Kategorie-Archiv: Das Schöne

Ein- und Ausdruck – Eine Erzählung von Christiane Linke

Botanischer Garten Ffm - CL2015-a - s

Photo: 2015 © Christiane Linke

Ein- und Ausdruck.

Christiane Linke ist Schriftstellerin und lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

 

Ein kleiner Garten mit eigener Dramaturgie. Wie in England. Dort folgt der Aufbau auch einer Inszenierung. Man sieht nicht gleich die ganze Vielfalt, sondern spaziert sich dorthin.
Durch das Tor und bereits auf dem schmalen Weg beginnt die andere Welt. Hohe Bäume und eine kleine Graslandschaft, die nach links zum Kräutergarten oder rechts zum Steingarten führt. Der Botanische Garten ist eigenständig und gehört doch zum großen Park. Wie so oft ist die Perle gut versteckt und für Ängstliche schwer zu knacken. Man läuft jahrelang an dem kleinen Tor vorbei und ahnt nichts. Dann nimmt man allen Mut zusammen.
Die Vogelstimmchen sind so vielfältig, dass man denkt, sie würden sich zurufen: „Hier ist es schön, hier sind wir sicher.“ Die Vielfalt ist enorm. Gezwitscher, das ich zuvor noch nicht gehört habe. Ich kann sie nicht benennen, aber braucht es immer für alles Bezeichnungen.
Der rechte Weg führt in einer großen Runde um den Garten herum. Große Bäume und viele Ranken. Manches ganz dicht und anderes wieder sehr licht. Dann blickt man auf ein kleines Gewirr aus Wegen, die durch den Steingarten und direkt in unbegrenzter Weite auf den darunter liegenden Teich führen. The frogs. Man hört sie bereits, wenn man den Garten betritt. Ich gehe nach rechts, nehme einige kleine Wege durch die seltenen Bäume und bin überrascht wie schön sich die Kulisse nach jeder kleinen Biegung formiert. Die Sonne fällt aus unterschiedlichen Winkeln auf Weg und Bäume und die Anordnung suggeriert große Weite. Die vielfältige Vegetation gaukelt fremde Länder vor und ich fühle mich plötzlich wie in der Provence. Vom Steingarten blickt man auf eine mittlerweile hohe Wiese mit bunten Blumen. Ich halte mich weiter rechts und sehe gerade noch wie eine Meise aus einem Brutkasten fliegt. Dann lautes Piepsen. Ich warte ein wenig, aber die Meise kommt nicht zurück. Wahrscheinlich beobachtet sie mich besorgt.
Ich nehme einen kleinen Abstecher zum Teich und bin plötzlich in einem Spinnennetz gefangen. Die Fäden sind stark und klebrig und es hängen einige Larven in dem Gewebe. Es dauert einige Zeit und Mühe bis ich mich befreien kann. Ein kleines Insekt hätte keine Chance. Die Besucher stehen am Teich und fotografieren mit großen Linsen die Frösche. Man sieht sie kaum in dem dunklen Wasser, sie tauchen immer wieder ab und schwimmen davon. Ein Film wäre sinnvoller. Und dann schlendert der Gartenhüter vorbei. Ein älterer Mann mit rundem Gesicht. Er macht es vermutlich ehrenamtlich. Ein freundliches Lächeln und ein Gruß. Ich gehe weiter und fühle mich irgendwie ertappt. Und schon überlege ich, ob ich den nächsten Tag noch mal dorthin gehen kann.
Auf der rechten Seite entlang des Kräutergartens stehen hohe Weinreben, kleine Bottiche mit Seerosen und man hat einen freien Blick auf die alte, unbewohnte Fassade eines Instituts. Auf dem Rasen steht eine imposante, sehr großblättrige Pflanze aus Brasilien. Auf der Unterseite ihrer Riesenblätter sitzen kleine hellgrüne Dornen. Die Natur ist erfinderisch, um die Pflanzen zu schützen. Aber es gibt sicherlich auch Tiere, die diese Dornen umgehen können.
Der letzte Bogen Richtung Ausgang. Vorbei an den Kräutern steht auf der rechten Seite ein kleines Holzhaus mit Warnhinweis „Betreten auf eigene Gefahr“. Die Imkerei. Die Bienen fliegen emsig zu den Verschlägen und liefern ordnungsgemäß ihre süße Ware ab. Der Honig schmeckt köstlich.
Der Gang durch den Garten hat etwas Meditatives. Ich gehe möglichst langsam und konzentriere mich auf die Pflanzen. Die Gesichter und Stimmen versuche ich auszublenden. Kleine bewusste Schritte zur Ruhe.

2015 © Christiane Linke
christianelinke22@gmail.com

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