Monatsarchive: Januar 2017

Über Kreativität in der Wissenschaft

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Was ist kritisch an kritischer Wissenschaft? – Grundsatzprogramm

Kritische Wissenschaft – ein Grundsatzprogramm

Inhalt

Kritik
Kritisches Denken
Kritische Wissenschaft
Literatur

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Was ist „kritisch“ an kritischer Wissenschaft?

Wie die Kommentare von Lesern dieses blogs, der seit fast einem Jahr besteht, gezeigt haben, sind die Erwartungen darüber, was ein blog über „kritische Wissenschaft“ Lesern zu bieten hat, durchaus unterschiedlich:

  • Für die einen hat „kritische Wissenschaft“ anscheinend eine ziemlich vage Bedeutung, die im Wesentlichen darin besteht, Position gegen dem Zeitgeist entsprechende Positionen zu beziehen, wobei „Wissenschaft“ allerdings in den Hintergrund zu treten scheint und „kritisch“ mehr oder weniger als dem Mainstream entgegengesetzt aufgefasst wird.
  • Andere fühlen sich mit „kritischer Wissenschaft“ an die sogenannte „Kritische Schule“ der Soziologie, die in den 1960er- und 1970er-Jahren an der Universität Frankfurt etabliert war, erinnert.
  • Und wieder andere assoziieren mit „kritischer Wissenschaft“ eine Kritik an der Wissenschaft, wie sie derzeit in Deutschland in institutionalisierter Form betrieben wird.

Obwohl die Inhalte dieses blogs – von Fall zu Fall verschieden – Verbindungen zu all diesen Auffassungen von „kritischer Wissenschaft“ haben, ist keine von ihnen diejenige, die die Betreiber dieses blogs bei seiner Konzeption zugrunde gelegt haben und die nach wie vor ihre Präsentation des blogs inspiriert. Entsprechend haben wir ein Grundsatzprogramm erstellt, dessen Ziel darin besteht, die Grundlagen kritischer Wissenschaft  zu beschreiben und ihren Nutzen für die Diskussion miteinander ebenso wie den Diskussion über Probleme aufzuzeigen. Da Grundsatzprogramme zumeist die Angewohnheit haben, länger zu werden als man auf einmal lesen möchte, gibt es unser Grundsatzprogramm in Happen (was es auch leichter verdaulich werden lässt). Tatsächlich sind die beiden Merkmale, die den „Geist“ dieses blogs ausmachen:

  • kritisches Denken und
  • methodisches Arbeiten,

die gemeinsam „Wissenschaft“ ausmachen oder ausmachen sollten – zumindest nach dem Verständnis der blog-Betreiber.

Dabei verstehen wir unter „Wissenschaft“

einen systematischen und kontrollierten Forschungsprozess, der darauf abzielt, folgerichtig aufgebaute Hypothesen über Zusammenhänge auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen, um auf diese Weise zu (relativ bzw. vorerst) gesichertem Wissen zu kommen.

Vorweg: Was ist „Kritik“ (nicht)?

Wir glauben, dass es sinnvoll ist, zuerst einmal unser Verständnis von „Kritik“ darzustellen. Zu diesem Zweck

  • betrachten wir kurz, wie der Begriff „Kritik“ im Deutschen meistens verwendet wird,
  • geben wir eine kurze Definition von „Kritik“, so, wie wir sie verstehen, und
  • begründen wir, warum wir so verstandene Kritik nützlich und notwendig finden.

„Kritik“ als negativ konnotierter Begriff

Der Begriff „Kritik“ ist im Deutschen gewöhnlich negativ konnotiert, und dementsprechend wird jemand, der eine Kritik äußert, als eher unerfreudlicher Zeitgenosse bewertet und behandelt. Wir unterscheiden drei Varianten dieser negativen Konnotation:

  • Wer kritisiert, ist ein Querulant:
    Wer Kritik übt, dem passt etwas nicht, er mäkelt herum, ist nicht dankbar genug, für den erreichten status quo in der doch besten aller denkbaren Welten. Er stellt sich freiwillig in einen Gegensatz zur nicht-nörgelnden Mehrheit und zeigt dadurch mangelnde Solidarität mit dem Kollektiv, und überhaupt tut er so, als hätte er etwas entdeckt, was den anderen bisher verborgen geblieben ist – sonst würden sie ja auch herummäkeln, d.h. kritisieren; er denkt wohl, er sei ‚was Besseres, kurz: er ist ein Querulant. Er weicht ab, und dies allein genügt vielen, um ihn irgendwie „falsch“ oder „böse“ zu finden.
  • Wer kritisiert, ist ein Misanthrop:
    Übt jemand Kritik an Aussagen oder Überzeugungen einer Person, ist man in Deutschland fast unweigerlich jemand, der denjenigen, der diese Aussagen getätigt hat und diese Überzeugungen hat, nicht „mag“ – mindestens das, oder sogar: der den Kritisierten diskreditieren möchte, ihn ins Unrecht setzen möchte und wer weiß was alles noch (perversen Phantasien sind hier keine Grenzen gesetzt…). Kritik wird als aggressiver Akt gegen eine Person aufgefasst, als Zerstörung der Reputation einer Person, als In-Abrede-Stellen seines schlichten Menschseins.
  • Wer kritisiert, ist ein avantgardistischer Schwätzer:
    „Kritiker“ sind Leute, die mehr oder weniger gut davon leben, anderer Leute Arbeit zu beurteilen – in der Regel negativ. Das Urteil des Literatur- oder Kunstkritikers oder des Gourmet-Testessers oder auch des Wissenschaftlers zeugt von einem (angeblich oder tatsächlich) „höheren“ Verständnis der Dinge, das gerade darin erkennbar wird, dass sonst kein Mensch versteht, warum er so urteilt, wie er urteilt. Dann ist die „Kritik“ im Esoterischen angesiedelt und daher nicht durch Normalsterbliche zu prüfen oder nachzuvollziehen. Damit wiederum ist Kritik zumindest praktisch irrelevant und reserviert für eine selbsternannte „Avantgarde“.

Dies alles ist wenig konstruktiv und nur dazu geeignet, sich gegen Kritik zu immunisieren oder sich die Bildung eines eigenen Urteils von Fall zu Fall zu ersparen. Es handelt sich u.E. tatsächlich nicht um Auffassungen von „Kritik“ sondern um Strategien, „Kritik“ aus dem Weg zu gehen, was uns zu der Frage führt, was denn ein konstruktives Verständnis von „Kritik“ sein könnte.

Eine kurze Definition von „Kritik“

Für uns ist Kritik die Praxis, eine Aussage unter Würdigung dessen, was für oder gegen sie spricht, zu beurteilen. Ein Urteil, zu dem man kommt, ist ein Ergebnis dieses Prozesses (sonst ist das Urteil strenggenommen keines, sondern eine spontane Äußerung aus einer Laune oder Grille heraus).

So verstandene Kritik ist ein unverzichtbares Mittel, um Fehler aufzuspüren, Verbesserungen durch- und Innovationen herbeizuführen. Kritik ist die einzige Möglichkeit, sich an eine wandelnde Umwelt anzupassen:

Wenn man vernünftige Überzeugungen haben möchte und entsprechend vernünftig handeln können möchte, kommt man also gar nicht umhin, ein „Kritiker“ zu sein, wann immer eine Entscheidung über eine Frage oder eine Handlungsentscheidung zu treffen ist. Die Frage ist, wie man zu einer möglichst zutreffenden Einschätzung darüber kommt, was für oder gegen die in Frage stehende Sache oder eine bestimmte Handlung spricht. Hier hilft das kritische Denken weiter, das wir in Teil 2 unseres kleinen „Grundsatzprogramms“ betrachten.

Warum ist diese Definition von „Kritik“ konstruktiv? Oder: zum Nutzen von Kritik

Aussagen, die allgemein akzeptiert werden oder Überzeugungen, die weithin geteilt oder propagiert werden, erscheinen oft als „Tatsachen“, und man setzt vielleicht voraus, dass sie das Ergebnis von Beurteilungsprozessen sind, so dass sich eine weitere Diskussion über sie erübrigt. Oder man weiß, dass sie tatsächlich das Ergebnis von Beurteilungsprozessen sind, und die Sache ist damit für einen selbst erledigt.

Galileo und der Papst

Nun kann es aber passieren, dass jemandem auffällt, dass für das allgemein Akzeptierte eigentlich sehr wenig spricht, dass es vielleicht nur ein Ergebnis einer Laune ist. Oder jemand macht eine Beobachtung oder hat einen Gedanken, von dem er meint, dass sie oder er im Beurteilungsprozess keine Rolle oder keine hinreichende Rolle gespielt habe, so dass die Aussage überdacht werden muss. Oder die Bedingungen haben sich inzwischen verändert, so dass das allgemein Akzeptierte oder damals Propagierte in einem anderen Licht erscheint. Dies alles führt dazu, dass eine Aussage, Behauptung, Praxis oder ein Zustand hinterfragt wird, oder anders gesagt: sie oder er wird (neu) beurteilt, d.h. kritisiert.

Weil der (Neu-/)Beurteilungsprozess begründet werden muss, man also angeben muss, warum man die Angelegenheit überhaupt (wieder) thematisiert, beginnt dieser Prozess häufig mit einer negativen Kritik. D.h. bekannte Argumente werden als falsch erwiesen oder neue Argumente werden den alten entgegengesetzt, und diese so genannte negative Kritik ist es, die den Kritiker in den Augen derer, die den status quo schätzen, zum Querulanten macht. Diejenigen, die glauben, dass der status quo noch nicht den Idealzustand abbildet, sehen in der negativen Kritik aber die Möglichkeit, diesem näher zu kommen, sich und die Umwelt zu verbessern. Und tatsächlich entstehen Veränderungen oder Neuerung in der Regel aus einer (negativen) Kritik des Vorhergehenden: Eine neue Beobachtung oder ein neuer Gedanke führen nämlich nicht nur dazu, dass der status quo hinterfragt wird, wirkt also nicht nur zerstörerisch, sondern auch konstruktiv bzw. produktiv, weil mit einer neuen Beobachtung immer auch die Frage aufgeworfen wird, was Alternativen zum status quo sind oder sein könnten; insofern ist Kritik immer auch konstruktiv oder positiv. („Positive Kritik“ ist also nicht, wenn ich etwas als „gut“ beurteile oder eine Sache mit sonstigen positiven Adjektiven belege.) Weil die Umwelt sich ständig verändert, sind auch Anpassungsleistungen notwendig, und das bedeutet, dass auch Kritik immer notwendig ist (manchmal nur zu dem Zweck, den status quo zu halten, sich also wenigstens nicht zu verschlechtern). Man kann daher auch sagen, dass, wo Kritik unterbleibt, ein langsamer intellektueller, moralischer und letztlich auch physischer Tod droht.

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Kritisches Denken

Wie wir bereits in Teil 1 unseres „Grundsatzprogramms“ berichtet haben, ist für uns „Kritik“ die Praxis, eine Aussage unter Würdigung dessen, was für oder gegen sie spricht, zu beurteilen, oder anders gesagt: ein Verfahren, zu möglichst informierten und der Sache angemessen Urteilen zu kommen. Wir hatten in Teil 1 auch schon die Frage aufgeworfen, wie man am besten zu solchen Urteilen kommt, sie aber nicht beantwortet. In Teil 2 unseres „Grundsatzprogramms“ wollen wir das nachholen. Die Antwort lautet: Durch kritisches Denken.

Unter „kritischem Denken“ verstehen wir mit Robert Ennis (1987: 1/2) zunächst ein folgerichtiges (also: logisches) und vernünftiges Denken und Nachdenken darüber, was man als Tatsache akzeptieren sollte und was nicht, welchen Aussagen man Glauben schenken sollte oder nicht und welche Position man zu einer Frage oder Angelegenheit einnimmt und vernünftigerweise einnehmen sollte. Letztlich geht es beim kritischen Denken also um die Entwicklung von Urteilsvermögen, und das ist es ja gerade, was für die Praxis der Kritik gefragt ist.

Zum kritischen Denken gehören – wieder Ennis folgend – bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie bestimmte Dispositionen oder Grundeinstellungen. Zu den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die kritisches Denken erfordert, gehören vor allem

  • die Identifikation des Punktes oder des Anliegens, um den/das es eigentlich geht;
  • die Einschätzung der Relevanz dieses Punktes oder Anliegens;
  • die Fähigkeit, die Argumente zu identifizieren und zu rekonstruieren, die den Punkt/das Anliegen stützen sollen;
  • die Fähigkeit, die Qualität dieser Argumente zu prüfen, also z.B. daraufhin zu betrachten, ob ihnen bestimmte Tatsachen entgegenstehen oder ob sie Argumentationsfehler (insbesondere Fehlschlüsse) enthalten;
  • klärende Fragen zu stellen;
  • auf ungeklärte Punkte hinzuweisen und
  • ergänzende Argumente, alternative Argumente oder Gegenargumente vorzubringen.

Zu den Dispositionen oder Grundeinstellungen, die kritisches Denken auszeichnen, gehören u.a.

  • die Akzeptanz der Tatsache, dass es richtige und falsche Behauptungen gibt
    Dabei kann „richtig“ zweierlei bedeuten, nämlich „logisch korrekt“ oder „zutreffend“ im Sinn von „mit der beobachtbaren Realität übereinstimmend“. Falsch ist dann, was nicht logisch korrekt ist oder nicht mit der Realität übereinstimmt.
  • die Auffassung, dass es notwendig ist, Behauptungen zu begründen und durch Tatsachen zu stützen, wenn diese Behauptungen von anderen akzeptiert werden sollen
    Plötzliche Bewusstseinserweiterungen und in diesem Zustand gewonnene subjektive Erkenntnisse können ebenso wie selbst gemachte Erfahrungen von dem, der sie erlebt, als große Bereicherung empfunden werden, aber sie sind nicht mitteilbar und „sprechen“ daher zu niemandem sonst.
  • eine prinzipiell offene Haltung gegenüber Positionen, egal, aus welchem weltanschaulichen „Lager“ sie kommen mögen
    Wenn man Positionen ablehnt, weil sie aus Voraussetzungen abgeleitet sind, die man nicht teil, oder von Personen vorgebracht werden, die man nicht mag (weil sie anders sprechen, aussehen oder eben denken, was sie denken), zeigt dies ziemlich deutlich, dass man die eigene Position als so schwach begründet betrachtet, dass sie ohnehin nur denjenigen mitteilbar bzw. nachvollziehbar ist, die sie schon teilen – und worin, bitte, liegt dann der Wert der Mitteilung dieser Position? Im Rahmen kritischen Denkens besteht der Anspruch, Argumente, auch oder gerade denen mitteilen zu können, die sie nicht ohnehin schon akzeptieren, und zu versuchen, diese Personen in argumentative Schwierigkeiten zu bringen (so dass sie am Ende die Argumente akzeptieren müssen oder wollen).
  • eine Offenheit gegenüber dem, was am Ende eines Diskussions- oder Denkprozesses steht oder stehen kann
    Eine vernünftige Diskussion dient nicht dazu, etwas begründen zu wollen, was man (warum auch immer) schon vorher als „richtig“ festgelegt hat, sondern sie ermöglicht es den Diskutierenden, verschiedenen Argumentationen zu folgen und zu sehen, wohin sie führen, was mit ihnen verbunden ist.
  • die Bereitschaft, Implikationen der zugrunde gelegten Prämissen zu akzeptieren
    (Zu deutsch: zu akzeptieren, dass das, wovon man ausgeht, bestimmte andere Ideen nach sich zieht – bekannt als: „Wer A sagt, muss auch B sagen“ –, bestimmte andere Ideen aber ausschließt.
  • die Bereitschaft, sich mit Argumenten und auch mit Gegenargumenten auseinanderzusetzen, auch dann, wenn sie einem nicht „gefallen“
    – also eine negative emotionale Reaktion auslösen, weil sie „nicht nett“ sind, Formulierungen und Begriffe enthalten, die man selbst nicht benutzt oder die man ablehnt, oder weil sie einfach nur neu (und daher ungewohnt) sind und damit den status quo in Frage zu stellen scheinen oder tatsächlich in Frage stellen.
  • das Streben danach, über die in Frage stehende Sache möglichst gut informiert zu sein, bevor man sich zu ihr äußert
    Das beinhaltet die Fähigkeit, sich einer Beurteilung zu enthalten, wenn man sich nicht wirklich gut informiert hat oder sich nicht hinreichend informiert fühlt, oder eine bereits vorhandene Beurteilung zu verändern, wenn neue Informationen das notwendig machen – nein, es ist keine Schande, aus mangelhaften Informationen die Schlussfolgerungen gezogen zu haben, die man aus ihnen ziehen konnte oder musste! / Aber es ist eine Schande, wenn man sich weigert, nachdem sich eine Schlussfolgerung aufgrund neuer Informationen als falsch erwiesen hat, die Schlussfolgerung zu revidieren;
  • die Bereitschaft, seine eigene Position zu begründen, wenn sie hinterfragt wird
    statt die Tatsache, dass jemand sie hinterfragt, schlicht als „aggressiven Akt“ dieser Person zu bewerten, der diese Person als „Feind“ ausweist, und sich dadurch vor der Notwendigkeit drücken zu wollen, seine eigene Position zu begründen und – wenn möglich – zu verteidigen, ganz egal, wer was dagegen einwendet: Schlechte Nachrichten verschwinden nicht dadurch, dass man den Überbringen der schlechten Nachrichten mit Nichtbeachtung straft oder gar diskreditiert.

Aber warum muss ein Denken, das als kritisch gelten will, nicht nur auf den oben genannten Fähigkeiten beruhen, sondern auch auf den genannten Dispositionen oder Grundeinstellungen?

Ohne diese Grundeinstellungen wird das Denken zu einer egozentrischen Übung oder zu einer bloßen Anpassungsleistung an bereits Vorgegebenes oder zu einem Gewohnheitsakt des Widerspruchs. Wenn diese Grundeinstellungen Bestandteil kritischen Denken sind, dann vermeidet es sowohl Egozentrismus als auch Soziozentrismus im Sinne Piagets, die beide „Resultat fehlgeschlagener Dezentrierung [sind], da man sich oder die eigene Gruppe als Zentrum des Lebens sieht und die eigene Perspektive (‚Ich‘-Perspektive) oder die der eigenen Gruppe (‚Wir‘-Perspektive) für die einzig gültige hält. Dezentrierung bedeutet, dass man den Egozentrismus und den Soziozentrismus übersteigt, indem man die Perspektive des Anderen (‚Du‘) als relevant oder gar korrigierend auffasst“ (van der Ven 1999: 81), aber dies nur im Prinzip, versteht sich: Im praktischen Fall muss geprüft werden, wie gut die Perspektive des Anderen begründet ist, also ob in diesem Fall ich von ihm oder er von mir lernen kann.

Zusammenfassende Definition kritischen Denkens

Als Definition von kritischem Denken, die das oben Genannte zusammenfasst, kann die folgende Definition von Michael Scriven und Richard Paul (1996) gelten:

„Critical thinking is the intellectually disciplined process of actively and skillfully conceptualizing, applying, analyzing, synthesizing, and/or evaluating information gathered from, or generated by, observation, experience, reflection, reasoning, or communication, as a guide to belief and action. In its exemplary form, it is based on universal intellectual values that transcend subject matter divisions: clarity, accuracy, precision, consistency, relevance, sound evidence, good reasons, depth, breadth, and fairness. It entails the examination of those structures or elements of thought implicit in all reasoning: purpose, problem, or question-at-issue, assumptions, concepts, empirical grounding; reasoning leading to conclusions, implications and consequences, objections from alternative viewpoints, and frame of reference.“

Wir übersetzen diese Definition wie folgt:

Kritisches Denken ist ein auf intellektueller Disziplin basierender Prozess des aktiven und geschickten Konzeptualisierens, Anwendens, Analysierens und Evaluierens von Informationen, die durch Beobachtung, Erfahrung, Reflexion, schlussfolgerndes Denken oder Kommunikation gesammelt oder gewonnen wurden. In seiner beispielhaften Form liegen dem kritischen Denken universalistische intellektuelle Werte zugrunde, die für alle Fach- oder thematischen Gebiete bzw. unabhängig vom Inhalt der Informationen gelten: Klarheit, Genauigkeit, Konsistenz, Relevanz, zuverlässige Belege, gute Gründe, Tiefe und Breite [der Betrachtung] sowie Fairness. Kritisches Denken beinhaltet die Prüfung derjenigen Strukturen oder Elemente, die allem Denken zugrunde liegen, aber meist implizit, d.h. unausgesprochen, bleiben, nämlich von Zwecken, Problemen oder Fragen, Annahmen, Konzepten, empirischen Belegen, Schlussfolgerungen, die zu bestimmten Ergebnissen führen, Implikationen und Konsequenzen, Einwänden, die aus alternativen Sichtweisen gemacht werden können, und von Bezugsrahmen, die beim Denken verwendet werden.

Ist kritisches Denken erlern- oder trainierbar?

Kritisches Denken ist also eine ehrgeizige Angelegenheit, die einige Selbstdisziplin – oder wie man heute lieber sagt: ein hohes Maß an Selbstregulation – und kognitive Anstrengung erfordert, aber beides ist trainierbar. Vermutlich wird niemand von uns immer und ohne Weiteres den Anforderungen kritischen Denkens gerecht, aber man kann sich die Grundeinstellungen und Fähigkeiten, die mit kritischem Denken verbunden sind, durchaus zu eigen machen (z.B. indem man seine metakognitiven Fähigkeiten stärkt; vgl. hierzu z.B. Halpern 1988: Kuhn 1999). U.E. ist es eine grundlegende Voraussetzung hierfür, dass man sich selbst als Individuum mit einer personalen Identität und nicht oder nur nachgeordnet als Kollektivmensch oder Gruppenzugehöriger mit einer sozialen Identität betrachtet: Wer vor allem Übereinstimmung mit bestimmten Personen und Abgrenzung von bestimmten anderen Personen sucht, der kann sich kritisches Denken nicht leisten: Diskussionen von Menschen mit- und untereinander dienen dann nämlich nur dazu, sich die soziale Identität zu bestätigen oder sie zu stärken, indem die eigene Position bzw.. die der eigenen Gruppe als richtig und die der anderen als falsch „erwiesen“ wird (Stichwort: Soziozentrismus! s.o). Im Rahmen kritischen Denkens dienen Diskussionen aber dem eigenen Lernen, und das bedeutet, dass man sich der Möglichkeit aussetzt, auf Fehler im Argumentieren oder in der angemessenen Grundeinstellung aufmerksam gemacht zu werden und sich selbst sozusagen in Richtung kritischen Denkens korrigieren zu lassen.

Kurse in kritischem Denken in Buchform

Je vernünftiger (d.h. korrekter und nicht: rhetorisch geschickter) man argumentiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einer angemessenen Beurteilung der in Frage stehenden Sache kommt, und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich korrigieren lassen muss. Die Fähigkeit zum vernünftigen Argumentieren kann man (auch oder besser) außerhalb von konkreten Diskussionssituationen erwerben oder verbessern. So empfiehlt es sich u.E., sich mit der formalen Logik zu beschäftigen, um sicherzustellen, dass man folgerichtig argumentiert. Dazu muss man nicht unbedingt Philosophie studieren oder ein Faible für Formeln haben; man kann formale Logik auch in Form von Einführungen in das kritische Denken erlernen, die das formal-logische korrekte Argumentieren in Anwendungsbezügen trainiert.

Einige solcher Kurse in Buchform, die wir als hilfreich einschätzen oder für uns selbst. d.h. die eigene Argumentationspraxis, hilfreich waren, sind:

Dauer, Frances Watanabe, 1989: Critical Thinking: An Introduction to Reasoning. Oxford: Oxford University Press.

Hughes, William, Lavery, Jonathan & Doran, Katheryn, 2010: Critical Thinking. An Introduction to the Basic Skills. Peterborough: Broadview Press.

Hunter, David A., 2009: Critical Thinking. Deciding What to Do and Believe. Hoboken: John Wiley & Sons.

Kiersky, James H. & Caste, Nichoas J., 1995: Thinking Critically. Techniques for Logical Reasoning. St. Paul: West Publishing.

Wer ein wenig tiefer in die formal-logischen Grundlagen guten Argumentierens einsteigen möchte, aber keine Formeln mag und auch kein Inventar (im übrigen sehr nützlicher) antiker und mittelalterlicher Schlussfiguren anlegen möchte, ist, so glauben wir, gut beraten z.B. mit:

Watson, Jamie Carlin & Arp, Robert, 2011: Critical Thinking. An Introduction to Reasoning Well. London: Continuum.

Zwei deutschsprachige Bücher, die philosophisch etwas anspruchsvoller sind und ein wenig Toleranz gegenüber (sehr einfachen) Formeln erfordern, die aber dennoch sehr gut verständlich in die formale Logik einführen, sind:

Hoyningen-Huene, Paul, Formale Logik, 1998: Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Reclam.

Salmon, Wesley C., 1983: Logik. Stuttgart: Reclam.

Deutschsprachige Kurse in kritischem Denken, die den oben genannten englischsprachigen vergleichbar sind, haben wir lange (genau gesagt: seit mehr als einem Jahrzehnt) vergeblich gesucht. (Nun, das erklärt vielleicht einiges….) Am nächsten heran reicht u.E.:

Bayer, Klaus, 2007: Argument und Argumentation. Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schließlich noch eine Mahnung zur Vorsicht:

Kritisches Denken hat sehr viel mit formallogisch korrekter Argumentation zu tun, aber nicht mit der trickreichen Anwendung von rhetorischen Mitteln bzw. der Persuasion. Je nachdem, wie man meint, am besten überzeugen zu können, kann die Persuasion argumentationslastig sein, sie kann aber auch an Gefühle appellieren etc., um zu manipulieren, und das ist gerade kein gutes Argumentieren. Seien Sie deshalb vorsichtig – um nicht zu sagen: kritisch – im Umgang mit Kursen, die Argumentieren mit Rhetorik oder der „Überzeugungskunst“ gleichsetzen oder in einem Atemzug nennen.

So hat z.B. das „Trainingsbuch Rhetorik“ von Tim C. Bartsch, Michael Hoppmann, Bernd F. Rex und Markus Vergeest (2005 in Paderborn bei Schöningh erschienen) rein gar nichts mit korrekter Argumentation zu tun. Und wir raten auch zu großer Vorsicht gegenüber dem UTB-Band „Schlüsselkompetenz Argumentation“, der von Markus Herrmann, Michael Hoppmann, Karsten Stölzgen und Jasmin Taraman 2010 veröffentlicht wurde: Hier werden „Argumente“ genannt, die zum großen Teil gerade keine sind, die also formallogisch nicht korrekt sind (z.B. das Autoritätsargument), und daher sind auch Tipps der Autoren dazu, wie man solche „Argumente“ widerlegt, nichts anderes als die üblichen Einwände gegen sie, die sie gemäß der formalen Logik als Fehlschlüsse identifizieren. Warum das so ist, lernt man, wenn man sich mit einem Mindestmaß an formaler Logik beschäftigt, aber nicht im genannten Buch, in dem man u.E. eigentlich gar nichts Substanzielles lernt. Außerdem ist es aus einer Perspektive geschrieben, die mit der Grundeinstellung kritischen Denkens unvereinbar ist: Wenn man z.B. lernt, wie man Argumente widerlegt, suggeriert das, dass es ein Selbstzweck wäre, anderer Leute Argumente zu widerlegen, um Recht zu behalten, statt darum, zu einer möglichst guten Entscheidung hinsichtlich einer Frage zu kommen. Für die Autoren ist das leider tatsächlich so, wie man an einer Vielzahl von Indikatoren erkennen kann. Z.B. sehen die Autoren auch ein „Widerspruchstraining“ vor, bei dem es ganz offensichtlich nicht darum geht, Urteilsvermögen zu entwickeln, sondern um das Debattieren als Solches und darum, sich gegen andere durchzusetzen und die rhetorische Oberhand zu behalten. Das ist kein kritisches Denken, sondern sein Gegenentwurf: der Versuch der Manipulation und Machtausübung; und diesen Versuch finden wir darüber hinaus alles andere als elaboriert; wir finden dieses Buch, ganz ehrlich gesagt, eher abstoßend.

Warum sollte man überhaupt kritisch Denken?

(Wo „Kritik“ im Deutschen doch immer die Konnotation des Dagegen-Seins, des Unfreundlichen, des Nörgelns, des Mangels an Solidarität hat; s.o.)

Kritisches Denken ist kein „Hobby“ und keine Frage des Geschmacks, sondern die Voraussetzung dafür, dass man Probleme rational und effizient lösen kann und zu Fragen vernünftig Stellung nehmen kann, und dies wiederum verbessert die eigene Lebensqualität (Freeley & Steinberg 2009: 2/3: ten Dam & Volman 2004: 359/360). Z.B. ist es für die Beantwortung der Frage, ob es sich lohnt, eine bestimmte Versicherung abzuschließen oder nicht und sein Geld statt dessen anders zu investieren (oder es für andere Dinge auszugeben), sehr hilfreich, wenn man ungefähr weiß, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Schadensfall eintritt, wie sich die Inflation entwickelt und welche alternativen Möglichkeiten der finanziellen Absicherung es gegen die Misslichkeiten des Lebens gibt.

Kritisches Denken ist aber nicht nur für den einzelnen vorteilhaft. Vielmehr ist sie eine Bedingung dafür, dass eine Zivilgesellschaft als „a political project bent on enabling a genuinely non-hierarchical plurality of individuals and groups openly and non-violently to express their solidarity with – and opposition to – each other’s ideals and ways of life“ (Keane 2004: 55) existieren kann: Eine solche Gesellschaft muss die Fähigkeit zur Selbstkorrektur haben, wenn sie nicht in Totalitarismus verfallen will, und die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstkorrektur ist letztlich ein Ergebnis der Fähigkeit zur Partizipation und zur Selbst- und gegenseitigen Korrektur ihrer Bürger (vgl. hierzu Bauerkämper 2003 : 12/13 sowie Keane 2009: 867/868).

Weil kritisches Denken eine anspruchsvolle Sache ist und einem nicht einfach so „zufällt“, ist jede Hilfestellung dabei willkommen, und eine der besten Hilfestellungen bietet die wissenschaftliche Arbeitsweise bzw. die methodische Arbeitsweise, wie sie in der Wissenschaft – auch in den und für die Sozialwissenschaften – entwickelt wurde und der (hoffentlich immer noch und auch in Deutschland) üblicherweise Wissenschaftler bei ihrer Arbeit folgen.

Kritik und kritisches Denken wurden in den beiden letzten Posts, in denen wir unser Grundsatzprogramm vorgestellt haben, diskutiert. Beide, Kritik und kritisches Denken sind grundlegende  Bestandteile kritischer Wissenschaft. Kritische Wissenschaft geht aber in einem wichtigen Punkt über Kritik und kritisches Denken hinaus: Sie liefert nämlich diejenigen Informationen, die die Prüfung von Argumenten an der Realität ermöglichen, so dass das kritische Denken Argumente nicht nur daraufhin betrachten kann, ob sie logisch korrekt sind, sondern auch daraufhin, ob sie empirisch korrekte Argumente sind oder nicht.

Kritische Wissenschaft

Zur Erinnerung:

Wir haben Kritik definiert als die Praxis, eine Aussage unter Würdigung dessen, was für oder gegen sie spricht und ohne emotionale Beteiligung oder Voreinstellung zu beurteilen. Ein Urteil ist somit das Ergebnis von Kritik, einer kritischen Bestandsaufnahme, in deren Verlauf eine Aussage auf ihren logischen und ihren „Wahrheitsgehalt“ hin geprüft wurde.

Kritisches Denken haben wir mit Michael Scriven und Richard Paul definiert als einen auf intellektueller Disziplin basierenden Prozess des aktiven und geschickten Konzeptualisierens, Anwendens, Analysierens und Evaluierens von Informationen, die durch Beobachtung, Erfahrung, Reflexion, schlussfolgerndes Denken oder Kommunikation gesammelt oder gewonnen wurden. … Kritisches Denken beinhaltet die Prüfung derjenigen Strukturen oder Elemente, die allem Denken zugrunde liegen, aber meist implizit, d.h. unausgesprochen, bleiben, nämlich von Zwecken, Problemen oder Fragen, Annahmen, Konzepten, empirischen Belegen, Schlussfolgerungen, die zu bestimmten Ergebnissen führen, Implikationen und Konsequenzen, Einwänden, die aus alternativen Sichtweisen gemacht werden können, und von Bezugsrahmen, die beim Denken verwendet werden.

Kritisches Denken stellt somit eine konkrete Tätigkeit dar, während Kritik einen Modus, eine Vorgehensweise, des Denkens beschreibt. Anders formuliert: Kritik ist die Methode, kritisches Denken seine Anwendung. Beides sind  Bestandteile dessen, was wir als Kritische Wissenschaft bezeichnen. Kritische Wissenschaft fügt aber, wie oben vorweggenommen noch etwas hinzu, nämlich die Prüfung von Aussagen an der Realität:

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Kritische Wissenschaft?

Was ist Wissenschaft?

Wissenschaft dient dem Erkenntnisgewinn, d.h. Wissenschaft macht Aussagen über reale Zusammenhänge in der Natur oder dem sozialen Leben. Wissenschaft bezieht sich also auf die Realität, stellt  Aussagen über das auf, was wirklich ist oder nicht ist, auf. D’Andrade hat Wissenschaft und „wissenschaftliches Arbeiten“ in anschaulicher Weise und wie folgt definiert:

„There is a general agreement that doing science is

(1) trying to find out about the world by making observations,
(2) checking to see if these observations are reliable,
(3) developing a general model or account that explains these observations,
(4) checking this model or account against new observations, and
(5) comparing it to other models and accounts to see which model fits the observations best.

Science is simply a systematic way of trying to find out about the world. … The most important thing about science is that it involves continuous checking” (D’Andrade, 1995, S.1).

Zu Deutsch: Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass wissenschaftliches Arbeiten darin besteht

(1) etwas über die Welt herauszufinden, indem man Beobachtungen macht,
(2) zu prüfen, ob die gemachten Beobachtungen verlässlich sind,
(3) ein allgemeines Modell zu entwickeln, das die gemachten Beobachtungen erklären kann bzw.  aus dem die Beobachtungen abgeleitet werden können,
(4) dieses allgemeine Modell anhand  weiterer und neuer Beobachtungen zu überprüfen und
(5) das allgemeine Modell mit anderen allgemeinen Modellen zu vergleichen, um herauszufinden, welches der Modelle die gemachten Beobachtungen am besten erklären kann.
Wissenschaft ist ein systematischer Weg, etwas über die Welt herauszufinden. … Was an Wissenschaft am wichtigsten ist, ist, dass sie die vorhandenen Wissensbestände kontinuierlich überprüft.

Merkmale wissenschaftlicher Aussagen

„Gegenstände fallen auf den Boden“, ist eine Aussage über die Realität. „(Partei- oder Gewerkschafts-)Funktionäre vertreten bereits nach kurzer Zeit nicht mehr die Interessen der Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder, sondern ihre eigenen“, ist eine Aussage über die (soziale) Realität. Beide Aussagen haben vier Merkmale gemeinsam:

  • Beide Aussagen sind Beobachtungsaussagen, die aus allgemeinen Zusammenhangsaussagen abgeleitet werden können: Im ersten Fall ist dies z.B. das Gravitationsgesetz, im zweiten Fall z.B. das eherne Gesetz der Oligarchie von Michels (1925).
  • Beide Aussagen sind durch unterschiedliche Menschen prüfbar. Jeder, der z.B. einen Apfel werfen kann, kann die erste Aussage prüfen, und jeder, der sich z.B. mit den Nutznießern von Parteitätigkeit oder der deutschen Parteienfinanzierung beschäftigt, kann die zweite Aussage überprüfen.
  • Beide Aussagen können an der Realität scheitern: Wenn ich einen Apfel werfe, und er verschwindet im Weltall, dann hat sich die erste Aussage offensichtlich als falsch erwiesen. Wenn sich herausstellt, dass Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre aus rein altruistischen Motiven und ohne eigene Interessen zu verfolgen, Partei- oder Gewerkschaftspolitik vertreten und kaum mehr verdienen als das durchschnittliche Mitglied ihrer Partei oder Gewerkschaft, dann hat sich die zweite Aussage als falsch erwiesen.
  • Beide Aussagen beziehen sich allein darauf, ob etwas wie erwartet eintritt oder nicht, ob es sich tatsächlich so verhält. Sie enthalten keine Bewertung dessen, was behauptet wird, als „gut“ oder „schlecht“, lediglich als faktisch zutreffend oder unzutreffend. Es mag naheliegen, das Wirtschaften in die eigene Tasche als „schlecht“ zu bewerten, aber die Aussage, dass Parteifunktionäre dies tun, an sich, stellt noch keine solche Bewertung dar; es geht allein um die Frage, ob die Aussage sachlich korrekt ist oder nicht. Wie man die in der Aussage beschriebene Praxis bewertet oder bewerten würde, wenn die Aussage zutreffend, also sachlich korrekt, ist oder wäre, ist eine andere, eigenständige Frage, die man tunlichst von der Sachfrage nach der Existenz von etwas in der Realität unterscheiden sollte. (Wenn man es nicht tut, könnte man die Beschreibung bestimmter Tatsachen auf unsere Welt allein schon dadurch manipulieren oder unterdrücken, dass man sie vorab als „gut“ oder „schlecht“ bewertet.)

Die vier Merkmale von Aussagen, die wir hier an Beispielen benannt haben, nennt man in der Wissenschaft:

  • Zuordenbarkeit zu einem allgemeinen Satz, einem Gesetz;
  • intersubjektive Nachprüfbarkeit;
  • Falsifizierbarkeit;
  • Werturteilsfreiheit;

Wenn eine Aussage eines oder mehrere dieser vier Merkmale nicht aufweist, dann handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Aussage bzw. keine für Argumentationen relevante Aussage, weil sie keine Überzeugungskraft haben. Beispiele für Aussagen dieser Art sind:

„Atomkraft ist schlecht“,
(diese Aussage ist keine Sachaussage, sondern ein Werturteil)

„Aufgrund meiner emotionalen Erkenntnisfähigkeit bin ich zu der Auffassung (oder schlimmer: zu dem Schluss (!)) gekommen, dass Ihre Auffassung kalt und rationalistisch ist“,
(auch diese Aussage enthält ein Werturteil; außerdem wird etwas behauptet, was für andere nicht überprüfbar ist, weil es sich auf eine dem Sprecher eigene Erkenntnisfähigkeit beruft)

„Aber Herr Prof. X meint, dass dies ganz anders sei“
(diese Aussage ist intersubjektiv nachvollziehbar, sie kann sich als falsch erweisen und sie enthält kein Werturteil, aber das allgemeine Gesetz, aus der sie abgeleitet ist, müsste lauten, dass Herr Prof. X immer recht hat. Ein solches Argument bezeichnet man als Autoritätsargument oder lateinisch: argumentum ad auctoritatem, und es ist logisch falsch, denn es enthält keine Begründung, sondern verschiebt die Begründung auf Herrn Prof. X, der hoffentlich eine Begründung hat. Aber wenn er diese Begründung hat, müsste sie sich ja von ihm oder jemand anderem nennen lassen, und deshalb ist das Autoritätsargument selbst kein Argument, sondern verweist lediglich auf ein Argument, von dem aber nicht mitgeteilt wird, wie es lautet, ja, von dem man nicht einmal weiß, ob es überhaupt existiert)

„Autopoiesis bedingt eine Ausdifferenzierung der Teilsysteme.“
(Diese Aussage ist reines Wortgeklingel, das weder prüfbar ist noch etwas über die Realität aussagt. Etwas, von dem angenommen wird, dass es vielleicht in der Realität vorhanden ist (Autopoiesis) führt zu etwas anderem (Ausdifferenzierung der Teilsysteme), das ebenso angenommen wird und das nicht unabhängig von der ersten Annahme geprüft werden kann. Logisch entsprechend wäre die Aussage, das Wuff führt zu einem Wow im Off.)

Wissenschaftliches Vorgehen

Kritische Wissenschaft beginnt also mit einer prüfbaren Aussage (einer Beobachtung), die aus einem Gesetz abgeleitet werden kann. Dieses Gesetz kann zum Zeitpunkt der Beobachtung bereits bekannt sein oder es kann notwendig sein, das entsprechende Gesetz erst zu finden, z.B. dadurch, dass man eine mutige Antizipation, wie Popper dies genannt hat, also einen allgemeinen Satz aufstellt, aus dem die gemachte Beobachtung, also eine Aussage über die Realität abgeleitet, durch den sie erklärt werden kann.

Wer zum Beispiel prüfen  will, ob das Oligarchiegesetz von Michels zutrifft, der kann die Aussage – in der Wissenschaft nennt man eine solche probeweise formulierte Aussage „Hypothese“ – formulieren, dass es wenig gibt, das die Interessen von Gewerkschaftsfunktionären mit den Interessen ihrer Mitgliedern verbindet. Diese Hypothese ist jedoch sehr allgemein formuliert. Sie sagt einem nicht, was genau man betrachten soll, und dementsprechend muss sie operationalisiert, d.h. messbar gemacht werden. Das heißt, es muss ein Maß gefunden werden, mit dem die Interessen, die Parteifunktionäre mit ihrer Position in der Partei verbinden, gemessen werden können, und es muss ein Maß gefunden werden, mit dem die Interessen der Parteimitglieder gemessen werden können. Dies setzt voraus, dass man angibt, was genau man unter „Interesse“ versteht (Definition) und dass man angibt, wie man „Interesse“ messen kann (Operationalisierung): Anhand welcher Beobachtung entscheidet man, ob ein „Interesse“ vorliegt und wenn ja, welches? Im einfachsten Fall ist die Operationalisierung von „Interessen der Funktionäre“ (z.B. Einkommen, Status, Macht, Einfluss) und „Interessen der Parteimitglieder“ (z.B. Meinungshoheit im Verein, Status, Einfluss, Dazugehören) schnell erledigt, und die Schnittmenge zwischen beiden „Interessenfeldern“ kann bestimmt werden, indem man die Funktionäre und Mitglieder nach diesen Interessen fragt: Je größer die Schnittmenge, um so eher muss man das eherne Gesetz der Oligarchie im geprüften Fall als widerlegt ansehen.

Allerdings fordert kritische Wissenschaft auch intersubjektive Nachprüfbarkeit des Ergebnisses und des Prozesses, der zu dem Ergebnis geführt hat. Um zu prüfen, ob das Ergebnis, dass Parteifunktionäre in die eigene Tasche wirtschaften und Parteimitglieder in der Illusion leben, von Funktionären gut vertreten zu werden, richtig ist, muss die entsprechende Messung wiederholbar sein, und es muss sichergestellt sein, dass die Operationalisierung auch das gemessen hat, was sie messen sollte. Z.B. wäre die Höhe des Einkommens von Funktionären kein ausreichender Indikator, keine ausreichende Operationalisierung für ein „In-die-eigene-Tasche-Wirtschaften“, weil es trotz hoher Einkommen nicht auszuschließen ist, dass es z.B. Parteifunktionäre gibt, die sich um die Interessen der Parteimitglieder kümmern.

Wenn man als Leser einer Studie gar nicht erfährt, wie etwas gemessen wurde und wie insgesamt die Vorgehensweise der Forscher ausgesehen hat, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich die Studie nicht als „wissenschaftlich“ qualifiziert: Sie ist der Nachprüfbarkeit entzogen und damit irrelevant, oder schlimmer: sie soll der Nachprüfbarkeit bewusst entzogen werden, damit die erzielten Ergebnisse nicht kritisiert werden können.

Damit sind wir wieder bei der Kritik angekommen. Wissenschaft, so wurde oben gesagt, dient der Erkenntnis – oder sagen wir moderner und etwas bescheidener: dem Wissenssgewinn. Wissen sagt, wie etwas ist, und ist nach Möglichkeit gewiss oder doch zumindest nicht falsch. Und zum Wissen gelangt man indirekt dadurch, dass man zeigt, wie etwas nicht ist. Kritik ist ein Mittel, die Schwachstellen in Theorien aufzudecken, Fehler zu eliminieren und dadurch unser vorhandenes Wissen zu verbessern. Kritisches Denken gibt Aufschluss darüber, wo man mit Kritik an einer bestimmten Aussage ansetzen kann, und mit welchen Hypothesen man die Aussage konfrontieren kann, um sie entweder zu bestätigen oder zu falsifizieren.

Kritik und kritisches Denken – es sei noch einmal betont, weil man es gar nicht oft genug betonen kann –, dienen dem Erkenntnisfortschritt, nicht der eigenen Erbauung oder der Selbstdarstellung. Deshalb ist Kritik, der ein „positiver Teil“ fehlt, wie Hans Albert das genannt hat, der also ein konstruktiver Aspekt fehlt, keine besonders nützliche Kritik. Dass dem so ist, kann man sich einfach klar machen, wenn man sich das Ziel von Wissenschaft wieder vor Augen führt: Erkenntnis- oder Wissensgewinn. Nun werden manche das nur negative und nicht konstruktive Kritisieren gegen diese Kritik zu immunisieren suchen, z.B. in dem sie sagen: „zu wissen, was falsch ist, ist doch auch was“, und tatsächlich zielt die wissenschaftliche Prüfung von Hypothesen ja darauf ab, sie als falsch zu erweisen. Normalerweise löst ein falsifizierendes Ergebnis in der Wissenschaft eine Suche nach alternativen Hypothesen oder die Veränderung der Fragestellung oder eine Diskussion darüber aus, ob vielleicht methodische Fehler gemacht wurden bei der Prüfung der Hypothese. In jedem Fall treibt das Ergebnis der Forschung die wissenschaftliche Diskussion des Themas an, und idealerweise auch neue Forschungen. Man ist daher auf jeden Fall konstruktiv, weil man auf diese Weise zum Erkenntnis- oder Wissensgewinn beigetragen hat. (Zugegebenermaßen verhalten sich leider nicht alle Personen, die als Wissenschaftler gelten, weil sie eine Position an einer Universität besetzen, so, insbesondere dann nicht, wenn sie mit Sachaussagen Werturteile und Soll-Aussagen verbinden. Damit sind sie dann aber eben vorrangig Ideologen und nur nachrangig oder gar nicht Wissenschaftler.)

Wenn negative Kritik in Verlautbarungen des Geschmacks besteht oder in emotionalen Äußerungen oder in Diskreditierungen der Person, die eine Aussage macht, dann gibt es keine Möglichkeit, etwas über die in Frage stehende Sache zu lernen: Wenn Nero den Daumen nach unten hält, dann hat ihm offensichtlich die Darbietung im Zirkus nicht gefallen; das sagt möglicherweise etwas über die Darbietung selbst aus, möglicherweise aber auch über Neros Tageslaune oder seinen Geschmack. Was davon zutrifft, kann man nur entscheiden, wenn man die Darbietung anhand von Kriterien beschreibt und Neros Präferenzen und seine Tageslaune misst. In Abwesenheit solcher Messungen gibt die Tatsache, dass Nero den Daumen nach unten hält, keinerlei Informationen, mit denen wir etwas anfangen können. Doch halt: Wenn wir beginnen, darüber zu spekulieren, warum er das tut und wir unsere Annahmen hierüber prüfen könnten, sind wir wieder konstruktiv. Wenn man allerdings meint, Neros Daumenhaltung stelle das abschließende Urteil über eine Sache dar und dies sei auch von anderen ohne Weiteres zu akzeptieren, ist dies ganz und gar destruktiv.

Wissenschaft verlangt nach mehr als Diskreditierung oder persönlichen Gefallensurteilen; sie verlangt von einer Kritik immer etwas, das konstruktiv ist, nicht nette Worte oder ein Lob inmitten von negativer Kritik (was immerhin auch möglich wäre), sondern etwas, das sich mit Bezug auf eine Fragestellung sinnvoll weiterverwerten lässt,

Die Verbindung zwischen Kritik, kritischem Denken und kritischer Wissenschaft kann somit zusammenfassend wie folgt beschrieben werden:

Kritische Wissenschaft dient dem Erkenntnisgewinn durch Prüfung von Sachaussagen mit Bezug auf die Realität, Kritik ist die Methode, mit der Schwachstellen im Erkenntnisprozess aufgespürt werden, und kritisches Denken stellt das Instrumentarium bereit, mit dem Schwachstellen aufgespürt werden können. Dies setzt voraus, dass Aussagen, die sich als Bestandteil kritischer Wissenschaft qualifizieren wollen, an der Realität scheitern können, dass sie prüfbar sind und dass erfolgte Falsifikationen dazu führen, dass die verwendete Methodik überarbeitet wird oder Ausgangshypothesen, die sich als falsch erwiesen haben, verworfen werden oder das Gesetz, aus dem sie abgeleitet wurden, modifiziert wird.

Damit ist kritische Wissenschaft ausreichend beschrieben und die Grenze zu nicht wissenschaftlichen Aussagen gezogen. Die Menge der nicht wissenschaftlichen Aussagen umfasst alle Aussagen, die nichts über die Realität aussagen, an der Realität nicht scheitern können und mithin nicht prüfbar sind. Damit sind alle Aussagen, die subjektive Empfindungen wiedergeben, die Gefallen oder Nichtgefallen ausdrücken oder die (wie wohlklingend sie auch immer sein mögen) im Reich der Sprache ge- oder verfangen sind, aus dem Gegenstandsbereich kritischer Wissenschaft ausgeschlossen.

Zum Schluss: „Kritische Wissenschaft“ – ein Pleonasmus?

Ja. Wenn man von „kritischer Wissenschaft“ spricht, ist das eigentlich ein Pleonasmus, denn nach unserer Auffassung von Wissenschaft gibt es nur kritische Wissenschaft oder keine: Wenn sie nicht kritisch ist, dann ist sie eben etwas anderes, z.B. Propaganda. Wir wählen dennoch die Bezeichnung „kritische Wissenschaft“, weil wir damit deutlich machen möchten, dass das Konzept und die Arbeitsweise von Wissenschaft auf der Idee der Kritik beruht und die Idee der Kritik das Kriterium dafür ist, ob etwas „Wissenschaft“ ist oder nicht. Betrachtet man die institutionalisierte Wissenschaft oder die Vielzahl der „Expertisen“, die im Auftrag von Ministerien und Parteien erstellt werden, so könnte man nämlich auf die Idee kommen, „Wissenschaft“ sei weder kritisch noch wertfrei. Dem ist nicht so. Vielmehr ist, was nicht kritisch und wertfrei ist, keine Wissenschaft.
©Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein; sciencefiles.org

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Literatur:

Kritik und kritisches Denken

Bayer, Klaus, 2007: Argument und Argumentation. Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Dauer, Frances Watanabe (1989). Critical Thinking: An Introduction to Reasoning. Oxford: Oxford University Press.

Hoyningen-Huene, Paul, Formale Logik (1998). Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Reclam.

Hughes, William, Lavery, Jonathan & Doran, Katheryn (2010). Critical Thinking. An Introduction to the Basic Skills. Peterborough: Broadview Press.

Hunter, David A. (2009). Critical Thinking. Deciding What to Do and Believe. Hoboken: John Wiley & Sons.

Kiersky, James H. & Caste, Nichoas J. (1995). Thinking Critically. Techniques for Logical Reasoning. St. Paul: West Publishing.

Salmon, Wesley C. (1983). Logik. Stuttgart: Reclam

Watson, Jamie Carlin & Arp, Robert (2011). Critical Thinking. An Introduction to Reasoning Well. London: Continuum.

Kritische Wissenschaft
Albert, Hans (1991). Traktat über kritische Vernunft. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Føllesdal, Dagfinn, Walløe, Lars & Elster, Jon (1988). Rationale Argumentation. Ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie. Berlin: deGruyter.

Michels, Robert (1925). Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Stuttgart: Alfred Kröner.

Opp, Karl-Dieter (2002). Methodologie der Sozialwissenschaften. Einführung in Probleme ihrer Theoriebildung und praktischen Anwendung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Popper, Karl Raimund (1994). Logik der Forschung. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Popper, Karl Raimund (1973). Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Weber, Max (1994[1917/1919]). Wissenschaft als Beruf 1917/1919. Politik als Beruf 1919. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Bildnachweis:
crispian jago
Sonal: the World as I see it
NASA
clean language
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Über das Phänomen der Denunziation

Eine zentrale Säule der politischen Macht in den Scheindemokratien nach anglo-amerikanischem Vorbild ist die Partagierung der Massen und das über die Medien forcierte, unablässige gegeneinander Ausspielen, damit die machtlose Mehrheit gar nicht erst auf die Idee kommt, darüber nachzudenken, wer tatsächlich die Geschicke der Gesellschaft lenkt. Aktuell kann man dies exemplarisch in der Migrationskrise beobachten, […]

über Kontaktschuld – Paul Schreyer über das Phänomen der Denunziation — Die Propagandaschau

Rote Karte für den Salafistenfreund

Seit einigen Monaten ist der deutsch-tunesische Fußballprofi Änis Ben-Hatira als Projektpate für eine Vereinigung aktiv, die sich zwar als humanitäre Hilfsorganisation ausgibt, aber eindeutig islamistische Ziele verfolgt. Die zunehmende Kritik von Politik, Medien und Fans an diesem Engagement weist der Spieler als »Hetze« zurück, während sein Klub Darmstadt 98 die Angelegenheit auszusitzen versucht. Nun ist […]

über Rote Karte für den Salafistenfreund — Lizas Welt

Israelitis: Die Universität Hamburg und die Wissenschaftsfreiheit

Wissenschaftsfreiheit, die Freiheit von Wissenschaft und Lehre ist im Grundgesetz wie folgt definiert: Artikel 5 Absatz 3 : „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung“ Das Bundesverfassungsgericht hat Versuche von Parteien, Ministerien oder der Verwaltung, Maßnahmen durchzusetzen, die den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn einschränken oder […]

über Israelitis: Die Universität Hamburg und die Wissenschaftsfreiheit — ScienceFiles

für 530 € Syrer werden und nie wieder arbeiten

Für 530 Euro Syrer werden: Botschaft soll falsche Pässe verkauft haben Auf diese Weise könnten Menschen ohne entsprechende Staatsangehörigkeit zu… Teilen FOCUS.DE|VON FOCUS ONLINE In Berlin sollen Mitarbeiter der syrischen Botschaft Ausweise für eine Extragebühr von 150 Euro Pässe ausgestellt haben, ohne vorher die Identität der Antragssteller zu überprüfen. +++ Durch die Flüchtlingskrise: Mehr Menschen […]

über .. für 530 € Syrer werden … und nie wieder arbeiten … — inge09

Diese Zuwanderung war unkontrolliert und eine alleinige Entscheidung von Merkel.

Es ist eine gnadenlose Abrechnung mit Angela Merkel. Gabriel spricht sehr offen über den Auslöser der großen Zuwanderung, von der großen Zuwanderungswelle. Viele Menschen würden einen „Kontrollverlust“ empfinden – „Nicht nur mit Blick auf die massenhafte unkontrollierte Zuwanderung des Jahres 2015.“

Kontrollverlust

Hier kommt es auf jedes Wort an. Gabriel redet nicht von Flucht, sondern von Zuwanderung – das Asylrecht ist nur der rechtliche Deckmantel. Diese Zuwanderung war „unkontrolliert“ – und eine alleinige Entscheidung der Bundeskanzlerin. Das wird gerne bestritten – als unumgänglich dargestellt, als notwendige soziale Maßnahme, und Grenzen gäbe es ohnehin nicht mehr. Nichts davon lässt Gabriel stehen – auch die Folgen nicht.

Übermut und Naivität

“Niemals hätten Kanzler wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder Entscheidungen über die Öffnung der Grenzen getroffen, ohne wenigstens einmal mit unseren Nachbarn zu sprechen“.  Wenig weiter sagt Gabriel: „die Naivität oder vielleicht auch der Übermut, mit der das erfolgt ist, habe ich nie für richtig erklärt. Angela Merkel hat eben Deutschland und Europa gerade in dieser Frage in eine Sackgasse geführt.“ Man muss sich Gabriels Formulierungen auf der Zunge zergehen lassen: Übermut und Naivität waren es also, die Deutschland in diese Krise geführt haben?

Er bestätigt, was Kritiker dieser Politik längst umtreibt: Das war keine humanitäre Maßnahme, keine unabweisbare Katastrophe – sondern Übermut. Hat jemals ein Vize-Kanzler seinem Kanzler ein verheerenderes Zeugnis ausgestellt? Aber Gabriel holt noch weiter aus.

An diesem verantwortungslosen Verhalten sei auch die europäische Lösung gescheitert, die man den Bürgern und Wählern als Lösung vorgegaukelt habe – und nicht die Hartherzigkeit der anderen europäischen Länder war es, sondern wiederum das Fehlverhalten der Regierungschefin: „Wenn man dann als deutsche Bundeskanzlerin auch noch niemanden in Europa an der Entscheidung über eine unkontrollierte Grenzöffnung beteiligt, darf man sich über den Ärger aller anderen nicht wundern. Keinen zu fragen, aber hinterher von allen Solidarität zu verlangen, ist einfach naiv.“

Die Folgen sind verheerend:

„Europa steht vor der akuten Gefahr, zusammenzubrechen. Die Aufbauarbeit von zwei Generationen steht vor der erneuten Zerstörung.“

Halten wir also fest: Es sind nicht Zwänge, nicht Populisten, nicht Europafeinde und keine fremden Mächte, die Deutschland in diese Situation des „Kontrollverlusts“ gebracht haben, sondern Übermut, Naivität, komplettes Versagen der Regierungschefin. Mit einzelnen Wortbrocken hat Gabriel das auch schon vorher gesagt – doch niemals so schonungslos und brutal und im Zusammenhang. Aber was sind die Konsequenzen? Gabriel gibt den Parteivorsitz auf und will sich um Frau und Familie kümmern, ein ehrenwertes Unterfangen.

Duo Infernale

Aber jetzt kommt´s: Wer so kritisiert, müsste eigentlich die Koalition und den Kabinettssaal verlassen. So hart und offenherzig seine Kritik ist – so hasenfüßig und unentschlossen sein Handeln. Gabriel wechselt vom Amt des Bundeswirtschaftsministers in das des Außenministers; ein Abstieg ist das nicht gerade. In der Hierarchie ist es sogar ein Aufstieg – protokollarisch rangiert der Außenminister hinter der Bundeskanzlerin. Und Vizekanzler bleibt er auch. Wie kann das alles funktionieren?

Artikel  64 des Grundgesetzes sagt:

„Die Bundesminister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt und entlassen.“

Den Satz sollte man sich merken: Die Ministerien sind nicht Eigentum der Partei. Über ihre Besetzung entscheidet allein der Bundeskanzler, so das Gesetz. Was ja in der neuen deutschen Gesetzes-Ignoranz nicht viel sagt. In Koalitionsregierungen entscheidet der Koalitionspartner über die Besetzung des Postens, der Kanzler winkt durch. So kommt es zum lustigen Ämtertausch; Steinmeier wird Bundespräsident, Gabriel Außenminister und Brigitte Zypries darf Verlegenheitswirtschaftsministerin abgeben – so nebenbei auch ein Signal, was Wirtschaft für die Bundesregierung ist: eine zu besetzende Leerstelle. Wie passt das zu der fundamentalen Kritik, die Gabriel an der Kanzlerin übt? Da gibt es ja zwei Sichtweisen: Wenn die Kanzlerin so dramatisch versagte, und Gabriel führt noch weitere soziale Verwerfungen an – dann muss er zusammen mit seinen Parteifreunden diese Regierung verlassen. Wer bei so einer

„naiven“

oder

„übermütigen“

Politik des

„Kontrollverlustes“

und der Zerstörung Europas auch nur noch einen Tag mitmacht, macht sich mitschuldig.

Aber davon spricht Gabriel nicht. Er behält sein gutbezahltes Plätzchen am Kabinettstisch, rückt sogar ein Plätzchen weiter nach vorne, bleibt Vizekanzler, also Stellvertreter der Frau, der er komplettes Versagen vorwirft, unterwirft sich gehorsam auch noch ihrer Richtlinienkompetenz, die sie laut Grundgesetz ausübt. Gabriel bleibt also Handlanger.

Und die Kanzlerin: Wurde sie jemals so beschimpft, so gnadenlos attackiert und der schreienden Unfähigkeit bezichtigt? Vielleicht von der AfD, vom „Pack“, kurz von „Dunkeldeutschland“, aber mit denen koaliert sie ja nicht. Aber von einem Vize-Kanzler, ihrem Stellvertreter?

Besitzt Angela Merkel Würde, muss sie Gabriel und seine Genossen feuern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwo sonst der Chef einer Regierung sich von einem Weisungspflichtigen so beleidigen lässt.

Natürlich würde das zu einem Misstrauensvotum im Bundestag führen, und Gabriel könnte versuchen, für die Restmonate bis zur Wahl eine eigene Koalition zu bilden. Aber wie sich Merkel das eine nicht traut, wagt Gabriel das andere nicht. So entsteht der Eindruck: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Wer will denn schon dem anderen ans Dienstauto gehen?

Es gab schon eine Scheidungsurkunde

Es geht auch anders. Im September 1982 beispielsweise legte der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) ein wirtschaftspolitisches Programm vor, das im Bundeswirtschaftsministerium ausgearbeitet worden war. Sein Inhalt steht stellvertretend für die wirtschaftspolitische Umorientierung weg von der keynesianischen Nachfragesteuerung, die während der 1970er Jahre eingesetzt und zu massiver Arbeitslosigkeit, Inflation und Staatsverschuldung geführt hatte. Beschimpfungen zwischen Lambsdorff und dem damaligen Kanzler Helmut Schmidt in dieser Form gab es nicht – nur Differenzen in der Wirtschaftspolitik, die aber richtig. Das Papier ist als „Scheidungsbrief“ in die Geschichte eingegangen, weil seine Veröffentlichung am 9. September 1982 den Bruch der Regierungskoalition von SPD und FDP auslöste. Damals nahm man inhaltliche Differenzen noch ernst. Heute wird nur über Personalien geredet.

Politik als Scharade

Heute werden Ministerämter getauscht wie farblich abgestimmte Regenmäntel. Es war wohl nicht so ernst gemeint mit der Fundamentalkritik, wie sie sich im Stern liest. Und Merkel hat’s auch nicht übel genommen. Nach der Wahl wird´s also wieder weitergehen, mit dem Duo Infernale, das aus Übermut den Staat zerstört und Europa an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Politik in Deutschland – Sprüche, Spiele, keine Konsequenzen. Es ist wie eine Scharade auf die Politik: Inszenierte Politik, vorgetäuschter Krach und größtmöglichste Koalition, und wenn Europa in Scherben fällt.

 http://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/europa-steht-vor-der-erneuten-zerstoerung/

Die Schrecken der revolutionären Gesetzlosigkeit

Weil sich in diesem Jahr unter anderem der Oktoberputsch der Bolschewiki zum hundertsten Mal jährt, der als Revolution für die Befreiung der Benachteiligten und Unterdrückten verklärt wurde, habe ich „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak gelesen. Dieses Buch ist zur Legende geworden, nicht nur wegen des Oscar-gekrönten Hollywoodfilms, sondern wegen seiner dramatischen Veröffentlichungsgeschichte. Boris Pasternak ist…

über Die Schrecken der revolutionären Gesetzlosigkeit — Vera Lengsfeld

„Willkomenskultur“ als geballte Ladung von Lügen, Täuschungen und Betrug

Von Malte Dahlgrün.

Unterstützern der Willkommenspolitik gelang es in der Asylkrise mit erstaunlichem Erfolg, den öffentlichen Diskurs durch falsche Dichotomien zu ihren Gunsten zu prägen. Indem sie willkommenspolitischen Positionen ausschließlich bestimmte Pappkameraden gegenüberstellten, lenkten sie von stichhaltigen Gegenargumenten ab. Selbst Kritiker identifizierten diesen rhetorischen Trick nur sporadisch und sprachen ihn viel zu inkonsequent an.

Dichotomes Denken ist nicht immer verkehrt. In manchen Fragen stehen nur zwei relevante Bewertungen oder Handlungen zur Auswahl. Alle anderen Fragen sind für falsche Dichotomien anfällig.

Unter einer falschen Dichotomie kann man zwei Arten von Dingen verstehen. Zum einen kann sie ein Denkfehler sein. Zum anderen kann sie ein rhetorisches Mittel sein, das dazu verleiten soll, in die Falle des Denkfehlers zu tappen. Ein rhetorischer Trick sozusagen.

Der rhetorische Trick ist dieser. Jemand debattiert, als stünden nur zwei entgegengesetzte Optionen zur Auswahl, obwohl er um relevante weitere Alternativen weiß. Oft, wenn auch nicht immer, stehen diese Optionen auf zwei entgegengesetzten Enden eines Kontinuums. Der Denkfehler: Jemand berücksichtigt im Nachdenken über eine Frage nur zwei gegensätzliche Optionen und übersieht relevante Alternativen.

Manchmal fällt eine falsche Dichotomie als rhetorischer Trick und als Denkfehler in derselben Person zusammen. Vermutlich geschieht es sogar sehr oft, dass sich jemand von ihrem eigenen rhetorischen Trick beeindrucken lässt. Welche Mischverhältnisse von Irreführung und Irregeführtwerden dann vorliegen, lässt sich nie genau sagen.

Falsche Dichotomien als rhetorische Allzweckwaffe

Der ruinöse Einfluss, den falsche Dichotomien auf den asylpolitischen Diskurs hatten, lässt sich schwer überbewerten. Falsche Dichotomien dienten Unterstützern der Willkommenspolitik als rhetorische Allzweckwaffe.

Genaugenommen nahmen diese Dichotomien in der Asylkrise die folgende Form an. Ein Pol repräsentierte die eigene, willkommenspolitische Position; der Gegenpol repräsentierte, anstelle bestens begründeter Fundamentalopposition, einen Pappkameraden. Wir schauen uns gleich an, auf welche Weisen das funktionierte. Vorweg eine Begriffsklärung. Was bedeutet hier „Willkommenspolitik“?

Die Willkommenspolitik ist ein Bündel mehr oder weniger extremer asylpolitischer Positionen, die sich im Merkel-regierten Deutschland 2015 auf einmal als neue politmediale Mainstreampositionen entpuppten. Im folgenden eine kleine, sicherlich unvollständige Übersicht zentraler Positionen und Praktiken der Willkommenspolitik.

Jeder Mensch auf der Welt, der über Land an die deutsche Grenze gelangt und illegal einreisen möchte, darf das tun. Er ist willkommen. Artikel 16a, Absatz 2 des Grundgesetzes  –  die Verwehrung des Asylrechts für Einreisende aus sicheren Drittstaaten  –  ist als inexistent zu behandeln. Man verzichtet auf eine ernsthafte Überprüfung der Angaben des Einreisewilligen. Wer seinen Pass weggeworfen hat, um über seine Staatsangehörigkeit zu lügen und schwer abgeschoben werden zu können, wird dafür belohnt. Er darf ins Land und erhält bei staatlich garantierter Versorgung und Unterkunft einen freien Betrugsversuch, wobei offen bleibt, wie man ihn überhaupt wieder loswird, falls der Versuch scheitert.

Wer einen gefälschten Pass vorlegt, wird auch ins Land durchgewunken – das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erstattet nicht einmal Anzeige. Die Daten auf den Smartphones, die fast alle Asylsuchenden bei sich tragen, ließen sich zur Klärung ihrer Identität und zur weitgehenden Eingrenzung ihrer Herkunft heranziehen. Aber selbst die Mobiltelefone von Asylsuchenden ohne Papiere sind nicht zu durchsuchen.

Zum Umgang des deutschen Staates mit dem illegal Eingereisten gilt: Man behandelt ihn, als habe er Anspruch auf Prüfung eines Asylgesuchs. Man betrachtet ihn als anspruchsberechtigt auf eine staatliche Rundumversorgung. Man behandelt den illegal Eingereisten, als stünden ihm umfassende Rechtsansprüche gegenüber der Bundesrepublik Deutschland zu, einschließlich des Rechtes, die Rechtswege der deutschen Verwaltungs- und Sozialgerichte zu beschreiten und kostenlose Rechtsbeihilfe gegenüber dem deutschen Staat zu erhalten. Man bezeichnet den illegal Eingereisten, der bereits vor der Einreise längst in Sicherheit war, völlig kriterienlos als „Flüchtling“. Man bezeichnet ihn selbst dann  –  in einer offensichtlichen, schamlos aufrechterhaltenen Lüge  –  als „Flüchtling“, wenn er nie vor Krieg und Verfolgung floh. Zudem hält man an all den genannten Praktiken fest, wenn ein illegal Eingewanderter in Deutschland wiederholt straffällig geworden ist.

Typischerweise geht damit die Ausgrenzung Einheimischer einher, die sich weigern, „Flüchtlinge“ als falsche, bewusstseinsprägende Generalbezeichnung zu verwenden. (Dass diese Deutschen darin mit renommiertesten Mainstreammedien im Ausland übereinstimmen, wird nicht als logischer Konflikt wahrgenommen.)

Das war also die Willkommenspolitik. „Willkommenskultur“ können wir den allgemeinen Volks-, Medien- und Staatszustand nennen, der diese Politik trug. Weitgehend tut er es noch.

Mindestens sieben falsche Dichotomien von Befürwortern der Willkommenpolitik prägten den asylpolitischen Diskurs seit dem Sommer 2015. Sie tun es teilweise immer noch, in öffentlichen wie privaten Debatten. Alle lenken von zutreffender Fundamentalkritik an der Merkelschen Asylpolitik ab. Alle ersetzen sie durch einen Pappkameraden. Im Laufe diser Serie werden sieben falsche Dichotomien des deutschen Asyldiskurses unterschieden:

Drei globale, emotionale Dichotomien, die der charakterlichen Abwertung von Kritikern dienten:

1. Willkommenskultur versus Hass;

2. Willkommenskultur versus Angst;

3. Willkommenspolitik versus Egoismus.

Drei Dichotomien zu entscheidenden Sachfragen:

1. Bei der Grenzsicherung: Kontrollverlust vsersus totale Abschottung;

2. bei Risikoeinschätzungen: Lichtgestalt „Flüchtling“ versus „Generalverdacht“;

3. bei potentiellen Migrationsanreizen: Irrelevanz versus alleinige Kausalität.

Schließlich eine normative Dichotomie:

Globalegalitärer No-borders-Extremismus versus völkischer Extremismus.

Dr. Malte Dahlgrün ist Wissenschaftsphilosoph.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Die Reduktion der Debatte um die Willkommensfrage auf den Gegensatz von Helfen und Hilfsverweigerung ist hoffnungslos simplizistisch. Sie ist Ausdruck eines zutiefst apolitischen Infantilismus, der ahnungsloses Tugendpräsentieren für einen Beitrag zum politischen Diskurs hält.

Von Malte Dahlgrün.

Drei emotionale Falschdichotomien

Da sind zunächst drei charakterliche, emotionszuschreibende Dichotomien, mit denen in Debatten über die Merkelsche Asylpolitik globale Deutungsmacht beansprucht wurde. Bei allen drei Falschdichotomien steht einer Befürwortung der Willkommenspolitik die Zuschreibung charakterlicher oder wenigstens emotionaler Schwäche an ihre Gegner gegenüber. Bei allen dreien wird die Gesamtheit aller Fundamentalgegner der Asylpolitik — in mehr oder weniger lächerlichen Reduktionen — mit einer ganz bestimmten Teilmenge dieser Personen gleichgesetzt. Eine inhaltliche Adressierung von Einwänden findet nicht statt.

1. Willkommenskultur vs. Hass. Vor allem die Frühphase der Asylkrise wurde von einer umfassenden polemischen Dichotomie aus Willkommenskultur und Hass dominiert. Für diese Bipolarisierung gab es wirkungsmächtige Bilder. Auf der Hass-Seite standen die Bilder der Pöbeleien und Ausschreitungen vor der Heidenauer Asylunterkunft im August 2015. Zwei Wochen später verloren die deutschen Medien den Verstand über die Willkommensjubler im Münchner Hauptbahnhof. Dies waren die zwei asylpolitischen Gesichter des deutschen Volkes. Von diesen Idealtypen unterstützt, verfestigte sich die Falschdichotomie. Wer nicht mitjubelte, war hasserfülltes Pack.

2. Willkommenskultur vs. Angst. Eine raffiniertere Variante dieser Dichotomie setzte sich durch, als die anfängliche Euphorie abebbte. In ihr wurde die Willkommenskultur gegen die Angst gestellt. Die Angst-Willkommens-Dichotomie nahm an medial-politischer Beliebtheit zu, je unausweichlicher sich Willkommensjournalisten mit der Alltagstatsache konfrontiert sahen, dass auch viele weltoffene und zivilisierte Menschen Merkels Asylpolitik fundamental ablehnten.

Die Angst-Willkommens-Dichotomie war auf weniger offensichtliche Weise absurd als die Hass-Willkommens-Dichotomie. Aber ihr Einsatz als polemische Taktik beruhte ebenso zuverlässig auf dem Ignorieren stichhaltiger Argumente gegen die Willkommenspolitik. Und an die Stelle etwaiger Argumente für die Willkommenspolitik setzte diese Strategie: eine herablassende küchenpsychologische Diagnose.

Deutsche Willkommensfanatiker scherten sich freilich nicht darum, klar zwischen Hass- und Angst-Karikaturen des Willkommensgegners zu trennen. Spöttelnd übernahm man den Begriff des „besorgten Bürgers“, der bereits eine Zeitlang in Politik und Medien kursierte. War der Begriff der Sorge eigentlich im semantischen Umfeld der Angst angesiedelt, wurde „besorgter Bürger“ bald zum Spottbegriff urbaner Eliten für fremdenhassende, pöbelnde Kleinbürger umfunktioniert. Gleichzeitig legte der Ausdruck seine ursprüngliche, buchstäbliche Bedeutung nicht einfach ab. Die resultierende Doppelbödigkeit machte den Ausdruck attraktiv für feixende Fans der Merkelschen Asylpolitik: Jeder noch so freundliche und vernünftige Deutsche, der aus guten Gründen besorgt war, durfte sich im Spott über „besorgte Bürger“ ruhig mitgemeint fühlen. Letztlich diffamierte der doppelbödige Ausdruck einfach alle Deutschen, die nicht willkommenspolitisch auf Linie waren.

3. Willkommenspolitik vs. Egoismus. Die dritte debattenprägende Falschdichotomie, die Kritik an der Willkommenspolitik auf einen Charaktermangel reduzierte, stellt dem angeblich gebotenen Helfen der Willkommenspolitik den Egoismus engherziger Deutscher gegenüber. In dieser kindischen Gegenüberstellung wird nicht nur, wie in den vorigen Fällen, die Gegenseite auf einen Pappkameraden reduziert. Es wird auch die Willkommenspolitik ausdrücklich zu etwas verklärt, was sie nicht ist.

Angesichts dessen, dass Deutschland als Wunschmigrationsort und nicht als Nachbarland angesteuert wird; angesichts der um einen aberwitzigen Faktor größeren Hilfseffektivität, die außerhalb Europas möglich wäre; angesichts dessen, was rechtsstaatlich geboten ist; angesichts eines längst bekannten Staatsversagens bei den Abschiebungen; angesichts all dessen, was man Kriminelle, Islamisten, Mobber unter Asylbewerbern ungestraft in Deutschland tun ließ, ohne sie abzuschieben; angesichts des moralisch oft perversen Vergleichs mit dem Aufwand, der für Obdachlose und von anderen Härten betroffene Menschen in Deutschland betrieben wird; angesichts all der längerfristigen Konsequenzen dieser Neumigration, die großteils jung-männlich-bindungslos, ungebildet, arm und viel zu oft islamismusaffin, frauenverachtend, antisemitisch und homophob ist; angesichts dessen, dass sie sich in Deutschland zu einer Migrantenpopulation mit ohnehin schon massiven Assimilationsproblemen hinzugesellt; und, nebenbei bemerkt: angesichts dessen, was eine mitleids- und verantwortungslose Kanzlerin Merkel vor dem Sommer 2015 an vergleichsweise lächerlicher Hilfe verweigerte und auch angesichts ihres Türkei-Deals — angesichts von alledem und noch einigem mehr ist die Reduktion der Willkommensfrage auf die moralische Dichotomie von Helfen und Hilfsverweigerung hoffnungslos simplizistisch, ja idiotisch.

Die moralische Dichotomie von Hilfe und Kaltherzigkeit ist eine, die kein politisch informierter Mensch ernstnehmen kann. Denn sie unterlässt jede Berücksichtigung der ethischen Bilanz politischer Handlungen. Sie berücksichtigt keine Konsequenzen. Sie berücksichtigt auch keine Rahmenbedingungen. Sie ersetzt den raumzeitlich breiten Blick des Politischen durch einen lächerlich engen Blick auf ein paar telegene Szenen in einem oberflächlich wahrgenommenen Hier und Jetzt. Sie ist Ausdruck eines zutiefst apolitischen Infantilismus, der ahnungsloses Tugendpräsentieren für einen Beitrag zum politischen Diskurs hält.

Dr. Malte Dahlgrün ist Wissenschaftsphilosoph.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie:Die absurde Alles-oder-nichts-Argumentation, man müsse alle Einwanderungswilligen ins Land lassen, weil eine Grenzsicherung nicht garantiere, dass alle von ihnen draußen blieben, veranschaulicht einen fundamentalen Zug verblödeter politischer Diskurse: die Weigerung zu gradiertem Denken über Populationseigenschaften.

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Von Malte Dahlgrün.

Drei faktische Falschdichotomien

Vorgegaukelte Dichotomien sorgten auch dafür, dass nicht einmal einfachste Fakten in der Asyldebatte anerkannt wurden—Fakten, von denen abhing, was Deutschland tun sollte und wie Merkels entscheidende Handlungen zu bewerten waren. Vor allem in drei Sachfragen verhinderten falsche Dichotomien jede sinnvolle Debatte im Ansatz:

  1. Sind die deutschen Grenzen sicherbar?
  2. Macht die unkontrollierte Massenzuwanderung Deutschland unsicherer?
  3. Sind von Deutschland Einladungssignale zur Zuwanderung ausgegangen?

Es fühlt sich fast albern an, diese Fragen so zu stellen. Denn in allen drei Fällen lautet die Antwort mehr oder weniger offensichtlich „Ja“. Um halbwegs intelligent zu sein, müsste den jeweiligen Fragen ein „Inwiefern“ vorangestellt werden. Aber mit halbwegs intelligenten Gedanken hatte das geistige Klima im Deutschland des Willkommensrausches nichts zu tun. Fragen wie die erwähnten wären nicht etwa belächelt worden, weil die Antworten eindeutig „Ja“ lauteten, sondern bestenfalls deshalb, weil man sicher war, dass sie zu verneinen seien.

Wie konnte das geschehen? Drei falsche Dichotomien vernebelten in den obigen Fragen die Tatsachen. In den nächsten drei Abschnitten betrachten wir sie der Reihe nach.

1. Grenzsicherung: Kontrollverlust vs. totale Abschottung. In der Frühphase der Asylkrise wurde der Merkel-Kurs immer wieder mit der Belehrung verteidigt, die deutschen Grenzen ließen sich nicht sichern. Auf einmal gab es in Deutschland Millionen neuer Grenzsicherungsexperten, die das jedem selbstsicher zu erklären wussten. Irgendwo, erklärten sie, irgendwie, würden wirklich Einwanderungswillige immer noch ihren Weg über die Grenze finden.

Es war ein erbärmliches Argument. Als sei die Unvermeidbarkeit illegaler Grenzübertritte durch beispielsweise 5 % der Einwanderungswilligen ein Grund dafür, 5 + 95 % unkontrolliert ins Land zu lassen. Abgesehen von seiner schon formalen Fehlerhaftigkeit litt dieses Argument auch an einem entscheidenden inhaltlichen Denkfehler: Welches weitverbreitete Motiv für eine illegale Einreise nach Deutschland sollte eigentlich übrigbleiben, wenn die Willkommenspolitik regierungsamtlich zurückgenommen wäre und wenn auf illegal Eingereiste bei der nächsten staatlichen Stelle der Rücktransport zur Grenze anstatt einer umfassenden Einräumung von Rechtsansprüchen und Leistungen wartete? Und wenn Bilder von der neuen Politik in sozialen Netzwerken um die Welt gingen?

Willkommensbefürwortern ging es um die Verteidigung eines bereits verwirklichten Extrems: der Kontrollaufgabe an deutschen Grenzen. Zur Verteidigung dieses Extrems wurden immer wieder zwei Sachverhalte suggeriert: dass die einzige Alternative zur totalen Grenzoffenheit (a) eine militärische Grenzsicherung mit Tötungsandrohung, (b) die perfekte Abriegelung deutscher Grenzen, oder aber beides sei — „Stacheldraht und Schießbefehl“, wie es üblicherweise hieß. Weil der martialische Auftritt indiskutabel war, die perfekte Grenzsicherung aber mit vertretbaren Mitteln unrealisierbar schien, schloss man stets, dass das gegenteilige Extrem des Kontrollverlustes an der Grenze alternativlos sei.

Kaum ein Kommentator wies damals darauf hin, dass die ständig angesprochenen Extremmaßnahmen Nebelkerzen waren. Sie lenkten die Diskussion von realistischerweise erforderlichen bundespolizeilichen Maßnahmen vollkommen ab. Zu den seltenen Ausnahmen gehörte Reinhard Müller, der Ende Oktober 2015 in der FAZ noch fast zu beiläufig beobachtete: „Schon der Versuch, wenigstens probeweise alle Grenzübergänge für Migranten ‚dicht‘ zu machen, gilt als unmöglich — mit dem Nicht-Argument, man könne das Land nicht hermetisch abriegeln. […] Jeder Vorschlag zur Grenzsicherung wird geradezu in einen Schießbefehl gegen Frauen und Kinder umgedeutet.“

Wochen zuvor hatte sich Vizekanzler Gabriel im Oktober auf die erste Nebelkerze verlassen, als er die versammelte Presse rhetorisch zur Grenzschließung fragte: „Dann muss jemand sagen, wie das gehen soll: Sollen wir dort die Bundeswehr aufmarschieren lassen, mit aufgepflanztem Bajonett?“

Angela Merkel hielt es zur gleichen Zeit eher mit der Nebelkerze von der perfekten Abriegelung. In einer Sondersendung bei Anne Will behauptete sie: „Das Problem ist ja: Sie können die Grenzen nicht schließen“, und zur Begründung faselte sie von 3000 Kilometern deutscher Landgrenze, die man dafür abriegeln müsse. Tatsächlich ging es nur um die deutsch-österreichische Grenze, und selbst davon sind beträchtliche Teile ohnehin nur schwer passierbar. Merkel behauptete zudem die Notwendigkeit eines durchgehend zu bauenden Zauns, obwohl effektive grenzpolizeiliche Maßnahmen keinen erfordert hätten. In ihrer Beschreibung der erforderlichen Maßnahmen und mit der Behauptung, die Grenzen ließen sich nicht schließen, hat Merkel gelogen.

Die absurde Alles-oder-nichts-Argumentation, man müsse alle Einwanderungswilligen ins Land lassen, weil eine Grenzsicherung nicht garantiere, dass alle von ihnen draußen blieben, veranschaulicht einen fundamentalen Zug linksgrün verblödeter politischer Diskurse: die Weigerung zu gradiertem Denken über Populationseigenschaften.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Ist ein Mensch einmal als „Flüchtling“, als „Schutzsuchender“ kategorisiert, denkt man ihn sich als unbedingtes Opfer, mitunter sogar als eine Art Heiligen. So jemand kann kein Sicherheitsrisiko sein. Dabei begreift jede vernünftige Sichtweise Menschen als Träger diverser Eigenschaften, die unter ungünstigen Bedingungen auch ein Sicherheitsrisiko bergen können.

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Von Malte Dahlgrün.

2. Risikoeinschätzungen: Flüchtlinge als Lichtgestalten versus Generalverdacht. Die Weigerung, über Populationen in Anteilen und Wahrscheinlichkeiten kontinuierlich variabler Größe nachzudenken, brachte in der Asyldebatte nicht nur eine, sondern mindestens zwei große Falschdichotomien hervor. Die erste bestand im eben beschriebenen Alle-draußen-/Alle-drin-Framing von Diskussionen zur Grenzsicherung. Die zweite betraf die inhärenten Sicherheitsrisiken einer unkontrollierten Masseneinwanderung.

Die Asylmigration barg und birgt zwei unmittelbare Hauptrisiken. Erstens das der Kriminalität. Zweitens das von dschihadistischem Terrorismus. Deutschen Leitmedien ging es nur sehr verspätet um irgendwelche Risikoanstiege im Gefolge der Merkelschen Offentorpolitik — und dann auch eher um Terrorgefahr. Womöglich ist aber der Aspekt gewöhnlicher Gewalt-, Sexual- und Diebstahlsdelikte dank Merkels Grenzöffnung verheerender.

Es gibt, das ist bekannt, einen massiven Männerüberschuss unter den dank Merkel eingereisten Einwanderern. Die Bilanz des BAMF für das Jahr 2015 wies folgende Anteile an männlichen Asylantragstellern aus den Hauptherkunftsländern auf: Syrien 74%; Afghanistan 73%; Irak 71%; Eritrea 76%; Pakistan 93%. Für nordafrikanische und andere afrikanische Herkunftsländer werden die Zahlen mit Sicherheit nicht tiefer gelegen haben. Der größte Männerüberschuss lag dabei 2015 in den Kohorten von 16 bis 30 Jahren, auch für Männer in den 30ern war er noch sehr beträchtlich.

Jüngere Männer begehen weltweit mit überwältigendem Abstand die meisten Gewaltverbrechen und Diebstahlsdelikte. Bei Vergewaltigungen und anderen sexuellen Übergriffen gilt das sowieso. Unter Mehrfachtätern ist der Männervorsprung noch einmal viel höher. Bei einem Überschuss an alleinstehenden jungen Männern steigt also das Risiko entsprechender Delikte. Alleinstehende junge Männer aber, die auch noch arm, ungebildet und perspektivlos sind, sind schlechterdings eine Hochrisikogruppe. Obendrein wurden bei der Merkel-Migration massenhaft Männer eingeladen, die aus einigen der archaischsten, frauenverachtendsten, antisemitischsten Gesellschaften der Erde kommen. Wehrfähige Männer aus Kriegszonen, mit unbekannten Vorgeschichten. Menschen, die oftmals Islam-Abtrünnige, Juden und Schwule nur tot tolerieren. Die Gefahr der Einschleusung islamistischer Terroristen muss da nicht noch eigens hergeleitet werden. Sie ist ohnehin längst von der Realität bestätigt worden.

Eng umgrenzter Funktionsausfall im Denken

Eine derartige Hochrisikogruppe zu Hunderttausenden unkontrolliert in ein Land strömen zu lassen ist gefährlich. Das ist eine objektive Risikofeststellung, keine politische Einstellungsbekundung. Eine Bundeskanzlerin wäre verpflichtet gewesen, sie zu berücksichtigen und Konsequenzen daraus zum Schutz der eigenen Bevölkerung zu ziehen. Merkel aber wies die Bundespolizei zum bedingungslosen Willkommenheißen an. Keine Papiere: egal. Gefälschte Papiere: egal. Keine Kontrolle des Aufenthaltsorts innerhalb Deutschlands. Vom Staatsversagen bei der Umsetzung von Abschiebungen und beim Umgang mit straffällig gewordene Neumigranten gar nicht erst zu reden.

Deutsche Willkommensjubler — von CDU-Merkelisten bis hin zu linksextremen „Flüchtlingsaktivisten“ — wirken angesichts des sicherheitspolitischen Versagens wie jemand mit einem eng umgrenzten Funktionsausfall im Denken. Dieser Funktionsausfall macht es unmöglich, einen einzigen sinnvollen Gedanken über statistische Häufungen negativer Merkmale in fremden Populationen zu fassen. Er macht es unmöglich, Risiken zu bemessen, wenn diese von Fremden ausgehen.

Diese gegenstandsspezifische, auf fremde Gruppen beschränkte Unfähigkeit zu gradiertem Risikodenken zeigte sich auch in jeder nach Terroranschlägen aufkeimenden Diskussion über den kausalen Status des sogenannten Flüchtlingsstroms. Erst ohne Evidenz, später sogar im eklatanten Widerspruch zu gegenteiliger Evidenz, beharrten Willkommenpolitiker wie bockige Kleinkinder darauf, dass „keine Verbindung“ zwischen dem Flüchtlingsstrom und dschihadistischem Terror in Europa bestehe. Entweder „Keine Verbindung!“ oder „Generalverdacht!“ — das waren die Phrasen, auf die sich der einschlägige Diskurs reduzierte.

Das Versagen probabilistischen Denkens im Asyldiskurs zeigt sich auch in einer binären Konzeption menschlicher Individuen: Ist ein Mensch einmal als „Flüchtling“, als „Schutzsuchender“ kategorisiert, denkt man ihn sich bis zum Beweis des Gegenteils als unbedingtes Opfer, mitunter sogar als eine Art Heiligen. So jemand kann kein Sicherheitsrisiko sein. Darum war auch die Ausweitung des Etiketts „Flüchtling“ auf alle Asylmigranten so wichtig für Willkommensideologen. Erst wenn eine Gewalttat passiert ist, kippt das Bild vom Heiligen zum schlechten Menschen. Linken Fanatikern gilt er selbst dann noch als traumatisiertes Opfer.

Dabei begreift jede ansatzweise adäquate Sichtweise Menschen als Träger diverser Eigenschaften, die unter ungünstigen Bedingungen ein mehr oder weniger großes Sicherheitsrisiko bergen.

Morgen lesen Sie in der nächsten Folge: Erst abgestritten,heute unumstritten: Bilder und Verlautbarungen aus Deutschland, vermittelt durch Gerüchte und Selbstdarsteller in sozialen Netzen, übten einen Sog auf ohnehin schon migrationsbereite junge Männer von Westafrika bis Zentralasien aus. Das gilt für Äußerungen staatlicher Institutionen und ihrer Repräsentanten und es gilt für Fotos von Bargeldempfängern, Bahnhofsjublerinnen und Kanzlerinnenselfies.

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Pappkameraden und Denkfehler der Asyldebatte (Teil 5)

Von Malte Dahlgrün.

3. Migrationsanreize: Irrelevanz versus alleinige Kausalität. Wer im Herbst 2015 die von Deutschland ausgehenden Einladungssignale und Migrationsanreize kritisch ansprach, gelangte bei Unterstützern der Willkommenspolitik häufig nicht einmal bis zu dem Punkt, dass deren Existenz anerkannt wurde. Stattdessen stellten sich Willkommensfreunde dumm und taten so, als habe der Kritiker behauptet, ein bestimmter Sogfaktor sei ganz alleine dafür verantwortlich gewesen, dass sich Menschen aus anderen Kontinenten nach Deutschland auf den Weg machten. Diese lächerliche Behauptung, die kein Mensch aufstellte, wurde sogleich lauthals verworfen, der Einwand als erledigt betrachtet.

Kritisierte jemand zum Beispiel, dass die außergewöhnlich hohen hiesigen Leistungen für Asylantragsteller falsche Anreize darstellten, höhnte es aus dem grünen Bürgertum, dass wegen ein paar hundert Euro im Monat doch niemand aus einem anderen Weltteil nach Deutschland komme. Es handele sich um Menschen, die vor Krieg fliehen, tönte es einem empört entgegen — als stünde dieser kausale Faktor, wo er denn vorlag, in irgendeinem Widerspruch zum kausalen Faktor von Sozialleistungen als Anreiz für die gezielte Migration nach Deutschland. Kommentierte man die narzisstischen Jubelfeiern am Münchner Hauptbahnhof hinsichtlich ihrer Außenwirkung mit Skepsis, spöttelten Willkommensbewegte ebenfalls („Ach, deswegen kommen sie her?“). Ähnlich fielen Reaktionen auf Kritik an den Kanzlerinnenselfies mit Asylbewerbern aus. Oder auf Kritik an Merkels öffentlichem Bestehen darauf, das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenze.

Die frei erfundene Monokausalitätsthese

Wo immer ein besonderer Anreiz zur Migration nach Deutschland identifiziert wurde, stellten Willkommensfreunde den Pappkameraden der Monokausalität auf und suggerierten nach dessen idiotensicherem Abschuss, die Irrelevanz des fraglichen Faktors schlechthin erwiesen zu haben. Entweder Monokausalität oder kausale Irrelevanz — mit dieser unausgesprochenen Falschdichotomie wurde von Willkommensfreunden immer wieder der Spieß umgedreht.

Und das Bizarrste an allem war: Öffentlich-rechtliche Journalisten, die bei einem derart billigen Trick erst warm werden müssten, ließen sich damit abspeisen. Oft schienen sie ihn nicht einmal zu erkennen.

Auch Merkel knöpfte sich verteidigungshalber eine frei erfundene Monokausalitätsthese vor. Von Anne Will am 7. Oktober 2015 auf die weithin behauptete Signalwirkung ihrer Selfies in einer Asylunterkunft angesprochen, ging sie erstaunlich frech tadelnd zum Gegenangriff über: „Glauben Sie denn, dass wirklich hundertausend Menschen ihre Heimat verlassen, weil es ein solches Selfie gibt? Ein Risiko auf sich nehmen? Im Schlauchboot fahren?“ Und kurz darauf — die Zitatwiedergabe erfolgt weiterhin in naturbelassenem Merkel-Deutsch: „Und wenn wir solche Erklärungsmuster uns für die Fluchtursachen herbeiführen, dass die Kanzlerin nur ein Selfie machen muss, und dann kommen hunderttausend! Das… ist nicht. Der Grund.“

Es ist heute unumstritten, dass Bilder und Verlautbarungen aus Deutschland, vermittelt durch Gerüchte und Selbstdarsteller in sozialen Netzen, einen Sog auf ohnehin schon migrationsbereite junge Männer von Westafrika bis Zentralasien ausübten. Das gilt für Äußerungen de Maizières und des BAMF im August 2015, und es gilt für Fotos von Bargeldempfängern, Bahnhofsjublerinnen und Kanzlerinnenselfies.

In der nächsten (und letzten) Folge lsen Sie: Man muss die irrige These ablehnen, derzufolge die einzige Alternative zu einem globalen Egalitarismus in völkischem Reinheitswahn liegt. Es gilt dem No-borders-Extremismus mit Antworten zu begegnen, die die Inkonsistenz seiner Argumentation offenlegen und auf die selbstverständliche Priorisierung nationalstaatlicher Gemeinschaften hinweisen.

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Von Malte Dahlgrün.

Nationalstaat und altruistische Priorisierung

Radikaler Globalegalitarismus vs. völkischer Extremismus. Die letzte Falschdichotomie betrifft Wertevorstellungen in einer staatsphilosophischen Frage. Trotz ihrer Zentralität wird diese falsche Dichotomie so selten identifiziert wie keine andere, um die es hier geht. Auf ihrer einen Seite steht ein extremistisch-bizarr anmutender Globalegalitarismus hinsichtlich der Ansprüche, die beliebige Menschen auf der Welt an einen Nationalstaat wie den deutschen stellen können. Auf ihrer anderen Seite steht eine völkische Blut-und-Boden-Ideologie wie man sie mit den Nazis verbindet. Das sind die extremen Antworten, die die Dichotomie ausmachen. Auf welche Fragen sind es Antworten?

Ich schlage vor, zwei Fragen zu unterscheiden. Erstens: ob man ein Staatsvolk als eine priorisierte Solidaritätsgemeinschaft innerhalb der viel umfassenderen Menge der Weltbevölkerung begreift. Zweitens, wenn man die erste Frage bejaht: ob diese Priorisierung wesentlich dadurch zu rechtfertigen ist, dass die Angehörigen dieses Staatsvolks eine Heimat, Sprache, Kultur und politische Geschichte teilen, die von Vorfahrengenerationen übernommen wurde. (Es gelte dabei der weiteste nur denkbare Wortsinn von „Kultur“.)

Die Antwort auf die erste Frage lautet: Ja, natürlich. Wir setzen diese Priorisierung tagtäglich voraus. Wer den Nationalstaat nicht als eine vorrangige Solidaritätsgemeinschaft begreift, nimmt elementare Aspekte der Realität nicht zur Kenntnis, in der er oder sie lebt. Die Zugehörigkeit zu einem funktionierenden Nationalstaat ist immer auch die Zugehörigkeit zu einer Solidaritätsgemeinschaft, die nach außen hin nur selektiv permeabel ist. Das ist keine steile These. Das ist eine täglich gelebte Selbstverständlichkeit. Warum sonst gibt der deutsche Staat im Inland viele Milliarden Euro für Dinge aus, die weit über das Lebensnotwendige hinausgehen, während dasselbe Geld andernorts auf der Welt für Überlebensnotwendiges ausgegeben werden könnte?

Geld ist fungibel. Damit sind es auch altruistische Leistungen. Aber eine Regierung unterscheidet beim Einsatz von Steuergeldern radikal zwischen dem kleinen Teil der Menschheit, der zum Nationalstaat gehört und entfernten Menschen, die nicht dazu — und auch nicht wenigstens zur EU — gehören. Jede Staatsangehörige, die da mitmacht, verlässt sich auf eine Verrechenbarkeitsbarriere für altruistische Akte an den Grenzen des Nationalstaates. Und zwar zurecht. Genauso verlässt sich jeder, der privat viel mehr Geld ausgibt und viel mehr Vermögen akkumuliert, als er für sich oder die Kernfamilie zum Überleben braucht, auf die ethische Legitimität hoher Verrechenbarkeitsbarrieren an den Grenzen des Individuums oder der Familie.

Zur zweiten Frage. Hier ist sie noch einmal, detaillierter formuliert: Ist die für einen Staat selbstverständliche Priorisierung des eigenen Volkes dadurch ethisch legitimiert, dass die Mehrheit seiner Angehörigen seit (mehr oder weniger zahlreichen) Generationen das Land bevölkern, es gestalten, darin beheimatet sind; dass sie sich in einer gemeinsamen Sprache verständigen; dass sie die Träger gewachsener kultureller Eigenheiten und Institutionen sind; dass sie auf eine gemeinsame politische Geschichte zurückblicken; dass sie in Außenzuschreibungen als ein Volk (hier: „die Deutschen“) wahrgenommen werden — und dass die nach und nach Hinzugekommenen sich immer wieder all dieses umstandslos aneigneten und sich so in den Überlieferungsstrom einordneten?

Ja. Wodurch denn sonst? Wie immer man sie genau formulieren mag, die Legitimation für eine nationalstaatliche Selbstorganisation mit begrenzter altruistischer Durchlässigkeit muss wesentlich historisch sein. Und die Berufung aufs Historische muss Faktoren wie die genannten beinhalten. Es geht um einen komplexen, gemeinsamen, gebietsbezogenen Überlieferungsstrom, zu dem wesentlich das gehört, was als „Heimat“ empfunden wird. Wer das bestreitet, trägt zumindest eine beträchtliche Begründungslast. Nicht andersherum.

Im radikalen Gegensatz dazu förderte die Asylkrise plötzlich zutage: Medienmacher und staatsfinanzierte linke Eliten in Deutschland erkannten selbstverständliche Legitimationen nationalstaatlicher Gemeinschaften nicht nur nicht mehr an, sondern schienen sie überhaupt nicht einmal mehr für diskutabel zu halten. Eine übergeschnappte Bundeskanzlerin beharrte effektiv auf einem universellen Menschheitsanspruch auf Einwanderung in die deutsche Sozialhilfe. Und das deutsche Establishment tat—anders als der mehr oder weniger ungläubig zuschauende Rest des Westens—so, als sei diese Extremposition die natürliche politische Position jedes moralisch anständigen Mitbürgers. Man tat so, als sei es nie anders gewesen.

Die massive Linksverschiebung urbaner Eliten im Hinblick auf einstige nationalstaatliche Selbstverständlichkeiten wird durch nichts so dramatisch veranschaulicht wie durch einen bestimmten historischen Vergleich, der in der Asyldiskussion 2015 regelmäßig vorgebracht wurde. Mitten aus dem politmedialen deutschen Mainstream war auf einmal regelmäßig zu vernehmen, wie deutsche Kriegsflüchtlings- und Heimatvertriebenen-Familien der 1940er mit illegal einwandernden, fremdsprachigen Halbalphabeten aus rückständigsten Clan- und Gewaltkulturen Afrikas, des Nahen Ostens und Zentralasiens verglichen wurden. Wer nicht für möglich gehalten hätte, dass außer einigen Linksextremen jemand auf so einen dummdreisten historischen Vergleich kommen könnte, fand sich auf einmal in einer völlig neuen politischen Normalität wieder. In einem ähnlich surrealen Vergleich setzten Willkommensfreunde beliebige illegale Zuwanderer aus aller Welt mit DDR-Bürgern gleich, denen die Flucht zu ihren Landsleuten im Westen gelungen war.

Antworten auf den No-borders-Extremismus gesucht!

Der radikale No-borders-Egalitarismus konnte sich nur deshalb unangefochten verbreiten, weil eine beispiellose negative Sogwirkung von seinem Gegenpol, der völkischen Ideologie der Nazis, ausgeht. Keine andere politische Idee birgt ein so weitreichendes Assoziations- und Denunziationspotential. Der assoziative Strudel der Nazi-Idee sorgt auch dafür, dass eine geschichtliche, heimatbezogene Begründung des präferentiellen Binnenaltruismus nie artikuliert wird — und somit eigentlich gar nicht erst ins Bewusstsein tritt. Eine solche Begründung ginge im Strudel der Nazi-Assoziationen unter, wenn man sie artikulierte.

Denn natürlich ging die Zugehörigkeit zum regionalen, sprachlichen und kulturellen Kollektiv des deutschen Volkes bis zuletzt, trotz aller Populationszuflüsse, auch mit einer relativen Abstammungsnähe einher. Und die Verteidigung eines präferentiellen Binnenaltruismus mit diesem Begleitaspekt reicht spielend für den Naziverdacht—vor allem, wenn es um Deutschland geht. (Alleine schon „deutsches Volk“ hinzuschreiben gleicht mittlerweile einer Tabuverletzung. Wer dafür keine rationale Begründung finden kann, sollte es trotzdem hinschreiben.)

Man muss dem No-borders-Extremismus mit Antworten begegnen, die die Inkonsistenz seiner Anhänger offenlegen und auf die selbstverständliche Priorisierung nationalstaatlicher Gemeinschaften hinweisen. Diese Priorisierung hat wesentlich mit einer gemeinsam ererbten Heimat, Geschichte und Kultur zu tun. Man muss die falsche Dichotomie ablehnen, derzufolge die einzige Alternative zu einem globalen Egalitarismus in völkischem Reinheitswahn liegt.

Ende

Dr. Malte Dahlgrün ist Wissenschaftsphilosoph.

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