Der Sturzflug der amerikanischen Universitäten


Von Moritz Mücke.

Als Allan Bloom vor 30 Jahren sein aufsehenerregendes, provokantes Buch The Closing of the American Mind veröffentlichte, verglich die New York Times den Effekt des Werks mit Elektroschocktherapie. Das Buch war eine Attacke auf die intellektuellen Trends des akademischen Establishments in den Vereinigten Staaten, welches, so Blooms Anklage, sich durch die falsche Verdauung kontinentaler Philosophie zunehmend in einer geistigen Blase abschottete und einen „Nihilismus amerikanischen Stils“ kultivierte. Bloom war ein Professor für politische Philosophie und ein ernster Platoniker, für den die Exzesse der 60er-Jahre die Saat einer geistigen Verengung enthielten, von der schließlich vor allem die Studenten in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die amerikanische Öffentlichkeit hätte das kulturpessimistische Buch vermutlich links liegen gelassen, wenn es, dem Stereotyp entsprechend, von einem erzkonservativen Mitglied der christlichen Rechten verfasst worden wäre. Aber Bloom war ein säkularer, jüdischer Kosmopolit, der sich der liberalen akademischen Tradition fest verschrieben hatte. Von so jemandem erklärt zu bekommen, dass sich die Geisteswissenschaften auf dem absteigenden Ast befinden, war dann doch zu profund, um es einfach zu ignorieren.

Das allein erklärt allerdings noch nicht, warum sich das Buch schnell zu einem massiven Bestseller entwickelte, obwohl es mit obskuren Bemerkungen zu Nietzsche, Heidegger, und Max Weber gespickt war. Nein, Bloom wurde zu einer Art Thilo Sarrazin der amerikanischen Bildungspolitik, weil sich seine Leser gerade aus jenen Mittelschichtlern rekrutierten, deren Kinder an Universitäten eingeschrieben waren. Diese Eltern hatten längst geahnt, dass irgendwas faul ist im Geistesleben postmodernen Professoren.

30 Jahre später muss leider festgehalten werden, dass Blooms Pessimismus noch gehörig untertrieben war. Was sich allein in den letzten Monaten in amerikanischen Colleges und Universitäten abgespielt hat, hätte er sich vermutlich nie (alp-)träumen lassen.

So etwa am Evergreen State College im Bundesstaat Washington. Inspiriert von einem Theaterstück gibt es dort die langjährige Tradition eines sogenannten Abwesenheitstags, an dem schwarze Studenten ihren gesellschaftlichen Beitrag dadurch unterstreichen, dass sie für einen bestimmten Tag im Jahr freiwillig nicht auf dem Campus erscheinen. In diesem Jahr allerdings schlug jemand vor, die Aktion sozusagen umzustülpen: Nun sollen weiße Studenten sich vom Campus zurückziehen. Problematisch an dem Vorschlag ist jedoch, dass das Element der Freiwilligkeit auf einmal wegfällt, denn die betroffenen weißen Studenten sollten nicht die Möglichkeit haben, gegen den Willen der Organisatoren auf dem Campus zu erscheinen. Sich gegen die Illiberalität so eines forcierten Abwesenheitstags zu wehren wurde für den Biologie-Professoren Bret Weinstein zu einem professionellen Quasi-Martyrium.

Jerry Seinfeld tritt nicht mehr an Colleges auf

Genau wie der Autor von The Closing of the American Mind ist Weinstein ein säkularer, jüdischer Kosmopolit. Er beschreibt sich selbst als einen „Progressiven“, also einen Vertreter der amerikanischen, politischen Linken. Doch auch das konnte ihn nicht vor dem gigantischen Shitstorm bewahren, den er als Resultat seiner Weigerung, Rassenzwang gutzuheißen, erntete. Als er den vorgeschlagenen Abwesenheitstag in einer Email höflich missbilligte, brach ein regelrechter Skandal los und Weinstein wurde sofort des Rassismus bezichtigt. Dass das Label auf ihn ganz offensichtlich nicht passt, half ihm dabei nicht weiter.

Die Moral von der Geschichte ist, dass es in heutigen amerikanischen Universitäten nicht mehr reicht, vage mit der offiziellen Linie übereinzustimmen. Kritische Stimmen werden immer stärker unterdrückt. Die freie Äußerung der eigenen Meinung ist nicht mehr gewährleistet, erst recht nicht in öffentlich finanzierten Universitäten. Am Berkeley-Campus in Kalifornien kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, als der ehemalige Breitbart-Journalist Milo Yiannopoulos, eingeladen von den College-Republikanern, dort sprechen sollte. Der entstandene Schaden der Randale beläuft sich auf etwa 100.000 Dollar.

Auch im Staate Canada ist etwas faul: Hier wehrt sich der Psychologie-Professor Jordan Peterson gegen die erzwungene Benutzung von staatlich vorgeschriebenen Gender-Pronomen, wodurch er in erhebliche professionelle Schwierigkeiten geraten ist. Und all das passiert zu einer Zeit, in der es zwei humorvollen Professoren gelingt, einen akademischen Jux-Aufsatz, der den „konzeptionellen Penis“ für den Klimawandel verantwortlich macht, in einem Peer-Review-Journal unterzubringen. Kein Wunder, dass amerikanische Komiker wie Jerry Seinfeld längst angekündigt haben, nicht mehr in Colleges aufzutreten.  Zu stickig und „politisch korrekt“ ist die Atmosphäre auf dem postmodernen, amerikanischen Campus.

Überraschend ist diese Entwicklung allerdings nicht. Schließlich hatte Allan Bloom schon vor dreißig Jahren vorgezeichnet, wie intolerant die geistige Kurve ist, auf der sich das linkliberale akademische Establishment befindet. Die alte Obsession mit marxistisch interpretierten Machtverhältnissen mischte sich mit kulturellem Relativismus und moralischem Nihilismus. Das Resultat ist eine sowohl freiheits- als auch leistungsfeindliche Atmosphäre, in der freie Meinungsäußerung geradezu unmöglich ist. Die höchste Tugend ist die Enthaltung des Werteurteils – allerdings nur gegenüber Weltanschauungen, die sich selbst dieser vermeintlichen Tugend verschreiben. Abweichende Meinungen werden von selbsternannten Progressiven, sowohl der Lehrenden als auch der Studierenden, einfach ausgestampft.

Im letzten Satz von The Closing of the American Mind mutmaßte Bloom, dass die USA die führende Rolle in der höheren Bildung spielen und spielen werden: „Die Schwere unserer Aufgabe ist groß, und es ist zweifelhaft, wie die Zukunft die Ausübung unserer Verantwortung beurteilen wird.“ Die Zukunft ist längst da, und es ist klar, dass wir an Bloom versagt haben. Wenn Amerika seine postmodernen Geisteswissenschaften nicht bald in den Griff kriegt, droht der Schaden permanent zu werden. Wir in Deutschland sollten nicht glauben, dass wir von dem kommenden, intellektuellen Niederschlag verschont bleiben.

Moritz Mücke ist ein Ph.D.-Student in Politik an der Graduiertenschule des Hillsdale College in Michigan. 2015 war er ein Publius Fellow am Claremont Institute. Dieser Text erschien zuerst auf der Seite des Deutschen Arbeitgeberverbandes hier.

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