erstochen hat. In der großen Politik ist das offenbar anders. Bei dem vor einem halben Jahrhundert begangenen Mordverbrechen des Hitlerregimes an den weniger begüterten Juden – die wohlhabenderen konnten sich ja zumeist durch Emigration retten, nicht selten auch bei den Nazis loskaufen – geht es heute anscheinend weniger darum, ob das Verbrechen begangen worden ist, sondern um die von den Nazis angewendete Todesart. (SSS, S. 29f.)

In dieser Textpassage können zunächst zwei thematisch verbundene, aber in Herkunft und Inhalt völlig entgegengesetzte »Sprachflächen«60 festgestellt werden, die scharf aneinander kantend das Thema des Holocausts reflektieren: Die Sätze des Fleischers, mit denen die zitierte Passage beginnt, stammen, wie Marlies Janz bereits nachgewiesen hat, »aus drei verschiedenen Gedichten Paul Celans«.61 Der der Bühnenanweisung folgende Text hingegen ist ein Zitat aus einem Artikel des rechtspopulistischen Kolumnenschreibers Staberl aus der Kronenzeitung, der unter dem Titel Methoden eines Massenmordes am 10. Mai 1992 in dem Blatt erschienen ist und auf atemverschlagende Weise die Verbrechen des Holocausts verharmlost.

Die Stelle, von der aus Thomai Diamanti ihre Textdurchquerung im Internet vorgenommen hat, befindet sich in den Bühnenanweisungen. Von dem Abschneiden und Annähen der Ohren in dieser Textstelle irritiert, durchwandert sie ganz im Sinne Barthes als nunmehr mitarbeitende Leserin mehrere Textschichten im Internet bis sie zur leidvollen Geschichte der Roma am Anfang des 18. Jahrhunderts gelangt und auf einen mit dem Ohrenabschneiden verbundenen Aufruf zum sogenannten ›Zigeunerjagen‹ stößt, den der österreichische Kaiser Karl der VI., der Vater Maria Theresias, im Jahre 1726 erlassen hat. Dabei sollten damals alle männlichen Zigeuner ausgerottet werden, den Frauen und Kindern unter achtzehn Jahren ein Ohr abgeschnitten werden. Zigeuner an der steirisch-ungarischen Grenze erhielten darüber hinaus ein Verbot, die Grenze nach Österreich zu überschreiten, wobei dieses Verbot mit Hilfe von sogenannten ›Zigeunerpflöcken‹ markiert wurde. Dies waren Tafeln, auf denen drakonische Strafen aufgemalt waren, die die Zigeuner bei Nichteinhaltung des Verbots zu befürchten hatten.62

Kehrt man mit diesen Informationen wieder zurück zur Ausgangstextstelle und also zum Beginn der »Laufmasche« erhellt sich plötzlich die Bedeutung des Schweinskopfes, den der Fleischer trägt: Als schimpfwörtliche Zuschreibung beispielsweise, die darunter liegende Häkelmaske eines Banditen als stigmatisierende Etikettierung der Zigeuner zu Verbrechern wie sie sich im Laufe der Geschichte immer wieder wiederholt hat und wie sie im Fall des Mordanschlages von Oberwart auf die Spitze getrieben wurde, indem man in der Kronenzeitung und durch Insinuierungen Jörg Haiders das Attentat zunächst den Opfern selbst zuschrieb.

Indem der Leser den je eigenen Irritationen, die der Text für ihn bereithält, nachgeht, und in dem daraus resultierenden »Durchqueren« der Texte können die im Stück verborgenen unerhörten Gegenstimmen der Opfer hörbar gemacht werden. Und dies letztlich unabhängig davon, ob der Hinweis mit den Ohren nun bewusst oder unbewusst von Jelinek in den Text »hineingelegt«63 wurde.

Die Bühnenmetapher des Häkelns, die den buchstäblichen und übertragenen Handlungsfaden des Stückes ausmacht, entwickelt also nicht nur auf der inhaltlichen sondern auch auf der strukturellen Ebene ihre Symbolkraft. So ist das Häkeln, mit dem die Spieler darin beschäftigt sind, nicht nur eine ironische Anspielung auf eine bestimmte Form spießbürgerlicher Gemütlichkeit österreichischer Provenienz, die sich durch Vorfälle, wie der Ermordung der vier Roma in Oberwart nicht beunruhigen lassen will und der es um das Beschönigen, Verschleiern und Verhüllen der Wirklichkeit zu tun ist. Die Metapher verweist auch auf die Tiefenstruktur des Textes: Die Bühnenanweisungen, die die Textmetapher wörtlich nehmen, lesen sich als literarischer Kommentar auf die Selbstreferenzialität des Stückes: Da werden Häkelhüllen sorgfältig angepasst oder aufgetrennt, einige Figuren nähen sich aneinander an, die anderen versuchen sich zu trennen, mit und ohne Gewalt. Dies entspricht den im Stück verwobenen »Sprachflächen«,64 die teilweise hart aneinander kanten, manchmal unmerklich ineinander verwoben sind oder im Auftrennen begriffen sind. Die einzelnen Sprecher sind teilweise vollkommen überhäkelt, sie bilden im fortwährenden Wiederholen eines einzigen Satzes eine Häkelschlange, die sich langsam auftrennt, »darunter sind die Leute nackt, rosa auf rosa.« (SSS, S. 60) Ähnliches passiert im Text mit den einzelnen Zitaten: Sie sind überwoben von anderen Texten, entstellt, scharf abgetrennt, in anderen Textstellen verborgen oder in sie hinein geflochten. Der in der Sprache ruhende Text thematisiert sich selbst.

3. Das Zerschlagen von Diskursen

»Die Metapher des ›Textes‹ ist die des Netzes « heißt es bei Barthes – aber diesem Text muss »keinerlei vitaler ›Respekt‹ geschuldet werden: Er kann zerschlagen werden.« 65

Das kritische Potenzial, das im Zerschlagen von Texten steckt, stellt Barthes am Beispiel von Bertolt Brechts in den Jahren 1934/35 entstandener Schrift Über die Wiederherstellung der Wahrheit dar. Darin heißt es: »In Zeiten, wo die Täuschung gefordert und die Irrtümer gefördert werden, bemüht sich der Denkende, alles, was er liest und hört, richtigzustellen.« 66 Brecht führt diesen Prozess der »Richtigstellung« an zwei Beispieltexten vor, und zwar zuerst an einem Text von General Göring über die Überwindung des Kommunismus in Deutschland, der am 12. Dezember 1934 in der Basler Nationalzeitung publiziert wurde, sowie am Beispiel der Weihnachtsbotschaft des Stellvertreters des Führers (Hess) im Jahre 1934, ebenfalls abgedruckt in der Basler Nationalzeitung. 67Dabei werden die Texte Satz für Satz aufgespalten und in ihrem Zusammenhang gestört, die »unwahren Aussagen durch wahre« ersetzt, im Bewusstsein, dass gerade »der Zusammenhang Sätzen oft einen Anschein von Richtigkeit verleiht«, der ihnen in Wirklichkeit nicht zukommt. Dieser Anschein komme daher, »daß man im Zusammenhang, aufbauend auf einem unrichtigen Satz, mehrere richtige Folgerungen ziehen kann.« 68 So erscheine – wie Barthes zusammenfasst – die Rede von Hess nur deshalb als wahr, weil sie »ein[en] fortlaufenden Diskurs darstelle.« 69

Das Stück Stecken, Stab und Stangl mündet in das Zerschlagen einer Häkelschlange. Dieses Zerschlagen der Häkelwurst entspricht auf intertextueller Ebene dem Zerschlagen von Texten, dem »Diskontinuieren« 70 von auf Unwahrheiten basierenden Diskursflächen, von dessen Notwendigkeit Roland Barthes überzeugt ist. Nachgerade programmatisch fordert er Schriftsteller und Denker wie folgt auf:

[W]ir müssen die ausgewogene Masse der Wörter erschüttern, die Decke aufreißen, die Verknüpfungsfolge der Sätze auseinanderbringen, die Strukturen der Sprache zerbrechen […]. 71

Von diesen Gedanken ausgehend lohnt es sich, die Textstelle, in der der Fleischer auf die Häkelschlange einschlägt, genauer ins Auge zu fassen:

DER FLEISCHER kommt hinter der Theke hervor und schlägt mit einem Paket Häkelwürsten zornig auf die Häkelschlange ein:

Sie haben dem Tod seinen Geltungsbereich über die Lebendigen genommen! Sie haben nämlich den Tod selbst genichtet, zu einem empfindungslosen Nichts. Indem so viele getötet worden sind, ist es unmöglich geworden, die Lebenden im Gegensatz zu den Toten überhaupt noch zu definieren. Und was für einen Sinn hat jetzt unserer todesentleertes Dasein? Da hätten wir ja gleich ungezeugt bleiben können! Es kommen die Hunde die Hunde! Rex kommt! Unser Rexi kommt! Bravo!

Leiernd, uninteressiert, ganze Silben verschluckend, als läse er aus einer Zeitung vor:

Schimmelgrün ist das Haus des Vergessens. Vor jedem der wehenden Tore blaut dein enthaupteter Spielmann. Hierher, Rex! So is brav! (SSS, S. 60)

Für den Leser, der einen solchen Text in seiner Vielschichtigkeit verstehen will, sind zwei Betrachtungs- beziehungsweise Arbeitsschritte notwendig. Zuerst muss die Beschaffenheit des Textes dargestellt werden, das heißt, die auf assoziativer Reihung basierenden Textschichten müssen sichtbar gemacht und entwirrt werden, um dann in Bezug mit dem von den Bühnenanweisungen geschaffenen ›Handlungsverlauf‹ gesetzt zu werden. Beginnen wir mit Ersterem:

Der dem Fleischer in den Mund gelegte Text beginnt – wie ich an anderer Stelle ausführlich dargestellt habe – mit einer intertextuellen Anspielung auf die Oper Der Kaiser von Atlantis, deren Komponist Viktor Ullmann 1944 in Auschwitz umgebracht wurde. 72 Diese Oper handelt von dem allegorisierten Tod, der sich weigert, dem Kaiser Overall von Atlantis in seinen allumfassenden Vernichtungsplänen dienstbar zu sein. Der Tod, gekränkt und beleidigt sitzt mit dem Harlekin, der allegorisch für das Leben auftritt, im Ausgedinge. Er ist angesichts »der motorisierten Kohorten« des Kaisers nur noch »ein kleiner Handwerker des Sterbens« 73 und muss als solcher abdanken.

Im Vorwurf des Fleischers »Sie haben dem Tod den Geltungsbereich über die Lebendigen genommen!« sind auf subtile Weise die Stimmen der Opfer verwoben, die einen namenlosen, fabrikmäßig von den »motorisierten Kohorten« durchgeführten Tod sterben mussten. »Sie haben nämlich den Tod selbst genichtet zu einem empfindungslosen Nichts.« In diesem Satz geschieht vielerlei. Zum einen wird die Anspielung auf Viktor Ullmanns Oper aufrechterhalten, die sich auf die Einschränkung des Geltungsbereichs des natürlichen Todes bezieht. Zum anderen verschränken sich zwei weitere intertextuelle Bezüge ineinander und zwar erstens ein Satz von Epikur über den Tod, der wie folgt heißt: »Der Tod ist nichts, was uns betrifft. Denn das Aufgelöste ist empfindungslos. Das Empfindungslose aber ist nichts, was uns betrifft.« 74 Dieser Satz findet sein Echo in der Bezeichnung des Todes als »empfindungsloses Nichts«. In der im selben Satz zitierten Formulierung vom genichteten Nichts, das der Tod sein soll, klingt außerdem eine Wortschöpfung Heideggers aus seiner Antrittsvorlesung an, die er im Juli 1929 an der Freiburger Universität unter dem Titel Was ist Metaphysik? 75 gehalten hat. Diese in die Stimmen der Opfer eingeflochtenen philosophischen Diskurselemente über den Tod entlarven sie im Kontext der Shoa als Gerede, der Tod als »empfindungsloses Nichts« erweist sich als grobe Verharmlosung, der Hinweis auf Heidegger deutet auf dessen fragwürdiges Involviertsein, seine eigene Parteimitgliedschaft.

Die Situation im Konzentrationslager Theresienstadt, der die Oper von Viktor Ullman gewidmet ist, hallt im nächsten Satz wider: »Indem so viele getötet worden sind, ist es unmöglich geworden, die Lebenden im Gegensatz zu den Toten überhaupt noch zu definieren.« Er verweist unter anderem auf einen Vorfall im Konzentrationslager Treblinka, der zur Suspension des damaligen Kommandanten Irmfried Eberl und zum Einsatz Stangls im Lager führte. Durch ein technisches Gebrechen kam es zum »Ausfall der Tötungsmaschinerie«, was dazu führte, dass das ganze Lager von Leichen übersät war, eine Situation der der Bregenzer Irmfried Eberl psychisch nicht mehr gewachsen war und die schließlich zum Einsatz von Franz Stangl führte. 76 Der Ausruf »Es kommen die Hunde die Hunde!« evoziert die Erinnerung an die Angst der Opfer vor den auf sie gehetzten Hunden. Diese Angst wird aber sogleich banalisiert durch den Ruf nach Rex, gemeint ist »Kommissar Rex«, der Schäferhund aus der gleichnamigen Serie.

Auf diesen Versuch des Banalisierens und des Vergessens antwortet die darauffolgende Textstelle, genauer gesagt, die ersten beiden Zeilen aus Paul Celans Titelgedicht Der Sand aus den Urnen, die ebenfalls der Fleischer spricht aber »leiernd, uninteressiert, ganze Silben verschluckend, als läse er aus einer Zeitung vor«.

Schimmelgrün ist das Haus des Vergessens. Vor jedem der wehenden Tore blaut dein enthaupteter Spielmann. 77

Doch erst in Verbindung mit den Bühnenanweisungen, die auf die selbstreferenzielle Ebene des Textes führen, lässt sich die eingangs gestellte Frage nach dem Wie und Warum des »Draufhauns« 78 auf die Sprache beantworten: Das Einschlagen auf die Häkelschlange vollzieht der Fleischer mit einem Paket Häkelwürste. Das Einschlagen auf die Sprache, das dem von Barthes postulierten »Diskontinuieren« 79 von Diskursflächen entspricht, vollzieht Elfriede Jelinek mit der Sprache, mit ihrer Kunst und der Kunst jener, die nicht mehr gehört werden.

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Wen kümmert´s, wer spinnt? Gedanken zum Schreiben und Lesen im Hypertext

Wen kümmert´s, wer spinnt?

von Uwe Wirth

In: Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur [mit CD-ROM], hrsg. von Beat Suter und Michael Böhler, Stroemfeld / Nexus, Basel u. Frankfurt a.M. 1999, S. 29 – 42.

„Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet; in diesem Gewebe – dieser Textur – verloren, löst sich das Subjekt auf wie eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes aufginge“ (Barthes 1986: 94).

Dieses Zitat von Roland Barthes aus Die Lust am Text enthält so etwas wie das Programm des Schreibens und Lesens von Hypertexten. Da ist zunächst das Bild des Netzes, genauer, des „Web“, das als ständig im Entstehen begriffenes Gewebe gefaßt wird. Auch der Hypertext ist, zumindest der Theorie nach, „ständig im Entstehen begriffen“, ein Netz von Verknüpfungen. Die Spinne, die sich in ihrem eigenen Saft auflöst und sich dergestalt als entsubjektivierte Netzerzeugerin zum Verschwinden bringt impliziert die These vom Tod des Autors – Stichwort: „wen kümmert´s wer spinnt?“

Der Tod des Autors, so schreibt Barthes in seinem kurzen gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1968, ist Voraussetzung für die Geburt des Lesers: „(…) the birth of the reader must be at the cost of the death of the author“ (Barthes 1977: 172). Der Grund dafür, daß der Leser die Funktion des Autors übernimmt liegt darin, daß „die Einheit eines Textes nicht durch ihren Ursprung, sondern in ihrem Ziel begründet ist („a text´s unitiy lies not in its origin but in its destination“ (Barthes 1977: 171)). Das bedeutet: Die „kohärenzstiftende Funktion des Autors“, wie sie ein Jahr später auch Foucault in „Was ist ein Autor?“ beschreibt, verliert in dem Maße an Relevanz, in dem der Leser zur einheitsstiftenden Instanz wird. Ich möchte im folgenden einige Konsequenzen der Gleichsetzung von Leser und Autor beleuchten und der Frage nachgehen, welche Haltungen der Leser von Hypertexten einnehmen kann.

„In cyberspace“, schreibt Benjamin Whooley „everyone is an author, which means no one is an author: the distinction from the reader disappears“ (Whooley 1992: 165). Am Ende der Gutenberggalaxis, so scheint es, „löst sich die Frage Was ist ein Autor? im Dokuverse auf“ (Bolz 1993). Es entstehen, wie Bolz schreibt, „unautorisierte, nämlich autorenlose Texte, die sich gleichsam im Lesen schreiben“. Anders als bei Barthes löst sich bei Bolz nicht mehr nur der Autor, sondern sogar die Frage nach dem Autor auf.

Die Tatsache, daß wir „gleichsam im Lesen schreiben“ bedeutet jedoch noch nicht, daß der Leser Autor ist. Die Stelle des Autors wird nach Barthes nämlich nicht nur vom Leser übernommen, sondern auch vom Schreiber. Der „Scriptor“ wird von Barthes auf zweierlei Art charaterisiert: einmal als Totengräber des Autors, zum anderen als Schreiber, der zugleich mit dem Text, also im Akt des Schreibens, geboren wird: „the modern scriptor is born simultaneously with the text“ (Barthes 1977: 170). Auch bei Foucault wird zwischen der Funktion des Autors und der des Schreibers unterschieden: „Ein Privatbrief kann einen Schreiber haben, er hat aber keinen Autor; ein Vertrag kann wohl einen Bürgen haben, aber keinen Autor. Ein anonymer Text, den man an einer Hauswand liest, wird einen Verfasser haben, aber keinen Autor“ (Foucault 1993: 17). So besehen sind die sogenannten Autoren von e-mails bloße „Schreiber“. Gilt dies womöglich auch für die Mitschreiber an kollaborativen Texten?

Doch nicht nur die Frage nach dem Autor wirft Probleme auf, sondern auch die Frage nach dem Leser. Wenn man die These vom „Leser als Autor“ ernst nimmt, dann muß man fragen, ob sich der Leser, der die Funktion des Webens, Spinnens und Verknüpfens übernimmt, nicht ebenfalls auflöst. Tatsächlich geht Barthes davon aus, daß die Einheit des Textes durch eine überpersönliche Leserfunktion gestiftet wird: „the reader is without history, biography, psychology; he is simply someone who holds together in a single field all the traces by which the written text is constituted“ (Barthes 1977: 171). Was wird aber dann aus der vielbeschworenen Kreativität des „Wreaders“, des mit-schreibenden Lesers? Hieran schließen sich zwei weitere Fragen an, nämlich 1. Wie läßt sich die überprersönliche Funktion des Lesers als Autors begreifen? 2. Inwiefern ist die einheitsstiftende Funktion des Autors, die auf den Leser übergeht für Literatur im Internet überhaupt noch relevant?

Leser und Autor im Hypertext

Insofern Hypertext und Literatur im Internet durch den Verlust des einheitsstiftenden Buch- und Werkcharakters ausgezeichnet sind, bedeutet dies, daß der Leser die einheitsstiftende Funktion des Autors nicht einfach übernimmt, sondern auf eigentümliche Weise transformiert. Aber wie?

Nach Eco ist der moderne Text kein fertiges Produkt, sondern ein Prozeß, „dessen Interpretation Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung sein muß“ (Eco 1987a: 66). Die Mitarbeit des Lesers wird durch die „Textmaschine“ eingeplant. In diesem Sinne braucht jeder Text einen Interpreten, der ihm dazu verhilft, zu funktionieren. Der Text ist, mit Iser zu sprechen, ein „Appell“ an den Leser, aktiv zu werden, nämlich die eingebauten Leerstellen zu ergänzen und Anschlußmöglichkeiten an andere Texte zu suchen. Dergestalt eröffnet die Leerstellenstruktur, wie es bei Iser heißt, ein „Geflecht möglicher Verbindungen“. Mit anderen Worten: Der Text ist kein fertiges Gewebe, sondern eine Webmaschine, die es nicht kümmert, wer webt. Jeder Leser bringt sozusagen sein eigenes Garn – und wenn er hat, einen roten Faden – mit. Während die Leerstellen herkömmlicher Buchtexte diskrete, unmarkierte Elemente sind, „deren Reiz darin besteht, daß (…) der Leser die unausformulierten Anschlüsse selbst herzustellen beginnt“ (Iser 1984: 297), stellen die Links des Hypertextes markierte Anschlüsse dar, bei denen man nur die Wahl hat, ob man ihnen folgt oder nicht.

Die poetische Struktur von Links gleicht, darauf hat Jay Bolter (vgl. Bolter 1997: 44f.) hingewiesen, jener Form von diskursiver Abschweifung, wie sie in Sternes „Tristram Shandy“ proklamiert wird:

„(…) die Maschinerie meines Werkes“, schreibt Shandy, ist „eine Spezies für sich; es werden zwei entgegengesetzte Bewegungen darin eingeführt und wieder vereinigt, die man für unvereinbar hielt: In einem Wort, mein Werk ist digressiv und progressiv – und das zur gleichen Zeit“ (Sterne 1985: 83).

Hypertexte sind eine Form „radikalisierten Shandyismus“. Die digressive Abschweifung ist nicht nur eine Strategie des Autors, sondern wird zur Grundhaltung des Lesers. Die „lesergesteuerte Selektion“ wird zum Programm, um sich vom „Zwang des Linearen“, also von der vorgeschriebenen Progression, zu befreien. Damit scheint das Lesen von Hypertexten jener Lektürehaltung zu entsprechen, die Barthes als „anekdotische“ bezeichnet, um sie von der „akribischen“ zu unterscheiden.

Die anekdotische Lektüre „steuert direkt auf die Wendungen der Anekdote zu, sie betrachtet die Ausdehnung des Textes“ (Barthes 1986: 19). Die akribische Lektüre, dagegen, „Läßt nichts aus; sie ist schwerfällig, sie klebt am Text“ (Barthes 1986: 19).

„Paradoxerweise“, schreibt Barthes, „gehört diese zweite, akribische Lektüre dem modernen Text, dem Grenztext. Man lese einmal langsam, man lese alles von einem Roman von Zola, und das Buch wird einem aus den Händen fallen; man lese dagegen schnell und nur diagonal einen modernen Text und dieser Text wird undurchsichtig, der Lust unzugänglich“ (Barthes 1986: 20).

Zu fragen wäre aber dann: welche Haltung soll der Leser von Hypertexten einnehmen?
Während bei linear strukturierten Texten das Überspringen und anekdotische Herauspicken von Episoden eine Form des Lesens ist, die die Autorität des Linearen unterläuft, also eine „antiautoritäre“, „anarchische“ Form des Lesens darstellt, wird das „springende Lesen“ von der Struktur des Hypertextes ja gerade eingefordert. Die Link-Struktur des Hypertextes zwingt den Leser zu springen. Insofern läßt der Hypertext, anders als der lineare, keine Möglichkeit zu, eine Lektürehaltung einzunehmen, die seine Struktur unterläuft. Der Sprung ist kein Kann, sondern ein Muß. Als permanenter Mitarbeiter am Text pendelt der Hypertext-Leser zwischen seiner Freiheit, sich selbständig zusammenzulesen, was er will, und seiner Funktion als diskursiver Kohärenzstifter, die ihn für seine Lektüre verantwortlich macht. Diese Rolle entspricht der des Herausgebers, der als erster Leser und zweiter Autor, Geschriebenes sammelt, bearbeitet und herausgibt, wobei es ihm überlassen bleibt, ob er als akribischer oder als leichtsinniger Herausgeber agiert. Hier ließe sich ein weiterer Vorläufer hypertextueller Literatur anführen: E.T.A Hoffmanns Kater Murr, der auf eigentümliche Weise Genettes These belegt, daß der Hypertext mit dem Zerreißen von Büchern beginnt (Genette 1993: 17):

„Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und – wurden, als zu demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt! De- und wehmütig muß nun der ‘Herausgeber’ gestehen, daß das verworrene Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlaßt, da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte“ (Hoffmann 1969: 298).

Das Schreiben und das Lesen von Hypertexten impliziert eine bestimmte Art der Textverarbeitung, des „word-processing“. Die Prozesse spielen sich als „editing“ irgendwo zwischen Lesen und Schreiben ab. Die Frage nach dem Autor hat sich, ebenso wie die Frage nach dem Leser, in die nach dem Herausgeber verwandelt. Der Autor ist der Herausgeber bestimmter Textelemente, die durch den aktiven Leser zur Einheit geführt werden. Der Leser seinerseits übernimmt insofern eine auktoriale Funktion, als er der Herausgeber „seiner“ Sammlung von Lektüreerlebnissen ist, die im Extremfall nicht mehr sind als eine Sammlung von Bookmarks oder die History einer Surf-Session.

Abduktion als Logik des Lesens

In diesem Zusammenhang muß zwischen der überpersönlichen Funktion des Lesens und der individuellen Kompetenz zu lesen, unterschieden werden. Flusser nennt drei verschiedene Formen des Lesens von Texten, die zugleich verschiedene Lesemodelle für Hypertexte implizieren: „das vorsichtige Auseinanderfalten, das hastige Überfliegen und das mißtrauische Nachschnüffeln“ (Flusser 1987: 88). Dieses ist die „kritische Form des Lesens“ im Gegensatz zum „wahllosen Lesen“, das sprunghaft und assoziativ verfährt. Das wahllose Lesen ist nach Flusser bloßes „raten“ (Flusser 1987: 79). Bei dieser Gegenüberstellung von kritischem und ratendem Lesen läßt Flusser allerdings außer acht, daß das mißtrauische Nachschnüffeln als „detektivische Form des Lesens“ immer schon das Raten mit einschließt.

Der amerikanische Philosoph Charles Sanders Peirce, der Vater der modernen Semiotik und des Pragmatismus behauptete in seinem Artikel „Guessing“, daß in der Evolution des Wissens das Raten die gleiche Rolle spiele „wie die Variation in der Evolution biologischer Formen“ (Peirce 1929: 268f). Allerdings, so Peirce, sei unsere Fähigkeit erkenntniserweiternd zu raten kein bloßer Zufall, sondern „instinktgeleitet“. Den Prozeß instinktgeleiteten Ratens nennt Peirce an anderer Stelle „Abduction“. Die Abduktion ist der „Prozeß eine erklärende Hypothese zu bilden“ (Peirce: CP 5.171), genauer: eine Strategie zum effizienten Raten, die jeder von uns im Alltag praktiziert, sobald er Mutmaßungen anstellt. Ecos Meisterdetektiv William von Baskerville schildert diesen Prozeß seinem Schüler Adson folgendermaßen:

„Angesichts einiger unerklärlicher Tatsachen mußt du dir viele allgemeine Gesetze vorzustellen versuchen, ohne daß du ihren Zusammenhang mit den Tatsachen, die dich beschäftigen, gleich zu erkennen vermagst. Auf einmal, wenn sich unversehens ein Zusammenhang zwischen einem Ergebnis, einem Fall und einem Gesetz abzeichnet, nimmt ein Gedankengang in dir Gestalt an, der dir überzeugender als die anderen erscheint. Du versuchst, ihn auf alle ähnlichen Fälle anzuwenden, Prognosen daraus abzuleiten, und erkennst schließlich, daß du richtig geraten hast“ (Eco 1980: 390f).

Die Abduktion ist nicht nur die „Logik der Detektive“, sie ist auch der erste Schritt allen Forschens, weil sie die Prämissen für nachfolgenden Deduktionen und Induktionen findet oder gar erfindet. Dadurch wird der abduktive Schluß zum Herzstück der Peirceschen Wissenschaftstheorie, und erlebt momentan unter dem Namen „reasoning to the best explanation“ bzw. Expertensystem in KI-kreisen eine Renaissance. Bereits vor Jahren wies Eco daraufhin, daß die Logik der Abduktion der Logik des Lesens und Interpretierens zugrundeliegt (vgl. Eco 1987b: 45).

Voraussetzung für das Gelingen von Abduktionen ist ein detektivischer Spürsinn fürs Relevante, der, einer Kompaßnadel gleich, bei der Selektion von möglichen Hypothesen in die richtige Richtung weist. Der abduktive Schluß integriert Assoziationen in argumentative Begründungszusammenhänge. Das bloße Raten wird zur Inferenz und dient nicht mehr nur dem „wahllosen Lesen“, sondern der geistigen Navigation. Die gleiche Fähigkeit zum intelligenten Raten muß der Leser von Internet-Literatur besitzen. Er übernimmt die Rolle eines Detektivs, der die Spuren des Hypertextes liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herstellt.

Die „abduktive Kompetenz“ des Lesers ist die Vorausssetzung für seine selbständige, produktive Lektüre, denn sie ist eine Umkehrung der starren, deduktiven Logik, die von allgmeinen Regeln einzelne Fälle ableitet. Sie unterscheidet sich aber auch vom induktiven Formulieren von Regeln aus der Beobachtung einzelner Fälle, da sie auf einer sehr viel schmaleren Basis von Daten und damit sehr viel schneller zu ihren Annahmen kommt.

Nach Peirce folgt die Induktion dem intellektuellen Bedürfnis, daß eine aufgestellte Hypothese geprüft und durch Erfahrung bestimmt wird, um zu einer wahrscheinlichen Verallgemeinerung zu gelangen: „It is the need of generalisation“ (CP 3.516). Die Hypothese nimmt eine provisorische Synthetisierung von Prädikaten vor, basierend auf Abstraktionen, die zur Grundlage einer plausiblen und erklärungskräftigen Theorie werden: „the need of synthesizing a multitude of predicates (…) is the need of theory“ (CP 3.516). Die Funktion einer Hypothese besteht darin, „eine große Reihe von Prädikaten, die in sich selbst keine Einheit bilden, durch ein einzelnes Prädikat zu ersetzen“, also in einer synthetisch-erkenntniserweiternden „Reduktion eines Mannigfaltigen zur Einheit“ zu bringen (Peirce 1991: 49; CP 5.276).

Angewendet auf das „Bohnen-Beispiel“, das Peirce in Deduktion, Induktion, Hypothese gibt, läßt sich der Unterschied zwischen den drei Schlußarten folgendermaßen erläutern: Angenommen, man befindet sich in einem Raum, in dem ein gefüllter Sack liegt, daneben ein Haufen weißer Bohnen. Bei einer Deduktion ist das Gesetz bereits gegeben, etwa weil der Sack die Aufschrift „Weiße Bohnen“ trägt. Sobald man hineingreift, weiß man, daß die Bohnen aus dem Sack weiß sein müssen. Der Fall („Diese Bohnen sind aus diesem Sack“) hat notwendigerweise das Resultat („Diese Bohnen sind weiß“) als Konsequenz. Bei einer Induktion steht man vor einem Sack, der keine Aufschrift trägt. Man greift hinein und hält eine Handvoll weißer Bohnen in der Hand. Man wiederholt das Experiment mit dem gleichen Resultat. Spätestens beim dritten Mal stellt man ein Gesetz auf („Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß“), das solange gültig bleibt, bis man eine schwarze Bohne entdeckt. Dem induktiven Schluß auf die Regel geht allerdings immer schon eine hypothetische Vermutung voraus, denn die Idee, eine Verbindung zwischen den Bohnen neben dem Sack und den Bohnen im Sack herzustellen, ist nicht Teil des induktiven Schlusses. Man stellt versuchsweise das Gesetz auf, daß der Sack ebenfalls Bohnen enthält. Aufgrund eines assoziierten Zusammenhangs nimmt man an, daß die Bohnen im Sack gleichfalls weiß sind. Nun testet man, ob die Hypothese („Diese Bohnen sind aus diesem Sack“) als Fall des aufgestellten Gesetzes („Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß“) gelten kann (vgl. Eco 1988b: 207). In diesem Sinn beruht das abduktive Aufstellen einer Hypothese auf der Transformation von Assoziationen in Implikationen. Die Hypothese ist als Assoziation möglicher Zusammenhänge die Voraussetzung für Deduktion und Induktion, sie ist eine Antizipation möglicher logischer Begründbarkeit und empirischer Prüfbarkeit.

Perspektiven der Abduktion beim Lesen von Hypertexten

Das abduktive Verfahren wirft zwei Fragerichtungen auf:

1. Wie kommen unsere Hypothesen zustande?
2. Welche Hypothese testen wir zuerst?

Peirce bezeichnet das abduktive Finden bzw. Erfinden von plausiblen Erklärungen als „logic of discovery“, als Entdeckungslogik, die konstruktive und rekonstruktive Momente verbindet. Zu fragen ist dabei natürlich, worin das Logische der Abduktion bestehen soll, denn das bloße Raten ist eine vorrationale, höchst mysteriöse Verkettung von Assoziationen – auch wenn man annimmt, es basiere auf einem „instinktgeleiteten Spürsinn“. Das Logische der Abduktion besteht nach Peirce in zweierlei: einmal darin, daß sich die Abduktion nachträglich als Argument darstellen läßt. Zum anderen darin, daß der Prozeß des ratenden Aufstellens von Hypothesen und deren Überprüfung einer äußerst rationalen Strategie folgt, nämlich dem Ökonomieprinzip, also einer pragmatischen Logik. Der Aufwand von Geld, Zeit, Gedanken, Energie – und Telephongebühren ist „the leading consideration in Abduction“ (CP 5.600). Dies bedeutet, daß jene Hypothesen zuerst geprüft werden sollen, die uns am plausibelsten erscheinen oder diejenigen, die sich am einfachsten überprüfen lassen. Umgekehrt beruht die Implausibilität einer Theorie darin, daß sie weder plausibel, noch einfach prüfbar ist. Peirce gibt folgendes Beispiel für eine solche Theorie:

„Angenommen, eine Lärche wurde vom Blitz getroffen, und jemand, der ein Liebhaber eben dieser Baumart ist, fragt sich, warum es ausgerechnet die Lärche getroffen hat und nicht einen anderen Baum, und er erhält die folgende Erklärung: Vielleicht gibt es dort oben in den Bergen einen Adlerhorst, und vielleicht hat der männliche Vogel, um sein Nest zu bauen einen Ast benutzt, in dem ein Nagel steckte. Und einer der kleinen Adler hat sich vielleicht an dem Nagel verletzt, so daß Mutter Adler Vater Adler dafür getadelt hat, daß er einen so gefährlichen Ast benutzte. Er, verärgert von ihren Vorwürfen, mag sich dazu entschlossen haben, den Ast weit weg zu bringen. Und während er unterwegs war, begann das Gewitter. Der Blitz schlug in den Nagel ein und wurde vom Eisen so abgeleitet, daß er die Lärche traf. Natürlich ist dies nur eine Annahme, aber um herauszufinden, warum der Baum getroffen wurde, sollte man sich auf die Suche nach dem Adlerhorst machen“ (CP 2.662, meine Übersetzung).

Dieser „weithergeholte“ Erklärungsversuch ist nach Peirce so unplausibel, wie man ihn sich nur vorstellen kann (CP 2.662). Zugleich handelt es sich aber um eine äußerst phantasievolle, ja kreative Abschweifung.

Tatsächlich kann abduktives Folgern auch die Form des phantastischen, abschweifenden Gedankenspiels annehmen (Peirce nennt diese spielerische Gedankenbewegung „musement“ (vgl. CP 6.460)). Sofern das Gedankenspiel ein reines Spiel bleibt, hat es nur ein Gesetz, nämlich das Gesetz der Freiheit (CP 6.458) – also auch die Freiheit zu unplausiblen, unsinnigen Ergebnissen zu führen. Andererseits bleibt die Möglichkeit offen, daß das reine Spiel in wissenschaftliches Forschen oder in künstlerische Produktivität übergeht. In diesem Transformationsprozeß steckt das kreative Potential der Abduktion. Ihre Pointe besteht darin, „das zusammenzubringen, von dem wir nie zuvor geträumt hätten, es zusammenzubringen“ (CP 5.181). Zwar waren „die verschiedenen Elemente der Hypothese zuvor in unserem Geist“, aber erst die konjekturale Idee, diese Elemente „zusammenzuwerfen“, „läßt blitzartig die neue Vermutung in unserer Kontemplation aufleuchten“ (CP 5.181). Der abduktive Einfall stellt dabei nicht nur neue Verbindungen her, sondern bewirkt als kreativer Gedankensprung eine Abkürzung von Denkprozessen.

Vergleichen wir die sprunghafte Verknüpfung durch Hypertext-Links mit dem abduktiven Gedankensprung, so könnte man sagen: Aus der Perspektive des Lesers stellt ein Hypertextlink eine Beziehung zu einem „festgeschriebenen Zieltext“ her, die von jemand anderem voraus-assoziiert wurde. Der Leser hat zwar die Möglichkeit, „eigene Wissenspfade abzuschreiten“ (Idensen 1996: 149), doch er ist nicht wirklich kreativ, er stellt nicht selbst neue Verknüpfungen her, da er lediglich fremde Assoziationen nachvollzieht.

Zum kreativen Abduzieren wird er erst dann angeregt, wenn sich die Frage stellt, warum ausgerechnet dieses Wort mit dieser Seite verlinkt wurde. Aber diese Frage impliziert bereits, daß irgendetwas nicht „instinktiv plausibel“ ist, daß man auf die Suche nach dem Adlernest in die Berge geschickt wurde. Der Leser schöpft Verdacht gegen den Linksetzer und überführt ihn entweder der überbordenden Klugheit, weil sich seine Verknüpfung als geniale Konjektur herausstellt oder aber der diskursiven Dummheit, weil sich der Link als banal und irrelevant erweist.

Im Gegensatz dazu besteht eine konstruktive, also im engeren Sinne „kreative Abduktion“ gerade darin, selbst eine assoziative Beziehung als argumentative Beziehung darzustellen und dadurch eine neue, erkenntniserweiternde, informative Beziehung herzustellen, also einen Link zu stiften, dessen Zieladresse noch kein anderer eingeschrieben hat – was freilich auch bedeutet, daß man selbst für die Link-Konjektur verantwortlich gemacht wird, also „der Kluge“ oder „der Dumme“ ist, sofern man seiner Hypothese den Status einer Behauptung gibt. Diesen Schritt bezeichnet Eco als „Meta-Abduktion“ und er besteht darin, den Mut aufzubringen, die „diskursive Verantwortung“ für seine Hypothese zu übernehmen, also die Funktion des virtuellen (also „mutigen“, da virtutis „Tapferkeit“ bedeutet) Herausgebers einzunehmen. Die kreative Abduktion läßt sich formelhaft als Transformation von Assoziation in Argumentation begreifen, d.h. als ein „Übergangsprozeß“, der sowohl auf Seiten des Zusammenlesers als auch auf Seiten des Zusammenschreibers wirksam ist. Damit wird das Abduktionskonzept anschließbar für mehrer Theorieansätze.

Für Mike Sandbote erweisen sich Hypertext und World Wide Web als genuine Medien „transversaler Vernunft“. Das auf Wolfgang Welsch zurückgehende Konzept der transversalen Vernunft läßt sich nach Sandbote in drei Grundthesen zusammenfassen, die an den eben dargestellten Übergang vom reinen Assoziationen in Argumentationen erinnern:

1. „Die Verfassung von Rationalität ist durch eine unhintergehbare Unordentlichkeit gekennzeichnet“.
2. „Vernunft ist prinzipiell fähig, diese Unordentlichkeit zu rekonstruieren und präzise zu beschreiben“.
3. „Erst wenn es der Vernunft gelingt, sich auf die unbewußten Verflechtungen der Rationalitäten produktiv einzulassen, ist sie für die Lösung gegenwärtiger Problemstellungen angemessen gerüstet“ (Sandbote 1997: 78).

Die Abduktion leistet eben diese Transformation „unbewußter Verflechtungen“ in bewußte Problemlösungsstrategien, indem sie Propositionen und Textteile wie Prämissen organisiert, also die Zwischenräume nicht nur als Kontiguitätsbeziehung interpretiert, sondern als inferentielle Verknüpfungen. Erst dann nämlich, wenn das assoziative, hypertextuelle Lesen als „einheitsstiftendes Editing“, in den Prozeß des abduktiven Hypothesenaufstellens integriert ist, wird die rhizomatische Verweisstruktur des Netzes zu einem „produktiven Feld“ des Geistes, in dem sich „Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen“ (Idensen 1996: 149).

Die abduktive Bewegung des Verknüpfens hat die Dynamik eines idealen Hypertextes, in dem sich potentiell alles mit allem verbinden läßt, ohne deshalb beliebig zu sein. Damit gleicht das abduktive Zusammenwerfen von verschiedenen Elementen, das neue Vermutung entstehen läßt, der in Vannevar Bushs Artikel „As we may think“ vorgestellten Memex-Maschine. Die Abduktion ist, mit Bush zu sprechen: „a process of tying two items together“. Der Zusammenleser übernimmt die Funktion des Herausgebers von „interessanten assoziativen Verknüpfungen“, die er als Argument darstellt.

Darüberhinaus könnte man überlegen, ob es nicht eine gewisse Analogie zwischen der Abduktion und Derridas Derridas Konzept der „Aufpfropfung“ gibt. Auch die Bewegung der Abduktion ist im Stadium konjekturalen Zusammenwerfens noch nicht in rationale Begründungsstrukturen integriert, sondern hat den Charakter einer „Entführung“ in andere Kontexte. Und zwar gleichermaßen als produktive und als rezeptive Rekontextualisierung. Doch im Gegensatz zur Peirceschen Abduktion führt die rekontextualisierende Bewegung der Aufpfropfung von einem assoziativen Link zum nächsten, ohne die Bewegung der Assoziation jemals in eine Bewegung der Implikation umzuwandeln.

Vielleicht, so könnte man abschließend fragen, vielleicht besteht aber eben hierin die ästhetische Dimension des Lesens von Hypertext-Literatur. Vielleicht besteht die Aufgabe von Literatur im Internet darin, einen permanent abschweifenden, aufpfropfenden, entführenden, anekdotischen Leser zu schaffen, der nicht mehr in der Lage ist, seine diskursive Funktion als Einheitsstifter zu erfüllen, dessen „Lust am Hypertext“ in den verschiedenen Möglichkeiten besteht, sich seiner diskursiven Diffusion zu überlassen.

Eine dieser Möglichkeiten wäre die der fetischistischen Lektüre, die sich am zerschnitten Text und der Zerstückelung der Zitate freut (vgl. Barthes 1986: 93). Eine andere Möglichkeit, wäre die paranoiden Lektüre, die verzwickte Hypertexte so interpretiert, als seien sie nach geheimen Spielregeln hervorgebrachte Konstruktionen. Die diffuseste dieser Möglichkeiten aber wäre die hysterische Lektüre, die sich blind in den Hypertext hineinwirft, ihn zu Ende lesen will und sich deshalb im Netz des Hypertextes verfängt.

Mit anderen Worten: Vielleicht führt der von Barthes attestierte Tod der auktorialen Spinne zur Geburt eines lesenden Spinners.

Literaturhinweise

Barthes, Roland (1986), Die Lust am Text. Frankfurt. (Zuerst 1973).
Barthes, Roland (1977), „The death of the Author“ (Zuerst 1968). In: Image-Music-Text (ed. Stephen Heath). Hier zitiert im Nachdruck in Modern Criticism and Theory (1977), Ed. David Lodge.
Bolter, Jay (1997), „Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens“. In: Münker/Roesler: Mythos Internet. Frankfurt.
Bolz, Norbert (1993), Am Ende der Gutenberggalaxis, München.
Eco, Umberto (1980), Der Name der Rose. München.
Eco, Umberto (1987a), Lector in fabula. München.
Eco, Umberto (1987b), Der Streit der Interpretationen. Konstanz.
Flusser, Vilèm (1987), Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt.
Foucault, Michel (1993), „Was ist ein Autor?“ (Zuerst 1969). In: Michel Foucault, Schriften zur Literatur, Frankfurt 1993.
Hoffmann, E.T.A. (1969) Lebens-Ansichten des Katers Murr, München.
Idensen, Heiko (1996), „Die Poesie soll von allen gemacht werden“. In: Literatur im Informationszeitalter. Herausgegeben von Dirk Matejovski und Friedrich Kittler. Frankfurt / New York: 143-184.
Iser, Wolfgang (1984), Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München.
Peirce, Charles Sanders, Collected Papers. Abgekürzt als (CP). Band I-VI (1931-1935), Hg. von Ch. Hartshorne und P. Weiß. Band VII und VIII (1958), Hg. von A.W. Burks. Harvard University Press.
Peirce, Charles Sanders (1929), „Guessing“.
The Hound and Horn: 267-285. Sterne, Laurence (1985), Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman. Aus dem Englischen von O. Weith. Stuttgart.
Wingert, Bernd (1995), „Die neue Lust am Lesen? Erfahrungen und Überlegungen zur Lesbarkeit von Hypertexten.“ In: Kursbuch Neue Medien. Mannheim: Bollmann.
Wirth, Uwe (1994), „Über die Logik des Lesens bei Calvino und Eco“. In: Die Literarische Moderne in Europa. Hg. von Hans Joachim Piechotta, Ralph-Rainer Wuthenow, Sabine Rothemann. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994.
Wirth, Uwe (1995), „Abduktion und ihre Anwendungen. Ein Forschungsbericht“. In: Zeitschrift für Semiotik. Bd. 17: 1995.
Wirth, Uwe (1997) „Wen kümmert´s, wer liest? Literatur im Internet“. In: Mythos Internet. (Hgg.) Stefan Münker und Alexander Roesler. Edition Suhrkamp 1997.
Benjamin Whooley (1992), New Media Worlds, London.


In: Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur
[mit CD-ROM], hrsg. von Beat Suter und Michael Böhler, Stroemfeld / Nexus, Basel u. Frankfurt a.M. 1999, S. 29 – 42.

Original-URL: http://www.rz.uni-frankfurt.de/~wirth/texte/netzsymp.html

Die schöne Lust am Ich

zeit.de

Die schöne Lust am Ich

ZEIT ONLINE GmbH, Hamburg, Germany

Von Jürg Altwegg

Kritik – Soziologie – Semiologie: verschiedene Disziplinen überschneiden sich in Roland Barthes’ ebenso fiktivem wie wissenschaftlichem Werk. Ausgangs-, Fix- und Fluchtpunkt seiner Tätigkeit ist die Literatur, vor allem das, woraus sie besteht: Sprachfakten, Zeichen, Symbole, Konnotationen, Figuren der Rhetorik. Barthes’ Analyse setzt ein, wo das – viele Linguisten einzig interessierende – Niveau der unmittelbaren Kommunikation überschritten wird. In Opposition zur oberflächlichen Lektüre sucht er in den Tiefen- wie Oberflächenstrukturen des Texts einen zweiten, dritten, vierten Sinn. Deshalb müssen die traditionellen Gattungs- und Kompetenzbereiche aufgebrochen werden. Die Soziologie hält Einzug in die Literaturkritik, und nicht etwa (nur) wegen ihrer Zahlen und Statistiken über Bücher und Schriftsteller, sondern als Methode der Anschauung (Barthes’ „Sur Racine“ als Studie über die Machtverhältnisse in der Tragödie).

In seinem ersten Essay („Am Nullgrad der Literatur“) fixierte Barthes den Zeitpunkt, an dem der Schriftsteller aufhörte, „Zeuge des Universellen“ zu sein: um 1850. „Die einheitliche klassische Schreibweise (,écriture‘) ist also zersplittert, und die gesamte Literatur von Flaubert bis heute ist damit zu einer Problematik der Sprache geworden.“ Barthes gehört zu den wenigen Kritiker-Schriftstellern, welche die Erfahrung der Zersplitterung nicht nur beschreibend feststellen, sondern formal reflektieren. Wie zahlreiche seiner Schriften („Über Racine“, „S/Z“, „Die Lust am Text“) besteht auch Barthes’ Autobiographie aus einem Puzzle von Fragmenten –

Roland Barthes: „Über mich selbst“, aus dem Französischen von Jürgen Hoch; Matthes & Seitz Verlag, München, 1978; 210 S., 32,– DM.

Es ist eine Monographie in eigener Sache. Von Buch zu Buch, von Artikel zu Essay hat Barthes die Problematik des Schreibens untersucht, weniger Theorien aufgestellt als Texte analysiert, Zeichen entziffert, „Codes“ gelesen. Von der „Lust am Text“ als Summe zwanzigjähriger Arbeit an Literatur kam er zur literarischen Lust am Ich: Nur zwei Jahre liegen die komplementären Publikationen auseinander. „Über mich selbst“ erschien 1975 in der Reihe „Ecrivains de toujours“ (zeitlose Schriftsteller), für die Barthes 1954 eine bereits aus thematischen Fragmenten bestehende Michelet-Biographie verfaßt hat. Die Arroganz des Autors, als erster seine Klassikerweihe mit der eigenen Feder vorzunehmen, wird durch stilistische Vorsichtsmaßnahmen (bevorzugte Verwendung der dritten Person Einzahl) und vor allem durch die Einmaligkeit des Störmanövers wider die guten literarischen Sitten aufgefangen und kompensiert. Ein weiterer Kreis schließt sich: jener vom „Michelet“ (bei dem er zum erstenmal die „ethnologische Versuchung“ erkannte und ihr umgehend nachgab: dem Willen und der Kunst, die Gegenstände „historisch“ zu befragen, die für das Natürlichste gehalten werden; Gesicht, Nahrung, Kleidung, Veranlagung) zum „Barthes“, und er erklärt ebenfalls Anspruch und Sinn des ungewöhnlichen Unterfangens.

Der Bogen umspannt die Entwicklung eines Kritikers, der, von der Literatur kommend, stets selber schriftstellerisches Talent und Temperament bewies und zunehmend selber Gegenstand seines Schreibens wurde: Nun steht er, ohne jene schützende Hülle, die bisher der behandelte Gegenstand – von der „Tour de France“ bis zu Proust und Sade – zumindest vorgaukelte, im Zentrum seiner interdisziplinären Selbstkritik: Roland Barthes „über“ Roland Barthes – soziologisch, literarisch, politisch, philosophisch, kritisch, strukturalistisch, privat – vor allem privat.

Barthes präsentiert sich seinen Lesern in kurzen, mit schweren Titeln versehenen Stücken – er tut es, wie er es in „S/Z“ (aus Balzacs Beschreibung eines Frauenkörpers) in der strukturalen Textanalyse gelernt und gelehrt hat: ein Bein, eine Brust, eine Schulter, der Hals, die Hand – ein „Dictionnaire der Fetischobjekte“. Es ist, so Barthes, die Aufgabe des Schriftstellers, aus diesem zerstückelten Körper, einen totalen Körper – das Kunstwerk – zu schaffen.

Roland Barths im Fetischzustand seiner selbstbestimmten Einzelteile: Bilder der Vorfahren ziehen vorüber, ein „Familienroman“ in neun Zeilen; im Spiegelstadium – „Das bist du“ – der kommende Schriftsteller in den Armen der Mutter; die ersten Gehversuche; Aufenthalt im Sanatorium (die Kotelett-Episode: ein herausoperiertes Stück Rippe, das er in einer Schublade aufbewahrt und schließlich fortwirft: Symbol für die Distanz zum weiblichen Geschlecht?). Barthes schildert seinen lückenlosen Stundenplan („um Viertel nach fünf ist Zeit für den Tee“), rekonstruiert seinen Arbeitsraum, den er überall gleich gestaltet; in einer Liste seiner Vorlieben zählt er auf: „Ich liebe, liebe nicht“ – da spielt der Schriftsteller seiner selbst in kindlich-unschuldiger Manier mit dem Trivialen, das gerade durch dieses für einen Intellektuellen ungehörige Anrühren und Erwähnen aufhört, trivial zu sein.

Zur vielzitierten Legende des französischen Geisteslebens ist der Abschnitt „Von der Wahl eines Kleidungsstücks“ geworden: „Ein Fernsehfilm über Rosa Luxemburg, zeigt mir die Schönheit ihres Gesichts. Von ihren Augen empfange ich ein Verlangen, ihre Bücher zu lesen. Dieses Subjekt geht in eine Bibliothek, liest alles, wie man Kleidungsstücke anfühlt, und wählt den Marxismus, der ihm am besten paßt.“

Ergeben die fetischisierten Splitter das angestrebte (Kunst)Bild eines Menschen, das sich Barthes als privater wie intellektueller Biograph seiner selbst schuldig wäre? Die Arbeit des Zusammensetzens bürdet der Verfasser seinen Lesern auf; immerhin hilft er ihnen mit seinen zahlreichen Querverweisen – vom Ich zum Werk – bei der Suche nach dem integralen Barthes, von dem im „Barthes“ vor allem Aperçus enthalten sind. „Über mich selbst“ – das „Buch vieler Romanfiguren“ (R. B.), entpuppt sich als Zentrum von Barthes’ Büchern, Essays, Aufsätzen. Diese einzigartige Autobiographie ist gleichzeitig Mittel- und Ausgangspunkt seines gesamten Werks. Der Autor erzählt uns das Leben eines Exilierten. den die Beschäftigung mit dem Alltag- und dessen Mythen den Menschen entfremdet hat und der in der Kultur – von der Antike bis zur Moderne – eine zweite Heimat fand. Die Hauptfigur von „Über mich selbst“ scheint die Gegenwart, die sie zum Gegenstand wichtiger Forschungen machte, selber irgendwie verloren zu haben – jedenfalls empfindet sie die wissenschaftliche Distanz oft als schmerzliche Differenz. Dafür hält sie am Besten der französischen Tradition krampfhaft fest. Wenn wir in Roland Barthes’ fragmentarischer Lebens- und Geistesgeschichte Konstanten finden, so diese: Paul Valérys Intelligenz, Marcel Prousts Sensibilität und André Gides („meine Ursuppe“) Stilgefühl. Nimmt man noch Bert Brecht, den Barthes in Frankreich bekannt zu machen half, Fourier, Sartre, Saussure und die Zeitschrift „Tel Quel“ hinzu, so hat man sein geistiges Koordinaten- und Referenzsystem ziemlich vollständig beisammen. Eine grundlegende Funktion nimmt darin die Utopie als Doppel und Ersatz der Gegenwart ein.

http://www.zeit.de/1978/50/die-schoene-lust-am-ich/komplettansicht

Die Lust am Text – Erinnerungen an Roland Barthes, die Postmoderne und die lange Lustlosigkeit der Literaturwissenschaft

Von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass die Literaturwissenschaft nach Jahren intensiver Methodendiskussionen und Bemühungen, wissenschaftlichen Rationalitätsmaßstäben zu entsprechen, seit den 1980-Jahren langsam ihre Scheu überwunden hat, sich ernsthaft mit einem scheinbar so „irrationalen“ Phänomen wie dem Vergnügen beim Lesen auseinanderzusetzen, war zweifellos angeregt durch die maßgeblich von Roland Barthes initiierte Entfesselung der „Lust am Text“ in poststrukturalistischen Theorien und postmodernen Programmen. Diese sind inzwischen wie die Schriften von Barthes längst zu einem historischen Phänomen geworden. Doch die Frage nach den Arten und Gründen der Lust an Literatur ist mehr als zwei Jahrtausende älter als sie und hat sich keineswegs erledigt.

Eine Provokation der Literaturwissenschaft bleibt Roland Barthes’ Le Plaisir du Texte aus dem Jahre 1973 noch heute, auch aufgrund ihrer analytischen Unschärfe und genialischen Monologizität, die sich dem interdisziplinären Forschungsdialog verweigerten und dazu herausfordern, die von ihm reflektierten Phänomene genauer und intersubjektiv nachvollziehbarer zu untersuchen.

Im Umkreis der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts hatten Begriffe wie „Lust“ oder „Vergnügen“ keinen sonderlich hohen Stellenwert. Dieter Wellershoff, der ebenfalls 1973 eine Sammlung erhellender Essays unter dem Titel Literatur und Lustprinzip veröffentlichte, hatte schon Ende der sechziger Jahre mit Blick vor allem auf Brecht die „Tendenz der modernen Ästhetik“ kritisiert, „aus dem Zuschauer oder Leser eine Dame ohne Unterleib zu machen, die garantiert keine außerrationalen Erlebnisse hat“. In der literarischen Moderne werde „die libidinöse Bindung an das ästhetische Objekt verhindert, in der Literatur zum Beispiel durch die zahlreichen Methoden der Distanzierung, die das Identifikationsverbot praktizieren“.

Das Unbehagen an den lustfeindlichen Tendenzen der literarischen Moderne hatte sich zu diesem Zeitpunkt allerdings sehr viel vehementer als in Deutschland in der subkulturellen Literaturszene der USA geäußert. Umberto Eco, den nach eigenem Bekunden die „Lust am Fabulieren“ zum Schreiben seines ersten Romans motiviert hatte, rechnete 1983 in seiner Nachschrift zum ,Namen der Rose’ die Wiederentdeckung der Lust an Literatur mit Recht den amerikanischen Programmatikern der Postmoderne als Verdienst an. Er berief sich dabei auf John Barth und zitierte ihn mit den Sätzen: „Der ideale postmoderne Roman müßte den Streit zwischen Realismus und Idealismus, Formalismus und ‚Inhaltismus‘, reiner und engagierter Literatur, Eliten- und Massenprosa überwinden… Die Analogie, die ich vorziehe, ist eher die zu gutem Jazz oder klassischer Musik: Beim Wiederhören und Analysieren der Partitur entdeckt man vieles, was einem beim ersten Mal noch entgangen war, aber beim ersten Mal muß einen das Stück so gepackt haben, daß man Lust bekommt, es wiederzuhören, und das gilt sowohl für die Spezialisten wie für die Nichtspezialisten“. Die Hervorhebung der „Lust“ an Literatur verband sich mit dem Appell, die Kluft zwischen Elite- und Massenkultur aufzuheben. Denn ihr entspricht die in Deutschland stärker noch als in anderen Ländern geläufige Entgegensetzung von Kunst und Vergnügen, von, wie man gerne ergänzt, „wahrer“ Kunst und „bloßem“ Vergnügen.

Die Kluft öffnete sich in Deutschland im späten 18. Jahrhundert mit der Expansion des literarischen Marktes und den Warnungen vor der grassierenden Sucht nach schlechten Romanen, und sie vergrößerte sich noch in der literarischen Moderne. Diese Kluft war es, die der von Eco ebenfalls zitierte amerikanische Literaturkritiker Leslie Fiedler Ende der sechziger Jahre zu überwinden forderte. Einer damals jungen literarischen Bewegung, die er postmodern nannte, bescheinigte er eine zukunftsträchtige Vitalität, die literarische Moderne hingegen erklärte er für tot. Ende Juni 1968 hielt Fiedler an der Freiburger Universität seinen aufsehenerregenden, polemisch provozierenden, doch bald für längere Zeit vergessenen Vortrag mit dem Titel The Case for Post-Modernism. Der Vortrag warb für eine neue Literatur und eine neue Literaturkritik zugleich. Die Literatur der Moderne, die hier totgesagt wird, ist eine Literatur von und für kulturelle Eliten: hermetisch, dunkel, hochgradig selbstreflexiv sowie interpretationsbedürftig und für das Publikum deshalb oft nur durch die vermittelnde Tätigkeit von professionellen Kritikern bzw. Literaturwissenschaftlern zugänglich; eine Literatur, die sich dem massenhaften Konsum verweigert und sich daher von populären Formen der Unterhaltungsliteratur entschieden abgrenzt. Die Aufgabe der gegenwärtigen, postmodernen Literatur sei es dagegen, so Fiedler, „die Lücke zwischen Bildungselite und der Kultur der Masse zu schließen“. Die erstarrten Grenzen zwischen Literatur als Kunst auf der einen Seite und populären, kulinarisch konsumierten Genres wie dem Western, dem Science-Fiction-Roman, der Pornographie und weiteren Formen der Popkultur auf der anderen Seite wurden in der so verstandenen postmodernen Literatur verflüssigt, und die Umgangsformen mit dieser Literatur sollten entschieden lustbetont sein. Von „unterhaltsamer Spielerei“, von „Entertainment“, von der Leidenschaft und den „Ekstasen des Lesens“ ist in Fiedlers Vortrag immer wieder die Rede. Dass diese gleichsam klassenlose, die kulturellen und damit auch gesellschaftlichen Hierarchien unterlaufende Literatur sich dem Medien-Kommerz nicht entzieht, war für Fiedler kein Argument gegen sie. Anhänger Adornos und seiner die ästhetische Moderne noch einmal auf hohem Niveau repräsentierenden Theorie haben 1968 mit Grausen gehört, was Fiedler dazu sagte: „Diese Schriftsteller fürchten nicht, sich etwa auf dem Marktplatz zu kompromittieren; im Gegenteil, sie haben sich für ein Genre entschieden, das dem Ausbeutungscharakter der Massenmedien sichtbar verbunden ist.“

Wie stark die Literatur aus dem Umkreis der Postmoderne, in der bezeichnenderweise das hartnäckige Begehren nach einem verlorenen Manuskript oder Buch zu einem wiederkehrenden Handlungsmotiv wurde, den Aspekt der Leselust hervorhob, zeigte nicht zuletzt ein Roman, der in Italien 1979, in deutscher Übersetzung 1983 erschien und vielen als Musterbeispiel postmoderner Literatur galt: Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Der Roman beginnt mit einer spielerischen Thematisierung des Lesens: „Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schiebe jeden anderen Gedanken beiseite. Laß deine Umwelt im ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: ‚Nein, ich will nicht fernsehen!‘ Heb die Stimme, sonst hören sie’s nicht: ‚Ich lese! Ich will nicht gestört werden!‘“ Die ironischen Lektüreanweisungen geben die optimale „Bedingung für den Genuß einer Lektüre“ an, sprechen vom „Vergnügen“, von der „Freude“ und von den „Vorfreuden“ an einem Buch: „dieses Drumherumlesen vor dem Drinlesen gehört mit zur Freude am neuen Buch, doch wie alle Vorfreuden hat es eine bestimmte Optimaldauer, wenn es zur dauerhafteren Freude am Akt als solchem führen soll, das heißt am Lesen des Buches.“

In Deutschland wurde spätestens seit den achtziger Jahren, als die Romane Ecos oder Calvinos ein breites Publikum fanden, die Lust als Thema, Anspruch oder Versprechen von Literatur zumindest in Ansätzen rehabilitiert. Titel wie Lust (Elfriede Jelinek), Geographie der Lust (Jürg Federspiel), Lustspiel (Lilian Faschinger) oder Die Lust der Frauen auf S. 13 (Dagmar Leupold) hatten dafür ebenso Signalcharakter wie jene, die das Wort „Spiel“ mit sich führen: etwa Christoph Heins Der Tangospieler, Ulla Hahns Spielende (der Titel spielt noch dazu mit einer Doppeldeutigkeit) oder Ulrich Woelks Rückspiel. Wo Literatur wieder eng mit „Spiel“ assoziiert wurde, wie es nicht zuerst Friedrich Schiller und nicht zuletzt Sigmund Freud nachdrücklich nahelegt hatten, wo das Bedürfnis nach Literatur auf jenen Spieltrieb zurückgeführt wurde, der nach Johan Huizinga Grundlage aller menschlichen Kultur ist, da ließen sich die Lust, das Vergnügen, die Freude an ihr kaum noch ignorieren. „Zugegeben, es ist nie ein simples, es ist schon immer ein höchst verwickeltes Spiel gewesen, das Dichter und Leser trieben“, erklärte Hans Magnus Enzensberger (unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr) 1984 im Vorwort zu den von ihm vorgestellten hundertvierundsechzig „Spielarten“ der Poesie. Dass es trotz hoher Ansprüche ein vergnügliches Spiel ist, bekannte er schon mit dem Titel des Buches: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen.

Dass der Spielende die Möglichkeit zur Wahl zwischen vielen Spielangeboten hat, ist einer der Befreiungsaspekte, die wenig später Jean-François Lyotard dem Spiel zuschrieb. Zum grundlegenden Schritt in das postmoderne Wissen erklärt er, im Rückgriff auf Wittgenstein, das „Erkennen der Heteromorphie der Sprachspiele“. Es „impliziert offenkundig den Verzicht auf den Terror, der ihre Isomorphie annimmt und zu realisieren trachtet.“ Das Bewusstsein von der Vielgestaltigkeit bestehender und zukünftiger Sprachspiele widersetze sich dem Dominanzanspruch bestimmter Sprachspiele und ihrem totalitären Potential.

Auf dem pluralen Nebeneinander ganz unterschiedlicher und gleichwertiger Spielarten zu bestehen galt als Merkmal der Postmoderne auch im Bereich der Ästhetik und der Poetik. Ganz in Übereinstimmung mit ihr stellte Enzensberger in Das Wasserzeichen der Poesie „hundertvierundsechzig Spielarten“ literarischen Schreibens vor. Es sei, so heißt es im Vorwort, „nie ein simples, es ist schon immer ein höchst verwickeltes Spiel gewesen, das die Dichter und ihre Leser trieben. War das alles ernst gemeint? Oder war es nur eine Parade von Kunststücken, eine Vorstellung von glänzenden Tricks, sonderbaren Gemütsbewegungen, atemberaubenden Fertigkeiten? Und wenn es ein Spiel war, nach welchen Regeln wurde es gespielt?“ Der Vielzahl der Regeln, nach denen literarisch gespielt wird, entspreche die Pluralität der möglichen Lesarten eines Textes. „Die einzig richtige Art, ein Gedicht zu lesen, gibt es nicht. Sie ist nur ein pädagogisches Phantom. Soviele Köpfe, soviele Lesarten, eine richtiger als die andere.“ In diesem Zusammenhang steht auch die Titelmetapher des „Wasserzeichens“: „Wer Lust hat – ohne Lust geht es nicht –, der braucht die Wörter nur gegen das Licht zu halten. Unter jedem Text findet sich ein anderer, finden sich viele andere“.

Das biblische Babel wurde zur Metapher der postmodern bejahten Pluralität von Sprachspielen. Den lustvollen Leser eines Textes stellte Roland Barthes sich vor als „einen Menschen, der alle Sprachen miteinander vermengt, mögen sie auch als unvereinbar gelten“. Das Gewirr der verschiedenen Sprachen beim Turmbau zu Babel stand dafür als Modell. Es sei, so Barthes, weder Strafe noch Unglück, sondern eine Verheißung des Glücks: „Der alte biblische Mythos kehrt sich um, die Verwirrung der Sprachen ist keine Strafe mehr, das Subjekt gelangt zur Wollust durch die Kohabitation der Sprachen, die nebeneinander arbeiten: Der Text der Lust, das ist das glückliche Babel.“

Von der im Zeichen der literarischen Postmoderne wiederentdeckten Lust an Literatur zeigte sich die Literaturwissenschaft zunächst wenig berührt. Sie blieb „lustlos“ in dem Sinne, dass für sie die Lust an Literatur gar kein oder ein nur beiläufig ernst genommenes Thema war. Nach der Veröffentlichung von Roland Barthes‘ Le Plaisir du Texte sprachen zwar auch Literaturwissenschaftler und -kritiker sehr viel häufiger über die „Lust am Text“ als vorher. Es war, als hätten sie sich von dem französischen Kultursemiotiker freudig oder auch mit schlechtem Gewissen an einen Aspekt des Lesens erinnern lassen, der ihnen bei der professionellen Arbeit am Text abhanden gekommen war, den sie schon fast vergessen, den sie schamhaft verschwiegen oder ihren Studenten und Lesern sogar systematisch ausgetrieben hatten. Aber ernsthafte Forschungen über Arten und Gründe des Vergnügens an Literatur blieben vorerst selten.

Roland Barthes war daran selbst nicht ganz unschuldig. Mit programmatischer Unsystematik lieferten seine poststrukturalistischen Skizzen und Fragmente viele Ideen und Anregungen zum Thema, wiesen jedoch jegliche Ordnung eines wissenschaftlichen Diskurses darüber strikt von sich. Über Lust, so legten sie nahe, lässt sich nicht geordnet und rational sprechen. „Die Lust am Text“, erklärt der Essay gleich zu Beginn, könne „sich niemals erklären“. Und später: „wenn ich hier von Lust am Text spreche, so immer en passant, in ganz ungesicherter, keineswegs systematischer Art“.

Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit genügte das nicht. Doch nicht nur durch sein Thema, sondern auch durch die Art des schreibenden Umgangs mit ihm wurde der Essay zu einem Kultbuch postmoderner Ästhetik. Soweit die Literaturwissenschaft, angeregt von poststrukturalistischen Impulsen, ihre Rationalitätsansprüche nicht aufgab, reagierte sie auf ihn eher hilflos. Die immer auch psychologisches Wissen verlangende Frage nach dem Effekt der von ihr analysierten Texte hatte sie seit langem mit einer tief sitzenden Psychologiefeindlichkeit entschieden vernachlässigt oder systematisch um zentrale Bestandteile verkürzt.

Dabei hatte die Fragestellung eine alte, ehrwürdige und keineswegs rationalitätsfeindliche Tradition. Den pädagogischen und moralistischen Impulsen der Aufklärung entsprach es im 18. Jahrhundert durchaus, das Vergnügen an Literatur als wichtig hervorzuheben. Sie ordneten es allerdings zunächst einem höherwertigen, vernunftgemäßen Nutzen unter. Christian Friedrich von Blanckenburg beispielsweise forderte in seinem 1774 erschienenen Versuch über den Roman: „Der Dichter soll durch das Vergnügen unterrichten, er soll in seinen Lesern Empfindungen und Vorstellungen erzeugen, die die Vervollkommnung des Menschen und seine Bestimmung befördern können.“ Dass er das „Vergnügen“ dem „Unterrichten“ unterstellte, beklagte Friedrich Schiller später, habe der Kunst und der Kunsttheorie geschadet, und forderte selbst eine „bündige Theorie des Vergnügens“. „Die wohlgemeinte Absicht“, so heißt es hier, „das Moralischgute überall als höchsten Zweck zu verfolgen, die in der Kunst schon so manches Mittelmaß erzeugte und in Schutz nahm, hat auch in der Theorie einen ähnlichen Schaden angerichtet. Um den Künsten einen recht hohen Rang anzuweisen, um ihnen die Gunst des Staats, die Ehrfurcht aller Menschen zu erwerben, vertreibt man sie aus ihrem eigentümlichen Gebiet, um ihnen einen Beruf aufzudringen, der ihnen fremd und ganz unnatürlich ist. Man glaubt ihnen einen großen Dienst zu erweisen, indem man ihnen, anstatt des frivolen Zwecks, zu ergötzen, einen moralischen unterschiebt“. Wenn der Zweck der Kunst aber ein moralischer sei, „so verliert sie das, wodurch sie allein mächtig ist, ihre Freiheit, und das, wodurch sie so allgemein wirksam ist, den Reiz des Vergnügens. Das Spiel verwandelt sich in ein ernsthaftes Geschäft; und doch ist es gerade das Spiel, wodurch sie das Geschäft am besten vollführen kann.“

Ein „freies Vergnügen, so wie die Kunst es hervorbringt“, ist nach Schiller auch ihr dominanter Zweck, obwohl es manchem widerstrebe, dass sie „einen so gemeinen Zweck, wie man sich das Vergnügen denkt, zu ihrem letzten Augenmerk haben sollte.“ Als „frivol“ oder „gemein“, so geht aus dieser Schrift hervor, erschien damals vielen, was Begriffe wie „Vergnügen“, „Ergötzen“ oder „Lust“ bezeichnen. Solche Abwertungen dürften mit dafür verantwortlich sein, dass Literaturwissenschaftler es so lange kaum für wert erachtet haben, eine „Theorie des Vergnügens“ an Literatur auszuarbeiten. Nicht nur, dass Schiller die Autonomie der Kunst so eng mit dem Begriff des Vergnügens verband, sondern schon der paradox scheinende Titel seiner Schrift war damals eine Provokation. Eine Provokation der Literaturwissenschaft ist beides noch heute. Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen lautet dieser Titel. Er verknüpft einen weithin als zweitrangig angesehenen Wirkungsaspekt von Literatur mit einer literarischen Gattung, die in ihrem hohen Ernst erstrangiges Prestige genoss. Nietzsche hat später in seiner Tragödienschrift diese für die Poetik des Aristoteles noch ganz selbstverständliche Verknüpfung auf seine Weise weitergeführt. Über Arten und Gründe des Vergnügens, der Lust oder des Wohlgefallens an Literatur zu reflektieren war jedoch im psychologisierenden Jahrhundert der Aufklärung, in dem auch sonst die vergnügte oder „unvergnügte Seele“ in ihren Ansprüchen auf Genuss und irdisches Glück permanentes Thema wurde, durchaus üblich, ja sogar von herausragender Bedeutung. Für die Literaturwissenschaft, die davon gute Kenntnisse hat, sind das jedoch in der Regel lediglich historische Phänomene. In ihren eigenen Fragestellungen hat sie sich davon kaum herausfordern lassen. Das ist umso erstaunlicher, als für die prominenten Poetiken von Horaz und von Aristoteles sowie erst recht für die philosophische Ästhetik von Kant bis hin zu Adorno die Lust an Literatur einen zentralen Stellenwert hat.

Mit einigem Recht hat Jacques Derrida in den siebziger Jahren über Kants Kritik der Urteilskraft behauptet: „Das Rätsel der Lust bewegt das ganze Buch.“ Die Lust sei „Ausgangspunkt der dritten Kritik“, und sie sei „ihretwegen geschrieben und ihretwegen zu lesen“. In der Tat: Am Anfang steht die Lust – in Kants Kritik der Urteilskraft und auch noch in Adornos Ästhetischer Theorie, die schon im ersten Kapitel, sich mit Kant und Freud auseinandersetzend, darüber handelt. Kant erklärte gleich zu Beginn seiner Schrift das Gefühl der Lust oder der Unlust zur Basis aller ästhetischen Urteile. Nach „Vorrede“ und „Einleitung“ beginnt die Kritik der Urteilskraft mit dem Satz: „Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht, beziehen wir die Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Objekt zum Erkenntnisse, sondern durch die Einbildungskraft […] auf das Subjekt und das Gefühl der Lust oder Unlust desselben.“ Im „Erkenntnisurteil“ richtet sich der begriffliche Verstand auf ein Objekt, im ästhetischen Urteil wird sich das Subjekt seiner eigenen Lust- und Unlustempfindungen bewusst. „Ein regelmäßiges, zweckmäßiges Gebäude mit seinem Erkenntnisvermögen […] zu befassen, ist etwas ganz anderes, als sich dieser Vorstellung mit der Empfindung des Wohlgefallens bewußt zu sein. Hier wird die Vorstellung gänzlich auf das Subjekt, und zwar auf das Lebensgefühl desselben, unter dem Namen des Gefühls der Lust oder Unlust, bezogen“.

„Wohlgefallen“ und „Lust“ sind hier partiell synonyme Begriffe. Schon das weist darauf hin, dass Kants „Lust“-Begriff eine andere Bedeutung hat als später der so eng mit Sexualität konnotierte „Lust“-Begriff Freuds. In der Regel reserviert Kant „Lust“ für eine von ihm besonders hoch bewertete Art des Wohlgefallens: das „uninteressierte Wohlgefallen“. Das aber ist so frei und gereinigt von allem sinnlichen Interesse am Objekt der Lust, dass Adorno mit einigem Recht der Ästhetik Kants vorhalten konnte, sie werde mit ihrer Hochschätzung des interesselosen Wohlgefallens „zum kastrierten Hedonismus, zu Lust ohne Lust“. Diese Ästhetik, so wendet Adorno ein, eines Besseren belehrt durch Nietzsche und Freud, sei „ungerecht […] gegen das leibhafte Interesse, die unterdrückten und unbefriedigten Bedürfnisse, die in ihrer ästhetischen Negation mitvibrieren und die Gebilde zu mehr machen als zu leeren Mustern“. Was die Lust am Kunstwerk angeht, so siedelt Adorno seine Position zwischen Kant und Freud an. Er benennt dabei eine beiden gemeinsame Voraussetzung, die heute jener Literaturwissenschaft fehlt, die sich ausdrücklich nur mit Texten und nicht mit den Menschen, die sie schreiben oder lesen, befasst und schon deshalb keine Aussagen über die Lust an Literatur machen kann: „Für beide“, so Adorno über Kant und Freud, „ist das Kunstwerk eigentlich nur in Beziehung auf den, der es betrachtet oder der es hervorbringt. […] Kein Wohlgefallen ohne Lebendige, denen das Objekt gefiele“. Das autonome Subjekt, das bei Kant im interesselosen Wohlgefallen dem schönen Objekt gegenüber das konkrete sinnliche Begehren abgelegt hat, ist Adorno zu unlebendig. Andererseits ist ihm das triebgesteuerte, empirisch-psychologische Subjekt, das nach Freud sein sinnliches Begehren in das Zeichensystem des Kunstwerks überführt, zu wenig geistig. Als „Zeichensystem für subjektive Triebregungen“ verstanden, werde das Kunstwerk in seiner Autonomie, in seinem Formniveau, in seiner „Idee von Wahrheit“ ignoriert. Mit Freud argumentiert Adorno im Sinne einer Kritik gesellschaftlicher Lustunterdrückung, mit Kant im Sinne einer Kritik hemmungslos gewordener Konsumlust. Irreversibel sei Kants Erkenntnis, „daß ästhetisches Verhalten von unmittelbarem Begehren frei sei“. Diese Erkenntnis habe „Kunst der gierigen Banausie entrissen, die sie stets wieder abtastet und abschmeckt“. Adorno hat freilich bemerkt, dass Kants Begriff des interesselosen Wohlgefallens mit Freuds Vorstellung einer kulturell sublimierten Lust durchaus kompatibel ist: „auch für Freud sind Kunstwerke nicht Wunscherfüllungen unmittelbar, sondern verwandeln primär unbefriedigte Libido in gesellschaftlich produktive Leistung“.

Kants Gegenüberstellung von interessiertem Wohlgefallen am „Angenehmen“ und interesselosen Wohlgefallen am „Schönen“ hat bei Freud seine Entsprechung in der Gegenüberstellung von direkter und sublimierter Triebbefriedigung. Solche dichotomischen Denkformen, mit denen grob zwei Arten der Lust unterschieden und in eine Wertehierarchie eingesetzt werden, sind auch noch bei Adorno und sogar bei Roland Barthes nachweisbar. Kants Abwertung des bloß sinnlichen Vergnügens kehrt bei Adorno in Sätzen wieder, die typisch für die Vorbehalte der ästhetischen Moderne gegenüber populären Formen des Kunstgenusses sind: „Wer Kunstwerke konkretistisch genießt, ist ein Banause; Worte wie Ohrenschmaus überführen ihn.“

Lust wird bei Adorno zu einem pejorativen Begriff, wenn er mit dem Konsum von Genussmitteln assoziiert ist. Der ästhetische Hedonismus diskreditiert sich nach Adorno insofern, als er hineinpasst in eine genussfixierte Gesellschaft: „Ist schon die Kunst für den Betrieb der Selbsterhaltung unnütz – ganz verzeiht ihr das die bürgerliche Gesellschaft niemals –, soll sie sich wenigstens durch eine Art Gebrauchswert bewähren, der der sensuellen Lust nachgebildet ward.“ Es gibt jedoch in der Perspektive Adornos andere, höherwertige Lüste, die sich von den Konsumbedürfnissen der Masse abheben. Da gibt es zum einen die Lust am gesellschaftlich verdrängten Leid, am Negativen, am Dissonanten, die von hochwertigen Kunstwerken ermöglicht wird. Die Lust an ihnen besteht in der durch sie vermittelten Erfahrung, schlechten gesellschaftlichen Verhältnissen Widerstand entgegensetzen zu können. „Glück an den Kunstwerken“ ist in diesem Fall „das Gefühl des Standhaltens, das sie vermitteln“.

Adorno beruft sich hier auf Kants „Lehre vom Erhabenen“ und damit auf jene Theorie, die wie keine andere das paradoxe Zusammenspiel von Erfahrungen der Unlust und der Lust in der Konfrontation mit dem Schrecklichen zu erklären bemüht war. Unter ihrem Eindruck hatte schon Schiller 1791 seine Theorie des Vergnügens an tragischen Gegenständen entworfen und dabei ebenfalls zwei diametral entgegengesetzte Arten der Lust unterschieden: eine bloß „sinnliche Lust“, „die vom Gebiet der schönen Kunst ausgeschlossen wird“, und jene „moralische Lust“, mit der wir in der Tragödie das „Leiden des Tugendhaften“ schmerzvoll genießen können, weil es uns die Überlegenheit und Freiheit unserer moralischen Vernunft gegenüber allen Naturzwängen beweist. Noch im 20. Jahrhundert hat das Lustgefühl, das im 18. Jahrhundert unter dem Stichwort des „Erhabenen“ andauernd beschrieben, evoziert und vornehmlich Männern zugedacht wurde, ein gewisses Prestige und etwas von seinem ehemaligen Reiz behalten: die Lust des sich autonom fühlenden Subjekts, sich gegenüber dem, was es zu überwältigen droht, behaupten zu können.

Neben die erhabene Lust der Selbstbehauptung tritt jedoch seit Nietzsche immer dominanter die der Selbstauflösung. Adorno stellt dem „Kunstgenießer“, der sich das Kunstwerk wie eine Mahlzeit einverleibt, jenen Betrachter entgegen, der in der Sache verschwindet. Die Unterscheidung zwischen minderwertiger und höherwertiger Lust ist auch in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich ablesbar: „Wer im Kunstwerk verschwindet, wird dadurch dispensiert von der Armseligkeit eines Lebens, das immer zu wenig ist. Solche Lust vermag sich zu steigern zum Rausch; an ihn wiederum reicht der dürftige Begriff des Genusses nicht heran, der überhaupt geeignet wäre, Genießen einem abzugewöhnen.“

Die Vorstellung vom lustvollen Verschwinden des Subjekts im Kunstwerk hat bei Roland Barthes Entsprechungen in jener Annäherung an den Text, die als „Wollust“ besonders ausgezeichnet wird. Der bloßen „Lust“ („plaisir“) stellt Barthes die exklusivere „Wollust“ („jouisance“) entgegen, das „große Sichverlieren des Subjekts“, und mit dieser Gegenüberstellung reproduziert das „postmoderne“ Manifest doch noch, was die Moderne zur Verfestigung der Kluft zwischen Massen- und Elitekultur und dabei zur Abwertung „niedriger“, einfacher und profaner Lüste beigetragen hat. Das zeigt sich auch in seinen Reflexionen über erotische und sexuelle Lust. Wo man in Literaturtheorien der 1980er und 90er Jahren das erotische Potential von Literatur suggestiv hervorzuheben versuchte, kombinierte man das Wort „Text“ in allen möglichen, mehr oder weniger diffusen Variationen mit dem Wort „Körper“. Roland Barthes‘ Fragmente über Die Lust am Text machten auch in dieser Hinsicht Schule. „Die Lust am Text, das ist jener Moment, wo mein Körper seinen eigenen Ideen folgt – denn mein Körper hat nicht dieselben Ideen wie ich.“ Der Text selbst wird zum sinnlich anziehenden Körper, zum „Textkörper“. Der Text könne sich „in Form eines Körpers enthüllen“. Die „Lust des körperlichen Striptease“ gleiche der „des erzählerischen Hinauszögerns“. In Barthes‘ Metaphorik wird auch der „Satz ein Körper“ und ebenso die Sprache: Der lustvolle Text suche „die Verknüpfung von Körper und Sprache“. Im Umgang mit seiner „Muttersprache“ sei der Schriftsteller „jemand, der mit dem Körper seiner Mutter spielt“.

Sexuelle Lust bleibt bei dieser Körper-Metaphorik allerdings weitgehend ausgegrenzt. Roland Barthes schrieb mit abschätzigem Blick auf Pornographie: „ Der Text der Lust ist nicht zwangsläufig der, der von Lust berichtet, der Text der Wollust ist niemals der, der eine Wollust erzählt. Die Lust der Darstellung ist nicht an ihren Gegenstand gebunden“. Hiermit ist eine ästhetische Einstellung gegenüber Kunst und Literatur gefordert, der Ruth Klüger später (in Frauen lesen anders) vorwarf, dass mit ihr Fragen nach Textinhalten und damit auch nach wichtigen geschlechtsspezifischen Aspekten des Lesevergnügens bestenfalls sekundäre Bedeutung haben. Die Lust am Text ist in den Beschreibungen von Barthes denn auch in der Tat ein geschlechtsneutrales Phänomen. Seine Typologie der Lustleser unterscheidet Fetischisten, Zwangsneurotiker, Paranoiker und Hysteriker, von erotischen Inhalten sieht sie jedoch ebenso ab wie von Männlichkeit oder Weiblichkeit. Und auch die literarischen Techniken erotischer und sexueller Luststimulation bekommen sie nicht in den Blick.

Ob Kant, Schiller, Freud, Adorno oder Barthes, sie alle unterscheiden zwar nicht zwischen Kunst und Vergnügen, aber doch zwischen einer minderwertigen Lust am Kunstwerk und einer höherwertigen. Schon vor den postmodernen Programmen zur Dekonstruktion solcher Hierarchien hatte Brecht in seinem Kleinen Organon dagegen Einspruch erhoben: „Selbst wenn man spricht von einer hohen und einer niedrigen Art von Vergnügungen, schaut man der Kunst in ein eisernes Gesicht, denn sie wünscht, sich hoch und niedrig zu bewegen und in Ruhe gelassen zu werden, wenn sie damit die Leute vergnügt.“ Der französische Kultursoziologe Pierre Bourdieu hat später im Blick vor allem auf Kant gezeigt, dass mit der Differenzierung von hohen und niedrigen Kulturgenüssen die „feinen Unterschiede“ markiert werden, mit denen sich soziale Schichten und Gruppen voneinander abgrenzen. „Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich das Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimierung sozialer Unterschiede.“

Jenseits solcher Analysen, die nach sozialen Funktionen der Unterscheidungen zwischen unterschiedlichen Lüsten an Literatur fragen, hat sich die jüngere Literaturwissenschaft mittlerweile auf anderen Wegen von der Ignoranz gegenüber der Lust am Text, von dem die Lust nur beschwörenden, nur diffus analysierenden Sprechen über sie oder von der Disqualifizierung bestimmter Arten der Lust entfernt, vor allem dort, wo sie Anschluss an die psychologische, psycholinguistische und auch neurowissenschaftliche Erforschung lust- oder unlustvoller Emotionen suchte und mit ihr kooperierte.

Roland Barthes wird dabei allerdings kaum noch zitiert oder erwähnt. Dass ihm wichtige Anregungen zu verdanken und immer noch zu entnehmen sind, sollte jedoch nicht vergessen werden. Und wie Literatur selbst kann seine Art des fragmentarischen Beobachtens, Beschreibens und Reflektierens nach wie vor auch der Wissenschaft wichtige Anstöße zur Hypothesenbildung liefern, ohne die sie ihre Möglichkeiten nicht angemessen ausschöpfen würde. Es gibt kaum eine Hypothese empirischer Emotionsforschung, die nicht mehr oder weniger spekulativ von anderen vorgedacht worden wäre. Ohne dieses Anregungspotential wäre sie, oft ohne es recht zu wissen, vielleicht gar nicht existent.

Im 19. Jahrhundert legte Gustav Theodor Fechner mit seiner auch von Freud und noch heute von manchen namhaften Psychologen hoch geschätzten, doch von der Literaturwissenschaft bislang fast völlig ignorierten Vorschule der Aesthetik einen Versuch vor, die Fragestellungen philosophischer Ästhetik mit rationalen und methodischen Prinzipien induktiver Psychologie zu verknüpfen. Die „wichtigste Frage“ der Ästhetik, erklärte Fechner, werde immer lauten: Warum gefällt oder missfällt etwas. Und das Gefallen sei ein Gefühl der Lust, das Missfallen eines der Unlust. Zu den zentralen Aufgaben der Ästhetik gehöre es daher, „den besonderen inneren und äusseren Ursachen der Lust und Unlust nachzugehen, Gesetze ihrer Entstehung unter besondern Verhältnissen aufzusuchen“. Die Grundlage dieser psychologischen Ästhetik bildete freilich die hedonistische und eudaimonistische Philosophie der Antike. Fechner hat sich wiederholt auf sie berufen und damit seinem wissenschaftlichen Ansehen nicht geschadet. So ist auch heute die Berufung auf Die Lust am Text von Roland Barthes, 100 Jahre nach seiner Geburt, nicht schon ein Zeichen der Unwissenschaftlichkeit.

Der Beitrag greift zurück auf Thomas Anz: Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen. München: Beck 1998 (München: dtv 2002).

Was ist ein Text?

Was ist ein Text?
Ein Text ist eine Abfolge von Aussagen, die miteinander in Zusammenhang stehen. In der postmodernen Terminologie wird der Begriff TEXT nicht nur auf das geschriebene Wort, sondern auch auf das Bild, den Ton, das Theater, Musik, Tanz etc. bezogen und nach Roland Barthes kann in der postmodernen Kulturtheorie sogar die ganze Welt, oder das Leben selbst, als Text gelesen werden.

Was heißt eigentlich postmodern?
Der Begriff widersetzt sich hartnäckig einer genauen Definition und wird in der Regel dann bemüht, wenn unterschiedliche Phänomene wie Filme, Popmusik, Mode, Kunst, Populärkultur etc. gedeutet werden sollen. Wie der Begriff Postmoderne schon andeutet, bezieht er sich auf die Moderne und ihre Ideale. Eine gängige Definition von Moderne ist, sie als das Projekt der Neuzeit zu begreifen, das mit der Aufklärung einsetzt, seinen Höhepunkt in der Industrialisierung hat und in der zweiten industriellen Revolution der Nachkriegszeit seinen Abschluss findet. Da allerdings die Definition der Moderne selbst nach wie vor strittig ist, wird es nicht überraschen, dass auch die Begriffsdefinition der Postmoderne sehr vage ist. Vielleicht kommen wir einer Klärung des Begriffs näher, wenn wir einige Situationen, die man als postmodern bezeichnen könnte ansehen:

Man denke beispielsweise an den Golfkrieg von 1991. Ein Krieg, der auf dem Fernsehschirm ähnlich einem Videospiel gegen abstrakte Ziele stattfand. Die Medien wurden von den tatsächlichen Kriegsschauplätzen abgeschirmt und bekamen stattdessen Bildmaterial, das die Militärs mit ihren Zielerfassungskameras aufgenommen hatten. Was wir also sahen, war ein mit und in den Medien inszenierter Krieg.

Beide Beispiele zeichnen sich durch Realitätsabwesenheit aus, die nicht so einfach bemerkt werden kann. Damit kann man die postmoderne These beschreiben,

„dass unsere Vorstellung von der Welt in erster Linie auf vermittelten Bildern basiert. Sie liefern einen Beweis für die Ansicht, dass wir im Banne einer Mythologie leben, die uns die Massenmedien, das Kino und die Werbung vorführen. Da uns die `wirkliche´Welt, auf der solche Darstellungen einst basierten, unter den Füßen weggezogen wurde, fallen wir durch das Kaninchenloch in ein postmodernes Wunderland. In dieser merkwürdigen neuen Welt erleben Kunstwerke, ihre Wiedergeburt als Texte, wird die Geschichte als Mythos entlarvt, stirbt der Autor, wird die Realität als veraltete Konvention verworfen, regiert die Sprache und hüllt sich die Ideologie in das Gewand der Wahrheit“.

(Heartney, Eleanor: Kunst Basics. Postmoderne. Hatje Cantz Verlag, 2002, S. 7)

Der Strukturalismus (nach Ferdinand de Saussure) begreift die Sprache als ein komplexes System, das aus Beziehungen zwischen Zeichen besteht. Der Strukturalismus stellt damit die allgemeine Annahme in Frage, dass die Sprache in einem natürlichen Zusammenhang zu den Dingen in der Welt steht. Vielmehr ist die Bedeutung eine interne Angelegenheit der Sprache, die sich aus dem Wechselspiel zwischen Signifikanten und Signifikaten ergibt.

In dieser Tradition geht der Poststrukturalismus noch weiter und eliminiert die reale Welt, die im Strukturalismus noch schattenhaft vorhanden ist, ganz. Dabei wird das Signifikat vollkommen herausgenommen und die Bedeutung des Signifikanten ist nur mehr eine Frage seiner Beziehung zu anderen Signifikanten. Das heißt, dass wir dem Poststrukturalismus zufolge nicht aus der konkreten Erfahrungswelt heraus Sprache erzeugen. Vielmehr erzeugt uns die Sprache in dem Sinne, dass vor uns bereits ein komplexes System von Kodes, Symbolen und Konventionen existiert, das bestimmt, was wir tun und sogar denken können. Die Bedeutung existiert also in diesem Sinne nur in den Beziehungen zwischen den Signifikanten selbst, was bedeutet, dass die Bedeutung nie ganz festgemacht werden kann.
Damit scheint Bedeutung im Poststrukturalismus als etwas ständig Aufgehobenes, weil im Poststrukturalismus immer angenommen wird, dass es etwas gibt, das sich dem Versuch einer klaren, definitiven Aussage entzieht. So wird die Sprache von dem, was nicht gesagt wird, oder gesagt werden kann, bestimmt.

Ein weiterer wichtiger Begriff für die Postmoderne ist der Begriff der Dekonstruktion.
Der französische Philosoph Jacques Derrida entwickelte in seinen Schriften ein Verfahren rund um die Risse, die sich in der „Bedeutung“ aufgetan haben: Die Methode zwischen den Zeilen zu lesen. Indem die Dekonstruktion zwischen den Zeilen liest, zeigt sie, dass sich hinter der scheinbaren Bedeutung eines Textes oft deren Gegenteil verbirgt. Derrida greift damit Freuds Vorstellung von der Verdrängung auf, nach der Erfahrungen, Erinnerungen oder Gefühle in das Unbewusste abgedrängt werden und dort verheerende Wirkungen hervorrufen können, solange sie unbewusst bleiben.

„Die Dekonstruktion bringt das ans Licht, was im Namen der Kohärenz unterdrückt wurde. Sie zeigt, dass jeder Anspruch auf Wahrheit und jede Berufung auf die Natur oder irgendwelche Grundprinzipien nur der Täuschung dient. Diese werden dagegen als Produkt eines bestimmten Bedeutungssystems entlarvt […] sie sind als ideologische Konstrukte zu bezeichnen, die darauf abzielen, das, was in Wirklichkeit ein Produkt einer bestimmten Kultur oder eines bestimmten Denksystems ist, als natürlich und unausweichlich hinzustellen“.

(Heartney, Eleanor: Kunst Basics. Postmoderne. Hatje Cantz Verlag, 2002, S. 10)

Die Postmoderne lieferte ein notwendiges Korrektiv zu der exklusiven, pseudouniversalen Weltsicht der Moderne, löste aber auch eine Reihe von Negationen aus. Die radikalste Form verschrieb sich dabei einer relativistischen Auffassung von der Geschichte. So absurde Theorien wie der Holocaust-Revisionismus, Entführung durch Außerirdische konnten damit nicht widerlegt werden.

„Ihre Fixierung auf die Darstellung hatte eine begeisterte Aufnahme der Medien zur Folge, die der narkotischen Wirkung von Film und Fernsehen auf die breite Öffentlichkeit nichts entgegensetzt. Ihre Reduktion der Politik auf ein Spiel von gleitenden Signifikanten hat den politischen Aktivismus von der Straße in den Elfenbeinturm verbannt.“

(Heartney, Eleanor: Kunst Basics. Postmoderne. Hatje Cantz Verlag, 2002, S. 77)

Wir glauben heute nicht mehr, dass sich die Geschichte in eine Richtung bewegt, und wir wissen, dass der Leser ein wesentlicher Bestandteil jeden Textes ist. Wir wissen auch, dass Macht, Autorität und Selbstgefühl miteinander in Beziehung stehen. Die Postmoderne hat damit die Welt auf eine Art und Weise verändert, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Postmoderner Film – Doppelte Codierung
„Die postmoderne Ästhetik wendet einen scheinbar einfachen Trick an, um mit den beiden Problemen, der `Aussage´und der `Negation´ der Moderne, fertig zu werden. Er besteht in der Spiegelung einer Aussage in den Zeichen vorhandener Sinnsysteme. Eine einfache Aussage (sagen wir: zwei Menschen lieben einander) wird vermittelt durch das Spiel zweier Menschen mit Rollen von Liebenden, wie man sie kennt. In diesem Spiel steckt beides, die `reine´archaische Aussage (die in der Moderne negiert worden war) und die kritische Reflexion der verwendeten Zeichen für diese Aussage (in der sich die Moderne fortsetzen mag). Eine Szene wird also doppelt codiert, indem sie als Aussage und als Untersuchung der Sprache dieser Aussage aufgenommen werden kann. Damit ist weder die vormoderne Wirklichkeit rekonstruiert, deren Abbildung die prämoderne Ästhetik betrieb, noch die reine Negation der Moderne, die eine Aussage letztendlich unmöglich machen wollte. Das Kunstwerk der Postmoderne ist vielmehr eine Art Schizophrenie-Maschine, die sehr unterschiedliche Menschen mit gänzlich unterschiedlichen Erwartungshaltungen ebenso ansprechen kann, wie einen Menschen zugleich auf sehr unterschiedliche Weise. Was die beiden Ebenen, die Aussage und die Reflexion ihrer Mittel, verbinden kann, ist Ironie. …“

(Seeßlen, Georg: Ein postmodernes Welt-Bild aus den USA. In: Felix, J ürgen (Hrsg.) Die Postmoderne im Kino. Ein Reader. Schüren Verlag, 2002, S. 219 -220)


Buchtipps: Heartney, Eleanor: Kunst Basics. Postmoderne, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit. 2002
Felix, Jürgen (Hrsg.) Die Postmoderne im Kino, Ein Reader, Schüren Verlag, Marburg, 2002
Filmtipps: Pulp Fiction von Quentin Tarantino, Wild at Heart von David Lynch, die Filme von Peter Greenaway, die Filme von Joel und Ethan Coen und natürlich MATRIX …

Dekonstruktion, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Postmoderne

„Eine erste Quelle der Verwirrung liegt schon in
der mangelnden Festigkeit der Schlüsselbegriffe,
deren Umfang je nach spezifischer Ebene der kritischen Diskussion
und den dort geltenden Gegensätzen und Differenzen variiert.“
Jonathan Culler (16)„It goes without saying that critical categories are as
more or less fishy as they are more or less useful.“
John Barth (200)

Durch die fortwährende „confusion of ideas of the opposite“ (90) wird durch den Roman Hand an unser grundlegendes Verständnis der Welt und der Dinge gelegt. Wir sind aufgefordert, unser bisheriges Denken einer vor allem im Hinblick auf scheinbar feststehende Glaubenssätze kritischen Prüfung zu unterziehen:

„It all goes along together. Parallel, not series. Metaphor. Signs and symptoms. Mapping on to different coordinate systems.“ (159)

Beachtet man die in vielerlei Hinsicht (vor allem aber in ihrer Binärität) strukturelle Vergleichbarkeit der unserer Kultur zugrundeliegenden, zumeist unkritisch übernommenen und unser Weltbild konstituierenden religiöser und historischer Metafiktionen, so hält kaum eine davon einer kritischen Überprüfung stand.

Zum Begriff der Postmoderne

Als Literaturwissenschaftler kümmert mich die Diskussion um den Begriff Postmoderne eigentlich weniger, zumal die meisten, die ihn diffamieren, sich lediglich weigern, sich inhaltlich wirklich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich kann und will mich dem Komplex jedoch nicht ganz entziehen.Ich kenne von keinem der so oft als Eklektizisten gescholtenen Postmodernen eine Aussage, in der von der Postmoderne als eine klar von der Moderne abgegrenzte Kunstepoche gesprochen würde. Eine solche Aussage mit Absolutheitscharakter würde auch dem Geist der Postmoderne widersprechen. Eher könnte man von einer Fortsetzung der durch die beiden Weltkriege gestörten Entwicklung einer Kunst in allen Bereichen, die sich einer positiven und demokratischen gesellschaftlichen Entwicklung verpflichtet fühlt, sprechen.

„Die Postmoderne ist diejenige geschichtliche Phase, in der radikale Pluralität als Grundverfassung der Gesellschaften real und anerkannt wird und in der daher plurale Sinn- und Aktionmuster vordringlich, ja dominant und obligatorisch werden. Diese Pluralisierung wäre, als bloßer Auflösungsvorgang gedeutet, gründlich verkannt. Sie stellt eine zuinnerst positive Vision dar. Sie ist von wirklicher Demokratie untrennbar. (…) Sie folgt der Einsicht, daß jeder Ausschließlichkeits-Anspruch nur der illegitimen Erhebung eines in Wahrheit Partikularen zum vermeintlich Absoluten entspringen kann. Daher ergreift sie für das Viele Partei und wendet sich gegen das Einzige, tritt Monopolen entgegen und decouvriert Übergriffe. Ihre Option gilt der Pluralität — von Lebensweisen und Handlungsformen, von Denktypen und Sozialkonzeptionen, von Orientierungssystemen und Minderheiten.“
Welsch (5)

Es ist völlig unangemessen (und ich mag es auch nicht), wenn der Streit um die theoretischen Begriffe oder die Einordnung die Auseinandersetzung mit Inhalt und Struktur eines Werkes verdrängt. Eine solche Kategorisierung sollte doch der Nachwelt überlassen werden. Für Lyotard ist die Postmoderne gar ein Teil der Moderne, aber nicht, wie man meinen könnte, ihr Abgesang, sondern ihre fortgesetzte und fortwährende Erneuerung:

„What then, is the postmodern? What place does it or does it not occupy in the vertiginous work of the questions hurled at the rules of image and narration? It is undoubtedly a part of the modern. All that has been received (…) must be suspected. (…) In an amazing acceleration, the generations precipitate themselves. A work can become modern only if is first postmodern. Postmodernism thus understood is not modernism at its end but in the nascent state, and this state is constant.“
(Answering the Question: What is Postmodernism, The Postmodern Condition, Manchester University Press, 1986, p. 71-82, reprinted at: Waugh (123) )

Seit Mitte der achtziger Jahre, spätestens aber seit 1990, wurde die Postmoderne von vielen Seiten totgesagt, vor allem aber von jenen, die ihre Existenz sowieso grundsätzlich bezweifelt hatten. Da sie jetzt tot ist, kann man also zumindest konstatieren, daß es so etwas wie Postmoderne gegeben hat. Außerdem sind uns alle diejenigen, die bezweifeln, daß es sie gab oder gibt, einen Begriff für jene Form von Literatur schuldig, die weder vormodern noch modern im Sinne von James Joyce, Gertrude Stein oder William Carlos Williams ist.

„Da stehen wir also vor einer Schwierigkeit. Was sollen wir als das Neue ausrufen, auf das ich bis jetzt noch nicht gestoßen bin, das aber dringend, irgendwie ans Licht muß? Post-Postmodernismus klingt, für meine Ohren, ein wenig klobig. Hab an der Revolution des Wortes rumgedreht (…) oder auch an der Neuen Revolution des Wortes (…) Das Wort neu sollte irgendwo drin sein. Die neue Neuartigkeit? Oder vielleicht Das Post-Neue?“
Donald Barthelme: „Nicht-Wissen,“ 1985, in Utz Riese, Falsche Dokumente, p. 495.

Nach meinem jetzigen Verständnis sind Strukturalismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktion der theoretische Hintergrund der Literatur eines Thomas Pynchon und — wir wollen nicht vergessen, daß es hier vorrangig um Pynchon und Gravity’s Rainbow gehen soll, aber eben nicht nur, sondern auch um Samuel Beckett, Jorge Luis Borges, Kurt Vonnegut, John Barth, Donald Bartheleme, Ishmael Reed, Paul Auster, Don DeLillo, William Gass, John Hawkes, Robert Coover, Stanley Elkin, Toni Morrison, Günter Grass, Peter Handke, Thomas Bernhard, die Gebrüder Strugatzki, Salman Rushdie, Viktor Pelewin, Gabriel García Márquez, Alain Robbe-Grillet, Georges Perec, Italo Calvino und andere, denen es egal ist, ob sie die Lieblinge der Massen sind und die ihre Arbeit sowohl als Möglichkeit wie auch als Notwendigkeit verstehen.Die Dekonstruktion ist für mich ein unabdingbares Handwerkszeug, wenn man diese, als postmodern geltende Schriftsteller verstehen und nicht als unlesbar abtun will, die in ihren Werken auf den veränderten gesellschaftlichen Zustand von 1949 bis 1989, den wir der Einfachheit halber Postmoderne nennen, reagiert haben.

Der historische Zustand der Postmoderne

Wesentlichstes Merkmal des Zustands der «eingefrorenen Geschichte» war der Ost-West Gegensatz, die binäre Opposition von Spätkapitalismus und real existierendem Sozialismus.Durch das relative Gleichgewicht an Massenvernichtungswaffen war eine weitere geschichtliche Entwicklung im Marxschen Sinne unmöglich. Die Großmächte USA und UDSSR erwiesen sich als kontradiktorische und nicht als dialektische Widersprüche.

In der Konsequenz konnten nur noch Stellvertreterkriege (Korea, Vietnam, Angola, Afghanistan und andere) stattfinden, weil eine direkte Auseinandersetzung zwischen den ideologischen Kontrahenten einen Weltkrieg und höchstwahrscheinlich das Ende der Welt wie wir sie kennen bedeutet hätte. Dieses war ein wesentlicher Aspekt der neuen Qualität jener Periode.

Nach der Periode der Entwicklung der Massenvernichtungsmittel erreichten wir sehr schnell das Stadium, daß den kollektiven rassischen Selbstmord der Menschheit möglich machte. Die Rakete aber durfte nicht fallen, weil sie mittelbar auch den Absender sowie alle anderen Unbeteiligten und vielleicht sogar alles Leben auf der Erde annihiliert hätte.

Ein weiterer Aspekt war die allgemeine Bewußtwerdung des Gegensatzes von Ökonomie und Ökologie. Die Grenzen des Wachstums erschien im gleichen Jahr wie Gravity’s Rainbow, und machte deutlich, daß sich unser lineares Weltbild nicht für alle Zeiten durchhalten lassen würde. Wie es jedoch scheint, ist der Prozeß bereits unumkehrbar, hat unsere Zivilisation den Brennschlußpunkt (223) schon hinter sich gelassen.

Für den heutigen Zustand seit dem Zerfall der Sowjetunion müssen wir uns halt etwas neues ausdenken. Ich halte Begriffe wie Neue Historisierung, Globalisierung oder allgemeine Balkanisierung da für recht unpassend angemessen (siehe Donald Barthelme oben).

Vielleicht könnte Entwicklung wieder stattfinden, wenn der ehemalige Sozialismus aufhören würde, lediglich die schlechtesten Seiten des Kapitalismus zu kopieren und der Westen aufhörte, mit der Überwindung des Stalinismus auch gleich alle sozialen Errungenschaften des modernen Sozialismus und Erkenntnisse des Humanismus wieder über Bord zu kippen. Stattdessen erleben wir anstelle der bisherigen Stellvertreterkriege in den Ex–Kolonien die Geschichte in Form eines Wiederauflebens der alten „Stammeskämpfe,“ die es schon vor der Ankunft des jeweiligen „weißen Mannes“ gegeben hatte, und zwar global.

Doch auch bei uns werden die Verteilungskämpfe rauher, seit die „soziale Marktwirtschaft,“ die viele soziale Mißstände abfedern konnte, in Verruf gekommen ist, und der Neoliberalismus, soziale und ethnische Ausgrenzung wieder das Regiment führen. Aber der Versuch, die technische Entwicklung ohne den Humanismus voranzutreiben, wird in einer sozialen oder ökologischen Katastophe enden, weil eine reine Kosten-Nutzen Analyse letztlich zu Lasten derer gehen wird, deren Lebensverhältnisse durch den Fortschritt, das Versprechen der Aufklärung, verbessert werden sollten.

Globalisierung bedeutet eigentlich die Wiedereinführung des Sozialdarwinismus, denn global sind lediglich das Elend und das Geld, nicht aber soziale Mindeststandards, die Steuergesetzgebung und Maßnahmen gegen Korruption und Kriegsverbrecher.

Mit dem Hinweis auf die notwendigen strukturellen Anpassungen an die Globalisierung und der Androhung von Arbeitsplatzabbau läßt sich jeder Panzer in jedes Krisengebiet liefern, jeder soziale Standard mit sogenannten Reformen aushöhlen und jeder Kulturetat kürzen.

Solange Devisengeschäfte weltweit weder besteuert noch effektiv kontrolliert werden, werden Spekulanten immer wieder ihre Macht nutzen, um das eine oder andere Land in die Inflation zu stürzen und die Sparer um ihre Renditen zu betrügen.

Von der Moderne zur Postmoderne in Kunst und Literatur

In der Literatur zur Postmoderne finden sich verschiedene historische Abrisse zur Entwicklung der modernen (und weiter zur postmodernen) Kunst seit dem 19. Jahrhundert.Das Internet, von vielen gerne zum postmodernen Medium schlechthin apostrophiert, hat immerhin den Vorteil, das manche Quellen schnell und unkompliziert zu erreichen sind, und so will ich hier auch auf eine Fundstelle verweisen, die ein ganzes Kapitel aus dem Buch The Postmodern Turn von Steven Best und Douglas Kellner beinhaltet, in dem es um die Entwicklung von der Moderne zur Postmoderne in Literatur, Malerei und Architektur geht: Chapter Four: Postmodernism in the Arts: Pastiche, Implosion, and the Popular.

Um die Entwicklung von der Moderne zur Postmoderne zu erläutern, beginnen Best und Kellner mit einem Rekurs auf den Modernismus, die avantgardistische Kunst vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie folgen dabei Fredric Jameson, der den wesentlichen Impuls des Postmodernismus in der Reaktion auf den Wandel in der Rezeption der künstlerischen Artefakte der Hochmoderne versteht, die von Objekten des Widerstandes nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kanon der musealen Hochkultur rückten. parodiert werden oder in sie eingegangen sind. Abgelehnt wird zwar zum einen der esoterische Anspruch (art for art’s sake) des Modernismus, anerkannt wird aber, daß die Kunst seit den französischen Impressionisten von der „Bürde der Representation,“ dem Zwang zur Mimesis, die Literatur von den linearen Erzählformen des Realismus befreit ist. Wie der Modernismus lehnt auch der Postmodernismus diese Vorgaben ab.

Im Unterschied zum Modernismus aber wird die Tradition nicht verworfen, sondern ironisch hinterfragt. Wir sind uns heute bewußt, daß die weitergehenden Forderungen des Modernismus auf die völlige Autonomie des Kunstwerks sowie das Rimbaud-Motto auf Dauer nicht einzulösen sind. Im Gegensatz zum modernistischen Zwang zu Innovation und absoluter Originalität geht die Postmoderne davon aus, daß Zitat, Nachbildung und Simulacrum seit der Antike Bestandteil der Kunst sind.

„Postmodernists abandon the idea that any language -scientific, political, or aesthetic- has a priviledge vantage point on reality; instead, they insist on the intertextual nature and social construction of all meaning. For postmodernists, the belief of the avant-garde in the integrity of the individual as an active agent, in language as revelatory of objective truth, and in faith in historical progress remain wedded to the mythic structure of modern rationalism.“
The Postmodern Turn

Darüberhinaus ist die Abgrenzung des Modernismus von der «Massenkultur» elitär und unrealistisch, wenn wir die Ursprünge ‘unserer’ Kunst im alten Griechenland betrachten, wie beispielsweise John Dewey und andere dies getan haben.the next chapter

Der strukturalistische Ansatz

Das „post“ in Poststrukturalismus impliziert, das es so etwas wie Strukturalismus gegeben hat. Was aber ist das und was aber unterscheidet einen strukturalistischen Ansatz von herkömmlicher literarischer Interpretation?

Nach Roland Barthes (Jefferson, p. 94) ist der Strukturalismus eine bestimmte Art und Weise der Analyse kultureller Artefakte, die sich vorrangig der Begriffe und Methoden der zeitgenössischen Linguistik (Ferdinand de Saussure) bedient und wie der New Criticism in den USA den intentionalen Fehlschluß (intentional fallacy) aufgegeben hat. Die Frage, was der Verfasser eines Textes sagen will, wird zugunsten der Frage, was der Text in einem bestimmten Kontext (der sich aber ändern kann) sagt, aufgegeben.Infolge der Unbestimmtheit des Kontextes aber ist die Frage nach einer universellen, verbindlichen Textaussage obsolet geworden, denn über die Deutung, die ein Text in einem anderen als dem eigenen Kontext erfahren könnte, eine Aussage zu machen, wäre Spekulation.

Der Strukturalismus hat das Prinzip der binären Opposition von Signifikant und Signifikat zu einem zentralen Element der Textanalyse gemacht.

„Bei der strukturalen Analyse wird typischerweise (…) nach hierarchischen Ketten binärer Oppositionen gesucht“
Hawthorn (33)

Einer der Schlüsseltexte zum Strukturalismus ist ein Aufsatz von Roland Barthes, der nur schwer verfügbar zu sein scheint. Er erläutert u.a. die Bedeutung der Linguistik für die zeitgenössische Kunst. Ich habe den Text auch deshalb in HTML gesetzt, um ihn beim Abschreiben noch einmal intensiv zu lesen. Ich wünschte, ich hätte ihn vor fünfzehn Jahren richtig gelesen und denke, daß dieser Verstoß gegen das Copyright inhaltlich gestattet ist, zumal mit dieser Website kein Geld verdient wird:

Roland Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit

Jonathan Culler: Die Dekonstruktion der westlichen Metaphysik nach Derrida

Der Begriff Dekonstruktion, selbst ein Hybrid aus den binären Oppositionen Konstruktion und Destruktion, gilt als wichtigstes Element des Poststrukturalismus. Geprägt wurde er

„von dem französischen Philosophen Jacques Derrida (1930) und impliziert, daß die hierarchischen Oppositionen des westlichen metaphysischen Denkens“
Hawthorn (47ff.)

das Derrida als Logozentrismus bezeichnet, Konstruktionen oder ideologische Auflagen sind, die auf binären Oppositionen sowie auf einem externen Referenzpunkt, einer Präsenz wie Gott, Wahrheit, Ursprung, Ursache, Transzendenz oder einem Zentrum beruhen, wobei all’ diese Begriffe lediglich Metaphern füreinander ohne eigentlichen Inhalt sind, weil das transzendentale Signifikat, auf das diese Signifikanten jeweils verweisen, nicht darstellbar ist.

„Western philosophy (…) has generally acted on the presupposition that language is subservient to some idea, intention or referent that lies outside it. (…) the conceptual oppositions which structure Western philosophical thought (…) all imply that ideas, and indeed content of any kind, exist independently of the medium in which they are formulated.“
Ann Jefferson (113)

Für Derrida besteht die gesamte Geschichte des Logozentrismus, der westlichen Metaphysik, aus einer Kette von Ersetzungen eines Zentrumsbegriffs durch weitere, ebenso metaphorische Begriffe. Philosophien sind für ihn Versionen des Logozentrismus, dieser aber ist für ihn immer die Annahme einer Ordnung von Sinn. Derrida verwendet das griechische Wort logos, um darauf hinzuweisen, daß hinter dem Logozentrismus stets die unausgesprochene Annahme steht, daß das Wort im Gegensatz zur Schrift geoffenbarte Wahrheit sei. Diesem „Glauben an absolute und extrasystemische Bedeutungsdeterminanten“ Hawthorn (259) will die Dekonstruktion die Grundlage entziehen.

Die Doppelstrategie der Dekonstruktion

Die Dekonstruktion will das westliche metaphysische Denken unterminieren, indem sie in einer Doppelstrategie dessen innere Widersprüche aufzeigt. Diese Strategie besteht darin, daß in einem ersten Schritt die Hierarchie der klassischen philosophischen Gegensätze umgekehrt wird. Der zweite Schritt besteht darin, das System hierdurch generell in Frage zu stellen:

„Die Dekonstruktion muß, fährt Derrida fort, «durch eine doppelten Geste, eine doppelte Schreibweise eine Umkehrung des klassischen Gegensatzes und eine generelle Deplazierung des Systems praktizieren. (…) » Der Praktiker der Dekonstruktion arbeitet innerhalb eines Begriffssystems, aber in der Absicht, es aufzubrechen.“
Culler (95)

Um aufzuzeigen, wie man einen Diskurs dekonstruiert, wird auf die Nietzscheanische Dekonstruktion der Kausalität verwiesen:

„Die Kausalität ist ein fundamentales Prinzip unseres Universums. Nähmen wir nicht für selbstverständlich an, daß ein Ereignis ein anderes verursacht, daß Ursachen Wirkungen haben, könnten wir nicht so leben oder denken wie wir es tun. Das Kausalitätsprinzip setzt die logische und zeitliche Qualität der Ursache gegenüber der Wirkung voraus. Aber (…) dieser Begriff der kausalen Struktur ist nicht gegeben, sondern das Produkt einer bestimmten tropologischen oder rhetorischen Operation, einer chronologischen Umdrehung. Nehmen wir einmal an, jemand empfindet Schmerz. Dies veranlaßt ihn dazu, nach einer Ursache zu suchen; indem er vielleicht eine Nadel erblickt, postuliert er eine Beziehung und kehrt die wahrgenommene oder phänomenologische Ordnung Schmerz – Nadel um und erstellt eine kausale Folge: Nadel – Schmerz. «Das Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung , die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert als deren ‹Ursache› … In dem Phänomenalismus der ‹inneren Welt› kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der ‹inneren Erfahrung› ist, daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist …» (Werke, Bd. 3, S. 804). Das kausale Schema wird durch eine Metonymie oder Metalepsis (Ersetzung der Wirkung durch die Ursache) ersetzt; es ist also keine unbezweifelbare Grundlage, sondern das Produkt einer rhetorischen Operation.“
Culler (96-97)

Es ist wichtig, dabei zu verstehen, daß die Dekonstruktion nicht das Kausalprinzip insgesamt verwirft, sondern die Umkehrung der Gegensätze durchaus innerhalb des Systems vornimmt. Die sich hieraus ergebenden Implikationen führen jedoch dazu, daß der Ursprungsbegriff seine «metaphysische Qualität» verliert, als bloßes gedankliches Konstrukt denunziert wird.

„Die Unterscheidung von Ursache und Wirkung macht aus der Ursache einen Ursprung, der logisch und zeitlich vorausgeht. Die Wirkung ist abgeleitet, sekundär, von der Ursache abhängig. (…) Wenn die Wirkung das ist, was verursacht, daß die Ursache zur Ursache wird, dann sollte eigentlich die Wirkung, nicht die Ursache, als Ursprung angesehen werden. (…) Wenn die Ursache wie auch die Wirkung die Position des Ursprungs einnehmen können, dann ist der Ursprung nicht mehr ursprünglich, er verliert sein metaphysisches Privileg.“
Culler (98)

Auf die Bibel angewendet erklärt dies auch das ehemals provokante Nietzscheanische «Gott ist tot» aus dem Zarathustra, denn in Mose 1,26-27 steht, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Umgekehrt wird für den säkularisierten Menschen eher ein Schuh daraus: «Wenn die Dreiecke einen Gott hätten, wäre er dreieckig (Simmel)» steht vorne in meiner Bibel, die ich, durchaus angemessen, Second-hand erworben habe.

Metaphysische Welt. – Es ist wahr, es könnte eine metaphysische Welt geben; die absolute Möglichkeit davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht abschneiden; während doch die Frage übrigbleibt, was von der Welt noch da wäre, wenn man ihn doch abgeschnitten hätte. Dies ist ein rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen Sorge zu machen; aber alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen wertvoll, schreckenvoll, lustvoll gemacht, was sie erzeugt hat, ist Leidenschaft, Irrtum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten Methoden der Erkenntnis, nicht die allerbesten, haben daran glauben lehren. Wenn man diese Methoden als das Fundament aller vorhandenen Religionen und Metaphysiken aufgedeckt hat, hat man sie widerlegt!“
Friedrich Nietzsche: Von den ersten und letzten Dingen, Bd. 1, p. 237

Die Doppelstruktur des Zeichens und die Différance.

Auf die Sprache übertragen wird zwischen dem Sprachsystem «langue» und dem Sprechakt «parole», sowie zwischen Signifikant und Signifikat und «Synchronie» und «Diachronie» unterschieden, Differenzierungen, die auf Ferdinand de Saussure zurückgehen, für den die «Natur des Zeichens» essentiell ist:

„Was verleiht diesem seine Identität, und was befähigt es, als Zeichen zu funktionieren? Er argumentiert, daß Zeichen arbiträr und konventionell sind und daß jedes Zeichen nicht durch wesentliche Eigenschaften, sondern durch die Differenzen definiert sind, die es von anderen Zeichen unterscheidet. Sprache wird so als System von Differenzen aufgefaßt, und dies führt zur Entwicklung der Unterscheidungen, auf die der Strukturalismus und die Semiotik aufbauen: zwischen Sprache als System von Differenzen (langue und den Redeereignissen, welche das System ermöglicht (parole), zwischen der Untersuchung der Sprache als System zu einem gegebenen Zeitpunkt (Synchronie) und der Untersuchung der Beziehungen zwischen Elementen verschiedener Perioden (Diachronie), zwischen zwei Arten von Differenzen innerhalb des Systems, syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungen, und zwischen den beiden Konstituenten des Zeichens, dem Signifikanten und dem Signifikat.“
Culler (109)

Der Signifikant (das Zeichen) aber ist nicht das, wofür er steht (das Signifikat), aber er bezieht seine eigene Identität sowie seine Funktionalität daraus, daß er genau dies behauptet. Seine Identität besteht also aus der Differenz zu sich selbst. Es gibt also einen unauflösbaren Gegensatz zwischen Zeichen (Signifikant) und Bezeichnetem (Signifkat), der dazu führt, daß sich nichts direkt ausdrücken läßt, sondern nur über den Umweg des vermittelnden Zeichens, dessen Bedeutung aber wiederum auch nicht feststeht, sondern durch andere, ebenfalls unsichere Zeichen bestimmt wird. Aber auch dieses Modell ist logozentrisch in dem Sinne, indem die unausgesprochene Annahme fortbesteht, daß die Sprache über der Schrift, das Signifikat über dem Signifikanten steht, was Derrida als «phonozentrisch» bezeichnet. Dahinter steckt nämlich die alte Losung vom Anfang des Johannes-Evangeliums, daß das ursprünglich geoffenbarte Wort etwas göttliches sei: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“Das Konzept, mit dem Derrida jeglichen Logozentrismus begegnet, ist die différance.
Der von Derrida geprägte Neologismus différance kann nur verstanden werden, wenn man beide Möglichkeiten der Bedeutung des französischen Verbs différer, nämlich zum einen ‘aufschieben’ und zum anderen ‘verschieden, unterschiedlich sein,’ einbezieht. Sprachlich ist différance von différence (Unterschied) nicht zu unterscheiden, nur das geschriebene Wort enthüllt die Bedeutung.

Konsequenz ist, daß ein Ursprung nicht zu benennen ist, ein eventueller letztendlicher Sinn durch die so entstehende Signifikantenkette ins Unendliche aufgeschoben wird (Stop Making Sense).

words are only an eye-twitch away from the things they stand for

„Tonight he feels the potency of every word:
words are only an eye-twitch away from
the things they stand for.“ (100)

In Gravity’s Rainbow werden durch die massive Verwendung der Null als Metapher, die „interface“ oder „crossover point“ zwischen den Polen der binären Opposition ist, durch „Reversionen, Konversionen, Metamorphosen und Grenzüberschreitungen“ (Hillgärtner) durch den Nullpunkt hindurch, alle möglichen binären Oppositionen und auf diesem Binärsystem beruhenden «metaphysischen Koordinatensysteme» entpolarisiert und in Frage gestellt. Indem die prinzipielle strukturelle Vergleichbarkeit all dieser Systeme aufgezeigt und somit die Möglichkeit genommen wird, sich auf einen außersystematischen Referenzpol zu berufen, werden alle diese Systeme demystifiziert und dekonstruiert. Alle Konstrukte und Konzepte des Logozentrismus wie Religionen, Esoterika, Wissenschaft, Wahrheit, Geschichte, Gott und Sprache müssen sich diese ironische Relativierung im Roman gefallen lassen.Von einem Text einen Sinn wie in einer göttlichen Offenbarung zu erwarten, wäre vermessen. Weder religiöse Weisheits– noch Geschichtsbücher sind in der Lage, mittels der Schriftzeichen, in denen sie verfaßt sind, die Wahrheit auszudrücken. Dies gilt auch für die Literaturkritik, die versucht, die Bedeutung eines Textes zu offenbaren.

Man muß sich der doppelten Bedeutung des Terminus ‘Apokalypse’ bewußt bleiben, die durch den deutschen Begriff ‘Offenbarung’ nur allzu leicht verschleiert wird: der nicht wegzudenkende Aspekt der Vernichtung. Angesichts des Zustandes der Welt ist es daher nur angebracht, wenn man fragt, welchen Sinn apokalyptische Offenbarungen noch machen, wenn die Katastrophe schon eingetreten ist.

Links

Semiotics and Deconstruction – by Jonathan Culler, English & Comp. Lit., Cornell

Postmodernism and Critical Theory — my collection of links

http://www.ottosell.de/pynchon/dekon.htm

Worauf es ankommt

line-wordpress

Remember: Do X! Don´t do Y!

Protect innocent, respect life, defend art, preserve creativity!

What´s Left? Antisemitism!

http://www.jsbielicki.com/jsb-79.htm

Psychoanalytische Arbeitsstation

Die Anordnungen des Personals sind unter allen Umständen zu befolgen!

Arrêtez la psychanalyse allemande! Vivez la psychanalyse freudienne à nouveau!

refuse-service

The best therapy is the knowledge

DJ Psycho Diver Sant – too small to fail
Tonttu Korvatunturilta Kuunsilta JSB
Tip tap tip tap tipetipe tip tap heija!
http://www.psychosputnik.com
http://www.saatchionline.com/jsbielicki
https://psychosputnik.wordpress.com/

They want 1984, we want 1776

They are on the run, we are on the march!

Be patient, work hard, follow your passions, take chances and don’t be afraid to fail.
I think for food

molon labe

Атеисты всех стран, соединяйтесь!

„И жить торопиться, и чувствовать спешит“ –

Цитата из стихотворения П.А. Вяземского Первый снег (1822). Поставлена А.С. Пушкиным эпиграфом к 1-й главе Евгения Онегина

„Wir wollen schnell leben und eilig empfinden“

(Übersetzung: JSB). Zitat aus einem Gedicht von P.A.Vjazemskij Erster Schnee (1822). Verwendet von A.S.Puschkin in erstem Kapitel von Eugen Onegin (1833).

Вместо диалектики наступила жизнь, и в сознании должно было выработаться что-то совершенно другое.“ – Преступление и наказание (Федор Достоевский)“

La bêtise insiste toujours, on s’en apercevrait si l’on pensait pas toujours à soi. (Albert Camus, La peste.)

Alles Monströse fängt immer mit dem Verbot der Sexualität an.

Das beste Mittel gegen Depressionen ist das zu tun, was getan werden soll.

Merkel hat einen Haufen Psychopathen nach Deutschland eingeschleust, zufällig dunkelhäutige.

Die Deutschen gehen zwar immer seltener in die Kirche, dafür jedoch predigen sie selbst ohne Ende.

Kassandra sei für den fortschrittlichen Trojaner eine „populistische Hetzerin“.

„Das Leben sei ein Märchen, erzählt von einem Idioten“ – Shakespeare in Macbeth.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – Grabinschrift von Ingeborg Bachmann

Statt der Dialektik erfolgte das Leben, und das Bewußtsein mußte es verarbeiten, das es etwas ganz anderes ist.“ – Verbrechen und Strafe (Fjodor Dostojewski)“ (Übersetzung JSB.)

Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. (Norbert Bolz)

Geschlossenheit ist gut, Diskurs ist Streit, also verwerflich. Sagen ausgerechnet die, die Kritik an den Regierenden als Grundprinzip ihrer Profession ausgegeben hatten. Aber nur, bis sie die Meinungsführerschaft errungen hatten. An der halten sie nun fest.

Die sich in ihrem Aufgeschlossensein und ihrer Weltoffenheit Sonnenden sind weder aufgeschlossen noch weltoffen. Sie sind Besserwisser, die es besser wissen wollen, als es die Fakten nahe legen. Die Toleranten sind intolerant. Die Gleichmacher spalten. Die Diversitätsprediger streben nach Hegemonie. Die Antibürgerlichen sind die übelsten Spießbürger. Die Faschisten gebärden sich als Anarchisten, und die frei gewählte Monarchin kennt keine Parteien mehr.

In Deutschland herrscht ein Neuer Totalitarismus der selbsternannten „Guten“, die jede andere als eigene, herrschende Ansicht mit Geschrei, Diffamierungen, Ausschluß und Denunziation zum Schweigen zu bringen versuchen. In Deutschland ist Faschismus nicht verschwunden, er hat nur die Seiten gewechselt und neue inoffizielle mediale helldeutsche Reichsschrifttumskammern aufgestellt, die darüber wachen, daß über ihre Fetische (z.B. die Invasion der Heiligen, pauschal Flüchtlinge genannt) nur huldigend und anhimmelnd gesprochen wird. Für mich sind diese in eigener Moral mit Schaum vor dem Mund sich selbst zur Extase des Hasses hochgeputschten Hetzer gegen jede von ihrer eigenen abweichende Meinung die neuen Nazis. Antifa ist Nazifa. Wie Max Liebermann angesichts des Nazi-Deutschland zuletzt sagte, ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.Wie zu Kaisers Zeiten – Der Mainstream-Populismus gefährdet die offene Gesellschaft.

 

Während in der Türkei Menschen verfolgt, ermordet, drangsaliert und gequält werden, der Islamofaschismus zunehmend erstarkt,  und nach Europa greift,
echauffieren sich Deutsche über Trumps Wahl auf dem Niveau von Diskussionen über Ergebnisse von Eurovision Song oder DSDS und der große Freund von Erdogan zum deutschen Bundespräsidenten gewählt werden soll.

Die Erkenntnis ist kein fertiges Ding, sondern ein dialektischer Prozeß, in dem eine neue Erkenntnis nur durch Negation und Aufhebung einer bestehenden Erkenntnis gebildet werden kann. Die gegenwärtige Gesellschaft und vor allem ihre selbsternannten „Eliten“ verhindern, diffamieren und bekämpfen andere als gerade herrschende, etablierte Meinungen und verwandeln damit lebendige Erkenntnis in eine tote, verdinglichte Ideologie, die damit vom Wissen zum Unwissen, zum Fetisch wird. Das gilt für alle institutionalisierten lediglich eigene Macht selbst akkumulierenden Bürokratien, die Politik, die Wissenschaft, die Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse und andere.

Die Psychoanalyse muß sich hüten, erbaulich sein zu wollen.

Nicht die Flutwelle der Ankömmlinge, sondern die hier Ansäßigen sind traumatisiert.

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb; oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“ (Theodor W. Adorno, 1959)

Deutsche neigen zur Wahnbildung einer „Willkommenskultur“ zwecks Angstverdrängung ihres schwachen ICHs angesichts des Islamofaschismus, ihr Autoritärer Charakter (Adorno) erträgt Ambivalenzen nicht.

Der Mensch ist ein Text, der eine wie von Marcel Proust, der andere wie aus der Apotheker Umschau.  In einer Beziehung wird immer ein Buch geschrieben, ein Gedicht, ein Essay, eine Erzählung, ein Roman, ein Polizeiprotokoll, eine Bankbillanz, ein Einkaufszettel, eine Notiz – je nachdem. Liebe ist Hermeneutik, beide Texte gemeinsam zu lesen und gegenseitig in Einem mieinander  weiterzuschreiben. Sex ist dabei die Typografie und das Papier, das Aussehen das Cover, die Illustrationen.

Der Mensch ist ein sich aus sich selbst heraus fortschreibender (eo ipso) Text, und Psychoanalyse (falls sie eine solche ist)  ist Hermeneutik dieses Textes, im psychoanalytischen Prozeß wird der Text verstanden und unter Mitwirkung des Analytikers vom Analysanden weitergeschrieben, weitergestaltet.

»Die Sprache ist [.] ein Werkstück, und jeder kann auf sie draufhauen« (Elfriede Jelinek)

In seinem Vortrag „Marxismus und Dichtung“, gelesen 1935 auf dem Congrès pour la Défense de la Culture in Paris, schreibt Bloch, dass im sozialistischen Denken als dem einzig orientierenden, mancher marxistischer Dichter meint, „…er sei durch die Kälte dieser Berührung behindert. Das Innen kommt nicht gut dabei weg, das Gefühl und die sorgsame Lust, es zu sagen, werden nicht immer zur Kenntnis genommen. Jede Blume gilt dann als Lüge, und der Verstand scheint nur als trocken, oder, wenn er Saft hat nur als Säure erlaubt.“[1]

[1] [1] Ernst Bloch: Literarische Aufsätze.  Frankfurt a.  Main 1985, S.  138.

Wer keine Lebensfreude hat, der hat Moral.

Deutschland ist eins der am meisten, wenn nicht das am meinsten durchtherapierte Land der Welt, Psychotherapie, Selbsterfahrung, Coaching, psychologische Seminare überall, vom Flüchtling bis Bankvorstand. Deutschland ist das Land der Betreuten und der Betreuer, der Behandelten und der Behandler, der Patienten und ihrer Therapeuten. Kein Wunder, daß auch in der Politik Deutschland die Rolle eines Psychotherapeuten für den Rest der Welt, für ihren Patienten, beansprucht. Nach so viel Psychotherapie müssten Deutsche die Vernünftigsten, die Mutigsten und die Zufriedensten in der Welt sein, anstatt die Irrationalsten, die Ängstlichsten und die Unzufriedensten. Wieso ist es so?

Es ist so, weil Deutsche Selbsterkenntnis mit Selbstsucht und Tiefsinnigkeit mit Selbstbezogenheit verwechseln und was sie für Psychotherapie und Selbsterkenntnis halten, lediglich eine Bestärkung eigener narzistischer Opferrolle ist, mit Erklärungen, daß für das eigene Schicksal nur andere verantwortlich, also schuldig seien, vorwiegend die Mutter, der Kapitalismus, die Amerikaner und die Juden (Israel, Zionisten). Reflektion niergendwo, überall nur Beschuldigungs- und Betreuungsindustrie. Das ist, was Deutsche für Psychotherapie halten, das ist die herrschende Psychokratie in Deutschland, ein Werkzeug der Volksverdummung. Nirgendwo Aufklärung, nirgendwo Reflektion, die Unwissenheit ist Stärke, rot-rot-grüner Anton Reiser überall, Theodor Wiesengrund nirgends mehr.

Man ist das, was man in der Welt wahrnimmt und in seinem Leben macht. Wer sich mit sich selbst beschäftigt, beschäftigt sich mit gar nichts, außer daß man sein narzisstisches Selbst aufbläst.

Wenn 1.000.000 Menschen an ein Kalb mit 3 Köpfen glauben , dann nennt man es Religion, wenn 10.000 Menschen an ein Kalb mit 3 Köpfen glauben, dann nennt man es eine Sekte, wenn 1 Mensch an ein Kalb mit 3 Köpfen glaubt , dann nennt man es Paranoia.

Die Linken und Grünen sind heute der Staat, sie feiern sich selbst und ihre Politik unter den knatternden Fahnen. Der Protest der Jugend kommt deswegen von Rechts.

Da die Herrschenden heute sich Links und Grün nennen, kann Opposition nur Rechts heißen.

Zur Psychoanalyse, psychoanalytischer Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierter (psychoanalytisch orientierter) Psychotherapie gehören als zentrales Thema gesellschaftliche Probleme. Es geht nicht immer nur um die Mutterbrust,
sondern auch um Konflikte in der Gesellschaft, in der der Mensch lebt und von der er formiert und deformiert wird.

Die real existierende Psychoanalyse in Deutschland ist ein politisch korrekter institutionalisierter Kastrat, der jedes konflikthafte Thema meidet, verhindert, zensiert, kontroverse Psychoanalytiker mundtot macht. Was Carl Müller-Braunschweig, Felix Boehm, Schultz-Hencke, Ernest Jones eingebrockt und Annemarie Luise Christine Dührssen für die nächsten 1000 Jahre dingfest festgebacken hat, ist für die Katze. „Zwar war Freuds Psychologie des Unbewußten längst von deutschen Mandarinen »verwissenschaftlicht« und die Psychoanalytische Bewegung durch Hitlers Terror zum Stillstand gebracht worden. Doch auch in den aktuellen Theorie- und Praxis-Gestalten der reimportierten, medizinalisierten und konventionalisierten Psychoanalyse glomm noch der Funke der Freudschen Ideologiekritik.“ – (Helmut Dahmer, In: Konkret 02/92, S. 52.)
Die Medizinalisierung und Technokratisierung der Psychoanalyse machte sie zum toten Ding, zum Fetisch im saturierten Strukturalismus, der weder die Postmoderne noch den Dekonstruktivismus erfahren hat.

Ich haben nach vielen Auseinandersetzung mit der herrschenden Psychokratie verstanden: das Psychokraten-Racket präsentiert sich aktuell als selbstveredelte Omertà mit Enigma-Chiffriermaschine und Vertuschungshoheit, Verschweigeprivileg, Bemäntelungsbefugnis, Lizenz zum Retouchieren, Zensieren, Relativieren. Aufdeckende Methoden in der Psychotherapie sind damit verbannt und werden bald verboten. Nihil novi sub sole. Unwissenheit ist Stärke.

Rackets – nach Adorno mafiaartige bürorkatische alienähnliche selbt machtakkumulierende Verwaltunsorgane, mächtiger als Kapitalismus.

Die Welt ist nicht von Oberlehrern geschaffen. Ihr wesentliches Element ist das noch ungelebte Wirkliche. – Ernst Bloch

 Materialismus ist, die Welt ohne vorgefaßte idealistische (religiöse) Schrullen zu betrachten.

Die stärkste alles beherrschende, selbstakkumulierende Macht ist nicht mehr der Kapitalismus, sondern die Bürokratie, die Rackets der Verwaltung.

Islam ist eine gewaltverherrlichende faschistische menschenverachtende Antikultur

Die Natur macht das Ei und das Kind, Gott macht den Hahn und den Mann.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,
es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ – Karl Marx

Der Bescheidene weiß bescheid.

Deutsche erkennen die Verkommenheit der Ankommenden nicht, weil sie die Eigene verdrängen. Das macht Angst.

Intelligenz und Charakter sind angeboren, vererbt, wie Augenfarbe, Nase, Füße, usw.

Seit 2001 bestimmt eine einzige Religion die Debatte: Der Islamofaschismus.

Es gibt keinen richtigen Islam im falschen.

Das Gutmenschen-Syndrom : die Gedankenlosigkeit, die Ignoranz, die Heuchelei (Hypokrisie) und die Verleumdungssucht.

Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, daß es keines mehr gibt. (Adorno)

Was nicht anfaßbar ist, wird unfaßbar, das Unberühbare wird zum Fetisch.

Der Mensch ist nicht nur ein gesellschaftliches und psychisches Wesen, er ist auch ein natürliches, biotisches Wesen.

Der kategorische Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. (Karl Marx)

Ohne daß die Massen, und zwar gerade wegen ihrer sozialen Integration, ihr gesellschaft­liches Schicksal irgend mehr in der Hand hätten als vor 120 Jahren, entra­ten sie nicht nur der Klassensolidarität, sondern des vollen Bewußtseins dessen, daß sie Objekte, nicht Subjekte des gesellschaftlichen Prozesses sind, den sie doch als Subjekte in Gang halten. (Adorno) Die Beziehung zwischen objektivierten Subjekten und subjektivierten Objekt kennzeichnet die gesellschaftliche Struktur der kapitalistischen Gesellschaft. Aber um das zu begreifen, müsste man das andere Kapital lesen. (Paul Stegemann)

Nur der Tod ist vorhersehbar, das Leben nicht.

Empörungskollektive behindern die Erkenntnis.

CYNIC, n. A blackguard whose faulty vision sees things as they are, not as they ought to be.  – Ambrose Bierce [pseudonym Grile Dod]

Reiche sind Arme mit viel Geld

Deutsche Psychoanalyse verwechselt Leblosigkeit mit Abstinenz und Beziehungslosigkeit mit Sachlichkeit.

Die ersten sechs Generalbundesanwälte der BRD waren sämtlich ehemals Mitglieder der NSDAP.

Wer nicht klar schreiben kann, der kann auch nicht klar denken.

Islam eine totalitäre Ideologie der Unterwerfung, der religiös verbrämten Machtergreifung. Täter sind Muslime, Muslime sind Sympatisanten der Täter.

Dreams unite, ideas divide.

Politik: Widerwertigkeit einer zum Staat gewordenen Kloake.

„Sooft ich eine politische Rede höre oder lese, was die uns Regierenden schreiben, bin ich entsetzt, seit Jahren nichts zu vernehmen, was einen menschlichen Klang hätte. Es sind immer die gleichen Worte, die die gleichen  Lügen berichten. Und daß die Menschen sich damit abfinden, daß der Zorn des Volkes diese Hampelmänner noch nicht zerschmettert hat, ist für mich der Beweis, daß die Menschen ihrer Regierung keinerlei Bedeutung zumessen und daß sie spielen, ja wahrhaftig mit einem ganzen Teil ihres Lebens und ihrer sogenannten lebenswichtigen Interessen spielen.“ – Albert Camus

Für Antisemitismus braucht man keine Juden, man braucht nur Antisemiten.

Jeder ist anders. Wirklich. Einheitliche Front ist eine Illusion, eine Täuschung, eine Lüge.
Konflikte und Koalitionen werden in Masken ausgetragen.
Realität ist anders.
Angela Merkel ist an Andreas-Lubitz-Syndrom erkrankt und fliegt Deutschland gegen die Wand.

„Die Wilden sind nicht bessere Menschen“ – Adorno

Der „autoritäre Charakter“ mit seiner narzisstischen Kränkung und seinem Sado-Masochismus, offenbart eine reaktionäre „Furcht vor der Freiheit“.

Ex Oriente Tenebris

Um Menschen zu verstehen, muß man den Sinn fürs Absurde haben.

Faschismus hat die Seiten gewechselt

„The only reason people do work for airlines is because the Nazi party is no longer hiring.“ –
Die beste Therapie ist das Wissen

Angela Merkel in BILD-Zeitung, 29. November 2004 auf die Frage, welche Empfindungen Deutschland in ihr weckt: „Ich denke an dichte Fenster! Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen.“

„Wenn ein Truthahn nach tausend Tagen geschlachtet wird, erscheint der Todestag dem Truthahn als unvorhersehbar, nicht aber dem Metzger.“ – Nassim Nicholas Taleb

Schnick, Schnack, Schnuck – Schere, Stein, Papier – Extremistan, Mediokristan, Absurdistan

Die FAZ, das intellektuelle Flagschiff der Republik hat sich zu Merkel mit der Breitseite gewendet.
Dummköpfe, in Deutschland „Eliten“ genannt, werden diesen Ausdruck für eine freundliche Geste halten, für eine deutche Übersetzung des „Always Look on the Bright Side of Life“.
In den geistigen Anal-Phabetismus dieser „Eliten“ sind die „Flüchtlinge“ ohne Weiteres integrierbar, einer geht immer noch herein.
„Wart Pac pałaca, a pałac Paca“, sagen dazu die Polen, “ der eine taugt sowenig wie der andere“.
Steht doch diesem Staat eine Frau ohne Eigenschaften vor, die den von Robert Musil beschriebenen Zerfall kurz vor 1914 (huch, was war denn da?) repräsentiert und betreibt.

„Das deutsche Volk kann Revolution machen nur noch gegen sich selbst.“ – Ulrich Sonnemann

„Weil das Notwendige nicht getan werden will, eröffnet sich der Spielplatz der Selbstverwirklichung; wem Vernunft als dogmatisch gilt, der hat jedenfalls Verstand genug, seine Halluzinationen auf Punkt und Komma zum totalen System der Sozialreform auszuarbeiten. Die materialistische Kritik hatte zwar 1848 versucht, sich einen Überblick zu verschaffen, denn „Ökonomisten, Philantrophen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter“ wetteiferten schon damals darum, den „wahren“ deutschen Sozialismus (der besten, größten, stärksten in der Welt Philantropie, nämlich der deutschen, à la Merkel) auf Touren zu bringen.“ – Joachim Bruhn

»Kann sein«, fuhr er in seiner Schilderung der Zukunft Österreichs fort, »daß uns, wenn wir mit den Türken Krieg führen, die Deutschen in den Rücken falln, weil die Deutschen und die Türken zusammenhalten. Wir können uns aber mit Frankreich verbünden, das seit dem Jahr einundsiebzig auf Deutschland schlecht zu sprechen is. Und schon wirds gehn. Es wird Krieg geben, mehr sag ich euch nicht.« – sagte Schwejk.

„Es gibt doch tatsächlich eine verständige Definition der Widervernunft als solcher, statt den Massenmord als den irren Versuch scharfsinniger Rindviecher zu entziffern, die paradoxe, an sich selbst unbegreifliche Identität des Kapitals als automatisches Subjekt zu liquidieren und es als fixe Qualität zu verdinglichen, als Versuch daher des volksgemeinschaftlichen Mordkollektivs, das Kapital als naturale Eigenschaft sich einzuverleiben, d.h. das „Geldrätsel“ zu lösen, indem man G — G‘ (Geld macht Geld Anm.JSB) zum Wesen des Deutschtums erhob. Weil das Mordkollektiv vom Wahn inspiriert war, in der jüdischen „Gegenrasse“ sei das Geheimnis endlos gelingender Akkumulation quasi genetisch inkorporiert, so daß es des kollektiven Raubmords bedürfe, dieses Geheimnis den Juden aus dem Leib zu reißen und den Deutschen einzuverleiben, weil es ihre negative Utopie ausmacht, sich in den „Kapitalfetisch“ zu verwandeln und sich selbst als „reiner Automat“69 darzustellen: daher konnte der Versuch, das „Tausendjährige Reich“ der definitiven Abschaffung aller Vermittlung und der Selbstdarstellung des Deutschtums als des automatischen Fetischs schlechthin nur in der barbarischen Einheit von Verstandesdiktatur und Apokalypse münden.
Der Nationalsozialismus war in dieser Perspektive „nichts anderes als“ der Versuch des Subjekts, sich selbst zu rassifizieren, um das Kapital unmittelbar als natürliche „Eigenschaft“ sich anzueignen, d.h. sein „Naturrecht“ auf die so endlos wie krisenfrei gelingende Akkumulation zu verwirklichen : eben das ist der (ja, auch: Lust-) Gewinn, den das Kollektiv aus Verfolgungswahn und Massenmord einstrich. Das war die Geschichte des Nationalsozialismus als Produktionsverhältnis, das ist der Grund dafür, daß die Deutschen nie deutscher waren als am 9. Mai 1945, daß sie seitdem die absolute Transzendenz ihrer Geschichte niemals werden vergessen können, bis endlich die „Emanzipation der Deutschen zu Menschen“(Marx) doch noch revolutionär gelingen möge. Es ist diese Überbietung jedweder Vermittlung im Mord an den Juden, die seitdem „aufgearbeitet“, bzw. voller Sehnsucht rekapituliert wird. Der öffentliche ,Diskurs‘ über den NS gleicht nicht nur einer nicht enden wollenden Trauerrede — wenn etwa die FAZ jammert, Hitler habe „das Selbstbewußtsein der einfachen Menschen gestärkt und seine Arbeitsleistung gewürdigt. Der Sinn für das Allgemeinwohl, dessen Träger der Staat ist, wurde wieder geweckt.“ — , sondern dieser ‚Diskurs‘ ist nichts anders als die Selbstdressur in die doch noch gelingen mögende Erfüllung des Hitlerschen Vermächtnisses. Es ist sein „Politisches Testament“ vom 29. April 1945, das seitdem abgearbeitet wird, sein letzter Wille, dem „internationalen Judentum und seinen Helfern“ den totalen Krieg zu erklären und dafür immer wieder aufs Neue im deutschen Staat die so klassenübergreifende wie die Klassen in sich aufhebende Volksgemeinschaft zu verschweißen, d.h. das Mordkollektiv, daß in erlogener präventiver Notwehr dagegen sich erheben solle, daß „die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden.“ Die restlose Verschmelzung der Individuen als Körper mit ihrer gesellschaftlichen Subjektfunktion hat stattgefunden, die deutsche Utopie war schon einmal Wirklichkeit gewesen: das ist der Grund für das allseits festgestellte Ausbleiben einer jeden Panik und Hysterie in der größten Krise des Kapitals seit 1929, der Grund auch dafür, das die konformistischen Revolteure etwa der Bewegung gegen das Stuttgarter Bahnhofsgrab selig identisch und zur Melodie von „Freude, schöner Götterfunken“ singen können: „Wir sind das Volk, wir sind das Geld.“ Das Urvertrauen in den Souverän ist ungebrochen (wenn nur diese Regierung nicht wäre!). (…) Der Warenhüter, das (juristische) Subjekt, in die Antinomie von Bourgeois und Citoyen, deren Synthese der Souverän in der Gestalt negativer Versöhnung ist, wie sie zuerst in der Form des Soldaten erscheint: kasernierte Mordenergie, bedingungslose Bereitschaft zum Töten und Getötetwerden, damit die Dezision (Entscheidung Anm.JSB) über Leben und Tod in letzter Instanz. (…) Im Normalzustand der Akkumulation ist der Souverän als Bedingung der Möglichkeit der Existenz von Staatsapparaten unsichtbar. Aber die Souveränität als reines Verhältnis von Befehl und Kommando, als die bedingungslose Pflicht zum Opfer und als unbedingte Freiheit zum Morden, wie sie im allgemeinen Menschen präsent ist, tritt in der großen Krise hinter den Staatsapparaten hervor und aus ihnen heraus, hebt die Gewaltenteilung auf und setzt sich absolut als „frei aus sich selbst Anfangendes“, als so ableitungs- und begründungs- wie rechtfertigungsloses „Ich will.“ (Hegel)
Die Begriff des Nationalsozialismus ist demnach, d.h., wie ihn auch der Materialist Johann Georg Elser praktisch zu fassen suchte, in der Perspektive zu entwickeln, daß Hitler als Erscheinung des allgemeinen Deutschen, als der Souverän, hinter den Staatsapparaten hervortrat und als Person unmittelbar alles, was deutsch ist, verkörperte. Darin nun konvergieren die Kritik der politischen Ökonomie und gewisse Einsichten der Psychiatrie, denn eine barbarische Gesellschaft kann nur von einem Subjekt repräsentiert und ausagiert werden, das seiner psychischen Konstitution zufolge nichts anderes als ist als eben: die negative Aufhebung des Subjekts, d.h.: ein Barbar sondergleichen.  (…) Die Gestalt des unmittelbar allgemeinen Deutschen, der in einer Person inkarnierten Souveränität, ist der archimedische Punkt, zu dessen Begriff die materialistische Kritik dringend ihrer Belehrung durch Psychiatrie und Psychoanalyse bedarf. (…)
In der Konsequenz der unmittelbaren Erscheinung des allgemeinen Deutschen erblüht ein grandioses Verschmelzungserlebnis von Masse und Macht: das Glück vermittlungsloser Identität in der verkehrten Gesellschaft. Es ist, „als ob“ die Utopie des wahren deutschen Sozialismus, „man könne allen Waren den Stempel unmittelbarer Austauschbarkeit aufdrücken“, d.h. „alle Katholiken zu Päpsten machen‘, sich in der Volksgemeinschaft realisiert hat. Das Verhältnis von Volk und Führer mündet, je intensiver der Mordwille sich ausagiert, in zwar geborgter, gleichwohl fugenloser Identität, zumindest solange, wie auch nur ein Jude noch am Leben ist und die Jagd weitergehen darf bzw.: muß. (Darum ist Israel den Deutschen Verheißung und Schrecken zugleich, eben: „Das letzte Tabu deutscher Außenpolitik“90, d.h. Objekt von Angstlust par excellence.) Der Nazifaschismus war ein Traum — das ist der Profit, den Babi Jar und Treblinka den Deutschen abgeworfen haben, denn im Massenmord hatten sie sich die absolute Transzendenz einmal schon angeeignet. Die gern beschwatzte „Unfähigkeit zu trauern“ gründet darin, daß man die Verschmelzung niemals wird vergessen können und den Staat als den Garanten sine qua non ihrer möglichen Wiederkehr versteht, d.h. als Versprechen. Es ist die Hoffnung auf das organisierte Pogrom, was gegen Panik immun macht.
Das bedeutet nicht, daß dem System des erst pazifizierten, dann oberflächlich parlamentarisierten Wahns der deutschen Ideologie keine bemerkenswerten Einsichten in die Zukunft der Krise möglich sind, auch wenn dessen Lautsprecher nicht wissen, was sie denken, bevor sie hören, was sie sagen oder lesen, was sie schreiben — so der FAZ-Kolumnist Frank Schirrmacher, der, mutmaßlich den Einflüsterungen Dietmar Daths erlegen, dies zu bedenken gibt: „Wer meint, daß die aktuelle Vernichtung des Grundvertrauens in die Rationalität ökonomischen Handelns ohne Folgen bleibt, wird sich spätestens bei den nächsten Wahlen enttäuscht sehen. Über Nacht ist die Welt des Geldes fiktionalisiert worden. Die Flucht in die Verstaatlichung, die von den Banken selbst angeführt wird ist der Bankrott der Metaphysik des Marktes.“ So verständig schreibt kein „Neues Deutschland“. Und weiter: „Jetzt, da völlige Unklarheit darüber herrscht, was ist und was nicht ist, kann nur der Staat noch dezisionistisch darüber verfügen, daß etwas und nicht vielmehr nichts existiert.“ Noch ist nicht von Juden, sondern vom Geldwert die Rede, aber jeder weiß, was gemeint ist, nämlich die Erklärung des obersten Volkswirts in der Wolfsschanze. In derlei traumwandlerischen, aber zielsicheren Inszenierungen des Staatlichkeitswahns wird die sehnsüchtige Erinnerung an wie die tätige Hoffnung auf das (neuerliche) Erscheinen des unmittelbar allgemeinen Deutschen beschworen, denn wenn schon die aktuellen „Notstandsgesetze“ nichts weniger bedeuten als eine „Revolution von oben“ — wo ist dann der Kyffhäuser, wo wartet der authentisch deutsche Revolutionär? Es ist diese unheimliche Sehnsucht, die die Linkspartei mit der Rechtspartei trotz aller, oberflächlich betrachtet, verschiedener Terminologie lange schon eint, bevor sie nun, im sich warmlaufenden „Extremismus der Mitte“, zur Volksfront sich finden werden, zugleich der Grund dafür, warum ein ausgemachter Prä-Faschist wie der „Professor für BWL an der FH Worms“, Max Otte, den Horst Köhler und die Sarah Wagenknecht in einem Atemzug und fürs haarscharf Gleiche loben kann, für deren Programm „Werden Sie ,Volkskapitalist‘!“ und für ihren Appell: „Gebt das Geld in unsere Hände!„93 Denn wer, wenn nicht wir, ist das Geld? (…) Der Traum der deutschen Ideologie ist die Verwandlung der Volksgenossen in die lebendige Münze. In diesen Verschmelzungsphantasien läuft sich die neuerliche Transformation des bürgerlichen wie des proletarischen Besitzindividuums langsam warm in das, was Johann Most treffend die „Eigentumsbestie“94 genannt hat, d.h. die selbstbewußt zynische Verschmelzung der Individuen als homogene Subjekte mit der Akkumulation. Die gesellschaftliche Mitte, d.h. der Angelpunkt der falschen Gesellschaft wie der Nullpunkt ihres Bewußtseins zugleich, hat längst G — G‘ als ihr Naturrecht proklamiert und sinnt jetzt auf Rache dafür, daß niemand „den echten Wert der Bilanzen“‚ kennt. Denn, so Marx, „in dem zinstragenden Kapital ist die Vorstellung vom Kapitalfetisch vollendet, die Vorstellung, die dem … Geld die Kraft zuschreibt, durch eine eingeborene geheime Qualität, als reiner Automat, in geometrischer Progression Mehrwert zu erzeugen, so daß es … allen Reichtum dieser Welt für alle Zeiten als ihm von Rechts wegen gehörig und zufallend schon längst diskontiert hat.“96 Das ist die historische Mission der Eigentumsbestie, daß es den Fetischismus und die Naturalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht länger, wie es der akademische Marxismus glauben machen möchte, als die nur historische „zweite Natur“, d.h. bloße Kulisse und Simulation des „als ob“ dulden mag, sondern als die erste, rassische Qualität des Deutschtums setzen und sich einverleiben will.
„Aller Reichtum dieser Welt für alle Zeiten“, und dies von Staats und „von Rechts wegen“, sagt Marx, d.h. eben: das tausendjährige Reich glücklich gelingender Akkumulation im endlich doch noch vollbrachten Endsieg vollendeter Selbstrassifizierung.  (…) Wo alle darum kämpfen, ein kleines Licht in einer großen Finsternis zu sein, wo ein jeder seine Utopie „vorlebt“, da treibt man sich gegenseitig in die allgemeine Umnachtung und hat sein Spaßvergnügen dabei 
“ – Joachim Bruhn

„Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv.“ – Max Horkheimer/Theodor W. Adorno

Der Mensch ist nur noch eine staatsnotwendige Fiktion und als solche ist er das natürliche Material des Staates, der homogenisierte Lehm, der gelehmte Homo, aus dem die Staatspyramiden entstehen.

Zum Lernen muß man alleine sein. Wer nicht alleine sein kann, kann nicht lernen. Beziehuhngssüchtige, die ständig in Gruppen sein wollen, die ständig Kontakte suchen, auch elektronisch, im Internet, Handy, Kneipe, in sonstigen Gemeinschaften, Communities, werden zu Loosern, wenn sie es nicht bereits sind. Der Mensch ist ein Idividuum, er will jedoch lieber wie ein Regenwurm in einem Wurmhaufen vegetieren. Wo ein Wir ist, verschwindet das Ich. Aber nur ein Ich kann denken, das Wir kann lediglich fühlen, wie Würmer, die nur aus Bäuchen bestehen. Dann gibt es eine Volksgemeinschaft, die nicht denken kann, aber auf ihr Bauchgefühl stolz ist. Die Folge vom Bauchgefühl ist, was hinten herauskommt. Und darauf, was hinten herauskommt sagt der Deutsche, kommt es ja an. Und hinten kommt bestenfalls nur heiße Luft und Scheiße heraus.

“I think it’s very healthy to spend time alone. You need to know how to be alone and not be defined by another person.” ― Oscar Wilde

Das Leben: zum Teil Freiheit, zum Teil Sicherheit
Totale Freiheit, totale Sicherheit bringen nur den Tod.

„Nie waren die Deutschen deutscher als am 9. Mai 1945, und deshalb war der Nazi-Fa­schismus keine Enthüllung und keine Offenbarung, sondern ein Produktionsverhältnis im durchschlagendsten Sinne: die Produktion der Barbarei als einer qualitativ neuen, dem Kapital im doppelten Sinne des Wortes entsprungenen Gesellschaftlichkeit. Der Antisemitismus er­schöpft sich keineswegs ,schon‘ darin, eine Verfolgungs- und Vernichtungspraxis zu initiieren, d.h. die sog. „Endlösung“, sondern er war zugleich die Produktion des Deutschen an und für sich, d.h. die Transformation der Bevölkerung in das deutsche Volk, d.h. dessen tatsächliche Enderlösung. Die entscheidende Frage ist also, was eigentlich das Mordkollektiv davon gehabt hat, was sein Movens war, die Tat zu begehen, und wie es sich selber begierig, lustvoll und lei­denschaftlich in der Verfolgung und Ermordung der Juden als etwas substantiell Neues konsti­tuiert hat — und wie das, was schließlich konstituiert worden ist, in der Gegenwart als die zum „Tausendjährigen Reich“ noch fehlenden 988 Jahre fortwest und die Bedingung der Möglich­keit dessen ist, daß die Krise, wie sie seit Jahren in den schwarzen Messen des nationalökono -mischen Okkultismus abgefeiert wird, von den Landsleuten so überaus gelassen, fast stoisch schon, hingenommen wurde und wird.“ – Joachim Bruhn

Die Kontrolle über die unkontrollierte Masseneinwanderung haben sich Einwanderer erkämpft.

Es gilt die Gesinnung, nicht die Realität«Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus.‘ Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus.» – Ignazio Silone
«Antifa ist die linke Ausprägung des Faschismus. Sie ist also selbst das, was sie vorgibt zu bekämpfen.»

Sklaven träumen nicht davon, freie Menschen, sondern Sklavenhalter zu werden.

„Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht.“ – Norbert Bolz

„Die Sprache ist im Guten wie im Schlechten nicht mehr Medium der Erkenntnis, sondern der kulturellen Hegemonie. (..) Wo sich statt Antagonismen Spannungsfelder auftun, hat der Geist bereits kapituliert. (…) Eine Welt, in der alle einander wechselseitig als kompatibel anerkennen und stets »das Gemeinschaftliche im Auge behalten«, kann schwerlich etwas anderes als die Hölle auf Erden sein. (…) Die Beliebigkeit ist also nicht harmlos, sondern hat hier wie auch sonst ein bestimmtes Ziel: die Zerstörung individueller Urteilskraft zugunsten einer Logik der »Anerkennung«, in der jeder Lüge Recht gegeben und jede triftige Erkenntnis in die Schranken ihres »Standorts« verwiesen wird.“ – Magnus Klaue

„Hochverrat ist eine Frage des Datums“ – Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord

Die Skandalisierung eines Skandals ist eine in deutschen Medien meisterhaft beherrschte Disziplin.

„Es ist eine alte Weisheit, dass Macht stets die Verführung mit sich bringt, sie zu missbrauchen.“ – Wolfgang Schmidbauer

„C.G.Jung war ein psychoanalytischer Faschist, ein faschistisch schäumender Psychoanalytiker. “ – Ernst Bloch

„Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann“ (…) „Die Gesellschaft (die Internationale Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie (IAÄGP). Anm.JSB) setzt von allen ihren schriftstellerisch und rednerisch tätigen Mitgliedern voraus, daß sie Adolf Hitlers grundlegendes Buch ›Mein Kampf‹ mit allem wissenschaftlichen Ernst durchgearbeitet haben und als Grundlage anerkennen. Sie will mitarbeiten an dem Werke des Volkskanzlers, das deutsche Volk zu einer heroischen, opferfreudigen Gesinnung zu erziehen.“ C.G.Jung

„Ich weiß nicht, was passieren muss, bis endlich was passiert.“
„Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek

„Auch der sublimste erkenntnistheoretische Idealismus führt unweigerlich zum Solipsismus, zur Vergottung des Ichs, einer Elite, einer Rasse und endet schließlich im blutigsten Imperialismus.“ John F. Rottmeister

„Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist.“ – Angela Merkel 

Psychoanalyse ist eine Erhebung über die Situation. Von oben hat man bessere Aussicht.

„Kritische Theorien, wie die Freudsche, artikulieren eine Erfahrung, die mit den jeweils herrschenden Denk- und Wahrnehmungsweisen unvereinbar ist. Gerade in dem, was der Konvention als unbrauchbar, als Abfall gilt und wovon in Wissenschaft und Lebenspraxis methodisch abgesehen wird, entdecken die Revolutionäre der Denkart das Neue, das ei¬ne bestehende Einrichtung des Lebens in Frage stellt. Indem sie an das Ausgegrenzte und erfolgreich Vergessene erinnern, markieren sie den Mangel der Ordnung, die über dem Grab der verworfenen Alternativen triumphierend sich erhebt. Und das dem Status quo verschworene Kollektiv stempelt solche Alchimisten, die aus Dreck Gold zu machen schei¬nen, stets zu Außenseitern6 . Aus der Erfahrung dessen, was den vorherrschenden, institutionalisierten Zwecken widerstrebt, erschüttern die Neuerer deren fraglose Geltung.“ – Helmut Dahmer

Die Umwälzung nach 1945  führte nicht zur Überwindung des Nationalsozialismus  als Ideologie der deutschen Volksgemeinschaft, sondern rief lediglich die eitle Illusion hervor, daß mit der Kritik am Nationalsozialismus das nationalsozialistische Dünken selbst und seine innere Konflikthaftigkeit mit dem Judentum überwunden sei.

„Wie es Tatbestände gibt, die die Sinne in die Irre führen, wie im Fall der optischen Täuschung, so gibt es welche, die die unangenehme Eigenschaft haben, dem Intellekt Schlüsse zu suggerieren, die gleichwohl falsch sind.“ – Christoph Türcke

Das Geschlecht ist ein sozialer Konstrukt? Berg, Tal, See und das Meer auch!

Bereits Marx diagnostizierte den Deutschen das Umkippen von Ideologie in Wahn und Lüge. Wie gegenwärtig der Fall ist, neigen die Deutschen zu Ausbrüchen des kollektiven Wahns, der Massenpsychose mit zunehmendem Realitätsverlust.
Der Wahn ist kurz, die Reue lang, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Nach dem I. Psychosputnik-Gesetz verwandelt sich der frei florierende Zynismus ab gewissem Verdichtungsgrad seiner Intensität in hochprozentige Heuchelei, analog zu einer atomaren Kernschmelzereaktion. Diesen Prozess der zunehmenden Zynismuskonzentration mit anschliessender Explosion der Heuchelei kann man sehr deutlich gegenwärtig in Deutschland beobachten. Das Denken ist weggeblasen, pulverisiert, das (Hoch)Gefühl ist voll an seine Stelle getreten.

»Indem (der gesunde Menschenverstand) sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen, und ihre Existenz nur in der zustande gebrachten Einheit der Bewußtseine. Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im Gefühle stehenzubleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können.« – G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes

„Die Verschleierung eigener Positionen durch Zitate und Zitatselektion dient dazu, eigene Positionen unkenntlich zu machen.“ – Ursula Kreuzer-Haustein

„Die Neurose ist das Wappen der Kultur.“ – Dr. Rudolf Urbantschitsch, Seelenarzt; „Sehr schön, aber es laufen derzeit schon weit mehr Heraldiker als Adelige herum.“ – Karl Kraus, Schriftsteller

„Zuerst verlieren die Menschen die Scham, dann den Verstand, hernach die Ruhe, hierauf die Haltung, an der vorletzten Station das Geld und zum Schluß die Freiheit.“ – Karl Kraus

„Ausbeutung heißt Beute machen, sich etwas durch Gewalt aneignen, was nicht durch eigene Arbeit geschaffen wurde, sich etwas nehmen, ohne Gleichwertiges zurückzugeben – Maria Mies

»Die Psychoanalyse ist eine Panne für die Hierarchie des Denksystems« – Pierre Legendre

Psychoanalyse entwickelt sich nicht weiter, weil sie nicht angewandt wird, es wird nur über sie gesprochen.

»Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen Geistes gegen die religiöse Weltan­schauung nicht zu Ende gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter unseren Augen ab … Die erste Einwendung, die man hört, lautet, … die Wissenschaft ist zur Be­urteilung der Religion nicht zuständig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, solange sie sich auf ihr Gebiet beschränkt, aber die Religion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen … Die Religion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das Höch­ste, Wertvollste, Erhabenste ist, was der menschliche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Gefühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträglich und das Leben lebenswür­dig macht … Darauf braucht man nicht zu antworten, indem man die Einschätzung der Religion bestreitet, sondern indem man die Aufmerksamkeit auf einen anderen Sachver­halt richtet. Man betont, daß es sich gar nicht um einen Übergriff des wissenschaftlichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, sondern um einen Übergriff der Religion auf die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was immer Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des Denkens auszunehmen … Eine auf die Wissen­schaft aufgebaute Weltanschauung hat außer der Betonung der realen Außenwelt wesent­lich negative Züge, wie die Bescheidung zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen« (Freud, 1933, S. 182 ff. und S. 197).

„Freuds »Religions«-Kritik galt den »Neurosen« genannten Privatreligionen (Heiraten, romantische Liebe, Gier, Ethik und Moral, etc. Anm. JSB) ebenso wie den kollektiven (Nation, Gutmenschen, Sport, etc. Anm. JSB);“ – Helmut Dahmer

Freud prognostizierte, die bestehende Gesellschaft werde an einem Übermaß nicht absorbierba­rer Destruktivität zugrundegehen. (sofern nicht »Eros« interveniere (Eros ist nicht Ficken, sondern Caritas. Anm. JSB)).

„Wer dem Kult der »Werte« frönt, kann unsanft erwachen, wenn im Kampf der Klassen und Parteien, von dem er sich fernhält, Gruppen obsiegen, auf deren Pro­gramm eine »Umwertung der Werte«, z. B. die Aufwertung von »Un­werten« steht.“ – Helmut Dahmer

»Hinsichtlich der allgemeinen nervlichen Belastung wirkte die Lage im Dritten Reich auf den psychischen Zustand des Volkes ziemlich ambivalent. Es unterliegt kaum einem Zwei­fel, daß die Machtergreifung zu einer weitverbreiteten Verbesserung der emotionalen Ge­sundheit führte. Das war nicht nur ein Ergebnis des Wirtschaftsaufschwungs, sondern auch der Tatsache, daß sich viele Deutsche in erhöhtem Maße mit den nationalen Zielen identifizierten. Diese Wirkung ähnelte der, die Kriege normalerweise auf das Auftreten von Selbstmorden und Depressionen haben. (Das Deutschland der Nazizeit verzeichnete diese Erscheinung zweimal: nämlich 1933 und 1939.) Aber gleichzeitig führte das intensi­vere Lebensgefühl, das von der ständigen Stimulierung der Massenemotionen herrührte, auch zu einer größeren Schwäche gegenüber dem Trinken, Rauchen und Vergnügungen« – Richard Grunberger

Von Anfang an hat­te Hitlers Regime auch den Anstrich der Rechtmäßigkeit

„Die psychiatrischen Truppen der »kaiserlichen deutschen Psychiatrie« (Alexander und Selesnick, 1966, S. 214) jedoch, die 1914 ins Feld zogen, bekriegten immer noch die Krankheit, den äußeren Eindringling in ein gesundes System, und nicht die Neurose, das innere Ungleichgewicht zwischen Psychodynamik, Umwelt und Geschichte.“ – Geoffrey C. Cocks (Diese Einstellung herrscht bis heute in der deutschen Psychotherapie und findet explosionsartige Vermehrung im KOnzept der sog. „Traumatisierung“. Anm- JSB)

Der Plural hat kein Geschlecht.

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ -Albert Einstein

„Der psychoanalytische Bei­trag zur Sozialpsychologie der jüngsten Vergangenheit (und Gegenwart Anm.JSB) und ihrer Verar­beitung ist heute ebenso unerwünscht wie die Libidotheorie zu Anfang des Jahrhunderts.“ – I.Kaminer

»Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom >freien Ausleben< der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit.« – Sigmund Feud, Gesammelte Schriften«, Band XI, S. 201 ff.)

Dummheit ist, wenn jemand nicht weiß, was er wissen könnte.

Dummheit äußert sich heute als empörter Moralismus.

Liebe: nur bestenfalls eine Mutter akzeptiert ihr Kind, so wie es ist, ansonsten muß man Erwartungen anderer erfüllen, um akzeptiert zu werden.

Früher galt als mutig, wer ein Revolutionär war, heute reicht es schon, wenn einer seine Meinung behält.

“Jeder fünfte Bewohner des Westjordanlandes ist ein israelischer Siedler”, greint die Generaldelegation Palästinas heute auf ihrer Homepage.
Und jeder fünfte Bewohner Israels ist ein palästinensischer Araber.
So what?

Werte ohne Einfühlungsvermögen sind nichts wert.

Manche Menschen fühlen physischen Schmerz, wenn sie ihre gewohnten Vorstellungen zugunsten der Realität korrigieren sollen, sie wenden ihre gesamte Intelligenz mit Unterstützung ihrer Agressivität auf, um die Realität nicht zu erkennen und ihr Selbstbild unverändert beizubehalten.

Immer mehr fühlen, immer weniger denken – Der Mensch unterscheidet sich vom Tier nicht durch Gefühle, denn Säugetiere haben die gleichen Gefühle, wie der Mensch: Trauer, Angst, Wut, Liebe, sondern durch sein Denken. Wenn er denkt, falls er denkt.

Political correctness ist, wenn man aus Feigheit lügt, um Dumme nicht zu verärgern, die die Wahrheit nicht hören wollen.

„Sagen Sie meiner Mutter nicht, daß ich in der Werbung arbeite. Sie denkt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ – Jacques Seguela

BILD: FAZ für Hauptschüler

Wer „ich will frei sein“ sagt, und es sagen viele, der ist ein Idiot. Denn das höchste was der Mensch als Freiheit haben kann, ist die Freiheit, seine Pflicht frei zu wählen.

“Im Streit um moralische Probleme, ist der Relativismus die erste Zuflucht der Schurken.“ Roger Scruton

Nonkonformistische Attitüde und affirmative Inhalte – einer Kombination, die schon immer die linksdeutsche Ideologie gekennzeichnet hat. – Stephan Grigat

Es sind dieselben, die behaupten, das Geschlecht wäre nicht biologisch angeboren, sondern nur ein soziales Konstrukt, und zugleich daß die Homosexualität kein soziales Konstrukt wäre, sondern biologisch angeboren.

Antisemitismus ist, wenn man Juden, Israel übelnimmt, was man anderen nicht übelnimmt.

„Es gibt zwei Dinge“, so wußte Hitler schon 1923, „die die Menschen vereinigen können: gemeinsame Ideale und gemeinsame Kriminalität“ .

Nach der gewaltsamen Beendigung des Mordens durch die Alliierten waren die Deutschen (und sind es bis heute geblieben) noch deutscher als zuvor.

„Der Staat sind wir“: Dies Credo der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalles war die Wahrheit der Volksgemeinschaft, und der Nazismus war die vermittlungslose Basisdemokratie der Deutschen.

Die Demokratie der Bürger ist die interessierte Demutsadresse an den autoritären Staat.

„Die deutsche Nation ist das Apriori dieser seltsamen Wissenschaft, die

vorgibt, nichts zu kennen als Quellen, Quellen und nochmals Quellen, nichts als das

lautere Plätschern der Tatsachen und das ungetrübte Sprudeln der Empirie. Die

Quelle aber ist der Historie, was der Jurisprudenz das Indiz: Spielmaterial, bloße

Illustration des Systemzwangs zum Rechtsfrieden, d.h. empirische Legitimation der

vorab existenten letzten Instanz, an der jede Berufung aufhört und jede Revision

endet. Egal, wer Recht hat, solange nur Recht ist; was immer die Quellen sagen,

ein Beweis gegen die Nation wird sich daraus nie und nimmer folgern lassen.“ (…)

„Historische Wahrheit wird nach dem Modell von Meinungsumfragen vorgestellt;

kein Sample jedoch wird je repräsentativ genug sein,

um der deutschen Nation als solcher die Taten der Nazis zuzurechnen.

Die juristische Methode dieser seltsamen Wissenschaft, die sich die Behandlung der

Geschichte anmaßt, weiß so überaus sorgfältig zwischen Intention und Resultat zu

scheiden, daß der einzig noch mögliche Weg historischer Wahrheitsgewinnung, der

allerdings leider ausgeschlossen ist, Psychoanalyse wäre.“ – Joachim Bruhn

Da die Psychoanalyse heute auch nur noch ein korruptes Racket ist, würde sie nicht helfen.

 Der Himmel, wenn er sich schon öffnet, zitiert sich am liebsten selbst. 

Je verkommener eine menschliche Kreatur, desto eher fühlt sie sich beleidigt, respektlos behandelt, in ihrer Ehre verletzt.

Der Nicht-Antisemit ist ein Antisemit, der nach der derzeitigen deutschen Rechtsprechung, Israel, Juden diffamiert, diskriminiert, delegitimiert, jedoch nicht expressis verbis das Ziel der dritten Reichs, den Holocaust, die Judenvernichtung, befürwortet.

Aus Deutschland erreicht mich „tiefe Sorge um den Friedensprozess“. Vorsicht: Wo ist es im Nahen und Mittleren Osten derzeit so friedlich und vergleichsweise gewaltarm wie in Israel? Wo leben Araber derzeit sicherer als in Israel? Wo haben sie besseren Zugang zu Bildung, Arbeit, Konsum und medizinischer Versorgung? – Götz Aly

Islam ist weniger eine Religion und mehr eine totalitäre Gesellschaftsordnung, eine Ideologie, die absoluten Gehorsam verlangt und keinen Widerspruch, keinerlei Kritik duldet und das Denken und Erkenntnis verbietet. Der wahre Islam ist ganz anders, wer ihn findet wird eine hohe Belohnung erhalten.

Der religiöse Rassismus der Islamisten, der den völkischen Rassismus der Nazis ersetzt hat, erklärt Allah zum Führer und die Jihadisten zu seiner privilegierten Kampftruppe: Wenn man so will, zu Allahs SS. Der Zusammenhalt dieser Kampftruppe wird über die Jenseitserwartung von Hölle und Paradies, also über das Instrument der religiösen Angst, sichergestellt. Diese Selbstbildfantasie der Islamisten ist mit ihrer (zumeist antijüdischen) Feindbildfantasie untrennbar verknüpft. – Matthias Küntzel

Wahnsinn bedeute, immer wieder das gleiche zu tun, aber dabei stets ein anderes Resultat zu erwarten.

Gutmenschen sind Menschen, die gut erscheinen wollen, die gewissenlos das Gewissen anderer Menschen zu eigenen Zwecken mit Hilfe selbst inszenierter Empörungen instrumentalisieren.

Irritationen verhelfen zu weiteren Erkenntnissen, Selbstzufriedenheit führt zur Verblödung,

Wenn ein Affe denkt, „ich bin ein Affe“, dann ist es bereits ein Mensch.

Ein Mensch mit Wurzeln soll zur Pediküre gehen.

Wenn jemand etwas zu sagen hat, der kann es immer sehr einfach sagen. Wenn jemand nichts zu sagen hat, der sagt es dann sehr kompliziert.

Sucht ist, wenn jemand etwas macht, was er machen will und sucht jemand, der es macht, daß er es nicht macht und es nicht machen will.

Sollen die Klugen immer nachgeben, dann wird die Welt von Dummen regiert. Zu viel „Klugheit“ macht dumm.

Wenn man nur das Schlechte bekämpft, um das Leben zu schützen, bringt man gar nichts Gutes hervor und ein solches Leben ist dann nicht mehr lebenswert und braucht nicht beschützt zu werden, denn es ist dann durch ein solches totales Beschützen sowieso schon tot. Man kann so viel Geld für Versicherungen ausgeben, daß man gar nichts mehr zum Versichern hat. Mit Sicherheit ist es eben so.

Zufriedene Sklaven sind die schlimmsten Feinde der Freiheit.

Kreativität ist eine Intelligenz, die Spaß hat.

Wen die Arbeit krank macht, der soll kündigen!

Wenn Deutsche über Moral reden, meinen sie das Geld.

Ein Mensch ohne Erkenntnis ist dann  lediglich ein ängstlicher, aggressiver, unglücklicher Affe.

Denken ist immer grenzüberschreitend.

Der Mob, der sich das Volk nennt, diskutiert nicht, sondern diffamiert.

Legal ist nicht immer legitim.

Wer nicht verzichten kann, lebt unglücklich.

Sogenannte Sozial-, Kultur-, Geisteswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse, sind keine Wissenschaften mehr, sondern immanent religiöse Kultpropheten, organisiert wie Sekten. Es sind Sozio-, Pädago- und Psychokratien, Rackets, die Erkenntnis nicht fördern, sondern verhindern.

Ohne eine starke Opposition atrophiert jede scheinbare Demokratie zur Tyrannei, und ebenso eine Wissenschaft, zur Gesinnung einer Sekte.

Man kann alles nur aus gewisser Distanz erkennen, wer sich ereifert, empört, wer mit seiner Nase an etwas klebt, der hat die Perspektive verloren, der erkennt nichts mehr, der hat nur noch seine Phantasie von der Welt im Kopf. So entsteht Paranoia, die sich Religion, und Religion als Politik, sogar als Wissenschaft nennt.

Islamisten sind eine Gefahr, deswegen werden sie als solche nicht gesehen. Juden sind keine Gefahr, deswegen werden sie als solche gesehen. So funktioniert die Wahrnehmung von  Feiglingen.

Humorlose Menschen könner nur fürchten oder hassen und werden Mönche oder Terroristen.

Menschen sind nicht gleich, jeder einzelne Mensch ist ein Unikat.

Erkenntnis gilt für alle, auch für Muslime, Albaner, Frauen und Homosexuelle.

Islam gehört zu Deutschland, Judentum gehört zu Israel.

Der Konsensterror (Totalitarismus) ist in Deutschland allgegenwärtig.

Es wird nicht mehr diskutiert, sondern nur noch diffamiert.

Es ist eine Kultur des Mobs. Wie es bereits gewesen ist.

Harmonie ist nur, wenn man nicht kommuniziert.

Man soll niemals mit jemand ins Bett gehen, der mehr Probleme hat, als man selbst.

>>Evelyn Waugh, sicherlich der witzigste Erzähler des vergangenen Jahrhunderts, im Zweiten Weltkrieg, herauskommend aus einem Bunker während einer deutschen Bombardierung Jugoslawiens, blickte zum Himmel, von dem es feindliche Bomben regnete und bemerkte: “Wie alles Deutsche, stark übertrieben.“<< Joseph Epstein

Man muß Mut haben, um witzig zu sein.

Dumm und blöd geht meistens zusammen.

Charlie Hebdo: solche Morde an Juden sind euch egal, mal sehen wie”angemessen”  ihr reagiert, wenn (wenn, nicht falls) eure Städte von Islamisten mit Kasam-Raketen beschossen werden.

Christopher Hitchens großartig: „In einer freien Gesellschaft hat niemand das Recht, nicht beleidigt zu werden.“

Je mehr sich jemand narzisstisch aufbläht, desto mehr fühlt er sich beleidigt und provoziert.

“Das Problem mit der Welt ist, daß die Dummen felsenfest überzeugt sind und die Klugen voller Zweifel.” – Bertrand Russel

Das Problem mit den Islamisten in Europa soll man genauso lösen, wie es Europa für den Nahen Osten verlangt: jeweils eine Zweistaatenlösung, die Hälfte für Muslime, die andere Hälfte für Nicht-Muslime, mit einer gemeinsamen Hauptstadt.

Was darf Satire? Alles! Nur nicht vom Dummkopf verstanden werden, weil es dann keine Satire war.

Islamimus ist Islam, der Gewalt predigt.

Islam ist eine Religion der Liebe,und wer es anzweifelt, ist tot.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Der Islam ist die friedliche Religion der Liebe George Orwell 2015

Islam ist verantwortlich für gar nichts, Juden sind schuld an allem.

Islamisten sind Satanisten. Islamismus ist eine Religion von Idioten.

Leute fühlen sich immer furchtbar beleidigt, wenn man ihre Lügen nicht glaubt.

Jeder ist selbst verantwortlich für seine Gefühle.

Die Psychoanalyse geht niemanden außer den Psychoanalytiker und seinen Patienten etwas an, und alle anderen sollen sich verpissen.

“Zeit ist das Echo einer Axt
im Wald.
Philip Larkin, Gesammelte Gedichte

Wenn jemand wie Islamisten sein Ego endlos aufbläht, dann verletzt er seine eigenen Gefühle schon morgens beim Scheißen.

„Die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: Reichtum ohne Arbeit Genuß ohne Gewissen Wissen ohne Charakter Geschäft ohne Moral Wissenschaft ohne Menschlichkeit Religion ohne Opfer Politik ohne Prinzipien.“
―Mahatma Gandhi

„Wo man nur die Wahl hat zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten.“
―Mahatma Gandhi

Warum zeigt sich Allah nicht? Weil er mit solchen Arschlöchern nichts zu tun haben will.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.”  – Ignazio Silone

Politische Korrektheit verlangt eine Sprache für ein Poesiealbum.

Psychoanalyse ist frivol, oder es ist keine Psychoanalyse.

Bunte Vielfalt, früher: Scheiße

Was der Mensch nicht mehr verändern, nicht mehr reformieren kann, ist nicht mehr lebendig, sondern sehr tot. Was tot ist, das soll man, das muß man begraben: Religion, Ehe, Romantizismus, etc.

Romantik ist scheiße.

Die Realität ist immer stärker als Illusionen.

Deutschland gestern: der Wille zur Macht.
Deutschland heute: der Wille zur Verblendung.
Deutschland morgen: 德國

Deutsche Psychoanalyse? Großartig, wie deutscher Charme, deutscher Humor und deutscher Esprit.

Der Widerstand fängt mit einer eigenen, anderen Sprache als die der Diktatur.

Smart phones for stupid people.

Ein Linker kann, muß aber nicht dumm sein.

Wenn man ganzen Staaten nicht übel nimmt, wenn sie mit Millionen Opfern Selbstmord begehen, warum dann einem Co-Piloten mit 149 Toten?

Nur die Reinheit der Mittel heiligt den Zweck.

Ein extremer Narzißt ist ein potentieller Terrorist, und jeder Terrorist ist ein extremer Narzißt.

Islamisierung bedeutet Verblödung.

…der hiesige Autoritarismus (ist) einer ohne Autorität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen. Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl, sondern sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als es das Wort vom „Befehlsnotstand“, von der „Gleichschaltung“ oder vom „Führer“ selber glauben machen will, herrschte das NS-System durch Gehorsam ohne Befehl. (W. Pohrt, Der Weg zur inneren Einheit)

Der faschistische Sozialpakt existiert im bundesdeutschen Postfaschismus weiter als eine im Resultat aufgehobene Voraussetzung, die unmittelbar keine Spur ihrer gewaltförmigen Durchsetzung mehr an sich trägt: umso besser kann diese Tatsache verleugnet und der Nationalsozialismus als das Verbrechen einiger Irrer, als „Unrechtsstaat“, als „das Schlimmste, das Menschen einander je angetan haben“ exorziert werden. Diese Lebenslüge der BRD ist das Fundament aller demokratischen „Vergangenheitsbewältigung“, jenes kollektiven Beschweigens des Nationalsozialismus, das durchaus auch die Form enervierender Redseligkeit annehmen kann. Weil das postfaschistische Deutschland in institutioneller wie personeller Hinsicht in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht, muß ausnahmslos jeder Versuch einer Vergangenheitsbewältigung innerhalb des sich weiterschleppenden Systems zur symbolischen Distanzierung, zum substanzlosen Gestus geraten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Deutschen einen schier unerschöpflichen Vorrat an größeren und kleineren Entlastungslügen angelegt, aus dem sie sich je nach Gelegenheit und Bedarf bedienen. Danach war das nationalsozialistische System wahlweise das Werk von Hitler höchstpersönlich, einer kleinen Verbrecherclique und ein paar Helfershelfern oder des Monopolkapitals und seiner Schergen. Otto Normalvergaser jedenfalls hat „von alledem nichts gewußt“, war „im Grunde auch dagegen“ oder „konnte gar nicht anders handeln“, weil „Befehlsnotstand“ herrschte und man im Falle des Zuwiderhandelns sofort „ins KZ gekommen“ wäre. “ (…) „Heute haben die Verbreitung des Gerüchts und die Verbreitung der Neidbeißerei neue, technische Möglichkeiten. Sie können sich über das Internet und diverse Subnetzwerke und Blogs rasend verbreiten und auch auf die Politik einen Druck erzeugen, sich ihnen zu beugen. Die gesellschaftliche Mobilmachung wirkt so wieder auf die Politik zurück. Sie muss sich den entsprechenden Stimmungen beugen, weil sonst die Wiederwahl gefährdet würde. Die Devise »Ich bin ihr Führer, also muss ich ihnen folgen«, bleibt auch im zerfallenen Postnazismus das prinzipienlose Grundprinzip von Herrschaft.“ (…) Spezialisierung und Diversifikation sind die zeitgemäße Erscheinungsform von Vermassung und Uniformität. (…) 1 x 1 materialistischer Kritik: es  muss darum gehen, Erscheinungen in eine Konstellation zu bringen, in der sie lesbar werden. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. Und weil gerade die Entfernung vom Nazismus die Nähe zu ihm verbürgt, waren und sind das diejenigen, die in Personensache am wenigstens mit Nazifaschistischem in Verbindung zu bringen sind, die Linksradikalen, die Linksliberalen, die Linken, die Antifaschisten, die entschiedensten Schrittmacher dafür, dass der anfangs noch gar nicht wirklich übergreifende postnazistische Fundamentalkonsens tatsächlich totalisiert und auf die Höhe der Zeit gebracht werden konnte. Die Nazis und die Rechten hingegen waren für diesen Vorgang nur von unterordnetem Belang. Sie standen immer schon für eine in ihrer konkreten Ausprägung gestrige Gesellschaftsformation und deshalb ging von ihnen auch nie eine ernsthafte Gefahr eines neuen Faschismus aus. Diese Totalisierung der Gemeinschaft der Demokraten, die hauptsächlich die Linke mit herbeigeführt hat, ist allerdings identisch und das zeigt sich heute mit ihrem Zerfall. Dieser wiederum ist im Selbstwiderspruch der postnazistischen Vergesellschaftung angelegt, in der der bereits erwähnte nazistische Kurzschluss von Staaten Subjekt im Modus permanenter Mobilmachung in den politökonomischen Formen im Doppelsinne aufgehoben ist. Seiner Substanz nach anerkannt und aufbewahrt, wie vorerst suspendiert und seiner Verlaufsform nachgezügelt. Also statt den Blockwarten gab es Aktenzeichen XY, da durfte sich jeder dann auch telefonisch dran beteiligen, aber richtige Jagdszenen gab es in der alten Bundesrepublik nicht oder nur in Ausnahmefällen. Taxiert selbst zu Zeiten der Prosperität jeder insgeheim seinen Erwerb als verkappte Arbeitslosenunterstützung, so mobilisiert die Krise der postnazistischen Vergesellschaftung erst Recht die Sehnsucht nach der alten Staatsunmittelbarkeit. Johannes Agnoli schrieb dazu schon in der Transformation der Demokratie 1966: „Der präfaschistisch liberale Ruf nach dem starken Staat wiederholt sich postfaschistisch neoliberal“. Und damit gerät das ganze System des autoritären Etatismus und geraten letzten Endes die politökonomischen Vermittlungen als solche wieder ins Visier des Volkszorns und es war wiederum die Linke, die noch zu Zeiten, wo keine Krise in Sicht war, im sinistren Tram nach Liquidation der Vermittlungen die Zunge gelöst und ihm neue fantasievolle und kreative, wie es so schön heißt, Äußerungsformen zur Verfügung gestellt hat. Sie war das Laboratorium, in dem die allgemeine Mobilmachung eingeübt und jener darauf zugeschnittenen neue und zugleich sehr alte Sozialcharakter herangebildet wurde, indem sich mittlerweile eine Mehrheit spontan wieder erkennt. Derjenige Sozialcharakter, der nach dem Motto „Ich leide, also bin ich“ sich einerseits unter Berufung auf die höchst unverwechselbare Diskriminierung, die ihm angeblich wiederfährt, zur kleinsten existierenden Minderheit erklärt, sich gleichsam nach dem Muster verfolgter und in ihrer Kultur bedrohter Völker begreift und andererseits als Gegensouverän seine private, warnhafte Feinderklärung allen anderen oktroyieren möchte und diesem Zweck entweder vorhandene gesellschaftliche Organisationen zu Rackets umfunktioniert, neue Rackets gründet oder andere Rackets mit ins Boot holt. Der einstige demokratische Fundamentalkonsens wird dadurch einerseits ins einzelne Subjekt zurückverlagert und andererseits vermittlungslos verallgemeinert. Aus der formell kollektiven Feinderklärung der Mitte gegen die Extreme, das war der Normalfall in der Bundesrepublik bis weit in die 80er Jahre, Terroristenhasse, einige werden sich noch daran erinnern. Aus dieser kollektiven Feinderklärung der gesellschaftlichen Mitte gegen die Extreme wird also die pluralisierte Feinderklärung alle gegen alle, die getrennt vereint sich zusammenrotten und auf diese Weise zerfällt die Gemeinschaft der wehrhaften Demokraten und reorganisiert sich zugleich hin zu zerfallen. Ein Zitat von Wolfgang Port in einem anderen Zusammenhang macht es sehr schön deutlich: „Wie durch höhere Gewalt sondern sich die Langen von den Kurzen, die Weiblichen von den Männlichen, die Alten von den Jungen, die Dicken von den Dünnen ab“ und das Resultat ist eine Segregation und Ghettoisierung durch welche die Metropolen, einem riesigen Freiluftgefängnis mit seinen Unterabteilungen für Männer und Frauen, Jugendliche, Kranke, Alte, Port schreibt etc., man könnte noch Schwule und Lesben und Migranten und was weiß ich noch alles ergänzen, Protestanten, Katholiken, Ossis, Wessis, immer ähnlicher werden. Neu ist, dass dieses Freiluftgefängnis als eine kulturelle Einrichtung und seine Insassen als Kulturbotschafter begriffen werden und es ist diese nahezu flächendeckende Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mehrheit und der einzelnen Individuen in ihr, die in der Postmoderne ihr bewusstloses Selbstbewusstsein und ihre Legitimation erfährt und im antirassistischen PC-Sprech sich ihren Ehrenkodex schafft, ihre Omertà, die sich an ihresgleichen und die verbliebenen Kritiker draußen richtet, Islamophobie ist ihr derzeit aktuellstes Schlagwort. Dieser Vorgang, diese Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mitte und ihr Zerfall ist also die Bedingung der neuen Haltung Ausländern und Migranten gegenüber, an denen die Deutschen projektiv ihre ersehnte Regression auf den Stamm illustrieren. Was ihnen umso leichter gelingt, als manch ihrer Repräsentanten und Lobbyisten sich anschicken, genau dem Bilde zu gleichen, das die Deutschen sich seit jeher von ihnen machten und wofür sie von ihnen jetzt nach kollektiv und offiziell ins Herz geschlossen werden. Der mittlerweile zur Dauereinrichtung erklärte Karneval der Kulturen ist nichts anderes als ein Zerfallsprodukt der postfaschistischen Demokratie, mehr noch, er ist diese Gemeinschaft in einer zugleich flexibilisierten und pluralisierten und kollektivierten Gestalt. In dieser Völkerfamilie, die die Deutschen gerne auf der ganzen Welt hätten, wären da nicht Israel und die USA als Störenfriede und die sie aus Mangel an Realisierungschancen deshalb erstmal bei sich zuhause einrichten, geht es dabei zu, wie in jeder guten Familie: Die einzelnen Mitglieder sind einander spinnefeind und die Widersprüche und Konflikte, die daraus resultieren, gehören auch voll und ganz dieser Vergesellschaftung an, sind von ihr konstituiert und dazu gehört ein fein dosiertes Spiel mit Fremdheit und Nähe, das von allen Beteiligten auch weiterhin gepflegt wird, weil damit ein moralisches Plus bei der Gefolgschaft eingefahren werden kann. (…) Der zweite Weltkrieg war ein kulturindustrielles Massenevent. (…) Eine neue Barbarei sei stets zu befürchten, wird sich nicht aus dem Geist Nationalsozialismus unmittelbar speisen, sondern im Gewande von demokratischem Antifaschismus von Lernen aus der Geschichte und political correctness daher kommen.(…) Abwehr des offenen Faschismus durch dessen demokratische Entnazifizierung und Eingemeindung. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. (…) Die postnazistische Demokratie hat  die nationalsozialistische Mobilmachung des „gesunden Volksempfindens“ zwar nicht abgeschafft, sondern nur sistiert – sie hat es aber andererseits auch in die Latenz abgedrängt und damit gebremst, indem sie es in die mediatisierende Form des bürgerlichen Repräsentationsprinzips zwängte.  (…) „Rassismus“ ist ein ideologisches Stichwort eines anti-rassistischen Rackets, das jeden Realitätsbezugs entbehrt, das seine Mitglieder vielmehr nur als Ausweis von Gesinnungsfestigkeit und Ehrbarkeit vor sich hertragen und das ihnen als probates Mittel dient, um nach Willkür und freiem Ermessen festzulegen, wer gerade als „Rassist“ zu gelten hat. Und dieses „anti-rassistische“ Racket, das sind heutzutage fast alle: längst ist die Gegnerschaft zum Rassismus keine Domäne der Linken mehr, sondern offizielle Staatsraison und common sense aller Ehrbaren und Wohlmeinenden, und das ist die erdrückende Mehrheit.  (…) Von der moralisierenden Aufdringlichkeit und der enervierenden Verlogenheit einmal abgesehen, ist die Ehrfurcht, die „anderen Kulturen“ entgegengebracht wird und die Unterwürfigkeit, mit der ihre Träger geradezu als Heilsbringer verehrt werden, keine Gegenposition zum Rassismus, sondern dessen logische wie historische Voraussetzung, die im Rassismus und allen naturalisierenden Ideologien als ein Moment überlebt: deren Grundmuster ist die projektive Bekämpfung dessen, was man selbst gern möchte, aber nicht erreichen kann, und deshalb gehört zur Diskriminierung der Neger wegen ihrer „Faulheit“ die Bewunderung für den „Rhythmus, den sie im Blut haben“ und die Achtung vor ihrer „sagenhaften Potenz“; somit ist der „Anti-Rassismus“ nichts weiter als die notwendige Kehrseite des Rassismus selbst, die sich von diesem abgespalten hat und gegen ihre eigene Grundlage wendet. Historisch jedenfalls geht die Wertschätzung fremder Kulturen ihrer späteren, „rassisch“ legitimierten Abqualifizierung voran und sie ist auch logisch deren Voraussetzung: Christoph Columbus etwa beschreibt in seinen Tagebüchern die Eingeborenen, die er 1492 auf den Bahamas, Cuba und schliesslich Haiti angetroffen hat, folgendermaßen: sie sind „ängstlich und feige“, „sehr sanftmütig und kennen das Böse nicht, sie können sich nicht gegenseitig umbringen“, „sie begehren die Güter anderer nicht,“ und er resümiert: „Ich glaube nicht, dass es auf dieser Welt bessere Menschen oder ein besseres Land gibt.“ (7)  (…) Protestantische Innerlichkeit: gemäß der Devise, dass vor der schlechten Tat der schlechte Gedanke und das schlechte Wort kommen, die man demzufolge austreiben muss, damit alles besser wird. (…) So kommt es, dass es heute der Anti-Rassismus ist, der, unter dem Vorwand, heldenhaft gegen einen in Wahrheit nicht existenten „Rassismus“ zu kämpfen, Respekt und Toleranz noch für die rückständigsten und unmenschlichsten Sitten und Gebräuche einfordert und damit selbst als Protagonist und Fürsprecher einer Verrassung der restbürgerlichen Gesellschaft fungiert.  (..) Die unterschiedliche Pigmentierung der menschlichen Haut ist eine objektive Gegebenheit, keine bloße Erfindung. (…) Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv. (…) Der nervige Sozialcharakter des Gutmenschen ist offenbar eine fast zeitlose Erscheinung und in den verschiedensten Lebensbereichen anzutreffen, die Wahrscheinlichkeit, ihm in fortschrittlichen sogenannten „politischen Zusammenhängen“ zu begegnen, ist besonders hoch: werden doch hier traditionell die altruistischen Tugenden – das Mitgefühl, die Solidarität, Selbstlosigkeit etc. – besonders hoch angeschrieben und deshalb sind sie das geeignete Betätigungsfeld für Sozialcharaktere, die sich als Ersatz für ihr eigenes ungelebtes Leben vorzugsweise mit dem Leiden anderer als Fetisch verbinden. (…) Es sind aber gerade die höchsten Tugenden, die die niedersten Instinkte decken, wie schon Marx wusste: „Bis jetzt hat der Mensch sein Mitgefühl noch kaum ausgeprägt. Er empfindet es bloß mit dem Leiden, und dies ist gewiss nicht die höchste Form des Mitgefühls. Jedes Mitgefühl ist edel, aber das Mitgefühl mit dem Leiden ist die am wenigsten edle Form. Es ist mit Egoismus gemischt. Es neigt zum Morbiden […] Außerdem ist das Mitgefühl seltsam beschränkt […] Jeder kann für die Leiden eines Freundes Mitgefühl empfinden, aber es erfordert […] das Wesen eines wahren Individualisten, um auch am Erfolg eines Freundes teilhaben zu können. (…) Und da jeder demonstrative Altruismus nicht nur einen kleinlichen Egoismus bemäntelt, sondern auch mit dem Anspruch des Idealisten einhergeht, erzieherisch auf das Objekt seiner Zuwendung einzuwirken, ist er die adäquate Ideologie von Rackets, und auch das ist Wilde nicht entgangen: Barmherzigkeit, so schreibt er, sei die „lächerlich unzulängliche Art der teilweisen Rückerstattung oder ein sentimentales Almosen, gewöhnlich verknüpft mit dem skandalösen Versuch des rührseligen Spenders, auf (das) Privatleben (der Armen) Einfluss zu nehmen. (…) Im totalisierten Zugriff auf die ihr Unterworfenen ist die sozialistische Bewegung bis auf den heutigen Tag ebenfalls als ein Racket des Tugendterrors anzusprechen, betrachtet sie es doch als ihre Aufgabe, das Proletariat oder das gerade angesagte Subjekt seiner „wahren Bestimmung“ zuzuführen und d.h. es im Sinne der von ihm zu realisierenden Ideale zu erziehen – und das bedeutet stets noch: ihm die Untugenden und Laster auszutreiben, die der Vorhut als Male der individualistischen Bürgerwelt erscheinen: etwa Alkoholabusus, Faulenzerei, „zerrüttete“, „unsittliche“ Verhältnisse zwischen den Geschlechtern etc. Und um dieser Aufgabe gerecht zu werden, müssen die selbsternannten Vertreter der Klasse die von ihnen verfochtenen Tugenden in eigener Person glaubwürdig verkörpern und deshalb in einer noch rigideren Weise als der gemeine Bürger sich als Subjekte zurichten, d.h. ihre Individualität dem Allgemeinen (dem Kollektiv, der Klasse, dem Frieden etc.) opfern, um totale Identität mit ihm zu erlangen. Wenn Identität letzten Endes den Tod bedeutet, dann hat die Bemühung um sie vorzeitige Erstarrung und prämortale Leblosigkeit zur Folge – von daher die bis in die Gegenwart zu beobachtenden verhockten, verkniffenen und lauernden Mienen aller professionellen Menschheitsbeglücker, ihre rigide Zwangsmoral und durchgängige Humorresistenz, die immergleichen offiziösen Phrasen, die sie dreschen, die tödliche Langeweile, die von ihnen und ihrem penetranten Sendungsbewusstsein ausgeht, und ihr chronisches Beleidigtsein, wenn sie beim Gegenüber auch nur den Hauch eines Zweifels an ihrer aufgetragenen Gutartigkeit zu erspüren glauben. Und zu alldem glauben diese Leute sich auch noch ermächtigt, diese ihre trostlose Existenz zur verbindlichen Richtschnur für alle anderen zu erklären.“ – Clemens Nachtmann

„Die rebellische Haltung, vor einem Jahrzehnt noch das Privileg von Einzelgängern, ist heute Ausdruck des Konformismus. Man will dazugehören, nicht als Schlappschwanz gelten“ – Horkheimer

„Die Demokratie ist nichts weiter als die Herrschaft des Knüppels über das Volk durch das Volk für das Volk. (…) Es gibt drei Arten von Despoten: den Despoten, der den Leib knechtet, den Despoten, der die Seele knechtet und den Despoten, der Leib und Seele zugleich knechtet. Der erste heißt Fürst. Der zweite heißt Papst. Der dritte heißt das Volk. (..) Wer das Volk führen will, ist gezwungen, dem Pöbel zu folgen“ (…) „Man hört immer wieder, der Schulmeister sterbe aus. Ich wünschte beileibe, dem wäre so. Aber der Menschentypus, von dem er nur ein und gewiss noch der harmloseste Vertreter ist, scheint mir wahrhaftig unser Leben zu beherrschen; und wie auf ethischem Gebiet der Philanthrop die größte Plage ist, so ist es im Bereich des Geistes derjenige, der so sehr damit beschäftigt ist, andere zu erziehen, dass er nie Zeit gehabt hat, an seine eigene Erziehung zu denken […] Wie schlimm aber, Ernest, ist es, neben einem Menschen zu sitzen, der sein Leben lang versucht hat, andere zu erziehen! Welch eine grausame Tortur! Was für eine entsetzliche Borniertheit, die unvermeidlich aus der fatalen Gewohnheit resultiert, anderen seine persönlichen Überzeugungen mitteilen zu wollen! Wie sehr dieser Mensch durch seine geistige Beschränktheit auffällt! Wie sehr er uns und fraglos auch sich selbst anödet mit seinen endlosen Wiederholungen und seiner krankhaften Besserwisserei! Wie sehr er jedes Anzeichen geistigen Wachstums vermissen lässt! Wie verhängnisvoll ist der Kreis, in dem er sich unablässig bewegt.“ – Oscar Wilde
„Was die Menschheitsbeglücker in Wahrheit bewirken, ist ihr eigener moralischer Selbstgenuss in der angemaßten oder tatsächlichen Herrschaft über andere, aber gerade nicht die praktische Lösung der Dinge, um die es ihnen vorgeblich so selbstlos zu tun ist: „In den Augen des Denkers allerdings liegt der wahre Schaden, den das moralische Mitgefühl anrichtet, darin, dass es unser Wissen begrenzt und so verhindert, dass wir auch nur eines unserer sozialen Probleme lösen.“ (Wilde) Das Selbstopfer fürs Kollektiv erweist sich nicht nur als die wahre Selbstsucht, sondern auch als gegen die Gattung gerichtet: „Denn die Entwicklung der Gattung hängt von der Entwicklung des Individuums ab, und wo die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit als Ideal abgedankt hat, ist das Absinken des intellektuellen Niveaus, wenn nicht gar dessen gänzliches Verschwinden die unmittelbare Folge.“ (Wilde) Und das vorgeblich so praktische und zielorientierte Tun erweist sich als in Wahrheit konfus und unpraktisch: denn es verlässt den Bannkreis des Notwendigen und Zwanghaften nicht, ja, es bestärkt dessen Macht umso mehr, je auftrumpfender und verblendeter es sich in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit verhärtet und alle Selbstaufklärung abwehrt. Solange die Gesellschaft den Individuen als fremde äußere Macht entgegentritt, verkehrt sich die gute Intention regelmäßig in ihr Gegenteil und ist menschliches Handeln „nur blindes Tun, abhängig von äußeren Einflüssen und angetrieben von einem dunklen Impuls, von dem es selbst nichts weiß. Es ist seinem Wesen nach unvollkommen, weil es vom Zufall begrenzt wird, und unwissend über seine eigentliche Richtung, befindet es sich zu seinem Ziel stets im Widerspruch […] Jede unserer Taten speist die große Maschine des Lebens, die unsere Tugenden zu wertlosem Staub zermahlen oder aber unsere Sünden in Bausteine einer neuen Kultur verwandeln kann.“ (…) Die Misere des Sozialismus von seinen Anfängen bis heute war und ist stets zuverlässig abzulesen an seiner Verachtung aller autonomen, zweckfreien, in sich begründeten und eben darin gesellschaftlich bestimmten Kunst, weil sie die – prekäre und unvollständige – Emanzipation des Individuums von Blut, Scholle, Rasse, Kollektiv vorausträumt und ihr Ausdruck verleiht. Die Kunst, die sozialistische Bewegungen oder Regimes dann hervorbringen und fördern, eine Kunst, die „Partei ergreifen“, „Stellung beziehen“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ dokumentieren soll, zerstört jedoch sich selbst und ihre Voraussetzungen. (…) „Kunst ist Individualismus und der Individualismus ist eine verstörende und zersetzende Kraft. Gerade darin liegt sein unermesslicher Wert. Denn was er aufzubrechen versucht, ist die Einförmigkeit des Typischen, die Sklaverei der Konvention, die Tyrannei der Gewohnheit und die Erniedrigung des Menschen auf das Niveau einer Maschine. (…) alle Künste sind amoralisch, ausgenommen die niederen Formen der sinnlichen oder belehrenden Kunst, die uns zu guten oder schlechten Taten anstiften wollen“ (…) Selbstsucht strebt immer danach, der gesamten Umwelt ein Einheitsmaß aufzuzwingen“ „Selbstlosigkeit bedeutet, andere Leute in Ruhe zu lassen, sich nicht in ihr Leben einzumischen […] Die Selbstlosigkeit weiß die unendliche Vielfalt als etwas Kostbares zu schätzen, sie akzeptiert sie, lässt sie gewähren und erfreut sich an ihr.“ (…) „Die erste Pflicht im Leben ist, so künstlich wie möglich zu sein. Die zweite Pflicht ist noch unbekannt.“(Wilde)
Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus.  (…) Massen laufen zur Deutschen Ideologie über, wenn Politik und Staat ihnen diesen Weg nicht versperren (…) Der Vernünftige braucht keinen Dialog mit Leuten zu führen, die sich nicht von Grund auf von denjenigen distanzieren, die Juden oder, was dasselbe ist, den Zionismus für ihr und anderer Leute Unglück verantwortlich machen. Er denunziert desgleichen jede Verhandlungsbereitschaft denen gegenüber, die, bevor sie sich als Staatsbürger und Marktsubjekte definiert haben, als Angehörige einer Religions- oder Volksgemeinschaft anerkannt werden wollen. (…) Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus. (…) Antideutsch denken und handeln heißt demzufolge, die politischen Vermittlungs- und Repräsentationsformen in Gesellschaft und Staat, die auf der Trennung von freien und gleichen Warenbesitzern einerseits und am Allgemeinwohl orientierten Staatsbürgern andererseits beruht, gegen die zu verteidigen, die diese Teilung zugunsten eines autoritären Volksstaates überwinden wollen, dessen Subjekte von nichts anderem als von seinen Wohlfahrtsleistungen abhängig sind. Wer in diesem Sinne das Etikett „antideutsch“ nicht auch auf sich bezieht, mißachtet zumindest die Gefährlichkeit der – selbstredend nicht auf Deutschland und deutsche Staatsbürger beschränkte, sondern immer schon weltweit grassierende – Deutschen Ideologie, deren historischer Kern darin besteht, daß auf ihr Konto nicht nur „normale“ kapitalbedingte Ausbeutung und Herrschaft, nicht nur die dem Kapital aus Prinzip immanenten Kriege und nicht nur der ihm in seinen Grund eingeschriebene Antisemitismus gehen, sondern fördert das Überleben einer Ideologie, der zudem noch die historisch und empirisch nicht zu leugnende Tatsache eingeschrieben ist, daß die deutsche Fassung der Beziehung von Staat und Gesellschaft die Auslöschung der Menschheit in zwei Weltkriegen im allgemeinen und den eliminatorischen Antisemitismus im besonderen beinahe total verwirklicht hätte. In der Existenz des Staates Israel manifestiert sich der Einspruch gegen den historisch bewiesenen Vernichtungswahn Deutscher Ideologie praktisch und empirisch. – Manfred Dahlmann

„Wird Freiheit mit Zügellosigkeit verwechselt, entsteht Rücksichtslosigkeit.
Am Schluss Gleichmacherei.
Ihr seid aber nicht alle gleich.
Noch nie wart ihr alle gleich.
Ihr lasst es euch aber einreden.
So werdet ihr immer respektloser, ungenießbarer gegeneinander.
Vergeudet in Kleinkriegen eure Zeit, als hättet ihr ein zweites Leben.
Weil ihr tatsächlich alles verwechselt.
Behauptungen mit Beweisen.
Gerechtigkeit mit Maß.
Religion mit Moral.
Desinteresse mit Toleranz.
Satire mit Häme.
Reform mit Veränderung.
Nachrichten mit Wirklichkeit.
Kulturunterschiede haltet ihr für Softwarefragen und ihre Analyse ersetzt ihr mit Anpassung.
Ihr habt die Maßstäbe verloren.
Der Gordische Knoten ist ein Keks gegen eure selbstverschuldete Wirrsal.

Man geht immer fehl, sucht man den Ursprung menschlicher Handlungen außerhalb der Leidenschaft des menschlichen Herzens …

Der Separatismus gendert sich in die Köpfe, sitzt in Regierungen.
Männer sind keine Männer mehr. Frauen keine Frauen, sondern ‚Menschen mit Menstruationshintergrund’, Quote ist Trumpf.
Auf gar keinen Fall sollen Mann und Frau sich noch als zwei Teile eines Ganzen begreifen. Damit die Geschlechter noch mehr aneinander verzweifeln.
Bis alle in destruktiver Selbstbezogenheit stecken.
Am Ende: Mann ohne Eier. Frau ohne Welt.

Auf die Erschöpfung des Mannes wird aber nur die Erschöpfung der Frau folgen, das sage ich euch.
Auf die Verstörung der Kinder folgt die Zerstörung der menschlichen Schöpfung.“– Hans Dieter Hüsch

Es gibt zweierlei Ethik: die moralische, der die Realität egal ist und die der Verantwortung, die reale Folgen der ethischen Forderungen berücksichtigt. Die erste ist gut gemeint, die zweite ist gut gemacht.

Was dem einen seine Souveränität, ist dem anderen seine Eigenmächtigkeit.

Das Schöne am Euro war, dass die Gewinner immerzu gewinnen konnten, ohne dass ihnen gleich die Quittung präsentiert wurde. Denn sie verdienen ja am Ausland, was heißt, eigentlich ein im Maße des Verdienens zunehmend schlechtes Geld – das ist durch den Euro aufgehoben worden: Man konnte ständig an einer anderen Nation verdienen, ohne dass das Geld dieser Nation darunter gelitten hat, weil sie gar kein eigenes hat. Der Wert dieses Geldes repräsentiert nicht die Leistungsfähigkeit dieser Nation. So hat der Euro von dem innereuropäischen Verdienen aneinander sogar noch gelebt; er hat vor der Krise absurderweise nur den Konkurrenzerfolg der Gewinner repräsentiert.

— Das ist ja mit der Idylle charakterisiert. Dass zunächst mal alle Seiten Gewinner des neu eingeführten Euro waren. Auch die, die ihre vergleichsweise Weichwährung gegen den Euro getauscht haben und damit auf einen Schlag Kredit zu ganz anderen Konditionen und Möglichkeiten hatten. Insofern waren die späteren Verlierer erst mal auch Gewinner.

Kein Nazifaschist hat je wirklich geglaubt, er bezöge die Ermächtigung seiner Ansprüche aus dem Teutoburger Wald; keiner seiner demokratischen Erben hat jemals tatsächlich gedacht, ihnen erwüchse Legitimität im Resultat des “Lernens aus der Geschichte”; niemals war ein Sozialist der Ansicht, es sei die famose “Befreiung der Arbeit” und nicht vielmehr das Recht auf Beute, was seine Politik im Interesse der Arbeiterklasse motivierte. Und keinesfalls erwächst den Palästinensern irgendein Recht aus der Tatsache, daß sie zuerst da waren. Einer Gesellschaft, der Hunger kein Grund ist zur Produktion, kann auch das Leiden kein Grund sein zur Solidarität. Es ist die Ideologie, die mit der Unmittelbarkeit des Leidens agitiert, die aus dessen fragloser Evidenz Sinn zu schlagen sucht, sei es im Sinne von Caritas oder Amnesty International, sei es im Sinne der Freunde des palästinensischen Volkes für den Israelhaß der Antisemiten wie für den Islamfaschismus dieses Volkes. Ariel Scharon jedenfalls, der Zionist und praktische Antifaschist, ist dem aufgelösten Rätsel der Geschichte näher als die deutsche Linke, deren “Antifaschismus” sich als Aufstand der Anständigen à la Gerhard Schröder oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausagiert. (…) Im Wesen Israels als des ungleichzeitigen Staates der Juden liegt es aber nicht nur, Reaktion auf den Verrat an Aufklärung und Weltrevolution, nicht nur, Notwehrversuch gegen den Nazifaschismus und Asyl zu sein. Sondern eben auch, daß die üblichen Muster der bürgerlichen Rollenverteilung – hier das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates im allgemeinen und dort die Personen, die die Regierungsausübung im besondern besorgen – für den israelischen Staates aufgrund seiner Konstitutionsbedingungen keine Geltung mehr hat. Was sich unter anderem darin zeigt, daß diese “Kritiker” der israelischen Regierungspolitik für den faschistischen Mob und die Behörden, die Selbstmordattentäter belohnen, Verständnis aufbringen (Folge von Besatzung und Ausbeutung), dagegen für den Versuch, die militärische Infrastruktur der Gegner Israels zu zerschlagen, am liebsten die Begriffe Auslöschung oder Ausrottung der palästinensischen Bevölkerung im Munde führen. Wie hinter der treudoofen Frage, ob es nicht möglich sein müsse, Spekulanten als das zu bezeichnen, was sie sind, ohne gleich als antisemitisch zu gelten, so verbirgt sich hinter der treulinken Frage, ob nicht auch in Israel, weil es sich auch dort um eine bürgerliche Gesellschaft handele, Faschismus möglich sei, die Erkenntnis dieser Fusion in verquerer und verschrobener Gestalt. Verquer, weil ja gerade erklärt werden sollte, wie Israel, dieser Fusion zum Trotz, eine parlamentarische Demokratie ist und bleibt; verschroben, weil diese Einheit von Staat und Regierung im Übergang von einem unerträglichen Alten (die Vernichtungsdrohung) zum noch nicht erreichten Neuen (die herrschaftslose Gesellschaft) ja doch den Inbegriff dessen ausmacht, was einmal als “Diktatur des Proletariats”, als Emanzipationsgewalt und organisierte politische Macht der Revolution, auch und gerade auf den roten Fahnen stand. In Anbetracht der Grundidee des Staates Israel, vor dem Hintergrund der linken Staatsmythen, betreffend die “Diktatur des Proletariats”, muß jede Beurteilung der Handlungen der Regierungsvertreter auch die völlig andere Qualität dieses Staates, verglichen mit allen anderen, deutlich werden lassen. (…)

Wenn diese Linke über Israel schwadroniert, dann hört sich das nicht minder grausig an. Dabei liegt der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und dem Vernichtungswillen gegen die zum Staat gewordene bürgerliche Gesellschaft der Juden, gegen Israel, eigentlich auf der Hand: Der sogenannte Antizionismus stellt nichts anderes dar als die geopolitische, globalisierte Reproduktion des Antisemitismus, das heißt die Erscheinungsform, die er in Weltmarkt und Weltpolitik nach Auschwitz annehmen muß. Der Antizionismus ist der aus den kapitalisierten Gesellschaften in die Welt herausgekehrte Antisemitismus. So ist Israel der Jude unter den Staaten; die Verdammung des Zionismus als eines “Rassismus” durch die UNO gibt es zu Protokoll. Das macht: die moralische Verurteilung der menschlichen Unkosten der Konstitution bürgerlicher Staatlichkeit allein am Beispiel Israels führt vor Augen, was die Welt der Volksstaaten vergessen machen will – daß die Zentralisation der politischen Gewalt über Leben und Tod keineswegs die natürliche Organisationsform der Gattung Mensch darstellt, sondern Ausdruck eben von Herrschaft und Ausbeutung. Dabei ist Israel – und das macht die Kritik an diesem Staat so perfide und muß deshalb immer wieder gesagt werden – der einzige Staat dieser Welt, der für sich eine nicht zu bezweifelnde Legitimität beanspruchen kann. Israel, das ist der ungleichzeitige Staat, der entstanden ist sowohl als Reaktion auf das Dementi aller Versprechungen der bürgerlichen Nationalrevolution, sowohl als Antwort auf den stalinistischen Verrat an der kommunistischen Weltrevolution als auch als zu spät gekommene Notwehr gegen den Massenmord an den europäischen Juden. (…) Israel ist das Schibboleth jener doch so naheliegenden Revolution; es ist der unbegriffene Schatten ihres Scheiterns. Israel ist das Menetekel, das zum einen (und ganz unfreiwillig) die kategorischen Minimalbedingungen des Kommunismus illustriert, und das zum anderen sämtliche Bestialitäten zu demonstrieren scheint, zu denen der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat fähig ist. Wer Israel nicht begriffen hat, wer den Haß auf diesen Staat, den Antizionismus, und wer den Antisemitismus, das heißt den Vernichtungswillen sowohl gegen die in diesem Staat lebenden als auch gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden, nicht begriffen hat als das, was Antisemitismus wesentlich darstellt: den bedingungslosen Haß auf die Idee einer in freier Assoziation lebenden Gattung, der hat den Kommunismus nicht als das “aufgelöste Rätsel der Geschichte” begriffen. –

 Der ostentative Muslimeifer aber, der sich im Alltag mancher ‚Allahu-Akbar‘-Brüller vielleicht doch sehr in Grenzen hält, findet im blanken Judenhass unverhoffte Nahrung, wo ihnen unter unendlich öden Koranrezitationen und geistlosen, absurden Vorschriften längst das bisschen ungeglaubten Glaubens zwischen den Fingern zerrann und ihr Muslimsein kaum je mehr ist als das typisch dauerbeleidigte, immer schon jeder Verantwortung ledige Gruppengefühl. Überhaupt will jeder Eifer – insbesondere der aktuelle, rasende Eifer des weltweit angreifenden Islam – den Stachel eines weniger drohenden als hinterrücks längst geschehenen Glaubensverlustes kompensieren.“ Mit anderen Worten: Muslime wurden nicht für ihr abstraktes Muslimsein kritisiert, sondern dafür, was – global betrachtet – die Mehrheit konkret darunter versteht: Die von Gott gegebene Ermächtigung zu Terror, Entrechtung, Antisemitismus. Wer differenziert, sollte nicht unerwähnt lassen, dass Osama bin Laden, Hassan Nasrallah und wie all die schrecklichen Figuren so heißen, in der muslimischen Welt als Helden gefeiert werden – und zwar nicht von einer minoritären Sekte, sondern von Millionen Muslimen, auch in Deutschland. (,,) Der unfreiwillige und verborgene Essentialismus der Postmoderne macht das Begreifen unmöglich, weil er die Beziehung zwischen Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem nicht mehr zu thematisieren vermag. Wenn nur noch Vielfalt herrscht und Einzelnes und Allgemeines gewaltsam auseinandergerissen werden, bleibt die Verstandesleistung des begreifenden Subjekts auf der Strecke und die scheinbar ursprüngliche Differenz wird zum Mythos. Nicht nur dem Begriff des Allgemeinen, das ja ein noch einzulösendes ist, wird Gewalt angetan, auch dem Besonderen, dessen Unglück darin besteht, nur ein Besonderes zu sein, und das sich, weil es kein versöhnendes Ganzes gibt, dem schlecht-Allgemeinen, dem Racket nämlich, anschließen muss. – JAN HUISKENS

„Vernunft und Rationalität sind in dieser durchmedialisierten Welt chancenloser denn je. Ein unangenehmer Typ „Heckenschütze“ terrorisiert die Gesellschaft. Seine aktuelle Waffe: Der Phobienvorwurf.“ – Bettina Röhl

„Man wähnt, wenn man nach wissenschaftlichen Regeln sich richtet, dem wissenschaftlichen Ritual gehorcht, mit Wissenschaft sich umgibt, gerettet zu sein. Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen, in der Wissenschaft erst bestünde. […] Je tiefer man ahnt, daß man das Beste vergessen hat, desto mehr tröstet man sich damit, daß man über die Apparatur verfügt.“ (Theodor W. Adorno, Philosophie und Lehrer, AGS 10.2, 491)

„Vieles, was im Sinne von Foucaults »Mikrophysik der Macht« populär werden sollte; also die Erkenntnis, daß Macht nicht pyramidal hierarchisch, sondern durch sämtliche gesellschaftliche Bereiche hindurch wirkt, findet sich bereits in der Medizinkritik der Kritischen Theorie. Daß diese Thesen häufig übersehen wurden, mag daran liegen, daß sich Horkheimers entscheidende Äußerungen über Medizin und Psychiatrie nicht in den breit rezipierten Hauptwerken finden, sondern über die Gesamtausgabe verstreut sind. Wiemer suchte sie zusammen und zeigt, wie Horkheimer anhand der Medizin einen wesentlichen Charakterzug des modernen Kapitalismus ausmachte. Mediziner funktionieren laut Horkheimer wie fast jede wirtschaftliche Gruppe im Sinne eines Rackets. »Ein Racket«, erklärt er, »ist eine unter sich verschworene Gruppe, die ihre kollektiven Interessen zum Nachteil des Ganzen durchsetzt.« Allgemein betrachtet heißt das, daß sich die Klassengesellschaft in eine »neofeudale« Struktur verwandelt hat, innerhalb der Interessenverbände »nach dem Prinzip der Selbsterhaltung und der Machtakkumulation« funktionieren. Diesen Wandel macht Horkheimer an den Medizinern fest; und alles, was Horkheimer in seiner Kritik aussparte, von den Krankenversicherungen bis zum Pfusch in Krankenhäusern, wird von Carl Wiemer polemisch auf den neuesten Stand gebracht“  – Max Horkheimer

 

„Ein Shitstorm hat auch seine positive Seite. Da politisch korrekte Gülle meist in Richtung Originalität, Kreativität und Intelligenz geworfen wird, fliegt sie oft genug auf Leute, die zu lesen wirklich lohnt.“ – Evidenz-basierte Ansichten

Eine Frau wird als Frau geboren. ein Mann muß erst ein Mann werden.
Keine Paternalisierung, sondern fortschreitende Maternalisierung. Die Feminisierung und Genderisierug marginalisiert und zerstört die Vaterposition in den modernen »Gesellschaften«, die Vaterrolle erlitt allgemeine Degradierung, die Kanonisierung der Homosexulität im Speziellen und der sexuellen Diversität im Allgemeinen tilgt die noch übriggebliebenen Spuren einer Männlichkeit restlos aus, die nur noch als Schimpfwort der angeblichen „Paternalisierung“ im Jargon der Medien herumgeistert.

„Es kommt in der Psychotherapie darauf an – mit temporärer Unterstützung – sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Wer mit einem Selbstbild lebt, für das die temporär klärende Rolle des Therapeuten eine unerträgliche Kränkung ist, der muß eben versuchen, alleine zurechtzukommen.“ – Hans Ulrich Gumbrecht

Post-Pop-Epoche: der Sieg der Mode über die Sitten.

„Wir brauchen schadhafte Gebäude, durch deren geborstene Wände man hindurch­ sehen kann, um wenigstens einen Anfang zum Denken zu gewinnen.“ – Victor Tausk

„Was man in römischer Zeit das »Abendland« und später »Europa« nennen wird, ist die politische Konsequenz des individualistischen Martyriums, das ein gesprächsfreudiger Stadtstreicher auf sich nahm, um die Legitimität des im universalistischen Dialekt vorgebrachten Neuen gegen die entkräfteten lokalen Sitten zu demonstrieren.“ – Peter Sloterdijk

„Was nützt einem die Gesundheit wenn man ansonsten ein Idiot ist.“ – Theodor Adorno

„Ich bin eine Feministin. Das bedeutet, daß ich extrem stark behaart bin und daß und ich alle Männer haße, sowohl einzelne als auch alle zusammen, ohne Ausnahmen.“Bridget Christie

„Die Tragödie isolierter persönlicher Leidenschaften ist für unsere Zeit zu fade. Aber weshalb? Weil wir in einer Epoche der sozialen Leidenschaften leben. Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv.“ –  LeoTrotzki 1923

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“I think it’s very healthy to spend time alone. You need to know how to be alone and not be defined by another person.” ― Oscar Wilde

Stupidity is demonstrated by people lacking the knowledge they could achieve

Stupidity manifests itself as outraged moralism

Love: only, and not always, a mother loves her child, just as it is, otherwise you have to meet the expectations of others, to be accepted.

Values without empathy are worth nothing

Some people feel physical pain when they should correct their accustomed ideas in favor of reality, they turn all their intelligence with the support of their aggression, for not to recognize the reality and maintain their self-image

More and more feel, think less and less Man does not differ from animals by feelings, because mammals have the same feelings, like man, sadness, fear, anger, love, but by his thought. When he thinks, if he thinks.

Political correctness can be defined as the telling of a lie out of the cowardice in an attempt to avoid upsetting fools not willing to face up to the truth

“In arguments about moral problems, relativism is the first refuge of the scoundrel.” Roger Scruton

They are the same who claim the sex/gender would not be biologically innate, but only a social construct, and at the same time that homosexuality was not a social construct, but biologically innate.

Antisemitism is when one blames the Jews or Israel for issues, he does not blame others

„There are two things,“ said Hitler in 1923, „which can unite people: common ideals and common crime“

After the violent termination of Murder by the Allies were the German (and have remained so to this day) more german than before.

The depraved human creature, the more she feels insulted, disrespected, offended in their honor.

Islam is less a religion and more a totalitarian society, an ideology that demands absolute obedience and tolerates no dissent, no criticism, and prohibits the thinking, knowledge and recognition. True Islam is totally different, the one who will find it will receive a very high reward.

Craziness is, when one always does the same but expects a different outcome

If a monkey thinks “I am a monkey”, then it is already a human

A man with roots should go for a pedicure

Self smugness leads to idiocy, being pissed off leads to enlightenment

If someone has something to say, he can tell it always very easily. If someone has nothing to say, he says it in a very complicated way

Addiction is, when somebody does something he wants to do, yet seeks someone who can make it so he won’t do it and doesn’t want to, either.

If the clever people always gave in, the world would be reigned by idiots. Too much “cleverness” makes you stupid.

If one only fights evil to protect life, one produces nothing good at all and such a life then becomes no longer worth living and thus requires no protection, for it is already unlived due to such a total protection. One can spend so much money on insurance, that one has nothing left to insure. Safety works in the same way.

Happy slaves are the worst enemies of freedom.

Creativity is an intelligence having fun.

If working makes you sick, fuck off, leave the work!

If Germans talk about morality, they mean money.

A man without an insight is just an anxious, aggressive, unhappy monkey.

Thinking is always trespassing.

The mob, who calls himself the people, does not discuss, just defames.

Legal is not always legitimate.

Who can not do without, lives unhappy.

So called social, culture sciences, sociology, psychology psychotherapy, psychoanalysis, are not anymore scientific, but immanent religious cult-prophets, organized as sects.

Without a strong opposition any apparent democracy atrophies to a tyranny, and as well a science , to an attitude of a religious sect.

You can recognize everything from a certain distance only, who is zealous, outraged, who sticks his nose in something, this one has lost the perspective, he recognizes anything more, he has only his imagination of the world in his head. This creates paranoia, which is called religion, and a religion as politics, even as a science.

Islamists are a real danger, therefore they will not be seen as such. Jews are not a danger, therefore they are seen as such. It is how the perception by cowards functions.

People without a sense of humor are able only to fear or to hate and become monks or terrorists.

People are not equal, each single person is unique.

Insight applies to everyone, including Muslims, Albanians, women and homosexuals.

Islam belongs to Germany, Judaism belongs to Israel.

The totalitarian Terror of consensus is ubiquitous in Germany.
There are no discussions anymore, but defamations only.
It is a culture of the mob. As it has already been.
Harmony is only if you do not communicate.

One should never go to bed with someone who has more problems than you already have.

>>Evelyn Waugh, surely the wittiest novelist of the past century, in World War II, coming out of a bunker during a German bombing of Yugoslavia, looked up at the sky raining enemy bombs and remarked, “Like everything German, vastly overdone.”<< Joseph Epstein

One has to be brave, to have a wit.

Stupid and dull belong mostly together.

Charlie Hebdo: you don´t care if such murders are comitted to Jews, we will see how “adequate” you will react when (when, not if), Islamists will begin to bombard your cities with Kasam missiles.

Christopher Hitchens: In a free society, no one has the right not to be offended.

The more someone narcissistic inflates , the more he feels insulted and provoked.

“The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” – Bertrand Russell

 The problem with the Islamists in Europe should be solved exactly as Europe requires to the Middle East: a two-state solution, a half for muslims and the another half for not-muslims , with a common capital.

What may satire? Everything! Except be understood by the fool, because then it was not a satire.

Islamimus is Islam preaching violence.

Islam is a religion of love, and he who doubts is dead.

War is peace. Freedom is slavery. Ignorance is strength. Islam is a peaceful religion of love – George Orwell 2015

Islam is not responsible for anything, Jews are guilty of everything.

Islamists are satanists. Islamism is a religion of idiots.

If someone inflates endless his ego, as Islamists do, then he hurts his own feelings already in his morning own shit.

The seven deadly sins of modern society. Wealth without work pleasure without conscience, knowledge without character business without morality Science without humanity, worship without sacrifice Politics without principles
-Mahatma Gandhi

“Where there is only a choice between cowardice and violence, I would advise violence.”
-Mahatma Gandhi

Heroes of today know nothing, can not and do not want anything. They just look like heroes, that’s all.

It may be that early fathers ate their children. Today, the mothers will eat anything, fathers, children and the rest. Everything Mommy, anyway!

Germany yesterday: the will to power.
Germany today: the will to blindness.
Germany tomorrow:

German psychoanalysis? Great, like German charm, German humor and German wit.

The resistance starts with its own language other than that of the dictatorship.

Smart phones for stupid people.

A leftist can, but do not have to be stupid.

If you do not blame states, when they commit suicide with millions victims , so why to blame a co-pilot with 149 dead?

Only the purity of the means justify the end.

A German is a person who can speak no lie, without actually believe Adorno

„Reason and rationality are chance-less than ever in this totally mediatised world. An unpleasant type Sniperterrorized society. His current weapon: The phobia accusation.“ – Bettina Röhl
„A Shitstorm has also its positive side. As politically correct manure it is usually thrown in the direction of originality, creativity and intelligence, she flies often to people who are really worth to read.“ Evidenz-basierte Ansichten
A woman is born as a woman. a man has to become a man.
No paternalization but advancing maternalization. The feminization and genderization marginalized and destroyed the father position in the modern „societies,“ the father role suffered general degradation, the canonization of homosexuality in particular and the sexual diversity generally wipes out the still remaining traces of masculinity completely out,  only as an insult haunts the alleged „paternalization“ in the jargon of mass media.
PostPop era: the triumph of fashion over the morals.
„We need damaged buildings, so you can see through their cracked walls to win at least one viewpoint to start to begin to think. Victor Tausk
„What good is health if you are an idiot then?“ – Theodor Adorno
„What one must be judged by, scholar or no, is not particularised knowledge but one’s total harvest of thinking, feeling, living and observing human beings.“ (…) „While the practice of poetry need not in itself confer wisdom or accumulate knowledge, it ought at least to train the mind in one habit of universal value: that of analysing the meanings of words: of those that one employs oneself, as well as the words of others. (…) what we have is not democracy, but financial oligarchy. (…) Mr. Christopher Dawson considers that “what the non-dictatorial States stand for today is not Liberalism but Democracy,” and goes on to foretell the advent in these States of a kind of totalitarian democracy. I agree with his prediction. (…) That Liberalism is something which tends to release energy rather than accumulate it, to relax, rather than to fortify. (…) A good prose cannot be written by a people without convictions. (..) The fundamental objection to fascist doctrine, the one which we conceal from ourselves because it might condemn ourselves as well, is that it is pagan. (..) The tendency of unlimited industrialism is to create bodies of men and women—of all classes—detached from tradition, alienated from religion and susceptible to mass suggestion: in other words, a mob. And a mob will be no less a mob if it is well fed, well clothed, well housed, and well disciplined. (…) The rulers and would-be rulers of modern states may be divided into three kinds, in a classification which cuts across the division of fascism, communism and democracy. (…) Our preoccupation with foreign politics during the last few years has induced a surface complacency rather than a consistent attempt at self-examination of conscience. (…) What is more depressing still is the thought that only fear or jealousy of foreign success can alarm us about the health of our own nation; that only through this anxiety can we see such things as depopulation, malnutrition, moral deterioration, the decay of agriculture, as evils at all. And what is worst of all is to advocate Christianity, not because it is true, but because it might be beneficial. (…) To justify Christianity because it provides a foundation of morality, instead of showing the necessity of Christian morality from the truth of Christianity, is a very dangerous inversion; and we may reflect, that a good deal of the attention of totalitarian states has been devoted, with a steadiness of purpose not always found in democracies, to providing their national life with a foundation of morality—the wrong kind perhaps, but a good deal more of it. It is not enthusiasm, but dogma, that differentiates a Christian from a pagan society.“ (…)  It would perhaps be more natural, as well as in better conformity with the Will of God, if there were more celibates and if those who were married had larger families. (…) We are being made aware that the organisation of society on the principle of private profit, as well as public destruction, is leading both to the deformation of humanity by unregulated industrialism, and to the exhaustion of natural resources, and that a good deal of our material progress is a progress for which succeeding generations may have to pay dearly. I need only mention, as an instance now very much before the public eye, the results of “soil-erosion”—the exploitation of the earth, on a vast scale for two generations, for commercial profit: immediate benefits leading to dearth and desert. I would not have it thought that I condemn a society because of its material ruin, for that would be to make its material success a sufficient test of its excellence; I mean only that a wrong attitude towards nature implies, somewhere, a wrong attitude towards God, and that the consequence is an inevitable doom. For a long enough time we have believed in nothing but the values arising in a mechanised, commercialised, urbanised way of life: it would be as well for us to face the permanent conditions upon which God allows us to live upon this planet. And without sentimentalising the life of the savage, we might practise the humility to observe, in some of the societies upon which we look down as primitive or backward, the operation of a social-religious-artistic complex which we should emulate upon a higher plane. We have been accustomed to regard “progress” as always integral; and have yet to learn that it is only by an effort and a discipline, greater than society has yet seen the need of imposing upon itself, that material knowledge and power is gained without loss of spiritual knowledge and power. “ – T.S.Eliot
“I am a feminist. All this means is that I am extremely hairy and hate all men, both as individuals and collectively, with noexceptions.” – Bridget Christie