Kategorie-Archiv: kritische Wissenschaft

Über Kreativität in der Wissenschaft

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Was ist kritisch an kritischer Wissenschaft? – Grundsatzprogramm

Kritische Wissenschaft – ein Grundsatzprogramm

Inhalt

Kritik
Kritisches Denken
Kritische Wissenschaft
Literatur

***************************************

Was ist „kritisch“ an kritischer Wissenschaft?

Wie die Kommentare von Lesern dieses blogs, der seit fast einem Jahr besteht, gezeigt haben, sind die Erwartungen darüber, was ein blog über „kritische Wissenschaft“ Lesern zu bieten hat, durchaus unterschiedlich:

  • Für die einen hat „kritische Wissenschaft“ anscheinend eine ziemlich vage Bedeutung, die im Wesentlichen darin besteht, Position gegen dem Zeitgeist entsprechende Positionen zu beziehen, wobei „Wissenschaft“ allerdings in den Hintergrund zu treten scheint und „kritisch“ mehr oder weniger als dem Mainstream entgegengesetzt aufgefasst wird.
  • Andere fühlen sich mit „kritischer Wissenschaft“ an die sogenannte „Kritische Schule“ der Soziologie, die in den 1960er- und 1970er-Jahren an der Universität Frankfurt etabliert war, erinnert.
  • Und wieder andere assoziieren mit „kritischer Wissenschaft“ eine Kritik an der Wissenschaft, wie sie derzeit in Deutschland in institutionalisierter Form betrieben wird.

Obwohl die Inhalte dieses blogs – von Fall zu Fall verschieden – Verbindungen zu all diesen Auffassungen von „kritischer Wissenschaft“ haben, ist keine von ihnen diejenige, die die Betreiber dieses blogs bei seiner Konzeption zugrunde gelegt haben und die nach wie vor ihre Präsentation des blogs inspiriert. Entsprechend haben wir ein Grundsatzprogramm erstellt, dessen Ziel darin besteht, die Grundlagen kritischer Wissenschaft  zu beschreiben und ihren Nutzen für die Diskussion miteinander ebenso wie den Diskussion über Probleme aufzuzeigen. Da Grundsatzprogramme zumeist die Angewohnheit haben, länger zu werden als man auf einmal lesen möchte, gibt es unser Grundsatzprogramm in Happen (was es auch leichter verdaulich werden lässt). Tatsächlich sind die beiden Merkmale, die den „Geist“ dieses blogs ausmachen:

  • kritisches Denken und
  • methodisches Arbeiten,

die gemeinsam „Wissenschaft“ ausmachen oder ausmachen sollten – zumindest nach dem Verständnis der blog-Betreiber.

Dabei verstehen wir unter „Wissenschaft“

einen systematischen und kontrollierten Forschungsprozess, der darauf abzielt, folgerichtig aufgebaute Hypothesen über Zusammenhänge auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen, um auf diese Weise zu (relativ bzw. vorerst) gesichertem Wissen zu kommen.

Vorweg: Was ist „Kritik“ (nicht)?

Wir glauben, dass es sinnvoll ist, zuerst einmal unser Verständnis von „Kritik“ darzustellen. Zu diesem Zweck

  • betrachten wir kurz, wie der Begriff „Kritik“ im Deutschen meistens verwendet wird,
  • geben wir eine kurze Definition von „Kritik“, so, wie wir sie verstehen, und
  • begründen wir, warum wir so verstandene Kritik nützlich und notwendig finden.

„Kritik“ als negativ konnotierter Begriff

Der Begriff „Kritik“ ist im Deutschen gewöhnlich negativ konnotiert, und dementsprechend wird jemand, der eine Kritik äußert, als eher unerfreudlicher Zeitgenosse bewertet und behandelt. Wir unterscheiden drei Varianten dieser negativen Konnotation:

  • Wer kritisiert, ist ein Querulant:
    Wer Kritik übt, dem passt etwas nicht, er mäkelt herum, ist nicht dankbar genug, für den erreichten status quo in der doch besten aller denkbaren Welten. Er stellt sich freiwillig in einen Gegensatz zur nicht-nörgelnden Mehrheit und zeigt dadurch mangelnde Solidarität mit dem Kollektiv, und überhaupt tut er so, als hätte er etwas entdeckt, was den anderen bisher verborgen geblieben ist – sonst würden sie ja auch herummäkeln, d.h. kritisieren; er denkt wohl, er sei ‚was Besseres, kurz: er ist ein Querulant. Er weicht ab, und dies allein genügt vielen, um ihn irgendwie „falsch“ oder „böse“ zu finden.
  • Wer kritisiert, ist ein Misanthrop:
    Übt jemand Kritik an Aussagen oder Überzeugungen einer Person, ist man in Deutschland fast unweigerlich jemand, der denjenigen, der diese Aussagen getätigt hat und diese Überzeugungen hat, nicht „mag“ – mindestens das, oder sogar: der den Kritisierten diskreditieren möchte, ihn ins Unrecht setzen möchte und wer weiß was alles noch (perversen Phantasien sind hier keine Grenzen gesetzt…). Kritik wird als aggressiver Akt gegen eine Person aufgefasst, als Zerstörung der Reputation einer Person, als In-Abrede-Stellen seines schlichten Menschseins.
  • Wer kritisiert, ist ein avantgardistischer Schwätzer:
    „Kritiker“ sind Leute, die mehr oder weniger gut davon leben, anderer Leute Arbeit zu beurteilen – in der Regel negativ. Das Urteil des Literatur- oder Kunstkritikers oder des Gourmet-Testessers oder auch des Wissenschaftlers zeugt von einem (angeblich oder tatsächlich) „höheren“ Verständnis der Dinge, das gerade darin erkennbar wird, dass sonst kein Mensch versteht, warum er so urteilt, wie er urteilt. Dann ist die „Kritik“ im Esoterischen angesiedelt und daher nicht durch Normalsterbliche zu prüfen oder nachzuvollziehen. Damit wiederum ist Kritik zumindest praktisch irrelevant und reserviert für eine selbsternannte „Avantgarde“.

Dies alles ist wenig konstruktiv und nur dazu geeignet, sich gegen Kritik zu immunisieren oder sich die Bildung eines eigenen Urteils von Fall zu Fall zu ersparen. Es handelt sich u.E. tatsächlich nicht um Auffassungen von „Kritik“ sondern um Strategien, „Kritik“ aus dem Weg zu gehen, was uns zu der Frage führt, was denn ein konstruktives Verständnis von „Kritik“ sein könnte.

Eine kurze Definition von „Kritik“

Für uns ist Kritik die Praxis, eine Aussage unter Würdigung dessen, was für oder gegen sie spricht, zu beurteilen. Ein Urteil, zu dem man kommt, ist ein Ergebnis dieses Prozesses (sonst ist das Urteil strenggenommen keines, sondern eine spontane Äußerung aus einer Laune oder Grille heraus).

So verstandene Kritik ist ein unverzichtbares Mittel, um Fehler aufzuspüren, Verbesserungen durch- und Innovationen herbeizuführen. Kritik ist die einzige Möglichkeit, sich an eine wandelnde Umwelt anzupassen:

Wenn man vernünftige Überzeugungen haben möchte und entsprechend vernünftig handeln können möchte, kommt man also gar nicht umhin, ein „Kritiker“ zu sein, wann immer eine Entscheidung über eine Frage oder eine Handlungsentscheidung zu treffen ist. Die Frage ist, wie man zu einer möglichst zutreffenden Einschätzung darüber kommt, was für oder gegen die in Frage stehende Sache oder eine bestimmte Handlung spricht. Hier hilft das kritische Denken weiter, das wir in Teil 2 unseres kleinen „Grundsatzprogramms“ betrachten.

Warum ist diese Definition von „Kritik“ konstruktiv? Oder: zum Nutzen von Kritik

Aussagen, die allgemein akzeptiert werden oder Überzeugungen, die weithin geteilt oder propagiert werden, erscheinen oft als „Tatsachen“, und man setzt vielleicht voraus, dass sie das Ergebnis von Beurteilungsprozessen sind, so dass sich eine weitere Diskussion über sie erübrigt. Oder man weiß, dass sie tatsächlich das Ergebnis von Beurteilungsprozessen sind, und die Sache ist damit für einen selbst erledigt.

Galileo und der Papst

Nun kann es aber passieren, dass jemandem auffällt, dass für das allgemein Akzeptierte eigentlich sehr wenig spricht, dass es vielleicht nur ein Ergebnis einer Laune ist. Oder jemand macht eine Beobachtung oder hat einen Gedanken, von dem er meint, dass sie oder er im Beurteilungsprozess keine Rolle oder keine hinreichende Rolle gespielt habe, so dass die Aussage überdacht werden muss. Oder die Bedingungen haben sich inzwischen verändert, so dass das allgemein Akzeptierte oder damals Propagierte in einem anderen Licht erscheint. Dies alles führt dazu, dass eine Aussage, Behauptung, Praxis oder ein Zustand hinterfragt wird, oder anders gesagt: sie oder er wird (neu) beurteilt, d.h. kritisiert.

Weil der (Neu-/)Beurteilungsprozess begründet werden muss, man also angeben muss, warum man die Angelegenheit überhaupt (wieder) thematisiert, beginnt dieser Prozess häufig mit einer negativen Kritik. D.h. bekannte Argumente werden als falsch erwiesen oder neue Argumente werden den alten entgegengesetzt, und diese so genannte negative Kritik ist es, die den Kritiker in den Augen derer, die den status quo schätzen, zum Querulanten macht. Diejenigen, die glauben, dass der status quo noch nicht den Idealzustand abbildet, sehen in der negativen Kritik aber die Möglichkeit, diesem näher zu kommen, sich und die Umwelt zu verbessern. Und tatsächlich entstehen Veränderungen oder Neuerung in der Regel aus einer (negativen) Kritik des Vorhergehenden: Eine neue Beobachtung oder ein neuer Gedanke führen nämlich nicht nur dazu, dass der status quo hinterfragt wird, wirkt also nicht nur zerstörerisch, sondern auch konstruktiv bzw. produktiv, weil mit einer neuen Beobachtung immer auch die Frage aufgeworfen wird, was Alternativen zum status quo sind oder sein könnten; insofern ist Kritik immer auch konstruktiv oder positiv. („Positive Kritik“ ist also nicht, wenn ich etwas als „gut“ beurteile oder eine Sache mit sonstigen positiven Adjektiven belege.) Weil die Umwelt sich ständig verändert, sind auch Anpassungsleistungen notwendig, und das bedeutet, dass auch Kritik immer notwendig ist (manchmal nur zu dem Zweck, den status quo zu halten, sich also wenigstens nicht zu verschlechtern). Man kann daher auch sagen, dass, wo Kritik unterbleibt, ein langsamer intellektueller, moralischer und letztlich auch physischer Tod droht.

***************************************

Kritisches Denken

Wie wir bereits in Teil 1 unseres „Grundsatzprogramms“ berichtet haben, ist für uns „Kritik“ die Praxis, eine Aussage unter Würdigung dessen, was für oder gegen sie spricht, zu beurteilen, oder anders gesagt: ein Verfahren, zu möglichst informierten und der Sache angemessen Urteilen zu kommen. Wir hatten in Teil 1 auch schon die Frage aufgeworfen, wie man am besten zu solchen Urteilen kommt, sie aber nicht beantwortet. In Teil 2 unseres „Grundsatzprogramms“ wollen wir das nachholen. Die Antwort lautet: Durch kritisches Denken.

Unter „kritischem Denken“ verstehen wir mit Robert Ennis (1987: 1/2) zunächst ein folgerichtiges (also: logisches) und vernünftiges Denken und Nachdenken darüber, was man als Tatsache akzeptieren sollte und was nicht, welchen Aussagen man Glauben schenken sollte oder nicht und welche Position man zu einer Frage oder Angelegenheit einnimmt und vernünftigerweise einnehmen sollte. Letztlich geht es beim kritischen Denken also um die Entwicklung von Urteilsvermögen, und das ist es ja gerade, was für die Praxis der Kritik gefragt ist.

Zum kritischen Denken gehören – wieder Ennis folgend – bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie bestimmte Dispositionen oder Grundeinstellungen. Zu den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die kritisches Denken erfordert, gehören vor allem

  • die Identifikation des Punktes oder des Anliegens, um den/das es eigentlich geht;
  • die Einschätzung der Relevanz dieses Punktes oder Anliegens;
  • die Fähigkeit, die Argumente zu identifizieren und zu rekonstruieren, die den Punkt/das Anliegen stützen sollen;
  • die Fähigkeit, die Qualität dieser Argumente zu prüfen, also z.B. daraufhin zu betrachten, ob ihnen bestimmte Tatsachen entgegenstehen oder ob sie Argumentationsfehler (insbesondere Fehlschlüsse) enthalten;
  • klärende Fragen zu stellen;
  • auf ungeklärte Punkte hinzuweisen und
  • ergänzende Argumente, alternative Argumente oder Gegenargumente vorzubringen.

Zu den Dispositionen oder Grundeinstellungen, die kritisches Denken auszeichnen, gehören u.a.

  • die Akzeptanz der Tatsache, dass es richtige und falsche Behauptungen gibt
    Dabei kann „richtig“ zweierlei bedeuten, nämlich „logisch korrekt“ oder „zutreffend“ im Sinn von „mit der beobachtbaren Realität übereinstimmend“. Falsch ist dann, was nicht logisch korrekt ist oder nicht mit der Realität übereinstimmt.
  • die Auffassung, dass es notwendig ist, Behauptungen zu begründen und durch Tatsachen zu stützen, wenn diese Behauptungen von anderen akzeptiert werden sollen
    Plötzliche Bewusstseinserweiterungen und in diesem Zustand gewonnene subjektive Erkenntnisse können ebenso wie selbst gemachte Erfahrungen von dem, der sie erlebt, als große Bereicherung empfunden werden, aber sie sind nicht mitteilbar und „sprechen“ daher zu niemandem sonst.
  • eine prinzipiell offene Haltung gegenüber Positionen, egal, aus welchem weltanschaulichen „Lager“ sie kommen mögen
    Wenn man Positionen ablehnt, weil sie aus Voraussetzungen abgeleitet sind, die man nicht teil, oder von Personen vorgebracht werden, die man nicht mag (weil sie anders sprechen, aussehen oder eben denken, was sie denken), zeigt dies ziemlich deutlich, dass man die eigene Position als so schwach begründet betrachtet, dass sie ohnehin nur denjenigen mitteilbar bzw. nachvollziehbar ist, die sie schon teilen – und worin, bitte, liegt dann der Wert der Mitteilung dieser Position? Im Rahmen kritischen Denkens besteht der Anspruch, Argumente, auch oder gerade denen mitteilen zu können, die sie nicht ohnehin schon akzeptieren, und zu versuchen, diese Personen in argumentative Schwierigkeiten zu bringen (so dass sie am Ende die Argumente akzeptieren müssen oder wollen).
  • eine Offenheit gegenüber dem, was am Ende eines Diskussions- oder Denkprozesses steht oder stehen kann
    Eine vernünftige Diskussion dient nicht dazu, etwas begründen zu wollen, was man (warum auch immer) schon vorher als „richtig“ festgelegt hat, sondern sie ermöglicht es den Diskutierenden, verschiedenen Argumentationen zu folgen und zu sehen, wohin sie führen, was mit ihnen verbunden ist.
  • die Bereitschaft, Implikationen der zugrunde gelegten Prämissen zu akzeptieren
    (Zu deutsch: zu akzeptieren, dass das, wovon man ausgeht, bestimmte andere Ideen nach sich zieht – bekannt als: „Wer A sagt, muss auch B sagen“ –, bestimmte andere Ideen aber ausschließt.
  • die Bereitschaft, sich mit Argumenten und auch mit Gegenargumenten auseinanderzusetzen, auch dann, wenn sie einem nicht „gefallen“
    – also eine negative emotionale Reaktion auslösen, weil sie „nicht nett“ sind, Formulierungen und Begriffe enthalten, die man selbst nicht benutzt oder die man ablehnt, oder weil sie einfach nur neu (und daher ungewohnt) sind und damit den status quo in Frage zu stellen scheinen oder tatsächlich in Frage stellen.
  • das Streben danach, über die in Frage stehende Sache möglichst gut informiert zu sein, bevor man sich zu ihr äußert
    Das beinhaltet die Fähigkeit, sich einer Beurteilung zu enthalten, wenn man sich nicht wirklich gut informiert hat oder sich nicht hinreichend informiert fühlt, oder eine bereits vorhandene Beurteilung zu verändern, wenn neue Informationen das notwendig machen – nein, es ist keine Schande, aus mangelhaften Informationen die Schlussfolgerungen gezogen zu haben, die man aus ihnen ziehen konnte oder musste! / Aber es ist eine Schande, wenn man sich weigert, nachdem sich eine Schlussfolgerung aufgrund neuer Informationen als falsch erwiesen hat, die Schlussfolgerung zu revidieren;
  • die Bereitschaft, seine eigene Position zu begründen, wenn sie hinterfragt wird
    statt die Tatsache, dass jemand sie hinterfragt, schlicht als „aggressiven Akt“ dieser Person zu bewerten, der diese Person als „Feind“ ausweist, und sich dadurch vor der Notwendigkeit drücken zu wollen, seine eigene Position zu begründen und – wenn möglich – zu verteidigen, ganz egal, wer was dagegen einwendet: Schlechte Nachrichten verschwinden nicht dadurch, dass man den Überbringen der schlechten Nachrichten mit Nichtbeachtung straft oder gar diskreditiert.

Aber warum muss ein Denken, das als kritisch gelten will, nicht nur auf den oben genannten Fähigkeiten beruhen, sondern auch auf den genannten Dispositionen oder Grundeinstellungen?

Ohne diese Grundeinstellungen wird das Denken zu einer egozentrischen Übung oder zu einer bloßen Anpassungsleistung an bereits Vorgegebenes oder zu einem Gewohnheitsakt des Widerspruchs. Wenn diese Grundeinstellungen Bestandteil kritischen Denken sind, dann vermeidet es sowohl Egozentrismus als auch Soziozentrismus im Sinne Piagets, die beide „Resultat fehlgeschlagener Dezentrierung [sind], da man sich oder die eigene Gruppe als Zentrum des Lebens sieht und die eigene Perspektive (‚Ich‘-Perspektive) oder die der eigenen Gruppe (‚Wir‘-Perspektive) für die einzig gültige hält. Dezentrierung bedeutet, dass man den Egozentrismus und den Soziozentrismus übersteigt, indem man die Perspektive des Anderen (‚Du‘) als relevant oder gar korrigierend auffasst“ (van der Ven 1999: 81), aber dies nur im Prinzip, versteht sich: Im praktischen Fall muss geprüft werden, wie gut die Perspektive des Anderen begründet ist, also ob in diesem Fall ich von ihm oder er von mir lernen kann.

Zusammenfassende Definition kritischen Denkens

Als Definition von kritischem Denken, die das oben Genannte zusammenfasst, kann die folgende Definition von Michael Scriven und Richard Paul (1996) gelten:

„Critical thinking is the intellectually disciplined process of actively and skillfully conceptualizing, applying, analyzing, synthesizing, and/or evaluating information gathered from, or generated by, observation, experience, reflection, reasoning, or communication, as a guide to belief and action. In its exemplary form, it is based on universal intellectual values that transcend subject matter divisions: clarity, accuracy, precision, consistency, relevance, sound evidence, good reasons, depth, breadth, and fairness. It entails the examination of those structures or elements of thought implicit in all reasoning: purpose, problem, or question-at-issue, assumptions, concepts, empirical grounding; reasoning leading to conclusions, implications and consequences, objections from alternative viewpoints, and frame of reference.“

Wir übersetzen diese Definition wie folgt:

Kritisches Denken ist ein auf intellektueller Disziplin basierender Prozess des aktiven und geschickten Konzeptualisierens, Anwendens, Analysierens und Evaluierens von Informationen, die durch Beobachtung, Erfahrung, Reflexion, schlussfolgerndes Denken oder Kommunikation gesammelt oder gewonnen wurden. In seiner beispielhaften Form liegen dem kritischen Denken universalistische intellektuelle Werte zugrunde, die für alle Fach- oder thematischen Gebiete bzw. unabhängig vom Inhalt der Informationen gelten: Klarheit, Genauigkeit, Konsistenz, Relevanz, zuverlässige Belege, gute Gründe, Tiefe und Breite [der Betrachtung] sowie Fairness. Kritisches Denken beinhaltet die Prüfung derjenigen Strukturen oder Elemente, die allem Denken zugrunde liegen, aber meist implizit, d.h. unausgesprochen, bleiben, nämlich von Zwecken, Problemen oder Fragen, Annahmen, Konzepten, empirischen Belegen, Schlussfolgerungen, die zu bestimmten Ergebnissen führen, Implikationen und Konsequenzen, Einwänden, die aus alternativen Sichtweisen gemacht werden können, und von Bezugsrahmen, die beim Denken verwendet werden.

Ist kritisches Denken erlern- oder trainierbar?

Kritisches Denken ist also eine ehrgeizige Angelegenheit, die einige Selbstdisziplin – oder wie man heute lieber sagt: ein hohes Maß an Selbstregulation – und kognitive Anstrengung erfordert, aber beides ist trainierbar. Vermutlich wird niemand von uns immer und ohne Weiteres den Anforderungen kritischen Denkens gerecht, aber man kann sich die Grundeinstellungen und Fähigkeiten, die mit kritischem Denken verbunden sind, durchaus zu eigen machen (z.B. indem man seine metakognitiven Fähigkeiten stärkt; vgl. hierzu z.B. Halpern 1988: Kuhn 1999). U.E. ist es eine grundlegende Voraussetzung hierfür, dass man sich selbst als Individuum mit einer personalen Identität und nicht oder nur nachgeordnet als Kollektivmensch oder Gruppenzugehöriger mit einer sozialen Identität betrachtet: Wer vor allem Übereinstimmung mit bestimmten Personen und Abgrenzung von bestimmten anderen Personen sucht, der kann sich kritisches Denken nicht leisten: Diskussionen von Menschen mit- und untereinander dienen dann nämlich nur dazu, sich die soziale Identität zu bestätigen oder sie zu stärken, indem die eigene Position bzw.. die der eigenen Gruppe als richtig und die der anderen als falsch „erwiesen“ wird (Stichwort: Soziozentrismus! s.o). Im Rahmen kritischen Denkens dienen Diskussionen aber dem eigenen Lernen, und das bedeutet, dass man sich der Möglichkeit aussetzt, auf Fehler im Argumentieren oder in der angemessenen Grundeinstellung aufmerksam gemacht zu werden und sich selbst sozusagen in Richtung kritischen Denkens korrigieren zu lassen.

Kurse in kritischem Denken in Buchform

Je vernünftiger (d.h. korrekter und nicht: rhetorisch geschickter) man argumentiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einer angemessenen Beurteilung der in Frage stehenden Sache kommt, und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich korrigieren lassen muss. Die Fähigkeit zum vernünftigen Argumentieren kann man (auch oder besser) außerhalb von konkreten Diskussionssituationen erwerben oder verbessern. So empfiehlt es sich u.E., sich mit der formalen Logik zu beschäftigen, um sicherzustellen, dass man folgerichtig argumentiert. Dazu muss man nicht unbedingt Philosophie studieren oder ein Faible für Formeln haben; man kann formale Logik auch in Form von Einführungen in das kritische Denken erlernen, die das formal-logische korrekte Argumentieren in Anwendungsbezügen trainiert.

Einige solcher Kurse in Buchform, die wir als hilfreich einschätzen oder für uns selbst. d.h. die eigene Argumentationspraxis, hilfreich waren, sind:

Dauer, Frances Watanabe, 1989: Critical Thinking: An Introduction to Reasoning. Oxford: Oxford University Press.

Hughes, William, Lavery, Jonathan & Doran, Katheryn, 2010: Critical Thinking. An Introduction to the Basic Skills. Peterborough: Broadview Press.

Hunter, David A., 2009: Critical Thinking. Deciding What to Do and Believe. Hoboken: John Wiley & Sons.

Kiersky, James H. & Caste, Nichoas J., 1995: Thinking Critically. Techniques for Logical Reasoning. St. Paul: West Publishing.

Wer ein wenig tiefer in die formal-logischen Grundlagen guten Argumentierens einsteigen möchte, aber keine Formeln mag und auch kein Inventar (im übrigen sehr nützlicher) antiker und mittelalterlicher Schlussfiguren anlegen möchte, ist, so glauben wir, gut beraten z.B. mit:

Watson, Jamie Carlin & Arp, Robert, 2011: Critical Thinking. An Introduction to Reasoning Well. London: Continuum.

Zwei deutschsprachige Bücher, die philosophisch etwas anspruchsvoller sind und ein wenig Toleranz gegenüber (sehr einfachen) Formeln erfordern, die aber dennoch sehr gut verständlich in die formale Logik einführen, sind:

Hoyningen-Huene, Paul, Formale Logik, 1998: Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Reclam.

Salmon, Wesley C., 1983: Logik. Stuttgart: Reclam.

Deutschsprachige Kurse in kritischem Denken, die den oben genannten englischsprachigen vergleichbar sind, haben wir lange (genau gesagt: seit mehr als einem Jahrzehnt) vergeblich gesucht. (Nun, das erklärt vielleicht einiges….) Am nächsten heran reicht u.E.:

Bayer, Klaus, 2007: Argument und Argumentation. Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schließlich noch eine Mahnung zur Vorsicht:

Kritisches Denken hat sehr viel mit formallogisch korrekter Argumentation zu tun, aber nicht mit der trickreichen Anwendung von rhetorischen Mitteln bzw. der Persuasion. Je nachdem, wie man meint, am besten überzeugen zu können, kann die Persuasion argumentationslastig sein, sie kann aber auch an Gefühle appellieren etc., um zu manipulieren, und das ist gerade kein gutes Argumentieren. Seien Sie deshalb vorsichtig – um nicht zu sagen: kritisch – im Umgang mit Kursen, die Argumentieren mit Rhetorik oder der „Überzeugungskunst“ gleichsetzen oder in einem Atemzug nennen.

So hat z.B. das „Trainingsbuch Rhetorik“ von Tim C. Bartsch, Michael Hoppmann, Bernd F. Rex und Markus Vergeest (2005 in Paderborn bei Schöningh erschienen) rein gar nichts mit korrekter Argumentation zu tun. Und wir raten auch zu großer Vorsicht gegenüber dem UTB-Band „Schlüsselkompetenz Argumentation“, der von Markus Herrmann, Michael Hoppmann, Karsten Stölzgen und Jasmin Taraman 2010 veröffentlicht wurde: Hier werden „Argumente“ genannt, die zum großen Teil gerade keine sind, die also formallogisch nicht korrekt sind (z.B. das Autoritätsargument), und daher sind auch Tipps der Autoren dazu, wie man solche „Argumente“ widerlegt, nichts anderes als die üblichen Einwände gegen sie, die sie gemäß der formalen Logik als Fehlschlüsse identifizieren. Warum das so ist, lernt man, wenn man sich mit einem Mindestmaß an formaler Logik beschäftigt, aber nicht im genannten Buch, in dem man u.E. eigentlich gar nichts Substanzielles lernt. Außerdem ist es aus einer Perspektive geschrieben, die mit der Grundeinstellung kritischen Denkens unvereinbar ist: Wenn man z.B. lernt, wie man Argumente widerlegt, suggeriert das, dass es ein Selbstzweck wäre, anderer Leute Argumente zu widerlegen, um Recht zu behalten, statt darum, zu einer möglichst guten Entscheidung hinsichtlich einer Frage zu kommen. Für die Autoren ist das leider tatsächlich so, wie man an einer Vielzahl von Indikatoren erkennen kann. Z.B. sehen die Autoren auch ein „Widerspruchstraining“ vor, bei dem es ganz offensichtlich nicht darum geht, Urteilsvermögen zu entwickeln, sondern um das Debattieren als Solches und darum, sich gegen andere durchzusetzen und die rhetorische Oberhand zu behalten. Das ist kein kritisches Denken, sondern sein Gegenentwurf: der Versuch der Manipulation und Machtausübung; und diesen Versuch finden wir darüber hinaus alles andere als elaboriert; wir finden dieses Buch, ganz ehrlich gesagt, eher abstoßend.

Warum sollte man überhaupt kritisch Denken?

(Wo „Kritik“ im Deutschen doch immer die Konnotation des Dagegen-Seins, des Unfreundlichen, des Nörgelns, des Mangels an Solidarität hat; s.o.)

Kritisches Denken ist kein „Hobby“ und keine Frage des Geschmacks, sondern die Voraussetzung dafür, dass man Probleme rational und effizient lösen kann und zu Fragen vernünftig Stellung nehmen kann, und dies wiederum verbessert die eigene Lebensqualität (Freeley & Steinberg 2009: 2/3: ten Dam & Volman 2004: 359/360). Z.B. ist es für die Beantwortung der Frage, ob es sich lohnt, eine bestimmte Versicherung abzuschließen oder nicht und sein Geld statt dessen anders zu investieren (oder es für andere Dinge auszugeben), sehr hilfreich, wenn man ungefähr weiß, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Schadensfall eintritt, wie sich die Inflation entwickelt und welche alternativen Möglichkeiten der finanziellen Absicherung es gegen die Misslichkeiten des Lebens gibt.

Kritisches Denken ist aber nicht nur für den einzelnen vorteilhaft. Vielmehr ist sie eine Bedingung dafür, dass eine Zivilgesellschaft als „a political project bent on enabling a genuinely non-hierarchical plurality of individuals and groups openly and non-violently to express their solidarity with – and opposition to – each other’s ideals and ways of life“ (Keane 2004: 55) existieren kann: Eine solche Gesellschaft muss die Fähigkeit zur Selbstkorrektur haben, wenn sie nicht in Totalitarismus verfallen will, und die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstkorrektur ist letztlich ein Ergebnis der Fähigkeit zur Partizipation und zur Selbst- und gegenseitigen Korrektur ihrer Bürger (vgl. hierzu Bauerkämper 2003 : 12/13 sowie Keane 2009: 867/868).

Weil kritisches Denken eine anspruchsvolle Sache ist und einem nicht einfach so „zufällt“, ist jede Hilfestellung dabei willkommen, und eine der besten Hilfestellungen bietet die wissenschaftliche Arbeitsweise bzw. die methodische Arbeitsweise, wie sie in der Wissenschaft – auch in den und für die Sozialwissenschaften – entwickelt wurde und der (hoffentlich immer noch und auch in Deutschland) üblicherweise Wissenschaftler bei ihrer Arbeit folgen.

Kritik und kritisches Denken wurden in den beiden letzten Posts, in denen wir unser Grundsatzprogramm vorgestellt haben, diskutiert. Beide, Kritik und kritisches Denken sind grundlegende  Bestandteile kritischer Wissenschaft. Kritische Wissenschaft geht aber in einem wichtigen Punkt über Kritik und kritisches Denken hinaus: Sie liefert nämlich diejenigen Informationen, die die Prüfung von Argumenten an der Realität ermöglichen, so dass das kritische Denken Argumente nicht nur daraufhin betrachten kann, ob sie logisch korrekt sind, sondern auch daraufhin, ob sie empirisch korrekte Argumente sind oder nicht.

Kritische Wissenschaft

Zur Erinnerung:

Wir haben Kritik definiert als die Praxis, eine Aussage unter Würdigung dessen, was für oder gegen sie spricht und ohne emotionale Beteiligung oder Voreinstellung zu beurteilen. Ein Urteil ist somit das Ergebnis von Kritik, einer kritischen Bestandsaufnahme, in deren Verlauf eine Aussage auf ihren logischen und ihren „Wahrheitsgehalt“ hin geprüft wurde.

Kritisches Denken haben wir mit Michael Scriven und Richard Paul definiert als einen auf intellektueller Disziplin basierenden Prozess des aktiven und geschickten Konzeptualisierens, Anwendens, Analysierens und Evaluierens von Informationen, die durch Beobachtung, Erfahrung, Reflexion, schlussfolgerndes Denken oder Kommunikation gesammelt oder gewonnen wurden. … Kritisches Denken beinhaltet die Prüfung derjenigen Strukturen oder Elemente, die allem Denken zugrunde liegen, aber meist implizit, d.h. unausgesprochen, bleiben, nämlich von Zwecken, Problemen oder Fragen, Annahmen, Konzepten, empirischen Belegen, Schlussfolgerungen, die zu bestimmten Ergebnissen führen, Implikationen und Konsequenzen, Einwänden, die aus alternativen Sichtweisen gemacht werden können, und von Bezugsrahmen, die beim Denken verwendet werden.

Kritisches Denken stellt somit eine konkrete Tätigkeit dar, während Kritik einen Modus, eine Vorgehensweise, des Denkens beschreibt. Anders formuliert: Kritik ist die Methode, kritisches Denken seine Anwendung. Beides sind  Bestandteile dessen, was wir als Kritische Wissenschaft bezeichnen. Kritische Wissenschaft fügt aber, wie oben vorweggenommen noch etwas hinzu, nämlich die Prüfung von Aussagen an der Realität:

***************************************

Kritische Wissenschaft?

Was ist Wissenschaft?

Wissenschaft dient dem Erkenntnisgewinn, d.h. Wissenschaft macht Aussagen über reale Zusammenhänge in der Natur oder dem sozialen Leben. Wissenschaft bezieht sich also auf die Realität, stellt  Aussagen über das auf, was wirklich ist oder nicht ist, auf. D’Andrade hat Wissenschaft und „wissenschaftliches Arbeiten“ in anschaulicher Weise und wie folgt definiert:

„There is a general agreement that doing science is

(1) trying to find out about the world by making observations,
(2) checking to see if these observations are reliable,
(3) developing a general model or account that explains these observations,
(4) checking this model or account against new observations, and
(5) comparing it to other models and accounts to see which model fits the observations best.

Science is simply a systematic way of trying to find out about the world. … The most important thing about science is that it involves continuous checking” (D’Andrade, 1995, S.1).

Zu Deutsch: Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass wissenschaftliches Arbeiten darin besteht

(1) etwas über die Welt herauszufinden, indem man Beobachtungen macht,
(2) zu prüfen, ob die gemachten Beobachtungen verlässlich sind,
(3) ein allgemeines Modell zu entwickeln, das die gemachten Beobachtungen erklären kann bzw.  aus dem die Beobachtungen abgeleitet werden können,
(4) dieses allgemeine Modell anhand  weiterer und neuer Beobachtungen zu überprüfen und
(5) das allgemeine Modell mit anderen allgemeinen Modellen zu vergleichen, um herauszufinden, welches der Modelle die gemachten Beobachtungen am besten erklären kann.
Wissenschaft ist ein systematischer Weg, etwas über die Welt herauszufinden. … Was an Wissenschaft am wichtigsten ist, ist, dass sie die vorhandenen Wissensbestände kontinuierlich überprüft.

Merkmale wissenschaftlicher Aussagen

„Gegenstände fallen auf den Boden“, ist eine Aussage über die Realität. „(Partei- oder Gewerkschafts-)Funktionäre vertreten bereits nach kurzer Zeit nicht mehr die Interessen der Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder, sondern ihre eigenen“, ist eine Aussage über die (soziale) Realität. Beide Aussagen haben vier Merkmale gemeinsam:

  • Beide Aussagen sind Beobachtungsaussagen, die aus allgemeinen Zusammenhangsaussagen abgeleitet werden können: Im ersten Fall ist dies z.B. das Gravitationsgesetz, im zweiten Fall z.B. das eherne Gesetz der Oligarchie von Michels (1925).
  • Beide Aussagen sind durch unterschiedliche Menschen prüfbar. Jeder, der z.B. einen Apfel werfen kann, kann die erste Aussage prüfen, und jeder, der sich z.B. mit den Nutznießern von Parteitätigkeit oder der deutschen Parteienfinanzierung beschäftigt, kann die zweite Aussage überprüfen.
  • Beide Aussagen können an der Realität scheitern: Wenn ich einen Apfel werfe, und er verschwindet im Weltall, dann hat sich die erste Aussage offensichtlich als falsch erwiesen. Wenn sich herausstellt, dass Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre aus rein altruistischen Motiven und ohne eigene Interessen zu verfolgen, Partei- oder Gewerkschaftspolitik vertreten und kaum mehr verdienen als das durchschnittliche Mitglied ihrer Partei oder Gewerkschaft, dann hat sich die zweite Aussage als falsch erwiesen.
  • Beide Aussagen beziehen sich allein darauf, ob etwas wie erwartet eintritt oder nicht, ob es sich tatsächlich so verhält. Sie enthalten keine Bewertung dessen, was behauptet wird, als „gut“ oder „schlecht“, lediglich als faktisch zutreffend oder unzutreffend. Es mag naheliegen, das Wirtschaften in die eigene Tasche als „schlecht“ zu bewerten, aber die Aussage, dass Parteifunktionäre dies tun, an sich, stellt noch keine solche Bewertung dar; es geht allein um die Frage, ob die Aussage sachlich korrekt ist oder nicht. Wie man die in der Aussage beschriebene Praxis bewertet oder bewerten würde, wenn die Aussage zutreffend, also sachlich korrekt, ist oder wäre, ist eine andere, eigenständige Frage, die man tunlichst von der Sachfrage nach der Existenz von etwas in der Realität unterscheiden sollte. (Wenn man es nicht tut, könnte man die Beschreibung bestimmter Tatsachen auf unsere Welt allein schon dadurch manipulieren oder unterdrücken, dass man sie vorab als „gut“ oder „schlecht“ bewertet.)

Die vier Merkmale von Aussagen, die wir hier an Beispielen benannt haben, nennt man in der Wissenschaft:

  • Zuordenbarkeit zu einem allgemeinen Satz, einem Gesetz;
  • intersubjektive Nachprüfbarkeit;
  • Falsifizierbarkeit;
  • Werturteilsfreiheit;

Wenn eine Aussage eines oder mehrere dieser vier Merkmale nicht aufweist, dann handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Aussage bzw. keine für Argumentationen relevante Aussage, weil sie keine Überzeugungskraft haben. Beispiele für Aussagen dieser Art sind:

„Atomkraft ist schlecht“,
(diese Aussage ist keine Sachaussage, sondern ein Werturteil)

„Aufgrund meiner emotionalen Erkenntnisfähigkeit bin ich zu der Auffassung (oder schlimmer: zu dem Schluss (!)) gekommen, dass Ihre Auffassung kalt und rationalistisch ist“,
(auch diese Aussage enthält ein Werturteil; außerdem wird etwas behauptet, was für andere nicht überprüfbar ist, weil es sich auf eine dem Sprecher eigene Erkenntnisfähigkeit beruft)

„Aber Herr Prof. X meint, dass dies ganz anders sei“
(diese Aussage ist intersubjektiv nachvollziehbar, sie kann sich als falsch erweisen und sie enthält kein Werturteil, aber das allgemeine Gesetz, aus der sie abgeleitet ist, müsste lauten, dass Herr Prof. X immer recht hat. Ein solches Argument bezeichnet man als Autoritätsargument oder lateinisch: argumentum ad auctoritatem, und es ist logisch falsch, denn es enthält keine Begründung, sondern verschiebt die Begründung auf Herrn Prof. X, der hoffentlich eine Begründung hat. Aber wenn er diese Begründung hat, müsste sie sich ja von ihm oder jemand anderem nennen lassen, und deshalb ist das Autoritätsargument selbst kein Argument, sondern verweist lediglich auf ein Argument, von dem aber nicht mitgeteilt wird, wie es lautet, ja, von dem man nicht einmal weiß, ob es überhaupt existiert)

„Autopoiesis bedingt eine Ausdifferenzierung der Teilsysteme.“
(Diese Aussage ist reines Wortgeklingel, das weder prüfbar ist noch etwas über die Realität aussagt. Etwas, von dem angenommen wird, dass es vielleicht in der Realität vorhanden ist (Autopoiesis) führt zu etwas anderem (Ausdifferenzierung der Teilsysteme), das ebenso angenommen wird und das nicht unabhängig von der ersten Annahme geprüft werden kann. Logisch entsprechend wäre die Aussage, das Wuff führt zu einem Wow im Off.)

Wissenschaftliches Vorgehen

Kritische Wissenschaft beginnt also mit einer prüfbaren Aussage (einer Beobachtung), die aus einem Gesetz abgeleitet werden kann. Dieses Gesetz kann zum Zeitpunkt der Beobachtung bereits bekannt sein oder es kann notwendig sein, das entsprechende Gesetz erst zu finden, z.B. dadurch, dass man eine mutige Antizipation, wie Popper dies genannt hat, also einen allgemeinen Satz aufstellt, aus dem die gemachte Beobachtung, also eine Aussage über die Realität abgeleitet, durch den sie erklärt werden kann.

Wer zum Beispiel prüfen  will, ob das Oligarchiegesetz von Michels zutrifft, der kann die Aussage – in der Wissenschaft nennt man eine solche probeweise formulierte Aussage „Hypothese“ – formulieren, dass es wenig gibt, das die Interessen von Gewerkschaftsfunktionären mit den Interessen ihrer Mitgliedern verbindet. Diese Hypothese ist jedoch sehr allgemein formuliert. Sie sagt einem nicht, was genau man betrachten soll, und dementsprechend muss sie operationalisiert, d.h. messbar gemacht werden. Das heißt, es muss ein Maß gefunden werden, mit dem die Interessen, die Parteifunktionäre mit ihrer Position in der Partei verbinden, gemessen werden können, und es muss ein Maß gefunden werden, mit dem die Interessen der Parteimitglieder gemessen werden können. Dies setzt voraus, dass man angibt, was genau man unter „Interesse“ versteht (Definition) und dass man angibt, wie man „Interesse“ messen kann (Operationalisierung): Anhand welcher Beobachtung entscheidet man, ob ein „Interesse“ vorliegt und wenn ja, welches? Im einfachsten Fall ist die Operationalisierung von „Interessen der Funktionäre“ (z.B. Einkommen, Status, Macht, Einfluss) und „Interessen der Parteimitglieder“ (z.B. Meinungshoheit im Verein, Status, Einfluss, Dazugehören) schnell erledigt, und die Schnittmenge zwischen beiden „Interessenfeldern“ kann bestimmt werden, indem man die Funktionäre und Mitglieder nach diesen Interessen fragt: Je größer die Schnittmenge, um so eher muss man das eherne Gesetz der Oligarchie im geprüften Fall als widerlegt ansehen.

Allerdings fordert kritische Wissenschaft auch intersubjektive Nachprüfbarkeit des Ergebnisses und des Prozesses, der zu dem Ergebnis geführt hat. Um zu prüfen, ob das Ergebnis, dass Parteifunktionäre in die eigene Tasche wirtschaften und Parteimitglieder in der Illusion leben, von Funktionären gut vertreten zu werden, richtig ist, muss die entsprechende Messung wiederholbar sein, und es muss sichergestellt sein, dass die Operationalisierung auch das gemessen hat, was sie messen sollte. Z.B. wäre die Höhe des Einkommens von Funktionären kein ausreichender Indikator, keine ausreichende Operationalisierung für ein „In-die-eigene-Tasche-Wirtschaften“, weil es trotz hoher Einkommen nicht auszuschließen ist, dass es z.B. Parteifunktionäre gibt, die sich um die Interessen der Parteimitglieder kümmern.

Wenn man als Leser einer Studie gar nicht erfährt, wie etwas gemessen wurde und wie insgesamt die Vorgehensweise der Forscher ausgesehen hat, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich die Studie nicht als „wissenschaftlich“ qualifiziert: Sie ist der Nachprüfbarkeit entzogen und damit irrelevant, oder schlimmer: sie soll der Nachprüfbarkeit bewusst entzogen werden, damit die erzielten Ergebnisse nicht kritisiert werden können.

Damit sind wir wieder bei der Kritik angekommen. Wissenschaft, so wurde oben gesagt, dient der Erkenntnis – oder sagen wir moderner und etwas bescheidener: dem Wissenssgewinn. Wissen sagt, wie etwas ist, und ist nach Möglichkeit gewiss oder doch zumindest nicht falsch. Und zum Wissen gelangt man indirekt dadurch, dass man zeigt, wie etwas nicht ist. Kritik ist ein Mittel, die Schwachstellen in Theorien aufzudecken, Fehler zu eliminieren und dadurch unser vorhandenes Wissen zu verbessern. Kritisches Denken gibt Aufschluss darüber, wo man mit Kritik an einer bestimmten Aussage ansetzen kann, und mit welchen Hypothesen man die Aussage konfrontieren kann, um sie entweder zu bestätigen oder zu falsifizieren.

Kritik und kritisches Denken – es sei noch einmal betont, weil man es gar nicht oft genug betonen kann –, dienen dem Erkenntnisfortschritt, nicht der eigenen Erbauung oder der Selbstdarstellung. Deshalb ist Kritik, der ein „positiver Teil“ fehlt, wie Hans Albert das genannt hat, der also ein konstruktiver Aspekt fehlt, keine besonders nützliche Kritik. Dass dem so ist, kann man sich einfach klar machen, wenn man sich das Ziel von Wissenschaft wieder vor Augen führt: Erkenntnis- oder Wissensgewinn. Nun werden manche das nur negative und nicht konstruktive Kritisieren gegen diese Kritik zu immunisieren suchen, z.B. in dem sie sagen: „zu wissen, was falsch ist, ist doch auch was“, und tatsächlich zielt die wissenschaftliche Prüfung von Hypothesen ja darauf ab, sie als falsch zu erweisen. Normalerweise löst ein falsifizierendes Ergebnis in der Wissenschaft eine Suche nach alternativen Hypothesen oder die Veränderung der Fragestellung oder eine Diskussion darüber aus, ob vielleicht methodische Fehler gemacht wurden bei der Prüfung der Hypothese. In jedem Fall treibt das Ergebnis der Forschung die wissenschaftliche Diskussion des Themas an, und idealerweise auch neue Forschungen. Man ist daher auf jeden Fall konstruktiv, weil man auf diese Weise zum Erkenntnis- oder Wissensgewinn beigetragen hat. (Zugegebenermaßen verhalten sich leider nicht alle Personen, die als Wissenschaftler gelten, weil sie eine Position an einer Universität besetzen, so, insbesondere dann nicht, wenn sie mit Sachaussagen Werturteile und Soll-Aussagen verbinden. Damit sind sie dann aber eben vorrangig Ideologen und nur nachrangig oder gar nicht Wissenschaftler.)

Wenn negative Kritik in Verlautbarungen des Geschmacks besteht oder in emotionalen Äußerungen oder in Diskreditierungen der Person, die eine Aussage macht, dann gibt es keine Möglichkeit, etwas über die in Frage stehende Sache zu lernen: Wenn Nero den Daumen nach unten hält, dann hat ihm offensichtlich die Darbietung im Zirkus nicht gefallen; das sagt möglicherweise etwas über die Darbietung selbst aus, möglicherweise aber auch über Neros Tageslaune oder seinen Geschmack. Was davon zutrifft, kann man nur entscheiden, wenn man die Darbietung anhand von Kriterien beschreibt und Neros Präferenzen und seine Tageslaune misst. In Abwesenheit solcher Messungen gibt die Tatsache, dass Nero den Daumen nach unten hält, keinerlei Informationen, mit denen wir etwas anfangen können. Doch halt: Wenn wir beginnen, darüber zu spekulieren, warum er das tut und wir unsere Annahmen hierüber prüfen könnten, sind wir wieder konstruktiv. Wenn man allerdings meint, Neros Daumenhaltung stelle das abschließende Urteil über eine Sache dar und dies sei auch von anderen ohne Weiteres zu akzeptieren, ist dies ganz und gar destruktiv.

Wissenschaft verlangt nach mehr als Diskreditierung oder persönlichen Gefallensurteilen; sie verlangt von einer Kritik immer etwas, das konstruktiv ist, nicht nette Worte oder ein Lob inmitten von negativer Kritik (was immerhin auch möglich wäre), sondern etwas, das sich mit Bezug auf eine Fragestellung sinnvoll weiterverwerten lässt,

Die Verbindung zwischen Kritik, kritischem Denken und kritischer Wissenschaft kann somit zusammenfassend wie folgt beschrieben werden:

Kritische Wissenschaft dient dem Erkenntnisgewinn durch Prüfung von Sachaussagen mit Bezug auf die Realität, Kritik ist die Methode, mit der Schwachstellen im Erkenntnisprozess aufgespürt werden, und kritisches Denken stellt das Instrumentarium bereit, mit dem Schwachstellen aufgespürt werden können. Dies setzt voraus, dass Aussagen, die sich als Bestandteil kritischer Wissenschaft qualifizieren wollen, an der Realität scheitern können, dass sie prüfbar sind und dass erfolgte Falsifikationen dazu führen, dass die verwendete Methodik überarbeitet wird oder Ausgangshypothesen, die sich als falsch erwiesen haben, verworfen werden oder das Gesetz, aus dem sie abgeleitet wurden, modifiziert wird.

Damit ist kritische Wissenschaft ausreichend beschrieben und die Grenze zu nicht wissenschaftlichen Aussagen gezogen. Die Menge der nicht wissenschaftlichen Aussagen umfasst alle Aussagen, die nichts über die Realität aussagen, an der Realität nicht scheitern können und mithin nicht prüfbar sind. Damit sind alle Aussagen, die subjektive Empfindungen wiedergeben, die Gefallen oder Nichtgefallen ausdrücken oder die (wie wohlklingend sie auch immer sein mögen) im Reich der Sprache ge- oder verfangen sind, aus dem Gegenstandsbereich kritischer Wissenschaft ausgeschlossen.

Zum Schluss: „Kritische Wissenschaft“ – ein Pleonasmus?

Ja. Wenn man von „kritischer Wissenschaft“ spricht, ist das eigentlich ein Pleonasmus, denn nach unserer Auffassung von Wissenschaft gibt es nur kritische Wissenschaft oder keine: Wenn sie nicht kritisch ist, dann ist sie eben etwas anderes, z.B. Propaganda. Wir wählen dennoch die Bezeichnung „kritische Wissenschaft“, weil wir damit deutlich machen möchten, dass das Konzept und die Arbeitsweise von Wissenschaft auf der Idee der Kritik beruht und die Idee der Kritik das Kriterium dafür ist, ob etwas „Wissenschaft“ ist oder nicht. Betrachtet man die institutionalisierte Wissenschaft oder die Vielzahl der „Expertisen“, die im Auftrag von Ministerien und Parteien erstellt werden, so könnte man nämlich auf die Idee kommen, „Wissenschaft“ sei weder kritisch noch wertfrei. Dem ist nicht so. Vielmehr ist, was nicht kritisch und wertfrei ist, keine Wissenschaft.
©Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein; sciencefiles.org

***************************************

Literatur:

Kritik und kritisches Denken

Bayer, Klaus, 2007: Argument und Argumentation. Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Dauer, Frances Watanabe (1989). Critical Thinking: An Introduction to Reasoning. Oxford: Oxford University Press.

Hoyningen-Huene, Paul, Formale Logik (1998). Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Reclam.

Hughes, William, Lavery, Jonathan & Doran, Katheryn (2010). Critical Thinking. An Introduction to the Basic Skills. Peterborough: Broadview Press.

Hunter, David A. (2009). Critical Thinking. Deciding What to Do and Believe. Hoboken: John Wiley & Sons.

Kiersky, James H. & Caste, Nichoas J. (1995). Thinking Critically. Techniques for Logical Reasoning. St. Paul: West Publishing.

Salmon, Wesley C. (1983). Logik. Stuttgart: Reclam

Watson, Jamie Carlin & Arp, Robert (2011). Critical Thinking. An Introduction to Reasoning Well. London: Continuum.

Kritische Wissenschaft
Albert, Hans (1991). Traktat über kritische Vernunft. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Føllesdal, Dagfinn, Walløe, Lars & Elster, Jon (1988). Rationale Argumentation. Ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie. Berlin: deGruyter.

Michels, Robert (1925). Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Stuttgart: Alfred Kröner.

Opp, Karl-Dieter (2002). Methodologie der Sozialwissenschaften. Einführung in Probleme ihrer Theoriebildung und praktischen Anwendung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Popper, Karl Raimund (1994). Logik der Forschung. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Popper, Karl Raimund (1973). Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Weber, Max (1994[1917/1919]). Wissenschaft als Beruf 1917/1919. Politik als Beruf 1919. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Bildnachweis:
crispian jago
Sonal: the World as I see it
NASA
clean language
brain worker

Theodor W. Adorno/Elisabeth Lenk: Briefwechsel 1962-1969

Magnus Klaue
Buch des Monats

Theodor W. Adorno/Elisabeth Lenk: Briefwechsel 1962-1969. Edition Text + Kritik, München 2001, 227 Seiten, 27 Euro

Die Rezeptionsgeschichte Kritischer Theorie in Deutschland wird meist als hegelianische Erfolgsstory erzählt, worin die »Sohnesgeneration«, repräsentiert durch Jürgen Habermas, ihren »Übervater« Adorno dialektisch überwindet. Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns erscheint aus dieser Perspektive als pragmatische Korrektur an Adornos »resignativem« Gestus, die Ausblendung des Holocaust in den Texten der Jüngeren als »Fortschritt« gegenüber der »Befangenheit« der Gründungsväter.
Zu den wenigen, die früh gegen solche Verfälschungen protestierten, gehört die Hannoveraner Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Lenk. Schon lange bemüht sie sich um eine Vermittlung zwischen Kritischer Theorie und Surrealismus, um verschüttete Gehalte der Dialektik der Aufklärung freizulegen. Im Mittelpunkt ihrer Reflexionen steht der Praxisbegriff des Surrealismus, den sie als Versuch, »den Riß zwischen Traum und Tat« (Breton) zu überwinden, gegen jene verkürzte, konformistische »Praxis« geltend macht, als deren Apologet Habermas fungiert.
Als Beitrag zu einer »Gegengeschichte« der Adorno-Rezeption lassen sich auch die nun von Lenk veröffentlichten Briefe verstehen, die sie zwischen 1962 und 1969 mit Adorno gewechselt hat. Die Brisanz der Korrespondenz, und noch mehr des Kommentars und des Anhangs, liegt in dem veränderten Blick, den Lenk auf die intellektuellen Konstellationen rund um die Frankfurter Schule gewährt.
Anders als für Habermas und seine Adepten, in deren soziologische Reflexionen Ästhetisches meist äußerlich, als ein »Thema« unter anderen eingeht, ist für Lenk gesellschaftliche Autonomie im ästhetischen Akt gleichsam antizipiert. Als »politisch« gilt ihr gerade nicht jene Kunst, die sich zum bloßen Medium sozialkritischer Programmatik macht. Im Gegenteil bemesse sich die Radikalität von Kunst daran, wie kompromißlos sie ihren ästhetischen Autonomieanspruch einlöse. Exemplarisch für ein solches »ästhetisches Verhalten«, das zugleich ein soziales Verhalten sei, stehe der Surrealismus.
Durch Kontakte mit der Pariser Gruppe um André Breton wurde Lenk 1963 zu einem Dissertationsprojekt über Bretons »poetischen Materialismus« ermutigt. Um die Genese dieser Arbeit geht es in weiten Teilen des Briefwechsels, der mit Lenks Umzug nach Paris einsetzt. Anders als viele »Schüler«, die den Sprachduktus ihres Vorbildes imitieren, ohne seinem Denken gerecht zu werden, bleibt Lenk ihrem Lehrer auch dann treu, wenn sie ihm widerspricht. Ihre Aufwertung des Surrealismus als eine den Erkenntnissen der Kritischen Theorie angemessene Praxis kollidiert durchaus mit Adornos Skepsis gegenüber den Surrealisten. Während Adorno die surrealistische Bewegung tendenziell mit ihren kunstgewerblichen Spätausläufern identifizierte, verteidigt Lenk, vor allem in ihrem Essay über »Kritische Theorie und surrealistische Praxis«, der sich im Anhang findet, deren revolutionäres Potential, das sie freilich weniger in der Breton-Schule als in der »situationistischen Internationale« um Guy Debord und Asger Jorn aufgehoben glaubte.
Verblüffend sind die Affinitäten, die Lenk zwischen Gedanken der Dialektik der Aufklärung und der Medienkritik der Situationisten ausmacht. Schon Mitte der Sechziger hatten Vertreter der situationistischen Sektion in Deutschland, Frank Böckelmann und Dieter Kunzelmann, für eine Plakataktion unautorisierte Adorno-Zitate montiert (»Alle sind unfrei unter dem Schein, frei zu sein«). Auch die Medienanalyse in Debords La Société du Spectacle ähnele Adornos Kritik der Kulturindustrie. Der Versuch, Adorno-Zitate ihrem Kontext zu entreißen und durch Plakate zu popularisieren, hatte wohl auch das Ziel, Theorie und Praxis in einer »situationistischen Aktion« kurzzuschließen. Ein Vorgehen, worin Adorno nur eine weitere Variante »blinder Praxis« sah, weshalb er »wegen unbefugter Verwendung seines Namens« Anzeige erstattete. Es zeugt von Lenks Differenzierungsvermögen, daß sie solche Happenings der »praxisfeindlichen« Frankfurter Schule nicht einfach entgegensetzt. Eher erscheinen sie als spontane Versuche, deren Ansprüche bereits im Hier und Jetzt einzulösen.
Lenks Formulierung, Adorno habe sich in der Rolle eines »Wegweisers« befunden, »der nicht in die Richtung marschiert, in die er zeigt«, trifft dessen Haltung zur 68er-Bewegung genau. Außerdem ist sie geeignet, Vorurteile gegen Adornos »Autoritarismus« zu relativieren. Werden üblicherweise Habermas, Honneth und andere »Schüler« dafür gelobt, die normativen Züge im Denken ihres Lehrers korrigiert zu haben, macht sich Lenk zufolge gerade bei ihnen ein Dogmatismus bemerkbar, der Adorno fremd war.
Stets seien es »Außenseiter« gewesen, bei denen Adornos Wort etwas gegolten habe. Die Differenzen zwischen Jacob Taubes und Peter Szondi auf der einen und »Dazugehörigen« wie Habermas oder Dahrendorf auf der anderen Seite werden im Briefwechsel deutlich. Ein besonders interessanter Fall ist Enzensberger, der zu Adornos Freundeskreis zählte und von diesem als »in einem sehr weiten Maß durch meine Sachen bestimmt« beschrieben wird. Lenk indes verfaßte schon 1964 angesichts von Enzensbergers Kritik der Avantgarde eine Polemik für die Zeitschrift »Diskus«, die sich im nachhinein als prophetisch erweist. Sie benennt viele restaurative Tendenzen in Enzensbergers Schaffen, die erst dreißig Jahre später evident werden sollten.
Die Autorin selbst versteht sich dagegen als Fortsetzerin einer subkutanen Tradition kritischen Denkens, die sich im Surrealismus ebenso wie in der Kritischen Theorie artikuliere. Beide verbinde »der Protest gegen die Spezialisierung, der sich gleichwohl auf höchstem Niveau der jeweiligen Spezialgebiete abspielt«. Wie die Frankfurter Schule Elemente der Psychoanalyse, des Marxismus, der Ästhetik und empirischen Sozialforschung verknüpfe, bemühe sich der Surrealismus, heterogene »Wirklichkeitsfragmente« neu zusammenzusetzen, um Kunst als strenge, wenngleich nichtdiskursive Erkenntnisform zu etablieren. Dieser Anspruch sei Adorno, den Surrealisten und Batailles Zeitschrift »Critique« gemein. Übrig seien von diesem Projekt heute freilich nur Trümmer. Schon kurz nach Adornos Tod habe die bundesrepublikanische Gesellschaft dessen Denken »mit Rage aus dem öffentlichen Bewußtsein ausradiert«. Der von Lenk edierte Briefwechsel bringt es in Erinnerung.
Konkret 08/02, S. 55
line-wordpress-long

Von Rolf Löchel

 

Vierzig Jahre nachdem Elisabeth Lenk als junge Doktorandin ein erstes Schreiben von ihrem Lehrer Theodor W. Adorno erhielt, hat sie die 101 Briefe umfassende Korrespondenz veröffentlicht – inklusive einiger weniger Schreiben von und an Adornos Frau Gretel und von seiner Sekretärin Elfriede Olbrich.

Unmittelbar nach dem Examen hatte Lenk 1962 Frankfurt verlassen, um in Paris zu promovieren. Aus der so entstandenen Notwendigkeit der schriftlichen Klärung einiger Fragen bezüglich des Gutachtens, das Adorno für seine ehemalige Studentin geschrieben hatte, entstand eine Korrespondenz, die bis zu Adornos Tode 1969 dauert.

Schon bald wird das Verhältnis zum Lehrer von Diskussionen auf gleicher Augenhöhe begleitet, die im Laufe der Zeit immer mehr dominieren und in denen Sachliches und Persönliches ineinander fließen. Deutlich wird das etwa an der Erörterung des Verhältnisses von Kunst und Wissenschaft. Auf ein kurz zuvor stattgefundenes Gespräch Bezug nehmend schreibt Lenk 1964, der Adressat habe sie mit Recht vor den „Gefahren einer solchen Doppelexistenz“ gewarnt. Adorno antwortet mit einem persönlichen Bekenntnis: „Das Verhältnis von theoretischem Bewusstsein und künstlerischer Produktivität ist für mein geistiges Schicksal zentral, und das will sagen, immer noch ungelöst.“

Die beiderseitige große – fachliche wie auch persönliche – Wertschätzung ist unverkennbar und wird wiederholt zum Ausdruck gebracht. So bekennt etwa Adorno mit allerdings leicht sexistischem Zungenschlag, er habe „noch nie eine Frau getroffen, die ich für so genial begabt halte, wie Dich, in den Bereichen, die mir am nächsten sind“.

Der renommierte Mitbegründer der Frankfurter Schule protegierte die weit überdurchschnittlich begabte Nachwuchswissenschaftlerin über die Jahre hinweg und versuchte ihr eine Assistentenstelle für Literatursoziologie bei Peter Szondi zu vermitteln. Das Unternehmen scheiterte allerdings, da die Ausschreibung der Stelle am marxistischen Zeitgeist ausgerichtet war, dem Literatur nichts weiter als Widerspieglung gesellschaftlicher Verhältnisse bedeutete, und der, wie Lenk Adorno schrieb, „statt der Werke selbst die unvermeidlichen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen“ bearbeitete. Lenk aber lag „weder an derartigen Fakten – und dummerweise vergesse ich sie daher schnell – noch überhaupt an der ‚Einordnung‘ eines Werkes in seine Epoche“. Erst in den 70er Jahren, lange nach Adornos Tod, sollte sie dann allerdings doch noch Szondis Assistentin werden.

Das Gespräch zwischen Lenk und Szondi, in dem ihre Assistenz besprochen und verworfen wurde, fiel in den Spätsommer 1967, dem Jahr des kalifornischen summer of love und wenige Wochen nachdem Benno Ohnesorg in Berlin während einer gegen den Schah von Persien gerichteten Demonstration von dem Polizisten Kurras erschossen worden war. Von nun an steht die Korrespondenz nahezu gänzlich im Zeichen der studentischen Revolte, in die Adorno und Lenk auf verschiedene Weise involviert waren. Adorno durchlitt die Zeit als, wie Lenk in einer Anmerkung schreibt, „Wegweiser, der zur Enttäuschung der Studenten nicht in die Richtung marschierte, in die er zeigt“. Er fühlte sich wiederholt und offenbar zunehmend von studentischer Seite genötigt, Solidarität zu bekunden. „Aus den Studentenangelegenheiten könnte man ganz leicht einen full time job machen“, klagte er bereits im Juni 67, es bedürfe „schon einiger Brutalität, um sich gegen die sittliche Forderung zur Wehr zu setzen. Nachdem ich mein Soll an Solidarität erfüllt habe, fällt es mir nicht schwer, diese Brutalität zu entwickeln.“ Und wenige Wochen später berichtet er nach einem Vortrag in Berlin von einem „kleinen Skandal“, den er mit dem dortigen SDS hatte, weil er sich geweigert hatte, „unter Druck ein Gutachten über Herrn Teufel zu schreiben“. Elisabeth Lenk berichtet ihrerseits in einem ausführlichen Brief von der „Schreckensnacht“ des 10. auf den 11. Mai 1968, in der „gegen 2 Uhr nachts“ das von Studierenden besetzte Quartier Latin durch die Polizei geräumt wurde, und zwar, wie sie schreibt, mit besonderer „Brutalität gerade den Schwächeren gegenüber: Kindern, Mädchen, Alten“. „Die Ereignisse überschlagen sich“, trägt sie zwei Tage darauf nach. Inzwischen hätten die Arbeiter „fast überall in Frankreich die Fabriken besetzt“. Oft werde der Direktor zum „Gefangenen“ erklärt. Unterdessen diskutiere man an der Sorbonne „in der Regel bis morgens früh, die Nacht ist, im Moment jedenfalls, abgeschafft“. Adorno bezeichnet in seinem Antwortschreiben ihren langen Brief nicht von ungefähr als „eine Art Tagebuch“. Doch es ist nicht nur die Zeit politischer Aktionen. So fand Lenk, das – wie sie optimistisch formuliert – „Interim nach der missglückten Revolution“ habe auch „seine Reize: ein Wildwuchs an sehr merkwürdigen Kommunen“. Einem dieser Experimente neuen Zusammenlebens schloss sie sich vorübergehend an und berichtet Adorno aus dieser Zeit allerlei Absonderliches und Skurriles; während der Pariser Mai für sie allerdings noch ein unerfreuliches Nachspiel hatte: Weil sie Studierenden eine Hochschuldenkschrift des SDS gegeben und ihnen ihre Schreibmaschine zum Abtippen zur Verfügung gestellt hatte, bekam sie ihre Stelle nach Ende des Semesters nicht verlängert.

Nach Adornos Tod drückt Lenk in einem Kondolenzschreiben an seine Witwe Gretel ihre Trauer um den Mann aus, dem sie ihre „geistige Existenz“ verdanke. „Die zugleich persönliche und sachliche, einzigartige Beziehung, in der die schwierigsten Probleme ganz leicht wurden, ist für mich verloren.“

Elisabeth Lenk hat die Briefe mit Anmerkungen versehen, die eine Fülle von sachlichen – und gelegentlich auch persönlichen – Informationen, Hinweisen und Erläuterungen bieten, ohne dabei je in einen trockenen Stil zu verfallen, der solche Apparate oft nur schwer lesbar macht. Hier ist das Gegenteil der Fall. Auch nutzt Lenk die Gelegenheit zur Richtigstellung ihr aus heutiger Sicht ungerecht erscheinender Bemerkungen, beispielsweise über René König, oder sie zitiert ausführlich aus weiteren bislang unpublizierten Dokumenten. So etwa aus einem Traumprotokoll Adornos, in dem er bekennt: „Ich bin der Märtyrer des Glücks.“

Wir Androiden

Magnus Klaue –  Verschenkte Gelegenheiten

Wir Androiden

Magnus Klaue

Als sie sich kennenlernten, waren sie freudig erstaunt, wie gut sie sich verstanden, obwohl sie so verschieden waren. Manchmal sprachen sie davon, wie seltsam es sie berühre, von jenen, die einem am nächsten stehen, zu erfahren, dass auch die inzwischen »auf Facebook gegangen« sind. Irgendwie habe man, bei aller Sympathie, plötzlich das Gefühl, es mit Androiden zu tun zu haben, deren wahre Existenz einem bislang verborgen geblieben sei. Dieses Gefühl verband sie. Sie spielten mit der Theorie, dass es eine geheime Arbeitsagentur gebe, die ihre prekären Klienten täglich und nächtlich in Parks und Einkaufszentren, Straßencafés und Diskotheken schicke, damit die Städte weiterhin als bevölkert, das öffentliche Leben als bunt und vielfältig erscheine, obwohl alle sich längst ins Schneckenhaus des eigenen Selbst zurückgezogen hätten. Zu diesen schwer Vermittelbaren gehörten wohl auch die lässig Lächelnden, die einen davon zu überzeugen suchten, lediglich die eigene Unflexibilität sei schuld daran, dass man noch immer nicht auf Facebook gegangen sei, obwohl man dabei, wenn man es richtig mache, nur gewinnen könne. Das seien die Marketingexperten in eigener Sache, die sich mit der Erfahrung, dass nichts so viel Lust verschafft wie die Selbstaufgabe ans Allgemeine, eine neue Existenz gegründet hätten.

Doch Facebook ist keine Arbeitsagentur, sondern ein Staubsauger, der Stecknadeln und Scherben so bereitwillig schluckt wie Fusseln und Filz. Facebook ist die wahre Demokratie, die sogar für jene, die sie verabscheuen, immer ein Plätzchen frei hält. Es ist kein Ort für Polemik oder Negativität, Beleidigungen oder Zwistigkeiten. Die einzige Sprache, die es kennt, ist der Jargon des jovialen Hinter-dem-Rücken-Redens, der verständnissinnigen Anspielungen und des schamlosen Für-sich-selber-Werbens. Dort ist es einfacher, jemanden zu denunzieren, als mit ihm zu streiten, und es gibt keine Lobesworte, die sich nicht über das stellen, was sie loben. Statt Urteile hinterläßt man Wegmarken nach Art von Heidegger und Struppi, und die sogenannten Freundeskreise zerstören die Solidarität, mit deren Versprechen sie werben. Wer einmal auf Facebook gegangen ist, kann nicht mehr zurück. Legt er die Mitgliedschaft nieder, wird sein Konto nicht gelöscht, sondern stillgelegt, und er verwandelt sich auch virtuell in jenen Untoten, der er im wirklichen Leben wahrscheinlich schon immer war. Was einmal öffentliches Gespräch gewesen sein mag, wird bei Facebook zur endlosen Kette der Meinungen und private jokes. Wer Postings schreibt, die länger als 15 Zeilen und von halbwegs komplexer Syntax sind, gilt mit Recht als Sonderling, der den adäquaten Gebrauch des Mediums erst noch lernen muss. Facebook übt Verrat an jedem Eingedenken. Hier kann man »Fan« von Adorno und Marx, Freud und Benjamin werden und sich mit den Gestorbenen, deren Erbe ausgeschlagen wurde, auf Du und Du wähnen wie mit Lena oder Justin Bieber. Und während man sich im Leben, das nur mehr Anhängsel seiner eigenen Kommunikation ist, mit denen entzweit, die einem am meisten bedeuten, überdauern Facebook-Freundschaften wie gute Astro­nau­ten­nahrung Raum und Zeit.

Facebook hat den Begriff der Freundschaft seiner Wahrheit überführt. Verdächtig war er schon immer. Man beruft sich auf ihn meist erst dann, wenn man mit dem Rücken gegen die Wand steht und nichts mehr zu retten ist. Weit häufiger als der freien Assoziation der Verschiedenen dient er der Erpressung und der üblen Nachrede. Was wahre Freunde einander wert sind, glaubt nur zu wissen, wer jedem Freund zugleich dessen falsche Freunde meint vorrechnen zu dürfen. Freundschaft ist ein Ausschlußkriterium. Sie darf nicht mit Geschäft vermischt werden, wenn sie sich nicht korrumpieren will, aber sie darf auch nicht zur Liebe werden, will sie sich nicht zerstören. Gute Freunde müssen einander zugestehen, was sie selber verachten, und sind, damit die Freundschaft bestehen bleibt, auf andere Freunde angewiesen, mit denen sie über die abwesenden Freunde lästern dürfen. Die Freundschaft soll ersetzen, was Liebe und Bekanntschaft nicht leisten können, und ist damit ebenso überlastet wie unterfordert. So verkommt sie über kurz oder lang zur Routine, sofern sie nicht am Bedürfnis nach allzu großer Nähe zugrunde geht. Darauf reagiert Facebook, indem es die Freundschaft zugleich abschafft und universalisiert. Hier wird noch der eigene Gegenspieler zum Freund und jeder Freund zum potentiellen Gegenspieler. Freunde in der Wirklichkeit, mit denen man sich auf Facebook befreundet, sind von diesem Augenblick an auch in der Wirklichkeit andere als zuvor. Freunde, die nicht auf Facebook sind, werden mitgeschleift wie zurückgebliebene Alte, weil es sie nur in der Wirklichkeit gibt und man ihnen alles, was die anderen schon wissen, erst mühsam persönlich erklären muss. Und wie bei jedem Gesellschaftsspiel arbeiten alle, die miteinander spielen, immer auch gegeneinander. Erst dank Facebook können selbst überzeugte Kosmopoliten die dorfgemeinschaftliche Fähigkeit perfektionieren, bei jeder Äußerung seismographisch zu registrieren, wer sie hören kann und wer nicht. Achte immer genau darauf, hinter wessen Rücken du mit wem sprichst, und dein Freundeskreis wird wachsen wie ein guter Hefeteig, von dem am Ende alle zehren können.

Auch die beiden Freunde wüßten nicht, in welche Untiefen sie ohne das soziale Netzwerk, das die verschwundene Gesellschaft ersetzt hat, gestürzt wären. Sie hatten sich lange nicht gesehen, es hatte Unstimmigkeiten zwischen ihnen gegeben, doch als sie sich auf Facebook wieder begegneten, waren sie überrascht, wie ähnlich sie einander waren. Sie waren beide Fans von Adorno und Johnny Cash, Alfred Hitchcock und Schönberg. Sie hatten 17 gemeinsame Freunde, von denen sie sechs persönlich kannten. Der eine beantwortete die Freundschaftsanfrage des anderen prompt. Ihnen gefielen die gleichen Locations, in ihren Postings spielten sie sich die Bälle zu. Viermal begegneten sie sich bei derselben Party und redeten unbeschwert miteinander, frei von Spannungen und Gefühlen. Seither haben sie öfter als früher Kontakt, ihr Dialog ist intensiv, ihr Verhältnis zur Vergangenheit ironisch. Was war das für eine alberne Vertrautheit, die uns damals verband, fragt sich jeder für sich, aber niemals laut. Sie arbeiten miteinander schon an ihrem zweiten Projekt, streß- und widerspruchsfrei. Was sie damals trennte, wollen sie nicht mehr wissen, seit das Medium die voneinander Getrennten verband. In schwachen Momenten spielen sie mit dem Gedanken, auf der Adorno-Seite den »Gefällt mir nicht mehr«-Button zu drücken, da der Professor die Möglichkeiten der modernen Kommunikation wohl allzu pessimistisch eingeschätzt hat. Aber in letzter Sekunde schrecken sie zurück, weil sie sich mit ihm doch so heimelig fühlen wie mit dem Teddy auf dem Dachboden, den man in Augenblicken der Sentimentalität an die Brust drücken kann. Könnten sie sich an ihre Theorie von der Arbeitsagentur erinnern, würden sie ihres einstigen Irrtums gewahr: Es gibt keine Agentur und keine Verschwörung, alle tun alles aus freiem Willen und fühlen sich wohl dabei. Aber sie haben ihre Theorie vergessen, wie man Kinderträume vergißt. Und wenn jemand sie ihnen ins Gedächtnis ruft, weisen sie den Eindringling zurück. Wahre Freunde sind sich selbst genug und müssen an nichts erinnert werden.

Trennmarker

Säfte und Substrate

Clemens Nachtmann

Säfte und Substrate

Teil des Übels

 

»Ressentimentgeladenes Philosophenkönigtum« – »lächerliches Kasperltheater« – »Sündenfall aller Ideologiekritik«: Christoph Türckes Vortrag »Die Inflation des Rassismus«, den wir in KONKRET 8/93 dokumentiert haben, hat, ebenso wie seine Kommentierung durch Ingrid Strobl, Bettina Hoeltje und Hermann L. Gremliza, kontroverse Reaktionen ausgelöst. Nach den Beiträgen von Manfred Dahlmann, Wolfgang Pohrt und Jan Lam im letzten Heft folgen nun Stellungnahmen von Clemens Nachtmann, Alex Demirovic und Heiner Möller
»Indem (der gesunde Menschenverstand) sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen, und ihre Existenz nur in der zustande gebrachten Einheit der Bewußtseine. Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im Gefühle stehenzubleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können
G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes

Daß Marx seiner Ökonomiekritik die englische und französische Nationalökonomie zugrundelegte, zeugt nicht nur von gutem Geschmack, sondern war eine schlichte Arbeitsnotwendigkeit. Denn obgleich jede Ideologiekritik es mit einem vorgefundenen falschen Begriff der Realität zu tun hat, auf die die Kritik letztlich zielt, so ist sie andererseits als immanente Kritik darauf angewiesen, daß der falsche Begriff, wie verzerrt und verbogen auch immer, doch ein gewisses Maß an Wahrheit über den Gegenstand transportiert. Diese Voraussetzung war in der englischen und französischen, nicht aber in der deutschen Nationalökonomie erfüllt. An der letzteren diagnostizierte Marx schon früh das Umkippen von Ideologie in Wahn und Lüge. (Wie heute auch, neigen die Deutschen zu Ausbrüchen des kollektiven Wahns, der Massenpsychose. Anm.JSB). Anm. JSB) So schreibt er 1845 über Friedrich Lists Buch Das nationale System der politischen Ökonomie: »Der hohle, windige, sentimentale Idealismus des deutschen Bürgers, hinter dem der kleinlichste, schmutzigste Krämergeist verborgen liegt, die feigste Seele sich versteckt, ist zur Epoche gekommen, wo er notwendig sein Geheimnis verraten muß. Aber er verrät es wieder in echt deutscher, überschwenglicher Weise… Er verleugnet den Reichtum, indem er ihn erstrebt. Der ganze theoretische Teil des Listschen Systems ist nichts als eine Verkleidung des industriellen Materialismus der aufrichtigen Ökonomen in ideale Phrasen. Die Sache läßt er überall bestehen, den Ausdruck aber idealisiert er.«

Charakteristisch für die im Listschen System zu Tage tretende deutsche Ideologie ist also eine ganz absurd anmutende Wirklichkeitsverleugnung. Nicht daß die Verleugnung ihrer wesentlichen Triebkräfte nicht Kennzeichen der bürgerlichen Gesellschaft im allgemeinen wäre: Vermöge des von ihr objektiv produzierten Scheins legitimiert sie sich gerade nicht inhaltlich als bestimmte Form von Herrschaft, sondern als Nicht-Herrschaft, ökonomisch als Gesellschaft der Freien und Gleichen, politisch als Volks-Staat, der »wir alle« seien. Während jedoch Ideologie in ihrer Scheingestalt im allgemeinen vom Unwesen kapitalistischer Vergesellschaftung noch etwas durchscheinen läßt, indem sie das Widersprechende versöhnen will, hat die deutsche Ideologie sich von ihrem gesellschaftlichen Grund vollständig emanzipiert: Sie produziert nicht mal mehr einen falschen Begriff der Realität, sondern nur unerbittlichen und gnadenlosen Wahn. Solch wahnhafte Wirklichkeitsverleugnung, »die Verleugnung des Reichtums, indem man ihn erstrebt«, wird dabei in einen Ausweis moralischer Überlegenheit umgemünzt, in einen Beweis dafür, daß es sich bei den Deutschen um kein Volk von gewissenlosen Geschäftemachern handele, sondern daß sie sich durch Tiefe des Gemüts und hochherzige Gesinnung auszeichneten. Indem List also schlicht leugnet, daß im Kapitalismus sich alles um den Tauschwert dreht, jedermann dem Geld als der Inkarnation allgemeinen Reichtums hinterherjagt; indem er den Kapitalismus als »System der Produktivkräfte« affirmiert und zugleich alles, was diesen unvermeidlich charakterisiert, als ihm äußerlich und im Grunde wesensfremd erklärt, enthält seine Theorie schon in nuce den modernen Massenwahn, den völkischen Antisemitismus, mit dem die Nazis dann reüssierten.

Kein Wunder also, daß Marx, offensichtlich angewidert von der heuchlerischen Gesinnungsprotzerei der deutschen Ideologie à la List, sich voll überschwenglichen Lobes zeigt über den »offenherzigen, klassischen Zynismus… womit die englische und französische Bourgeoisie in ihren ersten, wenigstens im Beginn ihrer Herrschaft wissenschaftlichen Wortführern der Nationalökonomie den Reichtum zum Gott erhob und ihm, diesem Moloch, rücksichtslos alles, auch in der Wissenschaft, opferte…« Die »inhumane« Gesinnung, die apologetische Absicht der von ihm kritisierten Ökonomen war Marx also egal, solange diese wenigstens um schonungslose Darstellung des Gegenstandes, um Wahrheit sich bemühten – und je offener und unverblümter dabei der objektive Zynismus der Realität ausgedrückt wurde, umso besser. Und er konnte darüber großzügig hinwegsehen, weil es ihm selbst nicht darum ging, seine unmaßgebliche Gesinnung vor anderen auszubreiten, sondern um objektive Wahrheit, um das Begreifen der Logik der Sache – auch auf die Gefahr hin, daß dabei die eigenen Hoffnungen unter die Räder kommen.

Gemessen an den Maßstäben der Marxschen Kritik ist das ebenso lächerliche wie ärgerliche Kasperltheater, das einige besonders gesinnungstüchtige Antirassisten anläßlich des Referats von Christoph Türcke veranstaltet haben, weder kritikwürdig noch kritikfähig. Egal, ob es sich um die von Ingrid Strobl und Bettina Hoeltje auf dem KONKRET-Kongreß vorgetragenen und in der August-KONKRET dankenswerterweise dokumentierten Statements, um den von Jutta Ditfurth in der »ÖkoLinX« Nr.11 oder um den von Jan Lam in der September-KONKRET abgedruckten Artikel handelt – Nan ihnen ist nichts wahr, kein Wort, kein Satz, kein Gedanke. icht um eine Kritik des Textes von Christoph Türcke geht es ihnen, sondern um eine moralische Disqualifizierung der Gesinnung seines Autors. Der Selbstinszenierung als moralisch makellose Menschen, die da betrieben wird, dient das Referat von Türcke als bloße Folie, und dabei ist Strobl noch ehrlicher als Hoeltje, weil erstere wenigstens Moralin pur feilbietet, während letztere ihrem Beitrag noch den Anstrich einer »ernsthaften Auseinandersetzung« verpaßt, während sie doch in Wahrheit dasselbe Betroffenheitsgeschwätz vom Stapel läßt. Daß Türcke allen Ernstes die bloße Tatsache zum Vorwurf gemacht wird, daß er überhaupt »gesprochen (hat) von Zuchtwahl, von Rassenmischung« (Strobl), belegt, wie wenig es um den Text geht und wie sehr nur um bestimmte verpönte Begriffe. In welcher Konstellation diese Begriffe stehen, was sie dort besagen, wie die Argumentation verläuft – das interessiert einen feuchten Kehricht bzw. es wird, wie bei Hoeltje, ja irgendwie erkannt, aber sogleich als besonders abgefeimte »Strategie« ausgemacht, um das Publikum mit rassistischem Gedankengut zu infiltrieren.

Wäre dies alles bloßer Irrtum, bloßes Mißverständnis, so könnte man mit denen, die den Eklat provozierten, in eine Diskussion treten und versuchen, Irrtümer und Mißverständnisse auszuräumen. Man könnte sie darauf hinweisen, daß dem ersten Teil des Türckeschen Vortrages, worin er von »Rassen« spricht, der theoretische Status einer Spekulation über die Naturgeschichte der Menschheit zukommt; daß er den Begriff der »Rasse« ausschließlich als klassifizierenden, nicht wertenden gebraucht und als Maßstab der Klassifikation wiederum ausschließlich die Hautfarbe wählt; daß er die Wirkung des Körpers auf Geist und Seele und vor allem umgekehrt von Geist und Seele auf den Körper eigentlich unmißverständlich als einen »ungleichzeitigen« historischen Prozeß schildert, der es verbietet, von Hautfarbe auf Charakter und andere Dinge zu schließen; daß er die banale Naturgegebenheit der Hautfarbe nur deshalb an den Anfang seines Vortrages setzt und sie nur deshalb so herausstreicht, um ihre Banalität und Bedeutungslosigkeit angesichts der weiteren Entwicklung menschlicher Sozialgeschichte nur umso deutlicher hervorzuheben; und man müßte in diesem Zusammenhang die Antirassisten einmal danach befragen, ob die Existenzweise der einst noch ganz in die erste Natur verstrickten und deshalb selbst naturwüchsigen Kollektive dem Begriff der »Rasse« nicht noch am nächsten käme. Man könnte sie ferner auffordern, zur Kenntnis zu nehmen – obgleich wohl ein wenig Begriffsstutzigkeit dazugehört, es nicht zu tun – , daß der inkriminierte Begriff der »Zuchtwahl« bewußt und in kritisch-denunziatorischer Absicht eingesetzt wurde; wenn Türcke von der »Zuchtwahl« spricht, »die die moderne Wirtschaftsordnung höchstselbst (und also nicht mehr die unmittelbare, erste Natur; Lesehilfe für empörte Antirassisten, C.N.) veranstaltet«, so variiert er den von Horkheimer und Adorno öfter formulierten Gedanken von der »Naturverfallenheit« der menschlichen Gesellschaft dergestalt, daß er einen Begriff aus der Evolutionslehre auf die Gesellschaft überträgt, nicht um gesellschaftliche Verhältnisse zu rebiologisieren, sondern um in drastischer Art und Weise zu zeigen, daß, obwohl menschliche Naturbeherrschung in der bürgerlichen Gesellschaft auf ein ungekanntes Maß gesteigert wurde, die Menschen nur nach Maßgabe ihrer Kapitalproduktivität etwas gelten, daß also die bürgerliche Gesellschaft die Menschen selektiert, und zwar in einer Blindheit und Bewußtlosigkeit, die der der ersten Natur in nichts nachsteht und die der Begriff der »Zuchtwahl« in all seiner Brutalität, die er an sich selbst hat, zur Sprache bringt.*

Und so könnte man auf weitere Punkte hinweisen, und selbstverständlich könnte man an diesen und anderen Gedanken, wären sie erst einmal begriffen, begründete Kritik anmelden: schwer erträglich der weihevolle Orgelton, den Türcke bisweilen anstimmt; nicht zu rechtfertigen seine Formulierung von der ihre »Huld« verteilenden »Natur«, wenn damit, was dem Zusammenhang entspräche, ausgedrückt werden sollte, daß in der Natur nicht, wie die Öko-Apostelmeinen, Gerechtigkeit und Friede, sondern Willkür und Zufall herrschen; unzureichend begründet die Ausführungen über die »Besitzstandsbunkermentalität« als Grund des deutschen Fremdenhasses, weil gezeigt werden müßte, wie Leute überhaupt auf die Idee kommen, Flüchtlinge könnten ihnen die Butter vom Brot stehlen – indem sie nämlich ihr Staatsbürgerdasein restlos verinnerlicht haben.

Aber intellektuelle Redlichkeit ist die Sache der betroffenen Antirassisten nicht, heißen sie nun Strobl, Hoeltje, Ditfurth oder Lam, und nur schwer glaubhaft ist es, daß ausgerechnet Wolfgang Pohrt entgangen sein sollte (sein Artikel in KONKRET 9/93 erweckt allerdings diesen Anschein), daß nichts anderes als antiintellektuelles Ressentiment sich da gegen Türcke und die sogenannte »Kritische Theorie« austobt – so spricht Ditfurth, eine beliebte Ressentimentkategorie benutzend, vom »Elfenbeinturmbewohner« Türcke; Lam wiederum bevorzugt eher den Verweis aufs Dringliche, um Bemühungen um materialistische Gesellschaftskritik zu denunzieren, während »J./Westberlin« im »AK« vom 25.8.93 gleich richtig zur Sache geht und im Stil früherer »Marxistischer Blätter« vor den »desorientierenden Konsequenzen« warnt, die den Linken von der »Kritischen Theorie« und ihren Adepten Türcke und Pohrt drohe.

Nicht um eine argumentativ ausgewiesene und damit nachvollziehbare Analyse und Kritik dessen, was »Rassismus« ist, geht es diesen Antirassisten, sondern um ein moralisches Bekenntnis zu einem völlig unüberprüfbaren antirassistischen »Selbstverständnis«, einer subjektiven Haltung, die sich aus viel Trauer, Empörung und Betroffenheit, viel gutem Willen und einigen politischen Leerformeln zusammensetzt und welche zu ihrer Bestätigung und Selbstvergewisserung allerdings gewisser Theorieversatzstücke bedarf – zum Beispiel der These, daß »Rasse« ein soziales Konstrukt sei. Würden sie diese These auch nur einen Moment lang ernstnehmen und auf ihre Konsequenzen hin durchdenken, so müßten auch sie die Tauglichkeit des Begriffs »Rassismus« anzweifeln, denn die Praxis dessen, was als »Rassismus« bezeichnet wird, ist im Kern nichts als die gesellschaftliche Sortierung von Menschen durch den Souverän nach Maßgabe ihres Einsatzes für Staat und Kapital und die Verinnerlichung solcher Sortierung durch die Staatsbürger. Die Hautfarbe ist dabei nur legitimatorische Bebilderung solcher Praxis, ihre Rechtfertigung als »natürlich« und der »Natur des Menschen« entsprechend. Sie ist auswechselbar und kann je nach Lage der Dinge durch andere Legitimationen ersetzt werden. Dann wäre aber auch der Begriff »Rassismus«, insofern er sich nur auf die Oberfläche des gemeinten Phänomens bezieht, fragwürdig. Außerdem wäre dann jenseits ihrer gesellschaftlichen Funktionalisierung die Hautfarbe als ein von solcher Funktionalisierung unterschiedenes, ebenso real existierendes wie belangloses Naturmerkmal erkannt – und nichts anderes hat Türcke nachgewiesen.

Aber so ist die These von der sozialen Konstruktion von »Rasse« bei den moralischen Antirassisten ja nicht gemeint: Sie wird eingesetzt, um sich und anderen zu demonstrieren, wie fortschrittlich gesonnen man doch sei, indem man selbst den Versuch, historisch eindeutig bestimmte Begriffe nicht anders zu »besetzen«, was in der Tat unmöglich ist, sondern sie zum Gegenstand von Reflexion zu machen, verbieten will. Genauso wie Friedrich List als ein herzensguter Deutscher sich scheute, den Begriff »Tauschwert« in den Mund zu nehmen, obwohl in der bürgerlichen Gesellschaft doch alles um den Tauschwert sich dreht; wie List in der Vergottung allgemeinen Reichtums als des Zieles kapitalistischer Produktion nicht die Benennung eines unumstößlichen Tatbestandes und den adäquaten Ausdruck des objektiven Zynismus der Gesellschaft zu erblicken vermochte, sondern nur anstößige Worte, die angeblich die üble Gesinnung seiner Gegner verraten; wie er also, um ungestört der eigenen Gesinnung und Herzensgüte sich erfreuen zu können, lieber die ungemütliche Realität verleugnete und das Verleugnete und Verdrängte als böse Absicht in die Außenwelt projizierte – genauso wollen die Antirassisten als linke Deutsche den Hinweis, daß es Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gibt, nicht als die Feststellung eines ebenso unbestreitbaren wie banalen und von Türcke genau so gekennzeichneten Tatbestandes, und die Rede von der Zuchtwahl, die die kapitalistische Ordnung in Eigenregie vornehme, nicht als vernichtende Kritik ebendieser Ordnung begreifen, sondern einzig als »böse Worte« wahrnehmen, welche nicht nur nicht zu begreifen, sondern zu vermeiden als Gütesiegel antirassistischer Prinzipienfestigkeit gilt und welche in gleich welchem Zusammenhang zu gebrauchen als grundlose und böswillige Absicht, die antirassistische »Identität« zu zersetzen, gesehen wird. Das »Stehenbleiben im Gefühle«, das Insistieren auf dem guten Willen, der sich an der gesellschaftlichen Objektivität gar nicht erst bewähren will, die hartnäckige Reflexionsverweigerung, die im Gewande moralischer Überlegenheit daherkommende Ignoranz und Realitätsverleugnung, der gewaltheischende Bekenntniszwang – dies schweißt die deutschen Antirassisten mit dem »hohlen, windigen, sentimentalen Idealismus« deutscher Ideologie im allgemeinen und mit dem Lichterketten-Antirassismus der von ihnen zurecht verabscheuten Volksgemeinschaft zusammen, von der sie sich ansonsten nur durch ebenfalls wieder den guten Willen unterscheiden, keine alternative Sympathiewerbung für Deutschland veranstalten zu wollen.

Und genau diese Tyrannei des guten Willens ist der Springpunkt. Statt den eigenen revolutionären Willen negativ festzuhalten in der kompromißlosen theoretischen Durchdringung dessen, wogegen man sich wendet, haben die Linken es in der Vergangenheit bei der Bekundung dessen, was sie sein wollen – antikapitalistisch, antiimperialistisch und weiß der Geier, was noch alles – belassen und sich die Realität nach Maßgabe dieses Willens zurechtinterpretiert, indem sie ihn in alle denkbaren »Bewegungssubjekte« hineinprojizierten, die sich gerade anboten. Theorie hatte die eigenen Absichten zu legitimieren, und wo sie dies nicht tat, indem sie Zweifel an dieser Willensillusion anmeldete, galt sie als »abgehoben«, »elitär«, wenn nicht gar als »zynisch« und »menschenverachtend«. Auf diese Weise konnten sich die Linken über ihre gesellschaftliche Ohnmacht, die nicht erst 1989 eingesetzt hat, prächtig hinweglügen, solange es noch irgendwelche »Bewegungssubjekte« aufzuspüren gab. Seit die famosen »neuen sozialen Bewegungen« sich nun endgültig und unabweisbar als das entpuppt haben, was sie immer schon waren, als alternative Bewegungsformen der deutschen Volksgemeinschaft, und neue nicht in Sicht sind, klafft ein Abgrund zwischen dem guten Willen zur Veränderung und der Realität, die sich dagegen hartnäckiger sperrt als je zuvor. Anstatt diesen Zustand jedoch als Chance zu nutzen, mit der Willensillusion endlich radikal zu brechen, sind die Linken nun auf die Idee verfallen, die eigene psychische Innenausstattung, die sogenannte »politische Identität«, aus eigener Kraft neu herauszuputzen. Bis zum Beweis des Gegenteils ist deshalb davon auszugehen, daß die Tatsache, daß Themen wie Rassismus und Antisemitismus in großen Teilen der Rest-Linken seit geraumer Zeit sich großer Beliebtheit erfreuen, nur zum Teil auf die Angriffe auf Ausländer im »wiedervereinigten« Deutschland zurückzuführen ist, sondern einen jener unvermittelten Schwenks hinsichtlich der thematischen Geschmackspräferenzen indiziert, mit denen die Linken in der Vergangenheit so geglänzt haben. Er dürfte so folgenlos bleiben wie die Beschäftigung mit anderen Themen auch.

Der Skandal, über den gesprochen werden muß, ist nicht das Referat von Christoph Türcke, sondern die Tatsache, daß die angegriffenen und ermordeten Ausländer und Flüchtlinge deutschen Linken das Material abgeben, um ihre absolut belanglosen Wehwehchen zu kurieren, und daß jenen mit autoritärer Geste übers Maul gefahren wird, die, wie Türcke, sich dieser deutschen Selbstfindungstour entgegenstellen. Der Skandal ist, daß deutsche Linke die unbestreitbare Tatsache, daß die bedrohten Ausländer und Flüchtlinge weder gute noch schlechte Rassismustheorien brauchen, sondern praktische Solidarität und sonst nichts, schamlos zur Bestätigung und Legitimierung eigener Denkfaulheit und Theoriefeindlichkeit heranziehen. Im Ausländer denjenigen zu sehen, der einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung der eigenen Sinnkrise leistet: das ist die linksdeutsche Variante jener deutschen Haltung, die die Ausländer nur deshalb respektiert, weil sie Steuern zahlen und das Bruttosozialprodukt vermehren. Der sentimentale und ressentimentgeladene Antirassismus, wie er sich in den Angriffen gegen Christoph Türcke zu erkennen gibt, verhindert so den Antirassismus, der an der Zeit wäre. Er ist ein Teil des Übels, für dessen Gegner er sich irrtümlich hält.
*Vgl. dazu Adorno, dessen Entlarvung als Rassist wohl demnächst auch auf der Tagesordnung stehen dürfte, in der Negativen Dialektik: »Menschliche Geschichte, die fortschreitender Naturbeherrschung, setzt die bewußtlose der Natur, Fressen und Gefressenwerden, fort. Ironisch war Marx Sozialdarwinist: was die Sozialdarwinisten priesen und wonach es sie zu handeln gelüstet, ist ihm die Negativität, in welcher die Möglichkeit ihrer Aufhebung erwacht.« (Negative Dialektik, Frankfurt 1966, S.349)
Konkret 10/93, S. 46

Clemens Nachtmann ist Autor der Zeitschrift »Bahamas« und lebt in Berlin

 

Siehe auch: Der Unschärfeskandal
line-wordpress

Remember: Do X! Don´t do Y!

Protect innocent, respect life, defend art, preserve creativity!

What´s Left? Antisemitism!

http://www.jsbielicki.com/jsb-79.htm

Psychoanalytische Arbeitsstation

DJ Psycho Diver Sant – too small to fail
Tonttu Korvatunturilta Kuunsilta JSB
Tip tap tip tap tipetipe tip tap heija!
http://www.psychosputnik.com
http://www.saatchionline.com/jsbielicki
https://psychosputnik.wordpress.com/

They want 1984, we want 1776

They are on the run, we are on the march!

Be patient, work hard, follow your passions, take chances and don’t be afraid to fail.
I think for food

molon labe

„Sachlich“ ist nur ein anderes Wort für „beziehungslos“.

Die Berufung auf Ethik und Moral will lediglich die Gesetzlosigkeit und Willkür verdecken und rechtfertigen.

„Wie es Tatbestände gibt, die die Sinne in die Irre führen, wie im Fall der optischen Täuschung, so gibt es welche, die die unangenehme Eigenschaft haben, dem Intellekt Schlüsse zu suggerieren, die gleichwohl falsch sind.“ – Christoph Türcke

Das Geschlecht ist ein sozialer Konstrukt? Berg, Tal, See und das Meer auch!

Bereits Marx diagnostizierte den Deutschen das Umkippen von Ideologie in Wahn und Lüge. Wie gegenwärtig der Fall ist, neigen die Deutschen zu Ausbrüchen des kollektiven Wahns, der Massenpsychose mit zunehmendem Realitätsverlust.
Der Wahn ist kurz, die Reue lang, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Nach dem I. Psychosputnik-Gesetz verwandelt sich der frei florierende Zynismus ab gewissem Verdichtungsgrad seiner Intensität in hochprozentige hysterische Heuchelei, analog zu einer atomaren Kernschmelzereaktion. Diesen Prozess der zunehmenden Zynismuskonzentration mit anschliessender Explosion als Heuchelei kann man sehr deutlich gegenwärtig in Deutschland beobachten. Das Denken ist weggeblasen, pulverisiert, das (Hoch)Gefühl ist voll an seine Stelle getreten.

»Indem (der gesunde Menschenverstand) sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen, und ihre Existenz nur in der zustande gebrachten Einheit der Bewußtseine. Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im Gefühle stehenzubleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können.« – G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes

„Die Verschleierung eigener Positionen durch Zitate und Zitatselektion dient dazu, eigene Positionen unkenntlich zu machen.“ – Ursula Kreuzer-Haustein

„Die Neurose ist das Wappen der Kultur.“ – Dr. Rudolf Urbantschitsch, Seelenarzt; „Sehr schön, aber es laufen derzeit schon weit mehr Heraldiker als Adelige herum.“ – Karl Kraus, Schriftsteller
Von oben hat man bessere Aussicht.

„Zuerst verlieren die Menschen die Scham, dann den Verstand, hernach die Ruhe, hierauf die Haltung, an der vorletzten Station das Geld und zum Schluß die Freiheit.“ – Karl Kraus

„Ausbeutung heißt Beute machen, sich etwas durch Gewalt aneignen, was nicht durch eigene Arbeit geschaffen wurde, sich etwas nehmen, ohne Gleichwertiges zurückzugeben – Maria Mies

»Die Psychoanalyse ist eine Panne für die Hierarchie des Denksystems« – Pierre Legendre

Psychoanalyse entwickelt sich nicht weiter, weil sie nicht angewandt wird, es wird nur über sie gesprochen.

»Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen Geistes gegen die religiöse Weltan­schauung nicht zu Ende gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter unseren Augen ab … Die erste Einwendung, die man hört, lautet, … die Wissenschaft ist zur Be­urteilung der Religion nicht zuständig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, solange sie sich auf ihr Gebiet beschränkt, aber die Religion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen … Die Religion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das Höch­ste, Wertvollste, Erhabenste ist, was der menschliche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Gefühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträglich und das Leben lebenswür­dig macht … Darauf braucht man nicht zu antworten, indem man die Einschätzung der Religion bestreitet, sondern indem man die Aufmerksamkeit auf einen anderen Sachver­halt richtet. Man betont, daß es sich gar nicht um einen Übergriff des wissenschaftlichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, sondern um einen Übergriff der Religion auf die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was immer Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des Denkens auszunehmen … Eine auf die Wissen­schaft aufgebaute Weltanschauung hat außer der Betonung der realen Außenwelt wesent­lich negative Züge, wie die Bescheidung zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen« (Freud, 1933, S. 182 ff. und S. 197).

„Freuds »Religions«-Kritik galt den »Neurosen« genannten Privatreligionen (Heiraten, romantische Liebe, Gier, Ethik und Moral, etc. Anm. JSB) ebenso wie den kollektiven (Nation, Gutmenschen, Sport, etc. Anm. JSB);“ – Helmut Dahmer

Freud prognostizierte, die bestehende Gesellschaft werde an einem Übermaß nicht absorbierba­rer Destruktivität zugrundegehen. (sofern nicht »Eros« interveniere (Eros ist nicht Ficken, sondern Caritas. Anm. JSB)).

„Wer dem Kult der »Werte« frönt, kann unsanft erwachen, wenn im Kampf der Klassen und Parteien, von dem er sich fernhält, Gruppen obsiegen, auf deren Pro­gramm eine »Umwertung der Werte«, z. B. die Aufwertung von »Un­werten« steht.“ – Helmut Dahmer

»Hinsichtlich der allgemeinen nervlichen Belastung wirkte die Lage im Dritten Reich auf den psychischen Zustand des Volkes ziemlich ambivalent. Es unterliegt kaum einem Zwei­fel, daß die Machtergreifung zu einer weitverbreiteten Verbesserung der emotionalen Ge­sundheit führte. Das war nicht nur ein Ergebnis des Wirtschaftsaufschwungs, sondern auch der Tatsache, daß sich viele Deutsche in erhöhtem Maße mit den nationalen Zielen identifizierten. Diese Wirkung ähnelte der, die Kriege normalerweise auf das Auftreten von Selbstmorden und Depressionen haben. (Das Deutschland der Nazizeit verzeichnete diese Erscheinung zweimal: nämlich 1933 und 1939.) Aber gleichzeitig führte das intensi­vere Lebensgefühl, das von der ständigen Stimulierung der Massenemotionen herrührte, auch zu einer größeren Schwäche gegenüber dem Trinken, Rauchen und Vergnügungen« – Richard Grunberger

Von Anfang an hat­te Hitlers Regime auch den Anstrich der Rechtmäßigkeit

„Die psychiatrischen Truppen der »kaiserlichen deutschen Psychiatrie« (Alexander und Selesnick, 1966, S. 214) jedoch, die 1914 ins Feld zogen, bekriegten immer noch die Krankheit, den äußeren Eindringling in ein gesundes System, und nicht die Neurose, das innere Ungleichgewicht zwischen Psychodynamik, Umwelt und Geschichte.“ – Geoffrey C. Cocks (Diese Einstellung herrscht bis heute in der deutschen Psychotherapie und findet explosionsartige Vermehrung im KOnzept der sog. „Traumatisierung“. Anm- JSB)

Der Plural hat kein Geschlecht.

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ -Albert Einstein

„Der psychoanalytische Bei­trag zur Sozialpsychologie der jüngsten Vergangenheit (und Gegenwart Anm.JSB) und ihrer Verar­beitung ist heute ebenso unerwünscht wie die Libidotheorie zu Anfang des Jahrhunderts.“ – I.Kaminer

»Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom >freien Ausleben< der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit.« – Sigmund Feud, Gesammelte Schriften«, Band XI, S. 201 ff.)

Dummheit ist, wenn jemand nicht weiß, was er wissen könnte.

Dummheit äußert sich heute als empörter Moralismus.

Liebe: nur bestenfalls eine Mutter akzeptiert ihr Kind, so wie es ist, ansonsten muß man Erwartungen anderer erfüllen, um akzeptiert zu werden.

Früher galt als mutig, wer ein Revolutionär war, heute reicht es schon, wenn einer seine Meinung behält.

“Jeder fünfte Bewohner des Westjordanlandes ist ein israelischer Siedler”, greint die Generaldelegation Palästinas heute auf ihrer Homepage.
Und jeder fünfte Bewohner Israels ist ein palästinensischer Araber.
So what?

Werte ohne Einfühlungsvermögen sind nichts wert.

Manche Menschen fühlen physischen Schmerz, wenn sie ihre gewohnten Vorstellungen zugunsten der Realität korrigieren sollen, sie wenden ihre gesamte Intelligenz mit Unterstützung ihrer Agressivität auf, um die Realität nicht zu erkennen und ihr Selbstbild unverändert beizubehalten.

Immer mehr fühlen, immer weniger denken – Der Mensch unterscheidet sich vom Tier nicht durch Gefühle, denn Säugetiere haben die gleichen Gefühle, wie der Mensch: Trauer, Angst, Wut, Liebe, sondern durch sein Denken. Wenn er denkt, falls er denkt.

Political correctness ist, wenn man aus Feigheit lügt, um Dumme nicht zu verärgern, die die Wahrheit nicht hören wollen.

„Sagen Sie meiner Mutter nicht, daß ich in der Werbung arbeite. Sie denkt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ – Jacques Seguela

BILD: FAZ für Hauptschüler

Wer „ich will frei sein“ sagt, und es sagen viele, der ist ein Idiot. Denn das höchste was der Mensch als Freiheit haben kann, ist die Freiheit, seine Pflicht frei zu wählen.

“Im Streit um moralische Probleme, ist der Relativismus die erste Zuflucht der Schurken.“ Roger Scruton

Nonkonformistische Attitüde und affirmative Inhalte – einer Kombination, die schon immer die linksdeutsche Ideologie gekennzeichnet hat. – Stephan Grigat

Es sind dieselben, die behaupten, das Geschlecht wäre nicht biologisch angeboren, sondern nur ein soziales Konstrukt, und zugleich daß die Homosexualität kein soziales Konstrukt wäre, sondern biologisch angeboren.

Antisemitismus ist, wenn man Juden, Israel übelnimmt, was man anderen nicht übelnimmt.

„Es gibt zwei Dinge“, so wußte Hitler schon 1923, „die die Menschen vereinigen können: gemeinsame Ideale und gemeinsame Kriminalität“ .

Nach der gewaltsamen Beendigung des Mordens durch die Alliierten waren die Deutschen (und sind es bis heute geblieben) noch deutscher als zuvor.

„Der Staat sind wir“: Dies Credo der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalles war die Wahrheit der Volksgemeinschaft, und der Nazismus war die vermittlungslose Basisdemokratie der Deutschen.

Die Demokratie der Bürger ist die interessierte Demutsadresse an den autoritären Staat.

„Die deutsche Nation ist das Apriori dieser seltsamen Wissenschaft, die

vorgibt, nichts zu kennen als Quellen, Quellen und nochmals Quellen, nichts als das

lautere Plätschern der Tatsachen und das ungetrübte Sprudeln der Empirie. Die

Quelle aber ist der Historie, was der Jurisprudenz das Indiz: Spielmaterial, bloße

Illustration des Systemzwangs zum Rechtsfrieden, d.h. empirische Legitimation der

vorab existenten letzten Instanz, an der jede Berufung aufhört und jede Revision

endet. Egal, wer Recht hat, solange nur Recht ist; was immer die Quellen sagen,

ein Beweis gegen die Nation wird sich daraus nie und nimmer folgern lassen.“ (…)

„Historische Wahrheit wird nach dem Modell von Meinungsumfragen vorgestellt;

kein Sample jedoch wird je repräsentativ genug sein,

um der deutschen Nation als solcher die Taten der Nazis zuzurechnen.

Die juristische Methode dieser seltsamen Wissenschaft, die sich die Behandlung der

Geschichte anmaßt, weiß so überaus sorgfältig zwischen Intention und Resultat zu

scheiden, daß der einzig noch mögliche Weg historischer Wahrheitsgewinnung, der

allerdings leider ausgeschlossen ist, Psychoanalyse wäre.“ – Joachim Bruhn

Da die Psychoanalyse heute auch nur noch ein korruptes Racket ist, würde sie nicht helfen.

 Der Himmel, wenn er sich schon öffnet, zitiert sich am liebsten selbst. 

Je verkommener eine menschliche Kreatur, desto eher fühlt sie sich beleidigt, respektlos behandelt, in ihrer Ehre verletzt.

Der Nicht-Antisemit ist ein Antisemit, der nach der derzeitigen deutschen Rechtsprechung, Israel, Juden diffamiert, diskriminiert, delegitimiert, jedoch nicht expressis verbis das Ziel der dritten Reichs, den Holocaust, die Judenvernichtung, befürwortet.

Aus Deutschland erreicht mich „tiefe Sorge um den Friedensprozess“. Vorsicht: Wo ist es im Nahen und Mittleren Osten derzeit so friedlich und vergleichsweise gewaltarm wie in Israel? Wo leben Araber derzeit sicherer als in Israel? Wo haben sie besseren Zugang zu Bildung, Arbeit, Konsum und medizinischer Versorgung? – Götz Aly

Islam ist weniger eine Religion und mehr eine totalitäre Gesellschaftsordnung, eine Ideologie, die absoluten Gehorsam verlangt und keinen Widerspruch, keinerlei Kritik duldet und das Denken und Erkenntnis verbietet. Der wahre Islam ist ganz anders, wer ihn findet wird eine hohe Belohnung erhalten.

Der religiöse Rassismus der Islamisten, der den völkischen Rassismus der Nazis ersetzt hat, erklärt Allah zum Führer und die Jihadisten zu seiner privilegierten Kampftruppe: Wenn man so will, zu Allahs SS. Der Zusammenhalt dieser Kampftruppe wird über die Jenseitserwartung von Hölle und Paradies, also über das Instrument der religiösen Angst, sichergestellt. Diese Selbstbildfantasie der Islamisten ist mit ihrer (zumeist antijüdischen) Feindbildfantasie untrennbar verknüpft. – Matthias Küntzel

Wahnsinn bedeute, immer wieder das gleiche zu tun, aber dabei stets ein anderes Resultat zu erwarten.

Gutmenschen sind Menschen, die gut erscheinen wollen, die gewissenlos das Gewissen anderer Menschen zu eigenen Zwecken mit Hilfe selbst inszenierter Empörungen instrumentalisieren.

Irritationen verhelfen zu weiteren Erkenntnissen, Selbstzufriedenheit führt zur Verblödung,

Wenn ein Affe denkt, „ich bin ein Affe“, dann ist es bereits ein Mensch.

Ein Mensch mit Wurzeln soll zur Pediküre gehen.

Wenn jemand etwas zu sagen hat, der kann es immer sehr einfach sagen. Wenn jemand nichts zu sagen hat, der sagt es dann sehr kompliziert.

Sucht ist, wenn jemand etwas macht, was er machen will und sucht jemand, der es macht, daß er es nicht macht und es nicht machen will.

Sollen die Klugen immer nachgeben, dann wird die Welt von Dummen regiert. Zu viel „Klugheit“ macht dumm.

Wenn man nur das Schlechte bekämpft, um das Leben zu schützen, bringt man gar nichts Gutes hervor und ein solches Leben ist dann nicht mehr lebenswert und braucht nicht beschützt zu werden, denn es ist dann durch ein solches totales Beschützen sowieso schon tot. Man kann so viel Geld für Versicherungen ausgeben, daß man gar nichts mehr zum Versichern hat. Mit Sicherheit ist es eben so.

Zufriedene Sklaven sind die schlimmsten Feinde der Freiheit.

Kreativität ist eine Intelligenz, die Spaß hat.

Wen die Arbeit krank macht, der soll kündigen!

Wenn Deutsche über Moral reden, meinen sie das Geld.

Ein Mensch ohne Erkenntnis ist dann  lediglich ein ängstlicher, aggressiver, unglücklicher Affe.

Denken ist immer grenzüberschreitend.

Der Mob, der sich das Volk nennt, diskutiert nicht, sondern diffamiert.

Legal ist nicht immer legitim.

Wer nicht verzichten kann, lebt unglücklich.

Sogenannte Sozial-, Kultur-, Geisteswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse, sind keine Wissenschaften mehr, sondern immanent religiöse Kultpropheten, organisiert wie Sekten. Es sind Sozio-, Pädago- und Psychokratien, Rackets, die Erkenntnis nicht fördern, sondern verhindern.

Ohne eine starke Opposition atrophiert jede scheinbare Demokratie zur Tyrannei, und ebenso eine Wissenschaft, zur Gesinnung einer Sekte.

Man kann alles nur aus gewisser Distanz erkennen, wer sich ereifert, empört, wer mit seiner Nase an etwas klebt, der hat die Perspektive verloren, der erkennt nichts mehr, der hat nur noch seine Phantasie von der Welt im Kopf. So entsteht Paranoia, die sich Religion, und Religion als Politik, sogar als Wissenschaft nennt.

Islamisten sind eine Gefahr, deswegen werden sie als solche nicht gesehen. Juden sind keine Gefahr, deswegen werden sie als solche gesehen. So funktioniert die Wahrnehmung von  Feiglingen.

Humorlose Menschen könner nur fürchten oder hassen und werden Mönche oder Terroristen.

Menschen sind nicht gleich, jeder einzelne Mensch ist ein Unikat.

Erkenntnis gilt für alle, auch für Muslime, Albaner, Frauen und Homosexuelle.

Islam gehört zu Deutschland, Judentum gehört zu Israel.

Der Konsensterror (Totalitarismus) ist in Deutschland allgegenwärtig.

Es wird nicht mehr diskutiert, sondern nur noch diffamiert.

Es ist eine Kultur des Mobs. Wie es bereits gewesen ist.

Harmonie ist nur, wenn man nicht kommuniziert.

Man soll niemals mit jemand ins Bett gehen, der mehr Probleme hat, als man selbst.

>>Evelyn Waugh, sicherlich der witzigste Erzähler des vergangenen Jahrhunderts, im Zweiten Weltkrieg, herauskommend aus einem Bunker während einer deutschen Bombardierung Jugoslawiens, blickte zum Himmel, von dem es feindliche Bomben regnete und bemerkte: “Wie alles Deutsche, stark übertrieben.“<< Joseph Epstein

Man muß Mut haben, um witzig zu sein.

Dumm und blöd geht meistens zusammen.

Charlie Hebdo: solche Morde an Juden sind euch egal, mal sehen wie”angemessen”  ihr reagiert, wenn (wenn, nicht falls) eure Städte von Islamisten mit Kasam-Raketen beschossen werden.

Christopher Hitchens großartig: „In einer freien Gesellschaft hat niemand das Recht, nicht beleidigt zu werden.“

Je mehr sich jemand narzisstisch aufbläht, desto mehr fühlt er sich beleidigt und provoziert.

“Das Problem mit der Welt ist, daß die Dummen felsenfest überzeugt sind und die Klugen voller Zweifel.” – Bertrand Russel

Das Problem mit den Islamisten in Europa soll man genauso lösen, wie es Europa für den Nahen Osten verlangt: jeweils eine Zweistaatenlösung, die Hälfte für Muslime, die andere Hälfte für Nicht-Muslime, mit einer gemeinsamen Hauptstadt.

Was darf Satire? Alles! Nur nicht vom Dummkopf verstanden werden, weil es dann keine Satire war.

Islamimus ist Islam, der Gewalt predigt.

Islam ist eine Religion der Liebe,und wer es anzweifelt, ist tot.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Der Islam ist die friedliche Religion der Liebe George Orwell 2015

Islam ist verantwortlich für gar nichts, Juden sind schuld an allem.

Islamisten sind Satanisten. Islamismus ist eine Religion von Idioten.

Leute fühlen sich immer furchtbar beleidigt, wenn man ihre Lügen nicht glaubt.

Jeder ist selbst verantwortlich für seine Gefühle.

Die Psychoanalyse geht niemanden außer den Psychoanalytiker und seinen Patienten etwas an, und alle anderen sollen sich verpissen.

“Zeit ist das Echo einer Axt
im Wald.
Philip Larkin, Gesammelte Gedichte

Wenn jemand wie Islamisten sein Ego endlos aufbläht, dann verletzt er seine eigenen Gefühle schon morgens beim Scheißen.

„Die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: Reichtum ohne Arbeit Genuß ohne Gewissen Wissen ohne Charakter Geschäft ohne Moral Wissenschaft ohne Menschlichkeit Religion ohne Opfer Politik ohne Prinzipien.“
―Mahatma Gandhi

„Wo man nur die Wahl hat zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten.“
―Mahatma Gandhi

Warum zeigt sich Allah nicht? Weil er mit solchen Arschlöchern nichts zu tun haben will.

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.”  – Ignazio Silone

Politische Korrektheit verlangt eine Sprache für ein Poesiealbum.

Psychoanalyse ist frivol, oder es ist keine Psychoanalyse.

Bunte Vielfalt, früher: Scheiße

Was der Mensch nicht mehr verändern, nicht mehr reformieren kann, ist nicht mehr lebendig, sondern sehr tot. Was tot ist, das soll man, das muß man begraben: Religion, Ehe, Romantizismus, etc.

Romantik ist scheiße.

Die Realität ist immer stärker als Illusionen.

Deutschland gestern: der Wille zur Macht.
Deutschland heute: der Wille zur Verblendung.
Deutschland morgen: 德國

Deutsche Psychoanalyse? Großartig, wie deutscher Charme, deutscher Humor und deutscher Esprit.

Der Widerstand fängt mit einer eigenen, anderen Sprache als die der Diktatur.

Smart phones for stupid people.

Ein Linker kann, muß aber nicht dumm sein.

Wenn man ganzen Staaten nicht übel nimmt, wenn sie mit Millionen Opfern Selbstmord begehen, warum dann einem Co-Piloten mit 149 Toten?

Nur die Reinheit der Mittel heiligt den Zweck.

Ein extremer Narzißt ist ein potentieller Terrorist, und jeder Terrorist ist ein extremer Narzißt.

Islamisierung bedeutet Verblödung.

…der hiesige Autoritarismus (ist) einer ohne Autorität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen. Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl, sondern sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als es das Wort vom „Befehlsnotstand“, von der „Gleichschaltung“ oder vom „Führer“ selber glauben machen will, herrschte das NS-System durch Gehorsam ohne Befehl. (W. Pohrt, Der Weg zur inneren Einheit)

Der faschistische Sozialpakt existiert im bundesdeutschen Postfaschismus weiter als eine im Resultat aufgehobene Voraussetzung, die unmittelbar keine Spur ihrer gewaltförmigen Durchsetzung mehr an sich trägt: umso besser kann diese Tatsache verleugnet und der Nationalsozialismus als das Verbrechen einiger Irrer, als „Unrechtsstaat“, als „das Schlimmste, das Menschen einander je angetan haben“ exorziert werden. Diese Lebenslüge der BRD ist das Fundament aller demokratischen „Vergangenheitsbewältigung“, jenes kollektiven Beschweigens des Nationalsozialismus, das durchaus auch die Form enervierender Redseligkeit annehmen kann. Weil das postfaschistische Deutschland in institutioneller wie personeller Hinsicht in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht, muß ausnahmslos jeder Versuch einer Vergangenheitsbewältigung innerhalb des sich weiterschleppenden Systems zur symbolischen Distanzierung, zum substanzlosen Gestus geraten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Deutschen einen schier unerschöpflichen Vorrat an größeren und kleineren Entlastungslügen angelegt, aus dem sie sich je nach Gelegenheit und Bedarf bedienen. Danach war das nationalsozialistische System wahlweise das Werk von Hitler höchstpersönlich, einer kleinen Verbrecherclique und ein paar Helfershelfern oder des Monopolkapitals und seiner Schergen. Otto Normalvergaser jedenfalls hat „von alledem nichts gewußt“, war „im Grunde auch dagegen“ oder „konnte gar nicht anders handeln“, weil „Befehlsnotstand“ herrschte und man im Falle des Zuwiderhandelns sofort „ins KZ gekommen“ wäre. “ (…) „Heute haben die Verbreitung des Gerüchts und die Verbreitung der Neidbeißerei neue, technische Möglichkeiten. Sie können sich über das Internet und diverse Subnetzwerke und Blogs rasend verbreiten und auch auf die Politik einen Druck erzeugen, sich ihnen zu beugen. Die gesellschaftliche Mobilmachung wirkt so wieder auf die Politik zurück. Sie muss sich den entsprechenden Stimmungen beugen, weil sonst die Wiederwahl gefährdet würde. Die Devise »Ich bin ihr Führer, also muss ich ihnen folgen«, bleibt auch im zerfallenen Postnazismus das prinzipienlose Grundprinzip von Herrschaft.“ (…) Spezialisierung und Diversifikation sind die zeitgemäße Erscheinungsform von Vermassung und Uniformität. (…) 1 x 1 materialistischer Kritik: es  muss darum gehen, Erscheinungen in eine Konstellation zu bringen, in der sie lesbar werden. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. Und weil gerade die Entfernung vom Nazismus die Nähe zu ihm verbürgt, waren und sind das diejenigen, die in Personensache am wenigstens mit Nazifaschistischem in Verbindung zu bringen sind, die Linksradikalen, die Linksliberalen, die Linken, die Antifaschisten, die entschiedensten Schrittmacher dafür, dass der anfangs noch gar nicht wirklich übergreifende postnazistische Fundamentalkonsens tatsächlich totalisiert und auf die Höhe der Zeit gebracht werden konnte. Die Nazis und die Rechten hingegen waren für diesen Vorgang nur von unterordnetem Belang. Sie standen immer schon für eine in ihrer konkreten Ausprägung gestrige Gesellschaftsformation und deshalb ging von ihnen auch nie eine ernsthafte Gefahr eines neuen Faschismus aus. Diese Totalisierung der Gemeinschaft der Demokraten, die hauptsächlich die Linke mit herbeigeführt hat, ist allerdings identisch und das zeigt sich heute mit ihrem Zerfall. Dieser wiederum ist im Selbstwiderspruch der postnazistischen Vergesellschaftung angelegt, in der der bereits erwähnte nazistische Kurzschluss von Staaten Subjekt im Modus permanenter Mobilmachung in den politökonomischen Formen im Doppelsinne aufgehoben ist. Seiner Substanz nach anerkannt und aufbewahrt, wie vorerst suspendiert und seiner Verlaufsform nachgezügelt. Also statt den Blockwarten gab es Aktenzeichen XY, da durfte sich jeder dann auch telefonisch dran beteiligen, aber richtige Jagdszenen gab es in der alten Bundesrepublik nicht oder nur in Ausnahmefällen. Taxiert selbst zu Zeiten der Prosperität jeder insgeheim seinen Erwerb als verkappte Arbeitslosenunterstützung, so mobilisiert die Krise der postnazistischen Vergesellschaftung erst Recht die Sehnsucht nach der alten Staatsunmittelbarkeit. Johannes Agnoli schrieb dazu schon in der Transformation der Demokratie 1966: „Der präfaschistisch liberale Ruf nach dem starken Staat wiederholt sich postfaschistisch neoliberal“. Und damit gerät das ganze System des autoritären Etatismus und geraten letzten Endes die politökonomischen Vermittlungen als solche wieder ins Visier des Volkszorns und es war wiederum die Linke, die noch zu Zeiten, wo keine Krise in Sicht war, im sinistren Tram nach Liquidation der Vermittlungen die Zunge gelöst und ihm neue fantasievolle und kreative, wie es so schön heißt, Äußerungsformen zur Verfügung gestellt hat. Sie war das Laboratorium, in dem die allgemeine Mobilmachung eingeübt und jener darauf zugeschnittenen neue und zugleich sehr alte Sozialcharakter herangebildet wurde, indem sich mittlerweile eine Mehrheit spontan wieder erkennt. Derjenige Sozialcharakter, der nach dem Motto „Ich leide, also bin ich“ sich einerseits unter Berufung auf die höchst unverwechselbare Diskriminierung, die ihm angeblich wiederfährt, zur kleinsten existierenden Minderheit erklärt, sich gleichsam nach dem Muster verfolgter und in ihrer Kultur bedrohter Völker begreift und andererseits als Gegensouverän seine private, warnhafte Feinderklärung allen anderen oktroyieren möchte und diesem Zweck entweder vorhandene gesellschaftliche Organisationen zu Rackets umfunktioniert, neue Rackets gründet oder andere Rackets mit ins Boot holt. Der einstige demokratische Fundamentalkonsens wird dadurch einerseits ins einzelne Subjekt zurückverlagert und andererseits vermittlungslos verallgemeinert. Aus der formell kollektiven Feinderklärung der Mitte gegen die Extreme, das war der Normalfall in der Bundesrepublik bis weit in die 80er Jahre, Terroristenhasse, einige werden sich noch daran erinnern. Aus dieser kollektiven Feinderklärung der gesellschaftlichen Mitte gegen die Extreme wird also die pluralisierte Feinderklärung alle gegen alle, die getrennt vereint sich zusammenrotten und auf diese Weise zerfällt die Gemeinschaft der wehrhaften Demokraten und reorganisiert sich zugleich hin zu zerfallen. Ein Zitat von Wolfgang Port in einem anderen Zusammenhang macht es sehr schön deutlich: „Wie durch höhere Gewalt sondern sich die Langen von den Kurzen, die Weiblichen von den Männlichen, die Alten von den Jungen, die Dicken von den Dünnen ab“ und das Resultat ist eine Segregation und Ghettoisierung durch welche die Metropolen, einem riesigen Freiluftgefängnis mit seinen Unterabteilungen für Männer und Frauen, Jugendliche, Kranke, Alte, Port schreibt etc., man könnte noch Schwule und Lesben und Migranten und was weiß ich noch alles ergänzen, Protestanten, Katholiken, Ossis, Wessis, immer ähnlicher werden. Neu ist, dass dieses Freiluftgefängnis als eine kulturelle Einrichtung und seine Insassen als Kulturbotschafter begriffen werden und es ist diese nahezu flächendeckende Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mehrheit und der einzelnen Individuen in ihr, die in der Postmoderne ihr bewusstloses Selbstbewusstsein und ihre Legitimation erfährt und im antirassistischen PC-Sprech sich ihren Ehrenkodex schafft, ihre Omertà, die sich an ihresgleichen und die verbliebenen Kritiker draußen richtet, Islamophobie ist ihr derzeit aktuellstes Schlagwort. Dieser Vorgang, diese Selbstkulturalisierung der gesellschaftlichen Mitte und ihr Zerfall ist also die Bedingung der neuen Haltung Ausländern und Migranten gegenüber, an denen die Deutschen projektiv ihre ersehnte Regression auf den Stamm illustrieren. Was ihnen umso leichter gelingt, als manch ihrer Repräsentanten und Lobbyisten sich anschicken, genau dem Bilde zu gleichen, das die Deutschen sich seit jeher von ihnen machten und wofür sie von ihnen jetzt nach kollektiv und offiziell ins Herz geschlossen werden. Der mittlerweile zur Dauereinrichtung erklärte Karneval der Kulturen ist nichts anderes als ein Zerfallsprodukt der postfaschistischen Demokratie, mehr noch, er ist diese Gemeinschaft in einer zugleich flexibilisierten und pluralisierten und kollektivierten Gestalt. In dieser Völkerfamilie, die die Deutschen gerne auf der ganzen Welt hätten, wären da nicht Israel und die USA als Störenfriede und die sie aus Mangel an Realisierungschancen deshalb erstmal bei sich zuhause einrichten, geht es dabei zu, wie in jeder guten Familie: Die einzelnen Mitglieder sind einander spinnefeind und die Widersprüche und Konflikte, die daraus resultieren, gehören auch voll und ganz dieser Vergesellschaftung an, sind von ihr konstituiert und dazu gehört ein fein dosiertes Spiel mit Fremdheit und Nähe, das von allen Beteiligten auch weiterhin gepflegt wird, weil damit ein moralisches Plus bei der Gefolgschaft eingefahren werden kann. (…) Der zweite Weltkrieg war ein kulturindustrielles Massenevent. (…) Eine neue Barbarei sei stets zu befürchten, wird sich nicht aus dem Geist Nationalsozialismus unmittelbar speisen, sondern im Gewande von demokratischem Antifaschismus von Lernen aus der Geschichte und political correctness daher kommen.(…) Abwehr des offenen Faschismus durch dessen demokratische Entnazifizierung und Eingemeindung. (…) Je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren. (…) Die postnazistische Demokratie hat  die nationalsozialistische Mobilmachung des „gesunden Volksempfindens“ zwar nicht abgeschafft, sondern nur sistiert – sie hat es aber andererseits auch in die Latenz abgedrängt und damit gebremst, indem sie es in die mediatisierende Form des bürgerlichen Repräsentationsprinzips zwängte.  (…) „Rassismus“ ist ein ideologisches Stichwort eines anti-rassistischen Rackets, das jeden Realitätsbezugs entbehrt, das seine Mitglieder vielmehr nur als Ausweis von Gesinnungsfestigkeit und Ehrbarkeit vor sich hertragen und das ihnen als probates Mittel dient, um nach Willkür und freiem Ermessen festzulegen, wer gerade als „Rassist“ zu gelten hat. Und dieses „anti-rassistische“ Racket, das sind heutzutage fast alle: längst ist die Gegnerschaft zum Rassismus keine Domäne der Linken mehr, sondern offizielle Staatsraison und common sense aller Ehrbaren und Wohlmeinenden, und das ist die erdrückende Mehrheit.  (…) Von der moralisierenden Aufdringlichkeit und der enervierenden Verlogenheit einmal abgesehen, ist die Ehrfurcht, die „anderen Kulturen“ entgegengebracht wird und die Unterwürfigkeit, mit der ihre Träger geradezu als Heilsbringer verehrt werden, keine Gegenposition zum Rassismus, sondern dessen logische wie historische Voraussetzung, die im Rassismus und allen naturalisierenden Ideologien als ein Moment überlebt: deren Grundmuster ist die projektive Bekämpfung dessen, was man selbst gern möchte, aber nicht erreichen kann, und deshalb gehört zur Diskriminierung der Neger wegen ihrer „Faulheit“ die Bewunderung für den „Rhythmus, den sie im Blut haben“ und die Achtung vor ihrer „sagenhaften Potenz“; somit ist der „Anti-Rassismus“ nichts weiter als die notwendige Kehrseite des Rassismus selbst, die sich von diesem abgespalten hat und gegen ihre eigene Grundlage wendet. Historisch jedenfalls geht die Wertschätzung fremder Kulturen ihrer späteren, „rassisch“ legitimierten Abqualifizierung voran und sie ist auch logisch deren Voraussetzung: Christoph Columbus etwa beschreibt in seinen Tagebüchern die Eingeborenen, die er 1492 auf den Bahamas, Cuba und schliesslich Haiti angetroffen hat, folgendermaßen: sie sind „ängstlich und feige“, „sehr sanftmütig und kennen das Böse nicht, sie können sich nicht gegenseitig umbringen“, „sie begehren die Güter anderer nicht,“ und er resümiert: „Ich glaube nicht, dass es auf dieser Welt bessere Menschen oder ein besseres Land gibt.“ (7)  (…) Protestantische Innerlichkeit: gemäß der Devise, dass vor der schlechten Tat der schlechte Gedanke und das schlechte Wort kommen, die man demzufolge austreiben muss, damit alles besser wird. (…) So kommt es, dass es heute der Anti-Rassismus ist, der, unter dem Vorwand, heldenhaft gegen einen in Wahrheit nicht existenten „Rassismus“ zu kämpfen, Respekt und Toleranz noch für die rückständigsten und unmenschlichsten Sitten und Gebräuche einfordert und damit selbst als Protagonist und Fürsprecher einer Verrassung der restbürgerlichen Gesellschaft fungiert.  (..) Die unterschiedliche Pigmentierung der menschlichen Haut ist eine objektive Gegebenheit, keine bloße Erfindung. (…) Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv. (…) Der nervige Sozialcharakter des Gutmenschen ist offenbar eine fast zeitlose Erscheinung und in den verschiedensten Lebensbereichen anzutreffen, die Wahrscheinlichkeit, ihm in fortschrittlichen sogenannten „politischen Zusammenhängen“ zu begegnen, ist besonders hoch: werden doch hier traditionell die altruistischen Tugenden – das Mitgefühl, die Solidarität, Selbstlosigkeit etc. – besonders hoch angeschrieben und deshalb sind sie das geeignete Betätigungsfeld für Sozialcharaktere, die sich als Ersatz für ihr eigenes ungelebtes Leben vorzugsweise mit dem Leiden anderer als Fetisch verbinden. (…) Es sind aber gerade die höchsten Tugenden, die die niedersten Instinkte decken, wie schon Marx wusste: „Bis jetzt hat der Mensch sein Mitgefühl noch kaum ausgeprägt. Er empfindet es bloß mit dem Leiden, und dies ist gewiss nicht die höchste Form des Mitgefühls. Jedes Mitgefühl ist edel, aber das Mitgefühl mit dem Leiden ist die am wenigsten edle Form. Es ist mit Egoismus gemischt. Es neigt zum Morbiden […] Außerdem ist das Mitgefühl seltsam beschränkt […] Jeder kann für die Leiden eines Freundes Mitgefühl empfinden, aber es erfordert […] das Wesen eines wahren Individualisten, um auch am Erfolg eines Freundes teilhaben zu können. (…) Und da jeder demonstrative Altruismus nicht nur einen kleinlichen Egoismus bemäntelt, sondern auch mit dem Anspruch des Idealisten einhergeht, erzieherisch auf das Objekt seiner Zuwendung einzuwirken, ist er die adäquate Ideologie von Rackets, und auch das ist Wilde nicht entgangen: Barmherzigkeit, so schreibt er, sei die „lächerlich unzulängliche Art der teilweisen Rückerstattung oder ein sentimentales Almosen, gewöhnlich verknüpft mit dem skandalösen Versuch des rührseligen Spenders, auf (das) Privatleben (der Armen) Einfluss zu nehmen. (…) Im totalisierten Zugriff auf die ihr Unterworfenen ist die sozialistische Bewegung bis auf den heutigen Tag ebenfalls als ein Racket des Tugendterrors anzusprechen, betrachtet sie es doch als ihre Aufgabe, das Proletariat oder das gerade angesagte Subjekt seiner „wahren Bestimmung“ zuzuführen und d.h. es im Sinne der von ihm zu realisierenden Ideale zu erziehen – und das bedeutet stets noch: ihm die Untugenden und Laster auszutreiben, die der Vorhut als Male der individualistischen Bürgerwelt erscheinen: etwa Alkoholabusus, Faulenzerei, „zerrüttete“, „unsittliche“ Verhältnisse zwischen den Geschlechtern etc. Und um dieser Aufgabe gerecht zu werden, müssen die selbsternannten Vertreter der Klasse die von ihnen verfochtenen Tugenden in eigener Person glaubwürdig verkörpern und deshalb in einer noch rigideren Weise als der gemeine Bürger sich als Subjekte zurichten, d.h. ihre Individualität dem Allgemeinen (dem Kollektiv, der Klasse, dem Frieden etc.) opfern, um totale Identität mit ihm zu erlangen. Wenn Identität letzten Endes den Tod bedeutet, dann hat die Bemühung um sie vorzeitige Erstarrung und prämortale Leblosigkeit zur Folge – von daher die bis in die Gegenwart zu beobachtenden verhockten, verkniffenen und lauernden Mienen aller professionellen Menschheitsbeglücker, ihre rigide Zwangsmoral und durchgängige Humorresistenz, die immergleichen offiziösen Phrasen, die sie dreschen, die tödliche Langeweile, die von ihnen und ihrem penetranten Sendungsbewusstsein ausgeht, und ihr chronisches Beleidigtsein, wenn sie beim Gegenüber auch nur den Hauch eines Zweifels an ihrer aufgetragenen Gutartigkeit zu erspüren glauben. Und zu alldem glauben diese Leute sich auch noch ermächtigt, diese ihre trostlose Existenz zur verbindlichen Richtschnur für alle anderen zu erklären.“ – Clemens Nachtmann

„Die rebellische Haltung, vor einem Jahrzehnt noch das Privileg von Einzelgängern, ist heute Ausdruck des Konformismus. Man will dazugehören, nicht als Schlappschwanz gelten“ – Horkheimer

„Die Demokratie ist nichts weiter als die Herrschaft des Knüppels über das Volk durch das Volk für das Volk. (…) Es gibt drei Arten von Despoten: den Despoten, der den Leib knechtet, den Despoten, der die Seele knechtet und den Despoten, der Leib und Seele zugleich knechtet. Der erste heißt Fürst. Der zweite heißt Papst. Der dritte heißt das Volk. (..) Wer das Volk führen will, ist gezwungen, dem Pöbel zu folgen“ (…) „Man hört immer wieder, der Schulmeister sterbe aus. Ich wünschte beileibe, dem wäre so. Aber der Menschentypus, von dem er nur ein und gewiss noch der harmloseste Vertreter ist, scheint mir wahrhaftig unser Leben zu beherrschen; und wie auf ethischem Gebiet der Philanthrop die größte Plage ist, so ist es im Bereich des Geistes derjenige, der so sehr damit beschäftigt ist, andere zu erziehen, dass er nie Zeit gehabt hat, an seine eigene Erziehung zu denken […] Wie schlimm aber, Ernest, ist es, neben einem Menschen zu sitzen, der sein Leben lang versucht hat, andere zu erziehen! Welch eine grausame Tortur! Was für eine entsetzliche Borniertheit, die unvermeidlich aus der fatalen Gewohnheit resultiert, anderen seine persönlichen Überzeugungen mitteilen zu wollen! Wie sehr dieser Mensch durch seine geistige Beschränktheit auffällt! Wie sehr er uns und fraglos auch sich selbst anödet mit seinen endlosen Wiederholungen und seiner krankhaften Besserwisserei! Wie sehr er jedes Anzeichen geistigen Wachstums vermissen lässt! Wie verhängnisvoll ist der Kreis, in dem er sich unablässig bewegt.“ – Oscar Wilde
„Was die Menschheitsbeglücker in Wahrheit bewirken, ist ihr eigener moralischer Selbstgenuss in der angemaßten oder tatsächlichen Herrschaft über andere, aber gerade nicht die praktische Lösung der Dinge, um die es ihnen vorgeblich so selbstlos zu tun ist: „In den Augen des Denkers allerdings liegt der wahre Schaden, den das moralische Mitgefühl anrichtet, darin, dass es unser Wissen begrenzt und so verhindert, dass wir auch nur eines unserer sozialen Probleme lösen.“ (Wilde) Das Selbstopfer fürs Kollektiv erweist sich nicht nur als die wahre Selbstsucht, sondern auch als gegen die Gattung gerichtet: „Denn die Entwicklung der Gattung hängt von der Entwicklung des Individuums ab, und wo die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit als Ideal abgedankt hat, ist das Absinken des intellektuellen Niveaus, wenn nicht gar dessen gänzliches Verschwinden die unmittelbare Folge.“ (Wilde) Und das vorgeblich so praktische und zielorientierte Tun erweist sich als in Wahrheit konfus und unpraktisch: denn es verlässt den Bannkreis des Notwendigen und Zwanghaften nicht, ja, es bestärkt dessen Macht umso mehr, je auftrumpfender und verblendeter es sich in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit verhärtet und alle Selbstaufklärung abwehrt. Solange die Gesellschaft den Individuen als fremde äußere Macht entgegentritt, verkehrt sich die gute Intention regelmäßig in ihr Gegenteil und ist menschliches Handeln „nur blindes Tun, abhängig von äußeren Einflüssen und angetrieben von einem dunklen Impuls, von dem es selbst nichts weiß. Es ist seinem Wesen nach unvollkommen, weil es vom Zufall begrenzt wird, und unwissend über seine eigentliche Richtung, befindet es sich zu seinem Ziel stets im Widerspruch […] Jede unserer Taten speist die große Maschine des Lebens, die unsere Tugenden zu wertlosem Staub zermahlen oder aber unsere Sünden in Bausteine einer neuen Kultur verwandeln kann.“ (…) Die Misere des Sozialismus von seinen Anfängen bis heute war und ist stets zuverlässig abzulesen an seiner Verachtung aller autonomen, zweckfreien, in sich begründeten und eben darin gesellschaftlich bestimmten Kunst, weil sie die – prekäre und unvollständige – Emanzipation des Individuums von Blut, Scholle, Rasse, Kollektiv vorausträumt und ihr Ausdruck verleiht. Die Kunst, die sozialistische Bewegungen oder Regimes dann hervorbringen und fördern, eine Kunst, die „Partei ergreifen“, „Stellung beziehen“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ dokumentieren soll, zerstört jedoch sich selbst und ihre Voraussetzungen. (…) „Kunst ist Individualismus und der Individualismus ist eine verstörende und zersetzende Kraft. Gerade darin liegt sein unermesslicher Wert. Denn was er aufzubrechen versucht, ist die Einförmigkeit des Typischen, die Sklaverei der Konvention, die Tyrannei der Gewohnheit und die Erniedrigung des Menschen auf das Niveau einer Maschine. (…) alle Künste sind amoralisch, ausgenommen die niederen Formen der sinnlichen oder belehrenden Kunst, die uns zu guten oder schlechten Taten anstiften wollen“ (…) Selbstsucht strebt immer danach, der gesamten Umwelt ein Einheitsmaß aufzuzwingen“ „Selbstlosigkeit bedeutet, andere Leute in Ruhe zu lassen, sich nicht in ihr Leben einzumischen […] Die Selbstlosigkeit weiß die unendliche Vielfalt als etwas Kostbares zu schätzen, sie akzeptiert sie, lässt sie gewähren und erfreut sich an ihr.“ (…) „Die erste Pflicht im Leben ist, so künstlich wie möglich zu sein. Die zweite Pflicht ist noch unbekannt.“(Wilde)
Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus.  (…) Massen laufen zur Deutschen Ideologie über, wenn Politik und Staat ihnen diesen Weg nicht versperren (…) Der Vernünftige braucht keinen Dialog mit Leuten zu führen, die sich nicht von Grund auf von denjenigen distanzieren, die Juden oder, was dasselbe ist, den Zionismus für ihr und anderer Leute Unglück verantwortlich machen. Er denunziert desgleichen jede Verhandlungsbereitschaft denen gegenüber, die, bevor sie sich als Staatsbürger und Marktsubjekte definiert haben, als Angehörige einer Religions- oder Volksgemeinschaft anerkannt werden wollen. (…) Antizionismus und Antiamerikanismus, ihr Philo-Islamismus nichts anderes sind als moderne Varianten des urdeutschen Antisemitismus. (…) Antideutsch denken und handeln heißt demzufolge, die politischen Vermittlungs- und Repräsentationsformen in Gesellschaft und Staat, die auf der Trennung von freien und gleichen Warenbesitzern einerseits und am Allgemeinwohl orientierten Staatsbürgern andererseits beruht, gegen die zu verteidigen, die diese Teilung zugunsten eines autoritären Volksstaates überwinden wollen, dessen Subjekte von nichts anderem als von seinen Wohlfahrtsleistungen abhängig sind. Wer in diesem Sinne das Etikett „antideutsch“ nicht auch auf sich bezieht, mißachtet zumindest die Gefährlichkeit der – selbstredend nicht auf Deutschland und deutsche Staatsbürger beschränkte, sondern immer schon weltweit grassierende – Deutschen Ideologie, deren historischer Kern darin besteht, daß auf ihr Konto nicht nur „normale“ kapitalbedingte Ausbeutung und Herrschaft, nicht nur die dem Kapital aus Prinzip immanenten Kriege und nicht nur der ihm in seinen Grund eingeschriebene Antisemitismus gehen, sondern fördert das Überleben einer Ideologie, der zudem noch die historisch und empirisch nicht zu leugnende Tatsache eingeschrieben ist, daß die deutsche Fassung der Beziehung von Staat und Gesellschaft die Auslöschung der Menschheit in zwei Weltkriegen im allgemeinen und den eliminatorischen Antisemitismus im besonderen beinahe total verwirklicht hätte. In der Existenz des Staates Israel manifestiert sich der Einspruch gegen den historisch bewiesenen Vernichtungswahn Deutscher Ideologie praktisch und empirisch. – Manfred Dahlmann

„Wird Freiheit mit Zügellosigkeit verwechselt, entsteht Rücksichtslosigkeit.
Am Schluss Gleichmacherei.
Ihr seid aber nicht alle gleich.
Noch nie wart ihr alle gleich.
Ihr lasst es euch aber einreden.
So werdet ihr immer respektloser, ungenießbarer gegeneinander.
Vergeudet in Kleinkriegen eure Zeit, als hättet ihr ein zweites Leben.
Weil ihr tatsächlich alles verwechselt.
Behauptungen mit Beweisen.
Gerechtigkeit mit Maß.
Religion mit Moral.
Desinteresse mit Toleranz.
Satire mit Häme.
Reform mit Veränderung.
Nachrichten mit Wirklichkeit.
Kulturunterschiede haltet ihr für Softwarefragen und ihre Analyse ersetzt ihr mit Anpassung.
Ihr habt die Maßstäbe verloren.
Der Gordische Knoten ist ein Keks gegen eure selbstverschuldete Wirrsal.

Man geht immer fehl, sucht man den Ursprung menschlicher Handlungen außerhalb der Leidenschaft des menschlichen Herzens …

Der Separatismus gendert sich in die Köpfe, sitzt in Regierungen.
Männer sind keine Männer mehr. Frauen keine Frauen, sondern ‚Menschen mit Menstruationshintergrund’, Quote ist Trumpf.
Auf gar keinen Fall sollen Mann und Frau sich noch als zwei Teile eines Ganzen begreifen. Damit die Geschlechter noch mehr aneinander verzweifeln.
Bis alle in destruktiver Selbstbezogenheit stecken.
Am Ende: Mann ohne Eier. Frau ohne Welt.

Auf die Erschöpfung des Mannes wird aber nur die Erschöpfung der Frau folgen, das sage ich euch.
Auf die Verstörung der Kinder folgt die Zerstörung der menschlichen Schöpfung.“– Hans Dieter Hüsch

Es gibt zweierlei Ethik: die moralische, der die Realität egal ist und die der Verantwortung, die reale Folgen der ethischen Forderungen berücksichtigt. Die erste ist gut gemeint, die zweite ist gut gemacht.

Was dem einen seine Souveränität, ist dem anderen seine Eigenmächtigkeit.

Das Schöne am Euro war, dass die Gewinner immerzu gewinnen konnten, ohne dass ihnen gleich die Quittung präsentiert wurde. Denn sie verdienen ja am Ausland, was heißt, eigentlich ein im Maße des Verdienens zunehmend schlechtes Geld – das ist durch den Euro aufgehoben worden: Man konnte ständig an einer anderen Nation verdienen, ohne dass das Geld dieser Nation darunter gelitten hat, weil sie gar kein eigenes hat. Der Wert dieses Geldes repräsentiert nicht die Leistungsfähigkeit dieser Nation. So hat der Euro von dem innereuropäischen Verdienen aneinander sogar noch gelebt; er hat vor der Krise absurderweise nur den Konkurrenzerfolg der Gewinner repräsentiert.

— Das ist ja mit der Idylle charakterisiert. Dass zunächst mal alle Seiten Gewinner des neu eingeführten Euro waren. Auch die, die ihre vergleichsweise Weichwährung gegen den Euro getauscht haben und damit auf einen Schlag Kredit zu ganz anderen Konditionen und Möglichkeiten hatten. Insofern waren die späteren Verlierer erst mal auch Gewinner.

Kein Nazifaschist hat je wirklich geglaubt, er bezöge die Ermächtigung seiner Ansprüche aus dem Teutoburger Wald; keiner seiner demokratischen Erben hat jemals tatsächlich gedacht, ihnen erwüchse Legitimität im Resultat des “Lernens aus der Geschichte”; niemals war ein Sozialist der Ansicht, es sei die famose “Befreiung der Arbeit” und nicht vielmehr das Recht auf Beute, was seine Politik im Interesse der Arbeiterklasse motivierte. Und keinesfalls erwächst den Palästinensern irgendein Recht aus der Tatsache, daß sie zuerst da waren. Einer Gesellschaft, der Hunger kein Grund ist zur Produktion, kann auch das Leiden kein Grund sein zur Solidarität. Es ist die Ideologie, die mit der Unmittelbarkeit des Leidens agitiert, die aus dessen fragloser Evidenz Sinn zu schlagen sucht, sei es im Sinne von Caritas oder Amnesty International, sei es im Sinne der Freunde des palästinensischen Volkes für den Israelhaß der Antisemiten wie für den Islamfaschismus dieses Volkes. Ariel Scharon jedenfalls, der Zionist und praktische Antifaschist, ist dem aufgelösten Rätsel der Geschichte näher als die deutsche Linke, deren “Antifaschismus” sich als Aufstand der Anständigen à la Gerhard Schröder oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausagiert. (…) Im Wesen Israels als des ungleichzeitigen Staates der Juden liegt es aber nicht nur, Reaktion auf den Verrat an Aufklärung und Weltrevolution, nicht nur, Notwehrversuch gegen den Nazifaschismus und Asyl zu sein. Sondern eben auch, daß die üblichen Muster der bürgerlichen Rollenverteilung – hier das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates im allgemeinen und dort die Personen, die die Regierungsausübung im besondern besorgen – für den israelischen Staates aufgrund seiner Konstitutionsbedingungen keine Geltung mehr hat. Was sich unter anderem darin zeigt, daß diese “Kritiker” der israelischen Regierungspolitik für den faschistischen Mob und die Behörden, die Selbstmordattentäter belohnen, Verständnis aufbringen (Folge von Besatzung und Ausbeutung), dagegen für den Versuch, die militärische Infrastruktur der Gegner Israels zu zerschlagen, am liebsten die Begriffe Auslöschung oder Ausrottung der palästinensischen Bevölkerung im Munde führen. Wie hinter der treudoofen Frage, ob es nicht möglich sein müsse, Spekulanten als das zu bezeichnen, was sie sind, ohne gleich als antisemitisch zu gelten, so verbirgt sich hinter der treulinken Frage, ob nicht auch in Israel, weil es sich auch dort um eine bürgerliche Gesellschaft handele, Faschismus möglich sei, die Erkenntnis dieser Fusion in verquerer und verschrobener Gestalt. Verquer, weil ja gerade erklärt werden sollte, wie Israel, dieser Fusion zum Trotz, eine parlamentarische Demokratie ist und bleibt; verschroben, weil diese Einheit von Staat und Regierung im Übergang von einem unerträglichen Alten (die Vernichtungsdrohung) zum noch nicht erreichten Neuen (die herrschaftslose Gesellschaft) ja doch den Inbegriff dessen ausmacht, was einmal als “Diktatur des Proletariats”, als Emanzipationsgewalt und organisierte politische Macht der Revolution, auch und gerade auf den roten Fahnen stand. In Anbetracht der Grundidee des Staates Israel, vor dem Hintergrund der linken Staatsmythen, betreffend die “Diktatur des Proletariats”, muß jede Beurteilung der Handlungen der Regierungsvertreter auch die völlig andere Qualität dieses Staates, verglichen mit allen anderen, deutlich werden lassen. (…)

Wenn diese Linke über Israel schwadroniert, dann hört sich das nicht minder grausig an. Dabei liegt der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und dem Vernichtungswillen gegen die zum Staat gewordene bürgerliche Gesellschaft der Juden, gegen Israel, eigentlich auf der Hand: Der sogenannte Antizionismus stellt nichts anderes dar als die geopolitische, globalisierte Reproduktion des Antisemitismus, das heißt die Erscheinungsform, die er in Weltmarkt und Weltpolitik nach Auschwitz annehmen muß. Der Antizionismus ist der aus den kapitalisierten Gesellschaften in die Welt herausgekehrte Antisemitismus. So ist Israel der Jude unter den Staaten; die Verdammung des Zionismus als eines “Rassismus” durch die UNO gibt es zu Protokoll. Das macht: die moralische Verurteilung der menschlichen Unkosten der Konstitution bürgerlicher Staatlichkeit allein am Beispiel Israels führt vor Augen, was die Welt der Volksstaaten vergessen machen will – daß die Zentralisation der politischen Gewalt über Leben und Tod keineswegs die natürliche Organisationsform der Gattung Mensch darstellt, sondern Ausdruck eben von Herrschaft und Ausbeutung. Dabei ist Israel – und das macht die Kritik an diesem Staat so perfide und muß deshalb immer wieder gesagt werden – der einzige Staat dieser Welt, der für sich eine nicht zu bezweifelnde Legitimität beanspruchen kann. Israel, das ist der ungleichzeitige Staat, der entstanden ist sowohl als Reaktion auf das Dementi aller Versprechungen der bürgerlichen Nationalrevolution, sowohl als Antwort auf den stalinistischen Verrat an der kommunistischen Weltrevolution als auch als zu spät gekommene Notwehr gegen den Massenmord an den europäischen Juden. (…) Israel ist das Schibboleth jener doch so naheliegenden Revolution; es ist der unbegriffene Schatten ihres Scheiterns. Israel ist das Menetekel, das zum einen (und ganz unfreiwillig) die kategorischen Minimalbedingungen des Kommunismus illustriert, und das zum anderen sämtliche Bestialitäten zu demonstrieren scheint, zu denen der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat fähig ist. Wer Israel nicht begriffen hat, wer den Haß auf diesen Staat, den Antizionismus, und wer den Antisemitismus, das heißt den Vernichtungswillen sowohl gegen die in diesem Staat lebenden als auch gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden, nicht begriffen hat als das, was Antisemitismus wesentlich darstellt: den bedingungslosen Haß auf die Idee einer in freier Assoziation lebenden Gattung, der hat den Kommunismus nicht als das “aufgelöste Rätsel der Geschichte” begriffen. –

 Der ostentative Muslimeifer aber, der sich im Alltag mancher ‚Allahu-Akbar‘-Brüller vielleicht doch sehr in Grenzen hält, findet im blanken Judenhass unverhoffte Nahrung, wo ihnen unter unendlich öden Koranrezitationen und geistlosen, absurden Vorschriften längst das bisschen ungeglaubten Glaubens zwischen den Fingern zerrann und ihr Muslimsein kaum je mehr ist als das typisch dauerbeleidigte, immer schon jeder Verantwortung ledige Gruppengefühl. Überhaupt will jeder Eifer – insbesondere der aktuelle, rasende Eifer des weltweit angreifenden Islam – den Stachel eines weniger drohenden als hinterrücks längst geschehenen Glaubensverlustes kompensieren.“ Mit anderen Worten: Muslime wurden nicht für ihr abstraktes Muslimsein kritisiert, sondern dafür, was – global betrachtet – die Mehrheit konkret darunter versteht: Die von Gott gegebene Ermächtigung zu Terror, Entrechtung, Antisemitismus. Wer differenziert, sollte nicht unerwähnt lassen, dass Osama bin Laden, Hassan Nasrallah und wie all die schrecklichen Figuren so heißen, in der muslimischen Welt als Helden gefeiert werden – und zwar nicht von einer minoritären Sekte, sondern von Millionen Muslimen, auch in Deutschland. (,,) Der unfreiwillige und verborgene Essentialismus der Postmoderne macht das Begreifen unmöglich, weil er die Beziehung zwischen Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem nicht mehr zu thematisieren vermag. Wenn nur noch Vielfalt herrscht und Einzelnes und Allgemeines gewaltsam auseinandergerissen werden, bleibt die Verstandesleistung des begreifenden Subjekts auf der Strecke und die scheinbar ursprüngliche Differenz wird zum Mythos. Nicht nur dem Begriff des Allgemeinen, das ja ein noch einzulösendes ist, wird Gewalt angetan, auch dem Besonderen, dessen Unglück darin besteht, nur ein Besonderes zu sein, und das sich, weil es kein versöhnendes Ganzes gibt, dem schlecht-Allgemeinen, dem Racket nämlich, anschließen muss. – JAN HUISKENS

„Vernunft und Rationalität sind in dieser durchmedialisierten Welt chancenloser denn je. Ein unangenehmer Typ „Heckenschütze“ terrorisiert die Gesellschaft. Seine aktuelle Waffe: Der Phobienvorwurf.“ – Bettina Röhl

„Man wähnt, wenn man nach wissenschaftlichen Regeln sich richtet, dem wissenschaftlichen Ritual gehorcht, mit Wissenschaft sich umgibt, gerettet zu sein. Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen, in der Wissenschaft erst bestünde. […] Je tiefer man ahnt, daß man das Beste vergessen hat, desto mehr tröstet man sich damit, daß man über die Apparatur verfügt.“ (Theodor W. Adorno, Philosophie und Lehrer, AGS 10.2, 491)

„Vieles, was im Sinne von Foucaults »Mikrophysik der Macht« populär werden sollte; also die Erkenntnis, daß Macht nicht pyramidal hierarchisch, sondern durch sämtliche gesellschaftliche Bereiche hindurch wirkt, findet sich bereits in der Medizinkritik der Kritischen Theorie. Daß diese Thesen häufig übersehen wurden, mag daran liegen, daß sich Horkheimers entscheidende Äußerungen über Medizin und Psychiatrie nicht in den breit rezipierten Hauptwerken finden, sondern über die Gesamtausgabe verstreut sind. Wiemer suchte sie zusammen und zeigt, wie Horkheimer anhand der Medizin einen wesentlichen Charakterzug des modernen Kapitalismus ausmachte. Mediziner funktionieren laut Horkheimer wie fast jede wirtschaftliche Gruppe im Sinne eines Rackets. »Ein Racket«, erklärt er, »ist eine unter sich verschworene Gruppe, die ihre kollektiven Interessen zum Nachteil des Ganzen durchsetzt.« Allgemein betrachtet heißt das, daß sich die Klassengesellschaft in eine »neofeudale« Struktur verwandelt hat, innerhalb der Interessenverbände »nach dem Prinzip der Selbsterhaltung und der Machtakkumulation« funktionieren. Diesen Wandel macht Horkheimer an den Medizinern fest; und alles, was Horkheimer in seiner Kritik aussparte, von den Krankenversicherungen bis zum Pfusch in Krankenhäusern, wird von Carl Wiemer polemisch auf den neuesten Stand gebracht“  – Max Horkheimer

 

„Ein Shitstorm hat auch seine positive Seite. Da politisch korrekte Gülle meist in Richtung Originalität, Kreativität und Intelligenz geworfen wird, fliegt sie oft genug auf Leute, die zu lesen wirklich lohnt.“ – Evidenz-basierte Ansichten

Eine Frau wird als Frau geboren. ein Mann muß erst ein Mann werden.
Keine Paternalisierung, sondern fortschreitende Maternalisierung. Die Feminisierung und Genderisierug marginalisiert und zerstört die Vaterposition in den modernen »Gesellschaften«, die Vaterrolle erlitt allgemeine Degradierung, die Kanonisierung der Homosexulität im Speziellen und der sexuellen Diversität im Allgemeinen tilgt die noch übriggebliebenen Spuren einer Männlichkeit restlos aus, die nur noch als Schimpfwort der angeblichen „Paternalisierung“ im Jargon der Medien herumgeistert.

„Es kommt in der Psychotherapie darauf an – mit temporärer Unterstützung – sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Wer mit einem Selbstbild lebt, für das die temporär klärende Rolle des Therapeuten eine unerträgliche Kränkung ist, der muß eben versuchen, alleine zurechtzukommen.“ – Hans Ulrich Gumbrecht

Post-Pop-Epoche: der Sieg der Mode über die Sitten.

„Wir brauchen schadhafte Gebäude, durch deren geborstene Wände man hindurch­ sehen kann, um wenigstens einen Anfang zum Denken zu gewinnen.“ – Victor Tausk

„Was man in römischer Zeit das »Abendland« und später »Europa« nennen wird, ist die politische Konsequenz des individualistischen Martyriums, das ein gesprächsfreudiger Stadtstreicher auf sich nahm, um die Legitimität des im universalistischen Dialekt vorgebrachten Neuen gegen die entkräfteten lokalen Sitten zu demonstrieren.“ – Peter Sloterdijk

„Was nützt einem die Gesundheit wenn man ansonsten ein Idiot ist.“ – Theodor Adorno

„Ich bin eine Feministin. Das bedeutet, daß ich extrem stark behaart bin und daß und ich alle Männer haße, sowohl einzelne als auch alle zusammen, ohne Ausnahmen.“Bridget Christie

„Die Tragödie isolierter persönlicher Leidenschaften ist für unsere Zeit zu fade. Aber weshalb? Weil wir in einer Epoche der sozialen Leidenschaften leben. Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv.“ –  LeoTrotzki 1923

line-wordpress

Stupidity is demonstrated by people lacking the knowledge they could achieve

Stupidity manifests itself as outraged moralism

Love: only, and not always, a mother loves her child, just as it is, otherwise you have to meet the expectations of others, to be accepted.

Values without empathy are worth nothing

Some people feel physical pain when they should correct their accustomed ideas in favor of reality, they turn all their intelligence with the support of their aggression, for not to recognize the reality and maintain their self-image

More and more feel, think less and less Man does not differ from animals by feelings, because mammals have the same feelings, like man, sadness, fear, anger, love, but by his thought. When he thinks, if he thinks.

Political correctness can be defined as the telling of a lie out of the cowardice in an attempt to avoid upsetting fools not willing to face up to the truth

“In arguments about moral problems, relativism is the first refuge of the scoundrel.” Roger Scruton

They are the same who claim the sex/gender would not be biologically innate, but only a social construct, and at the same time that homosexuality was not a social construct, but biologically innate.

Antisemitism is when one blames the Jews or Israel for issues, he does not blame others

„There are two things,“ said Hitler in 1923, „which can unite people: common ideals and common crime“

After the violent termination of Murder by the Allies were the German (and have remained so to this day) more german than before.

The depraved human creature, the more she feels insulted, disrespected, offended in their honor.

Islam is less a religion and more a totalitarian society, an ideology that demands absolute obedience and tolerates no dissent, no criticism, and prohibits the thinking, knowledge and recognition. True Islam is totally different, the one who will find it will receive a very high reward.

Craziness is, when one always does the same but expects a different outcome

If a monkey thinks “I am a monkey”, then it is already a human

A man with roots should go for a pedicure

Self smugness leads to idiocy, being pissed off leads to enlightenment

If someone has something to say, he can tell it always very easily. If someone has nothing to say, he says it in a very complicated way

Addiction is, when somebody does something he wants to do, yet seeks someone who can make it so he won’t do it and doesn’t want to, either.

If the clever people always gave in, the world would be reigned by idiots. Too much “cleverness” makes you stupid.

If one only fights evil to protect life, one produces nothing good at all and such a life then becomes no longer worth living and thus requires no protection, for it is already unlived due to such a total protection. One can spend so much money on insurance, that one has nothing left to insure. Safety works in the same way.

Happy slaves are the worst enemies of freedom.

Creativity is an intelligence having fun.

If working makes you sick, fuck off, leave the work!

If Germans talk about morality, they mean money.

A man without an insight is just an anxious, aggressive, unhappy monkey.

Thinking is always trespassing.

The mob, who calls himself the people, does not discuss, just defames.

Legal is not always legitimate.

Who can not do without, lives unhappy.

So called social, culture sciences, sociology, psychology psychotherapy, psychoanalysis, are not anymore scientific, but immanent religious cult-prophets, organized as sects.

Without a strong opposition any apparent democracy atrophies to a tyranny, and as well a science , to an attitude of a religious sect.

You can recognize everything from a certain distance only, who is zealous, outraged, who sticks his nose in something, this one has lost the perspective, he recognizes anything more, he has only his imagination of the world in his head. This creates paranoia, which is called religion, and a religion as politics, even as a science.

Islamists are a real danger, therefore they will not be seen as such. Jews are not a danger, therefore they are seen as such. It is how the perception by cowards functions.

People without a sense of humor are able only to fear or to hate and become monks or terrorists.

People are not equal, each single person is unique.

Insight applies to everyone, including Muslims, Albanians, women and homosexuals.

Islam belongs to Germany, Judaism belongs to Israel.

The totalitarian Terror of consensus is ubiquitous in Germany.
There are no discussions anymore, but defamations only.
It is a culture of the mob. As it has already been.
Harmony is only if you do not communicate.

One should never go to bed with someone who has more problems than you already have.

>>Evelyn Waugh, surely the wittiest novelist of the past century, in World War II, coming out of a bunker during a German bombing of Yugoslavia, looked up at the sky raining enemy bombs and remarked, “Like everything German, vastly overdone.”<< Joseph Epstein

One has to be brave, to have a wit.

Stupid and dull belong mostly together.

Charlie Hebdo: you don´t care if such murders are comitted to Jews, we will see how “adequate” you will react when (when, not if), Islamists will begin to bombard your cities with Kasam missiles.

Christopher Hitchens: In a free society, no one has the right not to be offended.

The more someone narcissistic inflates , the more he feels insulted and provoked.

“The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” – Bertrand Russell

 The problem with the Islamists in Europe should be solved exactly as Europe requires to the Middle East: a two-state solution, a half for muslims and the another half for not-muslims , with a common capital.

What may satire? Everything! Except be understood by the fool, because then it was not a satire.

Islamimus is Islam preaching violence.

Islam is a religion of love, and he who doubts is dead.

War is peace. Freedom is slavery. Ignorance is strength. Islam is a peaceful religion of love – George Orwell 2015

Islam is not responsible for anything, Jews are guilty of everything.

Islamists are satanists. Islamism is a religion of idiots.

If someone inflates endless his ego, as Islamists do, then he hurts his own feelings already in his morning own shit.

The seven deadly sins of modern society. Wealth without work pleasure without conscience, knowledge without character business without morality Science without humanity, worship without sacrifice Politics without principles
-Mahatma Gandhi

“Where there is only a choice between cowardice and violence, I would advise violence.”
-Mahatma Gandhi

Heroes of today know nothing, can not and do not want anything. They just look like heroes, that’s all.

It may be that early fathers ate their children. Today, the mothers will eat anything, fathers, children and the rest. Everything Mommy, anyway!

Germany yesterday: the will to power.
Germany today: the will to blindness.
Germany tomorrow:

German psychoanalysis? Great, like German charm, German humor and German wit.

The resistance starts with its own language other than that of the dictatorship.

Smart phones for stupid people.

A leftist can, but do not have to be stupid.

If you do not blame states, when they commit suicide with millions victims , so why to blame a co-pilot with 149 dead?

Only the purity of the means justify the end.

A German is a person who can speak no lie, without actually believe Adorno

„Reason and rationality are chance-less than ever in this totally mediatised world. An unpleasant type Sniperterrorized society. His current weapon: The phobia accusation.“ – Bettina Röhl
„A Shitstorm has also its positive side. As politically correct manure it is usually thrown in the direction of originality, creativity and intelligence, she flies often to people who are really worth to read.“ Evidenz-basierte Ansichten
A woman is born as a woman. a man has to become a man.
No paternalization but advancing maternalization. The feminization and genderization marginalized and destroyed the father position in the modern „societies,“ the father role suffered general degradation, the canonization of homosexuality in particular and the sexual diversity generally wipes out the still remaining traces of masculinity completely out,  only as an insult haunts the alleged „paternalization“ in the jargon of mass media.
PostPop era: the triumph of fashion over the morals.
„We need damaged buildings, so you can see through their cracked walls to win at least one viewpoint to start to begin to think. Victor Tausk
„What good is health if you are an idiot then?“ – Theodor Adorno
„What one must be judged by, scholar or no, is not particularised knowledge but one’s total harvest of thinking, feeling, living and observing human beings.“ (…) „While the practice of poetry need not in itself confer wisdom or accumulate knowledge, it ought at least to train the mind in one habit of universal value: that of analysing the meanings of words: of those that one employs oneself, as well as the words of others. (…) what we have is not democracy, but financial oligarchy. (…) Mr. Christopher Dawson considers that “what the non-dictatorial States stand for today is not Liberalism but Democracy,” and goes on to foretell the advent in these States of a kind of totalitarian democracy. I agree with his prediction. (…) That Liberalism is something which tends to release energy rather than accumulate it, to relax, rather than to fortify. (…) A good prose cannot be written by a people without convictions. (..) The fundamental objection to fascist doctrine, the one which we conceal from ourselves because it might condemn ourselves as well, is that it is pagan. (..) The tendency of unlimited industrialism is to create bodies of men and women—of all classes—detached from tradition, alienated from religion and susceptible to mass suggestion: in other words, a mob. And a mob will be no less a mob if it is well fed, well clothed, well housed, and well disciplined. (…) The rulers and would-be rulers of modern states may be divided into three kinds, in a classification which cuts across the division of fascism, communism and democracy. (…) Our preoccupation with foreign politics during the last few years has induced a surface complacency rather than a consistent attempt at self-examination of conscience. (…) What is more depressing still is the thought that only fear or jealousy of foreign success can alarm us about the health of our own nation; that only through this anxiety can we see such things as depopulation, malnutrition, moral deterioration, the decay of agriculture, as evils at all. And what is worst of all is to advocate Christianity, not because it is true, but because it might be beneficial. (…) To justify Christianity because it provides a foundation of morality, instead of showing the necessity of Christian morality from the truth of Christianity, is a very dangerous inversion; and we may reflect, that a good deal of the attention of totalitarian states has been devoted, with a steadiness of purpose not always found in democracies, to providing their national life with a foundation of morality—the wrong kind perhaps, but a good deal more of it. It is not enthusiasm, but dogma, that differentiates a Christian from a pagan society.“ (…)  It would perhaps be more natural, as well as in better conformity with the Will of God, if there were more celibates and if those who were married had larger families. (…) We are being made aware that the organisation of society on the principle of private profit, as well as public destruction, is leading both to the deformation of humanity by unregulated industrialism, and to the exhaustion of natural resources, and that a good deal of our material progress is a progress for which succeeding generations may have to pay dearly. I need only mention, as an instance now very much before the public eye, the results of “soil-erosion”—the exploitation of the earth, on a vast scale for two generations, for commercial profit: immediate benefits leading to dearth and desert. I would not have it thought that I condemn a society because of its material ruin, for that would be to make its material success a sufficient test of its excellence; I mean only that a wrong attitude towards nature implies, somewhere, a wrong attitude towards God, and that the consequence is an inevitable doom. For a long enough time we have believed in nothing but the values arising in a mechanised, commercialised, urbanised way of life: it would be as well for us to face the permanent conditions upon which God allows us to live upon this planet. And without sentimentalising the life of the savage, we might practise the humility to observe, in some of the societies upon which we look down as primitive or backward, the operation of a social-religious-artistic complex which we should emulate upon a higher plane. We have been accustomed to regard “progress” as always integral; and have yet to learn that it is only by an effort and a discipline, greater than society has yet seen the need of imposing upon itself, that material knowledge and power is gained without loss of spiritual knowledge and power. “ – T.S.Eliot
“I am a feminist. All this means is that I am extremely hairy and hate all men, both as individuals and collectively, with noexceptions.” – Bridget Christie

Marxsche Theorie und kritische Soziologie. Acht Thesen zu einer Wahlverwandtschaft.

Marxsche Theorie und kritische Soziologie. Acht Thesen zu einer Wahlverwandtschaft. *

Anstelle einer Einleitung: Sozioanalyse

Bevor ich mich dem Marxismus im 21. Jahrhundert zuwende, ist es sinnvoll, Sozioanalyse im Sinne Bourdieus zu betreiben. Es geht mir um eine Positionierung im intellektuellen Kräftefeld, die erkennen lässt, wie ich mich der Marxschen Theorie nähere. Als Schüler und Student war ich glühender Sozialist. Bombenteppiche auf Hanoi und der Putsch gegen die Regierung Salvador Allendes waren Anlass, mich politisch zu engagieren. Der Marxismus, so wie ich ihn verstand, war auch eine soziale Identität. Er versprach nicht nur wissenschaftliche Erkenntnis, er war ein Glaube – der Glaube daran, dass sich der Kampf für eine Welt ohne Ausbeutung und Krieg lohnen würde. Dieser identitätsbildende Glaube erodierte im Laufe der 1980er Jahre. Auf der Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Umbrüche, neue soziale Bewegungen und nicht zuletzt für Ausbeutung und repressive Herrschaft im real existierenden Sozialismus wurde ich vom Marxisten zum empirisch interessierten Sozialwissenschaftler.

Bin ich heute noch Marxist? Ich habe mir diese Frage lange nicht gestellt. Das hat andere nicht daran gehindert, sie stellvertretend für mich zu beantworten. Für einige meiner Kollegen bin ich das sperrige Überbleibsel eines Arbeiterbewegungsmarxismus, wie ihn Wolfgang Abendroth und seine Schüler im Rahmen ihrer „Marburger Schule“ begründet haben. Andere sehen (oder sahen) in mir einen engstirnigen Arbeitssoziologen, dem mit dem Göttinger Empirismus auch die kapitalismuskritische Perspektive abhandengekommen ist (war). Linksradikale Kritiker machen aus mir einen traditionalistischen Gewerkschaftsfreund, der sich mit ein wenig Sozialkritik und einigen reformerischen Korrekturen am Kapitalismus zufrieden gibt. Manchen Anhängern eines außerakademischen Marxismus gelte ich als Luxemburgist, Einfach-Marxist und Popularisator verstaubter Theoriefragmente.

Bin ich also Marxist? In der Debatte, die das gemeinsam mit Stephan Lessenich und Hartmut Rosa verfasste Bändchen „Soziologie-Kapitalismus-Kritik“ umfasst (Dörre et. al. 2009), habe ich mich, wohl hinreichend offensiv, auf Marx bezogen. In der Außenwahrnehmung gelte ich seither vielen als der Neo-Marxist innerhalb des Autorentriumvirats (Mikl-Horke et. al. 2011). Die Zweifel im Feld des außerakademischen Marxismus, ob ich die Ehre einer solchen Zuschreibung überhaupt verdiene (Bischoff/Lieber 2013: 45), hindern weder Studierende noch Kolleginnen und Kollegen an der Aufforderung, den einmal in die Welt gesetzten Anspruch in einer Theorie kapitalistischer Landnahmen einzulösen.
Auch deshalb ist die Frage, wie es um den Marxismus im 21. Jahrhundert bestellt ist, für mich relevant. Mein Versuch, eine vorläufige Antwort zu formulieren, beschränkt sich auf einige fragmentarische Überlegungen. In einem Punkt bin ich mir jedoch sicher. Die Marxismen des 21. Jahrhunderts bieten vielleicht einen Kompass, um die soziale Welt besser zu verstehen und wirksam zu kritisieren. Identitätsbildend sind diese Marxismen für mich aber nicht. Das vorausgeschickt, möchte ich meine Überlegungen zu Marxismus und Soziologie in acht Thesen zusammenfassen.

These 1: Es gibt nicht den Marxismus, sondern eine gewisse Pluralität von Konzeptionen, die sich in unterschiedlicher Weise auf die Marxsche Theorie beziehen.

Diese Pluralität ist im – unabgeschlossenen – Marxschen Werk selbst angelegt. Es gibt keinen homogenen, in sich stimmigen Marx. Anregend sind aus der heutigen Perspektive gerade die Brüche und Ungereimtheiten im Marxschen Denken. Dies zu ignorieren hieße, einen „faulen Marxismus“ zu fördern (Hall 1989: 12). Im Rahmen des DFG-Kollegs „Postwachstumsgesellschaften“, auf Auslandsreisen und insbesondere in Südafrika habe ich das Gegenteil eines „faulen Marxismus“ kennen lernen dürfen. Das gilt vor allem für einen Sociological Marxism (Burawoy 2003, 2013), der in Deutschland, anders als in der angelsächsischen Welt, weder über eine akademische Tradition noch über eine institutionelle Verankerung verfügt. Mein eigenes Theorieverständnis entspricht in vielerlei Hinsicht der Grundidee dieses Sociological Marxism. Seine Anhänger verstehen sich als „marxian“, nicht als „marxist“. Sie plädieren für eine – niemals abgeschlossene – Reinterpretation klassischer Texte unter Berücksichtigung des zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Wissens. Zum „pragmatischen Realismus“ (Wright 2009: 101) so verstandener Theoriebildung gehört es, Begriffe wiederzuentdecken und mit neuem Inhalt zu füllen, die seitens der marxistischen Orthodoxie längst ad acta gelegt waren.

Landnahme ist ein solcher Begriff. Die Kategorie ist für Theorien zentral, welche den Kapitalismus als expansives System analysieren und kritisieren. Gemeinsam ist diesen durchaus heterogenen Konzepten die Annahme, dass kapitalistische Gesellschaften sich nicht ausschließlich aus sich selbst heraus reproduzieren. Die Akkumulation des Kapitals bleibt beständig an „nichtkapitalistische Milieus“ gebunden (Luxemburg 1975[1913]: 303, 314). Kapitalistische Dynamik speist sich daher aus einer komplexen Innen-Außen-Bewegung. Stets beinhaltet sie die Internalisierung von Externem, die Okkupation eines nicht kapitalistischen oder nicht marktförmigen Anderen. Ein reiner Kapitalismus, d.h. ein generalisierter Warentausch mit Zwei-Klassen-System, wie ihn Marx auf einer bestimmten Abstraktionsstufe in seinen Reproduktionsschemata unterstellt (Marx 1977[1885]: 391-520), ist nicht überlebensfähig, jedenfalls ist er nirgendwo existent. Stattdessen kommt es zu einem fortwährenden Austausch, den Bereiche, die unmittelbar unter Verwertungszwecke subsumiert sind, mit noch nicht kommodifizierten Sektoren der Gesellschaft pflegen.
Über einen längeren Zeitraum fast vergessen, hat dieser Grundgedanke in der Auseinandersetzung mit Globalisierung und Finanzmarktkapitalismus eine überraschende Renaissance erfahren. Wohl ein wenig voreilig wird ihm bereits ein ähnlicher Status zugeschrieben, wie ihn zeitweilig die Regulationstheorie bei der Analyse des Fordismus innehatte (Backhouse et. al. 2013: 11). Versuche, kapitalistische Entwicklung als „Akkumulation durch Enteignung“ (Harvey 2005: 137ff.) zu analysieren, konzentrieren sich überwiegend auf den finanzkapitalistischen Modus Operandi in Staat und Wirtschaft, die Veränderungen nicht nur der Erwerbsarbeit, sondern vor allem auch der Reproduktionstätigkeiten werden hingegen kaum oder gar nicht in den Blick genommen. Diesen Schwachpunkt monieren feministische Wissenschaftlerinnen (Federici 2013: 38-50, Aulenbacher 2013: 105-126; Feministische Autorinnengruppe 2013: 99-118), die den Entzug von Ressourcen für die soziale Reproduktion als Zentrum der neuen Landnahme betrachten.
Das von mir favorisierte Landnahmekonzept teilt die Annahme einer fortwährenden ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. In der Auseinandersetzung mit gängigen zeitgenössischen Interpretationen hatte Marx den Übergang zum Industriekapitalismus als „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet (Marx 1973 [1867]: 741-802). Zumindest im vorindustriellen England, das Marx als wichtigsten Fall analysierte, beruhte dieser Prozess auf gewaltsamer Aneignung von Besitz, der Zerstörung tradierter Produktions- und Lebensformen sowie einer auf außerökonomische Zwänge gegründeten Disziplinierung von Arbeitskräften (Kößler 2013: 18-37). Während Marx Gewalt und außerökonomischen Zwang jedoch als Übergangsphänomen betrachtete, das sich mit der Eingewöhnung in die kapitalistische Produktionsweise von selbst erledigen würde, haben Rosa Luxemburg und an sie anknüpfend so unterschiedliche Interpreten wie Hannah Arendt, Maria Mies, Burkart Lutz oder in jüngster Zeit David Harvey die Notwendigkeit einer fortwährenden ursprünglichen Akkumulation begründet. Dabei ist nicht die offene Gewaltträchtigkeit ursprünglicher Akkumulation der entscheidende Punkt. Die fordistische Landnahme des traditional-handwerklichen Sektors in den wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismen erfolgte weitgehend friedlich. Dennoch kann diese innere Landnahme in ihrer Konsequenz für den traditionalen Sektor und seine Produktions- und Lebensweisen „durchaus in Analogie zur ‚äußeren Landnahme’ des Imperialismus gesehen werden“ (Lutz 1984: 213).
Mit Blick auf die Entwicklung ab Mitte der 1970er Jahre halte ich es für aussichtsreich, die Restrukturierung in den kapitalistischen Zentren als finanz- und wettbewerbsgetriebene Landnahme des Sozialen zu analysieren. Das Landnahmetheorem enthält ein Set an Wenn-Dann-Beziehungen gewinnen, das als Forschungs-Heuristik an den Gegenwartskapitalismus herangetragen werden kann: Wenn (1) industriekapitalistische Gesellschaften prosperieren, dann speist sich diese Prosperität aus der Okkupation nichtkapitalistischer Milieus. Wenn (2) kapitalistische Prosperität auf der Okkupation nichtkapitalistischer Milieus beruht, sind Wachstumsschübe endlich, weil die Etablierung kapitalistischer Tausch- und Verkehrsformen unweigerlich mit einer Zerstörung vereinnahmter Milieus verbunden ist. Ein neuer Prosperitätsschub wird nur einsetzen, wenn (3) neues Land außerhalb der etablierten Produktion für die Kapitalakkumulation erschlossen werden kann. Wenn jedoch (4) alle nichtkapitalistischen Milieus in den kapitalistischen Warentausch und den Akkumulationsprozess des Kapitals integriert sind, dann gelangt kapitalistische Entwicklung an ihr Ende. Dieses Ende lässt sich jedoch in die Zukunft verschieben, wenn (5) ein nicht-kapitalistisches Anderes aktiv, d.h. mit ökonomischen und politischen Mitteln neu hergestellt werden kann. Eine solche Forschungsheuristik bezieht ihr Anregungspotential aus der Marxschen Theorie und deren kritischer Bearbeitung – etwa durch Rosa Luxemburg. Es geht aber primär darum, das Landnahmetheorem auf die Kapitalismen des 21. Jahrhunderts zu beziehen und seine Leistungsfähigkeit anhand von Gegenwartsphänomenen zu prüfen. Analytische Tragfähigkeit bedeutet zugleich Kritik von Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen. Das führt mich zu einer zweiten These.

These 2: Die Marxsche Theorie ist eine Kapitalismuskritik – „die gründlichste, kompromissloseste, umfassendste jemals vorgebrachte Kritik dieser Art“ (Eagleton 2012: 14).

Und, so sei hinzugefügt, sie ist zugleich diejenige Theorie, die „große Regionen der Erde umgestaltet hat“ (ebd.). Damit hat die Marxsche Theorie jedoch ihre Unschuld verloren. Jede Spielart des Marxismus muss heute selbstreflexiv sein, d.h. sie muss ein kritisches Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte und der durch sie legitimierten Praxis entwickeln. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Soziologie auch als Reaktion auf die Herausforderung der Marxschen Theorie entstanden ist. Hat sich die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie und haben sich die von ihr inspirierten Marxismen zunächst als interne theoretische Ansätze sozialistischer Arbeiterbewegungen entwickelt, so entstand die Soziologie von Beginn an als akademisches Fach. Ihre Entwicklung verlief zunächst völlig anders als die der Marxschen Theorie. Zumindest implizit erfolgte die Entwicklung der akademisch institutionalisierten Disziplin aber doch in Auseinandersetzung mit dem außerakademischen Marxismus.
Im wissenschaftlichen Feld ist der gemeinsame Bezugspunkt von interner Marxscher Theorie und externer akademischer Soziologie ein Kampf um Wahrheit. Deutungsmacht beruht letztendlich auf dem Ringen um Erkenntnis. Aus diesem Grund konnte es überhaupt zu einer spannungsgeladenen wechselseitigen Durchdringung von Marxscher Theorie und akademischen Sozialwissenschaften kommen. Die Marxsche Theorie adaptierte – wenngleich oftmals zögerlich und selektiv – soziologische Methoden und Analysen; die Soziologie übernahm ihrerseits Elemente des Marxschen Denkens. Auch weil die Suche nach Wahrheit in vielerlei Hinsicht an Methoden und theoretischen Überlegungen der akademischen Soziologie anknüpfen kann und muss, darf sich das Selbstverständnis, die Identität einer Soziologin oder eines Soziologen niemals ausschließlich auf Marxismus gründen. Das gilt umso mehr, als die diversen Marxismen ihren Charakter als interne Theorien sozialistischer Arbeiterbewegungen mit wenigen Ausnahmen längst verloren haben. In den staatssozialistischen Ländern zur Legitimationsideologie einer bürokratischen Elitenherrschaft mutiert, entstand in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern ein westlicher Marxismus, der, wenngleich überwiegend marginal, auf unterschiedliche Weise auch im Wissenschaftssystem institutionalisiert wurde. Die Frankfurter Schule ist dafür ein prominentes Beispiel.
Trotz des kurzen Frühlings Marxscher Theorie, der angesichts einer überraschenden Wiederkehr der Arbeitermilitanz nach 1968 einsetzte, sind solche Institutionalisierungen besonders in Deutschland stets fragil geblieben. Das ist bedauerlich, weil sich z. B. mit dem Sociological Marxism ein spezifischer Erkenntnisanspruch verbindet, der, so mein Vorschlag, allerdings etwas weiter gefasst werden muss, als Michael Burawoy (2013) ihn formuliert. In Burawoys Überlegungen ist „das Soziale“, die Zivilgesellschaft jenseits von Wirtschaft und Kernstaat, das zentrale Feld eines zeitgemäßen soziologischen Marxismus. Soziologen, auch diejenigen, die einem soziologischen Marxismus verpflichtet sind, agieren als „guardians of humanity, defending society against the tyranny of markets and the terrorism of states“ (Burawoy 2008: 354). Die Politische Ökonomie und der Akkumulationsprozess des Kapitals sind hingegen als analytisches Feld von untergeordneter Bedeutung. Demgegenüber zielen meine Überlegungen auf eine disziplinäre Ausrichtung, die nach den Ausbeutungs- und Herrschaftsmechanismen fragt, die sich gleichsam unter der Oberfläche des kapitalistischen Waren und Äquivalententauschs verbergen.
Was dies bedeutet, lässt sich wiederum anhand des Landnahmetheorems zeigen. Am ägyptischen Fall hat Rosa Luxemburg eindringlich beschrieben, was unter fortgesetzter ursprünglicher Akkumulation zu verstehen ist. Die neue Landnahme (Luxemburg verwendet den Begriff nicht, sie spricht stattdessen von Kolonisation) setzte mit der Verwandlung einer ursprünglich auf Subsistenzproduktion ausgerichteten Bauernwirtschaft in eine Geldökonomie ein. Diese Geldwirtschaft wurde genutzt, um große Modernisierungsprojekte wie den Suezkanal sowie die erforderliche Infrastruktur (Eisenbahn) zu schaffen. Zur Finanzierung diverser Programme jagte eine Staatsanleihe die andere, die Staatsverschuldung Ägyptens stieg. Davon profitierte in erster Linie das europäische Anlagekapital (ebd.: 380f.), und das auf Kosten der ägyptischen Fellachen, die mit unfreiwilliger Arbeit zur Zinstilgung beitragen mussten. Anlagekapital, dessen Ansprüche auf maximalen Gewinn befriedigt werden, indem Grund und Boden okkupiert und unfreie, prekarisierte Arbeit einem System einverleibt wird, das auf systematischer Überausbeutung beruht – das ist nach Rosa Luxemburg der Modus Operandi imperialistischer Landnahme ihrer Zeit. Die Nähe dieses sozialen Mechanismus zu aktuellen Phänomenen springt sofort ins Auge. Finanzkapitalistisch getriebene Landnahme und exorbitante Renditeerwartungen auf der einen Seite, Prekarisierung und Übernutzung von natürlichen Ressourcen auf der anderen Seite sind ein Strukturmerkmal neuer Landnahmen, die sich seit den 1970er Jahren ereignet haben. Allerdings folgt die neue Landnahme nicht den altbekannten imperialen Mustern. Der Expansionsdrang, der dem Kapital immanent ist, drängt nicht zu Kolonialpolitik und Unterwerfung des globalen Südens. Eher sind es einige der ehemaligen Kolonialstaaten, deren Aufholprozess die frühindustrialisierten Länder herausfordert. Und selbstverständlich sind es heute nicht Fellachen oder andere Fronarbeiter, die Rendite- oder Gewinnansprüche von Unternehmen und Finanzmarktakteuren bedienen, wenngleich es ähnliche Phänomene noch immer gibt. Landnahme bedeutet in der Gegenwart, zumindest in den kapitalistischen Zentren, Freisetzung von Lohnabhängigen aus wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssystemen. Wohlfahrtsstaatliche Institutionen, die in der fordistischen Ära für eine partielle Abkopplung der Lohnarbeit von Marktrisiken sorgten, bilden nun das neue Außen, welches es im Namen einer flexiblen Akkumulation zu okkupieren gilt. Eine selektive Enteignung von ‚Sozialeigentum‘ soll den Warencharakter von Lohnarbeit für einen Teil der Arbeitskräfte möglichst umfassend wiederherstellen. An die Stelle von präkapitalistischen treten post-wohlfahrtsstaatliche Formen prekärer Arbeit und Beschäftigung, deren Expansion die kontinentaleuropäischen Arbeitsgesellschaften auf unterschiedlichen Achsen der Ungleichheit und Ausbeutung verändern.

These 3: Ein pluraler, demokratischer Marxismus des 21. Jahrhunderts muss der Realität unterschiedlicher Herrschafts- und Ausbeutungsformen Rechnung tragen.

Auch diese Anforderung wird im Landnahmekonzept reflektiert. Die Abhängigkeit der Kapitalakkumulation von äußeren nicht-kapitalistischen Märkten strukturiert nicht nur die Wechselbeziehungen zwischen Lohnarbeit und anderen Tätigkeitsformen, sie impliziert zugleich eine begrenzte Pluralität von Ausbeutungsverhältnissen. In einer allgemeinen Verwendung benennt die Kategorie der Ausbeutung eine Kausalbeziehung zwischen „dem Glück der Starken […] und der Not der Schwachen […]“ (Boltanski/Chiapello 2003: 398). Man müsse, so das Argument Dubets, „die marxistische Auffassung von Wert und Mehrwert nicht teilen, um die Macht des Gefühls der Ausbeutung in der Industriegesellschaft zu begreifen“ (2008: 119).
In Erweiterung der Luxemburgschen Akkumulationstheorie hatten Autorinnen im Kontext des Bielefelder Hausfrauisierungs-Ansatzes ähnlich argumentiert: „Ausbeutung heißt Beute machen, sich etwas durch Gewalt aneignen, was nicht durch eigene Arbeit geschaffen wurde, sich etwas nehmen, ohne Gleichwertiges zurückzugeben“ (Mies 1983: 120). Mit der Gewaltträchtigkeit von Ausbeutungsbeziehungen, die auf Subsistenzarbeit Anwendung findet, wird so ein formationsunspezifischer Mechanismus für allgemeingültig und grundlegend erklärt, der gerade nicht dem Prinzip des kapitalistischen Äquivalententauschs entspricht. Ausbeutung in ihrer grundlegenden, der Ausbeutung in der Mehrwertproduktion vorgelagerten Version, gilt als machtgestützte Übervorteilung, als „Raub“. Demgegenüber will die Marxsche Theorie erklären, weshalb Ausbeutung trotz des auf dem Arbeitsmarkt herrschenden Prinzips der Vertragsgleichheit möglich ist. Dieses Prinzip kann im kapitalistischen Unternehmen realisiert und zugleich in verdeckter Weise durchbrochen werden, weil die Lohnabhängigen das Äquivalent für ihre Arbeitskraft, nicht aber für das Wertprodukt erhalten, das sie herstellen. Zwar bedarf es nach Luxemburg des Klassenkampfs, um dem Äquivalententausch am Arbeitsmarkt überhaupt Geltung zu verschaffen, doch dieses Tauschverhältnis lässt sich, was weder Marx noch Luxemburg voraussehen konnten, ‚pazifizieren‘ (Habermas 1987: 512). Ausbeutung kann mittels Steigerung des Lebensstandards der Ausgebeuteten abgemildert und subjektiv in „gerechte“, weil für legitim befundene Ungleichheit umgedeutet werden.
Die Institutionalisierung von Lohnabhängigenmacht im Wohlfahrtstaat, im Arbeitsrecht und in kollektiven Vertragsbeziehungen wirkt marktbildend, indem sie dem Prinzip des Äquivalententauschs zumindest formal zur Gültigkeit verhilft. Ich schlage vor, diesen Fall als primäre, weil für die kapitalistische Formation exklusive Ausbeutungsform zu bezeichnen. Von kapitalistisch formbestimmten primären lassen sich nicht spezifisch kapitalistische sekundäre Ausbeutungsmechanismen unterscheiden. Während primäre Ausbeutungsbeziehungen in formelle oder informelle Vertragsbeziehungen eingebettet sind, die das Prinzip des Äquivalententauschs (Arbeitskraft gegen angemessene Entlohnung) festschreiben und daher im Idealfall auch ohne außerökonomische Disziplinierung auskommen, stiften sekundäre Ausbeutungsformen Äquivalenzbeziehungen anderen Typs. Von sekundärer Ausbeutung kann immer dann gesprochen werden, wenn symbolisch-kulturelle oder staatlich und politisch legitimierte Disziplinierungsmechanismen eingesetzt werden, um Innen-Außen-Differenzen mit dem Ziel zu konservieren, die Arbeitskraft oder den Lebensstandard sozialer Gruppen, etwa mittels rassistischer oder sexistischer Abwertung, deutlich unter das allgemeine, wohlfahrtsstaatlich abgesicherte Lohn- und Reproduktionsniveau zu drücken, oder auch, um Tätigkeiten innerhalb wie außerhalb der Erwerbssphäre als unbezahlte Gratisressource nutzen zu können.
Lassen es die äußeren Rahmenbedingungen und die innergesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu, so ist die Intensivierung sekundärer Ausbeutung eine potenzielle Option, mit der ökonomische und politische Eliten auf Stockungen der Kapitalakkumulation reagieren können. Insofern existieren primäre und sekundäre Ausbeutungsmechanismen nicht unabhängig voneinander. Der Äquivalententausch in der Mehrwertproduktion und seine institutionellen Garantien konstituieren den Maßstab, von dem Austauschbeziehungen abweichen, die auf außerökonomischer Dominanz beruhen, die eine eigene, vom Kapitalismus unabhängige Geschichte haben (Rassismus, Sexismus) und die teilweise außerhalb des kapitalistischen Unternehmens und der Produktionssphäre stattfinden. Nimmt z.B. die gesellschaftliche Abhängigkeit von nicht oder nur schwer rationalisierbaren Humandienstleistungen und Care-Tätigkeiten im Reproduktionsprozess zu, können außerökonomische Disziplinierungsmechanismen eingesetzt werden, um den Preis dieser Tätigkeit künstlich niedrig zu halten oder um sie den Nachfragern weiterhin als Gratisressource zur Verfügung zu stellen.
Das zeigt sich exemplarisch im Feld der Sorgearbeiten (vgl. hierzu auch den Beitrag von Silvia Kontos in diesem Band). Eine weite Definition versteht unter Sorgearbeit ein großes Spektrum an Tätigkeiten, mit deren Hilfe jene menschlichen Akteure überhaupt erst erzeugt werden, „die das System in Gang setzen und in Schwung halten“ (Klinger 2013: 87). Der besondere Status von Sorgearbeit im Kapitalismus ergibt sich nach Ellen Meiksins Wood (2010) aus zwei Trennungen – der Ablösung einer privaten Wirtschaft von Staat, politischem System und Demokratie sowie der vom Feminismus thematisierten Trennung des Öffentlichem vom Privatem als Bedingung für die Anwendung von Lohnarbeit. In feudalen Gesellschaften beruhte die Aneignung eines Mehrprodukts auf der Nutzung von Arbeit, die in bäuerlichen Haushalten kollektiv geleistet wurde. Sie war durch außerökonomische Herrschaft begründet und über die Ausweitung rechtlicher, militärischer oder politischer Befugnisse unmittelbar zu beeinflussen (ebd.: 279ff.). Anders im Kapitalismus. Hier sind Arbeits- und Tauschverhältnisse Beziehungen zwischen formal freien und gleichen Individuen. Der Aneignungsprozess vollzieht sich privatwirtschaftlich und in formaler Distanz zu Staat und Demokratie. Das hat Auswirkungen auf die Verteilung außerökonomischer Güter. Während die politischen Güter in vorkapitalistischen Gesellschaften knapp gehalten werden mussten, weil sich eine Ausweitung unmittelbar auf die Aneignungsmacht auswirkte, ist in der „rein politischen Demokratie“ (ebd.: 278) kapitalistischer Gesellschaften prinzipiell eine viel breitere Streuung v.a. der an den Bürgerstatus gebundenen Rechte möglich. Die herrschaftliche „Verknappung“ politischer Güter lässt sich überwinden, zugleich wird jedoch die „Währung“ entwertet, in der diese Güter gehandelt werden, weil eine Ausweitung von Rechten z.B. für Frauen und Migranten den Kern des kapitalistischen Aneignungsverhältnisses unberührt lässt (ebd.).
Wie sich anhand der Trennung von Öffentlichem und Privatem zeigt, gibt es jedoch keinen Demokratisierungs-Automatismus. Zwar relativiert eine breitere Streuung außerökonomischer Güter die totale Unterordnung von Lohnabhängigen unter die Erwerbsarbeit (Castel 2011: 60), der damit verbundene soziale Progress fordert jedoch einen hohen Preis, weil ein Großteil der Sorgearbeiten als unbezahlte Tätigkeit und überwiegend von Frauen im Haushalt geleistet wird. Die Ausübung männlicher Dominanz, die bereits die Haushaltsproduktion der feudalen Ordnung prägte, verschwindet nicht; sie wird für die kapitalistische Produktionsweise funktionalisiert und mit der Trennung von Öffentlichem und Privatem auf neue Weise organisiert. Das zeigt sich an der Tendenz zur Abwertung reproduktiver Tätigkeiten, ihrer fortbestehenden ‚Verbannung‘ in die Sphäre des Privaten, Persönlichen und vor allem ‚des Weiblichen‘.
Dem entspricht eine kapitalzentrierte Perspektive, der ausschließlich Mehrwert erzeugende Lohnarbeit als produktiv gilt. Sie begründet ein Interesse von Wirtschaft und Staat, die Kosten für vermeintlich unproduktive, weil nicht direkt verwertbare Sorgearbeiten möglichst niedrig zu halten. Feministische Autorinnen attackieren mit guten Argumenten die Absolutheit dieser Tauschwertperspektive und heben die elementare Bedeutung reproduktiver Tätigkeiten für jede menschliche Aktivität hervor. Die Plausibilität einer an der konkreten Nützlichkeit von Sorgearbeit orientierten Kritik ändert jedoch nichts daran, dass die Definitionsmacht über die Produktivitätsmaßstäbe und die Bezahlung von Arbeit bei kapitalistischen Unternehmen und Staat liegt. Akkumulation und Freisetzung zur Lohnarbeit für das Kapital bedeuten daher immer auch Kampf um die Legitimation von Produktivitätsmaßstäben, ständiges Ringen um eine Auf- oder Abwertung bezahlter wie unbezahlter Reproduktionsarbeiten (Becker-Schmidt 2007; Dörre et. al. 2014b). Diese Feststellung ist auch für die Frage nach der Konstruktion und Wirksamkeit antikapitalistischer sozialer Kräfte bedeutsam.

 

These 4: Von anderen Konzepten unterscheiden sich marxistische Kritiken dadurch, dass sie den analytischen Blick für Wirkungsmöglichkeiten einer subdominanten politischen Ökonomie der Arbeit und der sozialen Reproduktion schärfen.

Diese These bezieht sich auf Möglichkeiten zu einer ‚Rückeroberung von Land‘. Sollen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse umfassend in den Blick genommen werden, muss systematisch zwischen Arbeitskraft und Arbeitsvermögen unterschieden werden. Bezahlte Erwerbsarbeit, unbezahlte Sorgearbeiten, Eigenarbeit und frei gewählte Tätigkeiten, die ausschließlich der Selbstentfaltung dienen, repräsentieren je eigene Arbeits- bzw. Tätigkeitsvermögen. Diese werden über Steuerungsarbeit miteinander verbunden (Negt/Kluge 1993: 107). Einzelne Personen sind nicht in der Lage, die durch flexible Produktionsweisen und Lebensformen erzeugte ‚Inbalance‘ der Arbeitsvermögen grundlegend zu korrigieren. Deshalb erfassen Zwänge, wie sie im zeitgenössischen Kapitalismus vor allem im Exportsektor und über flexible Zeitregimes erzeugt werden, nicht nur die bezahlte Erwerbsarbeit, sie okkupieren auch sukzessive alle anderen Arbeitsvermögen und Tätigkeitspotenziale. Negt und Kluge sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Balance-Imperialismus“, der über den „Abzug von Steuerungsenergien“ (Negt/Kluge 1993:106) wirkt. Die Anforderungen flexibler Produktion und Reproduktion laufen darauf hinaus, dass immer mehr Aktivität darauf verwandt werden muss, Lebensbereiche und Tätigkeiten zu koordinieren. Daraus erwächst eine Ausbeutungsproblematik, die über die private Aneignung von unbezahlter Arbeitszeit im kapitalistischen Produktionsprozess hinausgeht. Die in flexiblen Produktionsweisen und ihren Zeitregimes erzeugten Zwänge vereinnahmen und privatisieren unbezahlte Steuerungsarbeit, die individuell auch deshalb vermehrt geleistet werden muss, weil institutionell abgesicherte gesellschaftliche Steuerungsleistungen wegbrechen, die eine längerfristige Lebensplanung ermöglichen würden.
Hier wäre der Stachel zeitgenössischer Kapitalismuskritik anzusetzen. Auch und gerade bei den noch relativ geschützten sozialen Gruppen (Stammbeschäftigte) in prosperierenden Exportsektoren schließt das Streben nach einem guten Leben subjektiv eine Wachstumskritik ein, die sich am wettbewerbsgetriebenen Kapitalismus entzündet. Die ökologische Krise gilt vielen Befragten als Konsequenz jenes ‚Immer mehr und nie genug!‘, das sie aus dem Betrieb, aber auch aus anderen Lebensbereichen kennen. Als Treiber wird ein verselbstständigtes Wettbewerbsprinzip identifiziert, dessen zerstörerische Wirkung in unterschiedlichen Kontexten erlebt wird. Dieses expansive Wettbewerbsprinzip ist aus dem betrieblichen Alltag bekannt und wird in zahlreichen Variationen beschrieben und kritisiert.
Eine einschneidende Erfahrung ist, dass jeder ‚Sieg‘ im Wettbewerb nur ein vorläufiger ist. Kaum ist ein Konkurrenzvorteil erreicht, legt der Konzern bereits das nächste Rationalisierungsprogramm auf, schon geht es wieder darum, die Wettbewerbsposition des Unternehmens zu verbessern, und wieder bedeutet das, noch schneller, noch effizienter arbeiten zu müssen. Die Unersättlichkeit des Wettbewerbs durchdringt alle Poren der Gesellschaft und wirkt selbst auf die Lebenswelt von Kindern und Heranwachsenden ein. Die Gesellschaft scheint zu einer Ansammlung von Wettkämpfen degeneriert, und das Wettbewerbsprinzip ist unersättlich. Es erzeugt permanent Gewinner und Verlierer. Es wirkt in mehr oder minder allen gesellschaftlichen Erfahrungsräumen und es schränkt die Lebensqualität in der Wahrnehmung selbst von Führungskräften teilweise bis zur Unerträglichkeit ein.
Die Kritik am Wettkampf aus Prinzip stellt möglicherweise eine Brücke zwischen individuellen Erfahrungen und den subjektiven Gesellschaftsbildern her. Und diese kognitive Brücke vermittelt zwischen den Erfahrungen in der ‚kleinen Welt‘ des Betriebs, der privaten Welt der Familie und den Haltungen gegenüber der ‚großen Gesellschaftswelt‘ (vgl. Dörre et. al. 2014a: 543-550). Daran wird exemplarisch deutlich: Ausbeutung wie auch Entfremdung schlagen sich in Ungerechtigkeitserfahrungen nieder. Sie erzeugen einen „Rohstoff“ (Negt/Kluge 1993: 83) an Problemwahrnehmungen, der Individuen und Gruppen zu eigensinnigen Reaktionen motiviert. Gerade weil sich die kapitalistische Indienstnahme der Arbeitsvermögen niemals vollständig durchsetzen kann, erzeugen Okkupationsversuche Reibungen, welche Gegenbewegungen, Kämpfe um die ‚Rückeroberung von Land‘ auslösen können. Landpreisgabe wird in solchen Konflikten zu einem Ziel, das kollektive soziale Akteure mehr oder minder bewusst anstreben. Rosa Luxemburg hat sich in ihrer politischen Soziologie auf Gegenbewegungen Marxschen Typs, auf sozialistische Arbeiterbewegungen konzentriert. Sie gewichtet Erfahrungen, Spontanität und demokratische Meinungsfreiheit innerhalb dieser Bewegungen aber deutlich höher als die marxistische Orthodoxie und besonders der Leninismus ihrer Zeit. Die Anerkennung des Eigenwerts nicht-kapitalistischer Produktionsweisen und Lebensformen enthält zudem die Annäherung an ein plurales Verständnis sozialer Antagonismen und antikapitalistischer Bewegungen. Wenn ein reiner Kapitalismus nicht existiert, so lassen sich auch die Gegenbewegungen nicht auf organisierte sozialistische oder gewerkschaftliche Arbeiterbewegungen reduzieren. Stattdessen gelten Luxemburg spontane Massenbewegungen und damit auch klassenunspezifische Bewegungen Polanyischen Typs, die sich „Mahlstrom“ nivellierender Marktmacht widersetzen (Silver 2005: 41; Wright 2000: 957-1002), als wichtige soziale Akteure. Von autoritären, fundamentalistischen und neofaschistischen Bewegungen unterscheiden sich diese sozialen Kräfte, weil sie in der einen oder anderen Form mit dem Prinzip einer „rebellischen Demokratie“ verbunden sind, das als gemeinsames Projekt einer in sich vielfältigen Mosaiklinken (Urban 2013: 269) geeignet sein könnte, die kapitalistischen Eliten herauszufordern.

These 5: Als radikale Kritik kapitalistischer Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse ist die Marxsche Theorie ein „provisorisches Projekt“ (Eagleton 2012: 14), das sich mit den Metamorphosen des Kapitalismus verändert und mit der Überwindung des Kapitalismus erledigt hat.

Auf der ‚Suche nach Wahrheit‘ können Marxismen des 21. Jahrhunderts an Methoden und theoretische Überlegungen der akademischen Soziologie (Sozialwissenschaften) anknüpfen. Für zeitgenössische Marxismen ist eine Grundproblematik konstitutiv, wie sie jede Spielart kritischer Theorie aufweist. Soziologische Theorien, die eine herrschaftskritische Absicht verfolgen, kommen nicht umhin, eine ganzheitliche Vorstellung von Gesellschaft zu entwickeln. Bekanntermaßen beinhaltet jede ganzheitliche Sicht auf Gesellschaft aber ein gravierendes erkenntnistheoretisches Problem. Empirisch beobachtbar sind „einzig Machtverhältnisse“ (Boltanski 2010: 15) oder soziale Lagen, Akteure und Institutionen, die diese Machtverhältnisse beeinflussen. Herrschaft und Ausbeutung wirken hingegen verschleiert. Deshalb kommen herrschafts- und ausbeutungskritische Theorien nicht umhin, zunächst ein heuristisches Modell von Gesellschaft und ihren basalen Mechanismen zu konstruieren, um Widersprüche oder Paradoxien zu identifizieren und sie vom lediglich Disparaten unterscheiden zu können. Dementsprechend agieren herrschaftskritische soziologische Theorien letztendlich immer auch als Metatheorien. Das unterscheidet sie von deskriptiven Sozialwissenschaften, die soziale Ungleichheiten ebenso wie divergente Machtformen analysieren können, ohne diese über die Identifikationen eines Wirkungsmechanismus aufeinander beziehen zu müssen. Insofern kommen herrschafts- und ausbeutungskritische Theorien niemals umhin, soziale Realität von der Außenposition eines theoretischen Modells aus analysieren zu müssen. Erst eine solche Außenposition beinhaltet die Möglichkeit, eine herrschaftskritische Perspektive einzunehmen.
Die Pointe einer aus der Perspektive des Landnahmekonzepts formulierten Herrschafts- und Ausbeutungskritik besteht darin, dass sie wesentlich auf die expansionistische Dynamik des (Industrie-)Kapitalismus wie auch verwandter Typen moderner Gesellschaften zielt. Konstitutiv ist die Vorstellung eines Gesellschaftssystems, das sich über längere Zeiträume hinweg nur zu stabilisieren vermag, indem es die fortwährende Einverleibung eines – teilweise endlichen, vor allem aber nicht marktförmigen – Anderen betreibt. Die Einverleibung sozialer und natürlicher Ressourcen kann sich jedoch niemals widerspruchsfrei vollziehen. Der expansive Charakter kapitalistischer Entwicklung muss auf die spezifischen Regeln und Ressourcen sozialer Felder übertragen, in ständigen Machtproben von je besonderen Akteurskonstellationen durchgesetzt und über hegemoniale Rechtfertigungsordnungen legitimiert werden.
Solche Prozesse können nur über empirische Forschungen rekonstruiert werden, die dem Neutralitätsgebot folgen, um Tatsachen und Wertungen auseinander zu halten (Boltanski 2010: 19). Empirischen Einzelstudien bleiben Herrschafts- und Ausbeutungsbeziehungen analytisch unzugänglich. Empirisch identifizierbar sind allein Kräfte- und Verteilungsverhältnisse, Machtkonflikte und Wertigkeitsprüfungen in sozialen Feldern, also die Äquivalenzbeziehungen, Machtkämpfe und Wertungen, die Herrscher und Beherrschte, Ausbeuter und Ausgebeutete miteinander verbinden. Präziser: Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse sind in gesellschaftliche Bewährungsproben eingebettet, deren Machtkonflikte (Kraftproben) und Wertigkeitsprüfungen sich empirisch beobachten lassen.
Im Kontext des Landnahmetheorems dient das Bewährungsprobenkonzept vor allem dazu, die spannungsreiche Durchsetzung von Kommodifizierungspolitiken auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen aus der Akteursperspektive zu beleuchten. Nach dem hier zugrunde gelegten Verständnis bedeutet Kommodifizierung, dass dominante soziale Akteure neue, feldspezifische Bewährungsproben schaffen oder zumindest die Formate bereits institutionalisierter Wettkampfsysteme verändern. Bewährungsproben umfassen dabei stets beides: die machtgeleitete Auseinandersetzung (Kraftprobe) einerseits und die in Gerechtigkeitskonzepte eingebettete Wertigkeitsprüfung andererseits (Boltanski/Chiapello 2003: 526). Individuen oder Klassen von Individuen müssen sich in Bewährungsproben qualifizieren, um Zugang zu bestimmten sozialen Positionen zu erlangen. Neue oder zumindest neu formatierte Bewährungsproben leisten komplexe Mikro-Makrovermittlungen; sie ermöglichen Übergänge und Wechselwirkungen zwischen heterogenen sozialen Feldern und wirken so als Transfermechanismen, in denen die Basisregel historischer einmaliger Landnahmeprozesse transportiert wird.

These 6: Zwischen Alltagskritik und wissenschaftlicher Kritik besteht eine – im besten Falle produktive – Wahlverwandtschaft.

Marxistische Kapitalismuskritik unterscheidet sich auch methodologisch von sozialtheoretischen Versuchen, die auf eine normative Letztbegründung soziologischer oder sozialwissenschaftlicher Gesellschaftskritik zielen. Ohne die Bedeutung solcher Vorhaben in irgendeiner Weise in Abrede zu stellen, geht es marxistisch inspirierter Kritik um etwas anderes. Kritik, soweit sie mit einem wissenschaftlichen Anspruch agiert, entsteht aus der möglichst präzisen Beschreibung und Analyse sozialer Verhältnisse, der ihnen inhärenten Bewegungsform und der durch sie produzierten Verwerfungen und Krisen. Wie schon angesprochen, produzieren die ideologischen Selbstlegitimationen des Kapitalismus beständig Ansprüche, Erwartungen und auch Gerechtigkeitsvorstellungen, die in der sozialen Realität nicht erfüllt werden. Solche Diskrepanzen sind eine erste, wenngleich nicht die einzige Quelle soziologischer Gesellschaftskritik. Die Maßstäbe für Kritik finden sich im jeweils hegemonialen „Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2003: 35), in den Rechtfertigungsregimes, die mit sozialen Feldern korrespondieren. Sie finden sich aber auch in den Dysfunktionalitäten, den Widersprüchen, Pathologien, Verwerfungen und Konflikten, die kapitalistischen Landnahmen antreiben und verursachen. Um es provokant zu formulieren: Wenn eine kapitalistische Gesellschaft, die sich selbst als soziale Marktwirtschaft beschreibt, relevante Teile der Bevölkerung prekären Arbeits- und Lebensformen überantwortet, so kann dieser Preis vermeintlicher Vollerwerbstätigkeit nicht nur benannt, sondern auch kritisiert werden, ohne dass normative Letztbegründungen einer solchen Kritik zwingend nötig wären. Deutungskämpfe im Wissenschaftssystem beziehen sich in einem solchen Fall in erster Linie auf Erklärungen und Ursachenzuschreibungen, weniger auf das moralische Fundament von Gesellschaftskritik.
Damit ist nicht gesagt, dass normative Maßstäbe für Kritik völlig ausgespart werden müssen. Jede Spielart wissenschaftlich begründeter Kritik findet in den Wertigkeitsprüfungen des gesellschaftlichen Wettkampfsystems, vor allem aber in der Alltagskritik beherrschter sozialer Gruppen und Akteure eine wichtige und durchaus auch moralische Quelle. Um sich der Frustrationen sozialer Akteure annehmen und sie wissenschaftlich reflektieren zu können, sind soziologische Stilisierungen sozialer Phänomene auf einen Austausch mit lebendiger Alltagskritik angewiesen. Denn die „Vorstellung einer nicht an der Erfahrung eines Kollektivs angelehnten, gleichsam für sich, will heißen: für niemanden bestehenden kritischen Theorie ist haltlos“ (Boltanski 2010: 21). Vielmehr gilt es, die deskriptiv-empirische Analyse im Sinne einer Hermeneutik des Alltagswissens zu nutzen, um so den Übergang von einer „einfachen“ zur einer „komplexen Außenposition“ (ebd.: 25) zu vollziehen. Das Spannungsverhältnis zwischen empirisch fundierter und theoretisch konstruierter Perspektive lässt sich letztendlich aber nicht auflösen. Die Möglichkeit zu innovativer sozialwissenschaftlicher Erkenntnis muss dieser Spannung immer wieder neu „abgerungen“ werden (ebd.: 28).
Allerdings existiert zwischen wissenschaftlicher Gesellschaftskritik und der Alltagskritik sozialer Gruppen und Akteure eine Wahlverwandtschaft. Wissenschaftliche Gesellschaftskritik vermag Diskursräume zu öffnen, die von zivilgesellschaftlichen Akteuren genutzt werden können. Luc Boltanski und Eve Chiapello haben dies am Beispiel des Verhältnisses von wissenschaftlicher Sozialkritik (Ausbeutungskritik) und französischer Gewerkschaftsbewegung illustriert. Die Erosion der Organisationsmacht von Gewerkschaften hat der wissenschaftlichen Sozialkritik eine wesentliche Quelle genommen. Die Schwäche der Gewerkschaften ist demnach Symptom wie Ursache der Krise, in der sich die Sozialkritik befindet. Zwar sorgen die Umbrüche in der Arbeitswelt, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten für Klagen, ja für Empörung, doch es fehlt nicht nur an zivilgesellschaftlichen Akteuren, die in der Lage wären, dieser Alltagskritik in den gesellschaftlichen Öffentlichkeiten eine Stimme zu geben. Auch die wissenschaftliche Sozialkritik verstummt. Ohne eine zivilgesellschaftliche Stimme, mit der sie korrespondiert, schwindet der Spielraum für wissenschaftliche „Gegenexpertise“ (Boltanski/Chiapello 2003: 210). Findet die Marginalisierung radikaler Kapitalismuskritik im öffentlichen Raum innerhalb von Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren eine Entsprechung, gehen mit den Diskursspielräumen letztendlich auch Machtressourcen und Handlungsfähigkeit der potenziellen Träger alltäglicher Sozialkritik verloren (Urban 2013: 269). Für die wissenschaftliche Künstlerkritik (Entfremdungskritik) und ihr Verhältnis zu Neuen Sozialen Bewegungen, die stärker in der gesellschaftlichen Reproduktionssphäre verankert sind, ließe sich diese Wahlverwandtschaft in ähnlicher Weise begründen.

These 7: Im 21. Jahrhundert beinhaltet marxistisch inspirierte Kapitalismuskritik notwendig ein konservierendes Moment, das mit Zukunfts- und Fortschrittsgewissheit bricht.

Wissenschaftlich fundierte Kapitalismuskritik, die am Expansionismus dieses Systems ansetzt, muss sich einem vordergründigen Modernisierungsideal verweigern. Was das bedeutet, kann mit Antonio Gramsci begründet werden. Dessen vielzitierte Bemerkung, der zufolge die Hegemonie „in der Fabrik“ entspringt (Gramsci 1991: 132), kritisierte die technisch-organisatorische Rückständigkeit Italiens und Europas. Gerade das Fehlen des „Bleimantels“ der Tradition prädestinierte Amerika in Gramscis Augen dafür, die überlegene fordistische Produktionsweise einzuführen. Demnach ist es sedimentierte Geschichte, die in Italien und Europa einen Modernisierungsrückstand bewirkt; umgekehrt ermöglicht das Fehlen des „Bleimantels“ der Tradition Amerika eine „gewaltige Akkumulation von Kapitalien obgleich der Lebensstandard in den Volksklassen höher als der europäische ist“ (Gramsci 1999: 22). Tradition in ihren „parasitären“ europäischen Ausprägungen erscheint hier als Haupthindernis für die Durchsetzung einer neuen, effizienteren Produktionsweise.
In der Gegenwart verhalten sich Tradition und Effizienz in gewisser Weise spiegelverkehrt. Das Soziale am einstmals sozialen Kapitalismus hat die Subjektivitäten von Lohnabhängigen und ihren Familien derart geprägt, dass es, im Alltagsbewusstsein angelagert und somit sedimentierte Geschichte, sowohl als Rationalisierungsressource als auch als Inspirationsquelle alltäglicher Gesellschaftskritik wirken kann (Dörre et. al. 2013). Eine solche Kritik per se als „rückwärtsgewandt“ (Lessenich 2009: 224) zu attackieren, halte ich für verfehlt. Wie sollen sich Arbeiter und Angestellte produktiv mit einer wissenschaftlichen Kritik auseinandersetzen, die ihnen doch nur bescheinigt, dass sie hinter den Aktivierungs- und Flexibilisierungszwängen des zeitgenössischen Kapitalismus zurückbleiben? Eine subjektorientierte Analyse, die diesen Namen verdient, muss zunächst einmal die Ansprüche und Alltagskritiken möglichst prägnant beschreiben, die sie empirisch vorfindet, ohne sich auf diese zu beschränken. Nur über einen wechselseitigen Austausch, der das Alltagsbewusstsein in seiner Eigenständigkeit und Eigensinnigkeit ernstnimmt, kann überhaupt so etwas wie Veränderungsbereitschaft entstehen.
In diesem Zusammenhang gilt es in Rechnung zu stellen, dass der vermeintliche Konservatismus gewöhnlicher Lohnabhängiger und ihrer Familien durchaus vernünftige Gründe haben kann. Terry Eagleton hat die daraus resultierende Problematik für gesellschaftsverändernde Praktiken mit folgenden Worten beschrieben: „Es ist […] darauf hinzuweisen, dass eine gewisse Apathie durchaus vernünftig ist. Solange ein Gesellschaftssystem seinen Bürgern ein mageres Auskommen einbringt, ist es nicht unvernünftig, dass sie an dem festhalten, was sie haben, statt waghalsig in eine ungewisse Zukunft zu springen. Es gibt keinen Anlass, über einen solche Konservatismus zu spotten“. (Eagleton 2012: 225). Die ‚schlechte Nachricht‘ für kritische Theorie mit gesellschaftsverändernder Absicht lautet daher, „dass es Menschen außerordentlich widerstrebt, ihre Situation zu verändern, solange sie von dieser Situation noch etwas erwarten können“ (ebd.: 224).

These 8: Als interne Theorie sozialistischer Arbeiterbewegungen hat der Marxismus seine Daseinsberechtigung verloren. Ein Democratic Marxism des 21. Jahrhunderts muss sich auf den spannungsvollen Austausch mit akademischen Fachdisziplinen einlassen. Er kann dies, indem er als öffentliche Sozialwissenschaft betrieben wird.

Die überraschende Wiederkehr der Arbeiterinnenmilitanz und die neuen sozialen Bewegungen Ende der 1960er Jahre bewirkten ein Doppeltes: Von radikalisierten Mittelschichtengruppen getragen, kam es zu einer Revitalisierung oder Neubildung diverser Marxismen als interne Theorien von in Westdeutschland allerdings minoritären politischen und gewerkschaftlichen Strömungen. Zugleich wurden diese „Schulen“ aber auch als externe Theorien an den Hochschulen institutionalisiert (am Beispiel der „Marburger Schule“: Peter 2013; vgl. auch den Beitrag von Frank Deppe in diesem Band). Das galt für die Politikwissenschaften, weniger für die Ökonomik, die Soziologie, die Philosophie oder anderen Geisteswissenschaften. Der Frühling Marxscher Theorie, der mit der 1968er Bewegung einsetzte, blieb ein kurzer, weil die neuen Zentren einer an Marx orientierten Soziologie (Sozialwissenschaft) die Spielregeln des wissenschaftlichen Feldes zu wenig beachtet haben. Das Verhältnis von Marxismus und Fachdisziplin wurde häufig gar nicht thematisiert. Die Kommunikation mit dem Fach blieb schwach oder fand gar nicht mehr statt. Nicht nur, aber auch aus diesem Grund ist – im Unterschied zum angelsächsischen Sprachraum – die Institutionalisierung eines akademischen Marxismus nicht gelungen. Einen „soziologischen Marxismus“, wie ihn Michael Burawoy (2003: 193) paradigmatisch begründet hat, gibt es im deutschen Sprachraum nicht. Selbst unter Marxistinnen sind die entsprechenden Arbeiten hierzulande kaum bekannt.
Die 1980er Jahre brachten nicht nur einen intellektuellen „Abschied vom Proletariat“ und damit zugleich einen Bedeutungsverlust Marxscher Theorie, sie waren auch ein Jahrzehnt theoretischer Innovation. Die diversen Marxismen wurden von „außen“ herausgefordert: vom Feminismus, von ökologischen Bewegungen, durch oppositionelle Gruppen in Osteuropa etc. Die kritische Auseinandersetzung mit Ökonomismus, Klassenreduktionismus, Androzentrismus und staatssozialistische Herrschaftspraktiken beinhalteten theoretische Innovationen, hinter die eine Marx orientierte kritische Soziologie/Sozialwissenschaft nicht mehr zurückfallen darf. Die beiden Jahrzehnte vor und nach der Jahrtausendwende waren, auch in Deutschland, keineswegs ausschließlich Jahre des Niedergangs und der Entakademisierung „des“ Marxismus“. Es waren auch Jahre beeindruckender wissenschaftlicher Arbeiten. Der Zugang zu akademischen Positionen erfolgte aber nicht über „den Marxismus“, sondern über fachwissenschaftliche Expertise. Individuell bedeutete und bedeutet dies häufig, das Spannungsverhältnis zwischen kritischer Gesellschaftstheorie und Fachlichkeit zugunsten letzterer zu interpretieren.
Auch daran wird sichtbar: Wissenschaftliche Gesellschafts- und Kapitalismuskritik vermag den Praxisanspruch, wie ihn die Marxsche Theorie ursprünglich formuliert hat, nicht mehr einzulösen. Ernst Bloch (1973 [1959]: 677) hatte diesen hohen Anspruch in Das Prinzip Hoffnung zustimmend in folgende Worte gekleidet: „Marxismus ist Anweisung zum Handeln; wird er aber ebenso subjektlos wie zielfremd, dann entsteht fatalistischer Antimarxismus, degeneriert zur Rechtfertigung dafür, daß man nicht gehandelt hat“.“
Aber was genau ist heute das Ziel? Kritik am Kapitalismus ist inflationär geworden. Selbst der Papst spricht von einer Wirtschaft, die tötet. Doch durch was wäre die kapitalistische Wirtschaft, wäre die kapitalistische Gesellschaft zu ersetzen? Auf diese Frage gibt es in der Gegenwart allenfalls vage Antworten. Deshalb ist „das Pathos des Grundziels“ (ebd.), von dem Ernst Bloch spricht, nicht mehr existent. Ein soziologischer Marxismus kann daher nur experimentell verfahren. Überbordenden Praxisansprüchen wird er sich aus guten Gründen verweigern müssen, denn zumeist wissen die Praktiker über ihre Praxisfelder mehr als ihre wissenschaftlichen Beobachter. Dennoch gibt es keinen Grund, dass sich Soziologinnen und Soziologen, Sozialwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen mit marxistischem Selbstverständnis in ihren Elfenbeinturm zurückziehen, zumal dieser vermeintliche Rückzugsraum längst zum Landnahmeobjekt geworden ist.
Für eine marxistisch inspirierte Sozialwissenschaft, die sich als öffentliche versteht, sind die Chancen auch im akademischen Feld keineswegs gering. Spätestens seit der Krise von 2008/2009 ist radikale Kapitalismuskritik – auch in Deutschland – wieder ins Zentrum gesellschaftlicher Diskurse zurückgekehrt. In einem solchen diskursiven Kontext steigen längerfristig auch Chancen für eine Re-Institutionalisierung kritischer (marxistischer) Soziologie/Sozialwissenschaft im Wissenschaftssystem und an den Hochschulen. Dafür gibt es – und das ist besonders wichtig – ein Potential an jüngeren marxistisch orientierten WissenschaftlerInnen, die inzwischen durchaus eigenständig Theoriebildung betreiben (als ein Beispiel: Backhouse et. al. 2013). Um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, ist es sinnvoll, die Wechselbeziehungen zwischen außerakademischen Netzen und Zentren kritischer (marxistischer) Sozialwissenschaft und ihren institutionalisierten Stützpunkten an den Hochschulen auf eine neue methodologische Grundlage zu stellen. Dafür bieten Michael Burawoys Überlegungen zu einer Public Sociology einen geeigneten Rahmen.
Die wettbewerbsgetriebene Landnahme der Hochschulen und Universitäten (Dörre/Neis 2010), oder, wie Michael Burawoy sie bezeichnet, „a third wave of marketization“, hat den Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft irreversibel zerstört (Burawoy 2008: 359).„Die Universität als Zentrum, von Kritik, von Nachfragen, von Reflexion, von generellen und fundamentalen Fragen“ sei „fast tot“, möglicherweise werde es in zwanzig Jahren „in Großbritannien keine Geisteswissenschaften mehr geben“, prognostiziert der Kulturwissenschaftler Terry Eagleton (2014: 12).
In Deutschland mag die Situation der Sozial- und Geisteswissenschaften etwas weniger prekär sein; der Trend zur „unternehmerischen Universität“ ist jedoch auch hierzulande unübersehbar. An dieser Problematik setzt das Konzept einer öffentlichen Soziologie an. Wenn von Konzept die Rede ist, so darf allerdings nicht übersehen werden, dass es sich um ein Label handelt, hinter dem sich unterschiedliche Forschungen und Formen der Wissensproduktion und des Wissenstransfers versammeln.
Öffentliche Soziologie beinhaltet, kurz gesagt, eine neue Beziehung zu gesellschaftlichen Gruppen, die sich der Verwettbewerblichung widersetzen. Dabei entsteht Deutungsmacht erst durch die soziale Nähe zu transformativem Wissen, das bei zivilgesellschaftlichen Akteuren latent immer schon vorhanden ist. Wissenschaftler nutzen jedoch die Alltagskritik als Quelle und Fundament wissenschaftlicher Gesellschaftskritik, und diese Kritik lässt sich umso überzeugender formulieren, als sie auf zuvor unentdeckte kritische Wissensbestände zurückgreifen kann. In einem solchen Rahmen könnten marxistische Theorie und Soziologie/sozialwissenschaftliche Fachdisziplinen in fruchtbaren Austausch treten. Dass dergleichen ohne Kontroversen und Dispute nicht zu haben ist, liegt auf der Hand. Doch wären Aufregung und ein wenig Skandal nicht allemal besser, als die allseits grassierende Langeweile kompetitiver Fachdisziplinen ins Unendliche zu verlängern?

Literatur

Aulenbacher, Brigitte (2013): Ökonomie und Sorgearbeit. Herrschaftslogiken, Arbeitsteilung und Grenzziehungen im Gegenwartskapitalismus, in: Appelt, Erna/ Aulenbacher, Brigitte/ Wetterer, Angelika (Hg.): Gesellschaft. Feministische Krisendiagnosen, Münster, S. 105-126.
Backhouse, Maria/ Gerlach, Olaf/ Kalmring, Stefan/ Nowak, Andreas (Hg.) (2013): Die globale Einhegung. Krise, ursprüngliche Akkumulation und Landnahmen im Kapitalismus, Münster.
Becker-Schmidt, Regina (2007): Geschlechter- und Arbeitsverhältnisse in Bewegung, in: Aulenbacher, Brigitte/ Funder, Maria/ Jacobsen Heike/ Völker, Susanne (Hg.): Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft. Forschung im Dialog, Wiesbaden, S. 250-268.
Bischoff, Joachim/ Lieber, Christoph (2013): Die ‚große Transformation‘ des 21. Jahrhunderts. Politische Ökonomie des Überflusses versus Marktversagen.Hamburg.
Bloch, Ernst (1973[1959]): Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main, Zweiter Band.
Boltanski, Luc/ Chiapello, Ève (2003): Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz.
Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik, Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2008, Berlin.
Burawoy, Michael (2003): For a Sociological Marxism: The Complementary Convergence of Antonio Gramsci and Karl Polanyi, Politics and Society 31 (2), S. 193-261.
Burawoy, Michael (2008): What is to be done? Theses on Degradation of Social Existence in a Globalizing World, Current Sociology, Jg. 56(3), S. 351-359.
Burawoy, Michael (2013): Marxism after Polanyi, in: Williams, Michelle/Satgar, Vishwas (Hg.): Marxisms in the 21st Century. Crisis, Critique & Struggle, Johannesburg, S. 34–52.
Dörre, Klaus/ Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut (2009): Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main.
Dörre, Klaus/ Neis, Matthias (2010): Das Dilemma der unternehmerischen Universität. Hochschulen zwischen Wissensproduktion und Marktzwang, Berlin.
Dörre, Klaus/ Happ, Anja/ Matuschek, Ingo (Hrsg.) (2013): Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. Soziologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben, Hamburg.
Dörre, Klaus/ Holst, Hajo/ Matuschek, Ingo (2014a): Zwischen Firmenbewusstsein und Wachstumskritik. Empirische Befunde aus einem Industriebetrieb, in: WSI-Mitteilungen 67(7), 543-550.
Dörre, Klaus/ Ehrlich, Martin/ Haubner, Tine (2014b): Landnahmen im Feld der Sorgearbeit, in: Aulenbacher, Brigitte/ Riegraf, Birgit/ Theobald, Hildegard (Hg.): Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime. Care: Work, Relations, Regimes, Soziale Welt, Sonderband 20, Baden-Baden, Nomos, 107-124.
Dubet, François (2008): Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz, Hamburg.
Eagleton, Terry (2012): Warum Marx recht hat, Berlin, Ullstein.
Eagleton, Terry (2014): Die neuen Leiden des Übermenschen – Interview mit Michael Stallknecht und Johan Schloemann, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.5.2014, S. 12.
Federici, Silvia (2013): Ursprüngliche Akkumulation, Globalisierung und Reproduktion, in: Backhouse, Maria/ Gerlach, Olaf/ Kalmring, Stefan/ Nowak, Andreas (Hg.): Die globale Einhegung. Krise, ursprüngliche Akkumulation und Landnahmen im Kapitalismus, Münster, S. 40-52.
Feministische Autorinnengruppe (2013): Das Theorem der neuen Landnahme, in: Baumann, Hans et al. (Hg.): Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus, Denknetz Jahrbuch, Zürich, S. 99-118.
Gramsci, Antonio (1991): Gefängnishefte 1, 1. Heft, Hamburg.
Gramsci, Antonio (1999): Gefängnishefte 9, 22-29, Heft, Hamburg.
Habermas, Jürgen (1987): Theorie des kommunikativen Handeln Bd. 2, Frankfurt am Main, vierte, durchgesehene Auflage.
Hall, Stuart (1989): Das „Politische“ und das „Ökonomische“ in der Marxschen Klassentheorie, in: Stuart Hall: Ausgewählte Schriften. Ideologie, Kultur, Medien, Neue Rechte, Rassismus, Hamburg, S. 11-55.
Harvey, David (2005): Der neue Imperialismus, Hamburg.
Klinger, Cornelia (2013): Krise war immer … Lebenssorge und geschlechtliche Arbeitsteilungen in sozialphilosophischer und kapitalismuskritischer Perspektive, in: Appelt, Erna/ Aulenbacher, Brigitte/ Wetterer, Angelika (Hg.): Gesellschaft. Feministische Krisendiagnosen, Münster, S. 82-104.
Kößler, Reinhart (2013): Prozesse der Trennung. Gewalt im Ursprung und fortgesetztes Prozessieren des Kapitals, in: Backhouse, Maria/ Gerlach, Olaf/ Kalmring, Stefan/ Nowak, Andreas (Hg.): Die globale Einhegung. Krise, ursprüngliche Akkumulation und Landnahmen im Kapitalismus, Münster, S. 18-37.
Lessenich, Stephan (2009): Künstler- oder Sozialkritik? Zur Problematisierung einer falschen Alternative, in: Dörre; Klaus/ Lessenich, Stephan/ Rosa, Hartmut (Hg.): Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main, S. 224-245.
Lutz, Burkart (1984): Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/New York.
Luxemburg, Rosa (1975): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg Gesammelte Werke 5, Berlin, S. 5-411.
Marx, Karl (1973): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Bd.. Berlin.
Marx, Karl (1977): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Zweiter Bd., Berlin.
Meiksins Wood, Ellen (2010): Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus, Köln.
Mies, Maria (1983): Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Jg. 6, S. 115-124.
Mikl-Horke, Gertraude/ Münch, Richard/ Peter, Lothar (2011): Kapitalismus und soziologische Kritik, Symposium zu: Klaus Dörre; Stephan Lessenich; Hartmut Rosa: Soziologie – Kapitalismus – Kritik, Frankfurt 2009, in: Soziologische Revue 34 ( 2), S. 129-152.
Negt, Oskar/ Kluge, Alexander (1993): Geschichte und Eigensinn, Frankfurt.
Peter, Lothar (2013): “Marx an die Uni!” – Die sozialwissenschaftliche Marburger Schule 1951 bis Anfang der 2000er Jahre, Köln.
Silver, Beverly J. (2005): Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Hamburg/Berlin.
Urban, Hans-Jürgen (2013): Gewerkschaftsstrategien in der Krise. Zur Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften im Gegenwartskapitalismus, in: Stefan, Schmalz/ Klaus, Dörre (Hg.): Comeback der Gewerkschaften? Machtressourcen, innovative Praktiken, internationale Perspektiven, Frankfurt a. Main/New York, S. 269-289.
Wright, Erik Olin (2000): Working Class Power, Capitalist Class Interests, and Class Compromise, American Journal of Sociology, Jg. 105, S. 957-1002.
Wright, Erik Olin (2009): Understanding Class. Towards an Integrated Analytical Approach, in: New Left Review 60, No/Dec 2009, S. 101-116.

* Entnommen ist dieser Artikel dem Diskussionsband “Was ist der ‘Stand des Marxismus’ ? Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute”, herausgegeben von Alex Demirovic, Sebastian Klauke und Etienne Schneider, Westfälisches Dampfboot, Münster 2015.

« Ältere Einträge