Deutschland: Die moralisierende Supermacht


Seit Längerem habe ich das Gefühl, in einer Zeitschleife zu leben. Ich bin ein Kind der Siebzigerjahre. Das ist das Jahrzehnt, in dem ich aufwuchs und politisiert wurde, wie das damals hieß. Wie jeder älter werdende Mensch sehe ich mit Unbehagen, dass der Abstand zu dem, was mich bewegte und prägte, wächst.

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, dass ich den Anschluss verliere. Alles, was ich aus den Siebzigern kenne, ist wieder da: die Angst vor dem ökologischen Untergang. Das Gefühl, dass einem die Mächtigen nicht die Wahrheit sagen und die Medien einen nur belügen. Die Bezüge zu George Orwell und seiner berühmten Überwachungsdystopie „1984“ (wobei ich gestehen muss, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, einen Hänfling wie Heiko Maas in der Rolle des Big Brother zu sehen. Das ist wirklich mal eine überraschende Besetzung!).

Seit einer Woche ist Deutschland auch wieder Friedensmacht. Nachdem die Bundeskanzlerin in einer Rede vor Parteianhängern Deutschlands sicherheitspolitische Unabhängigkeit erklärte, überschlägt sich das Berliner Establishment mit Vorschlägen, wie man der neuen Feindnation USA am besten beikommt. In der Stunde der Not gibt es keine Parteien mehr, nur noch Patrioten. Wir sollten uns dem amerikanischen Präsidenten „mit allem, was wir vertreten, in den Weg stellen“, befand Martin Schulz stellvertretend für die Sozialdemokraten.

Ich habe in den Zeitungen nach Hinweisen gesucht, was mit „allem“ gemeint sein könnte. Die Bundeswehr ist bekanntlich eine Armee, bei der nicht einmal die Verteidigungsministerin sicher sein kann, ob sie bei Inspektionsreisen den Boden verlässt, weil niemand weiß, ob der Hubschrauber, mit dem sie abheben soll, flugtauglich ist. Aber eine Ausweitung des Militärbudgets kommt ohnehin nicht infrage, wie ich gelernt habe. Das würde nur eine neue Aufrüstungsspirale in Gang setzen.

Triumph des deutschen Exzeptionalismus

„Wir brauchen eine neue Friedenslogik“, heißt es jetzt. „Schwerter zu Pflugscharen“, „das weiche Wasser bricht den Stein“: Sogar die alten Slogans sind zurück. Ich könnte weinen vor Rührung.

Es gibt in der Politikwissenschaft die Theorie des amerikanischen Exzeptionalismus, wonach den USA eine besondere geschichtliche Rolle zufällt. Auf die Puritaner geht die Vorstellung einer von Gott erwählten Nation zurück, deren Sendungsbewusstsein sich gewissermaßen aus der Vorsehung ableitet.

Wir erleben den Triumph des deutschen Exzeptionalismus. Nach Energiewende und Flüchtlingswende steht jetzt die Friedenswende und damit die endgültige Heiligsprechung Deutschlands ins Haus. Dem Land geht es nicht nur ökonomisch so gut wie nie, auch moralisch sind wir Supermacht.

Deutschland sei „ökologischer, weiblicher, offener, föderaler“ und die Deutschen damit ein „besseres Volk“ geworden, so beschrieb es neulich der stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“, Bernd Ulrich, in einem Interview. „Deutschland ist der fortschrittliche, moralische, weise Staat auf diesem Planeten“, das hat Richard Gere vor wenigen Tagen der Nation ins Stammbuch geschrieben. Gere ist Buddhist und eng mit dem Dalai Lama verbunden, damit trägt sein Urteil gewissermaßen den Stempel von ganz oben.

72 Jahre nach Kriegsende sind wir an den Amerikanern als „Lead Nation“ vorbeigezogen, damit hat sich ein historischer Auftrag erfüllt. Dass es ausgerechnet Kaugummi kauende GI waren, die uns die Demokratie brachten, haben viele im Land von Goethe und Schiller nie ganz verwunden. Im Vorbehalt gegen die Amerikaner waren sich die Achtundsechziger mit ihren Vätern ausnahmsweise einig. Der Protest, der in der Formel USA-SA-SS gipfelte, war der erste Versuch der „Wiedergutwerdung der Deutschen“, wie der unbestechliche Eike Geisel diese Form der Schuldangleichung genannt hat. Nun sind wir es, denen die Aufgabe zufällt, dem Faschismus die Stirn zu bieten und den neuen Führer im Weißen Haus niederzuringen – welche Pointe der Geschichte!

So verteidigt man die Pressefreiheit!

Andere Länder wollen bewundert oder gefürchtet werden, wir wollen Vorbild sein. Niemand nimmt die Rettung des Weltklimas so ernst wie die Deutschen, keine Nation tut mehr für den Zusammenhalt Europas und damit die Verteidigung der freien Welt.

Wir stellen auch die härtesten Fragen. Als eine dpa-Redakteurin anlässlich des Besuchs der Bundeskanzlerin in Washington eine kritische Frage an Trump richtete, wurde sie anschließend überall als Beispiel für mutigen Journalismus herumgereicht: Seht her, liebe Kollegen von der „New York Times“, so verteidigt man die Pressefreiheit! In allem sind wir Weltspitze, sogar im Umgang mit Diktatoren.

Der Schönheitsfehler des Exzeptionalismus ist, dass er einen einsam macht. Leider schaffen es nur wenige, den hohen Ansprüchen gerecht zu werden, das gilt für Menschen wie für Nationen. Wenn wir uns umsehen in Europa, müssen wir erkennen, dass wir vor allem von Ländern umgeben sind, die bedenklich hinterherhinken. Ungarn, Polen, Österreich, England – sie alle sind weit davon entfernt, so ökologisch, offen, weiblich und föderal zu sein wie wir.

Wenn die Geschichte eines lehrt, dann, dass Vorbildern nicht Dank, sondern oft Unverständnis und Abneigung entgegenschlägt. Aber damit kennen wir uns ja aus, das müssen wir dann eben wieder ertragen.

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