Kategorie-Archiv: Verlogenheit

Helmut Kohl: ein wahrlich großer deutscher Lump. Angeber, Lügner, Betrüger, Kriegstreiber.


Die Rache Gottes

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. Juni 2017

Wenn es denn einen Gott gibt, dann hat der offenkundig ein langes, gründliches und rächendes Gedächtnis. Dieses Erinnerungsvermögen geht den deutschen Medien völlig ab. Zum Tod von Helmut Kohl fällt denen nur süßliches Gequatsche ein: Der Kanzler der Einheit soll er sein, ein großer Europäer sei er gewesen, gar ein Glücksfall für die Deutschen. Annehmend, dass es keinen Gott gibt, wird Kohl eher als ein Unfall notiert werden müssen. Aber in der Rechnung der Geschichte, auf deren Konto Millionen toter Russen, Juden, Völker aller Art stehen, wäre er als Rache an den deutschen Verursachern dieser Opfer durchaus geeignet.

Als in Russland ein Mann an die Spitze der kommunistischen Partei geriet, der den intellektuellen und ökonomischen Verfall der Sowjetunion aufhalten wollte, zeigten sich auch die personellen Mittel der Kommunisten am Ende. Mit Michael Gorbatschow fand sich ein freundlicher Herr ein, der seine Aufgabe als Konkursverwalter im Wesentlichen in der Preisgabe der internationalen Machtpositionen der Sowjetunion begriff. Parallel glaubten die Bewohner der DDR für einen ziemlich kurzen Moment, dass Reisefreiheit der wichtigste Teil der Freiheit sei und Reisen mit einer westlichen Währung kostenfrei wären. Dieser Irrtum befreite viele Menschen in der DDR von Arbeit und kostete sie ihr Volksvermögen. Diese Sorte von Einheit erklärte Helmut Kohl als von ihm persönlich hergestellt und sammelte die Krümel ein, die vom großen sowjetischen Kuchen unter den Tisch fielen.

Auch in West-Europa galt die Bewegungsfreiheit als schönste Eigenschaft der Selbstbestimmung. Von A nach B zu reisen ohne den Ausweis zeigen zu müssen, war immer das populärste Argument für die Europäische Union. Kohl hatte auch hier die Gunst der Stunde begriffen, als er auch noch den lästigen Umtausch der D-Mark in fremde Währungen abschaffen ließ. Wer Helmut Kohl, den Kanzler des Euro, als Befreier von ausländischem Kleingeld feiern wollte, der hätte Grund genug: Vorbei die Zeit, als nach den Reisen noch Lira, Gulden oder Francs die Taschen ausbeulten. So wie das Kleingeld schwand, schwand auch die Souveränität europäischer Nationen. Nicht mal in Deutschland, dem Gewinner-Land der westeuropäischen Vereinigung, weiß man noch, wo gerade welche Gesetze gegen wen beschlossen werden. Zumeist ist der wichtige Vorgang gerade nach Brüssel unterwegs. Der metaphorische Ort Brüssel wurde bereits im sicher berühmtesten deutschen Roman, der Feuerzangenbowle, exakt definiert: „Da stellen wir uns mal ganz dumm, Brüssel ist ein großer schwarzer Raum mit zwei Löchern. Durch das eine kommt das Steuergeld rein, und das andere kriegen wir später“.

Im Feuerschein der von sozialdemokratischen Kanzlern verantworteten Bundeswehr-Einsätzen im Ausland, erglänzt das Denkmal des Herrn Kohl als Friedens-Kanzler. Zu gern wird unterschlagen, dass es die letzte Regierung Kohl war, die gegen die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens für eine Zerschlagung Jugoslawiens plädierte und mit einer vorschnellen Anerkennung Kroatiens und Sloweniens den nationalistischen Brandsatz in das kokelnde jugoslawische Haus warf. Dieser deutsche Akt der Zerteilung des jugoslawischen Fells bei lebendigem Leib eines Vielvölkerstaates mündete folgerichtig im NATO-Krieg gegen Jugoslawien und dem ersten Bundeswehreinsatz im Ausland nach dem letzten Welt-Krieg.

Unter den vielen Verdienstkränzen, die sich in diesen Tagen auf dem Grab Helmut Kohls türmen, fehlt die Anerkennung seiner Verdienste um die Abschaffung des Ehrenwortes. Denn im Ergebnis der CDU-Spendenaffäre, als in den schwarzen Kassen der CDU zwei Millionen Mark verschwunden waren, die ziemlich eindeutig die Lieferung von Fuchs-Spürpanzern nach Saudi-Arabien schmieren sollten, gab Kohl dem deutschen Volk und wer es sonst noch wissen wollte sein Ehrenwort: Er wisse nicht wer denn die Spender dieser Millionen gewesen seien. Dass in den Nachrufen auf den früheren Kanzler diese Groß-Betrügerei als Marginalie erscheint, wirft ein grelles Licht auf die deutschen Medien: Immer gern bereit, Korruption und ihre Hintermänner in Deutschland zu verschweigen, aber gern und ausführlich über Fake-News in Nachbars Garten zu reden.

Unter den vielen schweren Verfehlungen gegen die Deutschen will keiner der Nachrufenden die schwerste nennen: Helmut Kohl hat uns Angela Merkel beschert, die Fortsetzung des schwarzen Riesen mit anderen Mitteln aber ähnlichen Methoden: Wo Kohl den pfälzischen Biedermann spielte, da führte Merkel die sparsame Hausfrau auf, wo Kohl mit seinen „blühenden Landschaften“ dem Potemkinschen Dorf zur Wiederauferstehung verhalf, da gelang es Angela Merkel mit diesem Satz „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Osama bin Laden zu töten“ dem US-Western der 50er Jahre zu einem Comeback auf der Menschenrechts-Rampe zu verhelfen. Doch während Helmut Kohl wohl endgültig von der politischen Bühnen abgetreten ist, wird Angela Merkel leider weiter auf dem Berliner Spielplan stehen: Kein barmherziger Vorhang ist in Sicht.

http://www.rationalgalerie.de/home/-helmut-kohl.html

Kirchentag vor dem Bundestag, vor dem Brandenburger Tor: abscheulich.


Wer Sinn für Humor hat, der über das Niveau der heute-show hinaus reicht, kam in dieser Woche voll auf seine Kosten. Trump beim Papst in Rom. Obama bei den Protestanten in Berlin. Welch köstlicher Zufall.

I.

Der mächtigste Mann der westlichen Welt, sammelt religiös konnotierte Symbolszenen. An der Klagemauer in Jerusalem, beim Säbeltanz mit wahabitischem König, beim Keep Smiling mit Papst, der ihm politisch so nahe steht wie der Mufti von Mekka. Der ehemals mächtigste Mann der westlichen Welt, der zum Weltfrieden nicht mehr beisteuerte als den Empfang des Friedensnobelpreises, agiert bei der großen Luther-Show als Pop-Moralist. Glaubens-Entertainment, wo auch immer Politiker Religion missbrauchen oder sich an Religionen anwanzen. Den Rotz am Ärmel geben sie dann anderswo.

II.

Kirchentag vor dem Bundestag, vor dem Brandenburger Tor: Ich erlaube mir die unzeitgemäße Ansicht, dies für abscheulich zu halten. Die leitenden Protestanten sind sichtbar stolz auf ihr Staatskirchentum. Vater Staat ist ihr wahrer, treudeutsch verherrlichter Gott. Sie sonnen sich im Glanz der Mächtigen, statt ihnen die Leviten zu lesen. Die vom Steuerstaat ausgebeuteten und vom Nanny-Staat entmündigten Christen sind ihnen gleichgültig. Die Freiheit des Christenmenschen: nur noch ein Witz in diesem Pfarrerstochter-Mainstream-Verein mit seiner viertägigen Dauerwerbesendung zur Wahl.

III.

Ich bin lieber ein schlechter Katholik als ein guter Protestant. Der Papst ist im Vorteil. Ob man ihn mag oder nicht, spielt keine Rolle, weil jeder Papst kleiner ist als seine 2000jährige Institution mit universalem Anspruch. Er kann nur Akzente setzen, Korrekturen vorschlagen, doch niemals seine Vorgänger revidieren. Protestanten dagegen haben sich dem Zeitgeist unterworfen, den jeweils herrschenden Kräften und Mächten ausgesetzt. Am Katholizismus kann ich mich wenigstens reiben. Die Protestanten bräuchten einen neuen Luther.

IV.

Was Präsidenten und Kanzler glauben, ist mir gleichgültig. Was sie wollen und tun, nicht. Mir fällt auf: Wo auch immer Religionen zu viel zu melden haben, sind die Gesellschaften der Moderne nicht gewachsen. Das gilt im Mittleren und Nahen Osten, im Bible-Belt der USA, und im „Reichstag“ gilt es auch.

V.

Ohne Buchdruck hätte Luther nichts erreicht. Die Schriftkultur neigt sich nach einem halben Jahrtausend ihrem Ende zu. Sie war nur die „Gutenberg-Parenthese“. Die Digitalisierung wird dazu führen, dass der Mensch nur noch mündlich mit intelligenten Maschinen kommuniziert. Man muss nicht mehr lesen (können). Immer weniger Menschen tun es heute schon, und wenn dann lieber kurze Sätze, sms, twitter. Sie lassen sich von visuellen Medien zu Tode unterhalten. Visualisierung und Sprechsprache verändern das Denken. Es wird schlichter, emotionaler, doch der wachsenden Komplexität der Welt nicht mehr gewachsen. Die Folge? Im 500. Jahr der Reformation geht nicht nur die Schriftkultur vor die Hunde, sondern mit ihr auch die Demokratie. Was würde Luther dazu sagen? Gegen den Verfall unserer Kultur müssten die Lutheraner auf die Barrikaden steigen, gerade jetzt, zum Reformationsjubiläum. Statt dessen rollen sie einer zurückgebliebenen, bildungsfernen Religion den fadenscheinigen Toleranz-Teppich aus.

VI.

Früher, es ist noch nicht so lange her, galt Religionskritik als links. Man war auf der Seite der Aufklärung, der Frauenrechte, der Freiheit. Heute gilt der Religionskritiker als islamophob, also als rechts. Wenn das kein Witz ist.

VII.

Auch in dieser Woche richteten Terroristen im Namen ihrer Religion ein Blutbad unter jungen Leuten an. In England geboren, in England zu Massenmördern geworden, in der Gesellschaft, die sie nährte, nur versäumte, sie auch zu erziehen.

VIII.

Ein anglikanischer Bischof zündete eine Kerze an. All you need is love. Die fällige Ermahnung als Selbstbetrug: Lassen wir unsere Gesellschaft nicht spalten! Vorgetragen in beigem Sakko und Schlabberhose zu violettem Bischofshemd und Brustkreuz. Nur eine Äußerlichkeit? Nicht einmal mehr Stil haben sie, die „Verteidiger“ des Abendlands. Die Szene hat Symbolwert: Wir wissen nicht mehr, was sich gehört. Das Bild der Woche war für mich ein anderes: Die Queen in quittengelb, starr wie der Prinz mit Schirm, Gehrock und Melone neben ihr. Zwei erratische Gestalten aus einem anderen Jahrtausend. Königliche Gardenparty mit Schweigeminute. Eine absurde Szene voller Würde und Trauer und Ratlosigkeit. Und verzweifeltem Witz.

Merkels „Willkommenskultur“ als deutsches Konjunkturprogram für die Schlepper-Mafia

Der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano hat mit euronews ein spannendes Interview geführt. Saviano ist berühmt für seine investigativen Recherchen zur Mafia. Er lebt seit Jahren unter Polizeischutz. In dem Interview weist er darauf hin, dass es die türkische, libysche und libanesische Mafia ist, die das blühende Schleppergeschäft steuert, das durch Merkels Grenzöffnung im Herbst 2015 ermöglicht wurde:

„All die Boote, die das Mittelmeer überqueren, werden von Kartellen betrieben. Aber nicht von italienischen Kartellen, wie man glaubt. Die Mafia hat dort nichts zu sagen. Das sind türkische, libysche und libanesische Gruppen, die schon immer in den Menschenschmuggel investiert haben, und Europa hat nicht die leiseste Idee von dieser Dynamik. Die Kartelle, die den Strom der Syrer nach Europa organisiert haben, gehören alle zur türkischen Mafia, und es ist dieselbe Mafia, die den Heroin-Schmuggel aus Afghanistan leitet.“

Die italienische Mafia hingegen kann immer unbeschwerter ihr Geld bei den europäischen Banken waschen. Diese „buhlen“ sogar um das Mafia-Geld, denn sie haben aufgrund der perpetuierten Eurokrise massive Liquiditätsprobleme.

Gutmenschen – ihre Verlogenheit, um ihren Haß nicht als Haß einzugestehen, macht sie geistvoll und erfolgreich.

Von Ansgar Kruhn.

Dies ist der Versuch, einen gewissen Menschenschlag zu skizzieren, der derzeit eine große Rolle in den westlichen Gesellschaften spielt und der besonders in der Medienlandschaft, aber auch an Universitäten, in Gewerkschaften, Ämtern, NGOs und Parteien sowie im Verwandten- und Bekanntenkreis anzufinden ist. Oft wird dieser Idealtypus mit dem Schlagwort vom „Gutmenschen“ abgetan, aber dieser Begriff erscheint aus zweierlei Gründen nicht angebracht; dies aufgrund seiner Herkunft sowie dem schlichten Umstand, dass gegen einen „guten Menschen“ erst einmal nichts spricht und es solche glücklicherweise auch in gar nicht so geringer Anzahl gibt. Nein, für den zu gewinnenden Idealtypus bietet sich dieser Begriff nicht an, aber vielleicht bringt uns eine nur scheinbar haarspalterische Variation weiter: Es geht hier um den „Allzu-guten-Menschen“ (AGM), auf dessen Spuren wir uns mit einem kleinen Zeitsprung zurück zum 25. August 1900 begeben wollen.

An diesem Tag starb einer der großen Kenner des 20. Jahrhunderts, Friedrich Nietzsche, der in seiner Zeit die Wurzeln vieler Entwicklungen scharfsinnig erkannt hat, deren Blüten wir heute beobachten können. In seinem Spätwerk „Genealogie der Moral“ hat er sich intensiv mit der Genese der modernen Moral beschäftigt. Zwar will man ihm gewiss nicht in allem zustimmen und ohne Zweifel gibt es viele Kritikpunkte an seiner arg schablonenhaften Gedankenfigur, doch finden sich hier wertvolle psychologische Erkenntnisse, die geradezu für heute geschrieben zu sein scheinen.

Bekannte Vokabeln der philosophischen Hausapotheke sind „Herrenmoral“ und „Herdenmoral“. Ursprünglich habe es nicht die Guten und die Bösen gegeben, sondern die Vornehmen und den von diesen unterjochten Pöbel, also die „Schlechten“. Nietzsche machte sich nichts vor, was die Unabdingbarkeit einer unfairen Gesellschaftsordnung für das Entstehen einer Kultur anbelangt. Nur durch die Unterdrückung eines Teils der Bevölkerung und die Ausbeutung von Arbeitskraft wird es besonders befähigten Individuen möglich, ihre Energie von der Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes abzuziehen und sich der Schaffung kultureller Güter zuzuwenden. Dadurch muss es zu wechselseitiger Verachtung und Hass kommen.

Es bleibt ihnen nichts, als sich auf die Suche nach einem Schuldigen zu machen

Freilich gilt dies in einem konkreten Sinn nur noch begrenzt für die moderne, ausdifferenzierte Gesellschaft. Aber auch heute gibt es hierarchische Verhältnisse, die sich unterschiedlich konstruieren lassen. Das bekannteste Beispiel für eine solche Konstruktion wird in der letzten Zeit die Occupy-Bewegung mit ihrer dichotomischen Einteilung der Gesellschaft in die 99 Prozent und die 1 Prozent gewesen sein. In solchen Gesellschaftsbildern haben auch die AGM ihre geistige Heimat.

Unabhängig von der gewählten Hierarchiekonstruktion empfinden sie sich als die – nun mit Nietzsches Worten – „von vornherein Verunglückten, Niedergeworfenen“ der Gesellschaft, die sich im Gegensatz zu den „Erfolgreichen“ oder auch einfach so reichen Leuten empfinden. Die AGM gehören indes keineswegs zur Unterschicht, wie sie zu Zeiten Nietzsches in Fabriken ausgebeutet, in Kriegen verheizt oder auf Feldern abgenutzt wurde. Meist handelt es sich um angehende oder diplomierte Akademiker, die sich auszudrücken wissen, aber nicht eine der gängigen Karrieren mit guter Bezahlung einschlagen können oder wollen.

Im Kern ist der AGM ein religiöser Mensch, der Kontingenzen nicht ertragen kann; die für Nietzsche selbstverständliche kulturelle Hierarchiebildung ist für den AGM nicht als notwendig hinzunehmen, die eigene (finanzielle) Erfolglosigkeit nicht durch Akrasia erklärbar. Es bleibt ihnen nichts, als sich auf die Suche nach einem Schuldigen zu machen, den sie „über“ sich, also unter den Erfolgreicheren suchen und der heute seine höchste Form der Existenz in der geradezu mythischen Gestalt des „Täters“ gefunden hat.

Die „Täter“ sind Menschen, die sich eines „Täterverhaltens“ schuldig gemacht haben, mit seinen Ursprüngen im Rechtswesen hat der Begriff nichts mehr zu tun. Die meisten „Täter“ sind sich insofern auch gar nicht bewusst, irgendetwas getan zu haben, liegt ihre eigentliche Schuld doch im Gefühl des Zukurzgekommenen und sonst mit der Gesellschaft nicht zufriedenen Menschen. Mit dieser Schuldzuschiebung einher geht Hass gegen die „Täter“. Der verinnerlichten Logik der AGM nach sind allein die „Täter“ für all das, was man an der Gesellschaft und seiner eigenen Position in ihr ablehnt, verantwortlich.

Freilich will man sich diesen Hass nicht eingestehen. Hassen ist Täterverhalten. Also wird dieser Hass anders zum Ausdruck gebracht: durch das Hilfsmittel der moralischen Beurteilung. Was Nietzsche im Hinblick auf die „Niedrigen“ geschrieben hat, trifft passgenau auf die AGM zu, diese „zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort ‚Gerechtigkeit‘ wie einen giftigen Speichel im Munde tragen“. Es geht den AGM, anders als vielen der Menschen, die als „Gutmenschen“ verspottet werden, nicht so sehr darum, anderen Menschen zu helfen und Leid zu minimieren, sondern gerade darum, Rache an den Tätern zu nehmen als „Betäubung von [eigenem] Schmerz durch Affekt“.

Ihre Verlogenheit, um ihren Haß nicht als Haß einzugestehen, macht sie geistvoll – und erfolgreich

Autos anzünden, Kampagnen gegen Menschen im Internet und auf der Straße zu führen, ist den AGM wichtiger als jede Tätigkeit in einer Suppenküche. Freilich gesteht man nicht ein, dass der eigene Schmerz der Ausgangspunkt des ganzen Denken und Handelns ist. Vielmehr sucht man sich echte oder vermeintliche Benachteiligte und agiert in deren Namen; wo der „Gutmenschen“ helfen will, instrumentalisiert der „Allzu-gute-Mensch“ für sein eigenes Bedürfnis. Entsprechend harsch fallen die Reaktionen aus, wenn die vermeintlichen Opfer dieser Welt – ganz gleich ob Frauen, Schwarze, Behinderte, Muslime etc. – sich dies verbitten. Dann werden die „unterdrückten“ Schwarzen zu Rasseverrätern, die „benachteiligten“ Frauen zu Patriarchatweibchen.

Um den eigenen Schmerz zu betäuben, bleibt dem Allzu-Guten sein Hass, den er im Namen aller Unterdrückten den „Tätern“ entgegenschleudert. Damit einher geht eine gewisse sadomasochistische Lust, die Nietzsche bereits diagnostiziert hat: „[S]ie genießen ihren Argwohn, das Grübeln über Schlechtigkeiten und scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach dunklen fragwürdigen Geschichten …, sie reißen die ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst ausgeheilten Wunden …“.

Wer denkt bei dieser Beschreibung nicht an die in Amerika als Social Justice Warrior bezeichneten AGM, die jedes Gespräch, ja jede Geste säuberlich abtasten, jedes Wort sorgfältig im Mund abschmecken und das Internet nach allem durchforsten, was als Rechtfertigung ihres Hasses zu dienen vermag?

Ihre „Verlogenheit, um diesen Haß nicht als Haß einzugestehen“, macht sie geistvoll – und erfolgreich. Gedankengebäude werden errichtet, die scheinbar wissenschaftlich belegen, dass wir uns alle in einem kontinuierlichen Verbrechen gegen die „Schwachen“ aller Couleur befinden. „Tatsachen“ werden als Fiktionen der Täter abqualifiziert, Wahrheit muss nicht mehr errungen werden – sie ist einfach. Und wer verkündet sie? Die Allzu-guten-Menschen im Namen der unterdrückten Minderheiten.

Ansgar Kruhn ist Historiker und nebenbei Reisender in Sachen Weltanschauungstourismus

Getürkte Schutzsuchende / Flüchtlinge

Mittelmeer_2016_07_11Bin noch in der Überlegung, ob ich daraus eine ständige Rubrik machen soll. So tägliche Nachrichten von der Schlepper-/Rettungskoalition.  Heute sind die Helfer jedenfalls schön auf einem Haufen versammelt, wie ich sie hier mal aufgezählt habe – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. An dem Track (blaue Linie) erkennt man, wie nahe (ca.25 km) die Bourbon Argos an der libyschen Küste operiert.

Der Sommer ist noch lang und die schönen neuen grauen Schlauchboote (wer liefert die eigentlich?) sind hin und wieder mal in den Nachrichten zu sehen, wenn mal an einem Tag nichts richtiges passiert ist und die Olympiade noch nicht angefangen hat. Da unten ist alles business as usual. Unklar ist mir, weshalb man nicht auf N 33° 3′ E 12° 26′ ein Hotelschiff verankert, dass bequem von den Schleppern und Helfern angefahren werden kann? Von Afrika bis zum Hotelschiff sind die bösen Schleuser zuständig, vom Hotelschiff bis in die EU übernehmen dann die „guten Schleuser“. Die „Seenot“ ist nur virtuell definiert. Wenn bei dieser eingespielten Routine noch einer ums Leben kommt, dann ist das nur auf Blödheit oder Fahrlässigkeit zurückzuführen. Die Zeiten der Rostlauben sind vorbei. Bei diesen Mengen an – wie heißt das so schön – Schutzsuchenden, die inzwischen übers Meer befördert werden, liegen die alten Seelenverkäufer schon längst auf Grund. Heute sind es neue, graue Schlauchboote mit einem kleinen Motörchen, die nur das Hoheitsgewässer Libyens verlassen müssen, bis sie von den Rettern in Empfang genommen werden können.

Aquarius (in Berlin findet am 12. Juli 2016 (HEUTE) ein Werkstattgespräch statt, wer da wohnt sollte da mal hingehen) und fragen, wer die grauen Schlauchboote herstellt, weshalb da nur so ein kleines Motörchen (40 hp) dran hängt und weshalb die immer dann kaputt gehen (siehe Bild) wenn die Retter da sind).

Topaz Responder, Bourbon Argos, Sea Watch 2, Sea Eye

Es fehlen:

Phoenix (von der libyschen Küste auf dem Weg nach Sizilien. Leider kann man nicht erkennen, ob vollgeladen oder nur zum Tanken und/oder Landgang)

Sea Watch 1 im Hafen (Valetta)

Falls einer meiner Leser sich zufällig mal mit seiner Yacht in der Nähe von Tripolis rumschippert, dann empfehle ich die Lektüre von Proasyl. Der Tatbestand der „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ steht anscheinend nur noch auf dem Papier! Manche behaupten, das wäre ein kostenloser Fährdienst nach Europa. Was sind das für empathielose Menschen!

http://www.altermannblog.de/neues-von-boesen-und-von-guten-schleppern/

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Weshalb kentern Boote vorzugsweise, wenn die Retter in Sichtweite sind? Weshalb werden Schlauchboote aufgeschlitzt, wenn die Aquarius auftaucht? Weshalb kommen die Horrormeldungen von ertrunkenen Migranten in letzter Zeit öfter? Wieso sind da wieder – wie zufällig – selbstlose Retter in der Nähe? Fragen, die man sich stellen sollte, die aber nur selten ehrlich beantwortet werden.

Bourbon Argos 2

Der Pfeil zeigt die PHOENIX

Bourbon Argos 1

Fahrtrack der letzten Stunden PHOENIX

In unseren Medien wird das so beschrieben, als laufe alles nach dem Prinzip „Reiner“ ab => reiner Zufall. Unsere Qualitätsmedien bauen diesen Hype auf, um das Volk wieder bereit zu machen, für den Sommer, wenn die Boote verstärkt kommen. Fragt man am Stammtisch, wie viele arme Menschen wohl im Mittelmeer bei Fluchtversuchen absaufen, dann hört man allerlei abstruse Zahlen. Die Wirklichkeit trifft keiner – so gut sind wir schon durch die Medien konditioniert. Wer es genau wissen will, der sehe sich hier die Zahl von 2014 an. Sie kommt weder von der AfD noch vom Kanzleramt, sondern vom UN-Flüchtlingswerk. Denen sollte man doch noch trauen dürfen. Es sind 1,7%. Um das mal in einen statistischen Zusammenhang zu stellen: das sind etwa zehn Prozent der Tötungsdelikte in Nigeria. Anders formuliert: In Nigeria kommen zehn mal mehr Menschen durch Tötungsdelikte ums Leben, als im Mittelmeer bei Fluchtversuchen ertrinken.

Wetterbedingt beginnen die Seefahrten, die nicht so lustig sind. Die Schlepper und die Helferorganisationen stehen mit ihren Schiffen bereit, um die Seetransporte abzuwickeln. Wer sich damit befassen will, dem empfehle ich die folgenden Seiten: marinetraffic oder vesselfinder. Wer das so täglich 5 Minuten beobachtet, der kriegt ein Gespür, wie das Ganze abläuft.

Auf die Schnelle habe ich die folgenden sechs Schiffe gefunden:

Bootsname               Imo           MMSI         11.6.2016 15:00 Uhr

Aquarius                   7600574                             im Hafen von Trapani (Sizilien)

Sea watch 1                                    211677160     im Hafen von Valetta

Sea watch 2                                   211721530     40 km vor der libyschen Küste

Sea eye                                           244630187   55 km vor der libyschen Küste

Bourbon Argos       9390082                             von Palermo Richtung Malta

Phoenix                     7234272    312024000    28 km vor der libyschen Küste

Topaz Responder   9544293     538006669    30 km vor der libyschen Küste

CP 311                                            247264600     Lampedusa

CP 324                                           247345600     Lampedusa

Zur Info: der Seeweg Tripolis – Lampedusa ist 290 km

Mit etwas intuitivem Geschick findet man diese Schiffe auf der Karte und stellt fest, dass da ein reger Pendelverkehr eingerichtet ist. Es findet eine merkwürdige Symbiose statt: Die Schlepper schicken die Boote nicht zufällig auf die Reise, sondern sie haben eine Profiausführung von einem dieser Schiffsfinde-Programme, damit sie genau einschätzen können, wann und wo ein Schiff auftauchen wird. So wird sichergestellt, dass die Migranten auch „entdeckt“ werden. Da kein Schiff jemanden – so als Tramper am Wellenrand – mitnehmen muss, wird eben der Seenotfall hergestellt. Angeblich sei kein Schiff und auch keine Küstenwache verpflichtet, Leute aus Booten auch – Schlauchbooten – zu retten, denn sie sind in den Booten ja in Sicherheit. Eine Pflicht zur Rettung bestünde erst dann, wenn sich Personen im Wasser befinden, wenn der Seenotfall hergestellt ist. Dies erklärt auch, warum Flüchtlinge ihr Boot teilweise selbst zerstören (von den Schleppern dazu instruiert) sobald sie ein „Rettungsboot“, egal ob Küstenwache oder Frachtschiff, auftaucht. Die Bourbon Argos war ein paar Tage in Zarzis (Tunesien). Da hätte sie ja jeden an Bord nehmen können, aber das wäre ja eine illegale Einreise in die EU. Also muss der Weg über Schiffbruch durchs Wasser aufs Schiff genommen werden. Irgendwie irre, oder nicht?

Als Zyniker komme ich natürlich auf folgende Idee: Die Schlepper und die Helfer vereinbaren einen festen Übergabezeitpunkt und -ort. Eine win-win-Situation: Die Schlepper sparen Sprit, die Helfer bekommen mehr zum Retten, die Schlepper mehr zum Schleppen und können sich ISO-zertifizieren lassen, so als „Qualitätsschlepper mit Erfolgsgarantie“. Da die Preisbildung mit Angebot und Nachfrage auch für das Schleppergewerbe gilt, wird vermutlich die Schiffspassage für den Durchschnittsnigerianer sinken, d.h. es könnten sich auch Schutzsuchende mit kleinerem Geldbeutel einen Aufenthalt in Deutschland leisten. Deshalb erwarte ich, dass Frau Kipping – und andere ähnlich gestrickte – meiner Idee zustimmen.

Wenn natürlich der junge, schnöselige Außenminister Österreichs, Sebastian Kurz, mit seltsamen Ideen kommt, die nicht so zu diesem Konzept passen, muss umgedacht werden. Hätten wir TTIP, könnte dann der Verband der Internationalen Schleuser- und Schlepper die EU auf Schadenersatz verklagen, falls das österreichische Konzept umgesetzt wird.

Eins sollte aber mittlerweile klar sein: den Möchtegernsultan in eine europäische Flüchtlingspolitik – falls sie es je geben sollte – einzubinden, ist zum Scheitern verurteilt. Gewisse „Drecksarbeiten“ outzusourcen ist zwar mittlerweile überall üblich, schafft aber Abhängigkeiten und ist in der Regel teurer. Was der Kurz vorschlägt, macht Sinn! Wie ich soeben gelesen habe, will Österreich – notfalls im Alleingang – mit seiner Kriegsmarine dieses Konzept durchziehen.

P.S. Zur Vervollständigung meiner Liste, bitte ich um weitere Schiffsnamen.

Dank an meinen Leser Bern R., der mich auf einen Fehler hinwies und die „Helferliste“ erweitert hat. Da liegt ein Schiff „Topaz Resonder“ quasi knapp 50 km vor der libyschen Küste und nimmt „Schiffbrüchige“ auf, die dann die italienische Küstenwache mit CP 311 und CP 324 nach Lampedusa fährt. Da ist ein regelrechter Fährverkehr eingerichtet. So werden alle Einreisebedingungen in die EU zu Makulatur.

Die verlogene Aufpasserkultur

So viel ist klar: Der Trend geht zur Torte. Nach Berlins AfD-Chefin Beatrix von Storch und Sahra Wagenknecht von der Linken traf es am Dienstag der vergangenen Woche Thilo Sarrazin, immer noch SPD-Mitglied.

Er hatte allerdings einen aufmerksamen Bodyguard, sodass die fliegende Kuchenschnitte ihr Ziel knapp verfehlte. Dennoch steht fest: Die Torte als Waffe des politischen Widerstands ist wieder da.

Fast 90 Jahre nach der Mutter aller Sahneschlachten, bei der Stan Laurel und Oliver Hardy im Jahre 1927 in dem legendären Streifen „Die Tortenschlacht“ die Möglichkeiten des Genres über alle Maßen ausgereizt haben, wagen sich nun junge Nachwuchskünstler noch einmal an dieses „klischeehafte Stilmittel juvenilen Brachialhumors“, wie einige Kulturkritiker abschätzig formulieren.

Mit Humor haben die meisten Torten-Aktivisten allerdings nichts im Sinn, schon gar nicht jene „Antifaschistische Initiative Torten für Menschenfeinde!“, die Frau Wagenknecht auf dem Linke-Parteitag in Magdeburg attackierte, weil sie es gewagt hatte, von „Kapazitätsgrenzen“ bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu sprechen.

Ihnen geht es, ganz in der Tradition anderer Stilmittel des Protests wie Eier, Tomaten, Schuhe, Kreuze und tote Fische, um die Demonstration moralischer Überlegenheit. Gut und Böse sind hier so scharf geschieden wie Eiweiß und Eigelb beim Zubereiten eines Tortenteigs.

Der politische Gegner, der umstandslos zum „Menschenfeind“ erklärt wird, soll „entlarvt“, demaskiert und gebrandmarkt, also an den Pranger gestellt werden. Eine bewährte Methode aus dem Mittelalter, bei der allerdings noch mit ortsfesten Holzböcken und Eisenschrauben gearbeitet wurde.

Ein Hyper-Moralismus, der sich epidemisch ausbreitet

Doch der digitale Pranger steht heute überall und verführt zu einer neuen, blockwartartigen Aufpasserkultur. Ein falsches Wort, ein falscher Gesichtsausdruck – und schon ist die Protestgarde zur Stelle. Ob Torte, Farbbeutel oder viraler „Aufschrei“: der emotionale Brandsatz soll bei der „Netzgemeinde“ zünden – als Teil einer großen Erregungsspirale.

In den sogenannten sozialen Medien Facebook, Twitter, Instagram & Co. verbreiten sich die Bilder weltweit und in Sekundenschnelle und setzen, wenn die PR-Maschine rundläuft, die schokoladenverschmierten Attentatsopfer auf die Anklagebank, während die Täter zu Helden mutieren und jede Menge „Likes“ und neue „Follower“ kassieren.

Seit einiger Zeit schon ist dieses Phänomen eines Hyper-Moralismus zu beobachten, der sich geradezu epidemisch ausbreitet. Er erzielt seine durchschlagende Wirkung gleichsam a priori – vor jeder genauen Tatsachenfeststellung, vor jeder gründlichen Reflexion.

Er braucht nur signalhafte Bilder und ein paar starke Worte, eingängige Gesten und Inszenierungen des Protests, um sich selbst zu erhöhen und alle anderen vermeintlich ins Unrecht zu setzen.

Argumente, soweit vorhanden, sind zweitrangig. Ebenso die Menschenwürde des Andersdenkenden, der ja im Kern kein „denkender Mensch“ sein kann – sonst wäre er ja aufseiten der Protestler, die im alleinigen Besitz der Wahrheit sind.

Empörungsdienstleister für eine selbstgerechte Gesellschaft

So erreicht man blitzschnell eine Diskurshoheit ohne Diskurs, Aufmerksamkeit ohne Argument. Anders als einst beim Philosophen Jürgen Habermas und seiner Theorie des „kommunikativen Handelns“ geht es dabei nicht um „Geltungsansprüche“ und die Triftigkeit einer Behauptung, sondern um die Treffsicherheit des Werfers.

Die Logik dieser wurfgewaltigen Wahrheitsapostel erinnert nicht nur an die Zeiten kommunistischer Politbüros, sondern auch an die manichäische Weltsicht der Rote-Armee-Fraktion (RAF) aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Parole galt „Mensch oder Schwein, Sieg oder Tod!“.

Unverkennbar sind hier die Anleihen an totalitäre, faschistische wie stalinistische Organisationen, Motive einer unversöhnlichen Radikalität, wie sie schon Dostojewski in seinem Roman „Die Dämonen“ beschrieben hat.

Dabei ist den mit allen Wassern der modernen Mediengesellschaft gewaschenen Eventmanagern der Protestkultur offenbar nicht wirklich bewusst, wie sehr sie die Maschinerie des Mainstreams bedienen, den sie doch angeblich bekämpfen wollen.

Sie sind perfekte Empörungsdienstleister für eine Gesellschaft, die Gerechtigkeit gerne mit Selbstgerechtigkeit verwechselt, die Skandalisierung von Problemen und den geistigen Kurzschluss liebt. Hauptsache, man fühlt sich danach besser.

Elternbesuch? Wo gibt’s denn sowas?

Vor 50 Jahren gab es diesen Mainstream noch nicht, der selbst die absurdesten Aktionen feiert, wenn sie nur ordentlich Spektakel machen. Ganz im Gegenteil: Die „kleine radikale Minderheit“, wie sie sich trotzig nannte, stand tatsächlich gegen die große Mehrheit in Staat und Gesellschaft.

Es gab keinen Claus Kleber, der den Kopf verständnisvoll zur Seite geneigt hätte. Nein, die „Radaubrüder“ hatten keine Freunde – was sich freilich ändern sollte.

Als sich im Juni 1966 am schönen oberbayerischen Kochelsee Fritz Teufel, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Jan-Carl Raspe und andere versammelten, um aus der „Viva Maria!“-Gruppe (benannt nach dem gleichnamigen Film von Louis Malle mit Jeanne Moreau und Brigitte Bardot) das Projekt der „Kommune 1“ erstehen zu lassen, ging es noch um „die Bedingungen und Möglichkeiten revolutionärer Praxis in Westeuropa“.

Das wäre wohl selbst dem 23-jährigen Tortenwerfer von Magdeburg, der sich seit seiner Heldentat in Schweigen hüllt, deutlich zu anstrengend gewesen.

Wie streng es damals zuging, zeigt ein kleines Detail. Die spätere SDS-Ikone Dutschke wurde von den Genossen wegen „psychischer Abhängigkeit von bürgerlichen Autoritäten“ scharf gerügt: Er war ein bisschen später gekommen, weil seine Eltern ihn besucht hatten.

Ein offen antirevolutionäres Vergehen, war doch „totale Entwurzelung“ die Forderung der Stunde: Raus aus allen überkommenen Verhältnissen, weg mit der bürgerlichen Familie und dem patriarchalen Kapitalismus, es lebe die Weltrevolution!

Die Generation Böhmermann will nur spielen

Unverkennbar, dass der politische Anspruch der 68er weltumspannend, radikal und um Dimensionen größer war als die Ambitionen der Protesthandwerker von heute.

Allein die Bibliothek revolutionärer Literatur von Marx bis Marcuse erforderte jahrelanges Studium; die Theoriedebatten waren ebenso quälend wie legendär.

Und wie sehr man heute über all das den Kopf schütteln mag – es gab einen fulminanten Geschichtsoptimismus, der gerade aus seiner radikalen Gesellschaftskritik das Positive schöpfte, das, was man „konkrete Utopie“ nannte. Nicht zuletzt: Man riskierte etwas. Für manches, was sich später als bitterer Irrtum herausstellte, war der Preis sogar das eigene Leben.

Eine ferne Welt für die Generation Böhmermann & Tortenschlacht, die ja am Ende alles nicht so meint, wie sie es sagt. Das größte Abenteuer ist der Wechsel von RadioEins zu Spotify. Sie wollen ja nur spielen.

Ironie wird da zum probaten Rundumschutz gegen die Zumutungen der Welt. Doch gerne nimmt man den moralischen Benefit mit, wo es eben geht, ob bei Erdogan oder der Flüchtlingskrise.

Hart am Rande der Polit-Pornografie

Vor genau einem Jahr hat in Berlin ein sogenanntes Zentrum für politische Schönheit einen regelrechten Totenkult betrieben, um einige der im Mittelmeer ertrunkenen und in Süditalien exhumierten Flüchtlinge zum zweiten Mal, nun aber „würdevoll“, zu bestatten.

Niemand konnte die Umstände dieser Aktion exakt nachprüfen. Egal. Es ging ja ums Prinzip, um die richtige Sache. Nicht zufällig bezeichnen die Aktivisten sich selbst als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“.

Unter Führung eines „Eskalationsbeauftragten“ rief die Showtruppe zu einem „Marsch der Entschlossenen“ vor das Kanzleramt auf, wo mit schwerem Gerät ein „Friedhof der unbekannten Einwanderer“ ausgehoben werden sollte. Daraus wurde nichts. Ersatzweise versenkte man ein paar Holzkreuze in den grünen Rasen vor dem Reichstag.

Zynismus gegen Zynismus, hart am Rande der Polit-Pornografie. Hier sind Lobbyisten einer „Moral to go“ am Werke, die wie andere professionell organisierte Pressure-Groups – etwa „Campact“ und „Change.org“ – ihrem Publikum suggerieren: Mit ein paar Klicks bist du dabei, wenn es gegen das Böse geht – von TTIP bis zur Klimakatastrophe.

Das gesellschaftliche Problem dieses moralisch aufgeladenen Protesttheaters liegt in seinem Zwang zur Eskalation der Performance. Der trübt den Blick auf die Wirklichkeit, um die es angeblich geht. Zur gleichen Zeit formiert sich ein Protest von rechts, der mit Theaterspielen, Schönheit und Poesie nichts im Sinn hat.

Da ist der mitgeführte Galgen Marke Eigenbau durchaus ernst gemeint.

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