Kategorie-Archiv: Kapitalakkumulation

Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals.

Rosa Luxemburg:

Die Akkumulation des Kapitals (1913)

 

Sozialisierte Version

 

Vorwort.

Erster Abschnitt. Das Problem der Reproduktion.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zweiter Abschnitt. Geschichtliche Darstellung des Problems.

Erster Waffengang.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Zweiter Waffengang.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Dritter Waffengang.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Dritter Abschnitt.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Dreißigstes Kapitel.

Einunddreißigstes Kapitel.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Eine Antikritik (1921)

I.

II.

1.

2.

3.

4.

5.

Impressum
Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals
Herausgegeben von Günter Regneri
Veröffentlicht im heptagon Verlag
Berlin 2013
ISBN: 978-3-934616-88-2
http://www.heptagon.de
Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus (zuerst erschienen 1913). Enthält die posthum publizierte Schrift: Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik (erschienen 1921). Dem Text liegt folgendes Referenzwerke zu Grunde: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, herausgegeben von Clara Zetkin und Adolf Warski. Band VI. Die Akkumulation des Kapitals, Berlin 1923.

Der Texte ist auch auf folgender CD-ROM erschienen: »Rosa Luxemburg: Schriften und Reden. Herausgegeben von Günter Regneri. Berlin 2006.«

Die Akkumulation des Kapitals (1913)

Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus

Vorwort.

Den Anstoß zur vorliegenden Arbeit hat mir eine populäre Einführung in die Nationalökonomie gegeben, die ich seit längerer Zeit für denselben Verlag vorbereite, an deren Fertigstellung ich aber immer wieder durch meine Tätigkeit an der Parteischule oder durch Agitation verhindert wurde. Als ich im Januar dieses Jahres, nach der Reichstagswahl, wieder einmal daran ging, jene Popularisation der Marxschen ökonomischen Lehre wenigstens im Grundriß zum Abschluß zu bringen, bin ich auf eine unerwartete Schwierigkeit gestoßen. Es wollte mir nicht gelingen, den Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion in ihren konkreten Beziehungen sowie ihre objektive geschichtliche Schranke mit genügender Klarheit darzustellen. Bei näherem Zusehen kam ich zu der Ansicht, daß hier nicht bloß eine Frage der Darstellung, sondern auch ein Problem vorliegt, das theoretisch mit dem Inhalt des II. Bandes des Marxschen »Kapital« im Zusammenhang steht und zugleich in die Praxis der heutigen imperialistischen Politik wie deren ökonomische Wurzeln eingreift. Sollte mir der Versuch gelungen sein, dieses Problem wissenschaftlich exakt zu fassen, dann dürfte die Arbeit außer einem rein theoretischen Interesse, wie mir scheint, auch einige Bedeutung für unseren praktischen Kampf mit dem Imperialismus haben.

Dezember 1912. R.L.

Erster Abschnitt. Das Problem der Reproduktion.

Erstes Kapitel.

Gegenstand der Untersuchung.

Zu den unvergänglichen Verdiensten Marxens um die theoretische Nationalökonomie gehört seine Stellung des Problems der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Bezeichnenderweise begegnen wir in der Geschichte der Nationalökonomie nur zwei Versuchen einer exakten Darstellung des Problems: an ihrer Schwelle, bei dem Vater der Physiokratenschule, Quesnay, und an ihrem Ausgang, bei Karl Marx. In der Zwischenzeit hört das Problem nicht auf, die bürgerliche Nationalökonomie zu quälen, doch hat sie es nie bewußt und nie in seiner reinen Form, losgelöst von verwandten und durchkreuzenden Nebenproblemen, auch nur zu stellen, geschweige zu lösen gewußt. Bei der fundamentalen Bedeutung dieses Problems jedoch kann man bis zu einem gewissen Grad – an der Hand dieser Versuche die Schicksale der wissenschaftlichen Ökonomie überhaupt verfolgen.

Worin besteht das Problem der Reproduktion des Gesamtkapitals?

Reproduktion ist wörtlich genommen einfach Wiederproduktion, Wiederholung, Erneuerung des Produktionsprozesses, und es mag auf den ersten Blick nicht abzusehen sein, worin sich der Begriff der Reproduktion von dem allgemeinverständlichen der Produktion eigentlich unterscheiden und wozu hierfür ein neuer befremdender Ausdruck nötig sein soll. Allein gerade in der Wiederholung, in der ständigen Wiederkehr des Produktionsprozesses liegt ein wichtiges Moment für sich. Zunächst ist die regelmäßige Wiederholung der Produktion die allgemeine Voraussetzung und Grundlage der regelmäßigen Konsumtion und damit die Vorbedingung der Kulturexistenz der menschlichen Gesellschaft unter allen ihren geschichtlichen Formen. In diesem Sinne enthält der Begriff der Reproduktion ein kulturgeschichtliches Moment. Die Produktion kann nicht wiederaufgenommen werden, die Reproduktion kann nicht stattfinden, wenn nicht bestimmte Vorbedingungen: Werkzeuge, Rohstoffe, Arbeitskräfte als Ergebnis der vorhergegangenen Produktionsperiode gegeben sind. Auf den primitivsten Stufen der Kulturentwicklung aber, bei den Anfängen in der Beherrschung der äußeren Natur, ist diese Möglichkeit der Wiederaufnahme der Produktion jedesmal noch mehr oder weniger vom Zufall abhängig. Solange hauptsächlich Jagd oder Fischfang die Grundlage der Existenz der Gesellschaft bilden, ist die Regelmäßigkeit in der Wiederholung der Produktion häufig unterbrochen durch Perioden des allgemeinen Hungerns. Bei manchen primitiven Völkern haben die Erfordernisse der Reproduktion als eines regelmäßig wiederkehrenden Prozesses schon sehr früh einen traditionellen und gesellschaftlich bindenden Ausdruck in bestimmten Zeremonien religiösen Charakters gefunden. So ist nach den gründlichen Forschungen von Spencer und Gillen der Totemkult der Australneger im Grunde genommen nichts anderes, als die zur religiösen Zeremonie erstarrte Überlieferung gewisser seit undenklichen Zeiten regelmäßig wiederholter Maßnahmen der gesellschaftlichen Gruppen zur Beschaffung und Erhaltung ihrer tierischen und pflanzlichen Nahrung. Doch erst der Hackbau, die Zähmung der Haustiere und die Viehzucht zu Ernährungszwecken ermöglichen den regelmäßigen Kreislauf von Konsumtion und Produktion, der das Merkmal der Reproduktion bildet. Insofern erscheint also der Begriff der Reproduktion selbst als etwas mehr denn bloße Wiederholung: er umschließt bereits eine gewisse Höhe in der Beherrschung der äußeren Natur durch die Gesellschaft, oder ökonomisch ausgedrückt, eine gewisse Höhe der Produktivität der Arbeit.

Andererseits ist der Produktionsprozeß selbst auf allen gesellschaftlichen Entwicklungsstufen eine Einheit von zwei verschiedenen, wenn auch eng mit einander verknüpften Momenten: der technischen und der gesellschaftlichen Bedingungen, d.h. der bestimmten Gestaltung des Verhältnisses der Menschen zur Natur und der Verhältnisse der Menschen untereinander. Die Reproduktion hängt gleichermaßen von beiden ab. Inwiefern sie an die Bedingungen der menschlichen Arbeitstechnik gebunden und selbst erst das Ergebnis einer gewissen Höhe in der Produktivität der Arbeit ist, haben wir soeben angedeutet. Aber nicht minder bestimmend sind die jeweiligen gesellschaftlichen Formen der Produktion. In einer primitiven kommunistischen Agrargemeinde wird die Reproduktion, wie der ganze Plan des Wirtschaftslebens, von der Gesamtheit der Arbeitenden und ihren demokratischen Organen bestimmt: der Entschluß zur Wiederaufnahme der Arbeit, ihre Organisation, die Sorge für nötige Vorbedingungen: Rohstoffe, Werkzeuge, Arbeitskräfte, endlich die Bestimmung des Umfangs und der Einteilung der Reproduktion sind das Ergebnis des planmäßigen Zusammenwirkens der Gesamtheit in den Grenzen der Gemeinde. In einer Sklavenwirtschaft oder auf einem Fronhof wird die Reproduktion auf Grund persönlicher Herrschaftsverhältnisse erzwungen und in allen Details geregelt, wobei die Schranke für ihren Umfang jeweilig das Verfügungsrecht des herrschenden Zentrums über einen größeren oder geringeren Kreis fremder Arbeitskräfte bildet. In der kapitalistisch produzierenden Gesellschaft gestaltet sich die Reproduktion ganz eigentümlich, was schon der Augenschein in gewissen auffälligen Momenten lehrt. In jeder anderen geschichtlich bekannten Gesellschaft wird die Reproduktion regelmäßig aufgenommen, sofern nur die Vorbedingungen: vorhandene Produktionsmittel und Arbeitskräfte dies ermöglichen. Nur äußere Einwirkungen: ein verheerender Krieg oder eine große Pest, die eine Entvölkerung und damit massenhafte Vernichtung der Arbeitskräfte und der vorrätigen Produktionsmittel herbeiführen, pflegen zu verursachen, daß auf ganzen großen Strecken früheren Kulturlebens die Reproduktion für längere oder kürzere Perioden nicht aufgenommen oder nur zum geringen Teil aufgenommen wird. Ähnliche Erscheinungen können teilweise bei despotischer Bestimmung über den Plan der Produktion hervorgerufen werden. Wenn der Wille eines Pharao im alten Ägypten Tausende von Fellahs für Jahrzehnte an den Bau von Pyramiden fesselte, oder wenn im neuen Ägypten Ismael Pascha 20.000 Fellahs für den Bau des Suez-Kanals als Fronknechte abkommandierte, oder wenn der Kaiser Schi-hoang-ti, der Begründer der Dynastie Tsin, 200 Jahre vor der christlichen Ära Vierhunderttausend Menschen vor Hunger und Erschöpfung umkommen ließ und eine ganze Generation aufrieb, um die »Große Mauer« an der Nordgrenze Chinas auszubauen, – so war in allen solchen Fällen die Folge, daß gewaltige Strecken Bauernlandes unbestellt blieben, das regelmäßige Wirtschaftsleben hier für lange Perioden unterbrochen wurde. Aber diese Unterbrechungen der Reproduktion hatten in jedem solchen Falle ganz sichtbare, klare Ursachen in der einseitigen Bestimmung über den Reproduktionsplan im ganzen durch das Herrschaftsverhältnis. In den kapitalistisch produzierenden Gesellschaften sehen wir anderes. In gewissen Perioden sehen wir, daß sowohl alle erforderlichen materiellen Produktionsmittel wie Arbeitskräfte zur Aufnahme der Reproduktion vorhanden sind, daß andererseits die Konsumtionsbedürfnisse der Gesellschaft unbefriedigt bleiben, und daß trotzdem die Reproduktion teils ganz unterbrochen ist, teils nur in verkümmertem Umfange vonstatten geht. Hier sind aber keine despotischen Eingriffe in den Wirtschaftsplan für die Schwierigkeiten des Reproduktionsprozesses verantwortlich. Die Aufnahme der Reproduktion ist hier vielmehr, außer von allen technischen Bedingungen, noch von der rein gesellschaftlichen Bedingung abhängig, daß nur diejenigen Produkte hergestellt werden, die sichere Aussicht haben, realisiert, gegen Geld ausgetauscht zu werden, und nicht nur überhaupt realisiert, sondern mit einem Profit von bestimmter landesüblicher Höhe. Profit als Endzweck und bestimmendes Moment beherrscht hier also nicht bloß die Produktion, sondern auch die Reproduktion, d.h. nicht bloß das Wie und Was des jeweiligen Arbeitsprozesses und der Verteilung der Produkte, sondern auch die Frage, ob, in welchem Umfange und in welcher Richtung der Arbeitsprozeß immer wieder von neuem aufgenommen wird, nachdem eine Arbeitsperiode ihren Abschluß gefunden hat. »Hat die Produktion kapitalistische Form, so die Reproduktion.«1

Infolge solcher rein historisch-gesellschaftlicher Momente also gestaltet sich der Reproduktionsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft im ganzen zu einem eigenartigen, sehr verwickelten Problem. Schon das äußere Charakteristikum des kapitalischen Reproduktionsprozesses zeigt seine spezifische geschichtliche Eigentümlichkeit: er umfaßt nicht nur die Produktion, sondern auch die Zirkulation (Austauschprozeß), er ist die Einheit beider.

Vor allem ist die kapitalistische Produktion eine solche zahlloser Privatproduzenten ohne jede planmäßige Regelung, und der Austausch der einzige gesellschaftliche Zusammenhang zwischen ihnen. Die Reproduktion findet hier als Anhaltspunkt für die Bestimmung der gesellschaftlichen Bedürfnisse immer nur die Erfahrungen der vorhergehenden Arbeitsperiode vor. Allein, diese Erfahrungen sind Privaterfahrungen einzelner Produzenten, die nicht einen zusammenfassenden gesellschaftlichen Ausdruck finden. Ferner sind es immer nicht positive und direkte Erfahrungen über die Bedürfnisse der Gesellschaft, sondern indirekte und negative, die aus der jeweiligen Bewegung der Preise einen Rückschluß über das Zuviel oder Zuwenig der hergestellten Produktenmasse im Verhältnis zur zahlungsfähigen Nachfrage erlauben. Die Reproduktion wird aber immer wieder unter Benutzung dieser Erfahrungen über die vergangene Produktionsperiode von einzelnen Privatproduzenten in Angriff genommen. Daraus kann sich in der folgenden Periode ebenfalls nur wiederum ein Zuviel oder Zuwenig ergeben, wobei einzelne Produktionszweige ihre eigenen Wege gehen, und in dem einen sich ein Zuviel herausstellen kann, dagegen in einem anderen ein Zuwenig. Bei der gegenseitigen technischen Abhängigkeit jedoch fast aller einzelnen Produktionszweige zieht ein Zuviel oder Zuwenig einiger größerer führender Produktionszweige auch die gleiche Erscheinung in den meisten übrigen Produktionszweigen nach sich. So ergibt sich von Zeit zu Zeit abwechselnd ein allgemeiner Überfluß und ein allgemeiner Mangel an Produkten im Verhältnis zur Nachfrage der Gesellschaft. Daraus folgt schon, daß die Reproduktion in der kapitalistischen Gesellschaft eine eigentümliche, von allen anderen geschichtlichen Produktionsformen verschiedene Gestalt annimmt. Erstens macht jeder Produktionszweig eine in gewissen Grenzen unabhängige Bewegung durch, die von Zeit zu Zeit zu kürzeren oder längeren Unterbrechungen in der Reproduktion führt. Zweitens summieren sich die Abweichungen der Reproduktion in den einzelnen Zweigen von dem gesellschaftlichen Bedürfnis periodisch zu einer allgemeinen Inkongruenz, worauf eine allgemeine Unterbrechung der Reproduktion folgt. Die kapitalistische Reproduktion bietet somit eine ganz eigentümliche Figur. Während die Reproduktion unter jeder anderen Wirtschaftsform – abgesehen von äußeren gewaltsamen Eingriffen – als ein ununterbrochener gleichmäßiger Kreislauf verläuft, kann die kapitalistische Reproduktion – um einen bekannten Ausdruck Sismondis anzuwenden – nur als eine fortlaufende Reihe einzelner Spiralen dargestellt werden, deren Windungen anfänglich klein, dann immer größer, zum Schluß ganz groß sind, worauf ein Zusammenschrumpfen folgt und die nächste Spirale wieder mit kleinen Windungen beginnt, um dieselbe Figur bis zur Unterbrechung durchzumachen.

Der periodische Wechsel der größten Ausdehnung der Reproduktion und ihres Zusammenschrumpfens bis zur teilweisen Unterbrechung, d.h. das, was man als den periodischen Zyklus der matten Konjunktur, Hochkonjunktur und Krise bezeichnet, ist die auffälligste Eigentümlichkeit der kapitalistischen Reproduktion.

Es ist jedoch sehr wichtig, von vornherein festzustellen, daß der periodische Wechsel der Konjunkturen und die Krise zwar wesentliche Momente der Reproduktion, aber nicht das Problem der kapitalistischen Reproduktion an sich, nicht das eigentliche Problem darstellen. Periodischer Konjunkturwechsel und Krise sind die spezifische Form der Bewegung bei der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sie sind aber nicht die Bewegung selbst. Um das Problem der kapitalistischen Reproduktion in reiner Gestalt darzustellen, müssen wir vielmehr gerade von jenem periodischen Konjunkturwechsel und von Krisen absehen. So befremdend dies erscheinen mag, so ist es eine ganz rationelle Methode, ja, die einzige wissenschaftlich gangbare Methode der Untersuchung. Um das Problem des Wertes rein darzustellen und zu lösen, müssen wir von den Schwankungen der Preise absehen. Die vulgärökonomische Auffassung sucht stets das Wertproblem durch Hinweise auf die Schwankungen der Nachfrage und des Angebots zu lösen. Die klassische Ökonomie von Smith bis Marx hat die Sache umgekehrt angefaßt, indem sie erklärte: Schwankungen im gegenseitigen Verhältnis der Nachfrage und des Angebots können nur Abweichungen des Preises vom Wert, nicht aber den Wert selbst erklären. Um herauszufinden, was der Wert der Waren ist, müssen wir das Problem unter der Voraussetzung packen, daß sich Nachfrage und Angebot die Wage halten, d.h. der Preis und der Wert der Waren decken. Das wissenschaftliche Wertproblem beginnt also gerade dort, wo die Wirkung der Nachfrage und des Angebots aufhört. Genau dasselbe gilt für das Problem der Reproduktion des kapitalistischen Gesamtkapitals. Der periodische Wechsel der Konjunkturen und die Krisen bewirken, daß die kapitalistische Reproduktion als Regel um die zahlungsfähigen Gesamtbedürfnisse der Gesellschaft schwankt, sich bald von ihnen nach oben entfernt, bald unter sie bis zur nahezu völligen Unterbrechung sinkt. Nimmt man jedoch eine längere Periode, einen ganzen Zyklus mit wechselnden Konjunkturen, so wiegen sich Hochkonjunktur und Krise, d.h. die höchste Überspannung der Reproduktion mit ihrem Tiefstand und ihrer Unterbrechung auf, und im Durchschnitt des ganzen Zyklus bekommen wir eine gewisse mittlere Größe der Reproduktion. Dieser Durchschnitt ist nicht bloß ein theoretisches Gedankenbild, sondern auch ein realer, objektiver Tatbestand. Denn trotz des scharfen Auf und Ab der Konjunkturen, trotz Krisen werden die Bedürfnisse der Gesellschaft schlecht oder recht befriedigt, die Reproduktion geht weiter ihren verschlungenen Gang und die Produktivkräfte entwickeln sich immer mehr. Wie kommt dies nun zustande, wenn wir von Krise und Konjunkturwechsel absehen? – Hier beginnt die eigentliche Frage, und der Versuch, das Reproduktionsproblem durch den Hinweis auf die Periodizität der Krisen zu lösen, ist im Grunde genommen ebenso vulgärökonomisch, wie der Versuch, das Wertproblem durch Schwankungen von Nachfrage und Angebot zu lösen. Trotzdem werden wir weiter sehen, daß die Nationalökonomie beständig diese Neigung verriet, das Problem der Reproduktion, kaum daß sie es halbwegs bewußt aufgestellt oder wenigstens geahnt hatte, unversehens in das Krisenproblem zu verwandeln und sich so die Lösung selbst zu versperren. Wenn wir im folgenden von kapitalistischer Reproduktion sprechen, so ist darunter stets jener Durchschnitt zu verstehen, der sich als die mittlere Resultante des Konjunkturwechsels innerhalb eines Zyklus ergibt.

Die kapitalistische Gesamtproduktion wird durch eine schrankenlose und beständig schwankende Anzahl von Privatproduzenten bewerkstelligt, die unabhängig voneinander, ohne jede gesellschaftliche Kontrolle außer der Beobachtung der Preisschwankungen, und ohne jeden gesellschaftlichen Zusammenhang außer dem Warenaustausch produzieren. Wie kommt aus diesen zahllosen, unzusammenhängenden Bewegungen die tatsächliche Gesamtproduktion heraus? Wird die Frage so gestellt – und dies ist die erste allgemeine Form, unter der sich das Problem unmittelbar bietet –, so wird dabei übersehen, daß die Privatproduzenten in diesem Fall keine einfachen Warenproduzenten, sondern kapitalistische Produzenten sind, und daß auch die Gesamtproduktion der Gesellschaft keine Produktion zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse schlechthin, auch keine einfache Warenproduktion, sondern kapitalistische Produktion ist. Sehen wir zu, welche Veränderungen im Problem dies mit sich bringt.

Der Produzent, der nicht bloß Waren, sondern Kapital produziert, muß vor allem Mehrwert erzeugen. Mehrwert ist das Endziel und das bewegende Motiv des kapitalistischen Produzenten. Die hergestellten Waren müssen ihm, nachdem sie realisiert werden, nicht nur alle seine Auslagen, sondern darüber hinaus eine Wertgröße eintragen, der keine Auslage auf seiner Seite entspricht, die reiner Überschuß ist. Vom Standpunkte dieser Mehrwerterzeugung zerfällt das vom Kapitalisten vorgeschossene Kapital, ohne daß er es weiß und entgegen den Flausen, die er sich und der Welt über stehendes und umlaufendes Kapital vormacht, in einen Teil, der seine Auslagen für Produktionsmittel: Arbeitsräume, Roh- und Hilfsstoffe, Instrumente, darstellt, und einen anderen Teil, der in Arbeitslöhnen verausgabt wird. Den ersteren, der seine Wertgröße durch Gebrauch im Arbeitsprozeß unverändert auf das Produkt überträgt, nennt Marx den konstanten, den letzteren, der durch Aneignung unbezahlter Lohnarbeit zum Wertzuwachs, zur Erzeugung von Mehrwert führt, den variablen Kapitalteil. Von diesem Standpunkt entspricht die Wertzusammensetzung jeder kapitalistisch hergestellten Ware normalerweise der Formel
c+v+m,
wobei c den ausgelegten konstanten Kapitalwert, d.h. den auf die Ware übertragenen Wertteil der gebrauchten toten Produktionsmittel darstellt, v den ausgelegten variablen, d.h. in Löhnen verausgabten Kapitalteil bedeutet, endlich m den Mehrwert, d.h. den aus dem unbezahlten Teil der Lohnarbeit herrührenden Wertzuwachs repräsentiert. Alle drei Wertteile stecken zusammen in der konkreten Gestalt der hergestellten Ware – jedes einzelnen Exemplars wie der gesamten Warenmasse als Einheit betrachtet, ob es sich um Baumwollgewebe oder Ballettdarbietungen, gußeiserne Röhren oder liberale Zeitungen handelt. Die Herstellung der Waren ist nicht Zweck für den kapitalistischen Produzenten, sondern bloß Mittel zur Aneignung des Mehrwerts. Solange aber der Mehrwert in der Warengestalt steckt, ist er für den Kapitalisten unbrauchbar. Er muß, nachdem er hergestellt, realisiert, in seine reine Wertgestalt, d.h. in Geld verwandelt werden. Damit dies geschieht und der Mehrwert in Geldgestalt vom Kapitalisten angeeignet wird, müssen auch seine gesamten Kapitalauslagen die Warenform abstreifen und in Geldform zu ihm zurückkehren. Erst, wenn dies gelungen, wenn die gesamte Warenmasse also nach ihrem Wert gegen Geld veräußert ist, ist der Zweck der Produktion erreicht. Die Formel
c+v+m
bezieht sich dann genau so, wie früher auf die Wertzusammensetzung der Waren, jetzt auf die quantitative Zusammensetzung des aus dem Warenverkauf gelösten Geldes: ein Teil davon (c) erstattet dem Kapitalisten seine Auslagen an verbrauchten Produktionsmitteln, ein anderer (v) seine Auslagen an Arbeitslöhnen, der letzte (m) bildet den erwarteten Überschuß, den »Reingewinn« des Kapitalisten in bar.2 Diese Verwandlung des Kapitals aus ursprünglicher Gestalt, die den Ausgangspunkt jeder kapitalistischen Produktion darstellt, in tote und lebendige Produktionsmittel (d.h. Rohstoffe, Instrumente und Arbeitskraft), aus diesen durch lebendigen Arbeitsprozeß in Waren und endlich aus Waren durch den Austauschprozeß wieder in Geld, und zwar in mehr Geld als im Anfangsstadium, dieser Umschlag des Kapitals ist jedoch nicht nur zur Produktion und Aneignung von Mehrwert nötig. Zweck und treibendes Motiv der kapitalistischen Produktion ist nicht Mehrwert schlechthin, in beliebiger Menge, in einmaliger Aneignung, sondern Mehrwert schrankenlos, in unaufhörlichem Wachstum, in einer immer größeren Menge. Dies kann aber immer wieder nur durch dasselbe Zaubermittel: durch kapitalistische Produktion, d.h. durch Aneignung unbezahlter Lohnarbeit im Prozeß der Warenherstellung und durch Realisierung der so hergestellten Waren erreicht werden. Produktion immer von neuem, Reproduktion als regelmäßige Erscheinung erhält damit in der kapitalistischen Gesellschaft ein ganz neues Motiv, das unter jeder anderen Produktionsform unbekannt ist. Unter jeder historisch bekannten Wirtschaftsweise sonst ist das bestimmende Moment der Reproduktion – die unaufhörlichen Konsumtionsbedürfnisse der Gesellschaft, – mögen dies demokratisch bestimmte Konsumtionsbedürfnisse der Gesamtheit der Arbeitenden in einer agrarkommunistischen Markgenossenschaft sein, oder despotisch bestimmte Bedürfnisse einer antagonistischen Klassengesellschaft, einer Sklavenwirtschaft, eines Fronhofs u. dgl. Bei der kapitalistischen Produktionsweise existiert für den einzelnen Privatproduzenten – und nur solche kommen hier in Betracht – die Rücksicht auf Konsumtionsbedürfnisse der Gesellschaft als Motiv zur Produktion gar nicht. Für ihn existiert nur die zahlungsfähige Nachfrage, und diese auch nur als ein unumgängliches Mittel zur Realisierung des Mehrwerts. Die Herstellung von Produkten für den Konsum, die das zahlungsfähige Bedürfnis der Gesellschaft befriedigen, ist deshalb zwar ein Gebot der Notwendigkeit für den Einzelkapitalisten, aber ebenso sehr ein Umweg vom Standpunkte des eigentlichen Beweggrunds: der Aneignung des Mehrwerts. Und dieses Motiv ist es auch, das dazu treibt, immer wieder die Reproduktion aufzunehmen. Die Mehrwertproduktion ist es, die in der kapitalistischen Gesellschaft die Reproduktion der Lebensbedürfnisse im ganzen zum perpetuum mobile macht. Die Reproduktion ihrerseits, deren Ausgangspunkt kapitalistisch immer wieder das Kapital, und zwar in seiner reinen Wertform, in Geldform, bildet, kann offenbar nur dann in Angriff genommen werden, wenn die Produkte der vorhergegangenen Periode, die Waren, in ihre Geldform verwandelt, realisiert worden sind. Als erste Bedingung der Reproduktion erscheint also für den kapitalistischen Produzenten die gelungene Realisierung der in der vorhergegangenen Produktionsperiode hergestellten Waren.

Jetzt gelangen wir zu einem zweiten wichtigen Umstand. Die Bestimmung des Umfangs der Reproduktion liegt – bei der privaten Wirtschaftsweise – im Belieben und Gutdünken des Einzelkapitalisten. Sein treibendes Motiv ist aber Mehrwertaneignung, und zwar möglichst rasch progressierende Mehrwertaneignung. Eine Beschleunigung in der Mehrwertaneignung ist jedoch nur möglich durch Erweiterung der kapitalistischen Produktion, die den Mehrwert schafft. Der Großbetrieb hat bei der Mehrwerterzeugung in jeder Hinsicht Vorteile gegenüber dem Kleinbetrieb. Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt also nicht bloß ein ständiges Motiv zur Reproduktion überhaupt, sondern auch ein Motiv zur ständigen Erweiterung der Reproduktion, zur Wiederaufnahme der Produktion in größerem Umfang als bisher.

Nicht genug. Die kapitalistische Produktionsweise schafft nicht bloß im Mehrwerthunger des Kapitalisten die treibende Kraft zur rastlosen Erweiterung der Reproduktion, sondern sie verwandelt diese Erweiterung geradezu in ein Zwangsgesetz, in eine wirtschaftliche Existenzbedingung für den Einzelkapitalisten. Unter der Herrschaft der Konkurrenz besteht die wichtigste Waffe des Einzelkapitalisten im Kampfe um den Platz auf dem Absatzmärkte in der Billigkeit der Waren. Alle dauernden Methoden zur Herabsetzung der Herstellungskosten der Waren – die nicht durch Herabdrückung der Löhne oder Verlängerung der Arbeitszeit eine Extrasteigerung des Mehrwerts erzielen und selbst auf mancherlei Hindernisse stoßen können – laufen aber auf eine Erweiterung der Produktion hinaus. Ob es sich um Ersparnisse an Baulichkeiten und Werkzeugen handelt oder um Anwendung leistungsfähigerer Produktionsmittel oder um weitgehende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen oder um rapide Ausnutzung einer günstigen Marktkonjunktur zur Anschaffung billiger Rohstoffe – in allen Fällen hat der Großbetrieb Vorteile vor dem Klein- und Mittelbetrieb.

Diese Vorteile wachsen in sehr weiten Grenzen zusammen mit der Ausdehnung des Betriebes. Die Konkurrenz selbst zwingt deshalb jede Vergrößerung eines Teils der kapitalistischen Betriebe den anderen als Existenzbedingung auf. So ergibt sich eine unaufhörliche Tendenz zur Ausdehnung der Reproduktion, die sich unaufhörlich mechanisch, wellenartig über die ganze Oberfläche der Privatproduktion verbreitet.

Für den Einzelkapitalisten äußert sich die Erweiterung der Reproduktion darin, daß er einen Teil des angeeigneten Mehrwerts zum Kapital schlägt, akkumuliert. Akkumulation, Verwandlung des Mehrwerts in tätiges Kapital, ist der kapitalistische Ausdruck der erweiterten Reproduktion.

Die erweiterte Reproduktion ist keine Erfindung des Kapitals. Sie bildet vielmehr seit jeher die Regel in jeder historischen Gesellschaftsform, die wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt aufweist. Die einfache Reproduktion – die bloße ständige Wiederholung des Produktionsprozesses im früheren Umfang – ist zwar möglich und kann auf langen Zeitstrecken der gesellschaftlichen Entwicklung beobachtet werden. So z.B. in den uraltertümlichen agrarkommunistischen Dorfgemeinden, in denen der Zuwachs der Bevölkerung nicht durch eine allmähliche Erweiterung der Produktion, sondern durch periodische Ausscheidung des Nachwuchses und Gründung von ebenso winzigen, sich selbst genügenden Filialgemeinden berücksichtigt wird. Ebenso bieten die alten kleinen Handwerksbetriebe in Indien oder China das Beispiel einer von Generation auf Generation vererbten traditionellen Wiederholung der Produktion in denselben Formen und demselben Umfang. Doch ist in allen solchen Fällen die einfache Reproduktion Grundlage und sicheres Zeichen des allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen Stillstands. Alle entscheidenden Produktionsfortschritte und Kulturdenkmäler, wie die großen Wasserwerke des Orients, die ägyptischen Pyramiden, die römischen Heerstraßen, die griechischen Künste und Wissenschaften, die Entwicklung des Handwerks und der Städte im Mittelalter, wären unmöglich ohne erweiterte Reproduktion, denn nur eine stufenweise Ausdehnung der Produktion über die unmittelbaren Bedürfnisse hinaus und das ständige Wachstum der Bevölkerung wie ihrer Bedürfnisse bilden zugleich die wirtschaftliche Grundlage und den sozialen Antrieb zu entscheidenden Kulturfortschritten. Namentlich der Austausch und mit ihm die Entstehung der Klassengesellschaft und ihre historischen Fortschritte bis zur kapitalistischen Wirtschaftsform wären undenkbar ohne erweiterte Reproduktion. In der kapitalistischen Gesellschaft jedoch kommen der erweiterten Reproduktion einige neue Charaktere zu. Zunächst wird sie hier, wie bereits angeführt, zum Zwangsgesetz für den Einzelkapitalisten. Einfache Reproduktion, selbst Rückgang in der Reproduktion sind zwar auch bei der kapitalistischen Produktionsweise nicht ausgeschlossen, sie bilden vielmehr periodische Erscheinungen der Krisen nach der ebenso periodischen Überspannung der erweiterten Reproduktion in der Hochkonjunktur. Doch geht die allgemeine Bewegung der Reproduktion – über die periodischen Schwankungen des zyklischen Konjunkturwechsels hinweg – in der Richtung einer unaufhörlichen Erweiterung. Für den Einzelkapitalisten bedeutet die Unmöglichkeit, mit dieser allgemeinen Bewegung Schritt zu halten, das Ausscheiden aus dem Konkurrenzkampf, den wirtschaftlichen Tod. –

Ferner kommt noch anderes hinzu. Bei jeder rein oder vorwiegend naturalwirtschaftlichen Produktionsweise – in einer agrarkommunistischen Dorfgemeinde Indiens oder in einer römischen Villa mit Sklavenarbeit oder im feudalen Fronhof des Mittelalters – bezieht sich Begriff und Zweck der erweiterten Reproduktion nur auf die Produktenmenge, auf die Masse der hergestellten Konsumgegenstände. Die Konsumtion als Zweck beherrscht den Umfang und Charakter sowohl des Arbeitsprozesses im einzelnen wie der Reproduktion im allgemeinen. Anders unter der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Die kapitalistische Produktion ist nicht eine solche zu Konsumtionszwecken, sondern eine Wertproduktion. Die Wertverhältnisse beherrschen den gesamten Produktions- wie Reproduktionsprozeß. Kapitalistische Produktion ist nicht Produktion von Konsumgegenständen, auch nicht von Waren schlechthin, sondern von Mehrwert. Erweiterte Reproduktion bedeutet also kapitalistisch: Ausdehnung der Mehrwertproduktion. Die Mehrwertproduktion geht zwar in der Form der Warenproduktion, in letzter Linie also Produktion von Konsumgegenständen vor sich. Allein in der Reproduktion werden diese zwei Gesichtspunkte durch Verschiebungen in der Produktivität der Arbeit immer wieder getrennt. Dieselbe Kapitalgröße und Mehrwertgröße wird sich, durch Steigerung der Produktivität fortschreitend, in einer größeren Menge Konsumgegenstände darstellen. Die Produktionserweiterung im Sinne der Herstellung einer größeren Masse von Gebrauchswerten braucht also an sich noch nicht erweiterte Reproduktion im kapitalistischen Sinne zu sein. Umgekehrt kann das Kapital ohne Änderung in der Produktivität der Arbeit in gewissen Schranken durch Steigerung der Ausbeutungsstufe – zum Beispiel durch Herabdrückung der Löhne – einen größeren Mehrwert herausschlagen, ohne eine größere Produktenmenge herzustellen. Aber in diesem wie in jenem Fall werden gleichermaßen die Elemente der erweiterten Reproduktion im kapitalistischen Sinne hergestellt. Denn diese Elemente sind: Mehrwert sowohl als Wertgröße wie als Summe von sachlichen Produktionsmitteln. Die Erweiterung der Mehrwertproduktion wird als Regel betrachtet durch Vergrößerung des Kapitals bewirkt, diese aber durch Hinzuschlagen eines Teils des angeeigneten Mehrwerts zum Kapital. Dabei ist es gleichgültig, ob der kapitalistische Mehrwert zur Erweiterung der alten Unternehmung oder als selbständiger Ableger zu Neugründungen verwendet wird. Die erweiterte Reproduktion im kapitalistischen Sinne bekommt also den spezifischen Ausdruck des Kapitalwachstums durch progressive Kapitalisierung des Mehrwerts oder, wie Marx dies nennt, Kapitalakkumulation. Die allgemeine Formel der erweiterten Reproduktion unter der Herrschaft des Kapitals stellt sich also folgendermaßen dar:
(c+v) + m/x + m‘,
wobei m/x den kapitalisierten Teil des in der früheren Produktionsperiode angeeigneten Mehrwerts darstellt, m‘ den neuen, aus dem gewachsenen Kapital erzeugten Mehrwert. Dieser neue Mehrwert wird zu einem Teil wieder kapitalisiert. Der ständige Fluß dieser abwechselnden Mehrwertaneignung und Mehrwertkapitalisierung, die sich wechselseitig bedingen, bildet den Prozeß der erweiterten Reproduktion im kapitalistischen Sinne.

Allein hier sind wir erst bei der allgemeinen abstrakten Formel der Reproduktion. Betrachten wir näher die konkreten Bedingungen, die zur Verwirklichung dieser Formel erforderlich sind.

Der angeeignete Mehrwert stellt sich, nachdem er auf dem Markte glücklich die Warenform abgestreift hat, als eine bestimmte Geldsumme dar. In dieser Form hat er die absolute Wertgestalt, in der er seine Laufbahn als Kapital beginnen kann. Aber in dieser Gestalt steht er zugleich erst an der Schwelle seiner Laufbahn. Mit Geld kann man keinen Mehrwert schaffen.

Damit der zur Akkumulation bestimmte Teil des Mehrwerts auch wirklich kapitalisiert wird, muß er die konkrete Gestalt annehmen, die ihn erst befähigt, als produktives, d.h. neuen Mehrwert heckendes Kapital zu wirken. Dazu ist es notwendig, daß er, genau wie das Originalkapital, in zwei Teile zerfällt, in einen konstanten, in toten Produktionsmitteln, und einen variablen, in Arbeitslöhnen dargestellten Teil. Erst dann wird er, nach dem Vorbild des alten Kapitals, in die Formel
c+v+m
gebracht werden können.

Dazu genügt aber nicht der gute Wille des Kapitalisten, zu akkumulieren, auch nicht seine »Sparsamkeit« und »Enthaltsamkeit«, womit er den größeren Teil seines Mehrwerts zur Produktion verwendet, statt ihn in persönlichem Luxus ganz zu verjubeln. Dazu ist vielmehr erforderlich, daß er auf dem Warenmärkte die konkreten Gestalten vorfindet, die er seinem neuen Kapitalzuwachs zu geben gedenkt, also erstens gerade die sachlichen Produktionsmittel – Rohstoffe, Maschinen usw. –, deren er zu der von ihm geplanten und gewählten Produktionsart bedarf, um dem konstanten Kapitalteil die produktive Form zu geben. Zweitens aber muß auch die als variabler Teil bestimmte Kapitalportion die Verwandlung vornehmen können, und hierfür ist zweierlei notwendig: vor allem, daß sich auf dem Arbeitsmarkt die zuschüssigen Arbeitskräfte in genügender Anzahl vorfinden, deren es gerade bedarf, um den neuen Kapitalzuwachs in Bewegung zu setzen, und ferner, daß – da die Arbeiter nicht von Geld leben können – auf dem Warenmarkte auch die zuschüssigen Lebensmittel sich vorfinden, gegen die die neuzubeschäftigenden Arbeiter den vom Kapitalisten erhaltenen variablen Kapitalanteil auszutauschen in der Lage sind.

Sind alle diese Vorbedingungen vorhanden, dann kann der Kapitalist seinen kapitalisierten Mehrwert in Bewegung setzen, ihn als prozessierendes Kapital neuen Mehrwert erzeugen lassen. Damit ist die Aufgabe noch nicht endgültig gelöst. Das neue Kapital mitsamt dem erzeugten Mehrwert steckt vorerst noch in Gestalt einer neuen zuschüssigen Warenmasse irgendeiner Gattung. In dieser Gestalt ist das neue Kapital nur noch erst vorgeschossen, und der von ihm erzeugte Mehrwert erst in seiner für den Kapitalisten unbrauchbaren Form. Damit das neue Kapital seinen Lebenszweck erfüllt, muß es seine Warengestalt abstreifen und mitsamt dem von ihm erzeugten Mehrwert in reiner Wertform, als Geld, in die Hand des Kapitalisten zurückkehren. Gelingt das nicht, dann sind neues Kapital und Mehrwert ganz oder teilweise verloren, die Kapitalisierung des Mehrwerts ist fehlgeschlagen, die Akkumulation hat nicht stattgefunden. Damit die Akkumulation tatsächlich vollzogen wird, ist also unbedingt erforderlich, daß die von dem neuen Kapital erzeugte zuschüssige Warenmenge auf dem Markte einen Platz für sich erobert, um realisiert werden zu können.

So sehen wir, daß die erweiterte Reproduktion unter kapitalistischen Bedingungen, d.h. als Kapitalakkumulation, an eine ganze Reihe eigentümlicher Bedingungen geknüpft ist. Fassen wir sie genau ins Auge. Erste Bedingung: Die Produktion muß Mehrwert erzeugen, denn der Mehrwert ist die elementare Form, unter der der Produktionszuwachs kapitalistisch allein möglich ist. Diese Bedingung muß im Produktionsprozeß selbst, im Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter, in der Warenproduktion eingehalten werden. Zweite Bedingung: Damit der Mehrwert, der zur Erweiterung der Reproduktion bestimmt ist, angeeignet wird, muß er, nachdem die erste Bedingung eingehalten, erst realisiert, in Geldform gebracht werden. Diese Bedingung führt uns auf den Warenmarkt, wo die Chancen des Austausches über die weiteren Schicksale des Mehrwerts, also auch der künftigen Reproduktion, entscheiden. Dritte Bedingung: Vorausgesetzt, daß die Realisierung des Mehrwerts gelungen und ein Teil des realisierten Mehrwerts zum Kapital zwecks Akkumulation geschlagen worden ist, muß das neue Kapital erst die produktive Gestalt, d.h. die Gestalt von toten Produktionsmitteln und Arbeitskräften annehmen, ferner muß der gegen Arbeitskräfte ausgetauschte Kapitalteil die Gestalt von Lebensmitteln für die Arbeiter annehmen. Diese Bedingung führt uns wieder auf den Warenmarkt und auf den Arbeitsmarkt. Ist hier das Nötige gefunden, hat erweiterte Reproduktion der Waren stattgefunden, dann tritt die vierte Bedingung hinzu: Die zuschüssige Warenmenge, die das neue Kapital samt neuem Mehrwert darstellt, muß realisiert, in Geld umgewandelt werden. Erst wenn dies gelungen, hat die erweiterte Reproduktion im kapitalistischen Sinne stattgefunden. Diese letzte Bedingung führt uns wieder auf den Warenmarkt.

So spielt die kapitalistische Reproduktion, wie die Produktion, fortwährend zwischen der Produktionsstätte und dem Warenmarkt, zwischen dem Privatkontor und Fabrikraum, zu denen »Unbefugten der Zutritt streng verboten« und wo des Einzelkapitalisten souveräner Wille höchstes Gesetz ist, und dem Warenmarkt, dem niemand Gesetze vorschreibt und Wo kein Wille und keine Vernunft sich geltend machen. Aber gerade in der Willkür und Anarchie, die auf dem Warenmarkt herrschen, macht sich dem Einzelkapitalisten seine Abhängigkeit von der Gesellschaft, von der Gesamtheit der produzierenden und konsumierenden Einzelglieder fühlbar. Zur Erweiterung seiner Reproduktion braucht er zuschüssige Produktionsmittel und Arbeitskräfte nebst Lebensmitteln für diese, aber das Vorhandensein solcher hängt von Momenten, Umständen, Vorgängen ab, die hinter seinem Rücken, ganz unabhängig von ihm sich vollziehen. Um seine vergrößerte Produktenmasse realisieren zu können, braucht er einen erweiterten Absatzmarkt, aber die tatsächliche Erweiterung der Nachfrage im allgemeinen wie insbesondere nach seiner Warengattung ist eine Sache, der gegenüber er völlig machtlos ist.

Die aufgezählten Bedingungen, die alle den immanenten Widerspruch zwischen privater Produktion und Konsumtion und gesellschaftlichem Zusammenhang beider zum Ausdruck bringen, sind keine neuen Momente, die erst bei der Reproduktion auftreten. Es sind die allgemeinen Widersprüche der kapitalistischen Produktion. Sie bieten sich jedoch als besondere Schwierigkeiten des Reproduktionsprozesses dar, und zwar aus folgenden Gründen: Unter dem Gesichtswinkel der Reproduktion, namentlich der erweiterten Reproduktion, erscheint die kapitalistische Produktionsweise nicht bloß in ihren allgemeinen Grundcharakteren, sondern auch in einem bestimmten Bewegungsrhythmus als ein Prozeß in seinem Fortgang, wobei das spezifische Ineinandergreifen der einzelnen Zahnräder seiner Produktionsperioden zum Vorschein kommt. Unter diesem Gesichtswinkel lautet also die Frage nicht in ihrer Allgemeinheit: wie vermag jeder Einzelkapitalist die Produktionsmittel und Arbeitskräfte vorzufinden, die er braucht, und die Waren auf dem Markte abzusetzen, die er hat produzieren lassen, trotzdem es gar keine gesellschaftliche Kontrolle und Planmäßigkeit gibt, die Produktion und Nachfrage miteinander in Einklang bringen würde? Die Antwort auf diese Frage lautet: einerseits sorgen der Drang der Einzelkapitale nach Mehrwert und die Konkurrenz unter ihnen, wie auch die automatischen Wirkungen der kapitalistischen Ausbeutung und der kapitalistischen Konkurrenz dafür, daß sowohl jegliche Waren, also auch Produktionsmittel hergestellt werden, wie daß eine wachsende Klasse proletarisierter Arbeiter im allgemeinen zur Verfügung des Kapitals stehen. Andererseits äußert sich die Planlosigkeit dieser Zusammenhänge darin, daß das Klappen von Nachfrage und Angebot auf allen Gebieten nur durch ständige Abweichungen von ihrer Übereinstimmung, durch Preisschwankungen stündlich und durch Konjunkturschwankungen und Krisen periodisch, durchgesetzt wird.

Unter dem Gesichtswinkel der Reproduktion lautet die Frage anders: wie ist es möglich, daß die planlos vor sich gehende Versorgung des Marktes mit Produktionsmitteln und Arbeitskräften, wie die planlos und unberechenbar sich verändernden Absatzbedingungen dem Einzelkapitalisten die jeweilig seinen Akkumulationsbedürfnissen entsprechenden, also in einem bestimmten Quantitätsverhältnis wachsenden Mengen und Gattungen Produktionsmittel, Arbeitskräfte und Absatzmöglichkeiten sichern? Fassen wir die Sache präziser. Der Kapitalist produziere nach der uns bekannten Formel in folgendem Verhältnis:
40c+10v+10m,
wobei das konstante Kapital viermal so groß wie das variable, die Ausbeutungsrate 100 Proz. sei. Die Warenmasse wird alsdann einen Wert von 60 darstellen. Nehmen wir an, der Kapitalist sei in der Lage, die Hälfte seines Mehrwertes zu kapitalisieren und schlage sie zum alten Kapital nach derselben Zusammensetzung des Kapitals. Die nächste Produktionsperiode würde dann in der Formel zum Ausdruck kommen
44c+11v+11m=66.
Nehmen wir an, daß der Kapitalist auch weiter in der Lage ist, die Hälfte seines Mehrwertes zu kapitalisieren und so jedes Jahr. Damit er dies bewerkstelligen kann, ist erforderlich, daß er nicht bloß überhaupt, sondern in der bestimmten Progression Produktionsmittel, Arbeitskräfte und Absatzgebiet vorfindet, die seinem Akkumulationsfortschritt entsprechen.

1 K. Marx, Das Kapital I, vierte Auflage 1890, S. 529.

2 In dieser Darstellung nehmen wir Mehrwert als identisch mit Profit an, was ja für die Gesamtproduktion, auf die es weiter allein ankommt, zutrifft. Auch sehen wir von der Spaltung des Mehrwerts in seine Einzelteile: Unternehmergewinn, Kapitalzins, Rente ab, da sie für das Problem der Reproduktion zunächst belanglos ist.

Zweites Kapitel.

Die Analyse des Reproduktionsprozesses bei Quesnay und bei Ad. Smith.

Bis jetzt haben wir die Reproduktion vom Standpunkte des Einzelkapitalisten betrachtet, der typischer Vertreter, Agent der Reproduktion ist, die ja durch lauter einzelne privatkapitalistische Unternehmungen ins Werk gesetzt wird. Diese Betrachtung hat uns schon genug Schwierigkeiten des Problems gezeigt. Die Schwierigkeiten wachsen aber und verwickeln sich außerordentlich, sobald wir uns von der Betrachtung des Einzelkapitalisten zur Gesamtheit der Kapitalisten wenden.

Schon ein oberflächlicher Blick zeigt, daß die kapitalistische Reproduktion als gesellschaftliches Ganzes nicht einfach als die mechanische Summe der einzelnen privatkapitalistischen Reproduktionen aufgefaßt werden darf. Wir haben z.B. gesehen, daß eine der Grundvoraussetzungen für die erweiterte Reproduktion des Einzelkapitalisten eine entsprechende Erweiterung seiner Absatzmöglichkeit auf dem Warenmarkte ist. Nun mag diese Erweiterung dem einzelnen Kapitalisten nicht durch absolute Ausdehnung der Absatzschranken im ganzen, sondern durch Konkurrenzkampf auf Kosten anderer Einzelkapitalisten gelingen, so daß dem einen zugute kommt, was ein anderer oder mehrere andere, vom Markte verdrängte Kapitalisten als Verlust buchen. Dieser Vorgang wird dem einen Kapitalisten an erweiterter Reproduktion einbringen, was er anderen als Defizit in der Reproduktion aufzwingt. Der eine Kapitalist wird erweiterte Reproduktion, andere werden nicht einmal die einfache bewerkstelligen können, und die kapitalistische Gesellschaft im ganzen wird nur eine lokale Verschiebung, nicht aber eine quantitative Veränderung in der Reproduktion verzeichnen. Ebenso kann die erweiterte Reproduktion des einen Kapitalisten mit Produktionsmitteln und Arbeitskräften ins Werk gesetzt werden, die durch den Bankrott, also gänzliches oder teilweises Aufgeben der Reproduktion bei anderen Kapitalisten freigesetzt worden sind.

Diese alltäglichen Vorgänge beweisen, daß die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals etwas anderes ist, als die ins Unermeßliche gesteigerte Reproduktion des Einzelkapitalisten, daß sich die Reproduktionsvorgänge der einzelnen Kapitale vielmehr unaufhörlich kreuzen und in ihrer Wirkung jeden Moment gegenseitig in größerem oder geringerem Grade aufheben können. Bevor wir also den Mechanismus und die Gesetze der kapitalistischen Gesamtproduktion untersuchen, ist es notwendig, die Frage zu stellen, was wir uns denn unter der Reproduktion des Gesamtkapitals vorstellen sollen und ob es überhaupt möglich ist, aus dem Wust der zahllosen Bewegungen der Einzelkapitale, die sich alle Augenblicke nach unkontrollierbaren und unberechenbaren Regeln verändern und teils parallel nebeneinander verlaufen, sich teils kreuzen und aufheben, so etwas wie eine Gesamtreproduktion zu konstruieren. Gibt es denn überhaupt ein Gesamtkapital der Gesellschaft, und was stellt dieser Begriff allenfalls in der realen Wirklichkeit dar? Das ist die erste Frage, die sich die wissenschaftliche Erforschung der Reproduktionsgesetze stellen muß. Der Vater der Physiokratenschule, Quesnay, der mit der klassischen Unerschrockenheit und Einfachheit in der ersten Morgenröte der Nationalökonomie wie der bürgerlichen Wirtschaftsordnung an das Problem herantrat, nahm die Existenz des Gesamtkapitals als einer realen, agierenden Größe ohne weiteres als selbstverständlich an. Sein berühmtes und von niemand bis Marx enträtseltes Tableau économique stellt in wenigen Zahlen die Reproduktionsbewegung des Gesamtkapitals dar, bei der Quesnay zugleich berücksichtigt, daß sie unter der Form des Warenaustausches, d.h. zugleich als Zirkulationsprozeß aufgefaßt werden muß. »Das Tableau zeigt, wie das Jahresergebnis der nationalen Produktion, das als bestimmte Wertgröße dargestellt ist, sich durch Austausch so verteilt, daß die Produktion von neuem einsetzen kann. Die zahllosen individuellen Austauschakte sind sofort zusammengefaßt in ihrer charakteristisch-gesellschaftlichen Massenbewegung – der Zirkulation zwischen großen, funktionell bestimmten Gesellschaftsklassen.«1

Bei Quesnay besteht die Gesellschaft aus drei Klassen: der produktiven, d.h. aus Landwirten, der sterilen, die alle außerhalb der Landwirtschaft Tätigen umfaßt: Industrie, Handel, liberale Berufe, und der Klasse der Grundbesitzer, einschließlich des Souveräns und der Einnehmer des Zehnten. Das nationale Gesamtprodukt kommt in der Hand der Produktiven als eine Menge von Nahrungsmitteln und Rohstoffen im Werte von 5 Milliarden Livres zum Vorschein. Davon stellen zwei Milliarden das jährliche Betriebskapital der Landwirtschaft dar, eine Milliarde den jährlichen Verschleiß des fixen Kapitals, zwei Milliarden sind das Reineinkommen, das an die Grundeigentümer geht. Außer diesem Gesamtprodukt haben die Landwirte – die hier rein kapitalistisch als Pächter gedacht sind – zwei Milliarden Livres an Geld in der Hand. Die Zirkulation geht nun in der Weise vonstatten, daß die Pächterklasse den Grundbesitzern zwei Milliarden in Geld (das Resultat der vorherigen Zirkulationsperiode) als Pachtzins zahlt. Damit kauft die Grundbesitzerklasse für eine Milliarde von den Pächtern Lebensmittel und für die andere Milliarde von den Sterilen Industrieprodukte. Die Pächter ihrerseits kaufen für die zu ihnen zurückgekehrte Milliarde Industrieprodukte, worauf die sterile Klasse für die in ihren Händen befindlichen zwei Milliarden landwirtschaftliche Produkte: für eine Milliarde Rohstoffe usw. als Ersatz für das jährliche Betriebskapital, und für eine Milliarde Lebensmittel kauft. So ist zum Schluß das Geld zu seinem Ausgangspunkt: der Pächterklasse, zurückgekehrt, das Produkt ist unter alle Klassen verteilt, so daß die Konsumtion aller gesichert und zugleich sowohl die produktive wie die sterile Klasse ihre Produktionsmittel erneuert, wie die Klasse der Grundbesitzer ihre Revenue erhalten hat. Die Voraussetzungen der Reproduktion sind alle vorhanden, die Bedingungen der Zirkulation alle eingehalten worden, und die Reproduktion kann ihren regelmäßigen Lauf beginnen.2 – Wie mangelhaft und primitiv diese Darstellung bei aller Genialität des Gedankens ist, werden wir im weiteren Verlaufe der Untersuchung sehen. Hier ist jedenfalls hervorzuheben, daß Quesnay an der Schwelle der wissenschaftlichen Nationalökonomie nicht den geringsten Zweifel an der Möglichkeit der Darstellung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und seiner Reproduktion hegte. Allein schon bei Adam Smith beginnt zugleich mit der tieferen Analyse der Kapitalverhältnisse auch die Verwirrung in den klaren und großen Zügen der physiokratischen Vorstellung. Smith warf die ganze Grundlage der wissenschaftlichen Darstellung des kapitalistischen Gesamtprozesses um, indem er jene falsche Preisanalyse aufgestellt hat, die seit ihm die bürgerliche Ökonomie lange Zeit beherrschte, nämlich die Theorie, wonach der Wert der Waren zwar die Menge der auf sie verausgabten Arbeit darstelle, zugleich aber der Preis sich nur aus den drei Komponenten: Arbeitslohn, Kapitalprofit und Grundrente zusammensetze. Da dies offenbar sich auch auf die Gesamtheit der Waren, auf das nationale Produkt beziehen muß, so bekommen wir die verblüffende Entdeckung, daß der Wert der kapitalistisch hergestellten Waren in seiner Gesamtheit zwar alle bezahlten Löhne und Kapitalprofite liebst Rente, d.h. den gesamten Mehrwert repräsentiert, also auch ersetzen kann, daß aber dabei dem auf die Herstellung dieser Waren verwendeten konstanten Kapital gar kein Wertteil der Warenmasse entspricht. v+m, das ist nach Smith die Wertformel des kapitalistischen Gesamtprodukts. »Diese drei Teile – sagt Smith, seine Ansicht an dem Beispiel des Korns erläuternd – (Arbeitslohn, Profit und Grundrente) scheinen entweder unmittelbar oder in letzter Linie den ganzen Getreidepreis auszumachen. Man könnte vielleicht noch einen vierten Teil für notwendig halten, um die Abnutzung des Arbeitsviehs und der Wirtschaftsutensilien auszugleichen. Aber es muß beachtet werden, daß der Preis aller Wirtschaftsutensilien sich wieder aus denselben drei Teilen zusammensetzt; so wird der Preis eines Arbeitspferdes z.B. gebildet durch: 1. die Rente des Bodens, welcher es ernährt hat, 2. die auf seine Zucht verwendete Arbeit, und 3. den Kapitalgewinn des Pächters, welcher sowohl die Bodenrente als die Arbeitslöhne vorgestreckt hat. Wenn also auch der Getreidepreis den Wert des Pferdes sowohl als dessen Ernährung enthält, so löst er sich doch mittelbar oder unmittelbar in die genannten drei Bestandteile: Bodenrente, Arbeit und Kapitalgewinn, auf.«3 Indem uns Smith, wie Marx sagt, auf diese Weise von Pontius zu Pilatus herumschickt, löst er das konstante Kapital immer wieder in v+m auf. Freilich hatte Smith gelegentliche Zweifel und Rückfälle in die entgegengesetzte Meinung. Im 2. Buch sagt er: »Es ist im ersten Buche dargelegt worden, daß der Preis der meisten Waren in drei Teile zerfällt, von denen einer den Arbeitslohn, ein anderer den Kapitalgewinn, und ein dritter die Bodenrente bezahlt, welche auf die Erzeugung der Ware und ihr Zumarktebringen verwendet wurden. – Da dies bei jeder einzelnen Ware, besonders genommen, der Fall ist, so muß dasselbe, wie ebenfalls bereits bemerkt, für sämtliche, den ganzen Jahresertrag von Boden und Arbeit eines jeden Landes darstellenden Waren, im ganzen genommen, ebenfalls gelten. Der gesamte Preis oder Tauschwert dieses Jahresertrages muß sich in dieselben drei Teile auflösen und unter die verschiedenen Einwohner des Landes entweder als Lohn ihrer Arbeit, oder als Gewinn ihres Kapitals, oder als Rente ihres Bodens verteilen.« Hier stutzt nun Smith und erklärt unmittelbar weiter:

»Obgleich aber der Gesamtwert des genannten Jahresertrages derart unter die verschiedenen Landesbewohner sich verteilt und ein Einkommen für sie darstellt, müssen wir doch bei letzterem, ebenso wie bei der Rente eines Privatgutes, zwischen Brutto- und Nettorente unterscheiden.«

»Die Bruttorente eines Privatgutes besteht aus dem, was der Pächter bezahlt, und die Nettorente aus dem, was dem Grundbesitzer nach Abzug der Verwaltungs-, Reparatur- und anderen Kosten übrig bleibt; oder aus dem, was er ohne Schädigung seines Gutes seinem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zuwenden, für Tafel, Haushalt, Zieraten an Wohnung und Hausgerät, Privatgenüsse und Zerstreuungen ausgeben kann. Sein wirklicher Reichtum steht im Verhältnis nicht zu seiner Brutto-, sondern zu seiner Nettorente.«

»Das Bruttoeinkommen aller Bewohner eines großen Landes umfaßt den gesamten Jahresertrag ihres Bodens und ihrer Arbeit; und ihr Nettoeinkommen das, was hiervon nach Abzug der Unterhaltungskosten zuerst ihres festliegenden und dann ihres umlaufenden Kapitals übrig bleibt, oder das, was sie ohne Beeinträchtigung ihres Kapitals ihrem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zuwenden, auf ihren Unterhalt, ihre Annehmlichkeiten und Genüsse ausgeben können. Ihr wirklicher Reichtum steht ebenfalls nicht im Verhältnis zu ihrem Brutto-, sondern zu ihrem Nettoeinkommen.«4

Aber Smith führt hier einen dem konstanten Kapital entsprechenden Wertteil des Gesamtprodukts nur ein, um ihn im nächsten Augenblick wieder durch Auflösung in Löhne, Profite und Renten hinauszuführen. Und schließlich bleibt es bei seiner Erklärung:

»… Ebenso wie Maschinen, Gewerbsgeräte usw., die das festliegende Kapital des einzelnen oder der Gemeinschaft ausmachen, weder einen Teil des Brutto- noch des Nettoeinkommens darstellen, ebenso bildet Geld, vermittels dessen das gesamte Gesellschaftseinkommen regelmäßig unter alle Gesellschaftsmitglieder verteilt wird, an sich keinen Bestandteil dieses Einkommens.«5

Das konstante Kapital (das Smith fixes – in der schwerfälligen Loewenthalschen Übersetzung: festliegendes – nennt) wird also mit dem Geld auf eine Stufe gestellt und geht überhaupt in das Gesamtprodukt der Gesellschaft (ihr »Bruttoeinkommen«) nicht ein, es existiert nicht als Wertteil des Gesamtprodukts!

Da selbst der König sein Recht verliert, wo nichts da ist, so kann offenbar aus der Zirkulation, aus dem gegenseitigen Austausch des so zusammengesetzten Gesamtprodukts auch nur die Realisierung der Löhne (v) und des Mehrwerts (m) erreicht, keineswegs aber das konstante Kapital ersetzt werden, und der Fortgang der Reproduktion erweist sich als unmöglich. Zwar wußte Smith ganz genau, und es fiel ihm nicht ein zu leugnen, daß jeder einzelne Kapitalist außer einem Lohnfonds, d.h. variablen Kapital, zum Betrieb auch noch konstanten Kapitals bedarf. Allein für die Gesamtheit der kapitalistischen Produktion verschwand bei der obigen Preisanalyse der Waren das konstante Kapital auf rätselhafte Weise spurlos, und damit war das Problem der Reproduktion des Gesamtkapitals von Grund aus verfahren. Es ist klar, daß, wenn die elementarste Voraussetzung des Problems: die Darstellung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals Schiffbruch gelitten hatte, daran auch die ganze Analyse scheitern mußte. Die irrtümliche Theorie von Ad. Smith übernahmen Ricardo, Say, Sismondi und andere und sie stolperten alle bei der Betrachtung des Reproduktionsproblems über diese elementare Schwierigkeit: die Darstellung des Gesamtkapitals.

Eine andere Schwierigkeit vermengte sich mit der obigen gleich zu Beginn der wissenschaftlichen Analyse. Was ist Gesamtkapital der Gesellschaft? Bei dem einzelnen ist die Sache klar: seine Betriebsauslagen sind sein Kapital. Der Wert seines Produkts bringt ihm – vorausgesetzt die kapitalistische Produktionsweise, also Lohnarbeit – außer seinen gesamten Auslagen noch einen Überschuß, den Mehrwert ein, der nicht sein Kapital ersetzt, sondern sein Reineinkommen ist, das er ganz verzehren kann, ohne sein Kapital zu beeinträchtigen, also seinen Konsumtionsfonds. Der Kapitalist kann freilich einen Teil dieses Reineinkommens »sparen«, ihn nicht selbst verzehren, sondern zum Kapital schlagen. Aber das ist eine andere Sache, ein neuer Vorgang, Bildung eines neuen Kapitals, das auch wieder nebst Überschuß aus der folgenden Reproduktion ersetzt wird. Jedenfalls und stets ist aber das Kapital des einzelnen das, was er zur Produktion als Betriebsvorschuß brauchte, Einkommen – das, was er für sich als Konsumtionsfonds verzehrt oder verzehren kann. Nehmen wir nun einen Kapitalisten und fragen: was sind die Löhne, die er seinen Arbeitern zahlt, so wird die Antwort lauten: sie sind offenbar ein Teil seines Betriebskapitals. Fragen wir aber: was sind diese Löhne für die Arbeiter, die sie empfangen, so kann die Antwort unmöglich lauten: sie sind Kapital; für die Arbeiter sind die empfangenen Löhne nicht Kapital, sondern Einkommen, Konsumtionsfonds. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Ein Maschinenfabrikant läßt in seiner Fabrik Maschinen herstellen; sein Produkt ist jährlich eine gewisse Anzahl Maschinen. In diesem jährlichen Produkt, in seinem Wert steckt aber sowohl das vom Fabrikanten vorgestreckte Kapital als auch das erzielte Reineinkommen. Ein Teil der bei ihm hergestellten Maschinen repräsentiert somit sein Einkommen und ist bestimmt, im Zirkulationsprozeß, im Austausch dieses Einkommen zu bilden. Wer aber von unserem Fabrikanten seine Maschinen kauft, kauft sie offenbar nicht als Einkommen, nicht, um sie zu konsumieren, sondern, um sie als Produktionsmittel zu verwenden; für ihn sind diese Maschinen Kapital.

Wir gelangen durch diese Beispiele zu dem Resultat: was für den einen Kapital, ist für den anderen Einkommen und umgekehrt. Wie kann unter diesen Umständen so etwas wie Gesamtkapital der Gesellschaft konstruiert werden? In der Tat folgerte fast die gesamte wissenschaftliche Ökonomie bis Marx, daß es kein gesellschaftliches Kapital gäbe.6 Bei Smith sehen wir noch Schwankungen und Widersprüche in dieser Frage, ebenso bei Ricardo. Ein Say erklärt schon kategorisch:

»Auf diese Weise verteilt sich der gesamte Wert der Produkte in der Gesellschaft. Ich sage der gesamte Wert; denn wenn mein Profit nur einen Teil des Wertes des Produktes darstellt, an dessen Herstellung ich mitgewirkt habe, so bildet der übrige Teil den Profit meiner Mitproduzenten. Ein Tuchfabrikant kauft einem Pächter Wolle ab; er entlohnt verschiedene Arten Arbeiter, und verkauft das Tuch, das so entstanden ist, zu einem Preis, der ihm seine Auslagen zurückerstattet und ihm einen Profit läßt. Er betrachtet als Profit, als Fonds für sein Einkommen in seiner Industrie nur das, was ihm als Reineinkommen bleibt, nach Abzug seiner Kosten. Aber diese Kosten waren nichts anderes als Vorschüsse, die er an andere Produzenten der verschiedenen Teile des Einkommens macht, und für die er sich aus dem Bruttowert des Tuchs schadlos hält. Das, was er dem Pächter für Wolle bezahlt hat, war Einkommen des Landwirts, seiner Hirten, des Gutsbesitzers des Pachthofs. Der Pächter betrachtet als sein Nettoprodukt nur das, was ihm verbleibt, nach der Abfindung seiner Arbeiter und seines Grundherrn; aber das, was er ihnen bezahlt hat, bildete einen Teil der Einkommen dieser letzteren: es war der Lohn für die Arbeiter, es war der Pachtzins für den Grundherrn, also für den einen das Einkommen aus der Arbeit, für den anderen das Einkommen aus seinem Boden. Und es ist der Wert des Tuches, der das alles ersetzt hat. Man kann sich keinen Teil des Wertes dieses Tuches vorstellen, der nicht dazu gedient hätte, ein Einkommen zu zahlen. Sein ganzer Wert ist so draufgegangen.

Man ersieht daraus, daß der Ausdruck Reinprodukt nur auf einzelne Unternehmer Anwendung finden kann, daß aber die Einkommen aller einzelnen zusammengenommen oder der Gesellschaft dem nationalen Rohprodukt der Erde, der Kapitale und der Industrie (Say nennt so die Arbeit) gleich ist. Das vernichtet (ruine) das System der Ökonomen des achtzehnten Jahrhunderts (Physiokraten), die als Einkommen der Gesellschaft nur das Reinprodukt des Bodens betrachteten und folgerten, daß die Gesellschaft nur einen diesem Reinprodukt entsprechenden Wert konsumieren könne, als ob die Gesellschaft nicht den ganzen Wert, den sie geschaffen, konsumieren könnte!«7

Say belegt diese Theorie in einer ihm eigenen Weise. Während Ad. Smith den Beweis dadurch zu erbringen suchte, daß er jedes private Kapital auf seine Produktionsstätte verwies, um es in bloßes Arbeitsprodukt aufzulösen, jedes Arbeitsprodukt aber, streng kapitalistisch, als eine Summe bezahlter und unbezahlter Arbeit, als v+m auffaßte, und so dazu kam, schließlich das Gesamtprodukt der Gesellschaft in v+m aufzulösen, beeilt sich Say natürlich, mit sicherer Hand diese klassischen Irrtümer m ordinäre Vulgarismen zu verballhornen. Says Beweisführung beruht darauf, daß der Unternehmer in jedem Stadium der Produktion die Produktionsmittel (die für ihn Kapital bilden) anderen Leuten, den Vertretern früherer Produktionsstadien, bezahlt und daß jene Leute diese Bezahlung ihrerseits teils als eigenes Einkommen in die Tasche stecken, teils als Zurückerstattung der Auslagen gebrauchen, die sie selbst vorgestreckt hatten, um noch anderen Leuten ihr Einkommen zu bezahlen. Die Smithsche endlose Kette von Arbeitsprozessen verwandelt sich bei Say in eine endlose Kette von gegenseitigen Vorschüssen auf Einkommen und Zurückerstattungen aus dem Verkauf; auch der Arbeiter erscheint hier als ganz gleichgestellt dem Unternehmer: er bekommt im Lohn sein Einkommen »vorgestreckt« und bezahlt es seinerseits mit geleisteter Arbeit. So stellt sich der schließliche Wert des gesellschaftlichen Geamtprodukts als Summe von lauter »vorgeschossenen« Einkommen dar und geht im Austauschprozeß darauf, sämtliche Vorschüsse zu ersetzen. Bezeichnend für die Flachheit Says ist, daß er die gesellschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen Reproduktion an dem Beispiel der Uhrenproduktion demonstriert, – einem damals (und zum Teil heute noch) rein manufakturmäßigen Zweig, in dem die »Arbeiter« auch als kleine Unternehmer figurieren und der Produktionsprozeß des Mehrwerts durch lauter sukzessive Austauschakte der einfachen Warenproduktion maskiert ist.

Auf diese Weise bringt Say die von Smith angerichtete Verwirrung zum gröbsten Ausdruck: die ganze von der Gesellschaft jährlich hergestellte Produktenmasse geht in ihrem Wert in lauter Einkommen auf; sie wird also jährlich auch ganz konsumiert. Der Wiederbeginn der Produktion ohne Kapital, ohne Produktionsmittel, erscheint als ein Rätsel, die kapitalistische Reproduktion als ein unlösbares Problem.

Vergleicht man die Verschiebung, die das Problem der Reproduktion seit den Physiokraten bis Ad. Smith erfahren hat, so ist sowohl ein teilweiser Fortschritt, wie ein teilweiser Rückschritt nicht zu verkennen. Das Charakteristische an dem ökonomischen System der Physiokraten war ihre Annahme, daß die Landwirtschaft allein Überschuß, d.h. Mehrwert schaffe, die agrikole Arbeit somit die einzige produktive – im kapitalistischen Sinne – sei. Dementsprechend sehen wir im Tableau économique, daß die »sterile« Klasse der Manufakturarbeiter nur für dieselben 2 Milliarden Wert schafft, die sie an Rohstoffen und Lebensmitteln verzehrt. Dementsprechend gehen auch im Austausch die gesamten Manufakturwaren je zur Hälfte an die Klasse der Pächter und der Grundbesitzer, während die Manufakturklasse selbst ihre eigenen Produkte gar nicht konsumiert. So reproduziert die Manufakturklasse in ihrem Warenwert eigentlich nur das verbrauchte zirkulierende Kapital, ein Einkommen der Unternehmerklasse wird hier gar nicht geschaffen. Das einzige Einkommen der Gesellschaft über alle Kapitalauslagen hinaus, das in Zirkulation kommt, wird in der Landwirtschaft geschaffen und von der Grundbesitzerklasse in Gestalt der Grundrente verzehrt, während die Pächterklasse auch nur ihr Kapital wieder ersetzt: 1 Milliarde Zinsen vom fixen Kapital und 2 Milliarden zirkulierendes Betriebskapital, was zusammen sachlich zu zwei Dritteln in Rohstoffen und Lebensmitteln, zu einem Drittel in Manufakturprodukten besteht. Ferner fällt auf, daß Quesnay die Existenz des fixen Kapitals, das er avances primitives im Unterschied von avances annuelles nennt, überhaupt nur bei der Landwirtschaft annimmt. Die Manufaktur arbeitet bei ihm anscheinend ohne jedes fixe Kapital, nur mit dem jährlich umlaufenden Betriebskapital, schafft dementsprechend in ihrer jährlichen Warenmasse auch keinen Wertteil zum Ersatz des Verschleißes an fixem Kapital (wie Baulichkeiten, Werkzeuge usw.)8

Diesen augenscheinlichen Mängeln gegenüber bringt die englische klassische Schule vor allem den entscheidenden Fortschritt, daß sie jede Art Arbeit als produktiv erklärt, d.h. die Schaffung des Mehrwerts sowohl in der Manufaktur wie in der Landwirtschaft aufdeckt. Wir sagen: die englische klassische Schule, weil Ad. Smith auch in dieser Hinsicht neben klaren und entschiedenen Äußerungen im angegebenen Sinne gelegentlich ruhig selbst in die physiokratische Anschauung zurückfällt; erst bei Ricardo bekommt die Arbeitswerttheorie die höchste und konsequenteste Ausbildung, die sie in den Schranken der bürgerlichen Auffassung erreichen konnte. Daraus ergab sich, daß wir in der Manufakturabteilung der gesellschaftlichen Gesamtproduktion ebenso die jährliche Hervorbringung eines Überschusses über sämtliche Kapitalanlagen, eines Reineinkommens, d.h. Mehrwerts annehmen müssen wie in der Landwirtschaft.9 Auf der anderen Seite ist Smith durch die Entdeckung der produktiven mehrwertschaffenden Eigenschaft jeder Art Arbeit, ganz gleich, ob in der Manufaktur oder in der Landwirtschaft, darauf geführt worden, daß auch die landwirtschaftliche Arbeit außer der Grundrente für die Grundbesitzerklasse noch Überschuß für die Pächterklasse über ihre sämtlichen Kapitalausgaben hervorbringen muß. So entstand auch neben Kapitalersatz jährliches Einkommen der Pächterklasse.10 Endlich hat Smith durch systematische Ausarbeitung der von Quesnay aufgebrachten Begriffe der avances primitives und avances annuelles unter der Rubrik von fixem und zirkulierendem Kapital u.a. klar gemacht, daß die Manufakturabteilung der gesellschaftlichen Produktion genau so eines fixen Kapitals, außer dem zirkulierenden, bedarf, wie die Landwirtschaft, folglich auch eines entsprechenden Wertteils zum Ersatz des Verschleißes jenes Kapitals. So war Smith auf dem besten Wege, in die Begriffe vom Kapital und Einkommen der Gesellschaft Ordnung zu bringen und sie exakt darzustellen. Den Höhepunkt der Klarheit, zu der er sich in dieser Beziehung durchgerungen hat, drückt die folgende Formulierung aus:

»Obgleich der gesamte Jahresertrag von Boden und Arbeit eines jeden Landes in letzter Linie zweifellos für den Verbrauch seiner Bewohner und dafür bestimmt ist, denselben ein Einkommen zu verschaffen, so teilt er sich doch bei seinem ersten Hervortreten aus dem Boden oder den Händen der produktiven Arbeiter naturgemäß in zwei Teile. Der eine derselben, und oft der größte, ist vor allem zur Wiedererstattung eines Kapitals oder zur Erneuerung der einem Kapital entzogenen Nahrungsmittel, Rohstoffe und angefertigten Waren bestimmt, und der andere zur Herstellung eines Einkommens entweder für den Eigner dieses Kapitals als dessen Gewinn oder für irgendeinen anderen als dessen Bodenrente.«11

»Das Bruttoeinkommen aller Bewohner eines großen Landes umfaßt den gesamten Jahresertrag ihres Bodens und ihrer Arbeit und ihr Nettoeinkommen das, was hiervon nach Abzug der Unterhaltungskosten zuerst ihres festliegenden (fixen) und dann ihres umlaufenden Kapitals übrig bleibt, oder das, was sie ohne Beeinträchtigung ihres Kapitals ihrem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zuwenden, auf ihren Unterhalt, ihre Annehmlichkeiten und Genüsse ausgeben können. Ihr wirklicher Reichtum steht ebenfalls nicht im Verhältnis zu ihrem Brutto-, sondern zu ihrem Nettoeinkommen.«12

Hier erscheinen die Begriffe des Gesamtkapitals und Einkommens in einer allgemeinen und strengeren Fassung als im Tableau économique: das gesellschaftliche Einkommen losgelöst von der einseitigen Verknüpfung mit der Landwirtschaft, das Kapital in seinen beiden Formen des fixen und zirkulierenden verbreitert zur Grundlage der gesamten gesellschaftlichen Produktion. Statt der irreführenden Unterscheidung der beiden Produktionsabteilungen, der Landwirtschaft und der Manufaktur, sind hier in den Vordergrund geschoben andere Kategorien von funktioneller Bedeutung: die Unterscheidung von Kapital und Einkommen, ferner die Unterscheidung von fixem und zirkulierendem Kapital. Von hier aus schreitet Smith fort zur Analyse des gegenseitigen Verhältnisses und der Verwandlungen dieser Kategorien in ihrer gesellschaftlichen Bewegung: in der Produktion und Zirkulation, d.h. im Reproduktionsprozeß der Gesellschaft. Er hebt hier einen radikalen Unterschied zwischen dem fixen und dem zirkulierenden Kapital vom gesellschaftlichen Standpunkt hervor: »Die ganzen Unterhaltungskosten des festliegenden (soll heißen: fixen) Kapitals müssen augenscheinlich von dem Nettoeinkommen der Gesellschaft ausgeschieden werden. Weder die zur Erhaltung ihrer nutzbringenden Maschinen, Gewerbegeräte, Gebäude usw. notwendigen Rohstoffe, noch das Produkt der auf deren Formung verwendeten Arbeit, kann jemals einen Teil desselben ausmachen. Der Preis dieser Arbeit wird allerdings einen Teil des gesamten Nettoeinkommens bilden, da die dabei beschäftigten Arbeiter ihre Löhne ihrem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zuwenden können; aber bei anderen Arten von Arbeit fällt sowohl deren Preis als deren Produkt diesem Vermögensteile zu: ihr Preis dem der Arbeiter und ihr Produkt dem anderer Leute, deren Subsistenzmittel, Annehmlichkeiten und Zerstreuungen durch die Arbeit jener Werkleute vermehrt werden.«13

Hier stößt Smith auf die wichtige Unterscheidung zwischen Arbeitern, die Produktionsmittel, und solchen, die Konsumtionsmittel herstellen. Bei den ersteren bemerkt er, daß der Wertbestandteil, den sie zum Ersatz ihrer Löhne schaffen, in Gestalt von Produktionsmitteln (wie Rohstoffe, Maschinen usw.) zur Welt kommt, d.h. daß hier der zum Einkommen der Arbeiter bestimmte Teil des Produkts in einer Naturalform existiert, die unmöglich zur Konsumtion dienen kann. Was die letztere Kategorie der Arbeiter betrifft, so bemerkt Smith, daß hier umgekehrt das gesamte Produkt, also sowohl der in ihm enthaltene Wertteil, der die Löhne (das Einkommen) der Arbeiter ersetzt, als auch der übrige Teil (Smith spricht es nicht aus, aber dem Sinne nach müßte seine Folgerung lauten: so auch der Teil, der das verbrauchte fixe Kapital darstellt) in Gestalt von Konsumartikeln erscheinen. Wir werden weiter sehen, wie nahe hier Smith an den Angelpunkt der Analyse gelangt ist, von dem aus Marx das Problem in Angriff genommen hat. Der allgemeine Schluß jedoch, bei dem Smith selbst bleibt, ohne die Grundfrage weiter zu verfolgen, ist der: jedenfalls kann alles, was zur Erhaltung und Erneuerung des fixen Kapitals der Gesellschaft bestimmt ist, nicht zum Reineinkommen der Gesellschaft gerechnet werden.

Anders das zirkulierende Kapital.

»Scheiden auch die sämtlichen Unterhaltungskosten des festliegenden (fixen) Kapitals derart notwendig aus dem Nettoeinkommen der Gesellschaft aus, so ist dies doch nicht bei denen des Umlaufskapitals der Fall. Von den vier Bestandteilen des letzteren – Geld, Nahrungsmittel, Rohstoffe und angefertigte Waren – werden die drei letzten, wie bereits dargelegt, ihm regelmäßig entzogen und entweder dem festliegenden (fixen) Kapital oder dem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen der Gesellschaft zugewendet. Jeder Teil dieser Verbrauchswaren, der nicht zum Unterhalt des festliegenden (fixen) Kapitals verwendet wird, fließt dem zum Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zu und bildet einen Teil des Nettoeinkommens der Gesellschaft. Der Unterhalt dieser drei Bestandteile des Umlaufskapitals entzieht somit dem Nettoeinkommen der Gesellschaft nur so viel von dem jährlichen Erträge, als zur Erhaltung des festliegenden Kapitals notwendig ist.«14

Man sieht, daß Smith hier in die Kategorie des zirkulierenden Kapitals einfach alles außer dem bereits angewandten fixen Kapital, also sowohl Lebensmittel, wie Rohstoffe, wie auch das gesamte noch nicht realisierte Warenkapital (also zum Teil noch einmal dieselben Lebensmittel und Rohstoffe, zum Teil Waren, die ihrer Naturalgestalt gemäß zum Ersatz des fixen Kapitals gehören) zusammengeworfen, den Begriff des zirkulierenden Kapitals zweideutig und schillernd gemacht hat. Aber neben und mitten durch diese Verwirrung gibt er dabei eine weitere wichtige Unterscheidung:

»In dieser Hinsicht verhält sich das Umlaufskapital der Gesellschaft anders als das eines Privaten. Das letztere bildet durchaus keinen Teil seines Nettoeinkommens, welches einzig und allein aus Gewinn hervorgehen muß. Obgleich aber das Umlaufskapital eines jeden einzelnen einen Teil desjenigen seiner Gemeinschaft ausmacht, ist es deshalb von dem Nettoeinkommen dieser Gemeinschaft nicht ebenso vollkommen ausgeschlossen.«

Smith erläutert das Gesagte durch das folgende Beispiel:

»Obgleich die sämtlichen Waren, die ein Kaufmann in seinem Laden hat, gewiß nicht zu seinem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen gerechnet werden dürfen, können sie doch als ein Teil dieses Vermögens anderer Leute betrachtet werden, welche mit Hilfe eines anderweitigen Einkommens, und ohne sein oder ihr Kapital zu verringern, dem Kaufmann den Wert seiner Waren samt Gewinn regelmäßig wiedererstatten können.«15

Smith hat hier fundamentale Kategorien in bezug auf die Reproduktion und Bewegung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals herausgebracht. Fixes und zirkulierendes Kapital, Privatkapital und gesellschaftliches Kapital, Privateinkommen und gesellschaftliches Einkommen, Produktionsmittel und Konsummittel sind hier als große Kategorien heraus gehoben und zum Teil in ihrer wirklichen, objektiven Durchkreuzung angedeutet, zum Teil ertränkt in den subjektiven theoretischen Widersprüchen der Smithschen Analyse. Das knappe, strenge und klassisch durchsichtige Schema des Physiokratismus ist hier aufgelöst in einen Wust von Begriffen und Beziehungen, die auf den ersten Blick ein Chaos darstellen. Aus diesem Chaos treten aber bereits halb und halb neue, tiefer, moderner und lebendiger als bei Quesnay gepackte Zusammenhänge des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses hervor, die in dem Chaos unfertig stecken bleiben, wie Michelangelos Sklave in seinem Marmorblock.

Das ist das eine Bild, das Smith zum Problem liefert. Gleichzeitig aber faßt er es von einer ganz anderen Seite – von der Wertanalyse an. Gerade dieselbe über die Physiokraten hinausführende Theorie von der wertschaffenden Eigenschaft jeder Arbeit, sowohl wie die streng kapitalistische Unterscheidung jeder Arbeit in bezahlte (den Lohn ersetzende), sowie unbezahlte (Mehrwert schaffende) Arbeit, wie endlich die strenge Spaltung des Mehrwerts in seine zwei Hauptkategorien: Profit und Grundrente – lauter Fortschritte über die physiokratische Analyse hinaus – verleiteten Smith zu jener merkwürdigen Behauptung, der Preis jeder Ware bestehe aus Lohn + Profit + Grundrente, oder kürzer im Marxschen Ausdruck aus v+m. Daraus folgte, daß auch die Gesamtheit der von der Gesellschaft jährlich hergestellten Waren in ihrem totalen Wert in diese zwei Teile: Löhne und Mehrwert restlos zerfalle. Hier verschwand plötzlich die Kategorie des Kapitals gänzlich, die Gesellschaft produziert nichts als Einkommen, nichts als Konsumartikel, die auch von der Gesellschaft ganz verzehrt werden. Die Reproduktion ohne Kapital wird zum Rätsel, und die Analyse des Problems im ganzen macht einen gewaltigen Schritt hinter die Physiokraten zurück.

Die Nachfolger Smiths fassen seine Doppeltheorie just von der falschen Seite an. Während die wichtigen Ansätze zu einer exakten Darstellung des Problems, die er im 2. Buch gibt, bis auf Marx unberührt blieben, wurde die im 1. Buch gegebene grundfalsche Preisanalyse von den meisten seiner Nachfolger als teure Erbschaft gehoben und entweder unbekümmert akzeptiert, wie bei Ricardo, oder zum flachen Dogma fixiert, wie bei Say. Wo bei Smith fruchtbare Zweifel und anregende Widersprüche waren, tritt bei Say die anmaßende Unerschütterlichkeit des Vulgarus. Für Say wird die Smithsche Beobachtung, daß, was für den einen Kapital, für den anderen Einkommen sein könne, zum Grund, jede Unterscheidung zwischen Kapital und Einkommen auf gesellschaftlichem Maßstab überhaupt für absurd zu erklären. Die Absurdität hingegen, daß der Gesamtwert der jährlichen Produktion in lauter Einkommen eingehe und konsumiert werde, wird von Say zum Dogma von absoluter Gültigkeit erhoben. Da die Gesellschaft somit jedes Jahr ihr Gesamtprodukt restlos verkonsumiert, so verwandelt sich die gesellschaftliche Reproduktion, die ja ohne Produktionsmittel ins Werk tritt, in eine jährliche Wiederholung des biblischen Wunders: einer Weltschöpfung aus nichts.

In diesem Zustand blieb das Reproduktionsproblem bis auf Marx.

1 Das Kapital, II, zweite Auflage 1893, S. 332.

2 S. Analyse du Tableau économique im Journal de l’Agriculture, du commerce et des finances von Dupont, 1766, S. 305 ff. der Onckenschen Ausgabe der Oeuvres de F. Quesnay. Quesnay bemerkt ausdrücklich, daß die von ihm geschilderte Zirkulation zwei Bedingungen zur Voraussetzung hat: einen ungehinderten Handelsverkehr und ein System von Steuern, die nur auf die Rente gelegt sind: »Mais ces donnés ont des conditions sine quabus non; elles supposent que la liberté du commerce soutient le débit des productions à un bon prix –, elles supposent d’ailleurs que le oultivateur n’ait à payer directement ou indirectement d’autres charges que le revenu, dont une partie, par exemple les deux septièmes, doit former le revenu du souverain.« (l.c. S. 311.)

3 Adam Smith, Natur und Ursachen des Volkswohlstandes, Übersetzung von Loewenthal, 2. Auflage, I, S. 53.

4 l.c., S. 291–2.

5 l.c., S. 95.

6 Über Rodbertus mit seinem spezifischen Begriff des »Nationalkapitals« weiter unten im zweiten Abschnitt.

7 J. B. Say, Traité d’Économie Politique, Livre second, Chap. V, 8ème éd. Paris 1876, S. 376.

8 Es ist übrigens zu bemerken, daß Mirabeau in seinen Explications zum Tableau an einer Stelle ausdrücklich das fixe Kapital der sterilen Klasse erwähnt: »Les avances primitives de cette classe pour établissement de manufactures, pour instruments, machines, moulins, forges et autres usines … 2.000.000.000 l.« (Tableau Economique avec ses explications. Mil sept cent soixante. S. 82.) In seinem sinnverwirrenden Entwurf des Tableau selbst zieht freilich auch Mirabeau dieses fixe Kapital der sterilen Klasse nicht in Anrechnung.

9 Smith formuliert denn auch ganz allgemein: »Der Wert (nicht der »Mehrwert«, wie Herr Loewenthal willkürlich übersetzt), welchen die Arbeiter den Arbeitsstoffen hinzufügen, zerfällt somit hierbei in zwei Teile, in einen, der ihre Arbeitslöhne bestreitet, und in einen anderen, welcher den Gewinn ihres Arbeitgebers auf das gesamte für Stoffe und Löhne vorgestreckte Kapital darstellt« (A. Smith, l.c. I, S. 51.) Im Original: »The value which the workmen add to the materials, therefore resolves itself in this case into two parts, of which the one pays their wages, the other the profits of their employer upon the whole stock of materials and wages which he advanced.« (Wealth of Nations, ed. MC Culloch 1828, Bd. I, S. 83.) Und im 2. Buch, Kapitel III, speziell über die Industriearbeit: »… Die Arbeit eines Fabrikarbeiters (fügt) dem Werte der von ihm verarbeiteten Rohstoffe den seines eigenen Unterhalts und des Gewinns seines Brotherrn hinzu; die eines Dienstboten dagegen erhöht den Wert von nichts. Obgleich der Fabrikarbeiter den Arbeitslohn von seinem Brotherrn vorgestreckt erhält, verursacht er diesem in Wirklichkeit doch keine Kosten, da er sie ihm in der Regel zuzüglich eines Gewinnes durch den erhöhten Wert des bearbeiteten Gegenstandes wiedererstattet.« (l.c. I, S. 341.)

10 »Die zur landwirtschaftlichen Arbeit verwendeten Menschen … reproduzieren mithin nicht nur, wie die Fabrikarbeiter, einen ihrem eigenen Verbrauche oder dem sie beschäftigenden Kapitale samt dem Gewinne des Kapitalisten gleichen Wert, sondern einen viel größeren. Außer dem Kapitale des Pächters samt seinem ganzen Gewinne reproduzieren sie auch regelmäßig die Rente für den Grundbesitzer.« (l.c. I, S. 377.)

11 l.c., I, S. 342. Freilich verwandelt Smith schon in dem darauffolgenden Satz das Kapital ganz in Löhne, in variables Kapital: »That part of the annual produce of the land and labour of any country which replaces a capital, never is immediately employed to maintain any but productive hands. It pays the wages of productive labour only. That which is immediately destined for constituting a revenue, either as profit or as rent, may maintain indifferently either productive or inproductive hands.« (Ed. MC Culloch, Bd. II, S. 98.)

12 l.c., I, S. 292.

13 l.c., I, S. 292.

14 l.c., I, S. 294.

15 l.c., I, S. 294.

Drittes Kapitel.

Kritik der Smithschen Analyse.

Fassen wir die Ergebnisse zusammen, zu denen die Analyse bei Smith vorgedrungen war. Sie lassen sich in folgenden Punkten darstellen.

  1. Es gibt ein fixes Kapital der Gesellschaft, das in keinem Teil in das Reineinkommen der Gesellschaft eingeht. Dieses fixe Kapital bilden »Rohstoffe, mit denen die nützlichen Maschinen und Industriewerkzeuge instand gehalten werden müssen«, und »das Produkt der zur Umwandlung dieser Rohstoffe in die verlangte Gestalt erforderlichen Arbeit«. Indem Smith die Produktion dieses fixen Kapitals noch ausdrücklich der Produktion direkter Lebensmittel als besondere Art entgegenstellt, verwandelt er tatsächliches fixes Kapital in das, was Marx konstantes genannt hat, d.h. den Kapitalteil, der in allen sachlichen Produktionsmitteln, im Gegensatz zur Arbeitskraft, besteht.
  2. Es gibt ein zirkulierendes Kapital der Gesellschaft. Davon bleibt aber, nach Ausscheidung des »fixen« (will sagen: konstanten) Kapitalteils, nur die Kategorie der Lebensmittel, die jedoch für die Gesellschaft kein Kapital, sondern Reineinkommen, Konsumtionsfonds bildet.
  3. Kapital und Reineinkommen einzelner decken sich nicht mit Kapital und Reineinkommen der Gesellschaft. Was für die Gesellschaft nur fixes (will sagen: konstantes) Kapital ist, kann für einzelne nicht Kapital, sondern Einkommen, Konsumtionsfonds sein, nämlich in den Wertteilen des fixen Kapitals, die Löhne für die Arbeiter und Profite für die Kapitalisten darstellen. Umgekehrt kann zirkulierendes Kapital einzelner für die Gesellschaft kein Kapital, sondern Einkommen sein, namentlich insofern es Lebensmittel darstellt.
  4. Das jährlich hergestellte gesellschaftliche Gesamtprodukt enthält in seinem Wert überhaupt kein Atom Kapital, sondern löst sich ganz auf in drei Einkommensarten: Arbeitslöhne, Kapitalprofite und Grundrenten.

Wer sich aus den hier angeführten Gedankenfragmenten das Bild der jährlichen Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und ihres Mechanismus zusammenstellen möchte, dürfte bald an der Aufgabe verzweifeln. Wie bei alledem schließlich das gesellschaftliche Kapital jährlich immer wieder erneuert, die Konsumtion aller durch das Einkommen gesichert wird und zugleich die einzelnen ihre Kapital- und Einkommensgesichtspunkte einhalten – dies erscheint noch unendlich entfernt von der Lösung. Es ist aber nötig, sich die ganze Ideenwirre und die Fülle der widersprechenden Gesichtspunkte zu vergegenwärtigen, um zu ermessen, wieviel Licht erst Marx in das Problem hineingetragen hat.

Fangen wir mit dem letzten Dogma Ad. Smiths an, das allein genügte, um das Reproduktionsproblem in der klassischen Nationalökonomie scheitern zu lassen. Die Wurzel der bizarren Vorstellung Smiths, daß das Gesamtprodukt der Gesellschaft in seinem Werte in lauter Löhne, Profite und Grundrenten restlos aufgehen müßte, Hegt gerade in seiner wissenschaftlichen Erfassung der Werttheorie. Arbeit ist die Quelle alles Wertes. Jede Ware ist, als Wert betrachtet, Produkt der Arbeit und nichts mehr. Jede geleistete Arbeit ist aber als Lohnarbeit – diese Identifizierung der menschlichen Arbeit mit kapitalistischer Lohnarbeit ist gerade das Klassische bei Smith – zugleich Ersatz für die ausgelegten Arbeitslöhne, wie Überschuß aus unbezahlter Arbeit als Profit für den Kapitalisten und Rente für den Grundeigentümer. Was für jede einzelne Ware stimmt, muß für die Gesamtheit der Waren stimmen. Der gesamte Warenhaufen, der jährlich von der Gesellschaft produziert wird, ist als Wertquantum nur Produkt der Arbeit, und zwar sowohl bezahlter wie unbezahlter Arbeit, zerfällt also gleichfalls in lauter Löhne und Profite nebst Renten. Freilich kommen bei jeder Arbeit noch Rohstoffe, Instrumente usw. in Betracht. Allein was sind diese Rohstoffe und Instrumente anderes als gleichfalls Produkte der Arbeit, und zwar wiederum teils bezahlter, teils unbezahlter Arbeit. Wir können soweit zurückgehen, so viel drehen und wenden wie wir wollen: wir werden im Wert resp. Preis sämtlicher Waren nichts finden, was nicht einfach menschliche Arbeit wäre. Jede Arbeit zerfällt aber in einen Teil, der Löhne ersetzt, und einen anderen, der an die Kapitalisten und Grundbesitzer geht. Es gibt nichts als Löhne und Profite – es gibt aber doch Kapital –, Kapital der Einzelnen und Kapital der Gesellschaft. Wie also aus diesem krassen Widerspruch herauskommen? Daß hier in der Tat eine äußerst harte theoretische Nuß vorlag, beweist die Tatsache, wie lange Marx selbst sich in die Materie hineinbohrte, ohne zunächst vorwärts zu kommen und einen Ausweg zu finden, wie man dies in seinen »Theorien über den Mehrheit« I, S. 179–252 verfolgen kann. Die Lösung gelang ihm aber doch glänzend, und zwar auf Grund seiner Werttheorie. Smith hatte vollkommen recht: der Wert jeder Wäre im einzelnen und aller insgesamt stellt nichts als Arbeit dar. Er hatte ferner recht, wenn er sagte: jede Arbeit (kapitalistisch betrachtet) zerfällt in bezahlte (die Löhne ersetzt) und unbezahlte (die als Mehrwert an die verschiedenen Besitzerklassen der Produktionsmittel wandert). Er vergaß aber oder übersah vielmehr, daß die Arbeit neben der Eigenschaft, neuen Wert zu schaffen, auch noch die Eigenschaft hat, den alten Wert, der in den Produktionsmitteln steckt, auf die neue mit diesen Produktionsmitteln hergestellte Ware zu übertragen. Ein Arbeitstag des Bäckers von 10 Stunden kann nicht mehr Wert schaffen als den von 10 Stunden, und diese 10 Stunden zerfallen kapitalistisch in bezahlte und unbezahlte, in v+m. Aber die in diesen 10 Stunden hergestellte Ware wird mehr Wert darstellen als den der 10stündigen Arbeit. Sie wird nämlich auch noch den Wert des Mehls, des vernutzten Backofens, der Arbeitsgebäude, des Feuerungsmaterials usw., kurz aller zum Backen nötigen Produktionsmittel enthalten. Der Wert der Ware könnte sich nur unter einer Bedingung glatt in v+m auflösen: wenn der Mensch in der Luft arbeiten würde, ohne Rohstoff, ohne Arbeitsinstrument, ohne Werkstätte. Da aber jede materielle Arbeit irgendwelche Produktionsmittel voraussetzt, die selbst Produkte vergangener Arbeit sind, so muß sie diese vergangene Arbeit, d.h. den von ihr geschaffenen Wert, auch auf das neue Produkt übertragen.

Hier handelt es sich nicht um einen Vorgang, der etwa nur in der kapitalistischen Produktion stattfindet, sondern um allgemeine von der historischen Form der Gesellschaft unabhängige Grundlagen der menschlichen Arbeit. Das Operieren mit selbstgefertigten Arbeitsinstrumenten ist das fundamentale kulturhistorische Kennzeichen der menschlichen Gesellschaft. Der Begriff der vergangenen Arbeit, die jeder neuen vorausgeht und ihr die Operationsbasis bereitet, drückt die kulturhistorische Verknüpfung zwischen Mensch und Natur aus, die dauernde Kette der ineinander verschlungenen Arbeitsanstrengungen der menschlichen Gesellschaft, deren Anfang sich in der grauen Dämmerung der gesellschaftlichen Menschwerdung verliert, deren Ende nur mit dem Untergang der gesamten Kulturmenschheit erreicht werden kann. Jede menschliche Arbeit haben wir uns also zu denken als vorgehend an der Hand von Arbeitsmitteln, die selbst schon Produkt früherer Arbeit sind. In jedem neuen Produkt steckt also nicht bloß die neue Arbeit, die ihm die letzte Gestalt verliehen, sondern auch die vergangene, die zu ihm den Stoff, das Arbeitsinstrument usw. geliefert hatte. In der Wertproduktion, d.h. in der Warenproduktion, wozu auch die kapitalistische gehört, wird diese Erscheinung nicht aufgehoben, sie bekommt nur einen spezifischen Ausdruck. Sie drückt sich in dem Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit aus, die einerseits als nützliche, konkrete Arbeit irgendeiner Art den nützlichen Gegenstand, den Gebrauchswert schafft, andererseits als abstrakte, allgemeine, gesellschaftlich notwendige Arbeit Wert schafft. In ihrer ersten Eigenschaft tut sie, was die menschliche Arbeit stets getan: die vergangene Arbeit, die in den benutzten Produktionsmitteln steckt, auf das neue Produkt mitzuübertragen, nur daß auch diese vergangene Arbeit jetzt als Wert, als alter Wert erscheint. In ihrer zweiten Eigenschaft schafft sie Neuwert, der kapitalistisch in bezahlte und unbezahlte Arbeit: v+m zerfällt. Der Wert jeder Ware muß also sowohl alten Wert enthalten, den die Arbeit in ihrer Eigenschaft als nützliche, konkrete Arbeit von den Produktionsmitteln auf die Ware überträgt, wie Neuwert, den dieselbe Arbeit in ihrer Eigenschaft als gesellschaftlich notwendige durch ihre bloße Verausgabung, durch ihre Dauer schafft.

Diese Unterscheidung konnte Smith nicht machen, da er den Doppelcharakter der wertschaffenden Arbeit nicht auseinander hielt, und Marx glaubt an einer Stelle, in diesem fundamentalen Irrtum der Smithschen Werttheorie sogar die eigentliche tiefste Quelle seines seltsamen Dogmas von der restlosen Auflösung aller hergestellten Wertmasse in v+m, erblicken zu müssen.1 Die Nichtuntercheidung der beiden Seiten der warenproduzierenden Arbeit: der konkreten, nützlichen und der abstrakten gesellschaftlich notwendigen, bildet in der Tat eines der hervorragendsten Merkmale nicht bloß der Smithschen, sondern der Werttheorie der ganzen klassischen Schule.

Unbekümmert um alle sozialen Konsequenzen hat die klassische Ökonomie die menschliche Arbeit als den allein wertschaffenden Faktor erkannt und diese Theorie bis zu jener Klarheit ausgearbeitet, die uns in der Ricardoschen Fassung vorliegt. Worin aber der fundamentale Unterschied zwischen der Ricardosehen und der Marxschen Arbeitswerttheorie liegt – ein Unterschied, der nicht nur von bürgerlichen Ökonomen verkannt, sondern auch in den Popularisationen der Marxschen Lehre meist unberücksichtigt bleibt –, ist, daß Ricardo, entsprechend seiner allgemeinen naturrechtlichen Auffassung von der bürgerlichen Wirtschaft, auch das Wertschaffen für eine natürliche Eigenschaft der menschlichen Arbeit, der individuellen, konkreten Arbeit des Einzelmenschen hielt.

Diese Auffassung tritt noch krasser bei Ad. Smith zutage, der ja z.B. den »Hang zum Tausche« direkt für eine Besonderheit der menschlichen Natur erklärt, nachdem er ihn vorher umsonst bei Tieren, wie bei Hunden usw. gesucht.

Übrigens erkennt Smith, wenn er auch den »Hang zum Tausche« bei Tieren bezweifelt, der tierischen Arbeit gleich der menschlichen wertschaffende Eigenschaft zu, namentlich dort, wo er gelegentlich Rückfälle in die physiokratische Auffassung aufweist:

»Kein anderes gleich großes Kapital setzt eine größere Menge von produktiver Arbeit in Bewegung als das des Landmannes. Nicht nur seine Arbeitsleute, sondern auch sein Arbeitsvieh sind produktive Arbeiter. – Die zur landwirtschaftlichen Arbeit verwendeten Menschen und Tiere reproduzieren mithin nicht nur, wie die Fabrikarbeiter, einen ihrem eigenen Verbrauche oder dem sie beschäftigenden Kapitale samt dem Gewinn des Kapitalisten gleichen Wert, sondern einen viel größeren. Außer dem Kapital des Pächters samt seinem ganzen Gewinn reproduzieren sie auch regelmäßig die Rente für den Grundbesitz.«2

Hier kommt am drastischsten zum Ausdruck, daß Smith das Wertschaffen direkt für eine physiologische Eigenschaft der Arbeit als einer Äußerung des tierischen Organismus des Menschen hielt. So wie die Spinne aus ihrem Körper das Gespinst produziert, so schafft der arbeitende Mensch Wert, – der arbeitende Mensch schlechthin, jeder Mensch, der nützliche Gegenstände schafft, denn der arbeitende Mensch ist von Hause aus Warenproduzent, wie die menschliche Gesellschaft von Natur aus eine auf Austausch beruhende, die Warenwirtschaft die normalmenschliche Wirtschaftsform ist.

Erst Marx erkannte im Werte ein besonderes, unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen entstehendes gesellschaftliches Verhältnis, kam dadurch zur Unterscheidung der beiden Seiten der warenproduzierenden Arbeit: der konkreten, individuellen und der unterschiedslosen gesellschaftlichen Arbeit, durch welche Unterscheidung erst die Lösung des Geldrätsels wie im Scheine einer Blendlaterne hell in die Augen springt.

Um auf diese Weise im Schöße der bürgerlichen Wirtschaft, statisch, den zwieschlächtigen Charakter der Arbeit, den arbeitenden Menschen und den wertschaffenden Warenproduzenten auseinanderzuhalten, mußte Marx vorher dynamisch, in der geschichtlichen Zeitfolge, den Warenproduzenten vom Arbeitsmenschen schlechthin unterscheiden, das heißt, die Warenproduktion bloß als eine bestimmte historische Form der gesellschaftlichen Produktion erkennen. Marx mußte mit einem Worte, um die Hieroglyphe der kapitalistischen Wirtschaft zu enträtseln, mit einer entgegengesetzten Deduktion, wie die Klassiker, statt mit dem Glauben an das Menschlich-Normale der bürgerlichen Produktionsweise, mit der Einsicht in ihre historische Vergänglichkeit, an die Forschung herantreten, er mußte die metaphysische Deduktion der Klassiker in ihr Gegenteil, in die dialektische umkehren.3

Damit ist gegeben, daß für Smith die klare Unterscheidung der beiden Seiten der wertschaffenden Arbeit, insofern sie einerseits den alten Wert der Produktionsmittel auf das neue Produkt überträgt, andererseits zugleich Neuwert schafft, unmöglich war. Es scheint uns jedoch, daß sein Dogma von der Auflösung des Gesamtwerts in v+m noch aus einer anderen Quelle fließt. Es kann nicht angenommen werden, daß Smith die Tatsache selbst aus dem Auge läßt, daß jede hergestellte Ware nicht bloß den bei ihrer unmittelbaren Produktion geschaffenen Wert, sondern auch den Wert sämtlicher bei ihrer Herstellung verbrauchten Produktionsmittel enthält. Gerade dadurch, daß er uns für die restlose Auflösung des Gesamtwerts in v+m immer von einem Produktionsstadium in ein früheres, wie Marx sich ausdrückt, von Pontius zu Pilatus schickt, beweist er, daß er sich der Tatsache selbst wohl bewußt ist. Das Merkwürdige ist dabei nur, daß er auch den alten Wert der Produktionsmittel immer wieder in v+m auflöst und so schließlich den ganzen in der Ware enthaltenen Wert darin aufgehen läßt.

So in dem von uns bereits zitierten Passus über den Getreidepreis: »In dem Getreidepreis z.B. bezahlt ein Teil die Bodenrente für den Besitzer, ein anderer die Arbeitslöhne oder den Unterhalt der Arbeiter und des Arbeitsviehs, und der dritte den Gewinn des Pächters. Diese drei Teile scheinen entweder unmittelbar oder in letzter Linie den ganzen Getreidepreis auszumachen. Man könnte vielleicht noch einen vierten Teil für notwendig halten, um die Abnutzung des Arbeitsviehs und der Wirtschaftsutensilien auszugleichen. Aber es muß beachtet werden, daß der Preis aller Wirtschaftsutensilien sich wieder aus denselben drei Teilen zusammensetzt: 1. die Rente des Bodens, welcher es ernährt hat; 2. die auf seine Zucht verwendete Arbeit, und 3. den Kapitalgewinn des Pächters, welcher sowohl die Bodenrente als die Arbeitslöhne vorgestreckt hat. Wenn also auch der Getreidepreis den Wert des Pferdes sowohl als dessen Ernährung enthält, so löst er sich doch mittelbar oder unmittelbar in die genannten drei Bestandteile: Bodenrente, Arbeit und Kapitalgewinn, auf.«

Was Smith verwirrte, war, scheint es uns, folgendes:

  1. Jede Arbeit geht vor sich mit irgendwelchen Produktionsmitteln. Aber das, was bei einer gegebenen Arbeit Produktionsmittel (Rohstoff, Instrument usw.), ist selbst Produkt einer früheren Arbeit. Für den Bäcker ist Mehl Produktionsmittel, dem er neue Arbeit zusetzt. Aber Mehl ist selbst aus der Arbeit des Müllers hervorgegangen, wo es nicht Produktionsmittel, sondern, genau so wie jetzt die Backware, Produkt war. Bei diesem Produkt war Korn als Produktionsmittel vorausgesetzt, aber wenn wir noch eine Stufe zurückgehen, so war Korn beim Landbauer nicht Produktionsmittel, sondern Produkt. Man kann kein wertenthaltendes Produktionsmittel finden, das nicht selbst Produkt einer früheren Arbeit wäre.
  2. Kapitalistisch gesprochen, folgt daraus: Alles Kapital, das zur Herstellung irgendeiner Ware von Anfang bis zu Ende gebraucht wurde, läßt sich schließlich in ein gewisses Quantum geleisteter Arbeit auflösen.
  3. Der Gesamtwert der Ware, alle Kapitalauslagen Inbegriffen, löst sich also einfach in ein gewisses Arbeitsquantum auf. Und was auf jede Ware, muß sich auch auf die Gesamtheit der jährlich von der Gesellschaft hergestellten Warenmasse beziehen: auch ihr Gesamtwert löst sich in ein Quantum geleisteter Arbeit auf.
  4. Jede kapitalistisch geleistete Arbeit zerfällt in zwei Teile: bezahlte, die die Löhne ersetzt, und unbezahlte, die Profite und Renten, d.h. Mehrwert schafft. Jede kapitalistisch geleistete Arbeit entspricht der Formel v+m.4

Alle bisherigen Thesen sind vollkommen richtig und unbestreitbar. Ihre Erfassung durch Smith beweist die Stärke und Unbeirrtheit seiner wissenschaftlichen Analyse und seinen Fortschritt in der Wert- und Mehrwertauffassung über die Physiokraten hinaus. Nur daß er bei These 3 gelegentlich in der Schlußfolgerung den groben Schnitzer machte: der Gesamtwert der jährlich hergestellten Warenmasse löse sich in das Quantum der in diesem Jahre geleisteten Arbeit auf, während er selbst an anderen Stellen zeigt, daß er sehr wohl weiß, der Wert der in einem Jahre von der Nation hergestellten Ware schließe notwendig auch die Arbeit früherer Jahre – nämlich die in den übernommenen Produktionsmitteln eingeschlossene Arbeit – ein.

Und doch mußte die aus den obigen ganz richtigen vier Thesen gezogene Schlußfolgerung Smiths: der Gesamtwert jeder Ware wie der jährlichen Warenmasse der Gesellschaft löse sich restlos in v+m auf, ganz falsch sein. Smith identifiziert die richtige These: aller Wert der Ware stellt nichts als gesellschaftliche Arbeit dar, mit der falschen: aller Wert stellt nichts als v+m dar. Die Formel v+m drückt die Funktion der lebendigen Arbeit unter kapitalistischen Wirtschaftsverhältnissen aus, nämlich die Doppelfunktion: 1. Ersatz des variablen Kapitals (der Löhne); 2. Schaffung des Mehrwerts für den Kapitalisten. Diese Funktion erfüllt die Lohnarbeit während ihrer Anwendung durch den Kapitalisten, und durch die Realisierung des Warenwerts in Geld zieht der Kapitalist sowohl das in Löhnen vorgeschossene variable Kapital zurück, wie er den Mehrwert in die Tasche steckt. v+m drückt also das Verhältnis zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist aus, ein Verhältnis, das jedesmal mit der Herstellung der Ware zu Ende ist. Ist die Ware verkauft und das Verhältnis v+m in Geld für den Kapitalisten realisiert, dann ist das Verhältnis und seine Spur in der Ware also erloschen. Der Ware und ihrem Wert sieht man absolut nicht an, in welchem Verhältnis und ob überhaupt ihr Wert durch bezahlte und unbezahlte Arbeit hergestellt ist, das einzige, was zweifellose Tatsache, ist der Umstand, daß die Ware ein gewisses Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit enthält, was in ihrem Austausch zum Ausdruck kommt. Für den Austausch selbst also, wie für den Gebrauch der Ware, ist es völlig gleichgültig, ob die Arbeit, die sie darstellt, in v+m zerfiel oder nicht. Nur ihr Quantum als Wert spielt eine Rolle im Austausch, und nur ihre konkrete Beschaffenheit, ihre Nützlichkeit spielt eine Rolle in Gebrauch. Die Formel v+m drückt also sozusagen nur das intime Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit, die soziale Funktion der Lohnarbeit aus, die im Produkt ganz erlischt. Anders mit dem ausgelegten Kapitalteil, der in Produktionsmitteln angelegt ist, dem konstanten Kapital. Der Kapitalist muß außer Lohnarbeit noch Produktionsmittel anschaffen, weil jede Arbeit gewisser Rohstoffe, Instrumente, Baulichkeiten zu ihrer Tätigkeit bedarf. Der kapitalistische Charakter auch dieser Bedingung der Produktion kommt darin zum Ausdruck, daß diese Produktionsmittel eben als c, als Kapital erscheinen, d.h. 1. als Eigentum einer anderen Person als die Arbeitenden, getrennt von der Arbeitskraft, als Eigentum der Nichtarbeitenden, 2. als bloßer Vorschuß, Auslage zum Zwecke der Mehrwerterzeugung. Das konstante Kapital c erscheint hier nur als Grundlage für v+m. Aber das konstante Kapital drückt noch etwas mehr aus, nämlich die Funktion der Produktionsmittel im menschlichen Arbeitsprozeß unabhängig von jeder historisch-gesellschaftlichen Form. Der Rohstoffe und Instrumente zur Arbeit bedarf in gleichem Maße der Feuerländer bei der Anfertigung seines Familienkanoes, die kommunistische Bauerngemeinde in Indien bei der Bestellung der Gemeindeäcker, der ägyptische Fellah beim Anbau seiner Dorfländereien wie beim Bau der Pyramiden für den Pharao, der griechische Sklave in der kleinen athenischen Manufaktur, der feudale Fronbauer, der mittelalterliche Zunfthandwerker und der moderne Lohnarbeiter. Die aus menschlicher Arbeit bereits hervorgegangenen Produktionsmittel sind der Ausdruck des Kontakts der menschlichen Arbeit mit dem Naturstoff und dadurch ewige allgemeine Vorbedingung des menschlichen Produktionsprozesses. Die Figur c in der Formel c+v+m drückt also eine bestimmte Funktion der Produktionsmittel aus, die mit dem Aufhören der Arbeit nicht erlischt. Während es für den Austausch wie für den Gebrauch der Ware völlig gleichgültig ist, ob sie durch bezahlte und unbezahlte Arbeit, durch Lohnarbeit, Sklavenarbeit, Fronarbeit oder irgendeine andere Arbeit zustande gekommen, ist es für den Gebrauch der Ware von entscheidender Wichtigkeit, ob sie selbst Produktionsmittel oder Lebensmittel ist. Die Tatsache, daß bei der Herstellung einer Maschine bezahlte und unbezahlte Arbeit verwendet worden, ist nur für den Fabrikanten der Maschine und seine Arbeiter von Bedeutung; für die Gesellschaft, die durch den Austausch die Maschine erwirbt, ist nur ihre Eigenschaft als Produktionsmittel, ihre Funktion im Produktionsprozeß von Bedeutung. Und genau so, wie jede produzierende Gesellschaft der wichtigen Funktion der Produktionsmittel seit jeher darin Rechnung tragen mußte, daß sie in jeder Produktionsperiode für die Herstellung erforderlicher Produktionsmittel der nächsten Periode Sorge trug, so kann auch die kapitalistische Gesellschaft jedes Jahr ihre Wertproduktion nach der Formel v+m, das heißt die Ausbeutung der Lohnarbeit nur dann in Angriff nehmen, wenn das erforderliche Quantum Produktionsmittel zur Bildung des konstanten Kapitals als Frucht der vorhergehenden Produktionsperiode vorhanden ist. Diese spezifische Verknüpfung jeder vergangenen Produktionsperiode mit der darauffolgenden, die die allgemeine ewige Grundlage des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses bildet, und die darin besteht, daß ein Teil der Produkte jeder Periode bestimmt ist, Produktionsmittel für die folgende zu bilden, verschwand vor dem Blicke Smiths. An den Produktionsmitteln interessierte ihn nicht ihre spezifische Funktion in dem Produktionsprozeß, wo sie angewendet, sondern nur die Tatsache, daß sie selbst ein Produkt der kapitalistisch angewendeten Lohnarbeit sind, wie jede andere Ware. Die spezifisch kapitalistische Funktion der Lohnarbeit im Produktionsprozeß des Mehrwerts verdeckte ihm ganz die ewige allgemeine Funktion der Produktionsmittel im Arbeitsprozeß. Sein bürgerlich befangener Blick übersah völlig hinter dem besonderen sozialen Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital das allgemeine Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Hier scheint uns die eigentliche Quelle des wunderlichen Dogmas von Ad. Smith über die Auflösung des Gesamtwerts der gesellschaftlichen Jahresproduktion in v+m zu liegen. Smith übersah, daß das c als erstes Glied der Formel c+v+m der notwendige Ausdruck für die allgemeine gesellschaftliche Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung der Lohnarbeit ist.

Der Wert jeder Ware muß also in der Formel
c+v+m
ausgedrückt werden. Es fragt sich nun, inwiefern dies auf die Gesamtheit der Waren in einer Gesellschaft Anwendung findet. Wenden wir uns an die Zweifel Smiths darüber, nämlich an seine Aufstellung, fixes und zirkulierendes Kapital sowie Einkommen des einzelnen decken sich nicht mit denselben Kategorien vom gesellschaftlichen Standpunkt (S. 30 Punkt 3). Was für den einen zirkulierendes Kapital, sei für andere nicht Kapital, sondern Einkommen, z.B. die Kapitalvorschüsse für Löhne. Diese Behauptung beruht auf einem Irrtum. Wenn der Kapitalist den Arbeitern Löhne auszahlt, so gibt er nicht variables Kapital her, das in die Hände der Arbeiter wandert, um in ihr Einkommen verwandelt zu werden, sondern er gibt nur die Wertform seines variablen Kapitals für dessen Naturalform – die Arbeitskraft – hin. Das variable Kapital ist stets in der Hand des Kapitalisten: erst in Geldform, dann in Gestalt der Arbeitskraft, die er gekauft, später in Form eines Wertteils der hergestellten Waren, um schließlich aus dem Erlös der Waren in Geldform – nebst Zuwachs – zu ihm zurückzukehren. Andererseits gelangt der Arbeiter nie in Besitz des variablen Kapitals. Für ihn ist die Arbeitskraft nie Kapital, sondern sein Vermögen (nämlich Vermögen zu arbeiten, das einzige, das er besitzt). Hat er sie veräußert und hat er Geld als Lohn eingenommen, so ist dieser Lohn für ihn gleichfalls kein Kapital, sondern der Preis seiner verkauften Ware. Endlich die Tatsache, daß der Arbeiter mit den erhaltenen Löhnen Lebensmittel kauft, hat mit der Funktion, die dieses Geld als variables Kapital in den Händen des Kapitalisten gespielt hat, so wenig zu tun, wie der Privatgebrauch, den jeder Verkäufer einer Ware mit dem erhaltenen Geld macht. Nicht das variable Kapital des Kapitalisten wird also zum Einkommen des Arbeiters, sondern der Preis der vom Arbeiter verkauften Ware Arbeitskraft, während das variable Kapital nach wie vor in der Hand des Kapitalisten bleibt und als solches fungiert.

Genau so falsch die Vorstellung, das Einkommen (Mehrwert) des Kapitalisten, das z.B. in noch nicht realisierten Maschinen steckt, was beim Maschinenfabrikanten der Fall, sei fixes Kapital für einen anderen, nämlich den Käufer der Maschinen. Was Einkommen des Maschinenfabrikanten ist, sind nicht Maschinen oder ein Teil der Maschine, sondern der in ihnen steckende Mehrwert, also unbezahlte Arbeit seiner Lohnarbeiter. Nach dem Verkauf der Maschine bleibt dieses Einkommen nach wie vor in der Hand des Maschinenfabrikanten, es hat nur seine Erscheinungsform gewechselt, ist aus Maschinenform in Geldform verwandelt. Umgekehrt ist der Käufer der Maschine nicht erst durch ihren Ankauf in Besitz seines fixen Kapitals gelangt, sondern er hatte dieses vorher schon als ein gewisses Geldkapital in der Hand gehabt. Durch den Ankauf der Maschine hat er nur seinem Kapital die entsprechende sachliche Gestalt gegeben, die er brauchte, um es produktiv fungieren zu lassen. Vor dem Verkauf der Maschine wie nach ihrem Verkauf bleibt das Einkommen (der Mehrwert) in der Hand des Maschinenfabrikanten, das fixe Kapital in der Hand des anderen – des kapitalistischen Käufers der Maschine. Genau so wie im ersten Beispiel das variable Kapital stets in der Hand des Kapitalisten, das Einkommen in der Hand des Arbeiters blieb.

Was die Verwirrung bei Smith und allen seinen Nachfolgern angestiftet hat, ist, daß sie bei dem kapitalistischen Warenaustausch die Gebrauchsform der Waren mit ihren Wertverhältnissen durcheinander warfen, und ferner, daß sie die einzelnen Kapitalzirkulationen und Warenzirkulationen nicht auseinander hielten, die sich auf Schritt und Tritt ineinander verschlingen. Einundderselbe Akt des Warenaustausches kann von einer Seite gesehen Kapitalzirkulation, von der anderen einfacher Warenaustausch zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse sein. Der falsche Satz: Was für den einen Kapital, ist für den anderen Einkommen und umgekehrt, reduziert sich also auf den richtigen Satz: was für den einen Kapitalzirkulation, ist für den anderen einfacher Warenaustausch und umgekehrt. Dadurch wird nur die Verwandlungsfähigkeit des Kapitals in seiner Laufbahn und die Verschlingung verschiedener Interessensphären in dem gesellschaftlichen Austauschprozeß zum Ausdruck gebracht, die scharf umrissene Existenz aber des Kapitals im Gegensatz zum Einkommen, und zwar in seinen beiden markanten Gestalten als konstantes und variables, wird damit nicht aufgehoben.

Und doch kommt Smith in seinen Behauptungen, daß sich Kapital und Einkommen der einzelnen mit diesen Kategorien der Gesamtheit nicht völlig decken, der Wahrheit sehr nahe, nur daß es zur klaren Aufdeckung des Zusammenhangs noch weiterer Zwischenglieder bedurfte.

1 Das Kapital, Band II, S. 351.

2 A. Smith, l.c., I, S. 376.

3 R. Luxemburg, Die Neue Zeit, XVIII, 2. Bd., S. 184.

4 Wir lassen hier außer Betracht, daß bei Smith auch die umgekehrte Auffassung dazwischenläuft, wonach sich nicht der Preis der Waren in v+m auflöst, sondern der Wert der Waren aus v+m zusammensetzt! Dieses Quiproquo ist wichtiger für die Smithsche Werttheorie als in dem Zusammenhang, in dem uns hier seine Formel v+m interessiert.

Viertes Kapitel.

Das Marxsche Schema der einfachen Reproduktion.

Betrachten wir die Formel
c+v+m
als Ausdruck des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Haben wir es hier bloß mit einer theoretischen Konstruktion, mit einem abstrakten Schema zu tun oder wohnt dieser Formel in der Anwendung auf die Gesamtgesellschaft ein realer Sinn inne, hat sie objektive gesellschaftliche Existenz?

Das c, konstantes Kapital, ist theoretisch erst von Marx als Kategorie von grundlegender Bedeutung aufgebracht worden. Allein schon Smith selbst, der ausschließlich mit den Kategorien fixes und zirkulierendes Kapital arbeitet, verwandelt das fixe Kapital tatsächlich und unbewußt für sich in konstantes, d.h. er faßt darunter nicht bloß Produktionsmittel, die in mehreren Jahren verschleißen, sondern auch solche, die jährlich ganz in die Produktion aufgehen.1 Sein Dogma selbst von der Auflösung des Gesamtwerts in v+m und seine Beweisführung dafür führen ihn dazu, die zwei Kategorien der Produktionsbedingungen: die lebendige Arbeit und alle toten Produktionsmittel auseinanderzuhalten. Auf der anderen Seite, wenn er aus den Einzelkapitalen und -einkommen den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß zu konstruieren sucht, bleibt ihm als »fixes« Kapital in Wirklichkeit das konstante übrig.

Jeder einzelne Kapitalist verwendet zur Produktion seiner Waren gewisse sachliche Produktionsmittel: Baulichkeiten, Rohstoffe, Werkzeuge. Zur Herstellung der Gesamtheit der Waren ist in der gegebenen Gesellschaft offenbar die Gesamtheit der von den Einzelkapitalisten verwendeten sachlichen Produktionsmittel notwendig. Die Existenz dieser Produktionsmittel in der Gesellschaft ist eine ganz reale Tatsache, wenn sie auch in Gestalt lauter privater Einzelkapitale existieren. Hier kommt die allgemeine absolute Bedingung der gesellschaftlichen Produktion unter allen ihren historischen Formen zum Ausdruck. Die besondere kapitalistische Form äußert sich darin, daß die sachlichen Produktionsmittel eben als c, als Kapital fungieren, d.h. als Eigentum von Nichtarbeitenden, als Gegenpol proletarisierter Arbeitskräfte, als Gegenstück der Lohnarbeit. Das v, variables Kapital, ist Summe der in der Gesellschaft während der Jahresproduktion tatsächlich gezahlten Löhne. Auch diese Tatsache hat eine reale objektive Existenz, wenn sie gleich in einer Unzahl von Einzellöhnen zum Vorschein kommt. In jeder Gesellschaft ist die Anzahl der tatsächlich in der Produktion angespannten Arbeitskräfte und ihre jährliche Erhaltung eine Frage von grundlegender Wichtigkeit. Die besondere kapitalistische Form dieser Kategorie als v, als variables Kapital, besagt: 1. daß die Existenzmittel der Arbeitenden ihnen als Lohn, d.h. als Preis ihrer verkauften Arbeitskraft entgegentreten, als Kapitaleigentum anderer, Nichtarbeitender, Besitzer der sachlichen Produktionsmittel, 2. als eine Geldsumme, d.h. bloß als Wertgestalt ihrer Lebensmittel. Das v drückt aus sowohl, daß die Arbeitenden »frei« sind – in doppeltem Sinne: persönlich frei und frei von allen Produktionsmitteln – als daß die Warenproduktion die allgemeine Form der Produktion in der gegebenen Gesellschaft ist.

Endlich das m – Mehrwert – stellt die Gesamtsumme aller von den Einzelkapitalisten erzielten Mehrwerte dar. In jeder Gesellschaft wird Mehrarbeit geleistet und wird z.B. auch in der sozialistischen Gesellschaft geleistet werden müssen. In dreifachem Sinne: als Arbeitsquantum zur Erhaltung Nichtarbeitender (Arbeitsunfähiger, Kinder, Greise, Gebrechlicher), öffentlicher Beamten und sogen. liberaler Berufe, die am Produktionsprozeß nicht unmittelbar teilnehmen,2 als Assekuranzfonds der Gesellschaft für elementare Unglücksfälle, die den jährlichen Ausfall der Produktenmasse gefährden (Mißernte, Waldbrand, Überschwemmungen), endlich als Fonds zur Erweiterung der Produktion, sei es infolge des Bevölkerungszuwachses, sei es infolge der kulturellen Hebung der Bedürfnisse. Die kapitalistische Form äußert sich in doppelter Hinsicht: 1. darin, daß die Mehrarbeit als Mehrwert, d.h. in Warenform und in Geld realisierbar geleistet wird, 2. darin, daß sie als Eigentum nichtarbeitender Besitzer der Produktionsmittel zum Vorschein kommt.

Die beiden Figuren v+m endlich stellen zusammen gleichfalls eine objektive Größe von allgemeiner Gültigkeit dar: die Gesamtsumme der in der Gesellschaft im Verlaufe eines Jahres geleisteten lebendigen Arbeit. Jede menschliche Gesellschaft, von welcher geschichtlichen Form auch, muß sich für diese Tatsache interessieren, sowohl im Verhältnis zu den erzielten Resultaten, wie im Verhältnis zu den vorhandenen und verfügbaren Arbeitskräften überhaupt. Auch die Einteilung in v+m ist eine allgemeine, von den besonderen historischen Formen der Gesellschaft unabhängige Erscheinung. Der kapitalistische Ausdruck dieser Einteilung äußert sich nicht nur in den qualitativen Besonderheiten beider, die bereits hervorgehoben sind, sondern auch in ihrem quantitativen Verhältnis, darin, daß v die Tendenz zeigt, auf das physiologische und soziale Minimum, das zur Existenz der Arbeitenden notwendig ist, herabgedrückt zu werden, und daß das m auf Kosten des v und im Verhältnis zu ihm stets zu wachsen die Tendenz hat.

Letzterer Umstand drückt endlich die vorherrschende Eigentümlichkeit der kapitalistischen Produktion aus: die Tatsache, daß die Schaffung und Aneignung von Mehrwert der eigentliche Zweck und das treibende Motiv dieser Produktion ist.

Man sieht: die der kapitalistischen Formel des Gesamtprodukts zugrunde liegenden Beziehungen sind von allgemeiner Gültigkeit und werden in jeder planmäßig organisierten Wirtschaftsform Gegenstand einer bewußten Regelung seitens der Gesellschaft – der Gesamtheit der Arbeitenden und ihrer demokratischen Organe in einer kommunistischen Gesellschaft, des besitzenden Zentrums und seiner despotischen Gewalt in einer auf Klassenherrschaft beruhenden Gesellschaft. Unter der kapitalistischen Produktionsform besteht eine planmäßige Regelung des Ganzen nicht. Die Gesamtheit der Kapitale wie der Waren der Gesellschaft besteht in Wirklichkeit aus einer Summe unzähliger zersplitterter Einzelkapitale und einzelner Warenposten.

Es entsteht somit die Frage, ob denn diese Summen selbst in der kapitalistischen Gesellschaft etwas mehr als den Sinn einer bloßen statistischen Aufstellung, noch dazu von sehr ungenauem und schwankendem Charakter besitzen. Auf dem Maßstab der Gesamtgesellschaft kommt jedoch zum Ausdruck, daß die völlig selbständige selbstherrliche Einzelexistenz der privatkapitalistischen Betriebe bloß die historisch bedingte Form, während der gesellschaftliche Zusammenhang die Grundlage ist. Trotzdem die Einzelkapitale völlig unabhängig agieren und eine gesellschaftliche Regelung vollständig fehlt, vollzieht sich die Gesamtbewegung aller Kapitale als ein einheitliches Ganzes. Auch diese Gesamtbewegung äußert sich in spezifisch kapitalistischen Formen. Während bei jeder planmäßig organisierten Produktionsform die Regelung sich vor allem auf das Verhältnis zwischen der gesamten geleisteten und zu leistenden Arbeit und den Produktionsmitteln (in den Zeichen unserer Formel gesprochen: zwischen (v+m) und c) oder zwischen der Summe der benötigten Lebensmittel und der benötigten Produktionsmittel (in der Formel dasselbe (v+m) zu c) bezieht, wird kapitalistisch die zur Erhaltung der toten Produktionsmittel wie der lebenden Arbeitskräfte benötigte gesellschaftliche Arbeit als ein ganzes, als Kapital behandelt, dem die geleistete Mehrarbeit als m, Mehrwert, entgegengestellt wird. Das Verhältnis dieser beiden Größen m und (c+v) ist ein reales, objektives, handgreifliches Verhältnis der kapitalistischen Gesellschaft, nämlich die durchschnittliche Profitrate, die tatsächlich jedes Privatkapital nur als einen Teil eines gemeinsamen Ganzen, des gesellschaftlichen Gesamtkapitals behandelt, ihm den Profit als einen ihm nach Größe zukommenden Teil des in der Gesellschaft herausgepreßten Gesamtmehrwerts ohne Rücksicht auf das von ihm tatsächlich erzielte Quantum zuweist. Das gesellschaftliche Gesamtkapital mit seinem Gegenstück, dem gesellschaftlichen Gesamtmehrwert, sind also nicht bloß reale Größen von objektiver Existenz, sondern ihr Verhältnis, der Durchschnittsprofit, leitet und lenkt – vermittelst des Mechanismus des Wertgesetzes – den ganzen Austausch, nämlich die quantitativen Austauschverhältnisse der einzelnen Warenarten unabhängig von ihren besonderen Wertverhältnissen, ferner die gesellschaftliche Arbeitsteilung, d.h. die Zuweisung entsprechender Kapitalportionen und Arbeitskräfte zu den einzelnen Produktionssphären, die Entwicklung der Produktivität der Arbeit, nämlich einerseits das Stimulieren der Einzelkapitale zu Pionierarbeiten, um sich über den Durchschnittsprofit zu erheben, und andererseits die Ausbreitung der von den einzelnen erzielten Fortschritte auf die Gesamtproduktion usw. Mit einem Wort: das gesellschaftliche Gesamtkapital beherrscht durch die Durchschnittsprofitrate die scheinbar selbständigen Bewegungen der Einzelkapitale völlig.3

Die Formel c+v+m paßt also nicht bloß auf die Wortzusammensetzung jeder einzelnen Ware, sondern auch auf die Gesamtheit der in einer Gesellschaft kapitalistisch produzierten Waren. Dies bezieht sich aber nur auf die Wertzusammensetzung. Darüber hinaus hört die Analogie auf.

Die genannte Formel ist nämlich vollkommen exakt, wenn wir das Gesamtprodukt einer kapitalistisch produzierenden Gesellschaft als Totalität, als Arbeitsprodukt eines Jahres, auf ihre betreffenden Bestandteile analysieren wollen. Die Figur c zeigt uns an, wieviel von vergangener, in früheren Jahren in Gestalt von Produktionsmitteln geleisteter Arbeit in das Produkt dieses Jahres mit übernommen worden ist. Die Figur v+m zeigt den Wertbestandteil des Produkts, der ausschließlich im letzten Jahre durch Neuarbeit geschaffen worden ist, endlich das Verhältnis von v und m zeigt uns die Verteilung des jährlichen Arbeitspensums der Gesellschaft zwischen der Erhaltung der Arbeitenden und der Erhaltung der Nichtarbeitenden. Diese Analyse bleibt richtig und maßgebend auch für die Reproduktion des Einzelkapitals, ohne jede Rücksicht auf die sachliche Gestalt des von ihm geschaffenen Produkts. Bei dem Kapitalisten der Maschinenindustrie erscheinen c wie v wie m unterschiedslos in Gestalt von Maschinen oder Maschinenteilen wieder. Bei seinem Kollegen von der Zuckerbranche kommen c wie v und m aus dem Produktionsprozeß in Zuckergestalt zur Welt. Beim Eigentümer eines Tingeltangels werden sie in den Körperreizen der Tänzerinnen und der »Excentrics« vergegenständlicht. Sie unterscheiden sich voneinander in dem unterschiedslosen Produkt nur als dessen aliquote Wertteile. Und dies genügt für die Reproduktion des Einzelkapitals vollkommen. Denn die Reproduktion des Einzelkapitals beginnt mit der Wertgestalt des Kapitals, ihr Ausgangspunkt ist eine gewisse Geldsumme, die aus der Realisierung des hergestellten Produkts herausspringt. Die Formel c+v+m ist dann die gegebene Grundlage für die Einteilung jener Geldsumme in einen Teil zum Ankauf von sachlichen Produktionsmitteln, einen anderen zum Ankauf der Arbeitskraft, und einen dritten zur persönlichen Konsumtion des Kapitalisten, falls, wie wir hier zunächst annehmen, einfache Reproduktion stattfindet, oder nur zum Teil zur persönlichen Konsumtion, zum Teil zur Vergrößerung des Kapitals, falls erweiterte Reproduktion stattfinden soll. Daß er zur tatsächlichen Reproduktion mit dem so eingeteilten Geldkapital wieder den Warenmarkt beschreiten muß, um die sachlichen Voraussetzungen der Produktion: Rohstoffe, Werkzeuge usw. sowie Arbeitskräfte zu erwerben, versteht sich von selbst. Daß der Einzelkapitalist dann auf dem Markt die Produktionsmittel und Arbeitskräfte, die er für sein Geschäft braucht, auch tatsächlich vorfindet, erscheint dem Einzelkapitalisten, wie seinem wissenschaftlichen Ideologen, dem Vulgärökonomen, ebenso selbstverständlich.

Anders bei der gesellschaftlichen Gesamtproduktion. Vom Standpunkte der Gesamtgesellschaft kann der Warenaustausch nur eine Translokation, einen allseitigen Platzwechsel der einzelnen Teile des Gesamtprodukts bewerkstelligen, er kann aber seine sachliche Zusammensetzung nicht ändern. Nach wie vor diesem Platzwechsel kann die Reproduktion des Gesamtkapitals nur dann stattfinden, wenn sich in dem aus der letzten Produktionsperiode hervorgegangenen Gesamtprodukt 1. genügende Produktionsmittel, 2. ausreichende Lebensmittel zur Erhaltung der früheren Anzahl Arbeitskräfte, 3. last not least, die erforderlichen Lebensmittel zur »standesgemäßen« Erhaltung der Kapitalistenklasse nebst Zubehör vorfinden. Hier werden wir auf ein neues Gebiet geleitet: aus reinen Wertverhältnissen zu sachlichen Gesichtspunkten. Es kommt jetzt auf die Gebrauchsgestalt des gesellschaftlichen Gesamtprodukts an. Was dem Einzelkapitalisten völlig Hekuba, wird für den Gesamtkapitalisten ernste Sorge. Während für den Einzelkapitalisten gehupft wie gesprungen ist, ob die von ihm produzierte Ware Maschine, Zucker, künstlicher Dünger oder ein freisinniges Intelligenzblatt ist, vorausgesetzt nur, daß er sie an den Mann bringt, um sein Kapital nebst Mehrwert herauszuziehen, bedeutet es für den Gesamtkapitalisten unendlich viel, daß sein Gesamtprodukt eine ganz bestimmte Gebrauchsgestalt hat, und zwar, daß in diesem Gesamtprodukt dreierlei Dinge vorzufinden sind: Produktionsmittel zur Erneuerung des Arbeitsprozesses, einfache Lebensmittel zur Erhaltung der Arbeiterklasse und bessere Lebensmittel mit dem nötigen Luxus zur Erhaltung des Gesamtkapitalisten selbst. Ja, der Wunsch in dieser Hinsicht ist nicht allgemein und vag, sondern ganz exakt quantitativ bestimmt. Fragen wir, wie groß die Mengen der vom Gesamtkapitalisten benötigten Dinge aller drei Kategorien sind, so bekommen wir einen genauen Voranschlag – vorausgesetzt immer die einfache Reproduktion, die wir als Ausgangspunkt nehmen – in der Wertzusammensetzung des Gesamtprodukts des letzten Jahres. Die Formel c+v+m, die wir bis jetzt so gut für das Gesamtkapital wie für das Einzelkapital als eine bloße quantitative Einteilung des Gesamtwertes, d.h. der im Jahresprodukt der Gesellschaft steckenden Arbeitsmenge aufgefaßt haben, erscheint jetzt zugleich als die gegebene Grundlage der sachlichen Einteilung des Produkts. Es ist klar, daß, um die Reproduktion in demselben Umfang in Angriff zu nehmen, der Gesamtkapitalist in seinem neuen Gesamtprodukt so viel Produktionsmittel vorfinden muß, wie es der Größe c entspricht, so viel einfache Lebensmittel für die Arbeiter, wie es der Lohnsumme v entspricht, und so viel feinere Lebensmittel für sich nebst Anhang, wie es die Größe m erfordert. Die Wertzusammensetzung des gesellschaftlichen Jahresprodukts übersetzt sich also in die sachliche Gestalt dieses Produkts in folgender Weise: Das gesamte c der Gesellschaft muß als ebensoviele Produktionsmittel, das v als Lebensmittel der Arbeiter und m als Lebensmittel der Kapitalisten wiedererscheinen, – wenn anders die einfache Reproduktion ermöglicht werden soll.

Hier kommen wir an einen handgreiflichen Unterschied zwischen dem Einzelkapitalisten und dem Gesamtkapitalisten. Ersterer reproduziert jedesmal sein konstantes und variables Kapital sowie seinen Mehrwert 1. alle drei Teile in einem einheitlichen Produkt von derselben sachlichen Gestalt, 2. in einer ganz gleichgültigen Gestalt, die bei jedem Einzelkapitalisten von anderer Beschaffenheit ist. Der Gesamtkapitalist reproduziert jeden Wertteil seines Jahresprodukts in einer anderen sachlichen Gestalt, und zwar: das c als Produktionsmittel, das v als Lebensmittel der Arbeiter und das m als Lebensmittel der Kapitalisten. Für die Reproduktion des Einzelkapitals waren nur Wertverhältnisse maßgebend, die sachlichen Bedingungen als selbstverständliche Erscheinung des Warenaustausches vorausgesetzt. Für die Reproduktion des Gesamtkapitals vereinigen sich Wertverhältnisse mit sachlichen Standpunkten. Es ist übrigens klar, daß das Einzelkapital nur insofern reine Wertgesichtspunkte pflegen und sachliche Bedingungen als ein Gesetz des Himmels betrachten kann, als das Gesamtkapital umgekehrt den sachlichen Gesichtspunkten Rechnung trägt. Würde das gesamte c der Gesellschaft nicht in Gestalt derselben Menge Produktionsmittel jährlich reproduziert werden, so würde jeder Einzelkapitalist mit seinem in Geld realisierten c umsonst den Warenmarkt abschreiten, er könnte die benötigten sachlichen Bedingungen für seine individuelle Reproduktion nicht finden. Vom Standpunkte der Reproduktion kommen wir also mit der allgemeinen Formel c+v+m für das Gesamtkapital nicht aus, – übrigens wieder ein Beweis, daß der Begriff der Reproduktion etwas Reales und mehr ist als eine bloße Umschreibung des Begriffes Produktion. Wir müssen vielmehr Unterscheidungen sachlichen Charakters machen und das Gesamtkapital, statt als einheitliches Ganzes, in seinen drei Hauptabteilungen darstellen oder der Vereinfachung halber, da dies theoretisch zunächst keinen Harm tut, in zwei Abteilungen betrachten: als Produktion von Produktionsmitteln und als Produktion von Lebensmitteln für Arbeiter und Kapitalisten. Jede Abteilung muß getrennt für sich betrachtet werden, wobei in jeder die Grundbedingungen der kapitalistischen Produktion eingehalten werden müssen. Zugleich müssen wir aber von den Gesichtspunkten der Reproduktion aus die gegenseitigen Zusammenhänge der beiden Abteilungen hervorheben. Denn nur im Zusammenhang betrachtet ergeben sie eben die Grundlagen der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals als Ganzes.

So findet bei der Darstellung des Gesamtkapitals und seines Gesamtprodukts eine gewisse Verschiebung statt, wenn wir vom Einzelkapital ausgehen. Quantitativ, als Wertgröße, setzt sich das c der Gesellschaft exakt aus der Summe der konstanten Einzelkapitale zusammen, dasselbe bezieht sich auf die beiden anderen Figuren v und m. Aber ihre Erscheinungsform ist verschoben. Während das c der Einzelkapitale aus dem Produktionsprozeß wiedererscheint als Wertpartikel einer unendlichen Buntheit von Gebrauchsgegenständen, erscheint es im Gesamtprodukt sozusagen zusammengezogen in einer bestimmten Menge Produktionsmittel. Und ebenso sind v und m, die bei den Einzelkapitalen als Segmente eines Warenbreis von buntester Erscheinung wieder auftauchen, im Gesamtprodukt zusammengezogen in entsprechende Mengen Lebensmittel für Arbeiter und Kapitalisten. Dies ist auch die Tatsache, auf die Smith annähernd stieß in seinen Betrachtungen über die Nichtkongruenz der Kategorien fixes Kapital, zirkulierendes Kapital und Einkommen bei dem Einzelkapitalisten und bei der Gesellschaft.

Wir sind zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  1. Die Produktion der Gesamtgesellschaft im ganzen betrachtet kann ebenso wie die des Einzelkapitalisten in der Formel c+v+m ausgedrückt werden.
  2. Die gesellschaftliche Produktion zerfällt in zwei Abteilungen: Produktion von Produktionsmitteln und Produktion von Lebensmitteln.
  3. Beide Abteilungen werden kapitalistisch betrieben, d.h. als Mehrwertproduktion, die Formel c+v+m findet also auch auf jede dieser Abteilungen im einzelnen Anwendung.
  4. Die beiden Abteilungen sind aufeinander angewiesen, müssen deshalb gewisse Quantitätsverhältnisse aufweisen. Und zwar muß die eine alle Produktionsmittel beider Abteilungen, die andere alle Lebensmittel für die Arbeiter und Kapitalisten beider Abteilungen herstellen.

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend konstruiert Marx die folgende Formel der kapitalistischen Reproduktion:

  1. 4.000c + 1.000v + 1.000m = 6.000 Produktionsmittel.
  2. 2.000c + 500v + 500m = 3.000 Konsumtionsmittel.4

Die Zahlen dieser Formel drücken Wertgrößen, also Geldmengen aus, die an sich willkürlich, ihre Verhältnisse aber exakt sind. Die beiden Abteilungen unterscheiden sich durch die Gebrauchsgestalt der hergestellten Waren voneinander. Ihre gegenseitige Zirkulation vollzieht sich folgendermaßen: Die erste Abteilung liefert für die ganze Produktion, also für sich wie für die zweite Abteilung Produktionsmittel; daraus folgt schon, daß zum glatten Fortgang der Reproduktion (hier wird immer noch einfache Reproduktion – im alten Umfang – zugrunde gelegt) das Gesamtprodukt der ersten Abteilung (6.000 I) an Wert der Summe der konstanten Kapitale in den beiden Abteilungen (I 4.000c + II 2.000c) gleich sein muß. Ebenso liefert die zweite Abteilung Lebensmittel für die ganze Gesellschaft, also sowohl für die eigenen Arbeiter und Kapitalisten, wie für diejenigen der ersten Abteilung. Daraus folgt, daß für den glatten Verlauf der Konsumtion und der Produktion und ihre Erneuerung im früheren Umfange nötig ist, daß die von der zweiten Abteilung gelieferte Gesamtmenge der Lebensmittel an Wert den Einkommensbeträgen aller beschäftigten Arbeiter und Kapitalisten der Gesellschaft gleichkommt (hier 3.000 II = (1.000v + 1.000m) I + (500v + 500m) II).

Hier haben wir nur in der Tat in Wertverhältnissen ausgedrückt, was Grundlage nicht nur der kapitalistischen Reproduktion, sondern der Reproduktion jeder Gesellschaft ist. In jeder produzierenden Gesellschaft, welche ihre soziale Form auch sei – in der primitiven kleinen Dorfgemeinde der Bakairi Brasiliens, in dem großen Ojkos mit Sklaven eines Timon von Athen oder auf den kaiserlichen Fronhöfen Karls des Großen –, muß die verfügbare Arbeitsmenge der Gesellschaft so verteilt werden, daß sowohl Produktionsmittel in genügender Menge wie Lebensmittel hergestellt werden. Und zwar müssen die ersteren ausreichen ebenso zur direkten Herstellung von Lebensmitteln wie zur künftigen Erneuerung der Produktionsmittel selbst, die Lebensmittel aber zur Erhaltung der mit ihrer Herstellung wie mit der Herstellung der Produktionsmittel beschäftigten Arbeitenden und obendrein zur Erhaltung aller Nichtarbeitenden. Insofern ist das Marxsche Schema in seiner allgemeinen Proportion die allgemeine absolute Grundlage der gesellschaftlichen Reproduktion, nur daß hier die gesellschaftlich notwendige Arbeit als Wert erscheint, die Produktionsmittel als konstantes Kapital, die zur Erhaltung der Arbeitenden notwendige Arbeit als variables Kapital und die zur Erhaltung der Nichtarbeitenden notwendige als Mehrwert.

In der kapitalistischen Gesellschaft beruht aber die Zirkulation zwischen den zwei großen Abteilungen auf Warenaustausch, auf Austausch von Äquivalenten. Die Arbeiter und Kapitalisten der Abteilung I können nur so viel Lebensmittel von der Abteilung II erhalten, als sie ihr an der eigenen Ware, an Produktionsmitteln liefern können. Der Bedarf der Abteilung II an Produktionsmitteln wird aber bemessen durch die Größe ihres konstanten Kapitals. Daraus folgt also, daß die Summe des variablen Kapitals und des Mehrwerts in der Produktion der Produktionsmittel (hier (1.000v + 1.000m) I) dem konstanten Kapital in der Produktion der Lebensmittel (hier 2.000c II) gleich sein muß.

Eine wichtige Bemerkung muß noch zu dem obigen Schema gemacht werden. Das angegebene konstante Kapital seiner beiden Abteilungen ist in Wirklichkeit nur ein Teil des von der Gesellschaft angewandten konstanten Kapitals. Letzteres zerfällt in fixes – Baulichkeiten, Werkzeuge, Arbeitstiere –, das in mehreren Produktionsperioden fungiert, in jeder aber nur mit einem Teil seines Wertes – im Verhältnis zum eigenen Verschleiß – in das Produkt eingeht, und in zirkulierendes – Rohstoffe, Hilfsstoffe, Heizungs- und Beleuchtungsstoffe –, das in jeder Produktionsperiode ganz mit dem Wert in das neue Produkt eingeht. Für die Reproduktion kommt aber nur der Teil der Produktionsmittel in Betracht, der wirklich in die Wertproduktion eingeht, der übrige, außerhalb des Produkts übrig gebliebene und fortfungierende Teil des fixen Kapitals muß zwar im Auge behalten, kann jedoch bei der exakten Darstellung der gesellschaftlichen Zirkulation außer Betracht gelassen werden, ohne die Richtigkeit der Darstellung zu beeinträchtigen. Dies kann leicht bewiesen werden.

Denken wir uns das konstante Kapital 6.000c der I. und der II. Abteilung, das in das Jahresprodukt dieser Abteilung tatsächlich eingeht, als bestehend aus 1.500c fixes und 4.500c zirkulierendes, wobei die 1.500c fixes den Jahresverschleiß der Baulichkeiten, Maschinen, Arbeitstiere darstellen usw. Dieser Jahresverschleiß sei gleich 10 Proz. des Gesamtwerts des fixen Kapitals, das in Anwendung kommt. Dann hätten wir in Wirklichkeit in den beiden Abteilungen 15.000c fixes + 4.500c zirkulierendes Kapital, zusammen also 19.500c + 1.500v an gesellschaftlichem Gesamtkapital. Das ganze fixe Kapital jedoch, dessen Lebensdauer (bei 10 Proz. Jahresverschleiß) auf 10 Jahre angenommen wird, muß erst nach 10 Jahren erneuert werden. Inzwischen geht jedes Jahr ein Zehntel seines Werts in die gesellschaftliche Produktion ein. Würde das gesamte fixe Kapital der Gesellschaft in gleichem Maße verschleißen und gleiche Lebensdauer haben, so müßte es – bei unserer Annahme – alle zehn Jahre auf einmal in seiner Totalität erneuert werden. Dies ist aber nicht der Fall. Von den verschiedenen Gebrauchsgestalten und Teilen des fixen Kapitals dauern die einen kürzer, die anderen länger, der Verschleiß und die Lebensdauer sind bei verschiedenen Gattungen und Individuen des fixen Kapitals ganz verschieden. Daraus ergibt sich, daß auch die Erneuerung, die Reproduktion des fixen Kapitals in seiner konkreten Gebrauchsgestalt durchaus nicht auf einmal in ihrer Totalität vorgenommen zu werden braucht, sondern daß fortwährend an verschiedenen Punkten der gesellschaftlichen Produktion eine Erneuerung von Teilen des fixen Kapitals stattfindet, während andere Teile noch in ihrer alten Gestalt fortfahren zu fungieren. Der 10prozentige Verschleiß des fixen Kapitals, den wir in unserem Beispiel angenommen haben, bedeutet also nicht, daß alle zehn Jahre eine einmalige Reproduktion des fixen Kapitals im Werte von 15.000c stattfinden muß, sondern daß jährlich im Durchschnitt die Erneuerung und der Ersatz eines Teils des gesamten fixen Kapitals der Gesellschaft, der dem zehnten Wertteil dieses Kapitals entspricht, stattfinden muß, d.h. daß in der Abteilung I, die den Gesamtgebrauch der Gesellschaft an Produktionsmitteln zu decken hat, jährlich neben der Reproduktion der ganzen Roh- und Hilfsstoffe usw. des zirkulierenden Kapitals im Werte von 4.500, auch noch die Herstellung von Gebrauchsgestalten des fixen Kapitals, also Baulichkeiten, Maschinen usw. im Belaufe von 1.500, die dem tatsächlichen Verschleiß des fixen Kapitals entspricht, stattfinden muß; zusammen 6.000c, die auch im Schema angenommen wurden. Fährt die Abteilung I fort, in dieser Weise jährlich ein Zehntel des fixen Kapitals in seiner Gebrauchsgestalt zu erneuern, so wird sich finden, daß alle zehn Jahre das ganze fixe Kapital der Gesellschaft an Kopf und Gliedern durch neue Exemplare ersetzt worden ist, daß also die Reproduktion auch derjenigen seiner Teile, die wir, dem Wert nach, außer Betracht gelassen haben, im obigen Schema vollkommen berücksichtigt ist.

Praktisch äußert sich dieser Vorgang darin, daß jeder Kapitalist aus seiner jährlichen Produktion, nach der Realisierung der Waren, eine gewisse Geldsumme für Amortisation des fixen Kapitals auf die Seite legt. Diese einzelnen Jahresabschreibungen müssen erst einen Betrag von gewisser Höhe ausmachen, bevor der Kapitalist tatsächlich sein fixes Kapital erneuert, resp. durch andere, leistungsfähigere Exemplare ersetzt. Diese abwechselnde Tätigkeit jährlicher Rücklagen von Geldbeträgen für die Erneuerung des fixen Kapitals und einer periodischen Verwendung der angesammelten Summe zur tatsächlichen Erneuerung des fixen Kapitals fällt aber bei verschiedenen individuellen Kapitalisten auseinander, so daß die einen noch Rücklagen machen, während andere bereits die Renovierung vornehmen. Auf diese Weise ergibt jedes Jahr die Erneuerung eines Teils des fixen Kapitals. Die Geldvorgänge maskieren hier nur den wirklichen Vorgang, der den Reproduktionsprozeß des fixen Kapitals charakterisiert.

Das ist bei näherem Zusehen auch ganz in der Ordnung. Das fixe Kapital nimmt zwar in seiner Totalität am Produktionsprozeß teil, aber nur als eine Masse von Gebrauchsgegenständen. Baulichkeiten, Maschinen, Arbeitsvieh werden in ihrer ganzen Körperlichkeit im Arbeitsprozeß in Anspruch genommen. In die Wertproduktion jedoch gehen sie – darin besteht gerade ihre Besonderheit als fixes Kapital – nur mit einem Teil ihres Wertes ein. Da im Prozeß der Reproduktion (unter Voraussetzung einfacher Reproduktion) es nur darauf ankommt, die während der Jahresproduktion an Lebensmitteln wie an Produktionsmitteln tatsächlich verzehrten Werte in ihrer Naturgestalt wieder zu ersetzen, so kommt auch das fixe Kapital für die Reproduktion nur in dem Maße in Betracht, als es tatsächlich in die produzierten Waren eingegangen ist. Der übrige in der gesamten Gebrauchsgestalt des fixen Kapitals verkörperte Wertteil ist von entscheidender Wichtigkeit für die Produktion als Arbeitsprozeß, existiert aber nicht für die jährliche Reproduktion der Gesellschaft als Wertbildungsprozeß.

Übrigens trifft der Vorgang, der hier in Wertverhältnissen zum Ausdruck kommt, genau so für jede auch nicht warenproduzierende Gesellschaft zu. Wenn es z.B. zur Herstellung des berühmten Mörissees nebst dazu gehörigen Nilkanälen im alten Ägypten, jenem Wundersee, von dem uns Herodot erzählt, daß er »von Händen gemacht« war, sagen wir, einst einer zehnjährigen Arbeit von 1.000 Fellahs bedurft hatte, und wenn zur Instandhaltung dieser großartigsten Wasseranlage der Welt jedes Jahr die volle Arbeitskraft von weiteren 100 Fellahs erforderlich war (die Zahlen sind, versteht sich, willkürlich), so kann man sagen, daß das Mörisstaubecken mit Kanälen nach hundert Jahren allemal neureproduziert wurde, ohne daß in Wirklichkeit jedes Jahrhundert die Anlage in ihrer Gesamtheit auf einmal hergestellt worden wäre. Dies ist so wahr, daß, als mit den stürmischen Wechselfällen der politischen Geschichte und den fremden Eroberungen die übliche rohe Vernachlässigung der alten Kulturwerke eintrat, wie sie z.B. auch von den Engländern in Indien an den Tag gelegt wurde, als für die Reproduktionsbedürfnisse der altertümlichen Kultur das Verständnis geschwunden war, da verschwand mit der Zeit der ganze Mörissee, mit Wasser, Dämmen und Kanälen, mit den beiden Pyramiden in seiner Mitte, dem Koloß darauf und anderen Wunderdingen, so spurlos, wie wenn er nie errichtet worden wäre. Nur zehn Zeilen im Herodot, ein Fleck auf der Weltkarte des Ptolemäus sowie Spuren alter Kulturen und großer Dörfer und Städte zeugen, daß einst reiches Leben aus der grandiosen Wasseranlage quoll, wo sich heute öde Sandwüsten im inneren Libyen und öde Sümpfe entlang der Seeküste erstrecken.

In einem Falle könnte uns nur das Marxsche Schema der einfachen Reproduktion vom Standpunkte des fixen Kapitals ungenügend oder lückenhaft erscheinen. Wenn wir uns nämlich in die Produktionsperiode zurückversetzen, wo das gesamte fixe Kapital erst geschaffen wurde. In der Tat, die Gesellschaft besitzt an geleisteter Arbeit mehr als den Teil des fixen Kapitals, der jeweilig in den Wert des Jahresprodukts eingeht und von ihm wieder ersetzt wird. In den Zahlen unseres Beispiels: das gesellschaftliche Gesamtkapital beträgt nicht 6.000c + 1.500v wie im Schema, sondern 19.500c + 1.500v. Jährlich wird zwar von dem fixen Kapital, das nach unserer Annahme 15.000c beträgt, 1.500 in Gestalt von entsprechenden Produktionsmitteln reproduziert. Aber so viel wird auch jährlich in derselben Produktion verzehrt. Nach zehn Jahren wird zwar das ganze fixe Kapital als Gebrauchsgestalt, als eine Summe von Gegenständen total erneuert. Aber nach zehn Jahren wie in jedem Jahre besitzt die Gesellschaft 15.000c an fixem Kapital, während sie nur 1.500c jährlich leistet, oder an konstantem Kapital besitzt sie im ganzen 19.500, während sie nur 6.000c schafft, Offenbar muß sie diesen Überschuß an 13.500 fixes Kapital durch ihre Arbeit geschaffen haben; sie besitzt an aufgespeicherter vergangener Arbeit mehr, als es aus unserem Reproduktionsschema hervorgeht. Jeder gesellschaftliche jährliche Arbeitstag stützt sich schon hier, als auf gegebene Basis, auf einige vorgeleistete, aufgespeicherte jährliche Arbeitstage. Doch mit dieser Frage nach der vergangenen Arbeit, die die Grundlage aller jetzigen Arbeit ist, versetzen wir uns an den »Anfang aller Anfänge«, der in der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschen ebensowenig gilt wie in der natürlichen Entwicklung des Stoffes. Das Reproduktionsschema will und soll nicht den Anfangsmoment, den gesellschaftlichen Prozeß in statu nascendi darstellen, sondern es packt ihn mitten im Fluß, als ein Glied in »des Daseins unendlicher Kette«. Die vergangene Arbeit ist stets die Voraussetzung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, mögen wir ihn so weit zurückverfolgen, wie wir wollen. Wie die gesellschaftliche Arbeit kein Ende, so hat sie auch keinen Anfang. Die Anfänge der Grundlagen des Reproduktionsprozesses verlieren sich in jener sagenhaften Dämmerung der Kulturgeschichte, in der sich auch die Entstehungsgeschichte des Mörissees des Herodot verliert. Mit dem technischen Fortschritt und der Kulturentwicklung ändert sich die Gestalt der Produktionsmittel, plumpe Paläolyten werden durch geschliffene Werkzeuge ersetzt, Steinwerkzeuge durch elegante Bronze- und Eisengeräte, Handwerkzeug durch Dampfmaschine. Aber bei all dem Wechsel in der Gestalt der Produktionsmittel und den gesellschaftlichen Formen des Produktionsprozesses besitzt die Gesellschaft als Grundlage ihres Arbeitsprozesses stets eine gewisse Menge vergegenständlichter vergangener Arbeit, die ihr als Basis für die jährliche Reproduktion dient.

Bei der kapitalistischen Produktionsweise erhält die in den Produktionsmitteln aufgespeicherte vergangene Arbeit der Gesellschaft die Gestalt von Kapital, und die Frage nach der Herkunft der vergangenen Arbeit, welche die Grundlage des Reproduktionsprozesses bildet, verwandelt sich in die Frage nach der Genesis des Kapitals. Diese ist freilich viel weniger sagenhaft, vielmehr mit blutigen Lettern in die neuzeitliche Geschichte eingetragen als das Kapitel von der sogenannten ursprünglichen Akkumulation. Die Tatsache selbst aber, daß wir uns die einfache Reproduktion nicht anders als unter Voraussetzung vergangener aufgespeicherter Arbeit denken können, die an Umfang die jährlich zur Erhaltung der Gesellschaft geleistete Arbeit übertrifft, berührt die wunde Stelle der einfachen Reproduktion und beweist, daß sie nicht bloß für die kapitalistische Produktion, sondern für den Kulturfortschritt im allgemeinen bloß eine Fiktion ist. Um uns nur diese Fiktion selbst exakt – im Schema – vorzustellen, müssen wir als ihre Voraussetzung die Ergebnisse eines vergangenen Produktionsprozesses annehmen, der selbst unmöglich auf die einfache Reproduktion beschränkt, vielmehr bereits auf die erweiterte Reproduktion gerichtet war. Zur Erläuterung dieser Tatsache an einem Beispiel können wir das gesamte fixe Kapital der Gesellschaft mit einer Eisenbahn vergleichen. Die Dauerhaftigkeit und also auch der jährliche Verschleiß verschiedener Teile der Eisenbahn sind sehr verschieden. Solche Teile wie Viadukte, Tunnels können Jahrhunderte dauern, Lokomotiven Jahrzehnte, sonstiges rollendes Material wird sich in ganz kurzen Fristen, zum Teil in wenigen Monaten abnutzen. Es ergibt sich aber dabei ein gewisser durchschnittlicher Verschleiß, der, sagen wir, 30 Jahre ausmachen, also jährlich auf den Wertverlust von 1/30 des Ganzen hinauslaufen wird. Dieser Wertverlust wird nun fortlaufend wieder ersetzt durch teilweise Reproduktion der Eisenbahn (die als Reparaturen figurieren mag), indem heute ein Wagen, morgen ein Lokomotiventeil, übermorgen eine Strecke Gleise erneuert wird. Auf diese Weise wird nach Verlauf von 30 Jahren (bei unserer Annahme) die alte Eisenbahn durch eine neue ersetzt, wobei jahrein jahraus dieselbe Arbeitsmenge von der Gesellschaft geleistet wird, also einfache Reproduktion stattfindet. Aber so kann die Eisenbahn bloß reproduziert, so kann sie nicht produziert werden. Um sie in Gebrauch nehmen und ihren allmählichen Verschleiß durch den Gebrauch allmählich ersetzen zu können, muß die Eisenbahn erst einmal ganz fertiggestellt werden. Man kann die Eisenbahn stückweise reparieren, man kann sie aber nicht stückweise – heute eine Achse, morgen einen Wagen – gebrauchsfähig machen. Denn dies charakterisiert gerade das fixe Kapital, daß es sachlich, als Gebrauchswert, jederzeit in seiner Totalität in den Arbeitsprozeß eingeht. Um seine Gebrauchsgestalt also einmal erst fertigzustellen, muß die Gesellschaft auf einmal eine größere Arbeitsmenge auf seine Herstellung konzentrieren. Sie muß – um in den Zahlen unseres Beispiels zu sprechen – zur Herstellung der Eisenbahn ihre dreißigjährige, auf die Reparaturen verwendete Arbeitsmenge, sagen wir, auf zwei oder drei Jahre konzentrieren. In dieser Herstellungsperiode muß sie demnach eine über den Durchschnitt hinausgehende Arbeitsmenge leisten, also zur erweiterten Reproduktion greifen, worauf sie – nach Fertigstellung der Eisenbahn – zur einfachen Reproduktion zurückkehren mag. Freilich darf man sich dabei das jeweilige gesamte fixe Kapital der Gesellschaft nicht als einen zusammenhängenden Gebrauchsgegenstand oder Komplex von Gegenständen vorstellen, der immer auf einmal geschaffen werden müsse. Aber alle wichtigeren Arbeitsinstrumente, Gebäude, Verkehrsmittel, landwirtschaftliche Konstruktionen bedürfen zu ihrer Herstellung einer größeren konzentrierten Arbeitsausgabe, was so gut auf die moderne Eisenbahn und das Luftschiff, wie auf das ungeschliffene Steinbeil und die Handmühle zutrifft. Daraus folgt, daß die einfache Reproduktion an sich nur in periodischer Abwechslung mit erweiterter Reproduktion gedacht werden kann, was nicht bloß durch den Kulturfortschritt und das Wachstum der Bevölkerung im allgemeinen, sondern durch die ökonomische Form des fixen Kapitals oder der Produktionsmittel bedingt ist, die in jeder Gesellschaft dem fixen Kapital entsprechen.

Marx befaßt sich mit diesem Widerspruch zwischen der Form des fixen Kapitals und der einfachen Reproduktion nicht direkt. Was er hervorhebt, ist nur die Notwendigkeit einer ständigen »Überproduktion«, also erweiterten Reproduktion im Zusammenhang mit der unregelmäßigen Verschleißquote des fixen Kapitals, die in einem Jahre größer, in einem anderen geringer ist, was periodisch ein Defizit in der Reproduktion zur Folge haben müßte, falls einfache Reproduktion streng eingehalten wäre. Er faßt hier also die erweiterte Reproduktion unter dem Gesichtspunkt des Assekuranzfonds der Gesellschaft für das fixe Kapital ins Auge, nicht vom Standpunkte seiner Herstellung selbst.5

In einem ganz anderen Zusammenhang bestätigt Marx indirekt, wie es uns scheint, vollkommen die oben ausgesprochene Auffassung. Bei der Analyse der Verwandlung von Revenue in Kapital im Band H, Teil 2 der Theorien über den Mehrwert bespricht er die eigentümliche Reproduktion des fixen Kapitals, dessen Ersatz an sich schon einen Akkumulationsfonds liefere, und zieht die folgenden Schlüsse:

»Aber worauf wir hier kommen wollen, ist folgendes. Wäre das in dem Maschinenbau angewandte Gesamtkapital auch nur groß genug, um den jährlichen Verschleiß der Maschinerie zu ersetzen, so würde es viel mehr Maschinen produzieren als jährlich bedurft werden, da der Verschleiß zum Teil idealiter existiert und realiter erst nach einer gewissen Reihe von Jahren in natura zu ersetzen ist. Das so angewandte Kapital liefert jährlich eine Masse Maschinerie, die für neue Kapitalanlagen vorhanden ist und diese neuen Kapitalanlagen antizipiert. Zum Beispiel: während dieses Jahres beginnt der Maschinenbauer seine Fabrikation. Er liefere für 12.000 Pfund Sterling Maschinerie während des Jahres. So hätte er während jedes der elf folgenden Jahre bei bloßer Reproduktion der von ihm produzierten Maschinerie nur für 1.000 Pfund Sterling zu produzieren, und selbst diese jährliche Produktion würde nicht jährlich konsumiert. Noch weniger, wenn er sein ganzes Kapital anwendet. Damit dieses im Gange bleibe und sich bloß fortwährend jährlich reproduziere, ist neue fortwährende Erweiterung der Fabrikation, die diese Maschinen braucht, nötig. Noch mehr, wenn er selbst akkumuliert. Hier ist also, selbst wenn in dieser Produktionssphäre das in ihr investierte Kapital nur reproduziert wird, beständige Akkumulation in den übrigen Produktionssphären nötig«.6

Den Maschinenbauer des Marxschen Beispiels können wir uns als die Produktionssphäre des fixen Kapitals der Gesamtgesellschaft denken. Dann folgt daraus, daß bei Einhaltung der einfachen Reproduktion in dieser Sphäre, d.h. wenn die Gesellschaft jährlich dasselbe Quantum Arbeit auf die Herstellung des fixen Kapitals verwendet (was ja praktisch ausgeschlossen), sie in den übrigen Produktionssphären jedes Jahr eine Erweiterung der Produktion vornehmen muß. Hält sie aber hier nur die einfache Reproduktion ein, dann muß sie zur bloßen Erneuerung des einmal geschaffenen fixen Kapitals nur einen geringen Teil der zu seiner Schaffung angewandten Arbeit verausgaben. Oder – um die Sache umgekehrt zu formulieren – die Gesellschaft muß von Zeit zu Zeit, um sich große Anlagen fixen Kapitals zu schaffen, auch unter Voraussetzung der einfachen Reproduktion im ganzen, periodisch erweiterte Reproduktion anwenden.

Mit dem Kulturfortschritt wechselt nicht bloß die Gestalt, sondern auch der Wertumfang der Produktionsmittel – richtiger: die in ihnen aufgespeicherte gesellschaftliche Arbeit. Die Gesellschaft erübrigt, außer der zu ihrer unmittelbaren Erhaltung notwendigen Arbeit, immer mehr Arbeitszeit und Arbeitskräfte, die sie zur Herstellung von Produktionsmitteln in immer größerem Umfang verwendet. Wie kommt dies nun im Reproduktionsprozeß zum Ausdruck? Wie schafft die Gesellschaft – kapitalistisch gesprochen – aus ihrer jährlichen Arbeit mehr Kapital, als sie ehedem besaß? Diese Frage greift in die erweiterte Reproduktion hinüber, mit der wir uns hier noch nicht zu befassen haben.

1 Wir sprechen hier, wie im folgenden, der Einfachheit halber und im Sinne des gewohnten Sprachgebrauchs, immer von jährlicher Produktion, was meist nur für die Landwirtschaft zutrifft. Die industrielle Produktionsperiode und der Kapitalumschlag brauchen sich mit dem Jahreswechsel gar nicht zu decken.

2 Die Arbeitsteilung zwischen geistiger und materieller Arbeit braucht in einer planmäßig geregelten, auf Gemeineigentum der Produktionsmittel basierten Gesellschaft nicht an besondere Kategorien der Bevölkerung geknüpft zu sein. Sie wird sich aber jederzeit in dem Vorhandensein einer gewissen Anzahl geistig Tätiger äußern, die materiell erhalten werden müssen, wobei die Individuen diese verschiedenen Funktionen abwechselnd ausüben mögen.

3 »Wenn man von gesellschaftlicher Betrachtungsweise spricht, also das gesellschaftliche Gesamtprodukt betrachtet, welches sowohl die Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals wie die individuelle Konsumtion einschließt, so muß man nicht in die von Proudhon der bürgerlichen Ökonomie nachgemachte Manier verfallen und die Sache so betrachten, als wenn eine Gesellschaft kapitalistischer Produktionsweise, en bloc, als Totalität betrachtet, diesen ihren spezifischen, historisch ökonomischen Charakter verlöre. Umgekehrt. Man hat es dann mit dem Gesamtkapitalisten zu tun. Das Gesamtkapital erscheint als das Aktienkapital aller einzelnen Kapitalisten zusammen. Diese Aktiengesellschaft hat das mit vielen anderen Aktiengesellschaften gemein, daß jeder weiß, was er hineinsetzt, aber nicht, was er herauszieht.« (Das Kapital, Bd. II, S. 409.)

4 Das Kapital, Bd. II, S. 371.

5 Das Kapital, Bd. II, S. 443–445. Vergl. auch über die Notwendigkeit der erweiterten Reproduktion vom Standpunkte des Assekuranzfonds im allgemeinen, l.c., S. 148.

6 Theorien, l.c., S. 248. Unterstrichen bei Marx.

Fünftes Kapitel.

Die Geldzirkulation.

Bis jetzt haben wir bei der Betrachtung des Reproduktionsprozesses von der Geldzirkulation ganz abgesehen. Nicht vom Geld als Wertdarstellung und Wertmesser; alle Verhältnisse der gesellschaftlichen Arbeit wurden vielmehr als in Geld ausgedrückt angenommen und gemessen. Nun ist es auch notwendig, das gegebene Schema der einfachen Reproduktion vom Standpunkte des Geldes als Austauschmittel zu prüfen.

Wie schon der alte Quesnay annahm, muß zum Verständnis des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses im Besitz der Gesellschaft außer gewissen Produktions- und Konsumtionsmitteln noch eine gewisse Geldsumme vorausgesetzt werden.1 Es fragt sich zweierlei: in wessen Händen und wie groß die Summe sein muß. Das erste, was außer Zweifel ist, ist die Tatsache, daß die Lohnarbeiter ihren Lohn in Geld erhalten, um sich Lebensmittel dafür zu kaufen. Gesellschaftlich läuft das im Reproduktionsprozeß darauf hinaus, daß die Arbeiter bloße Anweisung auf einen bestimmten Lebensmittelfonds bekommen, der ihnen zugewiesen wird, wie in jeder Gesellschaft, gleichgültig welcher geschichtlichen Produktionsform. Der Umstand aber, daß die Arbeitenden hier ihre Lebensmittel nicht direkt, sondern durch Warenaustausch kriegen, ist ebenso wesentlich für die kapitalistische Produktionsform, wie daß sie ihre Arbeitskraft nicht direkt auf Grund eines persönlichen Herrschaftsverhältnisses, sondern durch Warenaustausch, nämlich Verkauf der Arbeitskraft, den Besitzern der Produktionsmittel zur Verfügung stellen. Der Verkauf der Arbeitskraft und der freie Kauf der Lebensmittel durch die Arbeiter sind das entscheidende Moment der Kapitalproduktion. Beides drückt sich aus und wird vermittelt durch die Geldform des variablen Kapitals v.

Vor allem kommt also Geld in Zirkulation durch die Auszahlung der Löhne. Die Kapitalisten beider Abteilungen, alle Kapitalisten müssen also vor allem Geld in den Verkehr werfen, jeder im Betrage der von ihm gezahlten Löhne. Kapitalisten I müssen im Besitze von 1.000, Kapitalisten II von 500 in Geld sein, die sie ihren Arbeitern auszahlen. In unserem Schema kommen auf diese Weise zwei Geldbeträge in Zirkulation: I 1.000v und II 500v. Beide werden durch die Arbeiter angelegt in Lebensmitteln, d.h. in Produkten der Abteilung II. Dadurch wird die Arbeitskraft erhalten, d.h. das variable Kapital der Gesellschaft in seiner Naturalform reproduziert – als die Grundlage der übrigen Kapitalreproduktion. Ferner werden zugleich auf diese Weise die Kapitalisten II von ihrem Gesamtprodukt 1.500 los, und zwar 500 an die eigenen Arbeiter, 1.000 an die der anderen Abteilung, Die Kapitalisten II sind durch diesen Austausch in den Besitz von 1.500 Geld gekommen: 500 sind zu ihnen zurückgekehrt als eigenes variables Kapital, das von neuem wird als solches zirkulieren können, also vorläufig seine Bewegung abgeschlossen hat. 1.000 sind aber neu erworben aus der Realisierung eines Drittels des eigenen Produkts. Mit diesen 1.000 in Geld kaufen die Kapitalisten II von den Kapitalisten I Produktionsmittel zur Erneuerung des verbrauchten eigenen konstanten Kapitals. Durch diesen Kauf hat die Abteilung II die Hälfte des benötigten konstanten Kapitals (II c) in Naturalform erneuert, dafür ist die Geldsumme 1.000 zu den Kapitalisten I gewandert. Für diese ist es nur ihre eigene Geldsumme, die sie als Löhne an ihre Arbeiter ausgezahlt hatten und die jetzt nach zwei Austauschakten zu ihnen zurückkehrt, um später wieder als variables Kapital fungieren zu können, womit vorläufig die Bewegung dieser Geldsumme erschöpft ist. Die gesellschaftliche Zirkulation ist jedoch noch nicht zu Ende. Noch haben die Kapitalisten I ihr Mehrwertprodukt, das für sie in der ungenießbaren Gestalt von Produktionsmitteln steckt, nicht realisiert, um Lebensmittel für sich zu kaufen, und noch haben die Kapitalisten II die andere Hälfte ihres konstanten Kapitals nicht erneuert. Diese zwei Austauschakte decken sich in Wertgröße wie materiell, denn die Kapitalisten I kriegen die Lebensmittel von der Abteilung II zur Realisierung des eigenen Mehrwerts I 1.000m, indem sie ihrerseits den Kapitalisten II dafür die diesen fehlenden Produktionsmittel II 1.000c liefern. Indes zur Vermittlung dieses Austausches bedarf es einer neuen Geldsumme. Wir könnten zwar die früher in Bewegung gesetzten Geldsummen noch einigemal in Zirkulation werfen lassen, wogegen theoretisch nichts einzuwenden wäre. Praktisch jedoch kommt dies nicht in Betracht, denn die Konsumtionsbedürfnisse der Kapitalisten müssen ebenso ununterbrochen befriedigt werden, wie die der Arbeiter, beide laufen also parallel mit dem Produktionsprozeß und müssen durch besondere Geldsummen vermittelt werden. Es folgt daraus, daß die Kapitalisten beider Abteilungen, alle Kapitalisten, außer einem Geldbetrag für das variable Kapital auch noch Vorratsgeld zur Realisierung des eigenen Mehrwerts in Konsumgegenständen in der Hand haben müssen. Andererseits läuft parallel mit der Produktion – also vor der Realisierung des Gesamtprodukts – der fortlaufende Ankauf gewisser Teile des konstanten Kapitals, nämlich dessen zirkulierender Teil (Roh- und Hilfsstoffe, Beleuchtungsmittel usw.). Daraus ergibt sich, daß nicht bloß die Kapitalisten I zur Deckung ihrer eigenen Konsumtion, sondern auch die Kapitalisten II zur Deckung ihres Bedarfs an konstantem Kapital gewisse Geldbeträge in der Hand haben müssen. Der Austausch von I 1.000m in Produktionsmitteln gegen II 1.000c in Lebensmitteln wird also durch Geld vermittelt, das zum Teil von den Kapitalisten I für ihre Konsumbedürfnisse, zum Teil von den Kapitalisten II für ihren Produktionsbedarf vorgestreckt wird.2 Von der zu diesem Austausch notwendigen Geldsumme 1.000 mag jede Kapitalistenabteilung je 500 vorstrecken oder sich in anderer Proportion darin teilen; jedenfalls steht zweierlei fest: 1. ihre gemeinsame vorrätige Geldsumme muß ausreichen, den Austausch zwischen I 1.000m und II 1.000c zu vermitteln; 2. wie die Geldsumme auch verteilt war, nach dem vollzogenen gesellschaftlichen Gesamtaustausch befindet sich jede Kapitalistengruppe wieder im Besitz der gleichen Geldsumme, die sie in die Zirkulation geworfen hatte. Letzteres gilt ganz allgemein von der gesellschaftlichen Gesamtzirkulation: nachdem die Zirkulation vollzogen, kehrt das Geld immer zu seinem Ausgangspunkt zurück, so daß nach allseitigem Austausch alle Kapitalisten zweierlei erreicht haben: erstens haben sie ihre Produkte, deren Naturalform ihnen gleichgültig war, gegen solche umgetauscht, deren Naturalform sie, sei es als Produktionsmittel, sei es als eigene Konsummittel, brauchen, und zweitens ist das Geld, das sie selbst zur Vermittlung dieser Austauschakte in den Verkehr geworfen haben, wieder in ihrer Hand.

Vom Standpunkte der einfachen Warenzirkulation ist dies ein unbegreifliches Phänomen. Hier wechseln vielmehr Ware und Geld beständig ihren Platz, der Besitz der Ware schließt den Besitz des Geldes aus, das Geld nimmt ständig den von der Ware geräumten Platz ein und umgekehrt. Das stimmt auch vollkommen für jeden individuellen Akt des Warenaustausches, unter dessen Form die gesellschaftliche Zirkulation vor sich geht. Sie selbst ist aber mehr als Warenaustausch, nämlich Kapitalzirkulation. Für diese ist aber gerade charakteristisch und wesentlich, daß sie das Kapital nicht bloß als Wertgröße mit Zuwachs, nämlich Mehrwert, in die Hände der Kapitalisten zurückführt, sondern daß sie auch die gesellschaftliche Reproduktion vermittelt, also die Naturalform des produktiven Kapitals (Produktionsmittel und Arbeitskraft) und die Erhaltung der Nichtarbeitenden sichert. Da der ganze gesellschaftliche Prozeß der Zirkulation von den Kapitalisten ausgeht, die sowohl im Besitze der Produktionsmittel wie des zur Vermittlung der Zirkulation nötigen Geldes sind, so muß nach jedem Kreislauf des gesellschaftlichen Kapitals alles wieder in ihre Hände und zwar bei jeder Gruppe und jedem Einzelkapitalisten nach Maßgabe ihrer Einlagen sich zurückfinden. In den Händen der Arbeiter befindet sich das Geld nur vorübergehend, um den Austausch des variablen Kapitals zwischen seiner Geldform und seiner Naturalform zu vermitteln, in den Händen der Kapitalisten ist es die Erscheinungsform eines Teils ihres Kapitals, muß also immer wieder zu ihnen zurückkehren. – Bis jetzt haben wir die Zirkulation nur betrachtet, sofern sie zwischen den beiden großen Abteilungen der Produktion stattfindet. Außerdem sind aber noch übrig geblieben: vom Produkt der ersten Abteilung 4.000 in Gestalt von Produktionsmitteln, die in der Abteilung I verbleiben, um ihr eigenes, konstantes Kapital 4.000c zu erneuern, ferner in der zweiten Abteilung 500 in Lebensmitteln, die gleichfalls in derselben Abteilung verbleiben, nämlich als Konsummittel der eigenen Kapitalistenklasse, im Betrage ihres Mehrwertes II 500m. Da die Produktion in beiden Abteilungen kapitalistisch, d.h. ungeregelte Privatproduktion ist, so kann die Verteilung des eigenen Produkts jeder Abteilung unter ihre Einzelkapitalisten – als Produktionsmittel der Abteilung I oder als Konsummittel der Abteilung II – nicht anders vor sich gehen, als auf dem Wege des Warenaustausches, also einer großen Anzahl einzelner Kauf- und Verkaufsakte unter Kapitalisten derselben Abteilung. Zu diesem Austausch, also sowohl zur Erneuerung der Produktionsmittel in I 4.000c wie zur Erneuerung der Konsummittel der Kapitalistenklasse in II 500m, bedarf es gleichfalls gewisser Geldbeträge in den Händen der Kapitalisten beider Abteilungen. Dieser Teil der Zirkulation bietet an sich kein besonderes Interesse, denn er trägt den Charakter einfacher Warenzirkulation, da hier Käufer wie Verkäufer zu einer und derselben Kategorie von Agenten der Produktion gehören, und sie bewirkt bloß den Stellenwechsel von Geld und Ware innerhalb derselben Klasse und Abteilung. Gleichwohl muß das Geld, das zu dieser Zirkulation erforderlich ist, im voraus in den Händen der Kapitalistenklasse sein und ist ein Teil ihres Kapitals.

Bis jetzt bot die Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals auch unter Berücksichtigung der Geldzirkulation an sich nichts Merkwürdiges. Daß zu dieser Zirkulation im Besitze der Gesellschaft eine gewisse Geldsumme notwendig ist, muß aus zwei Gründen von vornherein als selbstverständlich erscheinen: erstens ist die allgemeine Form der kapitalistischen Produktionsweise die Warenproduktion, womit auch Geldzirkulation gegeben ist, zweitens beruht die Kapitalzirkulation auf beständiger Verwandlung der drei Formen des Kapitals: Geldkapital, produktives Kapital, Warenkapital. Um diese Verwandlungen zu ermöglichen, muß auch Geld vorhanden sein, das die Rolle des Geldkapitals spielen kann. Und endlich, da dieses Geld eben als Kapital fungiert – in unserem Schema haben wir ausschließlich mit kapitalistischer Produktion zu tun –, so ist damit gegeben, daß dieses Geld sich wie Kapital in jeder Gestalt, im Besitz der Kapitalistenklasse befinden muß, von ihr in Zirkulation geworfen wird, um zu ihr aus der Zirkulation zurückzukehren.

Nur ein Detail kann auf den ersten Blick frappieren. Wenn das ganze Geld, das in der Gesellschaft zirkuliert, von den Kapitalisten hineingeworfen wird, so folgt daraus, daß die Kapitalisten auch zur Realisierung ihres eigenen Mehrwerts das Geld selbst vorschießen müssen. Die Sache sieht so aus, als wenn sich die Kapitalisten als Klasse ihren eigenen Mehrwert mit eigenem Geld bezahlen müßten, und da das entsprechende Geld auch noch vor der jeweiligen Realisierung des Produkts jeder Produktionsperiode, bereits von früher her, im Besitze der Kapitalistenklasse sein muß, so kann es auf den ersten Blick scheinen, daß die Mehrwertaneignung nicht, wie tatsächlich, auf unbezahlter Arbeit der Lohnarbeiter beruht, sondern ein Resultat des bloßen Warenaustausches ist, zu dem die Kapitalistenklasse selbst das Geld im gleichen Betrage liefert. Eine kurze Überlegung verscheucht den falschen Schein. Nach dem allgemeinen Ablauf der Zirkulation befindet sich die Kapitalistenklasse nach wie vor im Besitz ihres Geldbetrages, der zu ihr zurückkehrt oder in ihren Händen bleibt, während sie außerdem Lebensmittel in gleichem Betrage erworben und verzehrt hat, – wir bleiben wohlgemerkt immer bei der Hauptvoraussetzung des Reproduktionsschemas: einfache Reproduktion, d.h. Erneuerung der Produktion im alten Umfang und Verwendung des ganzen produzierten Mehrwerts zu persönlichen Konsumtionszwecken der Kapitalistenklasse.

Der falsche Schein verschwindet übrigens ganz, wenn wir nicht bei einer Reproduktionsperiode stehen bleiben, sondern mehrere Perioden in ihrer Aufeinanderfolge und gegenseitigen Verschlingung betrachten. Das, was die Kapitalisten heute als Geld zur Realisierung ihres eigenen Mehrwertes in die Zirkulation werfen, ist nämlich nichts anderes, als die Geldgestalt ihres Mehrwertes aus der vergangenen Produktionsperiode. Wenn der Kapitalist zum Ankauf seiner Lebensmittel Geld aus der eigenen Tasche vorschießen muß, während sein neuproduzierter Mehrwert in ungenießbarer Naturalform oder dessen genießbare Naturalform in fremden Händen sich befindet, so kam andererseits das Geld, das er jetzt sich selbst vorschießt, in seine Tasche als Resultat der Realisierung seines Mehrwertes aus der vorigen Periode. Und dieses Geld wird zu ihm wieder zurückkehren, wenn er seinen neuen in Warenform steckenden Mehrwert realisiert hat. Im Laufe mehrerer Perioden ergibt sich also, daß die Kapitalistenklasse regelmäßig aus der Zirkulation außer allen Naturalformen ihres Kapitals auch noch ihre eigenen Konsummittel herausfischt, wobei aber ihr ursprünglicher Geldbetrag ständig in ihrem Besitz unverändert bleibt.

Für den Einzelkapitalisten ergibt sich aus der Betrachtung der Geldzirkulation, daß er nie sein Geldkapital zum vollen Betrag in Produktionsmittel verwandeln kann, vielmehr stets einen gewissen Kapitalteil in Geldform zu Zwecken des variablen Kapitals, für Löhne, übrig lassen und ferner Kapitalreserven für fortlaufenden Ankauf von Produktionsmitteln im Verlaufe der Produktionsperiode zurücklegen muß. Außer diesen Kapitalreserven muß er aber Geldvorrat für Zwecke der persönlichen Konsumtion besitzen.

Für den Reproduktionsprozeß des gesellschaftlichen Gesamtkapitals ergibt sich daraus die Notwendigkeit der Produktion und Reproduktion des Geldmaterials. Da diese in unserer Annahme gleichfalls als kapitalistische gedacht werden muß – nach dem besprochenen Marxschen Schema kennen wir keine andere als kapitalistische Produktion – so muß das Schema eigentlich als unvollständig erscheinen. Den beiden großen Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion: der Produktion von Produktionsmitteln und der Produktion von Konsumtionsmitteln müßte als dritte Abteilung beigeordnet werden die Produktion von Austauschmitteln, für die es gerade charakteristisch ist, daß sie weder zur Produktion noch zur Konsumtion dienen, sondern die gesellschaftliche Arbeit in unterschiedsloser gebrauchsunfähiger Ware darstellen. Zwar sind Geld und Geldproduktion, wie auch der Austausch und die Warenproduktion viel älter als die kapitalistische Produktionsweise. Bei letzterer aber ist die Geldzirkulation erst zur allgemeinen Form der gesellschaftlichen Zirkulation und dadurch zum wesentlichen Element des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses geworden. Die Darstellung der Geldproduktion und -reproduktion in ihrer organischen Verschlingung mit den beiden anderen Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion, würde erst das erschöpfende Schema des kapitalistischen Gesamtprozesses in seinen wesentlichen Punkten liefern.

Hier weichen wir allerdings von Marx ab. Marx reiht die Goldproduktion (der Einfachheit halber wird die gesamte Geldproduktion auf die Herstellung des Goldes reduziert) der ersten Abteilung der gesellschaftlichen Produktion ein. »Die Produktion von Gold gehört, wie die Metallproduktion überhaupt, zur Klasse I, der Kategorie, die die Produktion von Produktionsmitteln umfaßt«.3 Das stimmt nur so weit, als es sich eben um Goldproduktion im Sinne der Metallproduktion, d.h. Metall zu gewerblichen Zwecken (Schmucksachen, Zahnplomben usw.) handelt. Als Geld ist Gold nicht Metall, sondern Verkörperung der abstrakten gesellschaftlichen Arbeit und als solche so wenig Produktionsmittel, wie Konsumtions-mittel. Übrigens zeigt ein Blick auf das Reproduktionsschema selbst, zu welchen Unzuträglichkeiten die Verwechselung der Austauschmittel mit Produktionsmitteln führen müßte. Stellen wir neben die beiden Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion die schematische Darstellung der jährlichen Goldproduktion (im Sinne des Geldmaterials), so bekommen wir die folgenden drei Reihen:

  1. 4.000c + 1.000v + 1.000m = 6.000 Produktionsmittel,
  2. 2.000c + 500v + 500m = 3.000 Konsummittel,

III. 20c + 5v + 5m = 30 Geldmittel.

Die (von Marx als Beispiel gewählte) Wertgröße 30 entspricht offenbar nicht dem jährlich in der Gesellschaft umlaufenden Geldquantum, sondern lediglich dem jährlich reproduzierten Teil dieses Geldquantums, also dem jährlichen Verschleiß des Geldmaterials, der bei gleichbleibendem Umfang der gesellschaftlichen Reproduktion und gleichbleibender Dauer des Kapitalumschlags sowie gleichbleibender Raschheit der Warenzirkulation im Durchschnitt derselbe bleibt. Betrachten wir die dritte Reihe, wie Marx will, als integrierenden Teil der ersten, so ergibt sich die folgende Schwierigkeit. Das konstante Kapital der dritten Abteilung 20c besteht aus wirklichen konkreten Produktionsmitteln, wie in den beiden anderen (Baulichkeiten, Werkzeuge, Hilfsstoffe, Gefäße usw.), das Produkt jedoch dieser Abteilung, 30g, das Geld darstellt, kann in keinerlei Produktionsprozeß in seiner Naturalgestalt als konstantes Kapital fungieren. Zählen wir also dieses Produkt 30g als integrierenden Teil des Produkts der ersten Abteilung 6.000p, dann bekommen wir ein gesellschaftliches Defizit an Produktionsmitteln zum gleichen Wertbetrag, das die Reproduktion im gleichen Umfang entweder in der Abteilung I oder in der Abteilung II unmöglich machen wird. Nach der bisherigen Annahme – die die Grundlage des ganzen Marxschen Schemas bildet – ist das Produkt jeder der beiden Abteilungen in seiner sachlichen Gebrauchsgestalt der Ausgangspunkt der Reproduktion im ganzen, die Proportionen des Schemas basieren auf dieser Annahme, ohne die sie sich in Chaos auflösen. So beruhte der erste grundlegende Wertzusammenhang auf der Gleichung: I 6.000p = I 4.000c + II 2.000c. Für das Produkt III 30g kann dies nicht stimmen, denn das Gold kann nicht (etwa in der Proportion I 20c + II 10c) von den beiden Abteilungen als Produktionsmittel verwendet werden. Der zweite vom ersten abgeleitete grundlegende Zusammenhang beruhte auf der Gleichung I 1.000v + I 1.000m = II 2.000c. Für die Goldproduktion würde das bedeuten, daß sie soviel Konsummittel der zweiten Abteilung entzieht, als sie ihr Produktionsmittel liefert. Das stimmt jedoch genau so wenig. Die Goldproduktion entzieht zwar dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt sowohl konkrete Produktionsmittel, die sie als konstantes Kapital verwendet, wie auch konkrete Konsummittel für ihre Arbeiter und Kapitalisten, zum Betrage ihres variablen Kapitals und Mehrwerts. Allein ihr eigenes Produkt kann so wenig in irgendeiner Produktion als Produktionsmittel fungieren, wie es als Lebensmittel in die menschliche Konsumtion eingehen kann. Die Einreihung der Geldproduktion in die Abteilung I würde also alle sachlichen und Wertproportionen des Marxschen Schemas verletzen und ihm seine Geltung nehmen.

Der Versuch Marxens, die Goldproduktion als Teil der Abteilung I (Produktionsmittel) unterzubringen, führt ihn auch zu bedenklichen Resultaten. Der erste Zirkulationsakt zwischen dieser neuen Unterabteilung, die Marx I g nennt, und der Abteilung II (Konsummittel) besteht, wie üblich, darin, daß die Arbeiter der Abteilung I g mit dem von den Kapitalisten an Löhnen erhaltenen Geldbetrag (5v) Konsummittel von der Abteilung II kaufen. Das hierbei gebrauchte Geld ist noch nicht Produkt der neuen Produktion, sondern Geldvorrat der Kapitalisten I g aus dem im Lande vordem befindlichen Geldquantum, was ja ganz in der Ordnung ist. Nun läßt aber Marx die Kapitalisten II mit dem erhaltenen 5 an Geld erstens von I g für 2 Gold »als Warenmaterial« kaufen, springt also aus der Geldproduktion in die gewerbliche Goldproduktion über, die so wenig mit dem Problem der Geldproduktion zu tun hat, wie die Produktion von Stiefelwichse. Da aber von den eingenommenen I g 5v immer noch 3 übrig bleiben, mit denen die Kapitalisten II nichts anzufangen wissen, da sie sie nicht als konstantes Kapital gebrauchen können, so läßt sie Marx diesen Geldbetrag – aufschatzen! Um aber dadurch kein Defizit im konstanten Kapital von II entstehen zu lassen, das ja ganz gegen Produktionsmittel I (v+m) auszutauschen ist, findet Marx folgenden Ausweg: »So muß dies Geld ganz aus II c übertragen werden in II m, ob dies nun in notwendigen Lebensrnitteln oder in Luxusmitteln existiere, und dagegen entsprechender Warenwert übertragen werden aus II m in II c. Resultat: Ein Teil des Mehrwertes wird als Geldschatz aufgespeichert«.4 Das Resultat ist seltsam genug. Indem wir die Reproduktion bloß des jährlichen Verschleißes des Geldmaterials berücksichtigt haben, ergab sich plötzlich Aufschatzung des Geldes, also ein Überschuß an Geldmaterial. Dieser Überschuß entsteht – man weiß nicht weshalb – auf Kosten der Kapitalisten der Lebensmittelabteilung, die sich kasteien sollen, nicht etwa um ihre eigene Mehrwertproduktion zu erweitern, sondern damit Lebensmittel genug da sind für die Arbeiter der Goldproduktion.

Für diese christliche Tugend werden aber die Kapitalisten der Abteilung II schlecht genug belohnt. Nicht bloß können sie, trotz »Abstinenz«, keine Erweiterung ihrer Produktion vornehmen, sondern sie sind nicht einmal in der Lage, ihre Produktion im früheren Umfang in Angriff zu nehmen. Denn mag der entsprechende »Warenwert« auch aus II m in II c übertragen werden, es kommt nicht bloß auf Wert, sondern auf sachliche konkrete Gestalt dieses Wertes an, und da jetzt ein Teil des Produkts von I in Geld besteht, das nicht als Produktionsmittel gebraucht werden kann, so kann II trotz Abstinenz sein konstantes Kapital sachlich nicht in vollem Umfang erneuern. Und so wäre die Voraussetzung des Schemas: einfache Reproduktion nach zwei Richtungen verletzt: Aufschatzung des Mehrwertes und Defizit des konstanten Kapitals. Diese von Marx erzielten Resultate beweisen selbst, daß die Goldproduktion unmöglich in einer der beiden Abteilungen seines Schemas untergebracht werden kann, ohne das Schema selbst umzuschmeißen. Dies schon auf Grund des ersten Austausches zwischen den Abteilungen I und II. Die Untersuchung über den Austausch von neuproduziertem Gold innerhalb des konstanten Kapitals der Abteilung I, die sich Marx vorgenommen hatte, fand sich im Manuskript nicht, wie Fr. Engels (Kap. II, S. 449, Fußnote 55) hervorhebt. Sie hätte die Unzuträglichkeiten noch gesteigert. Übrigens bestätigt Marx selbst unsere Auffassung und erschöpft die Frage mit zwei Worten, wenn er so knapp wie treffend sagt: »Geld an sich selbst ist kein Element der wirklichen Reproduktion.«5

Eine Darstellung der Geldproduktion als gesonderte dritte Abteilung der gesellschaftlichen Gesamtproduktion hat noch einen gewichtigen Grund. Das Marxsche Schema der einfachen Reproduktion hat Geltung als Grundlage und Ausgangspunkt des Reproduktionsprozesses nicht bloß für die kapitalistische, sondern – mutatis mutandis – auch für jede geregelte planmäßige Wirtschaftsordnung, z.B. für die sozialistische. Die Geldproduktion hingegen fällt mit der Warenform der Produkte, d.h. mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln, weg. Sie bildet die »falschen Kosten« der anarchischen Wirtschaftsweise des Kapitalismus, eine spezifische Last der privatwirtschaftlichen Gesellschaft, die in der jährlichen Ausgabe einer beträchtlichen Arbeitsmenge zur Herstellung von Produkten zum Ausdruck kommt, Produkte, die weder als Produktionsmittel noch als Konsummittel dienen. Diese spezifische Arbeitsausgabe der kapitalistisch produzierenden Gesellschaft, die in einer gesellschaftlich geregelten Wirtschaft in Wegfall kommt, findet am exaktesten Ausdruck als gesonderte Abteilung im allgemeinen Reproduktionsprozeß des Gesamtkapitals. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob wir uns ein Land vorstellen, das selbst Gold produziert, oder ein solches, das es aus dem Auslande bezieht. Im letzteren Falle vermittelt nur der Austausch dieselbe Ausgabe an gesellschaftlicher Arbeit, die direkt zur Produktion des Goldes notwendig war.

Man ersieht aus dem bisherigen, daß das Problem der Reproduktion des Gesamtkapitals nicht so roh ist, wie es oft vom reinen Krisenstandpunkt aufgefaßt wird, wobei die Frage etwa so gestellt wird: Wie ist es möglich, daß bei der planlosen Wirtschaft zahlloser Einzelkapitale die Gesamtbedürfnisse der Gesellschaft durch ihre Gesamtproduktion gedeckt werden? Worauf dann der Hinweis auf die ständigen Oszillationen der Produktion um die Nachfrage, d.h. auf den periodischen Konjunkturwechsel etwa die Antwort geben soll. Bei dieser Auffassung, die das gesellschaftliche Gesamtprodukt als einen unterschiedslosen Warenbrei und das gesellschaftliche Bedürfnis in entsprechend abstruser Weise behandelt, wird das Wichtigste: die differentia specifica der kapitalistischen Produktionsweise übersehen. Das kapitalistische Reproduktionsproblem birgt in sich, wie wir sahen, eine ganze Anzahl exakter Verhältnisse, die sich sowohl auf die spezifisch kapitalistischen Kategorien wie – mutatis mutandis – auf die allgemeinen Kategorien der menschlichen Arbeit beziehen und deren Vereinigung sowohl in ihrem Widerspruch wie in ihrer Übereinstimmung das eigentliche Problem darstellt. Das Marxsche Schema ist die wissenschaftliche Lösung des Problems.

Wir haben uns zu fragen, «reiche Bedeutung das analysierte Schema des Reproduktionsprozesses für die Wirklichkeit hat. Nach diesem Schema geht das gesellschaftliche Gesamtprodukt hübsch restlos in der Zirkulation auf, Konsumbedürfnisse sind (sämtlich befriedigt, die Reproduktion geht glatt vonstatten, die Geldzirkulation folgt der Warenzirkulation, der Kreislauf des gesellschaftlichen Kapitals schließt sich genau. Wie sieht die Sache im Leben aus? Für eine planmäßig geleitete Produktion gibt das Schema in seinen Verhältnissen eine genaue Grundlage der Einteilung der gesellschaftlichen Arbeit – immer vorausgesetzt einfache Reproduktion, d.h. gleichbleibenden Produktionsumfang. In der kapitalistischen Wirtschaft fehlt jede planmäßige Organisation des Gesamtprozesses. Deshalb geht in ihr auch nichts so glatt nach der mathematischen Formel, wie es im Schema aussieht. Der Kreislauf der Reproduktion verläuft vielmehr unter ständigen Abweichungen von den Verhältnissen des Schemas, was sich äußert
im täglichen Oszillieren der Preise,
im beständigen Schwanken der Profite,
im unaufhörlichen Fluktuieren der Kapitale aus einem Produktionszweig in die anderen,
im periodischen zyklischen Pendeln der Reproduktion zwischen Überspannung und Krise.

Bei all diesen Abweichungen jedoch stellt das Schema jenen gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt dar, um den sich jene Bewegungen vollziehen und dem sie immer wieder zustreben, nachdem sie sich von ihm entfernt haben. Dieser Durchschnitt macht es, daß die schwankenden Bewegungen der Einzelkapitale nicht in ein Chaos ausarten, sondern auf eine bestimmte Gesetzmäßigkeit zurückgeführt werden, welche die Fortexistenz der Gesellschaft trotz ihrer Planlosigkeit sichert.

Vergleicht man das Marxsche Reproduktionsschema mit dem Tableau économique Quesnays, so springt die Ähnlichkeit sowohl wie der große Abstand sofort in die Augen. Die beiden Schemata, die die Entwicklungsstrecke der klassischen Nationalökonomie flankieren, sind die beiden einzigen Versuche der exakten Darstellung des scheinbaren Chaos, das die Gesamtbewegung der kapitalistischen Produktion und Konsumtion in ihrer gegenseitigen Verschlingung und ihrem Auseinanderfallen zahlloser Privatproduzenten und Konsumenten darstellt. Beide reduzieren das wirre Durcheinander in der Bewegung der Einzelkapitale auf einige einfache große Zusammenhänge, in denen die Möglichkeit der Existenz und der Entwickelung der kapitalistischen Gesellschaft trotz ihres ungeregelten anarchischen Getriebes verankert ist. Beide vereinigen nämlich den doppelten Gesichtspunkt, welcher der Gesamtbewegung des gesellschaftlichen Kapitals zugrunde liegt: daß sie zugleich als Kapitalbewegung eine Produktion und Aneignung von Mehrwert und als gesellschaftliche Bewegung Produktion und Konsumtion von sachlichen Notwendigkeiten der menschlichen Kulturexistenz ist. In beiden vermittelt die Zirkulation der Produkte als Warenzirkulation den Gesamtprozeß und in beiden folgt die Bewegung des Geldes nur als äußerer Ausdruck an der Oberfläche der Bewegung der Warenzirkulation.

In der Ausführung dieser großen Grundlinien liegt aber ein tiefer Abstand. Das Quesnaysche Tableau macht zwar die Mehrwertprpduktion zu einem Angelpunkt der Gesamtproduktion, faßt aber den Mehrwert noch unter der naiven feudalen Form der Grundrente auf, versieht also eine Teilform für das Ganze.

Es macht ebenso die sachliche Unterscheidung in der Masse des Gesamtprodukts zum anderen Angelpunkt der gesellschaftlichen Reproduktion, faßt sie aber unter dem naiven Gegensatz zwischen landwirtschaftlichen und manufakturmäßigen Produkten auf, versieht also äußere Unterschiede in den Stoffen, mit denen der arbeitende Mensch zu tun hat, für grundlegende Kategorien des menschlichen Arbeitsprozesses überhaupt.

Bei Marx ist die Mehrwertproduktion in ihrer reinen und allgemeinen, also absoluten Form der Kapitalproduktion aufgefaßt. Zugleich sind die ewigen sachlichen Bedingungen der Produktion in der grundlegenden Unterscheidung von Produktionsmitteln und Konsumtionsmitteln berücksichtigt und das Verhältnis beider auf ein exaktes Wertverhältnis zurückgeführt.

Fragt man, warum die von Quesnay so glücklich angeschnittene Lösung des Problems bei der späteren bürgerlichen Nationalökonomie scheiterte und was zu dem gewaltigen Sprung, den die Analyse mit dem Marxschen Schema macht, erforderlich war, so ergeben sich hauptsächlich zwei Vorbedingungen. Vor allem fußt das Marxsche Reproduktionsschema auf der klaren und scharfen Unterscheidung der beiden Seiten der Arbeit in der Warenproduktion: der konkreten nützlichen Arbeit, die bestimmte Gebrauchswerte schafft, und der abstrakten allgemein-menschlichen Arbeit, die als gesellschaftlichnotwendige Werte schafft. Dieser geniale Grundgedanke der Marxschen Werttheorie, der ihm u.a. die Lösung des Geldproblems ermöglicht hat, führte ihn auch zu der Auseinanderhaltung und zur Vereinigung der beiden Gesichtspunkte im Gesamtproduktionsprozeß: der Wertstandpunkte und der sachlichen Zusammenhänge. Zweitens liegt dem Schema die scharfe Unterscheidung von konstantem und variablem Kapital zugrunde, bei der erst die Mehrwertproduktion in ihrem inneren Mechanismus aufgedeckt und als Wertverhältnis mit den beiden sachlichen Kategorien der Produktion: Produktionsmittel und Konsumtionsmittel in ein exaktes Verhältnis gebracht werden konnte.

An alle diese Standpunkte stieß die klassische Ökonomie nach Quesnay, namentlich bei Smith und Ricardo, annähernd. Bei Ricardo erhielt die Werttheorie jene strenge Fassung, die es macht, daß man sie häufig sogar mit der Marxschen verwechselt. Vom Standpunkte seiner Werttheorie hat Ricardo auch die Smithsche Auflösung des Preises aller Waren in v+m, die so viel Unheil in der Analyse der Reproduktion angerichtet hat, als falsch eingesehen; doch kümmerte er sich um diesen Smithschen Schnitzer nicht weiter, wie er sich für das Problem der Gesamtreproduktion im ganzen nicht erwärmte. Überhaupt brachte die Ricardosche Analyse in gewisser Hinsicht einen Rückschritt hinter Smith, wie dieser zum Teil einen Rückschritt hinter die Physiokraten machte. Wenn Ricardo die Grundkategorien der bürgerlichen Ökonomie: Wert, Lohn, Mehrwert, Kapital viel schärfer und einheitlicher herausgearbeitet hat, als alle seine Vorgänger, so hat er sie dafür starrer behandelt. Ad. Smith hatte viel mehr Sinn für die lebendigen Zusammenhänge, für die große Bewegung des Ganzen. Kam es ihm auch gelegentlich nicht darauf an, für ein und dasselbe Problem zwei oder, wie bei dem Wertproblem, gar drei bis vier verschiedene Lösungen zu geben und sich in verschiedenen Teilen der Analyse selbst munter zu widersprechen, so führten doch gerade seine Widersprüche darauf, das Ganze immer wieder von anderer Seite anzupacken und in der Bewegung zu fassen. Die Schranke, an der beide – Smith und Ricardo – scheitern mußten, war ihr bürgerlich begrenzter Horizont. Um die Grundkategorien der kapitalistischen Produktion: Wert und Mehrwert in ihrer lebendigen Bewegung, als gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß zu erfassen, mußte man diese Bewegung historisch, die Kategorien selbst als geschichtlich bedingte Formen allgemeiner Arbeitsverhältnisse auffassen. Damit ist gegeben, daß das Problem der Reproduktion des Gesamtkapitals nur von einem Sozialisten gelöst werden konnte. Zwischen dem Tableau économique und dem Reproduktionsschema im II. Band des »Kapital« liegt nicht bloß zeitlich, sondern auch inhaltlich das Glück und Ende der bürgerlichen Ökonomie.

1 In seiner siebenten Betrachtung zum Tableau sagt Quesnay, nachdem er gegen die merkantilistische Theorie vom Geld, das mit Reichtum identisch sei, polemisiert hat: »La masse d’argent ne peut accroîtredans une nation qu’autant que cette reproduction elle-même s’y accroît; autrement, l’accroissement de la masse d’argent ne pourrait se faire qu’au préjudice de la reproduction annuelle des richesses. – Ce n’est donc pas par le plus ou le moins d’argent qu’on doit juger de l’opulence des Etats: aussi estime-to-on qu’un pécule, egal au revenu des propriétairesdes terres, est beaucoup plus que suffisant pour une nation agricole où la circulation se fait régulièrementet où le commerce s’exerce avec confiance et en pleine liberté.« (Analyse du Tableau économique. Ausgabe Oncken, S. 324–325.)

2 Marx nimmt (Das Kapital, II, S. 391) für diesen Austausch nur Geldausgabe seitens der Kapitalisten II als Ausgangspunkt an. An dem Schlußergebnis der Zirkulation ändert dies nichts, wie F. Engels in der Fußnote richtig bemerkt, aber als Voraussetzung der gesellschaftlichen Zirkulation ist die Annahme nicht exakt; richtiger die Darstellung bei Marx selbst (l.c., S. 374).

3 Das Kapital, Bd. II, S. 446.

4 Das Kapital, Bd. II, S. 448.

5 Das Kapital, Bd. II, S. 466.

Sechstes Kapitel.

Die erweiterte Reproduktion.

Das Mangelhafte des Schemas der einfachen Reproduktion liegt auf der Hand: es legt die Gesetze einer Reproduktionsform dar, die unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nur als gelegentliche Ausnahme stattfinden kann. Die Regel der kapitalistischen Wirtschaftsweise, noch mehr wie jeder anderen, ist nicht einfache, sondern erweiterte Reproduktion.1 Trotzdem hat das Schema seine volle wissenschaftliche Bedeutung. Dies in zwiefacher Hinsicht. Praktisch fällt auch bei erweiterter Reproduktion stets der allergrößte Teil des Gesamtprodukts unter die Gesichtspunkte der einfachen Reproduktion. Letztere bildet die breite Basis, auf der jeweilig die Ausdehnung der Produktion über die bisherigen Schranken hinaus stattfindet. Theoretisch bildet ebenso die Analyse der einfachen Reproduktion den unumgänglichen Ausgangspunkt jeder exakten wissenschaftlichen Darstellung der erweiterten Reproduktion. Das Schema der einfachen Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals führt somit von selbst über sich hinaus: zum Problem der erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals.

Wir kennen schon die historische Eigentümlichkeit der erweiterten Reproduktion auf kapitalistischer Basis: sie muß sich darstellen als Kapitalakkumulation, dies ihre spezifische Form und Bedingung zugleich. Das heißt: die gesellschaftliche Gesamtproduktion – die auf kapitalistischer Basis eine Produktion von Mehrwert ist – kann nur in dem Sinne und in dem Maße jeweilig erweitert werden, als das bisherige tätige Kapital der Gesellschaft einen Zuwachs aus dem von ihm produzierten Mehrwert erhält. Die Verwendung eines Teils des Mehrwerts – und zwar eines wachsenden Teils – zu produktiven Zwecken statt zur persönlichen Konsumtion der Kapitalistenklasse oder zur Aufschatzung – dies ist die Basis der erweiterten Reproduktion unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen.

Element der erweiterten Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals ist – genau wie bei der früher vorausgesetzten einfachen – die Reproduktion des Einzelkapitals. Geht doch die Gesamtproduktion – ob sie als einfache oder als erweiterte betrachtet wird – tatsächlich nur unter der Form von zahllosen selbständigen Reproduktionsbewegungen privater Einzelkapitale vor sich. Die erste erschöpfende Analyse der Akkumulation des Einzelkapitals ist gegeben im Band I des Marxschen »Kapital«, siebenter Abschnitt, Kapitel 22 und 23. Hier behandelt Marx die Teilung des Mehrwerts in Kapital und Einkommen, die Umstände, die unabhängig von der Teilung des Mehrwerts in Kapital und Revenue die Akkumulation des Kapitals bestimmen, wie Ausbeutungsgrad der Arbeitskraft und Produktivität der Arbeit, ferner das Wachstum des fixen Kapitals int Verhältnis zum zirkulierenden als Moment der Akkumulation, endlich die fortschreitende Bildung der industriellen Reservearmee zugleich als Folge und Voraussetzung des Akkumulationsprozesses. Unterwegs setzt sich Marx hier mit zwei Einfallen der bürgerlichen Ökonomie in bezug auf die Akkumulation auseinander: mit der mehr vulgärökonomischen »Abstinenztheorie«, welche die Teilung des Mehrwerts in Kapital und Einkommen und somit die Akkumulation selbst für eine ethische Heldentat der Kapitalisten ausgibt, und mit dem Irrtum der klassischen Ökonomie, wonach der ganze kapitalisierte Teil des Mehrwertes ausschließlich dazu verwendet wird, »von produktiven Arbeitern verzehrt zu werden«, d.h. in Löhnen für neuanzustellende Arbeiter draufzugehen. Diese irrige Annahme, die völlig außer acht läßt, daß jede Produktionserweiterung nicht bloß in der Vergrößerung der Zahl der beschäftigten Arbeiter, sondern auch in der Vermehrung der sachlichen Produktionsmittel (Baulichkeiten, Instrumente, zum mindesten und auf jeden Fall Rohstoffe) zum Ausdruck kommen muß, fußt offenbar auf dem bereits besprochenen falschen »Dogma« von Ad. Smith. Aus dem Mißverständnis, wonach der Preis aller Waren sich – unter völliger Auslassung des konstanten Kapitals – in lauter Löhne und Mehrwert restlos auflöst, ergab sich auch die Annahme, zur Erweiterung der Produktion genüge es, mehr Kapital in Löhnen auszugeben. Merkwürdigerweise übernimmt auch Ricardo, der das Irrtümliche der Smithschen Lehre wenigstens gelegentlich eingesehen hat, ihre irrtümliche Schlußfolgerung mit vielem Nachdruck, indem er sagt: »Man muß verstehen, daß alle Produkte eines Landes konsumiert werden; aber es macht den denkbar größten Unterschied, ob sie konsumiert werden durch solche, die einen anderen Wert reproduzieren, oder durch solche, die ihn nicht reproduzieren. Wenn wir sagen, daß Einkommen erspart und zum Kapital geschlagen wird, so meinen wir, daß der Teil des Einkommens, von dem es heißt, er sei zum Kapital geschlagen, durch produktive statt durch unproduktive Arbeiter verzehrt wird.« Nach dieser seltsamen Vorstellung, die alle hergestellten Produkte von den Menschen verzehren läßt, also für unverzehrbare Produktionsmittel: Werkzeuge und Maschinen, Rohstoffe und Baulichkeiten im gesellschaftlichen Gesamtprodukt gar keinen Platz übrig hat, geht auch die erweiterte Reproduktion in der merkwürdigen Weise vonstatten, daß statt eines Teils feinerer Lebensmittel für die Kapitalistenklasse im Betrage des kapitalisierten Teils des Mehrwerts einfache Lebensmittel für neue Arbeiter produziert werden. Eine andere Verschiebung als innerhalb der Lebensmittelproduktion kennt die klassische Theorie der erweiterten Reproduktion nicht. Daß Marx mit diesem elementaren Schnitzer Smith-Ricardos spielend fertig wurde, versteht sich nach dem bisherigen von selbst. Genau so wie bei der einfachen Reproduktion neben der Herstellung der erforderlichen Menge Lebensmittel für Arbeiter und Kapitalisten die regelmäßige Erneuerung des konstanten Kapitals – der sachlichen Produktionsmittel – stattfinden muß, ebenso muß bei der Erweiterung der Produktion ein Teil des neuen zuschüssigen Kapitals zur Vergrößerung des konstanten Kapitalteils, d.h. zur Vermehrung der sachlichen Produktionsmittel verwendet werden. Hier kommt noch ein anderes von Marx entdecktes Gesetz in Betracht. Der von der klassischen Ökonomie ständig vergessene konstante Kapitalteil wächst im Verhältnis zum variablen, in Löhnen verausgabten Teil, beständig. Dies nur der kapitalistische Ausdruck der allgemeinen Wirkungen der zunehmenden Produktivität der Arbeit. Mit dem technischen Fortschritt vermag die lebendige Arbeit in immer kürzerer Zeit immer größere Massen Produktionsmittel in Bewegung zu setzen und zu Produkten zu verarbeiten. Kapitalistisch bedeutet dies eine fortschreitende Abnahme der Ausgaben für lebendige Arbeit, für Löhne, im Verhältnis zu Ausgaben für tote Produktionsmittel. Die erweiterte Reproduktion muß also nicht bloß entgegen der Smith-Ricardoschen Annahme jeweilig mit der Teilung des kapitalisierten Teils des Mehrwerts in konstantes und variables Kapital beginnen, sondern diese Teilung muß mit dem technischen Fortschritt der Produktion eine relativ immer größere Portion für den konstanten und eine relativ immer kleinere für den variablen Kapitalteil zuweisen. Dieser fortwährende qualitative Wechsel in der Zusammensetzung des Kapitals bildet die spezifische Erscheinungsform der Akkumulation des Kapitals, d.h. der erweiterten Reproduktion auf kapitalistischer Basis.2

Die andere Seite dieser beständigen Verschiebung im Verhältnis des konstanten zum variablen Kapitalteil ist das, was Marx die Bildung der relativen, d.h. für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssigen, daher überflüssigen oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung nennt Die Produktion dieser stets vorrätigen Reserve nichtbeschäftigter Industriearbeiter (hier im weiteren Sinne, mit Einschluß der Proletarier, die unter dem Kommando des Handelskapitals stehen), die ihrerseits die notwendige Voraussetzung der plötzlichen Ausdehnungen der Produktion in den Zeiten der Hochkonjunktur bildet, ist in die spezifischen Bedingungen der Akkumulation des Kapitals eingeschlossen.3

Folgende vier Momente der erweiterten Reproduktion haben wir also aus der Akkumulation des Einzelkapitals abzuleiten:

  1. Umfang der erweiterten Reproduktion ist in gewissen Grenzen unabhängig von dem Wachstum des Kapitals und kann über dasselbe hinausgehen. Die Methoden, die hierzu führen, sind: Erhöhung der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Naturkräfte, Erhöhung der Produktivität der Arbeit (in letzterer eingeschlossen die Erhöhung der Wirksamkeit des fixen Kapitalteils).
  2. Ausgangspunkt jeder wirklichen Akkumulation ist Teilung des zu kapitalisierenden Teils des Mehrwerts in konstantes und variables Kapital.
  3. Die Akkumulation als gesellschaftlicher Prozeß wird begleitet von einer ständigen Verschiebung im Verhältnis des konstanten Kapitals zum variablen, wobei der in toten Produktionsmitteln ausgelegte Kapitalteil im Verhältnis zu dem in Löhnen ausgelegten ständig wächst.
  4. Die andere Begleiterscheinung und Bedingung des Akkumulationsprozesses ist Bildung der industriellen Reservearmee.

Diese schon der Reproduktionsbewegung des Einzelkapitals abgewonnenen Momente sind ein enormer Schritt über die Analyse der bürgerlichen Ökonomie hinaus. Jetzt galt es aber, von der Bewegung des Einzelkapitals ausgehend, die Akkumulation des Gesamtkapitals darzustellen. Nach dem Schema der einfachen Reproduktion mußten nun auch für die erweiterte Reproduktion sowohl die Wertstandpunkte einer Mehrwertproduktion, wie die sachlichen Gesichtspunkte des Arbeitsprozesses (Produktion von Produktionsmitteln und Produktion von Konsummitteln) unter dem Gesichtswinkel der Akkumulation miteinander in exakte Verhältnisse gebracht werden.

Der entscheidende Unterschied der erweiterten Reproduktion von der einfachen besteht darin, daß bei dieser der ganze Mehrwert von der Kapitalistenklasse nebst Anhang konsumiert wird, während bei jener ein Teil des Mehrwertes der persönlichen Konsumtion seiner Besitzer entzogen wird, jedoch nicht um aufgeschatzt, sondern um zum tätigen Kapital geschlagen, kapitalisiert zu werden. Damit jedoch letzteres auch wirklich stattfinden kann, ist erforderlich, daß das neue zuschüssige Kapital auch die sachlichen Vorbedingungen seiner Betätigung vorfindet. Hier kommt also die konkrete Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts in Betracht. Marx sagt schon im I. Band des »Kapital« bei der Betrachtung der Akkumulation des Einzelkapitals:

»Zunächst muß die Jahresproduktion alle die Gegenstände (Gebrauchswerte) liefern, aus denen die im Laufe des Jahres verbrauchten sachlichen Bestandteile des Kapitals zu ersetzen sind. Nach Abzug dieser bleibt das Netto- oder Mehrprodukt, worin der Mehrwert steckt. Und woraus besteht dies Mehrprodukt? Vielleicht in Dingen, bestimmt zur Befriedigung der Bedürfnisse und Gelüste der Kapitalistenklasse, die also in ihren Konsumtionsfonds eingehen? Wäre das alles, so würde der Mehrwert verjubelt bis auf die Hefen, und es fände bloß einfache Reproduktion statt. Um zu akkumulieren, muß man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln. Aber, ohne Wunder zu tun, kann man nur solche Dinge in Kapital verwandeln, die im Arbeitsprozeß verwendbar sind, d.h. Produktionsmittel, und des ferneren Dinge, von denen der Arbeiter sich erhalten kann, d.h. Lebensmittel. Folglich muß ein Teil der jährlichen Mehrarbeit verwandt worden sein zur Herstellung zusätzlicher Produktions- und Lebensmittel, im Überschuß über das Quantum, das zum Ersatz des vorgeschossenen Kapitals erforderlich war. Mit einem Wort: der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält.«4

Freilich genügen auch zuschüssige Produktionsmittel und zuschüssige Lebensmittel für die Arbeiter nicht: es sind noch zuschüssige Arbeitskräfte erforderlich, um die erweiterte Reproduktion in Fluß zu bringen. Diese Bedingung bietet aber nach Marx keine besondere Schwierigkeit. »Dafür hat der Mechanismus der kapitalistischen Produktion ebenfalls schon gesorgt, indem er die Arbeiterklasse reproduziert als vom Arbeitslohn abhängige Klasse, deren gewöhnlicher Lohn hinreicht, nicht nur ihre Erhaltung zu sichern, sondern auch ihre Vermehrung. Diese, ihm durch die Arbeiterklasse auf verschiedenen Altersstufen jährlich gelieferten, zuschüssigen Arbeitskräfte braucht das Kapital nur noch den in der Jahresproduktion schon enthaltenen zuschüssigen Produktionsmitteln einzuverleiben, und die Verwandlung des Mehrwerts in Kapital ist fertig.«5

Hier haben wir die erste Lösung, die Marx dem Akkumulationsproblem des Gesamtkapitals gibt. Ohne sich weiter im Band I des »Kapital« mit dieser Seite der Frage näher zu befassen, kehrt Marx zu dem Problem erst am Schluß des II. Bandes seines Hauptwerks zurück: das letzte 21. Kapitel ist der Akkumulation und erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals gewidmet.

Sehen wir uns jetzt näher die schematische Darstellung der Akkumulation bei Marx an. Nach dem Beispiel des uns bereits bekannten Schemas der einfachen Reproduktion konstruiert Marx ein Schema der erweiterten Reproduktion. Ein Vergleich beider läßt ihren Unterschied am deutlichsten heraustreten.

Nehmen wir an, das jährliche Gesamtprodukt der Gesellschaft stelle eine Wertgröße von 9.000 dar (worunter Millionen Arbeitsstunden oder, kapitalistisch in Geld ausgedrückt, beliebiger Geldbetrag verstanden werden kann). Dieses Gesamtprodukt sei folgendermaßen verteilt:

  1. 4.000c + 1.000v + 1.000m = 6.000
    II. 2.000c + 500v + 500m = 3.000
    Summa 9.000.

Die erste Abteilung stellt Produktionsmittel, die zweite Lebensmittel dar. Ein Blick auf die Zahlenverhältnisse zeigt, daß hier nur einfache Reproduktion stattfinden kann. Die in der ersten Abteilung hergestellten Produktionsmittel gleichen der Summe der von den beiden Abteilungen tatsächlich verbrauchten Produktionsmittel, deren bloße Erneuerung auch nur die Wiederholung der Produktion in dem früheren Umfang gestattet. Andererseits gleicht das ganze Produkt der Lebensmittelabteilung der Summe der Löhne sowie der Mehrwerte in beiden Abteilungen; das zeigt, daß die vorhandenen Lebensmittel auch nur die Beschäftigung der früheren Anzahl von Arbeitskräften gestatten, daß zugleich aber auch der ganze Mehrwert in Lebensmitteln, d.h. in persönlicher Konsumtion der Kapitalistenklasse draufgeht.

Nun nehmen wir aber dasselbe Gesamtprodukt von 9.000 in folgender Zusammensetzung:

  1. 4.000c + 1.000v + 1.000m = 6.000
    II. 1.500c + 750v + 750m = 3.000
    Summa 9.000.

Hier springt zweierlei Mißverhältnis in die Augen. Die angefertigte Menge von Produktionsmitteln (6.000) übersteigt in ihrem Wert die in der Gesellschaft tatsächlich verbrauchten (4.000c + 1.500c) um 500. Zugleich stellt die Menge der hergestellten Lebensmittel (3.000) im Vergleich mit der Summe der gezahlten Löhne, d.h. den Bedürfnissen der Arbeiter (1.000v + 750v) sowie der Summe des erzielten Mehrwerts (1.000m + 750m) ein Defizit von 500 dar. Daraus folgt, daß – da die Verringerung der Anzahl der beschäftigten Arbeiter ausgeschlossen ist – die Konsumtion der Kapitalistenklasse geringer sein muß, als der von ihr eingeheimste Mehrwert. Damit sind die beiden Vorbedingungen eingehalten, die zur erweiterten Reproduktion auf kapitalistischer Basis erforderlich sind: ein Teil des angeeigneten Mehrwerts wird nicht verzehrt, sondern zu produktiven Zwecken verwendet, zugleich werden in vermehrter Menge Produktionsmittel hergestellt, damit der kapitalisierte Mehrwert auch tatsächlich zur Erweiterung der Produktion verwendet werden kann.

Haben wir bei dem Schema der einfachen Reproduktion gefunden, daß ihre gesellschaftlichen Grundbedingungen in dem folgenden exakten Verhältnis eingeschlossen sind: die Summe der hergestellten Produktionsmittel (Produkt der Abteilung I) muß in ihrem Wert dem konstanten Kapital beider Abteilungen gleich sein, die Summe der hergestellten Lebensmittel aber (Produkt der Abteilung II) der Summe der variablen Kapitale wie des Mehrwerts in beiden Abteilungen, so müssen wir für die erweiterte Reproduktion ein umgekehrtes exaktes Doppelverhältnis folgern. Die allgemeine Voraussetzung der erweiterten Reproduktion ist: das Produkt der Abteilung I ist, dem Werte nach, größer als das konstante Kapital der beiden Abteilungen zusammen, das Produkt der Abteilung II ist, gleichfalls dem Werte nach, geringer als die Summe der variablen Kapitale und des Mehrwerts in beiden Abteilungen.

Damit haben wir jedoch die Analyse der erweiterten Reproduktion noch lange nicht erschöpft, wir stehen vielmehr kaum erst an ihrer Schwelle.

Die abgeleiteten Verhältnisse des Schemas müssen jetzt nämlich in ihrer weiteren Betätigung, im Fluß der Zirkulation und Fortgärig der Reproduktion verfolgt werden. Ist die einfache Reproduktion einem und demselben immer von neuem durchlaufenen Kreise zu vergleichen, so gleicht die erweiterte Reproduktion, nach dem Ausdruck Sismondis, einer Spirale, die immer höher geht. Wir haben also zunächst die Windungen dieser Spirale näher zu untersuchen. Die erste allgemeine Frage ist dabei die: wie vollzieht sich nun bei den uns jetzt bekannten Voraussetzungen die tatsächliche Akkumulation in beiden Abteilungen, so daß alle Kapitalisten einen Teil ihres Mehrwerts kapitalisieren und zugleich die notwendigen sachlichen Vorbedingungen der erweiterten Reproduktion vorfinden.

Marx erläutert die Frage an der Hand der folgenden schematischen Darstellung.

Nehmen wir an, daß die Hälfte des Mehrwerts von I akkumuliert wird. Die Kapitalisten verwenden also 500 zu ihrer Konsumtion, 500 aber schlagen sie zum Kapital. Dieses zuschüssige Kapital von 500 muß, wie wir nun wissen, um sich zu betätigen, in konstantes und variables verteilt werden. Nehmen wir an, daß das Verhältnis beider, trotz der Erweiterung der Produktion, dasselbe bleibt wie bei dem Originalkapital, d.h. 4:1. Dann werden die Kapitalisten der Abteilung I ihr zuschüssiges Kapital von 500 so verteilen, daß sie für 400 neue Produktionsmittel und für 100 neue Arbeitskräfte ankaufen. Die Beschaffung neuer Produktionsmittel für 400 bietet keine Schwierigkeiten: wir wissen, daß die Abteilung I für 500 überschüssige Produktionsmittel bereits hergestellt hat. Davon wurden 4/5 also verwendet innerhalb der Abteilung I, um die Erweiterung der Produktion zu bewerkstelligen. Aber die entsprechende Vergrößerung des variablen Kapitals um 100 in Geld genügt nicht, die neuen zuschüssigen Arbeitskräfte müssen auch entsprechende Lebensmittel vorfinden, und diese können nur der Abteilung II entnommen werden. Jetzt verschiebt sich also die Zirkulation zwischen den beiden großen Abteilungen. Früher, bei der einfachen Reproduktion, entnahm die Abteilung I für 1.000 Lebensmittel von II für die eigenen Arbeiter, jetzt muß sie darüber hinaus um 100 mehr Lebensmittel für Arbeiter entnehmen. Die Abteilung I wird auf diese Weise die erweiterte Reproduktion folgendermaßen beginnen:
4.400c + 1.100v.

Ihrerseits kommt die Abteilung II durch den Verkauf der zuschüssigen Lebensmittel von 100 in die Lage, um denselben Betrag mehr wie bis jetzt von der Abteilung I Produktionsmittel zu erwerben. In der Tat sind von dem Gesamtüberschuß des Produkts in der Abteilung I gerade 100 noch übrig geblieben. Diese erwirbt nun die Abteilung II, um auch ihrerseits eine Erweiterung der Produktion vorzunehmen. Aber auch hier kann mit mehr Produktionsmitteln allein nicht viel ausgerichtet werden: um sie in Bewegung zu setzen, sind zuschüssige Arbeitskräfte nötig. Nehmen wir auch hier an, daß die bisherige Zusammensetzung des Kapitals beibehalten wird, also das Verhältnis des konstanten zum variablen Kapital 2:1 ist, dann bedarf es zur Betätigung der zuschüssigen Produktionsmittel von 100 heuer Arbeitskräfte für 50. Für diese neuen Arbeitskräfte bedarf es aber auch im Beträge ihrer Löhne heuer Lebensmittel, welche die Abteilung II ja selbst liefert. Von dem Gesamtprodukt der Abteilung II müssen demnach außer den zuschüssigen Lebensmitteln von 100 für die neuen Arbeiter der Abteilung I noch Lebensmittel für 50 für die eigenen Arbeiter der Abteilung II mehr wie bisher verwendet werden. Die zweite Abteilung beginnt also die erweiterte Reproduktion mit folgenden Verhältnissen:
1.600c + 800v.

Jetzt ist das Gesamtprodukt der Abteilung I (6.000) in der Zirkulation glatt drauf gegangen: 5.500 waren nötig zur bloßen Erneuerung der alten verbrauchten Produktionsmittel in beiden Abteilungen, 400 wurden zur Erweiterung der Produktion der Abteilung I, 100 zum gleichen Zweck in der Abteilung II gebraucht. Was das Gesamtprodukt der Abteilung II (3.000) betrifft, so sind davon 1.900 für den gewachsenen Stab der Arbeitskräfte in beiden Abteilungen verwendet. Die übrigen 1.100 an Lebensmitteln dienen dem persönlichen Konsum der Kapitalisten, dem Verzehr ihres Mehrwertes, und zwar: 500 in der Abteilung I, 600 für die Kapitalisten der Abteilung H, die ja von ihrem Mehrwert 750 nur 150 kapitalisiert haben (100 für Produktionsmittel und 50 für Arbeiterlöhne).

Jetzt kann die erweiterte Reproduktion vonstatten gehen. Behalten wir den Ausbeutungsgrad = 100 Proz., wie beim Originalkapital, dann wird sich in der nächsten Periode ergeben:

  1. 4.400c + 1.100v + 1.100m = 6.600
    II. 1.600c+ 800v + 800m = 3.200
    Summa 9.800.

Das Gesamtprodukt der Gesellschaft ist gewachsen von 9.000 auf 9.800, der Mehrwert in der ersten Abteilung von 1.000 auf 1.100, in der zweiten Abteilung von 750 auf 800, der Zweck der kapitalistischen Erweiterung der Produktion: die gesteigerte Mehrwerterzeugung ist erreicht. Zugleich ergibt die sachliche Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts wieder einen Überschuß der Produktionsmittel (6.600) über die tatsächlich verbrauchten (4.400+1.600) um 600, sowie ein Defizit der Lebensmittel (3.200) im Vergleich mit den bisher gezahlten Löhnen (1.100v + 800v) und erzieltem Mehrwert (1.100m + 800m). Damit ist bereits wieder eine sachliche Grundlage wie eine Notwendigkeit gegeben, einen Teil des Mehrwerts nicht zur Konsumtion der Kapitalistenklasse, sondern zur erneuten Erweiterung der Produktion zu verwenden.

Die zweite Erweiterung der Produktion und gesteigerte Mehrwerterzeugung ergibt sich so von selbst mit ihren mathematisch exakten Verhältnissen aus der ersten. Die einmal begonnene Akkumulation des Kapitals führt mechanisch immer weiter über sich selbst hinaus. Der Kreis hat sich in eine Spirale verwandelt, die sich immer höher windet, wie unter dem Zwang eines mathematisch meßbaren Naturgesetzes. Nehmen wir in folgenden Jahren immer dieselbe Kapitalisierung des halben Mehrwertes bei der Abteilung I an, wobei wir die Zusammensetzung des Kapitals und den Ausbeutungsgrad beibehalten, so ergibt sich die folgende Progression in der Reproduktion des Gesamtkapitals:

Zweites Jahr:

  1. 4.840c + 1.210v + 1.210m = 7.260
    II. 1.760c + 880v + 880m = 3.520
    Summa 10.780.

Drittes Jahr:
I. 5.324c + 1.331v + 1.331m = 7.986
II. 1.936c + 968v + 968m = 3.872
Summa 11.858

Viertes Jahr:
I. 5.856c + 1.464v + 1.464m = 8.784
II. 2.129c + 1.065v + 1.065m = 4.249
Summa 13.033.

Fünftes Jahr:
I. 6.442c + 1.610v + 1.610m = 9.662
II. 2.342c + 1.172v + 1.172m = 4.686
Summa 14.348.

So wäre nach fünf Jahren der Akkumulation das gesellschaftliche Gesamtprodukt von 9.000 auf 14.348 gewachsen, das gesellschaftliche Gesamtkapital von 5.400c + 1.750v = 7.150 auf 8.784c + 2.782v = 11.566 und der Mehrwert von 1.000m + 500m = 1.500m auf 1.464m + 1.065m = 2.529, wobei der persönlich verzehrte Mehrwert von 1.500 vor Beginn der Akkumulation auf 732+958 (im letzten Jahre) = 1.690 gestiegen ist.6 Die Kapitalistenklasse hat also mehr kapitalisiert, mehr »Enthaltsamkeit« geübt und doch zugleich flotter leben können. Die Gesellschaft ist reicher geworden, in sachlicher Beziehung: reicher an Produktionsmitteln, reicher an Lebensmitteln, und zugleich in kapitalistischem Sinne: sie produziert immer größeren Mehrwert. Das Gesamtprodukt geht in der gesellschaftlichen Zirkulation glatt auf: es dient teils zur Erweiterung der Reproduktion, teils zu Konsumtionszwecken. Die Akkumulationsbedürfnisse der Kapitalisten decken sich zugleich mit der sachlichen Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts; es ist, wie Marx im I. Band des »Kapital« gesagt hat: der gewachsene Mehrwert kann eben deshalb zum Kapital geschlagen werden, weil das gesellschaftliche Mehrprodukt von vornherein in der sachlichen Gestalt von Produktionsmitteln zur Welt kommt, in einer Gestalt, die eben keinen anderen Gebrauch zuläßt, als die Verwendung im Produktionsprozeß. Zugleich vollzieht sich die Erweiterung der Reproduktion unter strenger Einhaltung der Zirkulationsgesetze: die gegenseitige Versorgung der beiden Abteilungen der Produktion mit zuschüssigen Produktionsmitteln und Lebensmitteln vollzieht sich als Austausch von Äquivalenten, als Warenaustausch, wobei die Akkumulation in der einen Abteilung gerade die Akkumulation der anderen ermöglicht und bedingt. Das komplizierte Problem der Akkumulation ist so in eine schematische Progression von erstaunlicher Einfachheit verwandelt. Man kann die oben begonnene Kette von Gleichungen ins Unendliche fortführen. Man braucht nur die folgenden einfachen Regeln zu beobachten: der Vergrößerung des konstanten Kapitals in der ersten Abteilung muß stets eine bestimmte Vergrößerung ihres variablen Kapitals entsprechen, mit dieser letzteren ist aber von vornherein gegeben, wie stark die Vergrößerung des konstanten Kapitals in der zweiten Abteilung sein kann; dieser wiederum muß eine entsprechende Vergrößerung des variablen Kapitals beigesetzt werden. Endlich mit der Größe des gewachsenen variablen Kapitals in beiden Abteilungen ist stets gegeben, wieviel von der Gesamtsumme der Lebensmittel für die persönliche Konsumtion der Kapitalistenklasse übrig bleibt. Es wird sich auch finden, daß diese für den Privatverzehr der Kapitalisten verbleibende Menge an Lebensmitteln sich an Wert mit dem nichtkapitalisierten Teil des Mehrwerts in beiden Abteilungen aufs genaueste deckt.

Die Fortsetzung der schematischen Entwickelung der Akkumulation unter den angegebenen leichten paar Regeln findet, wie gesagt, keine Schranken. Hier ist es aber an der Zeit, aufzupassen, ob wir nicht deshalb zu so erstaunlich glatten Resultaten gelangen, weil wir immer bloß gewisse mathematische Übungen mit Addition und Subtraktion machen, die keine Überraschungen bieten können, und ob die Akkumulation nicht deshalb so ins Unendliche störungslos verläuft, weil das Papier sich geduldig mit mathematischen Gleichungen beschreiben läßt. Mit anderen Worten: es ist an der Zeit, sich nach den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen der Akkumulation umzusehen.

1 »Die Voraussetzung der einfachen Reproduktion, daß I (v+m) = II c sei, ist nicht nur unverträglich mit der kapitalistischen Produktion, was übrigens nicht ausschließt, daß im industriellen Zyklus von 10–11 Jahren ein Jahr oft geringere Gesamtreproduktion hat als das vorhergehende, also nicht einmal einfache Reproduktion stattfindet im Verhältnis zum vorhergehenden Jahr. Sondern auch bei dem natürlichen jährlichen Wachstum der Bevölkerung könnte einfache Reproduktion nur insofern stattfinden, als von den 1.500, die den Gesamtmehrwert repräsentieren, eine entsprechend größere Zahl unproduktiver Dienstleute mitzehrten. Akkumulation von Kapital, also wirkliche kapitalistische Produktion, wäre dagegen hierbei unmöglich.« (Das Kapital, Bd. II, S. 497.)

2 »Die spezifisch kapitalistische Produktionsweise, die ihr entsprechende Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der dadurch verursachte Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals halten nicht nur Schritt mit dem Fortschritt der Akkumulation oder dem Wachstum des gesellschaftlichen Reichtums. Sie schreiten ungleich schneller, weil die einfache Akkumulation oder die absolute Ausdehnung des Gesamtkapitals von der Zentralisation seiner individuellen Elemente und die technische Umwälzung des Zusatzkapitals von technischer Umwälzung des Originalkapitals begleitet sind. Mit dem Fortgang der Akkumulation wandelt sich also das Verhältnis von konstantem zu variablem Kapitalteil, wenn ursprünglich 1:1, in 2:1, 3:1, 4:1, 5:1, 7:1 usw., so daß, wie das Kapital wächst, statt ½ seines Gesamtwerts progressiv nur 1/3, ¼, 1/5, 1/6, 1/8 usw. in Arbeitskraft, dagegen 2/3, ¾, 4/5, 5/6, 7/8 usw. in Produktionsmittel umgesetzt wird. Da die Nachfrage nach Arbeit nicht durch den Umfang des Gesamtkapitals, sondern durch den seines variablen Bestandteils bestimmt ist, fällt sie also progressiv mit dem Wachstum des Gesamtkapitals, statt, wie vorhin unterstellt, verhältnismäßig mit ihm zu wachsen. Sie fällt relativ zur Größe der Gesamtkapitals und in beschleunigter Progression mit dem Wachstum dieser Größe. Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst zwar auch sein variabler Bestandteil oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion. Die Zwischenpausen, worin die Akkumulation als bloße Erweiterung der Produktion auf gegebener technischer Grundlage wirkt, verkürzen sich. Nicht nur wird eine in wachsender Progression beschleunigte Akkumulation des Gesamtkapitals erheischt, um eine zusätzliche Arbeiterzahl von gegebener Größe zu absorbieren oder selbst, wegen der beständigen Metamorphose des alten Kapitals, die bereits funktionierende zu beschäftigen. Ihrerseits schlägt diese wachsende Akkumulation und Zentralisation selbst wieder um in eine Quelle neuer Wechsel der Zusammensetzung des Kapitals oder abermalig beschleunigter Abnahme seines variablen Bestandteils verglichen mit dem konstanten.« (Das Kapital, Bd. I, S. 593.)

3 »Der charakteristische Lebenslauf der modernen Industrie, die Farm eines durch kleinere Schwankungen unterbrochenen zehnjährigen Zyklus von Perioden mittlerer Lebendigkeit, Produktion unter Hochdruck, Krise und Stagnation, beruht auf der beständigen Bildung, größern oder geringern Absorption und Wiederbildung der industriellen Reservearmee oder Übervölkerung. Ihrerseits rekrutieren die Wechsefälle des industriellen Zyklus die Übervölkerung und werden einer ihrer energischsten Reproduktionsagenten.« (Das Kapital, Bd. I, S. 594.)

4 Das Kapital, Bd. I, S. 543.

5 l.c., S. 544.

6 Das Kapital, Bd. II, S. 487–490.

Siebentes Kapitel.

Analyse des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion.

Die erste Erweiterung der Produktion sah folgendermaßen aus:

  1. 4.400c + 1.100v + 1.100m = 6.600
  2. 1.600c + 800v + 800m = 3.200

Summa 9.800.

Hier kommt schon die gegenseitige Abhängigkeit der Akkumulation in beiden Abteilungen deutlich zum Ausdruck. Aber diese Abhängigkeit ist eigentümlicher Natur. Die Akkumulation geht hier von der Abteilung I aus, die Abteilung II folgt nur der Bewegung, und zwar wird der Umfang der Akkumulation lediglich von der Abteilung I bestimmt. Marx bringt hier die Akkumulation fertig, indem er in I den halben Mehrwert kapitalisieren läßt, in II aber gerade nur soviel, als nötig ist, um die Produktion und Akkumulation in I zu sichern. Dabei läßt er die Kapitalisten der Abteilung II 600m verzehren, während die Kapitalisten der I. Abteilung, die sich einen doppelt so großen Wert und viel größeren Mehrwert aneignen, nur 500m verzehren. Im folgenden Jahr läßt er die Kapitalisten I wieder die Hälfte ihres Mehrwerts kapitalisieren, und diesmal »zwingt« er die Kapitalisten II, mehr wie im Vorjähre und willkürlich soviel zu kapitalisieren, wie I braucht, wobei für die Konsumtion der Kapitalisten II diesmal 560m bleiben, – weniger wie im Vorjahre, was jedenfalls ein ziemlich seltsames Ergebnis der Akkumulation ist. Marx schildert den Vorgang folgendermaßen:

»Es werde nun sub I in derselben Proportion fort akkumuliert; also 550m als Revenue verausgabt, 550m akkumuliert. Zunächst werden dann 1.100 I v ersetzt durch 1.100 II c, ferner sind noch 550 I m zu realisieren in einem gleichen Betrag von Waren II; also zusammen 1.650 I (v+m). Aber das zu ersetzende konstante Kapital von II ist nur = 1.600, die übrigen 50 müssen also (!) ergänzt werden aus 800 II m. Wenn wir hier zunächst vom Geld absehen, so haben wir als Resultat dieser Transaktion:

  1. 4.400c + 550m (welche zu kapitalisieren sind); daneben in Konsumtionsfonds der Kapitalisten und Arbeiter 1.650 (v+m), realisiert in Waren II c.
  2. 1.650c (nämlich 50 zugefügt nach obigem aus II m) + 800v + 750m (Konsumtionsfonds der Kapitalisten).

Wenn aber das alte Verhältnis v zu c in II bleibt, so müssen für 50c weitere 25v ausgelegt werden; diese sind zu nehmen von den 750m; wir erhalten also:

  1. 1.650c + 825v + 725m.

Sub I ist zu kapitalisieren 550m; wenn das frühere Verhältnis bleibt, so bilden davon 440 konstantes Kapital und 110 variables Kapital. Diese 110 sind eventuell (!) zu schöpfen aus 725 II m, d.h. Konsumtionsmittel zum Wert von 110 werden von den Arbeitern I verzehrt statt von Kapitalisten II, diese letzteren also gezwungen (!), diese 110m, die sie nicht verzehren können, zu kapitalisieren. Dies läßt von den 725 II m übrig 615 II m. Wenn aber so II diese 110 in zusätzliches konstantes Kapital verwandelt, so braucht es ein ferneres zusätzliches variables Kapital von 55; dies muß wieder von seinem Mehrwert gestellt werden; abgezogen von 615 II m läßt es übrig 560 für Konsumtion der Kapitalisten II und wir erhalten nach Vollziehung aller aktuellen und potentiellen Übertragungen an Kapitalwert:

  1. (4.400c + 440c) + (1.100v + 110v) = 4.840c + 1.210v = 6.050
  2. (1.600c + 50c + 110c) + (800v + 25v + 55v) = 1.760c + 880v = 2.640

Summa 8.690.«1

Wir haben das ausführliche Zitat gebracht, weil es drastisch zeigt, wie Marx hier die Akkumulation in I auf Kosten der Abteilung II durchsetzt. Ebenso unsanft verfährt er mit den Kapitalisten der Lebensmittelabteilung in den folgenden Jahren. Im dritten Jahr läßt er sie nach derselben Regel 264m akkumulieren und 616 verzehren, diesmal mehr als in den beiden vorhergehenden Jahren. Im vierten Jahr läßt er sie 290m kapitalisieren und 678 verzehren, im fünften akkumulieren sie 320m und verzehren 745m. Dabei sagt Marx gar: »Soll die Sache normal abgehen, so muß die Akkumulation in II sich rascher vollziehen als in I, weil der Teil von I (v+m), der in Waren II c umzusetzen ist, sonst rascher wächst als II c, gegen das allein er sich umsetzen kann«.2 Die angeführten Zahlen zeigen aber nicht bloß keine raschere, sondern eher eine schwankende Akkumulation in der II. Abteilung, wobei als Regel folgendes dient: Marx führt die Akkumulation immer weiter, indem er die Abteilung I auf breiterer Basis produzieren läßt; die Akkumulation in der II. Abteilung erscheint nur als Folge und Bedingung der anderen: erstens, um die überschüssigen Produktionsmittel aufzunehmen, zweitens, um das erforderliche Mehr an Konsummitteln für die zuschüssigen Arbeitskräfte zu liefern. Die Initiative der Bewegung liegt die ganze Zeit über auf selten der I. Abteilung, die II. ist passives Anhängsel. So dürfen jedesmal die Kapitalisten II nur soviel akkumulieren und müssen soviel verzehren, wie es für die Akkumulation in I erforderlich ist. Während die Abteilung I jedesmal den halben Mehrwert kapitalisiert und den halben verzehrt, was sowohl eine regelmäßige Erweiterung der Produktion wie der persönlichen Konsumtion der Kapitalistenklasse ergibt, geht die Doppelbewegung in der Abteilung II in folgender sprunghaften Weise vor sich:

Im 1. Jahr wird kapitalisiert 150, verzehrt 600

Im 2. Jahr wird kapitalisiert 240, verzehrt 560

Im 3. Jahr wird kapitalisiert 254, verzehrt 626

Im 4. Jahr wird kapitalisiert 290, verzehrt 678

Im 5. Jahr wird kapitalisiert 320, verzehrt 745

Es besteht gar keine ersichtliche Regel in dieser Akkumulation und Konsumtion, beide dienen bloß den Bedürfnissen der Akkumulation in I. Daß die absoluten Zahlen des Schemas in jeder Gleichung willkürlich sind, versteht sich von selbst und verringert nicht ihren wissenschaftlichen Wert. Worauf es ankommt, sind die Größenverhältnisse, die exakte Beziehungen ausdrücken sollen. Die von klarer Gesetzmäßigkeit diktierten Akkumulationsverhältnisse in Abteilung I scheinen nun aber durch eine völlig willkürliche Konstruktion der Verhältnisse in Abteilung II erkauft zu sein, und dieser Umstand ist geeignet, zur Nachprüfung der inneren Zusammenhänge der Analyse zu veranlassen.

Man könnte jedoch annehmen, daß hier nur ein nicht besonders glücklich gewähltes Beispiel vorliegt. Marx selbst begnügt sich mit dem angeführten Schema nicht, sondern gibt gleich darauf ein zweites Beispiel zur Erläuterung der Akkumulationsbewegung. Nun sind die Zahlen der Gleichung folgendermaßen geordnet:

  1. 5.000c + 1.000v + 1.000m = 7.000
  2. 1.430c + 285v + 285m = 2.000

Summa 9.000.3

Hier sehen wir, daß im Unterschied von dem früheren Beispiel in beiden Abteilungen die gleiche Zusammensetzung des Kapitals besteht, nämlich das Verhältnis von konstant zu variabel gleich 5:1. Es setzt dies voraus: schon bedeutende Entwickelung der kapitalistischen Produktion und, dementsprechend, der Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit; bedeutende, schon vorhergegangene Erweiterung der Produktionsleiter; endlich Entwickelung aller der Umstände, die eine relative Übervölkerung in der Arbeiterklasse produzieren. Wir machen also nicht mehr wie im ersten Beispiel den anfänglichen ersten Übergang von der einfachen zur erweiterten Reproduktion, der ja auch nur einen abstrakten theoretischen Wert hat, sondern fassen die Akkumulationsbewegung mitten im Fluß, auf einer bereits hohen Entwickelungsstufe. An sich sind diese Annahmen völlig zulässig und ändern auch nichts an den Regeln, die uns bei der Entwickelung der einzelnen Windungen der Reproduktionsspirale leiten müssen. Auch hier wieder nimmt Marx zum Ausgangspunkt die Kapitalisierung des halben Mehrwerts der Abteilung I:

»Gesetzt jetzt, die Kapitalistenklasse I konsumiere den halben Mehrwert = 500 und akkumuliere die andere Hälfte. Dann wären (1.000v + 500m) I = 1.500 umzusetzen in 1.500 II c. Da hier II c nur = 1.430, so ist von Mehrwert 70 zuzusetzen; dies von 285 II m abgezogen, läßt 215 II m. Wir erhalten also:

  1. 5.000c + 500m (zu kapitalisieren) + 1.500(v+m) in Konsumtionsfonds der Kapitalisten und Arbeiter.
  2. 1.430c + 70m (zu kapitalisieren) + 285v + 215m. Da hier 70 II m direkt annektiert werden an II c, so ist erheischt, um dies zuschüssige konstante Kapital in Bewegung zu setzen, ein variables Kapital von 70/5 = 14; diese 14 gehen also weiter ab von 215 II m; bleibt 201 II m, und wir haben
  3. (1.430c + 70c) + (285v + 14v) + 201m.«

Nach diesen ersten Anordnungen kann die Kapitalisierung vonstatten gehen. Sie vollzieht sich folgendermaßen:

In I teilen sich die 500m, die kapitalisiert werden, in 5/6 = 417c + 1/6 = 83v. Die 83v entziehen einen gleichen Betrag von II m, der Elemente des konstanten Kapitals kauft, also zu II c geschlagen wird. Eine Vermehrung von II c um 83 bedingt eine Vermehrung von II v um 1/5 von 83 = 17. Wir haben also nach dem Umsatz:

  1. (5.000c + 417m) + (1.000v + 83m)v = 5.417c + 1.083v = 6.500
  2. (1.500c + 83m) + (299v + 17m)v = 1.583c + 316v = 1.899

Summa 8.399

Das Kapital in I ist gewachsen von 6.000 auf 6.500, also um 1/12, in II von 1.715 auf 1.899, also um nicht ganz 1/9.

Die Reproduktion auf dieser Grundlage im nächsten Jahr ergibt am Jahresschluß:

  1. 5.417c + 1.083v + 1.083m = 7.583
  2. 1.583c + 316v + 316m = 2.215

Summa 9.798

Wenn in derselben Proportion weiter akkumuliert wird, so erhalten wir am Schluß des zweiten Jahres:

  1. 5.869c + 1.173v + 1.173m = 8.215
  2. 1.715c + 342v + 342m = 2.399

Summa 10.614

und am Schluß des dritten Jahres:

  1. 6.358c + 1.271v + 1.271m = 8.900
  2. 1.858c + 371v + 371m = 2.600

Summa 11.500

In drei Jahren hat sich das gesellschaftliche Gesamtkapital von 6.000 I + 1.715 II = 7.715 auf 7.629 I + 2.229 II = 9.858, das Gesamtprodukt von 9.000 auf 11.500 vermehrt.

Hier ging die Akkumulation, im Unterschied vom ersten Beispiel, gleichmäßig in beiden Abteilungen vor sich: in I wie in II wurde vom zweiten Jahr ab die Hälfte des Mehrwerts kapitalisiert und die Hälfte verzehrt. Das Willkürliche des ersten Beispiels scheint also nur an schlecht gewählten Zahlenreihen zu liegen. Doch haben wir nachzuprüfen, ob diesmal der glatte Fortgang der Akkumulation etwas mehr als mathematische Operationen mit geschickt gewählten Zahlen darstellt.

Was als allgemeine Regel der Akkumulation gleichmäßig im ersten wie im zweiten Beispiel in die Augen springt, ist immer wieder folgendes: damit die Akkumulation überhaupt vonstatten gehen kann, muß die H. Abteilung jedesmal soviel an Erweiterung des konstanten Kapitals vornehmen, wie die Abteilung I erstens an Vergrößerung des konsumierten Teils des Mehrwerts, zweitens an Vergrößerung des variablen Kapitals vornimmt. Am Beispiel des ersten Jahres illustriert, muß nämlich erst ein Zuschuß zum konstanten Kapital in II um 70 stattfinden. Weshalb? Weil dieses Kapital bisher 1.430 darstellt. Wollen aber die Kapitalisten I die Hälfte ihres Mehrwerts (1.000) akkumulieren und die Hälfte verzehren, so brauchen sie nun Lebensmittel für sich wie für ihre Arbeiter im Betrage von 1.500. Diese können sie von der Abteilung II nur im Austausch gegen das eigene Produkt – die Produktionsmittel – kriegen. Da aber die Abteilung II ihren eigenen Bedarf an Produktionsmitteln nur im Betrage des eigenen konstanten Kapitals (1.430) deckte, so kann der Austausch nur in dem Falle zustande kommen, wenn die Abteilung II sich entschließt, ihr konstantes Kapital um 70 zu vergrößern, d.h. die eigene Produktion zu erweitern, was ja nicht anders bewerkstelligt werden kann, als durch Kapitalisierung eines entsprechenden Teils des Mehrwerts. Beträgt dieser in der Abteilung II 285m, so müssen davon 70 zum konstanten Kapital geschlagen werden. Hier wird der erste Schritt in der Erweiterung der Produktion bei II als Bedingung und Folge einer Erweiterung der Konsumtion der Kapitalisten I bestimmt. Gehen wir weiter. Bis jetzt ist die Kapitalistenklasse I erst befähigt, die Hälfte ihres Mehrwerts (500) in persönlichem Konsum zu verzehren. Um die andere Hälfte kapitalisieren zu können, muß sie den Betrag von 500 mindestens entsprechend der bisherigen Zusammensetzung verteilen, also 417 zu konstantem, 83 zu variablem Kapital schlagen. Die erstere Operation bietet keine Schwierigkeiten: die Kapitalisten I besitzen in ihrem eigenen Produkt einen Überschuß von 500, der in Produktionsmitteln besteht, dessen Naturalgestalt also ihn befähigt, direkt in den Produktionsprozeß aufgenommen zu werden; so bildet sich eine Erweiterung des konstanten Kapitals der Abteilung I aus dem entsprechenden Betrag des eigenen Produkts dieser Abteilung. Um aber die entsprechenden 83 als variables Kapital auch betätigen zu können, sind im gleichen Betrage Lebensmittel für die neuanzustellenden Arbeiter nötig. Hier kommt zum zweitenmal die Abhängigkeit der Akkumulation in I von der Abteilung II zum Vorschein: I muß von II um 83 mehr Lebensmittel als bisher für seine Arbeiter entnehmen. Da dies wiederum nur auf dem Wege des Warenaustausches geschieht, so kann dieses Bedürfnis der Abteilung I nur unter der Bedingung befriedigt werden, daß die Abteilung II ihrerseits sich bereit erklärt, Produkte von I, d.h. Produktionsmittel, für 83 anzunehmen. Da sie mit Produktionsmitteln nichts anderes anfangen kann, als sie im Produktionsprozeß zu verwenden, so ergibt sich für die Abteilung II die Möglichkeit und zugleich Notwendigkeit, ihr konstantes Kapital wiederum zu erweitern, und zwar um 83, wodurch vom Mehrwert dieser Abteilung wiederum 83 dem persönlichen Konsum entzogen und zur Kapitalisierung verwendet werden. Der zweite Schritt in der Erweiterung der Produktion von II ist bedingt durch die Erweiterung des variablen Kapitals bei I. Jetzt sind bei I alle sachlichen Bedingungen der Akkumulation vorhanden und die erweiterte Reproduktion kann vonstatten gehen. Bei II hingegen hat vorerst nur eine zweimalige Erweiterung des konstanten Kapitals stattgefunden. Aus ihr ergibt sich, daß, wenn die neuerworbenen Produktionsmittel auch wirklich benutzt werden sollen, eine entsprechende Vergrößerung der Zahl der Arbeitskräfte erforderlich ist. Unter Beibehaltung des bisherigen Verhältnisses ist für das neue konstante Kapital von 153 ein neues variables von 31 notwendig. Damit ist gesagt, daß ein ebensolcher Betrag wiederum vom Mehrwert kapitalisiert werden muß. Der persönliche Konsumtionsfonds der Kapitalisten II ergibt sich alsdann als der Restbetrag des Mehrwerts (285m), nach Abzug der zweimaligen Vergrößerung des konstanten Kapitals (70+83) und der entsprechenden Vergrößerung des variablen (31), insgesamt 184, in der Höhe von 101. Nach ähnlichen Manipulationen ergibt sich im zweiten Jahr der Akkumulation bei der Abteilung II eine Verteilung des Mehrwerts in 158 zur Kapitalisierung und 158 für den Konsum der Kapitalisten, im dritten Jahr 172 und 170.

Wir haben den Vorgang deshalb so genau betrachtet und Schritt für Schritt verfolgt, weil dabei mit Deutlichkeit hervorgeht, daß die Akkumulation in der Abteilung II vollkommen abhängig und beherrscht ist von der Akkumulation in I. Zwar kommt diese Abhängigkeit nicht mehr in den willkürlichen Verschiebungen bei der Einteilung des Mehrwerts in II zum Ausdruck, wie das beim ersten Beispiel des Marxschen Schemas der Fall war, aber die Tatsache selbst bleibt bestehen, auch wenn der Mehrwert sich jetzt in beiden Abteilungen jeweilig hübsch in zwei Hälften – für Kapitalisierungszwecke und für persönliche Konsumtion – aufteilt. Trotz dieser ziffernmäßigen Gleichstellung der Kapitalistenklasse in beiden Abteilungen ist es klar ersichtlich, daß die ganze Akkumulationsbewegung von I eingeleitet und aktiv betätigt, von II passiv mitgemacht wird. Diese Abhängigkeit findet auch den Ausdruck in der folgenden exakten Regel: die Akkumulation kann nur in beiden Abteilungen zugleich, und zwar nur unter der Bedingung stattfinden, daß die Abteilung der Lebensmittel jeweilig genau um soviel ihr konstantes Kapital erweitert, als die Kapitalisten der Produktionsmittelabteilung ihr variables Kapital und ihren persönlichen Konsumtionsfonds erweitern. Diese Proportion (Zuwachs II c = Zuwachs I v + Zuwachs I mk) ist die mathematische Grundlage des Akkumulationsschemas von Marx, in welchen Zahlenproportionen wir es auch exemplifizieren mögen.

Wir haben nun nachzuprüfen, ob diese strenge Regel der kapitalistischen Akkumulation den tatsächlichen Verhältnissen entspricht.

Kehren wir zunächst zur einfachen Reproduktion zurück. Das Marxsche Schema lautete wie erinnerlich:

  1. 4.000c + 1.000v + 1.000m = 6.000 Produktionsmittel
  2. 2.000c + 500v + 500m = 3.000 Konsummittel

Summa 9.000 Gesamtproduktion

Auch hier haben wir bestimmte Proportionen festgestellt, auf denen die einfache Reproduktion beruht. Diese Proportionen waren:

  1. Das Produkt der Abteilung I gleicht (an Wert) der Summe der beiden konstanten Kapitale in I und II.
  2. Was sich selbst aus 1 ergibt: das konstante Kapital der Abteilung II gleicht der Summe des variablen Kapitals und des Mehrwerts in der Abteilung I.
  3. Was schon aus 1 und 2 folgt: das Produkt der Abteilung II gleicht der Summe der variablen Kapitale und der Mehrwerte in beiden Abteilungen.

Diese Verhältnisse des Schemas entsprechen den Bedingungen der kapitalistischen Warenproduktion (reduziert allerdings auf die einfache Reproduktion). So z.B. ist die Proportion 2 bedingt durch die Warenproduktion, d.h. durch den Umstand, daß die Unternehmer jeder Abteilung die Produkte der anderen Abteilung nur im Austausch gegen Äquivalente bekommen können. Das variable Kapital und der Mehrwert der Abteilung I drücken zusammen den Bedarf dieser Abteilung an Lebensmitteln aus. Diese müssen aus dem Produkt der Abteilung II gedeckt werden, doch sind sie nur im Austausch gegen die gleiche Wertmenge des Produkts I, d.h. Produktionsmittel, erhältlich. Da die Abteilung II mit diesem Äquivalent seiner Naturalgestalt wegen nichts anderes anfangen kann, als es im Produktionsprozeß als konstantes Kapital zu verwenden, so ist damit die Größe des konstanten Kapitals der Abteilung II gegeben. Wäre hier eine Disproportion vorhanden, wäre z.B. das konstante Kapital in II (als Wertgröße) größer als ( v+m) I, so könnte es nicht ganz in Produktionsmittel verwandelt werden, denn die Abteilung I hätte einen zu geringen Bedarf nach Lebensmitteln. Wäre das konstante Kapital II kleiner als (v+m) I, dann könnten die Arbeitskräfte dieser Abteilung nicht im früheren Umfang beschäftigt werden oder die Kapitalisten nicht ihren ganzen Mehrwert verzehren. In allen Fällen waren die Voraussetzungen der einfachen Reproduktion verletzt.

Diese Proportionen sind jedoch nicht bloße mathematische Übungen und auch nicht bloß durch die Warenform der Produktion bedingt. Um uns davon zu überzeugen, haben wir ein einfaches Mittel. Stellen wir uns für einen Augenblick statt der kapitalistischen die sozialistische Produktionsweise, also eine planmäßig geregelte Wirtschaft vor, in der gesellschaftliche Arbeitsteilung an Stelle des Austausches getreten ist. In dieser Gesellschaft gäbe es gleichfalls eine Einteilung der Arbeit in Produktion von Produktionsmitteln und in Produktion von Lebensmitteln. Stellen wir uns ferner vor, daß die technische Höhe der Arbeit es bedingt, daß zwei Drittel gesellschaftlicher Arbeit auf Herstellung von Produktionsmitteln, ein Drittel auf Herstellung von Lebensmitteln verwendet werden. Nehmen wir an, daß unter diesen Bedingungen zur Erhaltung des ganzen arbeitenden Teils der Gesellschaft jährlich 1.500 Arbeitseinheiten (Tage, Monate oder Jahre) genügen würden, und zwar nach Annahme: 1.000 davon in der Abteilung der Produktionsmittel, 500 in Lebensmitteln, wobei jedes Jahr Produktionsmittel aus früherer Arbeitsperiode vernutzt werden, die selbst das Produkt von 3.000 Arbeitseinheiten darstellen. Dieses Arbeitspensum genügt jedoch nicht für die Gesellschaft, denn die Erhaltung aller nichtarbeitenden (im materiellen, produktiven Sinne) Mitglieder der Gesellschaft – Kinder, Greise, Kranker, öffentlicher Beamter, Künstler und Wissenschaftler – erfordert einen bedeutenden Zuschuß an Arbeit. Außerdem braucht jede Kulturgesellschaft zur Sicherung vor Notfällen elementarer Natur einen gewissen Assekuranzfonds. Nehmen wir an, daß die Erhaltung aller Nichtarbeitenden samt Assekuranzfonds genau noch einmal soviel Arbeit erfordert, wie die eigene Erhaltung der Arbeitenden, also auch noch einmal soviel Produktionsmittel. Dann bekämen wir nach früher angenommenen Zahlen das folgende Schema einer geregelten Produktion:

  1. 4.000c + 1.000v + 1.000m = 6.000 Produktionsmittel
  2. 2.000c + 500v + 500m = 3.000 Lebensmittel,

wobei c die verbrauchten sachlichen Produktionsmittel, ausgedrückt in gesellschaftlicher Arbeitszeit, bedeutet, v die zur eigenen Erhaltung der Arbeitenden, m die zur Erhaltung der Nichtarbeitenden nebst Assekuranzfonds gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ausdrückt.

Prüfen wir jetzt die Proportionen des Schemas nach, so erhalten wir folgendes. Warenproduktion, also auch Austausch existiert hier nicht, wohl aber gesellschaftliche Arbeitsteilung. Die Produkte von I werden in erforderlichem Quantum den Arbeitenden in II zugewiesen, die Produkte von II werden allen Arbeitenden und Nichtarbeitenden (in beiden Abteilungen) sowie dem Assekuranzfonds zugewiesen – nicht weil hier Äquivalentaustausch vorgeht, sondern weil die gesellschaftliche Organisation planmäßig den Gesamtprozeß leitet, weil die bestehenden Bedürfnisse gedeckt werden müssen, weil die Produktion eben keinen anderen Zweck als die Deckung der gesellschaftlichen Bedürfnisse kennt.

Trotzdem behalten die Größenproportionen volle Gültigkeit. Das Produkt in I muß I c + II c gleichen; das bedeutet einfach, daß in der I. Abteilung alle von der Gesellschaft in ihrem jährlichen Arbeitsprozeß vernutzten Produktionsmittel jährlich erneuert werden müssen. Das Produkt II muß der Summe (v+m) I + (v+m) II gleichen; das bedeutet, daß an Lebensmitteln von der Gesellschaft jedes Jahr soviel hergestellt werden, wie es den Bedürfnissen aller ihrer arbeitenden und nichtarbeitenden Mitglieder entspricht, nebst Rücklagen für Versicherungsfonds. Die Proportionen des Schemas erscheinen ebenso natürlich und notwendig in einer planmäßig geregelten, wie in der kapitalistischen, auf Warenaustausch und Anarchie gegründeten Wirtschaftsweise. Damit ist die objektive gesellschaftliche Gültigkeit des Schemas erwiesen, – ob es gleichwohl gerade als einfache Reproduktion sowohl in der kapitalistischen wie in der geregelten Gesellschaft nur theoretisch gedacht, in der Praxis nur ausnahmsweise vorkommen kann.

Versuchen wir jetzt in derselben Weise das Schema der erweiterten Reproduktion nachzuprüfen.

Stellen wir uns eine sozialistische Gesellschaft vor und legen wir der Nachprüfung das Schema des zweiten Marxschen Beispiels zugrunde. Vom Standpunkt der geregelten Gesellschaft muß die Sache natürlich nicht von der Abteilung I, sondern von der Abteilung II angefaßt werden. Denken wir uns, daß die Gesellschaft rapid wächst, woraus sich ein wachsender Bedarf nach Lebensmitteln für Arbeitende und Nichtarbeitende ergibt. Dieser Bedarf steigt so rasch, daß – die Fortschritte der Produktivität der Arbeit vorläufig beiseite gelassen – eine stets wachsende Menge Arbeit zur Herstellung von Lebensmitteln notwendig wird. Die erforderliche Menge Lebensmittel, ausgedrückt in der in ihnen steckenden gesellschaftlichen Arbeit, steige von Jahr zu Jahr – sagen wir – im Verhältnis 2.000 – 2.215 – 2.399 – 2.600 usw. Um diese wachsende Menge Lebensmittel herzustellen, sei technisch eine wachsende Menge von Produktionsmitteln erforderlich, die – in gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessen – im folgenden Verhältnis von Jahr zu Jahr wachse: 7.000 – 7.583 – 8.215 – 8.900 usw. Ferner sei, nach Annahme, zu dieser Erweiterung der Produktion eine jährliche Arbeitsleistung von 2.570 – 2.798 – 3.030 – 3.284 (die Zahlen entsprechen den respektiven Summen von (v+m) I + (v+m) II erforderlich. Und endlich sei die Verteilung der jährlich geleisteten Arbeit derart, daß die Hälfte davon jedesmal zur Erhaltung der Arbeitenden selbst, ein Viertel zur Erhaltung der Nichtarbeitenden, ein letztes Viertel zur Erweiterung der Produktion des nächsten Jahres verwendet werden. Wir erhalten dann für die sozialistische Gesellschaft die Proportionen des zweiten Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion. In der Tat ist eine Erweiterung der Produktion in jeder Gesellschaft, so auch in der geregelten, nur dann möglich, 1. wenn die Gesellschaft über eine wachsende Anzahl Arbeitskräfte verfügt, 2. wenn die unmittelbare Erhaltung der Gesellschaft in jeder Arbeitsperiode nicht ihre ganze Arbeitszeit in Anspruch nimmt, so daß ein Teil der Zeit der Sorge für die Zukunft und ihre wachsenden Anforderungen gewidmet werden kann, 3. wenn von Jahr zu Jahr eine genügend zunehmende Menge von Produktionsmitteln angefertigt wird, ohne die eine fortschreitende Erweiterung der Produktion nicht bewerkstelligt werden kann.

Von diesen allgemeinen Gesichtspunkten behält also das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion – mutatis mutandis – seine objektive Gültigkeit auch für die geregelte Gesellschaft.

Prüfen wir jetzt die Gültigkeit des Schemas für die kapitalistische Wirtschaft. Hier haben wir vor allem zu fragen: was ist der Ausgangspunkt für die Akkumulation? Von diesem Standpunkte haben wir die gegenseitige Abhängigkeit des Akkumulationsprozesses in beiden Abteilungen der Produktion zu verfolgen. Zweifellos ist auch kapitalistisch die Abteilung II insofern auf I angewiesen, als ihre Akkumulation an eine entsprechende Menge verfügbarer zuschüssiger Produktionsmittel gebunden ist. Umgekehrt ist die Akkumulation in der Abteilung I an eine entsprechende zuschüssige Menge von Lebensmitteln für zuschüssige Arbeitskräfte gebunden. Daraus folgt nun aber durchaus nicht, daß es genügt, beide Bedingungen einzuhalten, damit die Akkumulation in beiden Abteilungen auch tatsächlich vonstatten geht und von Jahr zu Jahr sich ganz automatisch vollzieht, wie das nach dem Marxschen Schema den Anschein hat. Die angeführten Bedingungen der Akkumulation sind eben nur Bedingungen, ohne die die Akkumulation nicht stattfinden kann. Auch der Wille zur Akkumulation mag in I wie in II vorhanden sein. Allein der Wille und die technischen Vorbedingungen der Akkumulation genügen in einer kapitalistischen Warenwirtschaft nicht. Damit tatsächlich akkumuliert, d.h. die Produktion erweitert wird, dazu ist noch eine andere Bedingung notwendig: eine Erweiterung der zahlungsfähigen Nachfrage nach Waren. Wo rührt nun die ständig wachsende Nachfrage her, die der fortschreitenden Erweiterung der Produktion im Marxschen Schema zugrunde liegt?

Soviel ist zunächst klar: sie kann unmöglich von den Kapitalisten I und II selbst, d.h. von ihrem persönlichen Konsum herrühren. Im Gegenteil, die Akkumulation besteht gerade darin, daß sie einen – und zwar mindestens absolut wachsenden – Teil des Mehrwerts nicht selbst konsumieren, sondern dafür Güter schaffen, die von anderen verwendet werden. Die persönliche Konsumtion der Kapitalisten wächst zwar mit der Akkumulation, sie mag selbst dem verzehrten Wert nach wachsen. Immerhin ist es nur ein Teil des Mehrwerts, der für die Konsumtion der Kapitalisten verwendet wird. Grundlage der Akkumulation ist gerade die Nichtkonsumtion des Mehrwerts durch die Kapitalisten. Für wen produziert dieser andere, akkumulierte Teil des Mehrwerts? Nach dem Marxschen Schema geht die Bewegung von der Abteilung I aus, von der Produktion der Produktionsmittel. Wer braucht diese vermehrten Produktionsmittel? Das Schema antwortet: die Abteilung II braucht sie, um mehr Lebensmittel herstellen zu können. Wer braucht aber die vermehrten Lebensmittel? Das Schema antwortet: eben die Abteilung I, weil sie jetzt mehr Arbeiter beschäftigt. Wir drehen uns offenbar im Kreise. Lediglich deshalb mehr Konsummittel herstellen, um mehr Arbeiter erhalten zu können, und lediglich deshalb mehr Produktionsmittel herstellen, um jenes Mehr an Arbeitern zu beschäftigen, ist vom kapitalistischen Standpunkt eine Absurdität. Für den einzelnen Kapitalisten ist freilich der Arbeiter ein ebenso guter Konsument, d.h. Abnehmer seiner Ware – falls er sie zahlen kann –, wie ein Kapitalist oder sonst jemand. Im Preise der Ware, die er dem Arbeiter verkauft, realisiert jeder einzelne Kapitalist seinen Mehrwert genau so, wie im Preise jeder Ware, die er einem anderen beliebigen Abnehmer verkauft. Nicht so vom Standpunkte der Kapitalistenklasse im ganzen. Diese gibt der Arbeiterklasse im ganzen nur eine Anweisung auf einen genau bestimmten Teil des gesellschaftlichen Gesamtprodukts im Betrage des variablen Kapitals. Wenn also die Arbeiter Lebensmittel kaufen, so erstatten sie der Kapitalistenklasse nur die von ihr erhaltene Lohnsumme, die Anweisung, bis zur Höhe des variablen Kapitals zurück. Mehr können sie nicht um einen Deut zurückgeben, eher etwas weniger, nämlich, wenn sie »sparen« können, um selbständig, um zu kleinen Unternehmern zu werden, was jedoch eine Ausnahme ist. Einen Teil des Mehrwerts verzehrt die Kapitalistenklasse selbst in Gestalt von Lebensmitteln und behält in ihrer Tasche das dafür gegenseitig ausgetauschte Geld. Wer aber nimmt ihr die Produkte ab, in denen der andere, kapitalisierte Teil des Mehrwerts verkörpert ist? Das Schema antwortet: zum Teil die Kapitalisten selbst, indem sie neue Produktionsmittel herstellen, behufs Erweiterung der Produktion, zum Teil neue Arbeiter, die zur Anwendung jener neuen Produktionsmittel nötig sind. Aber um neue Arbeiter mit neuen Produktionsmitteln arbeiten zu lassen, muß man – kapitalistisch – vorher einen Zweck für die Erweiterung der Produktion haben, eine neue Nachfrage nach Produkten, die anzufertigen sind.

Die Antwort kann vielleicht lauten: der natürliche Zuwachs der Bevölkerung schafft diese wachsende Nachfrage. Tatsächlich sind wir bei unserer hypothetischen Untersuchung der erweiterten Reproduktion in einer sozialistischen Gesellschaft von dem Wachstum der Bevölkerung und ihrer Bedürfnisse ausgegangen. Aber hier war das Bedürfnis der Gesellschaft die ausreichende Grundlage, wie es der einzige Zweck der Produktion ist. In der kapitalistischen Gesellschaft sieht das Problem anders aus. Um welche Bevölkerung handelt es sich, wenn wir von ihrem Zuwachs reden? Wir kennen hier – im Marxschen Schema – nur zwei Bevölkerungsklassen: Kapitalisten und Arbeiter. Der Zuwachs der Kapitalistenklasse ist ohnehin in der wachsenden absoluten Größe des verzehrten Teils des Mehrwertes inbegriffen. Jedenfalls kann er nicht den Mehrwert restlos verzehren, denn dann würden wir zur einfachen Reproduktion zurückkehren. Es bleiben die Arbeiter. Auch die Arbeiterklasse vermehrt sich durch natürlichen Zuwachs. Aber dieser Zuwachs geht die kapitalistische Wirtschaft als Ausgangspunkt wachsender Bedürfnisse an sich nichts an.

Die Produktion von Lebensrnitteln zur Deckung von I v und II v ist nicht Selbstzweck, wie in einer Gesellschaft, wo die Arbeitenden und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse die Grundlage des Wirtschaftssystems bilden. Nicht deshalb werden in der Abteilung II (kapitalistisch) soviel Lebensmittel produziert, weil die Arbeiterklasse von I und II ernährt werden müsse. Umgekehrt. Es können jeweilig soviel Arbeiter in I und II sich ernähren, weil ihre Arbeitskraft unter den gegebenen Absatzbedingungen verwertet werden kann. Das heißt, nicht eine gegebene Anzahl Arbeiter und ihr Bedarf sind Ausgangspunkt für die kapitalistische Produktion, sondern diese Größen selbst sind ständig schwankende »abhängige Variable« der kapitalistischen Profitaussichten. Es fragt sich also, ob der natürliche Zuwachs der Arbeiterbevölkerung auch einen neuen Zuwachs der zahlungsfähigen Nachfrage über das variable Kapital hinaus bedeutet. Das kann nicht der Fall sein. In unserem Schema ist die einzige Quelle der Geldmittel für die Arbeiterklasse das variable Kapital. Das variable Kapital begreift also im voraus den Zuwachs der Arbeiterschaft mit ein. Eins von beiden: entweder sind die Löhne so bemessen, daß sie auch den Nachwuchs der Arbeiter ernähren, dann kann der Nachwuchs nicht noch einmal als Grundlage der erweiterten Konsumtion in Rechnung gezogen werden. Oder das ist nicht der Fall, dann müssen jugendliche Arbeiter, der Nachwuchs, selbst Arbeit liefern, um Lohn und Lebensmittel zu bekommen. Dann ist der arbeitende Nachwuchs eben in der Zahl der beschäftigten Arbeiter bereits einbegriffen. Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung kann uns also den Akkumulationsprozeß im Marxschen Schema nicht erklären.

Doch halt! Die Gesellschaft besteht – auch unter der Herrschaft des Kapitalismus – nicht bloß aus Kapitalisten und Lohnarbeitern. Außer diesen beiden Klassen gibt es noch eine große Masse der Bevölkerung: Grundbesitzer, Angestellte, liberale Berufe: Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler, Wissenschaftler, es besteht noch die Kirche mit ihren Dienern, der Geistlichkeit, und endlich der Staat mit seinen Beamten und mit dem Militär. Alle diese Bevölkerungsschichten sind weder den Kapitalisten noch den Lohnarbeitern im kategorischen Sinne beizuzählen. Sie müssen aber von der Gesellschaft ernährt und erhalten werden. Es werden also wohl diese außer den Kapitalisten und Arbeitern bestehenden Schichten sein, deren Nachfrage die Erweiterung der Produktion erforderlich macht. Doch ist dieser Ausweg bei näherem Zusehen nur ein scheinbarer. Die Grundbesitzer sind als Verzehrer der Rente, d.h. eines Teils des kapitalistischen Mehrwerts, augenscheinlich der Kapitalistenklasse zuzuzählen, ihre Konsumtion ist hier, wo wir den Mehrwert in seiner ungeteilten primären Form betrachten, in der Konsumtion der Kapitalistenklasse bereits berücksichtigt. Die liberalen Berufe bekommen ihre Geldmittel, d.h. ihre Anweisungen auf einen Teil des gesellschaftlichen Produkts meist direkt oder indirekt aus der Hand der Kapitalistenklasse, die sie mit Splittern ihres Mehrwerts abfindet. Soweit sind sie als Verzehrer des Mehrwerts mit ihrer Konsumtion der Kapitalistenklasse beizuzählen. Dasselbe gilt von der Geistlichkeit, nur daß diese zum Teil ihre Mittel auch von den Arbeitenden, also aus den Arbeiterlöhnen bezieht. Endlich der Staat mit seinen Beamten und dem Militär wird aus den Steuern erhalten, diese aber liegen entweder auf dem Mehrwert oder auf Arbeiterlöhnen. Überhaupt kennen wir hier – in den Grenzen des Marxschen Schemas – nur zwei Quellen des Einkommens in der Gesellschaft: Arbeiterlöhne oder Mehrwert. So können alle die außer den Kapitalisten und den Arbeitern angeführten Bevölkerungsschichten nur als Mitverzehrer dieser beiden Einkommensarten gelten. Marx selbst lehnt den Hinweis auf diese »dritten Personen« als Abnehmer als eine Ausflucht ab: »Alle nicht direkt in der Reproduktion, mit oder ohne Arbeit, figurierenden Gesellschaftsglieder können ihren Anteil am jährlichen Warenprodukt – also ihre Konsumtionsmittel – nur beziehen aus den Händen der Klassen, denen das Produkt erster Hand zufällt – produktiven Arbeitern, industriellen Kapitalisten und Grundbesitzern. Insofern sind ihre Revenuen materialiter abgeleitet von Arbeitslohn (der produktiven Arbeiter), Profit und Bodenrente, und erscheinen daher jenen Originalrevenuen gegenüber als abgeleitete. Andererseits jedoch beziehen die Empfänger dieser in diesem Sinn abgeleiteten Revenuen dieselben vermittelst ihrer gesellschaftlichen Funktion als König, Pfaff, Professor, Hure, Kriegsknecht usw., und sie können also diese ihre Funktionen als die Originalquellen ihrer Revenue betrachten.«4 Gegenüber Hinweisen auf die Verzehrer von Zins und Grundrente als Abnehmer sagt Marx: »Ist aber der Teil des Mehrwertes der Waren, den der industrielle Kapitalist als Grundrente oder Zins an andere Miteigentümer des Mehrwertes abzutreten hat, auf die Dauer nicht realisierbar durch den Verkauf der Waren selbst, so hat es auch mit der Zahlung von Rente oder Zins ein Ende, und können daher Grundeigentümer oder Zinsbezieher durch deren Verausgabung nicht als dei ex machina dienen zu beliebiger Versilberung bestimmter Teile der jährlichen Reproduktion. Ebenso verhält es sich mit den Ausgaben sämtlicher sog. unproduktiven Arbeiter, Staatsbeamten, Ärzte, Advokaten usw., und was sonst in der Form des ›großen Publikums‹ den politischen Ökonomen ›Dienste‹ leistet, um von ihnen Unerklärtes zu erklären«.5

Da auf diese Weise innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft schlechterdings keine ersichtlichen Abnehmer für die Waren zu entdecken sind, in denen der akkumulierte Teil des Mehrwertes steckt, so bleibt nur noch eins übrig: der auswärtige Handel. Mehrere Einwände entstehen jedoch gegen diese Methode, den auswärtigen Handel als eine bequeme Abladestätte für Produkte zu betrachten, mit denen man sonst im Reproduktionsprozeß nichts anzufangen weis. Der Hinweis auf auswärtigen Handel kommt nur auf die Ausflucht hinaus, die Schwierigkeit, der man in der Analyse begegnet ist, aus einem Lande in ein anderes zu verlegen, ohne sie aber zu lösen. Die Analyse des Reproduktionsprozesses bezieht sich überhaupt nicht auf ein einzelnes kapitalistisches Land, sondern auf den kapitalistischen Weltmarkt, für den alle Länder Inland sind. Marx hebt dies schon im ersten Band des »Kapital« bei der Behandlung der Akkumulation ausdrücklich hervor: »Es wird hier abstrahiert vom Ausfuhrhandel, vermittelst dessen eine Nation Luxusmittel in Produktions- oder Lebensmittel umsetzen kann und umgekehrt. Um den Gegenstand der Untersuchung in seiner Reinheit, frei von störenden Nebenumständen aufzufassen, müssen wir hier die gesamte Handeiswelt als eine Nation ansehen und voraussetzen, daß die kapitalistische Produktion sich überall festgesetzt und sich aller Industriezweige bemächtigt hat«.6

Die Analyse bietet dieselbe Schwierigkeit, wenn wir die Sache noch von einer anderen Seite betrachten. In dem Marxschen Schema der Akkumulation ist vorausgesetzt, daß der zu kapitalisierende Teil des gesellschaftlichen Mehrwertes von vornherein in der Naturalgestalt zur Welt kommt, die seine Verwendung zur Akkumulation bedingt und gestattet: »Mit einem Wort, der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält«.7 In den Ziffern des Schemas ausgedrückt:

  1. 5.000c + 1.000v + 1.000m = 7.000 Produktionsmittel
  2. 1.430c + 285v + 285m = 2.000 Konsummittel

Hier kann der Mehrwert im Betrage von 570m kapitalisiert werden, denn er besteht von vornherein in Produktionsmitteln; dieser Menge Produktionsmittel entspricht aber eine überschüssige Menge von Lebensmitteln im Betrage von 114m, zusammen also können 684m kapitalisiert werden. Aber der hier angenommene Vorgang der einfachen Übertragung der entsprechenden Produktionsmittel in das konstante Kapital, der Lebensmittel in das variable Kapital widerspricht den Grundlagen der kapitalistischen Warenproduktion. Der Mehrwert kann, in welcher Naturalgestalt er auch stecken mag, nicht direkt zur Akkumulation in die Produktionsstätte übertragen, sondern er muß erst realisiert, in Geld ausgetauscht werden.8 Der Mehrwert des I im Belaufe von 500 könnte kapitalisiert werden, er muß aber zu diesem Zwecke erst überhaupt realisiert werden, er muß seine Naturalgestalt erst abstreifen und seine reine Wertgestalt annehmen, ehe er wieder zum produktiven Kapital geschlagen wird. Das bezieht sich auf jeden Einzelkapitalisten, trifft aber auch auf den gesellschaftlichen Gesamtkapitalisten zu, denn die Realisierung des Mehrwertes in reiner Wertgestalt ist eine der Grundbedingungen der kapitalistischen Produktion, und bei gesellschaftlicher Betrachtung der Reproduktion »muß man nicht in die von Proudhon der bürgerlichen Ökonomie nachgemachte Manier verfallen und die Sache so betrachten, als wenn eine Gesellschaft kapitalistischer Produktionsweise, en bloc, als Totalität betrachtet, diesen ihren spezifischen, historischökonomischen Charakter verlöre. Umgekehrt. Man hat es dann mit dem Gesamtkapitalisten zu tun«.9 Der Mehrwert muß also unbedingt die Geldform passieren, er muß die Form des Mehrprodukts erst abstoßen, ehe er sie wieder zum Zwecke der Akkumulation annimmt. Was und wer sind aber die Abnehmer des Mehrprodukts von I und II? Um nur den Mehrwert von I und II zu realisieren, muß nach dem Vorhergehenden schon ein Absatz außerhalb I und II vorhanden sein. So wäre aber der Mehrwert erst in Geld verwandelt. Damit dieser realisierte Mehrwert auch noch zur Erweiterung der Produktion, zur Akkumulation verwendet werden kann, dazu ist eine Aussicht auf noch größeren künftigen Absatz erforderlich, der gleichfalls außerhalb I und II selbst liegt. Dieser Absatz für das Mehrprodukt muß also in jedem Jahre um die akkumulierte Rate des Mehrwertes wachsen. Oder umgekehrt: die Akkumulation kann nur in dem Maße stattfinden, als Absatz außerhalb I und II wächst.

1 Das Kapital, Bd. II, S. 488.

2 Das Kapital, Bd. II, S. 489.

3 Das Kapital, Bd. II, S. 491.

4 Das Kapital, Bd. II, S. 346.

5 Das Kapital, Bd. II, S. 432.

6 Das Kapital, Bd. II, S. 544, 21 a.

7 l.c., S. 544.

8 Wir sehen hier von Fällen ab, wo ein Teil des Produkts, z.B. Kohle in den Kohlengruben, direkt ohne Austausch in den Produktionsprozeß wieder eingehen kann. Es sind dies im ganzen der kapitalistischen Produktion Ausnahmefälle. Vgl. Marx, Theorien über den Mehrwert, Bd. II, Teil 2, S. 255 ff.

9 Das Kapital, Bd. II, S. 409.

Achtes Kapitel.

Die Versuche der Lösung der Schwierigkeit bei Marx.

Wir finden, daß das völlige Absehen von der Geldzirkulation im Schema der erweiterten Reproduktion, das uns den Akkumulationsprozeß so glatt und einfach erscheinen ließ, zu großen Unzuträglichkeiten führt. Bei der Analyse der einfachen Reproduktion war dieses Verfahren vollkommen gerechtfertigt. Dort, wo die Produktion ausschließlich für die Konsumtion stattfand und auf sie berechnet war, diente das Geld nur als verschwindender Vermittler der Verteilung des gesellschaftlichen Produkts unter die verschiedenen Konsumentengruppen und der Erneuerung des Kapitals. Hier bei der Akkumulation spielt die Geldform eine wesentliche Funktion: sie dient nicht mehr bloß als Vermittler in der Warenzirkulation, sondern als Erscheinungsform des Kapitals, als Moment in der Kapitalzirkulation. Die Verwandlung des Mehrwertes in Geldgestalt ist die wesentliche ökonomische Voraussetzung der kapitalistischen Akkumulation, wenn auch kein wesentliches Moment der wirklichen Reproduktion. Zwischen der Produktion und der Reproduktion liegen also hier zwei Metamorphosen des Mehrprodukts: die Abstoßung der Gebrauchsform und dann die Annahme der den Zwecken der Akkumulation entsprechenden Naturalform. Es kommt nicht darauf an, daß es sich etwa um Jahresabschnitte handelt, die zwischen den einzelnen Produktionsperioden lägen. Es seien unseretwegen Monate, oder die Metamorphosen einzelner Portionen des Mehrwertes in I und II mögen sich zeitlich in ihrer Reihenfolge kreuzen. Was diese Jahresfolgen in Wirklichkeit bedeuten, sind nicht Zeitabschnitte, sondern Reihenfolge ökonomischer Verwandlungen. Diese Reihenfolge muß aber eingehalten werden, ob sie kürzere oder längere Zeit beansprucht, soll der kapitalistische Charakter der Akkumulation eingehalten werden. Wir kommen damit wieder auf die Frage: wer realisiert den akkumulierten Mehrwert?

Marx fühlt selbst die Lücke in seinem äußerlich lückenlosen Schema der Akkumulation und faßt das Problem mehrfach von verschiedenen Seiten an. Hören wir zu:

»Es wurde im Buch I gezeigt, wie die Akkumulation für den einzelnen Kapitalisten verläuft. Durch die Versilberung des Warenkapitals wird auch das Mehrprodukt versilbert, in dem sich der Mehrwert darstellt. Diesen so in Geld verwandelten Mehrwert rückverwandelt der Kapitalist in zuschüssige Naturalelemente seines produktiven Kapitals. Im nächsten Kreislauf der Produktion liefert das vergrößerte Kapital ein vergrößertes Produkt. Was aber beim individuellen Kapital, muß auch erscheinen in der jährlichen Gesamtreproduktion, ganz wie wir gesehen bei Betrachtung der einfachen Reproduktion, daß der sukzessive Niederschlag – beim individuellen Kapital – seiner verbrauchten fixen Bestandteile in Geld, das aufgeschatzt wird, sich auch in der jährlichen gesellschaftlichen Reproduktion ausdrückt.«1

Weiter untersucht Marx den Mechanismus der Akkumulation gerade von diesem Standpunkt, d.h. unter dem Gesichtswinkel, daß der Mehrwert, bevor er akkumuliert wird, die Geldform passieren muß.

»Wenn Kapitalist A z.B. während eines Jahres oder einer größeren Anzahl von Jahren die sukzessive von ihm produzierten Mengen von Warenprodukten verkauft, so verwandelt er auch damit den Teil des Warenprodukts, der Träger des Mehrwertes ist – das Mehrprodukt –, also den von ihm in Warenform produzierten Mehrwert selbst sukzessive in Geld, speichert dies nach und nach auf und bildet sich so potentielles neues Geldkapital; potentiell wegen seiner Tätigkeit und Bestimmung, in Elemente von produktivem Kapital umgesetzt zu werden. Tatsächlich aber vollzieht er nur einfache Schatzbildung, die kein Element der wirklichen Reproduktion ist. Seine Tätigkeit besteht dabei zunächst nur im sukzessiven Entziehen von zirkulierendem Geld aus der Zirkulation, wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, daß das zirkulierende Geld, das er so unter Schloß und Riegel sperrt, eben selbst noch – vor seinem Eintritt in die Zirkulation – Teil eine anderen Schatzes war.« – Geld wird der Zirkulation entzogen und als Schatz aufgespeichert durch Verkauf der Ware ohne nachfolgenden Kauf. Wird diese Operation also als allgemein vor sich gehend aufgefaßt, so scheint nicht abzusehen, wo die Käufer herkommen sollen, da in diesem Prozeß – und er muß allgemein aufgefaßt werden, indem jedes individuelle Kapital sich in Akkumulationsprozedur befinden kann – jeder verkaufen will, um abzuschätzen, keiner kaufen.

»Stellte man sich den Zirkulationsprozeß zwischen den verschiedenen Teilen der jährlichen Reproduktion als in gerader Linie verlaufend vor – was falsch, da er mit wenigen Ausnahmen allzumal aus gegeneinander rückläufigen Bewegungen besteht –, so müßte man mit dem Gold- (resp. Silber-) Produzenten beginnen, der kauft ohne zu verkaufen, und voraussetzen, daß alle anderen an ihn verkaufen. Dann ginge das gesamte jährliche gesellschaftliche Mehrprodukt (der Träger des gesamten Mehrwertes) an ihn über und sämtliche andere Kapitalisten verteilen pro rata unter sich sein von Natur in Geld existierendes Mehrprodukt, die Naturvergoldung seines Mehrwerts; denn der Teil des Produkts des Goldproduzenten, der sein fungierendes Kapital zu ersetzen hat, ist schon gebunden und darüber verfügt. Der in Gold produzierte Mehrwert des Goldproduzenten wäre dann der einzige Fonds, aus dem alle übrigen Kapitalisten die Materie für Vergoldung ihres jährlichen Mehrprodukts ziehen. Er müßte also der Wertgröße nach gleich sein dem ganzen gesellschaftlichen jährlichen Mehrwert, der erst in der Form von Schatz sich verpuppen muß. So abgeschmackt diese Voraussetzungen, so hülfen sie zu weiter nichts, als die Möglichkeit einer allgemeinen gleichzeitigen Schatzbildung zu erklären, womit die Reproduktion selbst, außer auf Seite der Goldproduzenten, dann keinen Schritt weiter wäre.

Bevor wir diese scheinbare Schwierigkeit lösen, ist zu unterscheiden usw.«2

Hier nennt Marx die Schwierigkeit in der Realisierung des Mehrwertes eine scheinbare. Die ganze weitere Untersuchung bis zu Ende des zweiten Bandes des »Kapitals« dient aber der Überwindung dieser Schwierigkeit. Zuerst versucht Marx die Frage zu lösen durch den Hinweis auf die Schatzbildung, die sich bei der kapitalistischen Produktion unvermeidlich ergibt aus dem Auseinanderfallen in dem Zirkulationsprozeß verschiedener konstanter Kapitale. Da sich verschiedene individuelle Kapitalanlagen in verschiedenem Alter befinden, ein Teil der Anlagen aber immer erst nach einer längeren Periode erneuert wird, so sehen wir, daß zu jedem Zeitpunkt irgendwelche Einzelkapitalisten bereits ihre Anlagen erneuern, während andere dafür nur aus dem Verkauf ihrer Waren Rücklagen machen, bis diese die nötige Höhe zur Erneuerung des fixen Kapitals erreicht haben. So geht auf kapitalistischer Basis die Schatzbildung stets parallel mit dem gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß als Äußerung und Bedingung des eigenartigen Umschlags des fixen Kapitals. »A verkaufe z.B. 600 (= 400c + 100v + 100m) an B (der mehr als einen Käufer repräsentieren mag). Er hat für 600 Waren verkauft gegen 600 in Geld, wovon 100 Mehrwert darstellen, die er der Zirkulation entzieht, sie aufschatzt als Geld; aber diese 100 Geld sind nur die Geldform des Mehrprodukts, das der Träger eines Wertes von 100 war. (Um das Problem rein aufzufassen, nimmt Marx hier an, der gesamte Mehrwert werde kapitalisiert, sieht also von dem zur persönlichen Konsumtion des Kapitalisten verwendeten Teil des Mehrwertes ganz ab; zugleich gehören hier sowohl die A‘, A“, A“‚, wie die B‘, B“, B“‚ der Abteilung I an.) Die Schatzbildung ist überhaupt keine Produktion, also von vornherein auch kein Inkrement der Produktion. Die Aktion des Kapitalisten dabei besteht nur darin, daß er das durch Verkauf des Mehrprodukts von 100 ergatterte Geld der Zirkulation entzieht, festhält und mit Beschlag belegt. Diese Operation findet nicht nur statt auf selten des A, sondern auf zahlreichen Punkten der Zirkulationsperipherie von anderen A‘, A“, A“‚-Kapitalisten … A vollbringt diese Schatzbildung aber nur, sofern er – mit Bezug auf sein Mehrprodukt – nur als Verkäufer, nicht hintennach als Käufer auftritt. Seine sukzessive Produktion von Mehrprodukt – dem Träger seines zu vergoldenden Mehrwertes – ist also die Voraussetzung seiner Schatzbildung. Im gegebenen Fall, wo die Zirkulation nur innerhalb der Kategorie I betrachtet wird, ist die Naturalform des Mehrprodukts wie die des Gesamtprodukts, von dem es einen Teil bildet, Naturalform eines Elements des konstanten Kapitals I, d.h. gehört in die Kategorie der Produktionsmittel von Produktionsmitteln. Was daraus wird, d.h. zu welcher Funktion «s dient in der Hand der Käufer B, B‘, B“ usw. werden wir gleich sehen. Was aber hier zunächst festzuhalten ist: obgleich A Geld für seinen Mehrwert der Zirkulation entzieht und es aufschatzt, wirft er andererseits Ware in sie hinein, ohne ihr andere Ware dafür zu entziehen, wodurch B, B‘, B“ usw. ihrerseits befähigt werden, Geld hineinzuwerfen und dafür nur Ware ihr zu entziehen. Im gegebenen Fall geht diese Ware, ihrer Naturalform wie ihrer Bestimmung nach, als fixes oder flüssiges Element in das konstante Kapital von B, B‘ usw. ein«.3

Der ganze hier geschilderte Vorgang ist uns nicht neu. Marx hat ihn bereits eingehend bei der einfachen Reproduktion dargestellt, denn er ist unerläßlich zur Erklärung, wie das konstante Kapital der Gesellschaft unter den Bedingungen der kapitalistischen Reproduktion erneuert wird. Es ist deshalb vorerst gar nicht ersichtlich, wie uns dieser Vorgang über die besondere Schwierigkeit hinweghelfen soll, die uns bei der Analyse der erweiterten Reproduktion aufgestoßen ist. Die Schwierigkeit war ja die folgende: für Zwecke der Akkumulation wird ein Teil des Mehrwertes nicht von den Kapitalisten verzehrt, sondern zum Kapital geschlagen behufs Erweiterung der Produktion. Es fragt sich nun: wo sind die Käufer für dieses zuschüssige Produkt, das die Kapitalisten selbst nicht verzehren und das die Arbeiter noch weniger verzehren können, da ihre Konsumtion durch den Betrag des jeweiligen variablen Kapitals total gedeckt ist? Wo ist die Nachfrage für den akkumulierten Mehrwert, oder, wie Marx formuliert: Wo kommt das Geld her, um den akkumulierten Mehrwert zu bezahlen? Wenn wir als Antwort darauf auf den Vorgang der Schatzbildung verwiesen werden, der sich aus der stufenweise und zeitlich auseinanderfallenden Erneuerung des konstanten Kapitals bei den einzelnen Kapitalisten ergibt, so ist der Zusammenhang dieser Dinge miteinander nicht einzusehen. Kaufen die B, B‘, B“ usw. Produktionsmittel von ihren Kollegen A, A‘, A“ zum Zwecke der Erneuerung ihres tatsächlich verbrauchten konstanten Kapitals, dann befinden wir uns in den Grenzen der einfachen Reproduktion und die Sache hat mit unserer Schwierigkeit gar nichts zu tun. Wird aber unterstellt, daß der Ankauf der Produktionsmittel durch B, B‘, B“ usw. der Erweiterung ihres konstanten Kapitals für Zwecke der Akkumulation dient, so knüpfen sich daran sofort mehrere Fragen. Vor allem: Woher haben denn B, B‘, B“ das Geld, um zuschüssiges Mehrprodukt den A, A‘, A“ usw. abzukaufen? Sie können doch ihrerseits auch nur durch Verkauf des eigenen Mehrprodukts zu Geld gekommen sein. Bevor sie neue Produktionsmittel zur Erweiterung ihrer Unternehmungen anschaffen, d.h. als Käufer des zu akkumulierenden Mehrprodukts auftreten, müssen sie ihr eigenes Mehrprodukt erst losgeworden, d.h. als Verkäufer aufgetreten sein. An wen haben nun die B, B‘, B“ usw. ihr Mehrprodukt verkauft? Man sieht, die Schwierigkeit ist nur von den A, A‘, A“ auf die B, B‘, B“ abgewälzt, nicht aber beseitigt worden.

Einen Moment lang scheint es während der Analyse, als sei die Schwierigkeit doch gelöst. Nach einer kleinen Abschweifung nimmt Marx den Faden der Untersuchung folgendermaßen auf:

»Im hier betrachteten Fall besteht das Mehrprodukt von vornherein aus Produktionsmitteln von Produktionsmitteln. Erst in der Hand von B, B‘, B“ usw. (I) fungiert dies Mehrprodukt als zuschüssiges konstantes Kapital; aber es ist dies virtualiter, schon bevor es verkauft wird, schon in der Hand der Schatzbildner A, A‘ A“ (I). Wenn wir bloß den Wertumfang der Reproduktion seitens I betrachten, so befinden wir uns noch innerhalb der Grenzen der einfachen Reproduktion, denn kein zusätzliches Kapital ist in Bewegung gesetzt worden, um dies virtualiter zuschüssige konstante Kapital (das Mehrprodukt) zu schaffen, auch keine größere Mehrarbeit, als die auf Grundlage der einfachen Reproduktion verausgabte. Der Unterschied liegt hier nur in der Form der angewandten Mehrarbeit, der konkreten Natur ihrer besonderen nützlichen Weise. Sie ist verausgabt worden in Produktionsmitteln für I c statt für II c, in Produktionsmitteln für Produktionsmittel statt in Produktionsmitteln für Konsumtionsmittel. Bei der einfachen Reproduktion wurde vorausgesetzt, daß der ganze Mehrwert I verausgabt wird als Revenue, also in Waren II; er bestand also nur aus solchen Produktionsmitteln, die das konstante Kapital II c in seiner Naturalform wieder zu ersetzen haben. Damit also der Übergang von der einfachen zur erweiterten Reproduktion vor sich gehe, muß die Produktion in Abteilung I imstande sein, weniger Elemente des konstanten Kapitals für II, aber um ebensoviel mehr für I herzustellen. – Es folgt also, daß – bloß dem Wertumfang nach betrachtet – innerhalb der einfachen Reproduktion das materielle Substrat der erweiterten Reproduktion produziert wird. Es ist einfach direkt in Produktion von Produktionsmitteln, in, Schöpfung von virtuellem zuschüssigem Kapital I verausgabte Mehrarbeit der Arbeiterklasse I. Die Bildung von virtuellem zusätzlichem Geldkapital seitens A, A‘, A“ (I) – durch sukzessiven Verkauf ihres Mehrprodukts, das ohne alle kapitalistische Geldausgabe gebildet – ist also hier die bloße Geldform von zuschüssig produzierten Produktionsmitteln I.«4

Hier scheint sich die Schwierigkeit unter unseren Händen in Dunst aufgelöst zu haben. Die Akkumulation erfordert gar keine neuen Geldquellen: früher verzehrten die Kapitalisten ihren Mehrwert selbst, mußten also einen entsprechenden Geldvorrat in den Händen haben, denn wir wissen schon aus der Analyse der einfachen Reproduktion, daß die Kapitalistenklasse selbst das Geld in die Zirkulation werfen muß, das zur Realisierung ihres Mehrwerts erforderlich ist. Nun kauft die Kapitalistenklasse für einen Teil ihres Geldvorrats (nämlich B, B‘, B“ usw.) statt Konsumtionsmittel zum gleichen Wertbetrage neue zuschüssige Produktionsmittel, um ihre Produktion zu erweitern. Dadurch sammelt sich Geld im gleichen Betrage in den Händen des anderen Teils der Kapitalisten (nämlich der A, A‘, A“ usw.). »Diese Schatzbildung – unterstellt in keiner Weise zusätzlichen Edelmetallreichtum, sondern nur veränderte Funktion von bisher umlaufendem Geld. Eben fungierte es als Zirkulationsmittel, jetzt fungiert es als Schatz, als sich bildendes, virtuell neues Geldkapital.«5

So wären wir aus der Schwierigkeit heraus. Allein es ist unschwer herauszufinden, welcher Umstand uns hier die Lösung leicht gemacht hat: Marx faßt hier die Akkumulation bei ihrer ersten Regung, in statu nascendi, wo sie gerade aus der einfachen Reproduktion als Knospe hervorsprießt. Dem Wertumfang nach ist die Produktion hier noch nicht erweitert, nur ihr Arrangement und ihre sachlichen Elemente sind anders geordnet. Und da ist es kein Wunder, daß dann auch die Geldquellen als ausreichend erscheinen. Die Lösung, die wir gefunden, hält aber auch nur einen Moment lang an: nur für den Übergang von der einfachen zur erweiterten Reproduktion, d.h. gerade für einen nur theoretisch gedachten, für die Wirklichkeit gar nicht in Betracht kommenden Fall. Ist aber die Akkumulation schon längst eingebürgert und wirft jede Produktionsperiode eine größere Wertmasse auf den Markt als die frühere, dann fragt es sich: wo sind die Käufer für diese zuschüssigen Werte? Die Lösung, die wir gefunden, läßt uns da vollkommen im Stich. Außerdem ist sie auch selbst nur scheinbar. Bei näherem Zusehen schlägt sie uns gerade in demselben Augenblick, wo sie uns anscheinend aus der Patsche geholfen hat. Wenn wir nämlich die Akkumulation gerade in dem Moment fassen, wo sie auf dem Sprung ist, aus dem Schoße der einfachen Reproduktion hervorzugehen, so ist ihre erste Voraussetzung: eine Verminderung in der Konsumtion der Kapitalistenklasse. Im selben Moment, wo wir die Möglichkeit finden, mit den früheren Zirkulationsmitteln eine Erweiterung der Produktion vorzunehmen, verlieren wir im gleichen Maße alte Konsumenten. Für wen soll denn da die Erweiterung der Produktion vorgenommen werden, d.h. wer kauft morgen von den B, B‘, B“ (I) die vergrößerte Produktionsmenge, die sie dadurch hergestellt haben, daß sie sich das Geld »vom Munde absparten«, um damit den A, A‘ A“ (I) neue Produktionsmittel abzukaufen?

Man sieht, die Lösung, nicht die Schwierigkeit, war hier eine scheinbare, und Marx kehrt selbst im nächsten Augenblick zu der Frage zurück, wo denn die B, B‘, B“ das Geld hernehmen, um den A, A‘, A“ ihr Mehrprodukt abzukaufen:

»Soweit die Produkte, die B, B‘, B“ usw. (I) produzieren, selbst wieder in natura in ihren Prozeß eingehen, versteht es sich von selbst, daß pro tanto ein Teil ihres eigenen Mehrprodukts direkt (ohne Zirkulationsprozeß) übertragen wird in ihr produktives Kapital und hier eingeht als zuschüssiges Element des konstanten Kapitals. Pro tanto sind sie aber auch keine Vergolder des Mehrprodukts von A, A‘ usw. (I). Hiervon abgesehen, wo kommt das Geld her? Wir wissen, daß sie ihren Schatz gebildet wie A, A‘ usw., durch Verkauf ihrer respektiven Mehrprodukte, und nun ans Ziel gelangt sind, wo ihr als Schatz aufgehäuftes, nur virtuelles Geldkapital nun effektiv als zusätzliches Geldkapital fungieren soll. Aber damit drehen wir uns nur im Zirkel. Die Frage ist immer noch, wo das Geld herkomme, das die B (I) früher der Zirkulation entzogen und aufgehäuft?«6

Die Antwort, die Marx sogleich gibt, scheint wieder von überraschender Einfachheit zu sein. »Wir wissen jedoch schon aus der Betrachtung der einfachen Reproduktion, daß sich eine gewisse Geldmasse in den Händen der Kapitalisten I und II befinden muß, um ihr Mehrprodukt umzusetzen. Dort kehrte das Geld, das uns zur Verausgabung als Revenue in Konsumtionsmitteln diente, zu den Kapitalisten zurück, im Maß wie sie es vorgeschossen zum Umsatz ihrer respektiven Waren, hier erscheint dasselbe Geld wieder, aber mit veränderter Funktion. Die A und die B (I) liefern sich abwechselnd das Geld zur Verwandlung von Mehrprodukt in zusätzliches virtuelles Geldkapital und werfen abwechselnd das neugebildete Geldkapital als Kaufmittel in die Zirkulation zurück.«7

Hier sind wir wieder in die einfache Reproduktion zurückgefallen. Es stimmt vollkommen, daß die Kapitalisten A und die Kapitalisten B stets einen Geldschatz allmählich anhäufen, um von Zeit zu Zeit ihr konstantes (fixes) Kapital zu erneuern, und so einander zur Realisierung ihres Produkts gegenseitig verhelfen. Aber dieser sich ansammelnde Schatz fällt nicht vom Himmel. Er ist nur der allmählich herabrieselnde Niederschlag des stufenweise auf die Produkte übertragenen Wertes des fixen Kapitals, der mit dem Verkauf der Produkte stückweise realisiert wird. Auf diese Weise kann der angesammelte Schatz immer nur ausreichen zur Erneuerung des alten Kapitals, er kann unmöglich darüber hinaus zum Ankauf eines zuschüssigen konstanten Kapitals dienen. Damit wären wir immer noch nicht über die Schranken der einfachen Reproduktion hinaus. Oder aber es kommt als neue zuschüssige Geldquelle ein Teil der Zirkulationsmittel hinzu, die bisher Kapitalisten zu ihrer persönlichen Konsumtion dienten und die nun kapitalisiert werden sollen. Damit kommen wir aber wieder auf den nur theoretisch denkbaren kurzen Ausnahmemoment: den Übergang von der einfachen Reproduktion zur erweiterten. Weiter als bis zu diesem Sprung kommt die Akkumulation nicht vom Fleck, wir drehen uns in der Tat nur im Zirkel.

Die kapitalistische Schatzbildung kann uns also aus der Schwierigkeit nicht heraushelfen. Und das war vorauszusehen, denn die Fragestellung selbst ist hier eine schiefe. Es handelt sich bei dem Problem der Akkumulation nicht darum, wo kommt das Geld her? sondern darum: wo kommt die Nachfrage für das zuschüssige Produkt her, das aus dem kapitalisierten Mehrwert entspringt. Es ist nicht eine technische Frage der Geldzirkulation, sondern eine ökonomische Frage der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Denn sogar, wenn wir von der Frage absehen, mit der sich Marx bis jetzt allein befaßt hat: wo hatten die B, B‘ usw. (I) Geld her, um zuschüssige Produktionsmittel von den A, A‘ usw. (I) zu kaufen, so ersteht nach der vollzogenen Akkumulation die viel wichtigere Frage: an wen wollen denn die B, B‘ usw. (I) ihr gewachsenes Mehrprodukt jetzt verkaufen? Marx läßt sie schließlich ihre Produkte aneinander verkaufen!

»Es können die verschiedenen B, B‘, B“ usw. (I), deren virtuelles neues Geldkapital als aktives in Operation tritt, wechselseitig ihre Produkte (Teile ihres Mehrprodukts) voneinander zu kaufen und aneinander zu verkaufen haben. Pro tanto fließt das der Zirkulation des Mehrprodukts vorgeschossene Geld – bei normalem Verlauf – an die verschiedenen B zurück, in derselben Proportion, worin sie solches zur Zirkulation ihrer respektiven Waren vorgeschossen haben.«8

»Pro tanto« ist das keine Lösung der Frage, denn schließlich haben die B, B‘, B“ usw. (I) wohl nicht deshalb auf einen Teil der Konsumtion verzichtet und ihre Produktion erweitert, um nachher ihr vermehrtes Produkt – nämlich Produktionsmittel – einander abzukaufen. Übrigens ist dies auch nur in beschränktem Maße möglich. Nach der Marxschen Annahme besteht nämlich eine gewisse Arbeitsteilung innerhalb I, wobei die A, A‘, A“ usw. (I) Produktionsmittel von Produktionsmitteln herstellen, die B, B‘, B“ usw. (I) hingegen Produktionsmittel von Konsumtionsmitteln herstellen. Wenn also das Produkt der A, A‘ usw. innerhalb der Abteilung I verbleiben konnte, so ist das Produkt der B, B‘, B“ usw. von vornherein seiner Naturalgestalt wegen für die Abteilung II (Herstellung von Lebensmitteln) bestimmt. Die Akkumulation bei den B, B‘ usw. führt uns also bereits zur Zirkulation zwischen I und II. Damit bestätigt der Gang der Marxschen Analyse selbst, daß, wenn innerhalb der Abteilung I Akkumulation stattfinden soll, schließlich – direkt oder indirekt – eine vergrößerte Nachfrage nach Produktionsmitteln in der Abteilung der Lebensmittel vorhanden sein muß. Hier also, bei den Kapitalisten II, haben wir die Abnehmer für das zuschüssige Produkt der Abteilung I zu suchen.

In der Tat richtet sich der zweite Versuch von Marx, das Problem zu lösen, auf die Nachfrage der Kapitalisten II. Ihre Nachfrage nach zuschüssigen Produktionsmitteln kann nur den Sinn haben, daß sie ihr konstantes Kapital II c vergrößern. Hier springt aber die ganze Schwierigkeit deutlich in die Augen:

»Gesetzt –, A (I) vergolde sein Mehrprodukt durch Verkauf an einen B aus Abteilung II. Dies kann nur dadurch geschehen, daß, nachdem A (I) an B (II) Produktionsmittel verkauft, er nicht hinterher Konsumtionsmittel kauft; also nur durch einseitigen Verkauf seinerseits. Sofern nun II c aus Form von Warenkapital in die Naturalform von produktivem konstantem Kapital nur umsetzbar dadurch, daß nicht nur I v, sondern auch wenigstens ein Teil von I m sich umsetzt gegen einen Teil von II c, welches II c in Form von Konsumtionsmitteln existiert; nun aber A sein I m dadurch vergoldet, daß dieser Umsatz nicht vollzogen wird, unser A vielmehr das im Verkauf seines I m von II gelöste Geld der Zirkulation entzieht, statt es in Kauf von Konsumtionsmitteln II c umzusetzen – so findet zwar auf Seite des A (I) Bildung von zusätzlichem virtuellem Geldkapital statt; aber auf der anderen Seite liegt ein dem Wertumfang nach gleicher Teil des konstanten Kapitals von B (II) fest in der Form von Warenkapital, ohne sich in die Naturalform von produktivem konstantem Kapital umsetzen zu können. In anderen Worten: Ein Teil der Waren des B (II), und zwar prima facie ein Teil, ohne dessen Verkauf er sein konstantes Kapital nicht ganz in produktive Form rückverwandeln kann, ist unverkäuflich geworden; mit Bezug auf ihn findet daher Überproduktion statt, welche ebenfalls mit Bezug auf ihn die Reproduktion – selbst auf gleichbleibender Stufenleiter – hemmt.«9

Der Versuch der Akkumulation auf Seiten der Abteilung I durch Verkauf des zuschüssigen Mehrprodukts an die Abteilung II hat hier ein ganz unerwartetes Ergebnis gezeitigt: ein Defizit auf Seiten der Kapitalisten II, die nicht einmal die einfache Reproduktion wieder aufnehmen können. An diesem Knotenpunkt angelangt, vertieft sich Marx ganz eingehend in die Analyse, um der Sache auf den Sprung zu kommen:

»Betrachten wir nun die Akkumulation in Abteilung II etwas näher. Die erste Schwierigkeit mit Bezug auf II c, d.h. seine Rückverwandlung aus einem Bestandteil des Warenkapitals II in die Naturalform von konstantem Kapital II, betrifft die einfache Reproduktion. Nehmen wir das frühere Schema:

(1.000v + 1.000m) I setzen sich um gegen 2.000 II c.

Wird nun z.B. die Hälfte des Mehrproduktes I, also 1.000/2 m oder 500m wieder selbst als konstantes Kapital der Abteilung I einverleibt, so kann dieser in I rückbehaltene Teil des Mehrproduktes keinen Teil von II c ersetzen. Statt in Konsumtionsmittel umgesetzt zu werden – soll es als zusätzliches Produktionsmittel in I selbst dienen. Es kann diese Funktion nicht gleichzeitig in I und II verrichten. Der Kapitalist kann den Wert seines Mehrprodukts nicht in Konsumtionsmitteln verausgaben und gleichzeitig das Mehrprodukt selbst produktiv konsumieren, d.h. seinem produktiven Kapital einverleiben. Statt 2.000 I (v+m) sind also nur 1.500, nämlich (1.000v + 500m) I umsetzbar in 2.000 II c; es sind also 500 II c aus ihrer Warenform nicht rückverwandelbar in produktives (konstantes) Kapital II«.10

Bis jetzt haben wir uns noch klarer von dem Bestehen der Schwierigkeit überzeugt, keinen Schritt aber zu ihrer Lösung vorwärts getan. Übrigens rächt sich hier an der Analyse, daß Marx zur Aufklärung des Problems der Akkumulation immer wieder als Grundlage die Fiktion eines anfänglichen Übergangs von der einfachen zur erweiterten Reproduktion, also die Geburtsstunde der Akkumulation gebraucht, statt die Akkumulation mitten in ihrem Fluß zu packen. Diese Fiktion nun, die uns, solange wir die Akkumulation nur innerhalb der Abteilung I betrachteten, wenigstens für einen Augenblick eine scheinbare Lösung bot: die Kapitalisten I hatten plötzlich, da sie auf einen Teil ihrer gestrigen Privatkonsumtion verzichteten, einen neuen Geldschatz in der Hand, mit dem sie die Kapitalisierung beginnen konnten, – selbe Fiktion vergrößert jetzt, wo wir uns an die Abteilung II wenden, nur noch mehr die Schwierigkeit. Denn hier äußert sich die »Entsagung« auf Seiten der Kapitalisten I in einem schmerzlichen Verlust von Konsumenten, auf deren Nachfrage die Produktion berechnet war. Die Kapitalisten der Abteilung II, mit denen wir das Experiment anstellen wollten, ob sie nicht die lange gesuchten Abnehmer für das zuschüssige Produkt der Akkumulation in Abteilung I darstellen, können uns um so weniger aus der Schwierigkeit heraushelfen, als sie selbst in der Klemme sitzen und vorerst noch nicht wissen, wo sie mit ihrem eigenen unverkauften Produkt hin sollen. Man sieht, zu welchen Unzuträglichkeiten der Versuch führt, die Akkumulation bei den einen Kapitalisten auf Kosten anderer Kapitalisten vollziehen zu lassen.

Marx führt dann einen Versuch an, die Schwierigkeit zu umgehen, um ihn alsbald selbst als eine Ausflucht abzuweisen. Man könnte nämlich den aus der Akkumulation in I sich ergebenden unverkäuflichen Überschuß in II als einen notwendigen Warenvorrat der Gesellschaft für das nächste Jahr betrachten. Darauf erwidert Marx mit seiner gewohnten Gründlichkeit: »1. Solche Vorratbildung und ihre Notwendigkeit gilt für alle Kapitalisten, sowohl I wie II. Als bloße Warenverkäufer betrachtet, unterscheiden sie sich nur dadurch, daß sie Waren verschiedener Sorte verkaufen. Der Vorrat in Waren II unterstellt einen früheren Vorrat in Waren I. Vernachlässigen wir diesen Vorrat auf der einen Seite, so müssen wir es auch auf der anderen. Ziehen wir ihn aber auf beiden Seiten in Betracht, so wird am Problem nichts geändert. – 2. Wie dies Jahr auf Seite II mit einem Warenvorrat für nächstes abschließt, so hat es begonnen mit einem Warenvorrat auf derselben Seite, überliefert vom vorigen Jahr. Bei Analyse der jährlichen Reproduktion – auf ihren abstraktesten Ausdruck redigiert – müssen wir ihn also beidemal streichen. Indem wir diesem Jahr seine ganze Produktion lassen, also auch das, was es als Warenvorrat an nächstes Jahr abgibt, nehmen wir ihm aber auch andererseits den Warenvorrat, den es vom vorigen Jahr bekommen, und haben damit in der Tat das Gesamtprodukt eines Durchschnittsjahres als Gegenstand der Analyse vor uns. – 3. Der einfache Umstand, daß die Schwierigkeit, die umgangen werden soll, uns nicht aufstieß bei Betrachtung der einfachen Reproduktion, beweist, daß es sich um ein spezifisches Phänomen handelt, das nur der verschiedenen Gruppierung (mit Bezug auf Reproduktion) der Elemente I geschuldet ist, einer veränderten Gruppierung, ohne welche überhaupt keine Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter stattfinden könnte.«11

Die letztere Bemerkung richtet sich aber gegen die bisherigen Versuche von Marx selbst, die spezifische Schwierigkeit der Akkumulation durch Momente auflösen zu wollen, die schon der einfachen Reproduktion gehören, nämlich jene mit dem allmählichen Umschlag des fixen Kapitals verbundene Schatzbildung in den Händen der Kapitalisten, die uns früher, innerhalb der Abteilung I, die Akkumulation erklären sollte.

Marx geht weiter zur schematischen Darstellung der erweiterten Reproduktion über, stößt aber im nächsten Augenblick, bei der Analyse seines Schemas, wieder auf dieselbe Schwierigkeit unter einer etwas anderen Form. Er unterstellt, daß die Kapitalisten der Abteilung I 500m akkumulieren, die der Abteilung II aber ihrerseits 140m in konstantes Kapital verwandeln müssen, um jenen die Akkumulation zu ermöglichen, und fragt:

»II muß 140 I m, also mit barem Geld kaufen, ohne daß dies Geld zu ihm zurückflösse durch nachfolgenden Verkauf seiner Ware an I. Und zwar ist dies ein beständig, bei jeder jährlichen Neuproduktion, soweit sie Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter, sich wiederholender Prozeß. Wo springt dafür die Geldquelle in II?«12

Marx versucht im weiteren Verlauf diese Quelle von verschiedenen Seiten ausfindig zu machen. Zunächst betrachtet er näher die Ausgabe der Kapitalisten II für variables Kapital. Dieses ist freilich in Geldform vorhanden. Es kann aber auch unmöglich seinem Zweck: dem Ankauf der Arbeitskraft entzogen werden, um etwa zum Ankauf jener zuschüssigen Produktionsmittel zu dienen. »Diese beständig sich wiederholende Entfernung (des variablen Kapitals) vom und Rückkehr zum Ausgangspunkt – der Tasche des Kapitalisten – vermehrt das in diesem Kreislauf sich herumtreibende Geld in keiner Weise. Dies ist also keine Quelle von Geldakkumulation.« Marx zieht sodann selbst alle denkbaren Ausflüchte in Erwägung, um sie als solche abzulehnen. »Aber halt! Ist hier nicht ein Profitchen zu machen?« ruft er, und untersucht, ob die Kapitalisten nicht durch Herabdrückung der Löhne ihrer Arbeiter unter die normale Durchschnittshöhe zur Ersparnis des variablen Kapitals und so zu einer neuen Geldquelle für Zwecke der Akkumulation gelangen können. Diesen Einfall schiebt er natürlich mit einer Handbewegung auf die Seite: »Es darf aber nicht vergessen werden, daß der wirklich gezahlte normale Arbeitslohn (der ceteris paribus die Größe des variablen Kapitals bestimmt) keineswegs aus Güte der Kapitalisten gezahlt wird, sondern unter gegebenen Verhältnissen gezahlt werden muß. Damit ist diese Erklärungsweise beseitigt«.13 Selbst auf versteckte Methoden der »Ersparnisse« beim variablen Kapital – Trucksystem, Fälschungen usw. – geht er ein, um zum Schluß zu bemerken: »Es ist dies dieselbe Operation wie sub I, nur verkleidet und auf einem Umweg exekutiert. Sie ist also hier ebensosehr zurückzuweisen wie jene«.14 Auf diese Weise sind alle Versuche, aus dem variablen Kapital eine neue Geldquelle für Zwecke der Akkumulation herauszuschlagen, resultatlos: »Mit 376 II v ist also zu dem erwähnten Zweck nichts anzustellen.«

Marx wendet sich dann an den Geldvorrat der Kapitalisten II, den sie zur Zirkulation ihrer eigenen Konsumtion in der Tasche haben, um nachzusehen, ob sich hier nicht ein Geldquantum für Zwecke der Kapitalisierung erübrigen ließe. Er nennt aber diesen Versuch selbst »noch bedenklicher« als den früheren: »Hier stehen sich nur Kapitalisten derselben Klasse gegenüber, die die von ihnen produzierten Konsumtionsmittel wechselseitig aneinander verkaufen und voneinander kaufen. Das zu diesem Umsatz nötige Geld fungiert nur als Zirkulationsmittel und muß bei normalem Verlauf zu den Beteiligten zurückfließen, in dem Maße, wie sie es der Zirkulation vorgeschossen haben, um stets von neuem dieselbe Bahn zu durchlaufen.« Dann folgt noch ein Versuch, der natürlich in die Kategorie jener »Ausflüchte« gehört, die Marx rücksichtslos zurückweist: die Bildung von Geldkapital in den Händen der einen Kapitalisten II durch Beschwindelung der anderen Kapitalisten derselben Abteilung zu erklären, nämlich beim gegenseitigen Verkauf von Konsummitteln. Es erübrigt sich, auf diesen Versuch einzugehen.

Darauf noch ein ernstgemeinter Versuch:

»Oder aber, ein in notwendigen Lebensmitteln sich darstellender Teil von II m wird direkt in neues variables Kapital innerhalb Abteilung II verwandelt«.15

Wie uns dieser Versuch aus der Schwierigkeit heraushelfen, d.h. die Akkumulation in Fluß bringen soll, ist nicht ganz klar. Denn 1. hilft uns die Bildung von zusätzlichem variablen Kapital in der Abteilung II noch nicht weiter, da wir ja noch nicht das zuschüssige konstante Kapital II zustande gebracht haben und gerade dabei waren, es erst zu ermöglichen; 2. handelte es sich diesmal bei der Untersuchung um die Aufdeckung einer Geldquelle in II zum Ankauf zuschüssiger Produktionsmittel von I, nicht darum, das eigene überschüssige Produkt von II irgendwie in der eigenen Produktion unterzubringen; 3. soll der Versuch bedeuten, daß die betreffenden Lebensmittel »direkt«, d.h. ohne Vermittlung des Geldes, in der Produktion von II wieder als variables Kapital verwendet werden können, wodurch die entsprechende Geldmenge aus dem variablen Kapital frei würde für Akkumulationszwecke, so müßten wir den Versuch ablehnen. Die kapitalistische Produktion schließt unter normalen Bedingungen die direkte Entlohnung der Arbeiter in Lebensmitteln aus; die Geldform des variablen Kapitals, die selbständige Transaktion zwischen dem Arbeiter als Warenkäufer und den Produzenten der Konsummittel ist eine der wesentlichsten Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaft. Marx betont selbst in einem anderen Zusammenhang: »Wir wissen: das wirkliche variable Kapital besteht aus Arbeitskraft, also auch das zusätzliche. Es ist nicht der Kapitalist I, der etwa von II notwendige Lebensmittel auf Vorrat kauft oder aufhäuft für die von ihm zu verwendende zusätzliche Arbeitskraft wie es der Sklavenhalter tun mußte. Es sind die Arbeiter selbst, die mit II handeln«.16 Das Gesagte trifft auf die Kapitalisten II genau so zu, wie auf die Kapitalisten I. Damit ist der obige Versuch von Marx erschöpft.

Zum Schluß verweist er uns auf den letzten Teil des »Kapital«, 21. im Band II, den Engels sub IV als »Nachträgliches« gesetzt hat. Hier finden wir die kurze Erklärung:

»Die ursprüngliche Geldquelle für II ist v+m der Goldproduktion I, ausgetauscht gegen einen Teil von II c; nur soweit der Goldproduzent Mehrwert aufhäuft oder in Produktionsmittel I verwandelt, also seine Produktion ausdehnt, geht sein v+m nicht in II ein; andererseits, soweit Akkumulation von Geld, seitens des Goldproduzenten selbst, schließlich zur erweiterten Reproduktion führt, geht ein nicht als Revenue ausgegebener Teil des Mehrwerts der Goldproduktion für zuschüssiges variables Kapital des Goldproduzenten in II ein, fördert hier neue Schatzbildung oder gibt neue Mittel von I zu kaufen, ohne direkt wieder an es zu verkaufen«.17

So sind wir, nachdem alle möglichen Versuche zur Erklärung der Akkumulation fehlgeschlagen sind, nachdem wir von Pontius zu Pilatus, von A I zu B I, von B I zu B II herumgeschickt worden sind, schließlich bei demselben Goldproduzenten angelangt, dessen Heranziehung Marx gleich zu Beginn seiner Analyse als »abgeschmackt« bezeichnet hatte. Damit endet die Analyse des Reproduktionsprozesses und der II. Band des »Kapitals«, ohne uns die lange gesuchte Lösung der Schwierigkeit gebracht zu haben.

1 Das Kapital, Bd. II, S. 465.

2 Das Kapital, Bd. II, S. 466–468.

3 Das Kapital, Bd. II, S. 469.

4 Das Kapital, Bd. II, S. 473.

5 Das Kapital, Bd. II, S. 474.

6 l.c., S. 476.

7 l.c., S. 476.

8 Das Kapital, Bd. II, S. 477.

9 Das Kapital, Bd. II, S. 478.

10 Das Kapital, Bd. II, S. 480.

11 Das Kapital, Bd. II, S. 482.

12 Das Kapital, Bd. II, S. 484.

13 Das Kapital, Bd. II, S. 485.

14 Das Kapital, Bd. II, S. 486.

15 Das Kapital, Bd. II, S. 487.

16 Das Kapital, Bd. II, S. 492.

17 Das Kapital, Bd. II, S. 499.

Neuntes Kapitel.

Die Schwierigkeit unter dem Gesichtswinkel des Zirkulationsprozesses.

Die Analyse litt u. E. darunter, daß Marx das Problem unter der schiefen Form der Frage nach »Geldquellen« zu beantworten suchte Es handelt sich aber in Wirklichkeit um tatsächliche Nachfrage, um Verwendung für Waren, nicht um Geldquellen zu ihrer Bezahlung. In bezug auf Geld als Medium der Zirkulation müssen wir hier, bei der Betrachtung des Reproduktionsprozesses im ganzen, annehmen, daß die kapitalistische Gesellschaft stets die zu ihrem Zirkulationsprozeß erforderliche Geldmenge zur Verfügung hat oder sich dafür Surrogate zu beschaffen weiß. Was zu erklären ist, sind die großen gesellschaftlichen Austauschakte, die durch reale ökonomische Bedürfnisse hervorgerufen werden. Daß der kapitalistische Mehrwert, bevor er akkumuliert werden kann, unbedingt die Geldform passieren muß, darf nicht außer acht gelassen werden. Dennoch suchen wir aber die ökonomische Nachfrage nach dem Mehrprodukt ausfindig zu machen, ohne uns weiter um die Herkunft des Geldes zu kümmern. Denn, wie Marx selbst an einer anderen Stelle sagt: »Das Geld auf der einen Seite ruft dann die erweiterte Reproduktion auf der anderen ins Leben, weil deren Möglichkeit ohne das Geld da ist, denn Geld an sich selbst ist kein Element der wirklichen Reproduktion«.1

Daß die Frage nach der »Geldquelle« zur Akkumulation eine ganz sterile Formulierung des Problems der Akkumulation ist, zeigt sich bei Marx selbst in einem anderen Zusammenhang.

Dieselbe Schwierigkeit beschäftigte ihn nämlich schon einmal im II. Bande des »Kapital« bei der Untersuchung des Zirkulationsprozesses. Schon bei der Betrachtung der einfachen Reproduktion stellt er bei der Zirkulation des Mehrwerts die Frage:

»Aber das Warenkapital vor seiner Rückverwandlung in produktives Kapital und vor der Verausgabung des in ihm steckenden Mehrwerts muß versilbert werden. Wo kommt das Geld dazu her? Diese Frage erscheint auf den ersten Blick schwierig, und weder Tooke noch ein anderer hat sie bisher beantwortet«.2

Und er geht mit aller Rücksichtslosigkeit der Sache auf den Grund:

»Das in der Form von Geldkapital vorgeschossene zirkulierende Kapital von 500 Pfund Sterling, welches immer seine Unischlagsperiode, sei das zirkulierende Gesamtkapital der Gesellschaft, d.h. der Kapitalistenklasse. Der Mehrwert sei 100 Pfund Sterling. Wie kann nun die ganze Kapitalistenklasse beständig 600 Pfund Sterling aus der Zirkulation herausziehen, wenn sie beständig nur 500 Pfund Sterling hineinwirft?«

Wir sind hier wohlgemerkt bei der einfachen Reproduktion, wo der gesamte Mehrwert von der Kapitalistenklasse zu persönlicher Konsumtion verwendet wird. Die Frage müßte also von vornherein präziser so gefaßt werden: Wie können die Kapitalisten, nachdem sie für konstantes und variables Kapital im ganzen 500 Pfund Sterling in Geld in Umlauf setzen, ihrer Konsummittel im Betrage des Mehrwerts = 100 Pfund Sterling habhaft werden? Es ist dann sofort klar, daß jene 500 Pfund Sterling, die als Kapital ständig zum Ankauf von Produktionsmitteln und zur Entlohnung der Arbeiter dienen, nicht zugleich zur Deckung der persönlichen Konsumtion der Kapitalisten dienen können. Wo kommt also das zuschüssige Geld von 100 Pfund Sterling her, das die Kapitalisten zur Realisierung ihres eigenen Mehrwerts brauchen? Marx lehnt sofort alle theoretischen Ausflüchte ab, die etwa zur Beantwortung der Frage versucht werden könnten:

»Man muß nun die Schwierigkeit nicht durch plausible Ausflüchte zu umgehen suchen.

Zum Beispiel: Was das konstante zirkulierende Kapital betrifft, so ist klar, daß nicht alle es gleichzeitig auslegen. Während Kapitalist A seine Ware verkauft, also für ihn vorgeschossenes Kapital Geldform annimmt, nimmt für den Käufer B umgekehrt sein in Geldform vorhandenes Kapital die Form seiner Produktionsmittel an, die gerade A produziert. Durch denselben Akt, wodurch A seinem produzierten Warenkapital die Geldform wiedergibt, gibt B dem seinigen die produktive Form wieder, verwandelt es aus Geldform in Produktionsmittel und Arbeitskraft; dieselbe Geldsumme fungiert in dem doppelseitigen Prozeß wie in jedem einfachen Kauf W – G (Ware – Geld). Andererseits wenn A das Geld wieder in Produktionsmittel verwandelt, kauft er von C, und dieser zahlt damit B usw. So wäre dann der Hergang erklärt. Aber:

Alle in bezug auf das Quantum des zirkulierenden Geldes bei der Warenzirkulation (Buch I, Kapitel III) aufgestellten Gesetze werden in keiner Art durch den kapitalistischen Charakter des Produktionsprozesses geändert.

Wenn also gesagt wird, das in Geldform vorzuschießende zirkulierende Kapital der Gesellschaft beträgt 500 Pfund Sterling, so ist dabei schon in Berechnung gebracht, daß dies einerseits die Summe ist, die gleichzeitig vorgeschossen war, daß aber andererseits diese Summe mehr produktives Kapital in Bewegung setzt als 500 Pfund Sterling, weil sie abwechselnd als Geldfonds verschiedener produktiver Kapitale dient. Diese Erklärungsweise setzt also schon das Geld als vorhanden voraus, dessen Dasein sie erklären soll. –

Es könnte ferner gesagt werden: Kapitalist A produziert Artikel, die Kapitalist B individuell, unproduktiv konsumiert. Das Geld von B versilbert also das Warenkapital von A, und so dient dieselbe Geldsumme zur Versilberung des Mehrwertes von B und des zirkulierenden konstanten Kapitals von A. Hier ist aber die Lösung der Frage, die beantwortet werden soll, noch direkter unterstellt. Nämlich, wo kriegt B das Geld zur Bestreitung seiner Revenue her? Wie hat er selbst diesen Mehrwertteil seines Produktes versilbert? – Ferner könnte gesagt werden, der Teil des zirkulierenden variablen Kapitals, den A seinen Arbeitern beständig vorschießt, strömt ihm beständig aus der Zirkulation zurück; und nur ein abwechselnder Teil davon liegt beständig bei ihm selbst zur Zahlung des Arbeitslohnes fest. Zwischen der Ausgabe und dem Rückstrom verfließt jedoch eine gewisse Zeit, während deren das in Arbeitslohn ausgezahlte Geld unter anderem auch zur Versilberung von Mehrwert dienen kann. – Aber wir wissen erstens, daß, je größer diese Zeit, um so größer auch die Masse des Geldvorrats sein muß, die der Kapitalist A beständig in petto halten muß. Zweitens gibt der Arbeiter das Geld aus, kauft Waren damit, versilbert daher den in diesen Waren steckenden Mehrwert pro tanto. Also dient dasselbe Geld, das in der Form des variablen Kapitals vorgeschaffen wird, pro tanto auch dazu, Mehrwerte zu versilbern. Ohne hier noch tiefer auf diese Frage einzugehen, hier nur soviel: daß die Konsumtion der ganzen Kapitalistenklasse und der von ihr abhängigen unproduktiven Personen gleichzeitig Schritt hält mit der für die Arbeiterklasse; also, gleichzeitig mit dem von den Arbeitern in Zirkulation geworfenen Geld, von den Kapitalisten Geld in die Zirkulation geworfen werden muß, um ihren Mehrwert als Revenue zu verausgaben; also für denselben der Zirkulation Geld entzogen werden muß. Die eben gegebene Erklärung würde nur das so nötige Quantum verringern, nicht beseitigen. –

Endlich könnte gesagt werden: Es wird doch beständig ein großes Quantum Geld in Zirkulation geworfen bei der ersten Anlage des fixen Kapitals, das der Zirkulation nur allmählich, stückweise, im Lauf von Jahren, von dem wieder entzogen wird, der es hineinwarf. Kann diese Summe nicht hinreichen, um den Mehrwert zu versilbern? – Hierauf ist zu antworten, daß vielleicht in der Summe von 500 Pfund Sterling (die auch Schatzbildung für nötige Reservefonds einschließt) schon die Anwendung dieser Summe als fixes Kapital, wenn nicht durch den, der sie hineinwarf, so doch durch jemand anders, einbegriffen ist. Außerdem ist bei der Summe, die für Beschaffung der als fixes Kapital dienenden Produkte ausgegeben wird, schon unterstellt, daß auch der in diesen Waren steckende Mehrwert gezahlt ist, und es fragt sich eben, wo dies Geld herkommt.«

Auf diesen letzten Punkt müssen wir nebenbei besondere Aufmerksamkeit lenken. Denn hier lehnt es Marx ab, die Schatzbildung für die periodische Erneuerung des fixen Kapitals zur Erklärung der Realisierung des Mehrwerts selbst bei einfacher Reproduktion heranzuziehen. Später, wo es sich um die viel schwierigere Realisierung des Mehrwertes bei der Akkumulation handelt, greift er, wie wir gesehen, versuchsweise mehrfach auf dieselbe von ihm als »plausible Ausflucht« abgetane Erklärung zurück.

Dann folgt die Lösung, die etwas unerwartet klingt:

»Die allgemeine Antwort ist bereits gegeben: Wenn eine Warenmasse von x X 1.000 Pfund Sterling zu zirkulieren, so ändert es absolut nichts am Quantum der zu dieser Zirkulation nötigen Geldsumme, ob der Wert dieser Warenmasse Mehrwert enthält oder nicht, ob die Warenmasse kapitalistisch produziert ist oder nicht. Das Problem selbst existiert also nicht. Bei sonst gegebenen Bedingungen, Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes usw., ist eine bestimmte Geldsumme erheischt, um den Warenwert von x X 1.000 Pfund Sterling zu zirkulieren, ganz unabhängig von dem Umstand, wie viel oder wie wenig von diesem Wert den unmittelbaren Produzenten dieser Ware zufällt. Soweit hier ein Problem existiert, fällt es zusammen mit dem allgemeinen Problem: woher die zur Zirkulation der Waren in einem Lande nötige Geldsumme kommt«.3

Die Antwort ist vollkommen richtig. Die Frage: woher kommt das Geld zur Zirkulation des Mehrwerts? ist mitbeantwortet bei der allgemeinen Frage: wo kommt das Geld her, um eine gewisse Warenmasse im Lande in Zirkulation zu setzen? Die Einteilung der Wertmasse dieser Waren in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert existiert gar nicht vom Standpunkte der Geldzirkulation als solcher und hat von diesem Standpunkt keinen Sinn. Also nur unter dem Gesichtswinkel der Geldzirkulation oder der einfachen Warenzirkulation »existiert das Problem nicht«. Das Problem existiert aber wohl vom Standpunkte der gesellschaftlichen Reproduktion im ganzen, nur darf es nicht so schief formuliert werden, daß uns die Antwort in die einfache Warenzirkulation zurückbringt, wo das Problem nicht existiert. Die Frage lautet also nicht: wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu realisieren?, sondern sie muß lauten: wo sind die Konsumenten für den Mehrwert? Daß das Geld in der Hand dieser Konsumenten sich befinden und von ihnen in die Zirkulation geworfen werden muß, versteht sich dann von selbst. Marx selbst kehrt denn auch zu dem Problem, obwohl er es soeben für nicht existierend erklärt hat, immer wieder zurück:

»Nun aber existieren nur zwei Ausgangspunkte: der Kapitalist und der Arbeiter. Alle dritten Personenrubriken müssen entweder für Dienstleistungen Geld von diesen beiden Klassen erhalten, oder, soweit sie keine Gegenleistung erhalten, sind sie Mitbesitzer des Mehrwerts in der Form von Rente, Zins usw. Daß der Mehrwert nicht ganz in der Tasche des industriellen Kapitalisten bleibt, sondern von ihm mit anderen Personen geteilt werden muß, hat mit der vorliegenden Frage nichts zu tun. Es fragt sich, wie er seinen Mehrwert versilbert, nicht, wie das dafür gelöste Silber sich später verteilt. Es ist also für unseren Fall der Kapitalist noch als einziger Besitzer des Mehrwerts zu betrachten. Was aber den Arbeiter betrifft, so ist bereits gesagt, daß er nur sekundärer Ausgangspunkt, der Kapitalist aber der primäre Ausgangspunkt des vom Arbeiter in die Zirkulation geworfenen Geldes ist. Das zuerst als variables Kapital vorgeschossene Geld vollzieht bereits seinen zweiten Umlauf, wenn der Arbeiter es zur Zahlung von Lebensmitteln ausgibt.

Die Kapitalistenklasse bleibt also der einzige Ausgangspunkt der Geldzirkulation. Wenn sie zur Zahlung von Produktionsmitteln 400 Pfund Sterling, zur Zahlung der Arbeitskraft 100 Pfund Sterling braucht, so wirft sie 500 Pfund Sterling in Zirkulation. Aber der in dem Produkt steckende Mehrwert, bei Mehrwertsrate von 100 Proz., ist gleich einem Wert von 100 Pfund Sterling. Wie kann sie 600 Pfund Sterling aus der Zirkulation beständig herausziehen, wenn sie beständig nur 500 Pfund Sterling hineinwirft? Aus nichts wird nichts. Die Gesamtklasse der Kapitalisten kann nichts aus der Zirkulation herausziehen, was nicht vorher hineingeworfen war.«

Weiter weist Marx noch eine Ausflucht zurück, die zur Erklärung des Problems etwa versucht werden könnte, nämlich die Heranziehung der Geschwindigkeit im Umlauf des Geldes, die es erlaubt, mit weniger Geld eine größere Wertmasse in Zirkulation zu bringen. Die Ausflucht führt natürlich zu nichts, denn die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes ist bereits mit in Berechnung gezogen, wenn man annimmt, daß zur Zirkulation der Warenmasse soundsoviel Pfund Sterling erforderlich sind. Darauf kommt endlich die Auflösung des Problems:

»In der Tat, so paradox es auf den ersten Blick scheint, die Kapitalistenklasse selbst wirft das Geld in die Zirkulation, das zur Realisierung des in den Waren steckenden Mehrwerts dient. Aber notabene: Sie wirft es hinein nicht als vorgeschossenes Geld, also nicht als Kapital. Sie verausgabt es als Kaufmittel für ihre individuelle Konsumtion. Es ist also nicht von ihr vorgeschossen, obgleich sie der Ausgangspunkt seiner Zirkulation ist.«4

Diese deutliche und erschöpfende Lösung beweist am besten, daß das Problem kein scheinbares war. Sie beruht auch nicht darauf, daß wir eine neue »Geldquelle« entdeckt haben, um den Mehrwert zu realisieren, sondern daß wir die Konsumenten dieses Mehrwerts gefunden haben. Wir stehen noch hier nach Marxscher Voraussetzung auf dem Boden der einfachen Reproduktion. Das bedeutet, daß die Kapitalistenklasse ihren ganzen Mehrwert zur persönlichen Konsumtion verwendet. Da die Kapitalisten Konsumenten des Mehrwerts sind, so ist es nicht sowohl paradox als vielmehr selbstverständlich, daß sie das Geld in der Tasche haben müssen, um sich die Naturalgestalt des Mehrwerts, die Konsumgegenstände anzueignen. Der Zirkulationsakt des Austausches ergibt sich als eine Notwendigkeit aus der Tatsache, daß die Einzelkapitalisten nicht ihren individuellen Mehrwert – resp. das individuelle Mehrprodukt, wie der Sklavenhalter, – direkt verzehren können. Seine sachliche Naturalgestalt schließt vielmehr in der Regel diesen Verbrauch aus. Der Gesamtmehrwert aller Kapitalisten befindet sich aber – unter der Voraussetzung der einfachen Reproduktion – im gesellschaftlichen Gesamtprodukt in einer entsprechenden Menge von Konsummitteln für die Kapitalistenklasse ausgedrückt, wie der Gesamtsumme der variablen Kapitale eine wertgleiche Menge von Lebensmitteln für die Arbeiterklasse entspricht und wie dem konstanten Kapital aller Einzelkapitalisten zusammen eine wertgleiche Menge von sachlichen Produktionsmitteln entspricht. Um den individuellen ungenießbaren Mehrwert gegen die entsprechende Menge Lebensmittel einzutauschen, ist ein doppelter Akt der Warenzirkulation nötig: der Verkauf des eigenen Mehrprodukts und der Einkauf der Lebensmittel aus dem gesellschaftlichen Mehrprodukt. Da diese zwei Akte ausschließlich innerhalb der Kapitalistenklasse vor sich gehen, unter einzelnen Kapitalisten stattfinden, so geht auch das vermittelnde Geldmedium hierbei nur aus einer Hand der Kapitalisten in die andere und bleibt immer in der Tasche der Kapitalistenklasse hängen. Da die einfache Reproduktion stets dieselben Mengen Werte zum Austausch bringt, so dient zur Zirkulation des Mehrwerts jedes Jahr dieselbe Geldmenge, und man könnte höchstens, bei ausnahmsweiser Gründlichkeit, etwa die Frage stellen: wo kam diese zur Vermittelung der eigenen Konsumtion der Kapitalisten dienende Geldmenge einst in die Taschen der Kapitalisten her? Aber diese Frage löst sich in die andere allgemeinere Frage auf: wo kam überhaupt das erste Geldkapital einst in die Hände der Kapitalisten her, jenes Geldkapital, von dem sie neben der Verwendung für produktive Anlagen einen gewissen Teil stets in der Tasche behalten mußten für die Zwecke der persönlichen Konsumtion? Die so gestellte Frage schlägt aber in das Kapitel der sogenannten »primitiven Akkumulation«, d.h. der geschichtlichen Genesis des Kapitals, und fällt aus dem Rahmen der Analyse des Zirkulations- wie des Reproduktionsprozesses.

So ist die Sache klar und unzweideutig – wohlgemerkt: solange wir auf dem Boden der einfachen Reproduktion stehen. Hier wird das Problem der Realisierung des Mehrwerts durch die Voraussetzungen selbst gelöst, es ist eigentlich schon antizipiert im Begriff der einfachen Reproduktion. Diese beruht eben darauf, daß der ganze Mehrwert von der Kapitalistenklasse konsumiert wird, und damit ist gesagt, daß er von ihr auch gekauft, d.h. von den Einzelkapitalisten einander abgekauft werden muß.

»In diesem Fall – sagt Marx selbst – war angenommen, daß die Geldsumme, die der Kapitalist bis zum ersten Rückfluß seines Kapitals zur Bestreitung seiner individuellen Konsumtion in Zirkulation wirft, exakt gleich ist dem von ihm produzierten und daher zu versilbernden Mehrwert. Dies ist offenbar, mit Bezug auf den einzelnen Kapitalisten, eine willkürliche Annahme. Aber sie muß richtig sein für die gesamte Kapitalistenklasse, bei Unterstellung einfacher Reproduktion. Sie drückt nur dasselbe aus, was diese Unterstellung besagt, nämlich daß der ganze Mehrwert, aber auch nur dieser, also kein Bruchteil des ursprünglichen Kapitalstocks, unproduktiv verzehrt wird.«5

Aber die einfache Reproduktion auf kapitalistischer Basis ist in der theoretischen Ökonomie eine imaginäre Größe, eine wissenschaftlich so berechtigte und unentbehrliche imaginäre Größe, wie die Wurzel von – 1 in der Mathematik. Jedoch das Problem der Realisierung des Mehrwertes ist damit für die Wirklichkeit, d.h. für die erweiterte Reproduktion oder Akkumulation, durchaus nicht gelöst. Und das bestätigt Marx selbst zum zweitenmal, sobald er seine Analyse fortsetzt.

Wo kommt das Geld zur Realisierung des Mehrwerts her unter Voraussetzung der Akkumulation, d.h. des Nichtverzehrs, der Kapitalisierung eines Teils des Mehrwerts? Die erste Antwort, die Marx gibt, lautet:

»Was zunächst das zuschüssige Geldkapital betrifft, erheischt zur Funktion des wachsenden produktiven Kapitals, so wird es geliefert durch den Teil des realisierten Mehrwerts, der als Geldkapital, statt als Geldform der Revenue, von den Kapitalisten in Zirkulation geworfen wird. Das Geld ist bereits in der Hand der Kapitalisten. Bloß seine Anwendung ist verschieden.«

Diese Erklärung ist uns schon bekannt aus der Untersuchung des Reproduktionsprozesses und ebenso ihre Unzulänglichkeit. Die Antwort stützt sich nämlich ausschließlich auf den Moment des ersten Übergangs von einfacher Reproduktion zur Akkumulation: eben erst, gestern, verzehrten die Kapitalisten ihren ganzen Mehrwert, hatten also auch die entsprechende Geldmenge zu dessen Zirkulation in der Tasche. Heute entschließen sie sich, einen Teil des Mehrwerts zu »sparen« und produktiv anzulegen, statt ihn zu verjubeln. Sie brauchen dazu – vorausgesetzt, daß sachliche Produktionsmittel statt Luxus produziert worden sind – nur einen Teil ihres persönlichen Geldfonds anders zu verwenden. Aber der Übergang von einfacher zur erweiterten Produktion ist ebenso theoretische Fiktion wie die einfache Reproduktion des Kapitals selbst. Marx geht denn auch sogleich weiter:

»Nun wird aber infolge des zuschüssigen produktiven Kapitals, als sein Produkt, eine zuschüssige Warenmasse in Zirkulation geworfen. Mit dieser zuschüssigen Warenmasse wurde zugleich ein Teil des zu ihrer Realisation nötigen zuschüssigen Geldes in Zirkulation geworfen, soweit nämlich der Wert dieser Warenmasse gleich ist dem Wert des in ihrer Produktion verzehrten produktiven Kapitals. Diese zuschüssige Geldmasse ist gerade als zuschüssiges Geldkapital vorgeschossen worden und fließt daher zum Kapitalisten zurück durch den Umschlag seines Kapitals. Hier tritt wieder dieselbe Frage wie oben. Wo kommt das zuschüssige Geld her, um den jetzt in Warenform vorhandenen zuschüssigen Mehrwert zu realisieren?«

Nun aber, wo das Problem in aller Schärfe wieder gestellt ist, bekommen wir statt einer Lösung die folgende unerwartete Antwort:

»Die allgemeine Antwort ist wieder dieselbe. Die Preissumme der zirkulierenden Warenmasse ist vermehrt, nicht weil die Preise einer gegebenen Warenmasse gestiegen, sondern weil die Masse der jetzt zirkulierenden Waren größer ist als die der früher zirkulierenden Waren, ohne daß dies durch einen Fall der Preise ausgeglichen wäre. Das zur Zirkulation dieser größeren Warenmasse von größerem Wert erforderte zuschüssige Geld muß beschafft werden entweder durch erhöhte Ökonomisierung der zirkulierenden Geldmasse – sei es durch Ausgleichung der Zahlungen usw., sei es durch Mittel, welche den Umlauf derselben Geldstücke beschleunigen – oder aber durch Verwandlung von Geld aus der Schatzform in die zirkulierende Form.«6

Diese Lösung geht auf die folgende Erklärung hinaus: die kapitalistische Reproduktion wirft unter den Bedingungen einer im Fluß befindlichen und wachsenden Akkumulation eine immer größere Masse Warenwert auf den Markt. Um diese im Wert wachsende Warenmasse in Zirkulation zu bringen, ist eine immer größere Geldmenge notwendig. Diese wachsende Geldmenge muß eben – beschafft werden. Das ist alles unzweifelhaft richtig und einleuchtend, aber das Problem, um das es sich handelte, ist damit nicht gelöst, sondern verschwunden.

Eins von beiden. Entweder betrachtet man das gesellschaftliche Gesamtprodukt (der kapitalistischen Wirtschaft) einfach als eine Warenmasse von bestimmtem Wert, als einen »Warenbrei«, und sieht, bei Bedingungen der Akkumulation, nur ein Anwachsen dieses unterschiedslosen Warenbreies und dessen Wertmasse. Dann wird nur zu konstatieren sein, daß zur Zirkulation dieser Wertmasse eine entsprechende Geldmenge notwendig ist, daß diese Geldmenge wachsen muß, wenn die Wertmasse wächst – falls die Beschleunigung des Verkehrs und seine Ökonomisierung den Wertzuwachs nicht aufwiegen. Und etwa auf eine letzte Frage, woher denn schließlich alles Geld komme, kann man mit Marx die Antwort geben: aus den Goldgruben. Das ist auch ein Standpunkt, nämlich der Standpunkt der einfachen Warenzirkulation. Aber dann braucht man nicht Begriffe wie konstantes und variables Kapital und Mehrwert hineinzubringen, die nicht zur einfachen Warenzirkulation, sondern zur Kapitalzirkulation und zur gesellschaftlichen Reproduktion gehören, und man braucht dann nicht die Frage zu stellen: wo kommt das Geld her, um den gesellschaftlichen Mehrwert, und zwar 1. sub einfacher Reproduktion, 2. sub erweiterter Reproduktion zu realisieren? Solche Fragen haben vom Standpunkt der einfachen Waren- und Geldzirkulation gar keinen Sinn und Inhalt. Hat man aber einmal diese Fragen gestellt und die Untersuchung auf das Geleise der Kapitalzirkulation und der gesellschaftlichen Reproduktion eingestellt, dann darf man nicht die Antwort im Bereiche der einfachen Warenzirkulation suchen, um – da hier das Problem nicht existiert und nicht beantwortet werden kann – hinterher zu erklären: das Problem sei schon längst beantwortet, es existiere überhaupt nicht.

Die Fragestellung selbst ist also bei Marx die ganze Zeit schief gewesen. Es hat keinen ersichtlichen Zweck zu fragen: wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu realisieren? Sondern die Frage muß lauten: wo kommt die Nachfrage her, wo ist das zahlungsfähige Bedürfnis für den Mehrwert? War die Frage von Anfang an so gestellt, so hätte es nicht so langwieriger Umwege bedurft, um ihre Lösbarkeit, respektive Unlösbarkeit klar hervortreten zu lassen. Unter der Annahme der einfachen Reproduktion ist die Sache einfach genug: da der ganze Mehrwert von den Kapitalisten verzehrt wird, so sind sie eben selbst die Abnehmer, die Nachfrage für den gesellschaftlichen Mehrwert in seinem ganzen Umfang, müssen also auch das zur Zirkulation des Mehrwerts nötige Kleingeld in der Tasche haben. Aber gerade aus derselben Tatsache ergibt sich mit Evidenz, daß unter der Bedingung der Akkumulation, d.h. der Kapitalisierung eines Teils des Mehrwerts, die Kapitalistenklasse selbst unmöglich ihren ganzen Mehrwert abkaufen, realisieren kann. Es stimmt schon, daß genug Geld beschafft werden muß, um den kapitalisierten Mehrwert zu realisieren – wenn er überhaupt realisiert werden soll. Aber dieses Geld kann unmöglich aus der Tasche der Kapitalisten selbst kommen. Sie sind vielmehr gerade durch Annahme der Akkumulation Nichtabnehmer ihres Mehrwerts, auch wenn sie – abstrakt genommen – hierfür Geld genug in der Tasche hätten. Wer kann aber sonst die Nachfrage nach den Waren darstellen, in denen der kapitalisierte Mehrwert steckt?

»Außer dieser Klasse – der Kapitalisten – gibt es nach unserer Unterstellung – allgemeine und ausschließliche Herrschaft der kapitalistischen Produktion – überhaupt keine andere Klasse als die Arbeiterklasse. Alles, was die Arbeiterklasse kauft, ist gleich der Summe ihres Arbeitslohns, gleich der Summe des von der gesamten Kapitalistenklasse vorgeschossenen variablen Kapitals.«

Die Arbeiter können also den kapitalisierten Mehrwert noch weniger realisieren wie die Kapitalistenklasse. Aber irgend jemand muß ihn doch abkaufen, sollen die Kapitalisten das vorgeschossene akkumulierte Kapital immer wieder in die Hände kriegen. Und doch ist außer Kapitalisten und Arbeitern kein Abnehmer denkbar. »Wie soll also die gesamte Kapitalistenklasse Geld akkumulieren?«7 Die Realisierung des Mehrwerts außerhalb der beiden einzig existierenden Klassen der Gesellschaft scheint ebenso notwendig wie unmöglich. Die Akkumulation des Kapitals ist in einen fehlerhaften Zirkel geraten. Im II. Bande des »Kapital« finden wir jedenfalls keine Lösung des Problems.

Wenn man nun fragen wollte, weshalb die Lösung dieses wichtigen Problems der kapitalistischen Akkumulation in dem Marxschen »Kapital« nicht zu finden ist, so muß vor allem der Umstand in Betracht gezogen werden, daß der II. Band des »Kapital« kein abgeschlossenes Werk, sondern Manuskript war, das mitten im Wort abgebrochen wurde.

Schon die äußere Form namentlich der letzten Kapitel dieses Bandes zeigt, daß es mehr Aufzeichnungen zur Selbstverständigung des Denkers sind als fertige Ergebnisse, bestimmt zur Aufklärung des Lesers. Diese Tatsache bestätigt uns zur Genüge der berufenste Zeuge – nämlich der Herausgeber des H. Bandes, Friedrich Engels. In seinem Vorwort zum II. Band berichtet er über den Stand der von Marx hinterlassenen Vorarbeiten und Manuskripte, die als Grundlage für diesen Band dienen sollten, in folgender Weise:

Die bloße Aufzählung des von Marx hinterlassenen handschriftlichen Materials zu Buch II beweist, mit welcher Gewissenhaftigkeit ohnegleichen, mit welcher strengen Selbstkritik er seine großen ökonomischen Entdeckungen bis zur äußersten Vollendung auszuarbeiten strebte, ehe er sie veröffentlichte; eine Selbstkritik, die ihn nur selten dazu kommen ließ, die Darstellung nach Inhalt und Form seinem stets durch neues Studium sich erweiternden Gesichtskreis anzupassen. Dies Material besteht nun aus folgendem:

Zuerst ein Manuskript ›Zur Kritik der politischen Ökonomie‹, 1.472 Quartseiten in 23 Heften, geschrieben August 1861 bis Juni 1863. Es ist die Fortsetzung des 1859 in Berlin erschienenen ersten Hefts desselben Titels. – So wertvoll dies Manuskript, so wenig war es für die gegenwärtige Ausgabe des Buch II zu benutzen.

Das dem Datum nach jetzt folgende Manuskript ist das von Buch III –.

Aus der nächsten Periode – nach Erscheinen des Buch I – liegt vor für Buch II eine Sammlung von vier Manuskripten in Folio, von Marx selbst I-IV numeriert. Davon ist Manuskript I (150 Seiten), vermutlich von 1865 oder 67 datierend, die erste selbständige, aber mehr oder weniger fragmentarische Bearbeitung von Buch II in seiner gegenwärtigen Einteilung. Auch hiervon war nichts benutzbar. Manuskript III besteht teils aus einer Zusammenstellung von Zitaten und Hinweisen auf Marx‘ Auszugshefte – meist auf den ersten Abschnitt des Buch II bezüglich – teils aus Bearbeitungen einzelner Punkte, namentlich der Kritik der Ad. Smithschen Sätze über fixes und zirkulierendes Kapital und über die Quelle des Profits; ferner eine Darstellung des Verhältnisses der Mehrwertsrate zur Profitrate, die in Buch III gehört. Die Hinweise lieferten wenig neue Ausbeute, die Ausarbeitungen waren sowohl für Buch II wie Buch III durch spätere Redaktionen überholt, mußten also auch meist beiseite gelegt werden. – Manuskript IV ist eine druckfertige Bearbeitung des ersten und der ersten Kapitel des zweiten Abschnitts von Buch II, und ist da, wo es an die Reihe kommt, auch benutzt worden. Obwohl sich herausstellte, daß es früher abgefaßt ist als Manuskript H, so konnte es doch, weil vollendeter in der Form, für den betreffenden Teil des Buches mit Vorteil benutzt werden; es genügte, aus Manuskript II einige Zusätze zu machen. – Dies letztere Manuskript ist die einzige einigermaßen fertig vorliegende Bearbeitung des Buch II und datiert von 1870. Die gleich zu erwähnenden Notizen für die schließliche Redaktion Sagen ausdrücklich: ›Die zweite Bearbeitung muß zugrunde gelegt werden.‹

Nach 1870 trat wieder eine Pause ein, bedingt hauptsächlich durch Krankheitszustände. Wie gewöhnlich füllte Marx diese Zeit durch Studien aus; Agronomie, amerikanische und namentlich russische ländliche Verhältnisse, Geldmarkt und Bankwesen, endlich Naturwissenschaften: Geologie und Physiologie, und namentlich selbständige mathematische Arbeiten, bilden den Inhalt der zahlreichen Auszugshefte aus dieser Zeit. Anfang 1877 fühlte er sich soweit hergestellt, daß er wieder an seine eigentliche Arbeit gehen konnte. Von Ende März 1877 datieren Hinweise und Notizen aus obigen vier Manuskripten als Grundlage einer Neubearbeitung von Buch II, deren Anfang in Manuskript V (56 Seiten Folio) vorliegt. Es umfaßt die ersten vier Kapitel und ist noch wenig ausgearbeitet; wesentliche Punkte werden in Noten unter dem Text behandelt; der Stoff ist mehr gesammelt als gesichtet, aber es ist die letzte vollständige Darstellung dieses wichtigsten Teils des ersten Abschnitts. – Ein erster Versuch, hieraus ein druckfertiges Manuskript zu machen, liegt vor in Manuskript VI (nach Oktober 1877 und vor Juli 78); nur 17 Quartseiten, den größten Teil des ersten Kapitels umfassend, ein zweiter – der letzte – in Manuskript VII, ›2. Juli 1878‹, nur 7 Folioseiten.

Um diese Zeit scheint Marx sich darüber klar geworden zu sein, daß ohne eine vollständige Revolution seines Gesundheitszustandes es nie dahin kommen werde, eine ihm selbst genügende Bearbeitung des zweiten und dritten Buches zu vollenden. In der Tat tragen die Manuskripte V-VIII die Spuren gewaltsamen Ankampfes gegen niederdrückende Krankheitszustände nur zu oft an sich. Das schwierigste Stück des ersten und der ganze zweite Abschnitt (mit Ausnahme des siebzehnten Kapitels) boten keine bedeutenden theoretischen Schwierigkeiten; der dritte Abschnitt dagegen, die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Kapitals, schien ihm einer Umarbeitung dringend bedürftig. In Manuskript II war nämlich die Reproduktion behandelt zuerst ohne Berücksichtigung der sie vermittelnden Geldzirkulation und sodann nochmals mit Rücksicht auf diese. Dies sollte beseitigt und der ganze Abschnitt überhaupt so umgearbeitet werden, daß er dem erweiterten Gesichtskreis des Verfassers entsprach. So entstand Manuskript VIII, ein Heft von nur 70 Quartseiten; was Marx aber auf diesen Raum zusammenzudrängen verstand, beweist die Vergleichung von Abschnitt III im Druck, nach Abzug der aus Manuskript II eingeschobenen Stücke.

Auch dies Manuskript ist nur eine vorläufige Behandlung des Gegenstandes, bei der es vor allem darauf ankam, die gewonnenen neuen Gesichtspunkte gegenüber Manuskript II festzustellen und zu entwickeln, unter Vernachlässigung der Punkte, über die nichts Neues zu sagen war. Auch ein wesentliches Stück von Kapitel XVII des zweiten Abschnittes, das ohnehin einigermaßen in den dritten Abschnitt übergreift, wird wieder hineingezogen und erweitert. Die logische Folge wird öfters unterbrochen, die Behandlung ist stellenweise lückenhaft und namentlich am Schluß ganz fragmentarisch. Aber was Marx sagen wollte, ist in dieser oder jener Weise darin gesagt.

Das ist das Material zu Buch II, woraus, nach einer Äußerung von Marx zu seiner Tochter Eleanor kurz vor seinem Tode, ich ›etwas machen‹ sollte.«

Man muß dies »etwas« bewundern, das Engels aus einem so beschaffenen Material zu machen verstanden hat. Aus seinem genauen Bericht geht aber für die uns interessierende Frage mit aller Deutlichkeit hervor, daß von den drei Abschnitten, die den Band II bilden, für die ersten zwei: über den Kreislauf des Geld- und Warenkapitals sowie die Zirkulationskosten und über den Umschlag des Kapitals das von Marx hinterlassene Manuskript am ehesten druckreif war. Hingegen stellt der dritte Abschnitt, der die Reproduktion des Gesamtkapitals behandelt, nur eine Sammlung von Fragmenten dar, die Marx selbst einer Umarbeitung »dringend bedürftig« schienen. Von diesen Abschnitt ist aber das letzte, einundzwanzigste Kapitel, auf das es gerade ankommt: die Akkumulation und erweiterte Reproduktion, am unfertigsten vom ganzen Buch geblieben. Es umfaßt alles in allem bloß 35 Druckseiten und bricht mitten in der Analyse ab.

Außer diesem äußeren Umstand war u. E. noch ein anderes Moment von großem Einfluß. Die Untersuchung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses nimmt bei Marx, wie wir gesehen, ihren Ausgangspunkt von der Ad. Smithschen Analyse, die u.a. an dem falschen Satz von der Preiszusammensetzung aller Waren aus v+m gescheitert ist. Die Auseinandersetzung mit diesem Dogma beherrscht nun die ganze Analyse des Reproduktionsprozesses bei Marx. Der Beweisführung, daß das gesellschaftliche Gesamtprodukt nicht bloß der Konsumtion im Betrage der verschiedenen Einkommensquellen, sondern auch der Erneuerung des konstanten Kapitals dienen muß, widmet Marx seine ganze Aufmerksamkeit. Da aber für diese Beweisführung die theoretisch reinste Form nicht bei der erweiterten, sondern bei der einfachen Reproduktion gegeben ist, so betrachtet Marx vorwiegend die Reproduktion unter einem der Akkumulation gerade entgegengesetzten Gesichtswinkel: unter der Annahme, daß der ganze Mehrwert von den Kapitalisten verzehrt wird. Wie sehr die Polemik gegen Smith die Marxsche Analyse beherrschte, dafür zeugt, daß er zu dieser Polemik im Verlaufe seiner ganzen Arbeit unzählige Male von verschiedensten Seiten zurückkehrt. So sind ihr gewidmet gleich im I. Band, 7. Abschnitt, 22. Kapitel, S. 551–554, im II. Band S. 335 bis 370, S. 383, S. 409–412, S. 451–453. Im Band III nimmt Marx das Problem der Gesamtreproduktion wieder auf, stürzt sich aber dabei wieder sofort in das von Smith aufgegebene Rätsel und widmet ihm das ganze 49. Kapitel (S. 367–388) und eigentlich auch noch das ganze 50. Kapitel (S. 388 bis 413). Endlich in den Theorien über den Mehrwert finden wir wieder ausführliche Polemiken gegen das Smithsche Dogma in Band I S. 164–253, Band II, S. 92, 95, 126, 233–262. Wiederholt betont und unterstreicht Marx selbst, daß er gerade in dem Problem des Ersatzes des konstanten Kapitals aus dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt die schwierigste und wichtigste Frage der Reproduktion erblickte.8 So wurde das aridere Problem, das der Akkumulation, nämlich der Realisierung des Mehrwerts zu Zwecken der Kapitalisierung, in den Hindergrund gedrängt und ist schließlich von Marx kaum angeschnitten worden.

Bei der großen Bedeutung dieses Problems für die kapitalistische Wirtschaft ist es kein Wunder, daß es die bürgerliche Ökonomie immer und immer wieder beschäftigte. Die Versuche, mit der Lebensfrage der kapitalistischen Wirtschaft, nämlich mit der Frage, ob die Kapitalakkumulation praktisch möglich sei, fertig zu werden, tauchen im Verlaufe der Geschichte der Ökonomie immer wieder auf. Zu diesen geschichtlichen Versuchen, vor wie nach Marx, die Frage zu lösen, wollen wir uns jetzt wenden.

1 Das Kapital, Bd. II, S. 466.

2 Das Kapital, Bd. II, S. 304.

3 Das Kapital, Bd. II, S. 306.

4 Das Kapital, Bd. II, S. 308.

5 Das Kapital, Bd. II, S. 309.

6 Das Kapital, Bd. II, S. 318.

7 Das Kapital, Bd. II, S. 322.

8 Siehe z.B. Das Kapital, Bd. II, S. 343, 424, 431.

Zweiter Abschnitt. Geschichtliche Darstellung des Problems.

Erster Waffengang.

Kontroverse zwischen Sismondi – Malthus und Say – Ricardo – Mac Culloch.

Zehntes Kapitel.

Die Sismondische Theorie der Reproduktion.

Die ersten starken Zweifel an der Gottähnlichkeit der kapitalistischen Ordnung stiegen in der bürgerlichen Nationalökonomie unter dem unmittelbaren Eindruck der ersten Krisen in England im Jahre 1815 und 1818/19 auf. Noch waren die Umstände, die zu diesen Krisen geführt hatten, eigentlich äußerer, scheinbar zufälliger Natur. Zum Teil war dies die napoleonische Kontinentalsperre, die England künstlich von seinen europäischen Absatzmärkten für eine Zeitlang abgeschnitten und inzwischen in kurzer Zeit eine bedeutende Entwickelung der eigenen Industrie auf einigen Gebieten in den kontinentalen Staaten begünstigt hatte; zum Teil war es die materielle Erschöpfung des Kontinents durch die lange Kriegsperiode, was nach der Aufhebung der Kontinentalsperre den erwarteten Absatz für englische Produkte verringerte. Diese ersten Krisen genügten jedoch, um den Zeitgenossen die Kehrseite der Medaille der besten aller Gesellschaftformen in ihrer ganzen Grauenhaftigkeit vor die Augen zu führen. Überfüllte Märkte, Magazine voll Waren, die keine Abnehmer fanden, zahlreiche Bankrotte, andererseits ein schreiendes Elend der Arbeitermassen – alles das stieg zum erstenmal vor den Augen der Theoretiker auf, die in allen Tonarten die harmonischen Schönheiten des bürgerlichen laissez faire gepriesen und verkündet hatten. Alle zeitgenössischen Handelsnachrichten, Zeitschriften, Erzählungen der Reisenden berichteten über Verluste der englischen Warenhändler. In Italien, Deutschland, Rußland, in Brasilien schlugen die Engländer ihre Warenvorräte mit einem Verlust von ¼ bis 1/3 los. 1818 beklagte man sich am Kap der Guten Hoffnung, daß alle Läden mit europäischen Waren angefüllt waren, die man zu niedrigeren Preisen als in Europa anbot, ohne sie loswerden zu können. Aus Kalkutta ertönten ähnliche Klagen. Ganze Warenladungen kamen aus Neuholland nach England zurück. In den Vereinigten Staaten gab es nach dem Reisebericht eines Zeitgenossen »von einem Ende dieses ungeheuren und so wohlhabenden Festlandes bis zum anderen keine Stadt, keinen Marktflecken, in dem die Menge der zum Verkaufe ausliegenden Waren die Mittel der Käufer nicht bedeutend überstiege, obgleich die Verkäufer sich bemühten, durch sehr lange Kredite und zahlreiche Arten von Zahlungserleichterungen, durch Abzahlungen und Annahme von Waren an Zahlungsstatt die Kunden anzulocken.«

Gleichzeitig ertönte in England der Verzweiflungsschrei der Arbeiter. In der »Edinburgh Review« vom Mai 1820 ist die Adresse der Strumpfwirker von Nottingham angeführt, die folgende Worte enthält: »Bei einer vierzehn- bis sechzehnstündigen täglichen Arbeit verdienen wir nur vier bis sieben Schilling die Woche, von welchem Verdienst wir unsere Frauen und Kinder ernähren müssen. Wir stellen ferner fest, daß, trotzdem wir Brot und Wasser oder Kartoffeln mit Salz an Stelle der gesünderen Nahrung haben setzen müssen, welche ehemals stets reichlich auf den englischen Tischen zu sehen war, wir nach der ermüdenden Arbeit eines ganzen Tages häufig gezwungen gewesen sind, unsere Kinder hungrig zu Bett zu schicken, um ihr Schreien nach Brot nicht zu hören. Wir erklären auf das feierlichste, daß wir während der letzten achtzehn Monate kaum je das Gefühl der Sättigung gehabt haben.«1

Fast gleichzeitig erhoben dann ihre Stimme zu einer wuchtigen Anklage gegen die kapitalistische Gesellschaft Owen in England und Sismondi in Frankreich. Während Owen jedoch, als praktischer Engländer und als Bürger des ersten Industriestaates, sich zum Wortführer einer großzügigen sozialen Reform machte, verlief sich der schweizerische Kleinbürger in breite Anklagen gegen die Unvollkommenheiten der bestehenden Gesellschaftsordnung und gegen die klassische Ökonomie. Doch dadurch gerade hat Sismondi der bürgerlichen Ökonomie viel härtere Nüsse zu knacken gegeben als Owen, dessen fruchtbare praktische Wirksamkeit sich direkt an das Proletariat wendete.

Daß es England und namentlich die erste englische Krise war, wovon Sismondi zu seiner sozialen Kritik Anstoß erhielt, schildert er uns selbst ausführlich in der Vorrede zur 2. Auflage seiner »Nouveaux principes d’économie politique ou de la richesse dans ses rapports avec la population«. (Die erste Auflage ist 1819, die zweite acht Jahre später erschienen.)

»In England war es, wo ich diese Aufgabe gelöst habe. England hat die berühmtesten Volkswirte hervorgebracht. Ihre Lehren werden dort heute noch mit einer verdoppelten Wärme vorgetragen. – Der allgemeine Wettbewerb oder der Wunsch, immer mehr zu produzieren und zu immer billigerem Preise, ist seit langer Zeit das in England maßgebende System. Ich habe dieses System als gefährlich angegriffen, dies System, das Englands Industrie die ungeheuerlichsten Fortschritte hat machen lassen, aber das in seinem Verlauf die Arbeiter in ein erschreckendes Elend gestürzt hat. Neben diese Zuckungen des Reichtums habe ich geglaubt mich stellen zu sollen, um meine Ausführungen noch einmal zu überlegen und sie mit den Tatsachen zu vergleichen.

Das Studium Englands hat mich in meinen ›neuen Grundsätzen‹ befestigt. In diesem überraschenden Lande, das eine große Erfahrung zur Belehrung der übrigen Welt in sich zu bergen scheint, habe ich die Produktion zunehmen und die Genüsse abnehmen sehen. Die Masse der Bevölkerung scheint dort ebenso wie die Philosophen zu vergessen, daß das Anwachsen der Reichtümer nicht der Zweck der politischen Ökonomie ist, sondern das Mittel, dessen sie sich bedient, um das Glück aller zu fördern. Ich habe dieses Glück in allen Klassen gesucht, es aber nirgends finden können. Tatsächlich ist die hohe englische Aristokratie bei einem Grad des Reichtums und des Luxus angelangt, der alles übersteigt, was man bei allen übrigen Völkern zu sehen bekommt. Indessen erfreut sie sich selbst nicht der Fülle, die sie auf Kosten der anderen Klassen erworben zu haben scheint; es mangelt ihr die Sicherheit: Entbehrung macht sich in jeder Familie noch mehr bemerkbar als der Überfluß. – Unter dieser betitelten und nicht betitelten Aristokratie nimmt der Handel eine hervorragende Stellung ein, seine Unternehmungen umfassen die ganze Welt, seine Angestellten bieten dem Polarreise und der Hitze des Äquators Trotz, während jeder der Chefs, die sich auf der Börse versammeln, über Millionen gebietet. Zu gleicher Zeit stellen in allen Straßen Londons, sowie in denen der anderen großen Städte Englands die Läden Waren zur Schau, die dem Verbrauch des Weltalls genügen würden. Bringt aber der Reichtum dem englischen Händler die Art von Glück, die er zu gewähren imstande ist? Nein, in keinem Lande sind die Bankrotte so häufig. Nirgends werden diese ungeheuren Vermögen, von denen jedes für öffentliche Anleihe zur Erhaltung eines Reiches oder einer Republik ausreichen würde, mit solcher Schnelligkeit in alle Winde zerstreut. Alle beklagen sich, daß die Geschäfte nicht ausreichend, daß sie schwierig und wenig einträglich sind. Vor wenigen Jahren haben zwei schreckliche Krisen einen Teil der Bankiers zugrunde gerichtet, und die Verheerung hat sich auf alle englischen Manufakturen erstreckt. Zu gleicher Zeit hat eine andere Krise die Pächter zugrunde gerichtet und hat ihre Rückwirkung den Kleinhandel fühlen lassen. Andererseits ist dieser Handel trotz seiner ungeheuren Ausdehnung nicht imstande, jungen Leuten einen Platz zu bieten; alle Stellen sind besetzt und in den oberen Schichten der Gesellschaft wie in den niederen bietet der größte Teil vergebens seine Arbeit an, ohne einen Lohn erhalten zu können.

Hat dieser nationale Wohlstand, dessen materielle Fortschritte alle Augen blenden, hat dieser endlich zum Vorteil der Armen gedient? Nichts weniger als das. In England hat das Volk ebensowenig Behaglichkeit in der Gegenwart, wie die Sicherung für die Zukunft. Keine Bauern gibt es mehr auf dem Lande; man hat sie gezwungen, Taglöhnern Platz zu machen; fast keine Handwerker mehr in den Städten oder unabhängige Kleinindustrielle, sondern nur Fabrikarbeiter. Der Industrielle (soll heißen Lohnarbeiter. R.L.), um ein Wort anzuwenden, das dieses System selbst aufgebracht hat, weiß nicht mehr, was es heißt, einen Beruf zu haben, er erhält einfach Lohn und da dieser Lohn ihm nicht gleichmäßig zu allen Zeiten genügen kann, ist er fast in jedem Jahr gezwungen, von der Börse der Armen ein Almosen zu erbitten.

Diese reiche Nation hat es für vorteilhafter befunden, alles Gold und Silber, das sie besaß, zu verkaufen, zu Anweisungen überzugehen und ihren ganzen Umlauf mittels Papier zu bewirken. Sie hat sich so freilich des bedeutendsten Vorteils des Zahlmittels beraubt, der Beständigkeit des Preises; die Inhaber von Anweisungen auf Provinzialbanken laufen täglich Gefahr, durch häufige und gewissermaßen epidemisch auftretende Bankrotte der Bankiers zugrunde gerichtet zu werden, und der ganze Staat ist in allen seinen Vermögens-beziehungen den größten Zuckungen ausgesetzt, wenn ein feindlicher Einfalt oder eine Revolution den Kredit der Nationalbank erschüttert. Die englische Nation hat es für sparsamer befunden, auf die Bodenbestellungsarten zu verzichten, die viel Handarbeit erfordern, und hat die Hälfte der Landbebauer, die seine Felder bewohnten, verabschiedet, ebenso wie die Handwerker in den Städten; die Weber machen Platz den ›power looms‹ (Dampfwebstuhl) und erliegen heute dem Hunger; sie hat es für sparsamer befunden, alle Arbeiter auf den niedrigsten Lohn zu setzen, mit dem sie leben können, so daß die Arbeiter, die nur noch Proletarier sind, keine Furcht hegen, sich in ein noch tieferes Elend zu stürzen, wenn sie immer zahlreichere Familien aufziehen; sie hat es für sparsamer befunden, die Irländer nur mit Kartoffeln zu nähren und ihnen nur Lumpen zur Kleidung zu geben, und so bringt jedes Schiff täglich Legionen Irländer, die zu billigerem Preise arbeiten als die Engländer und diese aus allen Gewerben vertreiben. Was sind also die Früchte dieses ungeheuren angehäuften Reichtums? Haben sie eine andere Wirkung gehabt, als die Sorgen, die Entbehrungen, die Gefahr eines vollständigen Untergangs allen Klassen mitzuteilen? Hat England, als es die Menschen über den Dingen vergaß, nicht den Zweck den Mitteln geopfert«.2

Man muß gestehen, daß dieser der kapitalistischen Gesellschaft vor bald hundert Jahren vorgehaltene Spiegel an Deutlichkeit wie an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Sismondi legt den Finger in alle wunden Stellen der bürgerlichen Ökonomie: Ruin des Kleingewerbes, Entvölkerung des platten Landes, Proletarisierung der Mittelschichten, Verelendung der Arbeiter, Verdrängung der Arbeiter durch Maschinerie, Arbeitslosigkeit, Gefahren des Kreditsystems, soziale Kontraste, Unsicherheit der Existenz, Krisen, Anarchie. Seine herbe und eindringliche Skepsis fiel namentlich wie ein schriller Mißton in den satten Optimismus der vulgärökonomischen Harmonieduselei, die sich bereits in England wie in Frankreich in den Personen dort Mac Cullochs, hier J. B. Says breit machte und die ganze offizielle Wissenschaft beherrschte. Man kann sich leicht vorstellen, welchen tiefen und peinlichen Eindruck Äußerungen machen mußten, wie die folgenden:

»Der Luxus ist nur möglich, wenn man ihn mit der Arbeit eines anderen kauft, angestrengte Arbeit ohne Erholung ist nur möglich, wenn man sich nicht leichtfertigen Tand, sondern Lebensbedürfnisse verschaffen will.« (I 60.)

»Obgleich die Erfindung der Maschinen, die die Kräfte des Menschen vervielfacht, eine Wohltat für die Menschen ist, verwandelt die ungerechte Verteilung ihrer Wohltaten sie in Geißeln der Armen.« (I XXI.)

»Der Profit des Unternehmers ist nichts als ein Raub an dem Arbeiter, er gewinnt nicht, weil sein Unternehmen viel mehr einbringt, als es kostet, sondern weil er nicht bezahlt, was es kostet, weil er dem Arbeiter einen genügenden Entgelt für seine Arbeit nicht gewährt. Eine solche Industrie ist ein gesellschaftliches Übel, sie stößt diejenigen, welche arbeiten, in das äußerste Elend, während sie nur den gewöhnlichen Kapitalprofit dem Leiter zu gewähren vorgibt.« (I 71.)

»Von denen, die sich in das Nationaleinkommen teilen, erwerben die einen jedes Jahr ein neues Recht auf dasselbe durch eine neue Arbeit, die anderen haben von alters her ein dauerndes Recht durch eine frühere Arbeit erworben, welche die jährliche Arbeit lohnender gemacht hat.« (I 86.)

»Nichts kann verhindern, daß jede neue Erfindung in der angewandten Mechanik nicht die arbeitende Bevölkerung vermindert. Dieser Gefahr ist sie stets ausgesetzt, und die bürgerliche Gesellschaft kennt kein Mittel dagegen.« (II 258.)

»Ohne Zweifel wird eine Zeit kommen, in der unsere Enkel uns als nicht minder barbarisch ansehen werden, weil wir die arbeitenden Klassen ohne Garantie gelassen haben, wie sie und wir selbst die Nationen als barbarisch ansehen, die diese selben Klassen als Sklaven behandelt haben.« (II 337.)

Sismondi geht also in seiner Kritik aufs Ganze; er lehnt jede Schönfärberei und jede Ausflucht ab, die etwa die von ihm aufgezeigten Schattenseiten der kapitalistischen Bereicherung bloß als temporäre Schäden einer Übergangsperiode zu entschuldigen suchte, und er schließt seine Untersuchung mit der folgenden Bemerkung gegen Say: »Seit sieben Jahren habe ich diese Krankheit des sozialen Körpers dargelegt, sieben Jahre hat sie nicht aufgehört, zuzunehmen. Ich kann in einem so fortgesetzten Leiden nicht nur Unbequemlichkeiten sehen, die stets die Übergänge begleiten, und ich glaube dadurch, daß ich auf den Ursprung des Einkommens zurückgegangen bin, gezeigt zu haben, daß die Übel, unter denen wir leiden, die notwendige Folge der Fehler unserer Organisation sind, die keineswegs nahe daran sind, aufzuhören.«3

Die Quelle aller Übel sieht Sismondi nämlich in dem Mißverhältnis zwischen der kapitalistischen Produktion und der durch sie bedingten Einkommensverteilung, und hier greift er in das uns interessierende Problem der Akkumulation ein.

Das Leitmotiv seiner Kritik gegenüber der klassischen Ökonomie ist dies: die kapitalistische Produktion wird ermuntert zur schrankenlosen Erweiterung ohne jede Rücksicht auf die Konsumtion, diese aber ist bemessen durch das Einkommen. »Alle neueren Volkswirte – sagt er – haben tatsächlich anerkannt, daß das öffentliche Vermögen, insofern es nur die Zusammensetzung des Privatvermögens ist, durch dieselben Vorgänge, wie das jedes Privatmannes entsteht, sich vermehrt, verteilt wird, zugrunde geht. Alle wußten gar wohl, daß bei einem Privatvermögen der Teil, der ganz besonders beachtet werden muß, das Einkommen ist, daß nach dem Einkommen der Verbrauch oder die Ausgabe sich richten muß, wenn man nicht das Kapital zerstören will. Da aber in dem öffentlichen Vermögen aus dem Kapital des einen das Einkommen des anderen wird, waren sie in Verlegenheit, zu entscheiden, was Kapital ist und was Einkommen, und haben es deshalb für das einfachste gehalten, das letztere vollständig bei ihren Berechnungen beiseite zu lassen. Durch die Unterlassung der Bestimmung einer so wesentlichen Menge sind Say und Ricardo zu dem Glauben gelangt, daß der Verbrauch eine unbegrenzte Macht sei oder wenigstens, daß seine Grenzen lediglich durch die Produktion bestimmt werden, während er doch tatsächlich durch das Einkommen begrenzt wird. Sie haben gemeint, daß jeder produzierte Reichtum stets Verbraucher finde, und sie haben die Produzenten zu dieser Überfüllung der Märkte ermutigt, die heute das Elend der gesitteten Welt ausmacht, anstatt daß sie die Produzenten hätten darauf hinweisen sollen, daß sie nur auf Verbraucher rechnen können, die ein Einkommen haben.«4

Sismondi legt seiner Auffassung also eine Lehre vom Einkommen zugrunde. Was ist Einkommen und was Kapital? – dieser Unterscheidung wendet er die größte Aufmerksamkeit zu und nennt sie »die abstrakteste und schwierigste Frage der Volkswirtschaft«. Das IV. Kapitel im Buch II ist dieser Frage gewidmet. Sismondi beginnt die Untersuchung wie üblich mit einer Robinsonade. Für den »Einzelmenschen« war die Unterscheidung zwischen Kapital und Einkommen »noch eine dunkle«, erst in der Gesellschaft wurde sie »grundstürzend«. Aber auch in der Gesellschaft wird diese Unterscheidung sehr schwierig, nämlich durch die uns bereits bekannte Fabel der bürgerlichen Ökonomie, wonach »das, was für den einen Kapital, für den anderen Einkommen wird« und umgekehrt. Sismondi übernimmt diesen Wirrwarr, den Smith angerichtet und Say zum Dogma und zum legitimen Rechtfertigungsgrund der Gedankenfaulheit und Oberflächlichkeit erhoben hatte, getreulich: »Die Natur des Kapitals und des Einkommens vermengen sich in unserem Geiste fortwährend; wir sehen das, was für den einen Einkommen ist, zum Kapital für den anderen werden und denselben Gegenstand, während er aus einer Hand in die andere geht, nach und nach die verschiedensten Bezeichnungen annehmen, während sein Wert, der sich von dem verzehrten Gegenstande ablöst, eine übersinnliche Menge scheint, welche der eine verausgabt und der andere austauscht, welche bei dem einen mit dem Gegenstand selbst untergeht und sich bei dem anderen wieder erneut und solange andauert wie der Umlauf.« Nach dieser vielversprechenden Einleitung stürzt er sich in das schwierige Problem und erklärt: Aller Reichtum ist das Produkt der Arbeit. Das Einkommen ist ein Teil des Reichtums, folglich muß es denselben Ursprung haben. Es sei indessen »üblich«, drei Arten des Einkommens anzuerkennen, welche man Rente, Gewinn und Lohn nennt und die drei verschiedenen Quellen entstammen: »der Erde, dem angesammelten Kapital und der Arbeit.« Was den ersten Satz betrifft, so ist er natürlich schief; unter Reichtum versteht man im gesellschaftlichen Sinne die Summe nützlicher Gegenstände, Gebrauchswerte, diese sind aber nicht bloß Produkte der Arbeit, sondern auch der Natur, die dazu Stoff liefert und die menschliche Arbeit durch ihre Kräfte unterstützt. Das Einkommen hingegen bedeutet einen Wertbegriff, den Umfang der Verfügung des oder der einzelnen über einen Teil des Reichtums oder des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Da Sismondi das gesellschaftliche Einkommen für einen Teil des gesellschaftlichen Reichtums erklärt, könnte man annehmen, er verstehe unter Einkommen der Gesellschaft ihren tatsächlichen jährlichen Konsumtionsfonds. Der übrige nicht konsumierte Teil des Reichtums wäre alsdann das gesellschaftliche Kapital, und wir näherten uns so wenigstens in schwachen Umrissen der gesuchten Unterscheidung von Kapital und Einkommen auf gesellschaftlicher Basis. Allein schon im nächsten Augenblick akzeptiert Sismondi die »übliche« Unterscheidung von drei Einkommensarten, deren eine nur aus dem »angesammelten Kapital« stammt, während bei den anderen neben das Kapital noch »die Erde« und »die Arbeit« treten. Der Kapitalsbegriff verschwimmt dabei sofort wieder ins Nebelhafte. Doch folgen wir Sismondi weiter. Er bemüht sich, die drei Arten des Einkommens, die eine antagonistische Gesellschaftsbasis verraten, in ihrer Entstehung zu erklären. Ganz richtig nimmt er zum Ausgangspunkt eine gewisse Höhe der Produktivität der Arbeit: »Dank den Fortschritten des Gewerbefleißes und der Wissenschaft, welche dem Menschen alle Naturkräfte unterworfen haben, kann jeder Arbeiter jeden Tag mehr und mehr herstellen, als er zur Verzehrung bedarf.« Nachdem er aber so richtig die Produktivität der Arbeit als die unumgängliche Voraussetzung und die geschichtliche Grundlage der Ausbeutung hervorgehoben hat, gibt er für die tatsächliche Entstehung der Ausbeutung eine typische Erklärung im Sinne der bürgerlichen Ökonomie: »Aber zu der gleichen Zeit, in der seine (des Arbeiters) Arbeit Reichtum schafft, würde der Reichtum, wenn er ihn genießen sollte, ihn wenig geschickt zur Arbeit machen; so bleibt der Reichtum fast nie in der Hand desjenigen, welcher seine Hände zu seinem Lebensunterhalt zu gebrauchen genötigt ist.« Nachdem er so die Ausbeutung und den Klassengegensatz ganz in Übereinstimmung mit den Ricardianern und Malthusianern zum unentbehrlichen Stachel der Produktion gemacht hat, kommt er auf den wirklichen Grund der Ausbeutung: die Trennung der Arbeitskraft von den Produktionsmitteln:

»Im allgemeinen hat der Arbeiter das Eigentum an dem Grund und Boden nicht festhalten können; der Boden hat indessen eine Produktivkraft, welche die menschliche Arbeit sich begnügt hat nach den Bedürfnissen des Menschen zu regeln. Derjenige, der den Boden besitzt, auf dem die Arbeit sich vollzieht, behält sich als Belohnung für die Vorteile, welche dieser Produktivkraft verdankt werden, einen Teil in den Früchten der Arbeit vor, an deren Erzeugung sein Grund und Boden mitgewirkt hat.« Dies ist die Rente. Weiter:

»Der Arbeiter hat in dem jetzigen Zustande der Zivilisation das Eigentum an einem genügenden Vorrat von Gegenständen der Verzehrung sich nicht bewahren können, deren er während der Ausführung seiner Arbeit bis zu dem Zeitpunkte, zu welchem er einen Käufer für sie findet, bedarf. Er besitzt nicht mehr die Rohstoffe, welche oft von weither bezogen werden müssen und welcher er zur Ausführung seiner Arbeit bedarf. Noch weniger besitzt er die kostbaren Maschinen, welche seine Arbeit erleichtert und unendlich produktiver gemacht haben. Der Reiche, welcher diese Nahrungsmittel, diese Rohstoffe, diese Maschinen besitzt, kann sich selbst der Arbeit enthalten, da er ja in gewissem Sinne Herr der Arbeit dessen ist, dem er die Mittel zur Arbeit liefert. Als Entgelt für die Vorteile, welche er dem Arbeiter zur Verfügung gestellt hat, nimmt er für sich vorweg den größten Teil der Früchte der Arbeit.« Dies ist der Kapitalgewinn. Das, was von dem Reichtum nach der zweimaligen Abschöpfung durch den Grundbesitzer und den Kapitalisten übrig bleibt, ist Arbeitslohn, Einkommen des Arbeiters. Und Sismondi fügt hinzu: »Er verzehrt es, ohne daß es sich erneuert.« Sismondi stellt hier beim Lohn – ebenso wie bei der Rente – das Sich-nicht-Wieder-erneuern als das Merkmal des Einkommens – im Unterschied vom Kapital – auf. Dies ist jedoch nur in bezug auf die Rente und den konsumierten Teil des Kapitalgewinns richtig; der als Lohn verzehrte Teil des gesellschaftlichen Produkts hingegen erneuert sich wohl: in der Arbeitskraft des Lohnarbeiters – für ihn selbst als die Ware, die er stets von neuem auf den Markt bringen kann, um von ihrem Verkauf zu leben, und für die Gesellschaft als die sachliche Gestalt des variablen Kapitals, die bei der jährlichen Gesamtreproduktion stets wiedererscheinen muß, wenn die Reproduktion nicht ein Defizit erleiden soll.

Doch so weit so gut. Wir haben bis jetzt nur zwei Tatsachen erfahren: die Produktivität der Arbeit erlaubt die Ausbeutung der Arbeitenden durch Nichtarbeitende, die Trennung der Arbeitenden von den Produktionsmitteln macht die Ausbeutung der Arbeitenden zur tatsächlichen Grundlage der Teilung des Einkommens. Was jedoch Einkommen, was Kapital ist, wissen wir noch immer nicht, und Sismondi geht daran, es aufzuklären. Wie es Leute gibt, die nur tanzen können, wenn sie von der Ofenecke aus anfangen, so muß Sismondi immer wieder von seinem Robinson den Anlauf nehmen. »In den Augen des Einzelmenschen – war aller Reichtum nichts anderes, als ein Vorrat, aufgesammelt für den Augenblick des Bedürfnisses. Indessen unterschied auch er schon zwei Dinge bei dieser Aufbewahrung; einen Teil, welchen er aufbewahrte, um ihn später für seinen unmittelbaren oder nahezu unmittelbaren Gebrauch zu verwenden, und einen anderen, den er bestimmt hatte zur Verwendung für eine neue Produktion. So sollte ein Teil seines Getreides ihn bis zur künftigen Ernte ernähren, ein anderer Teil, welchen er zur Aussaat bestimmt hatte, sollte im folgenden Jahre Frucht tragen. Die Bildung der Gesellschaft und die Einführung des Tausches gestattete fast bis ins Unendliche die Vermehrung dieser Aussaat, dieses fruchtbringenden Teils des angesammelten Reichtums: dies heißt man Kapital.«

Dies heißt man nur Gallimathias. Nach Analogie der Aussaat identifiziert hier Sismondi Produktionsmittel mit Kapital, was in zweifacher Hinsicht falsch ist. Erstens sind die Produktionsmittel nicht an sich, sondern nur unter ganz bestimmten historischen Verhältnissen Kapital, zweitens ist der Begriff des Kapitals mit Produktionsmitteln nicht erschöpft. In der kapitalistischen Gesellschaft – alles andere, was Sismondi außer acht gelassen, vorausgesetzt – sind Produktionsmittel nur ein Teil des Kapitals, nämlich konstantes Kapital.

Was Sismondi hier aus dem Konzept gebracht hat, ist offenbar der Versuch, den Begriff des Kapitals mit sachlichen Gesichtspunkten der gesellschaftlichen Reproduktion in Zusammenhang zu bringen. Solange er oben den Einzelkapitalisten im Auge hatte, zählte er als Bestandteile des Kapitals neben Produktionsmitteln auch die Lebensmittel des Arbeiters auf – was wiederum vom sachlichen Standpunkte der Reproduktion des Einzelkapitals schief ist. Sobald er dann den Versuch macht, die sachlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Reproduktion ins Auge zu fassen und den Anlauf zur richtigen Unterscheidung zwischen Konsummitteln und Produktionsmitteln macht, zerrinnt ihm der Begriff des Kapitals unter den Händen.

Sismondi fühlt aber selbst, daß mit Produktionsmitteln allein weder Produktion noch Ausbeutung vonstatten gehen kann, ja, er hat das richtige Empfinden, daß der Schwerpunkt des Ausbeutungsverhältnisses gerade im Austausch mit der lebendigen Arbeitskraft liegt. Und nachdem er soeben das Kapital ganz auf konstantes Kapital reduziert hatte, reduziert er es im nächsten Augenblick ganz auf variables:

»Der Landbebauer, der alles Getreide zurückgelegt hatte, dessen er bis zur nächsten Ernte zu bedürfen glaubte, sah ein, daß es für ihn vorteilhafter wäre, den Überschuß seines Getreides dazu zu benutzen, um andere Menschen, die für ihn die Erde bearbeiteten und neues Getreide entstehen ließen, zu ernähren; ferner die, welche seinen Flachs spinnen und seine Wolle weben« usw. »Bei dieser Tätigkeit tauschte der Landbebauer einen Teil seines Einkommens gegen Kapital ein (so in der entsetzlichen Übersetzung des Herrn Prager; in Wirklichkeit muß es heißen: verwandelte einen Teil seines Einkommens in Kapital), und so ist in der Tat der Vorgang, wie neues Kapital sich bildet.5 Das Korn, was er geerntet hatte über das hinaus, dessen er bei seiner eigenen Arbeit zur Ernährung bedurfte, und über das hinaus, was er aussäen mußte, um seinen Betrieb auf der alten Höhe zu erhalten, bildete einen Reichtum, welchen er fortgeben, verschwenden, im Müßiggang verbrauchen konnte, ohne dadurch ärmer zu werden, es war ein Einkommen, aber wenn er es nutzte zur Erhaltung von Neues schaffenden Arbeitern oder es eintauschte gegen Arbeit oder gegen die Früchte von Arbeit seiner Handarbeiter, seiner Weber, seiner Bergleute, wurde es zu einem dauernden Werte, der sich vermehrte und nicht untergehen konnte: es wurde zum Kapital.«

Hier läuft viel Krauses mit Richtigem kunterbunt durcheinander. Zur Erhaltung der Produktion auf alter Höhe, d.h. zur einfachen Reproduktion, scheint noch konstantes Kapital nötig zu sein, wenn dieses konstante Kapital seltsamerweise auch nur auf zirkulierendes (Aussaat) reduziert, die Reproduktion des fixen hingegen ganz vernachlässigt ist. Zur Erweiterung jedoch der Reproduktion, zur Akkumulation ist auch das zirkulierende Kapital scheinbar überflüssig: der ganze kapitalisierte Teil des Mehrwerts wird in Löhne für neue Arbeiter verwandelt, die offenbar in der Luft arbeiten, ohne jegliche Produktionsmittel. Dieselbe Ansicht formuliert Sismondi noch deutlicher an einer anderen Stelle: »Der Reiche sorgt also für das Wohl des Armen, wenn er an seinem Einkommen Ersparnisse macht und sie seinem Kapital hinzufügt, denn indem er selbst die Teilung der jährlichen Produktion vornimmt, bewahrt er alles das, was er Einkommen nennt, auf, um es selbst zu verbrauchen, dagegen überläßt er alles das, was er Kapital nennt, dem Armen als Einkommen.« (l.c. I 84.) Zugleich aber hebt Sismondi das Geheimnis der Plus-macherei und den Geburtsakt des Kapitals treffend hervor: Mehrwert entsteht aus dem Austausch von Kapital gegen Arbeit, aus dem variablen Kapital, Kapital entsteht aus der Akkumulation des Mehrwertes.

Bei alledem sind wir jedoch in der Unterscheidung von Kapital und Einkommen nicht viel vorwärts gekommen. Sismondi macht jetzt den Versuch, die verschiedenen Elemente der Produktion und des Einkommens in entsprechenden Portionen des gesellschaftlichen Gesamtprodukts darzustellen: »Der Unternehmer, ebenso wie der Landbebauer, verwendet nicht seinen ganzen produktiven Reichtum auf die Aussaat; einen Teil verwendet er auf Gebäude, auf Maschinen, auf Werkzeuge, welche die Arbeit leichter und fruchttragender machen; ebenso wie ein Teil des Reichtums des Landbebauers den dauernden Arbeiten zufließt, welche den Boden fruchtbarer machen. So sehen wir die verschiedenen Arten des Reichtums entstehen und sich nach und nach trennen. Ein Teil des Reichtums, den die Gesellschaft aufgehäuft hat, wird von jedem seiner Inhaber dazu verwandt, die Arbeit lohnender zu machen dadurch, daß er nach und nach aufgezehrt wird, ferner dazu, den blinden Naturkräften die Arbeit des Menschen zu übertragen; dies nennt man das feststehende Kapital und versteht darunter den Neubruch, die Kanäle zur Bewässerung, die Fabriken und die Maschinen jeder Art. Ein anderer Teil des Reichtums ist dazu bestimmt, verzehrt zu werden, um sich in dem Werk, welches er geschaffen hat, zu erneuern, ohne Aufhören seine Gestalt zu wechseln, dabei aber seinen Wert zu bewahren; dieser Teil, den man das umlaufende Kapital nennt, begreift in sich die Aussaat, die zur Verarbeitung bestimmten Rohstoffe und die Löhne. Ein dritter Teil des Reichtums endlich löst sich von diesem zweiten ab: der Wert, um den das fertige Werk die darauf gemachten Vorschüsse übersteigt. Dieser Wert, welchen man das Einkommen von dem Kapital genannt hat, ist dazu bestimmt, ohne Wiedererzeugung verzehrt zu werden.«

Nachdem so mit Mühe die Einteilung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts nach den inkommensurablen Kategorien: fixes Kapital, zirkulierendes Kapital und Mehrwert versucht worden ist, zeigt sich im nächsten Moment, daß Sismondi, wenn er vom fixen Kapital spricht, eigentlich konstantes, und wenn er vom zirkulierenden spricht, variables meint, denn »alles, was geschaffen ist«, ist zur menschlichen Konsumtion bestimmt, aber das fixe Kapital wird nur »indirekt« verzehrt, das zirkulierende Kapital hingegen »dient dem Fonds, welcher zur Ernährung des Arbeiters bestimmt ist in Form des Lohnes«. Wir wären so einigermaßen wieder der Einteilung des Gesamtprodukts in konstantes Kapital (Produktionsmittel), variables Kapital (Lebensmittel der Arbeiter) und Mehrwert (Lebensmittel der Kapitalisten) nähergerückt. Immerhin aber läßt sich bis jetzt den Aufklärungen Sismondis über diesen von ihm selbst als grundlegend bezeichneten Gegenstand keine besondere Klarheit nachrühmen und man merkt in diesem Wirrwarr jedenfalls keinen Fortschritt über die Smithschen »Gedankenblöcke« hinaus.

Sismondi fühlt das selbst und versucht mit einem Seufzer, daß »diese Bewegung des Reichtums vollständig abstrakt sei und eine so gespannte Aufmerksamkeit zu seinem Verständnis verlange«, nun das Problem »in der einfachsten aller Behandlungen« klarzulegen. Wir begeben uns also wieder in die Ofenecke, d.h. zu Robinson, nur daß Robinson jetzt pater familias und Pionier der Kolonialpolitik ist.

»Ein einsamer Farmer in einer entfernten Kolonie am Saum der Wüste hat in einem Jahr hundert Sack Getreide geerntet: Kein Markt ist in der Nähe, wohin er sie bringen kann; auf alle Fälle muß dieses Getreide binnen Jahresfrist verzehrt werden, wenn es Wert für den Farmer haben soll; aber dieser kann mit seiner ganzen Familie nicht mehr als dreißig Sack verzehren; dies wird sein Aufwand sein, der Tausch seines Einkommens, diese dreißig Sack erzeugen sich für niemand wieder. Er wird dann Arbeiter heranziehen, er wird sie Wälder ausroden, Sümpfe in seiner Nachbarschaft trocken legen und einen Teil der Wüste unter Kultur legen lassen. Diese Arbeiter werden weitere dreißig Sack Getreide aufessen; für sie wird dies ein Aufwand sein, sie sind imstande, diesen Aufwand zu machen als Preis ihres Einkommens, will sagen ihrer Arbeit; für den Farmer wird es ein Tausch sein, er wird diese dreißig Sack in fixes Kapital verwandelt haben. (Hier verwandelt Sismondi variables Kapital gar in fixes! Er will sagen: für diese dreißig Sack, die sie als Lohn kriegten, stellen die Arbeiter Produktionsmittel her, die der Farmer zur Erweiterung seines fixen Kapitals wird verwenden können.) Es bleiben ihm nun noch vierzig Sack; diese wird er in diesem Jahre aussäen, anstatt der zwanzig, die er im vorigen Jahre gesät hat, dies wird sein Umlaufkapital sein, welches er verdoppelt hat. So sind die hundert Sack verzehrt worden, aber von diesen hundert sind siebzig für ihn sicher angelegt worden, welche erheblich vermehrt wiedererscheinen, die einen in der nächsten Ernte, die anderen in den darauf folgenden Ernten. Die Vereinzelung des Farmers, den wir als Beispiel gewählt haben, läßt uns die Schranken einer solchen Tätigkeit noch besser erkennen. Wenn er in diesem Jahre nur sechzig Sack von den hundert, die er geerntet, hat verzehren können, wer wird im folgenden Jahre die zweihundert Sack essen, welche durch die Vermehrung seiner Aussaat gewonnen worden sind? Man wird sagen: seine Familie, welche sich vermehrt hat Gewiß, aber die menschlichen Generationen vermehren sich nicht so schnell als die Unterhaltsmittel. Wenn unser Farmer genug Arme hätte, um jedes Jahr die ebenerwähnte Tätigkeit zu verdoppeln, würde sich seine Getreideernte jedes Jahr verdoppeln, während sich seine Familie höchstens alle fünfundzwanzig Jahre verdoppeln könnte.«

Trotz der Kindlichkeit des Beispiels kommt zum Schluß die entscheidende Frage zum Vorschein: Wo ist der Absatz für den kapitalisierten Mehrwert? Die Akkumulation des Kapitals kann die Produktion der Gesellschaft ins Ungemessene steigern. Wie ist es aber mit der Konsumtion der Gesellschaft? Diese ist durch das Einkommen verschiedener Art bestimmt. Der wichtige Gegenstand wird von Sismondi im V. Kapitel des 2. Buches dargelegt: »Teilung des Nationaleinkommens unter die verschiedenen Klassen der Bürger«.

Hier macht Sismondi einen neuen Versuch, das Gesamtprodukt der Gesellschaft in Teilen darzustellen: »Unter diesem Gesichtspunkt besteht das Nationaleinkommen aus zwei Teilen: der eine begreift die jährliche Produktion, dies ist der Nutzen, welcher aus dem Reichtum entsteht; der zweite ist die Fähigkeit zu arbeiten, die sich aus dem Leben selbst ergibt. Unter dem Namen Reichtum verstehen wir jetzt ebenso das Grundeigentum wie das Kapital, und unter dem Namen Nutzen begreifen wir ebenso das Nettoeinkommen, welches den Eigentümern gegeben wird, wie den Gewinn des Kapitalisten.« Also sämtliche Produktionsmittel werden als »Reichtum« aus dem »Nationaleinkommen« ausgeschieden; letzteres aber in Mehrwert und in Arbeitskraft, oder richtiger deren Äquivalent – variables Kapital zerfällt. Wir hätten hier also, wenn auch nicht deutlich genug herausgehoben, die Einteilung in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert. Im nächsten Augenblick stellt sich aber heraus, daß Sismondi unter »Nationaleinkommen« das jährliche gesellschaftliche Gesamtprodukt versteht: »Ebenso besteht die jährliche Produktion oder das Ergebnis aller Jahresarbeiten aus zwei Teilen; der eine ist der Nutzen, der sich aus dem Reichtum ergibt, der andere ist die Fähigkeit zu arbeiten, den wir dem Teil des Reichtums gleichsetzen, gegen welchen er in Tausch gegeben wird, oder den Unterhaltsmitteln der Arbeiter.« Hier wird das Gesamtprodukt der Gesellschaft, dem Werte nach, in zwei Teile: variables Kapital und Mehrwert aufgelöst, das konstante Kapital verschwindet, und wir sind angelangt bei dem Smithschen Dogma, wonach der Preis aller Waren sich in v+m auflöst (oder aus v+m zusammensetzt) oder, mit anderen Worten, das Gesamtprodukt nur aus Konsummitteln (für Arbeiter und Kapitalisten) besteht.

Von hier aus tritt Sismondi an die Frage der Realisierung des Gesamtprodukts heran. Da einerseits die Summe der Einkommen in der Gesellschaft aus Löhnen und Profiten vom Kapital sowie aus Grundrente besteht, also v+m darstellt, andererseits das Gesamtprodukt der Gesellschaft sich gleichfalls dem Werte nach in v+m auflöst, so »halten sich das Nationaleinkommen und die jährliche Produktion gegenseitig die Waage« und müssen einander (an Wert) gleich sein: »Die ganze jährliche Produktion wird jährlich verzehrt, aber da dies zum Teil durch Arbeiter geschieht, welche ihre Arbeit dagegen in Tausch geben, verwandeln sie sie in (variables) Kapital und erzeugen sie aufs neue; der andere Teil wird von den Kapitalisten, welche dagegen ihr Einkommen eintauschen, verbraucht.« »Die Gesamtheit des jährlichen Einkommens ist dazu bestimmt, gegen die Gesamtheit der jährlichen Produktion eingetauscht zu werden.« Daraus konstruiert Sismondi endlich im sechsten Kapitel des 2. Buches: »Wechselseitige Bestimmung der Produktion durch die Konsumtion und der Ausgaben durch das Einkommen«, das folgende exakte Gesetz der Reproduktion: »Das Einkommen des vergangenen Jahres muß die Produktion dieses Jahres bezahlen.« Wie soll nun unter solchen Voraussetzungen die kapitalistische Akkumulation stattfinden? Wenn das Gesamtprodukt von den Arbeitern und Kapitalisten restlos verzehrt werden muß, so kommen wir offenbar aus der einfachen Reproduktion nicht heraus, und das Problem der Akkumulation wird unlösbar. In der Tat läuft die Sismondische Theorie darauf hinaus, die Akkumulation für unmöglich zu erklären. Denn wer soll das überschüssige Produkt im Falle der Erweiterung der Reproduktion kaufen, da die gesamte gesellschaftliche Nachfrage durch die Lohnsumme der Arbeiter und durch den persönlichen Konsum der Kapitalisten dargestellt ist? Sismondi formuliert auch die objektive Unmöglichkeit der Akkumulation in folgendem Satz: »Nach allem diesen muß man sagen, daß es niemals möglich ist, die Gesamtheit der Erzeugung des Jahres (bei erweiterter Reproduktion. R.L.) gegen die Gesamtheit des vorhergehenden Jahres auszutauschen. Wenn die Erzeugung stufenweise fortschreitend wächst, muß der Austausch jedes Jahres einen kleinen Verlust verursachen, welcher zu gleicher Zeit eine Vergütung der zukünftigen Lage darstellt.« Mit anderen Worten: die Akkumulation muß jedes Jahr bei der Realisierung des Gesamtprodukts einen unabsetzbaren Überschuß in die Welt setzen. Sismondi schreckt aber vor der letzten Konsequenz zurück und rettet sich sofort »auf die mittlere Linie« durch eine wenig verständliche Ausflucht: »Wenn dieser Verlust gering ist und gut verteilt wird, so erträgt ihn jeder, ohne sich über sein Einkommen zu beklagen. Hierin gerade besteht die Wirtschaftlichkeit des Volkes und die Reihe dieser kleinen Opfer vermehrt das Kapital und das Nationalvermögen.« Wird hingegen die Akkumulation rücksichtslos betrieben, dann wächst sich der unabsetzbare Überschuß zur öffentlichen Kalamität aus und wir haben die Krise. So bildet die kleinbürgerliche Ausflucht der Dämpfung der Akkumulation die Lösung Sismondis. Die Polemik gegen die klassische Schule, die die unumschränkte Entfaltung der Produktivkräfte und Erweiterung der Produktion befürwortete, ist ein ständiger Kehrreim Sismondis, und der Warnung vor den fatalen Folgen des unumschränkten Dranges zur Akkumulation ist sein ganzes Werk gewidmet.

Die Darlegung Sismondis hat seine Unfähigkeit bewiesen, den Prozeß der Reproduktion als Ganzes zu begreifen. Von seinem mißlungenen Versuch abgesehen, die Kategorien Kapital und Einkommen gesellschaftlich auseinanderzuhalten, leidet seine Reproduktionstheorie an dem fundamentalen Irrtum, den er von Ad. Smith übernommen, nämlich an der Vorstellung, daß das jährliche Gesamtprodukt in persönlicher Konsumtion restlos aufgehe, ohne für die Erneuerung des konstanten Kapitals der Gesellschaft einen Wertteil übrigzulassen, desgleichen, daß die Akkumulation nur in der Verwandlung des kapitalisierten Mehrwerts in zuschüssiges variables Kapital bestehe. Wenn jedoch spätere Kritiker Sismondis, wie z.B. der russische Marxist Iljin,6 mit dem Hinweis auf diesen fundamentalen Schnitzer in der Wertanalyse des Gesamtprodukts, die ganze Akkumulationstheorie Sismondis als hinfällig, als »Unsinn« mit einem überlegenen Lächeln abtun zu können glaubten, so bewiesen sie dadurch nur, daß sie ihrerseits das eigentliche Problem gar nicht bemerkten, um das es sich bei Sismondi handelte. Daß durch die Beachtung des Wertteils im Gesamtprodukt, der dem konstanten Kapital entspricht, das Problem der Akkumulation noch bei weitem nicht gelöst ist, bewies am besten später die eigene Analyse von Marx, der als erster jenen groben Schnitzer Ad. Smith‘ aufgedeckt hatte. Noch drastischer bewies dies aber ein Umstand in den Schicksalen der Sismondischen Theorie selbst. Durch seine Auffassung ist Sismondi in die schärfste Kontroverse mit den Vertretern und Verflachern der klassischen Schule geraten: mit Ricardo, Say und Mac Culloch. Die beiden Seiten vertraten hier zwei entgegengesetzte Standpunkte: Sismondi die Unmöglichkeit der Akkumulation, Ricardo, Say und Mac Culloch hingegen deren schrankenlose Möglichkeit. Nun standen aber in bezug auf jenen Smithschen Schnitzer beide Seiten genau auf demselben Boden; wie Sismondi, so sahen auch seine Widersacher von dem konstanten Kapital bei der Reproduktion ab, und niemand hat die Smithsche Konfusion in bezug auf die Auflösung des Gesamtprodukts in v+m in so pretentiöser Weise zu einem unerschütterlichen Dogma gestempelt, wie gerade Say.

Dieser erheiternde Umstand sollte eigentlich genügen, um zu beweisen, daß wir das Problem der Akkumulation des Kapitals noch lange nicht zu lösen imstande sind, wenn wir bloß dank Marx wissen, daß das gesellschaftliche Gesamtprodukt außer Lebensmitteln zur Konsumtion der Arbeiter und Kapitalisten (v+m) noch Produktionsmittel (c) zur Erneuerung des Verbrauchten enthalten muß, und daß dementsprechend die Akkumulation nicht bloß in der Vergrößerung des variablen, sondern auch in der Vergrößerung des konstanten Kapitals besteht. Wir werden später sehen, zu welchem neuen Irrtum in bezug auf die Akkumulation diese nachdrückliche Betonung des konstanten Kapitalteils im Reproduktionsprozeß geführt hat. Hier jedoch mag die Konstatierung der Tatsache genügen, daß der Smithsche Irrtum in bezug auf die Reproduktion des Gesamtkapitals nicht etwa eine spezielle Schwäche in der Position Sismondis darstellte, sondern vielmehr den gemeinsamen Boden, auf dem die erste Kontroverse um das Problem der Akkumulation ausgefochten wurde. Daraus folgt nur, daß die bürgerliche Ökonomie sich an das verwickelte Problem der Akkumulation heranwagte, ohne mit dem elementaren Problem der einfachen Reproduktion fertig geworden zu sein, wie denn die wissenschaftliche Forschung nicht bloß auf diesem Gebiete in seltsamen Zickzacklinien schreitet und häufig gleichsam die obersten Stockwerke des Gebäudes in Angriff nimmt, bevor das Fundament noch zu Ende ausgeführt ist. Es zeugt jedenfalls dafür, eine wie harte Nuß Sismondi mit seiner Kritik der Akkumulation der bürgerlichen Ökonomie zum Knacken aufgegeben hat, wenn sie trotz all der durchsichtigen Schwächen und Unbeholfenheiten seiner Deduktion mit ihm doch nicht fertig zu werden vermochte.

1 Der Auszug aus dem interessanten Dokument befindet sich in einer Besprechung der Schrift: Observations on the Injurious Consequences of the Restrictions upon Foreign Commerce. By a Member of the late Parliament London 1820. Dieser freihändlerische Aufsatz malt überhaupt die Lage der Arbeiter in England in den düstersten Farben. Er führt unter anderem folgende Tatsachen an: »… The manufacturing classes in Great Britain – have been suddenly reduced from affluence and prosperity to the extreme of poverty and misery. In one of the debates in the late Session of Parliament, it was stated, that the wages of weavers of Glasgow and its vicinity, which, when highest, had averaged about 25 s. or 27 s. a week, had been reduced in 1816 to 10 s.; and in 1819 to the wretched pittance of 9 s. 6 d. or 6 s. They have not since been materially augmented.« In Lancashire schwankten die Wochenlöhne der Weber nach demselben Zeugnis zwischen 6 und 12 Schilling bei 15 stündiger Arbeitszeit, während »halbverhungerte Kinder« für 2 oder 3 Schilling die Woche 12 bis 16 Stunden täglich arbeiteten. Das Elend in Yorkshire war womöglich noch größer. In bezug auf die Adresse der Nottinghamer Strumpfwirker sagte der Verfasser, daß er die Verhältnisse selbst untersucht hätte und zu dem Schlusse gelangt wäre, daß die Erklärungen der Arbeiter nicht im geringsten übertrieben waren. (The Edinburgh Review, May 1820, NLXVI, S. 331 ff.).

2 J. C. L. Simonde de Sismondi: Neue Grundsätze der Politischen Ökonomie. Übersetzt von Robert Prager. Berlin 1901, I, XIII.

3 l.c., II, S. 358.

4 l.c., I, XIX.

5 »En faisant oette opération, le cultivateur changeait une partie de son revenu en un capital; et c’est en effet toujours ainsi qu’un capital nouveau se forme.« (Nouveaux Principes etc., seconde édition. Tome Premier, p. 88.)

6 Wladimir Iljin, Ökonomische Studien und Artikel. Petersburg 1899.

Elftes Kapitel.

Mac Culloch gegen Sismondi.

Die Sismondischen Kassandrarufe gegen die rücksichtslose Ausbreitung der Kapitalsherrschaft in Europa riefen gegen ihn von drei Seiten eine scharfe Opposition auf den Plan: in England die Schule Ricardos, in Frankreich den Verflacher Smith‘, J. B. Say und die St.-Simonisten. Während die Gedankengänge Owens in England, der den Nachdruck auf die Schattenseiten des Industriesystems und namentlich die Krise legte, sich vielfach mit denen Sismondis begegnen, fühlte sich die Schule des anderen großen Utopisten, St.-Simons, die den Nachdruck auf den weltumspannenden Gedanken der großindustriellen Expansion, auf die schrankenlose Entfaltung der Produktivkräfte der menschlichen Arbeit legte, durch den Angstruf Sismondis lebhaft beunruhigt. Uns interessiert hier aber die vom theoretischen Standpunkt fruchtbarere Kontroverse zwischen Sismondi und den Ricardianern. Im Namen letzterer richtete zuerst Mac Culloch im Oktober 1819, also gleich nach Erscheinen der ›Nouveaux Principes‹, in der »Edinburgh Review« eine anonyme Polemik gegen Sismondi, die, wie man sagte, von Ricardo selbst gebilligt wurde.1 Auf diese Polemik replizierte Sismondi 1820 in Rossis »Annales de Jurisprudence« unter dem Titel: »Untersuchung der Frage: Wächst in der Gesellschaft zugleich mit der Fähigkeit, zu produzieren, auch die Fähigkeit, zu verbrauchen?«.2

Sismondi konstatiert selbst in seiner Antwort, daß es die Schatten der Handelskrise sind, in deren Zeichen seine damalige Polemik stand: »Diese Wahrheit, die wir beide suchen (Sismondi wußte übrigens, als er antwortete, nicht, wer der Anonymus der ›Edinburgh Review‹ war), ist in den gegenwärtigen Zeitläufen von der höchsten Wichtigkeit. Sie kann als grundlegend für die politische Ökonomie gelten. Ein allgemeiner Niedergang macht sich im Handel geltend, in den Manufakturen und sogar, wenigstens in einigen Ländern, in der Landwirtschaft. Das Leiden ist ein so langwieriges, ein so außerordentliches, das Unglück ist in so zahlreiche Familien eingekehrt, Unruhe und Entmutigung in alle, daß die Grundlagen der wirtschaftlichen Ordnung gefährdet erscheinen. – Man hat zwei Erklärungen, die einander entgegengesetzt sind, für diesen staatlichen Niedergang gegeben, der eine so große Gärung hervorgerufen hat. Ihr habt zu viel gearbeitet, sagen die einen; ihr habt zu wenig gearbeitet, sagen die anderen. Das Gleichgewicht, sagen die ersteren, wird sich erst dann wiederherstellen, Friede und Wohlstand werden erst dann wiederkehren, wenn ihr den ganzen Überschuß der Waren verbraucht habt, der unverkauft den Markt bedrückt, und wenn ihr in Zukunft eure Produktion nach der Nachfrage der Käufer richtet, das Gleichgewicht wird sich nur einstellen, sagen die anderen, wenn ihr eure Anstrengungen, aufzuhäufen und zu reproduzieren, verdoppelt. Ihr täuscht euch, wenn ihr glaubt, daß unsere Märkte überfüllt sind, nur die Hälfte unserer Magazine ist gefüllt, füllen wir auch die andere Hälfte: diese neuen Reichtümer werden sich die einen gegen die anderen eintauschen und neues Leben dem Handel einflößen.« Hier hat Sismondi mit ausgezeichneter Klarheit den wirklichen Brennpunkt der Kontroverse herausgehoben und formuliert.

In der Tat steht und fällt die ganze Position Mac Cullochs mit der Behauptung, der Austausch sei in Wirklichkeit Austausch von Waren gegen Waren. Jede Ware stelle also nicht nur ein Angebot, sondern ihrerseits eine Nachfrage dar. Das Zwiegespräch gestaltete sich darauf in folgender Weise: Mac Culloch: »Nachfrage und Angebot sind Ausdrücke, die nur korrelativ und wandelbar sind. Das Angebot einer Art von Out bestimmt die Nachfrage nach einem anderen. So entsteht eine Nachfrage nach einer gegebenen Menge landwirtschaftlicher Produkte, wenn eine Menge Industrieprodukte, deren Herstellung ebensoviel gekostet hat, dagegen in Tausch angeboten wird, und es entsteht andererseits eine tatsächliche Nachfrage nach dieser Menge Industrieprodukte, wenn eine Menge landwirtschaftlicher Produkte, die dieselben Ausgaben verursacht haben, als Gegenwert angeboten wird«.3 Die Finte des Ricardianers liegt auf der Hand: er beliebt von der Geldzirkulation abzusehen und so zu tun, als ob Waren unmittelbar mit Waren gekauft und bezahlt wären.

Aus den Bedingungen hochentwickelter kapitalistischer Produktion sind wir plötzlich versetzt in die Zeiten des primitiven Tauschhandels, wie er noch heute im Innern Afrikas gedeihen mag. Der entfernte richtige Kern der Mystifikation besteht darin, daß in der einfachen Warenzirkulation das Geld lediglich die Rolle des Vermittlers spielt. Aber gerade die Dazwischenkunft dieses Vermittlers, die in der Zirkulation W – G – W (Ware – Geld – Ware) die beiden Akte, den Verkauf und den Kauf, getrennt und zeitlich und örtlich voneinander unabhängig gemacht hat, bringt es mit sich, daß jeder Verkauf durchaus nicht gleich vom Kauf gefolgt zu werden braucht und zweitens, daß Kauf und Verkauf durchaus nicht an dieselben Personen gebunden sind, ja, nur in seltenen Ausnahmefällen zwischen denselben »personae dramatis« sich abspielen werden. Diese widersinnige Unterstellung macht aber gerade Mac Culloch, indem er einerseits Industrie, andererseits Landwirtschaft als Käufer und Verkäufer zugleich einander entgegenstellt. Die Allgemeinheit der Kategorien, die auch noch in ihrer Totalität als Austauschende aufgeführt werden, maskiert hier die wirkliche Zersplitterung dieser gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die zu zahllosen privaten Austauschakten führt, bei denen das Zusammenfallen der Käufe mit Verkäufen der gegenseitigen Waren zu den seltensten Ausnahmefällen gehört. Die Mac Cullochsche simplistische Auffassung des Warenaustausches macht überhaupt die ökonomische Bedeutung und das historische Auftreten des Geldes ganz unbegreiflich, indem sie die Ware direkt zum Gelde macht, ihr unmittelbare Austauschbarkeit andichtet.

Sismondis Antwort ist nun allerdings ziemlich unbeholfen. Er führt uns, um die Untauglichkeit der Mac Cullochschen Darstellung des Warenaustausches für die kapitalistische Produktion darzutun, – auf die Leipziger Büchermesse:

»Zu der Büchermesse in Leipzig kommen alle Buchhändler aus ganz Deutschland, jeder mit vier oder fünf Werken, die er ausgestellt hat, von denen jedes Werk in einer Auflage von 500 oder 600 Exemplaren gedruckt ist. Jeder von ihnen tauscht sie gegen andere Bücher ein und bringt 2.400 Bände nach Hause, wie er 2.400 mit zur Messe gebracht hat. Er hatte aber vier verschiedene Werke hingebracht, und bringt 200 verschiedene heim. Das ist die korrelative und wandelbare Nachfrage und Produktion des Schülers Ricardos: die eine kauft die andere, die eine bezahlt die andere, die eine ist die Folge der anderen, aber nach unserer Meinung, nach der Meinung des Buchhändlers und des Publikums, hat die Nachfrage und der Verbrauch noch nicht begonnen. Das schlechte Buch, wenn es auch in Leipzig getauscht worden ist, bleibt nichtsdestoweniger unverkauft (ein arger Irrtum von Sismondi dies! R.L.), es wird nicht weniger die Regale des Buchhändlers füllen, sei es, daß niemand Bedarf nach ihm hat, sei es, daß der Bedarf bereits gedeckt ist. Die in Leipzig eingetauschten Bücher werden sich nur dann verkaufen, wenn die Buchhändler Privatleute finden, die sie nicht nur begehren, sondern die auch bereit sind, ein Opfer zu bringen, um sie aus dem Umlauf zu ziehen. Diese erst bilden eine wirkliche Nachfrage.« Trotz seiner Naivität zeigt das Beispiel deutlich, daß Sismondi sich durch die Finte seines Widersachers nicht beirren läßt und weiß, worum es sich im Grunde genommen handelt.4

Mac Culloch macht nun weiter einen Versuch, die Betrachtung vom abstrakten Warenaustausch zu konkreten sozialen Verhältnissen zu wenden: »Nehmen wir z.B. an, daß ein Landbebauer hundert Arbeitern Nahrung und Kleidung vorgeschossen hat, und daß diese ihm Nahrungsmittel haben entstehen lassen, die für zweihundert Menschen ausreichend sind, während ein Fabrikant seinerseits hundert Arbeitern Nahrung und Kleidung vorgeschossen hat, für die ihm diese Kleidungsstücke für zweihundert Menschen angefertigt haben. Es wird dann dem Pächter nach Abzug der Nahrung und Kleidung für seine eigenen Arbeiter noch Nahrung für hundert andere zur Verfügung stehen, während der Fabrikant nach Ersatz der Kleidung seiner eigenen Arbeiter noch hundert Kleider für den Markt übrig behält. In diesem Falle werden die beiden Artikel der eine gegen den anderen getauscht werden, die überschüssigen Nahrungsmittel bestimmen die Nachfrage nach den Kleidern und die überschüssigen Kleider bestimmen die Nachfrage nach der Nahrung.«

Man weiß nicht, was man mehr an dieser Hypothese bewundern soll: die Abgeschmacktheit der Konstruktion, die alle wirklichen Verhältnisse auf den Kopf stellt, oder die Ungeniertheit, mit der gerade alles, was zu beweisen war, in den Prämissen bereits vorausgeschickt ist, um hinterher als »bewiesen« zu gelten. Jedenfalls erscheint die Leipziger Büchermesse dagegen als das Muster einer tiefen und realistischen Denkweise. Um zu beweisen, daß für jede Sorte Waren jederzeit eine unumschränkte Nachfrage geschaffen werden könne, nimmt Mac Culloch als Beispiel zwei Produkte, die zu den dringendsten und elementarsten Bedürfnissen jedes Menschen gehören: Nahrung und Kleidung. Um zu beweisen, daß die Waren in jeder beliebigen Menge ohne Rücksicht auf das Bedürfnis der Gesellschaft zum Austausch gebracht werden können, nimmt er ein Beispiel, wo zwei Produktenmengen von vornherein aufs Haar genau den Bedürfnissen angepaßt sind, wo also gesellschaftlich gar kein Überschuß vorhanden ist, nennt aber dabei die gesellschaftlich notwendige Menge einen »Überschuß« – nämlich gemessen an dem persönlichen Bedürfnis der Produzenten an ihrem eigenen Produkt, und weist so glänzend nach, daß jeder beliebige »Überschuß« an Waren durch einen entsprechenden »Überschuß« an anderen Waren zum Austausch gelangen kann. Um endlich zu beweisen, daß der Austausch zwischen verschiedenen privat produzierten Waren – trotzdem ihre Mengen, ihre Herstellungskosten, ihre Wichtigkeit für die Gesellschaft naturgemäß verschiedene sein müssen, dennoch zuwege gebracht werden könne, nimmt er als Beispiel von vornherein zwei genau gleiche Mengen Waren von genau gleichen Herstellungskosten und genau gleicher allgemeiner Notwendigkeit für die Gesellschaft. Kurz, um zu beweisen, daß in der planlosen kapitalistischen Privatwirtschaft keine Krise möglich, konstruiert er eine streng planmäßig geregelte Produktion, in der überhaupt keine Überproduktion vorhanden ist.

Der Hauptwitz des pfiffigen Mac liegt aber in anderem. Es handelt sich ja bei der Debatte um das Problem der Akkumulation. Was Sismondi plagte und womit er Ricardo und dessen Epigonen plagte, war folgendes: Wo findet man Abnehmer für den Überschuß an Waren, wenn ein Teil des Mehrwerts, statt von den Kapitalisten privat konsumiert zu werden, kapitalisiert, d.h. zur Erweiterung der Produktion über das Einkommen der Gesellschaft hinaus verwendet wird? Was wird aus dem kapitalistischen Mehrwert, wer kauft die Waren, in denen er steckt? So fragte Sismondi. Und die Zierde der Ricardoschule, ihr offizieller Vertreter auf dem Katheder der Londoner Universität, die Autorität für derzeitige englische Minister der liberalen Partei wie für die Londoner City, der herrliche Mac Culloch, antwortete darauf, indem er ein Beispiel konstruiert, wo überhaupt gar kein Mehrwert produziert wird! Seine »Kapitalisten« plagen sich ja nur um Christi willen mit der Landwirtschaft und der Fabrikation: das ganze gesellschaftliche Produkt nebst »Überschuß« reicht nur für den Bedarf der Arbeiter, für die Löhne hin, während der »Pächter« und der »Fabrikant« hungrig und nackend die Produktion und den Austausch dirigieren.

Sismondi ruft darauf mit berechtigter Ungeduld: »In dem Augenblick, in dem wir erforschen, was aus dem Überschuß der Produktion über den Verbrauch der Arbeiter wird, darf man nicht von diesem Überschuß absehen, der den notwendigen Profit der Arbeit und den notwendigen Anteil des Arbeitgebers bildet.«

Der Vulgarus jedoch potenziert seine Abgeschmacktheit weiter ins Tausendfache, indem er den Leser annehmen läßt, »daß es tausend Pächter gibt«, die ebenso genial verfahren, wie jener einzelne, und ebenfalls »tausend Fabrikanten«. Natürlich verläuft wieder der Austausch glatt nach Wunsch. Endlich läßt er »infolge einer geschickteren Verwendung der Arbeit und Einführung von Maschinen« die Produktivität der Arbeit genau um das Doppelte zunehmen, und zwar in der Weise, daß »jeder der tausend Pächter, der seinen hundert Arbeitern die Nahrung und die Bekleidung vorschießt, gewöhnliche Nahrungsmittel für zweihundert Personen zurückerhält und außerdem Zucker, Tabak und Wein, die dieser Nahrung an Wert gleich sind«, während jeder Fabrikant durch eine analoge Prozedur neben der bisherigen Menge Kleider für alle Arbeiter auch noch »Bänder, Spitzen und Batiste« erhält, »die eine gleiche Summe zu produzieren kosten und die folglich einen tauschbaren Wert haben werden, der diesen zweihundert Bekleidungen gleich ist.« Nachdem er so die geschichtliche Perspektive völlig umgekehrt und erst kapitalistisches Privateigentum mit Lohnarbeit, dann in einem späteren Stadium jene Höhe der Produktivität der Arbeit angenommen hat, die die Ausbeutung überhaupt ermöglicht, nimmt er nun an, diese Fortschritte der Produktivität der Arbeit vollzögen sich auf allen Gebieten in genau demselben Tempo, das Mehrprodukt jedes Produktionszweiges enthielte genau denselben Wert, es verteile sich auf genau dieselbe Anzahl Personen, alsdann läßt er die verschiedenen Mehrprodukte sich gegeneinander austauschen, – und siehe da! alles tauscht sich wieder glatt und restlos zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Dabei begeht Mac unter den vielen anderen auch noch die Abgeschmacktheit, seine »Kapitalisten«, die bisher von der Luft lebten und in Adams Kostüm ihren Beruf ausübten, nunmehr bloß von Zucker, Tabak und Wein sich ernähren und ihre Leiber bloß mit Bändern, Spitzen und Batisten schmücken zu lassen.

Doch der Hauptwitz liegt wiederum in der Pirouette, mit der er dem eigentlichen Problem ausweicht. Was wird aus dem kapitalisierten Mehrwert, d.h. aus dem Mehrwert, der nicht zur eigenen Konsumtion der Kapitalisten, sondern zur Erweiterung der Produktion verwendet wird? Das war die Frage. Und Mac Culloch antwortet darauf, einmal, indem er überhaupt von der Mehrwertproduktion absieht, und zum anderen Mal – indem er den ganzen Mehrwert der Luxusproduktion verwendet. Wer ist nun Abnehmer für die neue Luxusproduktion? Nach dem Beispiel Mac Cullochs offenbar eben die Kapitalisten (seine Pächter und Fabrikanten), denn außer diesen gibt es in seinem Beispiel nur noch Arbeiter. Damit haben; wir also die Konsumtion des ganzen Mehrwerts zu persönlichen Zwecken der Kapitalisten, oder mit anderen Worten: einfache Reproduktion. Mac Culloch beantwortet also die Frage nach der Kapitalisierung des Mehrwerts entweder durch Absehen von jeglichem Mehrwert oder dadurch, daß er in demselben Moment, wo Mehrwert entsteht, einfache Reproduktion statt der Akkumulation annimmt. Den Schein, als ob er dennoch von erweiterter Reproduktion redete, gibt er sich dabei wiederum – wie früher bei der angeblichen Behandlung des »Überschusses« – durch eine Finte, nämlich dadurch, daß er erst den unmöglichen Kasus einer kapitalistischen Produktion ohne Mehrwert konstruiert, um dann das Erscheinen des Mehrprodukts auf der Bildfläche dem Leser als eine Erweiterung der Produktion zu suggerieren.

Diesen Windungen des schottischen Schlangenmenschen war Sismondi nun nicht ganz gewachsen. Er, der seinen Mac bis jetzt Schritt für Schritt an die Wand gedrückt und ihm »offenbare Abgeschmacktheit« nachgewiesen hat, verwirrt sich selbst in dem entscheidenden Punkte der Kontroverse. Er hätte seinem Widerpart auf die obige Tirade offenbar kühl erklären müssen: »Verehrtester! Alle Achtung vor Ihrer geistigen Biegsamkeit, aber Sie suchen ja der Sache wie ein Aal zu entschlüpfen. Ich frage die ganze Zeit: wer wird Abnehmer der überschüssigen Produkte sein, wenn die Kapitalisten, statt ihren Mehrwert ganz zu verprassen, ihn zu Zwecken der Akkumulation, d.h. zur Erweiterung der Produktion verwenden werden? Und Sie antworten mir darauf: Je nun, sie werden diese Erweiterung der Produktion in Luxusgegenständen vornehmen und diese Luxusgegenstände werden sie natürlich selbst verzehren. Aber das ist ja ein Taschenspielerkunststück. Denn sofern die Kapitalisten den Mehrwert in Luxus für sich selbst verausgaben, verzehren sie ihn ja und akkumulieren nicht. Es handelt sich aber gerade darum, ob die Akkumulation möglich ist, nicht um persönlichen Luxus der Kapitalisten! Geben Sie also entweder darauf – wenn Sie können – eine klare Antwort, oder begeben Sie sich selbst dorthin, wo Ihr Wein und Tabak oder meinetwegen der Pfeffer wächst.«

Statt so dem Vulgarus den Daumen aufs Auge zu drücken, wird Sismondi plötzlich ethisch, pathetisch und sozial. Er ruft: »Wer wird die Nachfrage stellen, wer wird genießen, die ländlichen und die städtischen Herren oder ihre Arbeiter? In seiner (Macs) neuen Annahme haben wir einen Überschuß an Produkten, einen Gewinn an der Arbeit. Wem verbleibt er?« Und er antwortet selbst mit der folgenden Tirade:

»Wohl wissen wir – und die Geschichte des Handels lehrt es uns genugsam –, daß nicht der Arbeiter es ist, der von der Vervielfältigung der Produkte der Arbeit Nutzen hat: sein Lohn wird nicht vermehrt. Ricardo hat selbst einmal gesagt, daß es nicht sein dürfe, wenn man das Anwachsen des öffentlichen Reichtums nicht aufhören lassen wolle. Eine grauenhafte Erfahrung lehrt uns im Gegenteil, daß der Arbeitslohn vielmehr fast stets im Verhältnis zu dieser Vermehrung vermindert wird. Worin besteht dann aber die Wirkung des Anwachsens der Reichtümer für die öffentliche Wohlfahrt? Unser Verfasser hat tausend Pächter angenommen, die genießen, während hunderttausend Landarbeiter arbeiten, tausend Fabrikanten, die sich bereichern, während hunderttausend Handwerker unter ihrem Befehl stehen. Das etwaige Glück, das der Vermehrung der leichtfertigen Genüsse des Luxus entspringen kann, wird also nur einem Hundertstel der Nation zuteil. Würde dieses Hundertstel, das dazu berufen ist, den ganzen Überfluß des Produkts der arbeitenden Klasse zu verbrauchen, auch dann hierzu imstande sein, wenn diese Produktion durch den Fortschritt der Maschinen und der Kapitalien ohne Aufhören anwächst? In der Annahme des Verfassers muß der Pächter oder der Fabrikant jedesmal, wenn das nationale Produkt sich verdoppelt, seinen Verbrauch verhundertfachen; wenn der nationale Reichtum, dank der Erfindung so vieler Maschinen, heute hundertmal so groß ist, als er zu der Zeit war, in der er nur die Produktionskosten deckte, muß heute jeder Herr Produkte verbrauchen, die zum Unterhalt von zehntausend Arbeitern ausreichen würden.« Und hier glaubt Sismondi wieder den Ansatz zur Krisenbildung gepackt zu haben: »Nehmen wir einmal buchstäblich an, daß ein Reicher die Produkte verbrauchen kann, die zehntausend Arbeiter angefertigt haben, darunter die Bänder, die Spitzen, die Seidenwaren, deren Ursprung uns der Verfasser aufgezeigt hat. Aber ein einzelner Mensch könnte nicht in gleichem Verhältnis die Erzeugnisse der Landwirtschaft verbrauchen: die Weine, den Zucker, die Gewürze, die Ricardo in Tausch entstehen läßt (Sismondi, der den Anonymus der ›Edinburgh Review‹ erst später erkannte, hatte offenbar zuerst Ricardo im Verdacht, den Artikel geschrieben zu haben), wären zuviel für die Tafel eines einzigen Menschen. Sie werden nicht verkauft werden oder vielmehr das Verhältnis zwischen den landwirtschaftlichen und Fabrikerzeugnissen, das als Grundlage seines ganzen Systems erscheint, wird sich nicht mehr aufrechterhalten lassen.«

Wir sehen also, wie Sismondi auf die Mac Cullochsche Finte hereinfällt: statt die Beantwortung der Frage nach der Akkumulation durch den Hinweis auf die Luxusproduktion abzulehnen, folgt er, ohne die Verschiebung des Feldes zu merken, seinem Widerpart auf dieses Gebiet und findet hier nur zweierlei auszusetzen. Einmal macht er Mac Culloch einen sittlichen Vorwurf daraus, daß er den Mehrwert den Kapitalisten, statt der Masse der Arbeitenden zugute kommen läßt, und verirrt sich so in eine Polemik gegen die Verteilung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Zum anderen Mal findet er von diesem Seitenpfad unerwartet den Weg zum ursprünglichen Problem zurück, das er aber nunmehr so stellt: die Kapitalisten verbrauchen also selbst im Luxus den ganzen Mehrwert. Schön! Aber ist denn ein Mensch imstande, seinen Verbrauch so rasch und so grenzenlos zu erweitern, wie die Fortschritte der Produktivität der Arbeit das Mehrprodukt anwachsen lassen? Hier läßt Sismondi also selbst sein eigenes Problem im Stich und statt die Schwierigkeit der kapitalistischen Akkumulation in dem fehlenden Verbraucher außerhalb der Arbeiter und der Kapitalisten zu sehen, findet er nunmehr eine Schwierigkeit der einfachen Reproduktion in den physischen Schranken der Verbrauchsfähigkeit der Kapitalisten selbst. Da die Aufnahmefähigkeit der Kapitalisten für Luxus mit der Produktivität der Arbeit, also mit dem Wachstum des Mehrwerts, nicht Schritt halten könne, so müssen sich Überproduktion und Krise ergeben. Wir haben schon einmal bei Sismondi in seinen »Nouveaux Principes« diesen Gedankengang gefunden, und wir haben hier den Beweis, daß ihm selbst sein Problem nicht immer ganz klar war. Kein Wunder. Das Problem der Akkumulation mit ganzer Schärfe zu erfassen, ist nur möglich, wenn man mit dem Problem der einfachen Reproduktion fertig geworden ist. Wie sehr es aber damit bei Sismondi noch haperte, haben wir bereits gesehen.

Trotz alledem ist Sismondi in diesem ersten Fall, wo er mit den Epigonen der klassischen Schule die Waffen kreuzte, durchaus nicht der Schwächere gewesen. Im Gegenteil hat er schließlich seinen Gegner zu Paaren getrieben. Wenn Sismondi die elementarsten Grundlagen der gesellschaftlichen Reproduktion verkannte und ganz im Sinne der Smithschen Dogmas das konstante Kapital vernachlässigte, so stand er darin jedenfalls seinem Gegner nicht nach: für Mac Culloch existiert das konstante Kapital gleichfalls nicht, seine Pächter und Fabrikanten »schießen vor« bloß Nahrung und Kleidung für ihre Arbeiter, und das Gesamtprodukt der Gesellschaft besteht nur aus Nahrung und Kleidung. Sind sich so die beiden in dem elementaren Schnitzer gleich, so überragt Sismondi seinen Mac unendlich durch den Sinn für Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise. Auf die Sismondische Skepsis in bezug auf die Realisierbarkeit des Mehrwertes ist der Ricardianer ihm schließlich die Antwort schuldig geblieben. Ebenso überlegen ist Sismondi, wenn er der satten Zufriedenheit des Harmonikers und Apologeten, für den es »keinen Überschuß der Produktion über die Nachfrage, keine Einschnürung des Marktes, kein Leiden gibt«, den Notschrei der Nottinghamer Proletarier ins Gesicht schleudert, wenn er nachweist, daß die Einführung der Maschinen naturnotwendig »eine überflüssige Bevölkerung« schaffe, endlich und besonders, wenn er die allgemeine Tendenz des kapitalistischen Weltmarkts mit ihren Widersprüchen hervorhebt. Mac Culloch bestreitet rundweg die Möglichkeit allgemeiner Überproduktionen und hat für jede partielle Überproduktion ein probates Mittel in der Tasche:

»Man kann einwenden,« sagt er, »daß man bei Annahme des Grundsatzes, daß die Nachfrage sich stets im Verhältnis zur Produktion vermehrt, die Einschnürungen und Stockungen nicht erklären könne, die ein ungeordneter Handel erzeugt. Wir antworten sehr ruhig: eine Einschnürung ist die Folge eines Anwachsens einer besonderen Klasse von Waren, denen ein verhältnismäßiges Anwachsen von Waren, die ihnen als Gegenwert dienen können, nicht gegenübersteht. Während unsere tausend Pächter und ebenso viele Fabrikanten ihre Produkte austauschen und sich gegenseitig einen Markt darbieten, können tausend neue Kapitalisten, die sich der Gesellschaft angliedern, von denen jeder hundert Arbeiter im Landbau beschäftigt, ohne Zweifel eine unmittelbare Einschnürung des Marktes in landwirtschaftlichen Produkten herbeiführen, weil ein gleichzeitiges Anwachsen der Produktion von Manufakturwaren, die sie kaufen sollen, mangelt. Aber wenn die eine Hälfte dieser neuen Kapitalisten Fabrikanten werden, so werden sie Manufakturwaren schaffen, die zum Ankauf des Bruttoprodukts der anderen Hälfte genügend sind. Das Gleichgewicht ist wieder hergestellt und fünfzehnhundert Pächter werden mit fünfzehnhundert Fabrikanten ihre entsprechenden Produkte mit genau derselben Leichtigkeit tauschen, mit der die tausend Pächter und die tausend Fabrikanten ehemals die ihrigen getauscht haben.« Auf diese Possenreißerei, die »sehr ruhig« mit der Stange im Nebel herumfährt, antwortet Sismondi mit dem Hinweis auf die wirklichen Verschiebungen und Umwälzungen des Weltmarkts, die sich vor seinen Augen vollzogen:

»… Man hat wilde Länder unter Kultur gesetzt und die politischen Umwälzungen, die Änderung in dem System der Finanzen, der Friede, haben in die Häfen der alten, Landwirtschaft treibenden Länder auf einmal Schiffsladungen eingehen lassen, die fast allen ihren Ernten gleich kommen. Die ungeheuren Provinzen, die Rußland neuerdings am Schwarzen Meere zivilisiert hat, Ägypten, das einen Regierungswechsel erlebt hat, die Berberei, der der Seeraub untersagt worden ist, haben plötzlich die Speicher Odessas, Alexandriens und Tunis‘ in die Häfen Italiens geleert und haben ein solches Übermaß von Getreide mit sich geführt, daß die ganzen Küsten entlang die Tätigkeit des Pächters eine verlustbringende geworden ist. Das übrige Europa ist nicht vor einer ähnlichen Umwälzung sicher, die die ungeheure Ausdehnung des neuen Landes verursacht hat, das an den Ufern des Mississippi auf einmal unter Kultur gesetzt worden ist und das alle seine Erzeugnisse ausführt. Selbst der Einfluß Neuhollands kann eines Tages für die englische Industrie vernichtend sein, wenn nicht in Hinsicht auf die Lebensmittel, für die der Transport zu kostspielig ist, so doch hinsichtlich der Wolle und der anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse, deren Beförderung eine leichtere ist.« Was war nun der Rat Mac Cullochs angesichts dieser Agrarkrise in Südeuropa? Die Hälfte der neuen Landwirte sollte Fabrikanten werden! Darauf sagt Sismondi: »Diesen Rat kann man ernsthaft nur den Tartaren in der Krim oder den ägyptischen Fellahs geben« – und er fügt hinzu: »Noch ist der Augenblick nicht gekommen, um neue Fabriken in überseeischen Gegenden oder in Neuholland einzurichten.« Man sieht, Sismondi erkannte mit klarem Blick, daß die Industrialisierung der überseeischen Gebiete nur eine Frage der Zeit war. Daß aber auch die Ausdehnung des Weltmarktes nicht eine Lösung der Schwierigkeit, sondern bloß ihre Reproduktion in höherer Potenz, noch gewaltigere Krisen bringen muß, auch dessen war sich Sismondi wohl bewußt. Er stellte im voraus als die Kehrseite der Expansionstendenz des Kapitalismus fest: eine noch größere Verschärfung der Konkurrenz, eine noch größere Anarchie der Produktion. Ja, er legt sogar den Finger auf die Grundursache der Krisen, indem er die Tendenz der kapitalistischen Produktion, über jede Marktschranke hinauszueilen, an einer Stelle scharf formuliert: »Man hat häufig angekündigt – sagt er zum Schluß seiner Replik gegen Mac Culloch – daß das Gleichgewicht sich wieder herstellen und die Arbeit wieder beginnen würde, aber eine einzige Nachfrage entwickelte jedesmal eine Bewegung, die über die wirklichen Bedürfnisse des Handels weit hinausging, und dieser neuen Tätigkeit folgte bald eine noch peinvollere Einschnürung.«

Solchen tiefen Griffen der Sismondischen Analyse in die wirklichen Widersprüche der Kapitalbewegung hat der Vulgarus auf dem Londoner Katheder mit seinem Harmoniegeschwätz und seinem Kontertanz zwischen den tausend bebänderten Pächtern und den tausend weinseligen Fabrikanten nichts zu erwidern gehabt.

1 Der Artikel in der »Edinburgh Review« war eigentlich gegen Owen gerichtet. Auf 24 Druckseiten zieht er scharf gegen die vier Schriften zu Felde: A New View of Society, or Essays on the Formation of Human Character, Observations on the Effects of the Manufacturing System, Two Memorials on Behalf of the Working Classes, presented to the Governments of America and Europe, endlich Three Tracts, and an Account of Public Proceedings relative to the Employment of the Poor. Der Anonymus sucht Owen haarklein nachzuweisen, daß seine Reformideen nicht im geringsten auf die wirklichen Ursachen der Misere des englischen Proletariats zurückgreifen, denn diese wirklichen Ursachen seien; der Übergang zur Bebauung unfruchtbarer Ländereien (die Ricardosche Grundrententheorie!), die Kornzölle und die hohen Steuern, die den Pächter wie den Fabrikanten bedrücken. Also Freihandel und laisser faire – das ist Alpha und Omega! Bei ungehinderter Akkumulation wird jeder Zuwachs der Produktion für sich selbst einen Zuwachs der Nachfrage schaffen. Hier wird Owen unter Hinweisen auf Say und James Mill einer »völligen Ignoranz« geziehen: »In his reasonings, as well as in his plans, Mr. Owen shows himself profoundly ignorant of all the laws which regulate the production and distribution of wealth.« Und von Owen kommt der Verfasser auch auf Sismondi, wobei er die Kontroverse selbst wie folgt formuliert: »… He (Owen) conceives that when competition is unchecked by any artificial regulations, and industry permitted to flow in its natural channels, the use of machinery may increase the supply of the several articles of wealth beyond the demand for them, and by creating an excess of all commodities, throw the working classes out of employment. This is the Position which we hold to be fundamentally erroneous; and as it is strongly insisted on by the celebrated M. de Sismondi in his »Nouveaux Principes d’Economie Politique«, we must entreat the indulgence of our readers while we endeavour to point out its fallacy, and to demonstrate, that the power of consuming necessarily increases with every increase in the power of producing.« »Edinburgh Review«, Okt. 1819, S. 470.

2 Der Titel des Aufsatzes lautet im Original: »Examen de cette question: Le pouvoir de consommer s’accroit-il toujours dans la société avec le pouvoir de produire?« Es war uns unmöglich, Rossis Annalen zu erlangen, der Aufsatz ist aber von Sismondi in seiner zweiten Auflage der »Nouveaux Principes« ganz aufgenommen.

3 l.c., S. 470.

4 Die Leipziger Büchermesse Sismondis als Mikrokosmus des kapitalistischen Weltmarkts feierte übrigens nach fünfundfünfzig Jahren eine fröhliche Auferstehung – in dem wissenschaftlichen »System« Eugen Dührings. Und wenn Engels in seiner kritischen Stäupung des unglücklichen Universalgenies diesen Einfall damit erklärt, Dühring zeige sich darin als »echter deutscher Literatus«, daß er sich wirkliche industrielle Krisen an eingebildeten Krisen auf dem Leipziger Büchermarkt, den Sturm auf der See am Sturm im Glase Wasser klarzumachen suche, so hat der große Denker auch hier wieder, wie in so vielen von Engels nachgewiesenen Fällen, einfach eine stille Anleihe bei einem anderen gemacht.

Zwölftes Kapitel.

Ricardo gegen Sismondi.

Für Ricardo war offenbar mit Mac Cullochs Erwiderung auf Sismondis theoretische Einwände die Sache nicht erledigt. Im Unterschied von dem geschäftstreibenden »schottischen Erzhumbug«, wie ihn Marx nennt, suchte Ricardo nach Wahrheit und bewahrte sich die echte Bescheidenheit eines großen Denkers.1 Daß Sismondis Polemik gegen ihn selbst wie gegen seinen »Schüler« auf Ricardo einen tiefen Eindruck gemacht hatte, beweist die Frontänderung Ricardos in der Frage über die Wirkung der Maschinen. Hier gerade gebührt Sismondi das Verdienst, zum erstenmal der klassischen Harmonielehre die andere Seite der Medaille vor die Augen geführt zu haben. Im Buch IV seiner »Nouveaux Principes«, im Kapitel VII: »Von der Teilung der Arbeit und von den Maschinen«, wie im Buche VII Kapitel VII, das den bezeichnenden Titel führt: »Maschinen schaffen eine überflüssige Bevölkerung«, hatte Sismondi die von den Apologeten Ricardos breitgetretene Lehre angegriffen, als schüfen die Maschinen immer ebensoviel oder noch mehr Arbeitsgelegenheit für die Lohnarbeiter, wie sie ihnen durch Verdrängung der lebendigen Arbeit wegnahmen. Gegen diese sogenannte Kompensationstheorie wandte sich Sismondi mit aller Schärfe. Seine »Nouveaux Principes« waren 1819 erschienen – zwei Jahre nach dem Hauptwerk Ricardos. In der dritten Ausgabe seiner »Principles« im Jahre 1821, also bereits nach der Polemik zwischen Mac Culloch und Sismondi, schaltete Ricardo ein neues Kapitel (Einunddreißigstes Hauptstück der Baumstarckschen Übersetzung, zweite Auflage 1877) ein, wo er freimütig seinen Irrtum bekennt und ganz im Sinne Sismondis erklärt: »daß die Meinung der Arbeiterklasse, die Anwendung von Maschinen sei ihren Interessen häufig verderblich, nicht auf Vorurteil und Irrtum beruht, sondern mit den richtigen Grundgesetzen der Volks- und Staatswirtschaft übereinstimmt.« Dabei sieht er sich genau wie Sismondi veranlaßt, sich gegen den Verdacht zu verwahren, als eifere er gegen den technischen Fortschritt, salviert sich aber – weniger rücksichtslos wie Sismondi – durch die Ausflucht, daß das Übel nur allmählich auftrete: »Um das Grundgesetz zu beleuchten, habe ich angenommen, daß das verbesserte Maschinenwesen urplötzlich auf einmal entdeckt und in ganzer Ausdehnung angewendet worden sei. Aber in der Wirklichkeit treten diese Entdeckungen nach und nach auf und wirken mehr auf Anwendung des schon ersparten und angesammelten Kapitals, als auf Zurückziehung von Kapital aus bisheriger Anlage.«

Doch auch das Problern der Krisen und der Akkumulation ließ Ricardo keine Ruhe. Im letzten Jahre seines Lebens, 1823, blieb er einige Tage in Genf, um mit Sismondi persönlich über diesen Gegenstand zu debattieren, und als Frucht jener Gespräche erschien im Mai 1824 in der »Revue Encyclopédique« der Aufsatz Sismondis: »Sur la balance des consommations avec les productions«.2

Ricardo hatte in seinen »Principles« in der entscheidenden Frage gänzlich die Harmonielehre über das Verhältnis zwischen Produktion und Konsumtion von dem faden Say übernommen. Im Kapitel XXI sagt er: »Say hat genügend nachgewiesen, daß es kein noch so großes Kapital gibt, das nicht in einem Lande angewandt werden könnte, denn die Nachfrage findet nur in der Produktion ihre Grenzen. Niemand produziert außer in der Absicht, sein Produkt selbst zu konsumieren oder es zu verkaufen, und jeder verkauft nur in der Absicht, andere Güter zu kaufen, welche für ihn unmittelbar zur Konsumtion dienen oder aber dazu, in einer künftigen Produktion angewendet zu werden. Derjenige, der produziert, wird also notwendig entweder selbst Konsument seines Produktes oder Käufer und Konsument der Produkte anderer.«

Gegen diese Auffassung Ricardos polemisierte Sismondi heftig schon in seinen »Nouveaux Principes«, und die mündliche Debatte drehte sich ganz um die obige Frage. Die Tatsache der Krise, die eben erst in England und in anderen Ländern vorübergezogen war, konnte Ricardo nicht bestreiten. Es handelte sich bloß um ihre Erklärung. Bemerkenswert ist dabei die klare und präzise Stellung des Problems, auf die sich Sismondi mit Ricardo eingangs ihrer Debatte geeinigt hatte: sie eliminierten beide die Frage des auswärtigen Handels. Sismondi begriff wohl die Bedeutung und die Notwendigkeit des auswärtigen Handels für die kapitalistische Produktion und ihr Ausdehnungsbedürfnis. Darin stand er der Ricardoschen Freihandelsschule in nichts nach. Ja, er überragte sie bedeutend durch die dialektrische Auffassung dieser Expansionstendenz des Kapitals, er sprach offen heraus, daß die Industrie »genötigt wird, auf fremden Märkten ihre Absatzwege zu suchen, wo noch größere Umwälzungen sie bedrohen«,3 er prophezeite, wie wir gesehen, das Erstehen einer gefährlichen Konkurrenz für die europäische Industrie in den überseeischen Ländern, was um das Jahr 1820 immerhin eine ganz achtbare Leistung war, die den tiefen Blick Sismondis für die weltwirtschaftlichen Beziehungen des Kapitals verriet. Bei alledem war Sismondi weit davon entfernt, das Problem der Realisierung des Mehrwerts, das Problem der Akkumulation von dem auswärtigen Handel als der einzigen Rettungsmöglichkeit abhängig zu machen, wie ihm das spätere Kritiker einzureden suchten. Im Gegenteil, Sismondi sagt selbst ausdrücklich gleich im Buch II Kapitel VI: »Um diesen Berechnungen mit größerer Leichtigkeit folgen zu können und zur Vereinfachung dieser Fragen haben wir bis jetzt vollständig von dem auswärtigen Handel abgesehen und angenommen, daß eine Nation ganz allein für sich dastehe; die menschliche Gesellschaft ist selbst diese einzeln dastehende Nation, und alles, was bei einer Nation ohne Handel wahr ist, ist ebenso wahr beim Menschengeschlecht.« Mit anderen Worten: Sismondi stellte sein Problem genau unter denselben Voraussetzungen, wie später Marx: indem er den ganzen Weltmarkt als eine ausschließlich kapitalistisch produzierende Gesellschaft betrachtete. Auf diese Voraussetzungen einigte er sich auch mit Ricardo: »Wir schieden beide,« sagt er, »aus der Frage den Fall aus, in dem eine Nation mehr den Fremden verkaufte, als sie von ihnen kaufte und so für eine wachsende Produktion im Innern einen wachsenden Markt nach außen fand. – Wir haben nicht die Frage zu entscheiden, ob Wechselfälle eines Krieges oder der Politik einer Nation nicht neue Verbraucher verschaffen können: man muß beweisen, daß sie sie sich selbst schafft, wenn sie ihre Produktion vermehrt.« Hier hat Sismondi das Problem der Realisierung des Mehrwerts mit aller Schärfe so formuliert, wie es uns in der ganzen späteren Zeit in der Nationalökonomie entgegentritt. Ricardo behauptet nämlich in der Tat – darin folgt er, wie wir gesehen und noch sehen werden, den Fußtapfen Says –, daß die Produktion sich selbst ihren Absatz schaffe.

Die in der Kontroverse mit Sismondi von Ricardo formulierte These lautete:

»Nehmen wir hundert Landbebauer an, die tausend Sack Getreide produzieren, und hundert Wollenfabrikanten, die tausend Ellen Stoff herstellen; sehen wir von allen anderen Produkten ab, die den Menschen nützlich sind, von allen Zwischengliedern zwischen ihnen, und nehmen wir an, daß sie nur allein auf der Welt sind: so tauschen sie ihre tausend Ellen gegen ihre tausend Sack; nehmen wir die Produktivkräfte der Arbeit infolge der Fortschritte der Industrie als um ein Zehntel vermehrt an, so tauschen dieselben Menschen elfhundert Ellen gegen elfhundert Sack und jeder von ihnen wird besser bekleidet und besser ernährt werden; ein neuer Fortschritt erhöht den Tausch auf zwölfhundert Ellen gegen zwölfhundert Sack und so fort: das Anwachsen der Produktion vermehrt stets die Genüsse der Produzenten«.4

Mit tiefer Beschämung muß man feststellen, daß die Deduktionen des großen Ricardo hier womöglich auf noch tieferem Niveau stehen, als die des »schottischen Erzhumbugs« Mac Culloch. Wir sind wieder eingeladen, als Zuschauer einem harmonischen und anmutigen Kontertanz zwischen »Ellen« und »Säcken« beizuwohnen, wobei just das, was bewiesen werden sollte: ihr Proportionalitätsverhältnis, einfach vorausgesetzt ist. Aber noch besser: alle die Voraussetzungen des Problems, um die es sich handelte, sind dafür einfach weggelassen. Das Problem, der Gegenstand der Kontroverse – um es immer wieder festzuhalten – bestand darin: wer ist Konsument und Abnehmer für den Überschuß an Produkten, der entsteht, wenn die Kapitalisten über den Verbrauch ihrer Arbeiter und ihren eigenen Verbrauch hinaus Waren herstellen, d.h. wenn sie einen Teil des Mehrwerts kapitalisieren und dazu verwenden, die Produktion zu erweitern, das Kapital zu vergrößern? Darauf antwortet Ricardo, indem er überhaupt auf Kapitalvergrößerung nicht mit einem Worte eingeht. Was er uns vormalt in den verschiedenen Etappen der Produktion, ist bloß stufenweise Erhöhung der Produktivität der Arbeit. Es Werden nach seiner Annahme immer mit derselben Anzahl Arbeitskräfte erst tausend Sack Getreide und tausend Ellen Wollgewebe, dann elfhundert Sack und elfhundert Ellen, später zwölfhundert Sack und zwölfhundert Ellen produziert, und so mit Grazie fort. Ganz abgesehen von der langweiligen Vorstellung der soldatenmäßig gleichen Marschbewegung auf beiden Seiten und der Übereinstimmung selbst der Anzahl Gegenstände, die zum Austausch gelangen sollen, ist in dem ganzen Beispiel keine Rede von Kapitalerweiterung. Was wir hier immer vor Augen haben, ist nicht erweiterte Reproduktion, sondern einfache Reproduktion, bei der bloß die Masse Gebrauchswerte, nicht aber der Wert der gesellschaftlichen Gesamtprodukte anwächst. Da für den Austausch nicht die Menge Gebrauchswerte, sondern lediglich ihre Wertgröße in Betracht kommt, diese aber im Beispiele Ricardos immer die gleiche bleibt, so bewegt er sich eigentlich nicht vom Fleck, obwohl er sich den Anschein gibt, fortschreitende Erweiterung der Produktion zu analysieren. Endlich existieren bei Ricardo überhaupt die Kategorien der Reproduktion nicht, auf die es ankommt. Mac Culloch läßt zuerst seine Kapitalisten ohne Mehrwert produzieren und von der Luft leben, aber er erkennt wenigstens die Existenz der Arbeiter und gibt ihren Verbrauch an. Bei Ricardo ist von Arbeitern nicht einmal die Rede und die Unterscheidung von variablem Kapital und Mehrwert existiert überhaupt nicht. Demgegenüber will es wenig verschlagen, daß Ricardo, genau wie sein Schüler, von dem konstanten Kapital völlig absieht: er will das Problem der Realisierung des Mehrwertes und der Kapitalerweiterung lösen, ohne mehr vorauszusetzen, als daß es ein gewisses Quantum Waren gibt, die gegenseitig ausgetauscht werden.

Sismondi gibt sich, ohne die gänzliche Verschiebung des Kampffeldes zu merken, redliche Mühe, die Phantasien seines berühmten Gastes und Widerparts, bei dessen Voraussetzungen man, wie er sich beklagt, »von Zeit und Raum absehen müsse, wie die deutschen Metaphysiker pflegen«, auf die flache Erde zu projizieren und in ihren unsichtbaren Widersprüchen zu zergliedern. Er pfropft die Ricardosche Hypothese auf »die Gesellschaft in ihrer wirklichen Organisation mit Arbeitern ohne Eigentum, deren Lohn durch den Wettbewerb festgesetzt wird und die ihr Herr, wenn er ihrer nicht mehr bedarf, entlassen kann«, denn – bemerkt Sismondi so treffend wie bescheiden – »gerade auf diese wirtschaftliche Organisation stützen sich unsere Entwürfe«. Und er deckt die mannigfachen Schwierigkeiten und Konflikte auf, mit denen die Fortschritte der Produktivität der Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen verknüpft sind. Er weist nach, daß die von Ricardo angenommenen Verschiebungen in der Arbeitstechnik gesellschaftlich zu der folgenden Alternative führen müssen: entweder wird im Verhältnis zum Wachstum der Produktivität ein entsprechender Teil der Arbeiter entlassen und dann erhalten wir auf der einen Seite einen Überschuß an Produkten, auf der anderen Seite Arbeitslosigkeit und Elend, also ein treues Bild der gegenwärtigen Gesellschaft, oder das überschüssige Produkt wird zur Erhaltung von Arbeitern in einem neuen Produktionszweige: der Luxusproduktion, verwendet. Hier angelangt, schwingt sich Sismondi zu einer entschiedenen Überlegenheit über Ricardo auf. Er erinnert sich plötzlich an die Existenz des konstanten Kapitals und jetzt ist er es, der dem englischen Klassiker haarscharf auf den Leib rückt: »Um eine neue Manufaktur, ein Luxusmanufaktur zu begründen, bedarf es auch eines neuen Kapitals; Maschinen müssen gebaut, Rohstoffe bestellt werden, ein ferner Handel muß in Tätigkeit treten, denn die Reichen begnügen sich nicht gern mit den Genüssen, die in ihrer Nähe erzeugt werden. Wo finden wir nun dieses neue Kapital, das vielleicht viel erheblicher ist als dasjenige, was die Landwirtschaft verlangt? – Unsere Luxusarbeiter sind noch lange nicht so weit, das Getreide unserer Landbebauer zu essen, die Kleider unserer Manufakturen zu tragen, sie sind noch nicht da, sie sind vielleicht noch nicht geboren, ihre Gewerbe sind noch nicht vorhanden, die Rohstoffe, die sie bearbeiten sollen, sind von Indien nicht angelangt: alle die, an die sie ihr Brot austeilen sollen, warten vergebens darauf.« Sismondi berücksichtigt nun das konstante Kapital nicht bloß in der Luxusproduktion, sondern auch in der Landwirtschaft, und hält weiter Ricardo entgegen: »Man muß von der Zeit absehen, wenn man unterstellt, daß der Landbebauer, der durch eine Erfindung der Mechanik oder einer ländlichen Industrie die Produktivkraft seiner Arbeiter um ein Drittel vermehren kann, auch ein Kapital finden wird, das zur Vermehrung seiner Ausbeute um ein Drittel genügt, zur Vermehrung seiner Werkzeuge, seiner Ackergeräte, seines Viehstandes, seiner Speicher, und das Umlaufskapital, dessen er bedarf, um seine Einkünfte abzuwarten.«

Hier bricht Sismondi mit der Fabel der klassischen Schule, als ob bei der Kapitalerweiterung der ganze Kapitalzuschuß ausschließlich in Löhnen, in variablem Kapital verausgabt wäre, und trennt sich darin deutlich von der Ricardoschen Lehre, – was ihn nebenbei nicht hinderte, drei Jahre später in der zweiten Auflage seiner »Nouveaux Principes« alle die Schnitzer, die sich auf jene Lehre stützen, unbesehen passieren zu lassen. Der glatten Harmonielehre Ricardos gegenüber hebt Sismondi also zwei entscheidende Punkte hervor: einerseits die objektiven Schwierigkeiten des erweiterten Reproduktionsprozesses, der in der kapitalistischen Wirklichkeit durchaus nicht so hübsch glatt verläuft, wie in der abstrusen Hypothese Ricardos, andererseits die Tatsache, daß jeder technische Fortschritt in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen sich stets auf Kosten der Arbeiterklasse durchsetzt und mit deren Leiden erkauft wird. Und noch in einem dritten wichtigen Punkte zeigt Sismondi seine Überlegenheit im Vergleiche mit Ricardo: gegenüber dessen roher Borniertheit, für die außer der bürgerlichen Ökonomie überhaupt keine Gesellschaftsformen existieren, vertritt Sismondi die breiten historischen Horizonte einer dialektischen Auffassung: »Unsere Augen – ruft er – haben sich dermaßen an diese neue Organisation der Gesellschaft, an diesen allgemeinen Wettbewerb gewöhnt, der zur Feindschaft zwischen der reichen und der arbeitenden Klasse ausartet, daß wir uns keine andere Art des Daseins mehr denken können, trotzdem die Trümmer dieser Existenzen uns von allen Seiten umgeben. Man glaubt mich ad absurdum führen zu können, wenn man mir die Fehler der früheren Systeme entgegenhält. In der Tat sind zwei oder drei in der Organisation der unteren Klassen einander gefolgt, aber darf man, weil sie, nachdem sie zuerst einiges Gute geleistet, bald darauf aber schreckliche Qualen dem Menschengeschlecht verursacht haben, schließen, daß wir heute das richtige System haben, daß wir nicht den Grundfehler des Systems der Tagelöhner entdecken werden, wie wir den des Systems der Sklaverei, der Vasallität, der Zünfte entdeckt haben? Als diese drei Systeme in Kraft waren, konnte man sich auch nicht denken, was man an ihre Stelle setzen könnte: die Verbesserung der bestehenden Ordnung erschien ebenso unmöglich wie lächerlich. Ohne Zweifel wird eine Zeit kommen, in der unsere Enkel uns als nicht minder barbarisch ansehen werden, weil wir die arbeitenden Klassen ohne Garantie gelassen haben, wie sie und wir selbst die Nationen als barbarisch ansehen, die diese selben Klassen als Sklaven behandelt haben.« Seinen tiefen Blick für geschichtliche Zusammenhänge hat Sismondi bewiesen durch den Ausspruch, worin er mit epigrammatischer Schärfe die Rolle des Proletariats in der modernen Gesellschaft von derjenigen des Proletariats der römischen Gesellschaft unterschied. Nicht minder tief zeigt er sich darin, wie er in seiner Polemik gegen Ricardo die ökonomischen Sondercharaktere des Sklavensystems und der Feudalwirtschaft zergliedert, sowie deren relative geschichtliche Bedeutung, endlich, indem er als die vorherrschende allgemeine Tendenz der bürgerlichen Ökonomie feststellt: »jede Art von Eigentum von jeder Art Arbeit vollständig zu trennen«. Auch das zweite Treffen Sismondis mit der klassischen Schule schlug, wie das erste, nicht zum Ruhme seines Gegners aus.5

1 Es ist bezeichnend, daß, als Ricardo 1819 ins Parlament gewählt worden war, er, der damals schon das größte Ansehen wegen seiner ökonomischen Schriften genoß, an einen Freund schrieb: »Sie werden wissen, daß ich im Hause der Gemeinen sitze. Ich fürchte, daß ich da nicht viel nützen werde. Ich habe es zweimal versucht, zu sprechen, aber ich sprach mit größter Beklommenheit und ich verzweifle daran, ob ich je die Angst überwinden werde, die mich befällt, wenn ich den Ton meiner Stimme höre.« Dergleichen »Beklommenheiten« waren dem Schwätzer Culloch völlig unbekannt.

2 Sismondi erzählt uns über diese Diskussion: »Monsieur Ricardo, dont la mort récente a profondément affligé, non pas seulement sa famille et ses amis, mais tous ceux qu’il a éclairés par ses lumières, tous ceux qu’il a echauffés par ses nobles sentiments, s’arrêta, quelques jours à Genève dans la dernière année de sa vie. Nous discutâmesensemble, à deux ou trois reprises, cette question fondamentale sur laquelle nous étions en Opposition. Il apporta à son examen l’urbanité, la bonne foi, l’amour de la vérité qui le distinguaient, et une clarté à laquelle ses disciples eux-mêmes ne se seraient pas entendus, accoutumésqu’ils étaient aux efforts d’abstraction qu’il exigeait d’eux dans le cabinet.« Der Aufsatz »Sur la balance« ist abgedruckt in der 2. Ausgabe der »Nouveaux Principes«, Tome II p. 408.

3 Buch IV, Kap. IV: »Der kaufmännische Reichtum folgt dem Wachstum des Einkommens.«

4 Nouveaux Principes, 2. éd., S. 416.

5 Wenn deshalb Herr Tugan-Baranowsky im Interesse des von ihm verfochtenen Standpunktes Say-Ricardos über die Kontroverse zwischen Sismondi und Ricardo zu berichten weiß, daß Sismondi gezwungen wäre, »die Richtigkeit der von ihm angefochtenen Lehre anzuerkennen und seinem Gegner alle nötigen Zugeständnisse zu machen«, daß Sismondi »seine eigene Theorie, die bis jetzt so viele Anhänger findet, preisgegeben habe« und daß »der Sieg in dieser Kontroverse auf seiten Ricardos wäre« (Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England, 1901, S. 176), so ist das eine solche – sagen wir – Leichtfertigkeit des Urteils, wie wir davon in einem ernsten wissenschaftlichen Werk nicht viel Beispiele kennen.

Dreizehntes Kapitel.

Say gegen Sismondi.

Der Aufsatz Sismondis im Maiheft 1824 der »Revue Encyclopédique« gegen Ricardo lockte endlich den damaligen »prince de la science économique«, den angeblichen Vertreter, Erben und Popularisator der Smithschen Schule auf dem Kontinent, J. B. Say, auf den Plan. Im Juli desselben Jahres replizierte Say in der »Revue Encyclopédique«, nachdem er bereits in seinen Briefen an Malthus gegen die Sismondische Auffassung polemisiert hatte, in einem Aufsatz unter dem Titel: »Über das Gleichgewicht zwischen Konsumtion und Produktion«, worauf Sismondi seinerseits eine kurze Duplik veröffentlicht hat. Die Reihenfolge der polemischen Turniere war also eigentlich umgekehrt wie die Reihenfolge der theoretischen Abhängigkeiten. Denn es war Say, der zuerst jene Lehre von dem gottgewollten Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion Ricardo mitgeteilt und durch diesen auf Mac Culloch vererbt hatte. Say stellte in der Tat schon im Jahre 1803 in seinem »Traité d’économie politique«, im Buch I, Kapitel XXII: »Von den Absatzmärkten«, den folgenden lapidaren Satz auf: »… man zahlt Produkte mit Produkten. Wenn deshalb eine Nation von einer Art Produkte zu viel hat, so besteht das Mittel, um sie abzusetzen, darin, Produkte anderer Art zu schaffen«.1 Hier haben wir die bekannteste Formulierung der Mystifikation, die von der Ricardoschule wie von der Vulgärökonomie als der Eckstein der Harmonielehre akzeptiert wurde.2 Das Hauptwerk Sismondis war im Grunde genommen eine fortlaufende Polemik gegen diesen Satz. Nunmehr, in der »Revue Encyclopédique«, dreht Say den Spieß um und macht die folgende verblüffende Wendung: »… Wenn man einwirft, daß jede menschliche Gesellschaft, dank der menschlichen Intelligenz und dem Vorteil, den sie aus den Kräften, die ihr die Natur und die Künste darbieten, von allen Dingen, die sich zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse und zur Vermehrung ihrer Genüsse eignen, eine Menge produzieren kann, die größer ist, als diese Gesellschaft zu verbrauchen imstande ist, so möchte ich fragen, wie es kommt, daß wir keine Nation kennen, die vollständig versorgt ist, da selbst bei denen, die als blühend gelten, sieben Achtel der Bevölkerung einer Menge Produkte entbehren, die als notwendig betrachtet werden, ich will nicht sagen bei reichen Familien, aber doch in einem bescheidenen Haushalt? Ich bewohne augenblicklich ein Dorf, das in einem der reichsten Kantone Frankreichs liegt. Und doch gibt es dort auf zwanzig Häuser neunzehn, wo ich beim Eintreten nur eine grobe Nahrung bemerke und nichts, was zum Wohlbefinden der Familie gehört, nichts von den Dingen, die der Engländer ›komfortabel‹ nennt usw«.3

Man bewundere die Stirn des ausgezeichneten Say. Er war es, der behauptete, in der kapitalistischen Wirtschaft könne es keine Schwierigkeiten, keinen Überschuß, keine Krisen, keine Not geben, denn die Waren kaufen einander und man brauche nur immer mehr zu produzieren, um alles in Wohlgefallen aufzulösen. In seiner Hand ist dieser Satz zum Dogma der vulgärökonomischen Harmonielehre geworden. Sismondi hatte dagegen scharfen Protest erhoben und die Haltlosigkeit dieser Ansicht dargetan; er hatte darauf hingewiesen, daß nicht jede beliebige Warenmenge absetzbar sei, sondern daß das jeweilige Einkommen der Gesellschaft (v+m) die äußerste Grenze darstelle, bis zu der die Warenmenge realisiert werden könne. Da aber die Löhne der Arbeiter auf das nackte Existenzminimum herabgedrückt werden, die Verbrauchsfähigkeit der Kapitalistenklasse auch ihre natürlichen Grenzen habe, so führe die Ausdehnung der Produktion zu Marktstockungen, Krisen und einem noch größeren Elend für die Volksmassen. Nun kommt Say und repliziert mit virtuos gespielter Naivität: Ja, wenn Sie behaupten, daß von den Produkten überhaupt zuviel produziert werden könne, wie kommt es, daß es so viel Darbende, so viel Nackte und Hungrige in unserer Gesellschaft gibt? Erkläre mir, Graf Örindur, diesen Zwiespalt der Natur! Say, in dessen eigener Position der Hauptkniff darin besteht, daß er von der Geldzirkulation absieht und mit einem unmittelbaren Warenaustausch operiert, unterstellt jetzt seinem Opponenten, daß dieser von einem Überfluß der Produkte nicht im Verhältnis zu den Kaufmitteln der Gesellschaft, sondern zu ihren wirklichen Bedürfnissen spräche! Dabei hatte Sismondi gerade über diesen Kardinalpunkt seiner Deduktionen wahrhaft keinen Zweifel übrig gelassen. Sagt er doch ausdrücklich im Buch II, Kapitel VI seiner »Nouveaux Principes«: »Selbst dann, wenn die Gesellschaft eine sehr große Anzahl schlecht genährter, schlecht gekleideter, schlecht behauster Personen zählt, begehrt sie nur das, was sie kaufen kann, aber sie kann nur mit ihrem Einkommen kaufen.«

Etwas weiter gibt Say dies selbst zu, macht aber gleichzeitig seinem Widerpart eine neue Unterstellung: »Nicht die Verbraucher sind es, die in einer Nation fehlen – sagt er –, sondern die Mittel zu kaufen. Sismondi glaubt, daß diese Mittel erheblicher sein werden, wenn die Produkte seltener und demzufolge teurer sind und ihre Herstellung den Arbeitern einen größeren Lohn eintragen wird«.4 Hier versucht Say, die Theorie Sismondis, der die Grundlagen selbst der kapitalistischen Organisation, ihre Anarchie in der Produktion und ihren ganzen Verteilungsmodus angriff, in die eigene vulgäre Denkmethode, oder richtiger Schwatzmethode, zu verflachen: er travestiert seine »Neuen Grundsätze« in ein Plaidoyer für »Seltenheit« der Waren und teure Preise. Und er singt dem entgegen ein Loblied auf den Hochgang der kapitalistischen Akkumulation, er sagt, daß, wenn die Produktion lebhafter, die Arbeitskräfte zahlreicher, der Umfang der Produktion erweitert wird, »die Nationen besser und allgemeiner versorgt werden«, wobei er die Zustände der industriell entwickeltsten Länder gegen die mittelalterliche Misere preist. Im Gegenteil seien die »Maximen« Sismondis für die bürgerliche Gesellschaft höchst gefährlich: »Weshalb fordert er die Untersuchung von Gesetzen, die den Unternehmer verpflichten würden, dem von ihm beschäftigten Arbeiter die Existenz zu garantieren? Dergleichen Untersuchung würde den Unternehmungsgeist paralysieren; schon die bloße Befürchtung, daß der Staat in private Verträge sich einmischen könnte, ist eine Geißel und gefährdet den Wohlstand einer Nation«.5 Diesem allgemeinen apologetischen Geschwätz Says gegenüber führt Sismondi noch einmal die Debatte auf ihren Grund zurück: »Sicherlich habe ich niemals geleugnet, daß Frankreich seit den Tagen Ludwigs XIV. seine Bevölkerung verdoppelt und seinen Verbrauch vervielfältigt hat, wie er es mir entgegenhält; ich habe nur behauptet, daß die Vervielfältigung der Produkte ein Gut ist, wenn sie begehrt, bezahlt, gebraucht werden, daß sie dagegen ein Übel ist, wenn kein Begehren nach ihnen stattfindet und die ganze Hoffnung des Produzenten darauf beruht, den Produkten einer mit der seinigen in Wettbewerb stehenden Industrie die Verbraucher zu entziehen. Ich habe zu zeigen gesucht, daß der natürliche Lauf der Nationen in der fortschreitenden Vermehrung ihrer Glückseligkeit und infolgedessen der Vermehrung ihrer Nachfrage nach neuen Produkten und der Mittel, sie zu bezahlen, besteht. Aber die Folgen unserer Einrichtungen, unserer Gesetzgebung, die die arbeitende Klasse jedes Eigentums und jeder Garantie beraubt haben, haben zu gleicher Zeit zu einer ungeordneten Arbeit angespornt, die weder zu der Nachfrage, noch zu der Kaufkraft im Verhältnis steht, die infolgedessen das Elend noch verschärft.« Und er schließt die Debatte, indem er den satten Harmoniker einladet, über die Zustände nachzudenken, »die die reichen Völker darbieten, bei denen das öffentliche Elend zugleich mit dem materiellen Reichtum unaufhörlich zunimmt und bei denen die Klasse, die alles produziert, täglich mehr in den Zustand versetzt wird, nichts genießen zu dürfen«. In diese schrille Dissonanz der kapitalistischen Widersprüche klingt der erste Waffengang um das Problem der Kapitalakkumulation aus. –

Überblickt man den Verlauf und die Ergebnisse dieser ersten Kontroverse, so sind zwei Punkte festzustellen:

  1. Trotz aller Konfusion in der Analyse Sismondis kommt seine Überlegenheit gegenüber der Ricardoschule wie gegenüber dem angeblichen Chef der Smithschen Schule zum Ausdruck: Sismondi betrachtet die Dinge vom Standpunkte der Reproduktion, er sucht Wertbegriffe: Kapital und Einkommen, und sachliche Momente: Produktionsmittel und Konsummittel – so gut es geht – in ihren Wechselbeziehungen im gesellschaftlichen Gesamtprozeß zu erfassen. Darin steht er Ad. Smith am nächsten. Nur daß er die Widersprüche des Gesamtprozesses, die bei Smith als dessen subjektive theoretische Widersprüche erscheinen, bewußt als den Grundton seiner Analyse hervorhebt und das Problem der Akkumulation des Kapitals als den Knotenpunkt und die Hauptschwierigkeit formuliert. Darin bedeutet Sismondi einen unzweifelhaften Fortschritt über Smith hinaus. Ricardo hingegen mit seinen Epigonen sowie Say stecken in der ganzen Debatte lediglich in den Begriffen der einfachen Warenzirkulation, für sie existiert nur die Formel W – G – W (Ware – Geld – Ware), wobei sie sie noch in einen direkten Warenaustausch verfälschen und mit dieser dürren Weisheit sämtliche Probleme des Reproduktions- und Akkumulationsprozesses erschöpft haben wollen. Das ist ein Rückschritt hinter Smith, und gegen diese Borniertheit ist Sismondi entschieden im Vorteil. Gerade als sozialer Kritiker zeigt er hier viel mehr Sinn für die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie, als ihre eingeschworenen Apologeten, genau so wie später Marx als Sozialist unendlich schärferes Verständnis für die differentia specifica des kapitalistischen Wirtschaftsmechanismus bis ins einzelne erwiesen hat, als die gesamte bürgerliche Nationalökonomie. Wenn Sismondi (im Buch VII, Kapitel VII) gegen Ricardo ruft: »Was! der Reichtum ist alles, die Menschen nichts?«, so kommt darin nicht bloß die »ethische« Schwäche seiner kleinbürgerlichen Auffassung im Vergleich mit der streng klassischen Objektivität Ricardos zum Ausdruck, sondern auch der durch soziales Empfinden geschärfte Blick des Kritikers für lebendige gesellschaftliche Zusammenhänge der Ökonomie, also auch für deren Widersprüche und Schwierigkeiten, dem die steife Borniertheit der abstrakten Auffassung Ricardos und seiner Schule entgegensteht. Die Kontroverse hat nur unterstrichen, daß Ricardo wie die Epigonen Smith‘ gleichermaßen nicht imstande waren, das ihnen von Sismondi aufgegebene Rätsel der Akkumulation auch nur zu erfassen, geschweige zu lösen.
  2. Die Auflösung des Rätsels wurde aber auch schon dadurch unmöglich gemacht, weil die ganze Diskussion auf ein Nebengeleise geschoben und um das Problem der Krisen konzentriert wurde. Der Ausbruch der ersten Krise beherrschte naturgemäß die Diskussion, verhinderte aber ebenso naturgemäß auf beiden Seiten die Einsicht in die Tatsache, daß Krisen überhaupt nicht das Problem der Akkumulation, sondern bloß deren spezifische äußere Form, bloß ein Moment in der zyklischen Figur der kapitalistischen Reproduktion darstellen. Daraus ergab sich, daß die Debatte schließlich in ein doppeltes Quiproquo auslaufen mußte: die eine Seite deduzierte dabei direkt aus den Krisen die Unmöglichkeit der Akkumulation, die andere direkt aus dem Warenaustausch die Unmöglichkeit der Krisen. Der weitere Verlauf der kapitalistischen Entwickelung sollte beide Deduktionen gleichermaßen ad absurdum führen.

Bei alledem bleibt Sismondis Kritik als erster theoretischer Alarmruf gegen die Kapitalsherrschaft von hoher historischer Bedeutung: er zeigt die Auflösung der klassischen Ökonomie an, die mit den von ihr selbst wachgerufenen Problemen nicht fertig werden konnte. Wenn Sismondi gegen die Konsequenzen der kapitalistischen Herrschaft einen Angstschrei ausstößt, so war er sicher nicht ein Reaktionär in dem Sinne, daß er etwa für vorkapitalistische Verhältnisse schwärmte, wenn er auch gelegentlich die patriarchalischen Produktionsformen in Landwirtschaft und Gewerbe mit Wohlgefallen gegen die Kapitalsherrschaft in Vorteil setzt. Er verwahrt sich dagegen wiederholt und sehr energisch, so z.B. in seinem Aufsatz in der »Revue Encyclopédique« gegen Ricardo: »Ich höre schon den Einwand erheben, daß ich mich der Vervollkommnung des Landbaues, der Künste und aller Fortschritte des Menschen entgegenstelle, daß ich ohne Zweifel die Barbarei der Gesittung vorziehe, da der Pflug eine Maschine ist und das Grabscheit eine noch ältere, und daß, nach meinem System, der Mensch die Erde lediglich mit seinen Händen hätte bearbeiten sollen. Ich habe nichts Ähnliches gesagt, und ich muß mich ein für allemal gegen jede Folgerung verwahren, die man meinem System unterlegt, und die ich nicht selbst gezogen habe. Ich bin weder von denen, die mich angreifen, noch von denen, die mich verteidigen, verstanden worden, und mir ist ebensooft über meine Verbündeten wie über meine Gegner die Schamröte ins Gesicht gestiegen. – Man beachte wohl: nicht gegen die Maschinen, nicht gegen die fortschreitende Gesittung oder gegen die Erfindungen richten sich meine Einwendungen, sondern gegen die heutige Organisation der Gesellschaft, eine Organisation, die, während sie den Arbeitenden jedes anderen Eigentums beraubt als seiner Arme, ihm nicht die geringste Gewähr gibt gegen einen Wettbewerb, gegen den tollen Handel, der stets zu seinem Nachteil ausschlägt und dessen Opfer er naturgemäß werden muß.« Der Ausgangspunkt in der Kritik Sismondis sind zweifellos die Interessen des Proletariats, und er ist vollkommen im Recht, wenn er seine Grundtendenz so formuliert: »Ich wünsche nur nach Mitteln zu suchen, die Früchte der Arbeit denen zu sichern, die die Arbeit leisten, den Nutzen der Maschine dem zuzuwenden, der die Maschine in Tätigkeit setzt.« Freilich, wenn er die soziale Organisation näher angeben soll, die er anstrebt, kneift er aus und bekennt seine Unfähigkeit: »Was wir tun sollen, ist eine Frage von unbegrenzter Schwierigkeit, die wir keineswegs die Absicht haben, heute zu behandeln. Wir wünschen die Nationalökonomen zu überzeugen, so vollständig, wie wir selbst davon überzeugt sind, daß ihre Wissenschaft bis jetzt eine falsche Bahn verfolgt hat. Wir haben aber nicht das nötige Zutrauen zu uns, um ihnen den wahren Weg zu zeigen: es hieße unserem Geiste eine zu große Anstrengung zumuten, die Gestaltung der Gesellschaft, wie sie sein soll, darzulegen. Wo wäre indessen ein Mensch stark genug, um sich eine Organisation zu denken, die noch nicht vorhanden ist, um in die Zukunft zu sehen, da es doch schon Mühe genug kostet, nur das Vorhandene zu sehen?« Dieses offene Bekenntnis der Unfähigkeit, über den Kapitalismus hinaus in die Zukunft zu blicken, gereichte Sismondi um das Jahr 1820 sicher nicht zur Schande – zu einer Zeit, wo die Herrschaft des groß-industriellen Kapitals erst die geschichtliche Schwelle überschritten hatte und wo die Idee des Sozialismus nur erst in utopischer Gestalt möglich war. Da indes Sismondi auf diese Weise weder über den Kapitalismus hinaus noch hinter ihn zurückgehen konnte, so blieb für seine Kritik nur der kleinbürgerliche Mittelweg übrig. Die Skepsis in bezug auf die Möglichkeit der vollen Entfaltung des Kapitalismus und somit der Produktivkräfte führte Sismondi zu dem Ruf nach der Dämpfung der Akkumulation, nach der Mäßigung des Sturmschritts in der Expansion der Kapitalsherrschaft. Und hier liegt die reaktionäre Seite seiner Kritik.6

1 »L’argent ne remplit qu’un Office passager dans ce double échange. Les échanges terminés, il se trouve qu’on a payé des produits avec des produits. En conséquence quand une nation a trop de produits dans un genre, le moyen de les écouler est d’en créer d’un autre genre.« (J. B. Say, Traité d’Economie Politique. Paris 1803. Tome I, S. 154.)

2 In Wirklichkeit gehörte Say auch hier nur die pretentiöse und dogmatische Fixierung des von anderen ausgesprochenen Gedankens. Wie Bergmann in seiner Geschichte der Krisentheorien (Stuttgart 1895) darauf aufmerksam macht, finden sich bereits ganz ähnliche Äußerungen über die Identität zwischen Angebot und Nachfrage sowie über das natürliche Gleichgewicht beider bereits bei Josiah Tucker (1752), bei Turgot in dessen Anmerkungen zur französischen Ausgabe des Tuckerschen Pamphlets, bei Quesnay, Dupont de Nemours und anderen. Trotzdem nimmt der »Jammermensch« Say, wie ihn Marx einmal nennt, die Ehre der großen Entdeckung der »théorie des débouchés« als Oberharmoniker für sich in Anspruch und vergleicht sein Werk bescheiden mit der Entdeckung der Theorie der Wärme, des Hebels und der schiefen Ebene! (Siehe seine Einleitung und sein Sachregister zur 6. Auflage seines »Traité« 1841: »C’est la théorie des échanges et des débouchés – telle qu’elle est développée dans cet ouvrage – qui changera la politique du monde.« S. 51 und 616.) James Mill entwickelt dieselben Standpunkte in seinem 1808 erschienenen »Commerce defended«. Marx nennt ihn den eigentlichen Vater der Theorie von dem natürlichen Gleichgewicht zwischen Produktion und Absatz.

3 Revue Encyclopédique, Tome XXIII, Juillet 1824, S. 20.

4 l.c. S. 21.

5 l.c., S. 29. Say klagt Sismondi als den Erzfeind der bürgerlichen Gesellschaft in folgender pathetischen Deklamation an: »C’est contre l’organisation moderne de la société; organisation qui, en dépouillant l’homme qui travaille de toute autre propriété que celle de ses bras, ne lui donne aucune garantie contre une concurrence dirigée à son préjudice. Quoi! parce que la société garantit à toute espèce d’entrepreneur la libre disposition de ses capitaux, c’est à dire de sa propriété, elle dépouille l’homme qui travaille! Je le répète: rien de plus dangéreux que des vues qui conduisent à régler l’usage des propriétés.« Denn »les bras et les facultés« – »sont aussi des propriétés«!

6 Marx streift in seiner Geschichte der Opposition gegen die Ricardosche Schule und deren Auflösung Sismondi nur ganz kurz. Er sagt an einer Stelle: »Ich schließe Sismondi hier aus meiner historischen Übersicht aus, weil die Kritik seiner Ansichten in einen Teil gehört, den ich erst nach dieser Schrift behandeln kann, die reale Bewegung des Kapitals (Konkurrenz und Kredit).« (Theorien über den Mehrwert, Bd. III, S. 52.) Etwas weiter widmet Marx jedoch, im Zusammenhang mit Malthus, auch Sismondi einen allerdings in seinen großen Zügen erschöpfenden Passus: »Sismondi hat das tiefe Gefühl, daß die kapitalistische Produktion sich widerspricht; daß ihre Formen, ihre Produktionsverhältnisse einerseits zur ungezügelten Entwickelung der Produktivkraft und des Reichtums anspornen; daß diese Verhältnisse andererseits bedingte sind; daß deren Widersprüche von Gebrauchswert und Tauschwert, Ware und Geld, Kauf und Verkauf, Produktion und Konsumtion, Kapital und Lohnarbeit usw. um so größere Dimensionen annehmen, je weiter sich die Produktivkraft entwickelt Er fühlt namentlich den Grundwiderspruch: Ungefesselte Entwickelung der Produktivkraft und Vermehrung des Reichtums, der zugleich aus Waren besteht, versilbert werden muß, einerseits; andererseits als Grundlage Beschränkung der Masse der Produzenten auf die notwendigen Lebensmittel. Daher sind bei ihm die Krisen nicht wie bei Ricardo Zufälle, sondern wesentliche Ausbrüche der immanenten Widersprüche auf großer Stufenleiter und zu bestimmten Perioden. Er schwankt nun beständig: sollen die Produktivkräfte von Staats wegen gefesselt werden, um sie den Produktionsverhältnissen adäquat zu machen, oder die Produktionsverhältnisse, um sie den Produktivkräften adäquat zu machen? Er flüchtet sich dabei oft in die Vergangenheit, wird laudator temporis acti und möchte auch durch andere Regelung der Revenue im Verhältnis zum Kapital oder der Distribution im Verhältnis zur Produktion die Widersprüche bändigen, nicht begreifend, daß die Distributionsverhältnisse nur die Produktionsverhältnisse suto alia specie sind. Er beurteilt die Widersprüche der bürgerlichen Produktion schlagend, aber er begreift sie nicht, und begreift daher auch nicht den Prozeß ihrer Auflösung. (Wie sollte er das auch, wo diese Produktion erst in ihrer Bildung begriffen war? R.L.) Was aber bei ihm zugrunde liegt, ist in der Tat die Ahnung, daß den im Schöße der kapitalistischen Gesellschaft entwickelten Produktivkräften, materiellen und sozialen Bedingungen der Schöpfung des Reichtums, neue Formen der Aneignung dieses Reichtums entsprechen müssen; daß die bürgerlichen Formen der Aneignung dieses Reichtums nur transitorische und widerspruchsvolle sind, in denen der Reichtum immer nur eine gegensätzliche Existenz erhält und überall zugleich als sein Gegenteil auftritt. Es ist Reichtum, der immer die Armut zur Voraussetzung hat und sich nur entwickelt, indem er sie entwickelt –« (l.c., S. 55).
Im »Elend der Philosophie« führt Marx Sismondi an einigen Stellen gegen Proudhon an, äußert sich aber über ihn selbst nur im folgenden kurzen Satz: »Diejenigen, welche, wie Sismondi, zur richtigen Proportionalität der Produktion zurückkehren und dabei die gegenwärtigen Grundlagen der Gesellschaft erhalten wollen, sind reaktionär, da sie, um konsequent zu sein, auch alle anderen Bedingungen der Industrie früherer Zeiten zurückzuführen bestrebt sein müssen.« In »Zur Kritik der politischen Ökonomie« wird Sismondi zweimal kurz erwähnt: einmal wird er als der letzte Klassiker der bürgerlichen Ökonomie in Frankreich in Parallele mit Ricardo in England gestellt, an einer anderen Stelle wird hervorgehoben, daß Sismondi gegen Ricardo den spezifisch gesellschaftlichen Charakter der wert-schaffenden Arbeit betonte. – Im Kommunistischen Manifest endlich wird Sismondi als das Haupt des kleinbürgerlichen Sozialismus genannt.

Vierzehntes Kapitel.

Malthus.

Gleichzeitig mit Sismondi führte Malthus einen partiellen Krieg gegen die Schule Ricardos. Sismondi beruft sich in der zweiten Auflage seines Werks wie in seinen Polemiken wiederholt auf Malthus als Kronzeugen. So formuliert er die Gemeinsamkeit seines Feldzuges mit Malthus in der »Revue Encyclopédique«:

»Andererseits hat Malthus in England (gegen Ricardo und Say) behauptet, wie ich dies auf dem Festlande zu tun versucht habe, daß die Konsumtion nicht die notwendige Folge der Produktion sei, daß die Bedürfnisse und die Wünsche des Menschen allerdings ohne Grenzen seien, daß aber diese Bedürfnisse und diese Wünsche durch den Verbrauch nur insoweit befriedigt werden könnten, als sie mit Tauschmitteln vereint sind. Wir haben behauptet, daß es nicht ausreicht, diese Tauschmittel zu beschaffen, um sie in die Hände derer übergehen zu lassen, die diese Wünsche oder Bedürfnisse haben, daß es sogar oft der Fall ist, daß die Tauschmittel in der Gesellschaft anwachsen, während die Nachfrage nach Arbeit oder der Lohn sich vermindert; daß dann die Wünsche und die Bedürfnisse eines Teils der Bevölkerung nicht befriedigt werden können und daß der Verbrauch ebenfalls abnimmt. Endlich haben wir behauptet, daß das unzweideutige Zeichen der Wohlfahrt der Gesellschaft nicht die wachsende Produktion von Reichtümern sei, sondern die wachsende Nachfrage nach Arbeit oder ein wachsendes Angebot des Lohnes, der für die Arbeit eine Vergütung bietet. Ricardo und Say haben nicht geleugnet, daß die wachsende Nachfrage nach Arbeit ein Zeichen der Wohlfahrt sei, aber sie haben behauptet, daß die Nachfrage mit Sicherheit aus dem Anwachsen der Produktion entstehen müsse.

Malthus und ich leugnen dies. Wir behaupten, daß diese beiden Vermehrungen die Folge von Ursachen sind, die vollständig voneinander unabhängig, ja zuweilen sogar Gegensätze sind. Nach unserer Meinung wird der Markt überfüllt, wenn eine Nachfrage nach Arbeit der Produktion nicht vorausgegangen und ihr nicht gefolgt ist: eine neue Produktion wird dann eine Ursache des Verfalls, nicht des Genusses.«

Diese Äußerungen erwecken den Eindruck, als ob zwischen Sismondi und Malthus, wenigstens in ihrer Opposition gegen Ricardo und seine Schule, eine weitgehende Übereinstimmung und Waffengemeinschaft bestanden hätte. Marx betrachtet die »Principles of Political Economy« von Malthus, die 1820 erschienen, direkt als ein Plagiat an den ein Jahr früher erschienenen »Nouveaux Principes«. In der uns interessierenden Frage besteht jedoch zwischen beiden vielfach ein direkter Gegensatz.

Sismondi kritisiert die kapitalistische Produktion, er greift sie wuchtig an, er ist ihr Ankläger. Malthus ist ihr Apologet. Nicht etwa in dem Sinne, daß er ihre Widersprüche leugnete, wie Mac Culloch oder Say, sondern umgekehrt, daß er diese Widersprüche brutal zum Naturgesetz erhebt und als absolut heilig spricht. Sismondis leitender Gesichtspunkt sind die Interessen der Arbeitenden, das Ziel, auf das er, wenn auch in allgemeiner und vager Form, hinsteuert, durchgreifende Reform der Verteilung zugunsten der Proletarier. Malthus ist der Ideologe der Interessen jener Schicht von Parasiten der kapitalistischen Ausbeutung, die sich von Grundrente und der Staatskrippe nähren, und das Ziel, das er befürwortet, ist die Zuwendung einer möglichst großen Portion Mehrwert an diese »unproduktiven Konsumenten«. Sismondis allgemeiner Standpunkt ist vorwiegend ethisch, sozialreformerisch: er »verbessert« die Klassiker, indem er ihnen gegenüber hervorhebt, »der einzige Zweck der Akkumulation sei die Konsumtion«, er plädiert für Dämpfung der Akkumulation. Malthus spricht umgekehrt schroff aus, daß die Akkumulation der einzige Zweck der Produktion sei, und befürwortet die schrankenlose Akkumulation auf Seiten der Kapitalisten, die er durch die schrankenlose Konsumtion ihrer Parasiten ergänzen und sichern will. Endlich war Sismondis kritischer Ausgangspunkt die Analyse des Reproduktionsprozesses, das Verhältnis von Kapital und Einkommen auf gesellschaftlichem Maßstab. Malthus geht in seiner Opposition gegen Ricardo von einer absurden Werttheorie und einer von ihr abgeleiteten vulgären Mehrwerttheorie aus, die den kapitalistischen Profit aus dem Preisaufschlag auf den Wert der Waren erklären will.1

Malthus wendet sich mit einer ausführlichen Kritik gegen den Satz von der Identität zwischen Angebot und Nachfrage im sechsten Kapitel seines 1827 erschienenen »Definitions in Political Economy«, das er James Mill widmet. Mill erklärte in seinen »Elements of Political Economy«, S. 233: »Was ist damit notwendigerweise gemeint, wenn wir sagen, daß Angebot und Nachfrage einander angepaßt (accomodated to one another) sind? Es ist dies, daß Güter, die mit einer großen Menge Arbeit hergestellt worden sind, gegen Güter ausgetauscht werden, die mit einer gleichen Menge Arbeit hergestellt worden sind. Wird diese Annahme zugegeben, dann ist alles übrige klar. So, wenn ein Paar Schuhe mit der gleichen Menge Arbeit hergestellt werden, wie ein Hut, wird, solange der Hut und die Schuhe gegeneinander ausgetauscht werden, Angebot und Nachfrage einander angepaßt sein. Sollte es vorkommen, daß die Schuhe im Werte fallen im Vergleich zum Hut, so würde dies beweisen, daß mehr Schuhe auf den Markt gebracht worden sind als Hüte. Schuhe wären dann in mehr als nötigem Überfluß vorhanden. Weshalb? Weil ein Produkt einer gewissen Menge Arbeit in Schuhen nicht mehr gegen ein anderes Produkt derselben Menge Arbeit ausgetauscht werden könnte. Aber aus demselben Grunde wären Hüte in unzureichender Menge vorhanden, weil eine gewisse Summe Arbeit in Hüten dargestellt jetzt gegen eine größere Summe Arbeit in Schuhen ausgetauscht wäre.«

Gegen diese faden Tautologien führt Malthus zweierlei ins Feld. Zunächst macht er Mill darauf aufmerksam, daß seine Konstruktion in der Luft hänge. Tatsächlich könne die Austauschproportion zwischen Hüten und Schuhen ganz unverändert bleiben, beide können aber trotzdem in einer zu großen Menge im Vergleich zur Nachfrage vorhanden sein. Und dies wird sich darin äußern, daß beide zu Preisen verkauft werden, die unter den Produktionskosten (mit einem angemessenen Profit) stehen. »Kann man aber in diesem Fall sagen,« fragt er, »daß das Angebot von Hüten der Nachfrage nach Hüten oder das Angebot an Schuhen der Nachfrage nach Schuhen entspräche, wenn sowohl diese wie jene in solchem Überfluß vorhanden sind, daß sie sich nicht unter den Bedingungen austauschen können, die ihr fortlaufendes Angebot sichern?«2

Malthus stellt also hier Mill die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion entgegen: »Im Vergleich mit den Produktionskosten können alle Waren steigen oder fallen (im Angebot) zu gleicher Zeit«.3

Zweitens protestiert er gegen die ganze bei Mill wie Ricardo und deren Epigonen beliebte Manier, ihre Thesen auf direkten Produktenaustausch zuzuschneiden. »Der Hopfenpflanzer,« sagt er, »der etwa hundert Sack Hopfen zu Markt bringt, denkt soviel an das Angebot von Hüten und Schuhen wie an Sonnenflecke. Woran denkt er alsdann? Und was will er in Austausch für seinen Hopfen kriegen? Mr. Mill scheint der Meinung zu sein, daß es die größte Ignoranz in der politischen Ökonomie verraten hieße, zu sagen, er wolle Geld. Dennoch habe ich keine Bedenken, auf die Gefahr hin, dieser großen Ignoranz geziehen zu werden, zu erklären, daß es gerade Geld ist, was er (der Pflanzer) braucht.«

Denn sowohl die Rente, die er dem Grundherrn, wie die Löhne, die er den Arbeitern zahlen muß, wie endlich der Ankauf seiner Rohstoffe und Werkzeuge, die er zur Fortführung seiner Pflanzungen braucht, können nur mit Geld gedeckt werden. Auf diesem Punkt besteht Malthus mit großer Ausführlichkeit; er findet es direkt »erstaunlich«, daß Nationalökonomen von Ruf zu den gewagtesten und unmöglichsten Beispielen lieber Zuflucht nehmen, als zu der Annahme des Geldaustausches.4

Im übrigen begnügt sich Malthus damit, den Mechanismus zu schildern, wie ein zu großes Angebot durch die Senkung der Preise unter die Produktionskosten von selbst eine Einschränkung der Produktion herbeiführe und umgekehrt. »Aber diese Tendenz, durch den natürlichen Lauf der Dinge die Überproduktion oder die Unterproduktion zu kurieren, ist kein Beweis, daß diese Übel nicht existieren.«

Man sieht, Malthus bewegt sich, trotz seines entgegengesetzten Standpunktes in der Frage der Krisen, genau in demselben Geleise wie Ricardo, Mill, Say und Mac Culloch: für ihn existiert gleichfalls nur der Warenaustausch. Der gesellschaftliche Reproduktionsprozeß mit seinen großen Kategorien und Zusammenhängen, der Sismondi ganz in Anspruch nahm, wird hier nicht im geringsten berücksichtigt.

Bei so vielfachen Gegensätzen in der grundsätzlichen Auffassung bestand das Gemeinsame zwischen der Kritik Sismondis und derjenigen Malthus lediglich im folgenden:

  1. Beide lehnen gegen die Ricardianer und Say den Satz von dem prästabilierten Gleichgewicht zwischen Konsumtion und Produktion ab.
  2. Beide behaupten die Möglichkeit nicht bloß partieller, sondern allgemeiner Krisen.

Hier hört aber die Gemeinsamkeit auf. Wenn Sismondi die Ursache der Krisen in dem niedrigen Stand der Löhne und in der beschränkten Konsumtionsfähigkeit der Kapitalisten sucht, so verwandelt Malthus umgekehrt die niedrigen Löhne in ein Naturgesetz der Bevölkerungsbewegung, für die beschränkte Konsumtion der Kapitalisten findet er aber Ersatz in der Konsumtion der Parasiten des Mehrwerts, wie Landadel, Klerus, deren Aufnahmefähigkeit für Reichtum und Luxus keine Schranken hat: die Kirche hat einen guten Magen.

Und wenn beide, Malthus wie Sismondi, für das Heil der kapitalistischen Akkumulation und ihre Rettung aus der Klemme nach einer Kategorie von Konsumenten suchen, die kaufen ohne zu verkaufen, so sucht sie Sismondi zu dem Zwecke, um den Überschuß des gesellschaftlichen Produkts über die Konsumtion der Arbeiter und der Kapitalisten, also den kapitalisierten Teil des Mehrwerts abzusetzen, Malthus – um den Profit überhaupt zu schaffen. Wie übrigens die Rentenempfänger und die Pfründner des Staates, die ja selbst erst ihre Kaufmittel hauptsächlich aus der Hand der Kapitalisten kriegen müssen, diesen letzteren durch das Abkaufen von Waren mit einem Preisaufschlag zur Aneignung des Profits verhelfen können, bleibt natürlich ein Geheimnis von Malthus. Bei so weitgehenden Gegensätzen ist die Waffengemeinschaft zwischen Malthus und Sismondi ziemlich oberflächlicher Natur gewesen. Und wenn Malthus die Sismondischen »Nouveaux Principes«, wie Marx sagt, zum malthusianischen Zerrbild gemacht hat, so macht Sismondi die Kritiken von Malthus gegen Ricardo etwas stark sismondisch, indem er nur das Gemeinsame hervorhebt und ihn als Kronzeugen zitiert. Andererseits unterliegt er freilich gelegentlich dem Malthusschen Einfluß, so, wenn er zum Teil dessen Theorie der staatlichen Verschwendung als eines Notbehelfs der Akkumulation übernimmt, die seinem eigenen Ausgangspunkt direkt zuwiderläuft.

Im ganzen hat Malthus weder zum Problem der Reproduktion etwas Eigenes beigetragen, noch es begriffen, er dreht sich in seiner Kontroverse mit den Ricardianern, wie diese in ihrer Kontroverse mit Sismondi, hauptsächlich in den Begriffen der einfachen Warenzirkulation. Im Streit zwischen ihm und der Schule Ricardos handelte es sich um die unproduktive Konsumtion der Parasiten des Mehrwerts, es war ein Zank um die Verteilung des Mehrwerts, nicht ein Streit um die gesellschaftlichen Grundlagen der kapitalistischen Reproduktion. Die Malthussche Konstruktion fällt zu Boden, sobald man ihn auf seine absurden Schnitzer in der Theorie des Profits festgenagelt hat. Die Sismondische Kritik behauptet sich und sein Problem bleibt ungelöst auch bei der Annahme der Ricardoschen Werttheorie mit allen ihren Konsequenzen.

1 Vgl. Marx, Theorien über den Mehrwert, Bd. III, S. 1–29, wo die Malthussche Wert- und Profittheorie eingehend analysiert ist.

2 Malthus, Definitions in Political Economy 1827, S. 51.

3 l.c., S. 64.

4 »I suppose they are affraid of the imputation, of thinking that wealth consists in money. But though it is certainly true that wealth does not consist in money, it is equally true that money is a most powerful agent in the distribution of wealth, and those who, in a country where all exchanges are practically effected by money, continue the attempt to explain the principles of demand and supply, and the variations of wages and profits, by referring chiefly to hats, shoes, corn, suits of clothing, &c, must of necessity fall.« (l.c., S. 60, Fußnote.)

Zweiter Waffengang.

Kontroverse zwischen Rodbertus und v. Kirchmann.

Fünfzehntes Kapitel.

  1. Kirchmanns Reproduktionstheorie.

Auch die zweite theoretische Polemik um das Problem der Akkumulation hat ihren Anstoß von aktuellen Ereignissen bekommen. Wenn Sismondi zu seiner Opposition gegen die klassische Schule durch die erste englische Krise und die von ihr ausgelösten Leiden der Arbeiterklasse angeregt war, so schöpft Rodbertus fast fünfundzwanzig Jahre später den Anstoß zu seiner Kritik der kapitalistischen Produktion von der inzwischen aufgekommenen revolutionären Arbeiterbewegung. Die Aufstände der Seidenweber in Lyon, die Chartistenbewegung in England gellten ihre Kritik auf die herrlichste aller Gesellschaftsformen in die Ohren der Bourgeoisie noch ganz anders als die unbestimmten Gespenster, die die erste Krise auf den Plan gerufen hatte. Die früheste sozialökonomische Schrift Rodbertus‘, die wahrscheinlich aus dem Ende der 30er Jahre stammt, und die für die »Augsburger Allgem. Ztg.« geschrieben, von dem genannten Blatte aber nicht aufgenommen war, trägt den bezeichnenden Titel: »Die Forderungen der arbeitenden Klassen« und beginnt mit den Worten: »Was wollen die arbeitenden Klassen? Werden die andern ihnen dies vorenthalten können? Wird das, was sie wollen, das Grab der modernen Kultur sein? – Daß einst mit großer Zudringlichkeit die Geschichte diese Fragen tun würde, wußte der Denkende längst, durch die Chartistenversammlungen und die Birminghamszenen hat es auch die Alltagswelt erfahren.« Bald sollte in Frankreich, in den 40er Jahren, die lebhafteste Gärung der revolutionären Ideen in den verschiedensten geheimen Gesellschaften und sozialistischen Schulen – der Proudhonisten, Blanquisten, der Anhänger Cabets, Louis Blancs usw. – zum Ausdruck kommen und in der Februarrevolution, in der Proklamierung des »Rechts auf Arbeit«, in den Junitagen, in einer ersten Generalschlacht zwischen den zwei Welten der kapitalistischen Gesellschaft eine epochemachende Explosion der in ihrem Schöße verborgenen Widersprüche herbeiführen. Was die andere sichtbare Form dieser Widersprüche, die Krisen, betrifft, so verfügt man zu den Zeiten der zweiten Kontroverse über ein unvergleichlich reichlicheres Beobachtungsmaterial, wie zu Beginn der 20er Jahre des Jahrhunderts. Die Debatte zwischen Rodbertus und v. Kirchmann fand statt unter den unmittelbaren Eindrücken der Krisen von 1837, 1839, 1847, ja der ersten Weltkrise 1857 (die interessante Schrift Rodbertus‘: »Die Handelskrisen und die Hypothekennot der Grundbesitzer« stammt aus dem Jahre 1858). Die inneren Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft gaben also vor den Augen Rodbertus‘ noch ganz anders eine grelle Kritik auf die Harmonielehren der englischen Klassiker und ihre Vulgarisatoren in England wie auf dem Kontinent ab, als zu den Zeiten, da Sismondi seine Stimme erhob.

Daß die Kritik von Rodbertus übrigens unter dem direkten Einfluß der Sismondischen stand, bezeugt ein Zitat aus Sismondi in seiner ältesten Schrift. Mit der französischen zeitgenössischen Literatur der Opposition gegen die klassische Schule war Rodbertus also wohl vertraut, vielleicht weniger mit der viel zahlreicheren englischen, in welchem Umstand bekanntlich die Legende der deutschen Professorenwelt über die sogenannte »Priorität« Rodbertus‘ vor Marx in der »Begründung des Sozialismus« ihre einzige schwache Wurzel hat. So schreibt Prof. Diehl in seiner Skizze über Rodbertus im Handwörterbuch der Staatswissenschaften: »Rodbertus ist als der eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in Deutschland zu bezeichnen, denn schon vor Marx und Lassalle hatte er in seinen Schriften aus den Jahren 1839 und 1842 ein vollständiges sozialistisches System geliefert, eine Kritik des Smithianismus, eine neue theoretische Grundlage und soziale Reformvorschläge.« Dies bieder, fromm und gottesfürchtig im Jahre 1901 (2. Auflage), – nach allem und trotz allem, was Engels, Kautsky und Mehring zur Zerstörung der professoralen Legende geschrieben hatten. Daß übrigens der monarchisch, national und preußisch gesinnte »Sozialist« Rodbertus, der Kommunist für die Zukunft nach 500 Jahren und für die Gegenwart Anhänger einer festen Ausbeutungsrate von 200 Proz., gegenüber dem internationalen »Umstürzler« Marx in den Augen aller deutschen Gelehrten der Nationalökonomie ein für allemal die Palme der »Priorität« erringen mußte, versteht sich von selbst und kann durch die triftigsten Nachweise nicht erschüttert werden. Doch uns interessiert hier eine andere Seite der Rodbertusschen Analyse. Derselbe Diehl setzt seinen Panegyrikos folgendermaßen fort: »Doch nicht nur für den Sozialismus hat Rodbertus bahnbrechend gewirkt, sondern die gesamte nationalökonomische Wissenschaft verdankt ihm große Anregung und Förderung, die theoretische Nationalökonomie besonders durch die Kritik der klassischen Nationalökonomen, durch die neue Theorie der Einkommensverteilung, durch die Unterscheidung der logischen und historischen Kategorien von Kapital usw.« Mit diesen letzteren Großtaten Rodbertus‘, namentlich mit den »usw.« wollen wir uns hier befassen.

Die Kontroverse zwischen Rodbertus und v. Kirchmann wurde angeregt durch die grundlegende Schrift des ersteren: »Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände« aus dem Jahre 1842. v. Kirchmann antwortete darauf in den »Demokratischen Blättern« in zwei Abhandlungen: »Über die Grundrente in sozialer Beziehung« und »Die Tauschgesellschaft«, worauf Rodbertus 1850 und 51 mit den »Sozialen Briefen« replizierte. Damit kam die Diskussion auf jenes theoretische Gebiet, auf dem dreißig Jahre früher die Polemik zwischen Malthus-Sismondi und Say-Ricardo-Mac Culloch ausgefochten wurde. Rodbertus hatte bereits in seiner frühesten Schrift jenen Gedanken ausgesprochen, daß in der heutigen Gesellschaft bei der steigenden Produktivität der Arbeit der Arbeitslohn eine immer kleinere Quote des Nationalprodukts wird, – ein Gedanke, den er als den seinigen »in Anspruch nahm«, den er aber auch seitdem und bis zu seinem Tode, also während dreier Jahrzehnte, immer nur zu wiederholen und zu variieren verstand. In dieser fallenden Lohnquote erblickt Rodbertus die gemeinsame Wurzel aller Übel der heutigen Wirtschaft, namentlich des Pauperismus und der Krisen, die er zusammen als »die soziale Frage der Gegenwart« bezeichnet.

  1. Kirchmann ist mit dieser Erklärung nicht einverstanden. Er führt den Pauperismus auf die Wirkungen der steigenden Grundrente zurück, die Krisen aber auf den Mangel an Absatzwegen. Von diesem behauptet er namentlich, daß »der größte Teil der sozialen Übel nicht in der mangelnden Produktion, sondern in dem mangelnden Absätze der Produkte liege; daß ein Land, je mehr es zu produzieren vermöge, je mehr es Mittel habe, alle Bedürfnisse zu befriedigen, desto mehr der Gefahr des Elends und Mangels ausgesetzt sei«. Auch die Arbeiterfrage ist hier mit begriffen, denn »das berüchtigte Recht auf Arbeit löst sich am Ende auf in eine Frage der Absatzwege«. »Man sieht« – folgert v. Kirchmann –, »daß die soziale Frage beinahe identisch ist mit der Frage nach den Absatzwegen. Selbst die Übel der vielgeschmähten Konkurrenz werden mit sicheren Absatzwegen verschwinden; es wird nur das Gute an ihr bleiben; es wird der Wetteifer bleiben, gute und billige Waren zu liefern, aber es wird der Kampf auf Tod und Leben verschwinden, der nur in den für alle ungenügenden Absatzwegen seinen Grund hat«.1

Der Unterschied zwischen dem Gesichtswinkel Rodbertus‘ und v. Kirchmanns springt in die Augen. Rodbertus sieht die Wurzel des Übels in einer fehlerhaften Verteilung des Nationalprodukts, v. Kirchmann – in den Marktschranken der kapitalistischen Produktion. Bei allem Konfusen in den Ausführungen v. Kirchmanns, namentlich in seiner idyllischen Vorstellung von einer auf löblichen Wetteifer um die beste und billigste Ware reduzierten kapitalistischen Konkurrenz sowie in der Auflösung des »berüchtigten Rechts auf Arbeit« in der Frage der Absatzmärkte, zeigt er doch zum Teil mehr Verständnis für den wunden Punkt der kapitalistischen Produktion: ihre Marktschranken, als Rodbertus, der an der Frage der Verteilung haftet. Es ist also v. Kirchmann, der diesmal das Problem wieder aufnimmt, das früher von Sismondi auf die Tagesordnung gestellt war. Bei alledem ist v. Kirchmann mit der Beleuchtung und Lösung des Problems durch Sismondi keineswegs einverstanden, er steht eher auf seiten der Opponenten Sismondis. Er akzeptiert nicht nur die Ricardosche Theorie der Grundrente, nicht nur das Smithsche Dogma, »daß die Preise der Waren sich nur aus den zwei Teilen, aus dem Kapitalzins und dem Arbeitslohn zusammensetzen« (v. Kirchmann verwandelt den Mehrwert in »Kapitalzins«), sondern auch den Say-Ricardoschen Satz, daß Produkte nur mit Produkten gekauft werden und die Produktion ihren eigenen Absatz bilde, so daß, wo auf der einen Seite zuviel produziert zu sein scheine, auf der anderen Seite nur zu wenig produziert sei. Man sieht, v. Kirchmann folgt den Spuren der Klassiker, aber allerdings ist das eine »deutsche Klassikerausgabe« – mit allerlei Wenn und Aber. So findet v. Kirchmann zunächst, daß das Saysche Gesetz des natürlichen Gleichgewichts zwischen Produktion und Nachfrage »die Wirklichkeit noch nicht erschöpfe«, und er fügt hinzu: »Es liegen noch andere Gesetze in dem Verkehr verborgen, welche die reine Verwirklichung dieser Sätze verhindern und durch deren Auffindung allein die gegenwärtige Überfüllung der Märkte erklärt werden kann, durch deren Auffindung aber vielleicht auch der Weg entdeckt werden kann, diesem großen Übel aus dem Wege zu gehen. Wir glauben, daß drei Verhältnisse in dem gegenwärtigen Systeme der Gesellschaft es sind, welche diese Widersprüche zwischen jenem unzweifelhaften Gesetze Says und der Wirklichkeit herbeiführen.« Diese Verhältnisse sind: die »zu ungleiche Verteilung der Produkte« – hier neigt sich v. Kirchmann, wie wir sehen, in gewissem Maße dem Standpunkt Sismondis zu –, die Schwierigkeiten, welche die Natur der menschlichen Arbeit in der Rohproduktion bereitet, endlich die Mangelhaftigkeit des Handels, als der vermittelnden Operation zwischen Produktion und Konsumtion. Ohne uns auf die beiden letzten »Hindernisse« des Sayschen Gesetzes näher einzulassen, betrachten wir die Argumentation v. Kirchmanns im Zusammenhang mit dem ersten Punkt:

»Das erste Verhältnis – erklärt er – kann kürzer dahin ausgedrückt werden, daß der Arbeitslohn zu niedrig steht; daß daraus eine Stockung des Absatzes entsteht. Für denjenigen, der weiß, daß die Preise der Waren sich nur aus den zwei Teilen, aus dem Kapitalzins und dem Arbeitslohn zusammensetzen, kann dieser Satz auffallend erscheinen; ist der Arbeitslohn niedrig, so sind auch die Warenpreise niedrig, und sind jene hoch, so sind auch diese hoch. (Man sieht, v. Kirchmann akzeptiert das Smithsche Dogma auch noch in seiner verkehrtesten Fassung: nicht der Preis löst sich in Arbeitslohn + Mehrwert auf, sondern er setzt sich als einfache Summe aus ihnen zusammen, – eine Fassung, in der Smith sich von seiner Arbeitswerttheorie am weitesten entfernt hatte.) Lohn und Preis stehen so in geradem Verhältnis und gleichen sich einander aus. England hat nur deshalb seine Getreidezölle und seine Zölle auf Fleisch und andere Lebensmittel aufgehoben, um die Arbeitslöhne sinken zu machen und so den Fabrikanten in den Stand zu setzen, durch noch billigere Ware auf den Weltmärkten jeden anderen Konkurrenten zu verdrängen. Es ist indes nur zum Teil richtig und berührt nicht das Verhältnis, in dem sich das Produkt zwischen Kapital und Arbeiter verteilt. In der zu ungleichen Verteilung zwischen diesen beiden liegt der erste und wichtigste Grund, weshalb Says Gesetz sich in der Wirklichkeit nicht vollzieht, weshalb trotz der Produktion in allen Zweigen doch alle Märkte an Überfüllung leiden.« Diese seine Behauptung illustriert v. Kirchmann ausführlich an einem Beispiel. Nach dem Muster der klassischen Schule werden wir natürlich versetzt in eine imaginäre isolierte Gesellschaft, die ein widerstandsloses wenn auch nicht dankbares Objekt für die nationalökonomischen Experimente darbietet.

Man stelle sich einen Ort vor – suggeriert uns v. Kirchmann –, der ausgerechnet 903 Einwohner umfaßt, und zwar 3 Unternehmer mit je 300 Arbeitern. Der Ort befriedige alle Bedürfnisse seiner Einwohner durch eigene Produktion, und zwar in drei Unternehmungen, von denen die eine für Kleidung sorgt, die zweite für Nahrung, Licht, Feuerung und Rohstoffe, die dritte für Wohnung, Möbel und Werkzeuge. In jeder dieser drei Abteilungen liefere der Unternehmer »das Kapital samt Rohstoffen«. Die Entlohnung der Arbeiter erfolgt in jedem dieser drei Geschäfte so, daß die Arbeiter die Hälfte des jährlichen Produkts als Lohn erhalten und der Unternehmer die andere Hälfte »als Zins seines Kapitals und als Unternehmergewinn«. Die von jedem Geschäft gelieferte Menge Produkt reiche gerade hin, um alle Bedürfnisse sämtlicher 903 Einwohner zu decken. So enthält dieser Ort »alle Bedingungen eines allgemeinen Wohlseins« für seine sämtlichen Einwohner, alles macht sich demgemäß frisch und mutig an die Arbeit. Aber nach wenigen Tagen wandelt sich Freude und Wohlgefallen in allgemeinen Jammer und in Zähneklappern: es passiert nämlich auf der v. Kirchmannschen Insel der Glückseligen etwas, was man dort so wenig erwarten mochte, wie den Einsturz des Himmels: es bricht eine regelrechte, moderne Industrie- und Handelskrise aus! Die 900 Arbeiter haben nur die aller-notdürftigste Kleidung, Nahrung und Wohnung, die drei Unternehmer aber haben ihre Magazine voll Kleider und Rohstoffe, sie haben Wohnungen leer stehen; sie klagen über Mangel an Absatz, während die Arbeiter umgekehrt über unzureichende Befriedigung ihrer Bedürfnisse klagen. Und woher illae lacrimae? Etwa weil, wie Say und Ricardo annahmen, von den einen Produkten zu viel und von den anderen zu wenig da sei? Mit nichten! antwortet v. Kirchmann; in dem »Ort« gibt es von allen Dingen eine wohlproportionierte Menge, die alle just ausreichen würden, um sämtliche Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. Woher also »das Hemmnis«, die Krise? Das Hemmnis liegt einzig und allein in der Verteilung. Doch das will in eigenen Worten v. Kirchmanns genossen werden: »Das Hemmnis, daß dieses (glatter Austausch) dessenungeachtet nicht geschieht, liegt lediglich und allein in der Verteilung dieser Produkte; die Verteilung erfolgt nicht gleich unter alle, sondern die Unternehmer behalten als Zins und Gewinn die Hälfte für sich und geben nur die Hälfte an ihre Arbeiter. Es ist klar, daß der Kleiderarbeiter sich deshalb mit seinem halben Produkt auch nur die Hälfte der Produkte an Nahrung und Wohnung und so fort eintauschen kann und es ist klar, daß die Unternehmer ihre andere Hälfte nicht los werden können, weil kein Arbeiter noch ein Produkt hat, um sie von ihnen eintauschen zu können. Die Unternehmer wissen nicht wohin mit ihrem Vorrat, die Arbeiter wissen nicht wohin mit ihrem Hunger und ihrer Blöße«. Und die Leser – fügen wir hinzu – wissen nicht wohin mit den Konstruktionen des Herrn v. Kirchmann. Das Kindische seines Beispiels stürzt uns in der Tat aus einem Rätsel ins andere.

Zunächst ist ganz unerfindlich, auf welcher Grundlage und zu welchem Zweck die Dreiteilung der Produktion fingiert ist. Wenn in den analogen Beispielen Ricardos und Mac Cullochs gewöhnlich die Pächter den Fabrikanten entgegengestellt werden, so ist das u. E. nur die antiquierte Vorstellung der Physiokraten von der gesellschaftlichen Reproduktion, die von Ricardo übernommen war, trotzdem sie mit seiner Werttheorie, die der physiokratischen entgegengesetzt war, jeden Sinn verloren hatte, und trotzdem schon Smith bedeutende Anläufe zur Berücksichtigung wirklicher sachlicher Grundlagen des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses gemacht hatte. Immerhin haben wir gesehen, daß sich jene physiokratische Unterscheidung der Landwirtschaft und Industrie als Grundlagen der Reproduktion in der theoretischen Nationalökonomie traditionell erhalten hatte, bis Marx seine epochemachende Unterscheidung der beiden gesellschaftlichen Abteilungen: Produktion von Produktionsmitteln und Produktion von Konsummitteln eingeführt hat. Hingegen haben die drei Abteilungen v. Kirchmanns überhaupt keinen begreiflichen Sinn. Da hier Werkzeuge mit Möbeln, Rohstoffe mit Nahrungsmitteln zusammengeworfen sind, die Kleider eine Abteilung für sich bilden, so sind offenbar gar keine sachlichen Standpunkte der Reproduktion, sondern reine Willkür bei dieser Einteilung maßgebend gewesen. Es könnte an sich ebensogut oder schlecht eine Abteilung für Lebensmittel, Kleider und Baulichkeiten, eine andere für Apothekerwaren und eine dritte für Zahnbürsten fingiert werden. Es kam v. Kirchmann offenbar nur darauf an, die gesellschaftliche Arbeitsteilung anzudeuten und für den Austausch einige möglichst »gleich große« Produktenmengen vorauszusetzen. Allein der Austausch selbst, um den es sich bei der ganzen Beweisführung dreht, spielt im v. Kirchmannschen Beispiel gar keine Rolle, da nicht Wert, sondern Produktenmenge, Masse der Gebrauchswerte als solcher zur Verteilung gelangt. Andererseits findet in dem interessanten »Ort« der v. Kirchmannschen Phantasie erst Verteilung der Produkte statt, alsdann soll darauf, nach geschehener Verteilung, der allgemeine Austausch stattfinden, während es auf der platten Erde der kapitalistischen Produktion bekanntlich der Austausch ist, der umgekehrt die Verteilung des Produkts einleitet und vermittelt Dabei passieren in der v. Kirchmannschen Verteilung die wunderlichsten Dinge: zwar besteht der Preis der Produkte, also auch des gesellschaftlichen Gesamtprodukts, »wie man weiß«, nur aus »Arbeitslohn und Kapitalzins«, nur aus v+m, und das Gesamtprodukt gelangt auch demgemäß restlos zur individuellen Verteilung unter die Arbeiter und Unternehmer, allein v. Kirchmann hat dabei zu seinem Pech eine schwache Erinnerung bewahrt, daß zu jeglicher Produktion so etwas wie Werkzeuge und Rohstoffe gehören. Er schmuggelt auch in seinem »Ort« unter den Nahrungsmitteln Rohstoffe und unter Möbeln Werkzeuge ein, es fragt sich aber alsdann, wem bei der allgemeinen Verteilung diese unverdaulichen Dinge zufallen: den Arbeitern als Lohn oder den Kapitalisten als Unternehmergewinn? Beide Teile würden sich wohl bedanken. Und unter solchen Voraussetzungen soll dann noch der Clou der Vorstellung stattfinden: der Austausch zwischen den Arbeitern und den Unternehmern. Der grundlegende Austauschakt der kapitalistischen Produktion: der zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisten, wird von v. Kirchmann aus dem Austausch zwischen lebendiger Arbeit und Kapital in einen Produktenaustausch verwandelt! Nicht der erste Akt: der Austausch zwischen Arbeitskraft und variablem Kapital, sondern der zweite: die Realisierung des aus variablem Kapital erhaltenen Lohns wird in den Mittelpunkt des Getriebes gestellt, und umgekehrt der ganze Warenaustausch der kapitalistischen Gesellschaft auf diese Realisierung des Arbeitslohns reduziert! Doch dann kommt das schönste: dieser in den Brennpunkt des Wirtschaftslebens gerückte Austausch zwischen den Arbeitern und den Unternehmern ist bei näherem Zusehen gar keiner, er findet überhaupt nicht statt. Denn nachdem alle Arbeiter ihren Lohn in Naturalien, und zwar in der Hälfte ihres eigenen Produkts erhalten haben, kann jetzt nur noch der Austausch unter den Arbeitern selbst stattfinden, indem die einen ihren in lauter Kleidungsstücken, die anderen den in lauter Nahrungsmitteln und die dritten den in lauter Möbeln bestehenden Lohn nunmehr so untereinander austauschen, daß jeder Arbeiter seinen Lohn zu je einem Drittel in Nahrung, Kleidung und Möbeln realisiert. Mit Unternehmern hat dieser Austausch nichts mehr zu tun. Diese sitzen ihrerseits mit ihrem Mehrwert, der in der Hälfte aller von der Gesellschaft hergestellten Kleider, Nahrungsmittel und Möbel besteht, da und wissen allerdings, drei Mann, die sie sind, nicht, »wohin« mit dem Krempel. Doch gegen dieses von v. Kirchmann angerichtete Malheur würde auch keine noch so generöse Verteilung des Produkts etwas helfen. Im Gegenteil, je größer die Portion des gesellschaftlichen Produkts, die den Arbeitern zugewiesen wäre, um so weniger hätten sie mit den Unternehmern bei ihrem Austausch zu tun: es würde nur der gegenseitige Austausch der Arbeiter untereinander an Umfang zunehmen. Allerdings würde auch der die Unternehmer bedrückende Haufe von Mehrprodukt entsprechend zusammenschmelzen, aber nicht etwa weil dadurch der Austausch dieses Mehrprodukts erleichtert, sondern nur weil der Mehrwert selbst abnehmen würde. Von einem Austausch des Mehrprodukts zwischen Arbeitern und Unternehmern könnte nach wie vor keine Rede sein. Man muß gestehen, daß die hier auf verhältnismäßig kleinem Raum zusammengetragene Anzahl von Kindereien und ökonomischen Absurditäten sogar jenes Maß übersteigt, das einem preußischen Staatsanwalt zugute gehalten werden darf, – v. Kirchmann war bekanntlich Staatsanwalt, und zwar zu seinen Ehren ein disziplinarisch zweimal gemaßregelter Staatsanwalt. Trotzdem geht v. Kirchmann nach seinen wenig versprechenden Präliminarien direkt auf die Sache los. Er sieht ein, daß die Unverwendbarkeit des Mehrwerts hier durch seine eigene Prämisse gegeben ist: durch die konkrete Gebrauchsgestalt des Mehrprodukts. Er läßt nun die Unternehmer mit der halben als Mehrwert angeeigneten gesellschaftlichen Arbeitsmenge nicht »ordinäre Waren« für die Arbeiter, sondern Luxuswaren herstellen, Da es »Wesen der Luxusware ist, daß sie dem Konsumenten es möglich macht, mehr an Kapital und Arbeitskraft zu verbrauchen, als bei den ordinären Waren möglich ist«, so bringen es die drei Unternehmer ganz allein fertig, die ganze Hälfte des in der Gesellschaft geleisteten Arbeitsquantums in Spitzen, eleganten Kutschen und dergleichen zu verzehren. Nun bleibt nichts Unveräußerliches übrig, die Krise ist glücklich behoben, die Überproduktion ein für allemal unmöglich gemacht, die Kapitalisten wie die Arbeiter sind in sicheren Verhältnissen, und das Wundermitte! v. Kirchmanns, das alle diese Wohltaten herbeigeführt und das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion wieder hergestellt hat. heißt: Luxus! Mit anderen Worten: der Rat, den der gute Mann den Kapitalisten gibt, die nicht wissen, wohin mit ihrem unrealisierbaren Mehrwert, ist: sie sollen ihn selbst aufessen. In der kapitalistischen Gesellschaft ist nun freilich Luxus auch eine längst bekannte Erfindung und die Krisen wüten trotzdem. – Woher kommt denn das? »Die Antwort kann nur die sein – belehrt uns v. Kirchmann – daß diese Stockung des Absatzes in der wirklichen Welt lediglich daher kommt, weil noch zu wenig Luxus vorhanden ist, oder mit anderen Worten: daß von den Kapitalisten, d.h. von denen, welche die Mittel zur Konsumtion haben, noch zu wenig konsumiert wird.« Diese unangebrachte Enthaltsamkeit der Kapitalisten kommt aber von einer durch die Nationalökonomie fälschlich geförderten Untugend: vom Hang zum Sparen zu Zwecken der »produktiven Konsumtion«. Anders gesagt: die Krisen kommen von der Akkumulation, – das ist die Hauptthese v. Kirchmanns. Er beweist sie wieder an einem Beispiel von rührender Einfalt. Man setze den Fall, sagt er, »den von der Nationalökonomie als den besseren gepriesenen Fall«, wo die Unternehmer sagen: Wir wollen unsere Revenuen nicht in Pracht und Luxus bis auf den letzten Heller verzehren, sondern wir wollen sie wieder produktiv anlegen. Was heißt das? Nichts anderes, als neue Produktionsgeschäfte aller Art begründen, mittelst deren wieder Produkte gewonnen werden, durch deren Verkauf die Zinsen (v. K. will sagen: Profit) für jenes Kapital erlangt werden können, das aus den nicht verzehrten Revenuen der drei Unternehmer abgespart und angelegt worden ist. Die drei Unternehmer entschließen sich demgemäß, nur das Produkt von 100 Arbeitern zu verzehren, d.h. ihren Luxus erheblich einzuschränken, und die Arbeitskraft der übrigen 350 Arbeiter mit dem von diesen benutzten Kapital zur Anlegung neuer Produktionsgeschäfte zu verwenden. Hier entsteht die Frage, in welchen Produktionsgeschäften sollen diese Fonds verwendet werden? »Die drei Unternehmer haben nur die Wahl, entweder wieder Geschäfte für ordinäre Waren einzurichten oder Geschäfte für Luxuswaren«, – da nach der v. Kirchmannschen Annahme das konstante Kapital nicht reproduziert wird und das gesamte gesellschaftliche Produkt in lauter Konsumtionsmitteln besteht. Damit kommen die Unternehmer aber in das uns schon bekannte Dilemma: produzieren sie »ordinäre Waren«, so entsteht eine Krise, da die Arbeiter keine Mittel zum Ankauf dieser zuschüssigen Lebensmittel haben, sind sie doch bereits mit der Hälfte des Produktenwerts abgefunden, produzieren sie aber Luxuswaren, so müssen sie sie auch selbst verzehren. Tertium non datur. Auch der auswärtige Handel ändert nichts an dem Dilemma, denn die Wirkung des Handels besteht nur darin, »die Mannigfaltigkeit der Waren des inländischen Markts zu vergrößern« oder die Produktivität zu steigern. »Entweder also sind diese ausländischen Waren – ordinäre Waren, dann mag sie der Kapitalist nicht kaufen und der Arbeiter kann sie nicht kaufen, weil er die Mittel nicht hat, oder es sind Luxuswaren, dann kann sie natürlich der Arbeiter noch weniger kaufen, und der Kapitalist mag wegen seines Bestrebens, zu sparen, sie ebenfalls nicht.« So primitiv die Beweisführung, so kommt dabei doch der Grundgedanke v. Kirchmanns und der Alp der theoretischen Nationalökonomie ganz hübsch und klar zum Ausdruck: in einer lediglich aus Arbeitern und Kapitalisten bestehenden Gesellschaft erscheint die Akkumulation als eine Unmöglichkeit, v. Kirchmann zieht daraus die Konsequenz, indem er unumwunden die Akkumulation, das »Sparen«, die »produktive Konsumtion« des Mehrwerts bekämpft, gegen die Befürwortung dieser Irrtümer durch die klassische Nationalökonomie heftig polemisiert und den mit der Produktivität der Arbeit steigenden Luxus als das Mittel gegen die Krisen predigt. Man sieht, wenn v. Kirchmann in seinen theoretischen Prämissen eine Karikatur Ricardo-Says war, so ist er in seinen Schlußfolgerungen eine Karikatur Sismondis. Es war jedoch notwendig, die Fragestellung v. Kirchmanns ganz scharf ins Auge zu fassen, um die Antikritik Rodbertus‘ und den Ausgang der Kontroverse würdigen zu können.

1 Die Kirchmannsche Beweisführung ist bei Rodbertus sehr ausführlich wörtlich zitiert. Ein vollständiges Exemplar der »Demokratischen Blätter« mit dem Originalaufsatz ist nach der Versicherung der Herausgeber Rodbertus‘ nicht zu erlangen.

Sechzehntes Kapitel.

Rodbertus‘ Kritik der klassischen Schule.

Rodbertus gräbt tiefer als v. Kirchmann. Er sucht die Wurzeln des Übels in den Grundlagen selbst der gesellschaftlichen Organisation und erklärt der herrschenden Freihandelsschule erbitterten Krieg. Freilich nicht gegen das System des ungehinderten Warenverkehrs oder der Gewerbefreiheit, die er voll und ganz akzeptiert, zieht er ins Feld, sondern gegen das Manchestertum, das laissez faire in den inneren sozialen Verhältnissen der Wirtschaft. Zu seiner Zeit war auf die Sturm- und Drangperiode der klassischen Ökonomie bereits jenes skrupellose Apologetentum zur Herrschaft gelangt, das, in dem fabelhaften Vulgarus und Abgott aller Philister: dem Herrn Frédéric Bastiat mit seinen »Harmonien« den gelungensten Ausdruck fand, und bald sollten auch verschiedene Schulzes als der kümmerlich-spießerliche deutsche Abklatsch des französischen Harmoniepropheten grassieren. Gegen diese skrupellosen »Freihandelshausierburschen« richtete sich die Kritik Rodbertus‘. »Fünf Sechsteile der Nation« – ruft er in seinem »Ersten sozialen Brief« an v. Kirchmann (1850) – werden bisher durch die Geringfügigkeit ihres Einkommens nicht bloß von den meisten Wohltaten der Zivilisation ausgeschlossen, sondern unterliegen dann und wann den furchtbarsten Ausbrüchen wirklichen Elends und sind immerdar dessen drohender Gefahr ausgesetzt. Dennoch sind sie die Schöpfer alles gesellschaftlichen Reichtums. Ihre Arbeit beginnt mit aufgehender, endigt mit niedergehender Sonne, erstreckt sich bis in die Nacht hinein, aber keine Anstrengung vermag dies Los zu ändern. Ohne ihr Einkommen erhöhen zu können, verlieren sie nur noch die letzte Zeit, die ihnen für Bildung ihres Geistes hätte übrig bleiben sollen. Wir wollen annehmen, daß der Fortschritt der Zivilisation soviel Leiden zu seinem Fußgestell bisher bedurfte. Da leuchtet plötzlich die Möglichkeit einer Änderung dieser traurigen Notwendigkeit aus einer Reihe der wunderbarsten Erfindungen, – Erfindungen, welche die menschliche Arbeitskraft mehr als verhundertfachen. Der Nationalreichtum – das Nationalvermögen im Verhältnis zur Bevölkerung – wächst infolgedessen in steigender Progression. Ich frage: kann es eine natürlichere Folgerung, eine gerechtere Forderung geben, als daß auch die Schöpfer dieses alten und neuen Reichtums von dieser Zunahme irgendwie Vorteil haben? – als daß sich entweder ihr Einkommen mit erhöht oder die Zeit ihrer Arbeit ermäßigt, oder immer mehrere Mitglieder von ihnen in die Reihen jener Glücklichen übergehen, die vorzugsweise die Früchte der Arbeit zu brechen berechtigt sind? Aber die Staatswirtschaft oder besser die Volkswirtschaft hat nur das Gegenteil von dem allen zustande zu bringen vermocht. »Während der Nationalreichtum wächst, wächst auch die Verarmung jener Klassen, müssen Spezialgesetze sogar der Verlängerung der Arbeitszeit in den Weg treten, und nimmt endlich die Zahl der arbeitenden Klassen in größerem Verhältnis zu als die der anderen. Aber nicht genug! Die hundertfach erhöhte Arbeitskraft, die schon fünf Sechsteilen der Nation keine Erleichterung zu gewähren vermochte, wird periodisch auch noch der Schrecken des letzten Sechsteils der Nation und damit der ganzen Gesellschaft.« »Welche Widersprüche also auf dem wirtschaftlichen Gebiete insbesondere! Und welche Widersprüche auf dem gesellschaftlichen Gebiete überhaupt! Der gesellschaftliche Reichtum nimmt zu, und die Begleiterin dieser Zunahme ist die Zunahme der Armut. – Die Schöpfungskraft der Produktivmittel wird gesteigert, und deren Einstellung ist davon die Folge. – Der gesellschaftliche Zustand verlangt die Erhebung der materiellen Lage der arbeitenden Klassen zu gleicherer Höhe mit Ihrer politischen, und der wirtschaftliche Zustand antwortet mit deren tieferer Erniedrigung. – Die Gesellschaft bedarf des ungehinderten Aufschwungs ihres Reichtums, und die heutigen Leiter der Produktion müssen denselben hemmen, um nicht der Armut Vorschub zu leisten. – Nur eines ist in Harmonie! Der Verkehrtheit der Zustände entspricht die Verkehrtheit des herrschenden Teils der Gesellschaft, die Verkehrtheit, den Grund dieser Übel da zu suchen, wo er nicht liegt. Jener Egoismus, der sich nur zu oft in das Gewand der Moral hüllt, klagt als die Ursache des Pauperismus die Untugenden der Arbeiter an. Ihrer angeblichen Ungenügsamkeit und Unwirtschaftlichkeit bürdet er auf, was übermächtige Tatsachen an ihnen verbrechen, und wo selbst er seine Augen nicht vor ihrer Schuldlosigkeit verschließen kann, erhebt er die ›Notwendigkeit der Armut‹ zur Theorie. Ohne Unterlaß ruft er den Arbeitern nur ora et labora zu, macht ihnen Enthaltsamkeit und Sparsamkeit zur Pflicht und fügt höchstens die Rechtsverletzung von Zwangssparanstalten der Not der Arbeiter hinzu. Er sieht nicht, daß eine blinde Verkehrsgewalt das Gebet zur Arbeit in einen Fluch über erzwungene Arbeitslosigkeit verwandelt, daß – Sparsamkeit eine Unmöglichkeit oder eine Grausamkeit ist, und daß endlich die Moral stets wirkungslos in dem Munde derer blieb, von denen der Dichter weiß, ›sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser‹.«1

Konnten solche tapferen Worte an sich – dreißig Jahre nach Sismondi und Owen, zwanzig Jahre nach den Anklagen der englischen Sozialisten aus der Ricardoschule, endlich nach der Chartistenbewegung, nach der Junischlacht und, last not least, nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests – keinen Anspruch auf bahnbrechende Bedeutung erheben, so kam es jetzt um so mehr auf die wissenschaftliche Begründung dieser Anklagen an. Rodbertus gibt hier ein ganzes System, das auf die folgenden knappen Sätze zurückgeführt werden kann.

Die geschichtlich erreichte Höhe der Produktivität der Arbeit zusammen mit den »Institutionen des positiven Rechts«, d.h. dem Privateigentum, haben dank den Gesetzen eines »sich selbst überlassenen Verkehrs« eine ganze Reihe verkehrter und unmoralischer Erscheinungen hervorgerufen. So

  1. den Tauschwert, an Stelle des »normalen«, »konstituierten Werts« und dadurch das heutige Metallgeld an Stelle eines richtigen »seiner Idee entsprechenden Papierstreifen«geldes oder »Arbeitsgeldes«. »Die erste (Wahrheit) ist, daß alle wirtschaftlichen Güter Arbeitsprodukt sind, oder, wie man dieselbe auch wohl noch sonst auszudrücken pflegte, daß die Arbeit allein produktiv ist. Dieser Satz bedeutet aber weder schon, daß der Wert des Produkts immer der Kostenarbeit äqual ist, mit anderen Worten, daß die Arbeit heute schon einen Maßstab des Wertes abgeben könne.« Wahrheit ist vielmehr, »daß dies noch keine staatswirtschaftliche Tatsache, sondern nur erst staatswirtschaftliche Idee ist«.2

»Sollte der Wert nach der Arbeit, die das Produkt gekostet hat, konstituiert werden können, so läßt sich noch ein Geld vorstellen, das gleichsam aus den losgerissenen Blättern jenes allgemeinen Kontobuches aus einer auf dem wohlfeilsten Stoff, auf Lumpen, geschriebenen Quittung bestehen würde, die jedermann über den von ihm produzierten Wert erhielte, und die derselbe wieder als Anweisung auf ebensoviel Wert an dem zur Verteilung kommenden Nationalproduktteil realisierte. – Kann indessen der Wert aus irgendwelchen Gründen nicht oder noch nicht konstituiert werden, so muß das Geld denjenigen Wert, den es liquidieren soll, selbst schon als Gleichwert, als Pfand oder Bürgschaft mit sich herumschleppen, d.h. selbst schon aus einem wertvollen Gut, aus Gold oder Silber, bestehen«.3 Sobald jedoch die kapitalistische Warenproduktion da ist, wird alles auf den Kopf gestellt: »Die Konstituierung des Wertes muß aufhören, weil er nur noch Tauschwert sein kann«.4 Und »weil nicht der Wert konstituiert werden konnte, kann auch das Geld nicht bloß Geld sein, nicht vollständig seiner Idee entsprechen.«5 »Bei einer gerechten Vergeltung im Tausche (müßte) der Tauschwert der Produkte äqual sein der Arbeitsquantität, die sie gekostet haben, müßten in den Produkten immer gleiche Arbeitsquantitäten ausgetauscht werden.« Aber selbst vorausgesetzt, daß jedermann gerade die Gebrauchswerte produziert, die ein anderer braucht, »müßte, da es sich hier um menschliche Erkenntnis und menschlichen Willen handelte, doch immer noch eine richtige Berechnung, Ausgleichung und Festsetzung der in den auszutauschenden Produkten enthaltenen Arbeitsquantitäten vorausgehen, und ein Gesetz dieserhalb bestehen, dem sich die Tauschenden fügen«.6

Rodbertus betont bekanntlich mit Nachdruck seine Priorität vor Proudhon in der Entdeckung des »konstituierten Werts«, was ihm gern zugestanden werden mag. Wie sehr diese »Idee« nur ein Gespenst war, das schon eine geraume Zeit vor Rodbertus in England theoretisch fruktifiziert und praktisch begraben worden war, und wie sehr diese »Idee« eine utopische Verballhornung der Ricardoschen Wertlehre war, haben Marx in seinem »Elend der Philosophie« wie Engels in seiner Vorrede dazu erschöpfend dargetan. Es erübrigt sich deshalb, auf diese »Zukunftsmusik auf der Kindertrompete« hier weiter einzugehen.

  1. Aus dem »Tauschverkehr« ergab sich die »Degradation« der Arbeit zur Ware und der Arbeitslohn nach dem »Kostenwert« statt einer festen Quote des Anteils am Produkt. Rodbertus leitet sein Lohngesetz mit einem kühnen historischen Sprung direkt aus der Sklaverei her, wobei er die spezifischen Charaktere, die die kapitalistische Warenproduktion der Ausbeutung aufdrückt, nur als täuschende Lüge ansieht und vom moralischen Standpunkt verdonnert. »Solange die Produzenten selbst noch Eigentum der Nichtproduzenten waren, solange Sklaverei bestand, war es ausschließlich der Privatvorteil der ›Herren‹, der einseitig die Größe jenes Teils (des Anteils der Arbeitenden) bestimmte. Seit die Produzenten die volle persönliche Freiheit, aber noch nichts weiter erreicht haben, vereinbaren sich beide Teile über den Lohn im voraus. Der Lohn ist, wie es heute heißt, Gegenstand eines ›freien Vertrages‹, d.i. der Konkurrenz. Dadurch wird natürlich die Arbeit denselben Tauschwertgesetzen unterworfen, denen auch die Produkte unterliegen; sie erhält selbst Tauschwert; die Größe ihres Lohns hängt von den Wirkungen des Angebots und der Nachfrage ab.« Nachdem er so die Dinge auf den Kopf gestellt und den Tauschwert der Arbeitskraft aus der Konkurrenz abgeleitet hat, leitet er gleich darauf natürlich ihren Wert aus ihrem Tauschwert ab: »Die Arbeit erhält unter der Herrschaft der Tauschwertgesetze, gleich den Produkten, eine Art ›Kostenwert‹, der auf ihren Tauschwert, den Lohnbetrag, eine Anziehungskraft äußert. Dies ist derjenige Lohnbetrag, der nötig ist, um sie ›instand zu erhalten‹, d.h. um ihr die Kraft zur eigenen Fortsetzung, wenn auch nur in ihrer Nachkommenschaft, zu gewähren, der sogenannte ›notwendige Unterhalt‹. Dies ist aber für Rodbertus wiederum nicht Feststellung objektiver ökonomischer Gesetze, sondern bloß Gegenstand sittlicher Entrüstung. Die Behauptung der klassischen Schule, ›die Arbeit habe nicht mehr Wert, als sie Lohn bekomme‹, nennt Rodbertus ›zynisch‹ und nimmt sich vor, ›die Reihe von Irrtümern‹ aufzudecken, die zu diesem ›krassen und unmoralischen Schlusse‹ geführt haben.«7 »Eine ebenso entehrende Vorstellung als die war, welche den Arbeitslohn nach dem notwendigen Unterhalt oder wie eine Maschinenreparatur schätzen ließ, hat auch bei der zur Tauschware gewordenen Arbeit, diesem Prinzip aller Güter, von einem ›natürlichen Preise‹ oder von ›Kosten‹ wie bei dem Produkt derselben gesprochen, und diesen natürlichen Preis, diese Kosten der Arbeit in den Güterbetrag gesetzt, der nötig sei, um die Arbeit immer wieder auf den Markt zu bringen.« Dieser Warencharakter und die entsprechende Wertbestimmung der Arbeitskraft sind indes nichts als boshafte Verirrung der Freihandelsschule, und statt wie die englischen Ricardoschüler auf den Widerspruch innerhalb der kapitalistischen Warenproduktion: zwischen der Wertbestimmung der Arbeit und der Wertbestimmung durch die Arbeit hinzuweisen, zeiht Rodbertus als guter Preuße die kapitalistische Warenproduktion des Widerspruchs – mit dem geltenden Staatsrecht. »Welch ein törichter, unbeschreiblicher Widerspruch in der Auffassung derjenigen Nationalökonomen,« ruft er, »welche die Arbeiter in ihrer rechtlichen Stellung über die Geschicke der Gesellschaft mitentscheiden und zugleich sie nationalökonomisch nur immer als Ware behandeln lassen wollen!«8

Es fragt sich nur noch, weshalb sich die Arbeiter eine so törichte und schreiende Ungerechtigkeit gefallen lassen? – ein Einwurf, der zum Beispiel von Hermann gegen die Ricardosche Werttheorie erhoben wurde. Darauf antwortet Rodbertus: »Was hätten die Arbeiter tun sollen, wenn sie sich nach ihrer Freilassung jene Vorschrift nicht hätten gefallen lassen wollen? Stellen Sie sich deren Lage vor! Die Arbeiter sind nackt oder in Lumpen freigelassen worden, mit nichts als ihrer Arbeitskraft. Auch war mit der Aufhebung der Sklaverei oder der Leibeigenschaft die moralische oder rechtliche Verpflichtung des Herrn, sie zu füttern oder für ihre Notdurft zu sorgen, fortgefallen. Aber ihre Bedürfnisse waren geblieben; sie mußten leben. Wie sollten sie mit ihrer Arbeitskraft für dies Leben sorgen? Von dem in der Gesellschaft vorhandenen Kapital nehmen und damit ihren Unterhalt produzieren? Aber das Kapital in der Gesellschaft gehörte schon anderen als ihnen, und die Vollstrecker des ›Rechts‹ hätten es nicht gelitten.« Was blieb also den Arbeitern übrig? »Nur eine Alternative: entweder das Recht der Gesellschaft umstürzen oder unter den ungefähren früheren wirtschaftlichen Bedingungen, wenn auch in veränderter rechtlicher Stellung, zu ihren früheren Herren, den Grund- und Kapitalbesitzern, zurückzukehren und als Lohn zu empfangen, was sie früher als Futter bekommen hatten!« Zum Glück für die Menschheit und den preußischen Rechtsstaat waren die Arbeiter »so weise«, die Zivilisation »nicht aus ihrer Bahn zu werfen« und sich lieber heroisch den niederträchtigen Zumutungen ihrer »früheren Herren« zu fügen. So entstand das kapitalistische Lohnsystem und das Lohngesetz als »ungefähre Sklaverei«, als ein Produkt des Gewaltmißbrauchs der Kapitalisten und der Zwangslage sowie der sanften Fügsamkeit der Proletarier, wenn man den bahnbrechenden theoretischen Erklärungen desselben Rodbertus Glauben schenken soll, der von Marx bekanntlich theoretisch »geplündert« worden ist. In bezug auf diese Lohntheorie ist jedenfalls die »Priorität« Rodbertus‘ unbestritten, – denn die englischen Sozialisten und andere soziale Kritiker hatten das Lohnsystem viel weniger roh und primitiv analysiert. Das Originelle dabei ist, daß Rodbertus den ganzen Aufwand an sittlicher Entrüstung über die Entstehung und die ökonomischen Gesetze des Lohnsystems nicht etwa dazu verbraucht, um als die Konsequenz daraus die Abschaffung des schauderhaften Unrechts, des »törichten und unbeschreiblichen Widerspruchs« zu fordern. Bewahre! Er beruhigt wiederholt die Mitmenschheit, daß sein Gebrüll wider die Ausbeutung nicht gar zu tragisch gemeint sei: er sei kein Löwe, sondern bloß Schnock der Schreiner.9 Die ethische Theorie des Lohngesetzes ist nur nötig, um daraus den weiteren Schluß zu ziehen:

  1. Aus der Bestimmung des Lohnes durch die »Tauschwertgesetze« ergibt sich nämlich, daß mit dem Fortschritt der Produktivität der Arbeit der Anteil der Arbeiter am Produkt immer kleiner wird. Hier sind wir an dem archimedischen Punkt des Rodbertusschen »Systems« angelangt. Die »fallende Lohnquote« ist die wichtigste »eigene« Idee, die er seit seiner ersten sozialen Schrift (wahrscheinlich 1839) bis zu seinem Tode wiederholt und die er als sein Eigentum »in Anspruch nimmt«. Zwar war diese »Idee« eine einfache Schlußfolgerung aus Ricardos Werttheorie, zwar ist sie implicite in der Lohnfondstheorie enthalten, die seit den Klassikern bis zum Erscheinen des Marxschen »Kapital« die bürgerliche Nationalökonomie beherrschte. Trotzdem glaubt Rodbertus mit dieser »Entdeckung« eine Art Galilei in der Nationalökonomie geworden zu sein, und er zieht seine »fallende Lohnquote« zur Erklärung aller Übel und Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft heran. Aus der fallenden Lohnquote leitet er also vor allem den Pauperismus ab, der bei ihm neben Krisen »die soziale Frage« ausmacht. Und es wäre angezeigt, der geneigten Aufmerksamkeit der modernen Marxtöter die Tatsache zu empfehlen, daß es zwar nicht Marx, wohl aber der ihnen viel näher stehende Rodbertus gewesen ist, der eine regelrechte Verelendungstheorie, und zwar in der gröbsten Form, aufgestellt und sie im Unterschied von Marx nicht zur Begleiterscheinung, sondern zum Zentralpunkt der »sozialen Frage« gemacht hat. Siehe z.B. seine Beweisführung der absoluten Verelendung der Arbeiterklasse im Ersten sozialen Brief an v. Kirchmann. Sodann muß die »fallende Lohnquote« auch zur Erklärung der anderen grundlegenden Erscheinung der »sozialen Frage« herhalten: der Krisen. Hier tritt Rodbertus an das Problem des Gleichgewichts zwischen Konsumtion und Produktion heran und berührt den ganzen Komplex der damit verbundenen Streitfragen, die bereits zwischen Sismondi und der Ricardoschule ausgefochten wurden.

Die Kenntnis der Krisen war bei Rodbertus natürlich auf ein viel reicheres Tatsachenmaterial gestützt als bei Sismondi. In seinem »Ersten sozialen Brief« gibt er bereits eine eingehende Schilderung der vier Krisen: 1818/19, 1825, 1837/39 und 1847. Dank der längeren Beobachtung konnte Rodbertus zum Teil einen tieferen Einblick in das Wesen der Krisen gewinnen, als dies seinen Vorläufern möglich war. So formuliert er bereits 1850 die Periodizität der Krisen und zwar ihre Wiederkehr mit immer kürzeren Intervallen, dafür aber in immer zunehmender Schärfe: »Von Mal zu Mal, im Verhältnis der Zunahme des Reichtums hat sich die Furchtbarkeit dieser Krisen gesteigert, sind die Opfer, die sie verschlingen, größer geworden. Die Krisis von 1818/19, so sehr sie schon den Schrecken des Handels und die Bedenken der Wissenschaft erregte, war verhältnismäßig unbedeutend gegen die von 1825/26. Die letztere schlug dem Kapitalvermögen Englands solche Wunden, daß die berühmtesten Staatswirte die vollständige Ausheilung derselben bezweifelten, sie ward dennoch von der Krisis von 1836/37 übertroffen. Die Krisen von 1839/40 und 1846/47 richteten noch wieder stärkere Verheerungen an, als die vorausgehenden.« »Indessen nach der bisherigen Erfahrung kehren dieselben in immer kürzeren Intervallen wieder. Von der ersten bis zur dritten Krisis verflossen 18 Jahre, von der zweiten bis zur vierten 14 Jahre, von der dritten bis zur fünften 12 Jahre. Schon mehren sich die Anzeichen eines nahe bevorstehenden neuen Unglücks, obwohl unzweifelhaft das Jahr 1848 dessen Ausbruch aufgehalten hat.«10 Weiter macht Rodbertus die Beobachtung, daß der regelmäßige Vorläufer der Krisen ein außerordentlicher Aufschwung der Produktion, große technische Fortschritte der Industrie zu sein pflegen: »jede einzelne derselben (der Krisen) ist auf eine hervorstechende Periode industrieller Blüte gefolgt«.11 Er schildert an der Hand der Geschichte der Krisen, daß »dieselben stets nur nach einer bedeutenden Steigerung der Produktivität eintreten«.12 Rodbertus bekämpft die vulgäre Ansicht, die Krisen nur zu Geld- und Kreditstörungen machen will, und kritisiert die ganze verfehlte Peelsche Banknotengesetzgebung; ausführlich begründet er seine Ansicht in dem Aufsatz: »Die Handelskrisen und die Hypothekennot« aus dem Jahre 1858, wo er u.a. sagt: »Man täuscht sich daher auch, wenn man die Handelskrisen nur als Geld-, Börsen- oder Kreditkrisen auffaßt. So erscheinen sie nur äußerlich bei ihrem ersten Auftreten«.13 Bemerkenswert ist auch der scharfe Blick Rodbertus‘ für die Bedeutung des auswärtigen Handels im Zusammenhang mit dem Problem der Krisen. Genau wie Sismondi konstatiert er die Notwendigkeit der Expansion für die kapitalistische Produktion, zugleich aber die Tatsache, daß damit nur die Dimensionen der periodischen Krisen wachsen müssen. »Der auswärtige Handel« – sagt er in »Zur Beleuchtung der sozialen Frage«, 2. Teil, 1. Heft – »verhält sich zu den Handelsstockungen nur wie die Wohltätigkeit zum Pauperismus, – sie steigern sich zuletzt nur an demselben«.14 Und in dem zitierten Aufsatz »Handelskrisen und Hypothekennot«: »Was man zur Verhütung künftiger Ausbrüche ›der Krisen‹ anwenden kann, ist nur das zweischneidige Mittel einer Erweiterung des auswärtigen Marktes. Das heftige Streben nach solcher Erweiterung ist großenteils nichts als ein aus dem leidenden Organ entspringender krankhafter Reiz. Weil auf dem inneren Markt der eine Faktor, die Produktivität, ewig steigt, und der andere, die Kaufkraft, für den größten Teil der Nation sich ewig gleich bleibt, muß der Handel eine gleiche Unbegrenztheit des letzteren auf auswärtigen Märkten zu supplieren suchen. Was diesen Reiz stillt, verzögert wenigstens den neuen Ausbruch des Übels. Jeder neue auswärtige Markt gleicht daher einer Vertagung der sozialen Frage. In derselben Weise wirken Kolonisationen in unangebauten Ländern. Europa erzieht sich einen Markt, wo sonst keiner war. Aber dieses Mittel kajoliert doch im Grunde nur das Übel. Wenn die neuen Märkte ausgefüllt sind – so ist die Frage nur wieder zu ihrem alten Ausgangspunkt zurückgekehrt, dem begrenzten Faktor der Kaufkraft gegenüber dem unbegrenzten Faktor der Produktivität, und der neue Ausbruch ward nur von dem kleineren Markte ferngehalten, um ihn auf dem größeren in noch weiteren Dimensionen und noch heftigeren Zufällen wieder auftreten zu lassen. Und da doch die Erde begrenzt ist und deshalb die Gewinnung neuer Märkte einmal aufhören muß, muß auch die bloße Vertagung der Frage einmal aufhören. Sie muß dereinst definitiv gelöst werden«.15

Er hat auch die Anarchie der kapitalistischen Privatproduktion als krisenbildenden Faktor ins Auge gefaßt, allein nur unter anderen Faktoren, nicht als die eigentliche Ursache der Krisen überhaupt, sondern als Quelle einer bestimmten Abart Krisen. So sagt er über den Ausbruch der »Krise« im v. Kirchmannschen »Ort«: »Ich will nun nicht behaupten, daß diese Art der Absatzstockung nicht auch in der Wirklichkeit vorkäme. Der Markt ist heute groß, der Bedürfnisse und Produktionszweige sind viele, die Produktivität ist bedeutend, die Anzeichen des Begehrs sind dunkel und trügerisch, die Unternehmer ohne gegenseitige Kenntnis des Umfangs ihrer Produktion – es kann also auch leicht geschehen, daß diese sich in dem Maße eines bestimmten Warenbedarfs täuschen und den Markt damit überfüllen«. Rodbertus spricht es auch rundweg heraus, daß diesen Krisen nur eine planmäßige Organisation der Wirtschaft, eine »vollständige Umkehrung« der heutigen Eigentumsverhältnisse, die Vereinigung aller Produktionsmittel »in der Hand einer einzigen gesellschaftlichen Behörde« abhelfen könnte. Er beeilt sich freilich, auch hier gleich zur Beruhigung der Gemüter hinzuzufügen, daß er es dahingestellt sein lasse, ob ein solcher Zustand möglich sei, »aber jedenfalls wäre in ihm die einzige Möglichkeit gegeben, diese Art von Absatzstockungen zu verhindern«. Er unterstreicht also hier, daß er die Anarchie der heutigen Produktionsweise nur für eine bestimmte partielle Erscheinungsform der Krisen verantwortlich macht.

Rodbertus verwirft mit Hohn den Say-Ricardoschen Satz von dem natürlichen Gleichgewicht zwischen Konsumtion und Produktion und legt ganz wie Sismondi den Nachdruck auf die Kaufkraft der Gesellschaft, die er wieder wie Sismondi von der Einkommensverteilung abhängig macht. Trotzdem akzeptiert er die Sismondische Krisentheorie, namentlich in ihren Schlußfolgerungen, durchaus nicht und stellt sich zu ihr in scharfen Gegensatz. Wenn Sismondi nämlich in der schrankenlosen Ausdehnung der Produktion ohne Rücksicht auf die Einkommensschranken die Quelle des Übels sah und dementsprechend die Eindämmung der Produktion predigte, tritt Rodbertus umgekehrt für die kräftigste und schrankenlose Ausdehnung der Produktion, des Reichtums, der Produktivkräfte ein. Die Gesellschaft, meint er, bedürfe einer ungehinderten Zunahme ihres Reichtums. Wer den Reichtum der Gesellschaft verwerfe, verwerfe mit ihrer Macht ihren Fortschritt, mit diesem ihre Tugend, wer seiner Zunahme Hindernisse in den Weg werfe, werfe sie ihrem Fortschritte überhaupt in den Weg. Jede Zunahme des Wissens, Wollens und Könnens in der Gesellschaft sei an eine Zunahme des Reichtums gebunden.16 Von diesem Standpunkt aus war Rodbertus ein warmer Befürworter des Systems der Notenbanken, die er als unumgängliche Grundlage zur raschen und unbeschränkten Expansion der Gründertätigkeit betrachtete. Sowohl sein Aufsatz über die Hypothekennot aus dem Jahre 1858 wie schon die 1845 erschienene Abhandlung über die preußische Geldkrisis sind dieser Beweisführung gewidmet. Er wendet sich aber auch direkt polemisierend gegen die Mahnungen im Geiste Sismondis, wobei er auch hier die Sache zunächst in seiner ethisch-utopischen Weise anfaßt. »Die Unternehmer – deklamiert er – sind im wesentlichen nichts als volkswirtschaftliche Beamte, welche, wenn sie die nationalen Produktionsmittel, die ihnen die Institution des Eigentums unauflöslich anvertraut hat, mit der Anspannung aller Kräfte arbeiten lassen, nur ihre Schuldigkeit tun. Denn das Kapital ist, wiederhole ich, nur zur Produktion da«. Weiter aber sachlich: »Oder sollen sie (die Unternehmer) gar die akuten Leidenszufälle chronisch machen, indem sie von Anbeginn an und fortwährend mit geringeren Kräften, als sie in ihren Mitteln wirklich besitzen, arbeiten und auf diese Weise einen niedrigeren Grad der Heftigkeit mit einer unausgesetzten Dauer des Übels erkaufen? Selbst wenn man so töricht wäre, ihnen solchen Rat zu geben, sie würden ihn nicht zu befolgen vermögen. Woran sollten jene Weltproduzenten diese schon krankhafte Grenze des Marktes erkennen? Sie alle produzieren, ohne voneinander zu wissen, an den verschiedensten Ecken und Enden der Erde für einen Hunderte von Meilen entfernten Markt mit so riesigen Kräften, daß die Produktion eines Monats jene Grenze zu überschreiten genügt, – wie ist es denkbar, daß eine so zerstückte und doch so mächtige Produktion die Übersicht jenes Genüges rechtzeitig zu gewinnen vermöchte? Wo sind nur die Anstalten, z.B. auf dem laufenden gehaltene statistische Bureaus, um ihnen dabei behilflich zu sein? Aber was schlimmer ist, der einzige Fühler des Marktes ist der Preis, sein Steigen und Fallen. Aber er ist nicht wie ein Barometer, der die Temperatur des Marktes vorhersagt, sondern wie ein Thermometer, der sie nur mißt. Fällt der Preis, so ist schon die Grenze überschritten und das Übel bereits da«.17 Diese zweifellos gegen Sismondi gerichtete Polemik zeigt, daß zwischen beiden in der Auffassung der Krisen sehr wesentliche Unterschiede lagen; wenn deshalb Engels im »Antidühring« sagt, die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion rühre von Sismondi her und von diesem habe sie Rodbertus entlehnt, so ist das, streng genommen, nicht genau. Gemeinsam ist Rodbertus wie Sismondi nur die Opposition gegen die klassische Schule sowie die Erklärung der Krisen im allgemeinen aus der Verteilung des Einkommens. Aber auch hier folgt Rodbertus seiner eigenen Privatschrulle. Nicht die Niedrigkeit des Einkommens der Arbeitermasse bewirke die Überproduktionen, und auch nicht die beschränkte Konsumtionsfähigkeit der Kapitalisten, wie bei Sismondi, sondern lediglich die Tatsache, daß das Einkommen der Arbeiter mit dem Fortschritt der Produktivität einen immer geringeren Teil des Produktenwertes darstellt. Rodbertus weist seinem Widerpart ausdrücklich nach, daß nicht aus der Geringfügigkeit der Anteile der arbeitenden Klassen Absatzstockungen entspringen: »Stellen Sie sich, belehrt er v. Kirchmann, diese Anteile so klein vor, daß die Berechtigten nur das nackte Leben dabei haben, halten Sie die Anteile aber nur in der Quote, die sie am Nationalprodukt einnehmen, fest und lassen Sie dann die Produktivität zunehmen, so haben Sie auch das feste Wertgefäß, das einen immer größeren Inhalt aufzunehmen imstande ist, so haben Sie den immer zunehmenden Wohlstand auch der arbeitenden Klassen. – Umgekehrt stellen Sie sich die Anteile der arbeitenden Klassen so groß vor, wie Sie wollen, lassen Sie sie aber unter der Zunahme der Produktivität zu einer immer kleineren Quote des Nationalprodukts herabsinken, so werden diese Anteile zwar bis dahin, daß sie auf ihre heutige Geringfügigkeit zurückgebracht sind, immer noch vor übergroßer Entbehrung schützen, denn ihr Produktivinhalt wird noch immer bedeutend größer als heute sein, aber sie werden dennoch sofort, als sie zu sinken beginnen, jene zu unsern Handelskrisen sich steigernde Unbefriedigung nach sich ziehen, die ohne Verschulden der Kapitalisten ja nur deshalb eintritt, weil die Kapitalisten den Umfang ihrer Produktion nach der gegebenen Größe der Anteile einrichteten«.18

Also die »fallende Lohnquote« ist die eigentliche Ursache der Krisen, und das einzig wirksame Mittel gegen sie – die gesetzliche Bestimmung, wonach der Anteil der Arbeiter am Nationalprodukt eine feste und unabänderliche Quote darstellt. Man muß sich in diesen bizarren Einfall gut hineindenken, um seinen ökonomischen Inhalt nach Gebühr zu würdigen.

1 Dr. Carl Rodbertus-Jagetzow. Schriften. Berlin 1899. Bd. III, S. 172–174, 184.

2 l.c., Bd. II, S. 104–105.

3 l.c., Bd. I, S. 99.

4 l.c., Bd. I, S. 175.

5 l.c., Bd. I, S. 176.

6 l.c., Bd. II, S. 65.

7 l.c., Bd. I, S. 182–184.

8 l.c., Bd. II, S. 72.

9 Vgl. l.c., Bd. IV, S. 225.

10 l.c., Bd. III, S. 110, 111.

11 l.c., Bd. III, S. 108.

12 l.c., Bd. I, S. 62.

13 l.c., Bd. IV, S. 226.

14 l.c., Bd. III, S. 186.

15 l.c., Bd. IV, S. 233. Es ist in diesem(!) Zusammenhang interessant, zu sehen, wie Rodbertus unbeschadet seiner ethischen Polterei über das Los der unglücklichen arbeitenden Klassen in der Praxis als ein äußerst nüchterner und realistisch denkender Prophet der kapitalistischen Kolonialpolitik im Sinne und Geiste der heutigen »Alldeutschen« auftrat. »Von hier,« schreibt er in der Fußnote zum angeführten Passus, »mag man einen raschen Blick auf die Wichtigkeit der Erschließung Asiens, namentlich Chinas und Japans, dieser reichsten Märkte der Welt, sowie der Erhaltung Indiens unter englischer Herrschaft werfen. Die soziale Frage gewinnt dadurch Zeit (der donnernde Rächer der Ausgebeuteten verrät hier naiv den Nutznießern der Ausbeutung das Mittel, wie sie ihren ›törichten und verbrecherischen Irrtum‹, ihre ›unmoralische‹ Auffassung, ihre ›schreiende Ungerechtigkeit‹ möglichst lange konservieren können!), denn (diese philosophische Resignation ist unvergleichlich) der Gegenwart gebricht es zu ihrer Lösung an Uneigennützigkeit und sittlichem Ernst ebensosehr als an Einsicht. Ein volkswirtschaftlicher Vorteil ist nun allerdings kein genügender Rechtstitel zu gewaltsamem Einschreiten. Allein andererseits ist auch die strikte Anwendung des modernen Natur- und Völkerrechts auf alle Nationen der Erde, sie mögen einer Kulturstufe angehören, welcher sie wollen, unhaltbar. (Wer denkt da nicht an die Worte Dorinens im Molièreschen »Tartuffe«: »Le ciel défend, de vraie, certains contentements, mais il y a avec lui des accomodements …«.) Unser Völkerrecht ist ein Produkt der christlich-ethischen Kultur und kann, weil alles Recht auf Gegenseitigkeit beruht, deshalb auch nur ein Maß für die Beziehungen zu Nationen sein, die dieser selben Kultur angehören. Seine Anwendung über diese Grenze hinaus ist natur- und völkerrechtliche Sentimentalität, von der die indischen Greuel uns geheilt haben werden. Vielmehr sollte das christliche Europa etwas von dem Gefühl in sich aufnehmen, das die Griechen und Römer bewog, alle anderen Völker der Erde als Barbaren zu betrachten. Dann würde auch in den neueren europäischen Nationen wieder jener weltgeschichtliche Trieb wach werden, der die Alten drängte, ihre heimische Kultur über den orbis terrarum zu verbreiten. Sie würden in gemeinsamer Aktion Asien der Geschichte zurückerobern. Und an diese Gemeinsamkeit würden sich die größten sozialen Fortschritte knüpfen, die feste Begründung des europäischen Friedens, die Reduktion der Armeen, eine Kolonisation Asiens im altrömischen Stil, mit anderen Worten, eine wahrhafte Solidarität der Interessen auf allen gesellschaftlichen Lebensgebieten.« Der Prophet der Ausgebeuteten und Unterdrückten wird hier bei den Visionen der kapitalistischen Kolonialexpansion beinahe zum Dichter. Und dieser poetische Schwung will um so mehr gewürdigt werden, als die »christlich-ethische Kultur« sich just damals mit solchen Ruhmestaten bedeckte, wie die Opiumkriege gegen China und die »indischen Greuel« – nämlich die Greuel der Engländer bei der blutigen Unterdrückung des Sepoy-Aufstandes. In seinem »Zweiten sozialen Brief«, im Jahre 1850, meinte Rodbertus zwar, wenn der Gesellschaft »die sittliche Kraft« zur Lösung der sozialen Frage, d.h. zur Änderung der Verteilung des Reichtums fehlen sollte, würde die Geschichte »wieder die Peitsche der Revolution über sie schwingen müssen«. (l.c., Bd. II, S. 83.) Acht Jahre später zieht er als braver Preuße vor, die Peitsche der christlich-ethischen Kolonialpolitik über die Eingeborenen der Kolonialländer zu schwingen. Es ist auch nur folgerichtig, daß der »eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in Deutschland« auch ein warmer Anhänger des Militarismus und seine Phrase von der »Reduktion der Armeen« nur als eine licentia poetica im Redeschwall zu nehmen war. In seinem »Zur Beleuchtung der sozialen Frage«, II. Teil, 1. Heft, führt er aus, daß die »ganze nationale Steuerlast immerfort nach unten gravitiert, bald in Steigerung der Preise der Lohngüter, bald in dem Druck auf den Geldarbeitslohn«, wobei die allgemeine Militärpflicht »unter den Gesichtspunkt einer Staatslast gebracht, bei den arbeitenden Klassen nicht einmal einer Steuer, sondern gleich einer mehrjährigen Konfiskation des ganzen Einkommens gleichkommt«. Dem fügt er schleunig hinzu: »Um keinem Mißverständnis ausgesetzt zu sein, bemerke ich, daß ich ein entschiedener Anhänger unserer heutigen Militärverfassung (also der preußischen Militärverfassung der Konterrevolution) bin, so drückend sie auch für die arbeitenden Klassen sein mag, und so hoch die finanziellen Opfer scheinbar sind, die den besitzenden Klassen dafür abverlangt werden«. (l.c., Bd. III, S. 34.) Nein, Schnock ist entschieden kein Löwe!

16 l.c., Bd. III, S. 182.

17 l.c., Bd. IV, S. 231.

18 l.c., Bd. I, S. 59.

Siebzehntes Kapitel.

Rodbertus‘ Analyse der Reproduktion.

Was soll es vor allem bedeuten, daß die Verringerung des Anteils der Arbeiter »sofort« Überproduktion und Handelskrisen hervorrufen müsse? Diese Auffassung wird nur begreiflich, wenn man voraussetzt, daß Rodbertus sich das »Nationalprodukt« aus zwei Teilen bestehend vorstellt, aus dem Anteil der Arbeiter und dem Anteil der Kapitalisten, also v+m, wobei sich etwa der eine Teil gegen den anderen austauscht. In der Tat spricht Rodbertus stellenweise beinahe in diesem Sinne, so, wenn er im »Ersten sozialen Briefe« sagt: »Die Armut der arbeitenden Klassen läßt niemals zu, daß ihr Einkommen ein Bett für die anschwellende Produktion abgebe. Das Übermaß von Produkten, das in den Händen der Arbeiter nicht bloß deren Lage verbessern, sondern zugleich ein Gewicht abgeben würde, um den Wert des bei den Unternehmern verbleibenden Restes zu steigern und diesen damit die Bedingung der Fortsetzung ihrer Betriebe in dem bisherigen Umfange zu gewähren, drückt auf Seiten der Unternehmer den Wert des ganzen Produkts so tief, daß jene Bedingung verschwindet, und überläßt im besten Falle die Arbeiter ihrem gewohnten Mangel«.1 Das »Gewicht«, das in den Händen der Arbeiter »den Wert des bei den Unternehmern verbleibenden Restes« steigert, kann hier nur Nachfrage bedeuten. Damit wären wir glücklich angelangt in dem famosen »Ort« v. Kirchmanns, wo die Arbeiter mit den Kapitalisten einen Austausch ihrer Löhne gegen das Mehrprodukt ausführen und wo die Krisen deshalb entstehen, weil das variable Kapital klein und der Mehrwert groß ist. Diese seltsame Vorstellung ist schon oben besprochen worden. An anderen Stellen gibt jedoch Rodbertus eine abweichende Auffassung zum besten. Im »Vierten sozialen Brief« deutet er seine Theorie so, daß die ständige Verschiebung im Verhältnis der Nachfrage, die durch den Anteil der Arbeiterklasse dargestellt, und derjenigen, die durch den Anteil der Kapitalistenklasse bewirkt wird, eine chronische Disproportion zwischen Produktion und Konsumtion hervorrufen müsse: »Aber wie! wenn sich nun die Unternehmer zwar immerfort in den Grenzen jener Anteile zu halten suchen, aber diese Anteile selbst sich bei der großen Mehrzahl der Gesellschaft den Arbeitern nach und nach mit unvermerkter, aber unwiderstehlicher Gewalt immerfort verkleinerten? Wenn sie sich bei diesen Klassen immerfort in demselben Maße verkleinerten, als sich deren Produktivität vergrößerte?« »Ob deshalb nicht die Kapitalisten, während sie nur nach der bisherigen Größe der Anteile die Produktion einrichten und einrichten mußten, um den Reichtum allgemein zu machen, dennoch immerfort über die bisherigen Anteile hinaus produzieren und also eine stete Nichtbefriedigung, die sich zu einer Absatzstockung – steigert, veranlassen?«2

Demnach haben wir uns die Krisen folgendermaßen zu erklären: das Nationalprodukt besteht aus einer Anzahl »ordinärer Waren«, wie v. Kirchmann sagt, für die Arbeiter und feinerer Waren für die Kapitalisten. Die Menge jener wird durch die Summe der Löhne, dieser durch den Gesamtmehrwert dargestellt. Richten sich die Kapitalisten bei ihrer Produktion danach ein und schreitet dabei die Produktivität fort, so muß sich schon im nächsten Augenblick ein Mißverhältnis herausstellen. Denn der Anteil der Arbeiter von heute ist nicht mehr der von gestern, sondern geringer; bildete gestern die Nachfrage nach »ordinären Waren«, sagen wir, sechs Siebentel des Nationalprodukts, so bildet sie heute nur noch fünf Siebentel, und die Unternehmer, die sich auf sechs Siebentel »ordinärer Waren« eingerichtet haben, werden zu ihrer schmerzlichen Überraschung konstatieren müssen, daß sie um ein Siebentel deren zuviel hergestellt haben. Wollen sie aber, durch diese Erfahrung gewitzigt, morgen ihre Produktion so einrichten, daß sie nur fünf Siebentel des gesamten Wertes des Nationalprodukts in ordinären Waren herstellen, so laufen sie damit nur einer neuen Enttäuschung in die Arme, denn übermorgen wird der Lohnanteil am Nationalprodukt sicher nur noch vier Siebentel darstellen usw.

Diese originelle Theorie ruft sofort eine Menge gelinder Zweifel wach. Wenn unsere Handelskrisen lediglich daher rühren, daß die »Lohnquote« der Arbeiterklasse, das variable Kapital, einen immer geringeren Teil des Gesamtwerts des Nationalprodukts ausmacht, dann birgt ja das fatale Gesetz in sich selbst auch die Heilung des von ihm angerichteten Übels, da doch die Überproduktion einen immer geringeren Teil des Gesamtprodukts betrifft. Rodbertus liebt zwar die Ausdrücke von »übergroßer Mehrzahl« der Konsumenten, von der »großen Volksmasse« der Konsumenten, deren Anteil immer mehr sinke, doch kommt es nicht auf die Zahl der Köpfe bei der Nachfrage an, sondern auf den durch sie dargestellten Wert. Und dieser Wert bildet nach Rodbertus selbst einen immer geringfügigeren Teil des Gesamtprodukts. Die ökonomische Basis der Krisen wird damit immer schmaler, und es bleibt nur die Frage, wie es kommt, daß die Krisen trotzdem, wie Rodbertus feststellt, erstens allgemein und zweitens immer heftiger sind. Bildet ferner die »Lohnquote« doch einen Teil des Nationalprodukts, so der Mehrwert, nach Rodbertus, den anderen. Was an Kaufkraft der Arbeiterklasse abgeht, wächst als Kaufkraft der Kapitalistenklasse an, wird v immer geringer, so m dafür immer größer. Nach dem eigenen kruden Schema von Rodbertus kann dadurch im ganzen die Kaufkraft der Gesellschaft nicht alteriert werden. Sagt er doch selbst: »Ich weiß wohl, daß schließlich dasjenige, um welches der Anteil der Arbeiter fällt, den Anteilen der Rentenbezieher (bei Rodbertus ›Rente‹ gleich Mehrwert) zuwächst, daß also auf die Dauer und im ganzen die Kaufkraft sich gleich bleibt. Aber in bezug auf das zu Markt gebrachte Produkt ist schon immer die Krisis erfolgt, ehe jener Zuwachs sich geltend machen kann«.3 Es kann sich also höchstens darum handeln, daß in demselben Maße wie in »ordinären Waren« ständig ein Zuviel, in feineren Waren für die Kapitalisten ständig ein Zuwenig sich herausstellt. Rodbertus kommt hier unversehens auf eigentümlichen Pfaden zu der von ihm so hitzig bekämpften Theorie Say-Ricardos: der Überproduktion auf der einen Seite entspräche stets die Unterproduktion auf der anderen. Und da die Wertanteile der Arbeiterklasse und der Kapitalisten sich ständig zuungunsten der ersteren verschieben, so würden unsere Handelskrisen im ganzen immer mehr den Charakter von periodischer Unterproduktion an Stelle von Überproduktion annehmen! Doch lassen wir diese Rätsel. Was aus alledem einleuchtet, ist, daß Rodbertus sich das Nationalprodukt, dem Werte nach, als lediglich zusammengesetzt aus zwei Teilen, aus v und m denkt, darin also ganz die Auffassung und Überlieferung der klassischen Schule teilt, die er mit solcher Erbitterung bekämpft, verschönert noch um die Vorstellung, daß der ganze Mehrwert von den Kapitalisten konsumiert wird. Er spricht dies an mehreren Stellen mit dürren Worten aus, so im »Vierten sozialen Brief«: »Demgemäß muß man gerade, um zuvörderst das Prinzip der Rente (des Mehrwerts) überhaupt, das Prinzip der Teilung des Arbeitsprodukts in Lohn und Rente, zu finden, von den Gründen abstrahieren, welche die Scheidung der Rente überhaupt in Grundrente und Kapitalrente veranlassen«.4 Und im »Dritten Brief«: »Grundrente, Kapitalgewinn und Arbeitslohn, wiederhole ich, sind Einkommen. Grundbesitzer, Kapitalisten und Arbeiter wollen davon leben, d.h. ihre unmittelbaren menschlichen Bedürfnisse damit befriedigen. Die Güter, die im Einkommen bezogen werden, müssen also dazu brauchbar sein«.5 Krasser ist die Verfälschung der kapitalistischen Wirtschaft in eine nur für die Zwecke der direkten Konsumtion bestimmte Produktion nirgends formuliert worden, und darin hat Rodbertus unzweifelhaft die Palme der »Priorität« – nicht sowohl vor Marx, wie vor allen Vulgärökonomen. Um ja keinen Zweifel über diese seine Konfusion bei dem Leser zu lassen, stellt er in demselben Briefe etwas weiter den kapitalistischen Mehrwert als ökonomische Kategorie direkt mit dem Einkommen des antiken Sklavenhalters in eine Reihe: »Mit dem ersten Zustand (der Sklaverei) ist die einfachste Naturalwirtschaft verbunden; es wird der Teil des Arbeitsprodukts, der dem Einkommen der Arbeiter oder Sklaven entzogen ist und das Eigentum des Herrn oder Besitzers ausmacht, ungeteilt als eine Rente dem einen Grund-, Kapital-, Arbeiter- und Arbeitsproduktbesitzer zufallen; es werden selbst nicht dem Begriffe nach Grundrente und Kapitalgewinn zu unterscheiden sein. – Mit dem zweiten Zustande ist die komplizierteste Geldwirtschaft gegeben; es wird der Teil des Arbeitsprodukts, der dem Einkommen jetzt der freien Arbeiter entzogen ist und auf den Grund- und Kapitalbesitz fällt, sich zwischen den Besitzern des Rohprodukts und den Besitzern des Fabrikationsprodukts weiter teilen; es wird endlich die eine Rente des früheren Zustandes in Grundrente und Kapitalgewinn auseinanderfallen und zu scheiden sein«.6 Den hervorstechendsten ökonomischen Unterschied zwischen der Ausbeutung unter der Herrschaft der Sklaverei und der modernen kapitalistischen Ausbeutung erblickt Rodbertus – in der Spaltung des »dem Einkommen« der Arbeiter »entzogenen« Mehrwerts in Grundrente und Kapitalgewinn. Nicht die spezifische historische Form der Teilung des Neuwerts zwischen Arbeit und Kapital, sondern die für den Produktionsprozeß gleichgültige Teilung des Mehrwerts unter seine verschiedenen Nutznießer ist die entscheidende Tatsache der kapitalistischen Produktionsweise! Sonst bleibt der kapitalistische Mehrwert als Ganzes dasselbe, was »die eine Rente« des Sklavenhalters war: ein privater Konsumtionsfonds des Ausbeuters!

Freilich widerspricht sich Rodbertus auch wieder an anderen Stellen und erinnert sich an das konstante Kapital sowie die Notwendigkeit seiner Erneuerung im Reproduktionsprozeß. Er nimmt also, statt der Zweiteilung des Gesamtprodukts in v+m, die Dreiteilung in c+v+m an. In seinem dritten Briefe führt er über die Reproduktionsformen der Sklavenwirtschaft aus: »Weil der Herr darauf halten wird, daß ein Teil der Sklavenarbeit darauf verwandt werde, die Felder, Herden und Werkzeuge in der Landwirtschaft und Fabrikation in gleichem Zustande zu erhalten oder auch zu verbessern, so wird das, was heute ›Kapitalersatz‹ genannt wird, sich so vollziehen, daß ein Teil des nationalen Produkts der Wirtschaft immer gleich unmittelbar und ohne Dazwischenkunft des Tausches und selbst des Tauschwerts zur Instandhaltung des Vermögens verwandt wird«.7 Und zur kapitalistischen Reproduktion übergehend: »Es wird also jetzt ein Wertteil des Arbeitsprodukts zur Instandhaltung des Vermögens oder ›Kapitalersatz‹ verwandt oder berechnet; es wird ein Wertteil des Arbeitsprodukts in dem Geldlohn der Arbeiter zum Unterhalt derselben verwandt und es bleibt endlich ein Wertteil desselben in den Händen der Grund-, Kapital- und Arbeitsproduktbesitzer als deren Einkommen oder als Rente zurück«.8

Hier haben wir ausdrücklich die Dreiteilung in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert, und ebenso formuliert er nochmals ausdrücklich in diesem dritten Briefe als Eigentümlichkeit seiner »neuen« Theorie: »Nachdem also diese Theorie, bei hinreichender Produktivität der Arbeit, denjenigen Teil des Produktwerts, der vom Kapitalersatz zu Einkommen übrig bleibt, infolge des Grund- und Kapitaleigentums unter Arbeiter und Besitzer als Lohn und Rente hat sich teilen lassen usw.«.9 Rodbertus hat hier anscheinend einen entschiedenen Schritt in der Wertanalyse des Gesamtprodukts über die klassische Schule hinaus gemacht, ja, er kritisiert etwas weiter direkt das »Dogma« von Smith, und es bleibt nur sich zu wundern, daß die gelehrten Bewunderer Rodbertus‘, die Herren Wagner, Dietzel, Diehl u. Co. verabsäumt haben, die »Priorität« ihres Lieblings vor Marx in einem so wichtigen Punkte der ökonomischen Theorie mit Beschlag zu belegen. – In Wirklichkeit sieht es mit der Priorität hier genau so windig aus, wie in der Werttheorie überhaupt. Auch dort, wo Rodbertus anscheinend zu einer richtigen Einsicht gelangt, stellt sich dies im nächsten Augenblick als ein Mißverständnis oder mindestens eine Schiefheit heraus. Wie wenig Rodbertus tatsächlich mit der Dreiteilung des Nationalprodukts anzufangen wußte, zu der er sich vorwärts getastet hatte, beweist gerade am besten seine Kritik an dem Smithschen Dogma, die wörtlich so lautet: »Sie wissen, daß alle Nationalökonomen, schon seit Ad. Smith, den Wert des Produkts in Arbeitslohn, Grundrente und Kapitalgewinn zerfallen lassen und daß also die Idee, das Einkommen der verschiedenen Klassen und namentlich auch die Rententeile auf eine Teilung des Produkts zu gründen, nicht neu ist. Allein sofort geraten die Nationalökonomen auf Abwege. Alle – selbst nicht mit Ausnahme der Ricardoschen Schule – begehen zuvörderst den Fehler, nicht das ganze Produkt, das vollendete Gut, das ganze Nationalprodukt als Einheit aufzufassen, an der Arbeiter, Grundbesitzer und Kapitalisten partizipieren, sondern die Teilung des Rohprodukts als eine besondere Teilung aufzufassen, an der nur zwei Teilnehmer partizipieren. So sehen diese Systeme schon das bloße Rohprodukt und das bloße Fabrikationsprodukt jedes für sich als ein besonderes Einkommensgut an. – Sie begehen dann zweitens – hier indessen mit Ausnahme Ricardos und auch Smith‘ – den Fehler, daß sie die natürliche Tatsache, daß die Arbeit ohne Mitwirkung der Materie, also ohne den Boden, kein Gut produzieren kann, für eine wirtschaftliche, und die gesellschaftliche Tatsache, daß in Teilung der Arbeit das Kapital im heutigen Sinne dazu gebraucht wird, für eine ursprüngliche halten. So fingieren sie ein wirtschaftliches Grundverhältnis, auf welches sie, bei dem geteilten Besitz des Bodens, des Kapitals und der Arbeit in der Gesellschaft, auch die Anteile dieser verschiedenen Besitzer in der Weise zurückführen, daß die Grundrente aus der Mitwirkung des Bodens, den der Grundbesitzer zur Produktion hergebe, der Kapitalgewinn aus der Mitwirkung des Kapitals, das der Kapitalist dazu verwende, und der Lohn endlich aus der Mitwirkung der Arbeit entspringe. Die Saysche Schule, welche diesen Irrtum am feinsten ausgesponnen hat, schafft sich sogar den Begriff eines dem Produktanteil jener verschiedenen Besitzer entsprechenden Produktivdienstes des Bodens, des Kapitals und der Arbeit, um aus solchem Produktivdienst wieder den Produktanteil zu erklären. – Hieran schließt sich endlich drittens sogar die Ungereimtheit, daß, während doch Arbeitslohn und Rententeile aus dem Werte des Produkts abgeleitet werden, doch wieder der Wert des Produkts aus Arbeitslohn und Rententeilen abgeleitet und so wechselseitig das eine auf das andere basiert wird. Bei manchen tritt diese Ungereimtheit so zutage, daß in zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Kapiteln »Der Einfluß der Renten auf die Produktionspreise« und »Der Einfluß der Produktionspreise auf die Renten« zu setzen gesucht wird«.10

Bei diesen ausgezeichneten kritischen Bemerkungen, deren letzte namentlich fein ist und in gewissem Sinne die betreffende Kritik im II. Bande des Marxschen »Kapitals« vorwegnimmt, akzeptiert Rodbertus ruhig den Hauptschnitzer der klassischen Schule und ihrer vulgären Nachtreter: die völlige Vernachlässigung des Wertteils des Gesamtprodukts, der zum Ersatz des konstanten Kapitals der Gesellschaft notwendig ist. Diese Konfusion war es denn auch, die ihm erleichterte, sich in seinen wunderlichen Kampf gegen die »fallende Lohnquote« zu verbeißen.

Der Wert des gesellschaftlichen Gesamtprodukts zerfällt unter kapitalistischen Produktionsformen in drei Teile, von denen der eine dem Wert des konstanten Kapitals, der andere der Lohnsumme, d.h. dem variablen Kapital, und der dritte dem Gesamtmehrwert der Kapitalistenklasse entspricht. Nun wird innerhalb dieser Wertzusammensetzung der dem variablen Kapital entsprechende Wertteil relativ immer geringer, und das aus zwei Gründen. Erstens verschiebt sich innerhalb c+v+m das Verhältnis von c zu (v+m), d.h. des konstanten Kapitals zum Neuwert in der Richtung, daß c relativ immer größer, (v+m) immer kleiner wird. Dies ist ein einfacher Ausdruck der steigenden Produktivität der menschlichen Arbeit, der absolute Geltung hat für alle ökonomisch fortschreitenden Gesellschaften, unabhängig von ihren historischen Formen, und der nur bedeutet, daß die lebendige Arbeit imstande wird, immer mehr Produktionsmittel in immer kürzerer Zeit zu Gebrauchsgegenständen zu verarbeiten. Da (v+m) im Verhältnis zum Gesamtwert des Produkts sinkt, so sinkt damit auch v als Wertteil des Gesamtprodukts. Sich dagegen sträuben, diesem Sinken Einhalt tun wollen, heißt mit anderen Worten sich dem Fortschritt der Produktivität der Arbeit in seinen allgemeinen Wirkungen widersetzen. Sodann tritt auch innerhalb (v+m) eine Verschiebung ein in der Richtung, daß v relativ immer kleiner, m relativ immer größer wird, d.h. daß von dem geschaffenen Neuwert ein immer kleinerer Teil auf Löhne entfällt, ein immer größerer als Mehrwert angeeignet wird. Dies ist der spezifisch kapitalistische Ausdruck der fortschreitenden Produktivität der Arbeit, der aber innerhalb der kapitalistischen Bedingungen der Produktion ebenso absolute Geltung hat wie jenes erste Gesetz. Durch staatliche Mittel nun verbieten wollen, daß v immer geringer im Verhältnis zu m wird, heißt verbieten wollen, daß sich die fortschreitende Produktivität der Arbeit, die die Herstellungskosten aller Waren verringert, auch auf die grundlegende Ware Arbeitskraft beziehe, heißt, diese eine Ware von den ökonomischen Wirkungen der technischen Fortschritte ausnehmen wollen. Aber noch mehr: die »fallende Lohnquote« ist nur ein anderer Ausdruck für steigende Mehrwertrate, die das stärkste und wirksamste Mittel darstellt, den Fall der Profitrate aufzuhalten, und deshalb das treibende Motiv der kapitalistischen Produktion überhaupt, wie namentlich des technischen Fortschritts innerhalb dieser Produktion darstellt. Die »fallende Lohnquote« auf dem Wege der Gesetzgebung beseitigen, heißt also soviel wie das Existenzmotiv der kapitalistischen Wirtschaft ausschalten, ihr Lebensprinzip unterbinden wollen. Man stelle sich aber die Sache konkret vor. Der einzelne Kapitalist wie die kapitalistische Gesellschaft im ganzen kennt ja überhaupt den Wert der Produkte als eine Summe gesellschaftlich notwendiger Arbeit nicht und ist gar nicht imstande, ihn so zu fassen. Der Kapitalist kennt ihn nur in der abgeleiteten und durch die Konkurrenz auf den Kopf gestellten Form der Produktionskosten. Während der Wert des Produkts in die Wertteile c+v+m zerfällt, setzen sich die Produktionskosten, im Bewußtsein des Kapitalisten, umgekehrt aus c+v+m zusammen. Und zwar stellen sich ihm auch diese in der verschobenen und abgeleiteten Form dar 1. als Verschleiß seines fixen Kapitals, 2. als seine Auslagen an zirkulierendem Kapital einschließlich der Auslagen für Löhne der Arbeiter, 3. als die »übliche«, d.h. durchschnittliche Profitrate auf sein gesamtes Kapital. Wie soll nun der Kapitalist, sagen wir, durch ein Gesetz im Rodbertusschen Sinne gezwungen, eine »feste Lohnquote« gegenüber dem gesamten Produktwert einhalten? Der Einfall ist genau so geistreich, wie wenn man durch Gesetz fixieren wollte: bei der Herstellung aller Waren dürfe der Rohstoff nie mehr oder weniger als ein Drittel des Gesamtpreises der Waren ausmachen. Es ist klar, daß die Hauptidee Rodbertus‘, auf die er stolz war und baute, wie auf eine neue archimedische Entdeckung, und mit der er die kapitalistische Produktion radikal kurieren wollte, von allen Standpunkten der kapitalistischen Produktionsweise ein barer, blühender Unsinn ist, zu dem man aber auch nur aus jener Konfusion über die Werttheorie heraus gelangen konnte, die bei Rodbertus in dem unvergleichlichen Satze kulminiert: »das Produkt müsse jetzt (in der kapitalistischen Gesellschaft) so Tauschwert haben, wie es in der antiken Wirtschaft Gebrauchswert haben mußte«.11 In der antiken Gesellschaft mußten Brot und Fleisch gegessen werden, damit man von ihnen leben konnte, jetzt aber wird man schon satt, wenn man den Preis von Fleisch und Brot weiß! Was jedoch am deutlichsten aus der fixen Idee der »fixen Lohnquote« bei Rodbertus herausschaut, ist seine völlige Unfähigkeit, die kapitalistische Akkumulation zu begreifen.

Man hat schon aus den früheren Zitaten entnehmen können, daß er, im Einklang mit der verkehrten Vorstellung, der Zweck der kapitalistischen Produktion sei die Herstellung von Konsumgegenständen zur Befriedigung »menschlicher Bedürfnisse«, ausschließlich die einfache Reproduktion im Auge hat. Spricht er doch immer nur vom »Ersatz des Kapitals« und von der Notwendigkeit, die Kapitalisten zu befähigen, »ihre Betriebe in dem bisherigen Umfange« fortzusetzen. Seine Hauptidee wendet sich aber direkt gegen die Akkumulation des Kapitals. Die Mehrwertrate fixieren, ihr Wachstum verhindern, heißt die Akkumulation des Kapitals lahmlegen. In der Tat war für Sismondi wie für v. Kirchmann die Frage des Gleichgewichts zwischen Produktion und Konsumtion eine Frage der Akkumulation, d.h. der erweiterten kapitalistischen Reproduktion. Beide leiteten die Störungen in dem Gleichgewicht der Reproduktion von der Akkumulation her, deren Möglichkeit beide verneinten. Nur daß der eine als Mittel dagegen die Dämpfung der Produktivkräfte überhaupt, während der andere ihre steigende Verwendung in der Luxusproduktion, das restlose Verzehren des Mehrwerts empfahl. Rodbertus geht auch hier seine eigenen Wege. Während jene mit mehr oder weniger Erfolg die Erscheinung der kapitalistischen Akkumulation zu fassen suchten, kämpft Rodbertus gegen den Begriff.

»Die Nationalökonomen haben seit A. Smith einander nachgesprochen und es als allgemeine und absolute Wahrheit aufgestellt, daß das Kapital nur durch Sparen und Ansammeln entstehe«.12 Gegen diese »Verirrung« zieht nun Rodbertus wohlgerüstet zu Felde und er weist auf 60 Druckseiten haarklein nach, daß Kapital nicht durch Sparen, sondern durch Arbeit entsteht, daß der »Irrtum« der Nationalökonomen in bezug auf das »Sparen« daher rühre, weil sie die irrtümliche Auffassung hätten, die Produktivität hafte dem Kapital an, dieser Irrtum endlich von einem anderen Irrtum: daß Kapital – Kapital sei.

  1. Kirchmann seinerseits verstand sehr gut, was hinter dem kapitalistischen »Sparen« steckt. Er führt ganz hübsch aus: »Kapitalansammlung besteht bekanntlich nicht in dem bloßen Anhäufen von Vorräten oder in dem Sammeln von Metall- und Geldvorräten, die dann in den Kellern des Eigentümers ungenützt liegen bleiben, sondern wer sparen will, tut es, um selbst oder durch andere seine ersparte Summe als Kapital wieder nutzbar anzuwenden, um davon Revenuen zu ziehen. Diese Revenuen sind nur möglich, wenn diese Kapitale zu neuen Unternehmungen verwendet werden, die durch ihre Produkte imstande sind, jene verlangten Zinsen abzuwerfen. Der eine baut ein Schiff, der andere baut eine Scheune, der dritte kultiviert damit eine öde Heide, der vierte läßt sich eine neue Spinnmaschine kommen, der fünfte kauft mehr Leder und nimmt mehr Gesellen an, um seine Schuhmacherprofession zu erweitern usw. Erst in dieser Anwendung kann das gesparte Kapital Zinsen (soll heißen: Profit) tragen, was der Endzweck alles Sparens ist«.13 Was v. Kirchmann hier mit unbeholfenen Worten, aber im ganzen richtig schildert, ist nichts anderes als der Prozeß der Kapitalisierung des Mehrwerts, der kapitalistischen Akkumulation, die ja den ganzen Sinn des von der klassischen Ökonomie »seit A. Smith« mit richtigem Instinkt befürworteten »Sparens« ausmacht. v. Kirchmann ist denn von seinem Standpunkt ganz konsequent, wenn er, da nach seiner Auffassung – wie bei Sismondi – die Krisen sich direkt aus der Akkumulation ergeben, gegen die Akkumulation, gegen das »Sparen« zu Felde zieht. Rodbertus ist auch hier der »gründlichere« Mann. Er hat zu seinem Unglück aus der Ricardoschen Werttheorie die Einsicht gewonnen, daß Arbeit die einzige Quelle des Werts, also auch des Kapitals ist. Und diese elementare Weisheit genügt ihm vollständig, um ihn für alle komplizierten Verhältnisse der Kapitalproduktion und der Kapitalbewegungen völlig blind zu machen. Da Kapital durch Arbeit entsteht, so ist Kapitalakkumulation, d.h. »Sparen«, Kapitalisierung des Mehrwertes, – bloßer Humbug.

Um diesen verworrenen Knäuel von Irrtümern »der Nationalökonomen seit A. Smith« zu entwirren, nimmt er sich, wie sich von selbst versteht, einen »isolierten Wirt« vor und weist in einer langen Vivisektion an dem unglücklichen Wurm alles nach, was er braucht. So findet er hier schon das »Kapital«, d.h. natürlich den berühmten »ersten Stock«, womit die Nationalökonomie »seit A. Smith« die Früchte ihrer Kapitaltheorie vom Baume der Erkenntnis schlägt. Entsteht der Stock etwa aus »Sparen«? fragt Rodbertus. Und da jeder normale Mensch versteht, daß aus »Sparen« kein Stock entstehen kann, sondern daß sich Robinson den Stock aus Holz verfertigen muß, so ist auch schon bewiesen, daß die »Spartheorie« ganz falsch sei. Weiter: der »isolierte Wirt« schlägt sich mit dem Stock eine Frucht vom Baume, diese Frucht ist sein »Einkommen«. »Wenn Kapital die Quelle von Einkommen wäre, so müßte sich dies Verhältnis schon an diesem ursprünglichen und einfachsten Vorgange nachweisen lassen. Aber kann man, ohne den Dingen und Begriffen Gewalt anzutun, den Stecken die Quelle des Einkommens oder eines Teils des Einkommens nennen, das in der herabgeschlagenen Frucht besteht, dieses Einkommen ganz oder zum Teil, auf den Stecken als seine Ursache zurückführen, ganz oder zum Teil als Produkt des Steckens betrachten?«.14 Sicher nicht. Und da die Frucht das Produkt nicht »des Steckens«, womit sie abgeschlagen, sondern des Baumes, auf dem sie gewachsen, so hat Rodbertus auch schon bewiesen, daß alle Nationalökonomen »seit A. Smith« sich gröblich irrten, wenn sie behaupteten, das Einkommen rühre vom Kapital her. Nachdem so an der »Wirtschaft« Robinsons alle Grundbegriffe der Nationalökonomie klargelegt sind, überträgt Rodbertus die so gewonnene Erkenntnis zuerst auf eine fingierte Gesellschaft »ohne Kapital- und Grundeigentum«, d.h. mit kommunistischem Besitz, sodann auf die Gesellschaft »mit Kapital- und Grundeigentum«, d.h. auf die heutige Gesellschaft, – und siehe da: alle Gesetze der Robinsonwirtschaft bewähren sich Punkt für Punkt auch in diesen beiden Gesellschaftsformen. Hier stellt Rodbertus eine Theorie vom Kapital und Einkommen auf, die seiner utopischen Phantasie die Krone aufsetzt. Da er entdeckt hat, daß bei Robinson »das Kapital« schlicht und einfach die Poduktionsmittel sind, so identifiziert er auch in der kapitalistischen Wirtschaft Kapital mit Produktionsmitteln, und hat er so das Kapital mit einer Handbewegung auf konstantes Kapital reduziert, so protestiert er im Namen der Gerechtigkeit und der Moral dagegen, daß die Existenzmittel der Arbeiter, ihre Löhne, auch als Kapital betrachtet werden. Gegen den Begriff des variablen Kapitals kämpft er hitzig, denn dieser Begriff sei an allem Unheil schuld. »Möchten doch die Nationalökonomen – fleht er – mir hier Aufmerksamkeit schenken und unbefangen prüfen, ob sie oder ich recht haben! Hier liegt der Knotenpunkt aller Irrtümer des herrschenden Systems über das Kapital, hier der letzte Grund der theoretischen wie praktischen Ungerechtigkeit gegen die arbeitenden Klassen«.15 Die »Gerechtigkeit« fordert nämlich, daß man die »realen Lohngüter« der Arbeiter nicht zum Kapital, sondern zur Kategorie Einkommen rechne. Rodbertus weiß zwar sehr wohl, daß für den Kapitalisten die von ihm »vorgestreckten« Löhne ein Teil seines Kapitals sind, ganz so wie der andere in toten Produktionsmitteln vorgestreckte Teil. Allein das bezieht sich nach Rodbertus nur auf das Einzelkapital. Sobald er das gesellschaftliche Gesamtprodukt und die Gesamtreproduktion ins Auge faßt, erklärt er die kapitalistischen Kategorien der Produktion für ein Trugbild, eine boshafte Lüge und eine »Ungerechtigkeit«. »Etwas ganz anderes als das Kapital an sich, die Kapitalgegenstände, das Kapital vom Standpunkt der Nation, ist das Privatkapital, das Kapitalvermögen, das Kapitaleigentum, das, was gewöhnlich heute unter ›Kapital‹ verstanden wird«.16 Die Einzelkapitalisten produzieren kapitalistisch, die Gesamtgesellschaft aber genau so wie Robinson, d.h. als ein Gesamteigentümer, kommunistisch: »Daß jetzt das gesamte Nationalprodukt auf allen verschiedenen Produktionsstufen zu größeren oder kleineren Teilen einzelnen Privatpersonen, die zu den eigentlichen Produzenten gar nicht zu rechnen sind, zu eigen gehört, daß die eigentlichen Produzenten dies ganze Nationalprodukt immerfort nur im Dienste dieser wenigen Eigentümer herstellen, ohne Miteigentümer an ihrem eigenen Produkt zu sein, macht von diesem allgemeinen und nationalen Standpunkt aus keinen Unterschied.« Freilich ergeben sich daraus gewisse Besonderheiten der Verhältnisse auch für die Gesellschaft im ganzen, nämlich erstens »der Tausch« als Vermittler und zweitens die ungleiche Verteilung des Produkts. »Allein so wenig alle diese Wirkungen verhindern, daß nach wie vor die Bewegung der Nationalproduktion und die Gestaltung des Nationalprodukts im allgemeinen dieselbe bleibt (wie unter der Herrschaft des Kommunismus), so wenig alterieren sie auch, vom nationalen Standpunkt aus, in irgendeiner Beziehung den bisher aufgestellten Gegensatz von Kapital und Einkommen.« Sismondi mühte sich, gleich Smith und vielen anderen, im Schweiße seines Angesichts ab, um den Begriff von Kapital und Einkommen aus den Widersprüchen der kapitalistischen Produktion zu entwirren; Rodbertus macht sich die Sache leichter: er sieht, für die Gesellschaft im ganzen, von allen Formbestimmtheiten der kapitalistischen Produktion einfach ab und nennt »Kapital« die Produktionsmittel und »Einkommen« die Konsumtionsmittel, – Basta! »Das Grund- und Kapitaleigentum hat nur in bezug auf die verkehrenden Individuen einen wesentlichen Einfluß. Faßt man also die Nation als eine Einheit auf, so verschwinden seine Wirkungen auf die Individuen«.17 Man sieht, Rodbertus zeigt, sobald er an das eigentliche Problem, an das kapitalistische Gesamtprodukt und seine Bewegung herantritt, die typische Geringschätzung des Utopisten für historische Besonderheiten der Produktion, und auf ihn paßt wie angegossen die Bemerkung, die Marx über Proudhon macht, daß, sobald er von der Gesellschaft im ganzen spricht, er so tut, als ob sie aufhörte, kapitalistisch zu sein. Andererseits sieht man am Beispiel Rodbertus‘ wieder, wie hilflos die gesamte Nationalökonomie vor Marx in ihren Bemühungen herumtappte, sachliche Gesichtspunkte des Arbeitsprozesses mit Wertstandpunkten der kapitalistischen Produktion, Bewegungsformen des Einzelkapitals mit denen des gesellschaftlichen Gesamtkapitals in Einklang zu bringen. Diese Bemühungen pendeln gewöhnlich zwischen zwei Extremen: der vulgären Auffassung à la Say, Mac Culloch, für die überhaupt nur Geschichtspunkte des Einzelkapitals existieren, und der utopischen Auffassung à la Proudhon, Rodbertus, für die nur Standpunkte des Arbeitsprozesses existieren. Da lernt man erst schätzen, welches enorme Licht über die ganze Sache durch das Schema der einfachen Reproduktion von Marx verbreitet worden ist, wo alle jene Standpunkte in ihrem Einklang wie in ihrem Widerspruch zusammengefaßt und wo der heillose Wirrwarr zahlloser Bände in zwei Zahlenreihen von verblüffender Einfachheit aufgelöst ist.

Daß bei einer solchen Auffassung von Kapital und Einkommen die kapitalistische Aneignung unerklärlich wird, versteht sich von selbst. Rodbertus erklärt sie denn auch einfach für »Raub« und verklagt sie vor dem Forum des Eigentumsrechts, dessen schnöde Verletzung sie darstelle. »Wenn also – diese persönliche Freiheit (der Arbeiter), die rechtlich das Eigentum am Wert des Arbeitsprodukts involviert, infolge des vom Grund- und Kapitaleigentum über die Arbeiter geübten Zwanges, in der Praxis wieder zur Entäußerung jenes Eigentumsanspruchs führt – so ist es, als ob eine instinktive Scheu, daß die Geschichte ihre strengen unerbittlichen Syllogismen daraus ziehen könne, die Besitzer von dem Geständnis dieses großen und allgemeinen Unrechts abhielte«.18 »Daher ist endlich diese (Rodbertussche) Theorie in allen ihren Einzelheiten ein durchgängiger Beweis, daß jene Lobredner der heutigen Eigentumsverhältnisse, die sich doch wieder nicht entbrechen können, das Eigentum auf die Arbeit zu gründen, mit ihrem eigenen Prinzip im vollständigsten Widerspruch stehen. Sie beweist, daß die heutigen Eigentumsverhältnisse gerade auf einer allgemeinen Verletzung dieses Prinzips beruhen, und daß jene großen individuellen Vermögen, die sich heute in der Gesellschaft anhäufen – mit jedem neugeborenen Arbeiter den schon von alters her sich in der Gesellschaft anhäufenden Raub vergrößern«.19 Und ist der Mehrwert so zum »Raub« erklärt worden, so erscheint die steigende Mehrwertrate als »ein merkwürdiger Fehler in der heutigen nationalökonomischen Organisation«.20 Proudhon hat in seinem ersten Pamphlet wenigstens den paradoxen und rohen, aber revolutionär klingenden Satz Brissots ausgesponnen: Eigentum ist Diebstahl. Rodbertus beweist, daß das Kapital ein Diebstahl am Eigentum sei. Man vergleiche damit im 1. Bande des Marxschen »Kapital« das Kapitel über den Umschlag der Eigentumsgesetze in Gesetze der kapitalistischen Aneignung, das ein Meisterstück historischer Dialektik bietet, und man wird wieder einmal die »Priorität« Rodbertus‘ konstatieren können. Jedenfalls hat sich Rodbertus durch seine Deklamationen gegen die kapitalistische Aneignung vom Standpunkte des »Eigentumrechts« das Verständnis für die Entstehung des Mehrwerts aus Kapital ebenso versperrt, wie er sich früher durch seine Deklamationen gegen das »Sparen« das Verständnis für die Entstehung des Kapitals aus Mehrwert versperrt hatte. So gehen Rodbertus alle Voraussetzungen für das Begreifen der kapitalistischen Akkumulation ab, und er bringt es fertig, darin sogar vor v. Kirchmann den kürzeren zu ziehen.

Summa: Rodbertus will unumschränkte Erweiterung der Produktion, aber ohne alles »Sparen«, d.h. ohne kapitalistische Akkumulation! Er will unumschränkte Steigerung der Produktivkräfte, – aber eine feste Mehrwertrate durch Staatsgesetz! Mit einem Wort, er zeigt völlige Verständnislosigkeit für die eigentlichen Grundlagen der kapitalistischen Produktion, die er reformieren will, wie für die wichtigsten Ergebnisse der klassischen Nationalökonomie, gegen die er kritisch zu Felde zieht.

Deshalb sagt Prof. Diehl natürlich, Rodbertus habe in der theoretischen Nationalökonomie durch seine »neue Einkommenstheorie« und durch die Unterscheidung der logischen und historischen Kategorien des Kapitals (jenes bewußte »Kapital an sich« im Gegensatz zum Einzelkapital) bahnbrechend gewirkt. Und deshalb nennt ihn natürlich Prof. Adolf Wagner »den Ricardo des ökonomischen Sozialismus«, um so die eigene Unschuld in bezug auf Ricardo, Rodbertus wie den Sozialismus mit einem Schlage zu dokumentieren. Lexis aber findet gar, daß Rodbertus »seinem britischen Rivalen« an Kraft des abstrakten Denkens mindestens gleichkäme; ihn aber in der »Virtuosität der Aufdeckung des tiefsten Zusammenhanges der Erscheinungen«, in der »Lebendigkeit der Phantasie« und vor allem – in seinem »ethischen Standpunkt gegenüber dem Wirtschaftsleben« weitaus überträfe. Das hingegen, was Rodbertus wirklich in der theoretischen Ökonomie außer seiner Kritik der Grundrente von Ricardo geleistet hat: seine stellenweise ganz klare Unterscheidung von Mehrwert und Profit, seine Behandlung des Mehrwerts als Ganzes im bewußten Unterschied von dessen Teilerscheinungen, seine teilweise vortreffliche Kritik des Smithschen Dogmas über die Wertzusammensetzung der Waren, seine scharfe Formulierung der Periodizität der Krisen und die Analyse ihrer Erscheinungsformen – wertvolle Ansätze, um die Analyse über Smith-Ricardo hinauszuführen, die freilich an der Konfusion in den Grundbegriffen scheitern mußte –, das alles sind den offiziellen Bewunderern Rodbertus‘ meistens böhmische Dörfer. Franz Mehring hat schon auf das merkwürdige Los Rodbertus‘ hingewiesen, für seine angeblichen nationalökonomischen Großtaten in den Himmel gehoben, wegen seiner wirklichen politischen Verdienste hingegen von denselben Leuten »wie ein dummer Junge« behandelt zu werden. In unserem Fall handelt es sich aber nicht einmal um den Gegensatz seiner ökonomischen und politischen Leistungen: auf dem Gebiete der theoretischen Nationalökonomie selbst haben ihm seine Lobhudler ein großes Denkmal auf dem Sandfelde errichtet, wo er mit dem hoffnungslosen Eifer eines Utopisten grub, während sie zugleich die paar bescheidenen Beete mit Unkraut haben überwuchern und in Vergessenheit geraten lassen, in denen er einige fruchtbare Setzlinge hinterlassen hatte.21

Im ganzen kann man nicht behaupten, daß das Problem der Akkumulation seit der ersten Kontroverse, in preußisch-pommerscher Behandlung, vorwärts gekommen wäre. Wenn die ökonomische Harmonielehre inzwischen von der Höhe Ricardos auf Bastiat-Schulze heruntergekommen war, so hat auch die soziale Kritik dementsprechend den Abrutsch von Sismondi auf Rodbertus vollzogen. Und wenn die Kritik Sismondis im Jahre 1819 eine geschichtliche Tat war, so waren die Reformideen Rodbertus‘ schon bei ihrem ersten Auftreten, zumal aber in seinen späteren Wiederholungen ein kläglicher Rückschritt.

In der Polemik zwischen Sismondi und Say-Ricardo bewies die eine Seite die Unmöglichkeit der Akkumulation infolge der Krisen und warnte vor der Entfaltung der Produktivkräfte. Die andere Seite bewies die Unmöglichkeit der Krisen und befürwortete die schrankenlose Entfaltung der Akkumulation. Jede war trotz der Verkehrtheit des Ausgangspunkts in ihrer Art konsequent. v. Kirchmann und Rodbertus gehen beide, wie auch nicht anders möglich war, von der Tatsache der Krisen aus. Trotzdem aber jetzt, nach der geschichtlichen Erfahrung eines halben Jahrhunderts, die Krisen sich gerade durch ihre Periodizität nur als Bewegungsform der kapitalistischen Reproduktion deutlich erwiesen hatten, wurde auch hier das Problem der erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals, der Akkumulation, mit dem Problem der Krisen völlig identifiziert und dadurch auf das tote Gleis des Suchens nach einem Mittel gegen Krisen geschoben. Die eine Seite sieht dabei das Mittel in dem restlosen Verzehren des Mehrwerts durch die Kapitalisten, d.h. im Verzicht auf die Akkumulation, die andere – in einer gesetzlichen Fixierung der Mehrwertrate, d.h. gleichfalls im Verzicht auf die Akkumulation. Die Spezialschrulle Rodbertus‘ beruht hierbei darauf, daß er ohne kapitalistische Akkumulation eine schrankenlose kapitalistische Steigerung der Produktivkräfte und des Reichtums erhofft und befürwortet. Zu einer Zeit, wo der hohe Reifegrad der kapitalistischen Produktion bald ihre grundlegende Analyse durch Marx ermöglichen sollte, artete der letzte Versuch der bürgerlichen Ökonomie, allein mit dem Problem der Reproduktion fertig zu werden, in eine abgeschmackte kindische Utopie aus.

1 l.c., Bd. III, S. 176.

2 l.c., Bd. I, S. 53, 57.

3 l.c., Bd. I, S. 206.

4 l.c., Bd. I, S. 19.

5 l.c., Bd. II, S. 110.

6 l.c., Bd. II, S. 144.

7 l.c., Bd. II, S. 146.

8 l.c., Bd. II, S. 155.

9 l.c., Bd. II, S. 223.

10 l.c., Bd. II, S. 226.

11 l.c., Bd. II, S. 156.

12 l.c., Bd. I, S. 240.

13 l.c., Bd. II, S. 25.

14 l.c., Bd. I, S. 250.

15 l.c., Bd. I, S. 295. Auch hier käute Rodbertus sein Lebenlang nur die Ideen wieder, die er schon 1842 in seinem »Zur Erkenntnis« ausgesprochen hatte: »Indessen ist man für den heutigen Zustand selbst so weit gegangen, nicht bloß den Arbeitslohn, sondern selbst Renten und Profit zu den Kosten des Guts zu rechnen. Diese Ansicht verdient daher eine ausführliche Widerlegung. Ihr liegt zweierlei zum Grunde:
a) eine schiefe Vorstellung von Kapital, in welcher man den Arbeitslohn in gleicher Weise zum Kapital rechnet, wie Material und Werkzeuge, während er doch nur mit Renten und Profit auf gleicher Linie steht;
b) eine Verwechselung der Kosten des Guts mit den Auslagen des Unternehmers oder den Kosten des Betriebs.« (Zur Erkenntnis. Neubrandenburg und Friedland, G. Barnewitz 1842. S. 14.)

16 l.c., Bd. I, S. 304. Genau so bereits in »Zur Erkenntnis«: »Man muß – das Kapital im engeren oder eigentlichen Sinne von dem Kapital im weiteren Sinne oder Unternehmungsfonds unterscheiden. Jener umfaßt den wirklichen Vorrat von Werkzeugen und Material, dieser den ganzen nach den heutigen Verhältnissen der Teilung der Arbeit zur Unternehmung eines Betriebes notwendigen Fonds. – Jener ist das zur Produktion absolut notwendige Kapital, dieser hat nur durch die heutigen Verhältnisse eine solche relative Notwendigkeit. Jener Teil ist daher das Kapital im engeren und eigentlichen Sinne allein und nur mit ihm fällt der Begriff des Nationalkapitals zusammen.« l.c., S. 23, 24.

17 l.c., Bd. I, S. 292.

18 l.c., Bd. II, S. 136.

19 l.c., Bd. II, S. 225.

20 l.c., Bd. I, S. 61.

21 Übrigens ist ihm das schlimmste Denkmal von seinen posthumen Herausgebern gesetzt worden. Diese gelehrten Herren Prof. Wagner, Dr. Kozak, Moritz Wirth und wie sie alle heißen, die sich in den Vorreden zu seinen Nachlaßbänden wie ein Haufen ungebärdiger Diener im Vorzimmer zanken, ihren persönlichen Tratsch und ihre Eifersüchteleien austragen und einander coram publico beschimpfen, haben dabei nicht einmal die elementarste Sorgfalt und Pietät aufgebracht, um das Entstehungsdatum der einzelnen vorgefundenen Manuskripte Rodbertus‘ festzustellen. Sie haben sich z.B. erst von Mehring belehren lassen müssen, daß das älteste aufgefundene Manuskript von Rodbertus nicht aus dem Jahre 1837, wie Professor Wagner souverän beschlossen hatte, sondern frühestens aus dem Jahre 1839 stammen könne, sintemalen darin gleich an den ersten Zeilen von geschichtlichen Ereignissen aus der Chartistenbewegung die Rede ist, die in das Jahr 1839 gehören, was zu wissen für einen Professor der Nationalökonomie sozusagen Pflicht war. Professor Wagner, der in den Vorreden zu Rodbertus mit seiner Wichtigtuerei und seiner schrecklich »besetzten Zeit« alle Augenblicke lästig wird und der überhaupt nur mit seinen »Fachkollegen« über die Köpfe des übrigen Menschenpöbels spricht, hat die elegante Lektion Mehrings vor versammelten Fachkollegen als großer Mann schweigend hingenommen. Prof. Diehl aber hat ebenso schweigend im Handwörterbuch der Staatswissenschaften das Datum 1837 einfach auf 1839 korrigiert, ohne auch nur mit einer Silbe den Lesern zu verraten, wann und von wem ihm die Erleuchtung ward.
Die Krone bildet jedoch die wohl »fürs Volk« bestimmte »neue wohlfeile Ausgabe« bei Puttkammer und Mühlbrecht aus dem Jahre 1899, die einige der sich zankenden Herren Herausgeber friedlich vereinigt, ihren Zank aber in den Vorreden mit aufgenommen hat, eine Ausgabe, wo z.B. aus dem früheren Wagnerschen Band II nunmehr Band I gemacht worden ist, man aber Wagner trotzdem in der Einleitung zu Bd. III ruhig weiter von »Band II« fortwährend reden läßt, wo der »Erste soziale Brief« in Band III, der zweite und dritte in Band II und der vierte in Band I geraten ist, wo überhaupt die Reihenfolge der »Sozialen Briefe«, »Kontroversen«, Teile »Zur Beleuchtung« und Bände, chronologische und logische Zusammenhänge, Datum der Herausgaben und Datum der Entstehung der Schriften ein undurchdringlicheres Chaos darstellen, als die Schichtungen der Erdrinde nach mehrmaligen vulkanischen Ausbrüchen, und wo – im Jahre 1899 – wohl aus Pietät für Prof. Wagner, das Datum der ältesten Schrift Rodbertus‘ auf 1837 beibehalten worden ist, trotzdem Mehrings Belehrung bereits 1894 erfolgt war!! Man vergleiche damit den Marxschen Nachlaß in den Ausgaben von Mehring und Kautsky bei Dietz und man wird sehen, wie sich in scheinbar so äußerlichen Dingen tiefere Zusammenhänge spiegeln: So wird das wissenschaftliche Erbe der Meister des klassenbewußten Proletariats gepflegt – und so wird von den offiziellen Gelehrten der Bourgeoisie das Erbe eines Mannes vertrödelt, der nach ihrer eigenen interessierten Legende ein erstklassiges Genie war! Suum cuique – war der Wahlspruch Rodbertus‘.

Dritter Waffengang.

Struve – Bulgakow – Tugan Baranowsky gegen Woronzow – Nikolaj-on.

Achtzehntes Kapitel.

Das Problem in neuer Auflage.

In einem ganz anderen historischen Rahmen als die beiden ersten spielte sich die dritte Kontroverse um die Frage der kapitalistischen Akkumulation ab. Diesmal war die Zeit der Handlung der Anfang der 80er Jahre bis um die Mitte der 90er und ihr Schauplatz Rußland. Die kapitalistische Entwickelung hatte bereits in Westeuropa ihren Reifegrad erreicht. Die einstige rosige Auffassung der Klassiker Smith-Ricardo mitten in der in Knospen stehenden bürgerlichen Gesellschaft war längst zerronnen. Auch der interessierte Optimismus der vulgär-manchesterlichen Harmonielehre war unter dem niederschmetternden Eindruck des Weltkrachs der 70er Jahre sowie unter den wuchtigen Schlägen des seit den 60er Jahren in allen kapitalistischen Ländern entbrannten heftigen Klassenkampfes verstummt. Selbst von den sozialreformerisch geflickten Harmonien, die sich namentlich in Deutschland noch Anfang der 80er Jahre breit gemacht hatten, war sehr bald nur der Katzenjammer geblieben, die 12jährige Prüfungszeit des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie hatte eine grausame Ernüchterung gebracht, alle Harmonieschleier endgültig zerrissen und die nackte Wirklichkeit der kapitalistischen Gegensätze in ihrer ganzen Schroffheit enthüllt. Optimismus war seitdem nur noch im Lager der aufstrebenden Arbeiterklasse und ihrer theoretischen Wortführer möglich. Ein Optimismus freilich nicht in bezug auf das natürliche oder künstlich hergestellte innere Gleichgewicht der kapitalistischen Wirtschaft und ihre ewige Dauer, sondern in dem Sinne, daß die von ihr mächtig geförderte Entfaltung der Produktivkräfte gerade durch ihre inneren Widersprüche einen ausgezeichneten historischen Boden für die fortschrittliche Entwickelung der Gesellschaft zu neuen ökonomischen und sozialen Formen biete. Die negative, herabdrückende Tendenz der ersten Periode des Kapitalismus, die einst Sismondi allein vor den Augen hatte und die noch Rodbertus in den 40er und 50er Jahren sah, war jetzt aufgewogen durch die emporhebende Tendenz: das hoffnungsvolle und siegreiche Aufstreben der Arbeiterklasse in ihrer gewerkschaftlichen und politischen Aktion.

So war das Milieu in Westeuropa beschaffen. Anders sah es freilich um dieselbe Zeit in Rußland aus. Hier stellen die siebziger und achtziger Jahre in jeder Hinsicht eine Übergangszeit, eine Periode der inneren Krise mit all ihren Qualen dar. Die Großindustrie feierte erst eigentlich ihren Einzug unter der Einwirkung der hochschutzzöllnerischen Periode. In der nun einsetzenden forcierten Förderung des Kapitalismus durch die absolutistische Regierung bildete namentlich die Einführung des Goldzolls an der westlichen Grenze im Jahre 1877 einen Markstein. Die »primitive Akkumulation« des Kapitals gedieh in Rußland unter der Begünstigung allerlei staatlicher Subsidien, Garantien, Prämien und Staatsbestellungen herrlich und erntete Profite, die im Westen um jene Zeit bereits ins Reich der Fabel gehörten. Die inneren Zustände Rußlands boten dabei ein nichts weniger als anziehendes und hoffnungsvolles Bild dar. Auf dem platten Lande zeitigte der Niedergang und die Zersetzung der bäuerlichen Wirtschaft unter dem Drucke der fiskalischen Auspowerung und der Geldwirtschaft grauenvolle Zustände, periodische Hungersnöte und periodische Bauernunruhen. Andererseits war das Fabrikproletariat in den Städten sozial und geistig noch nicht zu einer modernen Arbeiterklasse konsolidiert. Namentlich in dem größten industriellen Zentralbezirk Moskau-Wladimir, dem wichtigsten Sitz der russischen Textilindustrie, war es noch zum großen Teil mit der Landwirtschaft verwachsen und halb bäuerisch. Dementsprechend primitive Formen der Ausbeutung riefen primitive Äußerungen der Abwehr auf den Plan. Anfangs der 80er Jahre sollten erst die spontanen Fabriktumulte im Moskauer Bezirk, bei denen Maschinen zertrümmert wurden, den Anstoß zu den ersten Grundlagen einer Fabrikgesetzgebung im Zarenreiche geben.

Wies so die wirtschaftliche Seite des öffentlichen Lebens in Rußland auf jedem Schritt schreiende Dissonanzen einer Übergangsperiode auf, so entsprach ihr auch eine Krise im geistigen Leben. Der »volkstümlerische«, bodenständige russische Sozialismus, der theoretisch auf den Eigentümlichkeiten der russischen Agrarverfassung basierte, war nach dem Fiasko seines äußersten revolutionären Ausdrucks: der terroristischen Partei der Narodnaja Wolja politisch bankrott. Andererseits waren die ersten Schriften Georg Plechanows, die den marxistischen Gedankengängen in Rußland Eingang verschaffen sollten, erst 1883 und 1885 erschienen und etwa für ein Jahrzehnt noch von scheinbar geringem Einfluß geblieben. Während der 80er Jahre und bis in die 90er Jahre hinein war das geistige Leben der russischen Intelligenz, namentlich der oppositionell gesinnten, sozialistischen Intelligenz, von einem seltsamen Gemisch »bodenständiger« Überbleibsel der Volkstümelei mit aufgegriffenen Elementen der Marxschen Theorie beherrscht, ein Gemisch, dessen hervorstechenden Zug die Skepsis in bezug auf die Entwickelungsmöglichkeiten des Kapitalismus in Rußland bildete.

Die Frage, ob Rußland die kapitalistische Entwickelung nach dem Beispiel des westlichen Europa durchmachen soll, beschäftigte sehr früh die russische Intelligenz. Diese sah auch in Westeuropa vorerst nur die Schattenseiten des Kapitalismus, seine zersetzende Wirkung auf die hergebrachten patriarchalischen Produktionsformen und auf den Wohlstand und die Sicherheit der Existenz breiter Volksmassen. Andererseits erschien das russische bäuerliche Gemeineigentum an Grund und Boden, die berühmte »Obschtschina«, als ein möglicher Ausgangspunkt für eine höhere soziale Entwickelung in Rußland, das unter Umgehung des kapitalistischen Stadiums mit seinen Leiden auf einem kürzeren und weniger qualvollen Wege als die westeuropäischen Länder in das gelobte Land des Sozialismus gelangen würde. Sollte man nun diese glückliche Ausnahmelage, diese einzigartige geschichtliche Gelegenheit verscherzen, indem man durch eine forcierte Verpflanzung der kapitalistischen Produktion nach Rußland unter staatlicher Beihilfe die bäuerlichen Besitz- und Produktionsformen vernichtete, der Proletarisierung, dem Elend und der Unsicherheit der Existenz der arbeitenden Massen Tür und Tor öffnete?

Dieses Grundproblem beherrschte das geistige Leben der russischen Intelligenz seit der Bauernreform, ja schon früher, seit Herzen und namentlich seit Tschernyschewski, es bildete die Zentralachse, um die sich eine ganze eigenartige Weltanschauung, die »volkstümlerische«, geformt hatte. Diese Geistesrichtung, die in verschiedenen Abarten und Tendenzen spielte – von den deutlich reaktionären Lehren des Slavophilismus bis zur revolutionären Theorie der terroristischen Partei – hat in Rußland eine enorme Literatur geschaffen. Einerseits förderte sie ein reiches Material in Einzeluntersuchungen über die Wirtschaftsformen des russischen Lebens zutage, namentlich über die »Volksproduktion« und ihre eigentümlichen Formen, über die Landwirtschaft der Bauerngemeinde, die bäuerliche Hausindustrie, den »Artel«, sowie auch über das geistige Leben des Bauerntums, das Sektenwesen und dergleichen. Andererseits kam eine eigenartige Belletristik als künstlerischer Reflex der widerspruchsvollen sozialen Verhältnisse auf, in denen Altes mit Neuem rang und auf Schritt und Tritt mit schwierigen Problemen auf den Geist einstürmte. Endlich entsproß derselben Wurzel in den 70er und 80er Jahren eine originelle hausbackene Geschichtsphilosophie, die »subjektive Methode in der Soziologie«, die den »kritischen Gedanken« zum auschlaggebenden Faktor der gesellschaftlichen Entwickelung oder genauer: die deklassierte Intelligenz zum Träger des historischen Fortschritts machen wollte und die in Peter Lawroff, Nikolaj Michajlowskij, Prof. Karejew, W. Woronzow ihre Wortführer fand.

Von diesem ganzen umfangreichen und weitverzweigten Gebiete der »volkstümlerischen« Literatur interessiert uns hier lediglich eine Seite: der Meinungskampf um die Aussichten der kapitalistischen Entwickelung in Rußland und auch dieser nur insofern, als er sich auf allgemeine Erwägungen über die gesellschaftlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise stützte. Denn auch diese Erwägungen sollten in der russischen Streitliteratur der 80er und 90er Jahre eine große Rolle spielen.

Um den russischen Kapitalismus und seine Aussichten handelte es sich zunächst, die daraus entstandene Debatte griff jedoch naturgemäß auf die allgemeinen Probleme der Entwickelung des Kapitalismus über, wobei das Beispiel und die Erfahrungen des Westens die hervorragendste Rolle als Beweismaterial spielten.

Für den theoretischen Inhalt der nun folgenden Diskussion war eine Tatsache von entscheidender Bedeutung: nicht bloß war die Marxsche Analyse der kapitalistischen Produktion, wie sie im I. Band des »Kapital« niedergelegt ist, bereits Gemeingut des gebildeten Rußlands, sondern auch der II. Band mit der Analyse der Reproduktion des Gesamtkapitals war schon 1885 erschienen. Das gab der Diskussion ein wesentlich anderes Gepräge. Das Problem der Krisen verstellte nun nicht mehr wie in den früheren Fällen den eigentlichen Kern der Erörterungen. Zum erstenmal war die Frage der Reproduktion des Gesamtkapitals, der Akkumulation, in reiner Gestalt in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gerückt. Auch verlor sich die Analyse nicht mehr im hilflosen Herumtappen um die Begriffe Einkommen und Kapital, Einzelkapital und Gesamtkapital. Man stand nunmehr auf dem festen Gerüst des Marxschen Schemas der gesellschaftlichen Reproduktion. Und endlich handelt es sich diesmal überhaupt nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Manchestertum und Sozialreform, sondern zwischen zwei Spielarten des Sozialismus. Die Skepsis in bezug auf die Möglichkeit der kapitalistischen Entwickelung wird im Geiste Sismondis und zum Teil Rodbertus‘ von der kleinbürgerlichen »volkstümlerisch«-konfusen Spielart des russischen Sozialismus vertreten, die sich aber selbst vielfach auf Marx beruft, der Optimismus – von der marxistischen Schule in Rußland. Es war somit ein völliger Wechsel der Szenerie eingetreten.

Von den zwei Hauptwortführern der »volkstümlerischen« Richtung war der eine, Woronzow, bekannt in Rußland hauptsächlich unter seinem schriftstellerischen Pseudonym »W. W.« (seinen Initialen), ein wunderlicher Heiliger, der in der Nationalökonomie völlig konfus und als Theoretiker überhaupt nicht ernst zu nehmen war. Der andere dagegen, Nikolaj-on (Danielson), ein Mann von umfassender Bildung und gründlicher Kenner des Marxismus, Herausgeber der russischen Übersetzung des I. Bandes des »Kapital«, persönlicher Freund von Marx und Engels, mit beiden in einem regen Briefwechsel (der 1908 in russischer Sprache im Druck erschienen ist). Namentlich Woronzow hatte jedoch in den 80er Jahren einen großen Einfluß auf die öffentliche Meinung der russischen Intelligenz ausgeübt und gegen ihn mußte der Marxismus in Rußland in erster Linie den Kampf ausfechten. In der uns interessierenden Frage der allgemeinen Entwickelungsmöglichkeiten des Kapitalismus erstand den beiden genannten Vertretern der Skepsis in den 90er Jahren eine ganze Reihe von Widersachern, eine neue Generation russischer Marxisten, die, ausgerüstet mit der historischen Erfahrung und dem Wissen Westeuropas, neben Georg Plechanow in die Schranken traten: Prof. Kablukow, Prof. Manuilow, Prof. Issajew, Prof. Skworzow, Wlad. Iljin, Peter v. Struve, Bulgakow, Prof. Tugan Baranowsky u.a. Wir werden uns im weiteren hauptsächlich auf die drei letzten beschränken, da jeder von ihnen eine mehr oder minder abgeschlossene Kritik jener Theorie auf dem uns hier angehenden Gebiete geliefert hat. Dieses zum Teil glänzende Turnier, das in den 90er Jahren die sozialistische Intelligenz in Rußland in Atem hielt und mit einem unbestrittenen Triumph der Marxschen Schule schloß, hat offiziell den Einzug des Marxismus als historisch-ökonomischer Theorie in die Wissenschaft Rußlands inauguriert. Der »legale« Marxismus nahm damals vom Katheder, von den Revuen und vom ökonomischen Büchermarkt Rußlands öffentlich Besitz – mit allen Schattenseiten dieser Lage. Von jener Plejade der marxistischen Optimisten ist zehn Jahre später, als die Entwickelungsmöglichkeiten des russischen Kapitalismus ihre optimistische Kehrseite in der revolutionären Erhebung des Proletariats straßenkundig machten – mit einer Ausnahme –, kein einziger im Lager des Proletariats zu finden gewesen.

Neunzehntes Kapitel.

Herr Woronzow und sein »Überschuß«.

Was die Vertreter der »volkstümlerischen« Theorie in Rußland auf das Problem der kapitalistischen Reproduktion führte, war ihre Überzeugung von der Aussichtslosigkeit des Kapitalismus in Rußland, und zwar infolge des Mangels an Absatzmärkten. W. Woronzow hatte seine Theorie in dieser Hinsicht in der Revue »Vaterländische Memoiren« und in anderen Revuen in einer Reihe von Artikeln niedergelegt, die 1882 zu einem Buch gesammelt unter dem Titel »Schicksale des Kapitalismus in Rußland« erschienen, sodann in einem Aufsatz im Maiheft derselben Revue 1883 unter dem Titel »Der Überschuß bei der Versorgung des Marktes mit Waren«, im Septemberheft der Revue »Russischer Gedanke« 1889 in einem Aufsatz über »Militarismus und Kapitalismus«, in dem Buche »Unsere Richtungen« 1893, endlich 1895 in Buchform unter dem Titel »Umrisse der theoretischen Nationalökonomie«. Die Stellung Woronzows zur kapitalistischen Entwickelung in Rußland ist nicht ganz leicht zu fassen. Er steht weder auf Seiten der rein slavophilen Theorie, die aus den »Eigentümlichkeiten« der ökonomischen Struktur Rußlands und seines besonderen »Volksgeistes« die Verkehrtheit und Verderblichkeit des Kapitalismus für Rußland ableitete, noch auf seiten der Marxisten, die in der kapitalistischen Entwickelung eine unvermeidliche historische Etappe erblickten, welche auch für die russische Gesellschaft den einzig gangbaren Weg des sozialen Fortschritts eröffnen könne. Woronzow seinerseits behauptete, der Kapitalismus sei in Rußland einfach unmöglich, er habe keine Wurzeln und keine Zukunft. Es sei gleichermaßen verkehrt, ihn zu verwünschen oder ihn herbeizuwünschen, denn es fehlen in Rußland die Lebensbedingungen selbst für eine kapitalistische Entwickelung, so daß alle die mit schweren Opfern verbundenen Anstrengungen, von Staats wegen den Kapitalismus in Rußland großzuziehen, verlorene Liebesmüh wären. Sieht man jedoch näher zu, dann schränkt Woronzow diese von ihm aufgestellte Behauptung sehr wesentlich wieder ein. Hat man nicht die Anhäufung des kapitalistischen Reichtums, sondern die kapitalistische Proletarisierung der kleinen Produzenten, die Unsicherheit der Existenz der Arbeiter, die periodischen Krisen im Auge, so stellt Woronzow alle diese Erscheinungen für Rußland durchaus nicht in Abrede. Im Gegenteil, er sagt ausdrücklich in der Vorrede zu seinen »Schicksalen des Kapitalismus in Rußland«: »Indem ich die Möglichkeit der Herrschaft des Kapitalismus in Rußland als einer Produktionsform bestreite, will ich nichts über seine Zukunft als Ausbeutungsform und -grad der Volkskräfte aussagen.« Woronzow meint also, der Kapitalismus könne in Rußland bloß nicht jenen Reifegrad erlangen wie im Westen, hingegen der Prozeß der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln sei in den russischen Verhältnissen wohl zu gewärtigen. Ja, Woronzow geht noch weiter. Er bestreitet gar nicht die Möglichkeit der Entwickelung kapitalistischer Produktionsformen in gewissen Zweigen der russischen Industrie, selbst der kapitalistischen Ausfuhr aus Rußland nach den auswärtigen Märkten. Sagt er doch in seinem Aufsatz »Der Überschuß in der Versorgung des Marktes«: »Die kapitalistische Produktion entwickelt sich in einigen Zweigen der Industrie sehr rasch (versteht sich: im russischen Sinne des Wortes).«1 »Es ist sehr wahrscheinlich, daß Rußland, wie andere Länder, gewisse natürliche Vorteile hat, infolge deren es als Lieferant gewisser Arten Waren auf auswärtigen Märkten auftreten kann; es ist sehr möglich, daß sich das Kapital dies zunutze machen und die entsprechenden Produktionszweige in seine Hände ergreifen wird, – d.h. die nationale Arbeitsteilung wird es unserem Kapitalismus erleichtern, in gewissen Zweigen Fuß zu fassen. Es handelt sich aber für uns nicht darum. Wir reden nicht von der zufälligen Teilnahme des Kapitals an der industriellen Organisation des Landes, sondern wir fragen, ob es wahrscheinlich sei, daß die gesamte Produktion Rußlands auf kapitalistische Basis gestellt werden könnte«.2

In dieser Form bekommt die Skepsis des Herrn Woronzow offenbar ein ziemlich anderes Gesicht, als man zuerst annehmen mochte. Er hegt Zweifel darüber, ob sich die kapitalistische Produktionsweise je der gesamten Produktion in Rußland wird bemächtigen können. Dieses Kunststück hat sie aber bis jetzt noch in keinem Lande der Welt, nicht einmal in England ganz fertiggebracht. Eine derartige Skepsis in bezug auf die Zukunft des russischen Kapitalismus dürfte also vorerst ganz international gefaßt werden. Und in der Tat läuft hier die Theorie Woronzows auf ganz allgemeine Erwägungen über die Natur und die Lebensbedingungen des Kapitalismus hinaus, sie stützt sich auf allgemeine theoretische Ansichten über den Reproduktionsprozeß des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Woronzow formuliert in folgender deutlichen Weise den besonderen Zusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise mit der Frage der Absatzmärkte: »Die nationale Arbeitsteilung, die Verteilung aller Industriezweige unter den am Welthandel beteiligten Ländern hat mit dem Kapitalismus gar nichts zu tun. Der Absatzmarkt, der sich auf diese Weise bildet, die Nachfrage nach den Produkten verschiedener Länder, die sich aus einer solchen Arbeitsteilung zwischen den Völkern ergibt, hat, ihrem Charakter nach, nichts gemein mit dem Absatzmarkt, den die kapitalistische Produktionsweise benötigt. –

Die Produkte der kapitalistischen Industrie kommen auf den Markt zu einem anderen Zwecke: sie berühren nicht die Frage, ob alle Bedürfnisse des Landes befriedigt sind; sie brauchen nicht unbedingt dem Unternehmer anstatt ihrer selbst ein anderes materielles Produkt zu liefern, das der Konsumtion dient. Ihr Hauptzweck ist: den in ihnen verborgenen Mehrwert zu realisieren. Was ist das aber für ein Mehrwert, der den Kapitalisten um seiner selbst willen interessiert? Von dem Standpunkt, von dem aus wir die Frage betrachten, ist der erwähnte Mehrwert – der Überschuß der Produktion über die Konsumtion im Innern des Landes. Jeder Arbeiter produziert mehr, als er selbst konsumiert, und alle diese Überschüsse sammeln sich in wenigen Händen; die Besitzer dieser Überschüsse verzehren sie selbst, zu welchem Zwecke sie sie innerhalb des Landes sowie im Auslande gegen verschiedenste Lebensmittel und Gegenstände des Luxus austauschen; doch soviel sie auch essen, trinken und tanzen mögen – den ganzen Mehrwert zu verjubeln, bringen sie doch nicht fertig; es verbleibt noch ein bedeutender Rest, den sie nicht gegen ein anderes Produkt austauschen, sondern ganz einfach los werden, zu Geld machen müssen, sonst wird er sowieso umkommen. Da niemand im Lande da ist, an den sie diesen Rest los werden könnten, so muß er ins Ausland ausgeführt werden – und da haben wir die Ursache, weshalb Länder, die sich kapitalisieren, ohne auswärtige Absatzmärkte nicht auskommen können«.3

Die Leser haben in dem obigen Zitat, das wir wörtlich mit allen Eigentümlichkeiten der Woronzowschen Ausdrucksweise übersetzt haben, eine Stichprobe, die ihnen eine Ahnung von dem geistvollen russischen Theoretiker geben kann, bei dessen Lektüre man die köstlichsten Augenblicke verlebt.

Dieselben Ansichten hat Woronzow später in seinem Buche »Umrisse der theoretischen Ökonomie« 1895 zusammengefaßt, und hier wollen wir ihn hören. W. polemisiert gegen die Ansichten Say–Ricardos, namentlich auch gegen J. St. Mill, die die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion bestritten. Dabei entdeckt er, was keiner vor ihm wußte: er hat die Quelle aller Verirrungen der klassischen Schule in bezug auf die Krisen ausfindig gemacht. Diese Quelle liege in der irrtümlichen Theorie der Produktionskosten, der die bürgerliche Ökonomie fröne. Vom Standpunkte der Produktionskosten (die W. ohne Profit annimmt, was gleichfalls keiner vor ihm fertiggebracht hat) sei allerdings sowohl der Profit wie Krisen undenkbar und unerklärlich. Doch dieser originelle Denker will in seinen eigenen Worten genossen sein: »Nach der Lehre der bürgerlichen Nationalökonomie wird der Wert des Produkts durch die Arbeit bestimmt, die zu seiner Herstellung aufgewendet wurde. Nachdem sie aber diese Wertbestimmung gegeben hat, vergißt sie sie sofort, und bei den folgenden Erklärungen der Tauscherscheinungen stützt sie sich auf eine andere Theorie, in der die Arbeit durch Produktionskosten ersetzt ist. So werden zwei Produkte gegeneinander in solchen Quantitäten ausgetauscht, daß auf beiden Seiten gleiche Produktionskosten vorhanden sind. Bei einer solchen Auffassung des Austausches ist für einen Überschuß an Waren im Lande tatsächlich kein Platz. Irgendein Produkt der Jahresarbeit eines Arbeiters erscheint von diesem Standpunkt als Vertreter eines gewissen Quantums Stoff, aus dem es verfertigt ist, Werkzeuge, die dabei abgenutzt sind, und der Produkte, die zur Erhaltung des Arbeiters während der Produktionsperiode dienten. Bei seiner Erscheinung auf dem Markte hat es (wohl ›das Produkt‹! R.L.) den Zweck, seine Gebrauchsform zu ändern, sich wieder in den Stoff zu verwandeln, in Produkte für den Arbeiter und in den Wert, der zur Erneuerung der Werkzeuge nötig ist, und nach diesem Prozeß seiner Zerstückelung in Bestandteile wird der Prozeß ihrer Wiedervereinigung, der Produktionsprozeß einsetzen, währenddessen alle aufgezählten Werte verzehrt werden, dafür aber ein neues Produkt entstehen wird, das ein Bindeglied zwischen der vergangenen Konsumtion und der künftigen darstellt.« Aus diesem ganz eigenartigen Versuch, die gesellschaftliche Reproduktion als einen fortlaufenden Prozeß vom Standpunkte der Theorie der Produktionskosten darzustellen, folgt plötzlich, wie aus der Pistole geschossen, der folgende Schluß: »Wenn wir somit die Gesamtmasse der Produkte eines Landes betrachten, so werden wir gar keine überflüssige Ware vorfinden, die den Bedarf der Gesellschaft übersteigen würde; der unabsetzbare Überschuß ist daher vom Standpunkte der Werttheorie der bürgerlichen Nationalökonomie unmöglich.« Nachdem Woronzow so durch eine höchst souveräne Mißhandlung der »bürgerlichen Werttheorie« aus den Produktionskosten den Kapitalprofit ausgeschaltet hat, macht er nun diese seine Unterlassung im nächsten Moment zu einer großartigen Entdeckung: »Aber die angeführte Analyse deckt noch einen anderen Zug in der bis vor kurzem herrschenden Werttheorie auf: es stellt sich heraus, daß auf dem Boden dieser Theorie für den Kapitalprofit kein Platz da ist.« Hier folgt eine in ihrer Kürze und Einfachheit verblüffende Beweisführung: »In der Tat, wenn mein Produkt, dessen Produktionskosten mit 5 Rubeln ausgedrückt sind, gegen ein anderes Produkt von gleichem Wert ausgetauscht wird, so wird das von mir Erhaltene nur ausreichen, um meine Auslagen zu decken, für meine Enthaltung aber (wörtlich so! R.L.) werde ich nichts kriegen.« Und jetzt hat Woronzow das Problem an der Wurzel gepackt:

»So stellt sich heraus, daß auf dem Boden einer streng logischen Entwickelung der Ideen der bürgerlichen Nationalökonomie das Schicksal des Überschusses von Waren auf dem Markte und das Schicksal des kapitalistischen Profits dasselbe ist. Dieser Umstand berechtigt uns zu dem Schluß, daß sich beide Phänomene in gegenseitiger Abhängigkeit befinden, daß die Möglichkeit des einen durch das Vorhandensein des anderen bedingt ist. Und in der Tat: solange es keinen Profit gibt, gibt es auch keinen Warenüberschuß. – Anders, wenn sich im Lande Profit bildet. Dieser steht in keinem organischen Zusammenhang mit der Produktion, er ist ein Phänomen, das mit der letzteren nicht durch technisch-natürliche Bedingungen verbunden ist, sondern durch ihre äußere, soziale Form. Die Produktion braucht zu ihrer Fortsetzung – nur Stoff, Werkzeuge, Lebensmittel für die Arbeiter und verzehrt deshalb selbst nur den entsprechenden Teil der Produkte; der Überschuß aber, der den Profit bildet und der für sich in dem ständigen Element des industriellen Lebens – in der Produktion – keinen Platz findet, muß für sich andere Konsumenten suchen, die mit der Produktion nicht organisch verknüpft sind, Konsumenten bis zu einem gewissen Grad zufälligen Charakters. Er (der Überschuß) kann solche Konsumenten finden, es ist aber auch möglich, daß er sie nicht findet in dem erforderlichen Maße, in diesem Fall werden wir einen Warenüberschuß auf dem Markte haben.«4 Höchst zufrieden mit dieser »einfachen« Aufklärung, bei der er das Mehrprodukt zu einer Erfindung des Kapitals gemacht hat und den Kapitalisten zu einem »nicht organisch« mit der kapitalistischen Produktion verknüpften »zufälligen« Konsumenten, entwickelt Woronzow nunmehr auf Grund der Marxschen »konsequenten« Arbeitswerttheorie, die er nach seiner Erklärung im weiteren »benutzt« hat, die Krisen direkt aus dem Mehrwert in folgender Weise:

»Wenn das, was in Gestalt des Arbeitslohnes in die Produktionskosten eingeht, von dem arbeitenden Teil der Bevölkerung verzehrt wird, so muß der Mehrwert, ausgenommen den Teil, der für die vom Markt erforderte Erweiterung der Produktion bestimmt ist, durch die Kapitalisten selbst vernichtet werden (wörtlich so! R.L.). Sind sie dazu imstande und tun sie’s, dann findet kein Warenüberschuß statt, wenn nicht – dann stellt sich Überproduktion, Industriekrise ein. Verdrängung der Arbeiter von den Fabriken und sonstige Übelstände.« Wer aber an diesen Übelständen in letzter Linie schuld ist, das ist nach Herrn Woronzow »die ungenügende Elastizität des menschlichen Organismus, der seine Konsumtionsfähigkeit nicht mit der Rapidität zu erweitern vermag, mit der der Mehrwert wächst.« Wiederholt formuliert er diesen genialen Gedanken in den folgenden Worten: »Somit liegt die Achillesferse der kapitalistischen Industrieorganisation in der Unfähigkeit der Unternehmer, ihr ganzes Einkommen zu verzehren.«

Hier gelangt also Woronzow, nachdem er die Ricardosche Werttheorie in der Marxschen »konsequenten« Fassung »benutzt« hat, zu der Sismondischen Krisentheorie, die er auch noch in einer möglichst rohen und simplistischen Form sich zu eigen macht. Während er aber die Auffassung Sismondis wiedergibt, glaubt er natürlich die von Rodbertus zu akzeptieren. »Die induktive Forschungsmethode hat zu derselben Theorie der Krisen und des Pauperismus geführt, die von Rodbertus objektiv aufgestellt worden war«,5 erklärt er triumphierend. Was Woronzow unter der »induktiven Forschungsmethode« versteht, die er der »objektiven« entgegenstellt, ist freilich nicht ganz klar, doch kann darunter, da bei Herrn Woronzow alles möglich ist, auch die Marxsche Theorie zu verstehen sein. Aber auch Rodbertus sollte nicht »unverbessert« aus den Händen des originellen russischen Denkers hervorgehen. Zu der Rodbertusschen Theorie macht Woronzow nur die Korrektur, daß er aus ihr ausschaltet, was bei Rodbertus der Zentralpunkt des ganzen Systems war: die Fixierung der Lohnquote am Wert des Gesamtprodukts. Nach Herrn Woronzow wäre nämlich auch diese Maßregel gegen Krisen ein Palliativmittel, denn »die unmittelbare Ursache der erwähnten Erscheinungen (Überproduktion, Arbeitslosigkeit usw.) liegt nicht darin, daß der Anteil der arbeitenden Klassen am Nationaleinkommen zu klein ist, sondern darin, daß die Kapitalistenklasse nicht imstande ist, jedes Jahr die Masse Produkte zu verzehren, die ihr zufällt«.6 Nachdem er aber soeben die Rodbertussche Reform der Einkommensverteilung abgelehnt hat, landet Woronzow mit der ihm eigenen »streng logischen Konsequenz« schließlich bei der folgenden Prognose für die künftigen Schicksale des Kapitalismus:

»Wenn nach alledem der industriellen Organisation, die in Westeuropa herrscht, noch weiter zu blühen und zu gedeihen beschieden sein sollte, so nur unter der Bedingung, daß Mittel gefunden werden, denjenigen Teil des Nationaleinkommens zu vernichten (wörtlich so! R.L.), der die Konsumtionsfähigkeit der Kapitalistenklasse übersteigt und nichtsdestoweniger in ihre Hände gelangt. Die allereinfachste Lösung dieser Frage wäre eine entsprechende Änderung in der Verteilung des Nationaleinkommens unter den Teilnehmern der Produktion. Das kapitalistische Regime wäre für lange Zeit gesichert, wenn die Unternehmer von jedem Zuwachs des Nationaleinkommens für sich nur soviel behielten, wie sie zur Befriedigung aller ihrer Einfalle und Launen brauchen, den Rest aber der Arbeiterklasse, d.h. der Masse der Bevölkerung, überließen«.7 So endet das Ragout aus Ricardo, Marx, Sismondi und Rodbertus mit der Entdeckung, daß die kapitalistische Produktion von der Überproduktion radikal kuriert wäre und in alle Ewigkeit »blühen und gedeihen« könnte, wenn die Kapitalisten auf die Kapitalisierung des Mehrwerts verzichteten und den entsprechenden Teil des Mehrwerts den Arbeitern zum Geschenk machen würden. Inzwischen, bis die Kapitalisten so vernünftig werden, den guten Rat des Herrn Woronzow anzunehmen, verfallen sie auf andere Mittel, alljährlich einen Teil ihres Mehrwerts zu »vernichten«. Zu diesen probaten Mitteln gehört unter anderm der moderne Militarismus, und zwar, da Herr Woronzow mit tödlicher Sicherheit alles auf den Kopf zu stellen weiß, gerade in dem Maße, wie die Kosten des Militarismus nicht aus den Mitteln der arbeitenden Volksmasse, sondern aus dem Einkommen der Kapitalistenklasse bestritten werden. In erster Linie aber besteht das Rettungsmittel des Kapitalismus im auswärtigen Handel. Und das ist wiederum die »Achillesferse« des russischen Kapitalismus. Als letzter an der Tafel des Weltmarktes hat er bei der Konkurrenz älterer kapitalistischer Länder des Westens nur das Nachsehen, und so geht dem russischen Kapitalismus zusammen mit der Aussicht auf auswärtige Märkte auch die wichtigste Bedingung seiner Lebensfähigkeit ab. Rußland bleibt das »Reich der Bauern« und der »Volksproduktion«.

»Wenn das alles richtig ist« – schließt W. W. seinen Aufsatz vom »Überschuß bei der Versorgung des Marktes mit Waren« –, »dann ergeben sich daraus auch die Schranken für die Herrschaft des Kapitalismus in Rußland: die Landwirtschaft muß seiner Leitung entzogen werden; aber auch auf dem Gebiete der Industrie darf seine Entwickelung nicht zu sehr vernichtend auf die Hausindustrie einwirken, die bei unseren klimatischen Verhältnissen (!) für den Wohlstand eines großen Teils der Bevölkerung unentbehrlich ist. Wenn der Leser darauf bemerken wird, daß der Kapitalismus sich auf solche Kompromisse nicht einlassen wird, dann antworten wir: um so schlimmer für ihn.« So wäscht Herr Woronzow zum Schluß seine Hände und lehnt für seine Person jede Verantwortung für die weiteren Schicksale der wirtschaftlichen Entwickelung in Rußland ab.

1 »Vaterländische Memoiren«, 1883, V, Zeitgenössische Rundschau, S. 4.

2 l.c., S. 10.

3 l.c., S. 14.

4 Umrisse der theoretischen Nationalökonomie. Petersburg 1895. S. 157 ff.

5 Militarismus und Kapitalismus. Russischer Gedanke. 1889. Bd. IX. S. 78.

6 l.c., S. 80.

7 l.c., S. 83. Vergl. »Umrisse usw.«, S. 196.

Zwanzigstes Kapitel.

Nikolaj-on.

Mit anderer ökonomischer Vorbildung und Sachkenntnis geht der zweite Theoretiker der »volkstümlerischen« Kritik, Nikolaj-on, ans Werk. Einer der gründlichsten Kenner der russischen Wirtschaftsverhältnisse, hatte er schon 1880 durch seine Abhandlung über die Kapitalisierung der landwirtschaftlichen Einkommen (in der Revue »Slowo«) Aufsehen erregt. Dreizehn Jahre später gab er, angeregt durch die große russische Hungersnot des Jahres 1891, ein Buch unter dem Titel »Umrisse unserer sozialen Wirtschaft seit der Reform« heraus, in dem er jene erste Untersuchung weiterführt und auf Grund eines groß angelegten und mit reichem Tatsachen- und Zahlenmaterial fundierten Bildes der Entwickelung des Kapitalismus in Rußland nachzuweisen sucht, daß diese Entwickelung für das russische Volk zur Quelle aller Übel und auch der Hungersnot geworden sei. Nikolaj-on legt seinen Ansichten über die Schicksale des Kapitalismus in Rußland eine bestimmte Theorie der Entwickelungbedingungen der kapitalistischen Produktion überhaupt zugrunde, und diese Theorie ist es eben, die für uns von Interesse ist.

Für die kapitalistische Wirtschaftsweise ist der Absatzmarkt von entscheidender Bedeutung. Jede kapitalistische Nation sucht sich deshalb einen möglichst großen Absatzmarkt zu sichern. Sie greift dabei naturgemäß vor allem zu ihrem eigenen inneren Markt. Auf einer gewissen Höhe der Entwickelung kann sich jedoch eine kapitalistische Nation mit dem inneren Markte nicht mehr begnügen, und zwar aus folgenden Gründen: Das ganze neue Jahresprodukt der gesellschaftlichen Arbeit kann man in zwei Teile sondern: in einen Teil, den die Arbeiter in Gestalt ihrer Löhne bekommen, und einen anderen Teil, den die Kapitalisten sich aneignen. Der erste Teil vermag aus der Zirkulation nur ein Quantum Lebensmittel zu entziehen, das seinem Werte nach der Summe der im Lande gezahlten Löhne entspricht. Die kapitalistische Wirtschaft hat aber die ausgesprochene Tendenz, diesen Teil immer mehr herabzudrücken. Die Methoden, deren sie sich dabei bedient, sind: Verlängerung der Arbeitszeit, Steigerung der Intensität der Arbeit, Steigerung ihrer Produktivität vermittelst technischer Vervollkommnungen, die es ermöglichen, an Stelle männlicher Arbeitskräfte weibliche und jugendliche zu setzen und erwachsene Arbeiter zum Teil ganz aus der Arbeit zu verdrängen. Mögen auch die Löhne der übrigen beschäftigten Arbeiter steigen, doch kann die Steigerung niemals den Ersparnissen des Kapitalisten gleichkommen, die durch jene Verschiebungen bedingt werden. Aus alledem ergibt sich, daß die Rolle der Arbeiterklasse als Käufer auf dem inneren Markte immer mehr verringert wird. Daneben vollzieht sich noch ein anderer Prozeß: die kapitalistische Produktion bemächtigt sich Schritt für Schritt der Gewerbe, die bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine Nebenbeschäftigung waren, sie entzieht dem Bauerntum auf diese Weise eine Erwerbsquelle nach der anderen, wodurch auch die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung gegenüber den Erzeugnissen der Industrie immer mehr zurückgeht, so daß der innere Markt auch von dieser Seite immer mehr zusammenschrumpft. Wenden wir uns aber an den Anteil der Kapitalistenklasse, so vermag auch dieser nicht das ganze neuerzeugte Produkt zu realisieren, dies freilich aus umgekehrten Gründen. Wie groß auch die Konsumtionsbedürfnisse dieser Klasse sein mögen, sie kann doch nicht das ganze jährliche Mehrprodukt persönlich verzehren, erstens, weil ein Teil davon zur Erweiterung der Produktion, für technische Verbesserung aufgewendet werden muß, die jedem Einzelunternehmer durch den Konkurrenzkampf als Existenzbedingung aufgezwungen wird, zweitens, weil mit dem Wachstum der kapitalistischen Produktion auch jener Zweig wächst, der die Produktion von Produktionsmitteln besorgt, wie Bergbau, Maschinenindustrie usw., und dessen Produkt durch seine Gebrauchsgestalt von vornherein die persönliche Konsumtion ausschließt und die Funktion als Kapital bedingt; drittens endlich, weil die größere Produktivität der Arbeit und Kapitalersparnis, die bei der Massenproduktion billiger Waren erreicht werden kann, immer mehr die gesellschaftliche Produktion gerade auf solche Massenprodukte richtet, die nicht durch die Handvoll Kapitalisten verbraucht werden können.

Obwohl nun der Mehrwert des einen Kapitalisten im Mehrprodukt anderer Kapitalisten realisiert werden kann und umgekehrt, so bezieht sich das doch nur auf Produkte eines bestimmten Zweiges, nämlich der Lebensmittelbranche. Aber das Hauptmotiv der kapitalistischen Produktion ist nicht Befriedigung der persönlichen Konsumtionsbedürfnisse. Das äußert sich auch darin, daß die Produktion von Lebensmitteln im ganzen immer mehr zurücktritt gegen die Produktion von Produktionsmitteln. »Auf diese Weise sehen wir, daß, wie das Produkt jeder Fabrik die Bedürfnisse der darin beschäftigten Arbeiter und des Unternehmers nach diesem Produkt weitaus übertrifft, ebenso das Gesamtprodukt einer kapitalistischen Nation weitaus die Bedürfnisse der gesamten beschäftigten Industriebevölkerung übertrifft, und zwar übertrifft sie sie gerade deshalb, weil die Nation ein kapitalistische ist, weil ihre gesellschaftliche Kräfteverteilung nicht auf die Befriedigung der wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerung gerichtet ist, sondern bloß auf die Befriedigung zahlungsfähiger Bedürfnisse. Genau so wie ein Einzelfabrikant also auch nicht einen Tag existieren kann als Kapitalist, wenn sein Absatzmarkt nur durch die Bedürfnisse seiner Arbeiter und seine persönlichen Bedürfnisse beschränkt wäre, ebenso vermag sich auch eine entwickelte kapitalistische Nation nicht mit ihrem eigenen inneren Markt zu begnügen.«

So hat die kapitalistische Entwickelung die Tendenz, auf einer gewissen Höhe sich selbst Hindernisse zu bereiten. Diese Hindernisse kommen in letzter Linie daher, daß die fortschreitende Produktivität der Arbeit angesichts der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln nicht der ganzen Gesellschaft, sondern bloß einzelnen Unternehmern zugute kommt, während eine Masse Arbeitskräfte und Arbeitszeit durch diesen Prozeß »befreit«, überflüssig werden und nicht bloß für die Gesellschaft verloren gehen, sondern ihr sogar zur Last fallen. Wirkliche Bedürfnisse der Volksmasse können nur in dem Maße besser befriedigt werden, als die »volkstümliche«, auf der Vereinigung des Produzenten mit den Produktionsmitteln basierende Produktionsweise das Übergewicht bekommt. Der Kapitalismus hat aber das Bestreben, sich just dieser Produktionssphären zu bemächtigen und so den Hauptfaktor seiner eigenen Blüte zu vernichten. Waren doch z.B. die periodischen Hungersnöte in Indien, die alle zehn oder elf Jahre auftraten, eine der Ursachen der Periodizität der industriellen Krisen in England. In diesen Widerspruch gerät früher oder später jede Nation, die die Bahn der kapitalistischen Entwickelung betreten hat, denn er steckt in dieser Produktionsweise selbst. Je später aber eine Nation die Bahn des Kapitalismus betritt, um so schärfer macht sich der Widerspruch geltend, denn sie kann nach der Sättigung des inneren Marktes keinen Ersatz auf dem auswärtigen finden, da dieser schon von älteren konkurrierenden Ländern mit Beschlag belegt ist.

Aus alledem folgt, daß die Schranken des Kapitalismus durch die steigende Armut gegeben sind, die seine eigene Entwickelung bedingt, durch die wachsende Zahl überzähliger Arbeiter, die gar keine Kaufkraft besitzen. Der zunehmenden Produktivität der Arbeit, die jedes zahlungsfähige Bedürfnis der Gesellschaft außerordentlich rasch befriedigt, entspricht eine zunehmende Unfähigkeit wachsender Volksmassen, ihre dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, dem Überfluß unabsetzbarer Waren – der Mangel breiter Massen an dem Notwendigsten.

Das sind die allgemeinen Ansichten Nikolaj-ons.1 Man sieht: Nikolaj-on kennt seinen Marx und hat sich die beiden ersten Bände des »Kapital« sehr wohl zunutze kommen lassen. Und doch ist seine ganze Argumentation echt sismondisch: der Kapitalismus führt selbst zur Verkürzung des inneren Marktes durch die Verelendung der Massen, alles Unheil in der modernen Gesellschaft kommt von der Zerstörung der »volkstümlichen« Produktionsweise, d.h. des Kleinbetriebes – das sind seine Leitmotive. Das Lob des alleinseligmachenden Kleinbetriebes kommt sogar bei Nikolaj-on als der Grundton seiner ganzen Kritik viel deutlicher und offener wie bei Sismondi zum Ausdruck.2 Im Schlußresultat ist die Realisierung des kapitalistischen Gesamtprodukts im Innern der Gesellschaft unmöglich, sie kann nur dank den auswärtigen Märkten gelingen. Hier mündet Nikolaj-on, trotz ganz verschiedener theoretischer Ausgangspunkte, mit Woronzow in den gleichen Schluß, dessen Moral, auf Rußland angewendet, die ökonomische Begründung der Skepsis im Verhältnis zum Kapitalismus bildet. In Rußland hat die kapitalistische Entwicklung, der auswärtige Märkte von vornherein abgeschnitten sind, nur Schattenseiten, nur Verelendung der Volksmassen ergeben und deshalb war die Förderung des Kapitalismus in Rußland ein verhängnisvoller »Fehler«.

Hier angelangt, donnert Nikolaj-on wie ein alttestamentarischer Prophet: »Anstatt uns an die Jahrhunderte alten Überlieferungen zu halten, anstatt das von uns ererbte Prinzip der festen Verbindung des unmittelbaren Produzenten mit den Produktionsmitteln zu entwickeln, anstatt die Errungenschaften der westeuropäischen Wissenschaft zu benutzen, um sie auf Produktionsformen anzuwenden, die auf dem Besitz der Produktionsmittel durch die Bauern beruhen, anstatt die Produktivität ihrer Arbeit durch die Konzentrierung der Produktionsmittel in ihren Händen zu erhöhen, anstatt uns nicht die westeuropäische Form der Produktion, wohl aber ihre Organisation zunutze kommen zu lassen, ihre starke Kooperation, ihre Arbeitsteilung, ihre Maschinen usw. usw., anstatt das Prinzip zu entwickeln, das dem bäuerlichen Grundbesitz zugrunde liegt und es auf die bäuerliche Bodenbearbeitung anzuwenden, anstatt dem Bauerntum zu diesem Zwecke den Zutritt zur Wissenschaft und deren Anwendung weit zu öffnen: anstatt alles dessen haben wir den direkt entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Wir haben nicht bloß die Entwicklung kapitalistischer Produktionsformen nicht verhindert, trotzdem sie auf der Expropriation des Bauerntums basieren, sondern wir haben umgekehrt mit allen Kräften die Umkrempelung unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens gefördert, die zu der Hungersnot des Jahres 1891 geführt hat.« Das Übel sei bereits weit gediehen, doch sei es noch nicht zu spät zur Umkehr. Im Gegenteil, eine völlige Reform der ökonomischen Politik sei für Rußland eine ebenso dringende Notwendigkeit angesichts der drohenden Proletarisierung und des drohenden Untergangs, wie seinerzeit die alexandrinischen Reformen nach dem Krimkriege. Die soziale Reform, die Nikolaj-on empfiehlt, ist nun völlig utopisch und kehrt um soviel krasser wie bei Sismondi die kleinbürgerliche und reaktionäre Seite der Auffassung heraus, als der russische »Volkstümler« um 70 Jahre später schreibt. Nach seiner Meinung ist nämlich die einzige Rettungsplanke Rußlands aus der kapitalistischen Überschwemmung: die alte »Obschtschina«, die auf Gemeinbesitz am Grund und Boden beruhende Landgemeinde. Auf diese sollen – durch Maßnahmen freilich, die das Geheimnis Nikolaj-ons geblieben sind – die Resultate der modernen Großindustrie und der modernen wissenschaftlichen Technik aufgepfropft werden, damit sie als Grundlage einer »vergesellschafteten« höheren Produktionsform dienen könne. Rußland habe keine Wahl mehr als diese Alternative: entweder Umkehr von der kapitalistischen Entwickelung oder Untergang und Tod.3

Nikolaj-on langt also nach einer vernichtenden Kritik des Kapitalismus bei demselben alten Allheilmittel der »Volkstümelei« an, das schon in den fünfziger Jahren, damals freilich mit viel mehr Recht, als ein »spezifisch-russisches« Pfand der höheren sozialen Entwickelung glorifiziert worden ist, das aber schon 1875 von Engels im »Volksstaat« im Aufsatz »Flüchtlingsliteratur« als ein lebensunfähiges Überbleibsel uralter Einrichtungen in ihrem reaktionären Charakter aufgezeigt wurde. »Die Fortentwickelung Rußlands in bürgerlicher Richtung,« schrieb Engels damals, »würde das Gemeindeeigentum auch hier nach und nach vernichten, ohne daß die russische Regierung mit ›Bajonetten und Knute‹ einzuschreiten braucht (wie sich die revolutionären Volkstümler einbildeten. R.L.) – Unter dein Druck von Steuern und Wucher ist das Gemeindeeigentum an Grund und Boden keine Wohltat mehr, es wird eine Fessel. Die Bauern entlaufen ihm häufig, mit oder ohne Familie, um sich als wandernde Arbeiter zu ernähren, und lassen ihr Land daheim. Man sieht, das Gemeindeeigentum in Rußland hat seine Blütezeit längst passiert und geht allem Anschein nach seiner Auflösung entgegen.« Damit hatte Engels bereits 18 Jahre vor Nikolaj-ons Hauptschrift in der Frage der Obschtschina den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn Nikolaj-on darauf nochmals frischen Mutes dasselbe Gespenst der Obschtschina heraufbeschwor, so war das insofern ein arger historischer Anachronismus, als ungefähr ein Jahrzehnt später bereits das offizielle Begräbnis der Obschtschina von Staats wegen erfolgte. Die absolutistische Regierung, die ein halbes Jahrhundert lang mit aller Gewalt den Apparat der bäuerlichen Landgemeinde zu fiskalischen Zwecken künstlich zusammenzuhalten gesucht hatte, sah sich gezwungen, diese Sisyphusarbeit selbst aufzugeben. Bald zeigte es sich an der Agrarfrage als dem mächtigsten Faktor der russischen Revolution ganz offenkundig, wie sehr der alte Wahn der »Volkstümler« bei dem tatsächlichen ökonomischen Gang der Dinge ins Hintertreffen geraten war und wie kräftig umgekehrt die kapitalistische Entwicklung in Rußland, die sie als eine totgeborene betrauerten und verwünschten, ihre Lebensfähigkeit und ihre fruchtbare Arbeit unter Blitz und Donner zu offenbaren verstand. Diese Wendung der Dinge sollte wieder und zum letztenmal in ganz verändertem historischem Milieu feststellen, daß eine soziale Kritik des Kapitalismus, die theoretisch von dem Zweifel an seiner Entwicklungsmöglichkeit ausgeht, mit fataler Logik auf eine reaktionäre Utopie hinausläuft – so gut 1819 in Frankreich, wie 1842 in Deutschland und 1893 in Rußland.4

1 Vergl. »Umrisse unserer sozialen Wirtschaft«, namentlich S. 202 bis 205, 338–341.

2 Die frappante Ähnlichkeit in der Position der russischen »Volkstümler« mit der Auffassung Sismondis hat namentlich Wlad. Iljin 1807 in einem Aufsatz »Zur Charakteristik des ökonomischen Romantizismus« im einzelnen nachgewiesen.

3 l.c., S. 322 ff. Anders beurteilte Fr. Engels die Lage in Rußland. Er suchte Nikolaj-on wiederholt klarzumachen, daß für Rußland die großindustrielle Entwicklung unvermeidlich, und daß die Leiden Rußlands nur die typischen Widersprüche des Kapitalismus seien. So schreibt er am 22. September 1892: »Ich behaupte also jetzt, daß die industrielle Produktion gegenwärtig unbedingt Großindustrie bedeutet, mit Anwendung von Dampf, Elektrizität, mechanischen Spindeln und Webstühlen und endlich mit maschineller Herstellung der Maschinen selbst. Von dem Augenblick, wo Rußland bei sich Eisenbahnen einführte, ist die Einführung all jener modernsten Produktionsmittel für es eine im voraus gegebene Sache geworden. Ihr müßt imstande sein, Eure eigenen Lokomotiven, Waggons, Eisenbahnen usw. zu reparieren und auszubessern, um dies aber billig tun zu können, müßt Ihr in der Lage sein, alle jene Dinge, die Ihr zu reparieren habt, auch zu Hause zu konstruieren. Von dem Augenblick, wo die Kriegstechnik einer von den Zweigen der Großindustrie geworden ist (Panzerschiffe, moderne Artillerie, Schnellfeuer- und Magazingewehre, Stahlmantelkugeln, rauchloses Pulver usw.), ist Großindustrie, ohne welche alle diese Dinge nicht produziert werden können, auch für Euch eine politische Notwendigkeit geworden. Alle diese Dinge können nicht ohne eine hochentwickelte Metallindustrie hergestellt werden, diese aber kann sich ohne eine entsprechende Entwickelung aller anderen Industriezweige, namentlich der Textilindustrie, nicht entwickeln.«
Und weiter in demselben Briefe: »Solange die russische Industrie nur auf ihren inneren Markt angewiesen ist, können ihre Produkte nur den inneren Bedarf decken. Dieser kann aber nur sehr langsam wachsen, und mir scheint es sogar, daß er sich bei den heutigen Bedingungen des russischen Lebens eher verringern muß. Denn eine von den unvermeidlichen Folgen der großindustriellen Entwickelung besteht gerade darin, daß sie ihren eigenen inneren Markt vernichtet vermittelst desselben Prozesses, durch den sie ihn geschaffen hat. Sie schafft ihn, indem sie die Basis der bäuerlichen Hausindustrie zerstört. Aber ohne die Hausindustrie kann das Bauerntum nicht leben. Die Bauern werden als Bauern ruiniert; ihre Kaufkraft wird auf ein Minimum beschränkt und bis sie in neuen Lebensbedingungen, als Proletarier, Wurzel gefaßt haben, stellen sie einen nur äußerst geringen Markt für die neuentstehenden Fabriken und Werke.
Die kapitalistische Produktion ist eine ökonomische Übergangsphase voller innerer Widersprüche, die sich nur im Maße ihrer eigenen Entwickelung entwickeln und sichtbar werden. Diese Tendenz, sich den Absatzmarkt zu schaffen und ihn gleichzeitig zu vernichten – ist gerade einer von solchen Widersprüchen. Ein anderer solcher Widerspruch ist jene ›ausweglose Lage‹, zu der sie führt und die in einem Lande ohne auswärtigen Absatzmarkt, wie Rußland, eher eintritt, als in Ländern, die mehr oder minder zum Wettkampf auf dem offenen Weltmarkt befähigt sind. Diese anscheinend ganz ausweglose Lage findet jedoch bei diesen letzteren Ländern einen Ausweg in den heroischen Mitteln der Handelspolitik, d.h. in gewaltsamer Erschließung neuer Märkte. Der jüngste neue Absatzmarkt, der sich auf diesem Wege dem englischen Handel eröffnet hat und der sich geeignet erwiesen hat, eine temporäre Belebung des Wohlstandes hervorzurufen, ist – China. Daher besteht das englische Kapital so auf dem Eisenbahnbau in China. Aber die chinesischen Eisenbahnen bedeuten die Zerstörung der ganzen Grundlage des chinesischen ländlichen Kleinbetriebes und der Hausindustrie; wobei dieses Übel hier nicht einmal in gewissem Maße durch die Entwickelung einer eigenen Großindustrie aufgewogen wird, deshalb werden Hunderte von Millionen Volkes einer völligen Lebensunfähigkeit preisgegeben werden. Als Folge davon wird sich eine Massenemigration ergeben, wie sie Welt noch nicht gesehen hat, und die Amerika, Asien und Europa mit den Verhaßten Chinesen überschwemmen wird. Dieser neue Arbeitskonkurrent wird der amerikanischen, australischen und europäischen Arbeit Konkurrenz machen auf dem Boden der chinesischen Begriffe von einem befriedigenden Lebensniveau, und das chinesische Niveau ist bekanntlich das tiefste von allen existierenden in der Welt. Nun, wenn das ganze Produktionssystem in Europa bis dahin nicht umgewälzt sein wird, so wird es alsdann nötig werden, diese Umwälzung einzuleiten.« (Briefe von Karl Marx und Friedrich Engels an Nikolaj-on. Übersetzt ins Russische von O. Lopatin. Petersburg 1908. S. 79.) – Trotzdem Engels so die Entwickelung der Dinge in Rußland aufmerksam verfolgte und dafür das größte Interesse zeigte, lehnte er seinerseits geflissentlich jede Einmischung in den russischen Streit ab. Er äußerte sich darüber selbst in seinem Briefe vom 24. November 1894, also kurz vor seinem Tode, wie folgt:
»Meine russischen Freunde bestürmen mich fast täglich und wöchentlich mit Bitten, mit meinen Einwänden gegen russische Revuen und Bücher aufzutreten, in denen die Worte unseres Verfassers (so wurde in dem Briefwechsel Marx bezeichnet. R.L.) nicht nur falsch interpretiert, sondern auch unrichtig wiedergegeben werden; dabei versichern diese Freunde, daß meine Einmischung genügen würde, um die Sache in Ordnung zu bringen. Aber ich lehne alle solche Vorschläge ständig und unabänderlich ab, denn ich kann mich nicht – ohne die eigentliche und ernste Arbeit im Stiche zu lassen – in eine Polemik nineinzerren lassen, die in einem fernen Lande gepflogen wird in einer Sprache, in der ich immerhin noch nicht so frei und leicht zu lesen vermag, wie in den mir besser bekannten westeuropäischen Sprachen, und in einer Literatur, von der ich im besten Falle nur irgendwelche zufälligen Fragmente zu Gesicht bekomme, ohne in der Lage zu sein, den Streit annähernd systematisch und genau in allen seinen Phasen und Einzelheiten zu verfolgen. Überall gibt es Leute, die, wenn sie einmal eine bestimmte Position eingenommen haben, sich durchaus nicht genieren, zu ihrer Verteidigung zur Verzerrung fremder Gedanken und zu allerlei unehrlichen Manipulationen Zuflucht zu nehmen, und wenn dies in bezug auf unseren Verfasser stattgefunden hat, so befürchte ich, daß man auch mit mir nicht glimpflicher verfahren und mich auf diese Weise schließlich zwingen wird, mich in den Streit einzumischen, zuerst um der Verteidigung anderer und dann um meiner selbst willen.« (l.c., S. 90.)

4 Übrigens sind die überlebenden Wortführer des volkstümlerischen Pessimismus, namentlich Herr W. Woronzow, ihrer Auffassung bis zuletzt treu geblieben, trotz allem, was inzwischen in Rußland passiert ist – eine Tatsache, die ihrem Charakter mehr Ehre macht als ihrem Kopfe, Im Jahre 1902 schrieb Herr W. W. mit Hinweis auf die Krise der Jahre 1900–1902: »Die dogmatische Lehre des Neomarxismus verliert rasch ihre Macht über die Geister, und die Wurzellosigkeit der neuesten Erfolge des Individualismus ist offenbar selbst für seine offiziellen Apologeten klar geworden … Im ersten Dezennium des XX. Jahrhunderts kehren wir somit zu derselben Auffassung der ökonomischen Entwickelung Rußlands zurück, die von der Generation der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ihren Nachfolgern vermacht worden war.« (S. die Revue »Die Volkswirtschaft«, Oktober 1902. Zitiert bei A. Finn-Jenotajewskij, »Die gegenwärtige Wirtschaft Rußlands« (1890 bis 1910). Petersburg 1911. S. 2.) Statt der »Wurzellosigkeit« der eigenen Theorien schließen die letzten Mohikaner der Volkstümelei also heute noch auf die »Wurzellosigkeit« – der ökonomischen Wirklichkeit, – eine lebendige Widerlegung des Barereschen Wortes: »il n’y a que les morts qui ne reviennent pas.«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die »dritten Personen« und die drei Weltreiche Struves.

Wir wenden uns nun zu der Kritik der obigen Ansichten, wie sie von den russischen Marxisten gegeben worden ist.

Peter v. Struve, der 1894 im »Sozialpolitischen Zentralblatt« (3. Jahrgang, Nr. 1) unter dem Titel »Zur Beurteilung der kapitalistischen Entwicklung Rußlands« eine eingehende Würdigung des Buches von Nikolaj-on gegeben hatte, veröffentlichte 1894 in russischer Sprache ein Buch: »Kritische Bemerkungen zur Frage der ökonomischen Entwicklung Rußlands«, worin er die »volkstümlerischen« Theorien einer vielseitigen Kritik unterzieht. In der uns hier beschäftigenden Frage jedoch beschränkt sich Struve sowohl in bezug auf Woronzow wie Nikolaj-on hauptsächlich auf den Nachweis, daß der Kapitalismus seinen inneren Markt nicht verringere, sondern umgekehrt erweitere. Der Schnitzer Nikolaj-ons, den er von Sismondi übernommen hat, liegt in der Tat auf der Hand. Beide schilderten nur die eine Seite des Prozesses der kapitalistischen Zerstörung althergebrachter Produktionsformen des Kleinbetriebes. Sie sahen nur die sich daraus ergebende Herabdrückung des Wohlstands, die Verelendung breiter Schichten der Bevölkerung. Sie bemerkten nicht, was die andere ökonomische Seite dieses Prozesses bedeutet: Beseitigung der Naturalwirtschaft und Einzug an ihre Stelle der Warenwirtschaft auf dem Lande. Das besagt aber, daß der Kapitalismus durch Einbeziehung immer neuer Kreise früher selbständiger und abgeschlossener Produzenten in sein Bereich mit jedem Schritt neue Schichten in Käufer seiner Waren verwandelt, die es früher nicht waren. Der Gang der kapitalistischen Entwicklung ist also ein gerade umgekehrter, als ihn die »Volkstümler« nach Sismondis Vorbild schildern: der Kapitalismus vernichtet nicht seinen inneren Markt, sondern er schafft sich ihn gerade zunächst durch das Umsichgreifen der Geldwirtschaft.

Was speziell die Theorie Woronzows über die Unrealisierbarkeit des Mehrwerts auf dem inneren Markte betrifft, so wird sie von Struve folgendermaßen widerlegt. Die Grundlage der Woronzowschen Theorie bestehe darin, daß eine entwickelte kapitalistische Gesellschaft sich lediglich aus Unternehmern und Arbeitern zusammensetze. Nikolaj-on operiert gleichfalls die ganze Zeit mit dieser Vorstellung. Von diesem Standpunkt lasse sich die Realisierung des kapitalistischen Gesamtprodukts allerdings nicht begreifen. Die Theorie Woronzows sei auch insofern richtig, »als sie die Tatsache konstatiert, daß der Mehrwert weder durch die Konsumtion der Kapitalisten noch durch diejenige der Arbeiter realisiert werden könne, sondern die Konsumtion dritter Personen voraussetze«.1 Demgegenüber sei aber festzustellen, daß es solche »dritte Personen« in jeder kapitalistischen Gesellschaft wohl gebe. Die Vorstellung Woronzows und Nikolaj-ons sei nichts als eine Fiktion, »die uns nicht um Haaresbreite vorwärts bringen kann im Verständnis irgendeines historischen Prozesses«.2 Es gibt keine kapitalistische Gesellschaft, und mag sie noch so hoch entwickelt sein, die lediglich aus Unternehmern und Arbeitern bestände. »Selbst in England mit Wales entfallen von 1.000 erwerbsfähigen Einwohnern 545 auf die Industrie, 172 auf den Handel, 140 auf die Landwirtschaft, 81 auf unbestimmte und wechselnde Lohnarbeit und 62 auf Staatsdienst, liberale Berufe usw.« Also selbst in England gibt es massenhaft »dritte Personen« und diese sind es eben, die den Mehrwert, sofern er von den Unternehmern nicht konsumiert wird, durch ihre Konsumtion realisieren helfen. Ob die Konsumtion der »dritten Personen« zur Realisierung des ganzen Mehrwerts ausreicht, das läßt Struve offen, jedenfalls müßte »das Gegenteil erst noch bewiesen werden«.3 Für Rußland als ein großes Land mit enormer Bevölkerung sei dies sicher nicht zu beweisen, Rußland sei gerade in der glücklichen Lage, auswärtige Märkte entbehren zu können, darin – hier macht Struve eine Anleihe aus dem Ideenschatz der Professoren Wagner, Schäffle und Schmoller – vom gleichen Schicksal begünstigt wie die Vereinigten Staaten Nordamerikas. »Wenn das Beispiel der Nordamerikanischen Union etwas beweise, dann nur eins, nämlich die Tatsache, daß unter Umständen die kapitalistische Industrie eine sehr hohe Entwicklung erreichen kann, fast ausschließlich auf den inneren Markt gestützt«.4 Dieser Satz wird illustriert an der Hand der geringen industriellen Ausfuhr der Vereinigten Staaten im Jahre 1882. Als allgemeine These stellt Struve den Satz auf: »Je umfangreicher das Territorium und je zahlreicher die Bevölkerung eines Landes, um so weniger bedarf es auswärtiger Märkte für seine kapitalistische Entwicklung.« Von diesem Standpunkt aus deduziert er für den Kapitalismus in Rußland – gerade umgekehrt wie die »Volkstümler« – eine glänzendere Zukunft als in anderen Ländern. »Die fortschrittliche Entwicklung der Landwirtschaft auf der Basis der Warenproduktion muß einen Absatzmarkt schaffen, auf den sich der russische Industriekapitalismus in seiner Entwicklung stützen wird. Dieser Absatzmarkt kann in dem Maße, wie die ökonomische und kulturelle Hebung des Landes und Hand in Hand damit die Verdrängung der Naturalwirtschaft fortschreiten wird, unbestimmt wachsen. In dieser Beziehung befindet sich der Kapitalismus in Rußland in günstigeren Bedingungen als in anderen Ländern.«5 Und Struve schildert im einzelnen ein farbenprächtiges Bild der Erschließung neuer Absatzmärkte in Rußland, dank der sibirischen Eisenbahn in Sibirien, in Zentralasien, in Vorderasien, in Persien, in den Balkanländern. Struve hat nicht bemerkt, daß er im Schwung seiner Prophezeiungen von dem »unbestimmt wachsenden« inneren Markt auf ganz bestimmte auswärtige Absatzmärkte übergegangen ist. Wenige Jahre später stand er auch politisch im Lager dieses hoffnungsfreudigen russischen Kapitalismus, dessen liberales Programm der imperialistischen Expansion er schon als »Marxist« theoretisch begründet hatte.

Aus der Argumentation Struves spricht in der Tat nur ein starker Optimismus in bezug auf die unbeschränkte Entwicklungsfähigkeit der kapitalistischen Produktion. Um die ökonomische Begründung dieses Optimismus hingegen ist es ziemlich schwach bestellt. Struves Hauptpfeiler für die Akkumulation des Mehrwerts sind die »dritten Personen«. Was er darunter versteht, hat er nicht mit genügender Deutlichkeit verraten, doch zeigen namentlich seine Hinweise auf die englische Berufsstatistik, daß er damit die verschiedenen Privat- und Staatsangestellten, liberale Berufe, kurz das berühmte »grand public« versteht, auf das bürgerliche Vulgärökonomen mit vager Geste hinzuweisen pflegen, wenn sie nicht ein noch aus wissen, und von dem Marx gesagt hat, daß es dem Ökonomen »den Dienst« erweist, Dinge zu erklären, für die er sonst keine Erklärung hat. Es ist klar, daß, wenn man von der Konsumtion der Kapitalisten und der Arbeiter im kategorischen Sinne spricht, man dabei nicht die Unternehmer als Einzelpersonen meint, sondern die Kapitalistenklasse als Ganzes, mitsamt ihrem Anhang an Angestellten, Staatsbeamten, liberalen Berufen usw. Alle diese »dritten Personen«, die gewiß in keiner kapitalistischen Gesellschaft fehlen, sind ökonomisch meist Mitesser des Mehrwerts, insofern sie sich nicht zum Teil auch als Mitesser des Arbeitslohns bewähren. Diese Schichten können ihre Kaufmittel nur entweder vom Arbeitslohn des Proletariats oder vom Mehrwert ableiten, und sie tun, so gut es geht, beides, müssen aber im großen und ganzen als Mitverzehrer des Mehrwerts betrachtet werden. Ihre Konsumtion ist somit in der Konsumtion der Kapitalistenklasse eingeschlossen und wenn Struve sie durch eine Hintertür wieder auf die Bühne führt und sie dem Kapitalisten als »dritte Personen« vorstellt, um ihm aus der Verlegenheit und zur Realisierung des Mehrwerts zu verhelfen, so wird der geriebene Profitmacher mit einem Blick in diesem »großen Publikum« seinen Troß Parasiten erkennen, die ihm erst Geld aus der Tasche ziehen, um ihm hinterher mit diesem Gelde seine Waren abzukaufen. Mit den »dritten Personen« Struves ist es also nichts.

Ebenso unhaltbar ist seine Theorie vom auswärtigen Absatz und dessen Bedeutung für die kapitalistische Produktion. Struve folgt hier ganz den »Volkstümlern« in ihrer mechanischen Auffassung, wonach ein kapitalistisches Land, nach dem Schema eines professoralen Lehrbuches, erst den »inneren Markt« möglichst gründlich abgrast, um sich dann, wenn dieser völlig oder nahezu erschöpft ist, nach auswärtigen Märkten umzusehen. Von hier aus gelangt Struve, in den Fußtapfen Wagners, Schaffles und Schmollers, auch zu der abgeschmackten Vorstellung, ein Land mit »großem Territorium« und recht viel Volk könne in seiner kapitalistischen Produktion ein »abgeschlossenes Ganzes« bilden und mit dem inneren Markte allein auf »unbestimmte Zeit« auskommen.6 Tatsächlich ist die kapitalistische Produktion von Haus aus eine Weltproduktion und sie beginnt, gerade umgekehrt wie sie nach dem pedantischen Rezept der deutschen Kathederweisheit sollte, schon in ihrer Kindheitsphase für den Weltmarkt zu produzieren. Ihre einzelnen bahnbrechenden Zweige in England, wie die Textilindustrie, die Eisen-und Kohlenindustrie suchten sich Absatzmärkte in allen Ländern und Weltteilen, während im Innern des Landes noch der Prozeß der Zerstörung des bäuerlichen Besitzes, der Untergang des Handwerks und der alten Heimproduktion bei weitem nicht zum Abschluß gebracht waren. Man versuche auch z.B. der deutschen chemischen Industrie und der deutschen Elektrotechnik mit dem weisen Rat zu kommen, sie möchten sich, statt wie tatsächlich von ihrem Aufkommen an für fünf Weltteile zu arbeiten, erst doch auf den inneren deutschen Markt beschränken, der in so vielen anderen Zweigen noch von der heimischen Industrie nicht erschöpft ist, sintemalen er massenhaft von auswärts mit Erzeugnissen versorgt wird. Oder man mache der deutschen Maschinenindustrie klar, sie dürfe sich noch nicht auf die auswärtigen Märkte werfen, da ja, wie die Statistik der deutschen Einfuhr schwarz auf weiß beweist, ein großer Teil des Bedarfs Deutschlands an Erzeugnissen dieses Zweiges durch auswärtige Lieferungen gedeckt wird. Vom Standpunkte dieses Schemas des »auswärtigen Handels« ist solchen Zusammenhängen des Weltmarkts mit ihren tausendfältigen Verzweigungen und Nuancen der Arbeitsteilung gar nicht beizukommen. Die industrielle Entwicklung der Vereinigten Staaten, die heute ein gefährlicher Konkurrent Englands auf dem Weltmarkt, ja in England selbst geworden sind, ebenso wie sie z.B. auch in der Elektrotechnik die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt und in Deutschland selbst schlagen, hat die Deduktionen Struves, die übrigens schon zur Zeit, als er sie niederschrieb, antiquiert waren, vollends Lügen gestraft.

Struve akzeptiert auch die rohe Auffassung der russischen Volkstümler, wonach die internationalen Zusammenhänge der kapitalistischen Weltwirtschaft mit ihrer historischen Tendenz zur Ausbildung eines lebendigen einheitlichen Organismus mit gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die auf die ganze Mannigfaltigkeit des Naturreichtums und der Produktionsbedingungen der Erdkugel gestützt ist, in der Hauptsache auf die ordinäre Sorge des Kaufmanns um den »Markt« reduziert werden. Die fundamentale Rolle der unumschränkten Versorgung der kapitalistischen Industrie mit Nahrungsmitteln, mit Roh-und Hilfsstoffen und Arbeitskräften, die genau so auf den Weltmarkt berechnet ist, wie der Absatz der fertigen Waren, wird bei der Fiktion von den drei sich selbst genügenden Weltreichen Wagners und Schmollers: England mit Kolonien, Rußland und Vereinigte Staaten, die Struve übernimmt, ganz übersehen oder künstlich eingeengt. Die Geschichte der englischen Baumwollindustrie allein, die in sich die abgekürzte Geschichte des Kapitalismus im ganzen einschließt, und deren Schauplatz während des ganzen 19. Jahrhunderts fünf Weltteile waren, ist auf jedem Schritt ein Hohn auf diese professorale Kinderstubenvorstellung, deren einziger realer Sinn darin liegt, daß sie die gewundene theoretische Rechtfertigung des Schutzzollsystems liefert.

1 »Kritische Bemerkungen usw.«, S. 251.

2 l.c., S. 255.

3 l.c., S. 252.

4 l.c., S. 260. »… Struve ist entschieden im Unrecht, wenn er die Situation in Rußland mit derjenigen in den Vereinigten Staaten zu dem Zwecke vergleicht, um das zu widerlegen, was er Ihre pessimistische Ansicht über die Zukunft nennt. Er sagt, daß die üblen Folgen der jüngsten kapitalistischen Entwickelung in Rußland mit ebensolcher Leichtigkeit überwunden werden, wie in den Vereinigten Staaten. Er vergißt dabei ganz, daß die Vereinigten Staaten von ihrem Anfang an einen neuen bürgerlichen Staat darstellen, daß sie von Kleinbürgern und Bauern gegründet worden waren, die vor dem europäischen Feudalismus flohen, um eine rein bürgerliche Gesellschaft zu bilden. In Rußland hingegen haben wir eine Grundlage von primitiver kommunistischer Beschaffenheit, eine sozusagen der Zivilisation vorausgehende Gentilgesellschaft –, die freilich jetzt in Trümmer zerfällt, immer aber noch als Grundlage dient, auf der die kapitalistische Revolution operiert und wirkt (denn dies ist in der Tat eine soziale Revolution). In Amerika hat sich die Geldwirtschaft mehr wie vor einem Jahrhundert ganz stabilisiert, während in Rußland die Naturalwirtschaft unlängst noch beinahe allgemeine Regel ohne jede Ausnahme war. Daher sollte es jedermann klar sein, daß in Rußland die besagte Umwälzung einen viel gewaltsameren und heftigeren Charakter haben und von unvergleichlich größeren Leiden begleitet sein muß als in Amerika.« Brief Engels‘ an Nikolaj-on v. 17. Oktober 1893. »Briefe usw.« S. 85.

5 l.c., S. 284.

6 Die reaktionäre Seite der deutschprofessoralen Theorie von den »drei Weltreichen«: Großbritannien, Rußland und Vereinigte Staaten, zeigt u.a. deutlich Prof. Schmoller in seiner handelspolitischen Säkularbetrachtung, wo er mit Wehmut sein greises Gelehrtenhaupt über die »neumerkantilistischen«, will sagen: Imperialistischen Gelüste der drei Hauptbösewichter schüttelt und für »die Ziele aller höheren, geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur, sowie des sozialen Fortschritts« – eine starke deutsche Flotte und einen europäischen Zollverein mit der Spitze gegen England und Amerika fordert:
»Für Deutschland erwächst aus dieser weltwirtschaftlichen Spannung als erste Pflicht die, sich eine starke Flotte zu schaffen, um eventuell auch, für den Kampf gerüstet, als Bundesgenosse von den Weltmächten begehrt zu sein. Es kann und soll keine Eroberungspolitik wie die drei Weltmächte treiben (denen aber Herr Schmoller – wie er an anderer Stelle sagt – ›keine Vorwürfe‹ machen will, ›daß sie wieder in die Bahnen der riesenhaften Kolonialeroberung einlenkten‹). Aber es muß eventuell eine fremde Blockade der Nordsee brechen, seine Kolonien und seinen großen Handel schützen, den Staaten, welche sich mit ihm verbünden, die gleiche Sicherheit bieten können. Deutschland, wie Österreich-Ungarn und Italien zum Dreibund vereinigt, haben mit Frankreich die Aufgabe, der zu agressiven, für alle mittleren Staaten bedrohlichen Politik der drei Weltmächte die Mäßigung aufzuerlegen, die im Interesse des politischen Gleichgewichts, im Interesse der Erhaltung aller anderen Staaten wünschenswert ist: nämlich die Mäßigung in der Eroberung, im Kolonieerwerb, in der einseitigen, überspannten Schutzzollpolitik, in der Ausbeutung und Mißhandlung aller Schwächeren … Auch die Ziele aller höheren geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur, aller soziale Fortschritt hängt davon ab, daß im 20. Jahrhundert nicht die ganze Erde zwischen die drei Weltreiche aufgeteilt und von ihnen ein brutaler Neumerkantilismus begründet werde.« (Die Wandlungen in der europäischen Handelspolitik des 19. Jahrhunderts. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, XXIV, S. 381.)

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Bulgakow und seine Ergänzung der Marxschen Analyse.

Der zweite Kritiker der »volkstümlerischen« Skepsis, S. Bulgakow, lehnt sofort die Struveschen ›dritten Personen‹ als Rettungsanker der kapitalistischen Akkumulation rundweg ab. Er hat für sie nur ein Achselzucken. »Die Mehrheit der Ökonomen (bis Marx)« – sagt er – »löste die Frage in dem Sinne, daß irgendwelche »dritte Personen« nötig seien, um als deus ex machina den gordischen Knoten zu durchhauen, d.h. den Mehrwert zu verzehren. Als solche Personen treten bald luxustreibende Grundbesitzer auf (wie bei Malthus), bald luxustreibende Kapitalisten, bald der Militarismus u. dergl. mehr. Ohne solche außerordentlichen Mittel könne der Mehrwert keinen Absatz finden: er werde auf den Märkten festgefahren und rufe Überproduktion und Krisen hervor.«1 »So nimmt Herr Struve an, daß die kapitalistische Produktion sich in ihrer Entwicklung auf die Konsumtion irgendwelcher phantastischer dritter Personen stützen könne. Wo liegt denn aber die Quelle der Kaufkraft dieses grand public, dessen spezielle Bestimmung es ist, den Mehrwert zu verzehren?«2 Bulgakow seinerseits stellt das ganze Problem von vornherein auf die Analyse des gesellschaftlichen Gesamtprodukts und seiner Reproduktion, wie sie Marx im II. Bande des »Kapital« gegeben. Er begreift ausgezeichnet, daß man zur Lösung der Frage der Akkumulation erst mit der einfachen Reproduktion beginnen und sich ihren Mechanismus ganz klar machen müsse. Hier sei es namentlich wichtig, sich über die Konsumtion des Mehrwerts und der Löhne derjenigen Produktionszweige klar zu werden, die nichtkonsumierbare Produkte herstellen, und andererseits über die Zirkulation desjenigen Teils des gesellschaftlichen Gesamtprodukts, der das verbrauchte konstante Kapital darstellt. Das sei eine ganz neue Aufgabe, deren sich die Ökonomen gar nicht einmal bewußt waren und die erst von Marx gestellt wurde. »Zur Lösung dieser Aufgabe teilt Marx alle kapitalistisch hergestellten Waren in zwei große und wesentlich verschiedene Kategorien: die Produktion von Produktionsmitteln und die Produktion von Konsummitteln. In dieser Einteilung allein ist mehr theoretischer Sinn verborgen, als in sämtlichen vorhergehenden Wortgefechten über die Theorie der Absatzmärkte.«3

Man sieht, Bulgakow ist ein ausgesprochener und begeisterter Anhänger der Marxschen Theorie. Er formuliert auch als die Aufgabe seiner Studie die theoretische Nachprüfung der Lehre, daß der Kapitalismus ohne auswärtige Märkte nicht existieren könne. »Zu diesem Behufe hat der Verfasser die sehr wertvolle, aber – man weiß nicht warum – in der Wissenschaft fast nicht verwertete Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion benutzt, die K. Marx im zweiten Teil des II. Bandes des ›Kapital‹ gibt. Obwohl diese Analyse nicht als abgeschlossen gelten kann, bietet sie doch u. E. auch in ihrer vorliegenden unbearbeiteten Fassung eine genügende Grundlage für eine andere Lösung der Frage von den Absatzmärkten als diejenige, die sich die Herren Nikolaj-on, W. Woronzow und andere zu eigen gemacht haben und die sie K. Marx aufs Konto schreiben.«4 Die Lösung, die Bulgakow aus Marx selbst abgeleitet hat, formuliert er folgendermaßen: »Der Kapitalismus kann unter Umständen existieren ausschließlich dank dem inneren Markt; es liegt keine innere, der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliche Notwendigkeit vor, daß nur der auswärtige Markt den Überschuß der kapitalistischen Produktion verschlingen kann. Dies der Schluß, zu dem der Verfasser auf Grund des Studiums der erwähnten Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion gelangt ist.«

Und nun sind wir gespannt auf die Bulgakowsche Beweisführung für die angeführte These.

Sie fällt zunächst unerwartet einfach aus. Bulgakow gibt getreulich das uns bekannte Marxsche Schema der einfachen Reproduktion wieder, mit Kommentaren, die seinem Verständnis alle Ehre machen. Dann führt er das uns ebenso bekannte Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion an – und damit ist der gesuchte Beweis auch schon erbracht. »Auf Grund des Gesagten bietet es keine Schwierigkeit, zu bestimmen, worin die Akkumulation bestehen wird: I (Abteilung der Produktionsmittel) muß die zur Produktionserweiterung erforderlichen zuschüssigen Produktionsmittel sowohl für sich wie für II (Abteilung der Konsummittel) herstellen, während hinwiederum II die zuschüssigen Konsummittel zur Erweiterung des variablen Kapitals I und II zu liefern haben wird. Sieht man von der Geldzirkulation ab, so reduziert sich die Produktionserweiterung auf den Austausch der zuschüssigen Produkte I, deren II bedarf, und der zuschüssigen Produkte II, deren I bedarf.« Bulgakow folgt hier also getreulich den Ausführungen Marxens und merkt gar nicht, daß seine These bis jetzt immer noch auf dem Papier bleibt. Er glaubt mit diesen mathematischen Formeln die Frage der Akkumulation gelöst zu haben. Daß man sich die Proportionen, die er aus Marx abschreibt, wohl vorstellen kann, ist außer Zweifel. Ebenso sicher ist es, daß, wenn die Produktionserweiterung stattfinden soll, sie sich in diesen Formeln ausdrücken kann. Bulgakow übersieht aber die Hauptfrage: für wen findet denn die Erweiterung statt, deren Mechanismus er untersucht? Da sich die Akkumulation in mathematischen Proportionen auf dem Papier darstellen läßt, so ist sie auch schon vollbracht. Doch nachdem Bulgakow soeben die Sachen für gelöst erklärt hat, stößt er im nächsten Moment, bei dem Versuch, die Geldzirkulation in die Analyse hineinzuführen, auf die Frage: Wo kommt bei I und II das Geld für den Ankauf der zuschüssigen Produkte her? Wir haben bei Marx gesehen, wie die wunde Stelle seiner Analyse, die eigentliche Frage nach den Konsumenten für die erweiterte Produktion, in der schiefen Form der Frage nach zuschüssigen Geldquellen immer wieder zum Vorschein kommt. Bulgakow folgt hier sklavisch der Marxschen Betrachtungsweise und akzeptiert dieselbe mißverständliche Fragestellung, ohne die darin enthaltene Verschiebung zu merken. Er stellt freilich fest, daß »Marx selbst auf diese Frage in den Brouillonheften, nach denen der II. Band des ›Kapital‹ hergestellt ist, eine Antwort nicht gegeben hat«. Um so interessanter muß die Antwort sein, die Marxens russischer Schüler auf eigene Faust abzuleiten versucht.

»Uns«, sagt Bulgakow, »scheint der ganzen Marxschen Lehre die folgende Lösung am besten zu entsprechen. Das neue variable Kapital in Geldform, das II für I wie für sich selbst liefert, findet sein Warenäquivalent im Mehrwert II. Wir haben schon bei der Betrachtung der einfachen Reproduktion gesehen, daß die Kapitalisten selbst das Geld zur Realisierung ihres Mehrwerts in die Zirkulation werfen müssen und dieses Geld schließlich in die Tasche des Kapitalisten, von dem es ausging, zurückkehrt. Das Quantum Geld, das zur Zirkulation des Mehrwerts erforderlich ist, wird nach dem allgemeinen Gesetz der Warenzirkulation bestimmt, durch den Wert der Waren, worin er eingeschlossen ist, geteilt durch die Durchschnittszahl der Umschläge des Geldes. Dasselbe Gesetz findet auch hier Anwendung. Die Kapitalisten II müssen eine gewisse Summe Geldes zur Zirkulation ihres Mehrwerts haben, sie müssen folglich einen gewissen Geldvorrat besitzen. Dieser Vorrat muß genügend groß sein, damit er sowohl für die Zirkulation desjenigen Teils des Mehrwerts ausreicht, der den Konsumtionsfonds darstellt, wie desjenigen, der als Kapital akkumuliert werden soll.« Weiter entwickelt Bulgakow den Standpunkt, daß es für die Frage: wieviel Geld zur Zirkulation eines bestimmten Warenquantums im Lande erforderlich ist, gar keinen Unterschied machte, ob ein Teil dieser Waren Mehrwert darstellt oder nicht. »Die allgemeine Frage aber, woher das Geld überhaupt im Lande kommt, wird in dem Sinne gelöst, daß dieses Geld durch den Goldproduzenten geliefert wird.« Wird mit der Erweiterung der Produktion im Lande mehr Geld erforderlich, so wird eben auch die Goldproduktion dementsprechend erweitert.5 Wir landen also schließlich glücklich beim Goldproduzenten, der schon bei Marx die Rolle des deus ex machina spielt. Man muß gestehen, daß Bulgakow die gespannten Erwartungen auf seine neue Lösung arg getäuscht hat. »Seine« Lösung der Frage ist über die von Marx gelieferte Analyse auch nicht um ein Jota hinausgegangen. Sie reduziert sich auf die folgenden äußerst einfachen drei Sätze: 1. Frage. Wieviel Geld ist erforderlich, um den kapitalisierten Mehrwert zu realisieren? Antwort: Soviel, wie nach dem allgemeinen Gesetz der Warenzirkulation nötig ist. 2. Frage. Woher nehmen die Kapitalisten dieses Geld, um den kapitalisierten Mehrwert zu realisieren? Antwort: Sie müssen es eben haben. 3. Frage. Woher kommt das Geld überhaupt ins Land? Antwort: Vom Goldproduzenten. Eine Erklärungsweise, die in ihrer außerordentlichen Einfachheit mehr verdächtig als bestrickend ist.

Doch es erübrigt sich, diese Theorie vom Goldproduzenten als deus ex machina der kapitalistischen Akkumulation zu widerlegen. Bulgakow selbst hat sie sehr schön widerlegt. 80 Seiten weiter kommt er in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich von der Lohnfondstheorie aus, gegen die er sich ohne ersichtlichen Grund in eine breite Polemik verwickelt hat, wieder auf den Goldproduzenten. Und hier entwickelt er plötzlich die folgende scharfe Einsicht:

»Wir wissen schon, daß unter anderen Produzenten auch der Goldproduzent existiert, der einerseits selbst bei einfacher Reproduktion die absolute Menge des im Lande zirkulierenden Geldes vergrößert und andererseits Produktionsmittel und Konsummittel kauft, ohne seinerseits Waren zu verkaufen, wobei er für die gekauften Waren direkt mit dem allgemeinen Tauschäquivalent zahlt, das sein eigenes Produkt darstellt. Kann nun der Goldproduzent nicht vielleicht den Dienst erweisen, daß er bei II dessen ganzen akkumulierten Mehrwert abkauft und dafür mit Gold zahlt, das II alsdann zum Ankauf der Produktionsmittel bei I und zur Erweiterung des variablen Kapitals, d.h. zum Ankauf der zuschüssigen Arbeitskraft gebrauchen wird? Als wirklicher auswärtiger Absatzmarkt erscheint somit der Goldproduzent.

Doch das ist eine vollkommen absurde Voraussetzung. Ihre Annahme bedeutet, daß man die Erweiterung der gesellschaftlichen Produktion von der Erweiterung der Goldproduktion abhängig macht. (Bravo!) Dies setzt seinerseits ein Wachstum der Goldproduktion voraus, das der Wirklichkeit gar nicht entspricht. Soll der Goldproduzent verpflichtet werden, durch seine Arbeiter bei II den ganzen akkumulierten Mehrwert abzukaufen, dann bedeutet dies, daß sein variables Kapital täglich und stündlich wachsen muß. Aber dementsprechend muß auch das konstante Kapital wachsen und auch der Mehrwert, folglich muß die ganze Goldproduktion direkt ungeheuerliche Dimensionen annehmen. (Bravo!) Anstatt diese läppische Voraussetzung statistisch nachzuprüfen (was übrigens kaum möglich wäre), genügt es, auf eine Tatsache hinzuweisen, die ganz allein diese Voraussetzung vernichtet. Diese Tatsache ist – die Entwickelung des Kredits, welche die Entwickelung der kapitalistischen Wirtschaft begleitet. (Bravo!). Der Kredit hat die Tendenz, die Menge des umlaufenden Geldes (natürlich relativ, nicht absolut) zu verringern und erscheint als notwendige Ergänzung zur Entwickelung der Tauschwirtschaft, die sonst sehr bald am Mangel an Metallgeld ihre Schranken finden würde. Ich finde es überflüssig, hier zahlenmäßig nachzuweisen, wie gering jetzt die Rolle des Metallgeldes bei den Tauschgeschäften ist. Die aufgestellte Hypothese steht auf diese Weise in direktem und offenbarem Widerspruch mit den Tatsachen und muß abgelehnt werden.«6

Bravissimo! Sehr schön! Aber damit hat Bulgakow auch seine einzige bisherige Erklärung der Frage, wie und durch wen der kapitalisierte Mehrwert realisiert wird, selbst »abgelehnt«. Übrigens hat er auch in dieser Selbstwiderlegung nur etwas ausführlicher dargelegt, was Marx bereits mit einem Wort gesagt hat, indem er die Hypothese von dem Goldproduzenten, der den ganzen gesellschaftlichen Mehrwert schluckt, »abgeschmackt« genannt hat.

Freilich liegt die eigentliche Lösung bei Bulgakow wie überhaupt bei den russischen Marxisten, die sich mit der Frage eingehend beschäftigt haben, ganz anderswo. Sowohl er, wie Tugan Baranowsky, wie Iljin legen das Hauptgewicht darauf, daß die Gegenseite – die Skeptiker – in bezug auf die Möglichkeit der Akkumulation einen kapitalen Fehler in der Wertanalyse des Gesamtprodukts machen. Diese – namentlich Woronzow – nahmen an, das gesamte gesellschaftliche Produkt bestehe in Konsummitteln, und gingen von der irrtümlichen Voraussetzung aus, Konsumtion sei überhaupt Zweck der kapitalistischen Produktion. Hier – erklärten nun die Marxisten – liege die Quelle des ganzen Mißverständnisses, und aus dieser Quelle flössen die imaginären Schwierigkeiten der Realisierung des Mehrwerts, über die sich die Skeptiker den Kopf zerbrachen. »Dank dieser irrigen Vorstellung schuf sich diese Schule selbst nichtexistierende Schwierigkeiten: da die normalen Bedingungen der kapitalistischen Produktion voraussetzen, daß der Konsumtionsfonds der Kapitalisten bloß einen und dazu geringeren Teil des Mehrwerts ausmacht, während der größere für die Erweiterung der Produktion abgerechnet wird, so ist es augenscheinlich, daß die Schwierigkeiten, die sich jene Schule (die Volkstümler) vorstellte, in Wirklichkeit gar nicht existieren«.7 Es ist auffallend, mit welcher Selbstverständlichkeit Bulgakow hier das Problem übersieht und nicht einmal zu ahnen scheint, daß gerade erst bei der Annahme der erweiterten Reproduktion die Frage: für wen? unabweisbar wird, jene Frage, die unter der Voraussetzung der persönlichen Konsumtion des gesamten Mehrwerts sehr nebensächlich ist.

Alle diese »imaginären Schwierigkeiten« lösen sich nun durch die zwei Entdeckungen Marxens in Dunst auf, die seine russischen Schüler nicht müde werden, ihren Widersachern entgegenzuhalten. Erstens die Tatsache, daß die Wertzusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts nicht v+m, sondern c+v+m sei, und zweitens, daß mit den Fortschritten der kapitalistischen Produktion in dieser Zusammensetzung der Teil c im Verhältnis zu v immer größer werde, während gleichzeitig im Mehrwert der kapitalisierte Teil im Verhältnis zum konsumierten immer wachse. Von hier aus stellt Bulgakow eine ganze Theorie über das Verhältnis der Produktion zur Konsumtion in der kapitalistischen Gesellschaft auf. Sie spielt bei den russischen Marxisten und insbesondere bei Bulgakow eine so wichtige Rolle, daß es nötig ist, sie in extenso kennen zu lernen.

»Die Konsumtion – sagt Bulgakow –, die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse, bildet nur ein nebensächliches Moment der Kapitalzirkulation. Der Umfang der Produktion wird durch den Umfang des Kapitals und nicht durch die Größe der gesellschaftlichen Bedürfnisse bestimmt. Die Entwickelung der Produktion wird nicht nur von dem Wachstum der Konsumtion nicht begleitet, sondern es besteht zwischen beiden sogar ein Antagonismus. Die kapitalistische Produktion kennt keine andere Konsumtion als die zahlungsfähige, zahlungsfähige Konsumenten können aber nur diejenigen sein, die Arbeitslohn oder Mehrwert beziehen und ihre Kaufkraft entspricht genau dem Umfang dieser Einkommen. Wir haben aber gesehen, daß die Grundgesetze der Entwicklung der kapitalistischen Produktion die Tendenz haben, die relative Größe des variablen Kapitals wie des Konsumtionsfonds des Kapitalisten (obgleich sie absolut wächst) zu verringern. Man kann deshalb sagen, daß die Entwickelung der Produktion die Konsumtion verringert.8 Auf diese Weise stehen die Bedingungen der Produktion und der Konsumtion zueinander im Widerspruch. Die Erweiterung der Produktion kann sich nicht vollziehen und vollzieht sich nicht für die Rechnung der Konsumtion. Diese Erweiterung ist aber ein inneres grundlegendes Gesetz der kapitalistischen Produktion, das jedem Einzelkapitalisten gegenüber die Form des strengen Gebotes der Konkurrenz annimmt. Der Ausweg aus diesem Widerspruch ist der, daß den Markt für die zuschüssige Menge Produkte die sich erweiternde Produktion selbst darstellt. ›Der innere Widerspruch wird gelöst durch die Erweiterung des äußeren Feldes der Produktion.‹ (›Das Kapital‹, Bd. III, S. 189.) (Hier zitiert Bulgakow einen Marxschen Satz in ganz verkehrtem Sinne, worauf noch weiter zurückzukommen sein wird.) Wie das möglich, ist soeben gezeigt worden. (Bulgakow meint die Analyse des Schemas der erweiterten Reproduktion.) Dabei entfällt offenbar der größere Teil dieser Erweiterung auf die Abteilung I, d.h. auf die Produktion des konstanten Kapitals, und nur der (relativ) kleinere Teil auf die Abteilung II, die Güter für die unmittelbare Konsumtion produziert. In dieser Verschiebung allein im Verhältnis der Abteilungen I und II kommt mit genügender Klarheit die Rolle zum Ausdruck, welche die Konsumtion in der kapitalistischen Gesellschaft spielt, sowie auch der Hinweis, wo der wichtigste Absatz der kapitalistischen Waren zu suchen ist«.9 »… Auch in diesen engen Schranken (des Profitinteresses und der Krisen), auch auf diesem Dornenwege vermag sich die kapitalistische Produktion schrankenlos zu erweitern, ungeachtet und selbst trotz der Verringerung der Konsumtion. In der russischen Literatur wird mehrmals auf die Unmöglichkeit eines bedeutenden Wachstums der kapitalistischen Produktion ohne auswärtige Märkte hingewiesen, und zwar angesichts der Verringerung der Konsumtion. Dabei war die Rolle der Konsumtion in der kapitalistischen Gesellschaft ganz falsch eingeschätzt. Man hat übersehen, daß die Konsumtion gar nicht der Zweck der kapitalistischen Produktion ist, daß diese letztere nicht durch das Wachstum der Konsumtion, sondern durch die Erweiterung des äußeren Feldes der Produktion existiert, die eben den Absatzmarkt für die kapitalistisch hergestellten Produkte bildet. An der Lösung der unlösbaren Aufgabe: der Auffindung von Mitteln, um die Konsumtion zu erweitern, die die kapitalistische Produktionsweise zu verringern bestrebt ist, quälte sich eine ganze Reihe Forscher der Malthusschen Schule ab, die sich mit der oberflächlichen Harmonielehre der Schule Ricardo-Say nicht zufrieden geben konnten. Erst Marx hat die Analyse des wirklichen Zusammenhangs gegeben: er zeigte, daß das Wachstum der Konsumtion fatal hinter dem Wachstum der Produktion zurückbleibt und zurückbleiben muß, welche ›dritte Personen‹ man auch erfinden möge. Deshalb kann die Konsumtion und ihr Umfang in keiner Weise als die unmittelbare Schranke der Erweiterung der Produktion gelten. Die kapitalistische Produktion büßt für die Abweichung von diesem wahren Zweck der Produktion mit Krisen, aber sie ist unabhängig von der Konsumtion. Die Erweiterung der Produktion findet ihre Schranke nur in dem Umfang des Kapitals und hängt lediglich von diesem letzteren ab«.10

Hier wird die Theorie Bulgakows und Tugan Baranowskys direkt Marx in die Schuhe geschoben, so sehr schien sie den russischen Marxisten unmittelbar aus der Marxschen Lehre zu folgen und sich in sie organisch einzufügen. Noch deutlicher formuliert sie Bulgakow an einer anderen Stelle als direkte Deutung des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion. Nachdem die kapitalistische Produktionsweise in einem Lande Einzug gehalten hat, fängt ihre innere Bewegung an, sich nach diesem Schema zu entwickeln: »Die Produktion des konstanten Kapitals bildet die Abteilung I der gesellschaftlichen Reproduktion, die schon eine selbständige Nachfrage nach Konsummitteln eröffnet im Umfange des eigenen variablen Kapitals dieser Abteilung I sowie des Konsumtionsfonds ihrer Kapitalisten. Abteilung II ihrerseits eröffnet die Nachfrage nach Produkten I. Auf diese Weise bildet sich schon bei Beginn der kapitalistischen Produktion ein geschlossener Kreis heraus, in dem die kapitalistische Produktion von gar keinem auswärtigen Markt abhängig ist, sondern sich selbst genügt und in dem sie sozusagen automatisch vermittelst der Akkumulation zu wachsen in der Lage ist«.11 Und an einer anderen Stelle versteigt er sich gar zu der folgenden krassen Formulierung seiner Theorie: »Der einzige Markt für die Produkte der kapitalistischen Produktion ist diese Produktion selbst«.12

Man kann die ganze Kühnheit dieser Theorie, die in den Händen der russischen Marxisten zur Hauptwaffe wurde, womit sie ihre Gegner, die »volkstümlerischen« Skeptiker in der Frage der Absatzmärkte zur Strecke gebracht haben, nur dann richtig würdigen, wenn man sich vergegenwärtigt, in welchem erstaunlichen Widerspruch sich diese Theorie mit der täglichen Praxis, mit allen bekannten Tatsachen der kapitalistischen Wirklichkeit befindet. Aber noch mehr: man muß diese Theorie, die mit solchem Triumph als reinste marxistische Wahrheit verkündet wurde, noch mehr bewundern, wenn man bedenkt, daß sie auf einem einfachen kapitalen Quiproquo basiert. Doch auf diese Frage werden wir weiter bei der Besprechung Tugan Baranowskys eingehen.

Auf dem Mißverständnis über das Verhältnis der Konsumtion zur Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft errichtet Bulgakow ferner eine ganz verkehrte Theorie des auswärtigen Handels. Vom Standpunkte der obigen Auffassung der Reproduktion gibt es in der Tat für den auswärtigen Handel keinen Raum. Wenn der Kapitalismus in jedem Lande gleich zu Beginn seiner Entwickelung jenen bewußten »geschlossenen Zirkel« herausbildet, in dem er sich wie eine Katze um den eigenen Schwanz dreht und »sich selbst genügt«, für sich selbst schrankenlos einen Absatz schafft und sich selbst Stachel zur Erweiterung ist, dann ist jedes kapitalistische Land ökonomisch auch ein abgeschlossenes »sich selbst genügendes« Ganzes. Nur in einem Fall wäre dann auswärtiger Handel begreiflich: als Mittel, das natürliche Manko eines Landes an gewissen Produkten des Bodens und des Klimas durch Einfuhr von auswärts zu decken, nur als notgedrungene Einfuhr von Rohstoffen oder Nahrungsmitteln. Und in der Tat errichtet Bulgakow, indem er die These der Volkstümler direkt auf den Kopf stellt, eine Theorie des internationalen Handels der kapitalistischen Staaten, in dem die Einfuhr von Produkten der Landwirtschaft das grundlegende aktive Element, die industrielle Ausfuhr nur die notgedrungene Deckung jener Einfuhr darstellt. Der internationale Warenverkehr erscheint hier nicht im Wesen der Produktionsweise begründet, sondern in den Naturbedingungen der Länder, – jedenfalls eine Theorie, die nicht von Marx, sondern von deutschen Gelehrten der bürgerlichen Nationalökonomie geliehen ist. Wie Struve von Wagner und Schäffle sein Schema der drei Weltreiche, so übernimmt Bulgakow von dem seligen List die Einteilung der Staaten in Kategorien nach dem »Agrikulturstand« und dem »Agrikulturmanufakturstand«, die er mit dem Fortschritt der Zeiten in »Manufakturstand« und »Agrikulturmanufakturstand« modifiziert. Die erstere Kategorie ist von Natur mit einem Mangel eigener Rohstoffe und Nahrungsmittel gestraft und deshalb auf den auswärtigen Handel angewiesen, die letztere Kategorie ist von der Natur mit allem versehen und kann auf den auswärtigen Handel pfeifen. Typus der ersteren ist England, der zweiten – die Vereinigten Staaten. Für England würde die Abschaffung des auswärtigen Handels ökonomische Agonie und Tod bedeuten, für die Vereinigten Staaten nur eine vorübergehende Krise, nach der völlige Genesung gesichert wäre: »hier kann sich die Produktion auf der Basis des inneren Marktes schrankenlos erweitern«.13 Diese Theorie, die ein ehrwürdiges Erbstück der deutschen Nationalökonomie bis auf den heutigen Tag bildet, hat offenbar von den Zusammenhängen der kapitalistischen Weltwirtschaft keinen Dunst und führt den heutigen Weltverkehr ungefähr auf die Grundlagen aus den Zeiten der Phönizier zurück. Doziert doch z.B. auch Prof. Bücher: »Es ist ein Irrtum, wenn man aus der im liberalistischen Zeitalter erfolgten Erleichterung des internationalen Verkehrs schließen zu dürfen meint, die Periode der Volkswirtschaft gehe zur Neige und mache der Periode der Weltwirtschaft Platz. – Gewiß sehen wir heute in Europa eine Reihe von Staaten, welche der nationalen Selbständigkeit in ihrer Güterversorgung insofern entbehren, als sie erhebliche Mengen ihrer Nahrungs- und Genußmittel aus dem Auslande zu beziehen genötigt sind, während ihre industrielle Produktionstätigkeit weit über das nationale Bedürfnis hinausgewachsen ist und dauernd Oberschüsse liefert, die auf fremden Konsumtionsgebieten ihre Verwertung finden müssen. Aber das Nebeneinanderbestehen solcher Industrie-und Rohproduktionsländer, die gegenseitig aufeinander angewiesen sind, diese »internationale Arbeitsteilung« ist nicht als ein Zeichen anzusehen, daß die Menschheit eine neue Stufe der Entwickelung zu erklimmen im Begriffe steht, die unter dem Namen der Weltwirtschaft den – – früheren Stufen gegenübergestellt werden müßte. Denn einerseits hat keine Wirtschaftsstufe volle Selbstherrlichkeit der Bedürfnisbefriedigung auf die Dauer garantiert; jede ließ – gewisse Lücken bestehen, die so oder so ausgefüllt werden mußten. Andererseits hat jene sogenannte Weltwirtschaft bis jetzt wenigstens keine Erscheinungen hervortreten lassen, die von denen der Volkswirtschaft in wesentlichen Merkmalen abweichen, und es steht sehr zu bezweifeln, daß solche in absehbarer Zukunft auftreten werden«.14 Bei Bulgakow ergibt sich aus dieser Auffassung jedenfalls ein unerwarteter Schluß: seine Theorie von der schrankenlosen Entwickelungsfähigkeit des Kapitalismus wird nur auf gewisse Länder mit günstigen Naturbedingungen beschränkt. In England muß der Kapitalismus in absehbarer Zeit an der Erschöpfung des Weltmarktes zugrunde gehen, in den Vereinigten Staaten, in Indien und in – Rußland blüht ihm eine unumschränkte Entwickelung durch »Selbstgenügsamkeit«.

Doch abgesehen von diesen augenscheinlichen Seltsamkeiten, birgt die Bulgakowsche Argumentation in bezug auf den auswärtigen Handel wiederum ein fundamentales Mißverständnis. Das Hauptargument Bulgakows gegen die Skeptiker von Sismondi bis Nikolaj-on, die zur Realisierung des kapitalistischen Mehrwerts den auswärtigen Absatzmarkt zu Hilfe nehmen zu müssen glaubten, ist folgendes: diese Theoretiker betrachteten offenbar alle den auswärtigen Handel als »einen bodenlosen Abgrund«, in dem der im Innern unabsetzbare Überschuß der kapitalistischen Produktion auf Nimmerwiedersehen verschwinde. Demgegenüber hebt Bulgakow mit Triumph hervor, daß ja der auswärtige Handel durchaus kein »Abgrund« und erst recht kein »bodenloser« sei, daß er ein zweischneidiges Schwert darstelle und daß zur Ausfuhr stets auch Einfuhr gehöre, die sich beide so ziemlich die Wage zu halten pflegen. Was also durch die eine Grenze hinausgeschoben werde, das werde durch die andere Grenze bloß in veränderter Gebrauchsgestalt wieder hereingeschoben. »Für die eingeführten Waren, die das Äquivalent der ausgeführten darstellen, muß man in den Grenzen des gegebenen Absatzmarktes Platz finden, Platz ist aber nicht da, folglich zieht die Zuhilfenahme des auswärtigen Absatzes bloß neue Schwierigkeiten nach sich«.15 An einer anderen Stelle sagt er, der Ausweg, den die russischen Volkstümler zur Realisierung des Mehrwerts gefunden hätten, die auswärtigen Märkte, sei »viel weniger glücklich, als der Ausweg, den Malthus, v. Kirchmann und Woronzow selbst als Verfasser des Aufsatzes vom Militarismus und Kapitalismus gefunden hatten«.16 Bulgakow verrät hier, daß er trotz all seiner begeisterten Wiedergabe der Marxschen Schemata der Reproduktion gar nicht begriffen hat, worin das eigentliche Problem liegt, um das die Skeptiker seit Sismondi bis Nikolaj-on herumtasteten: er lehnt den auswärtigen Handel als angeblichen Ausweg aus der Schwierigkeit ab, weil dieser den abgesetzten Mehrwert, »wenn auch in veränderter Gestalt«, wieder ins Land einführe. Bulgakow glaubt also, im Einklang mit der rohen Vorstellung v. Kirchmanns und Woronzows, daß es sich darum handelt, ein gewisses Quantum Mehrwert zu vertilgen, vom Erdboden zu verwischen, er ahnt nicht, daß es sich um die Reallisierung, um die Warenmetamorphose, also gerade um die »veränderte Gestalt« des Mehrwerts handelt.

So gelangt Bulgakow schließlich, wenn auch durch eine andere Straße, nach demselben Rom wie Struve: er verkündet die Selbstgenügsamkeit der kapitalistischen Akkumulation, die selbst ihre Produkte verschlinge, wie Kronos seine Kinder, und sich aus sich selbst immer mächtiger gebäre. Von hier aus blieb nur noch ein Schritt zur Rückkehr vom Marxismus zur bürgerlichen Ökonomie. Diesen Schritt hat glücklich Tugan Baranowsky vollzogen.

1 S. Bulgakow, »Über die Absatzmärkte der kapitalistischen Produktion«. Eine theoretische Studie. Moskau 1897. S. 15.

2 l.c., S. 32, Fußnote.

3 l.c., S. 27.

4 l.c., S. 2–3.

5 l.c., S. 50–55.

6 l.c., S. 132 ff.

7 l.c., S. 20.

8 Unterstrichen bei Bulgakow.

9 l.c., S. 161.

10 l.c., S. 167.

11 l.c., S. 210. Von uns unterstrichen.

12 l.c., S. 238.

13 Bulgakow, l.c., S. 199.

14 K. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft 5. Aufl. S. 147. Die neueste Leistung auf diesem Gebiete ist die Theorie des Prof. Sombart, wonach wir nicht in die Weltwirtschaft hineinwachsen, sondern gar umgekehrt, uns immer mehr von ihr entfernen: »Die Kulturvölker, so behaupte ich vielmehr, sind heute (im Verhältnis zu ihrer Gesamtwirtschaft), nicht wesentlich mehr, sondern eher weniger durch Handelsbeziehungen untereinander verknüpft. Die einzelne Volkswirtschaft ist heute nicht mehr, sondern eher weniger in den Weltmarkt einbezogen, als vor hundert oder fünfzig Jahren. Mindestens aber … ist es falsch, anzunehmen, daß die internationalen Handelsbeziehungen eine verhältnismäßig wachsende Bedeutung für die moderne Volkswirtschaft gewinnen. Das Gegenteil ist richtig.« Sombart wendet sich mit Hohn gegen die Annahme einer zunehmenden internationalen Arbeitsteilung, eines steigenden Bedürfnisses nach auswärtigen Absatzmärkten, dieweil der inländische Markt einer Ausdehnung nicht fähig sei; Sombart seinerseits ist überzeugt, daß »die einzelnen Volkswirtschaften immer vollkommenere Mikrokosmen werden und daß der innere Markt für alle Gewerbe den Weltmarkt immer mehr an Bedeutung überflügelt«. (»Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert.« 2. Aufl. 1909. S. 399–420.) – Diese niederschmetternde Entdeckung setzt freilich voraus, daß man das bizarre, von dem Herrn Professor erfundene Schema annimmt, wonach als Ausfuhrland – man weiß nicht, weshalb – einzig und allein dasjenige Land gelten soll, das seine Einfuhr mit dem Überschuß an landwirtschaftlichen Produkten über den eigenen Bedarf, »mit Boden« bezahlt. Nach diesem Schema sind Rußland, Rumänien, Vereinigte Staaten, Argentinien »Ausfuhrländer«, Deutschland aber, England, Belgien nicht. Da die kapitalistische Entwickelung über kurz oder lang den Überschuß an Agrarprodukten auch in den Vereinigten Staaten und in Rußland für den inneren Bedarf in Anspruch nehmen dürfte, so ist es klar, daß es immer weniger »Ausfuhrländer« in der Welt gibt, die Weltwirtschaft verschwindet also. – Eine andere Entdeckung Sombarts ist, daß die großen kapitalistischen Länder, die ja keine »Ausfuhrländer« sind, ihre Einfuhr immer mehr »umsonst« kriegen – nämlich als Zinsen der ausgeführten Kapitalien. Für Prof. Sombart zählt aber die Kapitalausfuhr ebenso wie die industrielle Warenausfuhr überhaupt nicht: »Mit der Zeit werden wir wohl dahin kommen, einzuführen, ohne auszuführen.« (l.c., S. 422.) Modern, sensationell und gigerlhaft.

15 l.c., S. 132.

16 l.c., S. 236. Noch resoluter formuliert dieselbe Ansicht W. Iljin: »Der Romantiker (so nennt er die Skeptiker) sagt: die Kapitalisten können den Mehrwert nicht verzehren, folglich müssen sie ihn ins Ausland absetzen. Ich frage: geben denn die Kapitalisten ihr Produkt den Ausländern etwa umsonst hin oder werfen sie es etwa ins Meer? Wenn sie es verkaufen, so heißt das, daß sie ein Äquivalent kriegen; führen sie gewisse Produkte aus – so heißt das, daß sie andere wieder einführen.« (Ökonomische Studien und Aufsätze, S. 26.) Im übrigen gibt Iljin eine viel richtigere Erklärung für die Rolle des auswärtigen Handels in der kapitalistischen Produktion als Struve und Bulgakow.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die »Disproportionalität« des Herrn Tugan Baranowsky.

Wir behandeln diesen Theoretiker zum Schluß – obwohl er seine Auffassung in russischer Sprache schon 1894, vor Struve und Bulgakow, formuliert hatte –, teils weil er erst später in deutscher Sprache seine Theorie in den »Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England« 1901 und in den »Theoretischen Grundlagen des Marxismus« 1905 in reifer Form entwickelt hat; teils weil er derjenige ist, der aus den gemeinsamen Prämissen der genannten marxistischen Kritiker die weitgehendsten Konsequenzen gezogen hat.

Auch Tugan Baranowsky geht wie Bulgakow von der Marxschen Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion aus. Auch er hat erst in dieser Analyse den Schlüssel gefunden, um sich in dem ganzen verworrenen und verwirrenden Komplex von Problemen zurechtzufinden. Während aber Bulgakow als begeisterter Adept der Marx-schen Lehre diese nur getreu zu entwickeln sich bemüht und seine Schlüsse einfach dem Meister imputiert, belehrt Tugan Baranowsky umgekehrt Marx, der es nicht verstanden habe, seine eigene glänzende Untersuchung des Reproduktionsprozesses zu verwerten. Der wichtigste allgemeine Schluß, zu dem Tugan auf Grund der Marxschen Sätze gelangt und den er zum Angelpunkt seiner ganzen Theorie macht, ist der, daß die kapitalistische Akkumulation – entgegen der Annahme der Skeptiker – nicht bloß bei den kapitalistischen Formen des Einkommens und der Konsumtion möglich, sondern daß sie von Einkommen und Konsumtion überhaupt unabhängig sei. Nicht die Konsumtion – die Produktion selbst sei ihr eigener bester Absatz. Deshalb sei Produktion mit Absatz identisch und, da die Produktionsausdehnung an sich unbeschränkt, habe auch die Aufnahmefähigkeit für ihre Produkte, der Absatz, keine Schranken. »Die angeführten Schemata,« sagt er, »mußten zur Evidenz den an sich sehr einfachen Grundsatz beweisen, welcher aber bei ungenügendem Verständnis des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals leicht Einwände hervorruft, nämlich den Grundsatz, daß die kapitalistische Produktion für sich selbst einen Markt schafft. Ist es nur möglich, die gesellschaftliche Produktion zu erweitern, reichen die Produktivkräfte dazu aus, so muß bei der proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion auch die Nachfrage eine entsprechende Erweiterung erfahren, denn unter diesen Bedingungen repräsentiert jede neuproduzierte Ware eine neuerschienene Kaufkraft für die Erwerbung anderer Waren. Aus der Vergleichung der einfachen Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals mit dessen Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter kann man den höchst wichtigen Schluß ziehen, daß in der kapitalistischen Wirtschaft die Nachfrage nach Waren vom Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion in einem gewissen Sinne unabhängig ist: es kann der Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion zurückgehen und zugleich die gesamte gesellschaftliche Nachfrage nach Waren wachsen, wie absurd das auch vom Standpunkte des ›gesunden Menschenverstandes‹ erscheinen mag«.1 Und ebenso weiter: »Als Resultat unserer abstrakten Analyse des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals hat sich der Schluß ergeben, daß es bei einer proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion kein überschüssiges gesellschaftliches Produkt geben kann«.2 Von hier aus revidiert Tugan die Marxsche Krisentheorie, die angeblich auf der Sismondischen »Unterkonsumtion« beruhe: »Die verbreitete Meinung, die bis zu einem gewissen Grade auch von Marx geteilt wurde, daß das Elend der Arbeiter, welche die große Mehrzahl der Bevölkerung bilden, eine Realisation der Produkte der sich immer erweiternden kapitalistischen Produktion wegen mangelnder Nachfrage unmöglich macht – ist als falsch zu bezeichnen. Wir haben gesehen, daß die kapitalistische Produktion für sich selbst einen Markt schafft – die Konsumtion ist nur eines der Momente der kapitalistischen Produktion. Wenn die gesellschaftliche Produktion planmäßig organisiert wäre, wenn die Leiter der Produktion eine vollkommene Kenntnis der Nachfrage und die Macht hätten, die Arbeit und das Kapital frei aus einem Produktionszweig in einen anderen überzuführen, so könnte, wie niedrig die gesellschaftliche Konsumtion auch sein möchte, das Angebot der Waren die Nachfrage nicht überschreiten«.3 Der einzige Umstand, der periodisch eine Marktüberfüllung erzeugt, sei der Mangel an Proportionalität bei der Produktionserweiterung. Den Gang der kapitalistischen Akkumulation unter dieser Voraussetzung schildert Tugan folgendermaßen: »Was würden … die Arbeiter … bei einer proportionellen Einteilung der Produktion produzieren? Offenbar ihre eigenen Lebensmittel und Produktionsmittel. Wozu werden aber solche dienen? Zur Erweiterung der Produktion im zweiten Jahre. Der Produktion welcher Produkte? Wieder der Produktionsmittel und Lebensmittel der Arbeiter – und so ad infinitum«.4 Dieses Frage- und Antwortspiel ist wohlgemerkt nicht als Selbstpersiflage, sondern völlig ernst gemeint. Und so ergeben sich für die Kapitalakkumulation unendliche Perspektiven: »Ist … die Ausdehnung der Produktion praktisch grenzenlos, so müssen wir die Ausdehnung des Marktes als ebenso grenzenlos annehmen, denn es gibt bei der proportioneilen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion für die Ausdehnung des Marktes keine andere Schranke außer den Produktivkräften, über welche die Gesellschaft verfügt«.5

Da so die Produktion selbst ihren Absatz schafft, so bekommt auch der auswärtige Handel der kapitalistischen Staaten die eigentümliche mechanische Rolle zugewiesen, die wir schon bei Bulgakow kennen gelernt haben. Der auswärtige Absatzmarkt ist z.B. für England unbedingt notwendig. »Beweist das nicht, daß die kapitalistische Produktion ein überschüssiges Produkt schafft, für welches auf dem inneren Markte kein Platz vorhanden ist? Warum bedarf England überhaupt eines auswärtigen Marktes? Die Antwort ist keine schwere. Darum, weil ein bedeutender Teil der Kaufkraft Englands für die Anschaffung ausländischer Waren verausgabt wird. Die Einfuhr ausländischer Waren für den inneren Markt Englands macht auch die Ausfuhr englischer Waren für den auswärtigen Markt absolut notwendig. Da England ohne einen ausländischen Import nicht auskommen kann, so ist auch ein Export für dieses Land eine Existenzbedingung, sonst hätte es nichts, womit es für seinen Import bezahlen könnte«.6 Hier ist also wieder die landwirtschaftliche Einfuhr als der stimulierende, ausschlaggebende Faktor bezeichnet, und ebenso finden wir die zwei Kategorien Länder »eines landwirtschaftlichen und eines industriellen Typus«, die von Natur auf den Austausch untereinander angewiesen sind – ganz nach dem Schema deutscher Professoren.

Welches ist nun die Beweisführung für die kühne Lösung des Akkumulationsproblems bei Tugan Baranowsky, von der aus er auch das Problem der Krisen und eine ganze Reihe anderer beleuchtet? Es ist kaum zu glauben, aber um so wichtiger festzustellen: die Beweisführung Tugans besteht einzig und allein im Marxschen Schema der erweiterten Reproduktion. Ni plus ni moins. Tugan Baranowsky spricht zwar an mehreren Stellen etwas großspurig von seiner »abstrakten Analyse des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals«, von »zwingender Logik« seiner Analyse, die ganze »Analyse« reduziert sich jedoch auf die Abschrift des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion, nur mit anders gewählten Zahlen. In der ganzen Studie Tugans wird man keine Spur eines anderen Beweises finden. In dem Marxschen Schema verläuft nun tatsächlich die Akkumulation, die Produktion, die Realisierung, der Austausch, die Reproduktion glatt wie am Schnürchen. Und ferner kann man diese »Akkumulation« auch tatsächlich »ad infinitum« fortsetzen. Nämlich solange Papier und Tinte reichen. Und diese seine harmlose Übung mit arithmetischen Gleichungen auf dem Papier gibt Tugan Baranowsky in vollem Ernst für den Beweis aus, daß die Dinge sich ebenso in Wirklichkeit abspielen. »Die angeführten Schemata mußten zur Evidenz beweisen« … Und an einer anderen Stelle widerlegt er Hobson, der von der Unmöglichkeit der Akkumulation überzeugt ist, folgendermaßen: »Das … Schema Nr. 2 der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals auf erweiterter Stufenleiter entspricht dem von Hobson betrachteten Falle der Akkumulation des Kapitals. Sehen wir aber in diesem Schema ein überschüssiges Produkt entstehen? In keiner Weise!«4a Also weil »im Schema« kein überschüssiges Produkt entsteht, so ist Hobson auch schon widerlegt und die Sache erledigt.

Freilich, Tugan Baranowsky weiß sehr wohl, daß in der rauhen Wirklichkeit die Dinge nicht so glatt verlaufen. Es gibt beständige Schwankungen beim Austausch und periodische Krisen. Aber die Krisen treten eben nur deshalb ein, weil keine Proportionalität bei der Produktionserweiterung beobachtet wird, d.h. weil man sich im voraus nicht an die Proportionen des »Schemas Nr. 2« hält. Wäre nach dem verfahren, dann hätten wir keine Krisen und alles ginge in der kapitalistischen Produktion so hübsch vonstatten wie auf dem Papier. Nun wird Tugan zugeben müssen, daß man – wo wir den Reproduktionsprozeß im ganzen als einen fortlaufenden Prozeß behandeln – von den Krisen füglich absehen darf. Die »Proportionalität« mag alle Augenblicke aus den Fugen gehen, im Durchschnitt der Konjunkturen durch lauter Abweichungen, durch Preisschwankungen täglich und durch Krisen periodisch wird ja die »Proportionalität« immer wieder eingerenkt. Daß sie im ganzen schlecht oder recht tatsächlich eingehalten wird, beweist der Umstand, daß die kapitalistische Wirtschaft fortbesteht und sich entwickelt, sonst hätten wir längst ein Tohuwabohu und den Zusammenbruch erlebt. Im Durchschnitt, im Endresultat wird also die Tugansche Proportionalität eingehalten, woraus zu schließen, daß die Wirklichkeit sich nach »Schema Nr. 2« richtet. Und weil dieses Schema sich unendlich weiterführen läßt, so kann auch die Kapitalakkumulation ad infinitum fortschreiten.

Auffallend ist bei alledem nicht das Resultat, zu dem Tugan Baranowsky gelangt, nämlich die Annahme, daß das Schema tatsächlich dem Gang der Dinge entspricht – wir sahen, daß auch Bulgakow diesen Glauben teilte –, sondern der Umstand, daß Tugan nicht einmal für nötig hält, die Frage danach zu stellen, ob denn das »Schema« stimmt, daß er, statt das Schema zu beweisen, umgekehrt das Schema selbst, die arithmetische Übung auf dem Papier, für einen Beweis betrachtet, daß auch in Wirklichkeit die Dinge sich so verhalten. Bulgakow suchte das Marxsche Schema mit ehrlicher Mühe auf die wirklichen konkreten Verhältnisse der kapitalistischen Wirtschaft und des kapitalistischen Austausches zu projizieren, suchte sich durch die Schwierigkeiten, die sich daraus ergaben, durchzuringen, was er freilich nicht fertiggebracht hat und wobei er schließlich in der Analyse von Marx stecken blieb, die er selbst mit voller Klarheit als unfertig, abgebrochen ansah. Tugan Baranowsky braucht gar keine Beweise, er zerbricht sich nicht viel den Kopf: da sich die arithmetischen Proportionen zur Zufriedenheit lösen und nach Belieben fortsetzen lassen, so ist ihm das just ein Beweis, daß sich die kapitalistische Akkumulation – vorbehaltlich der bewußten »Proportionalität«, die aber, wie auch Tugan nicht bestreiten wird, vorn oder hinten doch hineinkommt – ebenso restlos und unendlich fortwinden könne.

Tugan Baranowsky hat freilich einen indirekten Beweis, daß das Schema mit seinen seltsamen Ergebnissen der Wirklichkeit entspricht, ihr treues Spiegelbild darstellt. Das ist die Tatsache, daß; in der kapitalistischen Gesellschaft, ganz im Einklang mit dem Schema, die menschliche Konsumtion hinter die Produktion gesetzt, jene zum Mittel, diese zum Selbstzweck, wie auch menschliche Arbeit der »Arbeit« der Maschine gleichgesetzt werde: »Der technische Fortschritt gelangt darin zum Ausdruck, daß die Bedeutung der Arbeitsmittel, der Maschine immer mehr, im Vergleich mit der lebendigen Arbeit, dem Arbeiter selbst, zunimmt. Die Produktionsmittel spielen eine immer größere Rolle im Produktionsprozeß und auf dem Warenmarkt. Der Arbeiter tritt gegenüber der Maschine in den Hintergrund, und zugleich tritt in den Hintergrund die aus der Konsumtion des Arbeiters entstehende Nachfrage im Vergleich mit der Nachfrage, welche aus der produktiven Konsumtion der Produktionsmittel entsteht. Das ganze Getriebe der kapitalistischen Wirtschaft nimmt den Charakter eines gleichsam für sich selbst existierenden Mechanismus an, in welchem die Konsumtion der Menschen als ein einfaches Moment des Prozesses der Reproduktion und der Zirkulation des Kapitals erscheint«.7 Diese Entdeckung betrachtet Tugan als das Grundgesetz der kapitalistischen Wirtschaftsweise, und ihre Bestätigung kommt in einem ganz handgreiflichen Phänomen zum Ausdruck: mit dem Fortgang der kapitalistischen Entwickelung wächst die Abteilung der Produktionsmittel im Verhältnis zur Abteilung der Konsumtionsmittel und auf ihre Kosten immer mehr. Gerade Marx hat bekanntlich dieses Gesetz selbst aufgestellt und seine schematische Darstellung der Reproduktion beruht auf diesem Gesetz, obschon Marx die dadurch herbeigeführten Verschiebungen der Einfachheit halber nicht in der weiteren Entwickelung seines Schemas zahlenmäßig berücksichtigt hat. Hier also, in dem automatischen Wachstum der Abteilung der Produktionsmittel im Vergleich zu der Abteilung der Konsumtionsmittel hat Tugan den einzigen objektiven exakten Beweis für seine Theorie gefunden, daß in der kapitalistischen Gesellschaft die menschliche Konsumtion immer unwichtiger, die Produktion immer mehr Selbstzweck wird. Diesen Gedanken macht er zum Eckstein seines ganzen theoretischen Gebäudes. »In allen industriellen Staaten – verkündet er – tritt uns dieselbe Erscheinung entgegen – überall folgt die Entwickelung der Volkswirtschaft demselben fundamentalen Gesetz. Die Montanindustrie, welche die Produktionsmittel für die moderne Industrie schafft, wird immer mehr in den Vordergrund gerückt. Somit kommt in der relativen Abnahme des Exports derjenigen britischen Fabrikate, die in den unmittelbaren Verbrauch eingehen, auch das Grundgesetz der kapitalistischen Entwickelung zum Ausdruck: je mehr die Technik fortschreitet, desto mehr treten die Konsumtionsmittel zurück gegenüber den Produktionsmitteln. Die Menschenkonsumtion spielt eine immer geringere Rolle gegenüber der produktiven Konsumtion der Produktionsmittel«.8

Wiewohl Tugan auch dieses »fundamentale Gesetz« leibhaftig und fertig direkt von Marx bezogen hat, wie seine sämtlichen »fundamentalen« Gedanken sonst, sofern sie etwas Greifbares und Exaktes darstellen, so ist er wieder damit nicht zufrieden und beeilt sich, Marx sofort mit der von Marx bezogenen Weisheit zu belehren. Marx habe da wieder wie ein blindes Huhn eine Perle gefunden, wisse aber nicht, was er damit anfangen soll. Erst Tugan Baranowsky hat die »fundamentale« Entdeckung für die Wissenschaft zu fruktifizieren verstanden, in seiner Hand beleuchtet plötzlich das gefundene Gesetz das gesamte Getriebe der kapitalistischen Wirtschaft: hier in diesem Gesetz des Wachstums der Abteilung der Produktionsmittel auf Kosten der Abteilung der Konsumtionsmittel kommt klar, deutlich, exakt, meßbar zum Ausdruck, daß für die kapitalistische Gesellschaft die menschliche Konsumtion immer unwichtiger, daß der Mensch von ihr dem Produktionsmittel gleichgesetzt wird, daß also Marx gründlich irrte, einmal als er annahm, daß nur der Mensch den Mehrwert schaffe und nicht auch die Maschine, daß die menschliche Konsumtion eine Schranke für die kapitalistische Produktion darstelle, woraus sich heute periodische Krisen und morgen der Zusammenbruch und das Ende mit Schrecken der kapitalistischen Wirtschaft ergeben müßten. Kurz, in dem »Grundgesetz« des Wachstums der Produktionsmittel auf Kosten der Konsumtionsmittel spiegelt sich die kapitalistische Gesellschaft als Ganzes mit ihrem spezifischen Wesen, wie es von Marx nicht verstanden und von Tugan Baranowsky endlich glücklich entziffert worden ist.

Wir haben schon früher gesehen, welche entscheidende Rolle das besagte kapitalistische »Grundgesetz« in der Kontroverse der russischen Marxisten mit den Skeptikern spielte. Bulgakows Äußerungen kennen wir. Genau so drückt sich ein anderer Marxist in seiner Polemik gegen die »Volkstümler«, der von uns bereits erwähnte W. IIjin, aus:

»Wie bekannt, besteht das Gesetz der kapitalistischen Produktion darin, daß das konstante Kapital rascher wächst als das variable, d.h. ein immer größerer Teil sich neu bildender Kapitale wendet sich der Abteilung der gesellschaftlichen Produktion zu, die Produktionsmittel herstellt. Folglich muß diese Abteilung unbedingt rascher wachsen als die Abteilung, die Konsummittel herstellt, d.h. es tritt just das ein, was Sismondi für ›unmöglich‹, ›gefährlich‹ usw. erklärte. Folglich nehmen die Konsummittel in der Gesamtmasse der kapitalistischen Produktion immer weniger und weniger Raum ein. Und das entspricht vollkommen der geschichtlichen ›Mission‹ des Kapitalismus und seiner spezifischen sozialen Struktur: die erstere besteht nämlich in der Entwickelung der Produktivkräfte der Gesellschaft (Produktion um der Produktion willen); die letztere schließt die Utilisierung derselben durch die Masse der Bevölkerung aus«.9 Tugan Baranowsky geht natürlich auch hier weiter als die anderen. In seinem Gefallen an Paradoxen leistet er sich sogar den Witz, mathematisch den Nachweis zu liefern, daß die Akkumulation des Kapitals und die Produktionserweiterung sogar bei absolutem Rückgang der Konsumtion möglich sei. Hier ertappt ihn K. Kautsky bei einem wissenschaftlich wenig salonfähigen Manöver, nämlich dabei, daß er seine kühne Deduktion ausschließlich auf einen spezifischen Moment: den Übergang von der einfachen zur erweiterten Reproduktion zugeschnitten hat, einen Moment, der theoretisch nur als Ausnahme gedacht werden kann, praktisch aber überhaupt nicht in Betracht kommt.10

Was das Tugansche »Grundgesetz« betrifft, so erklärt es Kautsky für bloßen Schein, der sich deshalb ergäbe, weil Tugan Baranowsky nur die Gestaltung der Produktion in den alten Ländern der kapitalistischen Großindustrie ins Auge fasse: »Es ist richtig«, sagt Kautsky, »daß die Zahl der Produktionsstätten, in denen die Produkte direkt für den persönlichen Konsum fertig gemacht werden, mit fortschreitender Arbeitsteilung verhältnismäßig immer mehr sinkt gegenüber den anderen Produktionsstätten, die jenen und einander Werkzeuge, Maschinen, Rohmaterialien, Transportmittel usw. liefern. Während in der ursprünglichen Bauernwirtschaft der Flachs von dem Betrieb, der ihn gewann, auch mit eigenen Werkzeugen verarbeitet und für den menschlichen Verbrauch fertiggemacht wurde, sind jetzt vielleicht Hunderte von Betrieben an der Herstellung eines Hemds beteiligt, an der Herstellung der Rohbaumwolle, der Produktion der Eisenschienen, Lokomotiven und Waggons, die sie nach dem Hafen bringen« usw. »Bei der internationalen Arbeitsteilung kommt es dahin, daß einzelne Länder – die alten Industrieländer – ihre Produktion zum persönlichen Konsum nur noch langsam ausdehnen können, während die Produktion von Produktionsmitteln bei ihnen noch rasche Portschritte macht und für den Pulsgang ihres ökonomischen Lebens viel bestimmender wird als die der Produktion von Konsumtionsmitteln. Wer die Sache nur vom Standpunkt der betreffenden Nation ansieht, kommt dann leicht zur Ansicht, die Produktion von Produktionsmitteln könne dauernd rascher wachsen als die von Konsumtionsmitteln, sie sei an diese nicht gebunden.«

Letzteres, d.h. die Ansicht, als sei die Produktion von Produktionsmitteln von der Konsumtion unabhängig, ist natürlich eine vulgärökonomische Luftspiegelung Tugan Baranowskys. Nicht so die Tatsache, mit der er diesen Trugschluß begründen will: das raschere Wachstum der Abteilung der Produktionsmittel im Vergleich zu derjenigen der Konsumtionsmittel. Diese Tatsache läßt sich gar nicht bestreiten, und zwar nicht bloß für alte Industrieländer, sondern überall, wo technischer Fortschritt die Produktion beherrscht. Auf ihr beruht auch das Marxsche Fundamentalgesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Aber trotzdem oder gerade deshalb ist es ein großer Irrtum, wenn Bulgakow, Iljin und Tugan Baranowsky wähnen, in diesem Gesetz das spezifische Wesen der kapitalistischen Wirtschaft als einer, für die Produktion Selbstzweck, menschliche Konsumtion bloß Nebensache sei, entschleiert zu haben.

Das Wachstum des konstanten Kapitals auf Kosten des variablen ist nur der kapitalistische Ausdruck der allgemeinen Wirkungen der steigenden Produktivität der Arbeit. Die Formel c>v aus der kapitalistischen Sprache in die Sprache des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses übertragen, heißt nur soviel: je höher die Produktivität der menschlichen Arbeit, um so kürzer die Zeit, in der sie ein gegebenes Quantum Produktionsmittel in fertige Produkte verwandelt.11 Das ist ein allgemeines Gesetz der menschlichen Arbeit, das ebensogut unter allen vorkapitalistischen Produktionsformen Geltung hatte, wie es in der Zukunft in der sozialistischen Gesellschaftsordnung gelten wird. Ausgedrückt in der sachlichen Gebrauchsgestalt des gesellschaftlichen Gesamtprodukts muß sich dieses Gesetz äußern in einer immer größeren Verwendung der gesellschaftlichen Arbeitszeit auf Herstellung von Produktionsmitteln im Vergleich zur Herstellung von Konsummitteln. Ja, diese Verschiebung müßte in einer sozialistisch organisierten, planmäßig geleiteten gesellschaftlichen Wirtschaft noch bedeutend rascher vor sich gehen als in der gegenwärtigen kapitalistischen. Erstens wird die Anwendung der rationellen wissenschaftlichen Technik auf breitester Grundlage in der Landwirtschaft erst möglich, wenn die Schranken des privaten Grundbesitzes beseitigt sind. Daraus wird sich auf einem großen Gebiete der Produktion eine gewaltige Umwälzung ergeben, die im allgemeinen Resultat auf eine umfangreiche Verdrängung der lebendigen Arbeit durch Maschinenarbeit hinausläuft und die Inangriffnahme technischer Aufgaben größten Stils herbeiführen wird, für die heute keine Bedingungen vorhanden sind. Zweitens wird die Anwendung der Maschinerie überhaupt im Produktionsprozeß auf eine neue ökonomische Basis gestellt werden. Gegenwärtig tritt die Maschine nicht mit der lebendigen Arbeit, sondern bloß mit dem bezahlten Teil der lebendigen Arbeit in Konkurrenz. Die unterste Grenze der Anwendbarkeit der Maschine in der kapitalistischen Produktion ist mit den Kosten der durch sie verdrängten Arbeitskraft gegeben. Das heißt: für den Kapitalisten kommt eine Maschine erst dann in Betracht, wenn ihre Produktionskosten – bei gleicher Leistungsfähigkeit – weniger betragen als die Löhne der durch sie verdrängten Arbeiter. Vom Standpunkte des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses, der allein in der sozialistischen Gesellschaft maßgebend sein kann, muß die Maschine nicht mit der zur Erhaltung der Arbeitenden notwendigen Arbeit, sondern mit der von ihnen geleisteten Arbeit in Konkurrenz treten. Das besagt soviel, daß für eine Gesellschaft, in der nicht Profitstandpunkte, sondern Ersparnis der menschlichen Arbeit maßgebend ist, die Anwendung der Maschine schon dann ökonomisch geboten wäre, wenn ihre Herstellung weniger Arbeit kostet, als sie an lebendiger Arbeit erspart. Wir sehen davon ab, daß in vielen Fällen, wo die Gesundheit und dergleichen Rücksichten auf die Interessen der Arbeitenden selbst in Frage kommen, die Anwendbarkeit der Maschine in Betracht kommen kann, auch wenn sie nicht einmal diese ökonomische Minimalgrenze der Ersparnis erreicht. Jedenfalls ist die Spannung zwischen der ökonomischen Anwendbarkeit der Maschinen in der kapitalistischen und in der sozialistischen Gesellschaft mindestens gleich der Differenz zwischen der lebendigen Arbeit und ihrem bezahlten Teil, d.h. sie kann genau gemessen werden durch den ganzen kapitalistischen Mehrwert. Daraus folgt, daß mit der Beseitigung der kapitalistischen Profitinteressen und der Einführung der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit die Grenze für die Anwendung der Maschinen sich plötzlich um die ganze Größe des kapitalistischen Mehrwerts hinausschieben, ihrem Eroberungszug sich ein enormes unübersehbares Feld eröffnen wird. Es müßte sich dann handgreiflich zeigen, daß die kapitalistische Produktionsweise, die angeblich zur äußersten Entwickelung der Technik anstachelt, tatsächlich in dem ihr zugrunde liegenden Profitinteresse eine hohe soziale Schranke für den technischen Fortschritt aufrichtet, und daß mit der Niederreißung dieser Schranke der technische Fortschritt mit einer Macht vorwärts drängen wird, gegen die die technischen Wunder der kapitalistischen Produktion wie ein Kinderspiel erscheinen dürften.

Ausgedrückt in der Zusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts, kann dieser technische Umschwung nur bedeuten, daß die Produktion von Produktionsmitteln in der sozialistischen Gesellschaft – an Arbeitszeit gemessen – noch unvergleichlich rascher anwachsen muß im Vergleich zur Produktion von Konsummitteln wie heute. Und so stellt sich das Verhältnis der beiden Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion, in dem die russischen Marxisten einen spezifischen Ausdruck der kapitalistischen Verworfenheit, der Mißachtung für die menschlichen Konsumtionsbedürfnisse gepackt zu haben wähnten, vielmehr als der genaue Ausdruck der fortschreitenden Beherrschung der Natur durch die gesellschaftliche Arbeit heraus, ein Ausdruck, der am ausgeprägtesten just dann hervortreten müßte, wenn die menschlichen Bedürfnisse der allein mäßgebende Gesichtspunkt der Produktion sein werden. Der einzige objektive Beweis für das »Fundamentalgesetz« Tugan Baranowskys bricht somit als ein »fundamentales« Quiproquo zusammen, und seine ganze Konstruktion, aus der er auch die »neue Krisentheorie« mitsamt der »Disproportionalität« abgeleitet hat, wird reduziert auf ihre papierene Grundlage: auf das von Marx sklavisch abgeschriebene Schema der erweiterten Reproduktion.

1 Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England. Jena 1901. S. 25.

2 l.c., S. 34.

3 l.c., S. 33.

4 l.c., S. 191.

5 l.c., S. 231. Unterstrichen im Original.

4a l.c., S. 191.

6 l.c., S. 35.

7 l.c., S. 27.

8 l.c., S. 58.

9 Wladimir Iljin, ökonomische Studien und Artikel. Zur Charakteristik des ökonomischen Romantizistnus. Petersburg 1899. S. 20. Demselben Verfasser gehört übrigens die Behauptung, daß die erweiterte Reproduktion erst mit dem Kapitalismus beginnt. Iljin hat nicht bemerkt, daß wir mit der einfachen Reproduktion, die er als Gesetz für alle vorkapitalistischen Produktionsweisen annimmt, wahrscheinlich heule noch über den paläolithischen Schaber nicht hinaus wären.

10 Die Neue Zeit, XX. Jahrg., 2, Krisentheorien, S. 116. Wenn K. Kautsky durch die Fortsetzung des Schemas der erweiterten Reproduktion Tugan ziffernmäßig beweist, daß die Konsumtion unbedingt wachsen müsse, und zwar »genau in demselben Verhältnis wie die Wertmasse der Produktionsmittel«, so ist dazu zweierlei zu bemerken. Erstens ist dabei von Kautsky, wie auch von Marx in seinem Schema, der Fortschritt der Produktivität der Arbeit nicht berücksichtigt, wodurch die Konsumtion relativ größer erscheint, als der Wirklichkeit entsprechen würde. Zweitens aber ist das Wachstum der Konsumtion, auf das Kautsky hier verweist, selbst Folge, Ergebnis der erweiterten Reproduktion, nicht ihre Grundlage und ihr Zweck: es ergibt sich in der Hauptsache aus dem gewachsenen variablen Kapital, aus der wachsenden Verwendung neuer Arbeiter. Die Erhaltung dieser Arbeiter kann aber nicht als Zweck und Aufgabe der Erweiterung der Reproduktion betrachtet werden, so wenig übrigens wie die zunehmende persönliche Konsumtion der Kapitalistenklasse. Der Hinweis Kautskys schlägt also wohl die Spezialschrulle Tugans zu Boden: den Einfall, eine erweiterte Reproduktion bei absoluter Abnahme der Konsumtion zu konstruieren; er geht hingegen nicht auf die Grundfrage des Verhältnisses von Produktion zur Konsumtion vom Standpunkte des Reproduktionsprozesses ein. Wir lesen zwar an einer anderen Stelle desselben Aufsatzes: »Die Kapitalisten und die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter bilden einen mit der Zunahme des Reichtums der ersteren und der Zahl der letzteren zwar stets wachsenden, aber nicht so rasch wie die Akkumulation des Kapitals und die Produktivität der Arbeit anwachsenden und für sich allein nicht ausreichenden Markt für die von der kapitalistischen Großindustrie geschaffenen Konsummittel. Diese muß einen zusätzlichen Markt außerhalb ihres Bereiches in den noch nicht kapitalistisch produzierenden Berufen und Nationen suchen. Den findet sie auch und sie erweitert ihn ebenfalls immer mehr, aber ebenfalls nicht rasch genug. Denn dieser zusätzliche Markt besitzt bei weitem nicht die Elastizität und Ausdehnungsfähigkeit des kapitalistischen Produktionsprozesses. Sobald die kapitalistische Produktion zur entwickelten Großindustrie geworden ist, wie dies in England schon im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der Fall war, erhält sie die Möglichkeit derartiger sprunghafter Ausdehnung, daß sie jede Erweiterung des Marktes binnen kurzem überholt. So ist Jede Periode der Prosperität, die einer erheblichen Erweiterung des Marktes folgt, von vornherein zur Kurzlebigkeit verurteilt und die Krise wird ihr notwendiges Ende. Dies in kurzen Zügen die, soweit wir sehen, von den »orthodoxen« Marxisten allgemein angenommene, von Marx begründete Krisentheorie.« (l.c., S. 80.) Kautsky befaßt sich aber damit nicht, die Auffassung von der Realisierung des Gesamtprodukts mit dem Marxschen Schema der erweiterten Reproduktion in Einklang zu bringen, vielleicht aus dem Grunde, weil er, wie auch das Zitat zeigt, das Problem ausschließlich unter dem Gesichtswinkel der Krisen, d.h. vom Standpunkte des gesellschaftlichen Produkts als einer unterschiedslosen Warenmasse in ihrer Gesamtmenge, nicht unter dem Gesichtswinkel seiner Gliederung im Reproduktionsprozeß behandelt
An diese letztere Frage tritt anscheinend näher L. Boudin heran, der in seiner glänzenden Kritik desselben Tugan Baranowsky die Formulierung gibt:
»Das in den kapitalistischen Ländern produzierte Mehrprodukt hat – mit einigen später zu erwähnenden Ausnahmen – nicht darum die Räder der Produktion in ihrem Lauf gehemmt, weil die Produktion geschickter m die verschiedenen Sphären verteilt worden ist oder weil aus der Produktion von Baumwollwaren eine Produktion von Maschinen geworden ist, sondern deshalb, weil auf Grund der Tatsache, daß sich einige Länder früher kapitalistisch umentwickelt haben als andere und daß es auch jetzt noch einige kapitalistisch unentwickelt gebliebene gibt, die kapitalistischen Länder wirklich eine außerhalb liegende Welt haben, in welche sie die von ihnen nicht selbst zu verbrauchenden Produkte hineinwerfen konnten, gleichviel, ob diese Produkte nun in Baumwoll- oder in Eisenwaren bestanden. Damit soll durchaus nicht gesagt sein, daß die Wandlung von den Baumwoll- zu den Eisenwaren als führendem Produkt der hauptsächlichen kapitalistischen Länder etwa bedeutungslos wäre. Im Gegenteil, sie ist von der größten Wichtigkeit. Aber ihre Bedeutung ist eine ganz andere, als Tugan Baranowsky ihr beilegt Sie zeigt den Anfang vom Ende des Kapitalismus. Solange die kapitalistischen Länder Waren zur Konsumtion ausführten, solange war noch Hoffnung für den Kapitalismus in jenen Ländern. Da war noch nicht die Rede davon, wie groß die Aufnahmefähigkeit der nichtkapitalistischen Außenwelt für die kapitalistisch produzierten Waren wäre und wie lange sie noch dauern würde. Das Anwachsen der Maschinenfabrikation im Export der kapitalistischen Hauptländer auf Kosten der Konsumtionsgüter zeigt, daß Gebiete, welche früher abseits vom Kapitalismus standen und deshalb als Abladestelle für sein Mehrprodukt dienten, nunmehr in das Getriebe des Kapitalismus hineingezogen worden sind, zeigt, daß, da ihr eigener Kapitalismus sich entwickelt, sie ihre eigenen Konsumtionsgüter selbst produzieren. Jetzt, wo sie erst im Anfangsstadium ihrer kapitalistischen Entwicklung sind, brauchen sie noch die kapitalistisch produzierten Maschinen. Aber bald genug werden sie sie nicht mehr brauchen. Sie werden ihre eigenen Eisenwaren produzieren, genau so, wie sie jetzt ihre eigenen Baumwoll- und andere Konsumtionswaren erzeugen. Dann werden sie nicht nur aufhören, eine Aufnahmestelle für das Mehrprodukt der eigentlichen kapitalistischen Länder zu sein, vielmehr werden sie selbst ein Mehrprodukt erzeugen, das sie nur schwer werden unterbringen können.« (Die Neue Zeit. XXV. Jahrg., 1. Mathematische Formeln gegen Karl Marx, S. 604.) Boudin gibt hier sehr wichtige Ausblicke auf die großen Verknüpfungen in der Entwicklung des internationalen Kapitalismus. Weiter kommt er in diesem Zusammenhang logisch auf die Frage des Imperialismus. Leider spitzt er seine scharfe Analyse zum Schluß nach einer falschen Seite zu, indem er die ganze militaristische Produktion und das System der internationalen Kapitalausfuhr nach nichtkapitalistischen Ländern unter den Begriff der »Verschwendung« bringt. – Im übrigen ist festzustellen, daß Boudin, genau wie Kautsky, das Gesetz des rascheren Wachstums der Abteilung der Produktionsmittel im Vergleich zur Abteilung der Lebensrnittel für eine Täuschung Tugan Baranowskys hält.

11 »Abgesehen von Naturbedingungen, wie Fruchtbarkeit des Bodens usw., und vom Geschick unabhängiger und isoliert arbeitender Produzenten, das sich jedoch mehr qualitativ in der Güte als quantitativ in der Masse des Machwerks bewährt, drückt sich der gesellschaftliche Produktivgrad der Arbeit aus im relativen Größenumfang der Produktionsmittel, welche ein Arbeiter während gegebener Zeit, mit derselben Anspannung von Arbeitskraft in Produkt verwandelt. Die Masse der Produktionsmittel, womit er funktioniert, wächst mit der Produktivität seiner Arbeit. Diese Produktionsmittel spielen dabei eine doppelte Rolle. Das Wachstum der einen ist Folge, das der anderen Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. z.B. mit der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit und der Anwendung von Maschinerie wird in derselben Zeit mehr Rohmaterial verarbeitet, tritt also größere Masse von Rohmaterial und Hilfsstoffen in den Arbeitsprozeß ein. Das ist die Folge der wachsenden Produktivität der Arbeit. Andererseits ist die Masse der angewandten Maschinerie, des Arbeitsviehs, mineralischen Düngers, Drainierungsröhren usw. Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. Ebenso die Masse der in Baulichkeiten, Riesenöfen, Transportmitteln usw. konzentrierten Produktionsmittel. Ob aber Bedingung oder Folge, der wachsende Größenumfang der Produktionsmittel im Vergleich zu der ihnen einverleibten Arbeitskraft drückt die wachsende Produktivität der Arbeit aus. Die Zunahme der letzeren erscheint also in der Abnahme der Arbeitsmasse verhältnismäßig zu der von ihr bewegten Masse von Produktionsmitteln oder in der Größenabnahme des subjektiven Faktors des Arbeitsprozesses, verglichen mit seinen objektiven Faktoren.« (Das Kapital, I, S. 586.) Und noch an einer anderen Stelle: »Man hat früher gesehen, daß mit der Entwicklung der Produktivität der Arbeit, also auch mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise – welche die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit mehr entwickelt als alle früheren Produktionsweisen –, die Masse der in der Form von Arbeitsmitteln dem Prozeß ein für allemal einverleibten und stets wiederholt, während längerer oder kürzerer Periode in ihm fungierenden Produktionsmittel (Gebäude, Maschinen usw.) beständig wächst, und daß ihr Wachstum sowohl Voraussetzung wie Wirkung der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit ist. Das nicht nur absolute, sondern relative Wachstum des Reichtums in dieser Form (vgl. Buch I, Kap. XXIII, 2) charakterisiert vor allem die kapitalistische Produktionsweise. Die stofflichen Existenzformen des konstanten Kapitals, die Produktionsmittel, bestehen aber nicht nur aus derartigen Arbeitsmitteln, sondern auch aus Arbeitsmaterial auf den verschiedensten Stufen der Verarbeitung und aus Hilfsstoffen. Mit der Stufenleiter der Produktion und der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit durch Kooperation, Teilung, Maschinerie usw. wächst die Masse des Rohmaterials, der Hilfsstoffe usw., die in den täglichen Reproduktionsprozeß eingehen.« (Das Kapital, Bd. II, S. 112.)

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Ausgang des russischen »legalen« Marxismus.

Es ist ein Verdienst der russischen »legalen« Marxisten und insbesondere Tugan Baranowskys, die Analyse des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses und dessen schematische Darstellung im 2. Bande des Marxschen »Kapital« im Kampfe mit den Skeptikern der kapitalistischen Akkumulation für die Wissenschaft fruktifiziert zu haben. Da aber Tugan Baranowsky diese schematische Darstellung für die Lösung des Problems selbst statt für dessen Formulierung versehen hat, so kam er zu Schlüssen, welche die Grundlagen selbst der Marxschen Lehre auf den Kopf stellen mußten.

Die Tugansche Auffassung, wonach die kapitalistische Produktion für sich selbst schrankenlosen Absatz bilden könne und von der Konsumtion unabhängig sei, führt ihn geradenwegs zu der Say-Ricardoschen Theorie von dem natürlichen Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion, Nachfrage und Angebot. Der Unterschied ist nur der, daß Say-Ricardo sich ausschließlich in den Bahnen der einfachen Warenzirkulation bewegten, während Tugan dieselbe Auffassung einfach auf die Kapitalzirkulation überträgt. Seine Theorie der Krisen aus »Disproportionalität« ist im Grunde genommen nichts als eine Paraphrase der alten platten Abgeschmacktheit Says: Wenn von irgendeiner Ware zuviel produziert worden ist, so beweist das bloß, daß von irgendeiner anderen Ware zu wenig produziert worden ist, nur daß Tugan diese Abgeschmacktheit in der Sprache der Marxschen Analyse des Reproduktionsprozesses vorträgt. Und wenn er entgegen Say die allgemeine Überproduktion wohl für möglich erklärt, und zwar mit dem Hinweis auf die von Say ganz vernachlässigte Geldzirkulation, so basieren Tugans erfreuliche Operationen mit dem Marxschen Schema doch tatsächlich auf derselben Vernachlässigung der Geldzirkulation, wie sie Say und Ricardo im Problem der Krisen geläufig war: »Schema Nr. 2« wird sofort voller Stacheln mit Widerhaken, sobald man beginnt, es auf die Geldzirkulation zu transponieren. An diesen Stacheln ist Bulgakow in seinem Versuch, die abgebrochene Marxsche Analyse zu Ende zu denken, hängen geblieben. Es ist diese Vereinigung von Marx geborgter Denkformen mit Say-Ricardoschem Gedankeninhalt, was Tugan Baranowsky bescheiden seinen »Versuch der Synthese der Marxschen Theorie mit der klassischen Nationalökonomie« getauft hat.

So gelangt die optimistische Theorie, die die Möglichkeit und Entwickelungsfähigkeit der kapitalistischen Produktion gegen kleinbürgerliche Zweifel verteidigte, nach fast einem Jahrhundert und über die Marxsche Lehre, in ihren legalen Wortführern wieder zum Ausgangspunkt, zu Say-Ricardo. Die drei »Marxisten« landen bei den bürgerlichen Harmonikern der guten alten Zeit knapp vor dem Sündenfall und der Vertreibung der bürgerlichen Nationalökonomie aus dem Paradiese der Unschuld, – der Kreis ist geschlossen.

Die »legalen« russischen Marxisten haben über ihre Widersacher, die »Volkstümler«, zweifellos gesiegt, sie haben aber zuviel gesiegt. Alle drei – Struve, Bulgakow, Tugan Baranowsky – haben im Eifer des Gefechts mehr bewiesen als zu beweisen war. Es handelte sich darum, ob der Kapitalismus im allgemeinen und insbesondere in Rußland entwickelungsfähig sei, und die genannten Marxisten haben diese Fähigkeit so gründlich dargetan, daß sie sogar die Möglichkeit der ewigen Dauer des Kapitalismus theoretisch nachgewiesen haben. Es ist klar, daß, wenn man die schrankenlose Akkumulation des Kapitals annimmt, man auch die schrankenlose Lebensfähigkeit des Kapitals bewiesen hat. Die Akkumulation ist die spezifisch kapitalistische Methode der Erweiterung der Produktion, der Entwickelung der Produktivität der Arbeit, der Entfaltung der Produktivkräfte, des ökonomischen Fortschritts. Ist die kapitalistische Produktionsweise imstande, schrankenlos die Steigerung der Produktivkräfte, den ökonomischen Fortschritt zu sichern, dann ist sie unüberwindlich. Der wichtigste objektive Pfeiler der wissenschaftlichen sozialistischen Theorie bricht dann zusammen, die politische Aktion des Sozialismus, der Ideengehalt des proletarischen Klassenkampfes hört auf, ein Reflex ökonomischer Vorgänge, der Sozialismus hört auf, eine historische Notwendigkeit zu sein. Die Beweisführung, die von der Möglichkeit des Kapitalismus ausging, landet bei der Unmöglichkeit des Sozialismus.

Die drei russischen Marxisten waren sich des von ihnen im Gefecht vollzogenen Terrainwechsels wohl bewußt. Struve machte sich freilich über den Verlust des teuren Pfandes vor Jubel über die Kulturmission des Kapitalismus weiter keine Sorgen.1 Bulgakow suchte das in die sozialistische Theorie gerissene Leck notdürftig mit einem anderen Fetzen dieser Theorie zu verstopfen: er erhoffte, daß die kapitalistische Wirtschaft dennoch trotz ihres immanenten Gleichgewichts zwischen Produktion und Absatz zugrunde gehen müsse, und zwar: an dem Fall der Profitrate. Dieser etwas nebelhafte Trost wird aber durch Bulgakow selbst zum Schluß vernichtet, wo er, auf die letzte Rettungsplanke, die er dem Sozialismus hingestreckt hatte, vergessend, plötzlich Tugan Baranowsky belehrt, daß der relative Fall der Profitrate für große Kapitale durch das absolute Wachstum des Kapitals wettgemacht werde.2

Endlich Tugan Baranowsky, der konsequenteste von allen, reißt mit der derben Freude eines Naturburschen sämtliche objektive ökonomische Pfeiler der sozialistischen Theorie nieder und baut die Welt in seinem Geiste »schöner wieder auf« – auf dem Fundament der »Ethik«. »Das Individuum protestiert gegen eine Wirtschaftsordnung, die den Zweck (den Menschen) in ein Mittel verwandelt und das Mittel (die Produktion) in einen Zweck«.3

Wie dünn und fadenscheinig die neuen Begründungen des Sozialismus waren, haben alle drei genannten Marxisten an ihrer Person bewiesen, indem sie dem Sozialismus alsbald, kaum daß sie ihn neu begründet hatten, den Rücken kehrten. Während die Massen in Rußland mit Einsetzung ihres Lebens für die Ideale einer Gesellschaftsordnung kämpften, die dereinst den Zweck (den Menschen) über das Mittel (die Produktion) stellen soll, schlug sich »das Individuum« in die Büsche und fand in Kant eine philosophische und ethische Beruhigung. Die legalen russischen Marxisten endeten praktisch, wo ihre theoretische Position sie hinführte: im Lager der bürgerlichen »Harmonien«.

1 In einer 1901 herausgegebenen Sammlung seiner russischen Aufsätze sagt Struve in der Einleitung: »Im Jahre 1894, als der Verfasser seine ›Kritischen Bemerkungen zur Frage der ökonomischen Entwickelung Rußlands‹ veröffentlichte, war er in der Philosophie kritischer Positivist, in der Soziologie und Nationalökonomie ausgesprochener, wenn auch durchaus nicht orthodoxer Marxist. Seitdem haben sowohl der Positivismus, wie der auf ihn gestützte (!) Marxismus aufgehört, für den Verfasser die ganze Wahrheit zu sein, haben aufgehört, seine Weltanschauung völlig zu bestimmen. Er sah sich genötigt, auf eigene Faust ein neues Gedankensystem zu suchen und auszuarbeiten. Der bösartige Dogmatismus, der Andersdenkende nicht nur widerlegt, sondern sie auch noch moralisch-psychologisch spioniert, erblickt in einer solchen Arbeit nur ›epikureische Flatterhaftigkeit des Sinnes‹. Er ist nicht imstande, zu begreifen, daß das Recht der Kritik an sich eins der teuersten Rechte des. lebendigen, denkenden Individuums ist. Auf dieses Recht gedenkt der Verfasser nicht zu verzichten, und sollte ihm auch ständig die Gefahr drohen, unter der Anklage der ›Unbeständigkeit‹ zu stehen.« (Über verschiedene Themen. Petersburg 1901.)

2 Bulgakow, l.c., S. 252.

3 T. Baranowsky, Studien, S. 229.

Dritter Abschnitt.

Die geschichtlichen Bedingungen der Akkumulation.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Widersprüche des Schemas der erweiterten Reproduktion.

Wir haben im ersten Abschnitt festgestellt, daß das Marxsche Schema der Akkumulation auf die Frage: für wen die erweiterte Reproduktion eigentlich stattfinde, keine Antwort gibt. Nimmt man das Schema wörtlich so, wie es im II. Bande am Schluß entwickelt ist, dann erweckt es den Anschein, als ob die kapitalistische Produktion ausschließlich selbst ihren gesamten Mehrwert realisierte und den kapitalisierten Mehrwert für die eigenen Bedürfnisse verwendete. Dies bestätigt Marx durch seine Analyse des Schemas, in der er den wiederholten Versuch macht, die Zirkulation dieses Schemas lediglich mit Geldmitteln, d.h. mit der Nachfrage der Kapitalisten und der Arbeiter zu bestreiten, ein Versuch, der ihn schließlich dazu führt, den Goldproduzenten als deus ex machina in die Reproduktion einzuführen. Es kommt noch jene hochwichtige Stelle im I. Band des »Kapital« hinzu, die in demselben Sinne gedeutet werden muß: »Zunächst muß die Jahresproduktion alle die Gegenstände (Gebrauchswerte) liefern, aus denen die im Laufe des Jahres verbrauchten sachlichen Bestandteile des Kapitals zu ersetzen sind. Nach Abzug dieser bleibt das Netto- oder Mehrprodukt, worin der Mehrwert steckt. Und woraus besteht dies Mehrprodukt? Vielleicht in Dingen, bestimmt zur Befriedigung der Bedürfnisse und Gelüste der Kapitalistenklasse, die also in ihren Konsumtionsfonds eingehen? Wäre das alles, so würde der Mehrwert verjubelt bis auf die Hefen, und es fände bloß einfache Reproduktion statt. Um zu akkumulieren, muß man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln. Aber ohne Wunder zu tun, kann man nur solche Dinge in Kapital verwandeln, die im Arbeitsprozeß verwendbar sind, d.h. Produktionsmittel, und des ferneren Dinge, von denen der Arbeiter sich erhalten kann, d.h. Lebensmittel. Folglich muß ein Teil der jährlichen Mehrarbeit verwandt worden sein zur Herstellung zusätzlicher Produktions- und Lebensmittel, im Überschuß über das Quantum, das zum Ersatz des vorgeschossenen Kapitals erforderlich war. Mit einem Wort: Der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält.«

Hier werden für die Akkumulation folgende Bedingungen aufgestellt:

  1. Der Mehrwert, der kapitalisiert werden soll, kommt von vornherein in der Naturalgestalt des Kapitels (als zuschüssige Produktionsmittel und zuschüssige Lebensmittel der Arbeiter) zur Welt.
  2. Die Erweiterung der kapitalistischen Produktion wird vollzogen ausschließlich mit eigenen (kapitalistisch produzierten) Produktionsmitteln und Lebensmitteln.
  3. Der Umfang der jeweiligen Produktionserweiterung (Akkumulation) ist von vornherein durch den Umfang des jedesmaligen (zu kapitalisierenden) Mehrwerts gegeben; sie kann nicht größer sein, da sie an die Menge Produktions- und Lebensmittel gebunden ist, die das Mehrprodukt darstellen, sie kann aber auch nicht geringer sein, da sonst ein Teil des Mehrprodukts in seiner Naturalgestalt unverwendbar wäre. Diese Abweichungen nach oben und nach unten mögen periodische Schwankungen und Krisen hervorrufen, von denen wir hier abzusehen haben; im Durchschnitt müssen sich zu kapitalisierendes Mehrprodukt und faktische Akkumulation decken.
  4. Da die kapitalistische Produktion selbst ausschließliche Abnehmerin ihres Mehrprodukts ist, so ist für die Kapitalakkumulation keine Schranke zu finden.

Diesen Bedingungen entspricht auch das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion. Hier geht die Akkumulation vonstatten, ohne daß im geringsten ersichtlich wäre, für wen, für welche neuen Konsumenten schließlich die Produktion immer mehr erweitert wird. Das Schema setzt etwa folgenden Gang voraus: Die Kohlenindustrie wird erweitert, um die Eisenindustrie zu erweitern. Diese wird erweitert, um die Maschinenindustrie zu erweitern. Diese wird erweitert, um die Produktion der Konsumtionsmittel zu erweitern. Diese wird ihrerseits erweitert, um die wachsende Armee der Kohlen-, Eisen- und Maschinenarbeiter sowie der eigenen Arbeiter zu erhalten. Und so »ad infinitum« im Kreise – nach der Theorie Tugan Baranowskys. Daß das Marxsche Schema, allein betrachtet, in der Tat eine solche Auslegung zuläßt, beweist der bloße Umstand, daß Marx nach seinen eigenen wiederholten und ausdrücklichen Feststellungen überhaupt unternimmt, den Akkumulationsprozeß des Gesamtkapitals in einer Gesellschaft darzustellen, die lediglich aus Kapitalisten und Arbeitern besteht. Die Stellen, die darauf Bezug nehmen, finden sich in jedem Bande des »Kapital«.

Im I. Bande, gerade im Kapitel über die »Verwandlung von Mehrwert in Kapital« heißt es: »Um den Gegenstand der Untersuchung in seiner Reinheit, frei von störenden Nebenumständen aufzufassen, müssen wir hier die gesamte Handelswelt als eine Nation ansehen und voraussetzen, daß die kapitalistische Produktion sich überall festgesetzt und sich aller Industriezweige bemächtigt hat.« (S. 544, Fußnote 21a.)

Im II. Bande kehrt die Voraussetzung mehrmals wieder. So im Kapitel 17 über die Zirkulation des Mehrwerts:

»Nun aber existieren nur zwei Ausgangspunkte: der Kapitalist und der Arbeiter. Alle dritten Personenrubriken müssen entweder für Dienstleistungen Geld von diesen beiden Klassen erhalten, oder soweit sie es ohne Gegenleistung erhalten, sind sie Mitbesitzer des Mehrwerts in der Form von Rente, Zins usw. – Die Kapitalistenklasse bleibt also der einzige Ausgangspunkt der Geldzirkulation.« (S. 307.)

Weiter in demselben Kapitel speziell über die Geldzirkulation unter Voraussetzung der Akkumulation:

»… Die Schwierigkeit kommt dann, wenn wir nicht partielle, sondern allgemeine Akkumulation von Geldkapital in der Kapitalistenklasse voraussetzen. Außer dieser Klasse gibt es nach unserer Unterstellung – allgemeine und ausschließliche Herrschaft der kapitalistischen Produktion – überhaupt keine andere Klasse als die Arbeiterklasse.« (S. 321.)

Dasselbe nochmals im 20. Kapitel: »… Hier gibt es nur zwei Klassen: die Arbeiterklasse, die nur über ihre Arbeitskraft verfügt; die Kapitalistenklasse, die im Monopolbesitz der gesellschaftlichen Produktionsmittel wie des Geldes ist.« (S. 396.)

Im III. Bande, bei der Darstellung des Gesamtprozesses der kapitalistischen Produktion, sagt Marx ganz ausdrücklich:

»Denken wir uns die ganze Gesellschaft bloß aus industriellen Kapitalisten und Lohnarbeitern zusammengesetzt. Sehen wir ferner ab von den Preiswechseln, die große Portionen des Gesamtkapitals hindern, sich in ihren Durchschnittsverhältnissen zu ersetzen, und die bei dem allgemeinen Zusammenhang des ganzen Reproduktionsprozesses, wie ihn namentlich der Kredit entwickelt, immer zeitweilige allgemeine Stockungen hervorbringen müssen. Sehen wir ab ebenfalls von den Scheingeschäften und spekulativen Umsätzen, die das Kreditwesen fördert. Dann wäre eine Krise nur erklärlich aus Mißverhältnis der Produktion in verschiedenen Zweigen und aus einem Mißverhältnis, worin der Konsum der Kapitalisten selbst zu ihrer Akkumulation stände. Wie aber die Dinge liegen, hängt der Ersatz der in der Produktion angelegten Kapitale größtenteils ab von der Konsumtionsfähigkeit der nicht produktiven Klassen, während die Konsumtionsfähigkeit der Arbeiter teils durch die Gesetze des Arbeitslohns, teils dadurch beschränkt ist, daß sie nur solange angewandt werden, als sie mit Profit für die Kapitalistenklasse angewandt werden können.« (2. Teil, S. 21.) Dieses letzte Zitat bezieht sich auf die Frage der Krisen, die für uns nicht in Betracht kommt; es zeigt aber unzweideutig, daß Marx die Bewegung des Gesamtkapitals, »wie die Dinge liegen«, nur von drei Kategorien Konsumenten abhängig macht: Kapitalisten, Arbeitern und »nichtproduktiven Klassen«, d.h. dem Anhang der Kapitalistenklasse (»König, Pfaff, Professor, Hure, Kriegsknecht«), den er im II. Bande mit vollem Recht nur als Vertreter abgeleiteter Kaufkraft und sofern als Mitverzehrer des Mehrwertes oder des Arbeitslohnes abtut.

Endlich in den »Theorien über den Mehrwert«, Band II, Teil 2, Seite 263, formuliert Marx die allgemeinen Voraussetzungen, unter denen er die Akkumulation ins Auge faßt, im Kapitel »Akkumulation von Kapital und Krisen« wie folgt:

»Wir haben hier bloß die Formen zu betrachten, die das Kapital in seinen verschiedenen Fortentwickelungen durchmacht. Es sind also die reellen Verhältnisse nicht entwickelt, innerhalb deren der wirkliche Produktionsprozeß vorgeht. Es wird immer unterstellt, daß die Ware zu ihrem Werte verkauft wird. Die Konkurrenz der Kapitalien wird nicht betrachtet, ebensowenig das Kreditwesen, ebensowenig die wirkliche Konstitution der Gesellschaft, die keineswegs bloß aus den Klassen der Arbeiter und industriellen Kapitalisten besteht, wo also Konsumenten und Produzenten nicht identisch sind, die erste Kategorie (die der Konsumenten), (deren Revenuen zum Teil sekundäre, vom Profit und Arbeitslohn abgeleitete, keine primitiven sind) viel weiter ist als die zweite (die der Produzenten) und daher die Art, wie sie ihre Revenue verausgabt, und der Umfang der letzteren sehr große Modifikationen im ökonomischen Haushalt und speziell im Zirkulations- und Reproduktionsprozeß des Kapitals hervorbringt.« Also auch hier berücksichtigt Marx, wenn er schon von der »wirklichen Konstitution der Gesellschaft« spricht, lediglich die Mitesser des Mehrwerts und des Arbeitslohns, also bloß den Anhang der kapitalistischen Grundkategorien der Produktion.

So unterliegt es keinem Zweifel, daß Marx den Prozeß der Akkumulation in einer ausschließlich aus Kapitalisten und Arbeitern bestehenden Gesellschaft darstellen wollte, unter allgemeiner und ausschließlicher Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise. Unter diesen Voraussetzungen läßt aber sein Schema keine andere Deutung zu, als die Produktion um der Produktion willen.

Erinnern wir uns an das zweite Beispiel des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion.

Erstes Jahr.

  1. 5.000c + 1.000v + 1.000m = 7.000 (Produktionsmittel)
  2. 1.430c + 285v + 285m = 2.000 (Konsumtionsmittel)

(Summe) 9.000

Zweites Jahr.

  1. 5.417c + 1.083v + 1.083m = 7.583 (Produktionsmittel)
  2. 1.583c + 316v + 316m = 2.215 (Konsumtionsmittel)

(Summe) 9.798

Drittes Jahr.

  1. 5.869c + 1.173v + 1.173m = 8.215 (Produktionsmittel)
  2. 1.715c + 342v + 342m = 2.399 (Konsumtionsmittel)

(Summe) 10.614

Viertes Jahr.

  1. 6.358c + 1.271v + 1.271m = 8.900 (Produktionsmittel)
  2. 1.858c + 371v + 371m = 2.600 (Konsumtionsmittel)

(Summe) 11.500
Hier geht die Akkumulation von Jahr zu Jahr ununterbrochen in dem Maße fort, daß jeweilig aus dem erzielten Mehrwert die Hälfte von den Kapitalisten konsumiert, die Hälfte kapitalisiert wird. Bei der Kapitalisierung wird fortlaufend für das Zusatzkapital wie für das Originalkapital dieselbe technische Basis, d.h. dieselbe organische Zusammensetzung oder Einteilung in konstantes und variables Kapital und auch dieselbe Ausbeutungsrate (immer = 100 Prozent) beibehalten. Der kapitalisierte Teil des Mehrwerts kommt, der Marxschen Annahme im I. Bande des »Kapital« entsprechend, von vornherein in Gestalt von zuschüssigen Produktionsmitteln und Lebensmitteln der Arbeiter zur Welt. Beide dienen dazu, die Produktion in der Abteilung I wie II immer mehr zu steigern. Für wen diese fortschreitende Steigerung der Produktion stattfindet, ist nach den Marxschen Voraussetzungen des Schemas unerfindlich. Freilich steigt gleichzeitig mit der Produktion auch die Konsumtion der Gesellschaft: es steigt die Konsumtion der Kapitalisten (im ersten Jahr beträgt sie, im Wert dargestellt, 500+142, im zweiten 542+158, im dritten 586+171, im vierten 635+185), es steigt auch die Konsumtion der Arbeiter: ihr genauer Anzeiger, im Wert dargestellt, ist das variable Kapital, das von Jahr zu Jahr in beiden Abteilungen wächst. Doch – abgesehen von allem anderen – kann die wachsende Konsumtion der Kapitalistenklasse jedenfalls nicht als Zweck der Akkumulation betrachtet werden; umgekehrt, sofern diese Konsumtion stattfindet und wächst, findet keine Akkumulation statt; die persönliche Konsumtion der Kapitalisten fällt unter die Gesichtspunkte der einfachen Reproduktion. Es fragt sich vielmehr: für wen produzieren die Kapitalisten, wenn und soweit sie nicht selbst konsumieren, sondern »entsagen«, d.h. akkumulieren? Noch weniger kann die Erhaltung einer immer größeren Armee von Arbeitern der Zweck der ununterbrochenen Kapitalakkumulation sein. Die Konsumtion der Arbeiter ist kapitalistisch eine Folge der Akkumulation, niemals ihr Zweck und ihre Voraussetzung, wenn anders die Grundlagen der kapitalistischen Produktion nicht auf den Kopf gestellt werden sollen. Und jedenfalls können die Arbeiter stets nur den Teil des Produkts konsumieren, der dem variablen Kapital entspricht, kein Jota darüber hinaus. Wer realisiert also den beständig wachsenden Mehrwert? Das Schema antwortet: die Kapitalisten selbst und nur sie. Und was fangen sie mit ihrem wachsenden Mehrwert an? Das Schema antwortet: sie gebrauchen ihn, um ihre Produktion immer mehr zu erweitern. Diese Kapitalisten sind also Fanatiker der Produktionserweiterung um der Produktionserweiterung willen. Sie lassen immer neue Maschinen bauen, um damit immer wieder neue Maschinen zu bauen. Was wir aber auf diese Weise bekommen, ist nicht eine Kapitalakkumulation, sondern eine wachsende Produktion von Produktionsmitteln ohne jeden Zweck, und es gehört die Tugan Baranowskysche Kühnheit und Freude an Paradoxen dazu, um anzunehmen, dieses unermüdliche Karussell im leeren Luftraum könne ein treues theoretisches Spiegelbild der kapitalistischen Wirklichkeit und eine wirkliche Konsequenz der Marxschen Lehre sein.1

Außer dem gleich im Anfang abgebrochenen Entwurf der Analyse der erweiterten Reproduktion, den wir im II. Bande des »Kapital« vorfinden, hat Marx seine allgemeine Auffassung von dem charakteristischen Gang der kapitalistischen Akkumulation in seinem ganzen Werke, namentlich im III. Bande, sehr ausführlich und deutlich niedergelegt. Und man braucht sich nur in diese Auffassung hineinzudenken, um das Unzulängliche des Schemas am Schluß des II. Bandes ohne Mühe einzusehen.

Prüft man das Schema der erweiterten Reproduktion gerade vom Standpunkte der Marxschen Theorie, so muß man finden, daß es sich mit ihr in mehreren Hinsichten im Widerspruch befindet.

Vor allem berücksichtigt das Schema die fortschreitende Produktivität der Arbeit gar nicht. Es setzt nämlich von Jahr zu Jahr trotz der Akkumulation dieselbe Zusammensetzung des Kapitals, d.h. dieselbe technische Grundlage des Produktionsprozesses voraus. Dieses Verfahren ist an sich, behufs Vereinfachung der Analyse, vollkommen zulässig. Das Absehen von den Verschiebungen der Technik, die dem Prozeß der Kapitalakkumulation parallel laufen und von ihm unzertrennlich sind, muß jedoch wenigstens hinterher in Betracht gezogen, angerechnet werden, wo man die konkreten Bedingungen der Realisierung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts und der Reproduktion untersucht. Zieht man aber die Fortschritte der Produktivität der Arbeit in Betracht, dann folgt daraus, daß die sachliche Masse des gesellschaftlichen Produkts – Produktionsmittel wie Konsumtionsmittel – noch viel rascher wächst als seine Wertmasse, wie sie das Schema anzeigt. Die andere Seite dieses Anwachsens der Masse der Gebrauchswerte ist aber auch eine Verschiebung der Wertverhältnisse. Nach der zwingenden Beweisführung Marxens, die einen der Ecksteine seiner Theorie bildet, äußert sich die fortschreitende Entwicklung der Produktivität der Arbeit darin, daß bei zunehmender Kapitalakkumulation die Zusammensetzung des Kapitals sowie die Mehrwertrate nicht konstant bleiben können, wie dies in dem Marxschen Schema unterstellt wird. Im Gegenteil: mit dem Fortgang der Akkumulation muß das c (konstantes Kapital) in beiden Abteilungen nicht bloß absolut, sondern auch relativ zu v+m oder dem gesamten geschaffenen Neuwert wachsen (gesellschaftlicher Ausdruck der Produktivität der Arbeit); gleichzeitig muß das konstante Kapital im Verhältnis zum variablen Kapital und ebenso der Mehrwert im Verhältnis zum variablen Kapital oder die Mehrwertrate wachsen (kapitalistischer Ausdruck der Produktivität der Arbeit). Daß diese Verschiebungen nicht buchstäblich in jedem Jahre eintreten, tut nichts zur Sache, wie auch die Beziehungen »erstes, zweites, drittes usw. Jahr« im Marxschen Schema sich überhaupt nicht notwendig auf das Kalenderjahr beziehen und beliebige Zeitabschnitte bedeuten können. Endlich mögen die Verschiebungen in der Zusammensetzung des Kapitals sowie in der Mehrwertrate beliebig im ersten, dritten, fünften, siebenten usw. Jahr oder im zweiten, sechsten, neunten usw. unterstellt werden. Es kommt nur darauf an, daß sie überhaupt und als eine periodische Erscheinung in Betracht gezogen werden. Ergänzt man dementsprechend das Schema, so wird sich herausstellen, daß sogar bei dieser Akkumulationsmethode mit jedem Jahre ein wachsendes Defizit an Produktionsmitteln und wachsender Überschuß an Konsumtionsmitteln entstehen muß. Tugan Baranowsky freilich, der auf dem Papier aller Schwierigkeiten Herr wird, konstruiert einfach ein Schema mit anderen Proportionen, wobei er das variable Kapital von Jahr zu Jahr um 25 Prozent verringert. Da das Papier auch diese arithmetische Übung geduldig erträgt, ist das für Tugan ein Grund, mit Triumph zu »beweisen«, daß sogar bei absolutem Rückgang der Konsumtion die Akkumulation glatt wie am Schnürchen verläuft. Schließlich muß aber auch Tugan selbst zugeben, daß seine Annahme der absoluten Verringerung des variablen Kapitals mit der Wirklichkeit in schroffem Widerspruch steht. Das variable Kapital wächst im Gegenteil absolut in allen kapitalistischen Ländern, es geht nur relativ zurück im Verhältnis zum noch rascheren Wachstum des konstanten Kapitals. Nehmen wir aber, dem wirklichen Gang der Dinge entsprechend, von Jahr zu Jahr bloß ein rascheres Wachstum des konstanten und ein langsameres des variablen Kapitals sowie eine wachsende Mehrwertrate an, dann tritt ein Mißverhältnis zwischen der sachlichen Zusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts und der Wertzusammensetzung des Kapitals in die Erscheinung. Nehmen wir z.B. im Marxschen Schema statt der ständigen Proportion von konstant zu variabel = 5:1 die fortschreitend höhere Zusammensetzung für den Zuwachs des Kapitals, im zweiten Jahr 6:1, im dritten 7:1, im vierten 8:1. Nehmen wir ferner, entsprechend der höheren Produktivität der Arbeit, auch eine fortlaufend wachsende Mehrwertrate – sagen wir, statt der stabilen Mehrwertrate von 100 Proz. setzen wir, trotz des relativ abnehmenden variablen Kapitals, den im Marxschen Schema jeweilig angenommenen Mehrwert. Gehen wir endlich von der jedesmaligen Kapitalisierung der Hälfte des angeeigneten Mehrwerts aus (ausgenommen die Abteilung H, die im ersten Jahre nach Marxscher Annahme mehr wie die Hälfte, nämlich 184 von 285m kapitalisiert). Dann erhalten wir das folgende Resultat:

Erstes Jahr:

  1. 5.000c + 1.000v + 1.000m = 7.000 (Produktionsmittel).
  2. 1.430c + 285v + 285m = 2.000 (Konsumtionsmittel).

Zweites Jahr:

  1. 5.428 4/7 c + 1.071 3/7 v + 1.083m = 7.583.
  2. 1.587 5/7 c + 311 2/7 v + 316m = 2.215.

Drittes Jahr:

  1. 5.903c + 1.139v + 1.173m = 8.215.
  2. 1.726c + 331v + 342m = 2.399.

Viertes Jahr:

  1. 6.424c + 1.205v + 1.271m = 8.900.
  2. 1.879c + 350v + 371m = 2.600.

Sollte die Akkumulation in dieser Weise vor sich gehen, dann ergäbe sich ein Defizit an Produktionsmitteln im zweiten Jahr um 16, im dritten um 45, im vierten um 88, und gleichzeitig ein Überschuß am Konsumtionsmitteln im zweiten Jahr um 16, im dritten um 45, im vierten um 88.

Das Defizit an Produktionsmitteln mag z.T. ein scheinbares sein. Infolge der steigenden Produktivität der Arbeit ist das Wachstum der Masse der Produktionsmittel ein rascheres als das ihrer Wertmasse, oder anders ausgedrückt, es folgt die Verbilligung der Produktionsmittel. Da es bei der Erhöhung der Technik der Produktion vor allem nicht auf den Wert, sondern auf den Gebrauchswert, auf die sachlichen Elemente des Kapitals ankommt, so mag trotz des Wertdefizits bis zu einem gewissen Grade tatsächlich eine ausreichende Menge Produktionsmittel zur fortschreitenden Akkumulation angenommen werden. Es ist dies dieselbe Erscheinung, die u.a. den Fall der Profitrate aufhält und ihn nur zu einem tendenziellen macht. Allerdings wäre aber, wie unser Beispiel zeigt, der Fall der Profitrate nicht aufgehalten, sondern gänzlich aufgehoben. Hingegen weist derselbe Umstand auf einen viel stärkeren Überschuß unabsetzbarer Konsumtionsmittel hin, als dies aus der Wertsumme dieses Überschusses hervorgeht. Es bliebe dann nur übrig, entweder die Kapitalisten der II. Abteilung zu zwingen, diesen Überschuß selbst zu konsumieren, wie Marx, sonst mit ihnen verfährt, was für diese Kapitalisten das Gesetz der Akkumulation wieder in der Richtung zur einfachen Reproduktion beugen würde, oder dieser Überschuß muß als unabsetzbar erklärt werden.

Man kann freilich erwidern, daß dem Defizit an Produktionsmitteln, das sich in unserem Beispiel ergab, sehr leicht abzuhelfen wäre: wir brauchen nur anzunehmen, daß die Kapitalisten der Abteilung I in stärkerem Maße ihren Mehrwert kapitalisieren. In der Tat liegt gar kein zwingender Grund vor, um anzunehmen, daß die Kapitalisten jeweilig nur die Hälfte ihres Mehrwerts zum Kapital schlagen, wie dies Marx in seinem Beispiel voraussetzt. Mag dem Fortschritt in der Produktivität der Arbeit eine fortschreitend wachsende Quote des kapitalisierten Mehrwerts entsprechen. Diese Annahme ist an sich um so zulässiger, als ja eine der Folgen der fortgeschrittenen Technik auch die Verbilligung der Konsumtionsmittel der Kapitalistenklasse ist, so daß sich die relative Wertverminderung ihrer verzehrten Revenue (im Vergleich zum kapitalisierten Teil) in derselben oder selbst steigenden Lebenshaltung für diese Klasse äußern mag. So dürfen wir denn z.B. annehmen, daß das von uns festgestellte Defizit an Produktionsmitteln für die Abteilung I durch die entsprechende Übertragung eines Teils des konsumierten Mehrwerts I (der ja in dieser Abteilung, wie alle Wertteile des Produkts, in der Gestalt von Produktionsmitteln zur Welt kommt) ins konstante Kapital, und zwar im zweiten Jahre im Betrage von 11 4/7, im dritten von 34, im vierten von 66, gedeckt wird.2 Die Lösung der einen Schwierigkeit vergrößert indes nur die andere. Es ist ohne weiteres klar: je mehr die Kapitalisten der Abteilung I ihre Konsumtion relativ einschränken, um die Akkumulation zu ermöglichen, um so mehr erweist sich auf selten der Abteilung II ein unabsetzbarer Rest an Konsumtionsmitteln und dementsprechend die Unmöglichkeit, das konstante Kapital auch nur auf der bisherigen technischen Grundlage zu vergrößern. Die eine Voraussetzung: fortschreitende relative Einschränkung der Konsumtion bei den Kapitalisten I, müßte durch die andere Voraussetzung ergänzt werden: fortschreitende relative Vergrößerung der Privatkonsumtion der Kapitalisten II, die Beschleunigung der Akkumulation in der ersten Abteilung durch Verlangsamung in der zweiten, der Fortschritt der Technik in der einen durch den Rückschritt in der andern.

Diese Resultate sind kein Zufall. Was durch unsere obigen Versuche mit dem Marxschen Schema lediglich illustriert werden sollte, ist folgendes. Die fortschreitende Technik muß sich nach Marx selbst in dem relativen Wachstum des konstanten Kapitals im Vergleich mit dem variablen äußern. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer fortschreitenden Verschiebung in der Einteilung des kapitalisierten Mehrwerts zwischen c und v. Die Kapitalisten des Marxschen Schemas sind aber gar nicht in der Lage, diese Einteilung beliebig vorzunehmen, denn sie sind bei ihrem Geschäft der Kapitalisierung von vornherein an die Sachgestalt ihres Mehrwerts gebunden. Da nach der Marxschen Annahme die ganze Produktionserweiterung ausschließlich mit den eigenen kapitalistisch hergestellten Produktions- und Konsumtionsmitteln vorgenommen wird – andere Produktionsstätten und -formen existieren hier ebensowenig, wie andere Konsumenten als die Kapitalisten und Arbeiter der beiden Abteilungen – und da andererseits Voraussetzung des glatten Fortganges der Akkumulation ist, daß das Gesamtprodukt der beiden Abteilungen in der Zirkulation restlos draufgeht, so ergibt sich das folgende Resultat: die technische Gestaltung der erweiterten Reproduktion ist hier den Kapitalisten im voraus streng vorgeschrieben durch die Sachgestalt des Mehrprodukts. Mit anderen Worten: die Erweiterung der Produktion kann und muß bei dem Marxschen Schema jeweilig nur auf einer solchen technischen Grundlage vorgenommen werden, bei der der ganze hergestellte Mehrwert der Abteilung I wie der Abteilung II Verwendung findet, wobei noch im Auge behalten werden muß, daß die beiden Abteilungen zu ihren respektiven Produktionselementen nur durch gegenseitigen Austausch gelangen können. Auf diese Weise ist die jeweilige Verteilung des zu kapitalisierenden Mehrwerts zwischen dem konstanten und variablen Kapital sowie die Verteilung der zuschüssigen Produktionsmittel und Konsumtionsmittel (der Arbeiter) zwischen den Abteilungen I und II im voraus bestimmt und gegeben durch die Sach- und Wertbeziehungen der beiden Abteilungen des Schemas. Diese Sach- und Wertbeziehungen drücken aber selbst schon eine ganz bestimmte technische Gestaltung der Produktion aus. Damit ist gesagt, daß bei Fortsetzung der Akkumulation unter den Voraussetzungen des Marxschen Schemas die jeweilig gegebene Technik der Produktion im voraus auch schon die Technik der folgenden Perioden der erweiterten Reproduktion bestimmt. Das heißt: wenn wir mit dem Marxschen Schema annehmen, daß die kapitalistische Produktionserweiterung stets nur mit dem im voraus in Kapitalgestalt produzierten Mehrwert vorgenommen wird, ferner – was indes nur die andere Seite derselben Annahme ist –, daß die Akkumulation der einen Abteilung der kapitalistischen Produktion in strengster Abhängigkeit von der Akkumulation der anderen Abteilung fortschreiten kann, dann ergibt sich, daß eine Verschiebung in der technischen Grundlage der Produktion (sofern sie sich im Verhältnis von c zu v ausdrückt) unmöglich ist.

Dasselbe läßt sich auch noch anders fassen. Es ist klar, daß die fortschreitend höhere organische Zusammensetzung des Kapitals, d.h. das raschere Wachstum des konstanten Kapitals im Vergleich zum variablen seinen sachlichen Ausdruck im rascheren Wachstum der Produktion von Produktionsmitteln (Abteilung I) im Vergleich zur Produktion von Konsumtionsmitteln (Abteilung II) finden muß. Eine solche Abweichung im Akkumulationstempo der beiden Abteilungen ist aber durch das Marxsche Schema, das auf ihrer strengen Gleichmäßigkeit beruht, direkt ausgeschlossen. An sich steht nichts der Annahme im Wege, daß mit dem Fortschritt der Akkumulation und ihrer technischen Basis von der Gesellschaft fortlaufend eine größere Portion des zu kapitalisierenden Mehrwerts in der Abteilung der Produktionsmittel statt in derjenigen der Konsumtionsmittel angelegt wird. Da die beiden Abteilungen der Produktion nur Zweige derselben gesellschaftlichen Gesamtproduktion oder, wenn man will, Teilbetriebe des Gesamtkapitalisten darstellen, so ist gegen die Annahme einer solchen fortschreitenden Übertragung eines Teils des akkumulierten Mehrwerts – den technischen Erfordernissen gemäß – aus der einen Abteilung in die andere nichts einzuwenden; sie entspricht auch der tatsächlichen Praxis des Kapitals. Allein diese Annahme ist nur so lange möglich, als wir den zur Kapitalisierung bestimmten Mehrwert als Wertgröße ins Auge fassen. Durch das Marxsche Schema und seine Zusammenhänge jedoch ist dieser Teil des Mehrwerts an eine bestimmte Sachgestalt gebunden, die direkt zur Kapitalisierung bestimmt ist. So stellt sich der Mehrwert der Abteilung II in Konsumtionsmitteln dar. Und da diese nur durch die Abteilung I realisiert werden können, so scheitert die beabsichtigte Übertragung eines Teils des kapitalisierten Mehrwerts aus der Abteilung II in die Abteilung I erstens an der Sachgestalt dieses Mehrwerts, mit der die Abteilung I offenbar nichts anfangen kann, zweitens aber an den Austauschverhältnissen zwischen beiden Abteilungen, die es mit sich bringen, daß der Übertragung eines Teiles des Mehrwerts in Produkten II in die erste Abteilung eine gleichwertige Übertragung von Produkten I in die zweite Abteilung entsprechen muß. Das raschere Wachstum der Abteilung I im Vergleich zur Abteilung II ist somit innerhalb der Zusammenhänge des Marxschen Schemas schlechterdings nicht zu erreichen.

Wie wir also immer die technische Verschiebung der Produktionsweise im Fortgang der Akkumulation ins Auge fassen, sie kann sich nicht durchsetzen, ohne die grundlegenden Beziehungen des Marxschen Schemas aus den Fugen zu bringen.

Ferner: Nach dem Marxschen Schema geht der jeweilige kapitalisierte Mehrwert in der nächsten Produktionsperiode unmittelbar und restlos in der Produktion auf, hat er doch von vornherein die Naturalgestalt, die seine Verwendung (außer der konsumierbaren Portion) nur in dieser Weise zulässig macht. Eine Bildung und Aufschatzung des Mehrwerts in Geldform, als anlagesuchendes Kapital, ist nach diesem Schema ausgeschlossen. Für das Einzelkapital nimmt Marx selbst als jeweilig freie Geldformen des Kapitals: erstens, den allmählichen Geldniederschlag, der dem Verschleiß des fixen Kapitals entspricht und zu seiner späteren Erneuerung bestimmt ist, zweitens, die Geldsummen, die den realisierten Mehrwert darstellen, aber noch nicht die zur Anlage erforderliche Minimalgröße erreicht haben. Beide Quellen des freien Kapitals in Geldgestalt kommen jedoch vom Standpunkt des Gesamtkapitals nicht in Betracht. Denn setzen wir nur einen Teil des realisierten gesellschaftlichen Mehrwerts als in Geldform verharrend und anlagesuchend voraus, dann entsteht sofort die Frage: wer hat denn die Naturalgestalt dieses Teils abgenommen und wer hat das Geld dafür gegeben? Antwortet man: eben andere Kapitalisten, dann muß bei der Klasse der Kapitalisten, wie sie im Schema durch die zwei Abteilungen dargestellt ist, auch dieser Teil des Mehrwerts als tatsächlich angelegt, in der Produktion verwendet gelten, und wir werden zu der unmittelbaren und restlosen Anlage des Mehrwerts zurückgeführt.

Oder aber bedeutet das Festgerinnen eines Teils des Mehrwerts in den Händen gewisser Kapitalisten in Geldform das Verharren eines entsprechenden Teiles des Mehrprodukts in den Händen anderer Kapitalisten in seiner sachlichen Form, die Aufspeicherung des realisierten Mehrwerts bei den einen – die Unrealisierbarkeit des Mehrwerts bei den anderen, sind doch die Kapitalisten die einzigen Abnehmer des Mehrwerts füreinander. Damit wäre aber der glatte Fortgang der Reproduktion und also auch der Akkumulation, wie ihn das Schema schildert, unterbrochen. Wir hätten eine Krise, aber nicht eine Krise aus Überproduktion, sondern aus bloßer Absicht der Akkumulation, eine Krise, wie sie Sismondi vorschwebte.

An einer Stelle seiner »Theorien« erklärt Marx ausdrücklich, daß er »hier gar nicht auf den Fall eingehe, daß mehr Kapital akkumuliert ist als in der Produktion unterzubringen, zum Beispiel in Form von Geld brach bei Bankiers liegt. Daher das Ausleihen ins Ausland usw.«.3 Marx verweist diese Erscheinungen in den Abschnitt von der Konkurrenz. Aber es ist wichtig, festzustellen, daß sein Schema die Bildung eines solchen überschüssigen Kapitals direkt ausschließt. Die Konkurrenz, wie weit wir auch den Begriff fassen, kann offenbar nicht erst Werte, also auch Kapital, schaffen, die sich nicht aus dem Reproduktionsprozeß ergeben.

Das Schema schließt auf diese Weise die sprunghafte Erweiterung der Produktion aus. Sie läßt nur die stetige Erweiterung zu, die mit Bildung des Mehrwerts genau Schritt hält und auf der Identität zwischen Realisierung und Kapitalisierung des Mehrwerts beruht.

Aus demselben Grunde unterstellt das Schema eine Akkumulation, die beide Abteilungen, also sämtliche Zweige der kapitalistischen Produktion, gleichmäßig ergreift. Eine sprungweise Erweiterung des Absatzes erscheint hier ebenso ausgeschlossen, wie die einseitige Entwickelung einzelner kapitalistischer Produktionszweige, die anderen weit vorauseilen.

Das Schema setzt also eine Bewegung des Gesamtkapitals voraus, die dem tatsächlichen Gang der kapitalistischen Entwickelung widerspricht. Die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise wird durch zwei Tatsachen auf den ersten Blick charakterisiert: einerseits periodische sprungweise Expansion des ganzen Produktionsfeldes, andererseits höchst ungleichmäßige Entwickelung verschiedener Produktionszweige. Die Geschichte der englischen Baumwollindustrie, das charakteristischste Kapitel in der Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise seit dem letzten Viertel des 18. bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, erscheint vom Standpunkte des Marxschen Schemas völlig unerklärlich.

Endlich widerspricht das Schema der Auffassung vom kapitalistischen Gesamtprozeß und seinem Verlauf, wie sie von Marx im III. Bande des »Kapital« niedergelegt ist. Der Grundgedanke dieser Auffassung ist der immanente Widerspruch zwischen der schrankenlosen Expansionsfähigkeit der Produktivkraft und der beschränkten Expansionsfähigkeit der gesellschaftlichen Konsumtion unter kapitalistischen Verteilungsverhältnissen. Hören wir zu, wie Marx ihn im 15. Kapitel: »Die Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes« (der fallenden Profitrate) ausführlich schildert:

»Die Schöpfung von Mehrwert findet, die nötigen Produktionsmittel, d.h. hinreichende Akkumulation von Kapital, vorausgesetzt, keine andere Schranke als die Arbeiterbevölkerung, wenn die Rate des Mehrwerts, also der Exploitationsgrad der Arbeit, und keine andere Schranke als den Exploitationsgrad der Arbeit, wenn die Arbeiterbevölkerung gegeben ist. Und der kapitalistische Produktionsprozeß besteht wesentlich in der Produktion von Mehrwert, dargestellt in dem Mehrprodukt oder dem aliquoten Teil der produzierten Waren, worin unbezahlte Arbeit vergegenständlicht ist. Man muß es nie vergessen, daß die Produktion dieses Mehrwerts – und die Rückverwandlung eines Teils desselben in Kapital oder die Akkumulation bildet einen integrierenden Teil dieser Produktion des Mehrwerts – der unmittelbare Zweck und das bestimmende Motiv der kapitalistischen Produktion ist. Man darf diese daher nie darstellen als das, was sie nicht ist, nämlich als Produktion, die zu ihrem unmittelbaren Zweck den Genuß hat oder die Erzeugung von Genußmitteln für den Kapitalisten (und natürlich noch viel weniger für den Arbeiter. R.L.). Man sieht dabei ganz ab von ihrem spezifischen Charakter, der sich in ihrer ganzen inneren Kerngestalt darstellt. Die Gewinnung dieses Mehrwerts bildet den unmittelbaren Produktionsprozeß, der, wie gesagt, keine anderen Schranken, als die oben angegebenen, hat. Sobald das auspreßbare Quantum Mehrarbeit in Waren vergegenständlicht ist, ist der Mehrwert produziert. Aber mit dieser Produktion des Mehrwerts ist nur der erste Akt des kapitalistischen Produktionsprozesses, der unmittelbare Produktionsprozeß, beendet. Das Kapital hat soundso viel unbezahlte Arbeit eingesaugt. Mit der Entwicklung des Prozesses, der sich im Fall der Profitrate ausdrückt, schwillt die Masse des so produzierten Mehrwerts ins Ungeheure. Nun kommt der zweite Akt des Prozesses. Die gesamte Warenmasse, das Gesamtprodukt, sowohl der Teil, der das konstante und variable Kapital ersetzt wie der den Mehrwert darstellt, muß verkauft werden. Geschieht das nicht, oder nur zum Teil, oder nur zu Preisen, die unter den Produktionspreisen stehen, so ist der Arbeiter zwar exploitiert, aber seine Exploitation realisiert sich nicht als solche für den Kapitalisten, kann mit gar keiner oder nur mit teilweiser Realisation des abgespreßten Mehrwerts, ja, mit teilweisem oder ganzem Verlust seines Kapitals verbunden sein. Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die anderen durch die Proportionalität der verschiedenen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztere ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft, sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwertung von vorhandenem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs. Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, so daß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußeren Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Übermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem Übermaß von Bevölkerung, denn obgleich, beide zusammengebracht, die Masse des produzierten Mehrwerts sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwert produziert, und den Bedingungen, worin er realisiert wird.«4

Vergleicht man diese Schilderung mit dem Schema der erweiterten Reproduktion, so stimmen sie durchaus nicht überein. Nach dem Schema besteht zwischen der Produktion des Mehrwerts und seiner Realisierung gar kein immanenter Widerspruch, vielmehr immanente Identität. Der Mehrwert kommt hier von vornherein in einer ausschließlich für die Bedürfnisse der Akkumulation berechneten Naturalgestalt zur Welt. Er kommt als zuschüssiges Kapital schon aus der Produktionsstätte heraus. Damit ist seine Realisierbarkeit gegeben, nämlich in dem Akkumulationstrieb der Kapitalisten selbst. Diese lassen, als Klasse, den von ihnen angeeigneten Mehrwert im voraus ausschließlich in der Sachgestalt produzieren, die seine Verwendung zur weiteren Akkumulation sowohl ermöglicht als bedingt. Die Realisierung des Mehrwerts und seine Akkumulation sind hier nur zwei Seiten eines und desselben Vorgangs, sind begrifflich identisch. Für den Prozeß der Reproduktion, wie er im Schema dargestellt ist, ist die Konsumtionskraft der Gesellschaft deshalb auch keine Schranke der Produktion. Hier schreitet die Erweiterung der Produktion von Jahr zu Jahr automatisch fort, ohne daß die Konsumtionskraft der Gesellschaft über ihre »antagonistischen Distributionsverhältnisse« hinausgegangen wäre. Dieses automatische Fortschreiten der Erweiterung, der Akkumulation ist freilich »Gesetz für die kapitalistische Produktion – bei Strafe des Untergangs«. Aber nach der Analyse im III. Bande »muß der Markt daher beständig ausgedehnt werden«, »der Markt« offenbar über die Konsumtion der Kapitalisten und der Arbeiter hinaus. Und wenn Tugan Baranowsky den unmittelbar darauf folgenden Satz bei Marx: »Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußeren Feldes der Produktion« so interpretiert, als ob Marx mit dem »äußeren Feld der Produktion« eben die Produktion selbst gemeint habe, so tut er damit nicht bloß dem Sinn der Sprache, sondern auch dem klaren Gedankengang Marxens Gewalt an. Das »äußere Feld der Produktion« ist hier klar und unzweideutig nicht die Produktion selbst, sondern die Konsumtion, die »beständig ausgedehnt werden muß«. Daß Marx so und nicht anders dachte, dafür zeugt genügend z.B. die folgende Stelle in den »Theorien über den Mehrwert«: »Ricardo leugnet daher konsequent die Notwendigkeit einer Erweiterung des Marktes mit Erweiterung der Produktion und Wachstum des Kapitals. Alles Kapital, das in einem Lande vorhanden ist, kann auch vorteilhaft in diesem Lande verwandt werden. Er polesimiert daher gegen Ad. Smith, der einerseits seine (Ricardos) Ansicht aufgestellt und mit seinem gewöhnlichen vernünftigen Instinkt ihr auch widersprochen hat.«5

Und noch eine andere Stelle bei Marx zeigt deutlich, daß ihm der Tugan Baranowskysche Einfall einer Produktion um der Produktion willen fremd war: »Außerdem findet, wie wir gesehen haben (Buch II, Abschnitt III), eine beständige Zirkulation statt zwischen konstantem Kapital und konstantem Kapital (auch abgesehen von der beschleunigten Akkumulation), die insofern zunächst unabhängig ist von der individuellen Konsumtion, als sie nie in dieselbe eingeht, die aber durch sie definitiv begrenzt ist, indem die Produktion von konstantem Kapital nie um seiner selbst willen stattfindet, sondern nur weil mehr davon gebraucht wird in den Produktionssphären, deren Produkte in die individuelle Konsumtion eingehen.«6

Nach dem Schema im II. Bande, an das sich Tugan Baranowsky allein klammert, ist freilich der Markt mit der Produktion identisch. Den Markt erweitern heißt hier die Produktion erweitern, denn die Produktion ist sich hier selbst ausschließlicher Markt (die Konsumtion der Arbeiter ist nur ein Moment der Produktion, nämlich Reproduktion des variablen Kapitals). Daher hat Ausdehnung der Produktion und des Marktes eine und dieselbe Schranke: die Größe des gesellschaftlichen Kapitals oder die Stufe der bereits erreichten Akkumulation. Je mehr Mehrwert – in Naturalform des Kapitals – ausgepreßt worden ist, desto mehr kann akkumuliert werden, und je mehr akkumuliert wird, um so mehr kann Mehrwert in Kapitalgestalt, die seine Naturalgestalt ist, untergebracht, realisiert werden. Nach dem Schema existiert also der in der Analyse des III. Bandes gekennzeichnete Widerspruch nicht. Es liegt hier – im Prozeß, wie er im Schema dargestellt ist – gar keine Notwendigkeit vor, den Markt über die Konsumtion der Kapitalisten und Arbeiter hinaus beständig auszudehnen, und die beschränkte Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ist gar kein Hindernis für einen glatten Fortgang und die unumschränkte Ausdehnungsfähigkeit der Produktion. Das Schema läßt wohl Krisen zu, aber ausschließlich aus Mangel an Proportionalität der Produktion, d.h. aus Mangel an gesellschaftlicher Kontrolle über den Produktionsprozeß. Es schließt dagegen den tiefen fundamentalen Widerstreit zwischen Produktionsfähigkeit und Konsumtionsfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft aus, der sich gerade aus der Kapitalakkumulation ergibt, der sich periodisch in Krisen Luft macht und der das Kapital zur beständigen Markterweiterung antreibt.

1 »Es sind nie die originellen Denker, welche die absurden Konsequenzen ziehen. Sie überlassen das den Says und Max Cullochs.« (Das Kapital, Bd. II, S. 365.) Und den – Tugan Barnowskys, fügen wir hinzu.

2 Die Zahlen ergeben sich als Differenz zwischen der von uns bei fortschreitender Technik angenommenen Größe des konstanten Kapitals der Abt. I und der im Marxschen Schema (Das Kapital, Bd. II, S. 496) bei unveränderter Technik gesetzten Größe.

3 Theorien, Bd. II, Teil 2, S. 252.

4 Das Kapital, Bd. III, Teil I, S. 224 ff.

5 Theorien, Bd. II, Teil 2, S. 305.

6 Das Kapital, Bd. III, Teil l, S. 289.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die Reproduktion des Kapitals und ihr Milieu.

Das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion vermag uns also den Prozeß der Akkumulation, wie er in der Wirklichkeit vorgeht und sich geschichtlich durchsetzt, nicht zu erklären. Woran liegt das? An nichts anderem, als an den Voraussetzungen des Schemas selbst. Dieses Schema unternimmt es, den Akkumulationsprozeß unter der Voraussetzung darzustellen, daß Kapitalisten und Arbeiter die einzigen Vertreter der gesellschaftlichen Konsumtion sind. Wir haben gesehen, daß Marx konsequent und bewußt als die theoretische Voraussetzung seiner Analyse in allen drei Bänden des »Kapital« die allgemeine und ausschließliche Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise annimmt. Unter diesen Bedingungen gibt es freilich, wie im Schema, keine anderen Gesellschaftsklassen als Kapitalisten und Arbeiter, – alle »dritten Personen« der kapitalistischen Gesellschaft: Beamte, liberale Berufe, Geistliche usw. sind als Konsumenten jenen beiden Klassen und vorzugsweise der Kapitalistenklasse zuzuzählen. Diese Voraussetzung ist theoretischer Notbehelf, – in Wirklichkeit gab und gibt es nirgends eine sich selbst genügende kapitalistische Gesellschaft mit ausschließlicher Herrschaft der kapitalistischen Produktion. Sie ist aber ein vollkommen zulässiger theoretischer Notbehelf dort, wo sie die Bedingungen des Problems selbst nicht alteriert, sondern sie bloß in ihrer Reinheit darstellen hilft. So bei der Analyse der einfachen Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Hier beruht das Problem selbst auf folgender Fiktion: In einer kapitalistisch produzierenden, also Mehrwert erzeugenden Gesellschaft wird der ganze Mehrwert von seinen Aneignern, der Kapitalistenklasse, konsumiert. Es ist darzustellen, wie sich unter diesen Bedingungen die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion gestalten muß. Hier setzt die Stellung des Problems selbst voraus, daß die Produktion keine anderen Konsumenten als Kapitalisten und Arbeiter kennt, sie befindet sich also in völliger Übereinstimmung mit der Marxschen Voraussetzung: allgemeine und ausschließliche Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise. Die eine Fiktion deckt sich theoretisch mit der anderen. Ebenso zulässig ist die Annahme der absoluten Herrschaft des Kapitalismus bei der Analyse der Akkumulation des Einzelkapitals, wie sie im I. Bande des »Kapital« gegeben ist. Die Reproduktion des Einzelkapitals ist das Element der gesellschaftlichen Gesamtreproduktion. Aber ein Element, dessen Bewegung selbständig verläuft, im Widerspruch mit den Bewegungen der übrigen, und wobei die Gesamtbewegung des gesellschaftlichen Kapitals nicht etwa eine mechanische Summe der Einzelbewegungen der Kapitale, sondern ein eigenartig verschobenes Resultat ergibt. Stimmt auch die Wertsumme der Einzelkapitale, sowie ihrer respektiven Teile: konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert mit der Wertgröße des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, seiner beiden Bestandteile und des Gesamtmehrwerts aufs genaueste überein, so fällt doch die sachliche Darstellung dieser Wertgröße in den respektiven Teilen des gesellschaftlichen Produkts mit der Sachverkörperung der Wertverhältnisse der Einzelkapitale völlig auseinander. Die Reproduktionsverhältnisse der Einzelkapitale decken sich somit in ihrer sachlichen Gestalt weder miteinander noch mit denen des Gesamtkapitals. Jedes Einzelkapital macht seine Zirkulation, also auch Akkumulation völlig auf eigene Faust durch und ist darin – bei normalem Verlauf des Zirkulationsprozesses – nur soweit von anderen abhängig, als es sein Produkt überhaupt realisieren und die für seine individuelle Betätigung erforderlichen Produktionsmittel vorfinden muß. Ob jene Realisierung und diese Produktionsmittel selbst an kapitalistisch produzierende Kreise gebunden sind oder nicht, ist für das Einzelkapital völlig gleichgültig. Umgekehrt ist die günstigste theoretische Voraussetzung für die Analyse der Akkumulation des Einzelkapitals die Annahme, daß die kapitalistische Produktion das einzige Milieu dieses Prozesses darstellt, d.h. allgemeine und ausschließliche Herrschaft erreicht hat.1

Nun entsteht aber die Frage, ob wir die Voraussetzungen, die für das Einzelkapital maßgebend sind, auch bei dem Gesamtkapital als zulässig betrachten dürfen.

Daß Marx tatsächlich die Akkumulationsbedingungen des Gesamtkapitals mit denen des Einzelkapitals identifizierte, bestätigt er selbst ausdrücklich an folgender Stelle:

»Die Frage ist jetzt so zu formulieren: Allgemeine Akkumulation vorausgesetzt, das heißt vorausgesetzt, daß in allen Produktionszweigen das Kapital mehr oder minder akkumuliert wird, was in Wirklichkeit Bedingung der kapitalistischen Produktion, und was ebensosehr der Trieb des Kapitalisten als Kapitalisten, wie es der Trieb des Schatzbildners ist, Geld aufzuhäufen (aber auch notwendig ist, damit die kapitalistische Produktion vorangehe) – was sind die Bedingungen dieser allgemeinen Akkumulation, worin löst sie sich auf?«

Und er antwortet: »Die Bedingungen für die Akkumulation des Kapitals sind also ganz dieselben wie die für seine ursprüngliche Produktion und Reproduktion überhaupt. Diese Bedingungen aber waren: daß mit einem Teile des Geldes Arbeit gekauft werde, mit dem anderen Waren (Rohmaterial und Maschinerie usw.).« »Die Akkumulation von neuem Kapital kann also nur unter denselben Bedingungen vor sich gehen, wie die Reproduktion des schon vorhandenen Kapitals.«2

In Wirklichkeit sind die realen Bedingungen bei der Akkumulation des Gesamtkapitals ganz andere wie bei dem Einzelkapital und wie bei der einfachen Reproduktion. Das Problem beruht auf folgendem: Wie gestaltet sich die gesellschaftliche Reproduktion unter der Bedingung, daß ein wachsender Teil des Mehrwerts nicht von den Kapitalisten konsumiert, sondern zur Erweiterung der Produktion verwendet wird? Das Draufgehen des gesellschaftlichen Produkts, abgesehen von dem Ersatz des konstanten Kapitals, in der Konsumtion der Arbeiter und Kapitalisten ist hier von vornherein ausgeschlossen, und dieser Umstand ist das wesentlichste Moment des Problems. Damit ist aber auch ausgeschlossen, daß die Arbeiter und die Kapitalisten selbst das Gesamtprodukt realisieren können. Sie können stets nur das variable Kapital, den verbrauchten Teil des konstanten Kapitals und den konsumierten Teil des Mehrwerts selbst realisieren, auf diese Weise aber nur die Bedingungen für die Erneuerung der Produktion in früherem Umfang sichern. Der zu kapitalisierende Teil des Mehrwerts hingegen kann unmöglich von den Arbeitern und Kapitalisten selbst realisiert werden. Die Realisierung des Mehrwerts zu Zwecken der Akkumulation ist also in einer Gesellschaft, die nur aus Arbeitern und Kapitalisten besteht, eine unlösbare Aufgabe. Merkwürdigerweise gingen sämtliche Theoretiker, die das Problem der Akkumulation analysierten, von Ricardo und Sismondi bis Marx, gerade von dieser Voraussetzung aus, die die Lösung des Problems unmöglich machte. Das richtige Gefühl für die Notwendigkeit »dritter Personen«, d.h. Konsumenten außerhalb der unmittelbaren Agenten der kapitalistischen Produktion: der Arbeiter und Kapitalisten, zur Realisierung des Mehrwerts, führte zu allerlei Ausflüchten: zu der »unproduktiven Konsumtion«, die bei Malthus in der Person des feudalen Grundbesitzers, bei Woronzow in dem Militarismus, bei Struve in den »liberalen Berufen« und sonstigem Anhang der Kapitalistenklasse verkörpert ist, ferner zur Heranziehung des auswärtigen Handels, der bei allen Skeptikern der Akkumulation von Sismondi bis Nikolaj-on als Sicherheitsventil eine hervorragende Rolle spielte. Zum andern Teil führte die Unlösbarkeit der Aufgabe zum Verzicht auf die Akkumulation, wie bei v. Kirchmann und Rodbertus, oder wenigstens zur angeblichen Notwendigkeit, die Akkumulation möglichst zu dämpfen, wie bei Sismondi und dessen russischen Epigonen, den »Volkstümlern«.

Doch erst die tiefere Analyse und die exakte schematische Darstellung des Prozesses der Gesamtreproduktion durch Marx, namentlich seine geniale Darstellung des Problems der einfachen Reproduktion, konnte den springenden Punkt des Akkumulationsproblems und die wunde Stelle der früheren Versuche seiner Lösung bloßlegen. Die Analyse der Akkumulation des Gesamtkapitals, die bei Marx abbricht, kaum daß sie begonnen hat, und die obendrein, wie erwähnt, durch die dem Problem ungünstige Polemik gegen die Smithsche Analyse beherrscht ist, hat direkt keine fertige Lösung gegeben, sie vielmehr gleichfalls durch die Voraussetzung von der Alleinherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise erschwert. Aber gerade die ganze Analyse der einfachen Reproduktion bei Marx sowie die Charakteristik des kapitalistischen Gesamtprozesses mit dessen inneren Widersprüchen und ihrer Entfaltung (im III. Bande des »Kapital«) enthalten implicite eine Auflösung des Akkumulationsproblems, die sich mit den übrigen Teilen der Marxschen Lehre wie mit der historischen Erfahrung und der täglichen Praxis des Kapitalismus in Einklang befindet und geben somit die Möglichkeit, das Unzureichende des Schemas zu ergänzen. Das Schema der erweiterten Reproduktion weist bei näherem Zusehen selbst in allen seinen Beziehungen über sich hinaus auf Verhältnisse, die außerhalb der kapitalistischen Produktion und Akkumulation liegen.

Wir haben bis jetzt die erweiterte Reproduktion nur von einer Seite betrachtet, nämlich von der Frage aus: wie wird der Mehrwert realisiert? Dies war die Schwierigkeit, mit der sich die Skeptiker bis jetzt ausschließlich beschäftigten. Die Realisierung des Mehrwerts ist in der Tat die Lebensfrage der kapitalistischen Akkumulation. Sehen wir der Einfachheit halber ganz von dem Konsumtionsfonds der Kapitalisten ab, so erfordert die Realisierung des Mehrwerts als erste Bedingung einen Kreis von Abnehmern außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Wir sagen: von Abnehmern und nicht: von Konsumenten. Denn die Realisierung des Mehrwerts besagt von vornherein gar nichts über die Sachgestalt des Mehrwerts. Das Entscheidende ist, daß der Mehrwert weder durch Arbeiter noch durch Kapitalisten realisiert werden kann, sondern durch Gesellschaftsschichten oder Gesellschaften, die selbst nicht kapitalistisch produzieren. Es sind dabei zwei verschiedene Fälle denkbar. Die kapitalistische Produktion liefert Konsumtionsmittel über den eigenen (der Arbeiter und Kapitalisten) Bedarf hinaus, deren Abnehmer nichtkapitalistische Schichten und Länder sind. z.B. die englische Baumwollindustrie lieferte während der ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts (und liefert zum Teil jetzt) Baumwollstoffe an das Bauerntum und städtische Kleinbürgertum auf dem europäischen Kontinent, ferner an das Bauerntum in Indien, Amerika, Afrika usw. Hier war es die Konsumtion nichtkapitalistischer Schichten und Länder, die für die enorme Erweiterung der Baumwollindustrie in England die Basis bildete.3 Für diese Baumwollindustrie aber entwickelte sich in England selbst eine ausgedehnte Maschinenindustrie, die Spindeln und Webstühle lieferte, ferner im Anschluß daran die Metall- und Kohlenindustrie usw. In diesem Fall realisierte die Abteilung H (Konsumtionsmittel) in steigendem Maße ihre Produkte in außerkapitalistischen Gesellschaftsschichten, wobei sie ihrerseits durch die eigene Akkumulation eine steigende Nachfrage nach den einheimischen Produkten der Abteilung I (Produktionsmittel) schuf und dadurch dieser Abteilung zur Realisierung des Mehrwerts und zur steigenden Akkumulation verhalf.

Nehmen wir den umgekehrten Fall. Die kapitalistische Produktion liefert Produktionsmittel über den eigenen Bedarf hinaus und findet Abnehmer in nichtkapitalistischen Ländern. z.B. die englische Industrie lieferte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Konstruktionsmaterial zum Eisenbahnbau in den amerikanischen und australischen Staaten. Der Eisenbahnbau bedeutet an sich noch lange nicht die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in einem Lande. Tatsächlich waren die Eisenbahnen selbst in diesen Fällen nur eine der ersten Voraussetzungen für den Einzug der kapitalistischen Produktion. Oder die deutsche chemische Industrie liefert Produktionsmittel, wie Farbstoffe, die massenhaft Absatz finden in nicht kapitalistisch produzierenden Ländern in Asien, Afrika usw.4 Hier realisiert die Abteilung I der kapitalistischen Produktion ihre Produkte in außerkapitalistischen Kreisen. Die daraus entstehende fortschreitende Erweiterung der Abteilung I ruft im Lande der kapitalistischen Produktion eine entsprechende Erweiterung der Abteilung II hervor, die für die wachsende Armee der Arbeiter der Abteilung I Konsumtionsmittel liefert.

Jeder dieser Fälle unterscheidet sich von dem Marxschen Schema. In dem einen Fall übersteigt das Produkt der Abteilung II die Bedürfnisse der beiden Abteilungen, gemessen an variablem Kapital und dem konsumierten Teil des Mehrwerts beider; im zweiten Fall übersteigt das Produkt der Abteilung I die Größe des konstanten Kapitals beider Abteilungen, auch unter Berücksichtigung seiner Vergrößerung zu Zwecken der Erweiterung der Produktion. In beiden Fällen kommt der Mehrwert nicht in der Naturalgestalt zur Welt, die seine Kapitalisierung innerhalb einer der beiden Abteilungen ermöglichen und bedingen würde. – In Wirklichkeit kreuzen sich die beiden typischen Fälle auf jedem Schritte, ergänzen einander und schlagen ineinander um.

Ein Punkt scheint dabei unklar. Wenn z.B. ein Überschuß an Konsummitteln, sagen wir Baumwollstoffen, in nichtkapitalistischen Kreisen abgesetzt wird, so ist es klar, daß diese Baumwollstoffe als kapitalistische Ware nicht bloß Mehrwert, sondern konstantes und variables Kapital repräsentieren. Es scheint ganz willkürlich, anzunehmen, gerade diese außerhalb der kapitalistischen Gesellschaftskreise abgesetzten Waren repräsentieren nichts als Mehrwert. Andererseits stellt sich heraus, daß in diesem Falle auch die andere Abteilung (I) nicht bloß ihren Mehrwert realisiert, sondern auch akkumulieren kann, ohne jedoch ihr Produkt außerhalb der beiden Abteilungen der kapitalistischen Produktion abzusetzen. Beide Einwände sind indes nur scheinbar, sie erledigen sich durch die proportioneile Wertdarstellung der Produktmasse in ihren entsprechenden Teilen. Unter der kapitalistischen Produktion enthält nicht bloß das Gesamtprodukt, sondern auch jede einzelne Ware Mehrwert. Das hindert aber nicht, daß, wie der Einzelkapitalist beim sukzessiven Verkauf seiner speziellen Warenmasse, erst den Ersatz seines ausgelegten konstanten Kapitals, dann des variablen Kapitals (oder unrichtiger, aber der Praxis entsprechend: erst seines fixen, dann seines zirkulierenden Kapitals) berechnet, um den Resterlös als seinen Profit zu buchen, auch das gesellschaftliche Gesamtprodukt in drei Proportionelle Teile abgesondert werden kann, die, ihrem Werte nach, dem in der Gesellschaft verbrauchten konstanten Kapital, dem variablen Kapital und dem ausgepreßten Mehrwert entsprechen. Bei der einfachen Reproduktion entspricht diesen Wertproportionen auch die sachliche Gestalt des Gesamtprodukts: das konstante Kapital erscheint in Gestalt von Produktionsmitteln wieder, das variable in Gestalt von Lebensmitteln für Arbeiter, der Mehrwert in Gestalt von Lebensmitteln für Kapitalisten. Indes ist die einfache Reproduktion in diesem kategorischen Sinne – Verzehr des ganzen Mehrwerts durch die Kapitalisten –, wie wir wissen, theoretische Fiktion. Was die erweiterte Reproduktion oder Akkumulation betrifft, so besteht nach dem Marxschen Schema auch hier eine strenge Proportionalität zwischen der Wertzusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts und seiner sachlichen Gestalt: der Mehrwert kommt in seinem zur Kapitalisierung bestimmten Teil von vornherein in der proportionellen Einteilung von sachlichen Produktionsmitteln und Lebensmitteln für Arbeiter zur Welt, die der Erweiterung der Produktion auf gegebener technischer Basis entsprechen. Diese Auffassung, die auf der Selbstgenügsamkeit und Isoliertheit der kapitalistischen Produktion fußt, scheitert jedoch, wie wir gesehen, schon an der Realisierung des Mehrwerts. Nehmen wir aber an, der Mehrwert werde außerhalb der kapitalistischen Produktion realisiert, so ist damit gegeben, daß seine sachliche Gestalt mit den Bedürfnissen der kapitalistischen Produktion selbst nichts zu tun hat. Seine sachliche Gestalt entspricht den Bedürfnissen jener nichtkapitalistischen Kreise, die ihn realisieren helfen. Der kapitalistische Mehrwert kann deshalb – je nachdem – in Form von Konsumtionsmitteln, so z.B. als Baumwollstoffe oder in Form von Produktionsmitteln, so z.B. als Eisenbahnmaterial, zur Welt kommen. Daß dabei dieser in Gestalt von Produkten der einen Abteilung realisierte Mehrwert bei der darauffolgenden Produktionserweiterung auch den Mehrwert der anderen Abteilung realisieren hilft, ändert nichts an der Tatsache, daß der gesellschaftliche Mehrwert als Ganzes, zum Teil direkt, zum Teil indirekt, außerhalb der beiden Abteilungen realisiert worden ist. Diese Tatsache fällt unter denselben Gesichtspunkt, unter dem der Einzelkapitalist seinen Mehrwert realisieren kann, auch wenn seine ganze Ware nur erst das variable oder das konstante Kapital eines anderen Kapitalisten ersetzt.

Die Realisierung des Mehrwerts ist indes nicht das einzige Moment der Reproduktion, auf das es ankommt. Nehmen wir an, die Abteilung I habe den Mehrwert auswärts (außerhalb der beiden Abteilungen) abgesetzt und könnte die Akkumulation ins Werk setzen. Nehmen wir ferner an, sie habe Aussicht auf neue Vergrößerung des Absatzes in jenen Kreisen. Damit ist jedoch erst die Hälfte der Bedingungen zur Akkumulation gegeben. Zwischen Lipp‘ und Kelchesrand kann noch manches passieren. Jetzt stellt sich nämlich als zweite Voraussetzung der Akkumulation die Notwendigkeit ein, entsprechende sachliche Elemente der Produktionserweiterung vorzufinden. Wo nehmen wir die her, da wir soeben das Mehrprodukt gerade in Gestalt der Produkte I, d.h. als Produktionsmittel in Geld verwandelt und zwar außerhalb der kapitalistischen Produktion abgesetzt haben? Die Transaktion, die uns zur Realisierung des Mehrwerts verhelfen, hat uns gleichsam durch die andere Tür die Voraussetzungen zur Verwandlung dieses realisierten Mehrwerts in die Gestalt des produktiven Kapitals entführt. Und so scheint es, daß wir vom Regen in die Traufe gekommen sind. Sehen wir näher zu.

Wir operieren hier mit dem c sowohl in der Abteilung I wie in der Abteilung II, wie wenn es der gesamte konstante Kapitalteil der Produktion wäre. Dies ist aber, wie wir wissen, falsch. Nur der Einfachheit des Schemas halber ist hier davon abgesehen worden, daß das c, welches in der I. und II. Abteilung des Schemas figuriert, bloß ein Teil des gesamten konstanten Kapitals ist, nämlich der jährlich zirkulierende, in der Produktionsperiode aufgezehrte, auf die Produkte übertragene Teil. Es wäre aber total absurd, anzunehmen, die kapitalistische Produktion (und auch jede beliebige) würde in jeder Produktionsperiode ihr gesamtes konstantes Kapital aufbrauchen und es in jeder Periode von neuem schaffen. Im Gegenteil, im Hintergrund der Produktion, wie sie im Schema dargestellt, ist die ganze große Masse von Produktionsmitteln vorausgesetzt, deren periodische Gesamterneuerung im Schema durch die jährliche Erneuerung des aufgebrauchten Teils angedeutet ist. Mit der Steigerung der Produktivität der Arbeit und der Erweiterung des Produktionsumfangs wächst diese Masse nicht nur absolut, sondern auch relativ zu dem Teil, der jeweilig in der Produktion konsumiert wird. Damit wächst aber auch die potentielle Wirksamkeit des konstanten Kapitals. Für die Erweiterung der Produktion kommt zunächst die stärkere Anspannung dieses Teils des konstanten Kapitals ohne dessen direkte Wertvergrößerung in Betracht.

»In der extraktiven Industrie, den Bergwerken z.B., bilden die Rohstoffe keinen Bestandteil des Kapitalvorschusses. Der Arbeitsgegenstand ist hier nicht Produkt vergangener Arbeit, sondern von der Natur gratis geschenkt. So Metallerz, Minerale, Steinkohlen, Steine usw. Hier besteht das konstante Kapital fast ausschließlich in Arbeitsmitteln, die ein vermehrtes Arbeitsquantum sehr gut vertragen können (Tag- und Nachtschicht von Arbeitern z.B.). Alle andern Umstände gleichgesetzt, wird aber Masse und Wert des Produkts steigen in direktem Verhältnis der angewandten Arbeit. Wie am ersten Tag der Produktion gehen hier die ursprünglichen Produktionsbildner, daher auch die Bildner der stofflichen Elemente des Kapitals, Mensch und Natur, zusammen. Dank der Elastizität der Arbeitskraft hat sich das Gebiet der Akkumulation erweitert ohne vorherige Vergrößerung des konstanten Kapitals. In der Agrikultur kann man das bebaute Land nicht ausdehnen ohne Vorschuß von zusätzlichem Samen und Dünger. Aber dieser Vorschuß einmal gemacht, übt selbst die rein mechanische Bearbeitung des Bodens eine wundertätige Wirkung auf die Massenhaftigkeit des Produkts. Eine größere Arbeitsmenge, geleistet von der bisherigen Anzahl Arbeiter, steigert so die Fruchtbarkeit, ohne neuen Vorschuß an Arbeitsmitteln zu erfordern. Es ist wieder direkte Wirkung des Menschen auf die Natur, welche zur unmittelbaren Quelle gesteigerter Akkumulation wird, ohne Dazwischenkunft eines neuen Kapitals. Endlich in der eigentlichen Industrie setzt jede zusätzliche Ausgabe an Arbeit eine entsprechende Zusatzausgabe an Rohstoffen voraus, aber nicht notwendig auch an Arbeitsmitteln. Und da die extraktive Industrie und Agrikultur der fabrizierenden Industrie ihre eigenen Rohstoffe und die ihrer Arbeitsmittel liefert, kommt dieser auch der Produktenzuschuß zugute, den jene ohne zusätzlichen Kapitalzuschuß erzeugt haben. Allgemeines Resultat: indem das Kapital sich die beiden Urbildner des Reichtums, Arbeitskraft und Erde, einverleibt, erwirbt es eine Expansionskraft, die ihm erlaubt, die Elemente seiner Akkumulation auszudehnen, jenseits der scheinbar durch seine eigene Größe gesteckten Grenzen, gesteckt durch den Wert und die Masse der bereits produzierten Produktionsmittel, in denen es sein Dasein hat«.5

Ferner aber ist es gar nicht einzusehen, weshalb alle erforderlichen Produktionsmittel und Konsummittel nur kapitalistisch hergestellt werden müßten. Gerade diese Annahme liegt zwar dem Marxschen Schema der Akkumulation zugrunde, sie entspricht aber weder der täglichen Praxis und der Geschichte des Kapitals noch dem spezifischen Charakter dieser Produktionsweise. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der Mehrwert in England zu einem großen Teil in Gestalt von Baumwollstoffen aus dem Produktionsprozeß hervor. Die sachlichen Elemente seiner Kapitalisierung aber stellten ihrerseits als Rohbaumwolle aus den Sklavenstaaten der amerikanischen Union oder als Getreide (Lebensmittel für die englischen Arbeiter) aus den Gefilden des leibeigenen Rußland zwar sicher Mehrprodukt, aber durchaus nicht kapitalistischen Mehrwert dar. Wie sehr die kapitalistische Akkumulation von diesen nichtkapitalistisch produzierten Produktionsmitteln abhängig ist, beweist die Baumwollkrisis in England infolge der Unterbrechung der Plantagenkultur durch den amerikanischen Sezessionskrieg oder die Krisis in der europäischen Leinwandweberei infolge der Unterbrechung der Zufuhr von Flachs aus dem leibeigenen Rußland durch den Orientkrieg. Man braucht sich im übrigen nur an die Rolle zu erinnern, welche die Zufuhr des bäuerlichen, also nicht kapitalistisch produzierten Getreides für die Ernährung der Masse der Industriearbeiter in Europa (d.h. als Element des variablen Kapitals) spielt, um einzusehen, wie sehr die Kapitalakkumulation in ihren sachlichen Elementen tatsächlich an nichtkapitalistische Kreise gebunden ist.

Der Charakter selbst der kapitalistischen Produktion schließt übrigens die Beschränkung auf kapitalistisch produzierte Produktionsmittel aus. Ein wesentliches Mittel im Drange des Einzelkapitals nach Erhöhung der Profitrate ist das Bestreben nach Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals. Die unaufhörliche Steigerung der Produktivität der Arbeit andererseits, als die wichtigste Methode zur Steigerung der Mehrwertrate, schließt die schrankenlose Nutzbarmachung aller von der Natur und der Erde zur Verfügung gestellten Stoffe und Bedingungen ein und ist an eine solche gebunden. Das Kapital verträgt in dieser Hinsicht seinem Wesen und seiner Daseinsweise nach keine Einschränkung. Die kapitalistische Produktionsweise als solche umfaßt bis jetzt, nach mehreren Jahrhunderten ihrer Entwicklung, erst noch einen Bruchteil der Gesamtproduktion der Erde, ihr Sitz ist bisher vorzugsweise das kleine Europa, in dem sie auch noch ganzer Gebiete – wie die bäuerliche Landwirtschaft, das selbständige Handwerk – und großer Landstrecken nicht Herr geworden ist, ferner große Teile Nordamerikas und einzelne Strecken auf dem Kontinent der übrigen Weltteile. Im allgemeinen ist die kapitalistische Produktionsweise bisher vorwiegend auf das Gewerbe in den Ländern der gemäßigten Zone beschränkt, während sie z.B. im Orient und im Süden verhältnismäßig geringe Fortschritte gemacht hat. Wäre sie demnach ausschließlich auf die in diesen engen Grenzen erreichbaren Produktionselemente angewiesen, dann wäre ihre jetzige Höhe, ja ihre Entwickelung überhaupt eine Unmöglichkeit gewesen. Die kapitalistische Produktion ist von Anbeginn in ihren Bewegungsformen und -gesetzen auf die gesamte Erde als Schatzkammer der Produktivkräfte berechnet. In seinem Drange nach Aneignung der Produktivkräfte zu Zwecken der Ausbeutung durchstöbert das Kapital die ganze Welt, verschafft sich Produktionsmittel aus allen Winkeln der Erde, errafft oder erwirbt sie von allen Kulturstufen und Gesellschaftsformen. Die Frage nach den sachlichen Elementen der Kapitalakkumulation, weit entfernt, durch die sachliche Gestalt des kapitalistisch produzierten Mehrwerts bereits gelöst zu sein, verwandelt sich vielmehr in eine ganz andere Frage: zur produktiven Verwendung des realisierten Mehrwerts ist erforderlich, daß das Kapital fortschreitend immer mehr den gesamten Erdball zur Verfügung hat, um in seinen Produktionsmitteln quantitativ und qualitativ unumschränkte Auswahl zu haben.

Plötzliche Inangriffnahme neuer Rohstoffgebiete in unumschränktem Maße, sowohl um allen eventuellen Wechselfällen und Unterbrechungen in der Zufuhr der Rohstoffe aus alten Quellen wie allen plötzlichen Erweiterungen des gesellschaftlichen Bedarfs gewachsen zu sein, ist eine der unumgänglichsten Vorbedingungen des Akkumulationsprozesses in seiner Elastizität und Sprunghaftigkeit. Als der Sezessionskrieg die Zufuhr der amerikanischen Baumwolle nach England unterbrochen und im Distrikte Lancashire den berühmten »Baumwollhunger« hervorgerufen hatte, entstanden wie durch Zauber in kürzester Zeit neue gewaltige Baumwollplantagen in Ägypten. Hier war es die orientalische Despotie, verbunden mit dem uralten Fronverhältnis, die dem europäischen Kapital das Wirkungsgebiet geschaffen hatte. Nur das Kapital mit seinen technischen Mitteln vermag solche wunderbaren Umwälzungen in so kurzer Frist hervorzuzaubern. Aber nur auf vorkapitalistischem Boden primitiverer sozialer Verhältnisse vermag es solche Kommandogewalt über sachliche und menschliche Produktivkräfte zu entfalten, die zu jenen Wundern gehören. Ein anderes Beispiel dieser Art ist die enorme Steigerung des Weltverbrauchs an Kautschuk, der gegenwärtig einer regelmäßigen Lieferung von Rohgummi im Werte von einer Milliarde Mark jährlich gleichkommt. Die wirtschaftliche Basis dieser Rohstofferzeugung sind die vom europäischen Kapital praktizierten primitiven Ausbeutungssysteme in den afrikanischen Kolonien sowie in Amerika, die verschiedene Kombinationen von Sklaverei und Fronverhältnis darstellen.6

Wohlgemerkt muß hervorgehoben werden, daß, wenn wir oben annahmen, die erste oder die zweite Abteilung realisiere im nichtkapitalistischen Milieu nur ihr Mehrprodukt, wir dabei den für die Nachprüfung des Marxschen Schemas günstigsten Fall nahmen, der die Beziehungen der Reproduktion in ihrer Reinheit zeigt. In Wirklichkeit zwingt uns nichts zu der Annahme, daß nicht auch ein Teil des konstanten und variablen Kapitals im Produkt der entsprechenden Abteilung außerhalb der kapitalistischen Kreise realisiert wird. Hintennach mag sowohl die Erweiterung der Produktion wie auch zum Teil die Erneuerung der verbrauchten Produktionselemente in ihrer Sachgestalt durch Produkte nichtkapitalistischer Kreise vorgenommen werden. Was durch die obigen Beispiele klargemacht werden sollte, ist die Tatsache, daß zum mindesten der zu kapitalisierende Mehrwert und der ihm entsprechende Teil der kapitalistischen Produktenmasse unmöglich innerhalb der kapitalistischen Kreise realisiert werden kann und unbedingt außerhalb dieser Kreise, in nichtkapitalistisch produzierenden Gesellschaftsschichten und -formen seine Abnehmer suchen muß.

So liegen zwischen je einer Produktionsperiode, in der Mehrwert produziert, und der darauffolgenden Akkumulation, in der er kapitalisiert wird, zwei verschiedene Transaktionen – die Verwandlung des Mehrwerts in seine reine Wertform, die Realisierung, und die Verwandlung dieser reinen Wertgestalt in produktive Kapitalgestalt –, die beide zwischen der kapitalistischen Produktion und der sie umgebenden nichtkapitalistischen Welt vor sich gehen. So ist von beiden Standpunkten: der Realisierung des Mehrwerts wie der Beschaffung der Elemente des konstanten Kapitals von vornherein der Weltverkehr eine historische Existenzbedingung des Kapitalismus, Weltverkehr, der in den gegebenen konkreten Verhältnissen wesentlich ein Austausch zwischen der kapitalistischen und den nichtkapitalistischen Produktionsformen ist.

Bis jetzt haben wir die Akkumulation nur vom Standpunkt des Mehrwerts und des konstanten Kapitals betrachtet. Das dritte grundlegende Moment der Akkumulation ist das variable Kapital. Die fortschreitende Akkumulation ist begleitet von zunehmendem variablem Kapital. Im Marxschen Schema erscheint als seine entsprechende sachliche Gestalt im gesellschaftlichen Produkt eine wachsende Menge von Lebensmitteln für die Arbeiter. Das wirkliche variable Kapital sind aber nicht die Lebensmittel der Arbeiter, sondern die lebendige Arbeitskraft, für deren Reproduktion die Lebensmittel notwendig sind. Zu den Grundbedingungen der Akkumulation gehört also eine ihren Bedürfnissen angepaßte Zufuhr lebendiger Arbeit, die vom Kapital in Bewegung gesetzt wird. Zum Teil wird die Vergrößerung dieser Menge – soweit die Verhältnisse erlauben – durch Verlängerung des Arbeitstages und Intensifizierung der Arbeit erreicht. Allein in beiden Fällen äußert sich diese Vermehrung der lebendigen Arbeit nicht oder nur in geringem Maße (als Überstundenlohn) im Wachstum des variablen Kapitals. Beide Methoden finden außerdem teils in natürlichen, teils in sozialen Widerständen ihre bestimmten ziemlich engen Schranken, über die sie nicht hinausgehen können. Das fortschreitende Wachstum des variablen Kapitals, das die Akkumulation begleitet, muß also in einer zunehmenden Zahl beschäftigter Arbeitskräfte Ausdruck finden. Wo kommen diese zuschüssigen Arbeitskräfte her?

Bei der Analyse der Akkumulation des Einzelkapitals beantwortet Marx die Frage folgendermaßen: »Um nun diese Bestandteile tatsächlich als Kapital fungieren zu lassen, bedarf die Kapitalistenklasse eines Zuschusses von Arbeit. Soll nicht die Ausbeutung der schon beschäftigten Arbeiter extensiv oder intensiv wachsen, so müssen zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden. Dafür hat der Mechanismus der kapitalistischen Produktion ebenfalls schon gesorgt, indem er die Arbeiterklasse reproduziert als vom Arbeitslohn abhängige Klasse, deren gewöhnlicher Lohn hinreicht, nicht nur ihre Erhaltung zu sichern, sondern auch ihre Vermehrung. Diese ihm durch die Arbeiterklasse auf verschiedenen Altersstufen jährlich gelieferten Arbeitskräfte braucht das Kapital nur noch den in der Jahresproduktion schon enthaltenen zuschüssigen Produktionsmitteln einzuverleiben und die Verwandlung des Mehrwerts in Kapital ist fertig«.7 Hier wird der Zuwachs des variablen Kapitals lediglich und direkt auf die natürliche Vermehrung der bereits vom Kapital kommandierten Arbeiterklasse durch Fortpflanzung reduziert. Dies entspricht auch genau dem Schema der erweiterten Reproduktion, das nach der Marxschen Voraussetzung die Kapitalisten und Arbeiter als einzige Gesellschaftsklassen, die kapitalistische Produktion als einzige und absolute Produktionsweise kennt. Unter diesen Voraussetzungen ist die natürliche Fortpflanzung der Arbeiterklasse die einzige Quelle der Vermehrung der vorhandenen Arbeitskräfte unter dem Kommando des Kapitals. Indes widerspricht diese Auffassung den Bewegungsgesetzen der Akkumulation. Die natürliche Fortpflanzung der Arbeiter steht weder zeitlich noch quantitativ im Verhältnis zu den Bedürfnissen des akkumulierenden Kapitals. Insbesondere vermag sie nicht, wie Marx das selbst glänzend dargelegt hat, mit den plötzlichen Expansionsbedürfnissen des Kapitals Schritt zu halten. Die natürliche Fortpflanzung der Arbeiterklasse als einzige Basis der Bewegungen des Kapitals würde den Fortgang der Akkumulation in periodischem Wechsel der Überspannung und der Ermattung, sowie in sprungweiser Ausdehnung des Produktionsfeldes ausschließen und damit die Akkumulation selbst unmöglich machen. Letztere erfordert ebenso schrankenlose Bewegungsfreiheit in bezug auf das Wachstum des variablen Kapitals wie in bezug auf die Elemente des konstanten Kapitals, also schrankenlose Verfügungsmöglichkeit über die Zufuhr von Arbeitskraft. Nach der Marxschen Analyse findet dieses Erfordernis einen exakten Ausdruck in der Bildung der »industriellen Reservearmee der Arbeiter«. Das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion kennt freilich eine solche nicht und läßt auch keinen Raum für sie übrig. Die industrielle Reservearmee kann nämlich durch die natürliche Fortpflanzung des kapitalistischen Lohnproletariats nicht gebildet werden. Sie muß andere soziale Reservoirs haben, aus denen ihr die Arbeitskraft zufließt, – Arbeitskraft, die bis dahin noch nicht unter dem Kommando des Kapitals stand und erst nach Bedarf dem Lohnproletariat zugefügt wird. Diese zuschüssigen Arbeitskräfte kann die kapitalistische Produktion nur aus nichtkapitalistischen Schichten und Ländern ständig beziehen. In seiner Analyse der industriellen Reservearmee (Das »Kapital«, Band I, Kapitel 23, 3) berücksichtigt Marx freilich nur 1. die Verdrängung älterer Arbeiter durch die Maschinerie, 2. den Zuzug ländlicher Arbeiter in die Stadt als Folge der Herrschaft der kapitalistischen Produktion in der Agrikultur, 3. die von der Industrie ausrangierten Arbeitskräfte mit unregelmäßiger Beschäftigung, endlich 4. als den tiefsten Niederschlag der relativen Übervölkerung – den Pauperismus. Alle diese Kategorien stellen in verschiedener Form selbst schon Ausscheidungsprodukte der kapitalistischen Produktion dar, in dieser oder jener Form verbrauchte und überzählig gemachte Lohnproletarier. Auch die in die Stadt ständig ziehenden Landarbeiter sind bei Marx Lohnproletarier, die früher schon unter dem Kommando des agrikolen Kapitals standen und nunmehr bloß unter die Botmäßigkeit des industriellen Kapitals kommen. Marx hatte dabei augenscheinlich englische Verhältnisse auf hoher Stufe der kapitalistischen Entwickelung im Auge. Hingegen behandelt er in diesem Zusammenhang nicht die Frage, woher dieses städtische und ländliche Proletariat beständig zufließt, berücksichtigt nicht die in den europäischen Verhältnissen des Kontinents wichtigste Quelle dieses Zuflusses: die ständige Proletarisierung der ländlichen und städtischen Mittelschichten, den Verfall der bäuerlichen Wirtschaft und des handwerksmäßigen Kleingewerbes, also gerade den ständigen Übergang der Arbeitskräfte aus nichtkapitalistischen Verhältnissen in kapitalistische, als Ausscheidungsprodukt nicht der kapitalistischen, sondern vorkapitalistischer Produktionsweisen in dem fortschreitenden Prozeß ihres Zusammenbruchs und ihrer Auflösung. Hierbei gehört aber nicht bloß die Zersetzung der europäischen Bauernwirtschaft und des Handwerks, sondern auch die Zersetzung der verschiedensten primitiven Produktions- und Gesellschaftsformen in außereuropäischen Ländern.

So wenig die kapitalistische Produktion sich auf die Naturschätze und Produktivkräfte der gemäßigten Zone beschränken kann, vielmehr zu ihrer Entfaltung der Verfügungsmöglichkeit über alle Erdstriche und Klimate bedarf, so wenig kann sie mit der Arbeitskraft der weißen Rasse allein auskommen. Das Kapital braucht zur Nutzbarmachung von Erdstrichen, in denen die weiße Rasse arbeitsunfähig ist, anderer Rassen, es braucht überhaupt die unumschränkte Verfügungsmöglichkeit über alle Arbeitskräfte des Erdrunds, um mit ihnen alle Produktivkräfte der Erde – soweit dies in den Schranken der Mehrwertproduktion möglich – mobil zu machen. Diese Arbeitskräfte findet es aber meist in festen Banden überkommener vorkapitalistischer Produktionsverhältnisse, aus denen sie erst »befreit« werden müssen, um in die tätige Armee des Kapitals einrolliert zu werden. Der Prozeß der Ausscheidung der Arbeitskräfte aus primitiven sozialen Verhältnissen und ihr Aufsaugen durch das kapitalistische Lohnsystem ist eine der unumgänglichen historischen Grundlagen des Kapitalismus. Die englische Baumwollindustrie als erster echt kapitalistischer Produktionszweig wäre unmöglich nicht bloß ohne die Baumwolle der Südstaaten der nordamerikanischen Union, sondern auch ohne die Millionen Afrikaneger, die nach Amerika verpflanzt wurden, um die Arbeitskräfte für die Plantagen zu liefern und nach dem Sezessionskriege als freies Proletariat der kapitalistischen Lohnarbeiterklasse zugewachsen sind.8 Die Wichtigkeit des Bezuges von erforderlichen Arbeitskräften aus nichtkapitalistischen Gesellschaften wird dem Kapital sehr fühlbar in der Form der sogenannten Arbeiterfrage in den Kolonien. Der Lösung dieser Frage dienen alle möglichen Methoden der »sanften Gewalt«, um die anderen sozialen Autoritäten und Produktionsbedingungen untergeordneten Arbeitskräfte von diesen loszulösen und dem Kommando des Kapitals zu unterstellen. Aus diesem Bestreben ergeben sich in den Kolonialländern die seltsamsten Mischformen zwischen modernem Lohnsystem und primitiven Herrschaftsverhältnissen.9 Diese illustrieren handgreiflich die Tatsache, daß die kapitalistische Produktion ohne Arbeitskräfte aus anderen sozialen Formationen nicht auszukommen vermag.

Marx behandelt freilich eingehend sowohl den Prozeß der Aneignung nichtkapitalistischer Produktionsmittel wie den Prozeß der Verwandlung des Bauerntums in kapitalistisches Proletariat. Das ganze 24. Kapitel im I. Band des »Kapital« ist der Schilderung der Entstehung des englischen Proletariats, der agrikolen kapitalistischen Pächterklasse sowie des industriellen Kapitals gewidmet. Eine hervorragende Rolle im letzteren Vorgang spielt in der Marxschen Schilderung die Ausplünderung der Kolonialländer durch das europäische Kapital. Dies alles aber wohlgemerkt nur unter dem Gesichtswinkel der sogenannten »primitiven Akkumulation«. Die angegebenen Prozesse illustrieren bei Marx nur die Genesis, die Geburtsstunde des Kapitals, sie bezeichnen die Geburtswehen bei dem Heraustreten der kapitalistischen Produktionsweise aus dem Schöße der feudalen Gesellschaft. Sobald er die theoretische Analyse des Kapitalprozesses gibt – Produktion wie Zirkulation –, kehrt er ständig zu seiner Voraussetzung: allgemeine und ausschließliche Herrschaft der kapitalistischen Produktion zurück.

Wir sehen jedoch, daß der Kapitalismus auch in seiner vollen Reife in jeder Beziehung auf die gleichzeitige Existenz nichtkapitalistischer Schichten und Gesellschaften angewiesen ist. Dieses Verhältnis erschöpft sich nicht durch die nackte Frage des Absatzmarktes für das »überschüssige Produkt«, wie das Problem von Sismondi und den späteren Kritikern und Zweiflern der kapitalistischen Akkumulation gestellt wurde. Der Akkumulationsprozeß des Kapitals ist durch alle seine Wertbeziehungen und Sachbeziehungen: konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert an nichtkapitalistische Produktionsformen gebunden. Letztere bilden das gegebene historische Milieu jenes Prozesses. Die Kapitalakkumulation kann so wenig unter der Voraussetzung der ausschließlichen und absoluten Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise dargestellt werden, daß sie vielmehr ohne das nichtkapitalistische Milieu in jeder Hinsicht undenkbar ist. Freilich zeigten Sismondi und seine Nachfolger einen richtigen Instinkt für die Daseinsbedingungen der Akkumulation, wenn sie deren Schwierigkeiten einzig und allein auf die Realisierung des Mehrwerts reduzierten. Zwischen den Bedingungen dieser letzteren und den Bedingungen der Erweiterung des konstanten und des variablen Kapitals in ihrer Sachgestalt besteht ein wichtiger Unterschied. Das Kapital kann ohne die Produktionsmittel und die Arbeitskräfte des gesamten Erdballes nicht auskommen, zur ungehinderten Entfaltung seiner Akkumulationsbewegung braucht es die Naturschätze und die Arbeitskräfte aller Erdstriche. Da diese sich tatsächlich in überwiegender Mehrzahl in den Banden vorkapitalistischer Produktionsformen befinden – dies das geschichtliche Milieu der Kapitalakkumulation –, so ergibt sich daraus der ungestüme Drang des Kapitals, sich jener Erdstriche und Gesellschaften zu bemächtigen. An sich wäre der kapitalistischen Produktion z.B. auch mit kapitalistisch betriebenen Kautschukplantagen, wie sie z.B. in Indien bereits angelegt sind, gedient. Aber die tatsächliche Vorherrschaft nichtkapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse in den Ländern jener Produktionszweige ergibt für das Kapital die Bestrebung, jene Länder und Gesellschaften unter seine Botmäßigkeit zu bringen, wobei die primitiven Verhältnisse allerdings so außerordentlich rasche und gewaltsame Griffe der Akkumulation ermöglichen, wie sie unter rein kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen ganz undenkbar wären.

Anders die Realisierung des Mehrwerts. Diese ist von vornherein an nichtkapitalistische Produzenten und Konsumenten als solche gebunden. Die Existenz nichtkapitalistischer Abnehmer des Mehrwerts ist also direkte Lebensbedingung für das Kapital und seine Akkumulation, insofern also der entscheidende Punkt im Problem der Kapitalakkumulation.

Ob aber so oder anders, faktisch ist die Kapitalakkumulation als geschichtlicher Prozeß in allen ihren Beziehungen auf nichtkapitalistische Gesellschaftsschichten und -formen angewiesen.

Die Lösung des Problems, um das sich die Kontroverse in der Nationalökonomie fast über ein ganzes Jahrhundert zieht, liegt also zwischen den beiden Extremen: zwischen der kleinbürgerlichen Skepsis der Sismondi, v. Kirchmann, Woronzow, Nikolaj-on, die die Akkumulation für unmöglich erklärten, und dem rohen Optimismus Ricardo-Say-Tugan Baranowskys, für die der Kapitalismus sich selbst schrankenlos befruchten kann, ergo – was nur eine logische Konsequenz – von ewiger Dauer ist. Die Lösung liegt, im Sinne der Marxschen Lehre, in dem dialektischen Widerspruch, daß die kapitalistische Akkumulation zu ihrer Bewegung nichtkapitalistischer sozialer Formationen als ihrer Umgebung bedarf, in ständigem Stoffwechsel mit ihnen vorwärts schreitet und nur so lange existieren kann, als sie dieses Milieu vorfindet.

Von hier aus können die Begriffe des inneren und auswärtigen Absatzmarktes, die im theoretischen Streit um das Problem der Akkumulation eine so hervorragende Rolle gespielt haben, revidiert werden. Innerer und äußerer Markt spielen gewiß eine große und grundverschiedene Rolle im Gang der kapitalistischen Entwickelung, jedoch nicht als Begriffe der politischen Geographie, sondern als die der sozialen Ökonomie. Innerer Markt vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist kapitalistischer Markt, ist diese Produktion selbst als Abnehmerin ihrer eigenen Produkte und Bezugsquelle ihrer eigenen Produktionselemente. Äußerer Markt für das Kapital ist die nichtkapitalistische soziale Umgebung, die seine Produkte absorbiert und ihm Produktionselemente und Arbeitskräfte liefert. Von diesem Standpunkt, ökonomisch, sind Deutschland und England in ihrem gegenseitigen Warenaustausch für einander meist innerer, kapitalistischer Markt, während der Austausch zwischen der deutschen Industrie und den deutschen bäuerlichen Konsumenten wie Produzenten für das deutsche Kapital auswärtige Marktbeziehungen darstellt. Wie aus dem Schema der Reproduktion ersichtlich, sind dies strenge, exakte Begriffe. Im innern kapitalistischen Verkehr können im besten Fall nur bestimmte Wertteile des gesellschaftlichen Gesamtprodukts realisiert werden: das verbrauchte konstante Kapital, das variable Kapital und der konsumierte Teil des Mehrwerts; hingegen muß der zur Kapitalisierung bestimmte Teil des Mehrwerts »auswärts« realisiert werden. Ist die Kapitalisierung des Mehrwerts der eigentliche Zweck und das treibende Motiv der Produktion, so ist andererseits die Erneuerung des konstanten und variablen Kapitals (sowie des konsumierten Teils des Mehrwerts) die breite Basis und die Vorbedingung jener. Und wird mit der internationalen Entwickelung des Kapitalismus die Kapitalisierung des Mehrwerts immer dringender und prekärer, so wird die breite Basis des konstanten und variablen Kapitals als Masse absolut und im Verhältnis zum Mehrwert immer gewaltiger. Daher die widerspruchsvolle Erscheinung, daß die alten kapitalistischen Länder für einander immer größeren Absatzmarkt darstellen, für einander immer unentbehrlicher werden und zugleich einander immer eifersüchtiger als Konkurrenten in Beziehungen mit nichtkapitalistischen Ländern bekämpfen.10 Die Bedingungen der Kapitalisierung des Mehrwerts und die Bedingungen der Erneuerung des Gesamtkapitals treten miteinander immer mehr in Widerspruch, der übrigens nur ein Reflex des widerspruchsvollen Gesetzes der fallenden Profitrate ist.

1 »Je größer das Kapital, je entwickelter die Produktivität der Arbeit, überhaupt die Stufenleiter der kapitalistischen Produktion, um so größer auch die Masse der Waren, die sich in dem Übergang aus der Produktion in die Konsumtion (individuelle und industrielle) in Zirkulation auf dem Markte befinden, und um so größer die Sicherheit für jedes besondere Kapital, seine Reproduktionsbedingungen fertig auf dem Markte vorzufinden.« (Marx, Theorien über den Mehrwert, Bd. II, Teil 2, S. 251.)

2 Theorien über den Mehrwert, Bd. II, Teil 2, S. 250, »Akkumulation von Kapital und Krisen«. Unterstrichen bei Marx.

3 Die Wichtigkeit der Baumwollindustrie für den englischen Export ist aus folgenden Zahlen ersichtlich:
1893: Gesamtexport von Fabrikaten 5.540 Mill. Mark, davon Baumwollwaren 1.280 Mill. Mark = 23 Proz., Eisen und sonstige Metallwaren nicht ganz 17 Proz.
1898: Gesamtexport von Fabrikaten 4.668 Mill. Mark, davon Baumwollwaren 1.300 Mill. Mark = 28 Proz., Eisen und Metallwaren 22 Proz. Verglichen damit ergeben die Zahlen für das Deutsche Reich:
1898: Gesamtexport 4.010 Mill. Mark, davon Baumwollwaren 231,9 Mill. Mark = 5¾ Proz.
Die Länge der 1898 exportierten Baumwollstückware betrug 5¼ Milliarden Yards, von denen 2¼ Milliarden nach Vorderindien gingen. (E. Jaffé, Die englische Baumwollindustrie und die Organisation des Exporthandels. Schmollers Jahrbücher, XXIV, S. 1033.)
1908 betrug die britische Ausfuhr an Baumwollengarn allein 262 Mill. Mark. (Statist. Jahrb. für das Deutsche Reich, 1910.)

4 Von den deutschen Teerfarbstoffen geht z.B. ein Fünftel, vom Indigo die Hälfte nach Ländern wie China, Japan, Britisch-Indien, Ägypten, Asiatische Türkei, Brasilien, Mexiko.

5 Das Kapital, Bd. I, S. 567.

6 Die jüngsten Enthüllungen des englischen Blaubuchs über die Praxis der Peruvian Amazon Co., Ltd. in Putumayo haben gezeigt, daß das internationale Kapital sogar ohne die politische Form der Kolonialherrschaft, auf dem Gebiete der freien Republik Peru, die Eingeborenen in ein an Sklaverei grenzendes Verhältnis zu sich zu bringen weiß, um dadurch Produktionsmittel aus primitiven Ländern im Raubbau größten Stils an sich zu raffen. Seit 1900 hatte die genannte Gesellschaft englischer und exotischer Kapitalisten etwa 4.000 Tonnen Putumayokautschuk auf den Londoner Markt geworfen. In der gleichen Zeit sind 30 Tausend Eingeborene umgebracht und von den 10 Tausend Überlebenden die Mehrzahl zu Krüppeln geschlagen worden.

7 Das Kapital, Bd. I, S. 544. Ähnlich an einer anderen Stelle: »Zunächst ist also ein Teil des Mehrwerts und des ihm in Lebensmitteln entsprechenden Mehrprodukts in variables Kapital zu verwandeln, das heißt neue Arbeit ist damit zu kaufen. Dieses ist nur möglich, wenn die Zahl der Arbeiter wächst oder wenn die Arbeitszeit, während der sie arbeiten, verlängert wird … Dieses ist jedoch nicht als konstantes Mittel der Akkumulation anzusehen. Die Arbeiterbevölkerung kann zunehmen, wenn vorhin unproduktive Arbeiter in produktive verwandelt werden, oder Teile der Bevölkerung, die früher nicht arbeiteten, wie Weiber und Kinder, Paupers, in den Produktionsprozeß gezogen werden. Letzteren Punkt lassen wir hier weg. Endlich durch absolutes Wachstum der Bevölkerung. Soll die Akkumulation ein stetiger, fortlaufender Prozeß sein, so ist dieses absolute Wachstum der Bevölkerung, obgleich sie relativ gegen das angewandte Kapital abnimmt, Bedingung. Vermehrung der Bevölkerung erscheint als Grundlage der Akkumulation als eines stetigen Prozesses. Dieses setzt aber voraus einen Durchschnittslohn, der beständiges Wachstum der Arbeiterbevölkerung, nicht nur Reproduktion derselben erlaubt.« (Theorien über den Mehrwert, Bd. II, Teil 2, Kapitel »Verwandlung von Revenue in Kapital«, S. 243.)

8 Eine kurz vor dem Sezessionskriege in den Vereinigten Staaten veröffentlichte Tabelle enthielt folgende Angaben über den Wert der jährlichen Produktion der Sklavenstaaten und die Zahl der beschäftigten Sklaven, von denen die übergroße Mehrzahl auf den Baumwollplantagen arbeitete:
1800: 5,2 Mill. Doll. Baumwolle, 893.041 Sklaven
1810: 15,1 Mill. Doll. Baumwolle, 1.191.364 Sklaven
1820: 26,3 Mill. Doll. Baumwolle, 1.543.688 Sklaven
1830: 34,1 Mill. Doll. Baumwolle, 2.009.053 Sklaven
1840: 74,6 Mill. Doll. Baumwolle, 2.487.255 Sklaven
1850: 101,8 Mill. Doll. Baumwolle, 3.179.509 Sklaven
1851: 137,3 Mill. Doll. Baumwolle, 3.200.000 Sklaven
(Simons, Klassenkämpfe in der Geschichte Amerikas. Ergänzungsheft der »Neuen Zeit«, Nr. 7, S. 39.)

9 Ein Musterbeispiel solcher Mischformen schildert der frühere englische Minister Bryce in den Südafrikanischen Diamantgruben. »Die interessanteste Sehenswürdigkeit Kimberleys, die einzig in der Welt dasteht, sind die beiden sogen. »Compounds«, wo die in den Bergwerken beschäftigten Eingeborenen beherbergt und eingesperrt werden. Es sind ungeheure Einfriedigungen ohne Dach, aber mit einem Drahtnetz überspannt, um zu verhindern, daß etwas über die Mauern geworfen wird. Ein unterirdischer Gang führt zu dem benachbarten Bergwerk. Es wird in drei achtstündigen Schichten gearbeitet, so daß der Arbeiter nie länger als acht Stunden hintereinander unter der Erde ist. An der Innenseite der Mauer sind Hütten errichtet, wo die Eingeborenen wohnen und schlafen. Auch ein Hospital ist innerhalb der Umfriedigung vorhanden, sowie eine Schule, wo die Arbeiter in ihrer freien Zeit lesen und schreiben lernen können. Geistige Getränke werden nicht verkauft. – Alle Eingänge werden streng bewacht, und keine Besucher, weder Eingeborene noch Weiße, erhalten Zutritt; die Lebensmittel werden von einem innerhalb der Mauern befindlichen, der Gesellschaft gehörigen Laden geliefert. Das Compound der De Beers-Grube beherbergte zur Zeit meines Besuches 2.600 Eingeborene aller möglichen Stämme, so daß man dort Exemplare der verschiedensten Negertypen von Natal und Pondoland im Süden bis zum Tanganjikasee im fernen Osten sehen konnte. Sie kommen von allen Himmelsrichtungen, durch die hohen Löhne, gewöhnlich 18–30 M. die Woche, herbeigelockt, und bleiben dort drei Monate und länger, zuweilen sogar für lange Zeit … In diesem weiten, rechteckigen Compound sieht man Zulus aus Natal, Fingos, Pondos, Tembus, Basutos, Betschuanas, Untertanen Gungunhanas aus den portugiesischen Besitzungen, einige Matabeles und Makalakas und viele sogen. Zambesi-Boys von den an beiden Ufern dieses Flusses wohnenden Stämmen. Sogar Buschmänner oder wenigstens Eingeborene, die von Buschmännern stammen, fehlen nicht. Sie wohnen friedlich zusammen und vergnügen sich in ihren freien Stunden auf ihre Art. Außer Glücksspielen sahen wir noch ein Spiel, das, dem englischen »Fuchs und Gänse« ähnlich, mit Steinen auf einem Brett gespielt wird; auch Musik wurde auf zwei primitiven Instrumenten gemacht: auf dem sogen. Kaffernklavier, das aus ungleich langen, nebeneinander in einem Rahmen befestigten Eisenplättchen besteht, und auf einem noch kunstloseren Instrument, aus ungleich langen, harten Holzstückchen gefertigt, denen man durch Anschlagen verschiedene Töne, die Rudimente einer Melodie entlocken kann. Einige wenige lasen oder schrieben Briefe, die übrigen waren mit Kochen oder Schwatzen beschäftigt. Manche Stämme schwatzen ununterbrochen und man kann in dieser seltsamen Negerretorte ein Dutzend Sprachen hören, wenn man von Gruppe zu Gruppe geht« Die Neger pflegen nach mehreren Monaten Arbeit mit ihrem aufgesparten Lohn das Bergwerk zu verlassen, um zu ihrem Stamme zurückzukehren, sich für das Geld eine Frau zu kaufen und wieder in ihren hergebrachten Verhältnissen zu leben. (James Bryce, Impressions of South Africa, 1897, deutsche Ausgabe 1900, S. 206.) Ebenda siehe auch die recht leibendige Schilderung der Methoden, wie man in Südafrika die »Arbeiterfrage« löst. Wir erfahren da, daß man die Neger zur Arbeit in den Bergwerken und Plantagen in Kimberley, in Witwatersrand, in Natal, im Matabeleland zwingt, dadurch, daß man ihnen alles Land und alles Vieh, d.h. die Existenzmittel nimmt, sie proletarisiert, sie auch mit Branntwein demoralisiert (später, als sie schon in der »Einfriedung« des Kapitals sind, werden ihnen, die an Alkohol erst gewohnt worden, »geistige Getränke« streng verboten: das Ausbeutungsobjekt muß in brauchbarem Zustand erhalten werden), schließlich einfach mit Gewalt, Gefängnis, Auspeitschung in das »Lohnsystem« des Kapitals preßt.

10 Typisch für diese Beziehungen ist das Verhältnis von Deutschland und England.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Der Kampf gegen die Naturalwirtschaft.

Der Kapitalismus kommt zur Welt und entwickelt sich historisch in einem nichtkapitalistischen sozialen Milieu. In den westeuropäischen Ländern umgibt ihn zuerst das feudale Milieu, aus dessen Schoß er hervorgeht – die Fronwirtschaft auf dem platten Lande, das Zunfthandwerk in der Stadt –, dann, nach Abstreifung des Feudalismus, ein vorwiegend bäuerlich-handwerksmäßiges Milieu, also einfache Warenproduktion in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Außerdem umgibt den europäischen Kapitalismus ein gewaltiges Terrain außereuropäischer Kulturen, welches die ganze Skala von Entwicklungsstufen von den primitivsten kommunistischen Horden wandernder Jäger und Sammler bis zur bäuerlichen und handwerksmäßigen Warenproduktion darbietet. Mitten in diesem Milieu arbeitet sich der Prozeß der Kapitalakkumulation vorwärts.

Es sind dabei drei Phasen zu unterscheiden: der Kampf des Kapitals mit der Naturalwirtschaft, der Kampf mit der Warenwirtschaft und der Konkurrenzkampf des Kapitals auf der Weltbühne um die Reste der Akkumulationsbedingungen.

Der Kapitalismus bedarf zu seiner Existenz und Fortentwickelung nichtkapitalistischer Produktionsformen als seiner Umgebung. Aber nicht mit jeder dieser Formen ist ihm gedient. Er braucht nichtkapitalistische soziale Schichten als Absatzmarkt für seinen Mehrwert, als Bezugsquellen seiner Produktionsmittel und als Reservoirs der Arbeitskräfte für sein Lohnsystem. Zu allen diesen Zwecken kann das Kapital mit naturalwirtschaftlichen Produktionsformen nichts anfangen. In allen naturalwirtschaftlichen Formationen – ob es sich um primitive Bauerngemeinden mit Gemeineigentum an Grund und Boden, feudale Fronverhältnisse oder dergleichen handelt – ist die Produktion für den Selbstbedarf das Ausschlaggebende der Wirtschaft, daher kein oder geringer Bedarf nach fremden Waren und in der Regel auch kein Überfluß an eigenen Produkten oder zum mindesten kein dringendes Bedürfnis, überschüssige Produkte loszuwerden. Was das wichtigste jedoch: alle naturalwirtschaftlichen Produktionsformen beruhen auf dieser oder jener Art Gebundenheit sowohl der Produktionsmittel wie der Arbeitskräfte. Die kommunistische Bauerngemeinde so gut wie der feudale Fronhof und dergleichen stützen sich in ihrer wirtschaftlichen Organisation auf die Fesselung des wichtigsten Produktionsmittels – des Grund und Bodens – sowie der Arbeitskräfte durch Recht und Herkommen. Die Naturalwirtschaft setzt somit den Bedürfnissen des Kapitals in jeder Hinsicht starre Schranken entgegen. Der Kapitalismus führt deshalb vor allem stets und überall einen Vernichtungskampf gegen die Naturalwirtschaft in jeglicher historischer Form, auf die er stößt, gegen die Sklavenwirtschaft, gegen den Feudalismus, gegen den primitiven Kommunismus, gegen die patriarchalische Bauernwirtschaft. In diesem Kampfe bilden politische Gewalt (Revolution, Krieg), staatlicher Steuerdruck und Billigkeit der Waren die Hauptmethoden, die teils nebeneinander laufen, teils einander folgen und sich gegenseitig, unterstützen. Äußerte sich die Gewalt im Kampfe gegen den Feudalismus in Europa in revolutionärer Gestalt (die bürgerlichen Revolutionen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts gehören in letzter Linie hierher), so in außereuropäischen Ländern, im Kampfe gegen primitivere soziale Formen, in der Gestalt der Kolonialpolitik. Das hier praktizierte Steuersystem wie der Handel, namentlich mit primitiven Gemeinwesen, stellen ein Gemisch dar, in dem politische Gewalt und ökonomische Faktoren eng ineinander greifen.

Die ökonomischen Zwecke des Kapitalismus im Kampfe mit naturalwirtschaftlichen Gesellschaften sind im einzelnen:

  1. sich wichtiger Quellen von Produktivkräften direkt zu bemächtigen, wie Grund und Boden, Wild der Urwälder, Mineralien, Edelsteine und Erze, Erzeugnisse exotischer Pflanzenwelt, wie Kautschuk usw.;
  2. Arbeitskräfte »frei« zu machen und zur Arbeit für das Kapital zu zwingen;
  3. die Warenwirtschaft einzuführen;
  4. Landwirtschaft von Gewerbe zu trennen.

Bei der primitiven Akkumulation, d.h. in den ersten geschichtlichen Anfängen des Kapitalismus in Europa am Ausgang des Mittelalters und bis ins 19. Jahrhundert hinein, bildete das Bauernlegen in England und auf dem Kontinent das großartigste Mittel zur massenhaften Verwandlung der Produktionsmittel und Arbeitskräfte in Kapital. Indes dieselbe Aufgabe wird bis auf den heutigen Tag durch das herrschende Kapital in ganz anders großartigem Maßstab ausgeführt – in der modernen Kolonialpolitik. Es ist eine Illusion, zu hoffen, der Kapitalismus würde sich je nur mit Produktionsmitteln begnügen, die er auf dem Wege des Warenhandels erstehen kann. Die Schwierigkeit für das Kapital besteht in dieser Hinsicht schon darin, daß auf gewaltigen Strecken der explotierbaren Erdoberfläche die Produktivkräfte sich im Besitz von gesellschaftlichen Formationen befinden, die entweder zum Warenhandel nicht neigen oder aber gerade die wichtigsten Produktionsmittel, auf die es dem Kapital ankommt, überhaupt nicht feilbieten, weil die Eigentumsformen wie die ganze soziale Struktur dies von vornherein ausschließen. Dahin gehören vor allem Grund und Boden mit dem ganzen Reichtum an mineralischem Gehalt im Innern sowie mit dem Wiesen-, Wälder- und Wasserbestand an der Oberfläche, ferner Viehherden bei viehzüchtenden primitiven Völkern. Sich hier auf den Prozeß der langsamen auf Jahrhunderte berechneten inneren Zersetzung dieser naturalwirtschaftlichen Gebilde verlassen und ihre Resultate erst abwarten, bis sie zur Entäußerung der wichtigsten Produktionsmittel auf dem Wege des Warenhandels führen, würde für das Kapital soviel bedeuten, als überhaupt auf die Produktivkräfte jener Gebiete verzichten. Daraus folgert der Kapitalismus gegenüber den Kolonialländern die gewaltsame Aneignung der wichtigsten Produktionsmittel als eine Lebensfrage für sich. Da aber gerade die primitiven sozialen Verbände der Eingeborenen der stärkste Schutzwall der Gesellschaft wie ihrer materiellen Existenzbasis sind, so erfolgt als einleitende Methode des Kapitals die systematische planmäßige Zerstörung und Vernichtung der nichtkapitalistischen sozialen Verbände, auf die es in seiner Ausbreitung stößt. Hier haben wir es nicht mehr mit der primitiven Akkumulation zu tun, der Prozeß dauert fort bis auf den heutigen Tag. Jede neue Kolonialerweiterung wird naturgemäß von diesem hartnäckigen Krieg des Kapitals gegen die sozialen und ökonomischen Zusammenhänge der Eingeborenen begleitet, sowie von dem gewaltsamen Raub ihrer Produktionsmittel und ihrer Arbeitskräfte. Die Hoffnung, den Kapitalismus ausschließlich auf den »friedlichen Wettbewerb«, d.h. auf den regelrechten Warenhandel, wie er zwischen kapitalistisch produzierenden Ländern geführt wird, als die einzige Grundlage seiner Akkumulation verweisen zu können, beruht auf der doktrinären Täuschung, als ob die Kapitalakkumulation ohne die Produktivkräfte und die Nachfrage primitiverer Gebilde auskommen, sich auf den langsamen inneren Zersetzungsprozeß der Naturalwirtschaft verlassen könnte. So wenig die Kapitalakkumulation in ihrer sprunghaften Ausdehnungsfähigkeit auf den natürlichen Zuwachs der Arbeiterbevölkerung zu warten und mit ihm auszukommen vermag, so wenig wird sie auch die natürliche langsame Zersetzung der nichtkapitalistischen Formen und ihren Übergang zur Warenwirtschaft abwarten und sich mit ihm begnügen. Das Kapital kennt keine andere Lösung der Frage als Gewalt, die eine ständige Methode der Kapitalakkumulation als geschichtlicher Prozeß ist, nicht bloß bei der Genesis, sondern bis auf den heutigen Tag. Für die primitiven Gesellschaften aber gibt es, da es sich in jedem solchen Falle um Sein oder Nichtsein handelt, kein anderes Verhalten als Widerstand und Kampf auf Tod und Leben, bis zur völligen Erschöpfung oder bis zur Ausrottung. Daher die ständige militärische Besetzung der Kolonien, die Aufstände der Eingeborenen und die Kolonialexpeditionen zu ihrer Niederwerfung als permanente Erscheinungen auf der Tagesordnung des Kolonialregimes. Die gewaltsame Methode ist hier die direkte Folge des Zusammenpralls des Kapitalismus mit naturalwirtschaftlichen Formationen, die seiner Akkumulation Schranken setzen. Ohne ihre Produktionsmittel und Arbeitskräfte kann er nicht auskommen, so wenig wie ohne ihre Nachfrage nach seinem Mehrprodukt. Um ihnen aber Produktionsmittel und Arbeitskräfte zu entnehmen, um sie in Warenabnehmer zu verwandeln, strebt er zielbewußt danach, sie als selbständige soziale Gebilde zu vernichten. Diese Methode ist vom Standpunkt des Kapitals die zweckmäßigste, weil sie zugleich die rascheste und profitabelste ist. Ihre andere Seite ist nämlich der wachsende Militarismus, über dessen Bedeutung für die Akkumulation in anderem Zusammenhang weiter unten. Die klassischen Beispiele der Anwendung dieser Methoden des Kapitals in den Kolonien bieten die Politik der Engländer in Indien und die der Franzosen in Algier.

Die uralte Wirtschaftsorganisation der Inder – die kommunistische Dorfgemeinde – hatte sich in ihren verschiedenen Formen durch Jahrtausende erhalten und eine lange innere Geschichte durchgemacht, trotz aller Stürme »in den politischen Wolkenregionen«. Im 6. Jahrhundert vor der christlichen Ära drangen in das Indusgebiet die Perser und unterwarfen sich einen Teil des Landes. Zwei Jahrhunderte später zogen die Griechen ein und hinterließen als Ableger einer ganz fremden Kultur die alexandrinischen Kolonien. Die wilden Skythen machten ein Invasion ins Land. Jahrhundertelang herrschten die Araber in Indien. Später kamen von den Höhen des Iran die Afghanen, bis auch diese durch den ungestümen Ansturm der Tatarenhorden aus Transoxanien vertrieben wurden. Schrecken und Vernichtung bezeichneten den Weg, auf dem die Mongolen vorüberzogen, ganze Dörfer wurden niedergemetzelt, und die friedlichen Fluren mit den zarten Reishalmen färbten sich purpurn von Strömen vergossenen Blutes. Aber die indische Dorfgemeinde hat alles überdauert. Denn alle mohammedanischen Eroberer, die einander ablösten, ließen schließlich das innere soziale Leben der Bauernmasse und seine überlieferte Struktur unangetastet. Sie setzten bloß in den Provinzen ihre Statthalter ein, die die militärische Organisation überwachten und Abgaben von der Bevölkerung einsammelten. Alle Eroberer gingen auf die Beherrschung und Ausbeutung des Landes aus, keiner hatte ein Interesse daran, dem Volke seine Produktivkräfte zu rauben und seine soziale Organisation zu vernichten. Der Bauer mußte im Reiche des Großmoguls jährlich seinen Tribut in Naturalien an die Fremdherrschaft entrichten, aber er konnte in seinem Dorf ungeschoren leben und auf seiner sholgura wie seine Urväter Reis bauen. Dann kamen die Engländer, und der Pesthauch der kapitalistischen Zivilisation vollbrachte in kurzer Zeit, was Jahrtausende nicht vermocht und was das Schwert der Nogaier nicht fertig gebracht hatte: die ganze soziale Organisation des Volkes zu zertrümmern. Der Zweck des englischen Kapitals war in letzter Linie, die Existenzbasis selbst der indischen Gemeinde: den Grund und Boden in die eigene Macht zu kriegen.

Zu diesem Zwecke diente vor allem die bei den europäischen Kolonisatoren seit jeher beliebte Fiktion, wonach alles Land in der Kolonie Eigentum der politischen Herrscher wäre. Die Engländer schenkten nachträglich ganz Indien als Privatbesitz dem Großmogul und seinen Statthaltern, um es als deren »rechtmäßige« Nachfolger zu erben. Die angesehensten Gelehrten der Nationalökonomie wie James Mill stützten diese Fiktion diensteifrig mit »wissenschaftlichen« Gründen, so namentlich mit dem famosen Schluß: man müsse annehmen, daß das Grundeigentum in Indien dem Herrscher gehöre, »denn, wollten wir annehmen, daß nicht er der Grundeigentümer war, so wären wir nicht imstande zu sagen: wer war denn Eigentümer?«1 Demgemäß verwandelten die Engländer schon 1793 in Bengalen alle Zemindars, d.h. die vorgefundenen mohammedanischen Steuerpächter oder auch die erblichen Marktvorsteher in ihren Bezirken in Grundbesitzer dieser Bezirke, um sich auf diese Weise einen starken Anhang im Lande bei ihrem Feldzuge gegen die Bauernmasse zu schaffen. Genau so verfuhren sie auch später bei neuen Eroberungen, in der Provinz Agra, in Oudh, in den Zentralprovinzen. Die Folge war eine Reihe von stürmischen Bauernaufständen, bei denen die Steuereinnehmer häufig vertrieben wurden. In der allgemeinen Verwirrung und Anarchie, die dabei entstand, wußten englische Kapitalisten einen ansehnlichen Teil der Ländereien in ihre Hände zu bringen.

Ferner wurde die Steuerlast so rücksichtslos erhöht, daß sie fast die gesamte Frucht der Arbeit der Bevölkerung verschlang. Es kam soweit, daß (nach dem offiziellen Zeugnis der englischen Steuerbehörde aus dem Jahre 1854) in den Distrikten Delhi und Allahabad die Bauern es vorteilhaft fanden, ihre Landanteile lediglich gegen die als Steuer auf sie entfallende Summe zu verpachten und zu verpfänden. Auf dem Boden dieses Steuersystems zog der Wucher in das indische Dorf ein und setzte sich in ihm fest wie ein Krebs, von innen die soziale Organisation zerfressend.2 Zur Beschleunigung des Prozesses führten die Engländer ein Gesetz ein, das allen Traditionen und Rechtsbegriffen der Dorfgemeinde in Gesicht schlug: die zwangsweise Veräußerlichkeit der Dorffelder wegen Steuerrückständen. Der alte Geschlechtsverband suchte sich dagegen vergeblich durch das Vorkaufsrecht der Gesamtmark und der verwandten Marken zu schützen. Die Auflösung war im vollen Gange. Zwangsversteigerungen, Austritte einzelner aus der Mark, Verschuldung und Enteignung der Bauern waren an der Tagesordnung.

Die Engländer suchten sich dabei, wie es ihre Taktik in den Kolonien stets war, den Anschein zu geben, als sei ihre Gewaltpolitik, die völlige Unsicherheit der Grundbesitzverhältnisse und den Zusammenbruch der Bauernwirtschaft der Hindus herbeigeführt hatte, gerade im Interesse des Bauerntums und zu seinem Schütze gegen die eingeborenen Tyrannen und Ausbeuter notwendig gewesen.3 Erst schuf England künstlich eine Landaristokratie in Indien auf Kosten uralter Eigenturasrechte der Bauerngemeinden, um hinterdrein die Bauern gegen diese Bedrücker zu schützen und das »widerrechtlich usurpierte Land« in die Hände englischer Kapitalisten zu bringen.

So entstand in Indien in kurzer Zeit der Großgrundbesitz, während die Bauern auf enormen Strecken in eine verarmte proletarisierte Masse kleiner Pächter mit kurzen Pachtfristen verwandelt wurden.

Endlich kam noch in einem markanten Umstand die spezifische Kapitalmethode der Kolonisation zum Ausdruck. Die Engländer waren die ersten Eroberer Indiens, die eine rohe Gleichgültigkeit für die öffentlichen Kulturwerke wirtschaftlichen Charakters mitbrachten. Araber, Afghanen wie Mongolen leiteten und unterstützten in Indien großartige Kanalanlagen, durchzogen das Land mit Straßen, überspannten Flüsse mit Brücken, ließen wasserspendende Brunnen graben. Der Ahne der Mongolendynastie in Indien, Timur oder Tamerlan, trug Sorge für die Bodenkultur, Bewässerung, Sicherheit der Wege und Verpflegung der Reisenden.4 »Die primitiven Radschas Indiens, die afghanischen oder mongolischen Eroberer, zuweilen grausam für die Individuen, bezeichneten wenigstens ihre Herrschaft durch jene wunderbaren Konstruktionen, die man heute auf jedem Schritt findet und die das Werk einer Rasse von Riesen zu sein scheinen … Die Kompagnie (die Englisch-Ostindische Kompagnie, die bis 1858 in Indien herrschte) hat nicht eine Quelle geöffnet, nicht einen Brunnen gegraben, nicht einen Kanal gebaut, nicht eine Brücke zum Nutzen der Inder errichtet«.5 Ein anderer Zeuge, der Engländer James Wilson, sagt: »In der Provinz von Madras wird jedermann unwillkürlich durch die grandiosen altertümlichen Bewässerungsanlagen frappiert, deren Spuren sich bis auf unsere Zeit erhalten haben. Stausysteme, die die Flüsse stauten, bildeten ganze Seen, aus denen Kanäle auf 60 und 70 Meilen im Umkreis Wasser verbreiteten. Auf großen Flüssen gab es solcher Schleusen 30–40 Stück … Das Regenwasser, das von den Bergen hinabfloß, wurde in besonders zu diesem Behufe gebauten Teichen gesammelt, von denen viele bis jetzt 15 bis 25 Meilen im Umkreis haben. Diese gigantischen Konstruktionen waren fast alle vor dem Jahre 1750 vollendet. In der Epoche der Kriege der Kompagnie mit den mongolischen Herrschern und, wir müssen hinzufügen, während der ganzen Periode unserer Herrschaft in Indien, sind sie in großen Verfall geraten«.6

Ganz natürlich: für das englische Kapital kam es nicht darauf an, die indischen Gemeinwesen lebensfähig zu erhalten und wirtschaftlich zu stützen, sondern im Gegenteil, sie zu zerstören, ihnen die Produktivkräfte zu entreißen. Die rasch zugreifende ungestüme Gier der Akkumulation, die ihrem ganzen Wesen nach von »Konjunkturen« lebt und nicht an den morgigen Tag zu denken imstande ist, kann den Wert der alten wirtschaftlichen Kulturwerke von weitsichtigerem Standpunkt nicht einschätzen. In Ägypten zerbrachen sich kürzlich die englischen Ingenieure, als sie für die Zwecke des Kapitals am Nil Riesenstauwerke errichten sollten, den Kopf, um die Spuren jener antiken Kanalsysteme aufzudecken, die sie in ihren indischen Provinzen mit der stupiden Sorglosigkeit von Botokuden hatten gänzlich verfallen lassen. Die Engländer haben das edle Werk ihrer Hände erst einigermaßen zu würdigen gelernt, als die furchtbare Hungersnot, die im Distrikt Orissa allein in einem Jahre eine Million Menschenleben dahingerafft hatte, im Jahre 1867 eine Untersuchung über die Ursachen der Notlage vom englischen Parlament erzwungen hat. Gegenwärtig sucht die englische Regierung die Bauern auf administrativem Wege vor dem Wucher zu retten. Die Punjab Alienation Act (1900) verbietet die Veräußerung oder Belastung des Bauernlandes zugunsten von Angehörigen anderer Kasten als die landbautreibende und macht Ausnahmen im Einzelfalle von der Genehmigung des Steuereinnehmers abhängig.7 Nachdem sie die schützende Bande der uralten sozialen Verbände der Hindus planmäßig zerrissen und einen Wucher großgezogen haben, bei dem ein Zinsfuß von 15 Proz. eine gewöhnliche Erscheinung ist, stellen die Engländer den ruinierten und verelendeten indischen Bauer unter die Vormundschaft des Fiskus und seiner Beamten, d.h. unter den »Schutz« seiner unmittelbaren Blutsauger. –

Neben dem Martyrium Britisch-Indiens beansprucht in der kapitalistischen Kolonialwirtschaft die Geschichte der französischen Politik in Algerien einen Ehrenplatz. Als die Franzosen Algerien eroberten, herrschten unter der Masse der arabisch-kabylischen Bevölkerung die uralten sozialen und wirtschaftlichen Einrichtungen, die sich trotz der langen und bewegten Geschichte des Landes bis ins 19. Jahrhundert, ja, zum Teil bis heute erhalten haben.

Mochten in den Städten, unter den Mauren und Juden, unter Kaufleuten, Handwerkern und Wucherern Privateigentum herrschen und auf dem flachen Lande bereits große Strecken von der türkischen Vasallenherrschaft her als staatliche Domänen usurpiert sein, immerhin gehörte noch fast die Hälfte des benutzten Landes in ungeteiltem Eigentum den arabisch-kabylischen Stämmen, und hier herrschten noch uralte patriarchalische Sitten. Dasselbe Nomadenleben, nur dem oberflächlichen Blick unstet und regellos, in Wirklichkeit streng geregelt und höchst eintönig, führte wie seit jeher noch im 19. Jahrhundert viele arabische Geschlechter mit Männern, Weibern und Kindern, mit Herden und Zelten jeden Sommer an den von Meeres-Winden angefächelten kühleren Küstenteil Tell und jeden Winter wieder in die schützende Wärme der Wüste zurück. Jeder Stamm und jedes Geschlecht hatte seine bestimmten Wanderungsstrecken und bestimmte Sommer- und Winterstationen, wo sie ihre Zelte aufschlugen. Die ackerbautreibenden Araber besaßen das Land gleichfalls vielfach noch im Gemeineigentum der Geschlechter. Und ebenso patriarchalisch nach althergebrachten Regeln lebte die kabylische Großfamilie unter der Leitung ihrer gewählten Oberhäupter.

Die Hauswirtschaft dieses großen Familienkreises war ungeteilt von dem ältesten weiblichen Mitglied geleitet, jedoch gleichfalls auf Grund der Wahl der Familie, oder aber von den Frauen der Reihe nach. Die kabylische Großfamilie, die in dieser Organisation am Saum der afrikanischen Wüste ein eigentümliches Seitenstück zu der berühmten südslawischen »Zadruga« darbot, war Eigentümerin nicht bloß des Grund und Bodens, sondern auch aller Werkzeuge, Waffen und Gelder, die zum Betrieb des Berufs aller Mitglieder erforderlich waren und von ihnen erworben wurden. Als Privateigentum gehörte jedem Mann nur ein Anzug und jeder Frau nur die Kleidungsstücke und die Schmucksachen, die sie als Brautgeschenk erhalten hatte. Alle kostbareren Gewänder aber und Juwelen galten als ungeteiltes Familieneigentum und durften von einzelnen nur mit Einwilligung aller gebraucht werden. War die Familie nicht zu zahlreich, so nahm sie ihre Mahlzeiten an einem gemeinsamen Tische ein, wobei alle Frauen nach der Reihe kochten, die ältesten aber die Verteilung besorgten. War der Kreis der Personen zu groß, dann wurden allmonatlich die Nahrungsmittel vom Vorstand in rohem Zustand bei Beobachtung strenger Gleichheit unter die Einzelfamilien verteilt und von diesen zubereitet. Engste Bande der Solidarität, gegenseitiger Hilfe und Gleichheit umspannten diese Gemeinwesen, und die Patriarchen pflegten sterbend den Söhnen das treue Festhalten am Familienverband als letztes Vermächtnis ans Herz zu legen.8

Schon die türkische Herrschaft, die sich im 16. Jahrhundert in Algerien etablierte, hatte ernste Eingriffe in diese sozialen Verhältnisse gemacht. Freilich war es nur eine später von den Franzosen erfundene Fabel, daß die Türken sämtlichen Grund und Boden für den Fiskus konfisziert hätten. Diese wilde Phantasie, die nur den Europäern einfallen konnte, befand sich im Widerspruch mit der ganzen ökonomischen Grundlage des Islams und seiner Bekenner. Im Gegenteil, die Grundbesitzverhältnisse der Dorfgemeinden und der Großfamilien wurden von den Türken im allgemeinen nicht angetastet. Nur ein großer Teil unbebauter Ländereien wurde von ihnen als Staatsdomäne den Geschlechtern gestohlen und unter den türkischen Lokalverwaltern in Beyliks verwandelt, die zum Teil direkt von Staats wegen mit eingeborenen Arbeitskräften bewirtschaftet, zum Teil gegen Zins oder Naturalleistungen in Pacht gegeben wurden. Daneben benutzten die Türken jede Meuterei der unterworfenen Geschlechter und jede Verwirrung im Lande, um durch umfassende Landkonfiskationen die fiskalischen Besitzungen zu vergrößern und darauf Militärkolonien zu gründen, oder die konfiszierten Güter öffentlich zu versteigern, wobei sie meist in die Hände von türkischen und anderen Wucherern gerieten. Um den Konfiskationen und dem Steuerdruck zu entgehen, begaben sich viele Bauern, genau wie in Deutschland im Mittelalter, unter den Schutz der Kirche, die auf diese Weise zum obersten Grundherrn über ansehnliche Strecken Landes wurde. Schließlich stellten die Besitzverhältnisse Algeriens nach all diesen wechselvollen Geschicken zur Zeit der französischen Eroberung das folgende Bild dar: 1.500.000 Hektar Land umfaßten die Domänen, 3.000.000 Hektar unbenutztes Land waren gleichfalls dem Staate unterstellt als »Gemeineigentum aller Rechtgläubigen« (Bled-el-Islam); das Privateigentum umfaßte 3.000.000 Hektar, die sich noch von römischen Zeiten her im Besitze der Berber befanden, und 1.500.000 Hektar, die unter der türkischen Herrschaft in Privathände übergegangen waren. In ungeteiltem Gemeineigentum der arabischen Geschlechter verblieben danach nur noch 5.000.000 Hektar Land. Was die Sahara betrifft, so befanden sich darin zirka 3.000.000 Hektar brauchbaren Landes im Bereiche der Oasen teils in ungeteiltem Großfamilienbesitz, teils in Privatbesitz. Die übrigen 23.000.000 Hektar stellten meist Ödland dar.

Die Franzosen begannen, nachdem sie Algerien in ihre Kolonie verwandelt hatten, mit großem Tamtam ihr Werk der Zivilisierung. War doch Algerien, nachdem es anfangs des 18. Jahrhunderts die Abhängigkeit von der Türkei abgestreift hatte, ein freies Seeräubernest geworden, welches das Mittelmeer unsicher machte und Sklavenhandel mit Christen trieb. Gegen diese Ruchlosigkeit der Mohammedaner erklärten namentlich Spanien und die nordamerikanische Union, die selbst im Sklavenhandel zu jener Zeit Erkleckliches leisteten, unerbittlichen Krieg. Auch während der großen französischen Revolution wurde ein Kreuzzug gegen die Anarchie in Algerien proklamiert. Die Unterwerfung Algeriens durch Frankreich war also unter den Losungen der Bekämpfung der Sklaverei und der Einführung geordneter zivilisierter Zustände durchgeführt. Die Praxis sollte bald zeigen, was dahinter steckte. In den vierzig Jahren, die seit der Unterwerfung Algeriens verflossen waren, hat bekanntlich kein europäischer Staat so häufigen Wechsel des politischen Systems durchgemacht wie Frankreich. Auf die Restauration war die Juli-Revolution und das Bürgerkönigtum gefolgt, auf diese die Februar-Revolution, die zweite Republik, das zweite Kaiserreich, endlich das Debacle des Jahres 1870 und die dritte Republik. Adel, Hochfinanz, Kleinbürgertum, die breite Schicht der Mittelbourgeoisie lösten einander in der politischen Herrschaft ab. Aber ein ruhender Pol in dieser Erscheinungen Flucht war die Politik Frankreichs in Algerien, die von Anfang bis Ende auf ein und dasselbe Ziel gerichtet war und am Saum der afrikanischen Wüste am besten verriet, daß sich sämtliche Staatsumwälzungen Frankreichs im 19. Jahrhundert um ein und dasselbe Grundinteresse: um die Herrschaft der kapitalistischen Bourgeoisie und ihrer Eigentumsform drehten.

»Die Ihrem Studium unterbreitete Gesetzesvorlage – sagte der Abgeordnete Humbert am 30. Juni 1873 in der Sitzung der französischen Nationalversammlung als Berichterstatter der Kommission zur Ordnung der Agrarverhältnisse in Algerien – ist nicht mehr als die Krönung des Gebäudes, dessen Fundament durch eine ganze Reihe von Ordonnanzen, Dekreten, Gesetzen und Senatuskonsulten gelegt war, die alle zusammen und jedes insbesondere ein und dasselbe Ziel verfolgen: die Etablierung des Privateigentums bei den Arabern.« Die planmäßige, bewußte Vernichtung und Aufteilung des Gemeineigentums, das war der unverrückbare Pol, nach dem sich der Kompaß der französischen Kolonialpolitik ungeachtet aller Stürme im inneren Staatsleben während eines halben Jahrhunderts richtete, und zwar aus dem folgenden klar erkannten Doppelinteresse. Die Vernichtung des Gemeineigentums sollte vor allem die Macht der arabischen Geschlechter als sozialer Verbände zertrümmern und damit ihren hartnäckigen Widerstand gegen das französische Joch brechen, der sich trotz aller Militärübermacht Frankreichs in unaufhörlichen Rebellionen der Stämme kundtat und einen unaufhörlichen Kriegszustand in der Kolonie zur Folge hatte.9 Ferner war der Ruin des Gemeineigentums eine Vorbedingung, um in den wirtschaftlichen Genuß des eroberten Landes zu treten, d.h. den seit einem Jahrtausend von den Arabern besessenen Grund und Boden ihren Händen zu entreißen und in die Hände französischer Kapitalisten zu bringen. Zu diesem Behufe diente vor allem dieselbe uns schon bekannte Fiktion, wonach der gesamte Grund und Boden nach muselmännischem Gesetze Eigentum des jeweiligen Herrschers wäre. Genau wie die Engländer in Britisch-Indien, erklärten die Gouverneure Louis Philipps in Algerien die Existenz eines Gemeineigentums ganzer Geschlechter für eine »Unmöglichkeit«. Auf Grund dieser Fiktion wurden die meisten unbebauten Ländereien, namentlich aber die Almenden, Wälder und Wiesen für Staatseigentum erklärt und zu Kolonisationszwecken verwendet. Es kam ein ganzes System der Ansiedelungen, die sogen. cantonnements, auf, bei dem inmitten der Geschlechterländereien französische Kolonisten gesetzt, die Stämme selbst aber auf einem minimalen Gebiet zusammengepfercht werden sollten. Durch Erlasse vom Jahre 1830, 1831, 1840, 1844, 1845, 1846 wurden diese Diebstähle an arabischen Geschlechterländereien »gesetzlich« begründet. Dieses Ansiedelungssystem führte aber in Wirklichkeit gar nicht zur Kolonisation, es hat bloß zügellose Spekulation und Wucher großgezogen. Die Araber verstanden in den meisten Fällen die ihnen weggenommenen Ländereien zurückzukaufen, wobei sie freilich tief in Schulden gerieten. Der französische Steuerdruck wirkte nach derselben Richtung. Namentlich aber hat das Gesetz vom 16. Juni 1851, das alle Forsten zum Staatseigentum erklärte und so 2,4 Millionen Hektar halb Weide, halb Gestrüpp den Eingeborenen stahl, der Viehzucht die Existenzbasis entzogen. Unter dem Platzregen all dieser Gesetze, Ordonnanzen und Maßnahmen entstand in den Eigentumsverhältnissen des Landes eine unbeschreibliche Verwirrung. Zur Ausnutzung der herrschenden fieberhaften Bodenspekulation und in der Hoffnung auf baldige Zurückgewinnung des Bodens veräußerten viele Eingeborene ihre Grundstücke an Franzosen, wobei sie häufig an zwei und drei Käufer zugleich dasselbe Grundstück verkauften, das sich obendrein gar nicht als ihr Eigentum, sondern als unveräußerliches Geschlechtereigentum herausstellte. So glaubte eine Spekulantengesellschaft aus Rouen 20.000 Hektar gekauft zu haben, während sie im Resultat nur 1.370 Hektar strittigen Gebietes ihr eigen nennen durfte. In einem anderen Falle stellte sich ein verkauftes Gebiet von 1.230 Hektar nach der Aufteilung als 2 Hektar aus. Es folgte eine unendliche Reihe von Prozessen, wobei die französischen Gerichte prinzipiell alle Aufteilungen und Ansprüche der Käufer unterstützten. Unsicherheit der Verhältnisse, Spekulation, Wucher und Anarchie wurden allgemein. Aber der Plan der französischen Regierung, sich mitten in der arabischen Bevölkerung eine starke Stütze in einer französischen Kolonistenmasse zu schaffen, hat elend Schiffbruch gelitten. Deshalb nimmt die französische Politik unter dem zweiten Kaiserreich eine andere Wendung: die Regierung, die sich nach 30 Jahren hartnäckigen Leugnens des Gemeineigentums in ihrer europäischen Borniertheit eines Besseren hat belehren lassen müssen, erkannte endlich offiziell die Existenz des ungeteilten Geschlechtereigentums an, doch nur, um im gleichen Atem die Notwendigkeit seiner gewaltsamen Aufteilung zu proklamieren. Diesen Doppelsinn hat der Senatuskonsult vom 22. April 1863. »Die Regierung«, erklärte General Allard im Staatsrat, »verliert nicht aus dem Auge, daß das allgemeine Ziel ihrer Politik dies ist, den Einfluß der Geschlechtervorsteher zu schwächen und die Geschlechter aufzulösen. Auf diese Weise wird es die letzten Reste des Feudalismus (!) beseitigen, als dessen Verteidiger die Gegner der Regierungsvorlage auftreten … Die Herstellung des Privateigentums, die Ansiedelung europäischer Kolonisten inmitten der arabischen Geschlechter … das werden die sichersten Mittel zur Beschleunigung des Auflösungsprozesses der Geschlechtsverbände sein«.10 Das Gesetz vom Jahre 1863 schuf zum Zwecke der Aufteilung der Ländereien besondere Kommissionen, die folgendermaßen zusammengesetzt waren: ein Brigadegeneral oder Hauptmann als Vorsitzender, ferner ein Unterpräfekt, ein Beamter der arabischen Militärbehörden und ein Beamter der Domänenverwaltung. Diesen geborenen Kennern wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse Afrikas wurde die dreifache Aufgabe gestellt: erst die Grenzen der Geschlechtergebiete genau abzustecken, dann das Gebiet jedes einzelnen Geschlechts unter seine einzelnen Zweige oder Großfamilien aufzuteilen, und endlich auch diese Großfamilien-Ländereien in einzelne Privatparzellen zu zerschlagen. Der Feldzug der Brigadegeneräle ins Innere Algeriens wurde pünktlich ausgeführt, die Kommissionen begaben sich an Ort und Stelle, wobei sie Feldmesser, Landaufteiler und obendrein Richter in allen Landstreitigkeiten in einer Person waren. Der Generalgouverneur von Algerien sollte die Aufteilungspläne in letzter Instanz bestätigen. Nachdem die Kommissionen 10 Jahre lang im Schweiße ihres Angesichts gearbeitet hatten, war das Resultat folgendes: von 1863 bis 1873 wurden von den 700 arabischen Geschlechtergebieten zirka 400 unter die Großfamilien aufgeteilt. Schon hier wurde zur künftigen Ungleichheit, zum Großgrundbesitz und zur kleinen Parzelle der Grund gelegt. Denn je nach der Größe des Gebietes und der Zahl der Mitglieder eines Geschlechts entfiel pro Mitglied bald 1 bis 4 Hektar, bald 100 und selbst 180 Hektar Land. Die Aufteilung blieb jedoch bei den Großfamilien stehen. Die Aufteilung des Familiengebietes begegnete trotz aller Brigadegeneräle unüberwindlichen Schwierigkeiten in den Sitten der Araber. Der Zweck der französischen Politik: die Schaffung des individuellen Eigentums und dessen Überführung in den Besitz der Franzosen war also wieder einmal im großen und ganzen gescheitert.

Erst die dritte Republik, das unumwundene Regiment der Bourgeoisie, hat den Mut und den Zynismus gefunden, alle Umschweife auf die Seite zu legen und ohne die vorbereitenden Schritte des zweiten Kaiserreichs die Sache vom anderen Ende anzugreifen. Die direkte Aufteilung der Gebiete aller 700 arabischen Geschlechter in individuelle Anteile, eine parforce Einführung des Privateigentums in kürzester Zeit, das war der offen ausgesprochene Zweck des Gesetzes, das die Nationalversammlung im Jahre 1873 ausgearbeitet hat, Den Vorwand dazu boten die verzweifelten Zustände der Kolonie. Genau wie erst die große Hungersnot in Indien 1866 der Öffentlichkeit in England die schönen Resultate der englischen Kolonialpolitik drastisch vor die Augen geführt und eine parlamentarische Kommission zur Untersuchung der Mißstände veranlaßt hatte, so wurde Europa zu Ende der sechziger Jahre durch den Notschrei aus Algerien alarmiert, wo massenhafte Hungersnot und außerordentliche Sterblichkeit unter den Arabern über 40 Jahre französischer Herrschaft quittierten. Zur Untersuchung der Ursachen und zur Beglückung der Araber durch neue gesetzliche Maßnahmen wurde eine Kommission eingesetzt, die zu dem einstimmigen Beschlusse kam, daß den Arabern als Rettungsanker nur eins helfen könne – das Privateigentum! Dann erst würde nämlich jeder Araber in der Lage sein, sein Grundstück zu verkaufen oder darauf Hypotheken aufzunehmen und sich so vor der Not zu schützen. Um also der Notlage der Araber abzuhelfen, die durch teilweise von den Franzosen bereits ausgeführte Diebereien an algerischem Grund und Boden wie durch die von ihnen geschaffene Steuerlast und damit verbundene Verschuldung der Araber entstanden war, erklärte man als einziges Mittel: die vollständige Auslieferung der Araber in die Krallen des Wuchers. Diese Possenreißerei wurde vor der Nationalversammlung mit völlig ernstem Gesicht vorgetragen und von der würdigen Körperschaft mit ebensolchem Ernst aufgenommen. Die Schamlosigkeit der »Sieger« über die Pariser Kommune feierte Orgien.

Zwei Argumente dienten besonders in der Nationalversammlung zur Stütze des neuen Gesetzes. Die Araber selbst wünschen dringend die Einführung des Privateigentums, betonten immer wieder die Verteidiger der Regierungsvorlage. In der Tat, sie wünschten es, nämlich die Bodenspekulanten und die Wucherer in Algerien, die ein dringendes Interesse daran hatten, ihre Opfer aus den schützenden Banden der Geschlechter und ihrer Solidarität zu »befreien«. Solange nämlich das muselmännische Recht in Algerien galt, fand die Verpfändung des Grund und Bodens an der Nichtveräußerlichkeit des Gentil- und Familienbesitzes eine unüberwindliche Schranke. Erst das Gesetz von 1863 hatte darin eine Bresche geschlagen. Es galt, das Hindernis ganz wegzuräumen, um dem Wucher freien Spielraum zu lassen. Das zweite Argument war ein »wissenschaftliches«. Es stammte aus demselben geistigen Arsenal, aus dem der ehrwürdige James Mill seine Verständnislosigkeit für die Eigentumsverhältnisse Indiens schöpfte: aus der englischen klassischen Nationalökonomie. Das Privateigentum ist die notwendige Vorbedingung jeder intensiveren, besseren Bodenbebauung in Algerien, die Hungersnöten vorbeugen würde, denn es ist klar, daß niemand Kapital oder intensive Arbeit in einen Boden stecken will, der nicht sein individuelles Eigentum ist, und dessen Früchte nicht ausschließlich von ihm genossen werden, – deklamierten mit Emphase die wissenschaftlich gebildeten Jünger Smith-Ricardos. Die Tatsachen freilich redeten eine andere Sprache. Sie zeigten, daß die französischen Spekulanten das von ihnen in Algerien geschaffene Privateigentum zu allem anderen gebrauchten, nur nicht zur intensiveren und höheren Bodenbebauung. Von den 400.000 Hektar Landes, die im Jahre 1873 den Franzosen gehörten, befanden sich 120.000 Hektar in den Händen der beiden kapitalistischen Gesellschaften, der Algerischen und der Setif-Kompagnie, die ihre Ländereien überhaupt nicht selbst bewirtschafteten, sondern den Eingeborenen in Pacht zurückgaben, die sie ihrerseits in althergebrachter Weise bebauten. Ein Viertel der übrigen französischen Eigentümer befaßte sich ebensowenig mit Landwirtschaft. Die Kapitaleinlagen und intensive Bodenbebauung ließen sich eben hier so wenig, wie die kapitalistischen Verhältnisse überhaupt, künstlich aus dem Boden stampfen. Diese bestanden nur in der profitgierigen Phantasie der französischen Spekulanten und in der doktrinären Nebelwelt ihrer wissenschaftlichen Ideologen aus der Nationalökonomie. Es handelte sich einfach, wenn man die Vorwände und die Floskeln in der Begründung des Gesetzes von 1873 auf die Seite schiebt, um den nackten Wunsch, den Arabern ihre Existenzbasis, den Grund und Boden, zu entreißen. Und trotz aller Fadenscheinigkeit der Argumentation, trotz offensichtlicher Verlogenheit seiner Begründung, wurde das Gesetz, das der Bevölkerung Algeriens und ihrem materiellen Wohlstand den Todesstoß versetzen sollte, am 26. Juli 1873 fast einstimmig angenommen.

Doch das Fiasko des Gewaltstreiches ließ nicht lange auf sich warten. Die Politik der dritten Republik scheiterte an der Schwierigkeit, das bürgerliche Privateigentum in uralten kommunistischen Großfamilienverbänden mit einem Schlage einzuführen, genau so wie die Politik des zweiten Kaiserreichs daran gescheitert war. Das Gesetz vom 26. Juli 1873, das durch ein zweites Gesetz vom 28, April 1887 ergänzt wurde, ergab nach 17 jähriger Wirkung das folgende Resultat: bis 1890 waren 14 Millionen Frank für ein Bereinigungsverfahren von 1,6 Millionen Hektar ausgegeben. Man berechnete, daß die Fortsetzung des Verfahrens bis 1950 hätte dauern und weitere 60 Millionen Frank kosten müssen. Das Ziel jedoch, den Großfamilienkommunismus zu beseitigen, war dabei immer noch nicht erreicht. Das einzige, was wirklich und unzweifelhaft bei alledem erreicht wurde, war eine tolle Bodenspekulation, ein üppig gedeihender Wucher und der wirtschaftliche Ruin der Eingeborenen.

Das Fiasko der gewaltsamen Einführung des Privateigentums führte darauf zu einem neuen Experiment. Obwohl das algerische Generalgouvernement schon 1890 eine Kommission eingesetzt hatte, die die Gesetze von 1873 und 1887 nachgeprüft und verurteilt hat, dauerte es noch sieben Jahre, bis die Herren Gesetzgeber an der Seine sich zu einer Reform im Interesse des ruinierten Landes aufrafften. Bei der neuen Schwenkung hat man von der zwangsweisen Einführung des Privateigentums von Staats wegen im Prinzip abgesehen. Das Gesetz vom 27. Februar 1897 sowie die Instruktion des algerischen Generalgouverneurs vom 7. März 1898 sehen hauptsächlich die Einführung des Privateigentums auf freiwilligen Antrag der Eigentümer oder der Erwerber vor.11 Da jedoch bestimmte Klauseln auch die Einführung des Privateigentums auf Antrag eines Eigentümers ohne Zustimmung der übrigen Miteigentümer des Grund und Bodens für zulässig erklären und da ferner ein »freiwilliger« Antrag der verschuldeten Besitzer unter dem Drucke des Wucherers jeden Augenblick nach Wunsch herbeigeführt werden kann, so öffnet auch das neue Gesetz der weiteren Zernagung und Ausplünderung der Stammesländereien und der Großfamilienbesitzungen durch französische und eingeborene Kapitalisten Tür und Tor.

Die achtzigjährige Vivisektion an Algerien findet namentlich in der letzten Zeit um so schwächeren Widerstand, als die Araber durch die Unterwerfung einerseits Tunesiens 1881, anderseits neuerdings Marokkos, von dem französischen Kapital immer mehr eingekreist und ihm rettungslos preisgegeben werden. Das jüngste Ergebnis des französischen Regimes in Algerien ist die Massenauswanderung der Araber nach der asiatischen Türkei.12

1 Nachdem er in seiner Geschichte Britisch-Indiens die Zeugnisse aus den verschiedensten Quellen, aus Mungo Park, Herodot, Volney, Acosta, Garcilasso de la Vega, Abbé Grosier, Barrow, Diodorus, Strabo u. a, wahllos und kritiklos zusammengeschleppt hat, um den Satz zu konstruieren, daß in primitiven Verhältnissen der Grund und Boden stets und überall Eigentum des Herrschers war, zieht Mill durch Analogie auch für Indien den folgenden Schluß: »From these facts only one conclusion can be drawn, that the property of the soil resided in the sovereign; for if it did not reside in him, it will be impossible to show to whom it belonged.« (James Mill, The History of British India, 4. ed. 1840 vol. I p. 311.) Zu dieser klassischen Schlußfolgerung des bürgerlichen Ökonomen gibt sein Herausgeber H. H. Wilson, der als Professor des Sanskrit an der Universität in Oxford genauer Kenner der altindischen Rechtsverhältnisse war, einen interessanten Kommentar. Nachdem er schon in der Vorrede seinen Autor als einen Parteigänger charakterisiert, der die ganze Geschichte Britisch-Indiens zur Rechtfertigung der theoretical views of Mr. Bentham zurechtgestutzt und dabei mit zweifelhaftesten Mitteln ein Zerrbild des Hinduvolkes gezeichnet hätte (a portrait of the Hindus which has no resemblance whatever to the original, and which almost outrages humanity), macht er hier die folgende Fußnote: »The greater part of the text and of the notes here is wholly irrelevant. The illustrations drawn from Mahometan practice, supposing them to be correct, have nothing to do with the laws and rights of the Hindus. They are not, however, even accurate, and Mr. Mill’s guides have misled him.« Wilson bestreitet dann rundweg speziell in bezug auf Indien die Theorie von dem Eigentumsrecht des Souveräns auf Grund und Boden. (l.c., S. 305, Fußnote.). Auch Henry Maine meint, daß die Engländer ihren anfänglichen Anspruch auf den gesamten Grundbesitz in Indien, den Maine wohl als grundfalsch erkennt, von ihren muselmännischen Vorgängern übernommen hätten: »The assumption which the English first made was one which they inherited from their Mahometan predecessors. It was, that all the soil belonged in absolute property to the sovereign, and that all private property in land existed by his sufferance. The Mahometan theory and the corresponding Mahometan practice had put out of sight the ancient view of the sovereigns rights, which, though it assigned to him a far larger share of the produce of the land than any western ruler has ever clamed, yet in nowise denied the existance of private property in land« (Village communities in the East and West. 5. Aufl. 1890, S. 104). Maxim Kowalewsky hat demgegenüber gründlich nachgewiesen, daß die angebliche »muselmännische Theorie und Praxis« bloß eine englische Fabel war. (Siehe seine ausgezeichnete Studie in russischer Sprache: Das Gemeineigentum an Grund und Boden, Ursachen, Verlauf und Folgen seiner Zersetzung. Moskau 1879, Teil I.) Die englischen Gelehrten, wie übrigens auch ihre französischen Kollegen, halten jetzt zum Beispiel an einer analogen Fabel in bezug auf China fest, indem sie behaupten, alles Land sei dort Eigentum der Kaiser gewesen. (Siehe die Widerlegung dieser Legende bei Dr. O. Franke, Die Rechtsverhältnisse am Grundeigentum in China. 1903.)

2 »The partition of inheritances and execution for debt levied on land are destroying the communities – this is the formula heard now-a-days everywhere in India.« (Henry Maine, l.c., S. 113.)

3 Diese typische Beleuchtung der offiziellen englischen Politik in den Kolonien findet man z.B. bei dem langjährigen Vertreter der englischen Macht in Indien, Lord Roberts of Kandahar, der zur Erklärung des Sepoyaufstandes nichts anderes anzuführen weiß, als lauter »Mißverständnisse« über die väterlichen Absichten der englischen Regenten: »Der Siedelungskommission warf man fälschlicherweise Ungerechtigkeit vor, wenn sie, wie es ihre Pflicht war, die Berechtigung von Landbesitz und auch die Führung von damit verbundenen Titeln kontrollierte, um dann den rechtmäßigen Besitzer eines Grundstücks zur Grundsteuer heranzuziehen … Nachdem Frieden und Ordnung hergestellt war, mußte der Landbesitz, welcher teilweise durch Raub und Gewalt erlangt war, wie das unter den eingeborenen Regenten und Dynastien die Gewohnheit ist, geprüft werden. Unter diesen Gesichtspunkten wurden Erörterungen angestellt in bezug auf Besitzrecht usw. Das Resultat dieser Untersuchungen war, daß viele Familien Von Rang und Einfluß sich einfach das Eigentum ihrer weniger angesehenen Nachbarn angeeignet hatten, oder sie zu einer Steuer heranzogen, die ihrem Landbesitz entsprach. Das wurde in gerechter Weise abgeändert. Obwohl diese Maßregel mit großer Rücksicht und in der besten Meinung getroffen wurde, war sie doch den höheren Klassen äußerst unangenehm, während es nicht gelang, die Massen zu versöhnen. Die regierenden Familien nahmen uns die Versuche, eine gerechte Verteilung der Rechte und gleichmäßige Besteuerung des Landbesitzes herbeizuführen, gehörig übel … Obwohl auf der anderen Seite die Landbevölkerung durch unsere Regierung bessergestellt wurde, kam sie doch nicht zur Erkenntnis, daß wir beabsichtigten, durch alle diese Maßregeln ihre Lage zu bessern.« (Forty one years in India. Deutsche Ausgabe 1904. Bd. I, S. 307.)

4 In den Regierungsmaximen Timurs (1783 aus dem Persischen ins Englische übersetzt) hieß es:
»And I commanded that they should build places of worship, and monasteries in every city; and that they should erect structures for the reception of travellers on the high roads and that they should make bridges. across the rivers.
And I commanded that the ruined bridges should be repaired; and that bridges should be constructed over the rivulets and over the rivers; and that on the roads, at the distance of one stage from each other, Kauruwansarai should be erected, and that guards and watcher &c. should be stationed on the road, and that in every Kauruwansarai people should be appointed to reside etc.
And I ordained, whoever undertook the cultivation of waste lands, or built an aqueduct, or made a canal, or planted a grove, or restored to culture a deserted district, that in the first year nothing should be taken from him, and that in the second year, whatever the subject voluntarily offered should be received, and that in the third year the duties should be collected according to the regulation.« (James Mill, The History of British India. 4 ed. vol. II p. 492–498.)

5 Graf Warren, De l’état moral de la population indigène. Zitiert bei Kowalewsky, l.c., S. 164.

6 Historical and descriptive account of British India from the most remote period to the conclusion of the Afghan war by Hugh Murray, James Wilson, Greville, Prof. Jameson, William Wallace and Captain Dalrymple. Edinburg 4 ed. 1843. Bd. II, S. 427. Zit. bei Kowalewsky, l.c.

7 Victor v. Leyden, Agrarverfassung und Grundsteuer in Britisch-Ostindien. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. XXXVI. Jahrg., Heft 4. S. 1855.

8 »Presque toujours, le père de famille en mourant recommande à ses descendants de vivre dans l’indivision, suivant l’exemple de leurs aïeux: c’est là sa dernière exhortation et son voeu le plus cher.« (A. Hanotaux et A. Letourneux, La Kabylie et les coutumes Kabyles. 1873, tome II, Droit civil, p. 468–473.) Die Verfasser bringen es übrigens fertig, die oben wiedergegebene frappante Schilderung des Großfamilienkommunismus mit der folgenden Sentenz einzuleiten: »Dans la ruche laborieuse de la famille associée, tous sont réunis dans un fout commun, tous travaillent dans un intérêt général; mais nul n’abdique sa liberté et ne renonce à ses droits héréditaires. Chez aucune nation on ne trouve de combinaison qui soit plus près de l’égalité et plus loin du communisme!«

9 »Wir müssen uns beeilen – erklärte in der Nationalversammlung 1851 der Abgeordnete Didier als Berichterstatter – die Geschlechtsverbände aufzulösen, denn sie sind der Hebel jeder Opposition gegen unsere Herrschaft.«

10 Zitiert bei Kowalewsky, l.c., S. 217. Bekanntlich ist in Frankreich seit der großen Revolution Mode, jede Opposition gegen die Regierung als offene oder versteckte Verteidigung des »Feudalismus« zu bezeichnen.

11 Vergl. G. K. Anton, Neuere Agrarpolitik in Algerien und Tunesien. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. 1900. S. 1341 ff.

12 In seiner Rede am 20. Juni 1912 in der französischen Abgeordnetenkammer führte der Berichterstatter der Kommission für die Reform des »Indigenats« (der administrativen Justiz) in Algerien, Albin Rozet, die Tatsache an, daß aus dem Bezirk Setif tausende Algerier emigrieren. Aus Tlemcen sind im vergangenen Jahre in einem Monat 1.200 Eingeborene ausgewandert. Das Ziel der Auswanderung ist Syrien. Ein Auswanderer schrieb aus seiner neuen Heimat: »Ich habe mich jetzt in Damaskus niedergelassen und bin vollkommen glücklich. Wir sind hier in Syrien zahlreiche Algerier, die gleich mir ausgewandert sind und denen die Regierung Grund und Boden bewilligt sowie die Mittel zu seiner Bearbeitung erleichtert hat.« Die algerische Regierung bekämpft die Auswanderung in der Weise, daß sie – die Pässe verweigert. (S. Journal Officiel vom 21. Juni 1912, S. 1594 ff.)

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Die Einführung der Warenwirtschaft.

Die zweite wichtigste Vorbedingung, sowohl zur Erwerbung von Produktionsmitteln wie zur Realisierung des Mehrwerts, ist die Hineinbeziehung der naturalwirtschaftlichen Verbände, nachdem und indem sie zerstört werden, in den Warenverkehr und in die Warenwirtschaft. Alle nichtkapitalistischen Schichten und Gesellschaften müssen für das Kapital zu Warenabnehmern werden und müssen ihm ihre Produkte verkaufen. Es scheint, daß hier wenigstens der »Friede« und die »Gleichheit« beginnen, das do ut des, die Gegenseitigkeit der Interessen, der »friedliche Wettbewerb« und die »Kultureinflüsse«. Kann das Kapital mit Gewalt fremden sozialen Verbänden Produktionsmittel entreißen und die Arbeitenden mit Gewalt zwingen, Objekte der kapitalistischen Ausbeutung zu werden, so kann es sie doch nicht mit Gewalt zu Abnehmern seiner Waren machen, es kann sie nicht zwingen, seinen Mehrwert zu realisieren. Was diese Annahme zu bestätigen scheint, ist der Umstand, daß Transportmittel – Eisenbahnen, Schiffahrt, Kanäle – die unumgängliche Vorbedingung der Verbreitung der Warenwirtschaft in naturalwirtschaftlichen Gebieten darstellen. Der Eroberungszug der Warenwirtschaft beginnt meist mit großartigen Kulturwerken modernen Verkehrs, wie Eisenbahnlinien, die Urwälder durchschneiden und Gebirge durchstechen, Telegraphendrähte, die Wüsten überspannen, Ozeandampfer, die in weltfremde Häfen einlaufen. Doch ist die Friedlichkeit dieser Umwälzungen bloßer Schein. Die Handelsbeziehungen der ostindischen Kompagnien mit den Gewürzländern waren so gut Raub, Erpressung und grober Schwindel unter der Flagge des Handels, wie heute die Beziehungen der amerikanischen Kapitalisten zu den Indianern in Kanada, denen sie Pelze abkaufen, oder der deutschen Händler zu den Afrikanegern. Das klassische Beispiel des »sanften« und »friedliebenden« Warenhandels mit rückständigen Gesellschaften ist die moderne Geschichte Chinas, durch die sich, wie ein roter Faden, seit Beginn der vierziger Jahre, das ganze 19. Jahrhundert hindurch die Kriege der Europäer ziehen, deren Zweck war, China gewaltsam dem Warenverkehr zu erschließen. Durch Missionare provozierte Christenverfolgungen, von Europäern angezettelte Tumulte, periodische blutige Kriegsgemetzel, in denen sich die völlige Hilflosigkeit eines friedlichen Ackerbauvolkes mit der modernsten kapitalistischen Kriegstechnik der vereinigten europäischen Großmächte messen sollte, schwere Kriegskontributionen, mit dem ganzen System von öffentlicher Schuld, europäischen Anleihen, europäischer Kontrolle der Finanzen und europäischer Besetzung der Festungen im Gefolge, erzwungene Eröffnung von Freihäfen und erpreßte Konzessionen zu Eisenbahnbauten an europäische Kapitalisten, – das waren die Geburtshelfer des Warenhandels in China vom Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bis zum Ausbruch der chinesischen Revolution.

Die Periode der Erschließung Chinas für die europäische Kultur, d.h. für den Warenaustausch mit dem europäischen Kapital, wird durch den Opiumkrieg inauguriert, in dem China gezwungen wird, das Gift aus den indischen Plantagen abzunehmen, um es für die englischen Kapitalisten zu Geld zu machen. Im 17. Jahrhundert war die Kultur des Opiums durch die englische Ostindische Kompagnie in Bengalen eingeführt und durch ihre Zweigniederlassung in Kanton der Gebrauch des Gifts in China verbreitet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fiel das Opium so stark im Preise, daß es rapid zum »Volksgenußmittel« wurde. Noch im Jahre 1821 betrug die Einfuhr des Opiums nach China 4.628 Kisten zum Preise von durchschnittlich 1.325 Dollar, dann fiel der Preis auf die Hälfte, und 1825 stieg die chinesische Einfuhr auf 9.621 Kisten, 1830 auf 26.670 Kisten.1 Die verheerenden Wirkungen des Gifts, namentlich der billigsten, von der armen Bevölkerung gebrauchten Sorten, gestalteten sich zur öffentlichen Kalamität und riefen als Notwehr seitens Chinas ein Verbot der Einfuhr hervor. Bereits 1828 hatte der Vizekönig von Kanton den Import von Opium verboten, was aber den Handel nur in andere Hafenstädte lenkte. Einer der Pekinger Zensoren wurde mit der Untersuchung der Frage beauftragt und gab folgendes Gutachten ab:

»Ich habe in Erfahrung gebracht, daß die Opiumraucher nach diesem schädlichen Medikament ein so heftiges Verlangen haben, daß sie alles aufbieten, um sich dessen Genuß zu verschaffen. Wenn sie das Opium nicht zur gewohnten Stunde erhalten, fangen ihre Glieder an zu zittern, dicke Schweißtropfen fließen ihnen von der Stirn und über das Gesicht, und sie sind unfähig, die geringste Beschäftigung vorzunehmen. Bringt man ihnen aber eine Pfeife mit Opium, atmen sie einige Züge davon ein und sind sogleich geheilt.

Das Opium ist daher für alle, die es rauchen, ein notwendiges Bedürfnis geworden, und man darf sich gar nicht wundern, daß sie, wenn sie von der Ortsbehörde zur Verantwortung gezogen werden, weit lieber jede Züchtigung ertragen, als den Namen desjenigen offenbaren, der ihnen das Opium liefert. Zuweilen erhalten die Ortsbehörden auch Geschenke, um dieses Übel zu dulden oder um eine eingeleitete Untersuchung aufzuhalten. Die meisten Kaufleute, die Handelsartikel nach Kanton bringen, verkaufen auch Opium als Schmuggelware.

Ich bin der Ansicht, daß Opium ein weit größeres Übel ist als das Spiel und daß man daher den Opiumrauchern keine geringere Strafe auferlegen sollte als den Spielern.«

Der Zensor schlug vor, daß jeder überführte Opiumraucher zu 80 Bambushieben, einer, der den Verkäufer nicht angeben wolle, zu 100 Hieben und dreijähriger Verbannung verurteilt werden sollte. Und mit einer für europäische Behörden unerhörten Offenherzigkeit schloß der bezopfte Kato von Peking sein Gutachten: »Es scheint, daß das Opium zumeist durch unwürdige Beamte von außerhalb eingeführt wird, die im Einverständnis mit gewinnsüchtigen Kaufleuten es ins Innere des Landes befördern, wo zuerst junge Leute aus guter Familie, reiche Private und Kaufleute sich dem Genuß zuwenden, der sich endlich auch bei dem gemeinen Manne verbreitet. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß sich in allen Provinzen nicht allein unter den Zivilbeamten, sondern auch in der Armee Opiumraucher befinden. Während die Beamten der verschiedenen Bezirke durch Edikte das gesetzliche Verbot des Verkaufs des Opiums von neuem einschärfen, rauchen ihre Eltern, Verwandten, Untergebenen und Diener nach wie vor, und die Kaufleute benutzen das Verbot, den Preis zu steigern. Selbst die Polizei, die ebenfalls dafür eingenommen ist, kauft diesen Artikel, statt zu seiner Unterdrückung beizutragen, und dies ist auch der Grund, weshalb alle Verbote und Verfügungen unberücksichtigt bleiben.«2 Daraufhin wurde 1833 ein verschärftes Gesetz erlassen, das für jeden Opiumraucher hundert Hiebe und zweimonatige Ausstellung am Pranger festsetzte. Die Gouverneure der Provinzen wurden verpflichtet, in ihren Jahresberichten die Erfolge des Kampfes mit dem Opium zu berücksichtigen. Der doppelte Erfolg dieses Kampfes lief freilich darauf hinaus, daß einerseits im Innern Chinas, namentlich in den Provinzen Honan, Setschuan und Kweitschan Mohnkulturen im großen Maßstab angelegt wurden, und daß anderseits England China den Krieg erklärte, um es zur Freigabe der Einfuhr zu zwingen. Nun begann die glorreiche »Erschließung« Chinas für die europäische Kultur in Gestalt der Opiumpfeife.

Der erste Angriff erfolgte auf Kanton. Die Befestigung der Stadt am Haupteingang des Perlflusses war denkbar primitiv. Ihr Hauptstück bestand in einer Sperre von eisernen Ketten, die täglich bei Sonnenuntergang in verschiedenen Abständen an verankerte Holzflöße befestigt wurden. Man muß noch berücksichtigen, daß die chinesischen Geschütze ohne jedwede Vorrichtung zum Höher-und Niedrigerstellen, also beim Gebrauch ganz harmlos waren. Mit dieser primitiven Befestigung, die gerade imstande war, ein paar Handelsschiffe an der Einfahrt zu verhindern, begegneten die Chinesen dem englischen Angriff. Zwei englische Kriegsschiffe genügten denn auch, um am 7. September 1839 die Durchfahrt zu erzwingen. Die sechzehn Kriegsdschunken und dreizehn Brander, mit denen die Chinesen sich widersetzten, wurden in dreiviertel Stunden zusammengeschossen und zerstreut. Nach diesem ersten Siege verstärkten die Engländer ihre Kriegsflotte bedeutend und gingen zu Beginn 1841 zum erneuten Angriff über. Diesmal erfolgte der Angriff gleichzeitig gegen die Flotte und gegen die Forts. Die chinesische Flotte bestand in einer Anzahl Kriegsdschunken. Schon die erste Brandrakete drang durch die Planken in die Pulverkammer einer Dschunke, so daß diese mit der ganzen Mannschaft in die Luft flog. Nach kurzer Zeit waren elf Dschunken einschließlich des Admiralschiffes zerstört, der Rest suchte in wilder Flucht sein Heil. Die Aktion zu Lande nahm einige Stunden mehr in Anspruch. Bei der gänzlichen Untauglichkeit der chinesischen Geschütze schritten die Engländer mitten durch die Befestigungen, erklommen einen wichtigen Punkt, der ganz unbesetzt geblieben war, und metzelten die wehrlosen Chinesen von oben nieder. Die Schlußrechnung der Schlacht war: auf chinesischer Seite 600 Tote, auf englischer – 1 Toter und 30 Verwundete, wovon mehr als die Hälfte durch das zufällige Auffliegen eines Pulvermagazins Schaden erlitt. Einige Wochen später lieferten die Engländer ein neues Heldenstück. Es galt, die Forts von Anunghoy und Nord-Wantong zu nehmen. Hierzu standen auf englischer Seite nicht weniger als 12 Linienschiffe in voller Ausrüstung zur Verfügung. Außerdem hatten die Chinesen wieder die Hauptsache vergessen, nämlich die Insel Süd-Wantong zu befestigen. Die Engländer landeten also dort in aller Seelenruhe eine Haubitzenbatterie und beschossen das Fort von einer Seite, während die Kriegsschiffe es von der anderen unter Feuer nahmen. Wenige Minuten genügten, um die Chinesen aus den Forts zu verjagen und die Landung ohne Widerstand zu bewerkstelligen. Die unmenschliche Szene, welche nun folgte – so sagt ein englischer Bericht – wird stets ein Gegenstand tiefen Bedauerns für die englischen Offiziere bleiben. Die Chinesen waren nämlich, als sie aus den Verschanzungen fliehen wollten, in die Gräben gefallen, so daß diese mit hilflosen, um Gnade flehenden Soldaten buchstäblich angefüllt waren. Auf diese liegende Masse menschlicher Leiber wurde nun von den Sepoys – angeblich entgegen dem Befehl der Offiziere – unablässig gefeuert. So wurde Kanton dem Warenhandel erschlossen.

Ebenso erging es den anderen Häfen. Am 4. Juli 1841 erschienen drei englische Kriegsschiffe mit 120 Kanonen bei den Inseln am Eingang zur Stadt Ningpo. Andere Kriegsschiffe trafen am folgenden Tage ein. Am Abend sandte der englische Admiral eine Botschaft an den chinesischen Gouverneur mit der Forderung, die Inseln zu übergeben. Der Gouverneur erklärte, daß es ihm zum Widerstande an Macht fehle, daß er jedoch ohne Befehle aus Peking die Übergabe nicht vornehmen dürfe und daher um Aufschub bäte. Dieser wurde ihm nicht gewährt und um 2½ Uhr morgens begannen die Engländer den Sturm auf die wehrlose Insel. In neun Minuten waren Fort und Häuser am Strand ein rauchender Schutthaufen. Die Truppen landeten an der verlassenen Küste, die mit zerbrochenen Spießen, Säbeln, Schilden, Flinten und einigen Toten bedeckt war, und zogen vor die Wälle der Inselstadt Tinghai, um sie einzunehmen. Durch die Mannschaften der inzwischen eingetroffenen weiteren Schiffe verstärkt, legten sie am nächsten Morgen Sturmleitern gegen die kaum verteidigten Mauern und waren nach wenigen Minuten Herren der Stadt. Dieser glorreiche Sieg wurde von den Engländern mit folgender bescheidenen Meldung verkündet: »Den Morgen des 5. Juli 1841 hatte das Geschick als denkwürdigen Tag bezeichnet, an dem zuerst die Fahne Ihrer Majestät von England über der schönsten Insel des himmlischen Reiches der Mitte wehen sollte, das erste europäische Banner, welches siegreich über diesen blühenden Fluren stand.«3 Am 25. August 1841 erschienen die Engländer vor der Stadt Amoy, deren Forts mit mehreren hundert Kanonen größten chinesischen Kalibers armiert waren. Bei der fast gänzlichen Untauglichkeit dieser Geschütze sowie der Unbeholfenheit der Kommandierenden war die Einnahme des Hafens wieder ein Kinderspiel. Die englischen Schiffe näherten sich unter fortgesetztem Feuern den Wällen von Kulangsu, dann landeten die Seesoldaten und vertrieben nach kurzem Widerstand die chinesischen Truppen. Die Engländer erbeuteten dabei im Hafen 26 Kriegsdschunken mit 128 Geschützen, die von der Mannschaft verlassen waren. Bei einer Batterie leisteten die Tataren dem vereinigten Feuer von fünf englischen Schiffen heldenhaften Widerstand, die gelandeten Engländer fielen ihnen aber in den Rücken und richteten unter ihnen ein vernichtendes Blutbad an.

So endete der glorreiche Opiumkrieg. Im Friedensschluß vom 27. August 1842 bekamen die Engländer die Insel Hongkong, ferner mußten Kanton, Amoy, Futschou, Ningpo und Schanghai dem Handel erschlossen werden. Fünfzehn Jahre später erfolgte der zweite Krieg gegen China, wobei diesmal die Engländer gemeinsam mit Franzosen vorgingen, 1857 wurde Kanton durch die verbündete Flotte ebenso heldenhaft wie im ersten Kriege erstürmt. Im Frieden von Tientsin 1858 wurde der Opiumeinfuhr, dem europäischen Handel und den Missionen Zutritt ins Innere des Landes gewährt. Schon 1859 eröffneten die Engländer von neuem die Feindseligkeiten und beschlossen, die Befestigungen der Chinesen am Peiho zu zerstören, wurden aber nach einer mörderischen Schlacht mit 464 Toten und Verwundeten zurückgeschlagen.4 Jetzt operierten England und Frankreich wieder zusammen. Mit 12.600 Mann englischer und 7.500 französischer Truppen unter General Cousin-Montauban nahmen sie Ende August 1860 zunächst die Takuforts ohne einen Schuß, dann drangen sie bis Tientsin und weiter nach Peking vor. Unterwegs kam es am 21. September 1860 zu der blutigen Schlacht bei Palikiao, die Peking den europäischen Mächten preisgab. Die Sieger, die in die fast menschenleere und gar nicht verteidigte Stadt einzogen, plünderten zunächst den kaiserlichen Palast, woran sich General Cousin, der spätere Marschall »Graf von Palikiao«, mit Eifer persönlich beteiligte, Lord Elgin aber ließ den Palast »zur Sühne« in Flammen aufgehen.5

Jetzt wurde den europäischen Mächten zugestanden, Gesandte in Peking zu halten, Tientsin und andere Städte wurden dem Handel eröffnet. Während in England die Antiopiumliga gegen die Verbreitung des Giftes in London, Manchester und anderen Industriebezirken arbeitete und eine vom Parlament ernannte Kommission den Genuß des Opiums für höchst schädlich erklärte, wurde der Opiumeinfuhr nach China noch in der Tschifu-Konvention 1876 die Freiheit gesichert. Gleichzeitig sicherten alle Staatsverträge mit China den Europäern – Kaufleuten wie Missionen – das Recht auf Landerwerb zu. Hierbei half neben dem Feuer der Geschütze auch bewußter Betrug kräftig mit. Nicht nur bot die Zweideutigkeit der Vertragstexte eine bequeme Handhabe zur stufenweisen Ausdehnung der vom europäischen Kapital in den Vertragshäfen besetzten Gebiete. Auf Grund der bekannten frechen Fälschung im chinesischen Text der französischen Zusatzkonvention vom Jahre 1860, den der katholische Missionar, Abbé Delamarre, als Dolmetscher ausgefertigt hatte, wurde der chinesischen Regierung in der Folge das Zugeständnis abgepreßt, den Missionen nicht bloß in den Vertragshäfen, sondern in allen Provinzen des Reiches Landerwerb zu gestatten. Die französische Diplomatie wie namentlich die protestantischen Missionen waren einig in der Verurteilung der raffinierten Schwindelei des katholischen Paters, was sie jedoch nicht hinderte, auf der Anwendung der so eingeschmuggelten Rechtserweiterung der französischen Missionen energisch zu bestehen und sie 1887 ausdrücklich auch auf die protestantischen Missionen ausdehnen zu lassen.6

Die Erschließung Chinas für den Warenhandel, die mit dem Opiumkriege begonnen war, wurde mit der Serie der »Pachtungen« und der Chinaexpedition des Jahres 1900 besiegelt, in der die Handelsinteressen des europäischen Kapitals offen in internationalen Landraub umschlugen. Fein kehrt diesen Widerspruch zwischen der anfänglichen Theorie und der schließlichen Praxis der europäischen »Kulturträger« in China die Depesche der Kaiserin-Witwe hervor, die nach der Einnahme der Takuforts an die Königin Viktoria schrieb:

»Ew. Majestät einen Gruß! – In allen Verhandlungen Englands mit dem chinesischen Reiche, seit Beziehungen zwischen uns angeknüpft wurden, ist auf Seiten Großbritanniens niemals die Rede von Vergrößerung des Landbesitzes gewesen, sondern nur von dem eifrigen Wunsch, die Interessen seines Handels zu fördern. Die Tatsache erwägend, daß unser Land nunmehr in einen entsetzlichen Kriegszustand gestürzt ist, erinnern wir uns daran, daß ein großer Teil von Chinas Handel, 70 oder 80 Prozent, mit England abgeschlossen wird. Außerdem sind Eure Seezölle die niedrigsten in der Welt und wenig Beschränkungen in Euren Seehäfen auf fremde Einfuhr gelegt. Aus diesen Gründen haben unsere freundlichen Beziehungen mit britischen Kaufleuten in unseren Vertragshäfen ununterbrochen während des letzten halben Jahrhunderts zu unserem wechselseitigen Vorteil bestanden. Aber ein plötzlicher Wechsel ist nun eingetreten und ein allgemeiner Verdacht hat sich gegen uns erhoben. Wir möchten Euch daher bitten, zu überlegen, wenn durch eine gewisse Kombination der Umstände die Unabhängigkeit unseres Reiches verloren gehen sollte und die Mächte sich einigen, ihren längst gehegten Plan, sich unseres Gebietes zu bemächtigen, durchzuführen (in einer gleichzeitigen Depesche an den Kaiser von Japan spricht die temperamentvolle Tzu Hsi offen von den ›landhungrigen Mächten des Westens, deren gefräßige Tigeraugen in unsere Richtung hin schielen‹), so würde das Ergebnis unglücklich und verhängnisvoll auf Euren Handel wirken. Zurzeit bemüht sich unser Reich auf das äußerste, ein Heer und Mittel aufzubringen, die seinen Schutz verbürgen. Inzwischen verlassen wir uns auf Eure guten Dienste als Zwischenträger und erwarten dringend Eure Entschließung.«7

Zwischendurch laufen in jedem Kriege Plünderung und Diebstahl en gros der europäischen Kulturträger in den chinesischen Kaiserpalästen, öffentlichen Gebäuden, an altertümlichen Kulturdenkmälern, so gut im Jahre 1860, wo der Palast des Kaisers mit seinen märchenhaften Schätzen von Franzosen geplündert wurde, wie 1900, wo »alle Nationen« öffentliches und privates Gut um die Wette stahlen. Rauchende Trümmer größter und ältester Städte, Verfall der Ackerkultur auf großen Strecken platten Landes, unerträglicher Steuerdruck zur Erschwingung der Kriegskontributionen waren die Begleiter jedes europäischen Vorstoßes, Hand in Hand mit den Fortschritten des Warenhandels. Von den mehr wie vierzig chinesischen Treaty ports ist jeder mit Blutströmen, Gemetzel und Ruin erkauft worden.

1 1854 wurden 77.379 Kisten eingeführt. Später geht die Einfuhr angesichts der Ausbreitung der heimischen Produktion ein wenig zurück. Trotzdem bleibt China der Hauptabnehmer der indischen Plantagen. 1873/74 wurden in Indien 6,4 Millionen Kilogramm Opium produziert, davon 6,1 Millionen Kilogramm an die Chinesen abgesetzt. Jetzt noch werden von Indien jährlich 4,8 Millionen Kilogramm im Werte von 150 Millionen Mark fast ausschließlich nach China und dem Malaiischen Archipel ausgeführt.

2 Angeführt bei Major z. D. J. Scheibert, Der Krieg in China. 1903. S. 179.

3 Major Scheibert, l.c., S. 207.

4 Ein kaiserliches Edikt vom 3. Tage des 8. Mondes im 10. Jahre Hsien-Feng (6. September 1860). sagt u.a.:
»Wir haben weder England noch Frankreich jemals untersagt, mit China Handel zu treiben, und lange Jahre hat zwischen jenen und uns Friede gewaltet. Aber vor drei Jahren sind die Engländer in übler Absicht in unsere Stadt Kanton eingedrungen und haben unsere Beamten in Gefangenschaft hinweggeführt. Wir sahen damals von Wiedervergeltung und Maßregeln ab, weil wir anzuerkennen gezwungen waren, daß die Hartnäckigkeit des Vizekönigs Yeh in gewissem Grade eine Veranlassung zu den Feindseligkeiten gegeben hatte. Vor zwei Jahren kam der Barbarenanführer Elgin gen Norden und wir befahlen dem Vizekönig von Chihli, Tan Ting-Hsiang, die Sachlage zu prüfen, ehe man zu Unterhandlungen schritte. Aber der Barbar benutzte unsere unvorbereitete Lage, griff die Takuforts an und ging auf Tientsin vor. Besorgt, unserem Volke die Kriegsschrecknisse zu ersparen, sahen wir abermals von Vergeltung ab und befahlen dem Kuei-Liang, über Frieden zu verhandeln. Trotz der schmählichen Forderungen der Barbaren befahlen wir dem Kuei-Liang darauf, sich nach Schanghai wegen des vorgeschlagenen Handelsvertrages zu begeben und haben sogar dessen Ratifikation als Zeichen unserer bona fides verstattet.
Dessen nicht geachtet entwickelte der Barbarenführer Bruce neuerdings eine Halsstarrigkeit unvernünftigster Art und erschien im 8. Monde mit einem Geschwader von Kriegsschiffen auf der Takureede. Daraufhin griff ihn Seng Ko Liu Ch’in heftig an und zwang ihn zu schleunigem Rückzug. Aus allem diesem geht hervor, daß China keinen Vertrauensbruch begangen hat und daß die Barbaren im Unrecht gewesen sind. Im laufenden Jahre sind nun die Barbarenchefs Elgin und Gros neuerlich an unseren Küsten erschienen, aber China, unlustig, zu äußersten Maßregeln zu greifen, gestattete ihnen die Landung und ihren Besuch in Peking zwecks Ratifikation des Vertrages.
Wer hätte es glauben können, daß während dieser ganzen Zeit die Barbaren nichts als Ränke gesponnen haben, daß sie ein Heer von Soldaten und Artillerie mit sich führten, mit denen sie die Takuforts von rückwärts angegriffen haben und nach Vertreibung der (Besatzung auf Tientsin marschiert sind!« (China unter der Kaiserin-Witwe. Berlin 1912. S. 25. Vergl. auch in dem genannten Werk das ganze Kapitel »Die Flucht nach Jehol«.)

5 Die Operationen der europäischen Helden behufs Erschließung Chinas für den Warenhandel sind noch mit einem hübschen Fragment aus der inneren Geschichte Chinas verknüpft. Frischweg von der Plünderung des Sommerpalastes der Mandschu-Souveräne begab sich der »Chinesische Gordon« auf den Feldzug gegen die Taiping-Rebellen und übernahm 1863 sogar den Befehl über die Kaiserliche Streitmacht. War doch die Niederwerfung des Aufstandes eigentlich das Werk der englischen Armee. Während aber eine erhebliche Anzahl von Europäern, darunter ein französischer Admiral, ihr Leben gelassen haben, um China der Mandschudynastie zu erhalten, benutzten die Vertreter des europäischen Warenhandels die Gelegenheit, um bei diesen Kämpfen ein Geschäftchen zu machen, und versorgten mit Waffen sowohl die Verfechter der Erschließung Chinas wie die Rebellen, gegen die jene zu Felde zogen. »Die Gelegenheit, Geld zu machen, verführte außerdem auch den ehrenwerten Kaufmann dazu, beiden Parteien Waffen und Munition zu liefern, und da die Schwierigkeiten, sich in diesem Artikel zu verproviantieren, für die Rebellen größer waren als für die Kaiserlichen, und sie daher höhere Preise zahlen mußten und zu zahlen bereit waren, wurden mit Vorliebe mit ihnen die Geschäfte abgeschlossen, die ihnen erlaubten, nicht allein den Truppen der eigenen Regierung, sondern auch denen Englands und Frankreichs Widerstand zu leisten.« (M. v. Brandt, 33 Jahre in Ostasien, 1901, Band III, »China«, S. 11.)

6 Dr. O. Franke, Die Rechtsverhältnisse am Grundeigentum in China. Leipzig 1903. S. 82 ff.

7 China unter der Kaiserin-Witwe. S. 334.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Der Kampf gegen die Bauernwirtschaft.

Ein wichtiges Abschlußkapitel des Kampfes mit der Naturalwirtschaft ist die Trennung der Landwirtschaft vom Gewerbe, die Verdrängung der ländlichen Gewerbe aus der Bauernwirtschaft. Das Handwerk kommt geschichtlich als eine landwirtschaftliche Nebenbeschäftigung zur Welt, bei den ansässigen Kulturvölkern als Anhängsel des Ackerbaus. Die Geschichte des europäischen Handwerks im Mittelalter ist die Geschichte seiner Emanzipation von der Landwirtschaft, seiner Loslösung vom Fronhof, seiner Spezialisierung und Entwickelung zur zunftmäßigen städtischen Warenproduktion. Trotzdem die gewerbliche Produktion weiter vom Handwerk über Manufaktur zur großindustriellen kapitalistischen Fabrik vorgeschritten war, blieb auf dem Lande in der bäuerlichen Wirtschaft das Handwerk noch zäh an der Landwirtschaft haften. Als häusliche Nebenproduktion in der vom Ackerbau freien Zeit spielte das Handwerk zum Selbstbedarf in der bäuerlichen Wirtschaft eine hervorragende Rolle.1 Die Entwickelung der kapitalistischen Produktion entreißt der bäuerlichen Wirtschaft immer einen Zweig des Gewerbes nach dem anderen, um sie zur fabrikmäßigen Massenproduktion zu konzentrieren. Die Geschichte der Textilindustrie ist dafür ein typisches Beispiel. Dasselbe vollzieht sich aber, weniger auffällig, mit allen anderen Handwerkszweigen der Landwirtschaft. Um die Bauernmasse zur Abnehmerin seiner Waren zu machen, ist das Kapital bestrebt, die bäuerliche Wirtschaft zunächst auf den einen Zweig zu reduzieren, dessen es sich nicht sofort – und in europäischen Eigentumsverhältnissen überhaupt nicht ohne Schwierigkeit – bemächtigen kann: auf die Landwirtschaft.2 Hier scheint äußerlich alles ganz friedlich abzugehen. Der Prozeß ist unmerklich und gleichsam von rein ökonomischen Faktoren bewirkt. Die technische Überlegenheit der fabrikmäßigen Massenproduktion mit ihrer Spezialisierung, mit ihrer wissenschaftlichen Analyse und Kombination des Produktionsprozesses, mit ihren Bezugsauellen der Rohstoffe vom Weltmarkt und ihren vervollkommneten Werkzeugen, steht im Vergleich mit dem primitiven bäuerlichen Gewerbe außer jedem Zweifel. In Wirklichkeit sind bei diesem Prozeß der Trennung der bäuerlichen Landwirtschaft vom Gewerbe Faktoren wie Steuerdruck, Krieg, Verschleuderung und Monopolisierung des nationalen Grund und Bodens wirksam, die gleichermaßen in das Gebiet der Nationalökonomie, der politischen Gewalt und des Strafkodex fallen. Nirgends ist dieser Prozeß so gründlich durchgeführt wie in den Vereinigten Staaten Nordamerikas.

Eisenbahnen, d.h. europäisches, hauptsächlich englisches Kapital, führten den amerikanischen Farmer Schritt für Schritt über die unermeßlichen Gefilde des Ostens und Westens der Union, wo er die Indianer mit Feuerwaffen, Bluthunden, Schnaps und Syphilis vertilgte und gewaltsam vom Osten nach dem Westen verpflanzte, um sich ihren Grund und Boden als »freies Land« anzueignen, zu roden und unter Kultur zu setzen. Der amerikanische Farmer, der »Hinterwäldler«, der guten alten Zeit vor dem Sezessionskriege war ein ganz anderer Kerl als der heutige. Er konnte so ziemlich alles, und er kam auf seiner abgeschiedenen Farm beinahe ohne die Außenwelt ganz gut aus. »Der heutige amerikanische Farmer – schrieb zu Beginn der 90 er Jahre Senator Peffer, einer von den Leitern der Farmers Alliance – ist ein ganz anderer Mensch als sein Ahne vor fünfzig oder hundert Jahren. Viele von den heute Lebenden erinnern sich an die Zeit, wo sich die Farmer in bedeutendem Maße mit Gewerbe befaßten, d.h. wo sie selbst einen bedeutenden Teil dessen verfertigten, was sie für ihren eigenen Bedarf brauchten. Jeder Farmer hatte eine Kollektion Werkzeuge, mit deren Hilfe er aus Holz Gerätschaften verfertigte, wie z.B. Heugabel und Harke, Stiele zum Spaten und Pflug, Deichseln für den Wagen und eine Menge anderer Holzgeräte. Ferner produzierte der Farmer Flachs und Hanf, Schafwolle und Baumwolle. Diese Textilstoffe wurden auf der Farm verarbeitet: sie wurden im Hause versponnen und gewoben; ebenso wurden im Hause Kleider, Wäsche und dergleichen verfertigt, und alles dies wurde von ihm selbst verbraucht. Bei jeder Farm gab es eine kleine Werkstatt für Zimmermann-, Tischler- und Schlosserarbeit, im Hause selbst aber eine Wollkratze und einen Webstuhl; es wurden Teppiche, Decken und anderes Bettzeug gewoben; auf jeder Farm wurden Gänse gehalten, mit deren Daunen und Federn man die Kissen und Federbetten füllte; der Überfluß wurde auf dem Markt der nächsten Stadt verkauft. Im Winter wurden Weizen, Mehl, Mais in großen mit 6 oder 8 Pferden bespannten Wagen zum Markt gefahren, hundert oder zweihundert Meilen weit, dort kaufte man für das nächste Jahr Kolonialwaren, gewisse Stoffe und dergleichen ein. Man konnte auch unter den Farmern verschiedene Handwerker finden. Ein Wagen wurde auf der Farm während der Dauer von einem oder zwei Jahren hergestellt. Das Material dazu fand man in der Nähe; die Art des zu benutzenden Bauholzes wurde im Vertrag mit dem Nachbar genau festgesetzt; es mußte in einer bestimmten Zeit geliefert und dann eine bestimmte Zeit lang getrocknet werden, so daß, wenn der Wagen fertig war, beide Parteien des Vertrages wußten, woher jedes Holzstück kam und wie lange es getrocknet wurde. In der Winterszeit verfertigte der Zimmermann aus der Nachbarschaft Fensterkreuze, Decken, Türen, Simse und Gebälke für die nächste Saison. Waren die Herbstfröste gekommen, dann saß der Schuhmacher in der Wohnung des Farmers im Winkel und verfertigte für die Familie Schuhe. Alles dies wurde zu Hause gemacht und ein großer Teil der Ausgaben wurde mit Produkten der Farm bezahlt. Wenn der Winter kam, war es Zeit, sich mit Fleisch zu versehen; dieses wurde zubereitet und geräuchert aufbewahrt. Der Obstgarten lieferte Obst zum Most, zum Apfelmus und zu allerlei Konserven, vollauf genügend für den Bedarf der Familie während des Jahres und darüber hinaus. Der Weizen wurde allmählich nach Bedarf gedroschen, gerade soviel als man Bargeld brauchte. Alles wurde aufbewahrt und verbraucht. Eine der Folgen derartiger Wirtschaftsweise war, daß man verhältnismäßig wenig Geld brauchte, um das Geschäft zu führen. Im Durchschnitt dürften hundert Dollar für die größte Farm genügt haben, um Knechte zu dingen, Ackergeräte zu reparieren und andere zufällige Ausgaben zu decken.«3

Dieses Idyll sollte nach dem Sezessionskriege ein jähes Ende finden. Die enorme Staatsschuld von 6 Milliarden Dollar, die er der Union aufgebürdet hatte, zog eine starke Erhöhung der Steuerlasten nach sich. Namentlich beginnt aber seit dem Kriege eine fieberhafte Entwickelung des modernen Verkehrswesens, der Industrie, besonders der Maschinenindustrie, unter Beihilfe des steigenden Schutzzolls. Zur Ermunterung des Eisenbahnbaus und der Besiedelung des Landes mit Farmern wurden den Eisenbahngesellschaften großartige Schenkungen aus nationalen Ländereien gemacht: 1867 allein haben sie über 74 Millionen Hektar Landes bekommen. Das Eisenbahnnetz wuchs denn auch in beispielloser Weise. 1860 betrug es noch nicht 50.000 Kilometer, 1870 über 85.000, 1880 aber mehr als 150.000 (in derselben Zeit von 1870 bis 1880 wuchs das gesamte Eisenbahnnetz Europas von 130.000 auf 169.000 Kilometer). Die Eisenbahnen und die Bodenspekulanten riefen eine massenhafte Einwanderung aus Europa nach den Vereinigten Staaten herbei. Die Einwanderung betrug in den 23 Jahren 1869 bis 1892 mehr wie 4½ Millionen Menschen. Im Zusammenhang damit emanzipierte sich die Union nach und nach von der europäischen, hauptsächlich englischen Industrie und schuf eigene Manufakturen, eine eigene Textil-, Eisen-, Stahl- und Maschinenindustrie. Am raschesten wurde die Landwirtschaft revolutioniert. Bereits in den ersten Jahren nach dem Bürgerkriege wurden die Plantagenbesitzer der Südstaaten durch die Emanzipation der Neger gezwungen, den Dampfpflug einzuführen. Besonders aber wurden die im Westen im Anschluß an den Eisenbahnbau frisch entstehenden Farmen von vornherein auf die modernste Maschinentechnik gestellt. »Zur selben Zeit – schrieb der Bericht der landwirtschaftlichen Kommission der Vereinigten Staaten im Jahre 1867 –, während die Anwendung der Maschinerie den Landbau im Westen revolutioniert und das Verhältnis der angewandten menschlichen Arbeit auf das niedrigste bisher erreichte Maß herabdrückt, … widmen sich hervorragende administrative und organisatorische Talente der Landwirtschaft. Farmen von mehreren tausend Hektar werden mit mehr Geschick geleitet, mit einer zweckmäßigeren und ökonomischeren Ausnutzung der vorhandenen Mittel und einem höheren Ertrag als Farmen von 40 Hektar.«4

Gleichzeitig stieg die Last der direkten wie der indirekten Steuern enorm. Mitten im Bürgerkriege wurde ein neues Finanzgesetz geschaffen. Der Kriegstarif vom 30. Juni 1864, der die Hauptgrundlage des noch heute geltenden Systems bildet, erhöhte die Verbrauchssteuern und die Einkommensteuern in außerordentlichem Maße. Hand in Hand damit begann eine wahre Orgie der Schutzzöllnerei, die jene hohen Kriegssteuern als Vorwand nahm, um die Belastung der einheimischen Produktion durch Zölle auszugleichen.5 Die Mr. Morrill, Stevens und die anderen Gentlemen, die den Krieg benutzten, um mit ihrem protektionistischen Programm Sturm zu laufen, haben das System begründet, wonach die Zollpolitik offen und zynisch zum Werkzeug jeglicher Privatinteressen der Plusmacherei gemacht wurde. Jeder einheimische Produzent, der vor dem gesetzgebenden Kongreß erschien, um irgendeinen speziellen Zoll zu verlangen, damit er seine Taschen füllen konnte, sah sein Verlangen in willfähriger Weise erfüllt. Die Zollsätze wurden so hoch hinaufgeschraubt, wie nur irgend jemand es forderte. »Der Krieg – schreibt der Amerikaner Taussig – hatte in mancher Hinsicht auf unser Nationalleben erfrischend und veredelnd gewirkt, aber seine unmittelbare Wirkung auf das Geschäftsleben und auf die ganze Gesetzgebung betreffend Geldinteressen war eine demoralisierende. Die Grenzlinie zwischen öffentlicher Pflicht und Privatinteressen war von den Gesetzgebern oft aus dem Auge verloren. Große Vermögen wurden gemächt durch Gesetzesveränderungen, die von denselben Leuten verlangt und durchgesetzt wurden, die die Nutznießer der neuen Gesetze waren, und das Land sah mit Bedauern, daß die Ehre und die Ehrlichkeit der Männer der Politik nicht unangetastet blieben.« Und dieser Tarif, der eine ganze Umwälzung im ökonomischen Leben des Landes bedeutete, der zwanzig Jahre lang unverändert gelten sollte und im Grunde genommen bis jetzt die Basis der zollpolitischen Gesetzgebung der Vereinigten Staaten bildet, wurde buchstäblich in drei Tagen im Kongreß und in zwei Tagen im Senat durchgepeitscht – ohne Kritik, ohne Debatte, ohne jede Opposition.6

Mit diesem Umschwung in der Finanzpolitik der Vereinigten Staaten begann die schamlose parlamentarische Korruption der Union, der offene und skrupellose Gebrauch der Wahlen, der Gesetzgebung und der Presse als Werkzeuge nackter Tascheninteressen des Großkapitals. Das Enrichissez-vous wurde zur Losung des öffentlichen Lebens seit dem »edlen Kriege« um die Befreiung der Menschheit vom »Schandfleck der Sklaverei«; der Negerbefreier-Yankee feierte Orgien als Glücksritter der Spekulation an der Börse, schenkte sich selbst als Gesetzgeber nationale Ländereien, bereicherte sich selbst durch Zölle und Steuern, durch Monopole, Schwindelaktien, Diebstahl des öffentlichen Vermögens. Die Industrie kam in Blüte. Jetzt waren die Zeiten vorbei, wo der kleine und mittlere Farmer fast ohne Bargeld auskommen und seinen Weizenvorrat noch nach Bedarf hie und da dreschen konnte, um ihn zu Geld zu machen. Jetzt mußte der Farmer immer Geld, recht viel Geld haben, um seine Steuern zu zahlen, er mußte bald alles, was er hervorbrachte, verkaufen, um wieder alles, was er brauchte, aus der Hand der Manufakturisten als Ware zu erwerben. »Wenn wir uns der Gegenwart zuwenden«, schreibt Peffer, »so finden wir, daß sich fast alles verändert hat. Im ganzen Westen besonders dreschen alle Farmer ihren Weizen gleichzeitig, sie verkaufen ihn ebenfalls auf einmal. Der Farmer verkauft sein Vieh und kauft frisches Fleisch oder Speck, er verkauft seine Schweine und kauft Schinken und Schweinefleisch, er verkauft sein Gemüse und Obst und kauft sie wieder in Form der Konserven. Wenn er überhaupt Flachs baut, so drischt er den Flachs, anstatt ihn zu verspinnen, sodann Leinwand daraus zu weben und Wäsche für seine Kinder zu verfertigen, wie das von 50 Jahren gemacht wurde, verkauft den Samen; das Stroh aber verbrennt er. Von fünfzig Farmern züchtet jetzt kaum einer Schafe; er rechnet auf die großen Zuchtfarmen und bezieht seinerseits die Wolle schon in fertiger Gestalt als Tuch oder Kleid. Sein Anzug wird nicht mehr zu Hause genäht, sondern in der Stadt gekauft. Anstatt selbst die nötigen Gerätschaften, Gabeln, Harke usw., anzufertigen, begibt er sich nach der Stadt, um das Heft zum Beil oder den Stiel zum Hammer zu kaufen; er kauft Taue und Schnüre und allerlei Faserzeug, er kauft Kleiderstoffe oder selbst Kleider, er kauft konservierte Früchte, er kauft Speck und Fleisch und Schinken, er kauft heute fast alles, was er einst selbst produzierte, und er braucht zu alledem Geld. Außer alledem und was seltsamer scheint als alles andere, ist folgendes: Während früher die Heimstätte des Amerikaners frei und unverschuldet blieb, – nicht in einem Fall auf tausend war eine Heimstätte mit Hypotheken belastet, um eine Geldanleihe zu sichern – und während bei dem geringen Bedarf an Geld zur Führung des Betriebes stets Geld genug unter den Farmern vorhanden war, ist jetzt, wo zehnmal soviel Geld benötigt wird, nur wenig oder gar keines zu haben. Etwa die Hälfte der Farmen haben Hypothekenschulden, die ihren ganzen Wert verschlingen, und die Zinsen sind exorbitant. Die Ursache dieses merkwürdigen Umschwungs liegt in dem Manufakturisten mit seinen Wollen- und Leinenfabriken, Holzbearbeitungsfabriken, Baumwollspinnereien und Webereien, mit seinen Fleisch- und Obstkonservenfabriken usw. usw.; die kleinen Farmwerkstätten haben den großen städtischen Werken den Platz geräumt. Die nachbarliche Wagnerwerkstatt hat dem enormen städtischen Werk Platz gemacht, wo hundert oder zweihundert Wagen pro Woche hergestellt werden; an Stelle der Schusterwerkstatt ist die große städtische Fabrik getreten, wo der größte Teil der Arbeit vermittels der Maschinen gemacht wird.«7 Und endlich ist auch die landwirtschaftliche Arbeit des Farmers selbst zur Maschinenarbeit geworden. »Jetzt pflügt, sät und schneidet der Farmer mit Maschinen. Die Maschine schneidet, bindet Garben und mit Hilfe des Dampfes wird gedroschen. Der Farmer kann beim Pflügen seine Morgenzeitung lesen und er sitzt auf gedecktem Sitz der Maschine, während er schneidet.«8

Diese Umwälzung in der amerikanischen Landwirtschaft seit dem »großen Kriege« war aber nicht das Ende, sondern der Anfang des Strudels, in den der Farmer hineingeraten war. Seine Geschichte leitet von selbst zur zweiten Phase der Entwickelung der kapitalistischen Akkumulation über, die sie gleichfalls trefflich illustriert. – Der Kapitalismus bekämpft und verdrängt überall die Naturalwirtschaft, die Produktion für den Selbstbedarf, die Kombinierung der Landwirtschaft mit dem Handwerk, um an ihre Stelle die einfache Warenwirtschaft zu setzen. Er braucht die Warenwirtschaft als Absatz für den eigenen Mehrwert. Die Warenproduktion ist die allgemeine Form, in der der Kapitalismus erst gedeihen kann. Hat sich aber auf den Ruinen der Naturalwirtschaft bereits die einfache Warenproduktion ausgebreitet, dann beginnt alsbald der Kampf des Kapitals gegen diese. Mit der Warenwirtschaft tritt der Kapitalismus in ein Konkurrenzverhältnis; nachdem er sie ins Leben gerufen, macht er ihr die Produktionsmittel streitig, die Arbeitskräfte und den Absatz. Zuerst war der Zweck die Isolierung des Produzenten, seine Trennung von der schützenden Gebundenheit des Gemeinwesens, dann die Trennung der Landwirtschaft vom Handwerk, jetzt ist die Trennung des kleinen Warenproduzenten von seinen Produktionsmitteln die Aufgabe.

Wir haben gesehen, daß der »große Krieg« in der amerikanischen Union eine Ära der grandiosen Plünderung der nationalen Ländereien durch monopolitische Kapitalgesellschaften und einzelne Spekulanten eröffnet hatte. Im Anschluß an den fieberhaften Eisenbahnbau und noch mehr die Eisenbahnspekulation entstand eine tolle Bodenspekulation, bei der riesige Vermögen, ganze Herzogtümer zur Beute von einzelnen Glücksrittern und Kompagnien wurden. Von hier aus wurde durch einen Heuschreckenschwarm von Agenten, durch alle Mittel einer marktschreierischen skrupellosen Reklame, durch allerlei Vortäuschungen und Vorspiegelungen der gewaltige Strom der Immigration aus Europa nach den Vereinigten Staaten geleitet. Dieser Strom setzte sich zunächst in den östlichen Staaten an der atlantischen Küste ab. Je mehr aber hier die Industrie wuchs, um so mehr verschob sich die Landwirtschaft nach dem Westen. Das »Weizenzentrum«, das sich 1850 bei Columbus in Ohio befand, wanderte in den folgenden 50 Jahren weiter und verschob sich um 99 Meilen nach Norden und 680 Meilen nach Westen. 1850 lieferten die atlantischen Staaten 51,4 Proz. der gesamten Weizenernte, im Jahre 1880 nur noch 13,6 Proz., während die nordzentralen Staaten 1880 71,7 Proz., die westlichen 9,4 Proz. lieferten.

1825 hatte der Kongreß der Union unter Monroe beschlossen, die Indianer vom Osten des Mississippi nach dem Westen zu verpflanzen. Die Rothäute wehrten sich verzweifelt, wurden aber – wenigstens der Rest, der von den Gemetzeln der 40 Indianerkriege noch verschont geblieben war – wie lästiger Plunder weggeräumt, wie Büffelherden nach dem Westen getrieben, um hier wie das Wild im Gatter der »Reservationen« eingepfercht zu werden. Der Indianer mußte dem Farmer weichen; jetzt kam die Reihe an den Farmer, der dem Kapital weichen mußte und selbst jenseits des Mississippi geschoben wurde.

Den Eisenbahnen nach zog der amerikanische Farmer nach dem Westen und Nordwesten in das gelobte Land, das ihm die Agenten der großen Bodenspekulanten vorgaukelten. Aber die fruchtbarsten, bestgelegenen Ländereien wurden von den Gesellschaften zu großen rein kapitalistisch betriebenen Wirtschaften verwendet. Neben dem in die Wildnis geschleppten Farmer erstand als seine gefährliche Konkurrentin und Todfeindin die »Bonanzafarm«, der großkapitalistische Landwirtschaftsbetrieb, wie er bis dahin in der Alten und Neuen Welt unbekannt war. Hier wurde die Mehrwertproduktion mit allen Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft und Technik betrieben. »Olivier Dalrymple«, dessen Name heute auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans bekannt ist – schrieb Lafargue 1885 – kann als der beste Repräsentant der Finanzlandwirtschaft betrachtet werden. Seit 1874 leitet er gleichzeitig eine Dampferlinie auf dem Roten Flusse und sechs Farmen, die einer Gesellschaft von Finanzleuten gehören, mit einem Gesamtumfang von 30.000 Hektar. Er teilte dieselben in Abteilungen von je 800 Hektar, deren jede wieder in drei Unterabteilungen von je 267 Hektar zerfiel. Diese stehen unter Werkführern und Unterwerkführern. Auf jeder Sektion sind Baracken errichtet, in denen sich Unterkunft für fünfzig Menschen und Ställe für ebensoviel Pferde und Maultiere befinden, sowie Küchen, Magazine für Lebensmittel für Menschen und Vieh, Schuppen zum Unterbringen der Maschinen, endlich Schmiede- und Schlosserwerkstätten. Jede Sektion hat ihr vollständiges Inventar: 20 Paar Pferde, 8 Doppelpflüge, 12 Sämaschinen, die vom Pferde aus dirigiert werden, 12 Eggen mit Stahlzähnen, 12 Schneide- und Garbenbindemaschinen, 2 Dreschmaschinen und 16 Wagen; alle Maßregeln sind getroffen, daß Maschinen und Arbeitstiere (Menschen, Pferde, Maultiere) in gutem Zustand und fähig sind, die größtmögliche Summe von Arbeit zu leisten. Alle Sektionen stehen untereinander und mit der Zentralleitung in telephonischer Verbindung.

»Die sechs Farmen von 30.000 Hektar werden von einer Armee von 600 Arbeitern bestellt, welche militärisch organisiert sind; zur Zeit der Ernte wirbt die Zentralleitung noch 500 bis 600 Hilfsarbeiter an, welche sie unter die Sektionen verteilt. Sind die Arbeiten im Herbst beendigt, dann werden die Arbeiter entlassen, mit Ausnahme der Werkführer und von zehn Mann per Sektion. Auf manchen Farmen Dakotas und Minnesotas überwintern die Pferde und Maultiere nicht am Arbeitsorte. Sobald die Stoppeln umgepflügt sind, treibt man sie in Herden von 100 bis 200 Paaren 1.000 bis 1.500 Kilometer weit nach dem Süden, von wo sie erst im Frühjahr wieder zurückkehren.

Mechaniker zu Pferde folgen den Pflüge-, Sä- und Erntemaschinen bei der Arbeit; sobald etwas in Unordnung gerät, galoppieren sie zur betreffenden Maschine, um sie unverzüglich zu reparieren und wieder in Gang zu bringen. Das geerntete Getreide wird zu den Dreschmaschinen geschafft, die Tag und Nacht ununterbrochen arbeiten; diese werden mit Strohbündeln geheizt, welche durch Röhren von Eisenblech in den Feuerherd geschoben werden. Das Korn wird durch Maschinen gedroschen, geworfelt, gewogen und in Säcke gefüllt, worauf man es zur Bahn bringt, die an der Farm entlang führt; von da geht es nach Duluth oder Buffalo. Jedes Jahr vermehrt Dalrymple sein Saatland um 2.000 Hektar. 1880 betrug es 10.000 Hektar«.9 Es gab schon Ende der 70er Jahre einzelne Kapitalisten und Gesellschaften, die Gebiete von 14.000 bis 18.000 Hektar unter Weizen ihr eigen nannten. Seit Lafargue dies geschrieben, haben die technischen Fortschritte in der amerikanischen großkapitalistischen Landwirtschaft und die Maschinenanwendung noch ganz gewaltig zugenommen.10

Mit solchen kapitalistischen Unternehmungen konnte der amerikanische Farmer die Konkurrenz nicht bestehen. In derselben Zeit, wo ihn die allgemeine Umwälzung in den Verhältnissen: den Finanzen, der Produktion und dem Transportwesen der Union zwang, jede Produktion für den Selbstbedarf aufzugeben und alles für den Markt zu produzieren, wurden die Preise der landwirtschaftlichen Produkte durch die kolossale Ausbreitung der Ackerkultur außerordentlich herabgedrückt. Und in derselben Zeit, wo die Masse der Farmer in ihren Schicksalen an den Markt gekettet wurde, verwandelte sich der landwirtschaftliche Markt der Union plötzlich aus dem lokalen Absatzgebiet in den Weltmarkt, auf dem wenige Riesenkapitale und deren Spekulation ihr wildes Spiel begannen.

Mit dem in der Geschichte der europäischen wie der amerikanischen Agrarverhältnisse denkwürdigen Jahre 1879 beginnt der Massenexport des Weizens der Union nach Europa.11

Die Vorteile dieser Erweiterung des Absatzgebietes wurden selbstverständlich von dem Großkapital monopolisiert: einerseits wuchsen die Riesenfarmen, die den kleinen Farmer mit ihrer Konkurrenz erdrückten, andererseits wurde er zum Opfer der Spekulanten, die ihm sein Getreide aufkauften, um damit auf den Weltmarkt einen Druck auszuüben. Hilflos den gewaltigen Mächten des Kapitals preisgegeben, verfiel der Farmer in Schulden – die typische Form des Unterganges der Bauernwirtschaft. Die Verschuldung der Farmen wurde bald zur öffentlichen Kalamität. Im Jahre 1890 schrieb der Landwirtschaftsminister der Union, Rusk, in einem speziellen Rundschreiben aus Anlaß der verzweifelten Lage der Farmer: »Die Last der Hypotheken auf den Farmen, den Häusern und dem Boden nimmt zweifellos höchst beunruhigende Dimensionen an; wiewohl in einzelnen Fällen die Anleihen zweifellos übereilig aufgenommen wurden, so führte dazu nichtsdestoweniger in der beträchtlichen Mehrzahl der Fälle die Notwendigkeit … Diese Anleihen, die auf hohe Prozente aufgenommen wurden, sind infolge des Preisfalls der landwirtschaftlichen Produkte höchst drückend geworden und bedrohen den Farmer in vielen Fällen mit dem Verlust des Hauses und des Bodens. Das ist eine äußerst schwierige Frage für alle diejenigen, die die Übel zu kurieren bestrebt sind, an denen die Farmer leiden. Es stellt sich heraus, daß bei den gegenwärtigen Preisen der Farmer, um einen Dollar zu bekommen, mit dem er seine Schuld bezahlt, viel mehr Produkte verkaufen muß als damals, wo er diesen Dollar lieh. Die Prozente wachsen, während die Tilgung der Schuld offenbar eine ganz hoffnungslose Sache geworden, angesichts dieser gedrückten Lage aber, von der wir reden, ist die Erneuerung der Hypothekenaufnahme äußerst schwierig«.12 Die allgemeine Verschuldung des Bodens erstreckte sich nach dem Zensus vom 29. Mai 1891 auf 2,5 Millionen Wirtschaften, davon zwei Drittel Betriebe der Farmer-Eigentümer, die Höhe der Schuld dieser letzteren auf nahezu 2,2 Milliarden Dollar. »Auf diese Weise,« schließt Peffer, »ist die Lage der Farmer höchst kritisch (farmers are passing through the ›valley and shadow of death‹); die Farm ist eine gewinnlose Sache geworden; der Preis der landwirtschaftlichen Produkte ist seit dem großen Kriege um 50 Proz. gefallen, der Wert der Farmen ist im letzten Jahrzehnt um 25 bis 50 Proz. gesunken; die Farmer stecken bis über die Ohren in Schulden, die durch Hypotheken auf ihren Betrieben gesichert sind, ohne in vielen Fällen imstande zu sein, die Anleihe zu erneuern, da die Hypothek selbst immer mehr entwertet wird; viele Farmer gehen ihrer Betriebe verlustig, und die Mühlsteine der Verschuldung fahren fort, sie zu zermalmen. Wir befinden uns in den Händen einer erbarmungslosen Macht; die Farm geht zugrunde«.13

Dem verschuldeten und ruinierten Farmer blieb nichts anderes übrig, als entweder in Nebenverdiensten als Lohnarbeiter sein Heil zu suchen oder seine Wirtschaft ganz zu verlassen und den Staub des »gelobten Landes«, des »Weizenparadieses«, das für ihn zur Hölle geworden, von seinen Pantoffeln zu schütteln, vorausgesetzt, daß seine Farm nicht schon wegen Zahlungsunfähigkeit in die Krallen des Gläubigers geriet, was mit Tausenden der Farmen der Fall war. Verlassene und verfallende Farmen konnte man massenhaft um die Mitte der 80er Jahre beobachten. »Kann der Farmer zu den festgesetzten Terminen seine Schulden nicht bezahlen – schrieb Sering 1887 – so steigt der von ihm zu entrichtende Zins auf 12, 15, ja 20 Proz. Die Bank, der Maschinenhändler, der Krämer drängen auf ihn ein und berauben ihn der Früchte seiner harten Arbeit. – Der Betreffende bleibt dann entweder als Pächter auf der Farm oder er zieht weiter fort gegen Westen, um sein Glück von neuem zu versuchen. Nirgendwo in Nordamerika habe ich in der Tat so viele verschuldete, enttäuschte und mißvergnügte Farmer getroffen, wie in den Weizendistrikten der nordwestlichen Prärien, keinen einzigen Farmer habe ich in Dakota gesprochen, der nicht bereit gewesen wäre, seine Farm zu verkaufen«.14 Der Kommissar der Landwirtschaft in Vermont teilte 1889 über die weit verbreitete Tatsache des Verlassens der Farmen mit: »In diesem Staate,« schrieb er, »kann man große Strecken unbebauten, aber zum Anbau geeigneten Bodens finden, den man zu Preisen kaufen kann, die sich denjenigen in den Weststaaten nähern, dazu in der Nähe von Schulen und Kirchen und obendrein mit den Bequemlichkeiten der nahegelegenen Eisenbahn. Der Kommissar hat nicht alle Bezirke des Staates besucht, über die berichtet wird, er hat aber genug besucht, um sich zu überzeugen, daß ein bedeutendes Gebiet verlassenen, früher aber bebauten Landes jetzt zu Ödland geworden ist, obwohl ein bedeutender Teil davon der tüchtigen Arbeit ein gutes Einkommen liefern könnte.«

Der Kommissar des Staates New Hampshire veröffentlichte 1890 eine Schrift, in der 67 Seiten mit der Beschreibung von Farmen gefüllt sind, die zu den billigsten Preisen zu haben waren. Es sind darin 1.442 verlassene Farmen mit Wohngebäuden beschrieben, die erst vor kurzem aufgegeben wurden. Dasselbe auch in anderen Gegenden. Tausende von Acres Weizen- und Maiskulturen lagen brach und wurden zu Ödland. Um das verlassene Land wieder zu bevölkern, trieben die Bodenspekulanten eine raffinierte Reklame und sie zogen neue Scharen Einwanderer, neue Opfer ins Land, die dem Schicksal ihrer Vorgänger nur noch rascher anheimfielen.15

»In der Nähe der Eisenbahnen und Absatzmärkte« – hieß es in einem Privatbrief – »gibt es nirgends mehr staatliches Land, es ist ganz in den Händen der Spekulanten. Der Ansiedler übernimmt freies Land und zählt als Farmer. Aber seine Wirtschaft als Farm sichert ihm kaum die Existenz und er kann unmöglich dem großen Farmer Konkurrenz machen. Er bebaut den gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtteil seiner Farm, aber zur Unterstützung seines Wohlstandes muß er einen Nebenerwerb außerhalb der Landwirtschaft Suchen. In Oregon z.B. habe ich einen Ansiedler getroffen, der während fünf Jahren Eigentümer von 160 Acres war, zur Sommerzeit aber, Ende Juni, am Wegebau arbeitete, 12 Stunden täglich für 1 Dollar Tageslohn. Auch dieser figurierte natürlich als Einheit unter den 5 Millionen Farmern, die vom Zensus 1890 gezählt worden sind. Oder in El Dorado County sah ich z.B. viele Farmer, die den Boden nur in dem Umfang bebauten, um sich selbst und das Vieh zu ernähren, nicht aber für den Markt, denn das wäre unvorteilhaft; ihr Haupterwerb aber besteht im Goldgraben, Holzfällen und Holzverkauf usw. Diese Leute leben im Wohlstand, aber ihr Wohlstand rührt nicht von der Landwirtschaft her. Vor zwei Jahren arbeiteten wir in Long Canon, El Dorado County, und wohnten die ganze Zeit in einer cabin auf einer Parzelle, deren Eigentümer nur einmal im Jahr für einige Tage nach Hause kam, die übrige Zeit aber in Sacramento an der Eisenbahn arbeitete. Seine Parzelle wurde gar nicht bebaut. Vor einigen Jahren wurde ein kleiner Teil davon angebaut, um dem Gesetz Genüge zu tun, einige Acres sind mit Drahtzaun eingezäunt, eine log cabin und ein Schuppen sind errichtet. Aber in den letzten Jahren steht das alles leer: der Schlüssel von der Hütte befindet sich beim Nachbar, der uns auch die Hütte zur Verfügung gestellt hatte. Im Verlaufe unserer Wanderungen haben wir viele verlassene Parzellen gesehen, auf denen Versuche gemacht waren, die Wirtschaft zu führen. Vor drei Jahren wurde mir der Vorschlag gemacht, eine Farm mit Wohnhaus für 100 Dollar zu übernehmen. Später ist das leere Haus unter der Last des Schnees zusammengebrochen. In Oregon sahen wir viele verlassene Farmen mit Wohnhäuschen und Gemüsegärtchen. Eins davon, das wir besucht haben, war ausgezeichnet gebaut: ein kräftiges von Meisterhand zusammengefügtes Blockhaus mit einigen Gerätschaften. Und alles das war vom Farmer verlassen. Jedermann konnte alles unentgeltlich in Besitz nehmen«.16

Wohin wendet sich der ruinierte Farmer der Union? Er zieht mit seinem Wanderstab dem »Weizenzentrum« und den Eisenbahnen nach. Das Weizenparadies verschiebt sich zum Teil nach Kanada an den Saskatschewan und den Mackenziefluß, wo Weizen noch unter dem 62. Grad nördlicher Breite gedeiht. Ihm folgt ein Teil der Farmer der Union,17 um nach einiger Zeit in Kanada noch einmal dasselbe Schicksal durchzumachen. Kanada ist in den letzten Jahren auf dem Weltmarkt in die Reihe der Weizenausfuhrländer eingetreten, dort wird aber die Landwirtschaft noch mehr vom Großkapital beherrscht.18

Die Verschleuderung der öffentlichen Ländereien an privatkapitalistische Gesellschaften ist in Kanada noch ungeheuerlicher betrieben worden, als in den Vereinigten Staaten. Der Charter und Landgrant der kanadischen Pacificbahngesellschaft ist etwas Beispielloses an öffentlichem Raub durch das Privatkapital. Der Gesellschaft war nicht bloß das Monopol auf den Eisenbahnbau für 20 Jahre gesichert, die ganze zu bebauende Strecke von etwa 713 englischen Meilen im Werte von zirka 35 Millionen Dollar gratis zur Verfügung gestellt, nicht bloß hatte der Staat auf 10 Jahre eine Zinsgarantie für 3 Proz. auf das Aktienkapital von 100 Millionen Dollar übernommen und ein bares Darlehen von 27½ Millionen Dollar gewährt. Außer alledem ist der Gesellschaft ein Landgebiet von 25 Millionen Acres geschenkt worden, und zwar zur beliebigen Auswahl unter den fruchtbarsten und bestgelegenen Ländereien auch außerhalb des unmittelbar die Bahn begleitenden Gürtels! Alle die künftigen Ansiedler auf der ungeheuren Fläche waren so von vornherein dem Eisenbahnkapital auf Gnade und Ungnade überantwortet. Die Eisenbahnkompagnie hat ihrerseits 5 Millionen Acres, um sie möglichst rasch zu Geld zu machen, gleich weiter an die »Nordwest-Landkompagnie«, d.h. an eine Vereinigung von englischen Kapitalisten unter Führung des Herzogs von Manchester verschleudert. Die zweite Kapitalsgruppe, an die öffentliche Ländereien mit vollen Händen verschenkt wurden, ist die »Hudsonsbay Co.«, die für den Verzicht auf ihre Privilegien im Nordwesten einen Anspruch auf nicht weniger als ein Zwanzigstel allen Landes in dem ganzen Gebiet zwischen dem Lake Winnipeg, der Grenze der Vereinigten Staaten, den Rocky Mountains und dem nördlichen Saskatschewan erhielt. Die zwei Kapitalsgruppen haben so zusammen fünf Neuntel des besiedelungsfähigen Landes in ihre Hände bekommen. Von den übrigen Ländereien hatte der Staat einen bedeutenden Teil 26 kapitalistischen »Kolonisationsgesellschaften« zugewiesen.19 So befindet sich der Farmer in Kanada fast von allen Seiten in den Netzen des Kapitals und seiner Spekulation. Und trotzdem die Masseneinwanderung nicht nur aus Europa, sondern auch aus den Vereinigten Staaten!

Dies sind die Züge der Kapitalherrschaft auf der Weltbühne: aus England trieb sie den Bauer, nachdem sie ihn vom Boden verdrängt hatte, nach dem Osten der Vereinigten Staaten, vom Osten nach dem Westen, um aus ihm auf den Trümmern der Indianerwirtschaft wieder einen kleinen Warenproduzenten zu machen, vom Westen treibt sie ihn, abermals ruiniert, nach dem Norden – die Eisenbahnen voran und den Ruin hinterher, d.h. das Kapital als Führer vor sich und das Kapital als Totschläger hinter sich. Die allgemeine zunehmende Teuerung der landwirtschaftlichen Produkte ist wieder an Stelle des tiefen Preisfalls der 90er Jahre getreten, aber der amerikanische kleine Farmer hat davon so wenig Nutzen, wie der europäische Bauer.

Die Anzahl der Farmen wächst freilich unaufhörlich. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ist sie von 4,6 Millionen auf 5,7 Millionen gewachsen und auch im letzten Jahrzehnt ist sie absolut gestiegen. Gleichzeitig stieg der Gesamtwert der Farmen; während der letzten zehn Jahre ist er von 751,2 Millionen Dollar auf 1.652,8 Millionen Dollar gewachsen.20 Die allgemeine Steigerung der Preise für Bodenprodukte hätte dem Farmer anscheinend auf einen grünen Zweig verhelfen sollen. Trotzdem sehen wir, daß die Zahl der Pächter unter den Farmern noch rascher wächst, als die Zahl der Farmer im ganzen. Die Pächter bildeten im Verhältnis zur Gesamtzahl der Farmer der Union

1880 … 25,5%

1890 … 28,4%

1900 … 35,3%

1910 … 37,2%

Trotz der Steigerung der Preise für Bodenprodukte machen die Farmereigentümer relativ immer mehr den Pächtern Platz. Diese aber, die jetzt schon weit über ein Drittel aller Farmer der Union darstellen, sind in den Ver. Staaten die unseren europäischen Landarbeitern entsprechende Schicht, die richtigen Lohnsklaven des Kapitals, das beständig fluktuierende Element, das unter äußerster Anspannung der Kräfte für das Kapital Reichtümer schafft, ohne für sich selbst etwas anderes als eine elende und unsichere Existenz herausschlagen zu können. –

Derselbe Prozeß in einem ganz anderen historischen Rahmen – in Südafrika – zeigt noch deutlicher die »friedlichen Methoden« des kapitalistischen Wettbewerbs mit dem kleinen Warenproduzenten.

Bis zu den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts herrschten in der Kapkolonie und in den Burenrepubliken rein bäuerliche Verhältnisse. Die Buren führten lange Zeit das Leben nomadisierender Viehzüchter, indem sie den Hottentotten und Kaffern die besten Weideplätze wegnahmen, sie selbst nach Kräften ausrotteten oder verdrängten. Im 18. Jahrhundert leistete ihnen die von den Schiffen der Ostindischen Kompagnie verschleppte Pest treffliche Dienste, indem sie wiederholt ganze Hottentottenstämme dahinraffte und so für die holländischen Einwanderer den Boden freimachte. Durch ihre Ausbreitung nach dem Osten prallten sie mit den Bantustämmen zusammen und eröffneten die lange Periode der furchtbaren Kaffernkriege. Die frommen und bibelfesten Holländer, die sich auf ihre altmodische puritanische Sittenstrenge und ihre Kenntnis des Alten Testaments als »auserwähltes Volk« nicht wenig zugute taten, begnügten sich jedoch nicht mit dem Raub der Ländereien der Eingeborenen, sondern sie richteten ihre bäuerliche Wirtschaft wie Parasiten auf dem Rücken der Neger ein, die sie zur Sklavenarbeit für sich zwangen und zu diesem Behufe systematisch und zielbewußt korrumpierten und entnervten. Der Branntwein spielte dabei eine so wesentliche Rolle, daß das Branntweinverbot der englischen Regierung in der Kapkolonie an dem Widerstand der Puritaner scheiterte. Im allgemeinen blieb die Wirtschaft der Buren bis in die 60er Jahre vorwiegend patriarchalisch und naturalwirtschaftlich. Wurde doch erst 1859 die erste Eisenbahn in Südafrika gebaut. Der patriarchalische Charakter verhinderte freilich keineswegs die äußerste Härte und Roheit der Buren. Livingstone beklagte sich bekanntlich viel mehr über die Buren als über die Kaffern. Die Neger schienen ihnen ein so von Gott und Natur zur Sklavenarbeit für sie bestimmtes Objekt, eine so unentbehrliche Grundlage der Bauernwirtschaft zu sein, daß sie die Aufhebung der Sklaverei in den englischen Kolonien im Jahre 1836, trotz der Abfindung der Eigentümer hier mit 3 Millionen Pfund Sterling, mit dem »großen Treck« beantworteten. Die Buren wanderten aus der Kapkolonie über den Oranje und Vaal aus, trieben dabei die Matabeles nach Norden über den Limpopo und hetzten sie den Makalakas auf den Hals. Wie der amerikanische Farmer unter den Streichen der Kapitalwirtschaft die Indianer vor sich her nach dem Westen, so trieb der Bur die Neger nach dem Norden. Die »freien Republiken« zwischen Oranje und Limpopo entstanden so als Protest gegen den Anschlag der englischen Bourgeoisie auf das geheiligte Recht der Sklaverei. Die winzigen Bauernrepubliken

lagen im ständigen Guerillakrieg mit den Bantunegern. Auf dem Rücken der Neger wurde nun der jahrzehntelange Kampf zwischen den Buren und der englischen Regierung ausgefochten. Als Vorwand zum Konflikt zwischen England und den Republiken diente die Negerfrage, nämlich die angeblich von der englischen Bourgeoisie angestrebte Emanzipation der Neger. In Wirklichkeit traten hier die Bauernwirtschaft und die großkapitalistische Kolonialpolitik in Konkurrenzkampf miteinander um die Hottentoten und Kaffern, d.h. um ihr Land und ihre Arbeitskraft. Das Ziel beider Konkurrenten war genau dasselbe: Niederwerfung, Verdrängung oder Ausrottung der Farbigen, Zerstörung ihrer sozialen Organisation, Aneignung ihres Grund und Bodens und Erzwingung ihrer Arbeit im Dienste der Ausbeutung. Nur die Methoden waren grundverschieden. Die Buren vertraten die veraltete Sklaverei im kleinen als Grundlage einer patriarchalischen Bauernwirtschaft, die englische Bourgeoisie – die moderne großangelegte kapitalistische Ausbeutung des Landes und der Eingeborenen. Das Grundgesetz der Transvaalrepublik erklärte mit bornierter Schroffheit: »Das Volk duldet keine Gleichheit zwischen Weißen und Schwarzen weder im Staat noch in der Kirche.« In Oranje und in Transvaal durfte kein Neger Land besitzen und ohne Paß reisen oder sich bei Dunkelheit auf der Straße sehen lassen. Bryce erzählt einen Fall, wo ein Bauer (und zwar ein Engländer) im östlichen Kapland seinen Kaffer zu Tode gepeitscht hatte. Als der Bauer, vor Gericht gestellt, freigesprochen wurde, brachten ihn seine Nachbarn mit Musik nach Haus. Häufig suchten sich die Weißen auch der Löhnung an freie eingeborene Arbeiter dadurch zu entziehen, daß sie sie nach getaner Arbeit durch Mißhandlungen zur Flucht zwangen.

Die englische Regierung befolgte die gerade entgegengesetzte Taktik. Sie trat lange Zeit als die Beschützerin der Eingeborenen auf, umschmeichelte namentlich die Häuptlinge, stützte ihre Autorität und suchte ihnen das Recht der Disposition über Ländereien zu oktroyieren. Ja, sie machte die Häuptlinge, soweit es ging, nach bewährter Methode zu Eigentümern des Stammlandes, obwohl dies dem Herkommen und den tatsächlichen sozialen Verhältnissen der Neger ins Gesicht schlug. Das Land war nämlich bei sämtlichen Stämmen Gemeineigentum, und selbst die grausamsten, despotischsten Herrscher, wie der Matabelehäuptling Lobengula, hatten nur das Recht und die Pflicht, jeder Familie eine Parzelle zum Anbau anzuweisen, die auch nur so lange im Besitze der Familie blieb, als sie tatsächlich bearbeitet wurde. Der Endzweck der englischen Politik war klar: sie bereitete von langer Hand den Landraub im großen Stil vor, wobei sie die Häuptlinge der Eingeborenen selbst zu ihren Werkzeugen machte. Vorerst beschränkte sie sich auf die »Pazifizierung« der Neger durch große militärische Aktionen. Neun blutige Kaffernkriege wurden bis 1879 durchgeführt, um den Widerstand der Bantus zu brechen.

Offen und mit aller Energie rückte das englische Kapital mit seinen eigentlichen Absichten erst heraus, als zwei wichtige Ereignisse: die Entdeckung der Diamantfelder Kimberleys 1867/70 und die Entdeckung der Goldminen Transvaals 1882/85 eine neue Epoche in der Geschichte Südafrikas eröffneten. Bald trat die Britisch-Südafrikanische Gesellschaft, d.h. Cecil Rhodes, in Aktion. In der öffentlichen Meinung Englands vollzog sich ein rapider Umschwung. Die Gier nach den südafrikanischen Schätzen trieb die englische Regierung zu energischen Schritten an. Keine Kosten und keine Blutopfer schienen der englischen Bourgeoisie zu groß, um sich der Länder in Südafrika zu bemächtigen. Hierher ergoß sich plötzlich ein gewaltiger Strom der Einwanderung. Bis dahin war sie gering; die Vereinigten Staaten lenkten die europäische Emigration von Afrika ab. Seit den Entdeckungen der Diamant- und Goldfelder wuchs die Anzahl der Weißen in den südafrikanischen Kolonien sprunghaft: 1885–1895 waren 100.000 Engländer am Witwatersrand allein eingewandert. Die bescheidene Bauernwirtschaft wurde nun in den Hintergrund geschoben, der Bergbau rückte an die erste Stelle und mit ihm das Grubenkapital.

Die englische Regierung machte nun einen schroffen Frontwechsel in ihrer Politik. In den 50er Jahren hatte England durch den Sand-River-Vertrag und durch den Bloemfontein-Vertrag die Burenrepubliken anerkannt. Jetzt begann die politische Einkreisung der Bauernstaaten durch Okkupation aller Gebiete um die winzigen Republiken herum, um ihnen jede Ausdehnung abzuschneiden, gleichzeitig wurden die lange beschützten und begönnerten Neger geschluckt. Schlag auf Schlag rückte das englische Kapital vor. 1868 nahm England das Basutoland – natürlich auf »wiederholtes Flehen« der Eingeborenen – unter seine Herrschaft.21 1871 wurden die Diamantfelder am Witwatersrand als »West-Griqualand« dem Oranjestaat entrissen und zur Kronkolonie gemacht, 1879 wurde das Zululand unterworfen, um später der Kolonie Natal einverleibt zu werden, 1885 wurde das Betschuanaland unterworfen und nachher der Kapkolonie angegliedert, 1888 unterwarf sich England die Matabele und das Maschonaland; 1889 bekam die Britisch-Südafrikanische Gesellschaft den Charter auf beide Gebiete – auch dies natürlich nur aus Gefälligkeit für die Eingeborenen und auf ihre inständigen Bitten;22 1884 und 1887 wurde die St. Lucia-Bai und die ganze Ostküste bis zum portugiesischen Besitz von England annektiert; 1894 nahm England das Tongaland in Besitz. Die Matabele und Maschona rafften sich noch zu einem Verzweiflungskampf auf, aber die Gesellschaft, mit Rhodes an der Spitze, erstickte den Aufstand erst im Blute, um dann das probate Mittel der Zivilisierung und Pazifizierung der Eingeborenen anzuwenden: zwei große Eisenbahnen wurden im aufrührerischen Gebiet gebaut.

Den Burenrepubliken wurde in dieser plötzlichen Umklammerung immer schwüler. Aber auch im Innern ging alles drunter und drüber. Der mächtige Strom der Einwanderung und die Wellen der neuen fieberhaften Kapitalwirtschaft drohten alsbald die Schranken der kleinen Bauernstaaten zu sprengen. Der Widerspruch zwischen der Bauernwirtschaft auf dem Felde wie im Staate und den Anforderungen und Bedürfnissen der Kapitalakkumulation war in der Tat ein schreiender. Auf Schritt und Tritt versagten die Republiken gegenüber den neuen Aufgaben. Unbeholfenheit und Primitivität der Administration, die ständige Kafferngefahr, die wohl von England nicht mit scheelen Blicken angesehen war, Korruption, die sich in den Volksraad eingeschlichen hatte und durch Bestechung den Willen der Großkapitalisten durchsetzte, das Fehlen der Sicherheitspolizei, um die zuchtlose Gesellschaft der Glücksritter im Zaume zu halten, Mangel an Wasserzufuhr und Verkehrsmitteln zur Versorgung einer plötzlich aufgeschossenen Kolonie von 100.000 Einwanderern, mangelnde Arbeitergesetze, um die Ausbeutung der Neger im Bergbau zu regeln und zu sichern, hohe Schutzzölle, die den Kapitalisten die Arbeitskraft verteuerten, hohe Frachten für Kohle, – alles das fügte sich zu einem plötzlichen und betäubenden Bankrott der Bauernrepubliken zusammen.

In ihrer plumpen Borniertheit wehrten sie sich gegen die Schlamm- und Lavaflut des Kapitalismus, die sie verschlang, durch des denkbar primitivste Mittel, das nur im Arsenal der dickköpfigen und starren Bauern zu finden war: sie schlössen die Masse der »Uitlander«, die sie an Zahl weitaus übertraf und ihnen gegenüber das Kapital, die Macht, den Zug der Zeit vertrat, von jeglichen politischen Rechten aus! Aber das war nur ein schlechter Spaß und die Zeiten waren ernst. Die Dividenden litten empfindlich unter der bäuerlich-republikanischen Mißwirtschaft und konnten sie nicht länger dulden. Das Grubenkapital revoltierte. Die Britisch-Südafrikanische Gesellschaft baute Eisenbahnen, warf Kaffern nieder, organisierte Aufstände der Uitlander, provozierte endlich den Burenkrieg. Die Stunde der Bauernwirtschaft hatte geschlagen. In den Vereinigten Staaten war der Krieg Ausgangspunkt der Umwälzung, in Südafrika war er ihr Abschluß. Das Ergebnis war dasselbe: der Sieg des Kapitals über die kleine Bauernwirtschaft, die ihrerseits auf den Trümmern der primitiven naturalwirtschaftlichen Organisation der Eingeborenen erstanden war. Der Widerstand der Burenrepubliken gegen England war ebenso aussichtslos, wie der Widerstand des amerikanischen Farmers gegen die Kapitalherrschaft in den Vereinigten Staaten. In der neuen Südafrikanischen Union, die, eine Verwirklichung des imperialistischen Programms Cecil Rhodes‘, an Stelle der kleinen Bauernrepubliken einen modernen Großstaat setzt, hat nunmehr das Kapital offiziell das Kommando übernommen. Der alte Gegensatz zwischen Engländern und Holländern ist in dem neuen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ertränkt worden: beide Nationen haben ihre rührende Verbrüderung in der Union mit der bürgerlichen und politischen Entrechtung von 5 Millionen farbiger Arbeiterbevölkerung durch eine Million weißer Ausbeuter besiegelt Dabei sind nicht bloß die Neger der Burenrepubliken leer ausgegangen, sondern den Negern der Kapkolonie, die von der englischen Regierung ehemals politische Gleichberechtigung erhalten hatten, ihre Rechte zum Teil genommen worden. Und dieses edle Werk, das die imperialistische Politik der Konservativen durch einen schamlosen Gewaltstreich gekrönt hat, sollte gerade von der liberalen Partei vollendet werden – unter dem frenetischen Beifall »der liberalen Crétins Europas«, die mit Stolz und Rührung in der völligen Selbstverwaltung und Freiheit, die England der Handvoll Weißer in Südafrika schenkte, den Beweis feierten, welche schöpferische Macht und Größe doch noch dem Liberalismus in England innewohne. –

Der Ruin des selbständigen Handwerks durch die Konkurrenz des Kapitals ist ein Kapitel für sich, das weniger geräuschvoll, aber nicht minder qualvoll ist. Die kapitalistische Hausindustrie ist der dunkelste Abschnitt dieses Kapitels. Es erübrigt sich hier, auf diese Erscheinungen näher einzugehen. –

Allgemeines Resultat des Kampfes zwischen Kapitalismus und einfacher Warenwirtschaft ist dies: das Kapital tritt selbst an Stelle der einfachen Warenwirtschaft, nachdem es die Warenwirtschaft an Stelle der Naturalwirtschaft gesetzt hatte. Wenn der Kapitalismus also von nichtkapitalistischen Formationen lebt, so lebt er, genauer gesprochen, von dem Ruin dieser Formationen, und wenn er des nichtkapitalistischen Milieus zur Akkumulation unbedingt bedarf, so braucht er es als Nährboden, auf dessen Kosten, durch dessen Aufsaugung die Akkumulation sich vollzieht. Historisch aufgefaßt, ist die Kapitalakkumulation ein Prozeß des Stoffwechsels, der sich zwischen der kapitalistischen und den vorkapitalistischen Produktionsweisen vollzieht. Ohne sie kann die Akkumulation des Kapitals nicht vor sich gehen, die Akkumulation besteht aber, von dieser Seite genommen, im Zernagen und im Assimilieren jener. Die Kapitalakkumulation kann demnach so wenig ohne die nichtkapitalistischen Formationen existieren, wie jene neben ihr zu existieren vermögen. Nur im ständigen fortschreitenden Zerbröckeln jener sind die Daseinsbedingungen der Kapitalakkumulation gegeben.

Das, was Marx als die Voraussetzung seines Schemas der Akkumulation angenommen hat, entspricht also nur der objektiven geschichtlichen Tendenz der Akkumulationsbewegung und ihrem theoretischen Endresultat. Der Akkumulationsprozeß hat die Bestrebung, überall an Stelle der Naturalwirtschaft die einfache Warenwirtschaft, an Stelle der einfachen Warenwirtschaft die kapitalistische Wirtschaft zu setzen, die Kapitalproduktion als die einzige und ausschließliche Produktionsweise in sämtlichen Ländern und Zweigen zur absoluten Herrschaft zu bringen.

Hier beginnt aber die Sackgasse. Das Endresultat einmal erreicht – was jedoch nur theoretische Konstruktion bleibt –, wird die Akkumulation zur Unmöglichkeit: die Realisierung und Kapitalisierung des Mehrwerts verwandelt sich in eine unlösbare Aufgabe, In dem Moment, wo das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion der Wirklichkeit entspricht, zeigt es den Ausgang, die historische Schranke der Akkumulationsbewegung an, also das Ende der kapitalistischen Produktion. Die Unmöglichkeit der Akkumulation bedeutet kapitalistisch die Unmöglichkeit der weiteren Entfaltung der Produktivkräfte und damit die objektive geschichtliche Notwendigkeit des Untergangs des Kapitalismus. Daraus ergibt sich die widerspruchsvolle Bewegung der letzten, imperialistischen Phase als der Schlußperiode in der geschichtlichen Laufbahn des Kapitals.

Das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion entspricht somit nicht den Bedingungen der Akkumulation, solange diese fortschreitet: sie läßt sich nicht in die festen Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten zwischen den beiden großen Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion (Abteilung der Produktionsmittel und Abteilung der Konsumtionsmittel) bannen, die das Schema formuliert. Die Akkumulation ist nicht bloß ein inneres Verhältnis zwischen den Zweigen der kapitalistischen Wirtschaft, sondern vor allem ein Verhältnis zwischen Kapital und dem nichtkapitalistischen Milieu, in dem jeder der beiden großen Zweige der Produktion den Akkumulationsprozeß zum Teil auf eigene Faust unabhängig vom anderen durchmachen kann, wobei sich die Bewegung beider wieder auf Schritt und Tritt kreuzt und ineinander verschlingt. Die sich daraus ergebenden komplizierten Beziehungen, die Verschiedenheit des Tempos und der Richtung im Gang der Akkumulation beider Abteilungen, ihre sachlichen und Wertzusammenhänge mit nichtkapitalistischen Produktionsformen, lassen sich nicht unter einen exakten schematischen Ausdruck bringen. Das Marxsche Schema der Akkumulation ist nur der theoretische Ausdruck für denjenigen Moment, wo die Kapitalherrschaft ihre letzte Schranke erreicht haben wird, und insofern ist es ebenso wissenschaftliche Fiktion, wie sein Schema der einfachen Reproduktion, das den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion theoretisch formuliert. Aber zwischen diesen beiden Fiktionen allein ist die exakte Erkenntnis der Kapitalakkumulation und ihrer Gesetze eingeschlossen.

1 In China hat sich das häusliche Gewerbe bis in die jüngste Zeit sogar beim Bürgertum in weitem Maße erhalten, selbst in so großen und alten Handelsstädten, wie z.B. Ningpo mit seinen 300.000 Einwohnern. »Noch vor einem Menschenalter machten die Frauen selbst Schuhe, Hüte, Hemden und sonstiges für ihre Männer und für sich. Es erregte damals in Ningpo viel Aufsehen, wenn eine junge Frau irgend etwas bei einem Händler einkaufte, was sie durch den Fleiß ihrer Hände selbst hätte herstellen können.« (Dr. Nyok-Ching Tsur, Die gewerblichen Betriebsformen der Stadt Ningpo. Tübingen 1909. S. 51.)

2 Das letzte Kapitel in der Geschichte der Bauernwirtschaft unter den Einwirkungen der kapitalistischen Produktion stellt freilich dieses Verhältnis auf den Kopf. Bei dem ruinierten Kleinbauer wird vielfach die Hausindustrie für kapitalistische Verleger oder einfach die Lohnarbeit m der Fabrik zum Hauptberuf der Männer, während der landwirtschaftliche Betrieb ganz auf die Schultern von Frauen, Greisen und Kindern abgewälzt wird. Ein Musterbeispiel bietet der Kleinbauer Württembergs.

3 W. A. Peffer, The Farmer’s side. His troubles and their remedy. New York 1891. Part II: How we got here. Chapt. I: Changed condition of the Farmer. S. 56–57. Vgl. auch A. M. Simons, The American Farmer. 2. ed. Chicago 1906. S. 74ff.

4 Zitiert bei Lafargue, Getreidebau und Getreidehandel in den Vereinigten Staaten. »Die Neue Zeit« 1885. S. 344. (Der Aufsatz ist zuerst im Jahre 1883 in einer russischen Zeitschrift erschienen.)

5 »The three revenue acts of June 30, 1864, practically form one measure, and that probably the greatest measure of taxation which the world has seen. – The internal revenue act was arranged, as Mr. David A. Wells had said, on the principle of the Irishman at Donnybrook fair: ›Whenever you see a head, hit it; whenever you see a commodity, tax it.‹ Every thing was taxed, and taxed heavily.« (F. W. Taussig, The Tariff History of the United States. New York 1888. S. 164.)

6»The necessity of the situation, the critical state of the country, the urgent need of revenue, may have justified this haste, which, it is safe to say, is unexampled in the history of civilized countries.« (Taussig, l.c., S. 168.)

7 W. A. Peffer, l.c., S. 58.

8 W. A. Peffer, l.c., Introduction, S. 6. Sering berechnet Mitte der 80er Jahre das notwendige Bargeld für einen »sehr dürftigen Anfang« der kleinsten Farm im Nordwesten auf 1.200–1.400 Dollar. (Die landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas. Leipzig 1887. S. 431.)

9 Lafargue, l.c., S. 345.

10 Der Report of the U.S. Commissioner of Labor für 1898 gibt die folgende Zusammenstellung der erreichten Vorteile des maschinellen Betriebes gegen die Handarbeit:

  bei Anwendung von Maschinen bei Anwendung von Handarbeit
Arbeit in Stunden in Minuten in Stunden in Minuten
Pflanzen von kleinem Getreide 32,7 10 55
Ernten und Dreschen von kleinem Getreide 1 46 40
Pflanzen von Mais 37,5 6 15
Schneiden von Mais 3 4,5 5
Enthülsen von Mais 3,6 66 40
Pflanzen von Baumwolle 1 3,0 8 48
Kultivieren von Baumwolle 12 5,1 60
Mähen von Heu (Sense gegen Maschine) 1 0,6 7 20
Mähen von Heu (einholen und Verpacken) 11 3,4 35 30
Pflanzen von Kartoffeln 1 2,5 15
Pflanzen von Paradiesäpfeln 1 4,0 10
Kultivieren und Ernten von Paradiesäpfeln 134 5,2 324 20

11 Die Ausfuhr des Weizens aus der Union nach Europa betrug in Millionen Bushels:
1868/69 … 17,9
1874/75 … 71,8
1879/80 … 153,2
1885/86 … 57,7
1890/91 … 55,1
1899/1900 … 101,9
(Jurascheks Übersichten der Weltwirtschaft. Bd. VII, Abt I, S. 32.)
Gleichzeitig ging der Preis pro Bushel Weizen loco Farm in Cents folgendermaßen herunter:
1870/79 … 105
1880/89 … 83
1895 … 51
1896 … 73
1897 … 81
1898 … 58
Seit 1899, wo er den Tiefstand von 58 Cents pro Bushel erreicht hat, bewegt sich der Preis wieder aufwärts:
1900 … 62
1901 … 62
1902 … 63
1903 … 70
1904 … 92
(Juraschek, l.c., S. 18.)
Nach den Monatlichen Nachweisen über den auswärtigen Handel stand der Preis pro 1.000 Kilogramm im Juni 1912 in Mark:
Weizen
Berlin … 227,82
Mannheim … 247,93
Odessa … 173,94
New York … 178,08
London … 170,96
Paris … 243,69

12 Bei Peffer, l.c., Part 1: Where we are. Chapt. II: Progress of Agriculture. S. 30–31.

13 Peffer, l.c., S. 42.

14 Sering, Die landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas. S. 433.

15 W. A. Peffer, l.c., S. 35–36.

16 Zitiert bei Nikolaj-on, l.c., S. 224.

17 Die Einwanderung nach Kanada betrug 1901 49.149 Personen. Im Jahre 1911 sind über 300.000 Personen eingewandert, davon 138.000 britische und 134.000 amerikanische Einwanderer. Wie aus Montreal Ende Mai 1912 gemeldet wurde, dauerte der Zuzug der amerikanischen Farmer auch in diesem Frühjahr fort.

18 »Ich habe auf der Reise durch den kanadischen Westen nur eine einzige Farm besucht, welche weniger als 1.000 Acres (1.585 preußische Morgen) umfaßte. Nach dem 1881er Census des Dominion of Canada waren in Manitoba zur Zeit der Aufnahme 2.384.337 Acres Landes von nur 9.077 Besitzern okkupiert; es entfielen demnach auf einen einzelnen nicht weniger als 2.047 Acres, – eine Durchschnittsgröße, wie sie in keinem Staate der Union nur entfernt erreicht wird.« (Sering, l.c., S. 376.) Wenig verbreitet war freilich zu Beginn der 80er Jahre in Kanada eigentlicher Großbetrieb. Doch beschreibt schon Sering die einer Aktiengesellschaft gehörige »Bell-Farm«, die nicht weniger als 22.680 Hektar umfaßte und offenbar nach dem Muster der Dalrymple-Farm eingerichtet war. – Sering, der die Aussichten der kanadischen Konkurrenz sehr kühl und skeptisch betrachtete, hat in den 80er Jahren als den »fruchtbaren Gürtel« Westkanadas eine Fläche von 311.000 Quadratkilometer oder ein Gebiet drei Fünftel so groß wie ganz Deutschland berechnet, davon nahm er bei extensiver Kultur nur 38,4 Millionen Acres als wirkliches Kulturland und davon als voraussichtliches Weizengebiet im Höchstfälle nur 15 Millionen Acres an. (Sering, l.c., S. 337, 338.) Nach den Schätzungen der »Manitoba Free Press« von Mitte Juni 1912 betrug die Anbaufläche für Frühjahrsweizen in Kanada im Sommer 1912 11,2 Millionen Acres, gegen eine Fläche von 19,2 Millionen Acres Frühjahrsweizen in den Vereinigten Staaten. (S. »Berliner Tageblatt«, Handelszeitung Nr. 305 vom 18. Juni 1912.)

19 Sering, l.c., S. 361ff.

20 Ernst Schultze, Das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten. Jahrbuch für Gesetzg., Verw. und Volksw. 1912. Heft IV, S. 1724.

21 »Moshesh, the great Basuto leader, tho whose courage and states-manship the Basutos owed their very existence as a people, was still alive at the time, but constant war with the Boers of the Orange Free State had brought him and bis followers to the last stage of distress. Two thousand Basuto warriors had been killed, cattle had been carried off, native homes had been broken up and crops distroyed. The tribe was reduced to the position of starving refugees, and nothing could save them but the protection of the British Government, which they had repeatedly implored.« (C. P. Lucas, A Historical Geography of the British Colonies. Oxford. Vol. IV, S. 60.)

22 »The eastern section of the territory is Mashonaland, where, with the permission of King Lobengula, who claimed it, the British South Africa Company first etablished themselves.« (Lucas, l.c., S. 77.)

Dreißigstes Kapitel.

Die internationale Anleihe.

Die imperialistische Phase der Kapitalakkumulation oder die Phase der Weltkonkurrenz des Kapitals umfaßt die Industrialisierung und kapitalistische Emanzipation der früheren Hinterländer des Kapitals, in denen es die Realisierung seines Mehrwertes vollzog. Die spezifischen Operationsmethoden dieser Phase sind: auswärtige Anleihen, Eisenbahnbauten, Revolutionen und Kriege. Das letzte Jahrzehnt, 1900–1910, ist besonders charakteristisch für die imperialistische Weltbewegung des Kapitals, namentlich in Asien und dem an Asien angrenzenden Teil Europas: Rußland, Türkei, Persien, Indien, Japan, China, sowie in Nordafrika. Wie die Ausbreitung der Warenwirtschaft an Stelle der Naturalwirtschaft und der Kapitalproduktion an Stelle der einfachen Warenproduktion sich durch Kriege, soziale Krisen und Vernichtung ganzer sozialer Formationen durchsetzte, so setzt sich gegenwärtig die kapitalistische Verselbständigung der ökonomischen Hinterländer und Kolonien inmitten von Revolutionen und Kriegen durch. Die Revolution ist in dem Prozeß der kapitalistischen Emanzipation der Hinterländer notwendig, um die aus den Zeiten der Naturalwirtschaft und der einfachen Warenwirtschaft übernommene, deshalb veraltete Staatsform zu sprengen und einen für die Zwecke der kapitalistischen Produktion zugeschnittenen modernen Staatsapparat zu schaffen. Dahin gehören die russische, die türkische und die chinesische Revolution. Daß diese Revolutionen, wie namentlich die russische und die chinesische, gleichzeitig mit den direkten politischen Anforderungen der Kapitalherrschaft teils allerlei veraltete vorkapitalistische Rechnungen, teils ganz neue, sich bereits gegen die Kapitalherrschaft richtende Gegensätze aufnehmen und an die Oberfläche zerren, bedingt ihre Tiefe und ihre gewaltige Tragkraft, erschwert aber und verzögert zugleich ihren siegreichen Verlauf. Der Krieg ist gewöhnlich die Methode eines jungen kapitalistischen Staates, um die Vormundschaft der alten abzustreifen, die Feuertaufe und Probe der kapitalistischen Selbständigkeit eines modernen Staates, weshalb die Militärreform und mit ihr die Finanzreform überall die Einleitung zur wirtschaftlichen Verselbständigung bilden.

Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes widerspiegelt ungefähr das Vordringen des Kapitals. Das Eisenbahnnetz wuchs am raschesten in den 40er Jahren in Europa, in den 50er Jahren in Amerika, in den 60er Jahren in Asien, in den 70er und 80er Jahren in Australien, in den 90er Jahren in Afrika.1

Die mit dem Eisenbahnbau wie mit den Militärrüstungen verknüpfte öffentliche Anleihe begleitet alle Stadien der Kapitalakkumulation: die Einführung der Warenwirtschaft, die Industrialisierung der Länder und kapitalistische Revolutionierung der Landwirtschaft, wie auch die Emanzipation der jungen kapitalistischen Staaten. Die Funktionen der Anleihe in der Kapitalakkumulation sind mannigfache: Verwandlung von Geld nichtkapitalistischer Schichten, Geld als Warenäquivalent (Ersparnisse des kleinen Mittelstandes) oder Geld als Konsumtionsfonds des Anhanges der Kapitalistenklasse in Kapital, Verwandlung von Geldkapital in produktives Kapital vermittelst staatlicher Eisenbahnbauten und Militärlieferungen, Übertragung akkumulierten Kapitals aus alten kapitalistischen Ländern in junge. Die Anleihe übertrug im 16. und 17. Jahrhundert das Kapital aus den italienischen Städten nach England, im 18. Jahrhundert aus Holland nach England, im 19. Jahrhundert aus England nach den amerikanischen Republiken und nach Australien, aus Frankreich, Deutschland und Belgien nach Rußland, gegenwärtig aus Deutschland nach der Türkei, aus England, Deutschland, Frankreich nach China und unter Vermittlung Rußlands nach Persien.

In der imperialistischen Periode spielt die äußere Anleihe die hervorragende Rolle als Mittel der Verselbständigung junger kapitalistischer Staaten. Das Widerspruchsvolle der imperialistischen Phase äußert sich handgreiflich in den Widersprüchen des modernen Systems der äußeren Anleihen. Diese sind unentbehrlich zur Emanzipation der aufstrebenden kapitalistischen Staaten und zugleich das sicherste Mittel für alte kapitalistische Staaten, die jungen zu bevormunden, die Kontrolle ihrer Finanzen und den Druck auf ihre auswärtige Politik, Zoll- und Handelspolitik auszuüben. Sie sind das hervorragendste Mittel, dem akkumulierten Kapital alter Länder neue Anlagesphären zu eröffnen und zugleich jenen Ländern neue Konkurrenten zu schaffen, den Spielraum der Kapitalakkumulation im ganzen zu erweitern und ihn gleichzeitig einzuengen.

Diese Widersprüche des internationalen Anleihesystems sind ein klassischer Beleg dafür, wie sehr die Bedingungen der Realisierung und die der Kapitalisierung des Mehrwerts zeitlich und örtlich auseinanderfalten. Die Realisierung des Mehrwerts erfordert nur die allgemeine Verbreitung der Warenproduktion, seine Kapitalisierung hingegen erfordert die fortschreitende Verdrängung der einfachen Warenproduktion durch die Kapitalproduktion, wodurch sowohl die Realisierung wie die Kapitalisierung des Mehrwerts in immer engere Schranken eingezwängt werden. Die Verwendung des internationalen Kapitals zum Ausbau des Welteisenbahnnetzes widerspiegelt diese Verschiebung. In den 30er bis 60er Jahren des 19. Jahrhunderts dienten die Eisenbahnbauten und die hierfür aufgenommenen Anleihen hauptsächlich der Verdrängung der Naturalwirtschaft und der Ausbreitung der Warenwirtschaft. So die mit europäischem Kapital errichteten nordamerikanischen Eisenbahnen, so die russischen Eisenbahnanleihen der 60er Jahre. Hingegen dient der Eisenbahnbau in Asien seit zirka 20 Jahren sowie in Afrika fast ausschließlich den Zwecken der imperialistischen Politik, der wirtschaftlichen Monopolisierung und der politischen Unterwerfung der Hinterländer. So die ostasiatischen und zentralasiatischen Eisenbahnbauten Rußlands. Die militärische Besetzung der Mandschurei durch Rußland war bekanntlich durch die Truppensendungen zur Sicherung der russischen Ingenieure bei ihren Arbeiten an der Mandschurischen Bahn vorbereitet worden. Denselben Charakter tragen die Rußland gesicherten Eisenbahnkonzessionen in Persien, die deutschen Eisenbahnunternehmungen in Kleinasien und Mesopotamien, die englischen und deutschen in Afrika.

Hier muß auf ein Mißverständnis eingegangen werden, das die Anlage von Kapitalien in fremden Ländern und die Nachfrage aus diesen Ländern betrifft. Die Ausfuhr englischen Kapitals nach Amerika spielte schon zu Beginn der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine enorme Rolle und hat die erste echte Industrie- und Handelskrise Englands im Jahre 1825 in hohem Maße verschuldet. Seit 1824 wurde die Londoner Börse von südamerikanischen Wertpapieren überschwemmt. 1824–1825 haben die neugebildeten Staaten von Süd- und Zentralamerika für mehr als 20 Millionen Pfund Sterling Staatsanleihen in London aufgenommen. Außerdem wurden hier enorme Mengen südamerikanischer Industrieaktien und dergleichen angebracht. Der plötzliche Aufschwung und die Eröffnung der südamerikanischen Märkte haben ihrerseits eine starke Erhöhung der Ausfuhr englischer Waren nach den südamerikanischen und zentralamerikanischen Staaten hervorgerufen. Die Ausfuhr britischer Waren nach jenen Ländern betrug:

1821 … 2,9 Millionen Pfund Sterling,

1825 … 6,4 Millionen Pfund Sterling.

Den wichtigsten Gegenstand dieser Ausfuhr bildeten Baumwollgewebe. Unter dem Anstoß der starken Nachfrage wurde die englische Baumwollproduktion rasch erweitert, viele neue Fabriken gegründet. Die in England verarbeitete Rohbaumwolle belief sich

1821 auf 129 Millionen Pfund Sterling,

1825 auf 167 Millionen Pfund Sterling.

So waren alle Elemente der Krise vorbereitet. Tugan Baranowsky wirft nun die Frage auf: »Woher haben die südamerikanischen Länder die Mittel genommen, um im Jahre 1825 zweimal soviel Waren zu kaufen als im Jahre 1821? Diese Mittel sind von den Engländern selbst geliefert worden. Die Anleihen, die auf der Londoner Börse aufgenommen worden sind, dienten zur Bezahlung für die eingeführten Waren. Die englischen Fabrikanten wurden durch die von ihnen selbst geschaffene Nachfrage getäuscht und mußten sich bald durch eigene Erfahrung überzeugen lassen, wie unbegründet ihre übertriebenen Hoffnungen waren«.2

Hier wird die Tatsache, daß die südamerikanische Nachfrage nach englischen Waren durch englisches Kapital hervorgerufen worden war, als eine »Täuschung«, ein ungesundes, abnormes ökonomisches Verhältnis aufgefaßt. Tugan übernimmt hier unbesehen Ansichten von einem Theoretiker, mit dem er sonst nichts gemein haben will. Die Auffassung, daß die englische Krise des Jahres 1825 durch die »seltsame« Entwickelung des Verhältnisses zwischen dem englischen Kapital und der südamerikanischen Nachfrage zu erklären wäre, war zur Zeit jener Krise selbst aufgetaucht und kein anderer als Sismondi stellte bereits dieselbe Frage wie Tugan Baranowsky und beschrieb in der zweiten Auflage seiner »Neuen Grundsätze« die Vorgänge mit aller Genauigkeit:

»Die Eröffnung des ungeheuren Marktes, den das spanische Amerika den Produkten der Industrie darbot, scheint mir am wesentlichsten auf die Wiedererstarkung der englischen Manufakturen gewirkt zu haben. Die Regierung Englands war derselben Ansicht, und eine bis dahin unbekannte Tatkraft ist in den 7 Jahren seit der Krisis vom Jahre 1818 geübt worden, um den englischen Handel in die entlegensten Gebiete Mexikos, Columbias, Brasiliens, Rio de la Platas, Chiles und Perus zu tragen. Ehe das Ministerium sich schlüssig gemacht hatte, diese neuen Staaten anzuerkennen, hatte es schon Vorsorge getroffen, den englischen Handel durch Schiffsstationen, die dauernd mit Linienschiffen besetzt waren, zu schützen, deren Befehlshaber mehr diplomatische als militärische Befugnisse hatten. Es hat dem Geschrei der heiligen Allianz getrotzt und die neuen Republiken anerkannt in demselben Augenblick, als ganz Europa ihre Vernichtung beschloß. Aber wie groß auch die Absatzquellen waren, die das freie Amerika darbot, sie hätten doch nicht zugereicht, um alle Waren, die England über die Bedürfnisse des Verbrauchs produziert hatte, aufzunehmen, wenn die Anleihen der neuen Republiken nicht plötzlich ohne Maß ihre Mittel, englische Waren zu kaufen, vermehrt hätten. Jeder Staat Amerikas entlieh von den Engländern eine Summe, um seine Regierung zu befestigen, und obgleich dies ein Kapital war, verausgabte er sie unmittelbar in demselben Jahre wie ein Einkommen, d.h. er verbrauchte sie gänzlich, um englische Waren für öffentliche Rechnung zu kaufen oder die zu bezahlen, die für Rechnung von Privatleuten abgesandt worden waren. Zahlreiche Gesellschaften wurden zu gleicher Zeit gegründet mit ungeheueren Kapitalien, um alle amerikanischen Minen auszubeuten, aber alles Geld, das sie ausgegeben haben, wurde zugleich in England Einnahme, um die Maschinen zu bezahlen, die sie unmittelbar gebrauchten, oder die Waren, die nach den Orten gesandt waren, an denen die Maschinen arbeiten sollten. Solange dieser seltsame Handel angedauert hat, in dem die Engländer von den Amerikanern nur verlangten, daß sie mit dem englischen Kapital englische Waren kauften, schien der Gang der englischen Manufakturen glänzend zu sein. Nicht mehr das Einkommen, sondern das englische Kapital hat den Verbrauch bewirkt, die Engländer, die ihre eigenen Waren, die sie nach Amerika schickten, selbst kauften und bezahlten, haben sich nur das Vergnügen entzogen, sie selbst zu genießen«.3 Sismondi zieht daraus den ihm eigenen Schluß, daß nur das Einkommen, d.h. die persönliche Konsumtion die wirkliche Schranke für den kapitalistischen Absatz bilde, und benutzt auch dieses Beispiel, um ein übriges Mal vor der Akkumulation zu warnen.

In Wirklichkeit ist der Vorgang, der der Krise des Jahres 1825 voraufgegangen war, typisch geblieben für die Aufschwungsperiode und Expansion des Kapitals bis auf den heutigen Tag, und das »seltsame« Verhältnis bildet eine der wichtigsten Grundlagen der Kapitalakkumulation. Speziell in der Geschichte des englischen Kapitals wiederholt sich das Verhältnis regelmäßig vor jeder Krise, wie Tugan Baranowsky dies selbst durch folgende Zahlen und Tatsachen belegt. Die unmittelbare Ursache der Krise von 1836 war die Überfüllung der Märkte in den Vereinigten Staaten mit englischen Waren. Aber auch hier wurden diese Waren mit englischem Geld bezahlt. 1834 übertraf die Wareneinfuhr der Vereinigten Staaten ihre Ausfuhr um 6 Millionen Dollar, zugleich aber übertraf die Einfuhr der Edelmetalle nach den Vereinigten Staaten die Ausfuhr fast um 16 Millionen Dollar. Noch im Krisenjahre selbst, 1836, belief sich der Überschuß der Wareneinfuhr auf 52 Millionen Dollar, und doch betrug der Überschuß der Einfuhr an Edelmetall noch 9 Millionen Dollar. Dieser Geldstrom kam, so wie der Warenstrom auch, in der Hauptsache aus England, wo Eisenbahnaktien der Vereinigten Staaten massenhaft gekauft wurden. 1835–1836 wurden in den Vereinigten Staaten 61 neue Banken mit 52 Millionen Dollar Kapital – vorwiegend englischen Ursprungs – gegründet. Also bezahlten die Engländer auch diesmal ihre Ausfuhr selbst. Genau so wurde der beispiellose industrielle Aufschwung im Norden der Vereinigten Staaten Ende der 50er Jahre, der in seinem Schlußergebnis zum Bürgerkrieg führte, mit englischem Kapital bestritten. Dieses Kapital schuf wieder in den Vereinigten Staaten den erweiterten Markt für die englische Industrie.

Und nicht nur für das englische, – auch das übrige europäische Kapital beteiligte sich nach Kräften an dem »seltsamen Handel«; nach einer Äußerung Schäffles waren in den 5 Jahren 1849–1854 mindestens eine Milliarde Gulden an den verschiedenen europäischen Börsen in amerikanischen Wertpapieren angelegt. Die gleichzeitig hervorgerufene Belebung der Weltindustrie mündete auch in den Weltkrach 1857. – In der 60er Jahren beeilt sich das englische Kapital, außer in den Vereinigten Staaten dasselbe Verhältnis in Asien zu schaffen. Es fließt massenhaft nach Kleinasien und nach Ostindien, unternimmt hier großartige Eisenbahnbauten – das Eisenbahnnetz Britisch-Indiens betrug 1860 1.350, 1870 7.683, 1880 14.977, 1890 27.000 Kilometer –, daraus ergibt sich sofort eine gesteigerte Nachfrage nach englischen Waren. Aber gleichzeitig strömt das englische Kapital, kaum daß der Sezessionskrieg beendet war, wieder nach den Vereinigten Staaten. Der enorme Eisenbahnbau der amerikanischen Union in den 60er und 70er Jahren – das Eisenbahnnetz betrug 1850 14.151, 1860 49.292, 1870 85.139, 1880 150.717, 1890 268.409 Kilometer – wurde wiederum in der Hauptsache mit englischem Kapital bestritten. Zugleich bezogen aber diese Eisenbahnen ihr Material gleichfalls aus England, was eine der Hauptursachen der sprunghaften Entwickelung der englischen Kohlen- und Eisenindustrie und der Erschütterung dieser Zweige durch die amerikanischen Krisen 1866, 1873, 1884 war. Hier stimmte es also wörtlich, was Sismondi als ein augenscheinlicher Wahnwitz erschien: die Engländer errichteten in den Vereinigten Staaten mit eigenem Eisen und sonstigem Material die Eisenbahnen, zahlten sich mit eigenem Kapital dafür und enthielten sich nur des »Genusses« dieser Eisenbahnen. Dieser Wahnwitz mundete jedoch dem europäischen Kapital trotz aller periodischen Krisen so gut, daß um die Mitte der 70er Jahre die Londoner Börse von einem förmlichen Fieber nach ausländischen Anleihen erfaßt wurde. 1870–1875 wurden in London solcher Anleihen für 260 Millionen Pfund Sterling aufgenommen, – ihre unmittelbare Folge war eine rasch steigende Ausfuhr englischer Waren nach den exotischen Ländern; das Kapital floß massenhaft dahin, obgleich diese exotischen Staaten zeitweise bankrott wurden. Ende der 70er Jahre haben die Zinsenzahlung ganz oder teilweise eingestellt: die Türkei, Ägypten, Griechenland, Bolivien, Costa Rica, Ecuador, Honduras, Mexiko, Paraguay, Peru, St. Domingo, Uruguay, Venezuela. Trotzdem wiederholt sich Ende der 80er Jahre das Fieber nach exotischen Staatsanleihen: südamerikanische Staaten, südafrikanische Kolonien nehmen gewaltige Quantitäten europäischen Kapitals auf. Die Anleihen der argentinischen Republik z.B. betrugen:

1874: 10 Millionen Pfund Sterling,

1890: 59,1 Millionen Pfund Sterling.

Auch hier baut England Eisenbahnen mit eigenem Eisen und eigener Kohle und bezahlt dafür mit eigenem Kapital. Das argentinische Eisenbahnnetz betrug:

1883: 3.123 Kilometer, 1893: 13.691 Kilometer. Zugleich stieg die englische Ausfuhr in

1886 / 1890

Eisen … 21,8 Mill. Pfd. Sterl. / 31,6 Mill. Pfd. Sterl.

Maschinen … 10,1 Mill. Pfd. Sterl. / 16,4 Mill. Pfd. Sterl.

Kohle … 9,8 Mill. Pfd. Sterl. / 19,0 Mill. Pfd. Sterl.

Speziell nach Argentinien belief sich die englische Gesamtausfuhr 1885 auf 4,7 Millionen Pfund Sterling, vier Jahre später schon auf 10,7 Millionen Pfund Sterling.

Gleichzeitig fließt das englische Kapital vermittels Staatsanleihen nach Australien. Die Anleihen der 3 Kolonien Victoria, Neu-Südwales und Tasmania betrugen Ende der 80er Jahre 112 Millionen Pfund Sterling, davon wurden 81 Millionen im Eisenbahnbau angelegt. Die Eisenbahnen Australiens umfaßten:

1880: 4.900 Meilen.

1895: 15.600 Meilen.

Auch hier lieferte England zugleich das Kapital und die Materialien zum Bau der Eisenbahnen. Deshalb wurde es auch mitgerissen in den Strudel durch die Krisen 1890 In Argentinien, Transvaal, Mexiko, Uruguay, wie 1893 in Australien.

In den letzten zwei Jahrzehnten ist in dieser Beziehung nur der Unterschied eingetreten, daß neben englischem sich in hervorragendem Maße deutsches, französisches und belgisches Kapital in auswärtigen Anlagen und insbesondere in Anleihen betätigt. Der Eisenbahnbau in Kleinasien wurde seit den 50er und bis Ende der 80er Jahre vom englischen Kapital ausgeführt. Seitdem hat sich das deutsche Kapital Kleinasiens bemächtigt und führt den großen Plan der Anatolischen und der Bagdadbahn aus. Die Anlage des deutschen Kapitals in der Türkei ruft eine gesteigerte Ausfuhr deutscher Waren nach diesem Lande hervor.

Die deutsche Ausfuhr nach der Türkei betrug 1896 28 Millionen Mark, 1911 113 Millionen Mark, speziell nach der asiatischen Türkei 1901 12 Millionen, 1911 37 Millionen Mark. Auch in diesem Falle werden die eingeführten deutschen Waren zu einem beträchtlichen Teil mit deutschem Kapital bezahlt, und die Deutschen enthalten sich nur – nach dem Sismondischen Ausdruck – des Vergnügens, ihre eigenen Erzeugnisse zu genießen.

Sehen wir näher zu.

Realisierter Mehrwert, der in England oder Deutschland nicht kapitalisiert werden kann und brach liegt, wird in Argentinien, Australien, Kapland oder Mesopotamien in Eisenbahnbau, Wasserwerke, Bergwerke usw. gesteckt. Maschinen, Material und dergleichen werden aus dem Ursprungslande des Kapitals bezogen und mit demselben Kapital bezahlt. Aber so wird es auch im Lande selbst unter kapitalistischer Produktion gemacht: das Kapital muß selbst seine Produktionselemente kaufen, sich in ihnen verkörpern, ehe es sich betätigen kann. Freilich – der Genuß der Produkte bleibt dann dem Lande, während er im ersteren Falle den Ausländern überlassen wird. Aber Zweck der kapitalistischen Produktion ist nicht Genuß der Produkte, sondern Mehrwert, Akkumulation. Das müßige Kapital hatte im Lande keine Möglichkeit, zu akkumulieren, da kein Bedarf nach zuschüssigem Produkt vorhanden war. Im Auslande aber, wo noch keine kapitalistische Produktion entwickelt ist, ist eine neue Nachfrage in nichtkapitalistischen Schichten entstanden oder sie wird gewaltsam geschaffen. Gerade daß der »Genuß« der Produkte auf andere übertragen wird, ist für das Kapital entscheidend. Denn der Genuß der eigenen Klassen: Kapitalisten und Arbeiter, kommt für die Zwecke der Akkumulation nicht in Betracht. Der »Genuß« der Produkte muß von den neuen Konsumenten allerdings realisiert, bezahlt werden. Dazu müssen die neuen Konsumenten Geldmittel haben. Diese liefert ihnen zum Teil der gleichzeitig entstehende Warenaustausch. An den Eisenbahnbau wie an den Bergbau (Goldgruben usw.) knüpft sich unmittelbar ein reger Warenhandel. Dieser realisiert allmählich das im Eisenbahnbau oder Bergbau vorgeschossene Kapital mitsamt dem Mehrwert. Ob das in dieser Weise ins Ausland fließende Kapital auf eigene Faust als Aktienkapital sich ein Arbeitsfeld sucht oder durch die Vermittelung des fremden Staates, als äußere Anleihe aufgenommen, die neue Betätigung in Industrie oder Verkehr findet, ob im ersteren Falle die Aktiengründungen vielfach als Schwindelgründungen bald verkrachen oder im letzteren Falle der borgende Staat schließlich bankrott wird und das Kapital auf diese oder jene Weise den Eigentümern manchmal teilweise verloren geht, dies alles ändert nichts an der Sache im ganzen. So geht vielfach das Einzelkapital auch im Ursprungslande bei Krisen verloren. Die Hauptsache ist, das akkumulierte Kapital des alten Landes findet im neuen eine neue Möglichkeit, Mehrwert zu erzeugen und ihn zu realisieren, d.h. die Akkumulation fortzusetzen. Die neuen Länder umfassen neue große Gebiete naturalwirtschaftlicher Verhältnisse, die in warenwirtschaftliche umgewandelt, oder warenwirtschaftlicher, die vom Kapital verdrängt werden. Die für die Anlage des Kapitals alter kapitalistischer Länder in jungen charakteristischen Eisenbahnbau und Bergbau (namentlich Goldgruben) haben in hervorragendem Maße die Eigenschaft, in bis dahin naturalwirtschaftlichen Verhältnissen plötzlich einen regen Warenhandel hervorzurufen; beide sind bezeichnend in der Wirtschaftsgeschichte als Marksteine der raschen Auflösung alter ökonomischer Formationen, sozialer Krisen, des Aufkommens moderner Verhältnisse, d.h. vor allem der Warenwirtschaft und dann der Kapitalproduktion.

Die Rolle der äußeren Anleihen wie der Investierung des Kapitals in ausländischen Eisenbahn- und Minenaktien ist deshalb die beste kritische Illustration zu dem Marxschen Schema der Akkumulation. In diesen Fällen ist die erweiterte Reproduktion des Kapitals eine Kapitalisierung des früher realisierten Mehrwerts (sofern die Anleihen oder die ausländischen Aktien nicht von kleinbürgerlichen oder halbproletarischen Ersparnissen gedeckt werden). Der Moment, die Umstände und die Form, worin das jetzt ins Neuland fließende Kapital der alten Länder realisiert war, haben nicht gemein mit seinem gegenwärtigen Akkumulationsfeld. Das englische Kapital, das nach Argentinien in den Eisenbahnbau floß, mag selbst früher indisches in China realisiertes Opium gewesen sein. Ferner: das englische Kapital, das in Argentinien Eisenbahnen baut, ist nicht nur in seiner reinen Wertgestalt, als Geldkapital, englischer Provenienz, sondern auch seine sachliche Gestalt: Eisen, Kohle, Maschinen usw. stammen aus England, d.h. auch die Gebrauchsform des Mehrwerts kommt hier in England von vornherein in der für Zwecke der Akkumulation geeigneten Gestalt zur Welt. Die Arbeitskraft, die eigentliche Gebrauchsgestalt des variablen Kapitals, ist meist fremd: es sind eingeborene Arbeitskräfte, die in den neuen Ländern vom Kapital der alten als neue Objekte der Ausbeutung unterworfen werden. Wir können jedoch der Reinheit der Untersuchung halber annehmen, selbst die Arbeitskräfte sind desselben Ursprungs wie das Kapital. In der Tat rufen z.B. neuentdeckte Goldgruben – namentlich in der ersten Zeit – massenhafte Einwanderung aus alten kapitalistischen Ländern hervor und werden in hohem Maße mit Arbeitskräften dieser Länder betrieben. Wir können also den Fall setzen, wo in einem neuen Lande Geldkapitalist, Produktionsmittel und Arbeitskräfte zugleich aus einem alten kapitalistischen Lande, sagen wir aus England, stammen. In England waren somit alle materiellen Voraussetzungen der Akkumulation: realisierter Mehrwert als Geldkapital, Mehrprodukt in produktiver Gestalt, endlich Reserven von Arbeitern vorhanden. Und doch konnte die Akkumulation in England nicht vonstatten gehen: England und seine bisherigen Abnehmer brauchten keine Eisenbahnen und keine Erweiterung der Industrie. Erst das Auftreten eines neuen Gebiets mit großen Strecken nichtkapitalistischer Kultur schuf den erweiterten Konsumtionskreis für das Kapital und ermöglichte ihm die erweiterte Reproduktion, d.h. die Akkumulation.

Wer sind nun eigentlich diese neuen Konsumenten? Wer zahlt in letzter Linie die äußere Anleihe und realisiert den Mehrwert der mit ihr gegründeten Kapitalunternehmungen? In klassischer Weise beantwortet diese Frage die Geschichte der internationalen Anleihe in Ägypten.

Drei Reihen von Tatsachen, die sich ineinander verschlingen, charakterisiert die innere Geschichte Ägyptens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: moderne Kapitalunternehmungen größten Stils, eine lawinenartiges Anwachsen der Staatsschuld und der Zusammenbruch der Bauernwirtschaft. In Ägypten bestand bis in die neueste Zeit Fronarbeit und die ungenierteste Gewaltpolitik des Wali und nachher des Khedive in bezug auf die Grundbesitzverhältnisse. Aber gerade diese primitiven Verhältnisse boten einen unvergleichlich üppigen Boden für die Operationen des europäischen Kapitals. ökonomisch konnte es sich vorerst nur darum handeln, Bedingungen für die Geldwirtschaft zu schaffen. Diese wurden denn auch mit direkten Geldmitteln des Staates geschaffen. Mehmed Ali, der Schöpfer des modernen Ägyptens, wandte hierin bis in die 30er Jahre eine Methode von patriarchalischer Einfachheit an: er »kaufte« den Fellachs jedes Jahr von Staats wegen ihre gesamte Ernte ab, um ihnen davon nachher zu erhöhte Preisen das Minimum zu verkaufen, das zu ihrer Existenz und zur Aussaat notwendig war. Ferner verschrieb er Baumwolle aus Ostindien, Zuckerrohr aus Amerika, Indigo und Pfeffer und schrieb den Fellachs von Staats wegen vor, was und wieviel sie von jedem zu pflanzen hätten, wobei Baumwolle und Indigo wiederum als Monopol der Regierung erklärt und nur an sie verkauft, also auch von ihr wiederverkauft werden durften. Durch solche Methoden wurde der Warenhandel in Ägypten eingeführt. Freilich tat Mehmed Ali auch für die Hebung der Produktivität der Arbeit nicht wenig: er ließ alte Kanäle ausheben, Brunnen graben, vor allem begann er mit dem grandiosen Nilstauwerk bei Kaliub, das die Serie der großen Kapitalunternehmungen in Ägypten eröffnete. Diese erstrecken sich später auf vier große Gebiete: Bewässerungsanlagen, unter denen das Werk bei Kaliub, das von 1845 bis 1853 gebaut wurde und außer der unbezahlten Fronarbeit 50 Millionen Mark verschlungen hatte – um sich übrigens zunächst als unbrauchbar zu erweisen –, den ersten Platz einnimmt; ferner Verkehrsstraßen, unter denen der Suezkanal die wichtigste und für die Schicksale Ägyptens fatalste Unternehmung war; sodann Baumwollbau und Zuckerproduktion. Mit dem Bau des Suezkanals hatte Ägypten bereits den Kopf in die Schlinge des europäischen Kapitals gesteckt, aus der es ihn nicht mehr herausziehen sollte. Den Anfang machte das französische Kapital, dem das englische alsbald auf dem Fuße folgte; der Konkurrenzkampf beider spielt durch die ganzen inneren Wirren in Ägypten während der folgenden 20 Jahre. Die Operationen des französischen Kapitals, das sowohl das große Nilstauwerk in seiner Unbrauchbarkeit wie den Suezkanal ausführte, waren vielleicht die eigenartigsten Muster der europäischen Kapitalakkumulation auf Kosten primitiver Verhältnisse. Für die Wohltat des Kanaldurchstichs, der Ägypten den europäisch-asiatischen Handel an der Nase vorbei ableiten und so den eigenen Anteil Ägyptens daran ganz empfindlich treffen sollte, verpflichtete sich das Land erstens zur Lieferung der Gratisarbeit von 20.000 Fronbauern auf Jahre hinaus, zweitens zur Übernahme von 70 Millionen Mark Aktien gleich 40 Proz. des Gesamtkapitals der Suezkompagnie. Diese 70 Millionen wurden zur Grundlage der riesigen Staatsschuld Ägyptens, die zwanzig Jahre später die militärische Okkupation Ägyptens durch England zur Folge hatte. In den Bewässerungsanlagen wurde eine plötzliche Umwälzung angebahnt: die uralten Sakien, d.h. mit Ochsen betriebene Schöpfwerke, deren im Delta allein 50.000 durch sieben Monate im Jahre in Bewegung waren, wurden zum Teil durch gewaltige Dampfpumpen ersetzt. Den Verkehr auf dem Nil zwischen Kairo und Assuan besorgten nunmehr moderne Dampfer. Die größte Umwälzung in den Wirtschaftsverhältnissen Ägyptens brachte aber der Baumwollbau mit sich. Als Folge des amerikanischen Sezessionskrieges und des englischen Baumwollhungers, der den Preis der Baumwolle von 60 bis 80 Pf. pro Kilo auf 4–5 Mk. hinaufgetrieben hatte, wurde auch Ägypten von einem Fieber des Baumwollbaus ergriffen. Alles baute Baumwolle, vor allem aber die vizekönigliche Familie. Landraub in größtem Maßstab, Konfiskation, erzwungener »Kauf« oder einfacher Diebstahl vergrößerten rasch die vizeköniglichen Ländereien ungeheuer. Zahllose Dörfer verwandelten sich plötzlich in königliches Privateigentum, ohne daß jemand den rechtlichen Grund hierfür zu erklären wüßte. Und dieser gewaltige Güterkomplex sollte in kürzester Frist zu Baumwollplantagen verwendet werden. Dies stellte aber die ganze Technik des traditionellen ägyptischen Landbaus auf den Kopf. Eindämmung des Landes, um die Baumwollfelder vor der regelmäßigen Nilüberschwemmung zu schützen, dafür reichliches und geregeltes künstliches Bewässern, tiefes und unermüdliches Pflügen, das dem mit dem Pflug aus den Pharaonenzeiten seinen Boden leicht kratzenden Fellach ganz unbekannt war, endlich die intensive Arbeit der Ernte – alles dies stellte enorme Anforderungen an die Arbeitskraft Ägyptens. Diese Arbeitskraft war aber immer dieselbe Fronbauernschaft, über die der Staat unumschränktes Verfügungsrecht sich anmaßte. Die Fellachs waren schon zu Tausenden auf die Fron bei dem Stauwerk von Kaliub getrieben, bei dem Suezkanal, jetzt wurden sie beansprucht für Dammbauten, Kanalarbeiten und Plantagen auf den vizeköniglichen Gütern. Jetzt brauchte der Khedive die 20.000 Sklaven, die er der Suezgesellschaft zur Verfügung gestellt hatte für sich, woraus sich der erste Konflikt mit dem französischen Kapital ergab. Ein Schiedsrichterspruch Napoleons III. erkannte der Suezgesellschaft eine Abfindungssumme von 67 Millionen Mark zu, in die der Khedive um so leichteren Herzens einwilligen konnte, als sie doch schließlich aus denselben Fellachs herausgeschunden werden sollte, um deren Arbeitskraft sich der Streit drehte. Nun ging es an Bewässerungsarbeiten. Hierzu wurden massenhaft Dampfmaschinen aus England und Frankreich bezogen, Zentrifugalpumpen und Lokomobilen. Viele Hunderte davon wanderten aus England nach Alexandrien und weiter auf Dampfschiffen, Nilbooten und Kamelsrücken nach allen Richtungen ins Land. Zur Bodenbearbeitung wurden Dampfpflüge benötigt, zumal 1864 eine Rinderpest sämtliches Vieh weggerafft hatte. Auch diese Maschinen kamen meist aus England. Das Fowlersche Unternehmen wurde speziell für den Bedarf des Vizekönigs auf Kosten Ägyptens plötzlich enorm erweitert.4

Eine dritte Art Maschinen, die Ägypten plötzlich in Massen benötigte, waren die Apparate zum Entkörnen und die Pressen zum Packen von Baumwolle. Diese Ginanlagen wurden zu Dutzenden in den Städten des Deltas eingerichtet. Sagasig, Tanta, Samanud und andere begannen zu rauchen, wie englische Fabrikstädte. Große Vermögen rollten durch die Banken von Alexandrien und Kairo.

Der Zusammenbruch der Baumwollspekulation kam schon im nächsten Jahr, als nach dem Friedensschluß in der amerikanischen Union der Preis der Baumwolle in wenigen Tagen von 27 Pence das Pfund auf 15, 12 und schließlich auf 6 Pence fiel. – Im nächsten Jahre warf sich Ismael Pascha auf eine neue Spekulation: die Rohrzuckerproduktion. Es galt jetzt den Südstaaten der Union, die ihre Sklaven verloren hatten, mit der Fronarbeit des ägyptischen Fellachs Konkurrenz zu machen. Die ägyptische Landwirtschaft wurde zum zweitenmal auf den Kopf gestellt. Französische und englische Kapitalisten fanden ein neues Feld der raschesten Akkumulation. 1868 und 1869 wurden achtzehn riesige Zuckerfabriken bestellt, mit einer Leistungsfähigkeit von je 200.000 Kilogramm Zucker täglich, also einer vielfachen Leistungsfähigkeit der größten bis dahin gekannten Anlagen. Sechs davon wurden in England, zwölf in Frankreich bestellt, doch ging infolge des deutsch-französischen Krieges der größte Teil des Auftrages nach England. Alle 10 Kilometer sollte den Nil entlang eine dieser Fabriken errichtet werden, als Mittelpunkt eines Distrikts von 10 Quadratkilometern, der das Zuckerrohr zu liefern hatte. Jede Fabrik benötigte täglich zum vollen Betrieb 2.000 Tonnen Zuckerrohr. Während hundert alte Dampfpflüge aus der Baumwollperiode zerbrochen umherlagen, wurden hundert neue für Zuckerrohrbau bestellt. Fellachs wurden zu Tausenden auf die Plantagen getrieben, während andere Tausende an dem Bau des Ibrahimiya-kanals fronten. Stock und Nilpferdpeitsche sausten in voller Tätigkeit. Bald entstand die Transportfrage: um die Rohrmassen nach den Fabriken zu schaffen, mußten schleunigst ein Netz von Eisenbahnen, um jede Fabrik, transportable Feldbahnen, fliegende Drahtseile, Straßenlokomotiven herbeigeschafft werden. Auch diese enormen Bestellungen fielen dem englischen Kapital zu. 1872 wurde die erste Riesenfabrik eröffnet. Viertausend Kamele besorgten provisorisch den Transport. Aber die Lieferung der erforderlichen Menge Rohr für den Betrieb erwies sich als bare Unmöglichkeit. Das Arbeitspersonal war völlig ungeeignet, der Fronfellach konnte mit der Karbatsche nicht plötzlich in einen modernen Industriearbeiter verwandelt werden. Das Unternehmen brach zusammen, viele bestellte Maschinen wurden gar nicht aufgestellt. Mit der Zuckerspekulation schließt 1873 die Periode der gewaltigen Kapitalunternehmungen Ägyptens.

Wer lieferte das Kapital zu diesen Unternehmungen? Die internationalen Anleihen. Said Pascha nahm ein Jahr vor seinem Tode (1863) die erste Anleihe auf, die nominell 66 Millionen Mark, tatsächlich, nach Abzug von Provisionen, Diskont usw. 50 Millionen Mark in bar eintrug. Er vermachte auf Ismael diese Schuld und den Suezvertrag, der Ägypten schließlich eine Last von 340 Millionen Mark aufbürdete. 1864 kam die erste Anleihe Ismaels zustande, die nominell 114 Millionen zu 7 Proz., in bar 97 Millionen zu 8¼ Proz. betrug. Diese Anleihe wurde in einem Jahr verbraucht, wobei allerdings 67 Millionen als Abfindungssumme an die Suezgesellschaft abgingen, der Rest wohl meist durch die Baumwollepisode verschlungen war. 1865 erfolgte durch die Anglo-Ägyptische Bank das erste sogenannte Daira-Anlehen, bei dem der Privatgrundbesitz des Khedive als Pfand diente; es betrug nominell 68 Millionen zu 9 Proz., in Wirklichkeit 50 Millionen zu 12 Proz. 1866 wurde durch Frühling und Göschen eine neue Anleihe von nominell 60 Millionen, in bar 52 Millionen aufgenommen, 1867 eine neue durch die Ottomanische Bank von nominell 40, in Wirklichkeit 34 Millionen. Die schwebende Schuld betrug um jene Zeit 600 Millionen. Zur Konsolidierung eines Teils derselben wurde 1868 eine große Anleihe durch das Bankhaus Oppenheim und Neffen aufgenommen von nominell 238 Millionen zu 7 Proz., in Wirklichkeit kriegte Ismael nur 142 Millionen zu 13 Prozent in die Hand. Damit konnten aber das prunkvolle Fest der Eröffnung des Suezkanals vor den versammelten Spitzen der europäischen Hof-, Finanz- und Halbwelt und die dabei entfaltete wahnwitzige Verschwendung bestritten sowie ein neuer Backschisch von 20 Millionen dem türkischen Oberherrn, dem Sultan, in die Hand gedrückt werden. 1870 folgte die Anleihe durch die Firma Bischoffsheim und Goldschmidt im Betrage von nominell 142 Millionen zu 7 Prozent, in Wirklichkeit 100 Millionen zu 13 Prozent. Sie diente dazu, die Kosten der Zuckerepisode zu decken. 1872 und 1873 folgten zwei Anleihen durch Oppenheim, eine kleine von 80 Millionen zu 14 Prozent und ein große von nominell 640 Millionen zu 8 Prozent, die aber, da die von den europäischen Bankhäusern aufgekauften Wechsel zu Einzahlungen benutzt wurden, in Wirklichkeit nur 220 Millionen in bar und die Reduktion der schwebenden Schuld auf die Hälfte einbrachte.

1874 wurde noch der Versuch einer Landesanleihe von 1.000 Millionen Mark gegen eine Jahresrente von 9 Prozent gemacht, der aber nur 68 Millionen ergab. Die ägyptischen Papiere standen auf 54 Prozent ihres Nennwertes. Die öffentliche Schuld war im ganzen seit Paschas Tode binnen 13 Jahren von 3.293.000 Pfund Sterling auf 94.110.000 Millionen Pfund Sterling, d.h. auf zirka 2 Milliarden Mark gewachsen.5 Der Zusammenbruch stand vor der Tür.

Auf den ersten Blick stellen diese Kapitaloperationen den Gipfel des Wahnwitzes dar. Eine Anleihe jagte die andere, die Zinsen alter Anleihen wurden mit neuen Anleihen gedeckt, und riesige Industriebestellungen bei dem englischen und französischen Industriekapital wurden mit englischem und französischem geborgten Kapital bezahlt.

In Wirklichkeit machte das europäische Kapital, unter allgemeinem Kopfschütteln und Stöhnen Europas über die tolle Wirtschaft Ismaels, beispiellose, märchenhafte Geschäfte in Ägypten, Geschäfte, die dem Kapital in seiner weltgeschichtlichen Laufbahn nur einmal als eine phantastische, modernisierte Auflage der biblischen fetten ägyptischen Kühe gelingen sollten.

Vor allem bedeutete jede Anleihe eine wucherische Operation, bei der ein Fünftel bis ein Drittel und darüber hinaus der angeblich geliehenen Summe an den Fingern der europäischen Bankiers kleben blieb. Die wucherischen Zinsen mußten aber so oder anders schließlich bezahlt werden. Wo flössen die Mittel dazu her? Sie mußten in Ägypten selbst ihre Quelle haben, und diese Quelle war der ägyptische Fellach, die Bauernwirtschaft. Diese lieferte in letzter Linie alle wichtigsten Elemente der grandiosen Kapitalunternehmungen. Sie lieferte den Grund und Boden, da die in kürzester Zeit zu Riesendimensionen angewachsenen sogenannten Privatbesitzungen des Khedive, die die Grundlage der Bewässerungspläne, der Baumwoll-wie der Zuckerspekulation bildeten, durch Raub und Erpressung aus zahllosen Dörfern zusammengeschlagen wurden. Die Bauernwirtschaft lieferte auch die Arbeitskraft, und zwar umsonst, wobei die Erhaltung dieser Arbeitskraft während ihrer Ausbeutung ihre eigene Sorge war. Die Fronarbeit der Fellachs war die Grundlage der technischen Wunder, die europäische Ingenieure und europäische Maschinen in Bewässerungsanlagen, Verkehrsmittel, in Landbau und Industrie Ägyptens schufen. Am Nilstauwerk bei Kaliub wie am Suezkanal, beim Eisenbahnbau wie bei der Errichtung der Dämme, auf den Baumwollplantagen wie in den Zuckerfabriken arbeiteten unübersehbare Scharen von Fronbauern, sie wurden nach Bedarf von einer Arbeit zur anderen geworfen und maßlos ausgebeutet. Mußte sich auch auf Schritt und Tritt die technische Schranke der fronenden Arbeitskraft in ihrer Verwendbarkeit für moderne Kapitalzwecke zeigen, so war dies auf der anderen Seite reichlich wettgemacht durch das unbegrenzte Kommando über Masse, Dauer der Ausbeutung, Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitskraft, das hier dem Kapital in die Hand gegeben war.

Die Bauernwirtschaft lieferte aber nicht nur Grund und Boden und Arbeitskraft, sondern auch Geld. Dazu diente das Steuersystem, das unter der Einwirkung der Kapitalswirtschaft dem Fellach Daumenschrauben anlegte. Die Grundsteuer auf bäuerliche Ländereien, die immer wieder erhöht wurde, betrug Ende der 60er Jahre 55 Mk. pro Hektar, während der Großgrundbesitz 18 Mk. pro Hektar, die königliche Familie aber von ihren enormen Privatländereien gar nichts zahlte. Dazu kamen immer neue spezielle Abgaben, so zur Erhaltung der Bewässerungsanlagen, die fast ausschließlich den vizeköniglichen Besitzungen zugute kamen, 2,50 Mk. pro Hektar. Für jeden Dattelbaum mußte der Fellach 1,35 Mk., für jede Lehmhütte, die er bewohnte, 75 Pfg. zahlen. Ferner kam die Kopfsteuer für jeden Mann über zehn Jahre im Betrage von 6,50 Mk. hinzu. In Summa entrichteten die Fellachs unter Mehmed Ali 50 Millionen, unter Said 100 Millionen, unter Ismael 163 Millionen Mark.

Je mehr die Verschuldung bei dem europäischen Kapital wuchs, um so mehr mußte aus der Bauernwirtschaft herausgeschlagen werden.6 1869 wurden sämtliche Steuern um 10 Prozent erhöht und für 1870 im voraus erhoben. 1870 wurde die Grundsteuer um 8 Mark pro Hektar erhöht. Die Dörfer in Oberägypten begannen sich zu entvölkern, Hütten wurden eingerissen, man ließ das Land unbebaut, um Steuern zu entgehen. 1876 wurde die Steuer auf Dattelbäume um 50 Pf. erhöht. Ganze Dörfer zogen aus, um ihre Dattelbäume umzuhauen und mußten mit Gewehrsalven davon abgehalten werden. 1879 sollen 10.000 Fellachs oberhalb Siuts vor Hunger umgekommen sein, da sie die Steuer für die Bewässerung ihrer Felder nicht mehr erschwingen konnten und ihr Vieh getötet hatten, um der Viehsteuer zu entgehen.7

Jetzt war der Fellach bis auf den letzten Blutstropfen ausgesogen. Der ägyptische Staat hatte seine Funktion als Saugapparat in den Händen des europäischen Kapitals vollendet und ward überflüssig. Der Khedive Ismael wurde verabschiedet. Das Kapital konnte die Liquidation antreten.

1875 hatte England 172.000 Suezkanalaktien für 80 Millionen Mk. gekauft, wofür ihm Ägypten jetzt noch 394.000 ägyptische Pfund Sterling an Zinsen zahlen muß. Englische Kommissionen zur »Ordnung« der Finanzen Ägyptens traten nun in Aktion. Merkwürdigerweise erbot sich das europäische Kapital, durch den verzweifelten Zustand des bankrotten Landes gar nicht abgeschreckt, zu seiner »Rettung« immer neue Riesenanleihen zu gewähren. Cowe und Stokes schlugen zur Umwandlung aller Schulden eine Anleihe von 1.520 Millionen Mark zu 7 Proz. vor, Rivers Wilson hielt 2.060 Millionen für erforderlich. Der Crédit Foncier kaufte Millionen schwebender Wechsel auf und versuchte mit einer Anleihe von 1.820 Millionen Mark die Gesamtschuld zu konsolidieren, was jedoch fehlschlug. Aber je verzweifelter und unrettbarer die Finanzlage war, um so näher und unentrinnbarer der Augenblick, wo das ganze Land mit all seinen Produktivkräften dem europäischen Kapital in die Krallen fallen mußte. Im Oktober 1878 landeten die Vertreter der europäischen Gläubiger in Alexandrien. Eine Doppelkontrolle der Finanzen durch das englische und französische Kapital wurde eingesetzt. Jetzt wurden im Namen der Doppelkontrolle neue Steuern erfunden, die Bauern geprügelt und gepreßt, so daß die 1876 zeitweilig eingestellten Zinsenzahlungen 1877 wieder aufgenommen werden konnten.8 Nun wurden die Forderungsrechte des europäischen Kapitals zum Mittelpunkt des Wirtschaftslebens und zum einzigen Gesichtspunkt des Finanzsystems. 1878 kam eine neue Kommission und ein halbeuropäisches Ministerium zustande. 1879 kamen die ägyptischen Finanzen unter dauernde Kontrolle des europäischen Kapitals in der Person der Commission de la Dette Publique Egypiienne in Kairo. 1878 wurden die Tschifliks, die Ländereien der vizeköniglichen Familie, im Umfange von 431.000 Acres in Staatsdomänen verwandelt und den europäischen Kapitalisten für die Staatsschuld verpfändet, ebenso die Daira-Ländereien, das Privatgut des Khedive, das meist in Oberägypten gelegen war und 485 131 Acres umfaßte; es ist später an ein Konsortium verkauft worden. Ein großer Teil des sonstigen Grundbesitzes kam in die Hände von kapitalistischen Gesellschaften, namentlich an die Suezkompagnie. Die geistlichen Ländereien der Moscheen und der Schulen hat England für die Kosten der Okkupation beschlagnahmt. Eine Militärrevolte der ägyptischen Armee, die von der europäischen Finanzkontrolle ausgehungert wurde, während die europäischen Beamten glänzende Gehälter bezogen, und ein provozierter Aufstand der geweißbluteten Massen in Alexandrien gaben den erwünschten Vorwand zum entscheidenden Schlag. 1882 rückte englisches Militär in Ägypten ein, um es nicht wieder zu verlassen und die Unterwerfung des Landes zum Ergebnis der grandiosen Kapitaloperationen in Ägypten seit zwanzig Jahren und zum Abschluß der Liquidation der ägyptischen Bauernwirtschaft durch das europäische Kapital zu machen.9 – Hier zeigte sich, daß der bei oberflächlicher Betrachtung abgeschmackten Transaktion zwischen dem europäischen Leihkapital und dem europäischen Industriekapital, dem die Bestellungen aus Ägypten mit jenem Leihkapital bezahlt, wobei die Zinsen der einen Anleihe durch das Kapital der anderen Anleihe gedeckt wurden, eine vom Standpunkt der Kapitalakkumulation sehr rationelles und »gesundes« Verhältnis zugrunde lag. Dieses läuft, nach Weglassung aller maskierenden Zwischenglieder, auf die einfache Tatsache hinaus, daß die ägyptische Bauernwirtschaft in gewaltigem Umfang vom europäischen Kapital aufgezehrt wurde: enorme Strecken Grund und Boden, zahllose Arbeitskräfte und eine Masse Arbeitsprodukte, die als Steuern an den Staat entrichtet wurden, sind in letzter Linie in europäisches Kapital verwandelt und akkumuliert worden. Es ist klar, daß diese Transaktion, die den normalen Verlauf einer jahrhundertelangen geschichtlichen Entwickelung auf zwei bis drei Jahrzehnte zusammenpreßte, nur durch die Nilpferdpeitsche ermöglicht worden war, und daß gerade die Primitivität der sozialen Verhältnisse Ägyptens die unvergleichliche Operationsbasis für die Kapitalakkumulation geschaffen hatte. Gegenüber dem märchenhaften Anschwellen des Kapitals auf der einen Seite erscheint hier als ökonomisches Resultat auf der anderen neben dem Ruin der Bauernwirtschaft das Aufkommen des Warenverkehrs und die Herstellung seiner Bedingungen in der Anspannung der Produktivkräfte des Landes, Das bebaute und eingedämmte Land Ägyptens wuchs unter Ismaels Regierung von 2 auf 2,7 Millionen Hektar, das Kanalnetz von 73.000 auf 87.000 Kilometer, das Eisenbahnnetz von 410 auf 2.020 Kilometer. In Suez und Alexandrien wurden Docks, in Alexandrien großartige Hafenanlagen gebaut, ein Seedampferdienst für die Mekkapilger auf dem Roten Meer und entlang der syrischen und kleinasiatischen Küste eingeführt. Die Ausfuhr Ägyptens, die 1861 89 Millionen Mark betrug, schnellte 1864 auf 288 Millionen, die Einfuhr, die unter Said Pascha 24 Millionen ausmachte, stieg unter Ismael auf 100 bis 110 Millionen Mark. Der Handel, der sich nach der Eröffnung des Suezkanals erst in den 80 er Jahren erholt hat, betrug 1890 an Einfuhr 163, an Ausfuhr 249 Millionen Mark, dagegen 1900: an Einfuhr 288 Millionen, an Ausfuhr 355 Millionen Mark und 1911 an Einfuhr 557, an Ausfuhr 593 Millionen Mark. Ägypten selbst ist freilich bei dieser sprunghaften Entwickelung der Warenwirtschaft mit Hilfe des europäischen Kapitals zu dessen Eigentum geworden. Wie in China, wie jüngst wieder in Marokko, hatte es sich in Ägypten gezeigt, daß hinter internationaler Anleihe, Eisenbahnbau, Wasseranlagen und dergleichen Kulturwerken der Militarismus als Vollstrecker der Kapitalakkumulation lauert. Während die orientalischen Staaten mit fieberhafter Hast ihre Entwickelung von der Naturalwirtschaft zur Warenwirtschaft und von dieser zur kapitalistischen durchmachen, werden sie vom internationalen Kapital verspeist, denn ohne sich diesem zu verschreiben, können sie die Umwälzung nicht vollziehen.

Ein anderes gutes Beispiel aus der jüngsten Zeit bilden die Geschäfte des deutschen Kapitals in der asiatischen Türkei. Schon früh hatte sich das europäische, namentlich das englische Kapital, dieses Gebietes, das auf der uralten Route des Welthandels zwischen Europa und Asien liegt, zu bemächtigen gesucht.10

In den 50er und 60er Jahren sind vom englischen Kapital die Eisenbahnlinien Smyrna-Aidin-Diner und Smyrna-Kassaba-Alaschehir ausgeführt sowie die Konzession für die Weiterführung der Linie bis Afiunkarahissar erlangt, endlich auch die erste Strecke der Anatolischen Bahn Haidar-Pascha-Ismid gepachtet worden. Daneben bemächtigte sich das französische Kapital eines Teils des Eisenbahnbaus. 1888 tritt das deutsche Kapital auf den Plan. Durch Unterhandlung namentlich mit der französischen durch die Banque Ottomane vertretenen Kapitalgruppe kam eine internationale Interessenfusion zustande, wobei an dem großen anatolischen und Bagdadbahn-Unternehmen die deutsche Finanzgruppe sich mit 60 Proz., das internationale Kapital mit 40 Proz. beteiligen sollte.11 Die Anatolische Eisenbahn-Gesellschaft, hinter der hauptsächlich die Deutsche Bank steht, wurde als türkische Gesellschaft am 14. Redscheb des Jahres 1306, d.h. am 4. März 1889, zur Übernahme der seit Anfang der 70er Jahre im Betrieb befindlichen Linie von Haidar-Pascha bis Ismid und zur Ausführung der Konzession der Bahnstrecke Ismid-Eskischehir-Angora (845 Kilometer) gegründet. Die Gesellschaft ist auch berechtigt, die Bahn Haidar-Pascha-Skutari und Zweigbahnen nach Brussa auszuführen, ferner durch die Konzession von 1893 ein Ergänzungsnetz Eskischehir-Konia (zirka 445 Kilometer) zu errichten, endlich die Strecke Angora-Kaisarie (425 Kilometer). Die türkische Regierung leistete der Gesellschaft die folgende Staatsgarantie: Bruttoeinnahme 10.300 Fr. pro Jahr und Kilometer für die Strecke Haidar-Pascha-Ismid und 15.000 Fr. für die Strecke Ismid-Angora. Zu diesem Zweck hat die Regierung der Administration de la Dette Publique Ottomane die aus der Verpachtung der Zehnten der Sandschaks Ismid, Ertogrul, Kutahia und Angora eingehenden Einnahmen zur direkten Einziehung überwi