Kategorie-Archiv: Psychokratie

An allem sind immer die anderen schuld.

An allem sind immer die anderen schuld.

„Scheitern, Versagen und psychische Erkrankung werden implizit allein dem Individuum zugeschrieben.“ Mitnichten! Es ist heute eher selbstverständlich, dass an allem immer andere schuld seien. Allen voran der Kapitalismus, die USA und Israel. Dann der Arbeitgeber und die Arbeit selbst. Der Partner. Die Mutter. Schweres Schicksal. Traumatisierung. Mobbing. Burn-Out. Von Selbstverantwortung keine Spur. Wer an Selbstverantwortung erinnern möchte, wird als ein Rechter, ein Nazi, ein Trump-Befürworter niedergeschrieen. Es lebe der Raubtiersozialismus!

Julian S. Bielicki, 60596 Frankfurt am Main

Scheitern, Versagen und psychische Erkrankung werden implizit allein dem Individuum zugeschrieben. Klagen über äußere Belastungen wie Mobbing, Armut, Ausbeutung werden infolgedessen selten als gesellschaftliche Ursachen ernst genommen.

Dr. phil. Michael Mehrgardt, Psychologischer Psychotherapeut

Dr. phil. Michael Mehrgardt, Psychologischer Psychotherapeut

Erschöpfung ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftspolitisch relevantes Phänomen, hat der Sozialpsychologe Heiner Keupp einmal gesagt. Daran möchte ich in der Hoffnung, dass nunmehr auch Psychotherapiekritik erlaubt und publikabel ist, anschließen. Meiner Ansicht nach wird das phänomenale Erleben des Patienten gehört und ernst genommen, soweit es Material für die Anwendung der eigenen Theorie liefert. Die Falsifikations-Immunisierung der psychotherapeutischen Methoden hat zur Konsequenz, dass Scheitern, Versagen und psychische Erkrankung implizit allein dem Individuum zugeschrieben werden (1). Klagen über äußere Belastungen wie Mobbing, Armut, Ausbeutung werden infolgedessen zwar als Auslöser psychischer Erkrankungen anerkannt, aber selten als solche, sprich als gesellschaftliche Ursachen ernst genommen. Keupp bemerkt, dass Lehrbücher der Psychotherapie nicht auf gesellschaftspolitische Krankheitsfaktoren eingehen. Klagen von Patienten werden eher als Beispiele fehlerhafter emotional-kognitiver Verarbeitung, dysfunktionaler Projektion oder ungelöster unbewusster Konflikte therapeutisch verwertet. Kann sich der Patient nicht so recht von diesen lösen, wird er auf sich selbst zurückgeworfen und der Ablenkung, Vermeidung oder Externalisierung bezichtigt: „Bleiben Sie bei sich! Was könnte das wohl mit Ihnen zu tun haben?“ Derartige therapeutische Interventionen transportieren Desinteresse an den Lebensbedingungen der Patientin. Nicht alle äußeren Belastungen lassen sich durch kognitive Korrekturen oder die Auflösung von Übertragungen einfach wegzaubern. Konstrukte wie Perfektionismus, Über-Engagement oder Bindungsproblematik lassen gesellschaftliche Faktoren verblassen und lasten Entstehung, Aufrechterhaltung und Beseitigung der Störung allein dem Patienten an. Die Patientin ist schuld, nicht Schichtdienst, Personalmangel und Gewinnmaximierung. Lässt der Patient sich darauf nicht ein, gibt es weitere „Mittel“, ihn in die Spur zu bringen, nämlich der dezente Hinweis auf das heimliche Wirken eines Widerstandes, auf mangelnde Behandlungsbereitschaft oder gar das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung.

„Psychotherapie ist zum gesellschaftlichen Bewahrer geworden, zum Aufpasser und Anpasser. Statt auf Hippokrates und Sokrates müsste sie sich heute auf Prokrustes berufen, indem sie ihre Patienten auf den ihnen zugewiesenen Platz zurechtstutzt. Ist Psychotherapie nicht inzwischen tatsächlich jene Geständniswissenschaft geworden, die Michel Foucault … beschwört?! Muss ihr nicht jene ‚Gesellschaftsvergessenheit‘ angekreidet werden, die Keupp beklagt …?“.

Noch vor 30 Jahren schaute „die“ Psychotherapie aus ihrer marginalen Perspektive auf gesellschaftliche Prozesse. Heute ist sie integriert, und damit ist ihr der Zahn des bissigen Korrektivs gezogen worden. Oft genug ist sie Teil des Problems. Gibt es noch emanzipatorische, revolutionäre Ansätze? Werden „… Symptome noch als Protuberanzen an der Oberfläche … einer tief in der Gesellschaft stattfindenden Verwesung von Mitmenschlichkeit verstanden? Wo werden Klienten zur Verrückung erstarrter gesellschaftlicher Prinzipien ermutigt? Wo gibt es therapeutisch-politische Perspektiven auf das individuelle Symptom als Widerspiegelung gesellschaftlicher Aporien?“ Psychotherapie ist ein gezähmter und zahnloser Tiger geworden. Sie beseitigt Störungen, begutachtet, scheidet zwischen gesund und krank. Sie ist Hüterin des Status quo. Sie blendet aus, dass der Patient mitunter krank werden muss, um kulturellen Paradoxien zu entgehen. Friedrich S. Perls hat die typische Situation einer Patientin einmal so beschrieben: Es sei neurotisch, in einer neurotischen Gesellschaft nicht neurotisch zu sein. „Khalil Gibran ist da viel weiser als wir Psychotherapeuten, wenn er den König seines durch den Genuss vergifteten Wassers verrückt gewordenen Volkes nunmehr auch aus dem kontaminierten Brunnen trinken lässt …“.

Die Generation der Psychotherapeuten, die Psychotherapie noch als emanzipatorisch kennen gelernt hat, stirbt aus. An ihre Stelle treten empirieverliebte und störungsfokussierte Psychotechniker.

1. Mehrgardt M.: Die therapeutische Unschärfe-Relation in: Gegenfurtner, N., und Fresser-Kuby, R. (Hg.): Emotionen im Fokus. Bergisch Gladbach: EHP-Verlag; 2007.

1. Mehrgardt M.: Die therapeutische Unschärfe-Relation in: Gegenfurtner, N., und Fresser-Kuby, R. (Hg.): Emotionen im Fokus. Bergisch Gladbach: EHP-Verlag; 2007.

Über Kreativität in der Wissenschaft

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Raubtiersozialismus: Schlaraffenland für die Sozial- und Psychoindustrie.

Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten boomt die Sozial- und Psychoindustrie. Chaoten, die ihre Wohnung demolieren, Schüler, die schwänzen: Alle erhalten grosszügige Unterstützung. Private bereichern sich in den Abgründen des Fürsorgestaats. Die Rechnung begleicht der Steuerzahler.

Von Philipp Gut

Der dreizehnjährige Junge türkischer Abstammung – nennen wir ihn Ali – besucht die sechste Primarklasse in einer Zürcher Gemeinde. «Wenn er in die Schule geht», schreibt der Sozialarbeiter, sei Ali «leistungsmässig ein äusserst guter Schüler», auch sein Verhalten habe nie Anlass zu Problemen gegeben. Wenn er in die Schule geht: denn Ali hat schon wiederholt mehrere Wochen geschwänzt, «aus unerklärlichen Gründen». Um ihn kümmert sich nun eine Armada von Beratern und Therapeuten: neben den Lehrern und der Schulpflege die Schulsozial­arbeiterin und der Sozialarbeiter der Gemeinde, der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst des Kantons, das kantonale Amt für ­Jugend- und Berufsberatung, das regionale ­Kinder- und Jugend­hilfezentrum et cetera. Doch es hilft nichts. Die staatlich besoldeten ­Sozialarbeiter weisen Ali schliesslich der «Fachstelle für aufsuchende sozialpädagogische Beratung Mehr Möglichkeiten» zu, die von ehemaligen Sozialarbeitern geführt wird, die sich selbständig gemacht haben.

Für «Schülersupport» und «Familienbegleitung» im Fall Ali kassiert die Einzelfirma über 50 000 Franken im Jahr.

Zahl der Angestellten verdoppelt

Wie der nicht öffentlichen Tarifordnung zu entnehmen ist, verlangt «Mehr Möglich­keiten» zwischen 120 und 180 Franken pro Stunde, hinzu kommen diverse Pauschalen: 60 Franken werden pro halbe Stunde Einsatz für «Fallführung» und «Vernetzungsarbeit» berechnet, 60 bis 90 Franken für die «Wegzeit», 300 Franken für das Erstgespräch («wenn es zu keinem Auftrag kommt»), eine «Stand-by»-Pauschale von 300 Franken ­(«Kapazitätsreservation», «ohne direkte Inter­ventionen») sowie zusätzliche Kosten für schriftliche Berichte und Vereinbarungen. Für Einsätze am Abend und an Wochenenden verlangt die Firma einen Zuschlag von 20 Prozent.

Das Beispiel ist typisch für eine boomende Branche, die nicht unter der Frankenstärke und sonstigen ökonomischen Widrigkeiten zu leiden hat: Neben den Behörden ist, meist eng mit ihnen verflochten, eine private Industrie entstanden, die von den ausufernden Sozialausgaben direkt profitiert. Wie viele solcher Firmen es in der Schweiz gibt und welche ­Umsätze sie erzielen, wissen nicht einmal die involvierten Verbände. Allein im Bereich der Arbeitsintegration – hier spricht man im engeren Sinn von «Sozialfirmen» – waren es gemäss der Schweiz am Sonntag schon vor zwei ­Jahren über 400. Tendenz steil steigend, in ­allen möglichen Bereichen.

Gemäss Beschäftigungsstatistik des Bundes gab es vor 25 Jahren rund 100 000 Stellen im Sozialbereich, heute sind es etwa doppelt so viele. Im selben Zeitraum wurden in der produzierenden Industrie über 170 000 Stellen abgebaut. Einen Hinweis auf das ­rasante Wachstum der ­Sozialbranche gibt die Asylorganisation Zürich (AOZ), die im «Migrations- und Integrationsbereich» tätig ist. Von 2011 bis ins erste Quartal 2016 hat sich ihr Personal­bestand von 400 auf über 900 Mitarbeiter mehr als verdoppelt. Was gut für die Firmen und Organisationen ist, ist eine schlechte Nachricht für die Steuerzahler: Denn die Kosten trägt fast nie der Verursacher, sondern die Allgemeinheit. Die Weltwoche hat zahlreiche Fälle aus verschiedenen Gemeinden und Kantonen gesichtet. Man staunt.

Familienbegleitung – Unter diesem Stichwort erhalten Eltern Hilfe bei Erziehung und Haushaltführung. Ein Beispiel liefert eine Eritreerin, die in den Akten zuweilen als ­Angolanerin vermerkt ist und die wir Frau N. nennen wollen. Sie wohnt zusammen mit ihren beiden Söhnen und ihrer Tochter in ­einer Asylunterkunft. Sämtliche Identitäts­papiere hat die Familie vernichtet, weshalb alle – wie es häufig vorkommt – in den Akten mit dem Geburtsdatum 1. Januar geführt sind. Trotzdem bietet ihnen der Schweizer Staat jede denkbare Unterstützung. Frau N. kann auch nach Jahren kein Wort Deutsch, überdies ist sie Analphabetin. Die Familie hat einen Beistand, die Tochter wird in einer Spezialschule unterrichtet, dazu kommt noch ein «Fa­miliencoaching» durch die AOZ. Sechs Stunden pro Monat kosten 1320 Franken, so viel wie eine Wohnungsmiete. Die Hälfte des Betrags wird für «Nebenkosten/Wegpauschale» berechnet.

Zur Begründung der teuren «Massnahme» schreibt die zuständige Sozialarbeiterin, es gebe «Schwierigkeiten in der Erziehung» und ein «Missverhältnis der Machtverhältnisse innerhalb der Familie». Sprich: Die ­Bengel tanzen der Mutter auf der Nase herum. Verständnisvoll heisst es in einem «Zwischenbericht» des Familienbegleiters, die Mutter gebe sich sehr viel Mühe, den Alltag zu meistern. Aber: «Bedingt durch ihre Persönlichkeit, ihren kulturellen Hintergrund und Analphabetismus sind ihre Möglich­keiten bescheiden.» Der Familienbegleiter macht jedoch nicht etwa die Mutter für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich, nein: Er schiebt den Schwarzen Peter den Behörden zu. Die Situation in der Asylunterkunft sei «aufgrund des knappen Wohnraums unhaltbar», ein «normales» Familienleben nicht möglich. Zudem terrorisiere eine somalische Familie mit vier Kindern die Nachbarschaft. Gemäss Frau N. habe sie Feuer gelegt, andere Kinder beklaut, bedroht und geschlagen. ­Ultimativ fordert der Familienbegleiter, der selbst einen «Migrationshintergrund» und einen arabischen Namen hat: «Die Familie braucht eine richtige Wohnung.» Dasselbe fordert die ­Sozialarbeiterin des kantonalen Jugendamts.

Doch nicht nur ausländische Eltern werden ­dazu erzogen, wie man erziehen muss. Eine ­typische Klientin ist etwa Frau B., eine «Dorfschlampe», wie es sie ­gemäss Insidern in fast jeder Gemeinde gebe. Der rüde Begriff ­beschreibt alleinerziehende Mütter, die ­mehrere Kinder von verschiedenen Vätern haben. Die Durchsetzung elementarster ­Regeln – Ordnung, Sauberkeit, Mitarbeit im Haushalt, Zuverlässigkeit, Tagesstruktur, Umgang mit Medien – überfordere Frau B., schreibt die ­beteiligte kantonale Jugend­sozialarbeiterin. Sie brauche weiterhin eine sozialpädagogische Familienbegleitung samt Jugendcoaching. Kostenpunkt: 32 000 Franken pro Jahr.

Besuchsbegleitung – Hübsch Geld verdienen lässt sich auch mit «sozialpädagogischen Besuchsbegleitungen». Will heissen: Eine Fachperson ist dabei, wenn ein Elternteil, der nicht im gleichen Haushalt lebt wie das Kind und als irgendwie risikoreich eingestuft wird, dieses besucht. Nehmen wir das Beispiel von Kevin, einem fünfjährigen Philippiner. Die «sozialpädagogisch begleiteten» Treffen mit seinem Vater kosteten anfänglich gegen 36 000 Franken. Doch das genüge nicht, befand die Besuchsbegleiterin – worauf der Betrag auf über 40 000 Franken angehoben wurde. Die Kosten tragen die Steuerzahler. «Der Kindsvater ist auf Sozialhilfe angewiesen. Aus diesem Grund sind die ­Voraussetzungen für die Erhebung eines Elternbeitrags nicht gegeben», heisst es in den ­Akten. So ist es fast immer.

Fremdplatzierung – So richtig teuer sind Fremdplatzierungen von Kindern bei Pflegefamilien oder in Heimen. Für schockartiges Erstaunen sorgte in der kleinen Zürcher Gemeinde Hagenbuch der Fall einer eri­treischen Familie, die jährliche Kosten von rund einer halben Mil­lion Franken zu Lasten der Mitbürger produzierte, ein Viertel des gesamten Gemeindebudgets. Wie solch exorbitante Beträge entstehen, zeigt das Beispiel von Jeff. Der Jugendliche mit Jahrgang 1998 fand nach Ende der Schulzeit keine Lehrstelle und landete im «Zwischenlösungsprogramm Job Plus». Doch wegen untragbaren Verhaltens flog er dort raus. Auch an der nächsten Station, der Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich (BVZ), scheiterte er. Er sei nicht vermittelbar. Dies, obwohl Jeff bereits verschiedene Hilfeleistungen wie ­einen Jugendcoach erhalten hatte. Das reiche nicht, befanden die Sozialarbeiter – und stellten den Antrag auf eine «ausserfamiliäre Platzierung und Betreuung» im sozialpädago­gischen Zentrum Gfellergut. Kosten pro Jahr: über 80 000 Franken.

Beträge in dieser Höhe sind durchaus die Regel. Der vorläufig auf­ge­nommene Somalier ­Mohammed, 16, der im Wohn- und Tageszentrum Heizenholz in der Stadt Zürich untergebracht ist, verursacht Kosten von gegen 90 000 Franken. Für den Aufenthalt der siebzehnjährigen Angolanerin Maria im Sonderschulheim Friedheim zahlt die Gemeinde jedes Jahr 108 000 Franken. Die Eltern lebten nur knapp über dem Anspruch auf Sozialhilfeleistungen, weshalb die Voraussetzungen für einen Elternbeitrag «nicht gegeben» seien.

Markt spielt nicht

Der Sozialindustrie bietet sich hier ein Feld für dicke Geschäfte. In den letzten Jahren seien private Vermittlungsfirmen – sogenannte Fremdplatzierungsorganisationen (FPO) – wie Pilze aus dem Boden geschossen, sagt ein Kenner der Szene, der selbst Pflegekinder aufnimmt. Die meisten würden von gewesenen Sozialarbeitern geführt. Das Geschäfts­modell ist einfach – und sorgt bei den Pflegefamilien für einigen Unmut: Die FPO verlangen pro Kind und Tag zwischen 180 und 300 Franken. Die Pflegeeltern erhalten davon aber nur etwa 80 oder 90 Franken, also weniger als die Hälfte, manchmal auch nur einen Drittel. Laut dem Fachverband Integras beträgt der Anteil der FPO an den Kosten sogar bis zu 70 Prozent. So verdienen die Vermittler an einem Kind, das sie gar nicht selbst betreuen, beherbergen und verpflegen müssen, locker 40 000 Franken jährlich.

Spielt hier nicht der freie Markt? Der zitierte Pflegevater winkt ab. Das Geschäft sei intransparent, und die FPO hätten die «Informations- und Berichtshoheit». Die neuen Strukturen verstärkten dies: Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) steht zuoberst in der Hierarchie; sie delegiert an die Beistände, und diese wiederum an die FPO. Letztere verfassen die Berichte, auf die sich dann alle stützen. Die Behörde könne die Aufsichtspflicht gar nicht mehr richtig wahrnehmen, und es könne zu Interessenkonflikten kommen. Denn im Zweifelsfall entschieden sich wohl viele Vermittler für den eigenen Profit – und nicht unbedingt für das vielzitierte Kindswohl. Wer verschenkt schon die beste Kuh im Stall?

Arbeits- und Ausländer­integration – Sie haben alle sinnige Namen: «Brückenangebot ­Trampolin», «Förderplatz Marktlücke», «Belastbarkeitstraining», «Jobtraining». Eine Unzahl von Sozialfirmen versucht Leuten, die nicht richtig arbeiten können oder wollen, das Arbeiten beizubringen oder es zumindest zu simulieren. Die Sozialen Dienste der Stadt Zürich etwa ­haben einen Rahmenvertrag mit der Firma Marktlücke GmbH abgeschlossen und weisen dieser regelmässig «Klienten» zu. Die Welt­woche hat den Vertrag studiert – das sind die Kosten: 300 Franken Aufnahmegebühr, 1080 Franken vom ersten bis zum sechsten Monat, dann 720 Franken und schliesslich in «Phase 3», wenn die Teilnehmer «eine Leistungs­fähigkeit von 50 Prozent» erreicht haben, 1440 Franken monatlich. Für «Nachbegleitung» sind nochmals 240 Franken zu überweisen.

Ein typischer Fall ist derjenige der iranischen Sozialhilfebezügerin Azada. Sie nahm zuerst am Programm «Basisbeschäftigung» der Stadt Zürich teil und wurde dann an die Marktlücke weitertransferiert. Dort arbeite sie zwar zuverlässig, heisst es in einem Zwischenbericht, doch reiche ihr Deutsch «bei weitem nicht aus», um einen nichtsubventionierten Job zu finden. Dies, obwohl Azada seit längerem auch einen Deutschkurs auf Kosten der Allgemeinheit belegt.

Die teuren Bemühungen fruchten oft wenig, auch dies zeigen die Akten: Wenn jemand von der Sozialhilfe abgelöst wird, dann selten, weil er es geschafft hat. Meist wandert er in ein anderes Sozialhilfesystem (IV, AHV) ab, oder er zieht in eine neue Gemeinde um, wo das Spiel von vorne beginnt.

Wohnungsvermittlung – Ein Heer von ­Sozialarbeitern kümmert sich um jedes Detail im Leben seiner Schäfchen. Dazu gehört beispielsweise auch die «Wohnraumsicherung». Was jeder normale, steuerzahlende Bürger selbst tun muss – nämlich bei Bedarf eine Wohnung für sich und seine Familie zu suchen –, das übernimmt der Staat, der wiederum Firmen oder Stiftungen bedient. «Hinführung zur Wohnfähigkeit nach Schweizer Standards», nennt sich das dann, oder «intensives Wohntraining». Dabei geht es um elementarste Verhaltensregeln, die offensichtlich vielen, vor allem ausländischen «Klienten» abgehen: «Einhalten der Hausordnung, regelmässiges Lüften, Reinigen der Wohnung, Umgang mit Geräten und Wohninfrastruktur, Verhinderung/Verminderung von Lärm- und Geruchs­emissionen, Umgang mit Hauswartung und Nachbarschaft, Vermitteln von Grundlagen zu Mieterrechten und -pflichten».

Die Sozialarbeiteroptik ist dabei völlig verdreht: Für sie sind nicht die häufig renitenten und unsauberen Bewohner, die in der Badewanne Feuer machen oder die Einrichtung auf andere Weise beschädigen, verantwortlich, sondern die Bösen sind die Vermieter, die den Wohnraum solcher Leute «gefährden». Für die «Zielgruppe» jener, denen eine Kündigung droht («Delogierungsprävention»), könnten die Gemeinden «einen separaten Auftrag erteilen», heisst es in einem Merkblatt der Zürcher Stiftung Domicil. Die Bürger berappen also auch die Sonderbetreuung von Schmutzfinken und Vandalen.

«Blindes Wachstum»

Alle diese Leistungen würde kaum jemand in Anspruch nehmen, wenn er dafür selbst bezahlen müsste. Hier liegt der ordnungspolitische Fehlanreiz der Sozialindustrie: Die Beteiligten – von den Sozialarbeitern über die Empfänger bis zu den privaten Profiteuren – haben nicht das geringste Interesse an einer Kostenreduk­tion. Jeder noch so kleine Schritt der «Klienten» wird «sozialpädagogisch» begleitet, es zahlen ja immer die andern. Auch deshalb schrauben sich die Sozialausgaben in astronomische Höhen.

Vereinzelte kritische Stimmen regen sich jetzt sogar innerhalb der Branche. Die Verschiebung der Arbeitsplätze von der Industrie in den Sozialbereich sei «mehr als eine sozialpolitische Herausforderung», sagt Lynn Blattmann, Geschäftsführerin des Fachverbands unternehmerisch geführter Sozialfirmen (FUGS) und Managerin der in der Arbeitsvermittlung tätigen Dock-Gruppe. Sie wehre sich seit Jahren «gegen blindes Wachstum im Sozialbereich». Im Fachverband arbeiteten sie daran, die Sozialunternehmen günstiger zu machen, da sie sonst bei der Sozialhilfe «zu Recht weggespart werden». Es ärgere sie, so Blattmann, dass «niemand über Kosten und Nutzen reden will». Die Gründe dafür sind offenkundig: Genauer ­hinzuschauen, würde vielen das Geschäft verderben.

DIE ENTSTEHUNG DER PSYCHOKRATIE AUS DEM SELBSTWIDERSPRUCH DER BUeRGERLICHEN GESELLSCHAFT

Initiative Sozialistisches Forum
Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution, S. 179 –  203
Freiburg, ça ira Verlag 1990
ISBN 3-924627-17-7

DIE ENTSTEHUNG DER PSYCHOKRATIE AUS DEM SELBSTWIDERSPRUCH DER BUeRGERLICHEN GESELLSCHAFT
„Das Individuum ist substantiell und real; die Gesellschaft ist lediglich ein Bezugsgeflecht.“
Bhagwan Shree Rajneesh

„Der politische Staat verhaelt sich ebenso spiritualistisch zur buergerlichen Gesellschaft wie der Himmel zur Erde.“
Karl Marx

 

Die Dialektik kapitalistischer Vergesellschaftung, die den
Menschen als egoistischen Bourgeois und als an Vernunft und
wahrem Gemeinwohl interessierten Citoyen zugleich setzt, draengt
nach ihrer Selbstaufhebung. Die sich anbahnende repressive
Versoehnung von Gesellschaft und Staat, von Privatmann und
Staatsbuerger, zielt auf neue Unmittelbarkeit. Am Ende der
Emanzipation aus der Unterjochung durch Natur droht die nicht
weniger grausame Versklavung durch die zur zweiten Natur
werdende Gesellschaft. Die buergerliche Gesellschaft dementiert
das Versprechen ihres historischen Kampfes gegen den
Feudalismus, sie revidiert das Versprechen der Aufhebung von
Herrschaft durch den Verein freier Buerger: Nur das Ende
persoenlicher Willkuer soll gemeint gewesen sein. Fortschritt also
bedeutete Anonymisierung von Herrschaft, ihre Verwandlung in
‚Sachnotwendigkeiten‘ der gesellschaftlichen Reproduktion.
Herrschaft also wurde aufgehoben, um sie zu verewigen. Auch der
Tyrannenmord schafft keine Freiheit mehr, sondern nur den
Austausch des Herrschaftspersonals. Am Ende von ‚Gleichheit,
Freiheit, Bruederlichkeit‘ steht ein neuer Naturzustand.

Der begeisterte Skeptiker der buergerlichen Revolution, Jean-
Jacques Rousseau, hat frueh antizipiert, worin die Dialektik der
Selbsterhaltung, die den Ausbruch aus dem Naturgefaengnis
ermoeglichte, enden kann:

„Der immer rege Buerger schwitzt, hastet und quaelt sich auf der
Suche nach immer muehsameren Beschaeftigungen unaufhoerlich. Bis zu
Tode arbeitet er, ja er rennt ihm sogar entgegen, nur um sein
Leben bestreiten zu koennen, oder er verzichtet auf das Leben, um
die Unsterblichkeit zu erlangen.“1

Anstelle des guten Lebens, das Arbeit ermoeglichen sollte, tritt
endlose Arbeit noch ohne Hoffnung auf Heimzahlung durchs
jenseits; anstatt Luxus und Genuss zu verallgemeinern, zerstoert
die losgelassene Produktion die Faehigkeit, Genuss und Barbarei zu
unterscheiden: Selbsterhaltung ohne Selbst verwandelt die
Menschen in lebende Leichname, die die Funktionsstellen des
produktiven Apparates nur bekleiden, nicht aber diesen
bestimmen. Die prinzipielle Ueberfluessigkeit der Einzelnen fuers
Resultat der Produktion laesst unter ihnen das Recht des Staerkeren
wiederauferstehen: Hier ist alles auf das alleinige Recht des
Staerkeren zurueckgeworfen und folglich auf einen neuen
Naturzustand, aber ganz verschieden von dem, mit dem wir
begonnen haben. „Die buergerliche Gesellschaft realisiert
wirkliche Freiheit“, schreibt Rousseau, aber nur als negative:
,Hier werden alle Einzelnen wieder gleich, weil sie nichts
sind.2

Repressive Gleichheit hebt den Unterschied zwischen Privatmann
und Staatsbuerger auf in eine Gleichschaltung, die deren
Verhaeltnis nicht nur umkehrt, sondern es ueberschreitet: „Statt
dass die Subjekte sich in der allgemeinen Angelegenheit
vergegenstaendlichen“, so hatte Marx das Staatsrecht Hegels
kritisiert, „laesst Hegel die allgemeine Angelegenheit ‚zum
Subjekt‘ kommen. Die Subjekte beduerfen nicht der ‚allgemeinen
Angelegenheit‘ als ihrer wahren Angelegenheit, sondern die
allgemeine Angelegenheit bedarf der Subjekte zu ihrer formellen
Existenz.“3 Der Staat ist dem Verein der freien Buerger nicht
Mittel zum Zweck des guten Lebens, sondern der Staatszweck, wie
er von der Staatsbuerokratie formuliert wird, bedarf der Buerger
als seines Mittels, seine Plaene aus der Amtsstube in die
Wirklichkeit zu setzen. Damit ist der Staatsbuerger der lebendige
Agent – die empirische Existenz der Staatsidee. Sie stellt
Wahrheit und Allgemeinheit formell dar und degradiert das
Individuum materiell auf das belebte Instrument, das den
Staatszweck praktisch werden laesst. Was Marx an Hegel
kritisierte, das realisiert sich in der unmittelbaren und
praktischen Setzung unwahrer Allgemeinheit: Identitaet von
Gesellschaft und Individuum. Die Nicht-Identitaet des Menschen
mit sich selbst, wie sie in der Trennung von Bourgeois und
Citoyen als Chance zur Emanzipation von Natur sich ausdrueckte,
findet ihre Aufloesung in der Identitaet von Privatmann und
Staatsbuerger: Als bornierter und egoistischer einzelner ist der
Mensch zugleich schon die gelungene Verkoerperung allgemeiner
Vernunft – die nur den Mangel an sich hat, eine bloss
instrumentelle, kapitalistische Vernunft zu sein. Das
vereinzelte Individuum, das reine Subjekt der Selbsterhaltung,
verkoerpert, im absoluten Gegensatz zur Gesellschaft, deren
innerstes Prinzip.“4

Der Selbstwiderspruch der buergerlichen Gesellschaft ist
gedoppelt; er prozessiert auf oekonomischem wie politischem
Terrain und hebt in seiner Entwicklung die Vermittlungen von
Politik und Oekonomie, von Individuum und Gesellschaft in neuer
Unmittelbarkeit auf. Neue Unmittelbarkeit als Identitaet von
kapitalistischer Produktion und buergerlicher Gesellschaft setzt
das Kapital als das „reelle Gemeinwesen“5. Wie das Kapital die
gesellschaftliche Arbeit als die abstrakte Moeglichkeit der
Freiheit setzt, so die Republik das Gemeinwesen als die
abstrakte Moeglichkeit der freien Assoziation. Wie die
historischen Bedingungen, unter denen das Kapital
emanzipatorischen Gebrauchswert – und nicht nur konsumierbare
Produkte – setzt, historisch vergaenglich sind, so sind es auch
die Bedingungen, unter denen die buergerliche Republik den
Menschen als einen solchen – und nicht nur als den Agenten
selbstloser Selbsterhaltung -ermoeglicht haben.

Vor dem Ende der buergerlichen Schizophrenie

Wie auf oekonomischer Ebene am Beginn kapitalistischer
Vergesellschaftung der Doppelcharakter der Arbeit darin besteht,
einerseits die Produktion konkret nuetzlicher Gebrauchswerte zu
sein, deren stoffliche Qualitaet naturverbunden ist, andererseits
Produktion von Waren als Verkoerperung des abstrakten Werts und
Mittel der Realisierung des Profits, so besteht auf politischer
Ebene der Doppelcharakter des Menschen darin, einerseits belebte
Natur zu sein, Bourgeois, der die Gesetze der Warennatur als
seinen Naturinstinkt exekutiert6, und andererseits Staatsbuerger,
Citoyen, dessen privates Handeln dem Gesetz allgemeiner
Wohlfahrt genuegen soll. Als Staatsbuerger und Person ist er das
Produkt des Rechtes, das ihn nach Massgabe der formellen
Gleichheit aller im Recht zum politischen Subjekt der
Souveraenitaet erhebt, wie ihn zugleich die Herrschaft des
Warentausches nach Massgabe der materiellen Gleichschaltung aller
vor dem Tauschwert zum lebendigen Anhaengsel und Subaltern der
kapitalistischen Produktion erniedrigt.

Vor dem Uebergang des Kapitals von der formellen zur reellen
Subsumtion der gesellschaftlichen Produktion unter die endlose
Selbstverwertung des Werts kann der Doppelcharakter des Menschen
homolog zu dem der Arbeit und der Ware gedacht werden: Das
Humane ist die eigentliche Substanz der Staatsbuergerlichkeit,
wie die praktische Reduktion des Menschen auf den egoistischen
Bourgeois nur die pervertierte Form des Humanen darstellt, die
es annimmt, um den Menschen aus der Verfallenheit an Natur zu
befreien. Die abstrakte Staatsbuergerlichkeit stellt einen
Begriff objektiver Moeglichkeit von Emanzipation dar, bedeutet
sie doch die Befreiung aus jenen Formen naturwuechsiger
Gemeinschaft, die nur den ebenso sturen wie stummen Naturzwang
in die menschliche Gesellschaft hinein verlaengern. Mit der
Verwandlung der Familienmitglieder, Leibeigenen und Hoerigen in
Staatsbuerger ist die freie Assoziation der Produzenten als eine
historische, durch sozialistische Revolution nur zu nutzende
Chance einer anders als nur formellen Freiheit gesetzt. Die
Setzung der Warenbesitzer als Rechtspersonen stellt die gegen
den konkreten Willen der Individuen erzwungene Humanisierung
ihres wechselseitigen Bezuges dar.

„Obwohl das Individuum A Beduerfnis fuehlt nach der Ware des
Individuums B, bemaechtigt es sich derselben nicht mit Gewalt,
noch vice versa, sondern sie erkennen sich wechselseitig an als
Eigentuemer, als Personen, deren Willen ihre Waren durchdringt.
Danach kommt hier zunaechst das juristische Moment der Person
herein und der Freiheit, soweit sie daran enthalten ist.“7

Im rechtlich geregelten Tausch erscheint die Freiheit abstrakt
enthalten, denn die Individuen degradieren einander zwar auf die
Mittel ihrer Selbsterhaltung, erkennen dadurch jedoch implizit
an, dass die eigene Selbsterhaltung nur als die des anderen
zugleich moeglich ist:

„Das heisst, das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des
Gesamtaktes erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten
anerkannt, aber als solches ist es nicht Motiv, sondern geht
sozusagen nur hinter dem Ruecken der in sich selbst reflektierten
Sonderinteressen, dem Einzelinteresse im Gegensatz zu dem des
anderen vor.“8

Zwar stellt das allgemeine Interesse nur die ‚Allgemeinheit der
selbstsuechtigen Interessen9 dar, aber als ein allgemeines ist es
zugleich abstrakte Moeglichkeit konkreter Aneignung des humanen
Interesses.

Der politische Doppelcharakter des Menschen drueckt sich in der
Schwierigkeit des klassischen buergerlichen Staatsrechts aus,
seine gleichzeitige Existenz als Souveraen und Subjekt des
Staates einerseits, als subalternes Objekt der Staatsbuerokratie
andererseits zu begreifen, ohne auf das Fundament dieses
Widerspruchs zu rekurrieren. So weist etwa der fuehrende
buergerlich-demokratische Staatsrechtler des wilhelminischen
Deutschland, Georg Jellinek, der Versammlung der Menschen im
Staat „eine doppelte Funktion“ zu, sofern der Staat die Form der
demokratischen Republik annimmt:

„Das Volk gehoert dem Staate als dem Subjekt der Staatsgewalt an,
wir nennen es ( … ) das Volk in seiner subjektiven Qualitaet.
Sodann aber ist das Volk in andrer Eigenschaft Gegenstand
staatlicher Taetigkeit, Volk als Objekt.“10

Das Volk ist Subjekt und Objekt in unmittelbarer Identitaet; wie
es in seiner Eigenschaft als Souveraen aus freiwillig
„Koordinierten“ besteht, so aus „Subordinierten“ unter dem
Blickwinkel der Staatsgewalt. „Der Staat ist zugleich
genossenschaftlicher wie herrschaftlicher Verband“, schreibt
Jellinek und erklaert sich diese Ambivalenz nach dem Muster
zeitlich beschraenkter Delegation, aus der praktischen
Unmoeglichkeit der Verwandlung der Gesamtgesellschaft in ein
Parlament in Permanenz. Der Versuch, die Identitaet auch
materiell zu fundieren und politische Herrschaft als Ausdruck
freiwilliger Selbstbeherrschung der Souveraene durch sich selber
auszulegen, scheitert, und die buergerliche Staatsrechtslehre
vermag das Volk als den Souveraen nur in der juristischen Sekunde
des Wahlaktes als wirklichen Souveraen zu fingieren. Die
Souveraenitaet dauert nicht laenger als das Einwerfen des
Wahlzettels in Anspruch nimmt.

Die Unentschiedenheit des klassischen buergerlichen Staatsrechts
vorm Problem der Republik reflektiert, dass das Recht neben der
funktionalen Garantie des freien und gerechten Tausches als der
Form, die die kapitalistische Ausbeutung und Mehrwertproduktion
notwendig annimmt11, auch Momente des emanzipierten
Gattungswesens enthaelt. Nur daher kann Marx es zur konkreten
Utopie erklaeren, dass „der wirkliche individuelle Mensch den
abstrakten Staatsbuerger in sich zuruecknimmt“12, um sich die nur
abstrakte Freiheit auch konkret anzueignen. Die nur politische
Emanzipation, die es allen Menschen, dem Millionaer wie dem
Bettler, verwehrt, winters in geheizten oeffentlichen
Bibliotheken zu naechtigen, besitzt – virtuell – einen
emanzipativen Aspekt. Das Leiden als eines an der Gesellschaft
ist, anders als das unter Natur, aufhebbar: Die Vermittlungen
sind der potentielle Hebel dieser Aufhebung. Als die „Reduktion
des Menschen einerseits auf das Mitglied der buergerlichen
Gesellschaft, auf das egoistische, unabhaengige Individuum,
andererseits auf den Staatsbuerger, auf die moralische Person“13
demonstriert die Republik den Selbstwiderspruch des Menschen
unter der Herrschaft des Kapitals, eine menschliche Substanz
zwar zu besitzen, aber nur als gesellschaftliche Moeglichkeit;
der Konkurrent zu sein, aber nur als seine historisch
vergaengliche Form.

Die Republik verabsolutiert diesen Widerspruch ins aeusserste
Extrem. Sie ermoeglicht die politische Herrschaft des Kapitals
nur unter der Bedingung des allgemeinen Wahlrechts und“zwaengt
ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen, die
jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und
die Grundlagen der buergerlichen Gesellschaft selbst in Frage
stellen. Von den einen verlangt sie, dass sie von der politischen
Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, dass sie
von der sozialen Restauration nicht zur politischen
zurueckgehen“14,

ein Selbstwiderspruch der Republik, der nur drei Loesungen
zulaesst: Diktatur einer charismatischen Persoenlichkeit als das
Resultat der Klassenkaempfe in Frankreich nach 1848 oder der in
Deutschland vor 1933 einerseits, Herrschaft der in den Raeten der
‚Commune‘ von 1871 zur wirklichen Selbstverwaltung
radikalisierten Souveraenitaet der Produzenten andererseits. Als
dritte Loesung und perverse Vermittlung von Diktatur und
Selbstverwaltung erweist sich der moderne kapitalistische Staat:
Er bricht mit dem Liberalismus, dessen politisches Wesen in der
Verweigerung des Wahlrechts fuer die eigentumslosen Massen
bestand und realisiert das allgemeine Wahlrecht, aber nur, um
die durch das allgemeine Wahlrecht gesetzte Emanzipation des
Staates von unkalkulierbarer, durch die Willkuer konkreter
Personen bezeichneter Gewalt als Anonymisierung der Gewalt neu
zu organisieren. Und er bricht zugleich dem Wunsch nach
Selbstverwaltung den Stachel, indem er Anonymitaet und
Subjektlosigkeit von Herrschaft als ihre gaenzliche Abwesenheit
erscheinen laesst. Das Verschwinden der Herrschaft im modernen
kapitalistischen Staat, der doch zugleich zum Zwecke der
Souveraenitaet nach aussen und innen, fuer Krieg und Buergerkrieg,
ueber das Monopol der bewaffneten Gewalt verfuegt, ist die
Geschichte der Hegemonie, der Wattierung der Gewalt durch die
spontane Zustimmung der Subalternen und Ausgebeuteten, an deren
logischem Ende die Psychokratie als freiwillige Selbstverwaltung
der Ausbeutung durch die Ausgebeuteten steht. Der moderne
kapitalistische Staat ist, als „integrater Staat“ (Antonio
Gramsci)15, die Versoehnung von Hegemonie und Gewalt, von
spontanem Konsens und imperativischer Anordnung. Er ist dies
seinem logischen Begriffe nach: Die konkrete Utopie
kapitalistischer Herrschaft zielt auf den nur mehr
gelegentlichen symbolischen Gebrauch zu paedagogischen Zwecken.
Die manifeste Gewalt ersetzt sich durch die Mikrophysik der
Macht, die Buendelung von Konsenstechnologie und sanftem Zwang,
die den Subalternen noch das Bewusstsein eines Unterschiedes
zwischen ‚denen da oben – wir hier unten‘ austreiben moechte.
Herrschaft wird ueber der Gesellschaft zerstaeubt, delegiert und
saeuberlich unterteilt. Am Ende loest sie sich auf in das in
Permanenz tagende Parlament von 60 Millionen souveraenen und
absoluten deutschen Monarchen: Die Zerstoerung der
Duodezfuerstentuemer durch die franzoesische Revolution waere mehr
als nur umsonst gewesen. Der Liberalismus, dem sich schon stets
die privaten Laster wie von selbst zum allgemeinen Nutzen
addierten, haette sich gesellschaftlich bewahrheitet. Es stimmte
dann, was sich der Kulturkonservativismus nur erhofft:

„Die Gesellschaft wird mehr und mehr zu einem Gedankennetz, zu
einer Art Phantasiebild, das wir als gesellschaftliche
Konstruktion zu verwirklichen trachten.“16

Dieser Zustand vollendeter Hegemonie gleicht, als die von den
Subalternen wirklich geglaubte und als negative auch wirklich
vorhandene Identitaet des materiellen Interesses mit seiner
politischen Vertretung, einer Karikatur des Kommunismus,
zumindest seiner rohen, staatskapitalistischen Erscheinungsform.
Wird doch im rohen Kommunismus die Gleichheit aller vor der
Arbeit ebenso abstrakt gesetzt wie in der buergerlichen Republik
die Gleichheit aller vor dem Gesetz. „Die Bestimmung des
Arbeiters wird nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen
ausgedehnt“, und der staatskapitalistische Kommunismus ist so
nicht die Aufhebung, sondern die „Verallgemeinerung und
Vollendung“ des Privateigentums:

„Die Gemeinschaft ist nur eine Gemeinschaft der Arbeit und der
Gleichheit des Salairs, den das gemeinschaftliche Kapital, die
Gemeinschaft als der allgemeine Kapitalist, auszahlt.“17

Die staatskapitalistische Karikatur auf den Kommunismus gleicht
dem privatkapi listischen Original so sehr, dass die Menschen zu
Recht die Muehe scheuen, das Original gegen die Karikatur
einzutauschen. Hegemonie verlaengert die juristische Sekunde der
fingierten Souveraenitaet der Subalternen zur gesellschaftlichen
Ewigkeit und schafft der Fiktion ein materielles Fundament. Wo
eine Fiktion zur sozialen Wirklichkeit wird, da kann es anders
als okkult gar nicht hergehen.

„Eine Menge von vernuenftigen Wesen, die insgesamt allgemeine
Gesetze fuer ihre Erhaltung verlangen, deren jedes aber im
Geheimen sich davon auszunehmen bereit ist, so zu ordnen und
ihre Verfassung einzurichten, dass, obgleich sie in ihren
Privatgesinnungen einander entgegenstreben, diese einander doch
so aufhalten, dass in ihrem oeffentlichen Verhalten der Erfolg
eben derselbe ist, als ob sie keine solchen boesen Gesinnungen
haetten“,

das erachtete Immanuel Kant als die Hauptleistung jener
wundertaetigen „unsichtbaren Hand“, die „selbst einem Volk von
Teufeln“ den Effekt der privaten Laster und Egoismen zum
allgemeinen Nutzen ordnen koenne.18 Die Metaphysik des ‚Als ob‘
wird hegemonial zur Sozialtechnologie des sozialen Okkultismus
umgeschmolzen; der „Spiritualismus des Staates“ erhebt die
„wirkliche Geistlosigkeit des Staates zum kategorischen
Imperativ“19. Die Unterstellung, ein jedes Mitglied der
buergerlichen Gesellschaft habe (ex post) so gehandelt, „als ob“
sein Handeln aus einem allgemeinen Gesetz (ex ante) bestimmt
worden sei, wird zur Realitaet im gleichen Masse, in dem die
gesellschaftliche Synthesis nicht mehr im Nachhinein, d. h. im
Austausch der privat erzeugten Produkte auf dem Markt sich
herstellt (formelle Subsumtion), sondern bereits in den
unmittelbaren Produktionsprozess eingeht (reelle Subsumtion)20.
Der Okkultismus des ‚Als ob‘ wiederholt nur auf der politischen
Ebene, was in der Oekonomie schon geschah: Die Materialisterung
eines ganz und gar unsinnlichen, abstrakten und unempirischen
sozialen Verhaeltnisses in einem empirischen, sinnlich
erfahrbaren und konkreten Gegenstand, im Geld, einem
merkwuerdigen „sinnlich-uebersinnlichen Ding“21. Das politische
Verhaeltnis, das die Subalternen als die wirklichen Souveraene und
Subjekte des Staates glaubhaft fingiert, ist dem oekonomischen,
das die Produktion der Tauschwerte zur unmittelbar
gesellschaftlichen Produktion werden laesst, homolog und ist daher
selber nur in spirituell-okkulten Begriffen noch fassbar. Was
hier geschieht, ist einerseits so voellig unvernuenftig und
andererseits so handgreiflich wirklich, dass der Kopf dies zu
Recht nicht fassen mag.

Ein laengeres Zitat aus der Marxschen „Kritik des Hegelschen
Staatsrechtes“ sei gestattet, um die Implikationen dieses
Verhaeltnisses realer Abstraktion, die durch Paraphrase an
Schaerfe und Klarheit nur verlieren koennten, aufzuzeigen. Marx
geht von eben der Frage aus, die Immanuel Kant mit der
‚unsichtbaren Hand‘ beantwortete: Wie kann das konkrete
Individuum den abstrakten Standpunkt der Staatsbuergerlichkeit
erlangen? Nur durch eben jene im Resultat negativer
Vergesellschaftung praktisch gewordene atheistische Theologie
der unsichtbaren Hand, die im Vergleich mit dem Aberglauben ans
juengste Gericht den schoenen Vorteil hat, ihren Gottesbeweis
tagtaeglich fuehren zu koennen:

„Dieser politische Akt ist eine voellige Transsubstantion. In ihm
muss sich die buergerliche Gesellschaft voellig von sich als
buergerliche Gesellschaft, als Privatstand lossagen, eine Partie
seines Wesens geltend machen, die mit der wirklichen
buergerlichen Existenz seines Wesens nicht nur keine Gemeinschaft
hat, sondern ihr direkt gegenuebersteht. Am Einzelnen erscheint
hier, was das allgemeine Gesetz ist. Buergerliche Gesellschaft
und Staat sind getrennt. Also ist auch der Staatsbuerger und der
Buerger, das Mitglied der buergerlichen Gesellschaft getrennt. Er
muss also eine wesentliche Diremption mit sich selbst vornehmen.
( … ) Um also als wirklicher Staatsbuerger sich zu verhalten (
… ), muss er aus seiner buergerlichen Wirksamkeit heraustreten,
von ihr abstrahieren, von dieser ganzen Organisation in seine
Individualitaet sich zurueckziehen; denn die einzige Existenz, die
er fuer sein Staatsbuergertum findet, ist seine pure, blanke
Individualitaet, denn die Existenz des Staates als Regierung ist
ohne ihn fertig und seine Existenz in der buergerlichen
Gesellschaft ist ohne den Staat fertig. Nur im Widerspruch mit
diesen einzig vorhandenen Gemeinschaften, nur als Individuum,
kann er Staatsbuerger sein. ( … ) (Daher) muss seine wirkliche
Organisation, das wirkliche buergerliche Leben, als
nichtvorhanden gesetzt werden. ( … ) Die Trennung der
buergerlichen Gesellschaft und des politischen Staates erscheint
notwendig als eine Trennung des politischen Buergers, des
Staatsbuergers, von der buergerlichen Gesellschaft, von seiner
eigenen wirklichen, empirischen Wirklichkeit, denn als
Staatsidealist ist er ein ganz anderes von seiner Wirklichkeit
verschiedenes, unterschiedenes, entgegengesetztes Wesen. ( … )
Der Buerger muss seinen Stand, die buergerliche Gesellschaft, den
Phivatstand, von sich abtun, um zu der politischen Bedeutung und
Wirksamkeit zu kommen; denn eben dieser Stand steht zwischen dem
Individuum und dem politischen Staat.“22

Damit der Mensch als Mitglied der buergerlichen Gesellschaft zum
Faktor werden kann, der politisch zaehlt und sich zu Wahlstimmen,
zu Mehrheit und Minderheit addieren kann, muss er sein soziales
Alltagsleben als nichtig erachten und zum Staatsidealisten
werden, indem er von seiner ‚gemeinschaftlichen Existenz‘
praktisch abstrahiert. Wie auf oekonomischer Ebene der
Doppelcharakter der Arbeit aufgehoben und der Produzent aus dem
Co-Subjekt der Produktion, das er in der Manufaktur und den
fruehen Stadien der Mechanisierung der Produktion noch ist, zu
einem lebendigen Anhaengsel der Maschinerie – der Objektivierung
des Werts in der unmittelbaren Produktion degradiert wird, so
auch auf der politischen Ebene: Der politische Akt, mittels
dessen nur das Individuum den Standpunkt gesellschaftlicher
Allgemeinheit erreichen kann und den Marx in objektiver
Ermangelung eines vernuenftigen Begriffes fuer ein unvernuenftiges
Verhaeltnis mit einem theologischen ‚Begriff‘ belegt, ist eine
Realabstraktion par excellence. Als die im religioesen Messopfer
sich okkult vollziehende Verwandlung der Substanz von Brot und
Wein in Leib und Blut des Herrn Jesu Christ bezeichnet die
‚Transsubstantion‘ die durchgefuehrte Einheit des Alltaeglichen
mit dem Spirituellen mit dem Unterschied nur, dass das
Spirituelle in der politischen Realabstraktion auch Wirklichkeit
besitzt. Es zeigt sich hierin, dass alle Kritik bei der Kritik
der Theologie nicht nur beginnt, sondern, im Zustand der zur
zweiten Natur mutierenden Gesellschaft, dort auch endet.

Die Realabstraktion, die der Staatsbuerger an sich selbst als
einem Menschen und Mitglied der Gesellschaft vornimmt, weitet
sich ueber den unmittelbaren Akt der demokratischen Wahl hinaus
auf das Alltagsleben aus und schiesst zurueck in den Grund, aus
dem ihre Notwendigkeit entstand. Der Buerger bedurfte des Staates
als des ideellen Gesamtkapitalisten, weil anders als mittels
einer zwischen den einzelkapitalistischen Interessen
vermittelnden und also (systemimmanent) neutralen
Schiedsrichterinstanz die allgemeinen Reproduktionsbedingungen
des Kapitalismus als der Form gesellschaftlicher Produktion
nicht herzustellen waren. Er musste von seinem besonderen
Geschaeftsinteresse absehen lernen, um sein allgemeines Interesse
an der Einhaltung der Geschaeftsordnung durchzusetzen; es musste
ihm im eigenen Interesse beigebracht werden, dass der Weg zur
Vergoldung der eigenen Nase auch ueber die Konjunktur des
Konkurrenten verlaeuft. Aus der blossen Form gesellschaftlicher
Produktion wird nach der Eigenlogik der Realabstraktion nun ihr
Inhalt, und das Kapital uebersetzt sich in das reelle
Gemeinwesen, das einen Unterschied zwischen dem allgemeinen und
dem besonderen Interesse nicht mehr zulassen mag. Was im
Unterschied zwischen der sozialen und der politischen Herrschaft
des Buergertums – ein Unterschied, der den Buerger den 18.
Brumaire 1850 und den 30. Januar 1933 praechtig ueberleben liess –
angelegt war, das radikallsiert sich in der demokratischen
Republik: Der Buerger verliert die Herrschaft im eigenen Haus und
wird zum Anachronismus, zum Neandertaler seiner eigenen
Oekonomie. Dem Verlust der politischen Herrschaft, die durchs
Zensuswahlrecht garantiert war, folgt der Verlust seiner
sozialen Herrschaft auf dem Fusse. Das Kapital emanzipiert sich
von seinem Eigentuemer, organisiert sich als Aktiengesellschaft
und degradiert den selbstherrlichen Kapitalisten der
Gruenderjahre zum muessigen Rentner und fuer den Gedeih von Zins und
Zinseszins ueberfluessigen Lebemann. Das Buergertum stirbt den
sozialen Tod und verschwindet im gleichen Masse, in dem das
Kapital seinen Geburtshelfer fuer ueberfluessig erklaert.23 Dem
korrespondiert die negative Aufhebung der Arbeiterklasse: Wo der
Geburtshelfer ueberfluessig geworden ist, da herrscht das ewige
Leben, und die Totengraeber, die sich das Kapital in der Analyse
des „Kommunistischen Manifests“ in Gestalt des Proletariats noch
selber erzeugen sollte, werden selbst zu Toten auf Urlaub, deren
gesellschaftliche Ueberfluessigkeit im Prinzip schon feststeht und
die sich einstweilen noch an Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder
anderen, nur wenig groesseren Zuwendungen in Form von Lohn und
Gehalt delektieren duerfen.

Die Atornisierung der Individuen, die die Realabstraktion auf
dem politischen Feld hervorbringt und die im Vergleich zur
naturwuechsigen Familie und zur doerflichen Gemeinschaft einen
ungedeckten Wechsel auf die zukuenftige Freiheit bedeutete, endet
in der Gesellschaft als einer Gummizelle, in der die Individuen
wie die Atome im Reaktor herumgewirbelt werden, heillos
miteinander kollidieren und dadurch die zum Betrieb der Zelle
noetige Energie erzeugen. Inmitten der unaufhebbar werdenden
Unfreiheit scheint die durchgefuehrte Freiheit zu herrschen. Das
Menschenbild, das die diversen ‚humanistischen‘
Therapietechniken den Individuen einblaeuen wollen, ist der
Reflex der sich anbahnenden voelligen Fundierung von Herrschaft
in menschlicher Spontaneitaet. Dem gilt das pseudoreligioese Credo
des Erfinders der Gestalttherapie, Fritz Perls:

„Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf
dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben. Und du bist
nicht auf dieser Welt, um nach meinen zu leben. Du bist du, und
ich bin ich. Und wenn wir uns zufaellig finden – wunderbar. Wenn
nicht, kann man auch nichts machen.“24

Freiheit als Zufall, Liebe als blinder Zusammenstoss,
Spontaneitaet als entobjektivierte Zusammenhangslosigkeit – der
Selbstwiderspruch, der den Buerger einerseits „ordentlicher
Staatsbuerger“, andererseits „wildes Tier“(Gustave le Bon)25 sein
liess, ist aufgehoben, und der neue Mensch kann sich als
tollwuetiger Staatsbuerger und ordentliches Raubtier zugleich
auffuehren, kann sowohl in der Konkurrenz wie auch vor seinem
Gewissen bestehen. Er lebt im jenseits der buergerlichen
Schizophrenie, die darin bestand, das, was man tun musste, besser
lassen zu sollen.

Der ‚innere Maschinist‘ des Arbeiters und seine
staatsbuergerliche Verbesserung

Was am Buerger sich vollzieht, das begann und vollendet sich am
Arbeiter, an den unmittelbaren Produzenten des
gesellschaftlichen Reichtums. Die urspruengliche Akkumulation des
Kapitals zerstoerte zwar Unfreiheit und Hoerigkeit, aber nur um
den Preis der gleichzeitigen Zerstoerung jener relativen
Sicherheit und paternalistischen Fuersorge, die den Produzenten
als sprechfaehigen Arbeitswerkzeugen von Wert immerhin zukam. Das
Kapital spedierte sie in die Freiheit, aber nur, um sie als
materiell unfreie und von den Produktionsmitteln ihres Lebens
getrennte Lohnarbeiter produktiv ausbeuten zu koennen. Der
buergerliche Selbstwiderspruch vertieft sich im proletarischen
noch: Wo der Buerger zwischen Altruismus und Egoismus schwankt,
die Caritas und den Weltwaehrungsfond zugleich im Seelchen spuert
und mit der linken Hand sentimental gewaehrt, was er mit der
rechten doppelt und dreifach brutal einstreicht, da hat der
Arbeiter nur eine Wahl. Es steht ihm frei, sich zwischen dem
kollektiven Egoismus der Gewerkschaften und dem individuellen zu
entscheiden, den die Arbeitgeber ihm ans Herz legen.

Der buergerliche Selbstwiderspruch erscheint, wenn die politische
Vergesellschaftung die Form der demokratischen Republik annimmt,
als der zwischen materieller Interessiertheit und abstrakt
gesetzten allgemeinem Gattungsinteresse. Der proletarische
Selbstwiderspruch ist von vornherein aufs Oekonomische reduziert
und die Versubjektivierung jener Widersprueche, die der Kreislauf
des Kapitals als Reproduktionsprozess aus sich heraussetzt. Der
Arbeiter verkoerpert den Widerspruch zwischen Produktion und
Konsumtion, wobei der Akt des Konsums der Produktion als ein
notwendiges Uebel erscheint: Anders als durch wirklichen Konsum
der Waren kann sich der in ihnen enthaltene Wert (noch) nicht
realisieren. Im Widerspruch zwischen Produzent und Konsument
exekutiert das gesellschaftliche Gesamtkapital seinen eigenen
Widerspruch am produktiven Arbeiter. Er besteht darin, den
Arbeiter, der – einzelbetrieblich gesehen – einen
mehrwertschaffenden Unkostenfaktor darstellt, gleichwohl
ernaehren zu muessen, ihn auszuhalten auch deshalb, um die
Realisierung des Mehrwerts in der Konsumtion zu ermoeglichen. Am
Gegensatz des Arbeiters als einerseits unnuetzem Fresser, dessen
einziger wesentlicher Nachteil darin besteht, noch kein Roboter
zu sein und nicht 25 Stunden am Tag aus lauter Lebensfreude
schaffen zu koennen, als eines andererseits nuetzlichen Fressers,
der sich im Konsum die Arbeitskraft in eigener Regie erhaelt und
dazu seinen Lohn in voellig freier Wahl zwischen Produkten, die
allesamt nur Waren sind, ausgeben muss – daran hatte das Kapital
im Krisenwettlauf der Unterkonsumtion mit der Ueberakkumulation
seine liebe Not.

Verliefe die Geschichte der buergerlichen Gesellschaft nach den
Interessen der Kapitalisten, dann waere das Kapital als ein
gesellschaftliches Verhaeltnis laengst bankrott. Denn diese
Interessen zielen auf die totale Unterordnung des Arbeiters
unter die Produktion: Zustaende, wie sie noch 1840 in Manchester
herrschten, waeren an der Tagesordnung. Damals erreichten
Angehoerige der Arbeiterklasse ein Durchschnittsalter von 17
Jahren.26 Das Interesse des Kapitalisten zielt auf produktive
Verschrottung des Menschen durch Arbeit, und wie das geht, das
zeigt ein Blick auf die Ghettos von Singapur, Hongkong oder Sao
Paulo. Das Kapital ruiniert die menschliche Arbeitskraft und
damit in der Tendenz sich selber.

Die Rettung des Kapitals erkaempften seine formalen Antagonisten,
die formell freien Lohnarbeiter, die sich fuer den kollektiven
Egoismus entschieden. Die Gewerkschaften als die
„Verkaufskartelle der Ware Arbeitskraft“27 begannen mit
Lohnarbeitern zu handeln, wie andere Kartelle mit Kuehlschraenken
oder Badewannen. Ihr historischer Kampf zwang dem Kapitalismus
die Bedingungen seiner eigenen Existenz auf und setzte die
Beschraenkung der Arbeitszeit als Garantie des Erhalts der
Menschen als Arbeiter und Soldaten durch. Die Anerkennung der
Dialektik, dass das Kapital als gesellschaftliche
Produktionsweise nur durch den systematischen Verstoss gegen die
Interessen der konkreten Kapitalisten gerettet werden kann, war
nicht Resultat buergerlich-allgemeiner Vernunft, sondern Ergebnis
materiellen Zwanges. Nicht das Parlament, die proletarischen
Organisationen waren es, die dem an sich machtlosen
kapitalistischen Imperativ: Systemerhalt, zu sozialer
Wirklichkeit verhalfen. Das Parlament hatte zu ratifizieren, was
es, haette der Liberalismus recht, aus der kollektiven
buergerlichen Vernunft und nur seinem Gewissen verantwortlich,
haette produzieren muessen. Aber aus sich heraus vermag das
Kapital nicht die Allgemeinheit seiner Reproduktionsbedingungen
zu setzen; der Wegfall der gewerkschaftlichen Gegenkraft treibt
es in den Ruin, aus dem es, – der Faschismus hat es erwiesen –
nur die Flucht nach vorne in den prinzipiell endlosen Raubkrieg
antreten kann und die Flucht zurueck an den Ursprung der
urspruenglichen Akkumulation: Verlaengerung des Arbeitstages an
die Todesgrenze.28

Der Sozialstaat als Erweiterung des buergerlichen zum modernen
kapitalistischen Staat sucht die Kluft dieses Widerspruchs zu
ueberbruecken. In der Krise widersetzt er sich (relativ gesehen)
den Forderungen der Kapitalisten, bzw. vollzieht sie mit
zeitlicher Verzoegerung, um die Rahmenbedingungen der kuenftigen
Konjunktur zu wahren.29 Die Anerkennung der Gewerkschaft als
Tarifpartner respektiert ihr Monopol an der Ware Arbeitskraft,
die Setzung des Arbeitsrechtes drueckt die gesamtkapitalistische
Funktion des Erhalts der formellen Freiheit dieser Ware aus und
die Erweiterung des allgemeinen Wahlrechts auf die besitzlosen
Klassen anerkennt das Recht der Arbeiter, ueber die Bedingungen
ihrer Ausbeutung ein wenig verhandeln zu koennen, wenn auch auf
der Ebene des ideellen Gesamtkapitalisten.

Gleichwohl prozessiert der Selbstwiderspruch des Einzelkapitals
weiter. Mit jedem Uebergang zu prinzipiell neuen
Produktionsmethoden stellt sich erneut das Problem, wie der
Arbeiter an den Betrieb zu binden ist, wie seine
betriebspezifische Qualifikation, die eine Investition ins
variable Kapital darstellt, dem Betrieb auf Dauer oder solange
wie noetig erhalten werden kann. Es stellt sich das Problem, wie
dem Arbeiter beigebracht werden kann, dass er sich selbst als das
Humankapital, das er ist, auch pfleglich behandelt. Denn die
oekonomische Bestimmung des Proletariats, vom Co-Subjekt der
Produktion auf das belebte Anhaengsel der objektiv gewordenen
Maschinerie her-untergebracht zu werden, stellt sich dem
Proletariat als einer Klasse als Schicksal dar, dem formell
freien einzelnen Arbeiter aber nicht. Er kann waehlen. Und im
Angesicht neuer, arbeitsintensiverer Produktionsmethoden
entscheidet er sich regelmaessig fuer das „Recht auf Faulheit“30,
fuer den blauen Montag, fuer Wein, Weib, Gesang und die angenehmen
Banalitaeten des Alltagslebens. Jeder Uebergang auf ein neues
oekonomisches Niveau, ob von der Manufaktur zur Fabrik, ob vom
Handwerk zum Fliessband, erfordert eine voellige Umorganisierung
der ‚moralischen Oekonomie‘ der arbeitenden Klasse. Wie ihr im
Uebergang zum Fliessband die affektive Besetzung von Produkt und
Produktion ausgetrieben und protestantischer Puritanismus
anstelle des vorherigen Hedonismus (der einer der Armut war)
eingeimpft werden musste, so im Uebergang vom Fliessband zur
computerisierten Produktion die affektive Besetzung des
Produktionsmittels, die zwanghafte Triebfixierung, nicht vom
Geraet zu lassen, bis das Programm funktioniert.

Die Wahlmoeglichkeit des Arbeiters ergibt sich aus der
Ungleichzeitigkeit der technologischen Innovation. Sie
einzuschraenken und Betriebstreue herzustellen, ist daher, von
Krupp bis Ford, das Problem der avancierten Industrien. Die
fruehen Versuche bestehen in der Setzung materieller Stimuli, die
zugleich, da mit ihrem Entzug wirkungsvoll gedroht werden kann,
Zwangsmittel darstellen: So die Werkswohnungen der Krupp, Ford &
Co., die schon aussahen wie kuenftige Arbeitslager und deren
Reglement Alkoholismus, Vielweiberei und andere Laster durch die
Lust an Basteln, Kleintierzucht und Kirchgang ersetzen wollte.31
All dies sind Formen, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft in
ihrer Freizeit nach den Normen der Produktion zu organisieren.
Das Kapital draengt nach der Subsumtion des Arbeiters, nach der
faktischen Aufhebung seiner formellen Freiheit.

Damit soll die Qualifikation des einzelnen endgueltig zum
Betriebseigentum werden. Henry Ford etwa musste allein 1913 fuer
die Besetzung von 16.000 Arbeitsplaetzen 53.000 Einstellungen
vornehmen, die Kosten fuer das Anlernen waren enorm, obwohl
dieses hoechstens eine Woche dauerte. Die Rationalisierung drohte
an sich selbst zu scheitern: „Bisherige Erfahrungen gelten bei
uns nicht. (Die Ungelernten) lernen ihre Aufgabe innerhalb
weniger Stunden und Tage“32, beschrieb Ford dies System. Der
profitable Vorteil, die Arbeit auf wenige routinisierte
Handgriffe zu reduzieren, geriet in Gefahr, vom hinhaltenden
proletarischen Widerstand gegen die Zerstoerung ihrer moralischen
Oekonomie, gegen die Entwertung ihrer Faehigkeiten und damit ihres
bisherigen Lebensstiles, selber gegen Null gedrueckt zu werden.
Da auch die materiellen Stimuli: bessere Loehne und betriebliche
Altersversorgung, weder die Fluktuation unterbanden noch die
Effektivitaet der Arbeit steigerten, musste der direkte Zugriff
auf die interne psychische Konstitution des Arbeiters, auf seine
Arbeitsmotivation unternommen werden. Das Kapital suchte die
Arbeitskraft auf eben die Maschine herunterzubringen, die sie
ihrer oekonomischen Funktion nach laengst zu sein hat. Dieser
Versuch impliziert die Verallgemeinerung der Fabrik auf die
Gesamtgesellschaft und damit die Setzung einer kapitaladaequaten
Form von Subjektivitaet. Sie hat dem Begriff zu entsprechen, den
sich die Arbeitsphysiologie vom arbeitenden Menschen macht. Die
sieht ihn vom Standpunkt der Geschaeftsfuehrung als einen mit
mehrachsigen Gelenken und dreidimensional agierenden
Greifapparaten ausgestatteten produktiven Apparat:

„In seiner Eigenschaft als ein Element in einem Kontrollsystem
muss ein Mensch als eine Kette betrachtet werden, die aus den
folgenden Teilen besteht: 1) Sensoren, 2) einem Rechensystem,
das auf der Grundlage vorangegangener Erfahrungen reagiert, 3)
einem Vergroesserungssystem – den Enden der Bewegungsnerven und
Muskeln, 4) mechanischen Verbindungen, mit denen die
Muskelarbeit aeusserlich feststellbare Wirkungen erzeugt.“33

Der Mensch ist hier reine Naturkraft, von der ein Bild wie in
der Anatomie herrscht, mit dem Unterschied nur, dass die Sektion
eine bei lebendigern Leibe ist und die sie vorbereitende Dressur
mit jedem Arbeitstag von neuem beginnt.

Die Nagelprobe auf dies Kalkuel wird am ersten Punkt, den
Sensoren, genommen. Der Mensch ist nicht objektiv, nimmt nicht
das wahr, was man verlangt, man hat ihm das Hoeren und Sehen
beizubringen, bis es ihm vergeht. Die Vivisektion hat daher mit
der Veraenderung der Wahrnehmung zu beginnen, bis sie ihren
Blickwinkel („in seiner Eigenschaft als … betrachtet“) in die
Totale ausdehnt und sich um einen Unterschied zwischen ‚Rolle‘
und ‚Mensch‘ nicht mehr zu kuemmern braucht. Mit F. W. Taylor
beginnt „ein eingehendes Studium der Motive, welche die Arbeiter
in ihrem Tun beeinflussen“. Denn obgleich die Menschen auf den
ersten Blick einen Kosmos von Unterschieden darstellen, koennen
sie wissenschaftlich auf einfache Exemplare der Gattung Mensch,
auf die millionenfachen Duplikate des alten Adam reduziert
werden. Eine Reduktion, die erst dann zur Zufriedenheit gelingt,
wenn sich der einzelne Arbeiter zum Betrieb verhaelt wie die
einzelne Arbeitsameise zur Koenigin: treu bis in die
Selbstaufopferung. Die Schwierigkeit liegt nur darin, dass die
Reduktion „an einem so komplexen Organismus, wie es der Mensch
ist, vorgenommen werden muss.“34 Sie ist zugleich eine
Realabstraktion, an deren Ende der Arbeiter auch wirklich die
Biomaschine ist, die er sein soll: belebtes Material, das keinen
Unterschied mehr erkennen kann zwischen sich und seiner
objektiven Arbeitssituation. Die Arbeitspsychologie organisiert
den Blick ins zu funktionalisierende Subjekt.

Es gilt, den „Thomas-Effekt“ zu beherrschen, um auch die
Restbestaende proletarischer Subjektivitaet im Arbeitsprozess dort,
wo er vom Verwertungsprozess sich noch unterscheiden laesst,
auszumerzen und das Kommando der Direktion mit der Kunst
behutsamer Konsenstechnologie reibungsfrei und restlos
durchzusetzen. Improvisation und informelle Kommunikation der
Arbeitenden untereinander gilt es in den Griff zu bekommen. Sie
sind die (negativen) Vetorechte der Arbeiter: Kein Betrieb
koennte produzieren, ohne mit Aussicht auf Erfolg auf ihre Kunst
zur Improvisation zu bauen, ein nach Vorschrift durchgefuehrter
Arbeitsdienst kaeme der Sabotage gleich. Aber andererseits ist
Improvisation eine Funktion genau der informellen Kommunikation
abseits offizieller Befehlswege, die Leistungszurueckhaltung und
Akkordbremse erst moeglich und wirklich machen.35
Leistungszurueckhaltung impliziert, dass der Arbeiter sich vor
restloser Verausgabung schuetzt, um sich den lebenslangen Genuss
seiner Arbeitsfaehigkeit zu erhalten, sich vor Ueberarbeit zu
druecken, um sein Arbeitsleben, das in der BRD nur ein Drittel
der Beschaeftigten gesund uebersteht, moeglichst auszudehnen. Hier
liegt eine der sozialen Wurzeln der Gewerkschaftsbewegung und
zugleich das tiefste Fundament des Sozialstaats, der noch unter
dem Keller des Privatkapitals residiert. Der ,Thomas-Effekt‘
bedeutet den Bruch mit dem satten und statischen Objektivismus
F. W. Taylors und enthaelt die Anerkennung, dass die Reduktion mit
materieller Brachialgewalt allein nicht zum Zuge kommt und den
Arbeiter zwar dem Betrieb annektiert, die Arbeit selbst aber
nicht im gewuenschten Masse effektiviert. Er besagt, dass auch jene
Faktoren der Arbeitssituation verhaltenssteuernd sind, die sich
als wissenschaftlich nicht objektivierbar erweisen, und dass
Situationen in ihren Folgen real sind, wenn die Menschen sie
kollektiv fuer real erklaeren. Es geht darum, sich
arbeitswissenschaftlich in ihre Motivation einzuschleichen und
eine Veraenderung ihres Handels durch Veraenderung nicht der
Verhaeltnisse, sondern ihrer Wahrnehmung zu organisieren.
Psychotechnik bietet sich an, wie einer ihrer neueren Propheten,
Kurt Lewin, schreibt, als

„eins der besten Mittel, die Dimensionen zu veraendern, in denen
die Wahrnehmung stattfindet. Es ist wahrscheinlich richtig, wenn
man sagt: die Handlung eines Menschen haengt direkt von der Art
ab, in der er die Situation auffasst.“36

Die Maschinisierung des Subjekts beginnt mit der Kontrolle der
SeelenMaschine und des diese Maschine nach aussen
repraesentierenden Individuums.

„In gewissem Sinne ist es beim Menschen wie bei einer
Dampfmaschine, von der ein zusammengesetztes Triebwerk abhaengt.
Je nach dem Zustande der Heizung kann ihre lebendige Kraft hoch
steigen oder tief sinken; aber im normalen Gange kann weder das
eine noch das andere ploetzlich eintreten; wohl aber kann
dadurch, dass man hier ein Ventil willkuerlich auf – oder zudreht,
bald dieser, bald jener Teil der Maschine neu in Gang kommen und
dafuer ein anderer in Ruhe uebergehen. Es ist nur der Unterschied,
dass bei unserer organischen Maschine der Maschinist nicht
ausser-, sondern innerhalb derselben sitzt“37

schreibt schon 1860 der Urvater der Psychophysik in Deutschland,
Gustav Fechner. Die moderne Arbeitspsychologie erkennt, dass sich
auch der ,innere Maschinist‘ gewerkschaftlich organisiert hat
und setzt nicht, wie noch Taylor, beim isolierten Einzelnen an,
sondern bei der Arbeitsgruppe, beim Team, und empfiehlt Methoden
der ,Humanisierung der Arbeit‘, wie ‚Job enrichment‘ oder ‚Job
enlargement‘, um die Psychodynamik der Kleingruppe fuer die
Produktion zu nutzen. Aber die Tatsache, dass der Mensch weder
allein noch vom Brot lebt, bedeutet der Arbeitswissenschaft
nicht, den sozialen Atomismus der buergerlichen Gesellschaft in
Frage zu stellen. Ihr Credo, dass die Menschen „keine isolierten,
beziehungslosen Einzelmenschen sind, sondern soziale Wesen, die
auch als solche behandelt werden sollten“38, zielt auf die
Fundierung des Atomismus. Ideologie und Praxis der ‚Gruppe‘ wird
angedreht, um neben der Objektivitaet der Produktion einen Schein
sekundaerer Humanisier-ung zu erzeugen: das Zwangsverhaeltnis
tuencht sich humanitaer. Das permanente Gerede vom Menschen
betreibt die Entmenschlichung. Die Gemeinschaft, die synthetisch
im ‚Team‘ erzeugt werden soll, ist keine naturwuechsige, sondern
nur die Miniaturausgabe einer Gesellschaft, die zur zweiten
Natur mutiert. Der Selbstwiderspruch der buergerlichen
Gesellschaft, der dem Buerger nur im quasi-religioesen Akt der
‚Transsubstantion‘, d.h. nur schizophren loesbar war, loest sich
am Arbeiter: In der Vergemeinschaftung der Arbeit erfaehrt er ein
Leben jenseits der Dualitaet von formeller Freiheit und
materieller Unfreiheit. Die Arbeitspsychologie ist das
materielle Fundament der kommenden Psychokratie. Nichts ist
dieser angewandten Psychologie wichtiger als die
‚Kommunikation‘, wenig liegt ihr mehr am Herzen als die
‚Anerkennung des Wertes der Arbeit‘. Die soziale Wirklichkeit
ihres Ziels, die Arbeit als eine „quasi-gespraechstherapeutische
Situation“ (Carl Rogers) zu organisieren, waere freiwillige
Selbstverwaltung der Ausbeutung. Die Betriebspsychologie macht
die Erkenntnis zur Technologie, „dass die vom Vorgesetzten
kommunizierte Wertschaetzung und Akzeptierung im Zusammenhang
stehen mit Motivation, Zufriedenheit und Arbeitsleistung ihrer
Untergebenen sowie dem Ausmass der Krankmeldungen und
Kuendigungen.“39 Die „Philosophie der Zwischenmenschlichkeit“,
die heute in den Encountergruppen als Freizeitspass konsumiert
wird, hat ihre historischen Wurzeln in den Problemen des
kapitalistischen Umgangs mit der Arbeitskraft. Sie weiss, dass
Leistungssteigerungen „in Betrieben immer dann eintraten, wenn
die Arbeiter eine persoenliche, freundliche Behandlung erlebten
und sich in ihrer Arbeit gewuerdigt sahen.“40 Die fingierte
Menschenfreundlichkeit hat sich in den Bilanzen
niederzuschlagen. Ein freundliches Wort kostet nichts oder nur
das Gehalt eines Psychologen – aber was nichts kostet, das
erspart Kosten und ist daher alles andere als nichts.

Glueck bedeutet dieser Sorte hinterhaeltiger
Menschenfreundlichkeit nur die gelungene Kompensation in der
Arbeit erfahrener Leiden; deren voelliges Verschwinden aus dem
subjektiven Bewusstsein waere die Ekstase dieses Gluecks. Die
Arbeitspsychologie erfuellt eine grundlegende
Reproduktionsbedingung des Systems: Die Abschiebung objektiver
Probleme, die sich das Kapital mit dem Fortgang seiner
Akkumulation selber schafft, ins „Subsystem Persoenlichkeit“. Das
System wird in dem Masse handlungsfaehiger, indem es die Menschen
in die Zwangsjacke steckt und verniemandet. So schreibt der
mittlerweile bei zur „Codierung von Liebe“ vorangeschrittene
Betriebswirt und Systemtheoretiker Niklas Luhmann:

„Vor allem ‚innere‘ Tatsachen: Einstellung, Gefuehle und
Absichten werden (wenn das Spiel gelingt, d. Verf.) mit der
geforderten Rolle auf einen Nenner gebracht ( … ) und wenn die
erlebten Probleme auf diese Weise verstaendlich interpretiert
werden koennen, festigt sich dadurch unmittelbar die Situations-
und Rollenauslegung. Erklaerungen, die die Beteiligten ihren
Problemen und Konflikten geben, laufen daher nicht ohne Grund
auf falsche Verallgemeinerungen hinaus. Sie lenken von den
eigentlichen Grundlagen des Uebels in der dominierenden formalen
Struktur ab und dirigieren die Vorwuerfe ins Persoenliche und
Moralische, wo sie ohne Konsequenzen verhallen. So kann die
formale Rolle als konsistent erscheinen, weil die durch sie
ausgeloesten Probleme anderswo absorbiert werden.“41

Was ist, das ist! Die Individuen zu „falschen
Verallgemeinerungen“ zu bewegen, das bedeutet die Verlaengerung
des ‚Hier und jetzt‘ der Produktion in die soziale Ewigkeit,
denn Erfahrung, die einzig richtig zu verallgemeinern verstuende,
braucht genau jene Faehigkeit zum Gedaechtnis, zur Erinnerung, die
ihre Reduktion aufs blanke und nur aktuelle Erlebnis liquidiert.
Die Ablenkung ins „Persoenliche und Moralische“, die auf den
Korridoren jedes Arbeitsamtes ihren Erfolg lautstark feiert,
tankt die Kraft zur Umleitung unmittelbar in der Produktion: Den
Arbeitslosen geschieht im Zweifel am Sinn ihres Lebens und an
ihrer Faehigkeit, sich das Leben zu verdienen, nichts, was sie
nicht zuvor im Betrieb, in der vom Chef kommunizierten
Anerkennung ihrer Arbeit, geniessen durften.

Die Psychologisierung der Arbeit stellt den Motor der
Psychologisierung einer Gesellschaft dar, die im Begriff ist,
den Unterschied zwischen Kapital und Kapitalismus als einer
historischen Tatsache, die sie nichts mehr angeht, endgueltig zu
ueberwinden. Hier werden die Anforderungen der Produktion ans
Subjekt als die Frage an den Arbeiter gestellt, ob denn dieser
ihnen aufgrund seiner Veranlagung, seines Temperaments und
seiner psychischen Konstitution, die schliesslich seine
Privatsache darstellten, ueberhaupt gewachsen sei. Das zunehmende
Verlangen nach Therapie fuer gesunde und normale
Durchschnittsbuerger erscheint so als das Resultat einer
gelingenden Ausweitung der Betriebspsychologie auf das in seiner
Freizeit fuer die Arbeit sich reproduzierende Subjekt. Die
Therapien ‚humanistischer Psychologie‘ nach Erich Fromm, Karen
Horney, Carl Rogers u.v.a. sind nur zu verstehen als die auch
ausserbetriebliche Anwendung der Betriebswirtschaftslehre und
speziell der Arbeitspsychologie. Niklas Luhmann:

„Die zahlreichen Methoden des verstaendnisvollen,
‚psychiatrischen Fuehrungsstils haben zu einem breiten Zugriff
auf die Motivationslage des arbeitenden Menschen gefuehrt. In
ihnen hat sich eine vielseitige Motivationstechnik entfaltet.“42

Es ist dieser psychiatrische Fuehrungsstil, den sich die Menschen
in den Encountergruppen freiwillig antun. Der Gegensatz von
oeffentlichem und privatem Leben schiesst zur negativen Einheit
zusammen, und es ist kaum noch zu unterscheiden „zwischen der
erzwungenen Freundlichkeit bei der Arbeit und dem spontanen
Ausdruck echter Freundlichkeit ausserhalb der Dienstzeit“.43
Emotionale Waerme und spontane Herzlichkeit, die unter den
Zwischenmenschen laengst zum Alltag geworden sind, beschreiben so
die physiognomisch gelungene Mimikry der Individuen ans Kapital.

Auf der geglaubten Luege, auf den Menschen kaeme es im Stande
seiner Ueberfluessigkeit erst recht an, baut ihre Bewahrheitung
auf; Rationalisierung und Automatisierung der Produktion setzen
den Menschen als notwendiges Uebel voraus, zu dem in der
Zwischenzeit sich human verhalten werden muss, soll das Kalkuel
aufgehen. Die Gruppendynamik wiederholt auf betrieblicher Ebene,
was auf gesellschaftlicher durch die Gewerkschaften bereits
gelang: Die Nutzung des kapitalistisch produzierten Elends als
Triebkraft einer falschen Vergesellschaftung, einer „Ablenkung“,
die im Betrieb ‚en detail‘ nur wiederholt wird. Als
gesellschaftliches Organisationsideal tritt die ‚Philosophie der
Zwischenmenschlichkeit‘ folgerichtig als „Philosophie der
sozialdemokratischen Arbeiterbewegung“ auf. Ihr ging es stets
nicht um die Abschaffung der Lohnarbeit, sondern um ihre
‚Anerkennung‘ durch die Honoratioren und Direktoren.

„Die Vorstellung, die Gesellschaft liesse sich mit
psychotherapeutischen Mitteln veraendern, ist klar reformistisch
und entspricht auf psychologischem Gebiet der politischen Praxis
der heutigen Sozialdemokratie“44,

bemerkt Emilio Modena ueber Horst-Eberhard Richters Buch „Die
Gruppe. Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu
befreien“. Er uebersieht dabei nur zweierlei: Dass zum einen die
Zuordnung der Psychotherapie zum Reformismus nichts gegen ihre
Wirksamkeit beweist und dass, zum zweiten, diese Praxis
keineswegs erst der heutigen Sozialdemokratie auf den Leib
geschneidert ist. Politisch drueckt sich das psychotherapeutische
Ordnungsideal in jenen Theorien eines pazifizierten „Weissen
Kapitalismus“ (heute heissen sie die „Theorie der
Industriegeseltschaft“) aus, die die Sozialdemokratie bereits am
Ausgang des Ersten Weltkrieges uebernahm – aus lauter Ehrfurcht
vor den hohen Loehnen, die Ford zahlen musste, um seine Arbeiter
zu halten. Kurt Lewin war damals einer der Theoretiker dieser
friedlichen Loesung des sozialen Konflikts, die er am Ende des
Zweiten Weltkrieges als Psycho-Trainer an amerikanischen
Managerschulen praktizieren half. Seine Biographie stellt
sachlogischen Zusammenhang von Taylorsimus, Sozialreformismus,
Psychotherapie und modernem therapeutischen Okkultismus
exemplarisch vor: 1962 war er bei der Gruendung der
Okkultzentrale von Esalen/Kalifornien mit der ‚crème de la
crème‘ der Psychowarenhersteller anwesend.45 In einer
arbeitswissenschaftlichen Schrift von 1920 ueber die „Sozialisier-
ung des Taylorsystems“ empfahl er die „Psychologisierung der
Arbeitsmethoden“ im Interesse eines Ausgleichs der Interessen
von Produktion und Konsumtion46 und schloss sich den Auffassungen
Taylors an, die Interessen von Kapital und Arbeit seien an sich
identisch. Denn wenn es nur gelaenge, mit arbeitspsychologischen
Mitteln (bei der Berufswahl oder der Eignungspruefung etwa) die
„Entwicklung eines jeden einzelnen zur hoechsten Stufe der
Verwertung seiner Faehigkeiten“47 zu beschleunigen, dann waere
allen gedient: dem Kapital, das den Arbeiter besser verwerten
koennte, und dem Arbeiter, weil er vom Gewinn eine Kleinigkeit
abhaben darf.

Die Anwendung psychotechnischer Methoden, die von der
Sozialdemokratie politisch repraesentiert wird, draengt nach der
Umarbeitung der Gesellschaft in ein grosses
verhaltenswissenschaftliches Psycho-Laboratorium, in dem sodann
und folgenlos noch „mehr Menschlichkeit“ geuebt werden darf.
Historisch scheint die sozialdemokratische Verkennung der
Funktion moderner Arbeitswissenschaft leicht erklaerlich: Von den
drei Gruenden, die in den USA nach 1940 und ausgeloest durch die
Politik des ‚New Deal‘ zur Psychologisierung der Oekonomie
fuehrten, war nach 1918 in Deutschland nur einer sichtbar: der
Versuch, den Arbeitern die gerade gewonnene Position als gleiche
Staatsbuerger durch die kompensatorische Anwendung
psychologischer Techniken zu unterlaufen. Dem konnte die
sozialdemokratische Kapitalismustheorie, der gemaess noch ein
Spekulant grossen Formats wie Hugo Stinnes (wenn auch, natuerlich,
‚unbewusst‘) an der Konzentration des Kapitals und damit an der
Vorbereitung der sozialistischen Planwirtschaft arbeitete,
gelassen entgegensehen. Alles wuerde den lachenden Erben
zufallen. Die anderen Gruende haetten die von Kurt Lewin und
vielen anderen behauptete prinzipielle Neutralitaet der
Arbeitspsychologie schon eher in Frage gestellt. Das
amerikanische „Human Relation Movement“ begann mit den Studien
Elton Mayos ueber die Arbeiter der Haxthorne-Werke und ging
sogleich auf Managementschulung und Werbepsychologie ueber. Die
Konzerne waren derart gewachsen, dass die notwendige Kontrolle
als buerokratische unmoeglich wurde; die Kunst der Delegation, der
Schaffung von Verantwortlichkeit und Produktenthusiasmus in den
unteren Verwaltungsstaeben wurde zur Notwendigkeit. Zugleich warf
das ‚Marketing‘ neue Probleme auf, die durch den Griff der
„geheimen Verfuehrer nach dem Unbewussten in Jedermann“ (Vance
Packard) loesbar schienen: die Formung des kaufkraeftigen
Beduerfnisses nach den Beduerfnissen der Produktion.48

Aber das sozialdemokratische Interesse an einer psychologischen
Gesellschaft speiste sich ueberdies aus dem Wunsch, dem Wert der
Arbeit zur Anerkennung zu verhelfen, die ‚Wirtschaftdemokratie‘
als politische Form dieser Anerkennung und als Radikalisierung
der Staatsbuergerlichkeit hinunter in die Oekonomie
durchzusetzen.49 Die Verbesserung des Arbeiters zum Staatsbuerger
sollte seine Befreiung als Arbeiter einleiten. Die SPD als die
Partei des arbeitenden Volkes wurde zur Volkspartei, die ihre
Aufgabe im politischen System, das praktische Absehen der
Arbeiter von ihrer Klassenlage (d.h., die ‚Transsubstantion‘) zu
organisieren, gewissenhaft ins Werk setzte. Die
Durchstaatlichung aller Lebensbereiche bedeutet die
Sozialisierung auf diesem Marsch: von unten gefordert durch die
dem Kapital innewohnende Tendenz nach Vergesellschaftung, von
oben im Interesse der Arbeiter ermoeglicht durch eine
sozialdemokratische Regierungsmacht.

Damit wird die Subsumtion unters Kapital, der der Arbeiter
betrieblich ausgesetzt ist, im politischen Raum verdoppelt. Die
Politik der Volkspartei arbeitet an der Aufhebung, bzw.
Refunktionalisierung der Formen proletarischer Kollektivitaet fuer
den kapitalistischen Produktionsprozess und es wird deutlich, dass
der isolierte Arbeiter nicht nur der historische Ausgangspunkt
der Partei, sondern auch ihr historisches Resultat ist. „Partei,
Staat, Kapital reproduzieren auf diese Weise fortwaehrend die
Grundlagen ihrer Existenz.“50 Aber als Staatsbuerger kommt der
Arbeiter zu spaet, um den buergerlichen Selbstwiderspruch als
emanzipatorische Chance zu erleben. Sein Weg zur
Gleichberechtigung trifft sich mit dem Rueckzug des Buergertums
vom historischen Versprechen allgemeiner Emanzipation auf halber
Strecke in der negativen Gleichheit aller vor den Zwangsgeboten
des produktiven Apparates. Die Dialektik der Selbsterhaltung
fuehrt den Buerger wie den Arbeiter zur Selbstverwertung.
Verstaatsbuergerlichung der Arbeiterklasse, ihre Verwandlung in
den Stand der zeitweilig mit produktiven Aufgaben betrauten
Staatsbuerger einerseits, kapitalistische Aufhebung des
Buergertums als einer anders als kultursoziologisch definierbaren
Klasse in der Anonymitaet des vom personifizierten Kapital
befreiten Kapitals der Aktiengesellschaften andererseits,
greifen ineinander und entfalten in ihrer Verknuepfung eine
ungeahnte Produktivitaet. Eine soziale Produktivitaet, die zur
Psychokratie als der durchgefuehrten Hegemonie draengt und das
Ideal von Staat und Kapital, eine Politik ohne Politik, mit den
freundlichen Zwangswerkzeugen der Sozialtechnotogie ins Werk
setzt. Die kapitalistische Kulturrevolution erzwingt den
sozialen Autismus als den ihr gemaessen subjektiven Habitus. Dann
wuerde die individualanarchistische Utopie Max Stirners auf
perverse Weise doch noch wahr:

„Nur dann kann der Pauperismus gehoben werden, wenn Ich als Ich
Mich verwerte, wenn ich Mir selber Wert gebe und meinen Preis
selber mache.“51

Mehr als ihr Leben und ihr ‚Ich selbst‘ besaessen die Menschen
dann nicht mehr. Und was im Ueberfluss vorhanden ist, hat nur
Inflationswert und verkauft sich zu Dumpingpreisen.

(Mitte 1984)

1 Jean-Jacques Rousseau; Abhandlung ueber den Ursprung und die
Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, in: ders.;
Schriften zur Kulturkritik. Die zwei Diskurse von 1750 und 1755,
Hamburg 1978, S.265

2  Rousseau; a.a.O., S.261, Vgl. Lucio Colletti; Rousseau:
Kritiker der buergerlichen Gesellschaft, in: ders.; Marxismus und
Dialektik, Frankfurt/ Berlin/Wien 1977, S.78ff.

3 Karl Marx; Kritik des Hegelschen Staatsrechts, in: Marx-Engels-
Werke (MEW), Berlin 1956ff, Bd. 1, S.249

4 Theodor W. Adorno; Zum Verhaeltnis von Soziologie und
Psychologie, in: ders.; Soziologische Schriften 1, Frankfurt
1979, S.55

5 Karl Marx; Grundrisse der Kritik der Politischen Oekonomie
(Rohentwurf), Berlin 1974, S.430. Zum Begriff des reellen
Gemeinwesens vgl. auch Wolfgang Pohrt; Theorie des
Gebrauchswerts, Frankfurt 1976, S.200f.

6 Karl Marx; Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Bd.
1: Der Produktionsprozess des Kapitals, Berlin 1973 (MEW 23),
S.101

7 Marx; Grundrisse, a.a.O., S.155. Andererseits verhuellt das
Tauschverhaeltnis den zugrundeliegenden Produktionsprozess nicht
nur, sondern dient der Reproduktion seiner Voraussetzungen, der
bestaendigen Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln.
Die Rechtsfoermigkeit vermittelt den betruegenden Schein einer
Transaktion, eines Kontrakts zwischen gleichberechtigten und
sich gleich frei gegenueberstehenden Warenbesitzern- auch dann,
wenn es um Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft geht: „Dieses
einleitende Verhaeltnis erscheint selbst als immanentes Moment
der in der kapitalistischen Produktion produzierten Herrschaft
der gegenstaendlichen Arbeit ueber die lebendige“ (Karl Marx;
Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt
1974, S.88).

8 Marx; Grundrisse, a.a.O., S.155

9 Ebd.

10 Georg Jellinek; Allgemeine Staatslehre. Dritte Auflage unter
Verwertung des handschriftlichen Nachlasses durchgesehen und
ergaenzt von Walter Jellinek, Berlin 1914, S.406ff .

11 Vgl. Burkhard Tuschling; Rechtsforrn und
Produktionsverhaeltnisse. Zur materialistischen Theorie des
Rechtsstaates, Frankfurt 1976

12 Karl Marx; Zur Judenfrage, in: MEW 1, S.370

13 Ebd.

14 Karl Marx; Die Klassenkaempfe in Frankreich 1848 bis 1850, in:
MEW 7, S.43

15 Vgl. Christine Buci-Glucksmann; Gramsci und der Staat, Koeln
1981

16 Daniel Bell; Die Zukunft der westlichen Welt. Kultur und
Technologie im Widerstreit, Frankfurt 1979, S.181

17 Karl Marx; Oekonomisch-philosophische Manuskripte, in: MEW-
Ergaenzungsband 1, Berlin 1973, S.534f.

18 Immanuel Kant; Werke. Hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Darmstadt
1970, Bd. 9, S.224

19 Marx; Kritik des Hegelschen Staatsrechts, a.a.O., S.249 und
248

20 Vgl. Klaus-Dieter Oetzel; Wertabstraktion und Erfahrung,
Frankfurt/New York 1976, v.a.S.158ff. und Stefan Breuer; Die
Krise der Revolutionstheorie. Negative Vergesellschaftung und
Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse, v.a. S. 146ff.

21 Marx; Das Kapital, a.a.O., S.105ff. Der Fetischcharakter des
Geldes beweist seine Macht z.B. dadurch, dass die Leute in den
Wald gehen und sagen, hier wachse Geld.

22 Marx; Kritik des Hegelschen Staatsrechts, a.a.O., S.281

23 Vgl. Rainer Rilling; Das vergessene Buergertum, in: Das
Argument Nr. 131 (24. Jg. 1982), S34ff.

24 Zitiert nach Francoise Castel; vgl. Robert Castel/Anne
Lowell; Psychiatrisierung des Alltags. Produktion und
Vermarktung von Psychowaren in den USA, Frankfurt 1982, S.293

25 Zitiert nach Richard Sennett; Die Tyrannei der Intimitaet.
Verfall und Ende des Oeffentlichen Lebens, Frankfurt 1983, S.337

26 E.P. Thompson; The Making of The English Working Class,
Harmondsworth 1979, S.365

27 Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital, Frankfurt 1973, S.480.
Vgl. Manfred Faessler; Der Weg zum ‚roten‘ Obrigkeitsstaat? Die
deutsche Sozialdemokratie zwischen Feudalismus und buergerlicher
Gegenrevolution, Giessen 1977, S.188ff. und Antonio Gramsci;
Philosophie der Praxis, Frankfurt 1967, S.17ff.

28 Marx; Das Kapital, Bd. 1, a.a.O., S.741ff. und Alfred Sohn-
Rethel; Oekonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus,
Frankfurt 1973

29 Vgl. Wolfgang Mueller/Christel Neusuess; Die
Sozialstaatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und
Kapital, in. Probleme des Klassenkampfs, Sonderheft 1, Juni
1971, S.7-10

30 Vgl. Ernst Benz; Das Recht auf Faulheit oder die friedliche
Beendigung des Klassenkampfes. Lafargue-Studien, Stuttgart 1974
und E. P. Tbompson; Zeit. Arbeitsdisziplin und
Industriekapitaksmus, in: Ders.; Plebejische Kultur und
moralische Oekonomie, Frankfurt/Berlin/Wien 1980, S.34-65

31 Vgl. A. Brandenburg/J. Materna; Zum Aufbruch in die
Fabrikgesellschaft: Arbeitersiedlungen, in: Archiv fuer die
Geschichte der Arbeit und des Widerstands, H. 1/1980, S.35-50

32 Henry Ford, zitiert nach Jakob Walcher; Ford oder Marx. Die
praktische Loesung der sozialen Frage. Berlin 1925, S.46

33 Henry Braverman; Die Arbeit im Produktionsprozess, Frankfurt/
New York 1977, S.141

34 Frederick Winslow Taylor, Die Grundsaetze der
wissenschaftlichen Betriebsfuehrung (1919), Muenchen 1983, S.128

35 Vgl. J.A.C. Brown; Psychologie der industriellen Leistung,
Reinbek 1956, Ralf Dahrendorf; Industrie- und
Betriebssoziologie, Berlin 1956, S.67f., E. Loessl; Die
betriebliche Personalorganisation und ihre psychologischen
Probleme, in: Handbuch der Psychologie, Bd. 9:
Betriebspsychologie, Goettingen 1970, S.441-493 und H. Stirn, Die
Arbeitsgruppe, in: Ebd., S.494- 520

36 Kurt Lewin; Die Loesung sozialer Konflikte, Ausgewaehlte
Abhandlungen ueber Gruppendynamik, Bad Nauheim 1953, S.200f.

37 G.Th. Fechner; Elemente der Psychophysik 1. Leipzig 1960,
zitiert nach Arnold Schmieder, Wege der Sozialtechnologie.
Skizzen zu einer Kritik, in: Psychologie und
Gesellschaftskritik, 8. Jg. 1984, H. 3, S. 111

38 F. Roethlisberger; Die Hawthorrie-Experirnente, in: F.
Fuerstenberger (Hg.); Industriesoziologie 1, Neuwied und Berlin
1966, S. 111, zitiert nach A. Schmieder, a.a.O., S. 117. Vgl.
auch Christa Perabo; Humanisierung der Arbeit. Ein Fall
sozialdemokratischer Reformpolitik, Giessen 1979

39 Frauke Teegen; Gespraechspsychotherapeutische Elemente in
quasitherapeutischen Interaktionssituationen, in: Gesellschaft
fuer wissenschaftliche Gespraechspsychotherapie (Hg.): Die
klientenzentrierte Gespraechspsychotherapie, Muenchen 1975,
S.212ff.

40 ebd.

41 Niklas Luhmann; Funktionen und Folgen formaler Organisation,
Berlin 1964, S.51f.

42 Niklas Luhmann; Systembegriff und Zweckrationalitaet,
Frankfurt 1977, S. 131ff.

43 David Riesman; Die einsame Masse. Eine Untersuchung der
Wandlungen des amerikanischen Charakters, Reinbek 1968, S.279

44 Emilio Modena; Marxismus, Freudismus, Psychoanalyse, in:
Psychoanalyse, 1. Jg. 1980, H.3, S.226

45 Robert Castel; Psychiatrisierung des Alltags. Produktion und
Vermarktung von Psychowaren in den USA, Frankfurt 1982, S.303

46 Kurt Lewin; Die Sozialisierung des Tavlorsystems. Eine
grundsaetzliche Untersuchung zur Arbeits- und Berufspsychologie,
(Praktischer Sozialismus Bd. 4, hrsg. von Karl Korsch), Berlin-
Fichtenau 1920

47 F.W. Taylor; a.a.O., S.7. Zum „Weissen Kapitalismus“ vgl. auch
Peter Hinrichs; Um die Seele des Arbeiters. Industrie- und
Betriebssoziologie in Deutschland, Koeln 1981, S.188ff. und
Angelika Ebbinghaus; Arbeiter und Arbeitswissenschaft. Zur
Entstehung der wissenschaftlichen Betriebsfuehrung, Opladen 1984

48 Vgl. im einzelnen Ted Bartell; The Human Relations Ideology:
An Analysis of the Social Origins of a Belief System, in: Human
Relations, Bd. 29/ 1976, S.737-749

49 Vgl. Manfred Fassler; a.a.0.

50 Emilio Modugno; Arbeiterautonomie und Partei. Das Proletariat
zwischen Staat und buergerlicher Gesellschaft, in: C. Pozzoli
(Hg.), Jahrbuch Arbeiterbewegung 3: Die Linke in der
Sozialdemokratie, Frankfurt 1975, S. 308. Vgl. Johannes Agnoli;
Wahlkampf und sozialer Konflikt, in: Ders.; Die Transformation
der Demokratie und andere Schriften zur Kritik der Politik, ça-
ira-Verl., Freiburg 1990, S.107ff.

51 Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum. Hrsg. von Ahlrich
Meyer, Stuttgart 1972, S.282

 https://groups.google.com/forum/#!topic/de.soc.politik.texte/60-GgtR0cZY

 

Die Diktatur der Angepassten

Die Diktatur der Angepassten?

Wie subversiv ist Popkultur, wie erwachsen ist die Pop-Industrie?

Roger Behrens

 

Die Diktatur der Angepassten ist ein Slogan, aus dem die mittlerweile aufgelöste Ham­burger Band »Blumfeld« einen ihrer letzten

guten Songs machte (auf: »Testament der Angst«, 2001). Der Befund einer »Diktatur der Angepass­ten« korrespondiert mit dem, was Autoren wie Ador­no, Horkheimer, Löwenthal, Marcuse oder Benja­min u.a. als »Kulturindustrie« fassten, nämlich eine Gesellschaft, die vollständig unter dem Gesetz des Kapitals steht und an einer alles umfassenden Ver­wertungslogik ausgerichtet ist. Alle Kultur wird zur Ware. Und jede Ware ist zugleich Reklame für die Welt, wie sie ist. Das ist das Credo der Kulturindus­trie.

Der Begriff der Kulturindustrie ist zwar in der kritischen Theorie explizit nicht programmatisch festgelegt, sondern analytisch offen; gleichwohl ist er eben weder beliebig, noch assoziativ zu verwen­den.

Das heißt erstens: Der Begriff Kulturindustrie bezeichnet nicht den spezifischen industriewirt­schaftlichen oder kommerziellen Sektor der Kul­turwarenproduktion, sondern eine gesellschaft­liche Struktur. Es handelt sich bei der Kulturin­dustrie nicht um eine Anballung von Fabriken, die »Kultur« herstellen.

Und zweitens: Kritik der Kulturindustrie be­schränkt sich keineswegs auf die Kritik einer Kommerzialisierung und zielt mitnichten auf die Verteidigung einer besseren Kultur. Sie umfasst vielmehr — als kritische Theorie — die Erkenntnis, dass die gesellschaftliche Struktur eine für jede Produktion und Praxis unumgäng­liche Bedingungen ist, sei es künstlerische, sei es »subversive« kulturelle. Das impliziert, dass es indes keine »ursprüngliche« oder »authenti­sche« Kultur gibt.

Die kritische Theorie der Kulturindustrie, wie Adorno und Horkheimer sie prominent in ihrer »Di­alektik der Aufklärung« von 1944 / 1947 formulier­ten, zielt nicht auf Kultur an sich: Es ging ihnen nicht um Kulturkritik, nicht um Kulturpessimismus oder gar einen kulturkonservativen Elitarismus des Bil­dungsbürgers, wie es gelegentlich angesichts einer nur als Affront verstandenen Jazzkritik Adornos unterstellt wird. Vielmehr drehte sie sich um die Subjekte innerhalb einer derart organisierten Gesell­schaft der Kulturindustrie, im Sinne einer Kritik der verwalteten Welt.

Insofern geht es deshalb ferner um die wirklichen Potentiale, diesen so genannten »universellen Ver­blendungszusammenhang« zu durchbrechen, also um die Bedingungen der Emanzipation der Men­schen, schließlich um die Bedingungen der Mög­lichkeit von Glück.

Genau damit zeigt sich allerdings die prekäre Dialektik der Kulturindustrie: Denn diese Gesell­schaft verspricht genau dies — Glück; das heißt ein »gutes Leben«, und zwar nach Maßgabe des Kon­sums, aus dem das glücklich-erfüllte Leben der Indi­viduen hervorgehen soll. Mit anderen Worten: Glück ist mit den Waren identisch. Adorno und Horkhei­mer sprechen diesbezüglich von Pseudoindividuali­tät und entdecken den dazugehörigen Gesellschafts­Charakter (ein Konzept, das zunächst Erich Fromm entwickelte) in einer autoritären oder konformisti­schen Persönlichkeit.

Der Befund der kritischen Theorie, dass die kapitalistische Gesellschaft als Kulturindustrie or­ganisiert ist, kann auch für die Popkultur seit den fünfziger Jahren übernommen werden, jedoch mit einer entscheidenden Wendung: Popkultur ist ten­denziell und seit den siebziger Jahren auch faktisch keine Massenkultur mehr,1 sondern eine Individu­alkultur, die sich wesentlich aus der Bewusstseins­lage und dem Gesellschafts-Charakter der Ange­stellten speist, die Siegfried Kracauer eindrucks­voll schon Ende der zwanziger Jahre beschrieben hat. Insofern lässt sich sagen: Die Angestellten, die sich im Fordismus als Klasse etablieren, verallge­meinern im so genannten Postfordismus ihre Le­bensweise als Popkultur.

Das Prinzip der Reklame wird in der Popkultur dann umgekehrt: Aus »Alle Kultur wird zur Ware« folgt »Alle Ware wird Kultur«; der Tauschwert selbst erfährt seine alltägliche, wenngleich magische und mythische Überhöhung.

Darin hat Pop seinen Ursprung. Im selben Jahr, in dem offiziell die »Dialektik der Aufklärung« mit dem berühmt-berüchtigten Abschnitt über Kulturindustrie erscheint, gestaltet der britische Künstler Eduardo Paolozzi im Rahmen seiner »Bunk!«-Col­lagen einen Papierbogen, auf dem erstmals das Wort »Pop« im Kunstkontext zu sehen ist: Eine im Comic-Stil gehaltene Pistole, mit Rauchwolke, in der das lautmalerische Wort »Pop« zu lesen ist, geklebt über das Cover eines Magazins, das — neben einem Pin-up-Girl — verschiedene Schlagzeilen trägt; eine davon ist dann auch Titel dieser Collage: »I was a rich man‘ s plaything« — und das ist gleichsam die Direktive der Popkultur. (Wobei anzumerken ist, dass »Pop« hier nicht als Abkürzung für »populär« gemeint ist, sondern als Platzen, Knallen, Ploppen etc.)

Im Zuge der Ausweitung des Pop — nämlich von der Pop-Art über die Popmusik, die dann durch Jugendkulturen mit dem, was man gemeinhin Pop­kultur nennt, synonym wurde — etablierte sich die Subversionsmetapher als schillernde, pseudo­politische Formalisie­rung: Was immer auch als Subversion bezeichnet wurde, verselbstständigte sich als Spektakel, wurde zum bloß formalisierten Tabubruch, zum vermeintlichen Skandal, der sich werbewirksam in die allgemeine Struktur einer auch damit sich immer weiter ausdehnenden Popkultur zurückübersetzen ließ. Nur dort, wo bestimmte kul­turelle Bewegungen von dezidiert emanzipatorischen sozialen Bewegungen unterstützt wurden oder Aus­druck von diesen Bewegungen waren, konnte Pop auf eine verändernde Praxis verweisen, die sich gelegentlich mit Subversionsstrategien des Pop —durchaus produktiv — überlagerte.

Pop mag hier und da, dann und wann zwar Verän­derungen der herrschenden Lebensumstände ver­sprochen haben und immer noch versprechen — ver­ändert, garrevolutioniert hat der Pop an sich allerdings in seinen fünf Jahrzehnten nichts. Im Gegenteil: Subversion wurde zum spezifischen Glücksverspre­chen der Popkultur, zur ästhetischen Ideologie — ein folgenloser, bloßer Schein. Als solcher Schein kann sich allerdings das Subversionspostulat, gerade in der Gestalt eines fortwährend erneuerten Glücksver­sprechens, zum Mythos verselbstständigen. Ein an­schauliches Beispiel dafür ist das unter dem Namen Woodstock bekannt gewordene Festival von 1969, das zum Mythos einer popkulturellen Idealgesell­schaft mystifiziert wurde, zweifellos ein großartiges Ereignis welthistorischen wie utopistischen Ausma­ßes darstellt, aber tatsächlich vor allem ein amüsant chaotisches Privatunternehmen war.

Wenn Pop als Ideologie in die gesellschaftliche Struktur eingegangen ist — »Alles ist Pop« —, dann kann nicht von der Popindustrie als ein besonderer Bereich innerhalb von Kultur und Gesellschaft ge­sprochen werden — es sei denn, man erörtert betriebs­wirtschaftliche Probleme einzelner Firmen in be­stimmten Branchen.

Sofern die Popkultur jedoch historisch die Erwei­terung beziehungsweise Transformation der als Kul­turindustrie beschriebenen Gesellschaftsstruktur und ihren Ausdruckszusammenhang darstellt, wäre —eben im Sinne eines soziales Verhältnisses — von einer Popkulturindustrie zu sprechen.‘

Pop verschwindet nicht, er wird nur belanglos Für den Pop bedeutet das Erwachsensein gähnende Langeweile, Verlust jeder pop-spezifischen Dyna­mik, letztendlich Tod. Angesichts der gegenwärti­gen Situation kann man sagen, dass der Pop mehr als erwachsen geworden ist: Er ist vergreist, dement, veraltet, obsolet gewor­den (zu erinnern ist an Adornos Befund vom Altern der Neuen Musik, 1955 formuliert — also im selben Jahr, in dem Soul und Rock ’n‘ Roll geboren werden). Entwachsen ist der Pop, nämlich im geriatrischen Prozess infantil geworden; Pop wiederholt seine Kinderzeit, will die wildesten Jahre zurück, die unwiederbringlich ver­loren sind.

Zu sehen und zu hören ist das vor allem am naiven Verhältnis des Pop zur Gesellschaft, am naiven Ver­hältnis zu Ökonomie und Politik, am naiven Verhält­nis schließlich zur Religion. Das Weltbild, das der Pop anbietet und nachdem er sich selbst die Welt zurechtlegt, ist regressiv. Eine Regression, die in großen Teilen nicht anders als menschenverachtend bezeichnet werden kann — und zwar gerade da, wo man sich krude Menschlichkeit auf die Fahne ge­schrieben hat: Da sind beispielsweise die Casting­und Talk-Shows, die ihre Kandidaten vorführen, erniedrigen und vor allem sich selbst erniedrigen lassen, und die sie, nachdem ihre emotionalen Rest­reaktionen (Freude, Wut, Traurigkeit) psychisch völlig entkernt sind, in die auf Hartz-IV-Niveau herabgesunkene Leistungsgesellschaft einpassen. Jeder ist seines Glückes Schmied, und zwar auch wenn dem Schmied Langzeitarbeitslosigkeit und sozialer Anstieg bevorstehen, und man ohnehin nicht Schmied werden wollte.

Regression in der Überalterung der Popgesell­schaft zeigt sich insbesondere in den als Meinungen und wissenschaftliche Erkenntnisse gleichermaßen getarnten Ideologien, mit denen im Web-2.0-Zeital­ter, in dem, wo alle etwas sagen können und viele glauben, dass sie etwas sagen müssen, die Welt pseudotheoretisch bestätigt wird und darüber hinaus überhaupt erst erschaffen wird; beispielsweise ist an die Wiederkehr des Biologismus und seine blinde, populistische Akzeptanz zu erinnern, aber auch an Figurationen des Rassismus, Antisemitismus, Se­xismus. Nicht zu übersehen ist, dass die größten Comedy-Erfolge, gerade in Deutschland, auf elen­den »Frauen-sind-so/Männer-sind-so«-Kalauern, auf Schwulenwitzen und nationalistischen Stereotypi­sierungen basieren.

Zu beobachten ist die Regression auch im Ver­hältnis des Pop zur Religion. Nur noch Restspuren des alten, ursprünglich ketzerischen und mitunter befreiungstheologischen Kinderglaubens, wie er vor allem in den Fünfzigern bis Siebzigern im Soul oder Rock ’n‘ Roll zu finden war, sind vorhanden. Dage­gen ist die derzeitige Wiederkehr des Religiösen auch und gerade im Pop Rückfall in den Mythos und Fundamentalismus, eine Abkehr vom Mate­rialismus, der merkwür­dig mit einem neuen Bio­logismus und einer neu­ro-technologischen Rati­onalität einhergeht.

Erwachsen war der Pop hingegen, wo er über sich selbst aufgeklärt fähig war, Utopien zu entwerfen, wo er seine Kunst politisierte, indem er die Ästheti­sierung der Politik, die ja wesentlich die Struktur der kulturellen Formationen des zurückliegenden Jahr­hunderts ausmacht, als künstlerisch-politisches Mit­tel entdeckte: In der Mode, in der Musik, im Film, in der Alltagspraxis — also immer dann, wenn von einer Neuen Welle, von New Wave und Nouvelle Vague etc. bewusst die Rede war.

Die Popkultur verschwindet zunehmend in symbolischer Bedeutungslosigkeit

Die Gesellschaft, in der wir leben, eine Gesellschaft des globalen Kapitalismus, ist gleichzeitig integrativ und desintegrativ. Sofern diese Gesellschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ihre wesentlichen Konturen gewann, hatte Pop daran, als

Ideologie, seinen wesentlichen Anteil; Pop machte es möglich, sich in der von Widersprüchen zerrisse­nen, also fragmentierten Gesellschaft trotzdem im Sinne einer Totalität der Lebensverhältnisse zu iden­tifizieren.

Diese Kraft der Integration hat Pop verloren, gerade weil die dem Pop ehemals inhärenten verstö­renden, irritierenden und zugleich reflexiven Mo­mente verallgemeinert und liquidiert wurden. Ein »Alles ist Pop« markiert zugleich das Ende des Pop.

Das Ende des Pop ist aber allemal kein Aufhören; Pop wird nicht leiser oder bescheidener, sondern eher gröber, lauter, brachialer — und auch dümmer. Pop verschwindet nicht, er wird nur belanglos. Und das gerade in der kaleidoskopartigen Vielfalt, mit der sich der gegenwärti­ge Pop präsentiert. Allerdings ist diese Viel­falt kein Wert an sich, reines Epiphänomen, das heißt weder eine formale noch inhaltliche Qualität. Man könnte sagen: die Quantität hat ihre dialek­tische Umschlagskraft in Qualität verloren; ob es sich bei der beschworenen Vielfalt um zum Beispiel ein Potpourri von Nazirockbands, Schlagertechno und Volksmusik handelt oder um kluge Experimen­talversuche, ist für das Image der Vielfalt völlig unerheblich. Das färbt auf die akademische Auf­merksamkeit, die dem Pop seit einiger Zeit durch so genannte Medien- und Kulturwissenschaften zuteil wird, ab: Den diversen Forschungen zu unterschied­lichen Pop-Phänomenen fehlt zumeist das kritische Erkenntnisinteresse ebenso wie die kritische Dis­tanz zum Gegenstand.

Aus der semiotischen Katastrophe, für die eine radikale Pophaltung einmal einstand und die sie selbstbewusst und kritisch provozierte, folgt eine Banalisierung, mit der gegenwärtig die Popkultur zunehmend in der symbolischen Bedeutungslosig­keit verschwindet.

 

____________________________________________________________________________________________________ THEMA: POPMUSIK & KULTURPOLITIK

 

»Alles ist Pop« mündet im Ende des Pop. Die Popkultur entwickelte sich aus der Pop-Art; dass Popkultur mit Pop­musik und vice versa synonym ist, galt über Jahrzehnte als ob­ligatorisch. Das Ende der Idee des Pop kündigt sich aber an, wo die popkulturelle Identität der Individuen nicht mehr über Musik funktioniert, jedenfalls nicht mehr über den musikali­schen Kontext, wie er etwa für jugendliche Subkulturen der fünfziger bis späten achtziger Jahre verbindlich war: gerade die Haltung eines spezifischen »Pop I«, wozu etwa auch der Subversionsanspruch gehörte, hat sich zu einem ubiquitären »Pop II« verallgemeinert

 

(Diedrich Diederichsen).

Allein deshalb kann sich kritische Forschung al­lein auf die Phänomene nicht verlassen. Dass Kultur keine Invariante ist, gilt auch für die Popkultur. Mehr als vorhergehende kulturelle Formationen ist der Pop gerade in seiner historischen Dynamik als soziales Verhältnis zu bestimmen, im Kontext des gesellschaftlichen Ganzen, nicht an und für sich oder aus sich heraus zu fassen. Pop ist kultureller Aus­druckszusammenhang.

Der Pop endet in seiner Belanglosigkeit. Thesen Das Ende des Pop ist von seinem Ursprung her zu denken. Nur so ist eine historische Kritik der sich selbst historisierenden Popphänomene überhaupt möglich: Es gilt, sie als materiellen Lebensprozess zu fassen, nicht einfach nur als das ideelle oder eben ideologische Substrat.

Die (unbegriffene) Allgemeinheit des Pop ist am (ebenfalls unbegriffenen besonderen) Phänomen dabei nicht zu fassen. Pop war nie Teil der Gesell­schaft, sondern als Kultur (Popkultur) immer schon auf eine Absorbierung der gesellschaftlichen Totali­tät ausgerichtet; Pop war nie: Freizeit, Feierabend, Kulturprogramm und Programmkultur, Musik, Ra­diomusik, Spartenmusik.

Pop entsprach einer Kultur als »whole way of life«, als Lebensweise. Als Kultur fungierte Pop als Ausdruckszusammenhang: Ausdruckszusammen­hang nämlich einer Politischen Ökonomie, konkrete oder pseudokonkrete Manifestation des Kapitalis­mus.

Pop war immer, in all seinen Erscheinungsfor­men, die Verlängerung der Kulturindustrie (wobei die Kulturindustrie nicht bloß jene Bereiche der Wirtschaft bezeichnet, die »Kultur« produzieren;

Kulturindustrie ist die Gesellschaft in ihrer Gesamt­heit als Produktionsverhältnis).

Die soziale Funktion des Pop war wesentlich die des Kitts. Auch die Funktion der als Subkultur erscheinen­den Bereiche der Popkultur zielte auf Integration und Identifikation mit der bestehenden Ordnung.

Das Versprechen der Subversion löst sich im non­konformistischen Charakter der Konformität ein; das ist indes keine »kulturtheoretische« oder gar »medientheoretische« Figur, sondern eine sozial­psychologische.

Pop hat den Kapitalismus nicht verändert, son­dern der Kapitalismus hat seine »Kultur« verändert: Pop war das Resultat dieser Veränderung. Die Pop­kultur ist die Gesellschaft des Spektakels.

Pop annullierte die Differenz zwischen Hoch-und Massenkultur und setzte dagegen eine neue, nur scheinbar horizontale, tatsächlich aber vertikale De­markationslinie: Subkultur und Mainstream-Kultur (oder »ordinary culture«).

Pop überlagert die sozialen Verhältnisse, deren Ausdruck er zugleich ist. Die sozialen Verhältnisse befinden sich in einem Zustand der Krise. Die Krise, die der Struktur des Kapitalismus eingeschrieben ist und deren besonderen Ausbrüche allenthalben und gegenwärtig zu erleben sind, wird durch den Pop kaschiert.

Zu behaupten, der Pop sei in der Krise, heißt, die Realkrise des Systems zu vertuschen oder zumindest nicht ernst zu nehmen.

Zwar finden zahlreiche Krisenmomente auch im Pop ihren Ausdruck, der Pop »an sich« kann aber gar nicht in der Krise sein.

Der Pop endet in seiner Belanglosigkeit. Das Ende selbst wird belanglos.

http://www.kupoge.de/kumi/pdf/kumi128/kumi128_42-45.pdf

Diktatur der Freundlichkeit

N.N.
Diktatur der Freundlichkeit

HerrMann. Die falsche Stimme im Männerchor N° 5 / 1985

„Daß ausgerechnet die Betroffenheit den Leninismus entwaffnet hat, nein, das ist nicht gerecht.“

Gleich vorweg: dieses Buch könnte, nein: sollte für ‚die‘ bewegten Männer so wichtig werden wie seinerzeit die „Männerphantasien“. Eine Gruppe von Autoren/innen nimmt sich der Vielfalt der Selbsterfahrungs-, Encounter- und bodywork — Gruppen an, die im Kleinanzeigenteil der Zeitungen ihr (Un-)Wesen treiben. Sprache, Ideologie und Praxis dieser „gewerbsmäßigen Lebenszuhälter“ hängen mit sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen zusammen, die im Buch untersucht werden. Endlich jemand, der nicht nur Bhagwan — die Spitze des Eisbergs -, sondern auch den. Rest des therapeutischen Okkultismus vom Kopf auf: die Gummifüße stellt.

Zugegeben, die Kritik ist ätzend, geschrieben mit dem teilweise schon hilfslosen Zynis­mus von Kopfarbeitern, die sich gegen den überall verbreiteten Wortschleim (man kann es trotz Theweleit nicht anders nennen) zur Wehr setzen. Auch wenn einem zu Anfang die 793. Exegese der ersten „Kapital“-Kapitel nicht erspart bleibt, die Kritik trifft uns und die sogenannte Männer­bewegung genauso.

Thema ist der psychologische Zustand der linken Szene nach dem zeitigen Hinscheiden der kopfbetonten Siebziger und der mehr pflastersteinbetonten frühen Achtziger. Da kehrt eine Frau aus der so schrecklich autonomen Frauenszene, die Courage-Redakteurin Karin Petersen, heim ins väterliche Bhagwan-Reich. Da lesen wir erschrocken in faschistischen Büchern der 20er Jahre vom „neuen Körpergefühl“, von gesunder Ernährung, vom „authentischen, ganzheitlichen Leben“, vom „Du-selbst-sein-wollen“, alles Begriffe, die in vielen Männergruppen ihren festen Platz haben. Da trainieren US-amerikanische Manager schon seit 20 Jahren „Einfühlungsvermö­gen, Wärme und Echtheit“, frei nach den Prinzipien der behavioristischen Psychologie, die der modisch-geheimnisvollen „radikalen Therapie für Männer“ um Lichtjahre voraus ist. Da kaut die Männerbewegung auf einem total ausgeleierten Rollenbegriff herum, der — wie die Biologie in den 20er Jahren — ein Instrument der bürgerlichen Kulturkritik sein soll und will.

„Suchet euch selbst!“ forderte Max Stirner, der Philosoph der Boheme im letzten Jahr­hundert. Schon damals mußte er sich die beißende Kritik seines Zeitgenossen Karl Marx anhören, der — überraschend aktuell — dazu bemerkte: „Er nimmt die Welt als das, was sie ihm ist, d.h. als das, als was er sie nehmen muß.“ Sektglas (und Sichel) als Vorstufe zur Yuppie-Philosophie? Kör­perarbeit und Hantelstemmen als Ersatz für den verlorenen Arbeitsplatz und Barrikadenbau? Alles Probleme und Fragen, die zu stellen allein in manchen männerbewegten Zirkeln sich den Vorwurf der Kopflastigkeit gefallen lassen müßte.

Die Repression wird stärker. Nur scheint sich zur Zeit in unserer Gesellschaft neu zu ent­scheiden, wen sie in Zukunft am meisten trifft und wie. Jeder kapitalistische Staat lebt allerdings nur unter der Voraussetzung, daß die Ausgebeuteten in irgendeiner Form dem Gewaltmonopol und der kulturellen Hegemonie der herrschenden Klassen zustimmen. Eine der zukünftig möglichen Herrschaftsformen könnte die „Psychokratie“ sein, die freiwillige Selbstverwaltung der Ausbeu­tung durch die Ausgebeuteten nicht als ideologische Utopie, sondern als real-existierende Wirklichkeit. „Die konkrete Utopie kapitalistischer Herrschaft zielt auf den nur mehr gelegentli­chen symbolischen Gebrauch zu pädagogischen Zwecken. Die manifeste Gewalt ersetzt sich durch die Mikrophysik der Macht, die Bündelung von Konsenstechnologie und sanftem Zwang.“ Im Klartext: trainieren die unzähligen Selbsterfahrungsgruppen nur psychische Techniken, die sie die Repression besser ertragen lassen?

Gerade die avantgardistische Subkultur, die immer zuerst neue Lebensformen auspro­biert, ist auf dem besten Weg, den Kapitalismus erst recht auf die Spitze zu treiben. Soziale Zu­sammenhänge gibt es kaum noch. Ziel ist, „die Arbeit als quasi-gesprächstherapeutische Situation zu organisieren.“ Nur die dümmsten Kälber organisieren ihre Ausbeutung selber, sollte man den­ken. Weit gefehlt. Sie spritzen sich sogar die Hormone selbst, daß ihnen das Grinsen bei ihrer eigenen Abschlachtung nicht vergeht. Dabei liegt wieder mal nur schlechte Ökonomie zugrunde. Die „Philosophie der Zwischenmenschlichkeit, die heute in den Encountergruppen als Freizeitspaß konsumiert wird, hat ihre historischen Wurzeln in den Problemen des kapitalistischen Umgangs mit Arbeitskraft.“

Verantwortung, Liebe, Solidarität, gar Ansprüche? Alles Quatsch. Man propagiert: „Ich tu, was ich tu, und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben…Und wenn wir uns zufällig finden — wunderbar.“ Man meint, einen Ausschnitt aus einem alternativen Beziehungsgespräch gehört zu haben. Dabei handelt es sich um das „pseudoreligiöse Credo“ (Glaubensbekenntnis) des Erfinders der Gestalttherapie, F. Perls. Die Arbeitswissenschaft bringt die totale Psychologisierung der Gesellschaft und die aggressive Vermarktung von „Psycho­ware“ am geschicktesten an den modernen Mann. Traditionelle Modelle hierarchischer Betriebs-

 

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führung gelten als überholt, die moderne Psychologie empfiehlt die „Humanisierung der Arbeit“, um die „Psychodynamik der Kleingruppe für die Produktion zu nutzen.“ Im Abschnitt „Psychowa­re — der pornographische Blick ins fungible Subjekt“ zitieren die Autoren die Grundsätze des schö­nen neuen Menschen: Offenheit. Diese Menschen sind offen für die Welt — die innen wie der draußen — Verlangen nach Authentizität. — Sie lehnen Heuchelei, Betrug und Doppelzüngigkeit, die für unsere Gesellschaft so charakteristisch sind, ab. Sie sind offen in Bezug auf ihre sexuellen Beziehungen, statt ein heimlichtuerisches Dasein oder ein Doppelleben zuführen. Der Wunsch nach Nähe. Sie suchen neue Formen der Nähe, der Intimität, des gemeinsamen Ziels. Prozeßbe­wußtsein. Sie sind der Tatsache gewahr, daß die einzige Gewißheit im Leben die Veränderung ist -daß sie sich ständig in einem Prozeß, ständig in Veränderung befinden. Ablehnung der Institu­tionen. Sie haben eine Abneigung gegen überstrukturierte, unflexible, bürokratische Institutionen. Sie glauben, daß eine Institution für die Menschen da sein sollte, nicht umgekehrt.

Preis- und Gewissensfrage: Von wem stammen diese Leitsätze? Aus einem Programm der deutschen Männerbewegung? Von Petra Kelly? Von Bhagwan? Von Orwell? Oder vom re­aktionären Flügel der US-amerikanischen Psychologie?

Am Anfang war die Selbsterfahrung in der Kleingruppe. Die Ursachen des allgemeinen psychischen Elends lassen sich nicht beseitigen, also ignoriert man sie — irgendwas muß man ja tun. Erster Schritt: Gefühlsmäßige Abhängigkeit kann sich niemand mehr leisten. Also: schaffen wir autonome, nur sich selbst verpflichtete Supermänner! Zweiter Schritt: Wer seinen Arbeitsplatz verliert, kann es sich nicht leisten, schlecht drauf zu sein — das nächste Bewerbungsgespräch könn­te schon warten. Fazit: nicht dem Chef eins zum Abschied in die Fresse hauen, sondern rein in eine Psychogruppe! Der verständnisvolle, „psychiatrische“ Führungsstil in der Firma hilft den ver­bleibenden Mitarbeitern, den Verlust ihres Kollegen besser zu ertragen. Dritter Schritt: frustrierte Männer sprengen den ganzen Erdball in die Luft. Alles nicht so schlimm! Wenn erst die gesamte Gesellschaft nach dem Modell Oregon psychologisiert ist, haben wir alle nichts zu furchten.

Interessant ist der Lebenslauf des Management-Trainers K. Lewin, der schon 1920 ein Buch über die „Psychologisierung der Arbeitsmethoden“ schrieb, in dem er die friedliche Lösung sozialer Konflikte pries. 1962 gründete er mit anderen Psychoware-Herstellern eine Okkultzentrale in Kalifornien. Er fordert die“ Entwicklung eines jeden Einzelnen zu höchster Stufe der Verwertung seiner Fähigkeiten. „Jedem nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen? Von wem hat er das abgeschrieben? Von Taylor, dem wissenschaftlichen Theoretiker der Fließbandarbeit? Von Karl Marx? Von einer deutschen „body und ghost“ — Gruppe? Oder wieder vom Messias aus Ore­gon ?

„Die Anwendung psychotechnischer Methoden, die von der Sozialdemokratie politisch repräsentiert wird, drängt nach der Umarbeitung der Gesellschaft in ein großen verhaltenswissen­schaftliches Psycho-Laboratorium, in dem sodann und folgenlos noch „mehr Menschlichkeit“ ge­übt werden darf.“

Bhagwan steht als massenpsychologischer Prototyp für alle gesellschaftlichen Bewe­gungen, deren Wurzeln zwar in einem sozialen Protest zu suchen sind, deren Ziele aber nicht die Stärkung des politischen Widerstands, sondern die Umformung der verelendeten Individuen durch Selbsterniedrigung ist. Selbstunterwerfungsbewegungen haben etwas mit protestantischer Kultur, mit Schuld und Sühne zu tun. Sie spiegeln fast immer gewaltsame historische Ereignisse voraus wie etwa den deutschen Faschismus. Nicht zufällig sind Frauen in diesen Bewegungen über-re­präsentiert, weil sie Eigenschaften wie Demut, Leidensfähigkeit und Abhängigkeit traditionell leichter ertragen und akzeptieren als Männer.

„Die Aggression wird teils nach innen gewendet — die Unterwerfung teils geleugnet und in spiritualistischer Form beim Führer deponiert…hinter der Beziehung Therapeut — Patient steht im Ashram stets der als Schutzschild für alles Gute und Blitzableiter für alles Böse funktionierende Bhagwan. Zu erwarten ist darum bei den entlassenen Schülern/Patienten über kurz oder lang die Wiederkehr der Aggression — in erster Li nie in Form der Selbstzerstörung.“ Wie in einer richtigen Beziehung: man ist nicht wütend auf den, der einen verletzt hat, sondern auf sich selbst, weil man verletzt ist. Fragwürdig sind aber nicht alle Rituale und Praktiken, die ein Gruppenbewußtsein fördern (z.B. homo„erotische“ Mannbarkeitsriten bei der HJ, magische Zirkel und bodywork bei Frauen- und Männerbewegung), sondern die „totalitäre Einbindung solcher psy­chologischer Techniken in ein politisches Programm zum Zwecke der Massenbeherrschung.“ Die Massen beherrschen kann nur jemand, wenn die Massen vorher kräftig geübt haben!

Ein zentraler Abschnitt des Buches heißt „Unter den Zwischenmenschen“. Er handelt von der „Verwandlung der bürgerlichen Gesellschaft zur therapeutischen Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit.“ Die neue Konjunktur des Okkultismus signalisiert leider, „daß es um die Fähig­keit der Menschen, dem Kapitalismus das wohlverdiente Ende zu bereiten, schon wieder ein mal schlechter bestellt ist als um die Bilanzen.“ — „Sein Schicksal sich aus den Lebenslinien lesen zu lassen, das. ist allemal gefühlsintensiver als es in die eigene Hand zunehmen.“ Dem Okkultismus entspricht die Hochkonjunktur des Wörtchens „ich“. Ein Satz ohne „ich“ läßt vermuten, daß es sich dabei um eine Meinung handelt, die der Sprecher nicht völlig authentisch aus dem Bauch ge­lassen hat, sondern die nur ein Produkt unzulässiger intellektueller Arbeit war, was unverzüglich

 

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zu hinterfragen ist. „Nicht was einer tut — etwa Geld verdienen oder mit anderen das Geld abschaf­fen — ist entscheidend, sondern was er dabei empfindet und ob er mit ganzem Herzen dabei ist.“

Der Rezensent hat noch Zitate aus männerbewegten Veröffentlichungen dabei: „Formelles Denken und Fühlen in der Übertreibung widerspricht unserem Ansinnen, widerspricht einer gefühlvollen Politik.“ — „Ich habe es nicht so empfunden, daß meine Inhalte und mein Füh­len ernst genommen wurden.“ — „…hatte ich eine Ideen-Werkstatt eingerichtet, die die neuen In­halte erfühlen sollte.“ So ist es recht: in den modernen workshops wird nicht mehr gearbeitet, son­dern nur noch gefühlt. Und in der neuen verkehrten Welt bekommt man keinen Lohn, sondern muß für die geleistete Gefühlsarbeit auch noch bezahlen. Wenn das Gefühl zum Maßstab der Wichtigkeit wird, existiert die ungerechte Welt für den Fühlenden nur noch in den Ausschnitten, die sein Bauchnabel zuläßt. Das Brett vor dem Kopf nicht als Waffe, sondern als politisches Pro­gramm. Wunsch und Wirklichkeit, Wille und Welt werden unmittelbar identisch. Als klinisches Symptom nennen die Ärzte das „Autismus“, als sozialer Habitus nennen wir es „ganzheitliches Lebend

„Das Wunder ist Authentizität, die dem Einzelnen den inneren Lebensraum kolonisiert, ihn als Trümmerfrau seines Seelenlebens anstellt — eine Arbeit, deren Endlosigkeit den gewünsch­ten Lebenssinn fließbandmäßig hervorbringt.“ Es gibt ja schon Männer, die voller Stolz auf eine 10jährige Männergruppenerfahrung zurückblicken könne, aber in das nächste Kellerloch springen, wenn sie ein Verkehrsbulle mal scharf an blickt.

Der betroffene Mensch kämpft heroisch um seine Selbstfindung. Er ficht nicht gegen die Herrschaft von Menschen über andere, sondern streitet gegen „Anonymität“, gegen das mangelnde Selbstgefühl. Erst nach der Behebung der Orgasmusschwäche ist eine Demo gegen die US-In­terventionspolitik in Nicaragua wieder möglich und erlebbar. Aber zumeist kommt es . nicht dazu. „Das Programm des „Leben — Erleben — Überleben“, das in überschaubaren Kleingruppen einge­drillt wird, drängt danach, die Gesellschaft zu überdimensionierten Gummizellen zu humanisieren, in der man ein jedes Gefühl erleben oder einfach nur zulassen oder akzeptieren oder austoben

kann. CC

Das Buch nähert sich aus verschiedenen Blickwinkeln dieser Tendenz. Jeder kommt auf seine Kosten und jeder kriegt auch sein Fett ab: der Dschungel der weiblichen Gefühle, Bahros Öko-Ashram, die neuesten Tendenzen des Psychowaren-Marktes und die unheimlichen ökolo­gischen Begegnungen der dritten Art.

Initiative Sozialistisches Forum
Diktatur der Freundlichkeit
Freiburg: p ira 1984

 

http://www.ca-ira.net/verlag/rezensionen/pdf/isf-diktatur.freundlichkeit_rez-n.n.pdf

Psychokratie

© Jürgen Niessen / pixelio.de

„Die Welt ist überbevölkert. Nahrung kann nur noch durch eine unizentrale Planwirtschaft produziert und gerecht verteilt werden. Neben synthetischen Nahrungsmitteln werden im Wesentlichen Leichen zu Lebensmitteln verarbeitet. Die Märkte der real existierenden Konsumgüter sind weitestgehend zusammengebrochen. Der materielle Wohlstand ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Häuser, Straßen und die Menschen selbst zerfallen und verwahrlosen.

Psychopharmaka, Maskone und Wissenspillen
© Harry Hautumm / pixelio.de

Daher kommen Maskone zum Einsatz, die in ihrer Wirkung eine Welt suggerieren, die angenehm zu betrachten ist. Zudem werden Psychopharmaka versprüht, die ein größtenteils friedliches Leben erzwingen. Sie ergänzen die „Welt der schönen Dinge“. Maskone sind demnach hochqualitative Halluzinogene. Bis auf eine Pharma- und Futorologen-Elite, wird der gesamten Menschheit eine Basis-Halluzination geschaffen. In ihr werden Strohmatten zu Parkettböden, Schimmel an den Wänden zu Freskenmalereien, rostige Fahrräder zu Luxuskarosserien. Auf dieser Basis-Halluzination werden dem Individuum eine Vielzahl von Psychopharmaka, Maskonen und Wissenspillen angeboten, mit denen es sein Leben nach seinen rest-individuellen Bedürfnissen gestalten kann. Gefühle werden auf Knopfdruck produziert. Luxus wird in jeder Form eingebildet möglich. Spontanität verlagert sich hin zu der Entscheidung, welche Pille nehme ich in diesem Augenblick. Die bevorstehende Emotion ist dabei bereits fest eingeplant und kann kaum verfehlt werden. Sogar die Teilung der Persönlichkeit kann erzwungen werden, damit man einen interessanten Gesprächspartner erhält.

Die Psychokratie ist somit der Tod der Subkulturen. Zwar gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, sein Leben farbenfroh zu individualisieren, sogar Prostest und Wut auf die Sekunde genau zu programmieren, jedoch sind dies nur vorübergehende Zustände, die kaum auf die Interaktion mit dem Mitmenschen abgestimmt werden sollen. Der Protest finden weitestgehend isoliert statt und ist zur Unterhaltung gedacht. Eine Subkultur dagegen lebt von einem Lebensgefühl, welches sich bewusst gegen die „zentralen Normen“ ausrichtet oder zumindest abkapselt. Dabei spielt das Zusammenwirken mit Gleichgesinnten eine zentrale Rolle. Es wird durch bestimmte Musik, Kleidung, Philosophie etc. begleitet, ein Lebensgefühl wird zur Alternative zur herrschenden Mehrheitskultur. Davon kann in einer Psychokratie nicht mehr die Rede sein, schließlich werden bereits zentrale Aspekte des Lebens durch die Basis-Halluzination festgelegt, grundsätzlich wird jede Art des Revoltieren unterbunden und es geht den Menschen fortan nur noch um Stimmungen, die mehr aus dem Bedürfnis nach Unterhaltung als aus festen Positionen heraus künstlich produziert werden. Zudem besteht eine allgemeine Befürwortung der  zentralen Kultur, der Basis-Halluzination. Insgesamt werden pro Erdenbewohner durchschnittlich 190 Kilogramm psychoaktiver Substanzen jährlich aufgenommen.

http://www.menschenpark.de/subkult-feindsysteme/psychokratie/

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