Kategorie-Archiv: Psychoanalyse

Stefan Zweig: Über die Psychoanalyse von Sigmund Freud

Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter: der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiet in seine Seelenlehre hinübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten … Stünde einmal wie für die übrigen Reiche der Natur ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassifizierte, wie sehr würde man erstaunen …

Schiller

Situation der Jahrhundertwende

Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? Das wurde für mich immer mehr der eigentliche Wertmesser. Irrtum (– der Glaube ans Ideal –) ist nicht Blindheit, Irrtum ist Feigheit … Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntnis folgt aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich.

Nietzsche

Das sicherste Maß jeder Kraft ist der Widerstand, den sie überwindet. So wird die umstürzende und wiederaufbauende Tat Sigmund Freuds erst voll erkenntlich in ihrer Gegenstellung zur seelischen Situation der Vorkriegsanschauung – oder vielmehr Nichtanschauung – der menschlichen Triebwelt. Heute zirkulieren längst Freudische Gedanken – vor zwanzig Jahren noch Blasphemie und Ketzerei – völlig flüssig im Blut der Zeit und der Sprache; dermaßen selbstverständlich erscheinen die von ihm geprägten Formeln, daß es eigentlich größerer Anstrengung bedarf, sie wieder wegzudenken als sie mitzudenken. Gerade also weil unser zwanzigstes Jahrhundert nicht mehr begreifen kann, weshalb das neunzehnte sich so erbittert gegen die längst fällige Aufdeckung der seelischen Triebkräfte wehrte, tut es not, die Einstellung jener Generation in psychologischen Dingen zurückzubelichten und die lächerliche Mumie der Vorkriegssittlichkeit noch einmal aus ihrem Sarge zu holen.

Mit der Verachtung jener Moral – unsere Jugend hat zu heftig an ihr gelitten, als daß wir sie nicht inbrünstig haßten! – sei an sich nichts gegen den Begriff der Moral und seiner Notwendigkeit gesagt. Jede Menschengemeinschaft, ob religiös oder volkshaft verbunden, sieht sich um ihrer Selbstbehauptung willen gezwungen, die aggressiven, die sexuellen, die anarchischen Tendenzen des einzelnen zurückzudrängen, sie abzustauen und überzuführen hinter jene Dämme, die man Sitte und Satzung nennt. Selbstverständlich auch, daß jede dieser Gruppen sich besondere Normen und Formen der Sitte schafft: von der Urhorde bis zum elektrischen Jahrhundert hat jede Gemeinschaft sich um die Rückdrängung der Ur-Instinkte mit andersartigen Methoden gemüht. Harte Zivilisationen übten harte Gewalt: die lazedämonische, die urjüdische, die kalvinistische, die puritanische Epoche suchen den panischen Lustwillen der Menschheit mit dem roten Eisen auszubrennen. Aber grausam in ihren Geboten und Verboten, dienten solche drakonische Zeitläufte immerhin noch der Logik einer Idee. Und jede Idee, jeder Glaube heiligt bis zu einem gewissen Grade die für ihn eingesetzte Gewalt. Wenn das Spartanertum Zucht bis zur Unmenschlichkeit fordert, geschieht es im Sinne der Züchtung der Rasse, eines männlichen, kriegstüchtigen Geschlechts: seinem Ideal der Polis, der Gemeinschaft, mußte freischweifende Sinnlichkeit als Kraftdiebstahl am Staate gelten. Das Christentum wiederum bekämpft die fleischliche Neigung des Menschen um der Vergeistigung, um der Seelenrettung der allzeit irrenden Natur willen. Gerade weil die Kirche, weiseste Psychologin, die Blutleidenschaft des ewig adamitischen Menschen kennt, setzt sie ihr Geistleidenschaft als Ideal gewalttätig entgegen; in Scheiterhaufen und Kerkern zerstört sie den Hochmut des Eigenwillens, um der Seele in ihre höhere Heimat zurückzuhelfen – harte Logik dies, aber Logik immerhin. Hier und überall entwächst Handhabung des moralischen Gesetzes noch dem Stamm einer gefestigten Weltanschauung. Sittlichkeit erscheint als sinnliche Form einer übersinnlichen Idee.

In wessen Namen aber, im Dienste welcher Idee fordert das längst nur noch scheinfromme neunzehnte Jahrhundert überhaupt noch eine kodifizierte Sittlichkeit? Selber genießerisch, grob materiell und geldverdienerisch, ohne einen Schatten der großen geschlossenen Gläubigkeit früherer frommer Jahrhunderte, Anwalt der Demokratie und der Menschenrechte, kann es seinen Bürgern das Recht auf freien Genuß gar nicht mehr ernsthaft verbieten wollen. Wer einmal Toleranz als Flagge auf dem First der Kultur gehißt, besitzt kein Herrenrecht mehr, sich in die Moralauffassung des Individuums einzumengen. In der Tat bemüht sich auch der neuzeitliche Staat bei seinen Untertanen keineswegs mehr um eine ehrliche innerliche Versittlichung wie einstens die Kirche; einzig das Gesellschaftsgesetz verlangt die Aufrechterhaltung einer äußern Konvention. Nicht ein wirklicher Moralismus also wird gefordert, ein Sittlichsein, sondern bloß ein Sichmoralischverhalten, ein Tun aller vor allen »als ob«. Inwieweit der einzelne dann wirklich sittlich handelt, bleibt seine Privatangelegenheit: er darf sich nur nicht bei einem Verstoß gegen die Schicklichkeit ertappen lassen. Es mag allerhand, sogar sehr viel geschehen, aber es darf nicht davon gesprochen werden. In strengem Sinn kann man also sagen: die Sittlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts geht an das eigentliche Problem gar nicht heran. Sie weicht ihm aus und beschränkt ihren ganzen Kraftaufwand auf dieses Darüberhinwegsehn. Einzig mit diesem törichten Unvernunftsschluß, wenn man etwas verdecke, sei es nicht mehr vorhanden, hat sich die Zivilisationsmoral durch drei oder vier Generationen allen Sitten- und Sexualproblemen gegenübergestellt oder vielmehr entzogen. Und das grimmige Scherzwort erhellt am sinnlichsten die tatsächliche Situation: nicht Kant habe sittlich das neunzehnte Jahrhundert beherrscht, sondern der »cant« (franz. Heuchler Anm.JSB).

Wie aber konnte ein so hellsichtiges, vernünftiges Zeitalter sich in eine derart unwahrhaftige und unhaltbare Psychologie verirren? Wie ein Jahrhundert der großen Entdeckungen, der technischen Vollendungen seine Moral zu einem dermaßen durchsichtigen Taschenspielertrick herabwürdigen? Die Antwort ist einfach: eben aus diesem Stolz auf seine Vernunft. Eben aus dem Hochmut seiner Kultur, aus jenem überspannten Zivilisationsoptimismus. Durch die ungeahnten Fortschritte seiner Wissenschaft war das neunzehnte Jahrhundert in eine Art Vernunftrausch geraten. Alles schien sich ja dem Imperium des Intellekts sklavisch zu unterwerfen. Jeder Tag, jede Weltstunde meldete neue Siege der Geisteswissenschaften; immer neue widerspenstige Elemente des irdischen Raums und der Zeit wurden gebändigt, Höhen und Tiefen öffneten ihr Geheimnis der planhaften Neugier des bewaffneten Menschenblicks, überall wich die Anarchie der Organisation, das Chaos dem Willen rechnerischen Geistes. Sollte da die irdische Vernunft wirklich nicht imstande sein, der anarchischen Instinkte im eigenen Blut Herr zu werden, das zuchtlose Gesindel der Triebe leichthin zu Paaren zu treiben? Die Hauptarbeit in dieser Hinsicht sei ja längst geleistet, und was noch ab und zu dem modernen, dem »gebildeten« Menschen im Blute flamme, das wären nichts als matte kraftlose Blitze eines abziehenden Gewitters, verendende Zuckungen der alten, schon im Absterben befindlichen Tierbestialität. Aber nur ein paar Jahre noch, ein paar Jahrzehnte, und eine Menschheit, die vom Kannibalismus bis zur Humanität und zum sozialen Gefühl sich so herrlich emporerzogen, werde auch noch diese letzten trüben Schlacken in ihren ethischen Feuern läutern und aufzehren: darum tue es gar nicht not, ihre Existenz überhaupt zu erwähnen. Nur nicht die Menschen auf das Geschlechtliche aufmerksam machen, und sie werden vergessen. Nur die uralte, hinter den Eisenstäben der Sitte eingekerkerte Bestie nicht mit Reden reizen, nicht mit Fragen füttern, und sie wird schon zahm werden. Nur rasch, mit abgewendetem Blick überall an allem Peinlichen vorübergehen, immer so tun, als ob nichts vorhanden wäre: das ist das ganze Sittlichkeitsgesetz des neunzehnten Jahrhunderts.

Für diesen konzentrischen Feldzug gegen die Aufrichtigkeit rüstet der Staat alle von ihm abhängigen Mächte einheitlich aus. Alle, Kunst und Wissenschaft, Sitte, Familie, Kirche, Schule und Hochschule empfangen die gleiche Kriegsinstruktion: jeder Auseinandersetzung ausweichen, den Gegner nicht angehen, sondern in weitem Bogen umgehen, niemals sich in wirkliche Diskussion einlassen. Niemals mit Argumenten kämpfen, nur mit Schweigen, immer nur boykottieren und ignorieren. Und wunderbar folgsam dieser Taktik, haben sämtliche geistige Mächte und Knechte der Kultur sich wacker an dem Problem vorbeigeheuchelt. Ein Jahrhundert lang wird innerhalb Europas die sexuelle Frage unter Quarantäne gesetzt. Sie wird weder verneint noch bejaht, weder aufgeworfen noch gelöst, sondern ganz im stillen hinter eine spanische Wand geschoben. Eine ungeheure Armee von Wächtern, uniformiert als Lehrer, Erzieher, Pastoren, Zensoren und Gouvernanten, wird aufgestellt, um eine Jugend von ihrer Unbefangenheit und Körperfreude abzuzäunen. Kein freier Luftzug darf ihre Leiber, keine offene Rede und Aufklärung ihre keuschen Seelen berühren. Und während vordem und überall bei jedem gesunden Volk, in jeder normalen Epoche, der mannbar gewordene Knabe in die Erwachsenheit eintritt wie in ein Fest, während in der griechischen, der römischen, der jüdischen Kultur und sogar in jeder Unkultur der Dreizehnjährige, der Vierzehnjährige redlich aufgenommen wird in die Gemeinschaft der Wissenden, Mann unter Männern, Krieger unter Kriegern, sperrt ihn hier eine gottgeschlagene Pädagogie künstlich und widernatürlich von allen Offenheiten aus. Niemand spricht vor ihm frei und spricht ihn damit frei. Was er weiß, kann er nur in Hurengassen oder im Flüsterton von älteren Kameraden erfahren. Und da jeder diese Wissenschaft der natürlichsten Natürlichkeiten wieder nur flüsternd weiterzugeben wagt, so dient unbewußt jeder neu Heranwachsende der Kulturheuchelei als neuer Helfer.

Konsequenz dieses hundert Jahre beharrlich fortgesetzten Sichverbergens und Sichnichtaussprechens aller gegen alle: ein beispielloser Tiefstand der Psychologie inmitten einer geistig überragenden Kultur. Denn wie könnte sich gründliche Seeleneinsicht entwickeln ohne Offenheit und Ehrlichkeit, wie Klarheit sich verbreiten, wenn gerade diejenigen, die berufen wären, Wissen zu vermitteln, wenn die Lehrer, die Pastoren, die Künstler, die Gelehrten selber Kulturheuchler oder Unbelehrte sind? Unwissenheit aber erzeugt immer Härte. So wird ein mitleidsloses, weil ahnungsloses Pädagogengeschlecht gegen die Jugend entsandt, das in den Kinderseelen durch die ewige Befehlshaberei, »moralisch« zu sein und »sich zu beherrschen«, unheilbaren Schaden anrichtet. Halbwüchsige Jungen, die unter dem Druck der Pubertät, ohne Kenntnis der Frau die dem Knabenkörper einzig mögliche Entlastung suchen, werden von diesen »aufgeklärten« Mentoren seelengefährlich mit der weisen Warnung verwundet, daß sie ein fürchterliches gesundheitszerstörendes »Laster« üben und so gewaltsam in ein Minderwertigkeitsgefühl, ein mystisches Schuldbewußtsein gedrängt. Studenten auf der Universität (ich habe es selbst noch erlebt) bekommen von jener Art Professoren, die man damals mit dem blümeranten Wort »gewiegte Pädagogen« zu bezeichnen liebte, Merkblätter zugeteilt, aus denen sie erfahren, daß jede sexuelle Erkrankung ausnahmslos »unheilbar« sei. Mit solchen Kanonen feuert der Moralkoller von damals rücksichtslos gegen die Nerven. Mit solchen eisenbeschlagenen Bauernstiefeln trampelt die pädagogische Ethik in der Welt der Halbwüchsigen herum. Kein Wunder, daß dank dieser planhaften Aufzüchtung von Angst in noch unsicheren Seelen jeden Augenblick ein Revolver kracht, kein Wunder, daß durch diese gewalttätigen Zurückdrängungen das innere Gleichgewicht Unzähliger erschüttert und jener Typus von Neurasthenikern serienweise erschaffen wird, die ihre Knabenängste als rückgestaute Hemmungen ein Leben lang mit sich herumtragen. Unberaten irren Tausende solcher von der Verheuchlungsmoral Verstümmelter von Arzt zu Arzt. Aber da damals die Mediziner diese Krankheiten nicht an der Wurzel aufzugraben wissen, nämlich im Geschlechtlichen, und die Seelenkunde der vorfreudischen Epoche sich aus ethischer Wohlerzogenheit nie in diese verschwiegenen, weil verschwiegenbleiben-sollenden Reviere wagt, stehen auch die Neurologen völlig ratlos vor solchen Grenzfällen. Aus Verlegenheit schicken sie alle Seelenverstörten als noch nicht reif für Klinik oder Narrenhaus in Wasserheilanstalten. Man füttert sie mit Brom und kämmt ihnen die Haut mit elektrischen Vibrationen, aber niemand wagt sich an die wirklichen Ursächlichkeiten heran.

Noch ärger hetzt der Unverstand hinter den abnorm Veranlagten her. Von der Wissenschaft als ethisch Minderwertige, als erblich Belastete gebrandmarkt, vom Staatsgesetz als Verbrecher, schleppen sie, hinter sich die Erpresser, vor sich das Gefängnis, ihr mörderisches Geheimnis ein Leben lang als unsichtbares Joch mit sich herum. Bei niemandem können sie Rat, bei niemandem Hilfe finden. Denn würde sich in der vorfreudischen Zeit ein homosexuell Veranlagter an den Arzt wenden, so würde der Herr Medizinalrat entrüstet die Stirn runzeln, daß der Patient wage, ihn mit solchen »Schweinereien« zu belästigen. Derlei Privatissima gehörten nicht ins Ordinationszimmer. Aber wohin gehören sie? Wohin gehört der in seinem Gefühlsleben verstörte oder abwegige Mensch, welche Tür öffnet sich diesen Millionen zur Beratung, zur Befreiung? Die Universitäten weichen aus, die Richter klammern sich an die Paragraphen, die Philosophen (mit Ausnahme des einen tapfern Schopenhauer) ziehen vor, diese allen frühern Kulturwelten durchaus selbstverständlichen Abweichungsformen des Eros in ihrem Kosmos überhaupt nicht zu bemerken, die Öffentlichkeit drückt die Augen krampfhaft zu und erklärt alles Peinliche als indiskutabel. Nur kein Wort davon in die Zeitung, in die Literatur, nur keine Diskussion innerhalb der Wissenschaft: die Polizei ist informiert, das genügt. Daß dann in der raffinierten Gummizelle dieser Geheimtuerei hunderttausend Eingekerkerte toben, ist dem hochmoralischen und toleranten Jahrhundert ebenso bekannt wie gleichgültig – wichtig nur, daß kein Schrei nach außen dringt, daß jener selbstfabrizierte Heiligenschein der Kultur, der sittlichsten aller Welten, vor der Welt gewahrt bleibt. Denn der moralische Schein ist jener Epoche wichtiger als das menschliche Sein.

Ein ganzes, ein entsetzlich langes Jahrhundert beherrscht diese feige Verschwörung des »sittlichen« Schweigens Europa. Da plötzlich durchbricht es eine einzelne Stimme. Ohne jede umstürzlerische Absicht erhebt sich eines Tages ein junger Arzt im Kreise seiner Kollegen und spricht, ausgehend von seinen Untersuchungen über das Wesen der Hysterie, von den Störungen und Stauungen der Triebwelt und ihrer möglichen Freilegung. Er gebraucht keine großen pathetischen Gesten, er verkündet nicht aufgeregt, es sei Zeit, die Moralanschauung auf eine neue Grundlage zu stellen, die Geschlechtsfrage frei zu erörtern, – nein, dieser junge, strengsachliche Arzt spielt keineswegs den Kulturprediger im akademischen Kreise. Er hält ausschließlich einen diagnostischen Vortrag über Psychosen und ihre Ursächlichkeiten. Aber gerade die unbefangene Selbstverständlichkeit, mit der er feststellt, daß viele, ja sogar eigentlich alle Neurosen von Unterdrückungen sexuellen Begehrens ihren Ausgang nehmen, erregt aschgraues Entsetzen im Kreise der Kollegen. Nicht etwa, daß sie diese Ätiologie für falsch erklärten – im Gegenteil, die meisten von ihnen haben derlei oft schon geahnt oder erfahren, ihnen allen ist privatim die Wichtigkeit des Sexus für die Gesamtkonstitution wohl bewußt. Aber doch, als Gefühlsangehörige ihrer Zeit, als Hörige der Zivilisationsmoral fühlen sie sich sofort von diesem offenen Hinweis auf eine wasserhelle Tatsache dermaßen verletzt, als wäre dieser diagnostische Fingerzeig selbst schon eine unanständige Geste. Verlegen blicken sie einander an – weiß denn dieser junge Dozent nicht um die ungeschriebene Vereinbarung, daß man über derlei heikle Dinge nicht spricht, am wenigsten in einer öffentlichen Sitzung der hochansehnlichen »Gesellschaft der Ärzte«? Über das Kapitel der Sexualia – diese Konvention sollte der Neuling doch kennen und achten – verständigt man sich unter Kollegen mit Augenzwinkern, man spaßt darüber am Tarocktisch, aber man bringt solche Thesen im neunzehnten Jahrhundert, in einem so kultivierten Jahrhundert, doch nicht vor ein akademisches Forum. Schon das erste öffentliche Auftreten Sigmund Freuds – die Szene hat sich tatsächlich ereignet – wirkt im Kreise seiner Fakultätskollegen wie ein Pistolenschuß in der Kirche. Und die Wohlmeinenden unter den Kollegen lassen ihn sofort merken, er täte schon um seiner akademischen Karriere willen gut, von diesen peinlichen und unreinlichen Untersuchungen in Zukunft lieber abzulassen. Das führe zu nichts oder wenigstens zu nichts, was zur öffentlichen Erörterung tauge.

Aber Freud ist es nicht um Anstand zu tun, sondern um Aufrichtigkeit. Er hat eine Spur gefunden und geht ihr nach. Und gerade das Aufzucken belehrt ihn, daß er unbewußt eine kranke Stelle gepackt, daß er gleich mit dem ersten Griff ganz nah heran an den Nerv des Problems gekommen ist. Er hält fest. Er läßt sich nicht abschrecken, weder von den gutgemeinten Warnungen der altern und brav wohlwollenden Kollegen noch vom Wehklagen einer beleidigten Moral, die nicht gewohnt ist, so brüsk in puncto puncti angefaßt zu werden. Mit jener hartnäckigen Unerschrockenheit, mit jenem menschlichen Mut und jener intuitiven Kraft, die zusammen sein Genie bilden, läßt er nicht ab, gerade an der allerempfindlichsten Stelle fester und fester zuzudrücken, bis endlich das Geschwür dieses Schweigens platzt, bis die Wunde freigelegt ist und man die Heilung beginnen kann. Noch ahnt bei seinem ersten Vorstoß ins Unbekannte dieser einsame Arzt nicht, wieviel er in diesem Dunkel finden wird. Er spürt nur Tiefe, und immer zieht die Tiefe magnetisch den schöpferischen Geist an sich.

Daß gleich diese erste Begegnung Freuds mit seiner Generation trotz der scheinbaren Geringfügigkeit des Anlasses zum Zusammenstoß wurde, ist Symbol und keine Zufälligkeit. Denn nicht bloß eine beleidigte Prüderie, eine angewöhnte Moralitätswürde nimmt hier Ärgernis an einer einzelnen Theorie: nein, hier spürt sofort mit der nervösen Hellsichtigkeit des Bedrohten die abgelebte Verschweigemethode einen wirklichen Widerpart. Nicht wie Freud an diese Sphäre, sondern daß er überhaupt an sie rührt und zu rühren wagt, bedeutet schon Kampfansage zu einer Entscheidungsschlacht. Denn hier geht es vom ersten Augenblick an nicht um Verbesserungen, sondern um völlige Umstellung. Nicht um Lehrsätze, sondern um Grundsätze. Nicht um Einzelheiten, sondern um das Ganze. Stirn an Stirn stehen sich zwei Denkformen, zwei Methoden gegenüber von so senkrechter Verschiedenheit, daß es zwischen ihnen eine Verständigung weder gibt noch jemals geben kann. Die alte, die vorfreudische Psychologie, eingebettet in die Ideologie von der Übermacht des Gehirns über das Blut, fordert vom einzelnen, vom gebildeten zivilisierten Menschen, er solle seine Triebe durch die Vernunft unterdrücken. Freud antwortet grob und klar: Triebe lassen sich überhaupt nicht unterdrücken, und es sei oberflächlich, anzunehmen, sie wären, wenn man sie unterdrücke, fort und aus der Welt verschwunden. Man könne Triebe bestenfalls zurückdrücken aus dem Bewußten ins Unbewußte. Aber dann stauen sie sich, gefährlich verkrümmt, in diesem Seelenraum und erzeugen durch ihre ständige Gärung nervöse Unruhe, Verstörung und Krankheit. Völlig illusionslos, fortschrittsungläubig, rücksichtslos und radikal, stellt Freud fest, daß die von der Moral geächteten Triebkräfte der Libido einen unzerstörbaren Teil des Menschen bilden, der mit jedem Embryo neu geboren werde, ein Kraftelement, das man niemals beseitigen könne, sondern bestenfalls durch Hinüberführung ins Bewußtsein zu ungefährlicher Tätigkeit umschalten. Gerade das also, was die alte Gesellschaftsethik für die Erzgefahr erklärte, die Bewußtmachung, betrachtet Freud als heilsam, gerade was jene als heilsam empfand, die Unterdrückung, beweist er als gefährlich. Wo die alte Methode Zudecken übte, fordert er Aufdecken. Statt des Ignorierens ein Identifizieren. Statt des Aus-dem-Wege-Gehens das Eingehen. Statt des Vorbeisehens ein Tiefhineinsehen. Statt der Vermäntelung die Entblößung. Triebe kann nur zügeln, wer sie erkennt, die Dämonen nur derjenige bändigen, der sie aus ihrer Tiefe holt und ihnen frei ins Auge blickt. Medizin hat mit Moral und Scham so wenig zu tun wie mit Ästhetik oder Philologie, ihre wichtigste Aufgabe ist nicht, das Geheimste des Menschen zum Schweigen, sondern im Gegenteil, es endlich zum Sprechen zu bringen. Ohne jede Rücksicht auf den Bemäntelungswillen des Jahrhunderts, wirft Freud diese Probleme des Selbsterkennens und Selbstbekennens des Verdrängten und Unbewußten in die Mitte der Zeit. Und damit beginnt er nicht nur die Kur an zahllosen einzelnen, sondern auch an der ganzen moralkranken Epoche durch Überführung ihres unterdrückten Grundkonflikts aus der Verheuchelung in die Wissenschaft.

Diese neugeforderte Methode Freuds hat nicht nur die Anschauung unserer Individualseele umgeschaffen, sondern alle Grundfragen unserer Kultur und ihre Genealogie in eine andere Richtung gewiesen. Jeder begeht darum grobe Herabsetzung und flachgeistigen Irrtum, der die Leistung Freuds noch immer von 1890 her als bloß medizinische Angelegenheit bewerten will, denn er verwechselt bewußt oder unbewußt den Ausgangspunkt mit dem Ziel. Daß Freud die chinesische Mauer der alten Seelenkunde zufällig von der ärztlichen Seite her durchstieß, ist historisch zwar richtig, aber nicht wichtig für seine Leistung. Denn nie entscheidet bei einem schöpferischen Menschen, von wo er ausgegangen, sondern einzig, wohin und wie weit er gelangt ist. Freud kam von der Medizin nicht anders als Pascal von der Mathematik und Nietzsche von der Altphilologie. Zweifellos, dieser Ursprung gibt seinem Werk eine gewisse Färbung, aber er bestimmt und begrenzt nicht seine Größe. Denn es wäre nachgerade heute, im fünfundsiebzigsten Jahre seines Lebens, Zeit, zu bemerken, daß sein Werk und Wert sich längst nicht mehr auf die Nebensächlichkeit gründet, ob alljährlich durch die Psychoanalyse ein Schock Neurotiker mehr oder weniger geheilt werden, längst auch nicht mehr auf einzelne seiner theoretischen Glaubensartikel und Hypothesen. Ob die Libido sexuell »besetzt« ist oder nicht, ob der Kastrationskomplex und die narzißtische Einstellung und, ich weiß nicht, welche kodifizierten Glaubensartikel für die Ewigkeit kanonisiert werden sollen oder nicht, all das ist längst Theologengezänk von Privatdozenten geworden und völlig belanglos für jene überdauernde geisteshistorische Entscheidung, die Freud mit seiner Entdeckung der seelischen Dynamik und seiner neuen Fragetechnik für unsere Welt erzwungen hat. Hier hat ein Mann mit schöpferischem Blick die innere Sphäre umgestaltet, und daß es dabei tatsächlich um ein Umstürzen ging, daß sein »Wahrheitssadismus« eine Weltanschauungsrevolution aller seelischen Fragen hervorgerufen hat –, dieses Gefährliche seiner Lehre (nämlich ihnen gefährliche) haben als erste die Vertreter der absterbenden Generation erkannt; sofort merkten sie alle mit Schrecken, die Illusionisten, die Optimisten, die Idealisten, die Anwälte der Scham und der guten alten Moral: hier tritt ein Mann ans Werk, der an allen Warnungstafeln vorübergeht, den kein Tabu schreckt und kein Widerspruch verschüchtert, ein Mann, dem tatsächlich nichts »heilig« ist. Instinktiv haben sie gefühlt, daß knapp nach Nietzsche, dem Antichrist, mit Freud ein zweiter, großer Zerstörer der alten Tafeln gekommen ist, der Antiillusionist, einer der alle Vordergründe mit unbarmherzigem Röntgenblick durchleuchtet, der hinter der Libido den Sexus, hinter dem unschuldigen Kinde den Urmenschen, im trauten Beisammensein der Familie uralte gefährliche Spannungen zwischen Vater und Sohn und in den arglosesten Träumen die heißen Wallungen des Blutes entdeckt. Ein solcher Mensch, der in ihren höchsten Heiligtümern, Kultur, Zivilisation, Humanität, Moral und Fortschritt nichts anderes sieht als Wunschträume, wird er nicht – so quält sie ein unbequemes Ahnen schon vom ersten Augenblick an – mit seiner grausamen Sondierung vielleicht noch weiter gehen? Wird nicht dieser Bilderstürmer seine schamlose analytische Technik von der Einzelseele schließlich noch auf die Massenseele übertragen? Am Ende gar die Fundamente der Staatsmoral und die so mühsam zusammengeleimten Komplexe der Familie mit seinem Hammer beklopfen und das Vaterlandsgefühl und sogar das religiöse mit seinen furchtbar fressenden Säuren zersetzen? Tatsächlich, der Instinkt der absterbenden Vorkriegswelt hat richtig gesehen: der unbedingte Mut, die geistige Unerschrockenheit Freuds hat nirgendwo und nirgends Halt gemacht. Gleichgültig gegen Einspruch und Eifersucht, gegen Lärm und Stille, hat er mit der planenden unerschütterlichen Geduld eines Handwerkers seinen archimedischen Hebel weiter und weiter vervollkommnet, bis er ihn schließlich gegen das Weltall ansetzen konnte. Im siebzigsten Jahre seines Lebens hat Freud schließlich noch jenes letzte unternommen, seine am Individuum erprobte Methode an der ganzen Menschheit und sogar an Gott zu versuchen. Er hat den Mut gehabt, weiter und weiter zu gehen, bis ins letzte Nihil und Nichts jenseits der Illusionen, in jenes großartig Grenzenlose, wo es keinen Glauben mehr gibt, keine Hoffnungen und Träume, nicht einmal jene vom Himmel oder von einem Sinn und einer Aufgabe der Menschheit.

Sigmund Freud hat die Menschheit – herrliche Tat eines einzelnen Menschen – klarer über sich selbst gemacht: ich sage klarer, nicht glücklicher. Er hat einer ganzen Generation das Weltbild vertieft: ich sage vertieft und nicht verschönert. Denn das Radikale beglückt niemals, es bringt nur Entscheidungen. Aber es gehört nicht zur Aufgabe der Wissenschaft, das ewige Kinderherz der Menschheit in immer neue beschwichtigende Träumereien einzuwiegen; ihre Sendung ist, die Menschen zu lehren, gerade und gerecht auf unserer harten Erde zu gehen. An dieser unerläßlichen Arbeit hat Sigmund Freud sein vorbildliches Teil getan: im Werke ist seine Härte zu Stärke, seine Strenge unbeugsames Gesetz geworden. Niemals hat Freud um der Tröstung willen dem Menschen einen Ausweg ins Behagliche gezeigt, eine Flucht in irdische oder himmlische Himmelreiche, immer nur den Weg in sich hinein, den gefährlichen Weg in die eigne Tiefe. Seine Einsicht ist ohne Nachsicht gewesen: nicht um einen Zoll hat seine Denkart den Menschen das Leben leichter gemacht. Wie ein Nordwind scharf und schneidend, hat sein Einbruch in eine dumpfe Atmosphäre viele goldene Nebel und rosige Wolken des Gefühls zerblasen, aber vor den gereinigten Horizonten liegt nun ein neuer Ausblick ins Geistige klar. Mit andern Augen, freier, wissender und ehrlicher sieht eine neue Generation dank seiner Leistung in eine neue Zeit. Daß die gefährliche Psychose der Heuchelei, die ein Jahrhundert lang die europäische Sitte eingeschüchtert hat, endgültig gewichen ist, daß wir gelernt haben, ohne falsche Scham in unser Leben hineinzuschauen, daß uns Wörter wie »Laster« und »Schuld« ein Grauen erwecken, daß die Richter, über die Triebübermächtigkeit der menschlichen Natur belehrt, manchmal mit Schuldsprüchen zögern, daß die Lehrer heute Natürliches schon mit Natürlichkeit nehmen und die Familie Offenes mit Offenheit, daß in die Sittlichkeitsauffassung mehr Aufrichtigkeit gekommen ist und mehr Kameradschaft in die Jugend, daß sich die Frauen freier zu ihrem Willen und ihrem Geschlecht bekennen, daß wir die Einmaligkeit jedes Einzelwesens zu achten gelernt haben und das Geheimnis in unserem eigenen geistigen Wesen schöpferisch zu begreifen – all diese Elemente besseren und sittlicheren Geradegewachsenseins danken wir und unsere neue Welt in erster Linie diesem einen Manne, der den Mut hatte, zu wissen, was er wußte, und den dreifachen Mut, dies sein Wissen einer unwilligen und feige sich wehrenden Zeitmoral aufzuzwingen. Manche Einzelheiten seiner Leistung mögen bestreitbar sein, aber was zählt das einzelne! Gedanken leben ebenso von der Bestätigung wie vom Widerspruch, ein Werk nicht minder von der Liebe wie vom Haß, den es erregt. Ins Lebendige überzugehen, bedeutet den einzig entscheidenden Sieg einer Idee und den einzigen auch, den wir heute noch zu ehren bereit sind. Denn nichts erhebt in unserer Zeit schwankender Gerechtigkeit so sehr den Glauben an die Übermacht des Geistigen wie das atmend erlebte Beispiel, daß es immer wieder genügt, wenn ein einziger Mensch den Mut zur Wahrheit hat, um die Wahrhaftigkeit innerhalb des ganzen Weltalls zu vermehren.

Charakterbildnis

Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität.

Boerne

Die strenge Tür eines Wiener Miethauses verschließt seit einem halben Jahrhundert Sigmund Freuds Privatleben: beinahe wäre man versucht zu sagen, er habe überhaupt keines gehabt, so bescheiden hintergründig verläuft seine persönliche Existenz. Siebzig Jahre in der gleichen Stadt, mehr als vierzig Jahre in dem gleichen Haus. Dort wieder die Ordination in demselben Räume, die Lektüre auf demselben Sessel, die literarische Arbeit vor demselben Schreibtisch. Pater familias von sechs Kindern, persönlich völlig bedürfnislos, ohne andere Passionen als die des Berufs und der Berufung. Kein Gran seiner gleichzeitig sparsamen und verschwenderisch ausgewerteten Zeit jemals vertan an eitles Sichzeigen, an Ämter und Würden, niemals ein agitatorisches Vortreten des schöpferischen Menschen vor das geschaffene Werk: bei diesem Manne unterwirft sich der Lebensrhythmus völlig und einzig dem pausenlosen, gleichmäßig und geduldig strömenden Rhythmus der Arbeit. Jede Woche der tausend und aber tausend seiner fünfundsiebzig Jahre umschreibt den gleichen runden Kreis geschlossener Tätigkeit, jeder Tag verläuft zwillingshaft ähnlich dem andern: in seiner akademischen Zeit einmal in der Woche Vorlesung an der Universität, immer einmal am Mittwoch abends nach sokratischer Methode ein geistiges Symposion in der Runde der Schüler, einmal am Samstagnachmittag eine Kartenpartie – sonst nur von morgens bis abends, oder vielmehr bis spät in die Mitternacht, jede Minute bis zur letzten Sekunde ausgenützt für Analyse, Behandlung, Studium, Lektüre und gelehrte Gestaltung. Dieser unerbittliche Arbeitskalender kennt kein leeres Blatt, der weitgespannte Tag Freuds innerhalb eines halben Jahrhunderts keine ungeistig verbrachte Stunde. Ständiges Tätigsein ist diesem immer motorischen Hirn so selbstverständlich, wie dem Herzen der blutumschaltende Schlag; Arbeit erscheint bei Freud nicht als willensunterworfenes Tun, sondern durchaus als natürliche, als ständige und strömende Funktion. Eben aber diese Pausenlosigkeit der Wachheit und Wachsamkeit ist zugleich das Erstaunlichste seiner geistigen Erscheinung: hier wird Normalität zum Phänomen. Seit vierzig Jahren nimmt Freud täglich acht, neun, zehn, manchmal sogar elf Analysen vor, das will sagen: neun-, zehn-, elfmal konzentriert er je eine ganze Stunde lang sich mit äußerster, mit einer beinahe bebenden Spannung in einen Fremden hinein, behorcht und wägt jedes Wort, während gleichzeitig sein nie versagendes Gedächtnis die Aussagen dieser Psychoanalyse mit jenen aller früheren Sitzungen vergleicht. Er lebt also ganz innen in dieser fremden Persönlichkeit, während er sie gleichzeitig von außen seelendiagnostisch betrachtet. Und mit einem Ruck muß er sich sofort am Ende der Stunde aus diesem einen in einen andern Menschen, den nächsten Patienten, umstellen, achtmal, neunmal an einem Tage, – hundert und aber hundert Schicksale also ohne Notizen und Erinnerungshilfen in sich gesondert bewahrend und bis in die feinsten Verästelungen überschauend. Eine so ständig sich umschaltende Arbeitsumformung erfordert eine geistige Wachheit, eine seelische Bereitschaft und Nervenspannung, der ein anderer nach zwei oder drei Stunden nicht mehr gewachsen wäre. Aber die erstaunliche Vitalität Freuds, diese seine Überkraft innerhalb der geistigen Kraft, kennt kein Erschlaffen und Ermüden. Ist spät abends die analytische Tätigkeit, der Neun- oder Zehnstundendienst am Menschen beendet, dann erst beginnt die denkerische Ausgestaltung der Resultate, jene Arbeit, welche die Welt für seine einzige hält. Und all diese riesenhafte, diese pausenlose an Tausenden von Menschen praktisch wirkende und zu Millionen von Menschen fortwirkende Leistung geschieht ein halbes Jahrhundert lang ohne Helfer, ohne Sekretär, ohne Assistenten; jeder Brief ist mit der eigenen Hand geschrieben, jede Untersuchung allein zu Ende geführt, jedes Werk allein zur Form gestaltet. Nur diese grandiose Gleichmäßigkeit der schöpferischen Kraft verrät hinter der banalen Außenfläche seines Daseins die wahrhafte Dämonie. Erst aus der Sphäre des Geschaffenen enthüllt dies anscheinend normale Leben seine Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit.

Ein solches nie versagendes, innerhalb von Jahrzehnten nie aussetzendes und abweichendes Präzisionsinstrument der Arbeit ist nur denkbar bei vollendetstem stofflichen Material. Wie bei Händel, bei Rubens und Balzac, den gleichfalls strömend Schaffenden, stammt bei Freud das geistige Übermaß aus einer urgesunden Natur. Dieser große Arzt war bis zu seinem siebzigsten Jahre niemals ernstlich krank, dieser feinste Beobachter des Nervenspiels niemals nervös, dieser hellsichtige Durchforscher aller Seelenabnormitäten, dieser vielverschrieene Sexualist in allen seinen persönlichen Lebensäußerungen ein Leben lang unheimlich einlinig und gesund. Von eigener Erfahrung her kennt dieser Körper nicht einmal die gewöhnlichsten, die alltäglichsten Störungen geistiger Arbeit und fast nie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Jahrzehntelang hat Freud nie einen ärztlichen Kollegen zu Rate ziehen, nie eine einzige Stunde wegen Unpäßlichkeit absagen müssen – erst im patriarchalischen Alter versucht eine tückische Krankheit diese geradezu polykratische Gesundheit zu brechen. Aber vergebens! Sofort und völlig unvermindert setzt mit kaum vernarbter Wunde die alte Tatkraft wieder ein. Gesundsein ist für Freud identisch mit Atmen, Wachsein mit Arbeiten, Schaffen mit Leben. Und genau so intensiv und dicht wie seine Spannung bei Tag, so vollkommen ist bei diesem eisern gehämmerten Körper die Entspannung in der Nacht. Ein kurzer, aber fest in sich geschlossener Schlaf erneuert von Morgen zu Morgen diese großartig normale und gleichzeitig großartig übernormale Spannkraft des Geistes. Freud schläft sehr tief, wenn er schläft, und er ist unerhört wach in seinem Wachsein.

Diesem völligen Ausgewogensein der innern Kräfte widerspricht auch nicht das äußerliche Wesensbild. Auch hier eine vollkommene Proportion in jedem Zuge, eine durchaus harmonische Erscheinung. Nicht zu groß, nicht zu klein die Figur, nicht zu schwer, nicht zu locker der Körper: immer und überall zwischen Extremen geradezu vorbildliche Mitte. Jahre und Jahre verzweifeln vor seinem Antlitz alle Karikaturisten, denn nirgends finden sie in diesem völlig ebenmäßig ausgeformten Oval rechten Ansatz für die zeichnerische Übertreibung. Vergebens legt man sich Bild um Bild seiner jüngeren Jahre nebeneinander, ihnen irgendeinen vorherrschenden Zug, etwas charakterologisch Wichtiges abzuspähen. Aber die Züge des Dreißigjährigen, Vierzig- und Fünfzigjährigen sagen nicht mehr als: ein schöner Mann, ein männlicher Mann, ein Herr mit regelmäßigen, beinahe allzu regelmäßigen Zügen. Wohl deutet das dunkle, gesammelte Auge den geistigen Menschen an, aber beim besten Willen findet man in diesen verblaßten Photographieen nicht mehr als eben eines jener von gepflegtem Bart umrahmten Arztantlitze idealisch männlicher Art, wie sie Lenbach und Makart zu malen liebten, dunkel, weich und ernst, aber im letzten nicht aufschlußreich. Und schon meint man jeden charakterologischen Versuch vor diesem in seine eigene Harmonie eingeschlossenen Antlitz aufgeben zu müssen. Da beginnen plötzlich die letzten Bilder zu sprechen. Erst das Alter, das sonst bei den meisten Menschen die individuellen Wesenszüge auflöst und zu grauem Lehm zerbröckelt, erst die patriarchalische Zeit setzt bei Freud den bildnerischen Meißel an, erst Krankheit und Greisenjahre meißeln unwidersprechlich eine Physiognomie aus einem bloßen Gesicht. Seit das Haar ergraut, der Bart nicht mehr so voll das harte Kinn, nicht mehr so dunkel den scharfen Mund verschattet, seit der knochig plastische Unterbau seines Antlitzes zutage tritt, enthüllt sich etwas Hartes, unbedingt Offensives, der unerbittlich und fast verbissen vordringende Wille seiner Natur. Von tiefer her, düsterer, dringlicher, schraubender bohrt sich einem jetzt der früher bloß betrachtende Blick entgegen, eine bittere Mißtrauensfalte schneidet wie eine Wunde scharf die freigelegte, furchige Stirn hinab. Und gespannt wie über einem »Nein« oder »Das ist nicht wahr« schließen sich die schmalen Lippen. Zum erstenmal spürt man die Wucht und die Strenge des Freudischen Wesens in seinem Antlitz und spürt auch: nein, dies ist kein good grey old man, sanft und umgänglich geworden im Alter, sondern ein harter unerbittlicher Prüfer, der sich von nichts täuschen läßt und über nichts täuschen lassen will. Ein Mensch, vor dem man Furcht hätte zu lügen, weil er mit diesem argwohnumschatteten, gleichsam aus dem Dunkel treffenden Pfeilschützenblick jede ausweichende Wendung verfolgt und jeden Schlupfwinkel im voraus sichtet – ein bedrückendes Antlitz vielleicht mehr als ein befreiendes, aber prachtvoll belebt von erkennerischer Intensität, Antlitz nicht eines bloßen Betrachters, sondern eines unbarmherzigen Durchdringers.

Diesen Einschuß von alttestamentarischer Härte, dieses grimmig Inkonziliante, das aus dem beinahe drohenden Auge des alten Kämpfers spricht, versuche man nicht dem Charakterprofil dieses Mannes wegzuschmeicheln. Denn hätte jemals Freud diese scharf geschliffene, diese offen und unbarmherzig zustoßende Entschiedenheit gefehlt, so fehlte auch das Beste und Entscheidendste seiner Tat. Wenn Nietzsche mit dem Hammer, so hat Freud ein Leben lang mit dem Skalpell philosophiert: derlei Instrumente taugen nicht in milde und nachgiebige Hände. Verbindlichkeiten, Höflichkeiten, Mitleid und Nachsicht wären völlig unvereinbar mit der radikalen Denkform seiner schöpferischen Natur, deren Sinn und Sendung einzig die Verdeutlichung der Extreme war, nicht ihre Bindung. Die kämpferische Entschiedenheit Freuds will immer nur ein glattes Dafür oder Dagegen, ein Ja oder Nein zu seiner Sache, kein Einerseits und Anderseits, kein Dazwischen und Vielleicht. Wo es im Geistigen Recht und Rechthaben gilt, kennt Freud keine Rücksicht, keinen Rückhalt, kein Paktieren und keinen Pardon: wie Jahve verzeiht er einem lauen Zweifler noch weniger als einem Abtrünnigen. Halbwahrscheinlichkeiten sind ihm wertlos, ihn lockt nur die reine, die hundertprozentige Wahrheit. Jede Verschwommenheit, sowohl die in den persönlichen Beziehungen von einem Menschen zum andern als auch jene erhabenen Denkunklarheiten der Menschheit, die man Illusionen nennt, fordern seine ungestüme und beinahe erbitterte Lust zum Abteilen, Abgrenzen, Ordnen ganz selbsttätig heraus, – immer will oder muß sein Blick mit der Schärfe ungebrochenen Lichts auf den Erscheinungen ruhen. Dieses Klarsehen, Klardenken und Klarmachen bedeutet für Freud aber keine Anstrengung, gar keinen Willensakt, Analysieren ist die eigentliche, die eingeborene und unhemmbare Instinkthandlung seiner Natur. Wo Freud nicht sofort und unbedingt versteht, kann er sich nicht verständigen, was er aus sich nicht völlig klar sieht, kann ihm niemand erklären. Sein Auge wie sein Geist sind autokratisch und völlig inkonziliant; und gerade im Krieg, im Alleinsein gegen die Übermacht entspannt sich erst die volle Vorstoßlust dieses von der Natur zur durch und durch dringenden Schneide gehämmerten Denkwillens.

Aber hart, streng und unerbittlich gegen andere, zeigt sich Freud nicht minder hart und mißtrauisch gegen sich selbst. Geübt, auch der verstecktesten Unwahrhaftigkeit eines Menschen bis ins geheimste Gespinst des Unbewußten nachzuspüren, hinter jeder Schicht noch eine tiefere, hinter jedem Bekenntnis noch ein aufrichtigeres, hinter jeder Wahrheit noch eine wahrhaftigere zu entlarven, übt er auch gegen sich die gleiche analytische Wachsamkeit der Selbstkontrolle. Darum will mir das so oft angewandte Wort vom »kühnen Denker« bei Freud sehr schlecht gewählt erscheinen. Freuds Ideen haben nichts von Improvisationen, kaum von Intuitionen. Weder leichtfertig noch leicht fertig mit seinen Formulierungen, zögert Freud oft Jahre, ehe er eine Vermutung offen als Behauptung ausspricht; völlig widersinnig wären einem konstruktiven Genie wie dem seinen jähe Denksprünge oder voreilige Zusammenfassungen. Immer nur stufenhaft niedersteigend, vorsichtig und völlig unekstatisch bemerkt Freud als erster jede unsichere Stelle; unzählige Male begegnet man innerhalb seiner Schriften solchen Selbstwarnungen, wie »Dies mag eine Hypothese sein« oder »Ich weiß, daß ich in dieser Hinsicht wenig Neues zu sagen habe«. Freuds wahrer Mut beginnt spät, erst mit der Selbstgewißheit. Nur wenn dieser unbarmherzige Desillusionist sich selber restlos überzeugt und sein eigenes Mißtrauen niedergekämpft hat, er könnte die Weltillusion um einen neuen Wunschtraum vermehren, legt er seine Auffassung vor. Hat er aber eine Idee einmal erkannt und öffentlich bekannt, dann wird sie ihm vollkommen zu Fleisch und Blut, eingewachsenes Teil seiner geistigen Lebensexistenz, und kein Shylock vermöchte ihm auch nur eine Faser davon aus dem lebendigen Leibe herauszuschneiden. Freuds Sicherheit kommt immer erst spät: aber einmal errungen, ist sie nicht mehr zu brechen.

Dieses harte Festhalten an seinen Anschauungen haben die Gegner Freuds ärgerlich seinen Dogmatismus genannt und sogar seine Anhänger manchmal laut oder leise beklagt. Aber diese Unbedingtheit Freuds ist vom Charakterologischen seiner Natur nicht zu lösen: sie stammt nicht aus willensmäßiger Einstellung, sondern aus spontaner, aus der besonderen Optik seines Auges. Was Freud schöpferisch anblickt, sieht er so, als hätte es vor ihm niemand angesehen. Wenn er denkt, vergißt er alles, was andere vor ihm über diesen Gegenstand gedacht. Naturhaft und zwanghaft sieht er seine Probleme, und wo immer er das sibyllinische Buch der menschlichen Seele aufschlägt, blättert sich ihm eine neue Seite auf; und ehe sein Denken sie kritisch anfaßt, hat sein Auge schon die Schöpfung getan. Eine Meinung aber kann man belehren über ihren Irrtum, niemals ein Auge über seinen schaffenden Blick: Vision steht jenseits jeder Beeinflußbarkeit, das Schöpferische jenseits des Willens; was aber nennen wir wahrhaft schöpferisch, wenn nicht dies, jedes der uralt unveränderlichen Dinge so zu schauen, als hätte es nie der Stern eines irdischen Auges belichtet, ein tausendmal Ausgesagtes noch einmal so jungfräulich neu auszusprechen, als hätte es nie ein menschlicher Mund gesagt. Weil unerlernbar, ist diese Magie des intuitiven Forscherblicks auch nie belehrbar und jedes Beharren einer genialen Natur auf ihrer erstmaligen und einmaligen Schau keineswegs Trotz, sondern tiefe Nötigung.

Darum versucht auch Freud niemals, seinen Leser, seinen Hörer zu seinen Anschauungen zu überreden, zu beschwätzen, zu überzeugen. Er legt sie nur vor. Seine unbedingte Redlichkeit verzichtet vollkommen, selbst die ihm wichtigsten Gedanken in poetisch bestechender Form zu servieren und gewisse harte und bittere Bissen für empfindliche Gemüter durch Konzilianz des Ausdrucks mundgerechter zu machen. Mit der Rauschprosa Nietzsches verglichen, die immer die verwegensten Feuerwerke der Kunst und Artistik aufsprühen läßt, scheint die seine zunächst nüchtern, kalt und farblos. Freuds Prosa agitiert nicht, sie wirbt nicht, sie verzichtet völlig auf dichterische Untermalung, auf jede Rhythmisierung durch Musik (zu der ihm, wie er selbst bekennt, jede innere Neigung fehlt – offenbar im Sinne Platos, der sie anschuldigt, das reine Denken zu verwirren). Dieses aber strebt Freud allein an, er handelt nach Stendhals Wort »Pour être bon philosophe, il faut être sec, clair, sans illusion«. Klarheit ist ihm wie in allen menschlichen Äußerungen auch im sprachlichen Ausdruck das Optimum und Ultimum; dieser höchsten Lichthaftigkeit und Deutlichkeit ordnet er alle Kunstwerte als nebensächlich unter, und einzig der so erzielten Diamantschärfe der Umrisse dankt seine Sprache ihre unvergleichliche vis plastica. Völlig prunklos, straff sachlich, eine römische, eine lateinische Prosa, umschweift sie niemals dichterisch ihren Gegenstand, sondern sagt ihn hart und kernig aus. Sie schmückt nicht, sie häuft nicht, sie vermengt und bedrängt nicht; bis zum Äußersten spart sie mit Bildern und Vergleichen. Setzt sie dann aber einen Vergleich ein, so trifft er immer durch seine überzeugende Schlagkraft wie ein Schuß. Manche sprachbildnerische Formulierungen Freuds haben das durchleuchtend Sinnliche von geschnittenen Steinen, und sie wirken inmitten seiner gläsern klaren Prosa wie in Kristallschalen eingesetzte Kameen, unvergeßlich jede einzelne. Nicht ein einziges Mal aber verläßt Freud in seinen philosophischen Darstellungen den geraden Weg – Abschweifungen im Sprachlichen sind ihm so verhaßt wie Umwegigkeiten im Denken –, und innerhalb seines ganzen weiträumigen Werkes findet sich kein Satz, der nicht mühelos auch einem Ungebildeten eindeutig faßbar wäre. Immer zielt sein Ausdruck wie sein Denken zu geradezu geometrisch genauer Bestimmtheit: darum konnte nur eine Sprache scheinbarer Unscheinbarkeit, in Wirklichkeit aber höchster Lichthaftigkeit seinem Klarheitswillen dienen.

Jedes Genie, sagt Nietzsche, trägt eine Maske. Freud hat eine der schwerdurchschaubarsten gewählt: die der Unauffälligkeit. Sein äußeres Leben verbirgt dämonische Arbeitsleistung hinter nüchterner, beinah philiströser Bürgerlichkeit. Sein Antlitz den schöpferischen Genius hinter ebenmäßig ruhigen Zügen. Sein Werk, umstürzlerisch und verwegen wie nur irgendeines, verschattet sich nach außen hin bescheiden als naturwissenschaftlich exakte Universitätsmethode. Und seine Sprache täuscht durch farblose Kälte über das Kristallinisch-Kunstvolle ihrer Bildnerkraft. Genie der Nüchternheit, liebt er nur das Nüchterne in seinem Wesen offenbar zu machen, nicht das Genialische. Nur das Maßvolle wird zunächst sichtbar, erst in der Tiefe dann sein Übermaß. Überall ist Freud mehr, als er von sich sehen läßt, und doch in jedwedem Ausdruck seines Wesens eindeutig derselbe. Denn wo immer in einem Menschen das Gesetz höherer Einheit schöpferisch waltet, tritt es in allen Elementen seines Wesens, in Sprache, Werk, Erscheinung und Leben gleich sinnlich und sieghaft zutage.

Der Ausgang

»Eine besondere Vorliebe für Stellung und Tätigkeit des Arztes habe ich in den Jugendjahren nicht verspürt, übrigens auch später nicht«, gesteht Freud mit der für ihn so charakteristischen Selbstunerbittlichkeit in seiner Lebensdarstellung unverhohlen ein. Jedoch dieses Bekenntnis ergänzt sich höchst aufschlußreich: »Eher bewegte mich eine Art Wißbegierde, die sich aber mehr auf die menschlichen Verhältnisse als auf natürliche Objekte bezog.« Dieser seiner innersten Neigung kommt kein eigentliches Lehrfach entgegen, denn der medizinische Studienkatalog der Wiener Universität kennt keinen Unterrichtsgegenstand »Menschliche Verhältnisse«. Und da der junge Student an baldigen Broterwerb denken muß, darf er nicht lange Privatneigungen nachhängen, sondern muß mit andern Medizinern geduldig über das Pflaster der vorgeschriebenen zwölf Semester marschieren. Freud arbeitet schon als Student ernst an selbständigen Untersuchungen, den akademischen Pflichtkreis dagegen erledigt er nach seinem eigenen freimütigen Geständnis »recht nachlässig« und wird erst »mit ziemlicher Verspätung« im Jahre 1881 als Fünfundzwanzigjähriger zum Doctor medicinae promoviert.

Schicksal Unzähliger: in diesem wegunsichern Menschen ist eine geistige Berufung ahnungshaft vorbereitet, und er muß sie zunächst vertauschen mit einem gar nicht ersehnten praktischen Beruf. Denn von vornherein zieht das Handwerkliche der Medizin, das Schulhafte und Heiltechnische diesen ganz auf das Universelle hin gerichteten Geist wenig an. Im tiefsten Wesensgrund geborener Psychologe – er weiß es nur noch lange nicht – sucht instinktiv der junge Arzt sein theoretisches Wirkungsfeld wenigstens in die Nachbarschaft des Seelischen zu drängen. Er wählt also als Spezialfach die Psychiatrie und betätigt sich in der Gehirnanatomie, denn eine individualisierende Psychologie, diese für uns heute längst unentbehrliche Wissenschaft von der Seele, wird damals in den medizinischen Hörsälen noch nicht gelehrt und geübt: Freud wird sie uns erst erfinden müssen. Alles seelisch Unregelmäßige gilt der mechanistischen Auffassung jener Zeit bloß als Entartung der Nerven, als eine krankhafte Veränderung; unerschütterlich herrscht der Wahn vor, es könne gelingen, dank einer immer genaueren Kenntnis der Organe und mit Versuchen aus dem Tierreich einmal die Automatik des »Seelischen« genau zu errechnen und jede Abweichung zu korrigieren. Darum erhält die Seelenkunde damals im physiologischen Laboratorium ihre Arbeitsstätte, und man glaubt, erschöpfende Seelenwissenschaft zu treiben, wenn man mit Skalpell und Lanzette, mit Mikroskop und elektrischen Reaktionsapparaten die Zuckungen und Schwingungen der Nerven mißt. So muß auch Freud sich zunächst gleichfalls an den Seziertisch setzen und mit allerhand technischen Apparaturen nach Ursächlichkeiten suchen, die sich in Wahrheit niemals in der groben Form sinnlicher Sichtbarkeit offenbaren. Jahrelang arbeitet er im Laboratorium bei Brücke und Meynert, den berühmten Anatomen, und beide Meister ihres Faches erkennen bald in dem jungen Assistenten die eingeborene selbständig-schöpferische Finderbegabung. Beide suchen sie ihn für ihr Spezialgebiet als dauernden Mitarbeiter zu gewinnen, Meynert bietet dem jungen Arzt sogar an, ersatzweise statt seiner Vorlesungen über Gehirnanatomie zu halten. Aber völlig unbewußt widerstrebt bei Freud eine innere Tendenz. Vielleicht hat schon damals sein Instinkt die Entscheidung vorausgefühlt, jedenfalls: er lehnt den ehrenden Antrag ab. Jedoch seine bisher geleisteten, schulmäßig exakt durchgeführten histologischen und klinischen Arbeiten reichen schon vollends aus, ihm die Dozentur für Nervenlehre an der Universität in Wien zuzuerkennen.

Dozent der Neurologie, das bedeutet zu jener Zeit in Wien einen vielbegehrten und auch einträglichen Titel für einen neunundzwanzigjährigen jungen, unbegüterten Arzt. Freud müßte jetzt nur jahraus, jahrein seine Patienten unentwegt nach der brav erlernten, schulmäßig vorgeschriebenen Methode behandeln, und er könnte außerordentlicher Professor und am Ende gar Hofrat werden. Aber schon damals tritt jener für ihn so besonders charakteristische Instinkt der Selbstüberwachung zutage, der ihn sein ganzes Leben lang immer weiter und tiefer führt. Denn dieser junge Dozent gesteht ehrlich ein, was alle andern Neurologen ängstlich vor den andern und sogar vor sich selbst verschweigen, nämlich, daß die ganze Technik der Nervenbehandlung psychogener Phänomene, so wie sie um 1885 gelehrt wird, vollkommen hilflos und vor allem nicht helfend in einer Sackgasse steckt. Aber wie eine andere üben, da doch in Wien keine andere gelehrt wird? Was dort 1885 (und noch lange nachher) den Professoren abzusehen war, das hat der junge Dozent bis in die letzte Einzelheit gelernt, saubere klinische Arbeit, trefflich exakte Anatomie und dazu noch die Haupttugenden der Wiener Schule: strenge Gründlichkeit und unerbittlichen Fleiß. Was ist darüber hinaus weiterzulernen bei Männern, die nicht mehr wissen als er selbst? Deshalb fällt ihn die Nachricht, daß seit einigen Jahren in Paris Psychiatrie von ganz anderer Richtung her betrieben werde, mächtig und als unwiderstehliche Versuchung an. Er hört staunend und mißtrauisch, aber doch verlockt, daß dort Charcot, obwohl selbst ursprünglich Gehirnanatom, eigenartige Versuche mit Zuhilfenahme jener verruchten und verfemten Hypnose vornehme, die in Wien, seit man Franz Anton Mesmer glücklich aus der Stadt vertrieben, in siebenfachem Banne steht. Von der Ferne aus, bloß durch Berichte medizinischer Zeitungen, das erkennt Freud sofort, kann man von diesen Versuchen kein sinnliches Bild gewinnen, man muß sie selber sehen, um sie zu beurteilen. Und sofort drängt der junge Gelehrte mit jener geheimnisvollen innern Witterung, die schöpferische Menschen immer die wahre Zielrichtung ihres Weges ahnen läßt, nach Paris. Sein Lehrer Brücke unterstützt die Bitte des unbegüterten jungen Arztes um ein Reisestipendium. Es wird ihm gewährt. Und um noch einmal neu anzufangen, um zu lernen, ehe er lehrt, reist der junge Dozent im Jahre 1886 nach Paris.

Hier tritt er sofort in eine andere Atmosphäre. Zwar kommt auch Charcot so wie Brücke von der pathologischen Anatomie her, aber er ist über sie hinausgekommen. In seinem berühmten Buch »La foi qui guérit« hat der große Franzose die vom medizinischen Wissenschaftsdünkel bisher als unglaubwürdig abgelehnten religiösen Glaubenswunder auf ihre seelischen Bedingtheiten hin untersucht und gewisse typische Gesetzmäßigkeiten in ihren Erscheinungen festgestellt. Statt Tatsachen zu leugnen, hat er sie zu deuten begonnen, und mit derselben Unbefangenheit ist er allen andern Heilwundersystemen, darunter dem berüchtigten Mesmerismus, nahegetreten. Zum erstenmal begegnet Freud einem Gelehrten, der die Hysterie nicht wie seine Wiener Schule von vornherein verächtlich als Simulation abtut, sondern an dieser interessantesten, weil plastischesten aller Seelenkrankheiten nachweist, daß ihre Anfälle und Ausbrüche Folge von inneren Erschütterungen sind und deshalb nach geistigen Ursächlichkeiten gedeutet werden müssen. Im offenen Hörsaal zeigt Charcot an hypnotisierten Patienten, daß jene bekannten typischen Lähmungen jederzeit mit Hilfe der Suggestion im Wachschlaf ebenso erzeugt wie abgestellt werden können, daß sie also nicht grobphysiologische Reflexe, sondern dem Willen unterworfene seien. Wenn auch die Einzelheiten seiner Lehre auf den jungen Wiener Arzt nicht immer überzeugend wirken, so dringt doch mächtig auf ihn die Tatsache ein, daß in Paris innerhalb der Neurologie nicht bloß körperhafte, sondern psychische und sogar metapsychische Ursächlichkeiten anerkannt und gewürdigt werden; hier ist, so spürt er beglückt, Psychologie der alten Seelenkunde wieder nah, und er fühlt sich von dieser geistigen Methode mehr als von den bisher erlernten angezogen. Auch in seinem neuen Wirkungskreise hat Freud das Glück – aber darf man Glück nennen, was im Grunde nur die ewige wechselseitige Instinktwitterung überlegener Geister ist? –, bei seinen Lehrern besonderes Interesse zu finden. So wie Brücke, Meynert und Nothnagel in Wien, erkennt auch Charcot sofort in Freud die schöpferisch denkende Natur und zieht ihn in seinen persönlichen Umgang. Er überträgt ihm die Übersetzung seiner Werke in die deutsche Sprache und zeichnet ihn oft durch sein Vertrauen aus. Als Freud dann nach einigen Monaten nach Wien zurückkehrt, ist sein inneres Weltbild geändert. Auch der Weg Charcots, dies spürt er dumpf, ist noch nicht der ihm vollkommen gemäße, auch diesen Forscher beschäftigt noch zu sehr das körperliche Experiment und zu wenig, was es seelisch beweist. Aber schon diese wenigen Monate haben einen neuen Mut und Unabhängigkeitswillen in dem jungen Gelehrten zur Reife gebracht. Nun kann seine selbständig schöpferische Arbeit beginnen.

Zuvor bleibt freilich noch eine kleine Formalität zu erfüllen. Jeder Stipendiat der Universität ist verpflichtet, nach seiner Rückkehr über seine wissenschaftlichen Erfahrungen im Ausland Bericht zu erstatten. Dies tut Freud in der Gesellschaft der Ärzte. Er erzählt von Charcots neuen Wegen und schildert die hypnotischen Experimente der Salpêtrière. Aber noch steckt von Franz Anton Mesmer her der Wiener Ärzteschaft ein grimmiges Mißtrauen gegen jedwedes suggestive Verfahren im Leibe. Mit überlegenem Lächeln wird Freuds Nachricht, es sei möglich, die Symptome der Hysterie künstlich zu erzeugen, abgetan, und seine Mitteilung, es gäbe sogar Fälle männlicher Hysterie, erregt unverhohlene Heiterkeit bei seinen Kollegen. Erst klopft man ihm wohlwollend auf die Schulter, was für Bären er sich in Paris habe aufbinden lassen; aber da Freud nicht nachgibt, wird dem Abtrünnigen der geheiligte Raum des Gehirnlaboratoriums, wo man – Gott sei Dank! – Seelenkunde noch auf »ernst wissenschaftliche Art« betreibt, als einem Unwürdigen versperrt. Seit jener Zeit ist Freud die bête noire der Wiener Universität geblieben, er hat den Raum der Gesellschaft der Ärzte nicht mehr betreten, und nur dank der privaten Protektion einer hochvermögenden Patientin (wie er heiter selbst eingesteht) erlangt er nach Jahren den Titel eines außerordentlichen Professors. Höchst ungern aber erinnert sich die erlauchte Fakultät seiner Zugehörigkeit zum akademischen Lehrkörper. An seinem siebzigsten Geburtstag zieht sie es sogar vor, sich ausdrücklich daran nicht zu erinnern und vermeidet jeden Gruß und Glückwunsch. Ordinarius ist er niemals geworden, nicht Hofrat und Geheimrat und nur geblieben, was er dort von Anfang war: ein außerordentlicher Professor unter den andern ordentlichen.

Mit seiner Auflehnung gegen das in Wien geübte mechanistische Verfahren der Neurologie, das ausschließlich vom Hautreiz her oder durch medikamentöse Einwirkung seelisch bedingte Erkrankungen zu heilen versuchte, hat sich Freud nicht nur seine akademische Karriere verdorben, sondern auch seine ärztliche Praxis. Er muß jetzt allein gehen. Noch weiß er in diesem Anfang kaum mehr als das Negative, nämlich, daß entscheidende psychologische Entdeckungen sich weder im Laboratorium der Gehirnanatomie noch am Meßapparat der Nervenreaktionen erhoffen lassen. Nur eine ganz andersartige und von anderer Stelle einsetzende Methode kann sich den geheimnisvollen Verstricktheiten des Seelischen nähern – sie zu finden oder vielmehr zu erfinden, wird nunmehr die leidenschaftliche Bemühung seiner nächsten fünfzig Jahre sein. Gewisse den Weg deutende Winke haben ihm Paris und Nancy gegeben. Aber genau wie in der Kunst genügt auch in der wissenschaftlichen Sphäre niemals ein einziger Gedanke zu endgültiger Gestaltung; auch in der Forschung geschieht wirkliche Befruchtung immer nur durch die Überschneidung einer Idee mit einer Erfahrung. Der geringste Anstoß noch, und die schöpferische Kraft muß zur Entladung gelangen.

Diesen Anstoß nun gibt – so dicht ist die Spannung schon geworden – das persönliche freundschaftliche Beisammensein mit einem älteren Kollegen, Dr. Josef Breuer, dem Freud schon vordem in Brückes Laboratorium begegnet war. Breuer, ein sehr beschäftigter Familienarzt, wissenschaftlich äußerst tätig, ohne selbst entscheidend schöpferisch zu sein, hatte Freud schon vor dessen Pariser Reise über einen Fall von Hysterie eines jungen Mädchens berichtet, bei dem er auf merkwürdige Weise Heilungserfolge erzielt habe. Dieses junge Mädchen produzierte die schulmäßig bekannten Erscheinungen dieser plastischesten aller Nervenerkrankungen, also Lähmungen, Zerrungen, Hemmungen und Bewußtseinstrübungen. Nun hatte Breuer die Beobachtung gemacht, daß jenes junge Mädchen sich jedesmal entlastet fühlte, sobald es ihm viel von sich erzählen durfte. Und der kluge Arzt ließ darum geduldig die Kranke sich aussprechen, da er dabei gewahr wurde, daß jedesmal, wenn die Kranke in Worten ihrer affektiven Phantasie Ausdruck geben konnte, eine zeitweilige Besserung einsetzte. Das Mädchen erzählte, erzählte, erzählte. Aber bei all diesen abrupten, zusammenhanglosen Selbstgeständnissen spürte Breuer, daß die Kranke immer am Eigentlichen, an dem für die Entstehung ihrer Hysterie ursächlich Entscheidenden, geflissentlich vorbeierzählte. Er merkte, daß dieser Mensch etwas von sich wußte, was er durchaus nicht wissen wollte und deshalb unterdrückte. Um nun den verschütteten Weg zu dem vorenthaltenen Erlebnis freizulegen, verfällt Breuer auf den Gedanken, das junge Mädchen regelmäßig in Hypnose zu versetzen. In diesem willensentbundenen Zustand hofft er, alle »Hemmungen« (man fragt sich, welches Wort man hier verwenden könnte, hätte die Psychoanalyse dieses Wort nicht erfunden) dauernd wegräumen zu können, die der endgültigen Erhellung des Tatbestandes entgegenstehen. Und tatsächlich, sein Versuch gelingt; in der Hypnose, wo jedes Schamgefühl gleichsam abgeblendet ist, sagt das Mädchen frei heraus, was es bisher so beharrlich dem Arzt und vor allem sich selbst verschwiegen hatte, nämlich, daß es am Krankenbett des Vaters gewisse Gefühle empfunden und unterdrückt habe. Diese aus Schicklichkeitsgründen zurückgedrängten Gefühle hatten also als Ablenkung sich jene krankhaften Symptome gefunden oder vielmehr erfunden. Denn jedesmal, wenn das Mädchen in der Hypnose diese Gefühle frei bekennt, verschwindet sofort ihre Ersatzerscheinung: das hysterische Symptom. Breuer setzt nun systematisch in diesem Sinne die Behandlung fort. Und in dem Maße, wie er die Kranke über sich selbst aufklärt, weichen die gefährlichen hysterischen Erscheinungen – sie sind unnötig geworden. Nach einigen Monaten kann die Patientin als völlig geheilt und gesundet entlassen werden.

Diesen sonderbaren Fall hatte Breuer gelegentlich als einen besonders auffälligen dem jüngeren Kollegen erzählt. Ihn befriedigte an dieser Behandlung vor allem die geglückte Rückführung einer neurotisch Kranken zur Gesundheit. Freud aber mit seinem Tiefeninstinkt ahnt sofort hinter dieser von Breuer aufgedeckten Therapie ein viel weiter gültiges Gesetz, nämlich, daß »seelische Energieen verschiebbar sind«, daß im »Unterbewußtsein« (auch dieses Wort ist damals noch nicht erfunden) eine bestimmte Umschaltungsdynamik tätig sein müsse, welche die von ihrer natürlichen Auswirkung zurückgedrängten (oder wie wir seither sagen, »nicht abreagierten«) Gefühle umwandle und überleite in andere seelische oder körperliche Handlungen. Gleichsam von einer andern Seite her erlichtet der von Breuer gefundene Fall die aus Paris heimgebrachten Erfahrungen, und um die hier aufgehellte Spur tiefer ins Dunkel zu verfolgen, schließen sich die beiden Freunde zur Arbeit zusammen. Die von ihnen gemeinsam verfaßten Werke »Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene«, 1893, und die »Studien über die Hysterie«, 1895, stellen die erste Niederlegung dieser neuen Ideen dar, in ihnen schimmert zum erstenmal die Morgenröte einer neuen Psychologie. In diesen gemeinsamen Untersuchungen ist erstmalig festgestellt, daß die Hysterie nicht, wie bisher angenommen, auf einer organisch körperlichen Erkrankung beruht, sondern auf einer Verstörung durch einen inneren, dem Kranken selbst nicht bewußten Konflikt, dessen Druck schließlich jene »Symptome«, jene krankhaften Veränderungen herausformt. Wie Fieber durch eine innere Entzündung, so entstehen seelische Verstörungen durch eine Gefühlsüberstauung. Und wie im Körper sofort, wenn die Eiterung ihren Abfluß findet, das Fieber sinkt, so löst sich diese gewaltsame Verschiebung und Verkrampfung der Hysterie, sobald es gelingt, dem bisher zurückgedrängten und zurückgestauten Gefühl Abfluß zu schaffen, »den zur Erhaltung des Symptoms verwendeten Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort gleichsam eingeklemmt war, auf normale Wege zu leiten, wo er zur Abfuhr kommen kann«.

Als Werkzeug für diese seelische Entlastungsaktion verwenden Breuer und Freud anfänglich die Hypnose. Sie bedeutet in jener prähistorischen Epoche der Psychoanalyse aber keineswegs das Heilmittel an sich, sondern nur ein Hilfsmittel. Sie soll bloß die Verkrampfung des Gefühls lösen helfen: sie stellt gleichsam die Narkose für die vorzunehmende Operation dar. Erst wenn die Hemmungen des wachen Bewußtseins wegfallen, spricht der Kranke frei das Verschwiegene aus, und schon dadurch, daß er beichtet, läßt der verstörende Druck nach. Einer gepreßten Seele ist Abfluß geschaffen, jene Spannungserlösung tritt ein, welche schon die griechische Tragödie als ein befreiendes und beglückendes Element preist, weshalb Breuer und Freud, im Sinne der Katharsis des Aristoteles, ihre Methode zunächst die »kathartische« nennen. Durch Erkenntnis, durch Selbsterkenntnis wird die künstliche, die krankhafte Fehlleistung überflüssig, das Symptom entschwindet, das nur symbolischen Sinn hatte. Aussprechen bedeutet also gewissermaßen auch Ausfühlen, Erkenntnis wird zur Befreiung.

Bis zu diesen wichtigen, ja entscheidenden Voraussetzungen waren Breuer und Freud gemeinsam vorgedrungen. Dann trennt sich ihr Weg. Breuer, der Arzt, wendet sich wieder, von manchen Gefährlichkeiten dieses Abstiegs beunruhigt, dem Medizinischen zu; ihn beschäftigen im wesentlichen die Heilungsmöglichkeiten der Hysterie, die Beseitigung der Symptome. Freud aber, der jetzt erst den Psychologen in sich entdeckt hat, fasziniert gerade das hier vorleuchtende Geheimnis dieses Umwandlungsprozesses, der seelische Vorgang. Ihn reizt die neugefundene Tatsache, daß Gefühle zurückgedrängt und durch Symptome ersetzt werden können, zu immer ungestümerer Fragelust; an dem einen Problem ahnt er die ganze Problematik des seelischen Mechanismus. Denn wenn Gefühle zurückgedrängt werden können, wer drängt sie zurück? Und vor allem, wohin werden sie zurückgedrängt? Nach welchen Gesetzen schalten sich Kräfte aus dem Geistigen ins Körperliche um, und in welchem Raum spielen sich diese unablässigen Umstellungen ab, von denen der wache Mensch nichts weiß und doch anderseits sofort weiß, sobald man ihn zwingt, davon zu wissen? Eine unbekannte Sphäre, in welche die Wissenschaft bisher sich nicht vorgewagt hatte, beginnt sich schattenhaft vor ihm abzuzeichnen, eine neue Welt wird ihm von fern in schwankendem Umriß gewahr: das Unbewußte. Und dieser »Erforschung des unbewußten Anteils im individuellen Seelenleben« gilt von nun ab seine Lebensleidenschaft. Der Abstieg in die Tiefe hat begonnen.

Die Welt des Unbewußten

Es fordert immer besondere Anstrengung, etwas vergessen zu wollen, was man weiß, von einer höhern Stufe der Anschauung noch einmal sich künstlich zur naiveren zurückzuschrauben – so auch heute schon, sich zurückzuversetzen in die Vorstellungsart, mit der die wissenschaftliche Welt von 1900 den Begriff des Unbewußten handhabte. Daß unsere seelische Leistung mit der bewußten Vernunfttätigkeit keineswegs gänzlich erschöpft sei, daß dahinter noch eine andere Macht gleichsam im Schatten unseres Seins und Denkens wirke, dies hat selbstverständlich auch die frühere, die vorfreudische Seelenkunde schon gewußt. Nur verstand sie mit diesem Wissen nichts anzufangen, denn nie versucht sie, jenen Begriff wirklich in Wissenschaft und Forschung umzusetzen. Die Philosophie jener Zeit befaßt sich mit seelischen Erscheinungen nur insofern, als sie in den Lichtkreis des Bewußtseins treten. Aber es erscheint ihr widersinnig – eine contradictio in adjecto –, etwas Unbewußtes zum Gegenstand des Bewußtseins machen zu wollen. Gefühl gilt ihr erst als Gefühl, sobald es deutlich fühlbar wird, Wille erst, sobald er tätig will; solange seelische Äußerungen sich aber nicht über die Oberfläche des bewußten Lebens erheben, schaltet die Psychologie sie als nicht wägbar aus der Geisteswissenschaft aus.

Freud nimmt den Terminus technicus »unbewußt« in die Psychoanalyse hinüber, aber er gibt ihm einen völlig andern Sinn als die Schulphilosophie. Für Freud ist nicht einzig das Bewußte ein seelischer Akt und demzufolge das Unbewußte eine völlig andere oder gar untergeordnete Kategorie, sondern er betont entschlossen: alle seelischen Akte sind zunächst unbewußte Geschehnisse; diejenigen, die bewußt werden, stellen keine andersgeartete noch übergeordnete Gattung dar, sondern ihr Ins-Bewußtsein-Treten ist nur eine Eigenschaft, die von außen dazukommt wie das Licht auf einen Gegenstand. Ein Tisch bleibt ebenso ein Tisch, ob er in einem dunklen Raum unsichtbar steht oder die eingeschaltete elektrische Kerze ihn wahrnehmbar macht. Das Licht macht sein Vorhandensein nur sinnlich erkennbarer, aber es erzeugt nicht sein Vorhandensein. Zweifellos: man kann ihn in diesem Zustand erhöhter Wahrnehmbarkeit genauer messen als im Dunkel, obwohl auch dort mit einer anderen Methode, jener des Tastens und Befühlens, eine gewisse abgrenzende Wesensfeststellung möglich gewesen wäre. Aber logisch gehört der im Dunkel unsichtbare Tisch ebenso zur Körperwelt wie der sichtbare und in der Psychologie daher das Unbewußte ebenso in den Seelenraum wie das Bewußte. »Unbewußt« heißt demnach bei Freud zum erstenmal nicht mehr unwißbar und tritt in diesem neuen Sinn in den Kreis der Wissenschaft. Durch diese überraschende Forderung Freuds, mit einer neuen Aufmerksamkeit und einer andern methodologischen Apparatur, der Taucherglocke seiner Tiefenpsychologie, unter den Bewußtseinsspiegel hinabzutasten und nicht nur die Oberfläche der seelischen Erscheinungen, sondern auch ihren untersten Grund zu erleuchten, wird die Schulpsychologie endlich wieder wahrhafte Seelenkunde, praktisch anwendbare und sogar heiltätige Lebenswissenschaft.

Diese Entdeckung eines neuen Forschungsraumes, diese fundamentale Umstellung und ungeheure Erweiterung des seelischen Kräftefeldes bedeutet die eigentliche Genietat Freuds. Mit einem Schlage ist die erkennbare Seelensphäre auf ein Vielfaches ihres bisherigen Inhalts ausgeweitet und zu der Oberflächendimension für die Forschung auch eine Welt der Tiefe freigelegt. Durch diese eine, scheinbar geringfügige Umschaltung – immer erscheinen die entscheidenden Ideen nachträglich als einfache und selbstverständliche – verändern sich innerhalb der seelischen Dynamik alle Maße. Und wahrscheinlich wird eine künftige Geistesgeschichte diesen schöpferischen Augenblick der Psychologie jenen großen und weltwendenden zuordnen, wie sie bei Kant und Kopernikus mit einer einzigen Verschiebung des geistigen Blickwinkels die ganze Denkanschauung der Zeit veränderten. Denn schon heute empfinden wir das Seelenbild der Universitäten zu Anfang des Jahrhunderts so holzschnitthaft plump, so falsch und eng wie eine ptolemäische Landkarte, die einen armen Bruchteil des geographischen Weltalls schon unsern ganzen Kosmos nennt. Ganz wie jene naiven Kartographen bezeichnen die vorfreudischen Psychologen jene unerforschten Kontinente einfach als Terra incognita, »unbewußt« gilt ihnen als Ersatzwort für unwißbar und unerkennbar. Irgendein dunkles, dumpfes Reservoir des Seelischen muß irgendwo sein, so vermuten sie, in das unsere ungenutzten Erinnerungen abfließen, um dort zu verschlammen, ein Lagerraum, in dem das Vergessene und Ungenützte eigentlich zwecklos herumliegt, ein Materialdepot, aus dem sich allenfalls ab und zu die Erinnerung irgendeinen Gegenstand ins Bewußtsein herüberholt. Die Grundanschauung der vorfreudischen Wissenschaft aber ist und bleibt: diese unbewußte Welt sei an sich völlig passiv, völlig untätig, nur abgelebtes, abgestorbenes Leben, eine abgetane Vergangenheit und somit ohne jeden Einfluß, ohne jede Kraft auf unsere geistige Gegenwart.

Gegen diese Auffassung setzt Freud die seine: das Unbewußte ist durchaus nicht Abfall des seelischen Lebens, sondern der Urstoff selbst, von dem nur ein winziger Teil die Lichtfläche des Bewußtseins erreicht. Aber der nicht in Erscheinung tretende Hauptteil, das sogenannte Unbewußte, ist darum keineswegs abgestorben oder undynamisch. Es wirkt in Wahrheit genau so aktiv und lebendig auf unser Denken und Fühlen, ja es stellt vielleicht sogar den lebensplastischeren Teil unserer seelischen Existenz dar. Wer deshalb das unbewußte Wollen nicht bei allen Entschließungen mit einrechnet, der sieht irrig, weil er damit den wesentlichsten Antrieb unserer inneren Spannungen aus der Berechnung läßt; so wie man die Stoßkraft eines Eisbergs nicht nach dem Bruchteil einschätzen darf, der von ihm oberhalb der Wasserfläche zutage tritt (die eigentliche Wucht bleibt unter dem Spiegel verdeckt), so narrt sich selbst, wer vermeint, unsere taghellen Gedanken, unsere wissenden Energieen bestimmten allein unser Fühlen und Tun. Unser ganzes Leben schwebt nicht frei im Element des Rationalen, sondern steht unter dem ständigen Druck des Unbewußten; jeder Augenblick schwemmt von scheinbar vergessenen Vergangenheiten eine Welle hinein in unseren lebendigen Tag. Nicht in dem allherrlichen Maße, wie wir es vermeinen, gehört unsere Oberwelt dem wachen Willen und der planenden Vernunft, sondern aus jener dunklen Wolke zucken die Blitze der eigentlichen Entscheidungen, aus der Tiefe jener Triebwelt kommen die jähen Erdstöße, die unser Schicksal erschüttern. Dort unten haust geballt nebeneinander, was in der bewußten Sphäre durch die gläsernen Grenzen der Kategorieen Raum und Zeit getrennt ist; Wünsche einer verschollenen Kinderzeit, die wir längst begraben meinen, gehen dort gierig um und brechen manchmal heiß und hungrig in unsern Tag hinein; Schreck und Angst, längst vergessen im wachen Sinn, schmettern ihre Schreie plötzlich unvermutet die Leitung der Nerven hinauf, Begierden und Wünsche nicht nur der eigenen Vergangenheit, sondern vermoderter Geschlechter und barbarischer Ahnen verstricken sich dort wurzelhaft in unserem Wesen. Aus der Tiefe kommen die eigentlichsten unserer Taten, aus dem uns selbst Geheimen die plötzlichen Erhellungen, das Übermächtige über unsere Macht. Unkund uns selbst, wohnt dort im Dämmer jenes uralte Ich, von dem unser zivilisiertes Ich nicht mehr weiß oder nicht wissen will; plötzlich aber reckt es sich auf und durchstößt die dünnen Schichten der Kultur, und seine Instinkte, die urtümlichen und unzähmbaren, strömen dann gefährlich ein in unser Blut, denn es ist der Urwille des Unbewußten, aufzusteigen gegen das Licht, bewußt zu werden und sich in Taten zu entladen: »Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.« In jeder Sekunde, bei jedem Wort, das wir sprechen, bei jeder Tat, die wir tun, müssen wir unbewußte Regungen unterdrücken oder vielmehr zurückdrücken; unablässig hat sich unser ethisches oder zivilisatorisches Gefühl zu wehren gegen den barbarischen Lustwillen der Instinkte. Und so erscheint – großartige Vision, von Freud zum erstenmal beschworen – unser ganzes seelisches Leben als ein unablässiger und pathetischer, ein nie endender Kampf zwischen bewußtem und unbewußtem Wollen, zwischen verantwortlichem Tun und der Unverantwortlichkeit unserer Triebe. Aber auch das scheinbar Unbewußte hat in jeder seiner Äußerungen, selbst wenn sie uns unverständlich bleiben, einen bestimmten Sinn; diesen Sinn seiner unbewußten Regungen nun erkennbar zu machen für jedes Individuum, fordert Freud als die zukünftige Aufgabe einer neuen und notwendigen Seelenkunde. Erst wenn wir die unterweltlichen Bezirke eines Menschen erhellen können, wissen wir um seine Gefühlswelt: erst wenn wir bis zum Untergrund einer Seele hinabsteigen, können wir den eigentlichen Grund ihrer Störungen und Verstörungen ermitteln. Was der Mensch bewußt weiß, braucht ihn der Psychologe und der Psychotherapeut nicht zu lehren. Nur dort, wo er sein Unbewußtes nicht kennt, kann der Seelenarzt ihm wahrhaft Helfer werden.

Wie aber hinab in diese Dämmerreiche? Die zeitgenössische Wissenschaft weiß keinen Weg. Sie verneint schroff die Möglichkeit, Phänomene des Unterbewußtseins mit ihren auf mechanische Exaktheit eingestellten Apparaten erfassen zu können. Nur im Taglicht, nur in der Bewußtseinswelt konnte darum die alte Psychologie ihre Untersuchungen führen. Am Sprachlosen oder bloß traumhaft Sprechenden aber ging sie gleichgültig und ohne Blick vorbei. Freud nun bricht diese Auffassung wie ein morsches Holz und wirft sie in den Winkel. Nach seiner Überzeugung ist das Unbewußte nicht stumm. Es spricht, freilich in andern Zeichen und Symbolen als die Bewußtseinssprache. Darum muß, wer von seiner Oberfläche hinab will in seine eigene Tiefe, zunächst die Sprache jener neuen Welt erlernen. Wie die Ägyptologen an der Tafel von Rosette, beginnt Freud einzeln Zeichen um Zeichen zu übertragen, ein Vokabular und eine Grammatik jener Sprache des Unbewußten sich auszuarbeiten, um jene Stimmen verständlich zu machen, die hinter unsern Worten und unserm Wachsein mahnend oder verlockend mitschwingen und denen wir meistens verführter verfallen als unserm lauten Willen. Wer aber eine neue Sprache versteht, begreift auch einen neuen Sinn. So eröffnet Freuds neues Verfahren der Tiefenpsychologie eine unerkannte geistige Welt: erst durch ihn wird wissenschaftliche Psychologie aus bloßer erkenntnistheoretischer Beobachtung der Bewußtseinsvorgänge zu dem, was sie immer hätte sein müssen: zu Seelenkunde. Nicht länger liegt mehr die eine Hemisphäre des innern Kosmos unbeachtet im Mondschatten der Wissenschaft. Und in dem Grade, wie sich die ersten Umrisse des Unbewußten deutsam erhellen, offenbart sich immer untrüglicher ein neuer Einblick in die großartig sinnvolle Struktur unserer geistigen Welt.

Traumdeutung

Comment les hommes ont-ils si peu réfléchi jusqu’alors aux accidents du sommeil, qui accusent en l’homme une double vie! N’y aurait-il pas une nouvelle science dans ce phénomène? … il annonce au moins la désunion fréquente de nos deux natures. J’ai donc enfin un témoignage de la supériorité qui distingue nos sens latents de nos sens apparents.

Balzac, Louis Lambert, 1833.

Das Unbewußte ist das tiefste Geheimnis jedes Menschen: dies ihm aufdecken zu helfen, setzt sich die Psychoanalyse als Aufgabe. Wie aber offenbart sich ein Geheimnis? Auf dreierlei Art. Man kann einem Menschen, was er verhehlt, mit Gewalt abzwingen: nicht umsonst haben Jahrhunderte gezeigt, wie man mit der Folter auch hartnäckig verpreßte Lippen löst. Man kann ferner auf kombinatorische Weise das Versteckte erraten, indem man die ganz kurzen Augenblicke nutzt, da sein flüchtiger Umriß – gleich dem Rücken eines Delphins über dem undurchdringlichen Spiegel des Meeres – für eine Sekunde aus dem Dunkel taucht. Und man kann schließlich mit großer Geduld die Gelegenheit abwarten, wo im Zustand gelockerter Wachsamkeit das Verschwiegene sich selber ausplaudert.

Alle diese drei Techniken übt abwechselnd die Psychoanalyse. Zuerst versuchte sie das Unbewußte durch Willenszwang in der Hypnose gewaltsam zum Reden zu bringen. Daß der Mensch mehr von sich selber weiß, als er bewußt sich und andern eingesteht, war von je der Psychologie wohlbekannt, doch sie verstand nicht, an dieses Unterbewußtsein heranzukommen. Erst der Mesmerismus zeigte, daß im künstlichen Dämmerschlaf oft mehr aus einem Menschen herausgeholt werden kann als im Wachzustande. Da der Willensbetäubte im Trancezustand nicht weiß, daß er vor andern spricht, da er in dieser Schwebe mit sich im Weltenraum allein zu sein glaubt, plaudert er ahnungslos seine innersten Wünsche und Verschwiegenheiten aus. Darum schien die Hypnose zunächst das aussichtsreichste Verfahren; bald aber (aus Gründen, die zu weit ins einzelne führen würden) gibt Freud diese Art, gewaltsam ins Unbewußte einzubrechen, als eine unmoralische und unergiebige auf: wie die Justiz in ihrem humaneren Stadium auf die Folter freiwillig Verzicht leistet, um sie durch die feinmaschigere Kunst des Verhörs und des Indizienbeweises zu ersetzen, so geht die Psychoanalyse von der ersten gewaltübenden Epoche des Geständniserzwingens zu jener des kombinatorischen Erratens über. Jedes Wild, so flüchtig und leichtfüßig es sei, hinterläßt Spuren. Und genau wie der Jäger am winzigsten Fußtapfen die Gangart und Gattung des gesuchten Wildes abliest, so wie der Archäologe aus dem Splitter einer Vase den Generationscharakter einer ganzen verschütteten Stadt feststellt, so übt in ihrer fortgeschritteneren Epoche die Psychoanalyse ihre Detektivkunst an jenen spurhaften Gegenwartszeichen, in denen sich das unbewußte Leben innerhalb des bewußten verrät. Schon bei den ersten Nachforschungen nach solchen kleinen Andeutungen entdeckte Freud eine verblüffende Fährte: die sogenannten Fehlleistungen. Unter Fehlleistungen (immer findet Freud zu dem neuen Begriff auch das wie ein Herzschuß treffende Wort) faßt die Tiefenpsychologie alle jene sonderbaren Phänomene zusammen, welche die größte und älteste Meisterin der Psychologie, die Sprache, längst als einheitliche Gruppe erkannt und deshalb einheitlich durch die Silbe »ver« gekennzeichnet hatte, also das Ver-sprechen, das Ver-lesen, Ver-schreiben, Ver-wechseln, Ver-gessen, Ver-greifen. Winzige Tatsachen, zweifellos: man verspricht sich, man sagt ein Wort für ein anderes, man nimmt ein Ding für das andere, man verschreibt sich, man schreibt ein Wort für das andere – jedem stößt solcher Irrtum dutzendemal am Tage zu. Aber wie kommt es zu diesen Druckfehlerteufeleien des täglichen Lebens? Was ist die Ursache dieser Auflehnung der Materie gegen unsern Willen? Nichts – Zufall oder Ermüdung, antwortete die alte Psychologie, sofern sie überhaupt derlei unbeträchtliche Irrtümer des Alltags ihrer Aufmerksamkeit würdigte. Gedankenlosigkeit, Zerstreutheit, Unachtsamkeit. Aber Freud greift schärfer zu: was heißt Gedankenlosigkeit anderes als eben dies, die Gedanken nicht dort zu haben, wo man sie haben will? Und wenn man schon die gewollte Absicht nicht verwirklicht, wieso springt dann eine andere ungewollte für sie ein? Warum sagt man ein anderes Wort als das beabsichtigte? Da bei der Fehlleistung statt der gewünschten eine andere Leistung ausgelöst wird, so muß sich jemand eingedrängt haben, der sie so unerwartet vollbringt. Ein Irgend-Jemand muß da sein, der dieses falsche Wort hervorholt für das richtige, der den Gegenstand versteckt, den man finden will, der das falsche Ding für das bewußt gesuchte einem heimtückisch in die Hand steckt. Nun erkennt Freud (und diese Idee beherrscht seine ganze Methodik) nirgendwo im Seelischen ein Sinnloses, ein bloß Zufälliges an. Für ihn hat jedes psychische Geschehnis einen bestimmten Sinn, jedes Tun seinen Täter; und da in diesen Fehlleistungen nicht das Bewußte eines Menschen handelnd in Erscheinung tritt, sondern verdrängt wird, was kann diese verdrängende Kraft anderes sein als das Unbewußte, das lang und vergeblich gesuchte? Fehlleistung bedeutet also für Freud nicht Gedankenlosigkeit, sondern das Sichdurchsetzen eines zurückgedrängten Gedankens. Ein Etwas spricht sich im »Ver«sprechen, »Ver»schreiben, »Ver«greifen aus, das unser wacher Wille nicht zu Wort kommen lassen wollte. Und dieses Etwas spricht die unbekannte und erst zu erlernende Sprache des Unbewußten.

Damit ist ein Grundsätzliches geklärt: erstens, in jeder Fehlleistung, in allem scheinbar falsch Getanem drückt sich ein untergründig Gewolltes aus. Und zweitens: in der bewußten Willenssphäre mußte ein Widerstand gegen diese Äußerung des Unbewußten tätig gewesen sein. Wenn zum Beispiel (ich wähle Freuds eigene Beispiele) ein Professor auf einem Kongreß von der Arbeit eines Kollegen sagt: »Wir können diesen Fund gar nicht genug unterschätzen«, so wollte seine unbewußte Absicht zwar »überschätzen« sagen, aber gedacht hat er im Innersten »unterschätzen«. Die Fehlleistung wird nun zum Verräter seiner wahrhaften Einstellung, sie plaudert zu seinem eigenen Entsetzen das Geheimnis aus, daß er die Leistung seines Kollegen innerlich lieber herabsetzen als hervorheben wollte. Oder wenn jene touristisch ausgebildete Dame auf einer Dolomitenpartie klagt, sie habe Bluse und Hemd durchgeschwitzt, und dann fortfährt: »Wenn man aber dann nach Hose kommt und sich umziehen kann« wer versteht da nicht, daß sie ursprünglich die Erzählung vollständiger geben wollte und naiv berichten, daß sie Bluse, Hemd und Hose durchgeschwitzt habe! Der Begriff Hose war nahe daran, sich zum Wort zu formen, – da wird ihr im letzten Moment die Ungehörigkeit der dargestellten Situation bewußt, dieses Bewußtsein stellt sich vor das Wort und drängt es zurück. Aber der unterirdische Wille ist nicht ganz zu Boden geschlagen, und so springt, die momentane Verwirrung benützend, das Wort als »Fehlleistung« in den nächsten Satz. Man sagt beim Versprechen das, was man eigentlich nicht hatte sagen wollen, aber was man wirklich gemeint hat. Man vergißt, was man innerlich eigentlich vergessen wollte. Man verliert, was man zu verlieren wünschte. Fast immer bedeutet eine Fehlleistung Geständnis und Selbstverrat.

Diese im Vergleich zu seinen eigentlichen Funden geringfügige psychologische Entdeckung Freuds ist, weil die amüsanteste und unanstößigste, unter allen seinen Beobachtungen am einhelligsten anerkannt worden: innerhalb seiner Lehre entwickelt sie nur überleitende Kraft. Denn diese Fehlleistungen ereignen sich verhältnismäßig selten, sie liefern nur atomhafte Splitter des Unterbewußten, zu wenige und im Zeitraum zu sehr versprengte, als daß man aus ihnen ein Gesamtmosaik zusammensetzen könnte. Aber selbstverständlich tastet Freuds beobachtende Neugier von hier aus die ganze Fläche unseres Seelenlebens weiter ab, ob nicht andere solcher »sinnloser« Phänomene vorhanden und in diesem neuen Sinne deutbar seien. Und er braucht nicht weit zu suchen, um auf ein Allerhäufigstes unseres Seelenlebens zu stoßen, das gleichfalls als sinnlos gilt, ja sogar als der Typus des Sinnlosen. Selbst der Sprachgebrauch bezeichnet ja den Traum, diesen täglichen Gast unseres Schlafes, als konfusen Eindringling und phantastischen Vaganten auf unserer sonst logisch klaren Gehirnbahn: Träume sind Schäume! Sie gelten als hohles, farbig aufgeblasenes Nichts ohne Zweck und Sinn, eine Fata Morgana des Bluts, und ihre Bilder haben nichts zu »bedeuten«. Man hat nichts zu tun mit seinen Träumen, man ist unschuldig an diesen einfältigen Koboldspielen seiner Phantasie, argumentiert die alte Psychologie und lehnte jede Vernunftdeutung ab: mit diesem Lügner und Narren sich in ernste Rede einzulassen, hat für die Wissenschaft weder Sinn noch Wert.

Wer aber spricht, bildert, schildert, handelt und gestaltet in unseren Träumen? Daß hier jemand anderes spreche, handle und wolle als unser waches Ich, ahnte schon die früheste Vorzeit. Bereits das Altertum erklärte von den Träumen, sie seien »eingegeben«, von etwas Übermächtigem in uns hineingetan. Ein überirdischer oder – wenn man das Wort wagen darf – ein überichlicher Wille trete hier in Erscheinung. Für jeden außermenschlichen Willen aber wußte die mythische Welt nur eine Deutung: die Götter! – denn wer außer ihnen besaß die verwandelnde Kraft und die obere Gewalt? Sie waren es, die sonst unsichtbaren, die in symbolischen Träumen den Menschen nahten, ihnen Botschaft einflüsterten und den Sinn mit Schrecknis oder Hoffnung erfüllten und an die schwarze Wand des Schlafes mahnend oder beschwörend jene bunten Bilder hinzeichneten. Da sie heilige, da sie göttliche Stimme in diesen nächtlichen Offenbarungen zu hören glaubten, wandten alle Völker der Urzeit ihre äußerste Inbrunst daran, diese Göttersprache »Traum« menschlich zu verstehen, um aus ihr den göttlichen Willen zu erkennen. So steht im Anfang der Menschheit als eine der frühesten Wissenschaften die Traumdeutung: vor jeder Schlacht, vor jeder Entscheidung, an jedem Morgen einer durchträumten Nacht werden von den Priestern und Weisen die Träume geprüft und ihre Geschehnisse als Symbole eines kommenden Guten oder drohenden Bösen gedeutet. Denn die alte Traumdeutekunst meint, sehr im Gegensatz zu jener der Psychoanalyse, welche damit die Vergangenheit eines Menschen entschleiern will, in diesen Phantasmagorieen verkündeten die Unsterblichen den Sterblichen die Zukunft. So blüht in den Tempeln der Pharaonen und den Akropolen Griechenlands und den Heiligtümern Roms und unter dem brennenden Himmel Palästinas jahrtausendelang diese mystische Wissenschaft. Für Hunderte und Tausende von Geschlechtern und Völkern war der Traum der wahrhafteste Erklärer des Schicksals.

Die neue, die empirische Wissenschaft bricht selbstverständlich schroff mit dieser Auffassung als einer abergläubischen und naiven. Da sie keine Götter und kaum das Göttliche anerkennt, sieht sie in Träumen weder Sendung von oben noch sonst einen Sinn. Für sie sind Träume ein Chaos, wertlos, weil sinnlos, ein bloßer physiologischer Akt, ein atonales, dissonanzhaftes Nachschwingen der Nervenerregungen, Blasen und Blähungen des blutüberstauten Gehirns, ein letzter wertloser Abhub der am Tage unverdauten Eindrucksreste, den die schwarze Welle des Schlafes mit sich schwemmt. Einem solchen lockeren Gemengsel fehle natürlich jeder logische oder seelische Sinn. Darum billigt die Wissenschaft den Bilderfolgen der Träume weder Wahrheit noch Zweck, Gesetz oder Bedeutung zu; darum versucht ihre Psychologie sich gar nicht an der Sinngebung eines Sinnlosen, an der Deutung eines Bedeutungslosen.

Erst mit Freud beginnt wieder – nach zwei- oder dreitausend Jahren – eine positive Einschätzung des Traumes als eines schicksalverräterischen Akts. Abermals hat die Tiefenpsychologie dort, wo die andern nur ein Chaos, ein regelloses Getriebe annahmen, geregeltes Walten erkannt: was ihren Vorgängern verworrenes Labyrinth ohne Ausgang und ohne Ziel, erscheint ihr als die Via regia, die Hauptstraße, welche das unbewußte Leben dem bewußten verbindet. Der Traum vermittelt zwischen unserer hintergründigen Gefühlswelt und der unserer Einsicht unterworfenen: durch ihn können wir manches wissen, was wir uns weigern, wach zu wissen. Kein Traum, behauptet Freud, ist völlig sinnlos, jeder hat, als ein vollgültiger seelischer Akt, einen bestimmten Sinn. Jeder ist Kundgebung zwar nicht eines höheren, eines göttlichen, eines außermenschlichen Wollens, aber oftmals des innersten, geheimsten Willens im Menschen.

Allerdings, dieser Bote spricht nicht unsere gewöhnliche Sprache, nicht jene der Oberfläche, sondern die Sprache der Tiefe, der unbewußten Natur. Darum verstehen wir seinen Sinn und seine Sendung nicht sofort: wir müssen erst lernen, sie zu deuten. Eine neue, erst zu schaffende Wissenschaft muß uns lehren, was dort in Bildern mit kinematographischen Geschwindigkeiten auf der schwarzen Schlafwand vorbeiflitzt, festzuhalten, zu agnoszieren, ins Verständliche zurückzuübersetzen. Denn wie alle primitiven Ursprachen der Menschheit, wie jene der Ägypter und Chaldäer und Mexikaner, drückt sich die Traumsprache ausschließlich in Bildern aus, und wir stehen jedesmal vor der Aufgabe, ihre Bildsymbole in Begriffe umzudeuten. Dieses Umsetzen von Traumsprache in Denksprache unternimmt die Freudsche Methode in einer neuen, in einer charakterologischen Absicht. Wollte die alte, die prophetische Traumdeutung die Zukunft eines Menschen ergründen, so sucht die werdende, die psychologische Traumdeutung vor allem die seelenbiologische Vergangenheit des Menschen aufzudecken und damit seine innerste Gegenwart. Denn nur scheinbar ist das Ich, das man im Traum ist, das gleiche unseres Wachens. Da im Traum keine Zeit gilt (wir sagen nicht zufällig »traumhaft schnell«), sind wir im Traum alles zugleich, was wir jemals waren und jetzt sind, Kind und Knabe, der Mensch von gestern und heute, das gesamte Ich also, die volle Summe nicht nur unseres Lebens, sondern auch Gelebthabens, während wir im Wachen einzig unser Augenblick-Ich empfinden. Alles Leben ist also Doppelleben. Unten im Unbewußten sind wir unsere Ganzheit, das Einst und Heute, Urmensch und Kulturmensch im wirrgemengten Gefühl, archaische Reste eines naturverbundenen weiteren Ich, oben im klaren, schneidenden Licht nur das bewußte Zeit-Ich. Und von diesem universellen, aber dumpferen Leben geht zu unserem bloß zeitlichen Sein Nachricht fast nur nachts herüber durch diesen geheimnisvollen Boten im Dunkel – den Traum: das Wesentlichste was wir von uns ahnen, wissen wir durch ihn. Ihn zu erlauschen, seine Sendung zu verstehen, heißt darum von unserer eigentlichsten Eigenheit erfahren. Nur wer seinen Willen nicht bloß im Wachraum, sondern auch in den Tiefen seiner Träume kennt, weiß wahrhaftig um jene Summe aus erlebtem und zeitlichem Leben, die wir unsere Persönlichkeit nennen.

Wie aber ein Lot hinabsenken in solche undurchdringliche und unmeßbare Tiefen? Wie deutlich erkennen, was sich nie klar zeigt, war nur maskenhaft wirr durch die Schattengänge unseres Schlafes flackert, was bloß orakelt, statt zu reden? Hier einen Schlüssel zu finden, die entzaubernde Chiffre, welche die unfaßbare Traumbildsprache in Wachsprache übersetzt, scheint Magie zu erfordern, eine geradezu hellseherische Intuition. Aber Freud besitzt in seiner psychologischen Werkstatt einen Dietrich, der ihm alle Türen aufsperrt, er übt eine fast unfehlbare Methodik: überall, wo er das Allerkomplizierteste erreichen will, geht er vom Allerprimitivsten aus. Immer setzt er die Urform neben die Endform; immer und überall tastet er, um die Blüte zu begreifen, zuerst zu den Wurzeln hinab. Deshalb beginnt Freud seine Traumpsychologie statt bei dem hochkultivierten Wachmenschen beim Kinde. Denn im kindlichen Bewußtsein liegen noch wenig Dinge im Vorstellungsraum nebeneinander, der Denkkreis ist noch beschränkt, die Assoziation noch schwächlich, das Traummaterial also übersichtlich. Im Kindtraum ist nur ein Minimum von Deutungskunst nötig, um bei so dünner Denkschicht die seelische Gefühlsunterlage zu durchschauen. Ein Kind ist an einem Schokoladengeschäft vorübergegangen, die Eltern haben sich geweigert, ihm etwas zu kaufen – so träumt das Kind von Schokolade. Vollkommen unfiltriert, vollkommen ungefärbt, verwandelt sich im Kindergehirn Begierde in Bild, Wunsch in Traum. Noch fehlt jede geistige, jede moralische, jede schamhafte, jede intellektuelle Hemmung, jede Voraussicht und jede Rücksicht. Mit der gleichen Unbefangenheit, mit der das Kind sein Äußeres, seinen Körper nackt und schamunkundig jedem Menschen darbietet, zeigt es auch unverhüllt seine inneren Wünsche im Traum.

Damit ist einer künftigen Deutung schon einigermaßen vorgearbeitet. Die Symbolbilder des Traums verbergen also meistens unerfüllte, zurückgedrängte Wünsche, die sich am Tage nicht verwirklichen konnten und nun auf der Traumstraße in unser Leben zurückstreben. Was aus irgendwelchen Gründen bei Tag nicht Tat oder Wort werden konnte, spricht sich dort bildernd und schildernd in farbigen Phantasieen aus; nackt und sorglos können in der unbewachten Flut des Traums alle Begehrungen und Strebungen des innern Ich sich spielend umtummeln. Scheinbar völlig ungehemmt – bald wird Freud diesen Irrtum korrigieren – lebt sich dort aus, was im realen Leben nicht zur Geltung kommen kann, die dunkelsten Wünsche, die gefährlichsten und verbotensten Begierden; in diesem unzugänglichen Revier kann endlich die tagsüber eingehürdete Seele sich all ihrer sexuellen und aggressiven Tendenzen entlasten: im Traum kann der Mann die Frau umarmen und mißbrauchen, die sich im Wachen ihm verweigert, der Bettler Reichtum an sich raffen, der Häßliche sich ein schönes Fell umhängen, der Alte sich verjüngen, der Verzweifelte glücklich, der Vergessene berühmt, der Schwache stark werden. Hier allein kann der Mensch seine Widersacher töten, seinen Vorgesetzten unterjochen, endlich einmal göttlich frei und ungebunden seinen innersten Gefühlswillen ekstatisch ausleben. Jeder Traum bedeutet also nichts anderes, als einen tagsüber unterdrückten oder sogar vor sich selbst unterdrückten Wunsch des Menschen: so scheint die Anfangsformel zu lauten.

Bei dieser ersten provisorischen Feststellung Freuds ist die breitere Öffentlichkeit stehen geblieben, denn diese Formel: Traum ist gleich unausgelebter Wunsch, handhabt sich so denkeinfach und bequem, daß man mit ihr spielen kann wie mit einer Glaskugel. Und tatsächlich meinen gewisse Kreise, ernstlich Traumanalyse zu treiben, wenn sie sich mit dem unterhaltsamen Gesellschaftsspiel amüsieren, jeden Traum auf seine Wunsch- und womöglich Sexualsymbolik abzutasten. In Wirklichkeit hat niemand ehrfurchtsvoller als gerade Freud die Vielmaschigkeit des Traumgewebes und die kunstvolle Mystik seiner verschlungenen Muster betrachtet und immer wieder gerühmt. Sein Mißtrauen gegen allzu rasche Ergebnisse brauchte nicht lange, um gewahr zu werden, daß jene übersichtliche Einstrebigkeit und sofortige Verständlichkeit nur für den Kindertraum gelte, denn beim Erwachsenen bedient sich die bildnerische Phantasie bereits eines ungeheuren symbolischen Materials von Assoziationen und Erinnerungen. Und jenes Bildervokabular, das im Kinderhirn höchstens ein paar hundert gesonderte Vorstellungen umfaßt, webt hier mit unbegreiflicher Fertigkeit und Geschwindigkeit Millionen und vielleicht Milliarden von Erlebnismomenten zu den verwirrendsten Gespinsten zusammen. Vorbei ist im Traum des Erwachsenen jene schamunbewußte Nacktheit und Unverhülltheit der Kinderseele, die ihre Wünsche ungehemmt zeigte, vorbei die unbesorgte Plauderhaftigkeit jener frühen nächtlichen Bilderspiele, denn nicht nur differenzierter, sondern auch raffinierter, hinterhältiger, unaufrichtiger, heuchlerischer gebärdet sich der Traum des Erwachsenen als jener des Kindes: er ist halbmoralisch geworden. Selbst in dieser privaten Scheinwelt hat der ewige Adam im Menschen das Paradies der Unbefangenheit verloren, er weiß um sein Gut und Böse bis tief in den Traum hinab. Die Tür zum sozialen, zum ethischen Bewußtsein ist sogar im Schlaf nicht mehr völlig zugeschlossen, und mit geschlossenen Augen, mit schwanken Sinnen ängstigt sich die Seele des Menschen, von ihrem innern Zuchtmeister, dem Gewissen – dem Über-Ich, wie Freud es nennt –, auf unstatthaften Wünschen, auf verbrecherischen Traumtaten ertappt zu werden. Nicht auf freier Bahn, offen und unverhüllt, bringt also der Traum seine Botschaften aus dem Unbewußten empor, sondern er schmuggelt sie auf geheimen Wegen in den absonderlichsten Verkleidungen durch. Ausdrücklich warnt darum Freud, das, was der Traum erzählt, schon als seinen wirklichen Inhalt gelten zu lassen. Im Traum des Erwachsenen will ein Gefühl sich aussprechen, aber es wagt nicht, sich frei auszusprechen. Es spricht aus Angst vor dem »Zensor« nur in beabsichtigten und sehr raffinierten Entstellungen, es schiebt immer Unsinniges vor, um seinen eigentlichen Sinn nicht erraten zu lassen: wie jeder Dichter, so ist der Traum Wahrheitslügner, das heißt: er beichtet »sub rosa«, er enthüllt, aber nur in Symbolen, ein inneres Erlebnis. Zwei Schichten sind also sorgfältig zu unterscheiden: das, was der Traum »erdichtet« hat, um zu verschleiern, die sogenannte »Traumarbeit«, und das, was er an wahrhaftigen Erlebniselementen hinter diesen bunten Schleiern verbirgt: den »Trauminhalt«. Aufgabe der Psychoanalyse wird nun, das verwirrende Gespinst der Entstellungen aufzulösen und in jenem Schlüsselroman – jeder Traum ist »Dichtung und Wahrheit« – die Wahrheit, das wirkliche Geständnis und damit den Tatsachenkern freizulegen. Nicht was der Traum sagt, sondern was er eigentlich sagen wollte, dies erst führt in den unbewußten Raum des Seelenlebens hinein. Nur dort ist die Tiefe, der die Tiefenpsychologie zustrebt.

Wenn Freud aber der Traumanalyse besondere Wichtigkeit für die Erkundung der Persönlichkeit zumißt, so redet er damit keineswegs einer vagen Traumdeuterei das Wort. Freud fordert einen wissenschaftlich genauen Untersuchungsprozeß, ähnlich jenem, mit dem der Literaturforscher an ein dichterisches Gebilde herantritt. Wie der Germanist versucht, die phantasievolle Zutat vom eigentlichen Erlebnismotiv abzugrenzen, und fragt, was den Dichter gerade zu dieser Gestaltungsform veranlaßt habe – so wie er etwa in der Gretchenepisode das verschobene Friederikenerlebnis als Impuls erkennt, ebenso sucht der Psychoanalytiker in der Traumdichtung und -verdichtung den treibenden Affekt seines Patienten. Das Bild einer Persönlichkeit ergibt sich ihm am deutlichsten aus ihren Gebilden; hier wie immer erkennt Freud den Menschen am tiefsten im produktiven Zustand. Da aber Persönlichkeitserkennung das eigentliche Ziel des Psychoanalytikers sein muß, so liegt es ihm ob, sich der dichterischen Substanz jedes Menschen, seines Traummaterials sichtend zu bedienen: hütet er sich dabei vor Übertreibungen, widerstrebt er der Versuchung, selbst einen Sinn hineinzudichten, so kann er in vielen Fällen wichtige Anhaltspunkte zur innern Lagerung der Persönlichkeit gewinnen. Zweifellos verdankt die Anthropologie Freud für diese produktive Aufdeckung der seelischen Sinnhaftigkeit mancher Träume wertvolle Anregung; darüber hinaus ist ihm aber im Lauf seiner Untersuchung noch ein Wichtigeres gelungen, nämlich zum erstenmal den biologischen Sinn des Traumphänomens als einer seelischen Notwendigkeit auszudeuten. Was der Schlaf im Haushalt der Natur bedeute, hatte die Wissenschaft längst festgestellt: der Schlummer erneuert die von der Tagesleistung erschöpften Kräfte, er erneuert die verbrauchte und verbrannte Nervensubstanz, er unterbricht die ermüdende Bewußtseinsarbeit des Gehirns durch eine Feierschicht. Demgemäß müßte eigentlich ein völlig schwarzes Nichts, ein todähnliches Versinken, ein Abstoppen aller Gehirntätigkeit, Nichtsehen, Nichtwissen, Nichtdenken die vollendetste hygienische Form des Schlafes sein: warum also hat die Natur den Menschen nicht diese scheinbar zweckmäßigste Form der Entspannung zugeteilt? Warum hat sie, die immer sinnvolle, auf diese schwarze Wand so erregendes Bilderspiel hingezaubert, warum unterbricht sie das völlige Nichts, dies Einfluten ins Nirwana, allnächtlich mit flackerndem und seelenversucherischem Wesensschein? Wozu die Träume? Unterbinden, verwirren, stören, hemmen sie nicht eigentlich die so weise ersonnene Entspannung, sind sie, die angeblich sinnlosen, nicht sogar ein Widersinn der sonst allzeit zweckhaften und weithin planenden Natur? Auf diese sehr natürliche Frage wußte die Lebenskunde bisher keine Antwort. Erst Freud stellt zum ersten Male fest, daß die Träume zur Stabilisierung unseres seelischen Gleichgewichts notwendig sind. Der Traum ist ein Ventil unserer Gefühlskraft. Denn zu übermächtiges Begehren, eine Unermeßlichkeit an Lustgier und Lebenssehnsucht ist ja in unsern engen irdischen Leib getan, und wie wenig von diesen myriadenhaften Wünschen kann der durchschnittliche Mensch innerhalb des bürgerlich eingezirkelten Tages wahrhaft befriedigen? Kaum ein Tausendstel seines Lustwillens kommt in jedem von uns zur Verwirklichung; und so drängt ein aufs Unendliche hin zielendes, ungestilltes und unstillbares Begehren selbst in des armseligsten Kleinrentners, Pfründners und Taglöhners Brust. Schlimme Gelüste gären geil in jedem und jedem, machtloser Machtwille, rückgestoßenes und feige verkrümmtes anarchisches Verlangen, verbogene Eitelkeit, Inbrunst und Neid. Von unzähligen Frauen reizt täglich im Vorübergehen jede einzelne eine kurze Gier, und all das unausgelebte Wollen und Habenwollen staut sich, schlangenhaft verstrickt und giftzüngig, im Unterbewußtsein vom frühen Glockenschlag bis in die Nacht. Würde die Seele nicht zerbersten müssen unter solchem atmosphärischen Druck oder plötzlich ausfahren in mörderische Gewaltsamkeiten, wenn nicht nächtens der Traum allen diesen gestauten Wünschen einen Abfluß schaffte? Indem wir unsere tagsüber eingesperrten Begehrlichkeiten in die unverfänglichen Reviere des Traums freilassen, lösen wir den Alp von unserem Gefühlsleben, wir entgiften unsere Seelen in dieser Selbstentwandlung von ihrer Überdrängtheit, so wie wir den Körper von der Intoxikation der Müdigkeit im Schlummer erlösen. In die nur uns allein einsichtige Scheinwelt reagieren wir alle unsere im sozialen Sinne verbrecherischen Akte statt in strafpflichtige Taten in unverpflichtende Scheintaten ab. Traum bedeutet Tatersatz, er erspart uns oftmals die Tat, und darum ist die Formel Platos so herrlich meisterhaft: »Die Guten sind jene, die sich begnügen, von dem zu träumen, was die andern wirklich tun.« Nicht als Lebensstörer, Schlafstörer, sondern als Schlafhüter besucht uns der Traum; in seinen erlösenden Phantasieen halluziniert sich die Seele den Überdruck ihrer Spannungen weg – (»Was sich zutiefst im Herzen anstaut, niest sich im Traume aus« – sagt plastisch ein chinesisches Wort) –, so daß am Morgen der erfrischte Körper eine gereinigte, frei atmende statt einer überfüllten Seele in sich findet.

Diese druckentlastende, kathartische Wirkung hat Freud als den langvermißten und verleugneten Sinn des Traumes für unser Leben erkannt, und sie gilt, diese erlösende Lösung, ebenso für den nächtlichen Schlafgast wie für die höheren Formen alles Phantasierens und Tagträumens, also auch für Dichtung und Mythos. Denn was meint und will Dichtung anders, als im Symbol den überfüllten Menschen erlösen von seinen innern Spannungen, das Drängende aus ihm herausstellen in eine unverfängliche, nicht mehr die eigene Seele überflutende Zone! In jedem echten Kunstwerk wird Gestalten ein »Von-Sich-Weggestalten«, und wenn Goethe bekennt, Werther habe sich für ihn getötet, so drückt er damit wunderbar plastisch aus, daß er durch Abstoßung des beabsichtigten Selbstmords auf eine geträumte Spiegelgestalt sein eigenes Leben gerettet habe, – er hat also, psychoanalytisch gesprochen, seinen Selbstmord in jenen Werthers abreagiert. Wie der einzelne aber seine private Last und Lust im Traum, so erlösen sich die Furchtgefühle und Wünsche ganzer Völker in jenen plastischen Gebilden, die wir Mythen und Religionen nennen: auf den Opferaltären reinigt sich das ins Symbol geflüchtete innere Blutgelüst, in Beichte und Gebet verwandelt sich psychischer Druck in das erlösende Wort. Immer hat sich die Seele der Menschheit – was wüßten wir sonst von ihr? – nur in Dichtung offenbart, als schaffende Phantasie. Nur ihren in Religionen, Mythen und Kunstwerken gestalteten Träumen danken wir ein Ahnen ihrer schöpferischen Kraft. Keine Seelenkunde – diese Erkenntnis hat Freud unserer Zeit aufgeprägt – kann darum das Wahrhaft-Persönliche eines Menschen erreichen, die nur sein waches und verantwortliches Tun betrachtet: auch sie muß hinab in die Tiefe, wo sein Wesen Mythos ist und gerade im flutenden Element der unbewußten Gestaltung das wahrste Bildnis seines innern Lebens schafft.

Die Technik der Psychoanalyse

Sonderbar, daß das Innere des Menschen nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Wie wenig hat man noch die Physik für das Gemüt und das Gemüt für die Außenwelt benutzt.

Novalis

An manchen seltenen Stellen unserer vielgestaltigen Erdkruste bricht ungerufen in plötzlicher Eruption das kostbare Erdöl aus der Tiefe, an manchen zeigt sich Gold freiliegend im Flußsand, an manchen liegt Kohle offen zutage. Aber die menschliche Technik wartet nicht, bis da und dort solche unzulängliche Vorkommnisse sich gnädig offenbaren. Sie verläßt sich nicht auf den Zufall, sondern bohrt selbst die Erde auf, um Quellen zum Strömen zu bringen, sie treibt Stollen in die Tiefe, immer tausend vergebliche, um nur einmal an das kostbare Erz zu gelangen. Ebenso darf eine tätige Seelenkunde sich nicht mit jenen zufälligen Geständnissen begnügen, wie sie der Traum und die Fehlleistungen doch nur spurhaft offenbaren; auch sie muß, um an die eigentliche Schicht des Unbewußten heranzukommen, Psychotechnik anwenden, eine Tiefbaukunst, die bis in das innerste Erdreich in zielstrebiger und systematischer Arbeit vordringt. Eine solche Methode hat Freud gefunden und Psychoanalyse genannt.

Diese Methode erinnert in nichts an irgendeine vorausgegangene der Medizin oder Seelenkunde. Sie ist völlig autochthon und neu, ein Verfahren selbständig neben allen andern, eine Psychologie neben und gleichsam unterhalb jeder früheren, und darum von Freud selbst Tiefenpsychologie genannt. Der Arzt, der sie handhaben will, benötigt dafür seine Hochschulkenntnisse in so geringem Maß, daß bald die Frage entstehen konnte, ob eine medizinisch fachärztliche Ausbildung für den Psychoanalytiker überhaupt nötig sei; und tatsächlich hat Freud nach längerem Zögern die sogenannte »Laienanalyse«, das heißt die Behandlung durch nichtgraduierte Ärzte, freigegeben. Denn der Seelenhelfer im Freudischen Sinn überläßt die anatomische Untersuchung dem Physiologen, seine Anstrengung will nur ein Unsichtbares sichtbar machen. Da nicht mechanisch Faßbares oder Tastbares gesucht wird, erübrigt sich für ihn jedwede Apparatur; der Sessel, auf dem der Arzt sitzt, stellt ebenso wie bei der Christian Science das ganze ärztliche Handwerkzeug dieser Seelentherapie dar. Aber die Christian Science verwandte bei ihren Kuren immerhin noch geistige Narkotika und Anästhetika, sie impfte zur Beseitigung des Leidens gewisse Kräftigungsmittel wie Gott und Gläubigkeit der beunruhigten Seele ein. Die Psychoanalyse dagegen vermeidet jeden Eingriff, den seelischen ebenso wie den körperlichen. Denn ihre Absicht ist nicht, in den Menschen etwas Neues hineinzutun, weder ein Medikament, noch einen Glauben, sondern sie versucht, etwas aus ihm herauszuholen, was schon in ihm steckt. Nur Erkenntnis, nur tätige Selbsterkenntnis bringt Heilung im Sinne der Psychoanalyse; nur wenn der Kranke zu sich selbst zurückgeführt wird, in seine Persönlichkeit (und nicht in einen dutzendmäßigen Gesundheitsglauben hinein), wird er Herr und Meister seiner Krankheit. So geschieht die Arbeit eigentlich nicht von außen am Patienten, sondern gänzlich innerhalb seines seelischen Elements.

Der Arzt bringt in diese Art der Behandlung nichts mit als seine überwachende, vorsichtig lenkende Erfahrung. Er hat nicht wie der Praktiker seine Heilmittel schon bereit und nicht wie der Christian Scientist eine mechanische Formel: sein eigentliches Wissen ist nicht vorgeschrieben und fertig, sondern wird erst aus dem Erlebnisinhalt des Kranken herausdestilliert. Der Patient wieder bringt in die Behandlung nichts mit als seinen Konflikt. Aber er bringt ihn nicht offen, nicht einsichtig, sondern in den sonderbarsten, in den täuschendsten Verpackungen, Entstellungen, Verhüllungen, so daß das Wesen seiner Verstörung zunächst weder für ihn noch für den Arzt erkenntlich wird. Was der Neurotiker vorzeigt und bekennt, ist nur ein Symptom. Aber Symptome zeigen im Seelischen niemals klar die Krankheit, im Gegenteil, sie verstecken sie, denn nach der (völlig neuartigen) Auffassung Freuds besitzen Neurosen in sich gar keinen Inhalt, sie haben nur jede eine Ursache. Was ihn eigentlich verstört, weiß der Neurotiker nicht, oder er will es nicht wissen, oder er weiß es nicht bewußt. Er schiebt seit Jahren seinen innern Konflikt in so viel verschiedenen Zwangshandlungen und Symptomen hin und her, daß er schließlich selber nicht mehr weiß, wo er eigentlich steckt. Hier greift nun der Psychoanalytiker ein. Seine Aufgabe ist, dem Neurotiker bei der Aufdeckung des Rätsels zu helfen, dessen Lösung er selber ist. In »tätiger Erkenntnis zu zweien« tastet er mit ihm gemeinsam die Spiegelwand der Symptome nach den eigentlichen Urbildern der Verstörung ab, Schritt für Schritt gehen die beiden das ganze seelische Leben des Kranken zurück bis zur endgültigen Erkennung und Errichtung des inneren Zwiespalts.

Dieser technische Einsatz der psychoanalytischen Behandlung erinnert zunächst mehr an die kriminalistische Sphäre als an die ärztliche. Bei jedem Neurotiker, jedem Neurastheniker liegt nach der Auffassung Freuds ein irgendwann und irgendwo geschehener Einbruch in die Einheit der Persönlichkeit vor, und die erste Maßnahme muß eine möglichst genaue Erkundung des Tatbestandes sein; Ort, Zeit und Erscheinungsform jenes vergessenen oder verdrängten innern Geschehnisses müssen im Seelengedächtnis möglichst genau rekonstruiert werden. Aber schon bei diesem ersten Schritte steht das psychoanalytische Verfahren vor einer Schwierigkeit, wie es das juridische nicht kennt. Denn im psychoanalytischen Verfahren ist der Patient bis zu einem gewissen Grade alles zugleich. Er ist der, an dem die Tat getan wurde, und zugleich der Täter. Er ist durch seine Symptome Ankläger und Belastungszeuge und gleichzeitig der ingrimmigste Verhehler und Verdunkler des Tatbestandes. Er weiß irgendwo tief unten in sich um jenen Vorgang und weiß doch gleichzeitig nicht von ihm; was er vom Ursächlichen aussagt, ist nicht die Ursache; was er weiß, will er nicht wissen, und was er nicht weiß, weiß er irgendwie doch. Aber noch phantastischer! – dieser Prozeß beginnt gar nicht erst jetzt vor dem Nervenarzt, er ist eigentlich seit Jahren schon im Neurotiker ununterbrochen im Gange, ohne zu einem Ende gelangen zu können. Und was das psychoanalytische Eingreifen als letzte Instanz erreichen soll, ist nichts anderes, als diesen Prozeß zu beendigen; zu dieser Lösung, zu dieser Auflösung beruft (unbewußt) der Kranke den Arzt.

Die Psychoanalyse versucht aber nicht, den Neurotiker, den Menschen, der in seinem seelischen Labyrinth den Weg verloren hat, durch eine rasche Formulierung sofort aus seinem Konflikt herauszuführen. Im Gegenteil: sie drängt, sie lockt den Verstörten durch all die eigenen Erlebnisgänge und Irrgänge zunächst erst zurück bis an jenen entscheidenden Punkt, wo die gefährliche Abweichung begonnen hat. Denn um in einem fehlerhaften Gewebe den falschen Einschuß zu korrigieren, den Faden neu einzuknüpfen, muß der Weber immer die Maschine da wiedereinstellen, wo der Faden gerissen ist. Ebenso muß unvermeidlich (es gibt da keine Geschwindarbeit mit Intuitionen, keine Hellseherei) der Seelenarzt, um die Kontinuität des innern Lebens restlos zu erneuern, immer wieder zurück bis auf die Stelle, wo durch jene geheimnisvolle Gewalttat der Knick und Bruch entstanden ist. Schon Schopenhauer hatte bei einem nachbarlichen Gebiet die Vermutung ausgesprochen, eine völlige Heilung bei Geistesstörung wäre denkbar, wenn man bis zu dem Punkt vordringen könnte, wo sich der entscheidende Schock im Vorstellungsleben ereignete; um das Welke an der Blüte zu begreifen, muß die Untersuchung bis an die Wurzeln hinab, bis ins Unbewußte. Und das ist ein weiter und umwegiger, ein labyrinthischer Gang voll Verantwortung und Gefahr; wie ein Chirurg immer vorsichtiger und behutsamer bei der Operation wird, je mehr er sich im zarten Gewebe dem Nerv nähert, so tastet sich in dieser allerverletzlichsten Materie die Psychoanalyse mühselig-langsam von einer Erlebnisschicht in die tiefere hinab. Jede ihrer Behandlungen dauert nicht Tage und Wochen, sondern immer Monate, zuweilen Jahre, und sie erfordert eine in der Medizin bisher nicht annähernd gekannte Dauerkonzentration in der Seele des Arztes, eine langfristige Zusammenfassung, vergleichbar vielleicht nur den Willensexerzitien der Jesuiten. Alles geschieht innerhalb dieser Kur ohne Aufzeichnung, ohne jedes Hilfsmittel, einzig durch eine über weite Zeiträume verteilte Beobachtungskunst. Der Behandelte legt sich auf ein Sofa, und zwar so, daß er den hinter ihm sitzenden Arzt nicht sehen kann (dies, um die Hemmungen der Scham und der Bewußtheit zu hindern), und erzählt. Er erzählt aber nicht, wie meistens irrig angenommen wird, in geschlossener Folge, er legt keine Beichte ab; durch das Schlüsselloch gesehen, würde die Behandlung das groteskeste Schauspiel bieten, denn es geschieht in vielen Monaten äußerlich nichts, als daß von zwei Menschen einer spricht und der andere lauscht. Ausdrücklich schärft der Psychoanalytiker seinem Patienten ein, bei diesem Erzählen auf jedes bewußte Nachdenken zu verzichten und nicht als Anwalt, Kläger oder Richter in das schwebende Verfahren einzugreifen, also überhaupt nichts zu wollen, sondern einzig den ungewollten Einfällen gedankenlos nachzugeben (denn diese Einfälle fallen ja nicht von außen, sondern von innen aus dem Unbewußten in ihn hinein). Gerade das, wovon er meint, daß es zur Sache gehöre, soll er nicht heranholen, denn was bedeutet im tiefsten seine Seelenverstörung anders, als daß eben dieser Mensch nicht weiß, was seine »Sache« ist, seine Krankheit. Wüßte er dies, so wäre er ja seelisch normal, er schüfe sich keine Symptome und müßte nicht zum Arzt. Die Psychoanalyse lehnt darum alle vorbereiteten Berichte, alles Schriftliche ab und mahnt den Patienten nur, möglichst viel an seelischen Lebenserinnerungen ganz locker zu produzieren. Der Neurotiker soll sich ausreden, aus sich herausreden, monologisch draufloserzählen, kreuz und quer, Kraut und Rüben durcheinander, alles, was ihm gerade durch den Kopf geht, das scheinbar Belangloseste, denn gerade die spontanen, die nicht bewußt gewollten, die zufälligen Einfälle sind für den Arzt die wichtigsten. Nur durch solche »Nebensächlichkeiten« kann der Arzt der Hauptsache nahekommen. Darum, ob falsch oder wahr, ob wichtig oder unwichtig, ob theatralisch oder ehrlich: dem Patienten liegt als Hauptpflicht ob, viel zu erzählen, möglichst viel Erlebnismaterial, also biographische und seelencharakteristische Substanz heranzuschaffen.

Nun setzt die eigentliche Aufgabe des Analytikers ein. Aus dem allmählich in hundert Schüben herangekarrten gewaltigen Schutthaufen abgetragenen Lebensbaus, aus diesen Tausenden von Erinnerungen, Bemerkungen und Traumerzählungen muß der Arzt im psychologischen Sieb die Schlacke des Belanglosen absondern und durch einen langwierigen Umschmelzungsprozeß das eigentliche Erz der Beobachtung herausholen: die psychoanalytische Materie aus dem bloßen Material. Niemals darf er gutgläubig den bloßen Rohstoff des Erzählten als vollgültig anerkennen, immer muß er dessen eingedenk bleiben, »daß die Mitteilungen und Einfälle des Kranken nur Entstellungen des Gesuchten sind, gleichsam Anspielungen, aus denen zu erraten ist, was sich dahinter verbirgt«. Denn nicht das Erlebte des Patienten ist für die Erkenntnis der Krankheit wichtig (das ist längst von seiner Seele abgeladen), sondern das noch nicht Ausgelebte des Neurotikers, jenes überschüssige Gefühlselement, das in ihm noch unverwertet liegt wie ein unverdauter Brocken im Magen und wie jener zur Abfuhr drückt und drängt, aber jedesmal durch einen Gegenwillen zurückgekrampft wird. Dieses Gehemmte und seine Hemmung muß der Arzt mit »gleichschwebender Aufmerksamkeit« innerhalb der einzelnen psychischen Äußerungen zu bestimmen suchen, um allmählich zu einem Verdacht und vom Verdacht zur Sicherheit zu gelangen. Aber solches ruhiges, sachliches, gleichsam von außen Beobachten wird ihm durch den Patienten besonders im Anfang der Behandlung gleichzeitig erleichtert und erschwert durch jene fast unvermeidliche Gefühlseinstellung des Kranken, die Freud »die Übertragung« nennt. Der Neurotiker, ehe er zum Arzt kommt, trägt jenen Überschuß unverwendeten, unausgelebten Gefühls lange mit sich herum, ohne ihn jemals abstoßen zu können. Er rollt ihn durch Dutzende von Symptomen hin und her, er spielt sich selbst in den merkwürdigsten Spielen seinen eigenen unbewußten Konflikt vor; sofort aber, da er im Psychoanalytiker zum erstenmal einen aufmerksamen, einen berufsmäßigen Zuhörer und Mitspieler findet, wirft er seine Last wie einen Ball zunächst auf ihn, er versucht seine unverwertbaren Affekte auf den Arzt abzustoßen. Ob Liebe oder Haß, er gerät in einen bestimmten »rapport« zu ihm, in eine intensive Gefühlsbeziehung. Zum erstenmal gelangt, was bisher in der Scheinwelt sinnlos verzuckte und sich niemals ganz zu entladen vermochte, wie auf einer photographischen Platte bildhaft zum Niederschlag. Mit dieser »Übertragung« ist erst die psychoanalytische Situation gegeben: jeder Kranke, der ihrer nicht fähig ist, muß für die Kur als ungeeignet betrachtet werden. Denn der Arzt muß den Konflikt in emotioneller, in lebenshafter Form vor sich entwickelt sehen, um ihn zu erkennen: der Patient und der Arzt müssen ihn gemeinsam erleben.

Diese Gemeinsamkeit in der psychoanalytischen Arbeit besteht darin, daß der Kranke den Konflikt produziert oder vielmehr reproduziert und der Arzt seinen Sinn deutet. Bei dieser Sinngebung und Deutung hat er aber keineswegs (wie man eilfertig annehmen möchte) auf die Hilfe des Kranken zu zählen; in allem Seelenhaften waltet Zwiespältigkeit und Doppelwertigkeit der Gefühle. Derselbe Patient, der zum Psychoanalytiker geht, um seine Krankheit – von der er nur das Symptom kennt – loszuwerden, klammert sich gleichzeitig unbewußt an sie an, denn diese seine Krankheit stellt ja keinen Fremdstoff dar, sondern sie ist seine eigenste Leistung, sein Produkt, ein tätiger charakteristischer Teil seines Ich, den er gar nicht hergeben will. So hält er hart an seiner Krankheit fest, weil er lieber ihre unangenehmen Symptome auf sich nimmt als die Wahrheit, vor der er sich fürchtet und die ihm der Arzt (eigentlich gegen seinen Willen) erklären will. Da er doppelt fühlt und argumentiert, einmal vom Bewußten und einmal vom Unbewußten aus, ist er in einem der Jäger und der Gejagte; nur ein Teil des Patienten ist also Helfer des Arztes, der andere sein erbittertster Gegner, und während die eine Hand ihm zum Schein willig Geständnisse zusteckt, verwirrt und versteckt die andere gleichzeitig den wirklichen Tatbestand. Bewußt kann also der Neurotiker seinem Helfer gar nicht helfen, er kann ihm »die« Wahrheit gar nicht sagen, weil dies Nicht-Wissen oder Nicht-Wissenwollen der Wahrheit ja eben das ist, was ihn aus dem Gleichgewicht und in die Verstörung geworfen hat. Und selbst in den Augenblicken seines Ehrlichseinwollens lügt er über sich. Hinter jeder Wahrheit verbirgt sich immer eine tiefere Wahrheit, und wo einer gesteht, geschieht es oft nur, um ein noch Geheimeres hinter diesem Geständnis zu verbergen. Geständnislust und Scham spielen hier geheimnisvoll miteinander und gegeneinander, bald gibt und bald verbirgt sich der Erzählende im Wort, und mitten im Geständniswillen setzt unvermeidlich die Geständnishemmung ein. Wie ein Muskel krampft sich etwas in jedem Menschen zusammen, wenn ein anderer sich seinem letzten Geheimnis nähern will: jede Psychoanalyse ist im Wirklichen darum Kampf!

Aber das Genie Freuds versteht immer, gerade aus dem erbittertsten Feind den besten Helfer zu gewinnen. Gerade dieser Widerstand wird oft der eigentliche Verräter für das ungewollte Geständnis. Zwiefach verrät sich ja immer für einen feinhörigen Beobachter der Mensch im Gespräch, einmal in dem, was er sagt, und ein zweites Mal in dem, was er verschweigt; die Freudische Detektivkunst wittert die Nähe des entscheidenden Geheimnisses darum am sichersten dort, wo sie spürt, daß das Gegenüber sprechen will und nicht sprechen kann: die Hemmung wird da verräterisch zum Helfer, sie gibt den Weg deutenden Wink. Wo der Kranke zu laut spricht oder zu leise, wo er zu rasch redet und wo er stockt, da will das Unbewußte selbst sprechen. Und diese vielen kleinen Widerstände, diese winzigen Schwankungen, Stockungen, dies Zulaut- oder Zuleisesprechen, sobald ein bestimmter Komplex angenähert wird, zeigen mit der Hemmung endlich deutlich das Hemmende und das Gehemmte, kurzum den gesuchten, den versteckten und verdeckten Konflikt.

Denn immer handelt es sich im Verlauf einer Psychoanalyse um infinitesimal kleine Erkenntnisse, um Erlebnissplitter, aus denen sich dann allmählich als Mosaik das innere Erlebnisbild zusammensetzt. Nichts Einfältigeres als die in Salons und an Kaffeehaustischen seßhafte Vorstellung, man werfe in den Psychoanalytiker wie in einen Automaten seine Träume und Geständnisse ein, kurble ihn mit ein paar Fragen an, und sofort käme die Diagnose heraus. In Wahrheit ist jede psychoanalytische Behandlung ein ungeheuer komplizierter, ein durchaus unmechanischer und sogar kunstvoller Prozeß, vergleichbar am ehesten der stilgerechten Restauration eines alten verschmutzten, von plumper Hand übermalten Gemäldes, das in bewundernswerter Geduldarbeit millimeterhaft innerhalb einer verletzlichen und kostbaren Materie Schicht um Schicht erneuert und wieder verlebendigt werden muß, ehe nach Ablösung des Übertünchten das ursprüngliche Bild endlich in seinen natürlichen Farben zutage tritt. Obwohl unablässig mit Einzelheiten beschäftigt, zielt die aufbauende Arbeit der Psychoanalyse immer nur auf das Ganze, auf die Erneuerung der Gesamtpersönlichkeit: darum kann in einer wahrhaftigen Analyse niemals bloß ein einzelner Komplex einzeln herausgegriffen werden, jedesmal muß vom Fundament aus das ganze seelische Leben eines Menschen wieder aufgebaut werden. Geduld ist also die erste Eigenschaft, welche diese Methode erfordert, eine tätige Geduld bei ständiger und gleichzeitig doch nicht demonstrativ gespannter Aufmerksamkeit des Geistes, denn, ohne es sich merken zu lassen, muß der Arzt sein unvoreingenommenes Zuhören neutral verteilen auf das, was der Patient erzählt und was er nicht erzählt, und überdies wach auf die Nuancen blicken, mit denen er erzählt. Er muß den jedesmaligen Bericht jeder Sprechstunde mit allen früheren konfrontieren, um zu merken, welche Episoden sein Gegenüber auffällig oft wiederholt, an welchen Punkten seine Erzählung sich widerspricht, und darf bei dieser Wachsamkeit nie das Absichtsvolle seiner Neugierde verraten. Denn sobald der Patient spürt, daß man ihm auflauert, verliert er seine Unbefangenheit, – gerade jene Unbefangenheit, die allein zu dem kurzen phosphoreszierenden Aufleuchten des Unbewußten führt, in dem der Arzt die Konturen dieser fremden Seelenlandschaft erkennt. Aber auch diese seine eigene Deutung darf er dann seinem Patienten nicht aufdrängen, denn gerade das ist ja der Sinn der Psychoanalyse, daß die Selbsterkenntnis im Kranken von innen wachse, daß das Erlebnis sich auslebe. Der ideale Fall der Heilung tritt erst ein, wenn der Patient sein neurotisches Demonstrieren endlich selbst als überflüssig erkennt und seine Gefühlsenergieen nicht mehr an Wahn und Träume verschwendet, sondern in Leben und Leistung erlöst. Dann erst entläßt die Analyse den Kranken.

Wie oft aber – gefährliche Frage! – gelingt der Psychoanalyse solche vollkommene medizinische Lösung? Ich fürchte, nicht allzu häufig. Denn ihre Frage- und Lauschekunst benötigt eine ungemeine Feinhörigkeit des Herzens, eine hohe Hellsichtigkeit des Gefühls, eine so besondere Legierung kostbarster geistiger Substanzen, daß nur ein wahrhaft Prädestinierter, ein wirklich zum Psychologen Berufener hier als Heilhelfer zu wirken vermag. Die Christian Science, die Coué-Methode dürfen es sich erlauben, bloße Mechaniker ihres Systems heranzubilden. Dort genügt es, ein paar allgültige Formeln zu lernen: »Es gibt keine Krankheit«, »Ich fühle mich besser mit jedem Tag«; mit diesen grob gehämmerten Begriffen dreschen ohne sonderliche Gefahr selbst harte Hände so lange auf schwache Seelen los, bis der Krankheitspessimismus total zertrümmert ist. Bei der psychoanalytischen Behandlung aber steht der wahrhaft verantwortliche Arzt vor der Pflicht, in jedem individuellen Fall sich sein System selbständig zu erfinden, und derartige schöpferische Anpassungsfähigkeit läßt sich nicht mit Fleiß und Verstand erlernen. Sie erfordert einen geborenen und geübten Seelenerkenner, von Natur aus befähigt, sich einzudenken, sich einzufühlen in fremdeste Schicksale, gepaart mit menschlichem Takt und stillbeobachtender Geduld; darüber hinaus müßte aber von einem wirklich schöpferischen Psychoanalytiker noch ein gewisses magisches Element ausgehen, ein Strom von Sympathie und Sicherheit, dem sich jede fremde Seele willig und leidenschaftlich dienstwillig anvertraut, – unerlernbare Qualitäten dies alles und nur im Falle der Gnade in einem einzigen Menschen versammelt. In der Seltenheit solcher wirklicher Seelenmeister will mir die Beschränkung liegen, warum Psychoanalyse immer nur Berufung von einzelnen und niemals – wie es leider heute zu oft geschieht – Beruf und Geschäft werden kann. Aber hier denkt Freud merkwürdig nachsichtig, und wenn er sagt, die erfolgreiche Handhabung seiner Deutekunst erfordere zwar Takt und Übung, sei aber »unschwer zu erlernen«, so möge da am Rande ein dickes und beinahe grimmiges Fragezeichen gestattet sein. Denn schon der Ausdruck »Handhabung« scheint mir unglücklich für einen die geistigsten, ja sogar inspirativen Kräfte seelischen Wissens erfordernden Prozeß und der Hinweis auf allgemeine Erlernbarkeit sogar gefährlich. Denn so wenig die Kenntnis der Verstechnik einen Dichter, so wenig schafft das emsigste Studium der Psychotechnik einen wirklichen Psychologen, und keinem andern als ihm allein, dem geborenen, einfühlungsfähigen Seelendurchschauer, dürfte jemals Eingriff in dieses feinste, subtilste und empfindlichste aller Organe gestattet sein. Nur mit Grauen kann man sich vorstellen, wie gefährlich ein inquisitorisches Verfahren, das ein schöpferischer Geist wie Freud in höchster Feinheit und Verantwortung ausdachte, in plumpen Händen werden könnte. Nichts hat wahrscheinlich dem Ruf der Psychoanalyse so sehr geschadet wie der Umstand, daß sie sich nicht auf einen engen, aristokratisch ausgewählten Seelenkreis beschränkte, sondern das Unerlernbare in Schulen lehrte. Denn in dem raschen und unbedenklichen Von-Hand-zu-Hand-Gehen sind manche ihrer Begriffe vergröbert und nicht eben sauberer geworden; was sich heute in der Alten und mehr noch in der Neuen Welt als psychoanalytische Behandlung fachmännisch oder dilettantisch ausgibt, hat oft nur traurig parodistische Ähnlichkeit mit der ursprünglichen, auf Geduld und Genie eingestellten Praxis Sigmund Freuds. Gerade wer unabhängig urteilen will, muß feststellen, daß nur infolge jener Schulanalysen heute jede ehrliche Übersicht fehlt, was die Psychoanalyse eigentlich heilmäßig leistet, und ob sie jemals zufolge des Einbruchs zweifelhafter Laien die absolute Gültigkeit einer klinisch exakten Methode wird behaupten können; hier gehört die Entscheidung nicht uns, sondern der Zukunft.

Freuds psychoanalytische Technik, nur das ist gewiß, bedeutet lange noch nicht das letzte und entscheidende Wort innerhalb der seelischen Heilkunde. Aber dies bleibt ihr Ruhm für alle Zeiten, das erste Blatt dieses allzulange versiegelten Buches gewesen zu sein, der erste methodologische Versuch, das Individuum aus seinem eigenen Persönlichkeitsmaterial heraus zu erfassen und zu heilen. Mit genialem Instinkt hat ein einzelner Mann das Vakuum inmitten der zeitgenössischen Heilkunde erkannt, die unfaßbare Tatsache, daß längst das geringste Organ des Menschen verantwortliche Pflege gefunden hatte – Zahnpflege, Hautpflege, Haarpflege –, während die Not der Seele noch keine Zuflucht in der Wissenschaft hatte. Bis zum Erwachsensein halfen die Pädagogen dem unfertigen Menschen, dann ließen sie ihn gleichgültig mit sich allein. Und vollkommen wurden jene vergessen, die auf der Schule mit sich noch nicht fertig geworden waren, die ihr Pensum noch nicht bewältigt hatten und ratlos ihre unausgetragenen Konflikte mit sich schleppten. Für diese In-sich-selbst-Zurückgebliebenen, für die Neurotiker, die Psychotiker, für die in ihrer Triebwelt Verhafteten hatte eine ganze Generation keinen Raum, keine Beratungsstelle; die kranke Seele irrte hilflos auf den Gassen und suchte vergeblich nach Rat. Diese Instanz hat Freud geschaffen. Er hat die Stelle, wo in antikischen Tagen der Psychagoge, der Seelenhelfer und Weisheitslehrer und in den Zeiten der Frömmigkeit machtvoll der Priester stand, einer neuen und neuzeitlichen Wissenschaft zugewiesen, die ihre Grenzen sich selbst erst erobern muß. Aber die Aufgabe ist großartig gestellt, die Türe aufgetan. Und wo immer der menschliche Geist Weite spürt und unerkundete Tiefen, da ruht er nicht mehr, sondern spannt sich empor und entfaltet seine unermüdbaren Schwingen.

Die Welt des Sexus

Auch das Unnatürliche ist Natur. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgend recht.

Goethe

Daß Sigmund Freud der Begründer einer heute gar nicht mehr entbehrlichen Sexualwissenschaft wurde, ist eigentlich ohne seine eigene Absicht geschehen. Aber es scheint zur geheimen Gesetzmäßigkeit seines Lebensganges zu gehören, daß ihn jedesmal der Weg über das ursprünglich Gesuchte hinausführt und Gebiete eröffnet, die er aus freiem Antrieb nie zu betreten gewagt hätte. Der Dreißigjährige würde wahrscheinlich noch ungläubig gelächelt haben, hätte ihm jemand geweissagt, es wäre ihm, dem Neurologen, vorbehalten, die Traumdeutung und die biologische Schichtung des Geschlechtslebens zum Gegenstand einer Wissenschaft zu erheben, denn nichts deutet in seinen privaten wie in seinen akademischen Neigungen von vornherein das geringste Interesse für so abwegige Betrachtungskreise an. Daß Freud zum sexuellen Problem gelangte, geschah nicht, weil er es suchte; sondern es kommt ihm auf der Gedankenlinie seiner Untersuchungen von selbst entgegen.

Es kommt ihm entgegen, zu seiner eigenen Überraschung, völlig ungerufen und völlig unerwartet, aus jener Tiefe, die er mit Breuer erschlossen hatte. Gemeinsam hatten sie, ausgehend von der Hysterie, die aufdeckende Formel gefunden, daß Neurosen und die meisten Seelenverstörungen entstehen, wenn ein Trieb an seiner ursprünglichen Entladungsform verhindert und unerfüllt ins Unterbewußtsein zurückgedrängt wird. Welcher Gattung aber gehören die Begehrungen an, die der Kulturmensch hauptsächlich zurückdrängt, die er, als seine intimsten und sich selbst peinlichsten, vor der Welt und sogar vor sich selbst versteckt? Es dauert nicht lange, bis sich Freud unüberhörbare Antwort gibt. Die erste psychoanalytische Behandlung einer Neurose zeigt unterdrückte erotische Affekte. Die zweite gleichfalls, die dritte ebenso. Und bald weiß Freud: immer oder fast immer verschuldet die Neurose ein Sexualtrieb, der sein eigenes Lustobjekt nicht erreichen kann und nun, in Hemmungen und Stauungen verwandelt, auf das seelische Leben drückt. Das erste Gefühl Freuds bei diesem ungewollten Fund mag Erstaunen gewesen sein, daß eine derart offenliegende Tatsache allen seinen Vorgängern entgangen war. Ist denn wirklich niemandem diese geradlinige Ursächlichkeit aufgefallen? Nein, sie steht in keinem Lehrbuch. Aber dann erinnert sich Freud plötzlich gewisser Andeutungen und Gespräche seiner berühmten Lehrer. Als Chrobak ihm eine Hysterikerin zur Nervenbehandlung überwies, hatte er ihn gleichzeitig diskret informiert, diese Frau sei, weil mit einem impotenten Manne verheiratet, trotz achtzehnjähriger Ehe Jungfrau geblieben, und grob spaßend fügt er seine persönliche Meinung bei, mit welchem sehr physiologischen und gottgewollten Eingriff diese Neurotikerin eigentlich am besten zu kurieren wäre. Ebenso hatte sein Lehrer Charcot in Paris bei ähnlichem Anlaß die Ursächlichkeit einer Nervenverstörung gesprächsweise bestimmt: »Mais c’est toujours la chose sexuelle, toujours!« Freud erstaunt. Sie hatten es also gewußt, seine Lehrer und wahrscheinlich unzählige ärztliche Kapazitäten vor ihnen! Aber – so fragt seine naive Redlichkeit – wenn sie es wußten, warum haben sie es geheim gehalten und nur gesprächsweise und nie öffentlich mitgeteilt?

Bald wird der junge Arzt energisch belehrt werden, warum jene erfahrenen Männer ihr Wissen vor der Welt zurückhielten. Denn kaum teilt Freud ruhig und sachlich sein Resultat in der Formel mit: »Neurosen entstehen, wo durch äußere oder innere Hindernisse die Befriedigung der erotischen Bedürfnisse in der Realität versagt ist«, so bricht von rechts und links erbitterter Widerstand gegen ihn los. Die Wissenschaft, damals noch unentwegte Fahnenträgerin der Moral, weigert sich, diese sexuelle Ätiologie öffentlich anzuerkennen; sogar sein Freund Breuer, der ihm doch selber die Hand lenkte, um das Geheimnis aufzuschließen, zieht sich eilig von der Psychoanalyse zurück, sobald er entdeckt, welche Büchse der Pandora er hier öffnen geholfen. Es dauert nicht lange, und Freud muß gewahr werden, daß man mit dieser Art Feststellungen Anno 1900 an einen Punkt rührt, wo die Seele genau wie der Körper am empfindlichsten und kitzlichsten ist, und daß die Eitelkeit des Zivilisationszeitalters lieber jede geistige Herabsetzung erträgt, als daran erinnert zu werden, daß noch immer die geschlechtliche Triebkraft in jedem einzelnen formbestimmend weiterwaltet und an den höchsten kulturellen Schöpfungen entscheidend beteiligt ist. »Die Gesellschaft glaubt an keine stärkere Bedrohung ihrer Kultur, als ihr durch die Befreiung der Sexualtriebe und deren Wiederkehr zu ihren ursprünglichen Zielen erwachsen würde. Die Gesellschaft liebt es also nicht, an dieses heikle Stück ihrer Begründung gemahnt zu werden. Sie hat gar kein Interesse daran, daß die Stärke der Sexualtriebe anerkannt und die Bedeutung des Sexuallebens für den einzelnen klargelegt werde. Sie hat vielmehr in erziehlicher Absicht den Weg eingeschlagen, die Aufmerksamkeit von diesem ganzen Gebiet abzulenken. Darum verträgt sie das gesamte Forschungsresultat der Psychoanalyse nicht und möchte es am liebsten als ästhetisch abstoßend, moralisch verwerflich oder als gefährlich brandmarken.«

Dieser Widerstand einer ganzen Zeitanschauung wirft sich Freud gleich beim ersten Schritt in den Weg. Und es gehört zum Ruhm seiner Redlichkeit, nicht nur, daß er den Kampf entschlossen aufgenommen hat, sondern daß er sich ihn durch seine eingeborene Unbedingtheit noch erschwerte. Denn Freud hätte alles oder beinahe alles ohne viel Ärgernis aussprechen können, was er sagte, wenn er sich nur bereit gefunden hätte, seine Genealogie des Geschlechtslebens vorsichtiger, umwegiger, verbindlicher zu formulieren. Nur ein Wortmäntelchen hätte er seinen Überzeugungen umzuhängen brauchen, sie ein wenig poetisch zu überschminken, und sie würden sich ohne arge Auffälligkeit in die Öffentlichkeit eingeschmuggelt haben. Vielleicht hätte es genügt, den wilden phallischen Trieb, dessen Wucht und Stoßkraft er in seiner Nacktheit der Welt zeigen wollte, statt Libido höflicher Eros zu nennen oder Liebe. Denn daß unsere seelische Welt vom Eros beherrscht sei, das hätte allenfalls platonisch geklungen. Aber Freud, der Unhold und allen Halbheiten abholde, nimmt harte, kantige, unverkennbare Wörter, er drückt sich an keiner Deutlichkeit vorbei: geradezu sagt er Libido, Lusttrieb, Sexualität, Geschlechtstrieb, statt Eros und Liebe. Freud ist immer zu ehrlich, um vorsichtig zu umschreiben, wenn er schreibt. »Il appelle un chat un chat«, er nennt alle geschlechtlichen und abwegigen Dinge bei ihren deutschen natürlichen Namen mit derselben Unbefangenheit wie ein Geograph seine Berge und Städte, ein Botaniker seine Pflanzen und Kräuter. Mit klinischer Kaltblütigkeit untersucht er alle – auch die als Laster und Perversitäten gebrandmarkten – Äußerungen des Geschlechtlichen, gleichgültig gegen die Entrüstungsausbrüche der Moralischen und die Schreckensschreie der Schamhaften; gewissermaßen mit verstopften Ohren dringt er geduldig und gelassen in das unvermutet aufgetane Problem ein und beginnt systematisch die erste seelengeologische Untersuchung der menschlichen Triebwelt.

Denn im Triebe erblickt Freud, der bewußt diesseitige und zutiefst antireligiöse Denker, die unterste, feurig flüssige Schicht unseres innern Erdreichs. Nicht die Ewigkeit will der Mensch, nicht ein Leben im Geiste begehrt nach seiner Auffassung die Seele vorerst: sie begehrt nur triebhaft blind. Universelles Begehren ist alles psychischen Lebens erster Atemzug. Wie der Körper nach Nahrung, so lechzt die Seele nach Lust; Libido, dieser urhafte Lustwille, dieser unstillbare Hunger der Seele, treibt sie der Welt entgegen. Aber – und hierin besteht Freuds eigentlicher Urfund für die Sexualwissenschaft – diese Libido hat zunächst keinen bestimmten Inhalt, ihr Sinn ist nur, Trieb aus sich heraus und über sich hinaus zu treiben. Und da nach Freuds schöpferischer Feststellung seelische Energieen immer verschiebbar sind, kann sie ihre Stoßkraft bald diesem, bald jenem Gegenstand zuwenden. Nicht immer also muß Lust sich im Widerspiel von Mann zum Weib und Weib zum Mann ereignen, sie drängt nur blind zur Entladung, sie ist die Spannung des Bogens, der noch nicht weiß, wohin er zielt, die stürzende Kraft des Stromes, der noch nicht die Mündung kennt, in die er sich ergießt. Sie treibt nur ihrer Entspannung entgegen, ohne zu ahnen welcher. Sie kann sich in reinen, normalen Geschlechtsakten auslösen und erlösen und ebenso zu sublimierten Leistungen in künstlerischer und religiöser Tätigkeit vergeistigen. Sie kann sich fehlbesetzen und abwegig werden, jenseits des Genitalischen die unerwartetsten Objekte mit ihrer Begierde »besetzend« und durch zahllose Zwischenschaltungen den ursprünglich geschlechtlichen Antrieb ganz von der körperlichen Sphäre wegleiten. Von der tierischen Brunst bis zu den feinsten Schwingungen des menschlichen Geistes vermag sie sich in alle Formen zu verwandeln, selbst formlos und unfaßlich und doch überall mit im Spiel. Immer aber, in allen niedern Verrichtungen und höchsten Dichtungen erlöst sie den einen und ursprünglichen Willen des Menschen nach Lust.

Mit dieser fundamentalen Umwertung Freuds ist die Einstellung zum Geschlechtsproblem mit einem Schlage völlig geändert. Da bisher die Psychologie, in Unkenntnis der Umwandlungsfähigkeit aller seelischen Energieen, das Geschlechtliche grob gleichbedeutend setzte mit den Funktionen der Geschlechtsorgane, galt Sexualität der Wissenschaft als Erörterung von Unterleibsfunktionen und darum als peinlich und unreinlich. Indem Freud den Begriff der Sexualität von der physiologischen Geschlechtsbetätigung ablöst, erlöst er ihn zugleich von seiner Enge und von der Diffamierung als »niedere« seelisch-körperliche Leistung; das vorahnende Wort Nietzsches »Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in die letzten Gipfel seines Geistes hinauf« wird durch ihn als biologische Wahrheit enthüllt. In unzähligen Einzelfällen beweist er, wie diese stärkste Spannungskraft des Menschen in geheimnisvoller Fernleitung über Jahre und Jahrzehnte hinweg sich in ganz unvermuteten Äußerungen seines seelischen Lebens entlädt, wie durch unzählige Verwandlungen und Verstellungen, in den merkwürdigsten Ersatzhandlungen und Wunschformen die besondere Gebarung der Libido immer wieder durchschlägt. Wo also eine auffällige Sonderheit des Seelischen, eine Depression, eine Neurose, eine Zwangshandlung vorliegt, darf darum der Arzt in den meisten Fällen getrost auf eine Sonderheit oder Absonderlichkeit im Sexualschicksal schließen; dann liegt ihm, gemäß der Methode der Tiefenpsychologie, die Pflicht ob, den Kranken in seinem innern Leben bis an jenen Punkt zurückzuführen, wo durch ein Erlebnis jene Abweichung vom geraden normalen Triebgang erfolgt ist. Diese neue Art der Diagnostik bringt nun Freud abermals zu einer unvermuteten Entdeckung. Schon die ersten Psychoanalysen hatten ihm dargetan, daß jene verstörenden und sexuellen Erlebnisse des Neurotikers weit zurückliegen, und nichts war natürlicher, als sie in der Frühzeit des Individuums, der wahrhaft seelenplastischen Zeit zu suchen, denn einzig, was sich zur Wachstumszeit der Persönlichkeit in die noch weiche und darum klar aufnehmende Platte des werdenden Bewußtseins einschreibt, bleibt immer das eigentlich Unauslöschbare und Schicksalbestimmende für jeden Menschen: »Niemand meine, die ersten Eindrücke seiner Jugend verwinden zu können« (Goethe). Immer tastet sich also in jedem Krankheitsfalle Freud bis zur Pubertät zurück – eine frühere Zeit als diese scheint ihm zunächst nicht in Frage zu kommen: denn wie sollten geschlechtliche Eindrücke entstehen können vor der Geschlechtsfähigkeit? Völlig widersinnig scheint ihm damals selbst noch der Gedanke, sexuelles Triebleben über jene Grenzzone bis in die Kindheit hinein zu verfolgen, die, selig unbewußt, noch nichts von den Spannungen der drängenden, nach außen drängenden Säfte ahnt. Freuds erste Untersuchungen halten also bei der Mannbarkeit inne.

Aber bald kann sich Freud, angesichts mancher merkwürdiger Geständnisse, der Erkenntnis nicht mehr entziehen, daß bei mehreren seiner Kranken durch die Psychoanalyse Erinnerungen an viel frühzeitigere, gleichsam prähistorische Sexualerlebnisse mit unanfechtbarer Deutlichkeit zutage treten. Sehr klare Bekenntnisse seiner Patienten führten ihn dem Verdacht entgegen, auch die Epoche vor der Mannbarkeit, also die Kindheit, müsse bereits Geschlechtstrieb oder gewisse Vorstellungen davon enthalten. Immer dringlicher wird in der vorgetriebenen Untersuchung der Verdacht; Freud erinnert sich, was Kinderfrau und Schullehrer von solchen Frühmanifestationen geschlechtlicher Neugier zu berichten wissen, und mit einemmal klärt ihm seine eigene Entdeckung vom Unterschied bewußten und unbewußten seelischen Lebens lichthaft die Situation. Freud erkennt, daß nicht etwa erst im Zeitalter der Pubertät – denn woher könnte es kommen? – das Geschlechtsbewußtsein plötzlich in den Körper hineinfiltriert wird, sondern daß – wie die Sprache, tausendmal psychologischer als alle Schulpsychologen, es längst prachtvoll plastisch ausgedrückt hatte – der Geschlechtstrieb im halbreifen Menschen nur »erwacht«, daß er also schlafend (das will sagen: latent) längst schon im Kindeskörper vorhanden gewesen sein muß. Wie das Kind das Gehen in seinen Beinen hat als potentielle Kraft, ehe es zu gehen weiß, und den Sprachwillen, ehe es sprechen kann, so liegt die Sexualität – natürlich ohne eine Ahnung zielhafter Betätigung – längst in dem Kinde bereit. Das Kind weiß – entscheidende Formel! – um seine Sexualität. Es versteht sie nur nicht.

Hier vermute ich bloß, statt zu wissen: aber mir ist, als müßte Freud im ersten Augenblick vor dieser seiner eigenen Entdeckung erschrocken sein. Denn sie stürzt die geläufigsten Auffassungen in einer beinahe lästerlichen Weise um. Wenn es schon verwegen war, die seelische Wichtigkeit des Geschlechtlichen im Leben des Erwachsenen zu betonen und, wie alle andern behaupten: überzubetonen – welche Herausforderung der Gesellschaftsmoral erst diese revoltierende Auffassung, im Kinde, mit dem die Menschheit ja sprichwörtlich die Vorstellung der absoluten Reinheit, der Engelhaftigkeit und Trieblosigkeit verbindet, Spuren geschlechtlichen Gefühls entdecken zu wollen! Wie, auch dieses zarte, lächelnde blütenhafte Leben sollte schon von Lust wissen oder zumindest träumen? Absurd, widersinnig, frevelhaft, sogar antilogisch scheint zuerst dieser Gedanke, denn da die Organe des Kindes der Fortpflanzung gar nicht fähig sind, so müßte sich ja die furchtbare Formel ergeben: »Wenn das Kind überhaupt ein Sexualleben hat, so kann es nur von perverser Art sein.« Ein solcher Wort in der Welt von 1900 auszusprechen, war wissenschaftlicher Selbstmord. Aber Freud spricht es aus. Wo dieser unerbittliche Forscher einmal sichern Grund fühlt, da dringt er mit seiner konsequent bohrenden, sich Zug um Zug einschraubenden Kraft unaufhaltsam bis in die unterste Tiefe hinab. Und zu seiner eigenen Überraschung entdeckt er gerade in der unbewußtesten Form des Menschen, im Säugling, die gesuchte Ur- und Allform der Trieblust am sinnvollsten ausgeprägt. Gerade weil dort an der untersten Lebensgrenze noch kein einziger Lichtschein moralischen Bewußtseins in die ungehemmte Triebwelt hinableuchtet, stellt ihm dieses winzige Lebewesen Säugling die plastische Urform der Libido dar: Lust an sich zu saugen, Unlust von sich wegzustoßen. Von überallher schlürft dieses winzige Menschentier Lust in sich ein, von seinem eigenen Körper und der Umwelt, von der Mutterbrust, von Finger und Zehe, von Holz und Stoff, von Fleisch und Kleid; hemmungslos traumtrunken begehrt es, alles, was ihm wohltut, in seinen kleinen weichen Leib hineinzuziehen. In dieser Urlustform unterscheidet das dumpfe Wesen Kind noch nicht das ihm später angelernte Mein und Dein, es spürt die Grenzen noch nicht, weder die körperlichen noch die sittlichen, die ihm später die Erziehung errichtet: ein anarchisches, panisches Wesen, das mit unstillbarer Sauglust das All in sein Ich ziehen will, führt es alles, was seinen winzigen Fingern erreichbar ist, an die ihm einzig bekannte Lustquelle, an den saugenden Mund (weshalb Freud diese Epoche die orale nennt). Unbefangen spielt es mit seinen Gliedern, ganz aufgelöst in sein lallendes und saugendes Begehren und gleichzeitig erbittert alles ablehnend, was ihm dieses traumhaft wilde Einschlürfen stört. In dem Säugling, dem »Noch-nicht-Ich«, dem dumpfen »Es«, lebt sich einzig und allein die universale Libido des Menschen noch ziellos und objektlos aus. Dort trinkt das unbewußte Ich noch gierig alle Lust von den Brüsten der Welt.

Dieses erste autoerotische Stadium dauert aber nicht lange. Bald beginnt das Kind zu erkennen, daß sein Körper Grenzen habe; ein kleines Leuchten zuckt auf in dem winzigen Gehirn, ein erstes Unterscheiden setzt ein zwischen Außen und Innen. Zum erstenmal spürt das Kind den Widerstand der Welt und muß erfahren, daß dieses Außen eine Macht ist, von der man abhängig wird. Strafe belehrt es bald schmerzhaft über ein ihm unfaßbares Gesetz, das nicht duldet, Lust aus allen Quellen unbeschränkt zu schöpfen: es wird ihm verboten, sich nackt zu zeigen, seine Exkremente anzufassen und sich an ihnen zu freuen; unbarmherzig wird es gezwungen, die amoralische Einheit des Gefühls aufzugeben und gewisse Dinge als erlaubte, andere als unerlaubte zu unterscheiden. Die Kulturforderung beginnt, dem kleinen wilden Menschen ein soziales, ein ästhetisches Gewissen einzubauen, einen Kontrollapparat, mit dessen Hilfe er seine Handlungen in gute und böse scheiden kann. Und mit dieser Erkenntnis ist der kleine Adam aus dem Paradiese der Unverantwortlichkeit vertrieben.

Gleichzeitig aber setzt von innen ein gewisser Rücklauf des Lustwillens ein: er tritt im heranwachsenden Kinde zurück gegenüber dem neuen Trieb der Selbstentdeckung. Aus dem »Es«, dem unbewußt triebhaften, formt sich ein »Ich«, und diese Entdeckung seines Ich bedeutet für das Gehirn eine so starke Anspannung und Beschäftigung, daß die ursprünglich panisch vortretende Lustbegier darüber vernachlässigt wird und in einen Zustand der Latenz tritt. Auch dieser Zustand der Selbstbeschäftigung geht dem später Erwachsenen als Erinnerung nicht vollkommen verloren, bei manchem bleibt er sogar als narzißtische Tendenz (wie Freud sich ausdrückt) bestehen, als gefährliche egozentrische Neigung, sich einzig mit sich selbst zu befassen und jede Gefühlsbindung mit der Welt abzulehnen. Der Lusttrieb, der im Säugling seine All- und Urform zeigt, wird im Heranwachsenden wieder unsichtbar, er verkapselt sich. Zwischen der autoerotischen und panerotischen Form des Säuglings und der Geschlechtserotik des Mannbaren liegt ein Winterschlaf der Leidenschaften, ein Dämmerzustand, während dessen sich die Kräfte und Säfte zu zielvoller Entladung vorbereiten.

Wenn dann in dieser zweiten, wieder sexuell betonten Epoche, jener der Pubertät, der schlummernde Trieb allmählich aufwacht, wenn die Libido sich wieder weltwärts wendet, wenn sie wieder eine »Besetzung« sucht, ein Objekt, auf das sie ihre Gefühlspannung übertragen kann – in diesem entscheidenden Augenblick lenkt der biologische Wille der Natur mit entschlossenem Fingerzeig den Neuling in die natürliche Richtung der Fortpflanzung. Unverkennbare Veränderungen am Körper in der Pubertätszeit weisen den jungen Mann, das reifende Mädchen darauf hin, daß die Natur mit ihnen etwas vor habe. Und diese Merkzeichen deuten klar auf die Genitalzone. Sie zeigen damit den Weg, von dem die Natur will, daß der Mensch ihn gehe, um ihrer geheimen und verewigenden Absicht zu dienen: der Fortpflanzung. Nicht mehr spielhaft wie einstmals im Säugling soll die Libido gleichsam sich selber genießen, sondern sich zweckdienlich dem unfaßbaren Weltplan unterordnen, der sich im zeugenden und gezeugten Menschen immer neu erfüllt. Versteht und gehorcht das Individuum diesem gebietenden Fingerzeig der Natur, bindet sich der Mann im schöpferischen Akt des Geschlechts an die Frau, die Frau an den Mann, hat er alle andersartigen Lustmöglichkeiten seiner einstigen panischen All-Lust vergessen, so ist die geschlechtliche Entwicklung dieses Menschenwesens richtig und regelhaft vor sich gegangen, und sein individueller Trieb wirkt sich in der normalen, natürlichen Zielrichtung aus.

Dieser »zweizeitige Rhythmus« bestimmt die Entwicklung des ganzen menschlichen Geschlechtslebens, und für Millionen und aber Millionen ordnet sich derart der Lusttrieb spannungslos diesem gesetzmäßigen Ablauf ein: All-Lust und Selbstlust im Kinde, Zeugungsdrang im Erwachsenen. Völlig selbstverständlich dient der Normale der Absicht der Natur, die ihn ausschließlich zu ihrem metaphysischen Endzweck der Fortpflanzung verwerten will. Aber in einzelnen, verhältnismäßig seltenen Fällen, gerade in jenen aber, die den Seelenarzt beschäftigen, wird eine verhängnisvolle Störung dieses geraden und gesunden Ablaufs erkennbar. Eine Anzahl von Menschen kann sich, aus einem jedesmal nur individuell aufzudeckenden Grunde, nicht entschließen, ihren Lusttrieb in die von der Natur anempfohlene Form restlos überzuleiten; bei ihnen sucht sich die Libido, die geschlechtliche Energie immer eine bestimmte andere Zielrichtung als die normale zu ihrer lustvollen Auslösung. Bei diesen Anomalen und Neurotikern hat sich durch eine Fehlstellung innerhalb der Erlebnisstrecke die sexuelle Neigung auf ein falsches Geleise verschoben und kommt von dieser Einstellung nicht mehr los. Perverse, andersartig Eingestellte sind also nach Freuds Auffassung nicht erblich Belastete oder Kranke oder gar seelische Verbrecher, sondern meist Menschen, die sich an irgendeine andere Form des Lustgewinns aus ihrer vorgenitalischen Epoche verhängnisvoll treu erinnern, an ein Lusterlebnis ihrer Entwicklungszeit und nun aus tragischem Wiederholungszwang immer und einzig Lust in dieser einen Richtung suchen. So stehen, unglückliche Gestalten, Menschen als Erwachsene mit eigentlich infantilen Begehrungsformen mitten im Leben und finden infolge jenes Erinnerungszwanges keine Lust an der ihrem Alter normalen und von der Gesellschaft als selbstverständlich eingesetzten Geschlechtsbetätigung; immer wollen sie wieder jenes (meist ihnen längst unbewußt gewordene) Erlebnis lustvoll wiederleben und suchen dieser Erinnerung Ersatz in der Realität. Den Schulfall einer solchen Pervertierung durch ein einziges Kindheitserlebnis hatte in der Literatur Jean Jacques Rousseau in seiner mitleidslosen Selbstdarstellung längst klassisch gezeichnet. Seine strenge und heimlich geliebte Lehrerin hatte ihn als Kind grimmig und oft mit der Rute gezüchtigt, aber zu seinem eigenen Erstaunen hatte der Knabe bei diesem Züchtigungsschmerz durch seine Erzieherin deutlich Lust empfunden. In dem (von Freud so großartig festgestellten) Latenzzustand vergißt er vollkommen diese Episode, aber sein Körper, seine Seele, sein Unbewußtes vergißt dieses Erlebnis nicht. Und wie dann der Herangereifte mit Frauen in normalem Verkehr Befriedigung sucht, gelangt er niemals zu einer körperlichen Erfüllung. Damit er einer Frau sich vereinen könne, muß sie zuvor jenen historischen Züchtigungsvorgang mit einer Rute erneuern, und so bezahlt Jean Jacques Rousseau die verhängnisvolle und abwegige Früherweckung seines Sexualempfindens zeitlebens mit einem unheilbaren Masochismus, der ihn trotz seines innern Protestes immer wieder auf jene ihm einzige Lustform verweist. Perverse (unter diesem Begriff faßt Freud alle jene zusammen, die Lustbefriedigung auf anderm Wege als dem der Fortpflanzung dienenden suchen) sind also weder kranke noch anarchisch eigenwillige Naturen, die in bewußt frechem Aufruhr die allgemeinen Satzungen überschreiten, sondern Gefangene gegen ihren Willen, festgekettet an ein Erlebnis ihrer Frühzeit, in einem Infantilismus Zurückgebliebene, die überdies das gewaltsame Niederkämpfenwollen ihres abseitigen Triebwillens noch zu Neurotikern und Psychotikern macht. Eine Loslösung von dieser Zwangseinstellung kann darum nie der Justiz gelingen, die mit ihrer Drohung den Abwegigen noch tiefer in seine innere Verstrickung treibt, und ebensowenig der Moral, die an die »Vernunft« appelliert, sondern einzig dem Seelenarzt, der durch teilnehmende Freilegung das ursprüngliche Erlebnis dem Kranken verständlich macht. Denn nur durch Selbsterkenntnis des innern Konflikts – dies ist Freuds Axiom in der Seelenlehre – kann dessen Erledigung gelingen: um sich zu heilen, muß man vorerst den Sinn seiner Krankheit wissen.

Jede seelische Verstörung beruht also nach Freud auf einem – meist erotisch bedingten – Persönlichkeitserlebnis, und selbst, was wir Veranlagung und Vererbung nennen, stellt nichts anderes dar als in die Nerven eingekerbte Erlebnisse vorangegangener Geschlechter; Erlebnis ist darum für die Psychoanalyse das Formentscheidende jeder Seelengestaltung, und darum sucht sie jeden einzelnen Menschen immer nur individuell aus seiner erlebten Vergangenheit zu verstehen. Für Freud gibt es keine andere als Individualpsychologie und Individualpathologie: alles innerhalb des seelischen Lebensraumes darf nie von einer Regel, von einem Schema her betrachtet, sondern jedesmal müssen die Ursächlichkeiten in ihrer Einmaligkeit aufgedeckt werden. Das schließt natürlich nicht aus, daß die meisten sexuellen Früherlebnisse von einzelnen, obwohl sie selbstverständlich persönlich gefärbt sind, untereinander doch gewisse typische Ähnlichkeitsformen aufweisen; so wie im Traum immer wieder Unzählige die genaue gleiche Gattungsform von Träumen erleben, etwa den Flugtraum, den Prüfungstraum, den Verfolgungstraum, so glaubt Freud im frühen Sexualerleben gewisse typische Gefühlseinstellungen als beinahe zwanghaft erkennen zu müssen, und um die Aufdeckung und Anerkennung dieser Typenformen, dieser »Komplexe«, hat er sich mit besonderer Leidenschaft bemüht. Der berühmteste unter ihnen – auch der berüchtigtste – ist der sogenannte Ödipuskomplex geworden, den Freud sogar als einen der Grundpfeiler seines psychoanalytischen Lehrgebäudes bezeichnet (während er mir nicht mehr als einer jener Stützpfeiler erscheint, der nach vollendetem Bau ohne Gefahr entfernt werden kann). Er hat inzwischen so verhängnisvolle Popularität erlangt, daß es kaum not tut, ihn ausführlich zu erläutern: Freud nimmt an, daß jene verhängnisvolle Gefühlseinstellung, die sich in der griechischen Sage an Ödipus tragisch verwirklicht, nämlich daß der Sohn den Vater tötet und die Mutter besitzt, daß diese für unser Gefühl barbarisch anmutende Situation noch heute in jeder Kinderseele wunschhaft vorhanden ist, weil – dies Freuds meist umstrittene Annahme! – die erste erotische Gefühlseinstellung des Kindes immer auf die Mutter, seine erste aggressive Tendenz gegen den Vater zielt. Dieses Kräfteparallelogramm von Mutterliebe und Vaterhaß glaubt Freud als natürliche und unausweichliche erste Gruppierung in jedem kindlichen Seelenleben nachweisen zu können, und ihm zur Seite stellt er eine Reihe anderer unterweltlicher Gefühle wie die Kastrationsangst, den Inzestwunsch – Gefühle, die gleichfalls in den Urmythen der Menschheit bildnerische Gestaltung erfahren haben (denn Mythen und Legenden der Völker sind nach Freuds kulturbiologischer Auffassung nichts anderes als »abreagierte« Wunschträume ihrer Frühzeit). Alles also, was die Menschheit längst als unkulturell von sich zurückgestoßen hat, Mordlust und Inzest und Vergewaltigung, alle diese finstern Verirrungen ihres Hordenlebens, all das zuckt noch einmal wunschhaft in der Kindheit, dieser seelischen Urstufe des Menschen, wieder auf: jedes einzelne Individuum muß in seiner ethischen Entwicklung die ganze Kulturgeschichte der Menschheit symbolisch wiederholen. Unsichtbar, weil unbewußt, tragen wir alle in unserem Blute versenkt noch alte barbarische Instinkte in uns weiter, und keine Kultur schützt den Menschen völlig vor einem unvermuteten Aufleuchten solcher ihm selbst fremder Instinkte und Gelüste: geheimnisvoll führen in unserm Unbewußten immer wieder Strömungen zurück in jene Urzeiten vor aller Satzung und Sitte. Und mögen wir alle Kraft einsetzen, diese Triebwelt von unserm wachen Tun fernzuhalten – wir können sie bestenfalls nur im geistigen und sittlichen Sinne fruchtbar machen, niemals aber uns völlig von ihr ablösen.

Um dieser angeblich »zivilisationsfeindlichen« Anschauung willen, die in gewissem Sinne das tausendjährige Bemühen der Menschheit um eine völlige Triebbeherrschung als vergeblich betrachtet und die Unbesiegbarkeit der Libido unablässig betont, haben Freuds Gegner seine ganze Geschlechtslehre Pansexualismus genannt. Er überschätze, so beschuldigen sie ihn, den Geschlechtstrieb als Psychologe dadurch, daß er ihm einen so überwiegenden Einfluß auf unser seelisches Leben zuerkenne, und er übertreibe als Arzt, indem er versuche, jede psychische Verstörung einzig auf diesen Punkt zurückzuführen und von ihm aus zu heilen. In diesem Einwand ist nach meinem Empfinden Wahres mit Unwahrhaftigem undeutlich gemischt. Denn tatsächlich hat Freud zwar niemals das Lustprinzip als die einzige weltbewegende Seelenkraft monistisch bezeichnet. Er weiß wohl, daß alle Spannung und Bewegung – und was ist Leben anderes als dies? – einzig dem Polemos, dem Widerstreit, entstammt. Darum hat er von allem Anfang an der Libido, dem zentrifugalen, dem über das Ich hinausbegehrenden, dem Bindung suchenden Trieb, einen andern Trieb theoretisch entgegengestellt, den er zuerst Ichtrieb, dann Aggressionstrieb und schließlich Todestrieb nennt – jenen Trieb, der statt zur Zeugung zur Vernichtung, statt zum Schöpferischen zur Zerstörung, statt ins All ins Nichts drängt. Nur – und bloß in diesem Sinne haben seine Gegner nicht völlig unrecht – ist es Freud nicht gelungen, diesen Gegentrieb mit so beweisender und bildnerischer Kraft darzustellen wie den Sexualtrieb: das Reich der sogenannten »Ichtriebe« ist in seinem weltphilosophischen Bilde ziemlich schattenhaft geblieben, denn wo Freud nicht ganz deutlich sieht, überall also im rein spekulativen Raum, fehlt ihm das Herrlich-Plastische seiner abgrenzenden Darstellungsfähigkeit. So mag tatsächlich eine gewisse Überwertung des Sexuellen in seinem Werke und seiner Therapie vorwalten, aber dieses starke Betonen war historisch bedingt durch die von den andern jahrzehntelang systematisch geübte Verschweigung und Unterwertung des Geschlechtlichen. Ein Übertreiben tat not, um die Zeit für den Gedanken zu erobern; und indem Freud den Damm des Verschweigens mit Gewalt durchbrach, hat er die Diskussion überhaupt erst in Fluß gebracht. In Wirklichkeit hat diese vielbeschrieene Überbetonung des Geschlechtlichen niemals eine wirkliche Gefahr bedeutet, und was an Übertreibungen den ersten Versuchen innewohnte, ist längst überwunden durch den ewigen Regulator aller Werte: die Zeit. Heute, fünfundzwanzig Jahre seit Beginn der Darlegungen Freuds, kann auch der Ängstlichste darüber beruhigt sein, daß durch unser neues, ehrliches, besseres und wissenschaftlicheres Wissen um das Problem der Sexualität die Welt durchaus nicht sexueller, geschlechtswütiger und amoralischer geworden ist, sondern daß im Gegenteil die Freudische Lehre nur ein seelisches Gut zurückerobert hat, das die vorhergegangene Generation mit ihrer Prüderie vertan: die Unbefangenheit des Geistes vor allem Körperlichen. Ein ganzes neues Geschlecht hat gelernt – und schon wird es in den Schulen gelehrt –, den innern Entscheidungen nicht mehr auszubiegen, nicht die wichtigsten, die persönlichsten Probleme zu verstecken, sondern gerade das Gefährliche und Geheimnisvolle der innern Krisen sich selbst mit möglichster Klarheit bewußt zu machen. In allem Wissen um sich aber ist schon Freiheit gegen sich selbst, und zweifellos wird diese neue freiere Geschlechtsmoral sich für die kommende Kameradschaft der Geschlechter sittlich schöpferischer bewähren als die alte Verschweigemoral, deren endgültige Erledigung beschleunigt und bereinigt zu haben zu den unleugbaren Verdiensten dieses einen kühnen und freien Mannes gehört. Immer dankt ein ganzes Geschlecht seine äußere Freiheit der inneren Freiheit eines einzelnen Menschen, immer beginnt jede neue Wissenschaft mit einem Ersten, der allen andern das Problem erst bewußt gemacht.

Abendlicher Blick ins Weite

Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren.

Goethe

Herbst ist die gesegnete Zeit der Überschau. Da sind die Früchte geerntet, das Tagwerk getan: rein und klar lichtet in die Landschaft des Lebens der Himmel und alle Ferne herein. Wenn nun Freud, siebzigjährig, zum erstenmal prüfend zurückblickt auf die gestaltete Tat, kann er sich wohl selbst eines Staunens nicht erwehren, wie weit ihn der schaffende Weg geführt. Ein junger Nervenarzt geht einem neurologischen Problem nach, der Deutung der Hysterie. Rascher, als er vermutet, führt es ihn hinab in seine Tiefe. Aber dort auf dem Grunde des Brunnenschachtes blinkt schon ein neues Problem: das Unbewußte. Er hebt es empor und siehe: es erweist sich als magischer Zauberspiegel. Auf welchen geistigen Gegenstand immer sein Licht fällt, er ist erleuchtet in einem neuen Sinn. Und so, mit einer deutenden Kraft ohnegleichen bewehrt, von innerer Sendung geheimnisvoll geführt, gelangt Freud von einer Erkenntnis zur andern, von jeder geistigen Schau zu immer höheren und weiteren empor – una parte nasce dall‘ altra successivamente, nach Leonardos Wort –, und jeder dieser spiralisch erhobenen Kreise fügt sich ungezwungen zusammen in ein einheitliches Bild der seelischen Welt. Längst ist das Reich der Neurologie, der Psychoanalyse, der Traumdeutung, der Sexualforschung überschritten, und noch immer neue Wissenschaften bieten sich zur Erneuerung entgegen. Die Pädagogie, die Religionswissenschaft, die Mythologie, die Dichtung und die Kunst danken seinen Anregungen namhafte Bereicherung: kaum kann von der Höhe seines Alters der greise Forscher selbst überschauen, wie weit hinein ins Zukünftige seine eigene unvermutete Wirksamkeit reicht. Wie Moses vom Berge, sieht Freud am Abend seines Lebens für seine Lehre noch unendlich viel ungepflügtes und fruchtträchtiges Land.

Fünfzig Jahre lang war dieser Forscher unentwegt auf dem Kriegspfad gewesen, Geheimnisjäger und Wahrheitssucher; unermeßlich ist seine Beute. Wie viel hat er geplant, geahnt, gesehen, geschaffen, geholfen – wer kann sie zählen, diese Taten auf allen Gebieten des Geistes? Nun könnte er ruhen, der alte Mann. Und tatsächlich, etwas in ihm begehrt nach linderer, unverantwortlicherer Schau. Sein Auge, das streng und prüfend in viele, in zu viele dunkle Seelen geblickt, nun möchte es einmal unverbindlich in einer Art geistigen Träumens das ganze Weltbild umfassen. Der immer nur die Tiefen durchpflügt, jetzt begehrt er einmal die Höhen und Weiten des Daseins zu betrachten. Der ein Leben lang als Psychologe nur rastlos forschte und fragte, nun möchte er als Philosoph versuchen, sich selbst eine Antwort zu geben. Der unzählige Analysen an einzelnen unternommen, er möchte nun einmal den Sinn der Gemeinschaft zu ergründen wagen und seine Deutekunst erproben an einer Psychoanalyse der Zeit.

Alt ist diese Lust, einmal in reiner Schau des Geistes durchaus nur denkerisch das Weltgeheimnis zu betrachten. Aber die Strenge seiner Aufgabe hat Freud ein Leben lang spekulative Neigungen verboten; erst mußten die Gesetze des seelischen Aufbaus an unzähligen einzelnen erforscht sein, ehe er wagen durfte, sie auf das Allgemeine anzuwenden. Immer noch schien es dem allzu Verantwortungsbewußten zu früh am Tage. Jetzt aber, da es Abend wird, da fünfzig Jahre unermüdlicher Arbeit ihm Anrecht geben, einmal denkträumend über das einzelne hinauszusehen, jetzt tritt er noch einmal hinaus, einen Blick in die Ferne zu tun und die Methode, die er an Tausenden von Menschen erprobt, an der ganzen Menschheit zu versuchen.

Ein wenig zag, ein wenig ängstlich geht er, der sonst so sichere Meister, an dieses Beginnen. Fast möchte man sagen, mit schlechtem Gewissen wagt er sich hinaus über sein exaktes Wissenschaftsreich der Tatsachen in jenes des Unbeweisbaren, denn gerade er, der Entlarver vieler Illusionen, gerade er weiß, wie leicht man philosophischen Wunschträumen verfällt. Hart hatte er bisher jede spekulative Verallgemeinerung abgewehrt: »Ich bin gegen die Fabrikation von Weltanschauungen.« Nicht leichten Herzens also, und nicht mit der alten, unerschütterlichen Sicherheit wendet er sich hinüber in die Metaphysik – oder wie er es vorsichtiger nennt: in die Metapsychologie – und entschuldigt gleichsam vor sich selbst dieses späte Wagnis: »In meinen Arbeitsbedingungen ist eine gewisse Veränderung eingetreten, deren Folgen ich nicht verleugnen kann. Früher einmal gehörte ich nicht zu jenen, die eine vermeintliche Neuheit nicht eine Weile bei sich behalten können, bis sie Bekräftigung gefunden hat … Aber damals dehnte sich die Zeit unübersehbar vor mir aus, oceans of time, – wie ein liebenswürdiger Dichter sagt –, und das Material strömte mir so reichlich zu, daß ich mich der Erfahrungen kaum erwehren konnte … Das ist nun alles anders geworden. Die Zeit vor mir ist begrenzt, sie wird nicht vollständig von der Arbeit ausgenützt, die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen, kommt also nicht so reichlich. Wenn ich etwas Neues zu sehen glaube, bleibt es mir unsicher, ob ich die Bestätigung abwarten kann.« Man sieht: im voraus weiß der strengwissenschaftliche Mann, daß er sich diesmal allerhand verfängliche Probleme vorlegen wird. Und gleichsam nur monologisch, in einer Art geistigen Selbstgesprächs erörtert er vor sich selbst einige der ihn bedrückenden Fragen, ohne Antwort zu fordern, ohne vollkommene Antwort zu geben. Diese seine Spätbücher, die »Zukunft einer Illusion« und »Das Unbehagen in der Kultur« sind vielleicht nicht so dicht mehr wie die früheren; aber sie sind dichterischer. Sie enthalten weniger beweisbare Wissenschaft, aber mehr an Weisheit. Statt des unerbittlichen Zerlegers enthüllt sich endlich der groß zusammenfassende Geist, statt des exakt naturwissenschaftlichen Mediziners der solange gefühlte Künstler. Und es ist, als ob zugleich hinter dem forschenden Auge jetzt zum ersten Male der ganze langverborgene Mensch Sigmund Freud vorträte.

Aber es ist ein düsteres Auge, das hier die Menschheit anblickt, ein Auge, das dunkel geworden, weil es zuviel Dunkles gesehen. Nur mit ihren Sorgen, ihren Nöten, ihren Qualen und Verstörungen sind fünfzig Jahre lang die Menschen ununterbrochen zu ihm gekommen, klagend, fragend, eifernd, erregt, hysterisch und wild, immer nur Kranke, Bedrückte, Gequälte, Verrückte; nur die melancholische, die tatunkräftige Seite der Menschheit war diesem Manne ein Leben lang mitleidslos zugewandt. Vermauert in den ewigen Schacht seiner Arbeit, hat er selten das andere, das helle, das freudige, das gläubige Antlitz der Menschheit gesehen, die Hilfsbereiten, die Sorglosen, die Heiteren, die Leichtsinnigen, die Frohmütigen, die Glücklichen und Gesunden: immer nur Kranke, Unlustige, Verstörte, immer nur dunkle Seelen. Er ist zu lange und zu viel Arzt gewesen, Sigmund Freud, um nicht allmählich auch die ganze Menschheit wie einen Kranken anzusehen. Und sein erster Eindruck, als er aus seiner Forscherstube in die Welt blickt, stellt aller weiteren Untersuchung schon eine furchtbar pessimistische Diagnose voran: »Wie für den einzelnen, so ist auch für die ganze Menschheit das Leben schwer zu ertragen.«

Verhängnisvoll düsteres Wort, das wenig Hoffnung verheißt, mehr ein Seufzer von tiefinnen her als eine Erkenntnis! Man sieht: wie an das Bett eines Kranken tritt Freud an seine kulturbiologische Aufgabe heran. Und gewohnt, als Seelenarzt zu betrachten, meint er deutliche Symptome einer Seelenverstörung in unserer Zeit zu gewahren. Da seinem Auge die Freude fremd ist, sieht er nur Unfreude in unserer Kultur und beginnt analytisch dieser Neurose der Zeitseele nachzuforschen. Wie kommt es, fragt er sich selbst, daß so wenig wirkliches Behagen unsere Zivilisation beseelt, die doch die Menschheit weit über alles Ahnen und Hoffen früherer Geschlechter emporgehoben hat? Haben wir denn nicht tausendfach den alten Adam in uns übersprungen, sind wir nicht schon Gott ähnlicher als ihm? Hört nicht das Ohr dank der telephonischen Membran in die entferntesten Kontinente, sieht das Auge nicht dank des Teleskops in die Myriadenwelt der Sterne und mit Hilfe des Mikroskops einen Kosmos im Wassertropfen? Überschwingt nicht unsere Stimme Zeit und Raum in einer Sekunde, spottet sie nicht der Ewigkeit, festgebannt auf der Platte eines Grammophons, trägt uns nicht der Aeroplan sicher durch das seit Tausenden von Jahren dem Sterblichen versagte Element? Warum aber trotz dieser Gottähnlichkeit kein rechtes Siegesgefühl in der Seele des Menschen, sondern bloß das drückende Bewußtsein, daß wir nur Herren dieser Herrlichkeit auf Borg, nur »Prothesengötter« sind (durchschlagendes Wort!) und daß doch keine dieser technischen Errungenschaften unser tiefstes Ich befriedet und beglückt? Wo ist der Ursprung dieser Hemmung, dieser Verstörung, wo die Wurzel dieser Seelenkrankheit? – so fragt sich Freud in die Menschheit hinein. Und ernst, streng und sachlich, als gelte es einen einzelnen Fall seiner Ordination, geht Freud daran, die Ursachen unseres Kulturunbehagens, dieser Seelenneurose der gegenwärtigen Menschheit, zu erforschen.

Nun beginnt Freud immer jede Psychoanalyse mit einer Aufdeckung der Vergangenheit: so auch jene der seelenkranken Kultur mit einem Rückblick auf die Urformen der menschlichen Gesellschaft. Im Anfang steht für Freud der Urmensch (gewissermaßen der Kultursäugling), aller Sitten und Gesetze unbewußt, tierhaft frei und völlig hemmungslos. In zusammengefaßter, ungebrochen egoistischer Kraft entlädt er seine aggressiven Triebe in Mord und Kannibalismus, seinen Sexualtrieb in Pansexualismus und Inzest. Aber kaum, daß sich dieser Urmensch zu einzelnen Horden, zum Clan zusammentut, muß er gewahr werden, daß seine Gier an Grenzen stößt, an den Gegenwillen der Gefährten: alles soziale Leben, selbst auf der frühesten Stufe, erfordert Beschränkung. Der einzelne muß sich bescheiden, gewisse Dinge als verboten anerkennen, Recht und Sitte, gemeinsame Konventionen werden eingesetzt, die Strafen heischen für jedes Vergehen. Dieses Wissen um das Verbotene, diese Furcht vor der Strafe verschiebt sich aber bald nach innen und schafft in dem bisher tierisch dumpfen Gehirn eine neue Instanz, ein Über-Ich, gewissermaßen einen Signalapparat, der rechtzeitig warnt, die Geleise der Sitte zu überschreiten, um nicht von der Strafe erfaßt zu werden. Mit diesem Über-Ich, dem Gewissen, beginnt die Kultur und zugleich die religiöse Idee. Denn alle Grenzen, welche die Natur dem menschlichen Lusttrieb von außen entgegenstellt, Kälte, Krankheit, Tod, sie begreift die blinde Urangst der Kreatur immer nur als von einem unsichtbaren Gegner gesandt, von einem Gott-Vater, der alle Macht hat, zu strafen und zu belohnen, von einem Fürchtegott, dem man gehorchen und dienen muß. Gleichzeitig höchstes Ich-Ideal als Urbild aller Machtvollkommenheit und doch Angstgestalt, weil Urheber alles Schreckens, treibt die vermeinte Gegenwart eines allschauenden, alles könnenden Gott-Vaters durch den Büttel des Gewissens den ungebärdigen Menschen in seine Grenzen zurück; durch diese Selbstbeschränkung, durch diesen Verzicht, durch Zucht und Selbstzucht fängt das wilde barbarische Wesen allmählich an, sich zu zivilisieren. Indem sich aber die ursprünglich kampfwütigen Menschenkräfte zu gemeinsamer und schöpferischer Tätigkeit vereinen, statt bloß mörderisch und blutlüstern gegeneinander zu fahren, steigert sich die geistige, die ethische und technische Fähigkeit der Menschheit, und allmählich nimmt sie ihrem eigenen Ideal, dem Gotte, ein gut Teil seiner Macht. Der Blitz wird eingefangen, die Kälte geknechtet, die Entfernung überwunden, durch Waffen die Gefährlichkeit der Raubtiere gebändigt, alle Elemente, Wasser, Luft, Feuer werden allmählich der Kulturgemeinschaft untertan. Immer höher steigt die Menschheit dank ihrer schöpferischen, organisierten Eigenkräfte die Himmelsleiter zum Göttlichen empor, und, Herrin über Höhen und Tiefen, Überwinderin des Raums, wissend und beinahe allwissend, darf sie sich, die vom Tier aufgestiegene, selbst schon als gottähnlich empfinden.

Aber, fragt Freud, der unheilbare Desillusionist, – genau wie Jean Jacques Rousseau mehr als hundertfünfzig Jahre früher – in diesen schönen Zukunftstraum von der allbeglückenden Kultur hinein: warum ist die Menschheit trotz dieser Gottähnlichkeit nicht glücklicher und froher geworden? Warum fühlt unser tiefstes Ich sich nicht bereichert, befreit und erlöst durch all diese zivilisatorischen Triumphe der Gemeinschaft? Und er antwortet darauf selbst mit seiner harten und eindringlichen Unbarmherzigkeit: weil uns diese Besitzbereicherung durch die Kultur nicht einfach geschenkt wurde, sondern gleichzeitig bezahlt ist mit einer ungeheuren Einschränkung unserer Triebfreiheit. Die Rückseite alles Kulturzuwachses der Gattung ist Glücksverlust bei dem einzelnen (und Freud nimmt immer die Partei des Individuums). Dem Gewinn an gemeinschaftlicher Zivilisation der Menschheit steht eine Freiheitseinbuße, eine Gefühlskraftverminderung jeder Einzelseele entgegen. »Unser heutiges Gefühl des Ich ist nur ein eingeschrumpfter Teil eines weitumfassenden, ja allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ich mit der Umwelt entspricht.« Wir haben zuviel an die Gesellschaft, an die Gemeinschaft abgegeben von der Ungebrochenheit unserer Kraft, als daß unsere Urtriebe, der Sexualtrieb und der Aggressionstrieb, noch die alte einheitliche Gewalt aufweisen könnten. In um so feinere und verästeltere Kanäle sich unser seelisches Leben verteilt, um so mehr verliert es sein stromhaft Elementares. Die durch die Jahrhunderte immer strenger werdenden sozialen Beschränkungen verengen und verkrümmen unsere Gefühlskraft, und insbesondere »das Sexualleben des Kulturmenschen ist schwer geschädigt. Es macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung begriffenen Funktion, wie es unsere Organe, unser Gebiß und unsere Kopfhaare zu sein scheinen«. In geheimnisvoller Weise läßt sich aber die Seele des Menschen nicht darüber betrügen, daß ihr für die Unzahl neuer, höherer Lustbefriedigungen, wie sie die Künste, Wissenschaften, die Technik, die Naturbeherrschung und die anderen Lebensbequemlichkeiten tagtäglich vortäuschen, irgendeine andere, vollere, wildere, naturhafte Art der Lust entzogen worden ist. Etwas in uns, vielleicht biologisch versteckt in irgendeinem Winkel der Gehirngänge und mitströmend in den Adern unseres Blutes, erinnert sich in jedem von uns mystisch an jenen Urzustand höchster Ungehemmtheit: alle die längst von der Kultur überwundenen Instinkte, Inzest, Vatermord, Pansexualität, geistern noch in unseren Wünschen und Träumen. Und selbst im wohlgepflegten Kind, das im bakterienfreien, elektrisch erhellten, wohldurchwärmten Luxusraum einer Privatklinik auf zarteste und schmerzloseste Weise von einer hochkultivierten Mutter geboren wird, erwacht noch einmal der alte Urmensch; noch einmal muß es die ganze Jahrtausendreihe von den panischen Urtrieben bis zur Selbstbeschränkung stufenweise durchschreiten und an seinem kleinen wachsenden Leib die ganze Erziehungsarbeit zur Kultur noch einmal erleben und erleiden. So bleibt ein Erinnern der alten Selbstherrlichkeit unzerstörbar in uns allen, und in manchen Augenblicken sehnt sich unser ethisches Ich ganz wild ins Anarchische, nach dem nomadisch Freien, nach dem Tierhaften unseres Anfangs zurück. Ewig hält sich in unserm Lebensgefühl Gewinn und Verlust die Waage, und je weiter sich die Spanne zieht zwischen der immer engeren Bindung zur Gemeinschaft und der ursprünglichen Ungebundenheit, um so stärker wird das Mißtrauen der Einzelseele werden, ob sie durch diesen Fortschritt nicht eigentlich beraubt und durch die Sozialisierung des Ichs um ihr innerstes Ich betrogen sei.

Wird es nun der Menschheit jemals gelingen, fragt Freud, angestrengt in die Zukunft blickend, diese Unruhe, dieses gleichzeitig Hin- und Hergerissensein ihrer Seele endgültig zu bemeistern? Wird sie, die zwischen Gottesangst und Tierlust wirr hintaumelnde, von Verboten umstellte, von der Zwangsneurose der Religion bedrückte, sich aus dem Kulturdilemma selbst einen Ausweg finden? Werden die beiden Urmächte, der Aggressionstrieb und der Geschlechtstrieb, sich nicht endlich freiwillig der sittlichen Vernunft unterwerfen und wir nicht schließlich die »Hilfshypothese« des strafenden und richtenden Gottes als überflüssig entbehren können? Wird die Zukunft – psychoanalytisch gesprochen – durch Bewußtmachung dieses ihres geheimsten Gefühlskonfliktes ihn auch endgültig überwinden, wird sie jemals völlig gesunden? Gefährliche Frage dies! Denn mit dieser Frage, ob die Vernunft einmal Herrin unseres Trieblebens werden könnte, gerät Freud in einen tragischen Zwiespalt. Einerseits leugnet ja die Psychoanalyse die Übermacht der Vernunft über das Unbewußte »Die Menschen sind Vernunftsgründen wenig zugänglich, sie werden von Triebwünschen bewegt«, und doch behauptet sie: »daß wir kein anderes Mittel haben zur Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als unsere Intelligenz«. Als theoretische Lehre verficht die Psychoanalyse die Übermacht der Triebe und des Unbewußten – als praktische Methode wendet sie die Vernunft als einziges Heilmittel des Menschen und somit der Menschheit an. Hier versteckt sich schon lange in der Psychoanalyse ein geheimer Widerspruch, und er wächst jetzt gemäß den Dimensionen der Betrachtung ins Gewaltige hinaus: jetzt müßte Freud endlich die endgültige Entscheidung treffen, gerade hier im philosophischen Raum müßte er entweder der Vernunft oder der Triebhaftigkeit in der menschlichen Natur die Vorherrschaft zuerkennen. Aber diese Entscheidung wird ihm, der nicht lügen kann und nie sich selber belügen will, furchtbar schwer. Denn wie entscheiden? Mit erschüttertem Blick hat der alte Mann seine Lehre von der Triebübermacht über die bewußte Vernunft durch die Massenpsychose des Weltkriegs eben bestätigt gesehen: niemals war grauenhafter sichtbar geworden als in diesen vier apokalyptischen Jahren, wie dünn der Überwurf der Humanität noch immer den hemmungslosesten, haßvollsten Blutrausch der Menschheit deckt, und daß ein einziger Ruck aus dem Unbewußten genügt, um alle die kühnen Kunstbauten des Geistes und alle Tempel der Sittlichkeit einstürzen zu lassen. Die Religion, die Kultur, alles, was die Bewußtheit des Menschen adelt und erhöht, hatte er in diesem einen Augenblick preisgegeben gesehen für die wildere und urtümlichere Lust des Zerstörens; all die heiligen und heiliggesprochenen Mächte hatten sich abermals wieder als kindlich schwach erwiesen gegen den dumpfen, blutgierigen Trieb des Urmenschen in der Menschheit. Aber doch weigert sich etwas in Freud, diese moralische Niederlage der Menschheit im Weltkrieg als gültig anzuerkennen. Denn wozu die Vernunft und sein eigener jahrzehntelanger Dienst an der Wahrheit und Wissenschaft, wenn schließlich doch alle erziehliche Bewußtmachung der Menschheit ohnmächtig bleiben sollte gegen ihr Unbewußtes? Unbestechlich redlich, wagt Freud nicht, die Wirkungskraft der Vernunft zu verneinen und ebensowenig die unberechenbare des Triebs. So schiebt er schließlich die Antwort auf die selbstgestellte Frage vorsichtig in ein »Vielleicht«, in ein »Vielleicht irgend einmal«, in ein ganz weites drittes Reich der Seele hinüber, denn nicht ganz ungetröstet möchte er von dieser späten Wanderung zu sich selbst zurückkehren. Und es ist für mich ergreifend, wie seine sonst so strenge Stimme nun, da er am Abend seines Lebens der Menschheit noch ein kleines Lichtlein Hoffnung ans Ende ihres Weges stellen möchte, weich und versöhnlich wird: »Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen findet sie es doch. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber er bedeutet in sich nicht wenig. Das Primat des Intellekts liegt gewiß in weiter, aber wahrscheinlich doch nicht unerreichbarer Ferne.«

Das sind wunderbare Worte. Aber dies kleine Lichtlein im Dunkel flackert doch zu fern und ungewiß, als daß die fragende, die an der Wirklichkeit frierende Seele sich daran erwärmen könnte. Jedes »Wahrscheinliche« ist nur dünner Trost, und kein »Vielleicht« befriedigt den unstillbaren Glaubensdurst nach höheren Gewißheiten. Aber hier stehen wir vor der eigentlichen und unübersteigbaren Grenze der Psychoanalyse: wo das Reich der innern Gläubigkeiten, der schöpferischen Zuversicht beginnt, da endet ihre Macht, – in diese obern Sphären hat sie, die bewußt desillusionistische und jeden Wahn befeindende, keine Schwinge. Ausschließlich Wissenschaft vom Individuum, von der Einzelseele, weiß sie nichts und will sie nichts von einem gemeinschaftlichen Sinn oder einer metaphysischen Sendung der Menschheit wissen: darum erlichtet sie nur seelische Tatsachen, aber sie erwärmt nicht die menschliche Seele. Nur Gesundheit kann sie geben, jedoch Gesundheit, sie allein ist nicht genug. Um glücklich, um schöpferisch zu werden, bedarf die Menschheit immer wieder der Bestärkung durch den Glauben an einen Sinn ihres Daseins. Die Psychoanalyse aber hat keine Opiate wie die Christian Science, keine Rausch-Ekstasen wie Nietzsches dithyrambische Verheißungen, sie verheißt und verspricht nichts, sie schweigt lieber, statt zu trösten. Diese ihre Wahrhaftigkeit, ganz dem strengen und redlichen Geiste Sigmund Freuds entstammend, ist im moralischen Sinne wunderbar. Aber allem bloß Wahrhaften ist unvermeidlich ein Senfkorn Bitternis und Skepsis beigemengt, über allem bloß vernunfthaft Aufklärenden und Analysierenden schattet eine gewisse tragische Düsternis. Etwas Entgötterndes haftet unleugbar an der Psychoanalyse, etwas, was nach Erde und Vergängnis schmeckt, was wie alles Nurmenschliche nicht frei und froh macht; Redlichkeit kann den Geist großartig bereichern, nie jedoch das Gefühl völlig erfüllen, nie die Menschheit jenes Hinausstürzenwollen über den eigenen Rand lehren, diese ihre törichteste und doch notwendigste Lust. Der Mensch aber – wer hat dies großartiger bewiesen als Freud? – kann selbst im leiblichen Sinne nicht leben ohne den Traum, sein enger Körper würde zerbersten unter der Übermacht der unausgelebten Gefühle – wie sollte da die Seele der Menschheit es ertragen, ohne die Hoffnung eines höhern Sinns, ohne gläubige Träume zu bestehen? Mag auch alle Wissenschaft immer wieder den Widersinn dieses ihres gottschaffenden Spieles beweisen, immer wird sich ihre Bildnerlust wieder an einem neuen Weltsinn mühen müssen, um nicht in Nihilismus zu verfallen, denn diese Mühelust ist selbst schon alles geistigen Lebens ureigenster Sinn.

Für diesen Hunger der Seele nach Gläubigkeit hat die harte, die streng sachliche, die kaltklare Nüchternheit der Psychoanalyse keine Nahrung. Sie gibt Erkenntnis und nicht mehr, und weil ihr alle Weltgläubigkeit fehlt, kann sie immer nur eine Wirklichkeitsanschauung bleiben und nie Weltanschauung werden. Hier ist ihre Grenze. Sie vermochte näher als irgendeine geistige Methode vor ihr den Menschen bis an sein eigenes Ich heranzubringen, aber nicht – und dies wäre zur Ganzheit des Gefühls notwendig – über dies eigene Ich wieder hinaus. Sie löst und teilt und trennt, sie zeigt jedem Leben seinen eigenen Sinn, aber sie weiß nicht dies tausendfach Vereinzelte zu einem gemeinsamen Sinne zu binden. Darum müßte, um sie wahrhaft schöpferisch zu ergänzen, zu ihrer Denkform, der zerteilenden und erhellenden, noch eine andere treten, eine verbindende und verschmelzende – die Psychosynthese zur Psychoanalyse: diese Vereinigung wird vielleicht die Wissenschaft von morgen sein. Soweit Freud auch gelangt ist, über ihn hinaus sind noch weite Räume der Betrachtung frei. Und nachdem seine Deutekunst der Seele ihre geheimen Gebundenheiten gezeigt, dürften jetzt andere sie wieder ihre Freiheit lehren, ihr Strömen und Überströmen aus dem eigenen Wesen ins Weltall hinein.

Geltung in die Zeit

Wir wollen das Individuum – das aus dem Einen und dem Vielen entsteht und sowohl das Bestimmte wie das Unbestimmte von Geburt in sich trägt – nicht eher ins Grenzenlose verschwimmen lassen, bevor wir nicht alle seine Vorstellungsreihen überblickt haben, die zwischen dem Einen und dem Vielen vermitteln.

Plato

Zwei Entdeckungen von symbolischer Gleichzeitigkeit ereignen sich im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts: in Würzburg erweist ein bisher wenig bekannter Physiker namens Wilhelm Röntgen durch ein unerwartetes Experiment die Möglichkeit, den bisher undurchdringlich vermeinten menschlichen Körper zu durchleuchten. In Wien entdeckt ein ebenso unbekannter Wiener Arzt, Sigmund Freud, die gleiche Möglichkeit für die Seele. Beide Methoden ändern nicht nur die Grundlagen ihrer eigenen Wissenschaft, sondern befruchten alle Nachbargebiete; in merkwürdiger Überkreuzung zieht gerade aus der Entdeckung des Physikers die Medizin Gewinn, aus dem Fund des Mediziners wiederum die Psychophysik, die Lehre von den seelischen Kräften.

Durch Freuds großartige und heute in ihrer Wirkung noch lange nicht erschöpfte Entdeckung überschreitet endlich die wissenschaftliche Seelenkunde ihre akademische und theoretische Abgeschlossenheit und mündet in das praktische Leben. Durch ihn wird Psychologie als Wissenschaft zum erstenmal anwendbar auf alle Formen des schöpferischen Geistes. Denn die Psychologie von vordem, was war sie? Ein Schulfach, eine theoretische Spezialforschung, eingesperrt auf Universitäten, eingekapselt in Seminare, Bücher zeitigend in unerträglicher und unlesbarer Formelsprache. Wer sie studierte, wußte nicht mehr von sich und seinen individuellen Gesetzen, als ob er Sanskrit studiert hätte oder Astronomie, und mit gutem Instinkt empfand die Allgemeinheit ihre Laboratoriumsresultate als belanglos, weil völlig abstrakt. Indem Freud die Seelenforschung mit entschlossener Umstellung vom Theoretischen auf das Individuum wendet und die Kristallisation der Persönlichkeit zum Gegenstand der Untersuchung erhebt, schiebt er sie aus dem Seminar in die Wirklichkeit und macht sie dem Menschen lebenswichtig, weil anwendbar. Nun erst kann Psychologie dem Aufbau des werdenden Menschen in der Pädagogik, der Heilung des Kranken in der Medizin, der Beurteilung des Irrenden in der Justiz, dem Verständnis des Schöpferischen in der Kunst mithelfend dienen; indem sie die immer einmalige Individuation eines jeden einzig ihm selber zu erklären sucht, hilft sie zugleich allen andern. Denn wer einmal in sich den Menschen verstehen gelernt hat, der versteht ihn in allen.

Mit dieser Wendung der Seelenforschung auf die Einzelseele hat Freud unbewußt den innersten Willen der Zeit erlöst. Nie war der Mensch neugieriger auf sein eigentliches Ich, auf seine Persönlichkeit, als in diesem unseren Jahrhundert der fortschreitenden Monotonisierung des äußern Lebens. Immer mehr vereinheitlicht und entpersönlicht das technische Zeitalter seinen Bürger zum farblosen Typus; in gleiche Gehaltsklassen abgeteilt, in denselben Häusern wohnend, dieselben Kleider tragend, dieselben Arbeitsstunden an der gleichen Maschine abwerkend und dann hinaus in dieselbe Form des Vergnügens flüchtend, vor das gleiche Radio, dieselbe Schallplatte, in denselben Sport, werden alle einander äußerlich in erschreckender Weise ähnlicher, die Städte mit denselben Straßen immer uninteressanter, die Nationen immer homogener; der ungeheure Schmelztiegel der Rationalisierung zerkocht alle offenbaren Unterschiede. In dem Maße aber, wie unsere Oberfläche immer mehr ab und auf gleich geschliffen wird, je serienhafter und dutzendmäßiger sich die Menschen ins Massenphysiognomische gliedern, um so wichtiger wird inmitten der fortschreitenden Entpersönlichung der Daseinsformen jedem einzelnen die einzige von außen nicht erreichbare und beeinflußbare Erlebnisschicht: seine einmalige, unwiederholbare Persönlichkeit. Sie ist das höchste und fast das einzige Maß des Menschen geworden, und man nenne es nicht Zufall, daß alle Künste und Wissenschaften jetzt so leidenschaftlich dem Charakterologischen dienen. Die Typenlehre, die Deszendenzwissenschaft, die Erbmassentheorie, die Untersuchungen über die individuelle Periodizität bemühen sich, das Persönliche vom Generellen immer systematischer abzugrenzen; in der Literatur erweitert die Biographie die Kenntnis der Persönlichkeitskunde, und längst abgestorben vermeinte Methoden zur Erforschung der innern Physiognomie, wie Astrologie, Chiromantie, Graphologie, gelangen in unseren Tagen zu unvermuteter Blüte. Von allen Rätseln des Daseins ist keines dem Menschen von heute wichtiger als das Wissen um sein eigenes Sein und Gewordensein, um das besonders Bedingte und Nur-Ihm-Gehörige seiner Persönlichkeit.

Diesem innern Lebenszentrum hat Freud die schon abstrakt gewordene Seelenkunde wieder zugeführt. Er hat zum erstenmal das Dramatische im Persönlichkeitsaufbau jedes Menschen beinahe dichterisch groß entwickelt, dies glühende und drängende Durcheinander im Zwielichtreich zwischen Bewußt und Unbewußt, wo der winzigste Anstoß die weitesten Wirkungen zeitigt und in wundersamsten Verstrickungen sich Vergangenes mit Gegenwärtigem bindet – eine Welt, wahrhaft welthaft im engen Blutkreis des Leibes, unübersehbar in ihrer Ganzheit und doch lustvoll wie ein Kunstwerk zu betrachten in ihrer unergründlichen Gesetzmäßigkeit. Das Gesetzhafte eines Menschen aber – dies die entscheidende Umschaltung seiner Lehre – kann niemals schulhaft schematisch beurteilt, sondern nur erlebt, mitgelebt, nachgelebt und aus diesem Erleben als das einzig hier Gültige erkannt werden. Nie mit einer starren Formel, sondern immer nur aus der eigenen erlebnisgeprägten Form eines Schicksals kann man eine Persönlichkeit begreifen: alles Heilen im medizinischen, alles Helfen im moralischen Sinne setzt deshalb bei Freud Erkenntnis voraus, und zwar eine jasagende, mitfühlende und dadurch wahrhaft wissende Erkenntnis. Ehrfurcht vor der Persönlichkeit, vor diesem im Goethischen Sinne »offenbaren Geheimnis« ist darum für ihn aller Seelenkunde und aller Seelenheilkunst unumgänglichster Anbeginn, und diese Ehrfurcht hat Freud wie kein anderer als moralisches Gebot wieder achten gelehrt. Erst durch ihn haben Tausende und Hunderttausende zum erstenmal die Verletzlichkeit der Seele, insbesondere der Kinderseele begriffen und haben angesichts der von ihm aufgedeckten Verwundungen zu ahnen begonnen, daß jedes grobe Zufassen, jedes brutale Hineinfahren (oft nur mit einem Wort!) in diese überempfindliche, mit einer verhängnisvollen Kraft des Sicherinnerns begabte Materie ein Schicksal zerstören kann, daß also jedes unbesonnene Strafen, Verbieten, Drohen und Züchtigen den Strafenden mit einer bisher ungekannten Verantwortung belädt. Ehrfurcht vor der Persönlichkeit, selbst in ihren abwegigen Besonderheiten, sie hat er immer tiefer in das Bewußtsein der Gegenwart, in Schule, Kirche, Gerichtssaal, diese Stätten der Starre und Strenge, neueingeführt und durch diese bessere Einsicht ins Seelische auch eine höhere Rücksicht und Nachsicht in der Welt verbreitet. Die Kunst des gegenseitigen Sichverstehens, diese wichtigste innerhalb der menschlichen Beziehungen, die immer notwendigere zwischen den Nationen, diese einzige Kunst, die uns zum Aufbau einer höheren Humanität helfen kann, sie hat von keiner geistigen Methode unserer Zeit so viel Förderung erfahren wie von Freuds Persönlichkeitslehre; durch ihn ist die Wichtigkeit des Individuums, der unersetzbar einmalige Wert jeder Menschenseele, in einem neuen und tätigen Sinn unserer Gegenwart erst gewahr geworden. Es gibt keinen einzigen namhaften Menschen in Europa auf allen Gebieten der Kunst, der Forschung und der Lebenskunde, dessen Anschauungen nicht direkt oder indirekt durch Freuds Gedankenkreise in Anziehung oder Gegenwehr schöpferisch beeinflußt worden wären: überall hat dieser Außenseiter die Mitte des Lebens – das Menschliche erreicht. Und während die Fachleute sich noch immer nicht damit abfinden können, daß dieses Werk weder im medizinischen noch naturwissenschaftlichen noch philosophischen Schulsinn sich streng regelhaft gebärdet, während um Einzelheit und Endwert Geheimräte und Gelehrte noch ingrimmig streiten, hat sich längst schon Freuds Lehre als unwiderleglich wahr bewiesen – als wahr in jenem schöpferischen Sinne, den uns Goethe geprägt hat mit dem unvergeßlichen Wort: »Was fruchtbar ist, allein ist wahr.«

 http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-heilung-durch-den-geist-6857

Helmut Dahmer: Therapie als Sozialkritik

In der „kulturellen“ Lebenswelt, die Freud analysierte, sind vor allem die Institutionen rätselhaft, die sich gegenüber ihren Produzenten und Trägern verselbständigt haben und ihnen daher fälschlich als „Natur“ erscheinen. Das gilt für kollektive Institutionen (wie Totem und Tabu) ebenso wie für private – Neurosen und Psychosen.
Voraussetzung der Psychoanalyse als Praxis, die genealogisch den Sinn der Symptome erschließt und auf die Revision obsoleter Institutionen abzielt, ist die Ermäßigung oder die Aufhebung des „Widerstands“, den der Patient der Aufdeckung seiner biographischen Geheimgeschichte entgegensetzt. Dieser Widerstand geht von der von Freud als „Über-Ich“ bezeichneten intrapsychischen Zensur-Instanz aus, die im seelischen Haushalt der Individuen durch Entbindung so-zialer Angst die Einhaltung der gesellschaftlichen Tabus verbürgt. Die psychoanalytische Therapie arbeitet an der Ent-kräftung verinnerlichter sozialer Gewalt, sie ist praktische Sozialkritik.
Helmut Dahmer: Prof. i.R.; Soziologe und Publizist, veröf-fentlicht seine Bücher im Verlag Westfälisches Dampfboot.

Erich Fromm: Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie.

Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 4, 1935

 

Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie.

Von
Erich Fromm.
Die psychoanalytische Therapie beruht auf der Aufdeckung der
zur Symptombildung oder zur Bildung neurotischer Charaktereigenschaften
führenden unbewussten Strebungen. Die Symptome
sind Ausdruck des Konflikts zwischen solchen unbewussten verdrängten
und den sie verdrängenden Tendenzen. Die wichtigste
Ursache der Verdrängung ist die Angst. Ursprünglich und
zunächst einmal die Angst vor äusserer Gewalt, die aber, soll eine
wirksame Verdrängung zustande kommen, ergänzt wird durch die
Angst, Sympathie und Liebe derjenigen‘ zu verlieren, die man
respektiert und bewundert, und endlich durch die Angst vor dem
Verlust des Respekts vor sich selbstl). Allerdings ist auch die
Angst vor dem Verlust der Liebe einer bewunderten Person gewöhnlich
noch nicht ausreichend, um die Verdrängung derjenigen
Impulse und Phantasien zu bewirken, die den Verlust dieser Liebe
verursachen können. Verdrängungen pflegen erst einzutreten,
wenn der Impuls nicht nur von einer einzelnen Person, oder auch
von mehreren Individuen verurteilt wird, sondern wenn er von
der gesellschaftlichen Gruppe, der der Betreffende angehört, verpönt
ist. In diesem Falle gesellt sich zur Androhung äusserer
Strafen, zum Verlust der Liebe seitens der für den Betreffenden
wichtigsten Personen, noch die Gefahr der Isolierung und des
Verlustes des gesellschaftlichen Rückhalts. Es scheint, dass diese
Gefahr bei den meisten Menschen mehr Angst auslöst als die vorher
erwähnte und dass diese gesellschaftliche Isolierung die wichtigste
Quelle für die Verdrängung ist2).
‚) VgI. hierzu den sozialpsychologischen Teil in „Studien über Autorität und
Familie“, Paris 1936, S. 77.
„) Dieser gesellschaftliche Charakter der Verdrängung lässt sich nicht selten besonders
gut in der frühkindlichen Entwicklung beobachten. Für das Kind ist die Welt
in deutlicher Weise eingeteilt in „die Grossen“ , die eine ihm fremde oder gar feindliche
Gruppe darstellen und die andern Kinder, zu deren Gruppe es sich rechnet. Die
moralischen Anforderungen, die an das Kind herantreten, werden von ihm zunächst
als Anforderung einer fremden Gruppe empfunden, denen es sich häufig aus Klugheit,
366 Erich Fromm
Ist ein Impuls verdrängt, so ist er damit noch nicht vernichtet.
Er ist nur aus dem Bewusstsein entfernt, hat aber nichts von seiner
ihm ursprünglich innewohnenden Energie verloren. Er hat vielmehr
die Tendenz, ins Bewusstsein zurückzukehren, und es bedarf
einer Kraft, die ihn ständig daran verhindert. Fre.ud gebraucht,
um dies zu demonstrieren, ein sehr anschauliches Bild. Er vergleicht
die verdrängten Regungen mit einem unerwünschten Gast,
den man zum Haus herausgeworfen hat, der aber immer wieder
versucht zurückzukehren. Man muss einen Diener an der Türe
aufstellen, der ihn am erneuten Eindringen hindert. Wenn in
einer Analyse versucht wird, die verdrängten Regungen ins Bewusstsein
zurückzubringen, so macht sich diese, das Verdrängte am
Zurückkehren hindernde Kraft sehr deutlich bemerkbar; Freud
hat ihr den Namen „Widerstand“ gegeben. Dieser Widerstand
kann sich in vielen Formen äussern. Seine einfachste ist die, dass,
sobald der Analysand gleichsam in die Nähe des verdrängten Materials
gerät, ihm überhaupt nichts einfällt, oder dass ihm sehr viele
Dinge einfallen, die vom verdrängten Gegenstand abführen, oder
dass er wütend auf· den Analytiker ist und beginnt, die ganze
Methode als unsinnig abzulehnen, oder dass er körperliche Symptome
entwickelt, die ihn hindern, in die Analyse zu kommen, und
ihn davor schützen, das verdrängte Material zu berühren. Der
Widerstand ist so ein im Laufe der Analyse mit Notwendigkeit
auftretendes Phänomen. Wollte man ihn vermeiden, so wäre dies
gleichbedeutend mit dem Verzicht auf die Bewusstmachung des
verdrängten Materials überhaupt. Dies wird tatsächlich von den
meisten nicht psychoanalytischen psychotherapeutischen Methoden
versucht. Es ist zunächst der kürzere Weg, aber der Preis, der
dafür bezahlt wird, ist der Verzicht auf die tiefgreifende Änderung
in der seelischen Struktur. Der Widerstand ist geradezu das
zuverlässigste Signal dafür, dass man verdrängtes Material berührt
und sich nicht nur an der seelischen Oberfläche bewegt.
Die Feststellung der Notwendigkeit des Widerstandes besagt
aber noch nicht aus inneren Gründen fügt. Es ereignet sich nun aber nicht selten,
dass in einem Kind eine plötzliche und oft rätselhafte Wandlung vor sich geht, die
darauf beruht, dass ein anderes Kind ihm gegenüber die Moral der Erwachsenen vertritt.
Also etwa in dem Falle, dass ein Spielkamerad, mit dem das Kind bisher sexuelle Spiele
getrieben hatte, plötzlich erklärt : nein, das dürfen wir nicht tun, das ist schlimm,
dazu sind wir schon zu gross, oder so ähnlich. In einem solchen Falle fühlt das Kind
sich plötzlich wie verraten, die moralischen Vorschriften hören auf, solche der Grossen
zu sein, denen gegenüber es sich innerlich geborgen in der Welt der Kinder fühlt.
Sie werden zu absoluten Vorschriften, deren Verletzung die völlige Isolierung mit sich
bringt. Man kann nicht selten beobachten, dass erst die Angst vor dieser Isolierung
zur Verdrängung führt und zu der eigenartig plötzlichen Veränderung des ganzen
Charakters des Kindes· beiträgt.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 367
aber nicht, dass es für die Analyse umso besser sei, je stärker der
Widerstand ist. Im Gegenteil. Wenn der Widerstand, aus welchen
Gründen immer, ein bestimmtes Mass überschreitet, wird die
Analyse der von ihm beschützten unbewussten Regungen überhaupt
unmöglich, während umgekehrt die Analyse umso rascher
fortschreitet und umso rascher erfolgreich beendet ist, je schneller
es gelingt, durch den Widerstand hindurch zum unbewussten Material
vorzustossen. Erfolg und Dauer der Analyse sind davon
abhängig, ob und wie rasch diese Durchstossung der Widerstände
gelingt, und die Frage, welches die Faktoren sind, von denen die
Stärke des Widerstandes abhängt, ist deshalb gleichbedeutend mit
der Frage nach den Erfolgschancen der analytischen Therapie.
Um Missverständnis zu vermeiden, muss hier bemerkt werden, dass
es sich bei dem Widerstand, von dem wir hier sprechen, nicht um
die Hemmungen handelt, die einen Patienten davon zurückhalten,
einen bestimmten Einfall, den er hat, nicht zu sagen. Auch solche
Ängste spielen natürlich in der Analyse eine grosse Rolle, aber es
ist im Prinzip eine Sache des Willens, sie zu überwinden. Wovon
hier gesprochen wird, sind die Tendenzen, die einen Menschen daran
hindern, dass die verdrängten Gedanken, d. h. solche Gedanken,
die zunächst einmal garnicht in seinem Bewusstsein sind, ins
Bewusstsein kommen.
Wovon hängt die Stärke des Widerstandes ab? Die Antwort
auf diese Frage im Sinne Freuds wäre; etwas vereinfacht ausgedrückt:
Die Stärke des Widerstandes ist proportional der Stärke
der Verdrängung, und die Stärke der Verdrängung wiederum
hängt von der Stärke der Angst ab, die ursprünglich die Ursache
der Verdrängung gewesen ist. Ob diese Ängste sich im Verlauf
des Lebens verstärken oder abschwächen, hängt von den Lebensschicksalen
ab, die. der Kindheit folgen. Wie dem auch immer sei,
wenn der Erwachsene eine Analyse beginnt, bringt er ein bestimmtes
Mass an Angst, Verdrängungsenergie und Widerstand
mit, und die Chancen der Dauer wie überhaupt des Erfolges der
Analyse hängen von der Stärke des mitgebrachten Widerstandes ab.
Er überträgt die mitgebrachte Angst auf die Person des Analytikers,.
und man kann deshalb in gewissem Sinne mit Recht sagen,
die Stärke des· Widerstandes hängt von der in der Übertragung
entwickelten Angst vor dem Analytiker ab.
Hier taucht allerdings die Frage auf, wie es denn überhaupt
möglich sein soll, dass der Patient in Gegenwart eines anderen
ihm fremden Menschen Ängste überwindet, die bisher mit Bezug
auf alle andern Menschen so stark waren, dass sie die Verdrängung
aufrecht erhielten. Die besonderen Gründe, die dies in der Analyse
möglich machen, sind leicht einzusehen. Zunächst findet
368 Erich Fromm
nur eine allmähliche Annäherung an das verdrängte Material statt,
man stösst nicht unmittelbar auf den Kern der Verdrängungen,
sondern analysiert Schritt für Schritt die die zentrale Verdrängungsposition
schützenden psychischen Schichten. Weiterhin
hat ein Teil der Gründe für die Angst, die zur ‚Verdrängung
geführt hat, nur in einer bestimmten vergangenen Situation
bestanden, sie sind in der Gegenwart gleichsam anachronistisch,
und die Ängste, wenn sie nur bewusst gemacht werden, erscheinen
spukhaft und verschwinden. Weiterhin kann der Analytiker an
Hand des ihm gebotenen Materials, speziell der Träume und Fehlleistungen
und Zusammenhänge der Einfälle, das Vorhandensein
bestimmter unbewusster Regungen dem Analysanden so wahrscheinlich
machen, dass er sich dessen Vernunft als aktiven wirksamen
Bundesgenossen bei der Aufdeckung des Verdrängten
erwirbt. Hierzu kommt ferner das Leiden des Patienten, das sich
oft als ein genügend starker Motor erweist, um den Widerstand zu
überwinden. Ein anderer Faktor, an den man in diesem Zusammenhang
häufig denkt, nämlich die in der Analyse auftretende
– Verliebtheit des Patienten in den Analytiker, ist von recht zweifelhaftem
Wert für die Überwindung des Widerstandes. Sie wirkt
zwar in der Richtung, dass der Patient sich dem Analytiker ganz
eröffnen, gleichsam ganz hingeben will, und damit im Sinne der
Überwindung des Widerstandes. Gleichzeitig aber wirkt sie auch
in der entgegengesetzten Richtung, indem sie den Wunsch verursacht,
in den Augen des Analytikers möglichst liebenswert und
fehlerfrei dazustehen. Wenn die Verliebtheit die Form annimmt,
dass der Analytiker zum Ideal, zum „Über-Ich“ des Analysanden
wird, kann sie eine besonders schwere Hinderung in der Analyse
darstellen.
Zu allen oben genannten Bedingungen für die Möglichkeit der
Überwindung des Widerstandes kommt noch die, dass der‘ Analytiker
eine freundliche, objektive und nicht verurteilende Haltung
einnimmt. Vorausgesetzt, der Analytiker erfülle diese letzte Forderung,
dann sieht es so aus, als ob die Stärke des Widerstandes
ausschliesslich von der Kindheitssituation und kaum von dem
jetzt gegebenen, wirklichen Verhältnis zwischen Analytiker und
Patient bestimmt sei. Dies ist auch der Standpunkt, der im
grossen und ganzen von Freud und manchen seiner Schüler vertreten
wird. – Sie sind geneigt, die Realität der Person des Analytikers,
wenn nur gewisse allgemeine und recht formale Bedingungen
erfüllt sind, für ziemlich unwichtig und alles, was sich an
Reaktionen dem Analytiker gegenüber abspielt, für „Übertragung
„, d. h. für Wiederholung von ursprünglich andern Menschen
geltenden Reaktionen zu halten. Diese Unterschätzung der ReaDie
gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 369
lität . des Analytikers, also etwa seines Persönlichkeitstyps, Geschlechts,
Alters, und so fort, ist nur ein Ausdruck einer allgemeineren
Voreingenommenheit Freuds gegen die Bedeutung der aktuellen
Situation im Verhältnis zu den Kindheitserlebnissen. Wenn diese
auch gewiss eine besondere und die Zukunft weitgehend determinierende
Rolle spielen, und zwar bei dem durch den Mangel an
seelischer Anpassungsfähigkeit charakterisierten Neurotiker noch
mehr als beim Gesunden, so sind doch keineswegs die Erfahrungen
des späteren Lebens einfach Wiederholungen und ohne Einfluss
auf die Entwicklung der Triebstruktur.
Was spielt sich zwischen dem Analytiker und Patienten ab?
Der Patient hat aus Angst vor Strafe, Liebesverlust, Isolierung
gewisse Triebregungen verdrängt. Die Verdrängung ist missglückt
und hat zu neurotischen Symptomen geführt. Er kommt
in die Analyse, deren Ziel es ist, das Verdrängte ins Bewusstsein zu
heben. Die Angst, die ursprünglich zur Verdrängung geführt hat,
wird auf den Analytiker übertragen. Aber diese mitgebrachte
Angst wird stärker oder schwächer, je nach der Persönlichkeit
und dem Verhalten des Analytikers. Im extremen Fall, wo der
Analytiker eine verurteilende, feindliche Stellung den verdrängten
Regungen gegenüber einnimmt, kann man wohl kaum überhaupt
erwarten, dass der Patient imstande ist, durch den Widerstand zum
Verdrängten durchzustossen. Wenn der Patient, und mag es
auch nur dunkel und instinktiv sein, fühlt, dass der Analytiker die
gleiche verurteilende Einstellung zur Verletzung gesellschaftlicher
Tabus hat wie die andern Menschen, mit denen er in seiner Kindheit
und später zusammengetroffen ist, dann wird in der aktuellen
analytischen Situation der ursprüngliche Widerstand nicht nur
übertragen, sondern neu produziert. .Je weniger umgekehrt der
Analytiker eine verurteilende Haltung hat und je mehr er andererseits
das Glück des Patienten in einer unbedingten, durch nichts
zu erschütternden Weise bejaht, desto mehr wird sich der mitgebrachte
Widerstand abschwächen, und desto rascher kann man
zum Verdrängten vorstossen. Dabei ist das, was der Analytiker
sagt oder was er bewusst denkt, von untergeordneter Bedeutung
gegenüber dem, was in ihm unbewusst vorgeht und was das Unbewusste
des Patienten errät und versteht. Die Frage nach der
tatsächlichen bewussten und mehr noch nach der unbewussten
Einstellung des Analytikers zu den gesellschaftlichen Tabus,
deren Schutz in Vergeltungsdrohungen besteht, die zu den nun
aufzuhebenden Verdrängungen geführt haben; ist deshalb von
entscheidender Bedeutung für die Möglichkeit des therapeutischen
Erfolges sowie für die Dauer der Analyse.
Wir sagten schon, dass Freud dem aktuellen Verhalten und
370 Erich Fromm
besonderen. Charakter des Analytikers relativ wenig Bedeutung
zugemessen hat. Dies ist umso merkwürdiger, als die analytische
Situation, so wie sie Freud geschaffen hat, in unserer Kultur, und
vielleicht überhaupt, ganz ungewöhnlich und unerhört ist. . Es
gibt keine auch nur annäherungsweise ähnlich’e Situation, in der
ein Mensch einem anderen nicht nur rückhaltlos „beichtet „, d. h.
ihm alles sagt, was er an sich verurteilt, sondern darüber hinaus
noch jene flüchtigen Einfälle mitteilt, die absurd und lächerlich
erscheinen, und wo er sich verpflichtet, auch alle jene Dinge zu
sagen, die er jetzt noch garnicht weiss, die ihm aber noch einfallen
könnten, ja, wo er dem andern auch alle Meinungen und Gefühle,
die er über ihn hat, unverfälscht mitteilt und zum Gegenstand
leidenschaftsloser Untersuchung macht. Diese Situation radikaler
Offenheit und Wahrhaftigkeit geschaffen zu haben, ist sicher
eine der grossartigstenLeistungen von Freud. In seinen eigenen
Äusserungen schimmert aber wenig von dem Bewusstsein der
Ungewöhnlichkeit dieser Situation durch. Gewiss spricht er einmal
davon, dass „die psychoanalytische Behandlung auf Wahrhaftigkeit
aufgebaut sei“ und dass darin „ein gutes Stück ihrer erzieherischen
Wirkung und ihres ethischen Wertes liege „1). Im grossen
und ganzen fasst er aber die Situation als eine medizinischtherapeutische
Prozedur auf, so wie sie sich ja auch tatsächlich
aus der Hypnose entwickelt hatte. Was er über das Verhalten
des Analytikers zum Patienten sagt, geht kaum über diesen technischen
Aspekt hinaus und berührt selten die neuartige menschliche
Seite der Situation. Der Analytiker soll von „gleichschwebender
Aufmerksamkeit sein „, soll sich dem Patienten gegenüber „Indifferenz“
und „Gefühlskälte“ erwerben!), er soll sich von „therapeutischem
Ehrgeiz freihalten „3) und es unter allen Umständen
vermeiden, dem Liebesverlangen des Patienten nachzugeben. Er
soll für den Patienten „undurchsichtig“ sein‘), gleichsam glatt
wie eine Spiegelfläche. Der Analytiker soll dem Patienten nicht
sein „Ideal aufdrängen „6) sondern ,;tolerant“ sein gegen die
Schwäche des Kranken und „sich bescheiden, auch einem nicht
Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genussfähigkeit wiedergegeben
zu haben“. Andere Ratschläge zur Technik beziehen sich
auf Fragen des äusseren Arrangements der Situation. Der Patient
soll auf einem Divan gelagert sein und der Analytiker so hinter
i) Freud, Bemerkungen über die Obertragungsliebe. Gesammelte Schriften.
Bd. VI, S. 126.
I) a. a. 0., S. 127.
8) RatschlAge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung, a. a. 0., S. 69.
~~~~&n .
‚) a. a. O.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 371
ihm sitzen, dass er vom Patienten nicht gesehen wird. Der Patient
soll nicht ohne Honorar analysiert werden und seine Stunde auch
dann bezahlen müssen, wenn er -sie durch Krankheit oder aus einem
andern Grunde versäumt. Alles in allem entspricht das, was
Freud an Ratschlägen über das Verhalten zum Patienten gibt,
weit mehr dem, was ein Chirurg über die Lagerung des Patienten,
Sterilisierung der Instrumente usw. zu sagen hätte, als der grossartigen
neuen menschlichen Situation, wie sie. in dem Verhältnis
Analytiker-Patient angelegt ist. Ja, Freud gibt ausdrücklich
den Chirurgen als Vorbild an. „Ich kann „, sagt er, „den Kollegen
nicht dringend genug empfehlen, sich während der psychoanalytischen
Behandlung den Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der
alle seine Affekte und selbst sein menschliches Mitleid beiseite
drängt und seinen geistigen Kräften ein einziges Ziel setzt : die
Operation so kunstgerecht als möglich zu vollziehen „1). Nur in
zwei Punkten geht Freud über das rein Technisch-Medizinische
in positivem Sinn hinaus. Einmal darin, dass er, wenn auch nicht
von Anfang an, gefordert hat, der Analytiker selbst solle analysiert
sein, um so nicht nur die theoretisch bessere Einsicht in die Vorgänge
im Unbewussten zu erhalten, sondern auch um sich seiner
eigenen „blinden Flecke“ bewusst zu sein und seine eigenen affektiven
Reaktionen kontrollieren zu können. Die andere über das
rein Technische hinausgehende Forderung Freuds ist die, dass der
Analytiker allem gegenüber, was der Patient vorbringt, nicht
werten, sondern eine objektiv vorurteilslose, neutrale, nachsichtige
Haltung haben solle. . Freud bezeichnet selbst wiederholt die hier
gemeinte Haltung mit „Toleranz „. So sagt er etwa: „Als Arzt
muss man vor allem tolerant sein gegen die Schwäche des Kranken
„2), oder „das grobsinnliche Verlangen des Patienten … ruft alle
Toleranz auf, um es als natürliches Phänomen gelten zu lassen ‚(3).
Oder er spricht von der „Toleranz der Gesellschaft, die sich im
Gefolge der psychoanalytischen Aufklärung unabwendbar einstellt
„‚). Toleranz gegenüber dem Patienten ist tatsächlich die
einzig positive Empfehlung, die Freud für das Verhalten des Analytikers
neben der negativen wie Gefühlskälte und Indifferenz gibt.
Ein besseres Verständnis für das, was bei Freud Toleranz bedeutet,
gewinnt man bei einem auch nur flüchtigen Überblick über
den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund der Toleranzidee.
Die Toleranz hat zwei Seiten, die etwa in folgenden
1) a. a. 0., S. 68.
I) a. a. 0., S. 73.
I) Bemerkungen über die Obertragungsllebe, a. a. 0., S •. 133.
‚) Die zukünftigen Chancen der psychoanalytiSchen Therapie, a. a. 0., S. 35.
372 Erich Fromm
Maximen ihren Ausdruck gefunden haben: „Tout comprendre
c’est tout pardonner“ und „Man soll jeden nach seiner Fa~on selig
werden lassen „. Die erste Maxime bezieht sich mehr auf die
Milde des Urteils. Man soll nachsichtig sein, die Schwäche eines
Menschen entschuldigen, nicht den Stab über ihn brechen, kurz
gesagt, auch dem Schlimmsten gegenüber noch verzeihen. Die
zweite Maxime drückt mehr jene Seite der Toleranz aus, bei der es
darauf ankommt, alle Wertungen überhaupt zU vermeiden. Wertung
selbst gilt schon als intolerant und einseitig. Ob jemand an
Gott oder an Buddha glaubt, ob er für- Diktatur oder Demokratie
ist, oder was immer die verschiedensten Weltanschauungen und
Wertsysteme sein mögen, alle sind nur Spielarten des menschlichen
Denkens, und keine darf den Anspruch machen, der andern überlegen
zu sein. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte die :Forderung
der Toleranz einen kämpferischen Sinn. Sie war gegen Staat und
Kirche gerichtet, die den Menschen verboten, gewisse Dinge zu
glauben oder gar zu äussern. Der Kampf für Toleranz war ein
Kampf gegen Unterdrückung und Knebelung des Menschen. Er
wurde von den Vertretern des aufsteigenden Bürgertums geführt,
das gegen die politischen und wirtschaftlichen Fesseln des absolutistischen
Staates kämpfte. Mit dem Sieg des Bürgertums und
seiner Etablierung als herrschender Klasse verschob sich die Bedeutung
der Toleranz. Aus einem Kampfruf gegen die Unterdrückung
und für die Freiheit wurde Toleranz mehr und mehr der Ausdruck
eines intellektuellen und moralischen „laissez faire H. Das Verhältnis
von Menschen, die sich als Käufer und Verkäufer auf dem
freien Markt treffen, setzte diese Art Toleranz voraus; die Individuen
mussten sich unabhängig von ihren subjektiven Meinungen
und Wertmasstäben als abstrakt gleich wertvoll anerkennen, sie
mussten Wertungen für etwas Privates und in die Beurteilung eines
Menschen nicht Einzugehendes ansehen. Toleranz wurde ein
Relativismus von Werten, die selbst zum privaten und niemand
anderen etwas angehenden Besitz des Individuums erklärt wurden.
Im Bewusstsein ging die Duldung unbegrenzt weit. In Wirklichkeit
hatte sie ihre klaren, wenn auch unausgesprochenen Grenzen
dort, wo die Grundlage der bestehenden Ordnung bedroht war.
Dies gilt nicht nur für direkte Bedrohungen politischer oder sozialer
Art, sondern auch für die Verletzung jener fundamentalen Tabus,
die zum „Kitt“ der Gesellschaft gehören und für den Bestand einer
auf Klassengegensätzen aufgebauten Gesellschaft unerlässlich sind.
Die unerbittliche Strenge gegen jeden Übertreter dieser Tabus
kann in Zeiten, wo die Herrschaft des Bürgertums relativ gesichert
und stabil· ist, aus dem Bewusstsein weitgehend verschwinden.
Sie bleibt aber nichtsdestoweniger im Unbewussten erhalten und
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 373
kommt sofort an die Oberfläche, wenn vitale persönliche oder
gesellschaftliche Interessen ernsthaft in Frage stehen. Die liberalistische
Toleranz, wie sie sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat,
ist in sich widerspruchsvoll: im Bewusstsein der Menschen herrscht
ein Relativismus gegenüber allen Werten überhaupt, im Unbewussten
eine nicht minder strenge Verurteilung aller Tabuverletzungen.
Diese Problematik des Toleranzbegriffes zeigt sich bereits in
klassischen Äusserungen zu Beginn der bürgerlichen Periode.
Mirabeau wendet sich gegen den Begriff der Toleranz mit einer
Polemik gegen den Artikel 10 der Erklärung der Menschenrechte
von 1789, der die Toleranz proklamierte, indem er sagt: „Ich will
keine Toleranz predigen. Die unbeschränkteste Religionsfreiheit
ist in meinen Augen ein so heiliges Recht, dass das Wort Toleranz,
mit dem sie ausgedrückt werden soll, mir in seiner Art selbst tyrannisch
erscheint, denn das Vorhandensein einer Autorität, die die
Macht zur Toleranz hat, ist ein Attentat auf die Denkfreiheit, da
sie das, was sie duldet, auch ebensogutnicht dulden könnte „1).
Mirabeaus radikale Formulierung verdeckt noch den Tatbestand,
dass sich die liberalistische Toleranz nur auf das Denken und
Reden, nicht aber auf das Handeln bezieht, vielmehr hier sehr
schnell ihre Grenze findet. Diese Grenze der bürgerlichen Toleranzidee
kommt bei Kant deutlich zum Ausdruck. Was Kant als
Freiheit in der Gesellschaft fordert, ist wesentlich die Freiheit des
Gelehrten, als Gelehrter zu schreiben und zu sagen, was er denkt.
Ihr entspricht die· unbedingte Gehorsamspflicht des Bürgers gegen
die gesetzgebende Obrigkeit. „Nun ist zu manchen Geschäften,
die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser
Mechanism notwendig, vermittelst dessen einige Glieder des gemeinen
Wesens sich bloss passiv verhalten müssen, um durch eine
künstliche Einhelligkeit von der Regierung zu öffentlichen Zwecken
gerichtet oder wenigstens von der Zerstörung dieser Zwecke abgehalten
zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt zu räsonnieren
; sondern man muss gehorchen „2).
Den Wertrelativismus dieser Toleranzidee zeigt ein Erlass des
Nationalkonvents von 1793 : „Der Nationalkonvent .. hindert
Euch nicht in Euren Meinungen, stellt Euch keine Gewissensfragen,
und das erste Gesetz, das er im Namen des Volkes erlassep hat,
dessen Organ er ist, enthält in aller Form die Anerkennung der
freien übung aller Kulte. Übt also unbesorgt die Bräuche, die
1) Zitiert nach A. Aulard, Politische Geschichte der Französischen Revolution.
Übersetzt von v. Oppeln-Bronikowski, Mllnchen 1924. Bd. I, 5. 36.
I) Kant, Werke, Ausgabe Cassirer, Berlin 1913, Bd. 4, 5.171. Beantwortungd8r
Frage : Was ist Aufklärung?
374 Erleh Fromm
Ihr für gut haltet. Dienet dem Schöpfer der Natur ·auf Eure
Weise. Juden, Christen, Mohammedaner, Schüler des Konfuzius
oder Anbeter des grossen Lama, Ihr seid in den Augen eines freien
Volkes alle gleich „1).
Den hervorragendsten Ausdruck fand die liberale Toleranz in
den verschiedenen bürgerlichen Reformbestrebungen. In der
Strafrechtsreform war sie bestrebt, den Kriminellen zu erklären,
zu entschuldigen und seine Behandlung in den Strafanstalten
zu verbessern. Mari verstand manche der psychologischen und
sozialen Bedingungen seines Handeins und betrachtete ihn als
einen Menschen, der ja eigentlich „garnicht so schlimm“ ist, dessen
Handlungen man irgendwie verstehen kann und über den man
deshalb nicht den Stab brechen soll. Aber bei aller Milde und
Toleranz dem Verbrecher gegenüber kam die bürgerliche Strafrechtsreform
doch nie dazu, den Begriff des Verbrechers prinzipiell
aufzuheben. Auch der liberalste Strafrechtsreformer hätte –
wenn auch unter allen möglichen Rationalisierungen – wollte
seine Tochter einen Defraudanten heiraten, der im Gefängnis
gesessen hat, abgelehnt, einen „Verbrecher“ zum. Schwiegersohn
zu haben. Nicht wesentlich anders ist es mit der Schulreform.
Man erlaubte den Kindern der bessergestellten gesellschaftlichen
Schichten ein grösseres Mass an Freiheit, verzichtete auf Strafen
oder spezielle religiöse Unterweisung, aber keineswegs darauf,
ihren Charakter im Sinne der grundlegenden Erfordernisse ihrer
Klasse zu formen. Streben nach Erfolg, Pflichterfüllung, Respekt
vor den Tatsachen waren unabdingbare Erziehungsziele, auch
wenn man in vielen einzelnen, aber nicht fundamentalen Dingen
ein grosses Mass an Freiheit erlaubte.
Die psychoanalytische Situation ist ein anderer Ausdruck
der bürgerlich-liberalistischen Toleranz. Hier soll ein Mensch
einem andern gegenüber solche Gedanken und Impulse zum Ausdruck
bringen, die im schroffsten Gegensatz zu den gesellschaftlichen
Tabus stehen, und der andere soll nicht entrüstet auffahren,
keinen moralisierenden Standpunkt einnehmen, sondern objektiv
und freundlich ,bleiben, kurz auf jede beurteilende Einstellung
verzichten. Diese Haltung ist nur denkbar auf dem Boden jener
allgemeinen Toleranz, wie sie sich im wachsenden Masse im grossstädtischen
Bürgertum ausgebildet hat, und tatsächlich sind die
Psychoanalytiker fast ausschliesslich Angehörige des grosstädtisch-
liberalen Bürgertums, dessen Vertreter wir auch in allen·
Reformbewegungen treffen. Auch die Toleranz des Psychoana-
1) a. a. 0., S. 390.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 375
lytikers hat die zwei Seiten, von denen oben gesprochen wurde :
einerseits wertet er nicht, steht allen Erscheinungen objektiv und
neutral gegenüber, andererseits aber teilt er, wie· jedes andere
Mitglied seiner Klasse, den Repekt vor den fundamentalen gesellschaftlichen
Tabus und empfindet dieselbe Abneigung gegen jeden,
der sie verletzt. Es wird ihm gewiss besonders leicht, diese Abneigung
aus seinem Bewusstsein zu bannen. Zunächst einmal deshalb,
weil ihm garnichts anderes übrig bleibt, wenn er überhaupt
eine Praxis ausüben will. Dann aber,weil ein kranker, leidender
Mensch zu ihm kommt, der gleichsam mit seiner Neurose die
Strafe für seine unsozialen Tendenzen schon erlitten hat. Da nun
die verurteilende Einstellung, die auch bei Freud keineswegs
fehlt, im wesentlichen unbewusst ist, so ist es schwierig, ihr Vorhandensein
nachzuweisen. Die wichtigste Quelle für diesen Nachweis
ist das Studium der Persönlichkeit des Analytikers selbst.
Ein solcher Versuch ist an dieser Stelle nicht möglich. Immerhin
aber erlauben auch die Schriften Freuds eine gewisse Einsicht in
den hinter der Toleranz versteckten Respekt vor den gesellschaftlichen
Tabus des Bürgertums.
Da Freud in der Verdrängung sexueller Impulse die wichtigste
Ursache der neurotischen Erkrankung gesehen hat, ist es der beste
Ausgangspunkt, seine Stellung zur bürgerlichen Sexualmoral bzw.
zu ihrer Verletzung zu studieren. Gewiss hat Freud eine kritische
Stellung zur . bürgerlichen Sexualmoral eingenommen. Er hat
ferner den Mut gehabt nachzuweisen, dass sexuelle Impulse auch
da eine Rolle spielen, wo man bisher ganz andere, „ideale“ Motive
gesehen hatte, und selbst da wo, wie beim kleinen Kinde, die
Annahme sexueller Motive geradezu ein Sakrileg bedeutete. Seine
nichtliberalen Gegner haben ihm dieser Haltung wegen den Vorwurf
der Pansexualität gemacht, ja man hat gesagt, er sei der
typische Vertreter einer libertinistischen dekadenten Gesellschaftsschicht.
Wie steht es aber in Wirklichkeit mit Freuds Haltung
zur Sexualmoral ? Gewiss ist er tolerant, und gewiss hat er an
der bürgerlichen Sexualmoral die Kritik geübt, dass ihre allzugrosse
Strenge häufig zu neurotischen Erkrankungen führt. Aber
selbst·wo die Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral zum Gegenstand
wird, in der· Arbeit über. „Die kulturelle Sexualmoral“l),
kommt zum Ausdruck, dass seine Haltung kritisch, aber keineswegs
prinzipiell von derjenigen seiner Klasse verschieden ist. Freud
unterscheidet in diesem Aufsatz drei Kulturstufen: „eine erste, auf
welcher die Betätigung des Sexualtriebes auch über die Ziele der
1) Freud, Die kulturelle Sexualmoral und die modeme Nervosität, a. a. 0.,
Bd. V, S. 143 tI. (1908 zuerst verötJentlicht.)
376 Erich Fromm
Fortpflanzung hinaus frei ist, eine zweite, in welcher alles im Sexualtrieb
unterdrückt ist, bis auf das, was der Fortpflanzung dient, und
eine dritte, auf welcher nur die legitime Fortpflanzung zugelassen
wird. Dieser dritten Stufe entspricht unsere gegenwärtige ,kulturelle‘
Sexualmoral „1). Er stellt die Frage : „Erstens, welche
Aufgabe die Kulturforderung der dritten Stufe an den Einzelnen
stellt, zweitens, ob die zugelassene legitime Sexualbefriedigung eine
annehmbare Entschädigung für den sonstigen Verzicht zu bieten
vermag, drittens, in welchem Verhältnis die etwaigen Entschädigungen
durch diesen Verzicht zu dessen kulturellen Äusserungen
stehen „2). Auf die erste Frage antwortet Freud : „Was unsere
dritte Kulturstufe von dem Einzelnen fordert, ist die Abstinenz
bis zur Ehe für beide Geschlechter, die lebenslange Abstinenz für
alle solche, die keine .legitime Ehe eingehen „3). „Die Mehrzahl der
unsere Gesellschaft zusammensetzenden Personen“ sei „der Aufgabe
der Abstinenz konstitutionell nicht gewachsen CI, den meisten
gelingt die Sublimierung ihrer Sexualität nicht; sie“ werden neurotisch
oder kommen sonst zu Schaden CI‘).
Auf die Frage, ob der Sexualverkehr in legitimer Ehe eine volle
Entschädigung für die Einschränkung vor der Ehe bieten kann,
gibt Freud eine verneinende, aber recht merkwürdige Antwort.
Er weist darauf hin, dass unsere kulturelle Sexualmoral „auch
den sexuellen Verkehr in der Ehe selbst beschränkt, indem sie den
Eheleuten den Zwang auferlegt, sich mit einer meist sehr geringen
Anzahl von Kindererzeugungen zu begnügen. Infolge dieser
Rücksicht gibt es befriedigenden sexuellen Verkehr in der Ehe
nur durch einige Jahre, natürlich noch mit Abzug der zur Schonung
der Frau aus hygienischen Gründen erforderten Zeiten.
Nach diesen 3, 4, oder 5 Jahren versagt die Ehe, insofern sie die
Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse versprochen hat, .. denn alle
Mittel, die sich bisher zur Verhütung der Konzeption ergeben haben,
verkümmern den sexuellen Genuss, stören die feinere Empfindlichkeit
beider Teile oder wirken selbst direkt krankmachend … „i).
Freud geht hier weit über das hinaus, was er eigentlich sagen will.
Seine Absicht ist ja nach seinen eigenen Worten bloss die Kritik
an der Sexualmoral der dritten Stufe, der Monogamie. Er will
zeigen, dass die Monogamie keine genügende Sexualbefriedigung
zulässt, die Nervosität steigert und dass deshalb Grund vorliegt,
1) a. a. 0., S. 152.
I) a. a. 0., S. 155.
8) a. a. 0., S. 156.
‚) a. a. 0., S. 156.
6) a. a. 0., S. 157.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 377
eine Milderung unserer Sexualmoral ins Auge zu fassen. Er
begründet aber die Kritik an der Monogamie mit Argumenten,
– nämlich der Schädlichkeit der konzeptionsverhütenden Mittel
und der Unmöglichkeit unbeschränkter Kinderzahl – die ganz
in der gleichen Weise auch für eine von der heutigen abweichende
„reformierte“ Sexualmoral gelten würde, also speziell für eine Moral,
die den vor- und ausserehelichen Sexualverkehr erlaubt. Diese
„Fehlleistung“ darf man wohl so interpretieren, dass darin jene
unbewusste, tief skeptische Haltung zum Ausdruck kommt, die
er zur Möglichkeit eines befriedigenden Sexuallebens überhaupt
hat. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man berücksichtigt,
dass, wäre ihm entscheidend an der Schaffung von Verhältnissen
gelegen, die volle Sexualbefriedigung zulassen, er im Rahmen
seiner Argumentation den grössten Nachdruck auf die Möglich-·
keit der Verbesserung der Methoden zur Konzeptionsverhütung
gelegt hätte, statt sich mit der biossen Feststellung ihres bisherigen
Versagens zu begnügen. Die gleiche skeptische Haltung drückt
sich in seiner Beantwortung der dritten Frage aus. Er erklärt
sich „für unfähig, Gewinn und Verlust hier richtig gegeneinander
abzuwägen ‚(1), gibt aber immerhin zu bedenken, dass die Abstinenz
im allgemeinen der Entwicklung eines energischen aktiven
Charakters hinderlich ist und leicht zur Ausbildung sexueller
Anomalitäten führt. „Man darf wohl die Frage aufwerfen „, S6
schliesst er diesen Aufsatz, „ob unsere ,kulturelle‘ Sexualmoral
der Opfer wert ist, welche sie uns auferlegt, zumal wenn man sich
vom Hedonismus nicht genug freigemacht hat, um nicht ein
gewisses Mass von indiYidueller Befriedigung unter die Ziele unserer
Kulturentwicklung aufzunehmen. Es ist gewiss nicht Sache
des Arztes, selbst mit Reformvorschlägen hervorzutreten; ich meine
aber, ich könnte die Dringlichkeit solcher unterstützen, wenn ich
die v. Ehrenfels’sche Darstellung der Schädigungen durch unsere
,kulturelle‘ Sexualmoral mit dem Hinweis auf deren Bedeutung
für die Ausbreitung der modernen Nervosität erweitere „2).
Selbst in diesem Aufsatz, der die für Freud radikalste Kritik
an der bürgerlichen Sexualmoral darstellt, ist er ein typischer
Reformer. Er weist auf die Gefahren hin, die die strikte Sexual-·
moral mit sich bringt, plädiert für gewisse Erleichterungen, zeigt
aber in der tief skeptischen Haltung gegenüber der Möglir.hkeit
adäquater Sexualbefriedigung überhaupt, dass seine Kritik in
keiner Weise prinzipiell ist. Zeigt er in diesem Aufsatz immerhin,
noch Züge eines Kritikers, so nimmt er in einem 4 Jahre später‘
1) a. a. 0., S. 159.
I) a. a. 0., S. 167.
378 Erich Fromm
geschriebenen Aufsatz, „Über die allgemeinsten Erniedrigungen des
Liebeslebens „1), eindeutig eine Stellung zugunsten der von ihm
sogenannten „kulturellen“ Sexualmoral ein. Er sagt : „Angesichts
der. in der heutigen Kulturwelt so lebhaften Bestrebungen
nach einer Reform des Sexuallebens, ist es nicht überflüssig, daran
zu erinnern, dass die psychoanalytische Forschung Tendenzen so
wenig kennt wie irgendeine andere. Sie will nichts anderes als
Zusammenhänge aufdecken, indem sie Offenkundiges auf Verborgenes
zurückführt. Es soll ihr dann recht sein, wenn die Reformen
sich ihrer Erinittlungen bedienen, um Vorteilhafteres an
Stelle des Schädlichen zu setzen. Sie kann aber nicht vorhersagen,
ob andere Institutionen nicht andere, vielleicht schwerere Opfer
zur Folge haben müssten.
Die Tatsache, dass die kulturelle Zügelung des Liebeslebens
eine allgemeinste Erniedrigung der Sexualobjekte mit sich bringt,
mag uns veranlassen, unseren Blick von den Objekten weg auf
die Triebe selbst zu lenken. Der Schaden der anfänglichen Versagung
des Sexualgenusses äussert sich darin, dass dessen spätere
Freigebung in der Ehe nicht mehr voll befriedigend wirkt. Aber
auch die uneingeschränkte Sexualfreiheit von Anfang an führt
zu keinem besseren Ergebnis. Es ist leicht festzustellen, dass der
psychische Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, sobald ihm
die Befriedigung bequem gemacht wird. Es bedarf eines Hindernisses,
um die· Libido in die Höhe zu treiben, und wo die natürlichen
Widerstände gegen die Befriedigung nicht ausreichen, haben
die Menschen zu allen Zeiten konventionelle eingeschaltet, um die
Liebe geniessen zu können. Dies gilt für Individuen wie für
Völker. In Zeiten, in denen die Liebesbefriedigung keine Schwierigkeiten
fand, wie etwa während des Niederganges der antiken
Kultur, wurde die Liebe wertlos, das Leben leer, und es bedurfte
starker Reaktionsbildungen, um die unentbehrlichen Affektwerte
wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang kann man behaupten,
dass die asketische Strömung des Christentums für die Liebe
psychische Wertungen geschaffen hat, die ihr das heidnische Altertum
nie verleihen konnte. Zur höchsten Bedeutung gelangte sie
bei den asketischen Mönchen, deren Leben fast allein von dem
Kampfe gegen die libidinöse Versuchung angefüllt war … „2).
Hier wird ein Freud deutlich,der die konventionellen Anschauungen
über die Sexualmoral in vollem Masse teilt. Was in dem
vorher erwähnten Aufsatz nur zwischen den Zeilen und unbeabsichtigt
zum Ausdruck kam, wird hier offen und explizit ausgedrückt.
1) a. a. 0., S. 198 fI.
s) a. a. 0., S. 207 f.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 379
Dass Freud im Grunde die herrschenden Anschauungen über
die Sexualmoral teilt, kommt auch in seinen Theorien über die
Entwicklung der Kultur und über die Sublimierung zum Ausdruck.
Für ihn ist die Kulturentwicklung der Menschheit bedingt durch
einen fortschreitenden Prozess der Triebunterdrückung und Verdrängung.
Nicht nur die sogenannten prägenitalen Triebe müssen
unterdrückt werden, sondern auch ein Teil der genitalen Sexualität
muss den verdrängenden Kräften zum Opfer fallen, damit kulturelle
Leistungen möglich sind. Freud kommt zu folgendem, wenn
auch mit Einschränkungen versehenen Schlusse: “ … So müsste
man sich denn vielleicht mit dem Gedanken befreunden, dass eine
Ausgleichung der Ansprüche des Sexualtriebes mit den Anforderungen
der Kultur überhaupt nicht möglich ist, dass Verzicht, und
Leiden sowie in weitester Ferne die Gefahr des Erlöschens des
Menschengeschlechts infolge seiner Kulturentwicklung nicht abgewendet
werden können. Diese trübe Prognose ruht allerdings auf
der einzigen Vermutung, dass die kulturelle Unbefriedigung die
notwend:ge Folge gewisser Besonderheiten ist, welche der Sexualtrieb
unter dem Drucke der Kultur angenommen hat. Die nämliche
Unfähigkeit des Sexualtriebes, völlige Befriedigung zu ergeben,
sobald er den ersten Anforderungen der Kultur unterlegen
ist, wird aber zur Quelle der grossartigsten Kulturleistungen,
welche durch immer weitergehende Sublimierung seiner Triebkomponenten
bewerkstelligt werden. Denn welches Motiv hätten
die Menschen, sexuelle Triebkräfte anderen Verwendungen- zuzuführen,
wenn sich aus denselben bei irgendeiner Verteilung volle
Lustbefriedigung ergeben hätte? Sie kämen von dieser Lust
nicht wieder los und brächten keinen weiteren Fortschritt zustande.
So scheint es, dass sie durch die unausgleichbare Differenz
zwischen den Anforderungen der beiden Triebe – des sexuellen
und des egoistischen – zu immer höheren Leistungen befähigt
werden, allerdings unter einer beständigen Gefährdung, welcher
die Schwächeren gegenwärtig in der Form der Neurose unterliegen
„1).
Die Alternative, die Freud für die Entwicklung der Menschheit
stellt, ist, etwas zugespitzt ausgedrückt, die zwischen Kultur und
Sexualbefriedigung. Je weiter die Kultur fortschreitet, je höher
sie sich entwickelt, desto mehr müssen die Menschen ihre Sexualität
unterdrücken, bis, wie Freud einmal meint, die KulturentwickJung
mit Notwendigkeit zum Aussterben der Menschheit führt.
Es soll hier nicht die Richtigkeit dieser Theorie einer Prüfung
unterzogen werden. Es ist aber klar, dass angesichts der selbst-
1) a. a. 0., S. 211.
380 Erich Fromm
verständlich positiven Bewertung der Kultur eine solche Alternative
der Sexualität das Stigma des Kulturfeindlichen und damit
Negativen verleiht. .
Die Freudsche Theorie von der Sublimierung enthält im Grunde
dieselbe skeptische, wenn nicht negative Haltung zur sexuellen
Befriedigung. Freud versteht unter Sublimierung die Umwandlung
sexueller Energien in solche für kulturelle Leistungen, und
für ihn bedeutet Sublimierung eine „Gabe „, welche die, denen
sie eigen ist, davor schützt, unter der Verdrängung ihrer Sexualität
neurotisch zu erkranken. Er spricht davon, zur Sublimierung
bedürfe es des „Talents „1). Frauen hätten dieses Talent seltener
als Männer, und von vielen Neurotikern könnte man sagen, „dass
sie überhaupt nicht erkrankt wären, wenn sie die Kunst, ihre
Triebe zu sublimieren, besessen hätten „2). Man soll aber in dieser
Hinsicht keinen „erzieherischen Ehrgeiz“ haben, der so wenig
zweckmässig sei wie der therapeutische. „Das Bestreben, die
analytische Behandlung regelmässig zur Triebsublimierung zu
verwenden, ist zwar immer lobenswert, aber keineswegs in allen
Fällen empfehlenswert „3). Auch hier wieder finden wir eine ähnliche
Alternative wie die soeben angedeutete zwischen Kultur und
Sexualbefriedigung. Der Mensch, der das Talent zur Sublimierung
nicht in genügender Weise besitzt, muss sich entscheiden
zwischen einer genügenden Sexualbefriedigung und der Neurose,
und Freud ist geneigt, unter diesen Umständen die sexuelle Befriedigung
vorzuziehen. Aber die Sublimierung wie die Kultur stehen
in einem starren Gegensatz zur Sexualität und, wertmässig gesehen,
sind sie für Freud zweifellos das Höhere und Überlegene. Freud
zeigt hier eine Toleranz, die in manchem an die der katholischen
Kirche erinnert. Da so viele Menschen die Gabe zur Sublimierung
nicht besitzen und an der Verdrängung ihrer Sexualität erkranken,
so soll man ihnen eben ein etwas grösseres Mass an sexueller Freiheit
geben. Damit schränkt man allerdings die kulturelle Möglichkeit
ein, aber im Gegensatz zwischen Kultur und Neurose gibt es
keine befriedigende Lösung, und die Einsicht in die menschliche
Schwäche muss zu einer nachsichtigen und verzeihenden Haltung
führen. Gerade diese Skepsis gibt Freuds Toleranz eine besondere
Note. Man verzichtet auf Wertungen, weil man im Grunde
an den Menschen und dem Unglück ihrer Verhältnisse doch nichts
ändern kann und man sich begnügen muss, die schlimmsten Schäden
wieder gut zu machen. Hier liegt auch ein Grund, warum
1) a. a. 0., S. 133.
I) a. a. 0., Bd. v, S. 154.
8) a. a. 0., S. 66.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 381
Freud und manche seiner Schüler der Analyse eine übertriebene
Bedeutung für die Gesellschaft zusprechen. Sie glauben, die Neurose
sei bedingt durch den grundsätzlichen Konflikt zwischen der
Kultur und den Ansprüchen des Trieblebens, und da man durch
keine mögliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse
diesen Konflikt beseitigen könne, sei das Einzige und Beste, was
übrig bliebe, die Opfer der Kultur analytisch zu heilen.
Freuds Haltungäussert sich auch in einer Reihe von Redewendungen
deutlich viktorianischer Art. So nennt er das grobsinnliche
Verlangen einer Patientin dem Analytiker gegenüber „abstossend
“ und muss alle Toleranz aufrufen, „um es als natürliches
Phänomen gelten zu lassen „1). Oder er spricht in den „Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von den „abscheulichsten Perversionen“
und dem „greulichen Erfolg“ der zur Perversion führenden
Triebregungen. Manche der Perversionen nennt er „unmoralisch
„2), und das „unkultivierte Durchschnittsweib “ bezeichnet
er voller Abscheu als zur Perversität neigend, eine Anlage, „die
von der prostituierten Dirne berufsmässig ausgebeutet“ werde3).
Allerdings fügt er an dieser Stelle hinzu, die· Anlage zur Perversion
sei das allgemein „Menschliche und Ursprüngliche „, aber dies
scheint im Grunde Inur wieder ein Zeichen von Menschenverachtung,
eine Art psychologischen rationalisierten Dogmas von der
Erbsünde zu sein. Die eben zitierte Äusserung über die Frau
führt uns zu Freuds entwertender, feindseliger Haltung zur Frau,
die nur ein anderer Ausdruck seiner genuss- und sexualfeindlichen
Einstellung ist. Die Frau sei weniger zur Sublimierung fähig, habe
kein so starkes Über-Ich wie der Mann, neige zur Perversion und
sei intellektuell minderwertig, und. dies alles in erster Linie nicht
aus gesellschaftlichen Gründen, sondern aus anatomisch-biologischen,
dem Mangel des männlichen Geschlechtsorgans, das sie ihr
ganzes Leben in den verschiedensten Gestalten als Mann, Kind
oder Besitz ersatzweise sich anzueignen versuche‘).
Wir haben aus zwei Gründen die Haltung Freuds zur Sexualität
als Beispiel seiner“ Toleranz“ herausgegriffen. Einmal weil nach
seiner eigenen Auffassung die verdrängten sexuellen Regungen ·zum
wichtigsten Verdrängungsmaterial gehören und zweitens weil über
die Haltung Freuds zur Sexualmoral noch die ausführlichsten
Äusserungen vorliegen. Wie sehr er die konventionellen gesellschaftlichen
Tabus, die er selbst bewusst in so entschiedener und
J) Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung, a. a. 0.,
. Bd. VI, S. 73.
~ &. &. O.
0) &. &. O.
‚) &. &. 0., Bd. VI, S. 89.
382 Erich Fromm
theoretisch fruchtbarer Weise kritisiert hat, unbewusst anerkennt,
tritt jedoch auch an andern Seiten der psychoanalytischen Technik
in Erscheinung. Freud setzt als Ziel der analytischen Theorie die
Herstellung der „Arbeits- und Genussfähigkeit “ eines Menschen.
Diese Arbeits- und Genussfähigkeit wird im wesentlichen als eine
biologische Grösse gesehen, vergleichbar etwa der· Gehfähigkeit
eines Menschen, dessen verletztes Bein der Arzt wieder herzustellen
hat. In Wirklichkeit aber verbirgt sich hinter dieser biologischen
Kategorie ein klarer gesellschaftlicher Inhalt. Arbeits~ und
genussfähig sein, heisst sich verhalten, wie es der bürgerlichen
Norm entspricht, heisst, die Ideale der herrschenden Gesellschaft
erfüllen und ihre Tabus respektieren. Der Analytiker selbst stellt
in diesem Sinn ein Vorbild dar. Er ist der erfolgreiche berufstätige
Bürger, und als solcher tritt er dem Patienten gegenüber. Wie
sehr Freud bis in jede Einzelheit das kapitalistische Verhalten als
das natürliche, gesunde, vom Analytiker zu fordernde ansieht, zeigt
eine kleine, aber sehr bezeichnende Einzelheit aus seinen Ratschlägen
zur Technik. Wie oben angedeutet, rät er dem Analytiker, zu
verlangen, dass der Patient auch dann die ihm verabredungsgernäss
gehörenden Stunden bezahle, wenn‘ er durch Krankheit oder
andere Dinge daran gehindert sei, zur Analyse zu kommen. Er
begründet dies zum Teil damit, dass sich der Widerstand häufig
in vorübergehenden Erkrankungen oder andern zufälligen Verhinderungen
äussere und dass bei diesem Arrangement solche „Schulkrankheiten
“ seltener vorkommen. Dies ist sicher richtig, aber es
ist nicht die einzige Begründung, die er gibt. Die andere lautet,
dass, wenn .der Patient die ausfallende Stunde nicht bezahle, die
materielle Existenz des Analytikers durch eine Häufung solcher
Ausfälle gefährdet werde. Dass der Analytiker durch da.s Ausbleiben
des Patienten freie Zeit für ,sich gewinnt, rechnet nicht. Hätte
mari durch das Ausbleiben eines Patienten freie Zeit, so wäre dies
eine Musse, sagt Freud, „deren man sich als Erwerbender zu schämen
hätte „1). Das Gefühl, dass es eine Schande bedeutet, freie,
nicht erwerblieh ausgenutzte Zeit zu besitzen, und dass die maximale
Ausnutzung der Zeit zum Gelderwerb eine‘ selbstverständliche
Forderung sei, ist kennzeichnend für den kapitalistischen Charakter
in seiner ausgeprägtesten Form. Freud sieht diese Haltung
als eine menschlich natürliche im, die auch für den Analytiker zu
fordern sei. Alle Abweichungen von dieser Norm gelten als
„neurotisch „. Wenn etwa jemand einer radikalen Partei angehört,
gleichviel welcher, so beweist er damit, dass er seinen aus dem
1) a. a. 0., ßd. VI, S. 89.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 383
Oedipuskomplex stammenden Vaterhass noch nicht überwunden
hat, wenn jemand eine nach Alter oder sozialer Schicht der bürgerlichen
Norm nicht entsprechende Ehe eingeht, oder sich mit Bezug
auf Beruf und Karriere nicht in der gesellschaftlich üblichen Weise
verhält, ja sogar wenn er der Freudschen Theorie widerspricht, so
beweist er eben damit, dass er unanalysierte Komplexe hat und
„Widerstände“, wenn er dieser Diagnose des Analytikers widerspricht.
Es wird hier gewiss nicht bestritten, dass das von der Norm
abweichende Verhalten triebhafte und oft unbewusste Quellen
haben kann, aber das Gleiche gilt auch für das „normale“ Verhalten.
Häufig liegen „gewiss auch hinter diesen Verhaltungsweisen
neurotische Wurzeln, aber das Wesentliche ist, dass es für Freud
von vorneherein feststeht, dass das, was der bürgerlichen Norm
widerspricht, „neurotisch“ ist. Freud und ein Teil seiner Schüler
verwenden da psychologische Fachausdrücke, wo andere Mitglieder
der gleichen Gesellschaftsschicht ungeschminkt werten.
„Neurotisch „, „infantil „, „unanalysiert“ heisst in dieser Sprache
schlecht und minderwertig, „Widerstand“ heisst hartnäckige
Verstocktheit, „Genesungswille “ heisst Reue und Wunsch, sich zu
bessern. Es ist nur ein besonders prägnantes Beispiel für den
eben geschilderten Tatbestand, wenn vor einigen Jahren ein
Wien er Analytiker, Eduard Hitschmann, Leiter des Ambulatoriums
der Wien er Psychölogischen Vereinigung, seinen Ansichten
über die Ehe dahingehend Ausdruck gab, dass ein Junggeselle ein
gesellschaftlicher Schädling sei, ein Mensch, der pflichtvergessen
ein ständiger Bedroher fremder Ehen und damit der ganzen
Gesellschaft sei. Diese von Kanzeln und Rednerpulten häufig
zu hörenden Ansichten waren aber nicht als moralische Wertungen
vorgetragen, sondern als wissenschaftliche Feststellungen,
und der erwähnte Aufsatz trug den Titel „Der unbekannte
Neurotiker“. c
Nicht anders verhält es sich „mit dem in den letzten Jahren in
der analytischen Theorie und Praxis populär gewordenen „Strafbedürfnis
„. Die Annahme, dass es ein den Triebbedürfnissen
analoges biologisch bedingtes Strafbedürfnis gebe, ist nur ein
anderer Ausdruck dafür, die Tabus der jeweiligen Gesellschaft für
ev:ige und ihre Verletzungen für notwendig zu sühnende zu halten.
Indem Freud die moralischen Forderungen im Über-Ich repräsentiert
sein lä~st, das er aus dem von ihm für biologisch gegebenen
„Oedipuskomplex“ ableitet, hat er eine neue psychologische Rationalisierung
für eine absolut gedachte Moral geliefert.
Zu dieser allgemeinen Identifizierung mit den Tabus der bürgerlichen
Gesellschaft kommt noch ein besonderes Moment. Die
bürgerliche Gesellschaft ist durch ihren patriarchalischen oder
384 Erich Fromm
patrizentrisehen Charakter gekennzeichnetl). Die patrizentrische
Einstellung sieht als Sinn des Lebens nicht das Glück des Menschen,
sondern Pflichterfüllung und Unterordnung unter eine Autorität.
Der Anspruch auf Glück und Liebe ist nicht unbedingt ;er ist
bedingt vom Mass der Pflichterfüllung und Unterwerfung und
bedarf auch in dem geringen zugelassenen Mass einer Rechtfertigung
durch Leistung und Erfolg. Freud ist ein klassischer Vertreter
des patrizentrischen Charaktertyps. Ohne dass wir an diesem
Ort darauf im einzelnen eingehen können, sei nur auf folgende
Punkte hingewiesen. Einen Ausdruck dieser Haltung sehen wir
in dem Umstand, dass die meisten seiner kulturtheoretischen Lehren
in einseitiger Weise von dem Konflikt zwischen Vater und Sohn
aus konstruiert sind; ein anderer seine versteckte Glücks- und
Genussfeindlichkeit, von der oben ausführlicher die Rede war; ein
anderer die Tatsache, dass in seiner ganzen Theorie Liebe und
Zärtlichkeit nur als den sexuellen Genuss begleitende Gefühle, bzw.
als gehemmte Sexualität vorkommen, dass aber eine unabhängig
von sexuellen Interessen existierende Menschenliebe nicht Gegenstand
seiner Psychologie ist; endlich sein persönliches Verhalten
zu seinen Schülern, denen nur die Wahl zwischen völliger Unterordnung
oder die Erwartung rücksichtsloser Bekämpfung durch den
Lehrer bleibt, was auch seine materiellen Konsequenzen hat.
Das Problem des patrizentrisehen Charakters des Analytikers
ist von entscheidender Bedeutung für die analytische Therapie.
Der Patient braucht vieIIeicht nichts nötiger für seine Genesung
als eine unbedingte Bejahung seiner Ansprüche auf Lebensglück.
Er muss bei seiner Behandlung fühlen, dass der Analytiker die
menschliche Forderung auf Glück als unabdingbar und unbedingt
bejaht. Gerade der in der bürgerlichen Familie durchschnittlich
herrschende Mangel einer solchen unbedingten Bejahung,· die
Grausamkeit, mit der „Feinde“ oder „Misserfolg“ gleichgesetzt
werden und beide als gerechte Strafe auch nur eines Fehltritts
angesehen werden, gehören wohl zu den wichtigsten Bedingungen
der neurotischen Erkrankungen. Soll einem in dieser Atmosphäre
erkrankten Menschen geholfen werden, in dem unbewussten Sektor
seiner Triebwelt Klarheit zu schaffen, so bedarf es einer Umgebung,
in welcher er der unbedingten, durch nichts zu erschütternden
Bejahung seiner Glücksansprüche sicher ist, ja, da der Neurotiker
meistens garnicht wagt, sie zu stellen, einer Haltung des Analytikers,
die ihn dazu ermutigt. Die patrizentrischeHaltung lässt
eine solche Atmosphäre nicht aufkommen. Aus ihr ergibt sich eine
‚) V gl. zum Folgenden „Die sozialpsychologische Bedeutung der Mutterrechtstheorie“
in Zeitschrift fiir Sozialforschung. Jg. III (1934), S. 196 ff.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 385
analytische Situation, deren unausgesprochenen oder zum Teil
unbewussten Kern man karikierend etwa folgendermassen aus-.
drücken kann: „Hier kommst du, Patient, mit allen deinen Sünden.
Du bist schlecht gewesen, und deshalb leidest du. Aber man kann
dich entschuldigen. Die wichtigsten Gründe für deine Verfehlungen
liegen in Ereignissen deiner Kindheit, für die du nicht verantwortlich
zu machen bist. Zudem willst du dich ja bessern und
zeigst es, indem du zur Analyse kommst und dich meinen Anordnungen
fügst. Wenn du dich aber nicht fügst, nicht einsiehst,
dass ich mit dem, was ich von dir verlange oder über dich sage,
recht habe, dann ist dir nicht zu helfen, und der letzte Ausweg aus
deinem Leiden versperrt“. Es lässt sich nicht leugnen, dass nicht
selten der Mangel an Unterwerfung im Analytiker des patrizentrisehen
Charaktertyps eine, wenn auch oft unbewusste, Feindseligkeit
gegen den Patienten erweckt und dass diese Feindseligkeit
nicht nur jeden therlipeutischen Erfolg unmöglich macht, sondern
eine ernsthafte Gefahr für die seelische Gesundheit des Patienten.
darstellt. Die eben skizzierte patrizentrisch autoritäre Haltung
des Analytikers ist auch bei Freud als solche nicht bewusst; sie
ist vielmehr verdeckt durch die typisch liberalistische Tendenz.
jeden nach seiner Fa~on selig werden zu lassen. Wir finden
Äusserungen von Freud wie die, „man soll den Patienten nicht
zu seinem Leibgut machen „. Für die Wirkung aber, die die
Haltung des Analytikers auf den Patienten hat, ist nicht die
bewusste Einstellung des Analytikers das Entscheidende, sondern
die unbewusst autoritäre patrizentrisehe . Haltung, die gewöhnlich
hinter der“ Toleranz“ versteckt istl).
Neben dem von uns bisher beschrittenen Weg, aus den ,Äusserungen
Freuds unmittelbar einen gewissen Einblick in seine Haltung
dem Patienten gegenüber zu gewinnen, gibt es noch einen indirekten,
nämlich das Studium der zum Teil verstärkten Gegensätze
innerhalb der psychoanalytischen Bewegung zwischen Freud und
seinem engsten Kreis einerseits und den „oppositionellen“ Analytikern
andererseits!).
1) Ein besonderes Problem bilden die, Falle, in denen Patienten mit masochistischem
Charakter von dem autorltlr-patrlzentrlschen Analytiker analysiert werden.
NatürUch sind solche Patienten hAufig besonders „gute“ Analysanden, deren Trlebbedütfnlssegerade
durch das autoritAre Verhalten des Analytikers befriedigt werden.
Erfolge auf der Basis der masochistischen Ansprüche des Patienten stellen sich zunAchst
leicht ein. Eine endgilltige Heilung und VerAnderung der Charakterstruktur Ist aber
gerade in diesen FAllen umso schwerer.
I) Unter „oppositionellen“ Analytikern verstehen wir hier solche, welche wie
Adier, Jung, Rank und Reich entscheidende Züge der Pyschoanalyse zugunsten der
BlIdung einer eigenen Schule aufgeben und um eine Fortentwicklung der Theorie bemüht
sind.
386 Erich Fromm
Typische Repräsentanten dieser oppositionellen Haltung sind
zwei kürzlich verstorbene Analytiker, die trotz aller sonstigen
Verschiedenheit in den hier zur Diskussion stehenden Punkten viel
Gemeinsames aufweisen: Georg Groddeck und Sandor Ferenczi.
G rod d eck, eine Persönlichkeit von genialer psychologischer
Intuition, war ein Verächter der Wissenschaft. Er gehört seiner
Denkart nach zu den romantischen Vorläufern der Psychoanalyse
wie Carus und Bachofen, mit denen er auch die rückschrittliche Haltung
in gesellschaftlichen Fragen teilt. Über die hier zur Rede
stehenden Fragen hat er sich in systematisch theoretischer Form
kaum geäussert. Man ist gezwungen, sich an seine halb wissenschaftlichen,
halb novellistischen Bücher und an persönliche Eindrücke
zu halten. Man erkennt sofort die völlig andere Haltung,
die hier zur Sexualmoral und zu allen andern Tabus der bürgerlichen
Gesellschaft herrscht, eine Haltung, die bei ihm, ähnlich wie
die Kritik der französischen Gegenrevolutionäre an einzelnen
Seiten de~ Bürgertums, aus einer feudalen Einstellung hervorging.
Hier spricht ein Mann, der in jedem Satz zeigt, dass für ihn die
Sexualität wie alles Triebhafte überhaupt keine SplJr des Sündhaften
oder Verbotenen an sich hat. Bei ihm fehlt die versteckte
Prüderie, die für Freud so typisch ist. Seine Haltung zum Patienten
war nicht weich, aber voller Humanität und echter Freundlichkeit.
Für ihn war der Patient der Mittelpunkt, und der Analytiker
hatte ihm zu dienen. Infolge des Mangels an rationaler und wissenschaftlicher
Neigung und Disziplin gibt es keine, die Bedeutung
seiner Persönlichkeit auch nur annähernd wiedergebende litera~
rische Hinterlassenschaft. Seine Wirksamkeit war vor allem eine
persönliche, und die Entwicklung von Ferenczi, auf dessen Kontroverse
mit Freud wir jetzt ausführlicher eingehen, ist nur durch
den starken Einfluss, den Groddeck auf ihn ausgeübt hat, zu
verstehen.
Ferenczi war voll produktiver Phantasie, gütig; dabei aber
im Gegensatz zu Groddeck weich und ängstlich. Sein Leben stand
unter dem Einfluss Freuds und Groddecks, und es fehlte ihm die
Kraft, zwischen beiden zu wählen. In den letzten Jahren seines
Lebens entfernte er sich mehr und mehr von Freud, dessen Eigenart
diese theoretische Differenz für einen Menschen wie Ferenczi zur
persönlichen Tragödie werden liess. Er wagte nie, sich in offenen
Gegensatz zu Freud zu stellen, und je mehr er erkannte, dass ihn
seine Anschauung über die Mängel der Freudschen Technik in
einen persönlichen Gegensatz zu diesem führen müsste, desto
schwieriger wurde seine persönliche Situation. Gerade die Ängstlichkeit
Ferenczis, Freud offen entgegenzutreten, bewirkte es, dass
er den Gegensatz zwischen Versicherungen der Loyalität versteckt
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 387
hat. Demjenigen, der mit der analytischen Literatur nicht näher
vertraut ist, mag es bei der Lektüre der Ferenczischen Arbeiten
kaum verständlich erscheinen, dass die winzigen Nüancen, in denen
Ferenczi seine Abweichung von Freud ausdrückte, den Inhalt
eines Konfliktes bilden könnten. Es scheint auch merkwürdig,
dass Dinge wie die Forderung, man solle dem Patienten gegenüber
ein gewisses Mass an Liebe zeigen, die beinahe selbstverständlich
klingen, den Grund zu einem Gegensatz gebildet haben sollen.
Aber gerade die Selbstverständlichkeit der Ferenczischen Forderungen
und die Geringfügigkeit der in der· Diskussion zum Ausdruck
gekommenen Differenzen ist geeignet, die Eigenart der Freudschen
Position besonders deutlich zum Ausdruck kommen zu lassen.
In einem Vortrag auf dem 10. Internationalen Psychoanalytischen
Kongress 19171) wies Ferenczi darauf hin, wie entscheidend
wichtig es sei, dass der Patient sich der unbedingten Sympathie des
Analytikers sicher fühle. Er sagt : „Eine recht schwierige, allerdings
interessante Aufgabe, die meines Erachtens in jedem einzelnen
Falle zu bewältigen ist, ist die stufenweise Abtragung jener
Widerstände, die in dem mehr oder minder bewussten Zweifel an der
Verlässlichkeit des Analytikers bestehen. Unter Verlässlichkeit
muss man aber eine Vertrauenswürdigkeit unter allen Umständen
verstehen, insbesondere das unerschütterliche Wohlwollen des Analytikers
dem Patienten gegenüber, mag sich letzterer in seinem
Benehmen und in seinen Äusserungen noch so ungebührlich gebärden.
Man könnte tatsächlich von einem unbewussten Versuch des
Patienten reden, die Tragfestigkeit der Geduld des Analytikers
bezüglich dieses Punktes konsequent und auf die verschiedenste
Art auf die Probe zu stellen, und dies nicht nur einmal, sondern zu
ungezählten Malen. Die Patienten beobachten dabei die Reaktionsweise
des Arztes, mag sie sich in Rede, Geste oder in Stillschweigen
manifestieren, aufs scharfsinnigste. Sie analysieren ihn
oft mit grossem Geschick. Sie entdecken die leisesten Anzeichen
unbewusster Regungen im Analytiker, der diese Analysenversuche
mit unerschütterlicher Geduld zu ertragen hat; eine oft fast übermenschliche
Leistung, die aber die Mühe in jedem Falle lohnt.
Denn : ist es dem Patienten nicht gelungen, den Analytiker bei
irgend einer Unwahrheit oder Entstellung zu ertappen, und kommt
der Patient allmählich zur Erkenntnis, dass es wirklich möglich ist,
die Objektivität auch dem schlimmsten Kinde gegenüber zu bewahren,
lässt sich also beim Arzt keine Tendenz zur Selbstüberhebung
feststellen (bei aller Anstrengung, Anzeichen davon zu provozieren),
1) Veröffentlicht In der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. 14, 1928.
S. 1 11.
388 Erlch Fromm
und muss der Patient zugeben, dass der Arzt willig auch Irrtümer
und Unbedachtsamkeiten seinerseits einbekennt, die er gelegentlich
begeht, so kann man nicht selten eine mehr oder minder rasche
Veränderung im Verhalten des Kranken als Lohn für die nicht
geringe Mühe einheimsen „1).
In unserem Zusammenhang wichtig ist eine weitere Äusserung
Ferenczis in diesem Vortrag. Er sagt, dass nur dann eine Analyse
erfolgreich beendet werden kann, wenn der Patient seine Angst
vor dem Analytiker verloren hat und ihm gegenüber „Gefühle
der Gleichberechtigung“ erlangt hat2). Aus der gleichen Haltung
stammt seine Forderung, den Weisungen des Analytikers an einen
Patienten müsse „der Charakter des Befehls „3) genommen werden,
und seine Ansicht, die Beendigung der Analyse dürfe dem Patienten
nicht vom Analytiker gegen dessen Willen aufgezwungen werden.
In einem im gleichen Jahre veröffentlichten anderen Vortrag
führt Ferenczi diesen Gedanken fort, wenn er über die HaltUng des
Analytikers folgendes sagt: „Nichts ist schädlicher in der Analyse
als das schulmeisterliche oder auch nur autoritative Auftreten des
Arztes. Alle unsere Deutungen müssen eher den Charakter eines
Vorschlages denn einer sicheren Behauptung haben, und dies nicht
nur, um den Patienten nicht zu reizen, sondern weil wir uns tatsächlich
auch irren können… Die Bescheidenheit des Analytikers
sei· also nicht eine eingelernte Pose, sondern der Ausdruck der
Einsicht in die Begrenztheit unseres Wissens „‚). Im Verfolg dieses
Gedankenganges fordert er „mehr als christliche Demut“ dem
Patienten gegenüber und meint, dass diese zu den schwierigsten
Aufgaben der psychoanalytischen Praxis gehöre. „Bringen wir sie
aber zustande, so mag uns die Korrektur auch in den verzweifeltsten
Fällen gelingen. Ich muss nochmals betonen, dass auch hier nur
die wirkliche Gefühlseinstellung hilft; eine nur gemachte Pose
wird vom scharfsinnigen· Patienten mit Leichtigkeit entlarvt „5).
Wichtig für Ferenczis Gegensatz zu Freud und allen seinen Versuchen,
„das Über-Ich“ zu einer dem „Es“ ebenbürtigen, biologisch
bedingten Instanz zu machen, ist die im gleichen Aufsatz vorgetrageneAnsicht
über das Schicksal des „Über-Ichs“ in der Analyse.
„An vielen Orten wurde, unter anderem auch von mir, darauf
hingewiesen, dass der Heilungsvorgang zu einem grossen Teil darin
besteht, dass der Patient den Analytiker (den neuen Vater) an die
1) a. a. 0., S. 6 fI.
2) a. a. 0., S. 8.
3) a. a. 0., S. 8.
4) a. a. 0., S .. 203.
ö) a. a. 0., S. 205.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 389
Stelle des in seinem Über-Ich so breiten Raum einnehmenden
wirklichen Vaters setzt und nunmehr mit diesem analytischen
Über-Ich weiterlebt. Ich leugne nun nicht, dass dieser Prozess in
allen Fällen wirklich vor sich geht, gebe auch zu, dass diese Substitution
bedeutende therapeutische Erfolge mit sich bringen kann,
möchte aber hinzufügen, dass eine wirkliche Charakteranalyse,
wenigstens vorübergehend, mit jeder Art von Über-Ich, also auch
mit dem des Analytikers, aufzuräumen hat. Schliesslich muss ja
der Patient von aller gefühlsmässigen Bindung, soweit sie über die
Vernunft und die eigenen libidinösen Tendenzen hinausgeht, frei
werden. Nur diese· Art Abbau des Über-Ichs überhaupt kann
eine radikale Heilung herbeiführen; Erfolge, die nur in der Substitution
des einen Über-ich durch ein anderes bestehen, müssen
noch als Übertragungserfolge bezeichnet werden; dem Endzweck
der Therapie, auch die Übertragung loszuwerden, werden sie gewiss
nicht gerecht „1). Seine Ängstlichkeit hat Ferenczi verhindert,
das Problem in prinzipieller Weise weiter zu verfolgen, und ihn
bei einer Kompromissphrase wie“ wenigstens vorübergehend“ Halt
machen lassen. Trotzdem ist der Gegensatz zur Freudschen Position
deutlich genug. Als positive Eigenschaft des Analytikers
fordert er in diesem Aufsatz „Takt“ und „Güte „, und er nennt als
Beispiel dafür, wie diese Eigenschaft zum Ausdruck kommen müsse,
die Fähigkeit zu erkennen,“ „wann das Schweigen (des Analytikers)
ein unnützes Quälen des Patienten ist „2).
Zwei Jahre später verfolgt Ferenczi den gleichen Gedankengang
in einem auf dem 11. Internationalen Psychoanalytischen Kongress
gehaltenen Vortrag über „Fortschritte der psychoanalytischen
Technik „3).
Hier wagt er schon eine direktere, wenn auch immer noch vorsichtige
Kritik an Freuds Technik. Er schildert seine eigene Entwicklung
als Psychoanalytiker. Ich konnte mich, sagt er, „des
Eindruckes nicht erwehren, dass das Verhältnis zwischen Arzt und
Patienten gar zu sehr einem Schüler-Lehrer-Verhältnis ähnlich
wurde. Ich kam auch zur Überzeugung, dass die Patienten mit
mir höchst unzufrieden waren und sich nur nicht getrauen, sich
gegen dieses Lehrhafte und Pedantische in uns offen zu empören.
In einer meiner technischen Arbeiten forderte ich denn auch die
Kollegen auf, ihre Analysanden zu grösserer Freiheit und freierem
Auslebenlassen der Aggressivität dem Arzte gegenüber zu erziehen,
1) a .. a. 0., S. 207.
I) a. a. 0., S. 199.
B) Veröffentlicht In der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 3d. 16,
1930, S. 149 ff.
390 Erich Fromm
zugleich mahnte ich sie zu etwas grösserer Demut den Patienten‘
gegenüber, zum Einbekennen eventuell begangener Fehler, plädierte
für grössere Elastizität, eventuell auch auf Kosten unserer
Theorien (die ja doch nicht unwandelbare, wenn auch vorläufig
brauchbare Instrumente sind), und konnte schliesslich auch davon
berichten, dass die den Patienten gewährte grössere Freiheit der
Analyse nicht nur nicht schadet, sondern nach Austobenlassen
aller Aggressionen, positive Übertragung und auch positivere
Erfolge zeitigt „l).
Er schildert dann, wie er im Laufe seiner vieljährigen praktischen
analytischen Tätigkeit immer wieder die von Freud gegebenen
Ratschläge zur Technik verletzte. Er zwang den .Patienten
nicht, während der Analyse zu liegen und den Analytiker unsichtbar
hinter sich zu haben. Er analysierte auch im Falle, wo der Patient
nicht bezahlen konnte. Er verlängerte nicht selten die Stunde um
die chokartige Wirkung des plötzlichen Abbrechens zu vermeiden,
oder analysierte einen Patienten, wenn nötig, zwei oder mehr
Stunden am gleichen Tag. An Stelle des „Prinzips der Versagung „,
das „manche meiner Kollegen und seinerzeit auch ich mit übermässiger
Strenge anwandten ‚(2), stellte er nun das „Prinzip der
Gewährung“ auf, das neben jenem Anwendung finden müsse. Er
kritisiert die von Freud geforderte „kühle Objektivität dem Patienten
gegenüber „, die Formen annehmen könne, welche „dem Patienten
unnötige und vermeidbare Schwierigkeiten bereite „3); er
verlangt, Mittel und Wege zu finden, „freundlich-wohlwollende Haltung
während der Analyse dem Patienten begreiflich zu machen“.
Noch einmal weist er, wenn auch wiederum vorsichtig darauf hin,
dass die orthodoxe Technik die Gefahr in sich berge, den Patienten
„mehr als unbedingt nötig leiden zu lassen „4). Die gleichen
Gedanken wiederholt er in dem Festvortrag anlässlich des
75. Geburtstags von Freud 1931 in der Wiener Psychoanalytischen
Vereinigung6), eingeleitet durch eine Verteidigung Freuds gegen
den Vorwurf, „er dränge alle selbständigen Talente aus diesem
Kreis heraus, um tyrannisch seinen wissenschaftlichen Willen
durchzusetzen ‚(8).
Freud hat dem entscheidenden Gegensatz zwischen sich und
Ferenczi, allerdings ebenfalls unter einer feinen Nüancierung ver-
1) Internationale Zeltachrlft für Psychoanalyse, Bd. 16, 1930, S. 153.
‚) a. a. 0., S. 154.
8) a. a. 0., S. 156.
t) a. a. 0., S. 157/158.
5) Veröffentlicht in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse. Bd. 17,
1931, S. 161.
8) a. a. 0., S. 161.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 391
steckt, in seinem Nachruf auf Ferenczi Ausdruck gegeben. Er
spricht zunächst von den langen Jahren der „sicheren Zusammengehörigkeit“
und gemeinsamen Arbeit und fährt dann fort: „Nach
dieser Höhenleistung (der Veröffentlichung des „Versuch einer
Genitaltheorie „) ereignete es sich, dass der Freund uns langsam
entglitt. Von einer Arbeitssaison in Amerika zurückgekehrt,
schien er sich immer mehr in einsame Arbeit zurückzuziehen, der
doch vorher an allem, was in analytischen Kreisen vorfiel, den
lebhaftesten Anteil genommen hatte. Man erfuhr, dass ein einziges
Problem sein Interesse mit Beschlag belegt hatte. Das Bedürfnis
zu heilen und zu helfen war in ihm übermächtig geworden. Wahrscheinlich
hatte er sich Ziele gesteckt, die mit unseren therapeutischen
Mitteln heute überhaupt nicht zu erreichen sind. Aus
unversiegten affektiven Quellen floss ihm die Überzeugung, dass
man bei den Kranken weit mehr ausrichten könnte, wenn man
ihnen genug von der Liebe gäbe, nach der sie sich als Kinder
gesehnt hatten. Wie das im Rahmen der psychoanalytischen
Situation durchführbar sei, wollte er herausfinden, und solange
er damit nicht zum Erfolg gekommen war, hielt er sich abseits,
wohl auch der Übereinstimmung mit den Freunden nicht mehr
sicher. Wohin immer der von ihm eingeschlagene Weg geführt
hätte, er konnte ihn nicht mehr zu Ende gehen „1).
Freud hat in diesem Nachruf selbst auf den Kern des Gegensatzes
hingewiesen. Wie charakteristisch sind seine Formulierungen.
Das Bedürfnis zu heilen und zu helfen sei „übermächtig
geworden“ und aus „unversiegten affektiven Quellen“ sei Ferenczi
die Überzeugung von der Notwendigkeit der Liebe zum Kranken
geflossen. Freud sagt nicht, wie man vielleicht erwarten könnte,
„unversiegbare“, und man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt,
dass Freud mit dem Ausdruck „unversiegte“ meint, hier lägen bei
Ferenczi infantile, durch die Analyse nicht beseitigte Triebregungen
vor.
Der frühe Tod Ferenczis ist ein tragischer Abschluss seines
Lebens. Zerrissen von der Angst vor einem Bruch mit Freud und
der Einsicht in die Notwendigkeit einer von der Freudschen abweichenden
Technik hatte er nicht die innere Kraft, den Weg zu Ende
zu gehen. Sein Gegensatz zu Freud ist prinzipiell : der Gegensatz
zwischen einer humanen, menschenfreundlichen, das Glück des
Analysanden in unbedingter Weise bejahenden Haltung und einer
patrizentrisch-autoritären, in der Tiefe menschenfeindlichen „Toleranz“.
1) Gesammelte Werke. Bd. XII. S. 399.
392 Erich Fromm
Wir haben versucht, unmittelbar aus den Äusserungen von
Freud und mittelbar aus der vorsichtigen Polemik Ferenczis gegen
ihn die Eigenart der Freudschen Toleranz darzustellen. Wir
wollten zeigen, dass sich hinter der Wertfreiheit und Liberalität
eine Haltung verbirgt, die die Tabus der bürgerlichen Moral nicht
weniger respektiert und ihre Verletzung nicht weniger verabscheut
als die konservativen Mitglieder der gleichen Gesellschaftsschicht.
Bietet diese Toleranz eine optimale Bedingung dafür, dass der
Patient seinen eigenen Widerstand durchstossen und das verdrängte
Material in sein Bewusstsein heben kann? Sicherlich
nicht. Mag der Analytiker nach aussen eine noch so freundliche
Haltung einnehmen, dabei aber, wenn auch ihm selbst garnicht
bewusst, den Patienten verurteilen und ablehnen, das Unbewusste
des Patienten wird diese Verurteilung fühlen, und zur mitgebrachten
Angst wird sich die in der analytischen Situation produzierte
addieren und die Analyse in die Länge ziehen oder gar
zum Scheitern verurteilen.
Aber auch die andere Seite der Toleranz, der Relativismus mit
Bezug auf alle bewussten Wertungen, ist häufig ein Hindernis für
die Analyse. Es gibt neurotische Konflikte, die bis zu einem
gewissen Grade moralische Konflikte sind. Häufig verdrängt der
Patient aus Angst seine Wahrnehmung, dass es sich um einen
moralischen Konflikt handelt, und die psychologische Fachsprache
.ist sehr geeignet, ihm diese Verdrängung zu erleichtern. Aber ob
ihm dieser Charakter des Konflikts bewusst ist oder nicht, ändert
wenig. Er hat eine Wahrnehmung davon, dass er etwas tut, was er
moralisch verurteilt, und ebenso davon, dass der Analytiker es
verurteilt. Wenn der Analytiker betont, dass er nicht wertet,
sondern allen Wertfragen neutral gegenübersteht, so unterstützt
er nur den Verdrängungsprozess, der die Lösung des Konfliktes
erschwert. Wenn er aber umgekehrt dem Patienten sagt: „Sie
fühlen, dass dieses Verhalten gemein ist, und ich meine auch, Sie
haben damit Recht „, so bedeutet dies häufig einen grossen Fortschritt
für den Patienten. Man wird hier vielleicht einwenden, dass
dieser Gedankengang dem früher Gesagten widerspreche, weil ein
solches Werten doch die Angst des Patienten steigern müsse. Dieser
Einwand vergisst aber ein Doppeltes: Erstens war die Angst des
Freudschen Patienten nicht so sehr dadurch bedingt, dass der Analytiker
überhaupt wertete, sondern dass er unbewusst und im Sinn
der konventionellen Tabus wertetel). Zweitens besteht ein Unterschied
zwischen der Verurteilung einer Handlung und der Verurtei-
1) Über den Zusammenhang von Wertdogmatismus und Relativismus In der
gegenwArtigen Kultur vgL ·den Aufsatz „Zum Problem der Wahrheit“ in diesem Heft.
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 393
lung eines Menschen. Der Patient weiss sehr wohl, gleichviel
ob man es ihm sagt oder nicht, dass der Analytiker bestimmte
Handlungen verurteilt; doch nicht dies ist es, worauf es ankommt
und was er fürchtet. Seine Angst gilt vielmehr der Frage, ob der
Analytiker ihn verurteilt, ob er ihn als Person verwirft, ob er seine
Sympathie und Hilfe davon abhängig macht, dass der Ana!ysand
dieses oder jenes tut oder nicht tut.
Wir haben zu zeigen versucht, dass Freuds „Toleranz“ mit der
für das grosstädtische liberale Bürgertum typischen Toleranz identisch
ist. Es erhebt sich die Frage, welches die Bedingungen sind,
die eine andere, eine optimale Wirksamkeit der analytischen
Technik begründende Einstellung bewirken. Ferenczi hat gemeint,
die gründliche Analyse des Analytikers sei die entscheidende
Bedingung für die von ihm geforderte Haltung. „Nichts ist leichter“,
sagt er, „als unter dem Deckmantel der Versagungsforderung
an Patienten und Kinder den eignen uneingestandenen sadistischen
Neigungen zu frönen… Meine oft und eindringlich geäusserte
Ansicht über die Notwendigkeit einer bis in die tiefsten Tiefen reichenden,
zu Beherrschung der eigenen Charaktereigenschaften
befähigenden Analyse des Analytikers gewinnt unter diesen neuen
schwierigen Verhältnissen eine womöglich noch triftigere Begründung“
l). So wichtig gewiss die gründliche Analyse des Analytikers
aus einer ganzen Reihe von hier nicht näher zu erörternden Gründen
ist, so ist sie offensichtlich unzureichend für die Herausbildung
jener von Ferenczi geforderten menschenfreundlichen und bejahenden
Haltung zum Patienten. Die Tatsache ist unbestreitbar angesichts
der grossen Anzahl von Fällen, in denen eine gründliche
Analyse eine solche Haltung offenbar nicht geschaffen hat. Gewiss
gibt die Analyse Einblick in die verdrängten Triebregungen und
zeigt, welche individuellen Erlebnisse und speziell welche Ängste zur
Herausbildung der aktuellen Charakterstruktur geführt haben.
Sie zeigt auch, welche Ereignisse in der Kindheit zur Herausbildung
der „Über-Ich „-Struktur geführt haben. Freud irrt aber, wenn
er meint, dass in diesen Kindheitserlebnissen die letzte Ursache
für den Inhalt und die Stärke des Über-Ichs zu finden sei.
Die Tabus dieser Gesellschaft sind bedingt durch ihre spezifische
Struktur und besonders durch die Notwendigkeit der Verinnerlichungder
äusseren, über die Majorität der Gesellschaft ausgeübten
Gewalt. Die Familie ist nur die „psychologische Agentur“ der
Gesellschaft. Sie vermittelt dem heranwachsenden Menschen die
1) Internationale Zeitschrift fllr Psychoanalyse. Bd. XVI, 1930, S. 163
394 Erich Fromm
Ängste, die auf Grund der Struktur der Gesellschaft für sein späteres
Fortkommen und seine gesellschaftliche Tauglichkeit notwendig
sind. Blosse Einsicht in die individuellen Kindheitsbedingungen
der Entstehung der Angst vor der Verletzung der Tabus bedeutet
also noch keine Einsicht in die wirklichen und wirksamen
Motive. Dies ist nur möglich, wenn man den gesellschaftlichen
Charakter der Tabus sieht und sie nicht, wie Freud es tut, für biologisch
oder „natürlich“ begründet hält. Dazu kommt noch ein
weiteres. Der Analytiker hat in der Regel die gleichen Interessen
wie die übrigen Mitglieder seiner Gesellschaftsschicht. Diese
Interessen führen, psychologisch gesehen, zur Herausbildung der
bürgerlich-autoritären Charakterstruktur, wie sie bei Freud vorhanden
ist. Die Wirksamkeit der Analyse beruht aber nun gerade
darauf, dass die Hemmungen beseitigt werden, die der Verfolgung
der Interessen eines Menschen im Wege stehen. Im Durchschnitt
wird also die Analyse des Analytikers keineswegs zur Behebung der
bürgerlichen Charakterstruktur hinführen, sondern eher zu ihrer
Verstärkung. Dies ganz besonders, wenn die Analyse im Sinne
Freuds die moralischen Tabus und die Ängste vor ihrer Verletzung
als biologisch bedingt und natürlich hinstellt, sei es in der Über-IchTheorie,
sei es in der Theorie des Todestriebes.
Ein anderes Argument, das häufig angeführt wird, ist, dass
man den Patienten nicht verurteilen könne, weil man ja verstehe,
wie er zu jenen, an sich verurteilenswerten Regungen gekommen
sei. Dieses Argument wurde mit Bezug auf die analytische Situation
in ähnlicher Weise verwandt, wie es in der Strafrechts reform mit
Bezug auf die Haltung zum Verbrecher gebraucht wurde. Aber die
theoretische Einsicht in die Ursache seines Verhaltens bewirkt
noch nicht eine Änderung der eignen Bewertungen, weil diese eben
von Interessen bedingt sind. Abgesehen davon aber gilt hierfür
dasselbe, was wir mit Bezug auf die Einsicht in die Entstehung des
Über-Ichs des Analytikers selbst sagten. Die wirklichen Ursachen
für den Respekt des Patienten vor den Tabus und seiner Angst vor
ihrer Verletzung liegen eben nicht in seinen individuellen Erlebnissen,
sondern in der gesellschaftlichen Struktur. Das Verständnis
des Analytikers für seine eigene Triebstruktur wie für die des
Patienten hat also seine Grenzen in seinen gesellschaftlichen Interessen
und in den von diesen bedingten Gefühlen und Einsichten.
Freuds Persönlichkeit und die Eigenart seiner Theorie sind letzten
Endes nicht aus individuellen, sondern aus den allgemeinen gesellschaftlichen
Verhältnissen zu begreifen. Auch die Tatsache, dass
eine Persönlichkeit wie Ferenczi im Kampf unterlag, hat ihren
guten Sinn. Freuds Haltung ist, soziologisch gesehen, die logische.
Ferenczi war ein Aussenseiter, im Widerspruch zur grundlegenden
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 395
Struktur seiner Klasse, und er war sich seines Widerspruches nicht
bewusst.
Das Beispiel Ferenczis zeigt allerdings, dass die Freudsche Haltung
nicht bei allen Analytikern gefunden werden muss. Die
gesellschaftliche Charakterstruktur ist eine durchschnittliche, und
es gibt immer eine Reihe von Individuen, die, wenn sie auch nicht
radikal anders sind, so doch eine graduelle Verschiedenheit aufweisen.
Die Ursachen für diese Verschiedenheit können mannigfaltige,
im individuellen Schicksal des Betreffenden liegende sein.
Jedenfalls finden sich unter den Analytikern nicht wenige, die von
den oben angedeuteten Vorurteilen Freuds entfernt sind.
Immerhin ist es möglich, eine Haltung zu umreissen, welche das
Ziel Freuds, Heilung des Neurotikers durch Aufdeckung des Unbewussten,
optimal verwirklicht. Von einem Faktor wurde schon
oben gesprochen, von der unbedingten Bejahung des Glücksanspruchs
des Patienten. Ein anderer, damit eng verknüpfter, ist die
Befreiung der Moral von ihrem tabuistischen Charakter. Dieser
tabuistische Charakter ist es, der die Eigenart der bürgerlichen
Moralvorschriften ausmacht. Er bewirkt, dass die Moralvorschriften
abstrakt und starr sind, dass ihre Verletzung, wie auch immer
der konkrete Fall gelagert sein mag, Abscheu und Verachtung
hervorruft. Für den illusionslosen Analytiker verliert die Moral
ihren fetischistischen Charakter, sie ist weder in Hinblick auf das
Jenseits noch mit Bezug auf irdische Klugheit noch auf biologische
Notwendigkeiten einer absoluten Begründung fähig. Sie
ist vielmehr als eine Lebensäusserung bestimmter Menschen „aus
den Bedingungen ihres Entstehens und Vergehens zu begreifen ‚(1).
Ohne Wertung gibt es überhaupt keine Theorie der Wirklichkeit,
aber die Wertsetzungen brauchen nicht mit den Idolen der idealistischen
Moral verknüpft zu sein. Das Ziel ist nicht die Erfüllung
irgendwelcher ewiger Forderungen, sondern die Verwirklichung der
menschlichen Ansprüche auf Glück in ihrer jeweiligen historischen
Gestalt.
Welches sind die Konsequenzen dieser Einstellung für das Verhältnis
des Analytikers zum Patienten? Der grösste Teil der
gesellschaftlichen Tabus, unter deren, wenn auch nur phantasierten
Verletzung der Patient leidet, verlieren überhaupt ihren moralischen
Charakter und erscheinen als das, was sie sind, als durch die
Erfordernisse der Aufrechterhaltung einer bestimmten gesellschaftlichen
Struktur und bestimmter Klassenverhältnisse mit ihren
1) „Materialismus und Moral“ in Jahrgang Il dieser Zeitschrift, S. 180. Vgl. zum
ganzen Problem die Ausführungen dieses Aufsatzes S. 162 11.
396 Erich Fromm
Widersprüchen und mit Drohungen aller Art den Menschen eingebleuten
Regeln, die keinen Anspruch auf irgendeine höhere Würde
haben. Die illusionsloseAnerkennung der historisch berechtigten
moralischen Zielsetzungen bewirkt eine Veränderung der Einstellung
zum Menschen. Die Affekte des Analytikers, die mit der
Verletzung dieser Werte verknüpft sind, sind nicht automatisch und
abstrakt. Ihre Existenz mag ihn vor oder während der Analyse
zum Bewusstsein führen, dass er auf Grund der Handlungsweise des
Patienten nicht jenes Mass an Sympathie und Bejahung für ihn
aufbringt, welches die Bedingung zum Erfolg darstellt. Wenn der
Analytiker aber einem Menschen gegenübersteht, der in erster
Linie leidet und Hilfe sucht, so ist die konkrete Situation eine
andere, und trotz der etwaigen Gegensätzlichkeit in Bezug auf
bestimmte Werte kann der nichttabuistische Charakter der Moral
dem wirklich illusionslosen Analytiker eine freundliche Einstellung
ermöglichen.
Fassen wir das Gesagte kurz zusammen : Die Psychoanalyse als
Theorie hat die Grundlage gelegt, von der nicht nur Einzelnes zu
„übernehmen“ ist, sondern von der die weitere Forschung auf diesen
Gebieten ausgehen muss. Als Therapie hat sie zum erstenmal
die Möglichkeit tiefgreifender Veränderungen der Trieb- und Charakterstruktur
geschaffen. Sie entstand auf der Basis der Toleranz,
wie sie sich im grosstädtischen Bürgertum entwickelt hatte. Diese
Toleranz mit ihrem Widerspruch von bewusstem Wertrelativismus
und unbewusster Bejahung der Tabus der bürgerlichen Gesellschaft,
wie wir sie bei Freud und einer Reihe seiner engsten Schüler finden,
stellt aber gleichzeitig eine Grenze ihrer therapeutischen Wirksamkeit
dar. Denn ein Analytiker, für den die Gebote und Verbote der
Gesellschaft, in der er lebt, über deren bedingten Sinn hinaus einen
absoluten, tabuistischen Charakter haben, ist nicht geeignet,
~inem Patienten die Angst vor der – meist nur phantasierten –
Übertretung dieser Tabus zu nehmen, eine Angst, die seiner Neurose
zugrunde liegt und ohne deren Überwindung keine Heilung möglich
ist. Der Analytiker, der diese Freiheit und Offensinnigkeit nicht
besitzt, lässt den Patienten trotz aller Objektivität die Erfahrung
wiederholen, die er als Kind mit Eltern und Erziehern, und später
mit andern ihn bedrängenden Mächten gemacht hat: die Erfahrung
einer seine E;ntwicklung hemmenden Konstellation.
Psychoanalytic Therapy and Its Social Basis.
The result and the duration of an analysis depend on how quickly a
patient succeeds in penetrating the resist.ance which prevents the unconscious
data from becoming conscious. In addition to the fears that the
patient brings with him into the analysis, the attitude of the analyst is a
Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie 397
factor strengthening or weakening the fears and, therefore, the resistance.
It is not primarily relevant here what the analyst says or thinks,consciously,
but whether he unconsciously accepts the patient and his claim to
happiness unconditionally. Freud’s attitude towards the patient might
be characterized fundamentally as „tolerance“. He recommends facing
the patient indifferently and coolly. The essay proceeds to demonstrate
that this conscious liberalism involves unconsciously a strict repudiation
and rejection of those impulses which are tabooed by bourgeois
society, especially the sexual ones. Therefore, Freud in his authoritarian
and patricentric character must be recognized as a typical representative of
a society, which demands obedience and subjection.This attitude creates
in the patient, despite its liberalism, new fears which make it more difficult
to overcome the resistance and, therefore, blocks the success of the analysis.
The liberal tolerance represents at the same time a conscious relativism
towards all values and an unconscious recognition of the taboos of bourgeois
society. To utilize the Freudian therapy in the best possible way, it is
necessary to connect it with an independent philosophy to accept unconditionally
the patient’s claim tohappiness and eliminating from all valuations
the taboos and abstract traits.
Les conditions sociales de la therapeutique psychoanalytique.
Le succes et la duree de l’analyse dependent de la rapidite avec laquelle
le malade reussit a briser la resistance qui enipecheJes realites inconscientes
de parvenir a la conscience. Abstraction faite des angoisses avec lesquelles
le malade arrive a l’analyse; l’attitude de l’analyste est elle-meme un facteur
susceptible de renforcer ou au contraire d’affaiblir les angoisses et, par suite,
la resistance. Ce qui importe en premiere ligne ce n’est pas ce que l’analyste
dit ou pense conscie,mment, l’essentiel est de savoir si, inconsciemment aussi,
il prend une attitude entierement favorable a l’egard du malade et de la
pretention au bonheur de celui-ci. L’attitude de Freud a l’egard du malade
peut etre caracterisee d’abord par le mot de „tolerance“. 11 recommande de
ne pas porter de jugements de valeur, d’etre indifferent et froid a l’egard du
malade. L’article montre que derriere ce liberalisme conscient se cache un
refus brutal, une condamnation des desirs qui sont en opposition avec les
tabous de la societe, specialement les tabous sexuels. En meme temps
Freud se revele un representant typique de la societe actuelle par son
caractere autoritaire „patrocentrique“ qui reclame obeissance et soumission.
Cette attitude, en depit de son liberalisme conscient, cree au malade
de nouvelles angoisses qni augmentent la difliculte de l’effort pour surmonter
les resistances et‘ ainsi rendent plus diflicile le succes de l’analyse.
La toIerance liberale avec son double visage, relativisme conscient a
l’egard de toutes les valeurs et respect inconscient des tabous bourgeois,
marque les limites de la therapeutique analytique. La mise en valeur maximum
de la therapeutique Freudienne ne serait assuree que si elle etait liee
a une philosophie independante. Accepter inconditionnellement l’exigence du
bonheur du malade, depouiller toutes les valeurs de leur caractere tabou
et abstrait constitueraient les traits essentiels d’une teIle mise en valeur.

Erich Fromm: Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie

Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie

Von  Erich Fromm (Berlin).
Der Ausgangspunkt der Psychoanalyse war ein therapeutischer:
seelische Störungen wurden erklärt aus der Stauung und der dadurch
hervorgerufenen pathologischen Verwendung der Sexualenergie im
Symptom, bzw. aus der Abwehr von im Bewußtsein nicht zugelassenen,
mit libidinösen Impulsen verknüpften Vorstellungen.
Die Reihe: Libido-Abwehr durch verdrängende Instanz-Symptom
war der rote Faden der frühen analytischen Untersuchungen. Damit
verbunden war die Tatsache, daß Gegenstand der analytischen
Untersuchung fast ausschließlich Kranke und in der Mehrzahl
solche mit körperlichen Symptomen waren. Im Verlauf der Entwicklung
der Psychoanalyse trat neben diese Fragestellung die
nach der Genese und Bedeutung bestimmter psychischer Eigenarten,
die sich bei Kranken sowohl wie bei Gesunden finden. Hier
handelt es sich zwar, genau wie bei der ursprünglichen Fragestellung,
um die Aufdeckung der triebhaften, libidinösen Wurzeln der psychischen
Einstellung, aber die Reihe wird nicht in der Richtung:
Verdrängung-Symptom, sondern in der: Sublimierung bzw. Reaktionsbildung-
Charakterzug fortgesetzt. Diese Fragestellung mußte
sich gleich fruchtbar für das Verständnis des kranken wie des ge-
1) Nachdem im Heft 1/2 dieser Zeitschrift versucht wurde, Allgemeines
zur Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie darzulegen,
soll dieser Aufsatz eine Konkretisierung des dort Ausgeführten versuchen
und zwar an einem besonders wichtigen Punkt: der analytischen
Charakterologie. Seine wesentliche Aufgabe ist, für den nicht analytisch
geschulten Leser diesen Teil der analytischen Theorie wenigstens in großen
Umrissen darzustellen; sie macht es notwendig, sich im wesentlichen auf
die Darstellung der wichtigsten Ergebnisse der psychoanalytischen Charakterforschung
zu beschränken und auf- die Erörterung wichtiger Einzelfragen,
die sich als Fortführung oder als Kritik zu manchen hier vorgetragenen
Forschungsergebnissen aufdrängen, zu verzichten. Als Illustration folgt
am Schluß ein Hinweis auf die Möglichkeiten, die eine Anwendung dieser
psychoanalytischen Kategorien auf das Problem des .. Geistes“ des Kapitalismus
ergeben.
254 Erich Fromm
sunden Charakters erweisen und damit in besonderem Maß für die
Probleme der Sozialpsychologie wichtig werden.
Die allgemeine Grundlage der psychoanalytischen Charakterologie
ist, bestimmte Charakterzüge aufzufassen als Sublimierung bzw.
Reaktionsbildung bestimmter sexueller (im erweiterten, von Freud
so gebrauchten Sinn) Triebregungen, bzw. q,ls Fortsetzung bestimmter
in der Kindheit diesen Triebregungen koordinierter Objektbeziehungen.
Diese genetische Ableitung der psychischen Erscheinung
aus libidinösen Quellen und frühkindlichen Erlebnissen ist das
spezifisch analytische Prinzip, das die analytische Charakterologie
mit der Neurosenlehre teilt; während aber das neurotische Symptom
(wie auch der neurotische Charakter) das Ergebnis einer nicht geglückten
Anpassung der Triebe an die gesellschaftliche Realität darstellt,
handelt es sich bei dem nicht neurotischen Charakterzug um
eine Verarbeitung libidinöser Regungen auf dem Wege der Reaktionsbildung
oder Sublimierung in einer relativ stabilen und gesellschaftlich
angepaßten Weise. Der Unterschied zwischen dem normalen und
dem neurotischen Charakter ist allerdings ein ganz fließender und
in erster Linie vom Grad der gesellschaftlichen Unangepaßtheiv
her zu bestimmen.
Es kann an dieser Stelle das komplizierte Problem der Reaktionsbildung
und Sublimierung nur angedeutet werden. Unter Reaktionsbildung
ist zu verstehen die Aufrichtung einer dem ursprünglichen
Triebziel entgegengesetzten, dieses abwehrenden und niederhaltenden
Haltung, die selbst mehr oder weniger den Charakter der Sublimierung
tragen kannl ). Zur Sublimierung sei nur gesagt, daß Freud darunter
die Ablenkung sexueller Impulse von ihren ursprünglichen sexuellen
Zielen und ihre Hinwendung auf bzw. ihre Ersetzung durch andere,
nicht sexuelle, kulturelle Ziele begreift. Dies ist nicht so zu verstehen,
daß aus Sexualität auf eine geheimnisvolle, „alchimistische“ Weise
Charakter oder Intellekt entsteht, sondern daß sexuelle Energien auf
andere Stellen des seelischen Apparats gelenkt und dort als Triebkraft
und in einer eigenartigen, noch kaum geklärten Verbindung mit
Fähigkeiten des Ich psychische und geistige Qualitäten aufbauen helfen.
Besonders wichtig ist es, nicht zu vergessen, daß Freud das Problem
der Sublimierung am allerwenigsten mit der Sexualität im üblichen
Sprachgebrauch, d. h. de~ genitalen Sexualität in Zusammenha.ng
1) Als Beispiel denke man. an eine „Übergüte“, die die Funktion hat,
den verdrängten Sadismus niederzuhalten. Wichtig ist die „Wiederkehrdes
Verdrängten“ in der Reaktionsbildung.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 255
bringt, sondern vorwiegend mit den „prägenitalen“ Sexualstrebungen,
d. h. der oralen und analen Sexualität Und dem Sadismus 1). Der Unterschied
zwischen Reaktionsbildung und Sublimierung liegt im wesentlichen
darin, daß die Reaktiollsbildung immer die Funktion der Abwehr
und Niederhaltung eines verdrängten Triebimpulses hat, aus dem
sie auch illre Energie bezieht, während die Sublimierung eine direkte
Verarbeitung, eine „Kanalisierung“ der Triebregung darstellt.
Die Theorie der prägenitalen Sexualität, von Freud zum erstenmal
ausführlich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ dargestellt,
geht von der Beobachtung aus, daß, noch bevor beim Kind
die Genitalien eine entscheidende Rolle spielen, die Mundzone und
die Afterzone als „erogene Zonen“ Träger von lustvollen, den genitalen
Sensationen analogen Sensationen sind, daß sie im Laufe der Entwicklung
teilweise illre sexuelle Energie an die Genitalien abgeben,
zum geringeren Teil diese Energien behalten, teils in ihrer ursprünglichen
Form, teils in der Form von Sublimierungen und Reaktionsbildungen
im Ich. Aufbauend auf diesen Beobachtungen der prägenitalen
Sexualität veröffentlichte Freud 1908 einen kurzen Aufsatz
über „Charakter und Analerotik“ (Ges. Schriften, Bd. V, S. 260ff.),
der die Grundlage der analytischen Charakterforschung bildet.
Freud ging von der Beobachtung aus, daß man häufig in der Analyse
einem Typus begegnet, der „durch das Zusammentreffen bestimmter
Charaktereigenschaften ausgezeichnet ist, während das Verhalten
einer gewissen Körperfunktion und der an ihr beteiligten Organe in
der Kindheit dieser Personen die Aufmerksamkeit auf sich zieht“
(S. 261). Er findet drei Charakterzüge – Ordnungsliebe, Sparsamkeit
und Eigensinn – bei solchen Individuen, in deren Kindheit
die Lust an der Darmentleerung und ihren Produkten eine besonders
große Rolle spielt. Besonders betonte er die in der Neurose wie im
Mythus, Aberglauben, Traum, Märchen anzutreffende Gleichsetzung
von Kot und Geld (Geschenk). Auf dieser grundlegenden Arbeit Freuds
bauten sich eine Reihe Arbeiten anderer psychoanalytischer Autoren
auf, die die Grundzüge einer, freilich noch in vielen PUnkten unfertigen
und hypothetischen, psychoanalytischen Charakterologie lieferten 2).
‚) Aus diesem Grunde ist es ein grobes Mißverständnis des Freudschen
Standpunktes, das Problem der Sublimierung im wesentlichen als identisch
mit dem der genital-sexuellen Abstinenz zusammenfallen zu lassen, wie es
etwa Scheler (besonders in ·“Wesen und Formen der Sympathie“, BoIl1‘
1923, S. 238ff.) tat.
‚) Vgl. die instruktiven Ausführungen und die reichen Literaturhinweise
bei Otto Fenichel, Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Psychoanalytische
spezielle Neurosenlehre, Wien 1931.
256 Erich Fromm
Bevor wir zur Darstellung der für den Soziologen wichtigsten
Ergebnisse dieser Arbeiten kommen, soll auf einen Gesichtspunkt
hingewiesen werden, der in manchen dieser Arbeiten nicht oder zu
wenig deutlich hervortritt und dessen Betonung ein besseres Verständnis
dieser Untersuchungen ermöglicht: die Unterscheidung zwischen
Sexualziel und Sexualobjekt, bzw. zwischen der Organlust und den
Objektbeziehungen. Freud bringt die Sexualtriebe in einen engen
Zusammenhang mit den „erogenen Zonen“l) und nimmt an, daß die
Sexualtriebe durch Reizung an diesen erogenen Zonen hervorgerufen
werden. In der ersten Lebensperiode steht die Mundzone
und die mit ihr verknüpften Funktionen – Saugen und Beißen -,
dann, nach der Säuglingsperiode, die Afterzone mit ihren Funktionen
– Stuhlentleerung bzw. Stuhlzurückhaltung – und vom 3. bis
5. Jahr die Genitalzone im Zentrum der Sexualität (diese erste Blüte
der genitalen Sexualität hat Freud als „phallische Phase“ bezeichnet,
weil er annimmt, daß in dieser Zeit für beide Geschlechter allein der
Phallus bzw. die phallisch erlebte Clitoris eine Rolle spielt, mit der
Tendenz zum Eindringen und Zerstören. Nach einer „Latenzzeit“,
die etwa bis zur Pubertät dauert, kommt es dann im Zusammenhang
mit der körperlichen Reifung zur Entwicklung der eigentlichen genitalen
Sexualität, der die prägenitalen Sexualstrebungen unter-, bzw.
eingeordnet werden, d. h. zur endgültigen Herstellung des „Primats“
der Genitalität). Von dieser Organerotik, d. h. also von der an eine
bestimmte Körperzone bzw. eine bestimmte mit dieser Zone verknüpfte
Funktion gebundenen Organlust sind die Objektbeziehungen
zu unterscheiden, d. h. die (liebenden oder hassenden) Einstellungen
zu den dem Menschen gegenübertretenden Mitmenschen, bzw. der
eigenen Person, mit anderen Worten die Gefühlseinstellung und
-haltung zur Umwelt überhaupt. Auch die Objektbeziehungen haben
einen typischen Verlauf: nach Freud ist der Säugling vorwiegend
narzistisch eingestellt, nur auf sich und die Befriedigung seiner
Bedürfnisse bedacht; in einer zweiten Periode, nach dem Ende der
Säuglingszeit etwa, mehren sich sadistische, objektfeindliche Züge,
‚) Die Annahme einer so zentralen Rolle der erogenen Zonen lag Freud
abgesehen von seinen empirischen Beobachtungen auch von seinen theoretischen
Voraussetzungen, einem mechanistisch-physiologischen Standpunkt
aus nahe. Sie hat die Entwicklung der analytischen Theorie entscheidend
beeinflußt; eine fruchtbare Diskussion mancher psychoanalytischer
Thesen würde bei einer Kritik der zentralen Rolle der erogenen Zonen einzusetzen
haben. Da wir aber hier Ergebnisse der Analyse darstellen
wollen, verzichten wir auf eine Ausführung kritischer Gesichtspunkte zu
diesem überaus wichtigen Problem.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 257
die auch noch in der phallischen Phase eine wichtige Rolle
spielen. Erst mit dem Primat der Genitalität in der Pubertät treten
objektfreundliche, liebende Züge eindeutig in den Mittelpunkt. Die
Objektbeziehungen werden in einen engen „Zusammenhang mit den
erogenen Zonen gebracht. Dieser Zusammenhang ist verständlich,
wenn man bedenkt, daß sich spezifische Objektbeziehungen zuerst in
Verbindung mitbestimmten erogenen Zonen entwickeln und daß
diese Verbindung durchaus keine zufällige ist. Ohne aber an dieser
Stelle das Problem diskutieren zu wollen, ob der Zusammenhang
ein so enger ist, wie es vielfach in der psychoanalytischen Literatur
dargestellt wird, oder ob und inwieweit nicht die für eine erogene Zone
typischeObjektbeziehung auch unabhängig von den besonderen Schicksalen
dieser erogenen Zone sich entwickeln kann, soll Wert darauf gelegt
werden, prinzipiell zwischen der Organlust und den Objektbeziehungen
zu unterscheiden; in der nun folgenden Darstellung sollen, bevor die
analytischen Befunde über die oralen, analen und genitalen Charakterzüge
dargestellt werden, die komponierenden Elemente, nämlich
die Sublimierungen und Reaktionsbildungen der Organlust und die
koordinierten typischen Objektbeziehungen eine getrennte Darstellung
finden.
Der in der ersten Lebensperiode zentrale Sexualtrieb ist die Oralerotik.
Beim Kind findet sich ein starkes Lust- und Befriedigungsgefühl,
das ursprünglich mit dem Saugen („Wonnesaugen“), später
mit dem Beißen und“ Kauen, mit dem In-den-Mund-nehmen
und Verschlingenwollen von Gegenständen verknüpft ist. Die
nähere Beobachtung zeigt, daß es sich hier keineswegs nur um eine
Äußerung des Hungers handelt, sondern daß das Saugen, Beißen, Verschlingenwollen
darüber hinaus eine an sich lustvolle Betätigung darstellt.
Freud nahm schon in seinen „Drei Abhandlungen“ an, daß
die Mundzone eine der sog. „erogenen Zonen“ sei, die, im Anschluß
an die Vorgänge der Nahrungsaufnahme, am frühesten die Basis
intensiver libidinöser Bedürfnisspannungen und Befriedigungen darstellt.
Wenn auch die direkten oralerotischen Bedürfnisse und Befriedigungen
nach der „Säuglings“zeit abnehmen, so bleiben doch
mehr oder weniger große Reste auch in der späteren Kindheit und
beim Erwachsenen erhalten. Es sei hier nur an das oft weit über die
Säuglingszeit auftretende Daumenlutschen oder an das Nägelkauen
erinnert, ferner aber, um von etwas ganz „Normalem“ zu sprechen,
an das Küssen oder an die starken libidinösen, oralerotischen Wurzeln
des Rauchens.
258 Erich Fromm
Insoweit die Oralerotik nicht in ursprünglicher Form erhalten
bleibt und andererseits doch nicht von anderen sexuellen Impulsen
abgelöst wird, tritt sie uns in Reaktionsbildungen oder Sublimierungen
entgegen. Von den Sublimierungen sei nur eines der wichtigsten
Beispiele hier genannt: die Verschiebung der kindlichen Saugelust
auf das geistige Gebiet. An Stelle der Milch tritt das Wissen. Die
Sprache drückt diesen Zusammenhang aus, wenn .sie davon spricht,
daß man „an den Brüsten der Weisheit schlürft“ oder „von der Milch
der frommen Denkungsart“ trinkt. Diese symbolische Gleichsetzung
von Trinken und geistigem Aufnehmen finden wir in Sprachen und
Märchen verschiedener Kulturen ebenso wie in den Träumen und
Einfällen der Patienten in der Analyse. Die Reaktionsbildungen
können ebensowohl in dem ursprünglichen Gebiet bleiben, also etwa
die Form einer Eßhemmung annehmen, wie auch sich auf die Sublic
mierungen erstrecken und dann etwa als Lern-, Arbeits- oder Wißhemmung
auftreten.
Die in der ersten Lebensperiode des Kindes auftretenden Objektbeziehungen
tragen einen recht komplizierten Charakterl ). Der Säugling
ist zunächst – und in ganz extremer Weise in den ersten drei
Lebensmonaten – narzistisch eingestellt; ein Unterschied zwischen Ich
und Außenwelt besteht noch kaum. Allmählich entwickeln sich neben
der narzistischen Einstellung objektfreundliche, liebende Züge 2). Die
Einstellung des Säuglings zur Mutter (oder entsprechenden Pflegeperson)
wird freundlich, liebevoll, Schutz und Liebe erwartend. Die Mutter ist
der Garant für sein Leben, ihre Liebe gibt ihm ein Gefühl von Lebens-.
sicherheit und Geborgenheit. Gewiß ist sie weitgehend Mittel zum
Zweck der Befriedigung der Bedürfnisse des Kindes, und gewiß trägt
die Liebe des Kindes weitgehend einen verlangenden, nehmenden und
nicht einen spendenden, fürsorgenden Charakter, aber wichtig sind doch
objektfreundliche, objektzugewandte Züge in dieser ersten Phase.
Die Objektbeziehungen des Kindes ändern sich allmählich 3).
Mit dem körperlichen Wachstum des Kindes wachsen seine Ansprüche,
dadurch – wie wohl auch noch durch andere in der Umwelt
1) Vgl. Bernfeld, Psychologie des Säuglings. Wien 1925.
„) In der psychoanalytischen Literatur werden vor allem die narzistischen
Züge des kleinen Kindes betont, während die objektfreundlichen in der
Schilderung zurücktreten. Es soll an dieser Stelle nicht näher auf dieses
schwierige Problem eingegangen werden; es werden hier nur die objekt.
freundlichen Züge im Gegensatz zu den dann auftretenden ohjektfeindlichen,
sadistischen besonders betont.
„) Es versteht sich, daß in der ganzen Entwicklullg nur von einem Zuoder
Abnehmen verschiedener Tendenzen die Rede sein kann, nicht von
einem Sichablösen von voneinander streng getrennten Strukturtypen.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 259
-liegende Faktoren – entstehen und wachsen Versagungen seitens
der Umwelt, auf die das Kind mit Zorn und Wut reagiert, für deren
Bildung inzwischen auch die organische Entwicklung bessere Bedingungen
geschaffen hat. Neben die objektfreundlichen Tendenzen
und an ihre Stelle treten in wachsendem Maße objektfeindliche. Das
Kind, sowohl durch Enttäuschungen wütend als auch sich stärker
fühlend, wartet nicht mehr vertrauensvoll auf liebende Befriedigung
seiner vor allem ja noch oralen Wünsche, es beginnt, sich mit Gewalt
nehmen zu wollen, was man ihm vorenthält. Der Mund mit den
Zähnen wird zu seiner Waffe, er erwirbt eine aggressive, den
Objekten feindselige, sie angreüen und aussaugen oder verschlingen
wollende Haltung. An Stelle einer ursprünglichen relativen Harmonie
mit der Umwelt treten Konflikte und aggressiv-sadistische Impulse l ).
Das Saugen und Beißen oder Verschlingenwollen, bzw. ihre
Reaktionsbildungen und Sublimierungen einerseits; die vertrauensvolle,
beschenkt- oder geliebtwerdenwollende objektfreundliche
Haltung und ihre Fortsetzung in aggressiven, räuberischen, objektfeindlichen
Tendenzen andererseits sind die Elemente, die die „oralen“
Charakterzüge der Erwachsenen zusammensetzen.
Abraham macht eine Unterscheidung zwischen den charakterologischenKonsequenzen
einer besonders ungestörten, glücklichen
oralen Befriedigung in der Kindheit und einer gestörten, mit viel
Unlust vermischten (wie etwa plötzlichem Absetzen von der Brust,
unzureichender Milchmenge oder, was die koordinierten Objektbeziehungen
anlangt, mangelnder Liebe seitens der Pflegepersonen).
Im ersten Falle haben- oft Menschen
„aus dieser glücklichen Lebenszeit eine tief in ihnen wurzelnde- Überzeugung
mitgebracht, es _müsse ihnen immer gut gehen. So stehen sie dem
Leben mit einem unerschütterlichen Optimismus gegenüber, der ihnen
oftmals zur tatsächlichen Erreichung praktischer Ziele behilflich ist. Auch
hier gibt es weniger günstige Spielarten der Entwicklung. Manche Personen
sind von der Erwartung beherrscht, daß stets eine gütige, fürsorgende Person,
also eine Vertreterin der Mutter vorhanden sein müsse, von der sie alles zum
Leben Notwendige empfangen würden. Dieser optimistische Schicksalsglaube
verurteilt sie zur Untätigkeit. Wir erkennen in ihnen diejenigen wieder,
die in der Saugeperiode verwöhnt wurden. Ihr gesamtes Verhalten im Leben
läßt die Erwartung erkennen, daß ihnen sozusagen ewig die Mutterbrust
fließen werde. Derartige Personen muten sich keinerlei Anstrengungen zu;
in manchen Fällen verschmähen sie geradezu jeden eigenen Erwerb“
(Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung, Wien 1925, S.42).
1) Die Frage, inwieweit das Verschlingen- und Sich-Bemächtigen-Wollen
(wie das Produzieren und Zerstören überhaupt) eine ursprünglichll Tendenz
des Menschen in seinem Verhältnis zur Umwelt ist, kann an dieser Stelle
nicht erörtert werden.
260 Erich Fromm
An diesen Menschen ist häufig eine besonders ausgeprägte Freigebigkeit,
eine gewisse seigneurale Haltung zu bemerken. Sie haben
die uneingeschränkt spendende Mutter als Ideal und bemühen sich,
sich diesem Ideal entsprechend zu verhalten.
Der zweite Typ, der mit starken oralen Versagungen in der frühen
Kindheit, entwickelt später häufig Züge, die in der Richtung des Aussaugens
oder Beraubens anderer Personen liegen.. Diese Menschen
tragen gleichsam einen Rüssel, mit dem sie sich überall ansaugen
wollen, oder wenn entsprechend starke sadistische Beimengungen
enthalten sind, sind sie wie Raubtiere, die davon leben, Opfer zu
suchen, die sie ausweiden können.
„Im sozialen Verhalten dieser Menschen tritt etwas ständig Verlangendes
hervor, das sich bald mehr in der Form des Bittens, bald mehr in derjenigen
des Forderns äußert. Die Art, in welcher sie Wünsche vorbringen,
hat etwas beharrlich Saugendes an sich; sie lassen sich ebensowenig durch
die Sprache der Tatsachen wie durch sachli/(he Einwände abweisen, sondern
fahren fort, zu drängen und zu insistieren. Sie neigen dazu, sich an andere
Personen förmlich festzusaugen. Besonders empfindlich sind sie gegen
jedes Alleinsein, und wenn es nur kurze Zeit währt. In ganz besonderem
Maß tritt die Ungeduld bei ihnen hervor. Bei gewissen Personen … findet
sich dem geschilderten Verhalten ein grausamer Zug beigemischt, der ihrer
Einstellung zu den anderen Menschen etwas Vampyrhaftes verleiht“
(Abraham, S. 44).
Zeigen die Personen des ersten Typs eine gewisse Noblesse und
Großzügigkeit, zeigen sie sich heiter und umgänglich, so sind die
des zweiten Typus feindselig und bissig, reagieren auf eine Verweigerung
dessen, was sie haben wollen, mit Wut und sind auf alle, die
eS besser haben, von intensivem Neid erfüllt. Für den Soziologen
wichtig ist noch die von Abraham vermerkte Tatsache, daß Personen
mit oraler Charakterbildung leicht dem Neuen zugänglich sind,
„während zum analen Charakter ein konservatives, allen Neuerungen
feindliches Verhalten gehört . . .“
Die Analerotik fängt keineswegs erst nach der Oralerotik an,
eine Rolle zu spielen. Wohl schon von vornherein ist der ungehemmte
Austritt der Körperprodukte für das Kind mit einer lustvollen Reizung
der Mterschleimhaut verbunden. Ebenso sind die Produkte der Entleerung
selbst, ihr Anblick, ihr Geruch, die Berührung mit der Oberfläche
des Rumpfes und endlich das Berühren mit den Händen eine
Quelle intensiver Lustempfindungen. Das Kind ist stolz auf den Kot,
welcher sein erster „Besitz“, der Ausdruck seiner ersten Produktivität
ist. Eine wesentliche Veränderung bringt die etwa gleichzeitig mit
der Entwöhnung des Kindes von saugender Nahrungsaufnahme vor
sich gehende Erziehung zur körperlichen Reinlichkeit, für deren
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 261
Gelingen die sich allmählich ausbildende Funktion der Schließmuskeln
der Blase und des Darms die Voraussetzung bildet. Indem sich das
Kind den Forderungen der Erziehung anpaßt und lernt, seinen Stuhl
zurückzuhalten bzw. ihn zur rechten Zeit herzugeben, wird die
Retention des Stuhles und werden die damit verbundenen physiologischen
Vorgänge zu einer neuen Lustquelle. Gleichzeitig wird die
ursprüngliche Liebe zum Kot teilweise durch Ekelgefühle abgewehrt
bzw. ersetzt; teilweise wird allerdings durch das Verhalten der Umwelt
der primitive Stolz auf den Kot bzw. seine pünktliche Entleerung nur
noch vermehrt.
Ganz ebenso wie ein Teil der ursprünglichen oralen bleiben auch
die analen Impulse in einem gewissen Grade bis ins Leben des Erwachsenen
hinein erhalten. Diese Tatsache erkennt man leicht
an der relativ starken affektiven Reaktion vieler Menschen der analen
Beschimpfung oder der analen Zote gegenüber. Auch das besonders
unter allerhand Rationalisierungen auftretende liebevolle Interesse
für den eigenen Kot läßt die Reste der ursprünglichen Analerotik
deutlich erkennen. Normalerweise aber geht ein wesentlicher Teil
der analerotischen Strebungen in Sublimierungen und Reaktionsbildungen
auf. Diese Fortbildungen der ursprünglichen Analerotik
liegen in einer doppelten Richtung: einerseits in der charakterologischen
Fortsetzung der ursprünglichen Funktion, deren Ergebnis
die Lust bzw. Unfähigkeit am Behalten, Sammeln und Produzieren,
ferner Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Geiz sind; andererseits
in der Fortsetzung der ursprünglichen Liebe zum Kot, die sich
vor allem in der Liebe zum „Besitz“ äußert. Eine ganz besondere
Bedeutung kommt dem in dieser Periode sich ausbildenden Pflichtgefühl
zu. Die anale Entwöhnung ist eng geknüpft an das Problem
des „Müssens“ und „Sol1ens“ bzw. Nichtdürfens, und die klinische
Erfahrung zeigt, daß häufig besonders intensive Ausprägungen des
Pflichtgefühls auf diese frühe Periode zurückgehen.
Die der analen Periode zugeordneten Objektbeziehungen stehen
unter dem Zeichen wachsender Konflikte mit der Umwelt. Sie tritt
zum erstenmal mit Forderungen an das Kind heran, deren Erfüllung
sie mit Liebesprämien oder Strafen erzwingt. Nicht mehr die Lust
gewährende, gütige, spendende Mutter ist es, die dem Kind gegenübertritt,
sondern die Verzichte fordernde, strafende. Das Kind‘
reagiert entsprechend. Es verharrt einerseits in seiner narzistischen,
objektgleichgültigen Einstellung, die durch seine geringer werdende
körperliche Hilflosigkeit wie durch den wachsenden Stolz a.uf
262 Erich Fromm
seine eigenen Leistungen in gewisser Weise noch gesteigert wird,
andererseits wird seine objektfeindliche, trotzige, sadistische, die
Eingriffe in seine Privatsphäre böse abwehrende Einstellung erheblich
verstärkt.
Die Sublimierungen und Reaktionsbildungen der Analerotik und
die Fortsetzung der dieser Stufe typischerweise zugeordneten
Objektbeziehungen setzen die analen Charakterzüge zusammen,
wie sie in ihrem normalen oder pathologischen Vorkommen in
der psychoanalytischen Literatur geschildert werden. Es seien
hier nur einige für die Sozialpsychologie besonders wichtige erwähnt.
Die ersten charakterologischen Befunde Freuds haben wir schon
wiedergegeben: eine oft in Pedanterie übergehende Ordentlichkeit,
eine an Geiz grenzende Sparsamkeit und einen in Trotz übergehenden
Eigensinn. Diesen allgemeinen Zügen sind von einer Reihe psychoanalytischer
Autoren, vor allem von Jones und Abraham, viele
mehr ins Detail gehende hinzugefügt worden. Abraham weist
darauf hin, daß es‘ Überkompensierungen des ursprünglichen
Trotzes· gibt,
„unter welchen das trotzige Festhalten am primitiven SelbstbestimmUngs- .
recht verborgen liegt, bis es gelegentlich gewaltsam hervorbricht.. Ich
habe hier solche Kinder (und natürlich auch Erwachsene) im Auge, die sich
durch besond.ere Bravheit, Korrektheit, Folgsamkeit hervortun, ihre in
der Tiefe liegenden rebellischen Antriebe aber damit begründen, daß man
sie von früh auf unterdrückt habe“ (S. 9).
Mit diesem Stolz eng verbunden ist die zuerst von Sadger hervorgehobene
Vorstellung der Einzigartigkeit. („Alles, was nicht Ich
ist, ist Dreck. „) Solche Menschen empfinden nur Freude an einem
Besitz, wenn niemand anderes etwas Ähnliches hat. Sie haben die
Neigimg, alles im Leben als Eigentum anzusehen und alles „Private“
vor fremden Eingriffen zu schützen. Es handelt sich dabei keineswegs
nur um Geld und Besitz, sondern ebenso um Menschen wie um
Gefühle, Erinnerungen, Erlebnisse. Wie stark die dieses Besitzverhältnis
zur Privatsphäre verankernden libidinösen Regimgen sind,
erkennt man leicht an der Wut, mit der solche Menschen auf jeden
Eingriff in ihre Privatsphäre, ihre „Freiheit“ reagieren. Zu dieser
Betonung der Privatsphäre gehört die von Abraham erwähnte Empfindlichkeit
des analen Charakters gegen jeden äußeren Eingriff.
Niemand hat sich in „seine Angelegenheiten“ zu mischen. Verwandt
damit ist auch ein weiterer Zug, auf den J ones aufmerksam gemacht
hat: das eigensinnige ]j’esthalten an einer selbsterdachten Ordnung,
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 263
bzw. die Neigung, anderen eine solche Ordnung aufzuzwingen 1).
Solche Menschen zeigen dann auch häufig eine überstarke Lust am
Rubrizieren, am Aufstellen von Tabellen und Plänen. Von besonderer
Wichtigkeit ist die von Abraham betonte Tatsache, daß beim analen
Charakter die unbewußte Tendenz vorliegt, die Analfunktion als
wichtigste produktive Tätigkeit und als der genitalen überlegen anzusehen.
Geldverdienen, Sammeln, das Aufhäufen von Kenntnissen
(ohne ihre produktive Verarbeitung) sind Aus<huck dieser Einstellung
2). Zu dieser Hochschätzung der analen, sammelnden Produktivität
tritt als charakteristisch die Hochschätzung des Gesammelten,
des Besitzes. Abraham sagt darüber:
„In ausgeprägten Fällen von analer Charakterbildung werden nahezu
alle Lebensbeziehungen unter den Gesichtspunkt des Habens (Festhaltens)
und Gebens, also des Besitzes, gestellt. Es ist, als wäre der Wahlspruch
mancher solcher Menschen: wer mir gibt, ist mein Freund; wer etwas von
mir verlangt, ist mein Feind“ (S. 20f.).
Nicht anders ist es mit den Liebesbeziehungen. Gewöhnlich ist beim
analen Charakter das genitale Bedürfnis und die genitale Befriedigung
mehr oder weniger eingeschränkt; häufig ist diese Einschränkung mit
moralischen Rationalisierungen oder auch Ängsten verknüpft. Soweit
die Liebe eine Rolle spielt, hat sie typische Züge. Eine Frau wird nicht
geliebt, sondern „besessen“, und es herrscht dem „Liebes“objekt
gegenüber dieselbe Gefühlseinstellung wie anderen Gegenständen des
Besitzes gegenüber, also die Tendenz, entweder möglichst viel oder
möglichst ausschließlich zu besitzen. Die erste Einstellung führt zum
Typ scheinbar sehr liebesfähiger Menschen, deren Liebe im Grunde
doch nur eine Art Sammeltrieb ist, und die zweite zum Typ des extrem
Eifersüchtigen und auf „Treue“ Bedachten, Ein besonders schönes
Beispiel des ersten Typs bot mir ein Analysand, der ein Buch hatte,
in dem er die Andenken an jede Begegnung mit einer Frau sammelte,
1) „Eine Mutter verfaßt ein schriftliches Programm, in welchem sie
ihrer Tochter den Tag in minutiöser Weise einteilt. Für den frühen Morgen
enthält es z, B. die Anweisung: 1. Aufstehen, 2. ,Töpfchen, 3. Händewaschen
usw. Am Morgen klopft sie von Zeit zu Zeit an die Tür und fragt
die Tochter: wie weit bist du? Diese hat dann zu antworten ,9′ oder ,15′
usw., so daß die Mutter eine genaue Kontrolle über die Einhaltung des
Planes hat“ (Abraham, a. a. O. S. 12).
2) „Solche Personen lieben‘ es, Geld oder Geldeswert zu schenken;
manche unter ihnen werden Mäzene oder Wohltäter. Doch bleibt ihre
Libido den Objekten mehr oder weniger fern, und so ist auch ihre Arbeitsleistung
nicht im wesentlichen Sinne produktiv. Es fehlt ihnen keineswegs
an Ausdauer – einem häufigen Kennzeichen des analen Charakters -,
aber sie wird zu einem guten Teil in unproduktivem Sinne verwandt, etwa
an pedantische Einhaltung festgesetzter Formen verschwendet, so daß in
ungünstigen Fällen das sachliche Interesse dem formalen erliegt“ (Abraham,
8. 8. 0., S. 18.).
264 Erich Fromm
also gebrauchte Theaterbillette, Programme, aber auch Korrespondenz
einklebte. Eng verknüpft mit dieser Einstellung ist der intensive
Neid, den man bei vielen Menschen mit analem Charakter findet.
Sie erschöpfen oft ihre Kraft nicht in eignen produktiven Leistungen,
sondern im Neid auf die Leistung und vor allem dem Besitz anderer.
Dies führt zur Erwähnung eines der klinisch wie soziologisch wichtigsten
analen Charakterzüge: des besonderen Verhältnisses zum Geld,
d. h. vor allem der ,Sparsamkeit und des Geizes. Gerade dies hat eine
besonders ausgiebige Bestätigung durch die analytischen Erfahrungen
erhalten und ist ausführlich in der psychoanalytischen Literatur
erörtertl). Sparsamkeit und Geiz beziehen sich durchaus nicht nur
auf Geld oder Geldeswert. Auch Zeit und Kraft werden ganz analog
behandelt und jede Zeit- und Kraftverschwendung wird verabscheut
2). Bemerkenswert ist, daß diese analen Tendenzen reichlich
‚) Hier nur einige spezielle Hinweise Abrahams: „Es gibt Fälle, in
welchen der Zusammenhang zwischen absichtlicher Stuhlverhaltung
und systematischer Sparsamkeit offen zutage liegt. Ich erwähne hier das
Beispiel eines reichen Bankiers, der seinen Kindern immer wieder einschärfte,
sie sollten den Darminhalt so lange wie nur möglich bei sich
behalten, damit die teure Nahrung bis zum äußersten ausgenützt werde. –
Sodann ist auf die Tatsache zu verweisen, daß manche Neurotiker ihre
Sparsamkeit bzw. ihren Geiz auf gewisse Arten von Ausgaben beschränken,
in anderen Beziehungen dagegen mit auffälliger Bereitwilligkeit Geld verausgaben.
So gibt es unter unseren Patienten solche, die jede Allsgabe für
„Vergängliches“ meiden. Ein Konzert, eine Reise, der Besuch einer Ausstellung
sind mit Kosten verbunden, für welche man keinen bleibenden
Besitz eintauscht. Ich kannte jemanden, der den Besuch der Oper aus
solchem Grunde mied;. er kaufte sich aber Klavierauszüge der Opern,
welche er nicht gehört hatte, weil er auf diese Weise etwas „Bleibendes“
erhielt. Manche solche Neurotiker vermeiden auch gern die Ausgaben für
das Essen, weil man es ja doch nicht als bleibenden Besitz behält. Bezeichnenderweise
gibt es einen anderen Typus, der bereitwillig Ausgaben
für die Ernährung macht, die bei ihm ein überwertiges Interesse darstellt.
Es handelt sich um Neurotiker, die ihren Körper beständig sorgsam überwachen,
ihr Gewicht prüfen usw. Ihr Interesse ist der Frage zugewandt,
was von den eingeführten Stoffen ihrem Körper als dauernder Besitz bleibt.
Bei dieser Gruppe ist es evident, daß sie Körperinhalt mit Geld identifiziert.
– In anderen Fällen finden wir die Sparsamkeit in der gesamten Lebensweise
streng durchgeführt; in einzelnen Beziehungen wird sie aber auf die
Spitze getrieben, ohne daß eine praktisch nennenswerte Ersparnis an Material
erzielt wird. Ich erwähne einen geizigen Sonderling, der im Hause mit offenstehender
. Hose herumlief, damit die Knopflöcher nicht so schnell abgenutzt
würden. Es ist leicht zu erraten, daß hier noch andere Antriebe mitwirkten.
Doch bleibt es charakteristisch, wie diese sich hinter der anal
bedingten Spartendenz verbergen können; so sehr wird diese als wichtigstes
Prinzip anerkannt. Bei manchen Analysanden finden wir eine auf den
Verbrauch von Klosettpapier spezialisierte Sparsamkeit; hier wirkt die
Scheu, Reines zu beschmutzen, als determinierend mit“ (S. 22, 23).
2) „Viele Neurotiker sind in beständiger Sorge vor Zeitverlusten. Nur
die Zeit, welche sie allein mit ihrer Arbeit verbringen, erscheint ihnen
wohl ausgenützt. Jede Störung in ihrer Tätigkeit versetzt sie in höchste
Reizbarkeit. Sie hassen Untätigkeit, Vergnügungen usw. Es sind die
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 265
rationalisiert zu werden pflegen, vor allem natürlich mit ökonomischen
Erwägungen, fernerhin, daß man häufig neben besonderer Reinlichkeit,
Sparsamkeit, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit Durchbrüche gerade der
entgegengesetzten, durch diese Reaktionsbildungen abgewehrten
Züge findet. Wegen seiner sozialpsychologischen Bedeutung sei endlich
noch das von Abraham hervorgehobene, für den analen Charakter
typische Bedürfnis nach Symmetrie und „gerechtem Ausgleich“
erwähnt.
Die genitale Sexualität hat eine für die Charakterbildung
prinzipiell andere Bedeutung als die orale und anale. Während diese
nur in relativ geringem Ausmaß auch noch über die erste Kindheitsperiode
hinaus in direkter Form weiterbestehen können und ihre Hauptverwendung
im späteren Leben gerade in den Sublimierungen und
Reaktionsbildungen finden, ist die genitale Sexualität in erster Linie
dazu bestimmt, eine direkte körperliche Abfuhr zu erhalten. So
einfach es ist, das Sexualziel der genitalen Sexualität zu beschreiben,
so schwierig ist etwas über die spezifischen genitalen Charakterzüge
auszusagen. Es ist wohl richtig, daß die der genitalen Sexualität
zugeordnete Objektbeziehung eine objektfreundliche, relativ ambivalenzfreie
ist 1); es darf allerdings nicht vergessen werden, daß der
physiologisch normale Sexualakt keineswegs notwendigerweise eine
entsprechende, d. h. liebende psychische Haltung involviert. Er kann,
psychologisch gesehen, vorwiegend narzistisch oder sadistisch erlebt
sein. Fragt man nach den charakterologisch wichtigen Reaktionsbildungen
und Sublimierungen der genitalen Sexualität, so scheint
uns als Reaktionsbildung in erster Linie die Willensbildung wichtig.
Bei den Sublimierungen halten wir es aber für nötig, zwischen
männlicher und weiblicher Sexualität zu unterscheiden. (Wobei
nicht zu vergessen ist, daß in jedem IndiViduum männliche und
weibliche Sexualstrebungen vorhanden sind. V gl. Freuds Bemerkungen
in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Leipzig
1923, S. 16f. Anmerkung.) Von ihren Sublimierungen ist noch sehr
wenig bekannt. Vielleicht darf man vermuten, daß die Sublimierung
der männlichen Sexualität vorwiegend in der Richtung des geistigen
gleichen Menschen, die zu den von Ferenczi beschriebenen „Sonntagsneurosen“
neigen, das heißt keine Unterbrechung ihrer Arbeit vertragen.
Wie jede neurotisch übertriebene Tendenz ihr Ziel leicht verfehlt, so geschieht
es auch oftmals dieser. Die Patienten ’sparen oft Zeit im kleinen
und verlieren sie im großen“ (Abraham, S. 23).
1) Es erhebt sich hier das zentrale, von der Psychoanalyse bisher wenig
erörterte Problem der Psychologie der Liebe.
266 Erich Fromm
Eindringens, Zeugens, Ordnens, die der weiblichen Sexualität in
der Richtung des Aufnehmens, Bergens, Produzierens und in der
Richtung der bedingungslosen mütterlichen Liebe liegtl).
Die· hier skizzenhaft wiedergegebene psychoanalytische Theorie
der Entwicklung der Sexualität und der Objektbeziehungen ist ein
noch rohes und in vieler Beziehung hypothetisches Schema, an dem
die analytische Forschung noch manche wichtige Punkte zu ändern
und in das sie sehr viele neue einzutragen haben wird. Sie ist aber ein
Ausgangspunkt, der das Verständnis der triebhaften Hintergründe der
Charakterzüge ermöglicht und den Zugang zu einer Erklärung der
Entwicklung des Charakters eröffnet.
Diese Entwicklung bedingen zwei Faktoren, die in verschiedener
Richtung wirksam sind. Einmal ist es die körperliche Reifung des
Individuums: vor allem das Wachstum der genitalen Sexualität und
die physiologisch relativ geringer werdende Rolle der oralen und analen
Zone, aber auch die Reifung der Gesamtpersönlichkeit und die damit
verknüpfte geringere Hilflosigkeit, die eine objektfreundliche, liebende
Haltung ermöglichen. Der zweite, die Entwicklung vorwärtstreibende
Faktor wirkt von außen auf das Individuum ein; es sind die gesellschaftlichen,
zunächst und am eindrucksvollsten durch die Erziehung
vermittelten Regeln, die die Verdrängung der prägenitalen Sexualstrebungen
bis zu einem hohen Grade verlangen und so gleichsam
der genitalen Sexualität den Vormarsch erleichtern .
. Dieser Vormarsch gelingt aber häufig nur unvollkommen, und die
prägenitalen Positionen bleiben oft in direkter oder sublimierter
Form überdurchschnittlich stark bestehen. Für ein überdurchschnittlich
starkes Erhaltenbleiben prägenitaler Strebungen gibt es grunde
sätzlich zwei Ursachen: entweder eine Fixierung, d. h. durch besonders
starke Befriedigungs- oder Versagungserlebnisse in der
Kindheit blieben die prägenitalen Wünsche gegen die Entwicklung
resistent und erhielten sich in besonderer Stärke; oder eine Regression,
d. h. nachdem die normale Entwicklung beendet ist, führt eine
besonders starke innere oder äußere Versagung zu einer Abwendung
von der Liebe, einem Rückzug von der Genitalität zu jenen älteren
prägenitalen Organisationsstufen der Libido. In der Wirklichkeit
wirken gewöhnlich Fixierung und Regression zusammen, d. h. eine
gewisse Fixierung stellt eine Disposition dar, die im Falle einer Ver-
1) Die hier angerührten Probleme führen zu Fragen, die innerhalb
der Psychoanalyse teils noch unerörtert, teils umstritten sind und d~ren
nähere Diskussion wir uns an dieser Stelle versagen müssen.VgI .. Reich. Der
genitale und der neurotische Charakter. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1929.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 267
sagung relativ leicht eine Regression auf die fixierte TriebStufe zur
Folge hat.
Die psychoanalytische Charakterologie kann nicht nur durch den
Nachweis der libidinösen Grundlagen der Charakterzüge deren dynamische
Funktion als Produktivkraft in der Gesellschaft verstehen
lassen, sie bildet andererseits auch den Ansatzpunkt für eine Sozialpsychologie,
die aufzeigt, daß die für eine Gesellschaft typischen, durchschnittlichen
Charakterzüge ihrerseits durch die Eigenart dieser Gesellschaft
bedingt sind. Diese soziale Beeinflussung der .Charakterentwicklung
geht zunächst und vor allem durch das Hauptmedium, durch
das sich die psychische Formung des einzelnen im Sinne der Gesellschaft
vollzieht, vor sich: durch die Familie. In welcher Weise und
mit welcher Stärke bei einem Kind gewisse prägenitale Strebungen
unterdrückt oder verstärkt werden, in welcher Weise es zu Sublimierungen
oder Reaktionsbildungen angeregt· wird, hängt wesentlich
von der Erziehung ab, die ihrerseits der Ausdruck der psychischen
Struktur der Gesellschaft ist. Aber über die Kindheit hinaus wirkt
die Gesellschaft auf die Ausbildung des Charakters ein. Für diejenigen
Charakterzüge, die innerhalb einer bestimmten Wirtschaftsund
GesellschaftsstruktUl‘ bzw. innerhalb einer bestimmten Klasse
am brauchbarsten sind, die ein Individuum am meisten innerhalb
dieser Gesellschaft fördern, besteht etwas, was wir als „soziale
Prämie“ bezeichnen möchten und was bewirkt, daß sich der Charakter
der „normalen“, d. h. in dieser Gesellschaft als „gesund“ geltenden
Menschen im Sinne der Struktur dieser Gesellschaft anpaßtl). Der
Charakter entwickelt sich also im Sinne der Anpassung der libidinösen
Struktur – zunächst durch das Medium der Familie, dann unmittelbar
im gesellschaftlichen Leben -. an die jeweilige geseJlschaftliche
Struktur. Eine ganz besondere Rolle spielt hierbei die Sexualmoral
einer Gesellschaft. Es wurde gezeigt, daß die prägenitalen Strebungen
zum entscheidenden Teil in der genitalen Sexualität aufgehen. In
dem Maße, in dem innerhalb einer Gesellschaft die herrschende Sexualmoral
die genitale Sexualbefriedigung hemmt, muß eine Verstärkung
der prägenitalen Strebungen bzw. der aus ihnen formierten Charakter-
1) Die Unterscheidung zwischen „normalen“ und „neurotischen“
Charakterzügen ist selbst weitgehend von gesellschaftlichen Faktoren
bedingt und läßt sich eigentlich immer nur mit Bezug auf eine ganz bestimmte
Gesellschaft treffen, wo eine dieser Gesellschaft nicht angepaßte
Charakterstruktur eben krankhaft ist. Der Charakter eines kapitalistischen
Kaufmanns des 19. Jahrhunderts wäre jedenfalls einer feudalen Gesellschaft
recht „krank“ erschienen und umgekehrt.
268 Erich Fromm
züge eintreten. Durch die Verschärfung des Verbots genitaler Befriedigung
wird das Zurückströmen der Libido zu den prägenitalen
Positionen und damit das verstärkte Auftreten oraler und analer
Charakterzüge im gesellschaftlichen Leben erreicht .
. Da die Charakterzüge in der libidinösen Struktur verankert sind,
zeigen sie auch eine relative Stabilität. Sie bilden sich zwar im Sinne
der Anpassung an die gegebenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse aus, aber sie verschwinden nicht ebenso rasch,
wie sich diese Verhältnisse ändern. Die libidinöse Struktur, aus der
sie erwachsen, hat eine gewisse Trägheit und Schwerkraft, und es
bedarf erst wieder eines lang dauernden neuen Anpassungsprozesses
an neue ökonomische Bedingungen, bis eine entsprechende Veränderung
der libidinösen Struktur und der aus ihr erwachsenden
Charakterzüge erfolgt. Hierin liegt ein Grund, warum der ideologische
Überbau, der auf den für eine Gesellschaft typischen Charakterzügen
basiert, sich langsamer verändert als der ökonomische Unterbau.
Die Anwendung der psychoanalytischen Charakterologie auf soziologische
Probleme soll hier an einem konkreten Beispiel versucht
werden. Jedoch handelt es sich dabei vor allem um einen Hinweis
auf den zu beschreitenden Weg, nicht aber um die endgültige Beantwortung
des als Beispiel gewählten Themas.
Hierfür scheint das Problem des „Geistes“ des Kapitalismus,
der seelischen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft, aus zwei
Gründen besonders geeignet zu sein: einmal weil der Teil der psychoanalytischen
Charakterologie, der am meisten zum Verständnis des
bürgerlichen Geistes heranzuziehen sein wird, die Theorie von den
analen Charakterzügen, der relativ ausführl~chste und gesichertste
ist; zum andern weil über dieses Problem eine relativ große soziologische
Literatur und Kontroverse besteht, die die Heranbringung
eines neuen Gesichtspunktes, eben des psychoanalytischen, besonders
empfiehlt.
Unter „Geist“ des Kapitalismus bzw. der bürgerlichen Gesellschaft
verstehen wir die Summe der für die Menschen dieser Gesellschaft
typischen Charakterzüge, wobei das entscheidende Gewicht
auf den durch diese Charakterzüge repräsentierten libidinösen Strebungen,
d. h. also auf der dynamischen Funktion des Charakters
liegt. Charakter wird hier von uns allerdings in einem sehr weiten
Sinn gebraucht, und die Definition, wie sie Sombart1) vom „Geist“
einer Wirtschaft gibt, würde im großen und ganzen auch von uns
1) Der Bourgeois, München u. Leipzig 1913. S. 2.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 269
verwandt werden könne~. Er nennt den „Geist“ einer Wirtschaft
„die Gesamtheit seelischer Eigenschaften, die beim Wirtschaften
in Betracht kommen. Alle Äußerungen des Intellekts, alle Charakterzüge,
die bei wirtschaftlichen Strebungen zutage treten, ebenso
aber auch alle Zielsetzungen, alle Werturteile, alle Grundsätze, von
denen das Verhalten des wirtschaftenden Menschen bestimmt und
geregelt wird“. Insoweit es sich. aber‘ nicht nur um den Geist
der Wirtschaft im engeren Sinn, sondern um den „Geist“ der
Gesellschaft, bzw. einer Klasse handelt, werden wir nicht
nur die Züge untersuchen, die „beim Wirtschaften“ in Frage
kommen, sondern nach den typischen seelischen Eigenschaften
des Individuums dieser Klasse oder Gesellschaft fragen, das ja
dasselbe ist, ob es wirtschaftet oder nicht. Auch unterscheiden
wir uns von Sombarts Begriff des „Geistes“ dadurch, daß es
uns nicht auf die „Grundsätze, Werturteile“ usw. als solche ankommt,
sondern auf die Charakterzüge, deren rationalisierter Ausdruck
sie sind.
Ganz ausscheiden wollen wir den Zusammenhang des bürgerlichen
Geistes mit dem Protestantismus und den protestantischen Sekten.
Dieses Problem ist so komplex, daß schon seine flüchtige Erörterung
hier viel zu weit führen würde. Ebensowenig kann die Frage
nach den ökonomischen Ursachen der kapitalistischen Gesellschaft
hier berührt werden. Einerseits würde dies ebenfalls den
Rahmen dieser illustrierenden Ausführungen sprengen, andererseits
ist die vorübergehende Vernachlässigung methodisch zulässig, wenn
man nur die Eigenart des „Charakters“ einer Gesellschaft beschreiben
und untersuchen will, wie der Charakter als Ausdruck einer bestimmten
„libidinösen Struktur“ der Gesellschaft selbst als Produktivkraft
an deren Entwicklung Anteil hat. Eine ausgeführte sozialpsychologische
Untersuchung müßte von der Darstellung der ökonomischen
Tatsachen ausgehen und zunächst aufzeigen, wie sich die libidinöse
Struktur gerade diesen Tatsachen anpaßt. Endlich dürfen wir uns
auch nicht mit der sehr komplizierten und umstrittenen historischen
Frage beschäftigen, von wann an man eigentlich von einem Kapitalismus
und kapitalistisch-bürgerlichem Geist sprechen kann. Es soll
vielmehr davon ausgegangen werden, daß es einen solchen Geist,
der gewisse einheitliche Züge trägt, gibt, gleichgültig, ob wir
ihn, wie Sombart meint, am frühesten schon um die Wende des
14. Jahrhunderts in Florenz treffen, oder im England des
17. Jahrhunderts, ob bei Defoe, Benjamin Franklin, Carnegie
270 Erich Fromm
oder einem durchschnittlichen deutschen Kaufmann des 19. Jahrhundertsl
).
Die Eigenart des kapitalistisch-bürgerlichen Geistes läßt sich zunächst
am leichtesten negativ beschreiben, durch das, was er im Vergleich
mit dem vorkapitalistischen Geist, etwa dem des Mittelalters,
nicht hat: Lebensglück und Lebensgenuß ist für die bürgerliche Psyche
nicht mehr selbstverständlich bejahter Zweck, dem das Handeln und
speziell das wirtschaftliche dient. Es ist dabei zunächst gleichgültig,
ob es sich um den weltlichen Lebensgenuß, den die seigneurale Lebensführung
der feudalen Klasse gewährt, handelt oder um die „Seligkeit“,
die die Kirche der Masse versprach, oder auch um den relativen Genuß,
den die Masse durch prunkvolle Feste, herrliche Gebäude und
Bilder und viele Feiertage erhielt. Immer ist Anspruch auf Glück,
Seligkeit, Genuß oder wie man es sonst bezeichnet, das selbstverständliche
Recht des Menschen und der selbstverständliche Zweck wirtschaftlichen
wie außerwirtschaftlichen Verhaltens.
Der bürgerliche Geist bringt hierin eine entscheidende und gar
nicht zu übersehende Änderung: das Glück hört auf, selbstverständlicher
Zweck des Lebens zu sein, und etwas anderes nimmt die oberste
Stelle der Werte ein: die Pflicht. Kraus stellt diesen Punkt als einen
der wichtigsten Unterschiede zwischen der scholastischen und calvinistischen
Einstellung heraus. „Was Calvins Arbeitsethos vom scholastischen
streng unterscheidet, ist die Ausschaltung der Zwecksetzung
und die Betonung eines formalen Berufsgehorsams, dem das
Material, an dem es sich betätigt, völlig indifferent ist, der mit
eherner Disziplin nur eines befiehlt: aus Gesinnungsgehorsam zu
handeln“ (S. 245). Bei aller sonstigen Polemik gegen Max Weber
erklärt Kraus: „Hier hat Weber gewiß recht, wenn er sagt, ,daß die
Schätzung der ?flichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als des
höchsten Inhalts, den die sittliche Selbstbetätigung überhaupt annehmen
kann‘ (Weber, Ges. Aufsätze über Reijgionssoziologie,
S. 63f.), der alten Kirche wie dem Mittelalter unbekannt waren.“ Die
Einschätzung der Pflicht (an Stelle von Glück oder Seligkeit) als
obersten Wertes zieht sich vom Calvinismus durch das ganze bürgerliche
Denken, ob nun theologisch oder wie immer rationalisiert.
1) Vgl. insbesondere: Sombart, Der Bourgeois, München 1913;
Max Weber, Gas. Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd.1. Tübingen 1920;
Tawney, Religion and theRise of Capitalism, London 1927; Brentano,
Die Anfänge des modernen Kapitalismus, München_1916; Troeltsch, Die
Soziallehren der christlichen Kirche. Ges. Sehr. Bd. I, Tübingen 1919;
Kraus, Scholastik, Puritanismus und Kapitalismus, München und Leip.
zig 1930. (Vgl. bei diesem auch die ausführlichen Literaturangaben.)
Die psychoanalytische Char&kterologie und ihre Bedeutung usw. 271
Mit dem in den Mittelpunkt Treten des Pflichtbegriffs geht eine
andere Veränderung einher: man wirtschaftet nicht mehr um des
(standesgemäßen) Lebensunterhalts willen, sondern Besitzen und
Sparen werden, unabhängig von dem Genuß des Erworbenen, zu
ethischen Forderungen bzw. zu an sich lustvollem Verhalten. In
der einschlägigen Literatur ist hierüber soviel Material beigebracht
worden, daß wir uns hier mit ganz wenigen beispielhaften Andeutungen
begnügen können.
Sombart zitiert als besonders eindrucksvoll für diese neue Bewertung
des Sparens einige Stellen aus Albertis Familienbüchern:
„Wie vor jedem Todfeind hüte man sich vor überflüssigen Ausgaben.“
„Jede Ausgabe, die nicht ullbedingt nötig ist (molto necessano), kann nur
aus Verrücktheit gemacht werden (da pozzia).“ „Ein so schlechtes Ding
die Verschwendung ist, so gut, nützlich und lobenswert ist die Sparsam.
keit.“ „Die Sparsamkeit schadet niemand, sie nützt der Familie.“ „Heilig
ist die Sparsamkeit.“ „Weißt du, welche Leute mir am besten gefallen?
Diejenigen, die für das Nötigste ihr Geld ausgeben und nicht mehr; den
Uberfluß heben sie auf; diese nenne ich sparsam, gute Wirte (massai).“
(L. B. Alberti, I libri della famiglia editi da Givolamo Mangini, Firenze 1908,
zit. bei Sombart, a. a. O. S. 140.)
Alberti predigte aber auch die Ökonomie der Kräfte:
„Die eciiteMaserizia soll sich auf das Haushalten mit drei Dingen, die
unser sind, erstre~en: 1. unsere Seele, 2. unseren Körper, 3. – vor allemunsere
Zeit!“ “ m von dem so kostbaren Gute, der Zeit, nichts zu ver·
lieren, stelle ich m·r diese Regel auf: nie bin ich müßig, ich fliehe den Schlaf
und lege mich ers nieder, wenn ich vor Ermattung umsinke … Ich ver·
.fahre also so: ich fliehe den Schlaf und die Muße, indem ich mir etwas
vornehme. Um alles in guter Ordnung zu vollbringen, was vollbracht
werden muß, mache ich mir morgens, wenn ich aufstehe, einen Zeitplan:
was werde ich heute zu tun haben? Viele Dinge: ich werde sie aufzählen,
denke ich, und jeder weise ich dann ihre Zeit zu: dieses tue ich heute, das
nachmittags, das heute abend; und auf diese Weise vollbringe ich meine
Geschäfte in guter Ordnung fast ohne Mühe . .. Abends überdenke ich
mir alles, ehe ich mich zur Ruhe lege, was ich getan habe. .. Lieber will
ich den Schlaf verlieren als die Zeit.“ (Zit. bei Sombart, a. a. O. S. 142/43).
Denselben Geist atmet die puritanische Ethik (vgl. Kraus a. a. O.
S. 259), denselben Geist die Lebensregeln Benjamin Franklins sowohl
wie des Bürgers des 19. Jahrhunderts.
Eng verwandt mit dieser Einstellung zum Eigentum ist ein weiterer
für den bürgerlichen „Geist“ charakteristischer Zug: die Bedeutung
der Privatsphäre. Ganz unabhängig vom Inhalt, der materieller
wie seelischer Art sein kann, ist die Privatsphäre etwas Heiliges, ein
Eingriff in sie ist eines der elementaren Verbrechen. (Die starken
Affekte gegen den Sozialismus, deren Ursprung auch bei vielen Besitzlosen
sonst nicht verständlich wäre, kommen zum Teil daher,
daß er eine Bedrohung der Privatsphäre bedeutet.)
272 Erich Fromm
Welches sind die für den „Geist“ des bürgerlichen Kapitalismus
charakteristischen Objektbeziehungen 1
Am auffälligsten ist die Einschränkung des sexuellen Genusses,
den die bürgerliche Sexualmoral vornimmt. Gewiß ist auch die katholische
Moral nioht genußbejahend, aber es ist gar kein Zweifel, daß die
Lebenspraxis der bürgerlich-protestantischen Welt in diesem Punkte
eine ganz andere war als die vorbürgerliche. Eine Gesinnung, wie sie
klassisch bei Franklin in seiner Tugendaufstellung zum Ausdruck
kommt, ist eben nicht nur eine ethische Norm, sondern eine Widerspiegelung
der bürgerlichen Praxis. Franklin sagt dort unter Punkt 12
über Keuschheit: „Fleischeslust genieße selten, außer um der Gesundheit
oder der Nachkommen halber, nie bis zur Ermattung oder Schwächung,
noch auch zum Schaden deines eigenen oder fremden Friedens
und Rufes“!).
Der Entwertung des sexuellen Genusses als solchem entspricht die
Verdinglichung aller menschlichen Beziehungen innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft. Die Beziehungen der Menschen werden wesentlich
nicht mehr von der Liebe gestaltet, sondern von rationalen Erwägungen.
Speziell die Liebesbeziehungen . sind weitgehend wirtschaftlichen
Gesichtspunkten untergeordnet. Zu der für die bürgerliche
Epoche charakteristischen Verdinglichung kommt weiterhin die
Gleichgültigkeit gegen das Schicksal der Nebenmenschen, die für die
Beziehung der Menschen der bürgerlichen Welt charakteristisch ist.
Nicht daß man in der vorbürgerlichen Epoche nicht oder auch nur
weniger grausam gewesen wäre, aber die bürgerliche Indifferenz hat
eine bestimmte, für sie spezifische Nuance: das Fehlen der Verantwortung
eines jeden für das Los aller 2), einer verpflichtenden, dem Mitmenschen
als solchem geltenden, nicht an Bedingungen geknüpften
liebenden Einstellung.
Einen klassischen Ausdruck findet diese Gleichgültigkeit in der
Definition, die Defoe von den Armen gibt 3). „Unter Armen verstehe
ich eine Menge jammernder, unbeschäftigter und unversorgter Leute,
welche für die Nation eine belastende Unannehmlichkeit sind
1) Dr. Benjamin Franklins Leben, aus dem Englischen übersetzt,
Weimar 1818, 1. Teil, S. 113f ..
‚) Unter den Tugenden, die Franklin für die wichtigsten hält (Mäßigkeit,
Schweigsamkeit, Ordnung, Entschlossenheit, Sparsamkeit, Betriebsamkeit,
Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Reinlichkeit, Ruhe, Keuschheit
und die später noch hinzugefügte (!) Demut) kommt die Caritas, Liebe oder
Güte charakteristischerweise überhaupt nicht vor.
8) Defoe, Giving Alms no Charity, London 1704, S. 426; zit. bei Kraus
a. a. O. S. 283.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 273
und eigener Gesetze bedürfen.“ Daß die Praxis des Kapitalismus,
besonders im 1-8. und 19. Jahrhundert, dieser Gesinnung entsprach,
ist bekannt. Aber auch im Urteil über den Tabaktrust in den Vereinigten
Staaten aus dem Jahre 1911 wird dieselbe Gesinnung festgestellt.
„Im Felde der Konkurrenz wurde jedes menschliche Wesen
… unbarmherzig beiseite geschobenl ).“ Die Lebensgeschichte der
großen amerikanischen Wirtschaftsführer des 19. Jahrhunderts bietet
eine einzige Illustration zu dieser Feststellung. Diese Mitleidslosigkeit
erscheint im Bewußtsein des bürgerlichen Geistes keineswegs als etwas
Unethisches. Im Gegenteil, sie ist verankert in bestimmten religiösen,
bzw. ethischen Vorstellungen. An Stelle der für den im Schoß der
Kirche Geborgenen garantierten Seligkeit wird das Glück in der
bürg~rlichen Anschauung die Belohnung getaner Pflicht, eine Auffassung,
die durch die Konstruktion unterstützt wird, daß im Kapitalismus
der „Tüchtige“ unbeschränkte Erfolgsmöglichkeiten hat.
Diese Mitleidslosigkeit des bürgerlichen „Charakters“ stellt eine notwendige
Anpassung an die ökonomische Struktur des Kapitalismus
dar. Das Prinzip der freien Konkurrenz und der durch sie vor sich
gehenden Auslese verlangt Individuen, die nicht durch Mitleid im
wirtschaftlichen Handeln gehemmt werden, und läßt die a;m wenigsten
„Mitleidigen“ zu den Erfolgreichsten werden.
In unserer Aufzählung der spezifisch bürgerlichen Charakterzüge
bedarf endlich noch einer der Erwähnung, auf dessen Wichtigkeit
ausführlich von den verschiedensten Autoren hingewiesen worden ist:
die Rationalität und Rechenhaftigkeit des bürgerlichen Geistes. Es
scheint uns, daß diese spezifisch bürgerliche Rationalität, die ja nicht
identisch ist mit einer hohen Stufe rationaler Aufhellung überhaupt,
weitgehend mit dem zusammenfällt, was man, unter einer rein psychologischen
Kategorie, als „Ordentlichkeit“ bezeichnen könnte. Die
Lebensgeschichte Franklins ist ein typisches Beispief dieser spezifisch
bürgerlichen „Ordentlichkeit“ und Rationalität2).
1) Zitiert bei Sombart, a. a. 0. S. 234.
l) Einen schönen Ausdruck findet diese „Ordentlichkeit“ in dem Tagesplan,
den sich FrankIin selbst gemacht hat und den er in seinen Lebens·
erinnerungen beschreibt (0.. 0.. 0. S. 118ff.): „Du. das Gebot der Ordnung
erforderte, daß jeder Teil meines Geschäftes seine angewiesene Zeit habe, so
enthielt eine Kolumne meines Büchleins folgenden Entwurf zum Gebrauch
der vierundzwanzig Stunden eines natürlichen Tages.
Früh.
Fr. Was habe ich
heute Gutes zu
tun ?
Entwurf.
(5) } Aufstehen, waschen, an die mächtige Gottheit
(6) mich wenden; an mein Tagewerk gehen und
(7) meinen Vorsatz für heute zu fassen, die
jetzigen Studien fortsetzen u. frühstücken.
274 Erich Fromm
Es kam uns darauf an, auf einige wichtige, für den bürgerlichkapitalistischen
Geist typische Charakterzüge hinzuweisen.
Als die Hauptcharakterzüge des bürgerlichen Geistes glaubten wir
annehmen zu dürfen: einerseits die Einschränkung des Genusses als
Selbstzwecks (speziell der Sexualität), den Rückzug von der Liebe und
die Ersetzung dieser Positionen durch die lustvolle Rolle des Sparens,
Sammelns und Besitzens als Selbstzweck, der Pflichterfüllung als
obersten Wertes, der rationalen „Ordentlichkeit“ und der mitleidslosen
Beziehungslosigkeit zum Mitmenschen.
Vergleichen wir diese Charakterzüge mit den oben dargestellten
typischen Zügen des analen Charakters, so fällt ohne weiteres auf, daß
hier eine weitgehende Übereinstimmung vorzuliegen scheint. Wenn
diese Übereinstimmung tatsächlich zutrifft, so wäre die Annahme
gerechtfertigt, daß die für den Menschen der bürgerlichen Gesellschaft
typische libidinöse Struktur durch eine Verstärkung der
analen Libidiposition charakterisiert ist. Eine ausgeführte Untersuchung
hätte also eine unter psychoanalytischen Kategorien zureichende
Beschreibung der bürgerlich-kapitalistischen Charakterzüge
zu geben, dann aufzuzeigen, wie und inwiefern sich diese
Charakterzüge im Sinne der Anpassung an die Erfordernisse der
kapitalistischen Wirtschaftsstruktur entwickelt hab~n und inwiefern
andererseits die den Charakter formierende Analerotik selbst zu
Mittag.
Nachmittag.
Abend.
Fr. Was habe ich
Gutes getan T
Nacht.
(8)
~~q Arbeiten
(11)
(12)} Lesen oder meine Rechnungen durchsehen und
(I) essen.
(2)
((34)) } Arbe .l ten
(5)
(6)
(7) } Sachen an Ort gelegt. Abendessen, Musik,
(8) Zerstreuung, Gespräch, Prüfung des Tages.
(9) !ii! ) Schlaf
(2)
(3)
(4)
Auch die Tabelle, in die Franklin seine 13 Tugenden eingetragen hatte
und täglich bei der Tugend, gegen die er verstoßen hatte, ein Kreuz
machte, ist ein typischer Ausdruck derselben „Ordentlichkeit“, wie wir
sie oben, plastisch von Abraham beschrieben, anführten.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 275
einer die kapitalistische Wirtschaft vorwärtstreibenden Produktivkraft
wirdl ).
Obwohl wir uns ausdrücklich nicht um die Frage gekümmert haben,
von wann an man von einem Kapitalismus und einem bürgerlichkapitalistischen
„Geist“ sprechen kann, so .läßt sich, sollen nicht
schwere Mißverständnisse entstehen, ein Hinweis auf die hochkapitalistische
Entwicklung nicht vermeiden. Es ist deutlich, daß die für
den Bürger des 16.-19. Jahrhunderts typischen Charakterzüge in
demselben Maße schwinden, als auch der klassische Typ des selbständigen
Unternehmers, der gleichzeitig Eigentümer und Leiter des
Unternehmens, immer mehr zurücktritt. Die Charakterzüge, die den
Kaufmann ehemals förderten, sind teilweise für den Großunternehmer
des Hochkapitalismus eher hinderlich als fördernd. Eine Beschreibung
und Erklärung der Psyche des Großunternehmers in der
hochkapitalistischen Epoche wäre eine andere Aufgabe, die mit den
Mitteln der psychoanalytischen Sozialpsychologie vorzunehmen wäre.
In einer Schicht haben sich jedoch die bürgerlichen Charakterzüge
auch noch im Hochkapitalismus erhalten: im Kleinbürgertum, das
zwar in kapitalistisch so fortgeschrittenen Ländern wie etwa Deutschland
wirtschaftlich und politisch ohnmächtig ist, aber noch in den
alten Formen der kapitalistischen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts
wirtschaftet. Im heutigen Kleinbürgertum sind dieselben
für den analen Charakter typischen Züge anzutreffen, wie sie für den
alten bürgerlich-kapitalistischen Geist angenommen wurden 2).
1) Wichtige einschlägige Probleme, die einer ausführlichen Untersuchung
bedürften, seien hier wenigstens erwähnt: das des Zurücktretens
der Beziehung zur gütigen, ihre Kinder bedingungslos liebenden Mutter,
die im mittelalterlichen Katholizismus eine dominierende Rolle spielt
(vgl. meine Ausführungen über die Mutterbedeutung der Kirche, Marias
und Gottes in .. Entwicklung des Christusdogmas“, Wien 1930), zugunsten
der (typischerweise ambivalenten) Beziehung zum Vater, der selber mit
dem Sohn rivalisiert und seine Liebe von der Erfüllung bestimmter Bedingungen
abhängig macht; ferner das Problem der männlichen Gebärwünsche,
wie sie hinter der spezifisch kapitalistischen Produktivität als
Antrieb vorhanden sein mögen. .
I) Auch die Analyse des heutigen Kleinbürgertums ist eine wichtige
Aufgabe. Besonders sei auf die Eigenart der spezifisch kleinbürgerlichrevolutionären
Einstellung hingewiesen: die für die anale Haltung überhaupt
charakteristische Mischung von Verehrung der väterlichen Autorität,
der Sehnsucht nach Disziplin, in merkwürdiger Einheit mit Rebellion.
Die Rebellion geht nie gegen. die Autorität des Vaters als solche; diese
bleibt in ihren Fundamenten bei aller Trotzeinstellung unangetastet. Dazu
kann die ambivalente Einstellung durch Spaltung der Objekte befriedigt
werden: die Autoritätsimpulse werden am starken Führer ausgelassen, die
Rebellion an besonderen anderen Vaterfiguren, Der Unterschied kleinund
großbürg~rlichcr Haltung lällt sich neben vielen sonstigen Beispielen
276 Erich Fromm
Das Proletariat weist ebenfalls nicht annähernd in demselben
Maße die analen Charakterzüge auf wie das Kleinbürgertum l ). Da
es eine Stellung im Produktionsprozeß hat, die diese Charakterzüge
überflüssig macht, ist die Frage nach der Ursache dieser Andersartigkeit
leicht zu beantworten 2). Viel schwieriger ist die Frage,
warum so viele Proletarier, ebenso wie viele Kleinbürger, die gar kein
Kapital mehr zu verwalten, die gar nichts mehr zu sparen haben,
dennoch mehr oder weniger bürgerlich-anale Züge bzw. entsprechende
Ideologien haben. Der entscheidende Grund hierfür scheint uns darin
zu liegen, daß die libidinöse Struktur, auf der diese Charakterzüge beruhen,
durch die Familie, aber auch durch andere kulturelle Einflüsse
im alten Sinn beeinflußt wird, daß sie ein gewisses Eigengewicht
hat und sich langsamer ändert als die ökonomischen Tatsachen,
denen sie einst angepaßt war.
Die Bedeutung einer im Sinne der hier angedeuteten Illustration
vorgehenden Sozialpsychologie für die Soziologie liegt vor allem darin,
daß sie ermöglicht, die im Charakter zum Ausdruck kommenden libidinösen
Kräfte in ihrer Rolle als die gesellschaftliche Entwicklung im
Sinne der Entfaltung der Produktivkräfte vorwärtstreibenden bzw. sie
hemmenden Faktor zu verstehen. Hiermit wird es erst möglich, demBegriff
des „Geistes“ einer Epoche einen konkreten, wissenschaftlich korsinnfällig
darin illustrieren, daß die im kleinbürgerlichen (Bier-)Kabaret beliebte
und herrschende Zote die anale ist, während die für das großbürgerliche
(Wein-, bzw. Sekt-)Kabaret ebenso typische Zote die genitale ist.
1) Inwieweit man bei ihm wie bei den objektiv fortgeschrittensten
Teilen der Bourgeoisie von einem Anwachsen der genitalen Charakterzüge
sprechen kann, ist ein wichtiges, aber deshalb so schwieriges Problem, weil
der „genitale Charakter“ auch personalpsychologisch-klinisch noch s~
wenig untersucht ist.
2) Wie wichtig die Analyse der spezifischen Charakterzüge des Proletariats-
für das Verständnis des Sozialismus, für die Ursachen seines Erfolges
wie der Widerstände gegen seine Verwirklichung. im Proletariat
sind, braucht nicht besonders betont zu werden. Es sei hier nur auf den
Gegensatz hingewiesen zwischen der Einstellung des Marxismus, der die
menschliche Würde und Freiheit erst jenseits der wirtschaftenden Tätigkeit
sieht, der für jeden Menschen bedingungsloses Recht auf Glück und Befriedigung
fordert, der den verdinglichten Charakter menschlicher Beziehungen
im Kapitalismus kritisiert, und den analen Zügen des bürgerlichen
Geistes, der diesen Marxismus im Sinne der Forderung einer Gleichheit
der den einzelnen zugeteilten Portionen typisch mißversteht. Mit dieser
Frage hängt eng eine andere zusammen, die hier nur angedeutet werden
soll: das Zurücktreten der väterlichen Autorität im Psychischen und das
Hervortreten der der Mutter zugewandten Züge. (Die Erde wird zur allen
ihren Kindern reichlich spendenden Mutter.) Hierher gehört die Befreiung
der Frau ebenso wie zum kleinbürgerlichen Faschismus die Betonung des
männlich-väterlichen Autoritätsstandpunktes und die Unterwerfung derFrau.
Auch der Zusammenhang des Nationalismus mit der patriarchalischkleinbürgerlichen
Struktur gehört in diesen Problemkreis.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 277
rekten Sinn zu geben. Wenn der Begriff des „Geistes“ der Gesellschaft
in dieser Weise verstanden wird, werden sich auch eine Reihe von
Kontroversen in der soziologischen Literatur als hinfällig erweisen,
weil sie daraus entspringen, daß der „Geist“ als Ideologie aufgefaßt
wird und nicht als libidinös bedingter Charakterzug, der sich in sehr
verschiedenen und auch sich widersprechenden Ideologien ausdrücken
kann. Die Anwendung der Psychoanalyse wird aber nicht nur dem
Soziologen brauchbare Gesichtspunkte zur Untersuchung dieser Fragen
in die Hand geben, sie wird ihn auch verhindern, kritiklos falsche
psychologische Kategorien zu verwenden 1).
1) Ein charakteristisches Beispiel hierfür sind die falschen und 0 berflächlichen
psychologischen Kategorien, mit denen Sombart arbeitet.
So etwa, wenn er vom vorkapitalistischen Menschen sagt: „Das ist der
natürliche Mensch. Der Mensch wie ihn Gott geschaffen hat . .. Seine
Wirtschaftsgesinnung aufzufinden ist deshalb auch nicht schwer: sie ergibt
sich wie von selbst aus der menschlichen Natur“ (a. a. O. S. ll). Oder
wenn er die Psyche des Unternehmers des Hochkapitalismus damit erklärt,
daß dieser im Grunde – ein Kind sei. Er sagt: „In der Tat scheint mir die
Seelenstruktur des modernen Unternehmers, wie des von seinem Geiste
immer mehr angesteckten modernen Menschen überhaupt, am ehesten
uns verständlich zu werden, wenn man sich in die Vorstellungs- und Wertewelt
des Kindes versetzt und sich zum Bewußtsein bringt, daß in unseren
überlebensgroß erscheinenden Unternehmern und allen echt modernen
Menschen die Triebkräfte ihres Handeins dieselben sind wie beim Kind.
Die letzten Wertungen dieser Menschen bedeuten eine ungeheure Reduktion
aller seelischen Prozesse auf ihre allereinfachsten Elemente, stellen sich
also als eine vollständige Simplifizierung der seelischen Vorgänge‘ dar,
sind also eine Art von Rückfall in die einfachen Zustände der Kinderseele.
Ich will diese Ansicht begründen. Das Kind hat vier elementare Wertkomplexe,
vier „Ideale“ beherrschen sein Leben:
1. das sinnlich Große …
2. die rasche Bewegung •..
3. das Neue …
4. das Machtgefühl …
Diese – und wenn wir genau nachprüfen nur diese – Ideale des Kindes.
stecken nun aber in allen spezifisch modernen Wertvorstellungen“ (S.
22lf.).

Erich Fromm: Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie.

Zeitschrift für Sozialforschung
Herausgegeben von Max Horkheimer
Jahrgang 1
1932

Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie.

Von Erich Fromm (Berlin).
Die Psychoanalyse ist eine naturwissenschaftliche, materialistische
Psychologie. Sie hat als Motor menschlichen Verhaltens Triebregungen
und Bedürfnisse nachgewiesen, die von den physiologisch verankerten,
selbst nicht unmittelbar beobachtbaren „Trieben“ gespeist werden.
Sie hat aufgezeigt, daß die bewußte Seelentätigkeit nur einen relativ
kleinen Sektor des Seelenlebens ausmacht, daß viele entscheidende
Antriebe seelischen Verhaltens dem Menschen nicht bewußt sind. Sie
hat insbesondere private und kollektive Ideologien als Ausdruck bestimmter,
trieblich verankerter Wünsche und Bedürfnisse entlarvt
. und auch in den „moralischen“ und ideellen Motiven verhüllte und
rationalisierte Äußerungen von Trieben entdecktl).
Freud hat zunächst, ganz entsprechend der populären Einteilung
der Triebe in Hunger und Liebe, zwei Gruppen von Trieben angenommen,
die als Motoren des menschlichen Seelenlebens wirksam
sind: die Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe 2). Die den
Sexualtrieben innewohnende Energie hat er als Libido bezeichnet,
seelische Vorgänge, die von dieser Energie gespeist sind, als libidinöse.
‚) Das „Über-Ich“ als Instanz pflichtgemäßen HandeIns verdankt nach
Freud seine Entstehung den Gefühlsbeziehungen zwischen Kind und Eltern,
hat also seine Basis durchaus in den Trieben.
2) Unter dem Eindruck der Tatsache der libidinösen Beimengungen zu
den Selbsterhaltungstrieben und der besonderen Bedeutung der destruktiven
Tendenzen hat Freud seine ursprüngliche Annahme dahin modifiziert,
daß er nun den lebenserhaltenden (erotischen) Trieben Zerstörungstriebe
(Todestrieb) gegenüberstellt. So bedeutsam gewiß Freuds Argumentation
für diese Modifikation seines ursprünglichen Standpunkts ist, so
trägt sie doch einen bei weitem spekulativeren und weniger empirischen
Charakter als seine ursprüngliche Position. Sie scheint uns auf einer von
Freud sonst vermiedenen Vermischung biologischer Tatsachen und psychologischer
Tendenzen zu beruhen. Sie steht auch im Gegensatz zu einer
ursprünglichen Position Freuds, zur Auffassung der Triebe als primär
wünschend, begehrend, den Lebenstendenzen dienend und sich ihnen anpassend.
Uns scheint eine Konsequenz der Gesamtauffassung von Freud zu
sein, daß die menschliche Seelentätigkeit sich in Anpassung an Lebensvorgänge
und Lebensnotwendigkeiten entwickelt und daß die Triebe als solche
gerade dem biologischen Todesprinzip entgegengesetzt sind. Die Diskussion
über die Annahme von Todestrieben ist innerhalb der analytischen Wissenschaft
noch im Gange; wir gehen bei unserer Darstellung der psychoanalytischen
Theorie von der ursprünglichen Position Freuds aus.
über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 29
Unter Sexualtrieben hat Freud in berechtigter Erweiterung der üblichen
Verwendung dieses Begriffes alle, analog den genitalen Impulsen,
körperlich bedingten und an Körperstellen (, ,erogenen Zonen (, )
haftenden Spannungen, die nach lustbringender Abfuhr verlangen,
verstanden.
Als Hauptprinzip der Seelentätigkeit nimmt Freud das „Lustprinzip“
an, die Tendenz zu maximaler, lustbringender Abfuhr der
Triebspannungen. Dieses Lustprinzip wird durch das „Realitätsprinzip“
modifiziert, das unter dem Einfluß der Beobachtung der
Realität Verzicht oder Aufschub von Lust zugunsten der Vermeidung
größerer Unlust oder der Gewinnung künftiger größerer Lust fordert.
Die Eigenart der spezifischen Triebstruktur eines Menschen sieht
Freud durch zwei Faktoren bedingt: die mitgebrachte Konstitution
und das Lebensschicksal, vor allem das Schicksal seiner frühen Kindheit.
Er geht davon aus, daß mitgebrachte Konstitution und Erleben
eine „Ergänzungsreihe“ bilden und daß die spezifisch ami.lytische
Aufgabe die Erforschung des Einflusses des Erlebens auf die gegebene
Triebkonstitution ist. Die analytische Methode ist also eine exquisit
historische: sie fordert Verständnis der Triebstruktur aus
dem Lebensschicksal. Diese Methode hat ihre Gültigkeit sowohl
für das Seelenleben des Gesunden wie das des Kranken, der neurotischen
Persönlichkeit. Das, was den neurotischen Menschen vom·
„normalen“ unterscheidet, ist die Tatsache, daß bei diesem sich die
Triebstruktur optimal seinen realen Lebensnotwendigkeiten angepaßt
hat, während bei jenem die Triebentwicklung auf gewisse Hindernisse
gestoßen ist, die eine genügende Anpassung der Triebe an die Realität
. verhinderten.
Um die Tatsache der Anpassung und Modifizierbarkeit der Sexualtriebe
an die Realität ganz verständlich machen zu können, ist es
notwendig, auf gewisse Eigenschaften der Sexualtriebe hinzuweisen,
Eigenschaften, die sie gerade von den Selbsterhaltungstrieben unterscheiden.
Die Sexualtriebe sind im Gegensatz zu den Selbsterhaltungstrieben
aufschieb bar, während jene imperativischer Natur sind,
d. h. eine längere Nichtbefriedigung den Tod herbeiführt, bzw. seelisch
absolut unerträglich ist. Diese Tatsache bewirkt, daß die Selbsterhaltungstriebe
ein Primat vor den Sexualtrieben haben; nicht in dem
Sinn, daß sie an sich eine größere Rolle spielen, aber so, daß im Falle
des Konflikts sie die dringlicheren sind, daß sie sich, solange sie noch
unbefriedigt sind, als die stärkeren erweisen.
30 Erich Fromm
Damit ist eng verknüpft, daß die Regungen der Sexualtriebe verurängbar
sind, während die sich aus den Selbsterhaltungstrieben
ergebenden Wünsche nicht aus dem Bewußtsein entfernt werden und
im Unbewußten deponiert bleiben können. Ein weiterer wichtiger
Unterschied zwischen beiden Triebgruppen ist die Tatsache, daß die
Sexualtriebe sub li mi erb ar sind, d. h. daß an die Stelle der direkten
Befriedigung eines sexuellen Wunsches eine vom ursprünglichen
Sexualziel entfernte, mit Leistungen des Ich amalgamierte Befriedigung
treten kann. Die Selbsterhaltungstriebe sind solcher Sublimierung
nicht fähig.
Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Tatsache, daß die Befriedigung
der Selbsterhaltungsimpulse immer wirklicher Mittel
bedarf, daß aber die Befriedigung der Sexualtriebe oft in Phantasien,
ohne Aufwendung realer Mittel, vor sich gehen kann. Konkret gesprochen
heißt das: den Hunger der Menschen kann man nur mit Brot
befriedigen, aber etwa ihre Wünsche, geliebt zu werden, mit einer
Phantasie von einem gütigen, liebenden Gott oder ihre sadistischen
Tendenzen mit blutigen Volksschauspielen.
Wesentlich ist endlich, daß die verschiedenen Äußerungsformen der
Sexualtriebe – wiederum im Gegensatz zu den Selbsterhaltungstrieben
– in hohem Grade untereinander vertauschbar und verschie
b bar sind. Bei Nichtbefriedigung einer Triebregung kann diese
durch eine andere ersetzt werden, deren Befriedigung – aus innern
oder äußern Gründen – möglich ist. Diese Verwandelbarkeit und
Vertauschbarkeit innerhalb der Sexualtriebe ist einer der Schlüssel
zum Verständnis des neurotischen wie des gesunden Seelenlebens und
ein Kernstück der psychoanalytischen Theorie. Sie ist aber auch eine
gesellschaftliche Tatsache von höchster Bedeutung. Sie erlaubt es,
daß gerade diejenigen Befriedigungen den Massen geboten und von
ihnen akzeptiert werden, die aus sozialen Gründen zur Verfügung
stehen bzw. der herrschenden Klasse erwünscht sind I).
Zusammenfassend ergibt sich also, daß die Sexualtriebe infolge
ihrer Aufschiebbarkeit, Verdrängbarkeit, Sublimierbarkeit und V crwandelbarkeit
einen viel elastischeren und geschmeidigeren Charakter
haben als die Selbsterhaltungstriebe. Sie lehnen sich diesen an, folgen
‚) Eine besondere Rolle spielt die Aufpeitschuni? und Befric(ligung sadistischer
Impulse, die dann stattzuhaben pflegt, wenn anuere Triebbefriedigungen
positiver Natur aus sozial ökonomischen Gründen ausgeschlossen
sind. Der Sadismus ist das große Triebreservoir, auf das man zuriiekzugreifen
pflegt, wenn man der Masse keine anderen – und gewöhnlich
kostspieligeren – Befriedigungen zu bieten hat und mit dessen Hilfe man“
gleichzeitig seine Gegner vernichtet.
Über Methode und Aufgabe einer ana.lytischen Sozialpsychologie 31
ihren Spurenl ). Die Tatsache der größeren Geschmeidigkeit und
Wandlungsfähigkeit der Sexualtriebe bedeutet aber nicht, daß sie auf
die Dauer unbefriedigt bleiben können. Es gibt nicht nur ein physisches,
sondern auch ein psychisches Existenzminimum, d. h.
ein notwendiges Mindestmaß der Befriedigung der Sexualtriebe.
Die hier charakterisierten Unterschiede zwischen Selbsterhaltungsund
Sexualtrieben bedeuten vielmehr nur, daß sich die Sexualtriebe
in hohem Maße den Befriedigungsmöglichkeiten, d. h. den realen
Lebensumständen anpassen können. Sie entwickeln sich schon im
Sinne dieser Anpassung, und nur bei neurotischen Individuen
liegen Störungen der Anpassungsfähigkeit vor. Die Psychoanalyse
hat gerade diese Modifizierbarkeit der Sexualtriebe aufgezeigt, sie
hat gelehrt, die individuelle Triebstruktur aus dem Lebensschicksal
bzw. aus der Beeinflussung der mitgebrachten Triebanlage durch das
Lebensschicksal zu verstehen. Die aktive und passive Anpassung
biologischer Tatbestände, der Triebe, an soziale
ist die Kernauffassung der Psychoanalyse, und jede personalpsychologische
Untersuchung geht von dieser Grundauffassung aus.
Freud hat sich ursprünglich – und auch späterhin vorwiegend –
mit der Psychologie des Individuums beschäftigt. Nachdem aber
einmal in den Trieben die Motive menschlichen Verhaltens, imUnbewußten
die geheime Quelle der Ideologien und Verhaltungsweisen entdeckt
waren, konnte es nicht ausbleiben, daß die analytischen Autoren
den Versuch machten, vom Problem des Individuums zu dem der Gesellschaft,
von der Personalpsychologie zur Sozialpsychologie
vorzustoßen. Es mußte der Versuch unternommen werden, mit den
Mitteln der Psychoanalyse den geheimen Sinn und Grund der im
gesellschaftlichen Leben so augenfälligen irrationalen Verhaltungs-.
weisen, wie sie sich in der Religion und in Volksbräuchen, aber auch
in der Politik und Erziehung äußern, zu finden. Gewiß mußten damit
Schwierigkeiten entstehen, die vermieden wurden, solange man sich
auf das Gebiet der Personalpsychologie beschränkte.
Aber diese Schwierigkeiten ändern nichts daran, daß die Fragestellung
eine völlig korrekte, legitime wissenschaftliche Konsequenz aus der Ausgangsposition
der Psychoanalyse darstellt. Wenn sie im Trieble-ben, im
Unbewußten, den Schlüssel zum Verständnis menschlichen Verhaltens
gefunden hat, so muß sie auch berechtigt und imstande sein, Wesentliches
über die Hintergründe gesellschaftlichen Verhaltens auszusagen.
1) vgI. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sch. V Leipzig,
Wien, Zürich 1924.
32 Erich Fromm
Denn auch die „Gesellschaft“ besteht aus einzelnen lebendigen Individuen,
die keinen anderen psychologischen Gesetzen unterliegen
können als denen, die die Psychoanalyse im Individuum entdeckt hat.
Es scheint uns deshalb auch unrichtIg zu sein, wenn man, wie
W. Reich das tut, der Psychoanalyse das Gebiet der Personalpsychologie
reserviert und ihre Verwendbarkeit für gesellschaftliche
Erscheinungen wie Polit,ik, Klassenbewußtsein etc. grundsätzlich
bestreitetl). Die Tatsache, daß eine Erscheinung in der Gesellschaftslehre
behandelt wird, heißt keineswegs,‘ daß sie nicht Objekt der
Psychoanalyse sein kann (so wenig wie es richtig ist, daß ein Gegenstand,
den man unter physikalischen Gesichtspunkten untersucht,
nicht auch unter chemischen untersucht werden dürfe). Es bedeutet
nur, daß sie nur, insoweit – aber auch ganz insoweit – bei der Erscheinung
psychische Tatsachen eine Rolle spielen, Objekt der Psychologie
ist und speziell der Sozialpsychologie, die die gesellschaftlichen
Hintergründe und Funktionen der psychischen Erscheinung festzustellen
hat. Die These, die Psychologie habe es nur mit dem
einzelnen, die Soziologie mit „der“ Gesellschaft zu tun, ist
falsch. Denn so. sehr es die Psychologie immer mit dem vergesellschafteten
Individuum zu tun hat, so sehr hat es die Soziologie
·mit einer Vielheit von einzelnen zu tun, deren seelische Struktur
und Mechanismen von der Soziologie berücksichtigt werden
müssen. Es wird später davon die Rede sein, welche Rolle
psychische Tatbestände gerade bei gesellschaftlichen Erscheinungen
spielen und daß gerade hier der methodische Ort einer analytischen
Sozialpsychologie ist.
Die Soziologie, mit der die Psychoanalyse die meisten Berührungspunkte,
aber auch die meisten Gegensätze zu haben scheint, ist der
historische Materialismus.
1) „Der eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse ist das Seelenleben
des vergesellschafteten Menschen. Das der Masse kommt für sie nur insofern
in Betracht, als individuelle Phänomene in der Masse in Erscheinung
treten (etwa das Problem des Führers), ferner, soweit sie Erscheinungen der
,:\lassenseele‘, wie Angst, Panik, Gehorsam usw. aus ihren Erfahrungen am
einzelnen erklären kann. Aber es scheint, als ob ihr das Phänomen des
Klassenbewußtseins kaum zugänglich wäre, und Probleme wie das der
l\lassenbewegung, der Politik, des Streiks, die der Gesellschaftslehre angehören,
können nicht Objekte ihrer Methode sein.“ (Dialektischer Materialismus
und Psychoanalyse. Unter dem Banner des Marxismus IH, 5
S. 737.) ‚Vir betonen, der prinzipiellen Bedeutung dieses methodologischen
Problems wegen, diese Differenz zu dem von Reich vertretenen Standpunkt,
den er, wie seine letzten Arbeiten zeigen, in fruchtbarer Weise mq~ifiziert
zu haben scheint. Wir kommen später noch auf die mannigfachen Ubereinstimmungen
mit seinen. ausgezeichneten empirischen sozial psychologischen
Untersuchungen zurück.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 33
Die meisten Berührungspunkte – denn sie sind beide materialistische
Wissenschaften. Sie gehen nicht von „Ideen“, sondern vom
irdischen Leben, von Bedürfnissen aus. Sie berühren sich im besonderen
in ihrer gemeinsamen Einschätzung des Bewußtseins, das
ihnen weniger Motor menschlichen Verhaltens als Spiegelbild anderer
geheimer Kräfte zu sein scheint. Aber hier, bei der Frage nach dem
Wesen dieser· eigentlichen, das Bewußtsein bestimmenden Faktoren
scheint ein unversöhnlicher Gegensatz zu bestehen. Der historische
Materialismus sieht im Bewußtsein einen Ausdruck des gesellschaftlichen
Seins, die Psychoanalyse einen des Unbewußten, der Triebe.
Es entsteht die unabweisbare Frage, ob diese beiden Thesen in einem
Widerspruch zueinander stehen und, wenn nicht, in welcher Weise
sie sich zueinander verhalten und endlich, ob und warum eine Benutzung
psychoanalytischer Methoden für den historischen Materialismus
eine Bereicherung .darstellt.
Bevor wir uns der Diskussion dieser Fragen selbst zuwenden, erscheint
es nötig zu erörtern, welche Voraussetzungen denn die Psychoanalyse
zu einer Verwendung für gesellschaftliche Probleme mitbringt!).
Freud hat niemals den isolierten, aus dem sozialen Zusammenhang
gelösten Menschen als Objekt der Psychologie angenommen.
„Die Individualpsychologie ist zwar auf den einzelnen Menschen eingestellt
und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe die Befriedigung
seiner Triebregungen zu erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur
selten, unter bestimmten Ausnahmebedingungen, in die Lage, von
den Beziehungen dieses einzelnen zu den anderen Individuen abzusehen.
Im Seelenleben des einzelnen kommt ganz regelmäßig der
andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht,
und die Individualpsychologie ist dabei von Anfang an auch gleichzeitig
Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten
Sinne“ 2).
Freud hat aber auch gründlich mit der Illusion einer Sozialpsychologie
aufgeräumt, deren Objekt eine Gruppe als solche, „die“
Gesellschaft oder sonst ein soziales Gebilde mit einer entsprechenden
„Massenseele“ oder „Gesellschaftsseele“ ist. Er geht vielmehr immer
von der Tatsache aus, daß jede Gruppe nur aus Individuen besteht
1) Vgl. zum Methodologischen die ausführlichen Ausführungen in Fromm,
Die Entwicklung des Christusdogmas, Wien 1931; ferner Bernfeld, Sozialismus
und Psychoanalyse mit Diskussionsbemerkungen von E. Simmel und
B. Lantos (Der sozialistische Arzt, II, 2/3, 1926); W. Reich, Dialektischer
.Materialismus und Psychoanalyse (Unter dem Banner des Marxismus IH, 5).
‚) Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ges. Sehr. VI, S. 261.
34 Erich Fromm
und nur Individuen als solche Subjekt psychischer Eigenschaften
sind!). Ebensowenig hat Freud einen „sozialen Trieb“ angenommen.
Das, was man als solchen bezeichnet, ist für ihn „kein ursprünglicher
und unzerlegbarer“ Trieb; er sieht „die Anfänge seiner Bildung in
einem engeren Kreis, wie etwa in der Familie“. Es ergibt sich als
Konsequenz seiner Anschauungen, daß die sozialen Eigenschaften
dem Einfluß bestimmter Umweltverhältnisse, gewisser Lebensbedingungen
auf die Triebstruktur ihre Entstehung, ihre Verstärkung
wie ihre Abschwächung verdanken.
I~t so für Freud immer nur der vergesellschaftete Mensch, der
Mensch in seIner sozialen Verflochtenheit, Objekt der Psychologie, so
spielen auch für ihn, worauf wir schon oben hingewiesen haben,
Umwelt und Lebensbedingungen des Menschen die entscheidende
Rolle für seine seelische Entwicklung wie für deren theoretisches Verständnis.
Freud hat wohl die biologisch-physiologische Bedingtheit
der Triebe erkannt, er hat aber gerade nachgewiesen, in welchem
Maße diese Triebe modifizierbar sind und daß der modifizierende
Faktor die Umwelt, die gesellschaftliche Realität ist.
Die Psychoanalyse scheint so alle Voraussetzungen mitzubringen,
die ihre Methode auch brauchbar fürsozialpsychologische Untersuchungen
machen und alle Konflikte mit der Soziologie ausschalten.
Sie fragt nach den den Mitgliedern einer Gruppe gemeinsamen seelischen
Zügen, und sie versucht, diese gemeinsamen seelischen Haltungen
aus gemeinsamen Lebensschicksalen zu erklären. Diese Lebensschicksale
liegen aber nicht – je größer die Gruppe ist, um so wenigerim
Bereich des Zufälligen und Persönlichen, sondern sie sind identisch
mit der sozialökonomischen Situation eben dieser Gruppe. Analytische
Sozial psychologie heißt also: die Triebstruktur>
die li bidinöse, zum großen Teil un bewußte Haltung einer
Gruppe aus ihrer sozial ökonomischen Struktur heraus zu
verstehen.
Hier scheint aber ein Einwand am Platze zu sein. Die Psychoanalyse
erklärt die Triebentwicklung gerade aus dem Lebensschicksal
der ersten Kindheitsjahre, also einer Periode, wo der Mensch noch
kaum mit „der Gesellschaft“ zu tun hat, sondern fast ausschließlich
im Kreis der Familie lebt. Wie sollen also, nach psychoanalytischer
Auffassung, die sozialökonomischen Verhältnisse eine solche Bedeutung
. ‚) V gl. zu dieser Frage die klärenden Bemerkungen von Georg Simmel:
tber das Wesen der Sozialpsychologie. Archiv f. Sozialwissenschaft und
Sozialpolitik XXVI, 1908, S. 287f.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 35
gewinnen können? Es handelt sich um ein Seheinproblem. Allerdings
gehen die ersten entscheidenden Einflüsse auf das heranwachsende
Kind von der Familie aus, aber die gesamte Struktur der Familie,
alle typischen Gefühlsbeziehungen innerhalb ihrer, alle durch sie vertretenen
Erziehungsideale sind ihrerseits selbst bedingt vom gesellschaftlichen
und klassenmäßigen Hintergrund der Familie, von der
sozialen Struktur, aus der sie erwächst. (Die Gefühlsbeziehungen etwa
zwischen Vater und Sohn sind völlig andere in einer Familie der bürgerlichen,
vaterrechtlichen Gesellschaft als in der „Familie“ einer mutterrechtlichen
Gesellschaft.) Die Familie ist das Medium, durch das die
Gesellschaft bzw. die Klasse die ihr entsprechende, für sie spezifische
Struktur dem Kind und damit dem Erwachsenen aufprägt; die
:Familie ist die psychologische Agentur der Gesellschaft.
Die bisherigen psychoanalytischen Arbeiten, die eine Anwendung
der Psychoanalyse auf gesellschaftliche Probleme versuchen, entsprech~
n nun den Anforderungen, die an eine analytische Sozialpsychologie
zu stellen sind, zum überwiegenden Teil nichV). Der Fehler
beginnt bei der Einschätzung der Funktion der Familie. Man sah
zwar, daß der einzelne nur als vergesellschaftetes Wesen zu verstehen
ist, man entdeckte, daß es die Beziehungen des Kindes zu den
verschiedenen Mitgliedern der Familie sind, die seine Triebentwicklung
so entscheidend bestimmen, aber man übersah fast vollkommen, daß
die Familie ihrerseits in ihrer ganzen psychologischen und sozialen
Struktur, mit den für sie spezifischen Erziehungszielen und affektiven
Einstellungen, das Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen und,
im engeren Sinn, einer bestimmten Klassenstruktur ist, daß sie tatsächlich
nur die psychologische Agentur der Gesellschaft und Klasse
ist, aus der sie erwächst. Man hatte den Ansatzpunkt gefunden, aus
dem die psychologische Einwirkung der Gesellschaft auf das Kind zu
‚) Auch wenn man von wissenschaftlich wertlosen Versuchen absieht
(wie etwa dem oberflächlichen Schriftehen des einmal als Psychoanalytiker
aufgetretenen A. Kolnai über Psychoanalyse und Soziologie oder dem nur
mit den allerdürftigsten Kenntnissen ausgestatteten Verginsehen Buch über
„Psychoanalyse der europäischen Politik“), gilt diese Kritik jenen Autoren
wie Reik, Roheim u. a. m., die sozialpsychologische Themen behandelt
haben. Eine Ausnahme macht neben S. Bernfeld, der besonders auf die
soziale Bedingtheit aller pädagogischen Bemühungen, hingewiesen hat
(Sysiphos oder über die Grenzen der Erziehung), vor allem W. Reich, dessen
Einschätzung der Rolle der Familie weitgehend mit der hier entwickelten
Ansicht übereinstimmt. Reich hat insbesondere das wichtige Problem der
gesellschaftlichen Bedingtheit und der gesellschaftlichen Funktionen der
Sexualmoral ausführlich untersucht. V gl. sein“ Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit,
Ehemoral“ und die soeben erschienene Schrift ,;Einbruch der
Sexualmoral „.
36 Erich Fromm
verstehen war, aber man merkte es nicht. Wie war das möglich?
Die psychoanalytischen Forscher hatten hier nur ein Vorurteil, das
sie mit allen andern bürgerlichen – auch den fortschrittlichen –
Forschern teilen: die Verabsolutierung der bürgerlich- kapitalistischen
Gesellschaft und den mehr oder weniger deutlich bewußten Glauben,
daß sie die „normale“· Gesellschaft und ihre und die in ihr vorzufindenden
psychischen Tatbestände die für „die“ Gesellschaft überhaupt
typischen seien.
Es gab aber noch einen besonderen Grund, der den analytischen
Autoren diesen Fehler besonders nahelegte. Das Objekt ihrer Untersuchungen
waren ja in erster Linie kranke und gesunde Angehörige
der modernen bürgerlichen Gesellschaft, vorwiegend sogar der bürgerlichen
Klasse!), bei denen also der die Familienstruktur bedingende
Hintergrund gleich bzw. konstant war. Was das Lebensschicksal entschied
und unterschied, waren also die auf dieser allgemeinen Grundlage
basierenden individuellen, persönlichen und, vom gesellschaftlichen
Standpunkt aus gesehen, zufälligen Ereignisse. Die sich aus der
Tatsache einer autoritären, auf Klassenherrschaft und Klassenunterordnung,
auf Erwerb nach zweckrationalen Methoden usw.
organisierten Gesellschaft ergebenden psychischen Züge waren allen
Untersuchungsobjekten gemeinsam; was sie unterschied, war die
Tatsache, ob einer einen überstrengen Vater, den er als Kind übermäßig
fürchtete, ein anderer eine etwas ältere Schwester, der seine
ganze Liebe galt, oder ein Dritter eine Mutter hatte, die ihn so stark
an sich band, daß er diese libidinöse Bindung nie mehr aufgeben
konnte. Gewiß waren diese persönlichen Schicksale für die individuelle,
persönliche Entwicklung von höchster Wichtigkeit, und mit
der Beseitigung der aus diesen Schicksalen erwachsenden seelischen
Schwierigkeiten hatte die Analyse als Therapie vollauf ihre Schuldigkeit
getan, d. h. sie hatte den Patienten zu einem an die bestehende
1) Es sind psychologisch zwar am Individuum zu unterscheiden die für
die Gesamtgesellschaft typischen Züge von den für seine Klasse typischen,
aber da die psychische Struktur der Gesamtgesellschaft sich den einzelnen
Klassen in gewissen grundlegenden Zügen weitgehend aufprägt, sind die
spezifischen Züge der Klasse bei aller Gewichtigkeit nur von sekundärer
Bedeutung gegenüber denen der Gesamtgesellschaft. Gerade der Widerspruch
zwischen der – mindestens erstrebten – relativen Einheitlichkeit
der psychischen Struktur der verschiedenen Klassen und der Gegensätzlichkeit
ihrer ökonomischen Interessen ist eines der Charakteristika der Klassengesellschaft,
verdeckt durch Ideologien. Je stärker allerdings eine Gesellschaft
ökonomisch, sozial und psychologisch zerfällt, je mehr die bindende
und prägende Kraft der Gesamtgesellschaft bzw. der in ihr herrschenden
Klasse schwindet, desto größer werden auch die Differenzen der psychischen
Struktur der verschiedenen Klassen.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 37
gesellschaftliche Realität angepaßten Menschen gemacht. Weiter
ging ihr therapeutisches Ziel nicht – und brauchte es nicht zu
gehen; weiter ging aber auch das theoretische Verständnis nicht.
Mehr war für das wesentliche Arbeitsgebiet der Analyse, die Personalpsychologie,
nicht nötig, denn die Vernachlässigung der die Familienstruktur
bedingenden gesellschaftlichen Struktur für die Personalpsychologie
machte eine praktisch irrelevante Fehlerquelle aus.
Ganz anders lagen die Dinge, wenn man von personalpsychologischen
zu sozialpsychologischen Untersuchungen überging. Was dort
eine praktisch irrelevante Vernachlässigung war, mußte hier zu einer
für. die gesamte Arbeit von vornherein verhängnisvollen Fehlerquelle
werden.
Nachdem man einmal die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft
und ihrer vaterrechtlichen Familie als die „normale“ empfand, nachdem
man in der personalpsychologischen Arbeit gelernt hatte, die
individuellen Differenzen gerade aus den an sich zufälligen Traumen
zu verstehen, begann man in entsprechender Weise auch die verschiedenen
sozialpsychologischen Erscheinungen unter dem gleichen
Gesichtspunkt des Traumas, also des sozial Zufälligen, zu betrachten.
Man kam auf diesem Wege notwendigerweise dazu, die eigentliche
analytische Methode aufzugeben. Da man sich um die Verschiedenheit
des „Lebensschicksals“, d. h. also der ökonomisch-sozialen Situation
anderer Gesellschaftsformationen nicht bekümmerte, infolgedessen
auch nicht versuchte, ihre psychische Struktur aus ihrer sozialen zu
verstehen, mußte man, anstatt zu analysieren, analogisi“eren, d. h.
man behandelte die Menschheit oder eine bestimmte Gesellschaft wie
ein Individuum, übertrug die spezifischen Mechanismen, die inan beim
heutigen Menschen vorgefunden hatte, auf alle möglichen’Gesellschaftsformationen
und „erklärte“ dann deren psychische Struktur aus der
Analogie mit gewissen Erscheinungen vor allem krankhafter Art, die
sich typischerweise beim Menschen der eigenen Gesellschaft vorfanden.
Man übersah bei diesem Analogisieren einen Gesichtspunkt, der
geradezu zu den Fundamenten der analytischen Personalpsychologie
gehört: die Tatsache, daß die Neurose, sei es das neurotische Symptom,
sei es der neurotische Charakterzug, das Resultat einer mangelnden
Angepaßtheit der Triebstruktur eines „anormalen“ Individuums
an die ihm gegebene Realität ist; daß aber bei Massen,
also „Gesunden“, gerade die Fähigkeit zur Anpassung vorliegt, d. h.
also schon aus diesem Grunde massenpsycpologische Erscheinungen
grundsätzlich nicht in Analogie an neurotische verstanden werden
38 Erich Fromm
können, sondern nur als Resultat der Anpassung der Triebstruktur an
die gesellschaftliche Realität, nur häufig an eine von der bestehenden
mehr oder weniger stark abweichende.
Das markanteste Beispiel dieses Vorgehens ist wohl die Verabsolutierung
des „Oedipuskomplexes“ (des aus der Rivalität um die
Mutter entspringenden Hasses gegen den Vater) zu einem allgemeinmenschlichen
Mechanismus, obwohl vergleichende soziologische und
völkerpsychologische Untersuchungen mit Wahrscheinlichkeit zeigen,
daß diese spezifische Gefühlseinstellung eben nur ganz für die Familie
der vaterrechtlichen Gesellschaft typisch ist und keinen so aUgemeinmenschlichen
Charakter trägt. Die Verabsolutierung des Oedipuskomplexes
führte Freud dazu, die Entwicklung der gesamten Menschheit
auf diesen Mechanismus des Vaterhasses und der daraus resultierenden
Reaktionen zu basieren 1), ohne daß dem materiellen Lebensprozeß
der untersuchten Gruppe Beachtung geschenkt wurde.
Wenn der geniale Blick Freuds auch bei einem soziologisch
falschen Ausgangspunkt imme.r noch Fruchtbares und Bedeutsames
entdeckte 2), so mußte bei den andern analytischen Autoren diese Fehler-
‚) vgl. sein „Totem und Tabu“!
~) In der „Zukunft einer Illusion“ (1927) weicht Freud von diesem die
gesellschaftliche Realität und ihre Veränderungen vernachlässigenden Standpunkt
ab und kommt unter Würdigung der Bedeutung der ökonomischen
Bedingungen von der personalpsychologischen Fragestellung, wie Religion
(personal-)psychologisch möglich ist (nämlich als Wiederholung der infantilen
Einstellung zum Vater) zur sozialpsychologischen Fragestellung.
warum Religion sozial möglich und nötig ist. Er findet die Antwort, daß
Religion nötig war, solange die Menschen durch ihre Ohnmacht gegenüber
der Natur, also durch den geringen Grad der Entwicklung der Produktivkräfte
der religiösen Illusionen bedurften, daß sie aber mit dem Wachstum
der Technik, aber auch mit dem damit verknüpften „Erwachsenwerden“ des
Menschen zu einer überflüssigen und schädlichen Illusion wird. Wenn gewiß
auch in dieser Schrift nicht alle gesellschaftlich relevanten Funktionen der
Religion berührt werden, besonders auch nicht das Problem des Zusammenhanges
bestimmter Religionsformen mit bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen,
so ist diese Schrift Freuds doch diejenige, die methodisch und
inhaltlich einer materialistischen Sozialpsychologie am nächsten steht. (Es
sei zum Inhaltlichen nur an den Satz erinnert: „Es braucht nicht gesagt zu
werden, daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt
läßt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd
zu erhalten, noch es verdient. „) (Freuds Buch berührt sich mit dem Standpunkt
des jungen Marx, der ihm geradezu als Motto dienen könnte: „Die Aufhebung
der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung
seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand
aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen
bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertals,
dessen Heiligenschein die Religion ist.“ [Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie.
Lit. Nachlaß 1923 Bd. 1 S. 385)) In seiner nächsten sozialpsychologische
Probleme behandelnden Arbeit über „Das Unbehagen in der
Kultur“ setzt Freud aber diese Linie weder methodisch noch inhaltlich fort. Sie
ist vielmehr geradezu als ein Gegensatz zur „Zukunft einer Illusion“ anzusehen.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie ;39
quelle zu einem die Analyse in den Augen der Soziologie und speziell
der marxistischen Gesellschaftswissenschaft geradezu kompromittierenden
Ergebnis führen.
Es war aber falsch, die Psychoanalyse als solche dafür zu belasten.
Im Gegenteil, gerade die klassische Methode der psychoanalytischen
Personalpsychologie brauchte nur konsequent auf die
Sozialpsychologie angewandt zu werden, um zu völlig einwandfreien
Resultaten zu führen. Der Fehler lag nicht an der psychoanalytischen
Methode, sondern daran, daß die psychoanalytischen Autoren aufhörten,
sie in konsequenter und korrekter „‚eise anzuwenden, wenn
sie statt über Individuen über Gesellschaften, Gruppen, Klassen,
kurz :über soziale Phänomene Untersuchungen anstellten.
Eine ergänzende Bemerkung ist hier am Platze.
Wir haben in den Mittelpunkt unserer Darstellung die ::Uodifizierbarkeit
des Triebapparates durch die Einwirkung äußerer, d. h. also
letzten Endes sozialer Faktoren gerückt. Es darf aber nicht übersehen
werden, daß der Triebapparat, quantitativ wie qualitati\-, gewisse
physiologisch und biologisch bedingte Grenzen seiner l\Ioclifizierbarkeit
besitzt und daß er nur innerhalb dieser Grenzen der Beeinflussung
durch die sozialen Faktoren unterliegt. Infolge der Stärke der in
ihm aufgespeicherten Energiemengen stellt aber der Triebapparat
selbst eine höchst aktive Kraft dar, der ihrerseits die Tendenz innewohnt,
die Lebensbedingungen im Sinne der Triebziele zu nriindern 1).
Im Wechselspiel des Aufeinanderwirkens der psychischen Antriebe
und der ökonomischen Bedingungen kommt letzteren ein Primat zu.
Nicht in dem Sinn, daß sie das “ stärkere “ Motiy darstellten – diese
Fragestellung beträfe ein Scheinproblem, weil es sich gar nicht um
quantitativ vergleichbare „Motive“ gleicher Ebene handelt -, ein
Primat aber in dem Sinne, daß die Befriedigung eines großen Teils
der Bedürfnisse, speziell aber der dringlichsten, der Selbsterhaltungsbedürfnisse,
an die materielle Produktion gebunden ist und daß die
Modifizierbarkeit der ökonomischen außermenschlichen Realität weit
geringer ist als die des menschlichen Triebapparates. speziell als die der
Sexualtriebe.
Die konsequente Anwendung der Methode der analytischen Personalpsychologie
auf soziale Phänomene ergibt folgende sozialpsychologische
Methode: Die sozialpsychologischen Erscheinungen
sind a.ufzufassen als Prozesse der aktiyen und
‚) Vgl. die später angeführte Äußerung von :\Iarx im .. K“pital– über die
ßedürfnissteigerung als eine Quelle der wirtschaftlichen Entwicklung!
40 Erich Fromm
passiven Anpassung des Triebapparates an. die sozialökonomische
Situation. Der Triebapparat selbst ist – in
gewissen Grundlagen – biologisch gegeben, aber weitgehend
modifizierbar; den ökonomischen Bedingungen
kommt die Rolle als primär formenden Faktoren zu. Die
Familie ist das wesentlichste Medium, durch das dieökonomische
Situation ihren formenden Einfluß auf die Psyche
des einzelnen ausübt. Die Sozialpsychologie hat die gemeinsamen
– sozial relevanten – seelischen Haltungen
und Ideologien – und insbesondere deren unbewußte
Wurzeln – aus der Einwirkung der ökonomischen Bedingungen
auf die libidinösen Stre bungen zu erklären.
Scheint soweit die Methode der Sozialpsychologie in einem guten
Einklang sowohl mit der Methode der Freudschen Personalpsychologie
wie auch mit den Anforderungen der materialistischen Geschichtsauffassung
zu stehen, so ergeben sich neue Schwierigkeiten, wenn diese
analytische Methode mit einer falschen, sehr verbreiteten Interpretation
der marxistischen Theorie konfroJ;ltiert wird: der Auffassung
des historischen Materialismus als psychologischer Theorie und
speziell als ökonomistischer Psychologie.
Wenn es wirklich so ist, wie Bertrand Russell meintl), daß Marx
im „Geldrnachen“, Freud in der Liebe das entscheidende Motiv
menschlichen HandeIns sähe, dann wären beide Wissenschaften
aller.dings so unvereinbar, wie Russell es glaubt. Aber wenn die von
Russell zitierte Eintagsfliege wirklich theoretisch denken· könnte,
würde sie statt der ihr in den Mund gelegten Antwort erklären, daß
1) In einem 1927 im jüdischen „Forward“ veröffentlichten Aufsatz:
„Warum ist die Psychoanalyse populär 1“ (zitiert bei Kautsky, Der historische
Materialismus, Bd. I S. 340/1) schreibt Russell: „Selbstverständlich
ist sie (die Psychoanalyse) ganz unvereinbar mit dem Marxismus. Denn Marx
legt den Nachdruck auf das ökonomische Motiv, das höchstens im Zusammenhang
mit der Selbsterhaltung steht, die Psychoanalyse betont dagegen das
biologische Motiv, das mit der Selbsterhaltung durch Fortpflanzung zusammenhängt.
Unzweifelhaft sind beide Gesichtspunkte einseitig, beide
Motive spielen eine Rolle.“ Russell spricht dann von der Eintagsfliege, die
im Larvenstadium nur Organe zum Fressen, nicht aber zum Lieben hat,
während sie als vollentwickeltes Insekt (Imago) im Gegenteil nur über Organe
zur Fortpflanzung, nicht aber zur Ernährung verfügt. Diese braucht sie nicht,
da sie in diesem Stadium nur einige Stunden am Leben bleibt. Was würde
geschehen, könnte die Eintagsfliege theoretisch denken? „Als Larve würde
sie ein Marxist sein, als Imago ein Freudianer.“ Russell fügt hinzu, Marx,
„der Bücherwurm des britischen Museums“ sei der richtige Repräsentant
der Larvenphilosophie. Russell selbst fühlte sich von Freud mehr angezogen,
denn „er sei für die Freuden der Liebe nicht unempfänglich, ve~~tehe sich
dagegen nicht aufs Geldmachen, also nicht auf die orthodoxe Okonomie,
die von ausgetrockneten älteren Herren geschaffen wurde'“
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 41
Russell sowohl die Psychoanalyse als auch den Marxismus ganz und
gar falsch versteht, daß die Psychoanalyse gerade die Anpassung
biologischer Faktoren, der Triebe, an soziale untersucht und der
Marxismus wiederum überhaupt keine psychologische Theorie ist.
Russell ist nicht der einzige, der beide Theorien so mißversteht,
er befindet sich dabei in Gesellschaft einer Reihe von Theoretikern
und verbreiteter Anschauungen.
Besonders deutlich und drastisch wird diese Auffassung der materialistischen
Geschichtsauffassung als einer ökonomistischen Psychologie
von Hendrik de Man vertreten. Er sagtl):
„Marx selber hat bekanntlich seine Motivlehre niemals formuliert. Er
hat sogar niemals umschrieben, was unter Klasse zu verstehen sei; der Tod
hat sein letztes Werk unterbrochen, als er dabei war, sich diesem Gegenstand
zuzuwenden. Über die Grundanschauungen, von denen er ausging, besteht
jedoch kein Zweifel; diese bestätigen sich auch ohne Definition als stillschweigende
Voraussetzung durch die stete Anwendung sowohl bei seiner wissenschaftlichen
wie bei seiner politischen Tätigkeit. Jeder ökonomische Lehrsatz
und jede politisch-strategische Meinung Marxens beruht auf der Voraussetzung,
daß die menschlichen Willensmotive, wodurch sich der gesellschaftliche
Fortschritt vollzieht, in erster Linie vom wirtschaftlichen Interesse
diktiert seien. Denselben Gedanken würde die Sprache der heutigen Sozialpsychologie
als Bestimmung des gesellschaftlichen Verhaltens durch den
Erwerbstrieb, d. h. den Trieb zur Aneignung von sachlichen Werten ausdrücken.
Wenn Marx selber diese oder ähnliche Formeln für überflüssig gehalten
hat, so erklärt sich das einfach daraus, daß ihr Inhalt der gesamten Nationalökonomie
seiner Zeit als selbstverständlich galt.“
Was Hendrik de Man für eine „stillschweigende Voraussetzung des
Marxismus“ hält, stillschweigend, weil es allen zeitgenössischen (lies
bürgerlichen) Nationalökonomen eine selbstverständliche Vorstellung
war, ist ganz und gar nicht die Auffassung von Marx, der ja auch in
manchen andern Punkten die Auffassung der Theoretiker „seiner
Zeit“ nicht geteilt hat.
Auch Bernstein ist, wenn auch weniger ausdrücklich, nicht weit
von dieser psychologistischen Interpretation entfernt, wenn er eine
Art Ehrenrettung des historischen Materialismus durch folgende Bemerkung
vornehmen will 2) :
„Ökonomische Geschichtsauffassung braucht nicht zu heißen, daß bio ß
ökonomische Kräfte, bloß ökonomische Motive anerkannt werden, sondern
nur, daß die Ökonomie die immer wieder entscheidende Kraft, den
Angelpunkt der großen Bewegungen ·in der Geschichte bildet (Sperrungen
E. F.).“
1) Zur Psychologie des Sozialismus, 1927, S. 281.
‚) Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie,
Stuttgart 1899, S. 13.
42 Erich Fromm
Hinter diesen verschwommenen Formulierungen verbirgt sich die
Auffassung des Marxismus als ökonomistischer Psychologie, die von
Bernstein im idealistischen Sinn gereinigt und verbessert wird 1).
Der Gedanke, daß der „Erwerbstrieb“ das wesentliche oder einzige
Motiv des menschlichenHandelns sei, ist ein Gedanke des Liberalismus.
Er wurde von bürgerlicher Seite einerseits als psychologisches Argument
gegen die Verwirklichungsmöglichkeit des Sozialismus verwendet
2), andererseits aber wurde der Marxismus von seinen kleinbürgerlichen
Anhängern im Sinne dieser ökonomistischen Psychologie
interpretiert. In Wirklichkeit ist der historische Materialismus weit
davon entfernt, eine psychologische Theorie zu sein. Er hat nur einige,
ganz wenige psychologische Voraussetzungen.
Zunächst die, daß es die Menschen sind, die ihre Geschichte
machen, weiterhin die, daß es die Bedürfnisse sind, die das Handeln
und Fühlen der Menschen motivieren (Hunger und Liebe) und weiterhin,
daß diese Bedürfnisse im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung
steigen und dieses Steigen der Bedürfnisse eine Bedingung für die
steigende wirtschaftliche Tätigkeit darstellt 3).
Der ökonomische Faktor spielt im Zusammenhang mit der Psychologie
im historischen Materialismus nur insofern eine Rolle, als die
menschlichen Bedürfnisse – und zunächst die nach Selbsterhaltung
– zum großen Teil ihre Befriedigung durch Produktion von Gütern
finden, also in den Bedürfnissen der Hebel und Anreiz zur Produktion
zu suchen ist. Marx und Engels haben wohl betont, daß unter den
Bedürfnissen die nach Selbsterhaltung allen anderen voranstehen, sie
haben sich im einzelnen aber über die Qualität der verschiedenen
Triebe und Bedürfnisse nicht geäußert. Ganz gewiß aber haben sie
nie den „Erwerbstrieb“, also das Bedürfnis, das auf den Erwerb an
1) Kautsky lehnt gleich zu Beginn seines Buches „Der historische Muterialismus“
die psychologistische Interpretation sehr entschieden ab, ergänzt
aber den historischen Materialismus durch eine rein idealistische Psychologie,
durch die Annahme eines ursprünglichen „sozialen Triebes“. Vgl.
unten S. 48.
2) Wie ja überhaupt ein großer Teil der gegen den historischen Materialismus
gerichteten Angriffe in Wirklichkeit nicht diesen, sondern seine von
„Freunden“ oder Gegnern hineingeschmuggelten spezifisch bürgerlichen Beimengungen
trifft.
3) „Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bediirfnissa zu
befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der
Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen
möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies
Reich der Naturnotwendigkeit, weil (gesperrt E. F.) die Bedürfnisse; aber
zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die -diese befriedigen.“ (Marx,
Kapital, Hamburg 1922, III, 2, S. 355.)
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 43
sich, den Erwerb als Selbstzweck geht, für das einzige oder auch
nur wesentlichste Bedürfnis gehalten. Es ist nur eine naive Verab~
solutierung eines psychischen Zuges, der in der kapitalistischen Gesellschaft
eine unerhörte Stärke erlangt hat, wenn man ihn in dieser
Stärke und Ausprägung für einen allgemein-menschlichen deklariert.
Marx und Engels ist am allerwenigsten eine solche Verklärung bürgerlich-
kapitalistischer Züge zu allgemein-menschlichen zuzumuten. Sie
wußten sehr wohl, welche Stelle der Psychologie innerhalb der Soziologie
zukommt, sie waren aber keine Psychologen und wollten auch
keine sein, indem sie über diese allgemeinen Hinweise hinaus nähere
Aussagen über Inhalt und Mechanismen der menschlichen Triebwelt
machten. Es stand ihnen auch abgesehen von gewissen und sicherlich
nicht zu unterschätzenden Ansätzen in der Literatur der französischen
Aufklärung (vor allem Helvetius) keine wissenschaftliche materialistische
Psychologie zur Verfügung. Erst die Psychoanalyse hat diese
Psychologie geliefert und gezeigt, daß der „Erwerbstrieb“ zwar eine
wichtige, aber neben andern (genitalen, sadistischen, narzistischen
u. a. m.) Bedürfnissen keineswegs eine überragende Rolle im Seelenhaushalt
des Menschen spielt. Insbesondere kann sie aufzeigen, daß
zu einem großen Teil der „Erwerbstrieb“ gar nicht als tiefste Ursache
das Bedürfnis zu erwerben oder zu besitzen hat, sondern daß er selbst
nur ein Ausdruck narzistischer Bedürfnisse ist, des Wunsches, bei sich
selbst und bei andern Anerkennung zu finden. Es ist klar, daß in
einer Gesellschaft, die dem Besitzenden, Reichen das Höchstmaß an
Anerkennung und Bewunderung zollt, die narzistischen Bedürfnisse
der Mitglieder dieser Gesellschaft zu einer außerordentlichen Intensivierung
des Besitzwunsches führen müssen, während in einer Gesellschaft,
in der Besitz nicht die Basis des gesellschaftlichen Ansehens
ist, sondern etwa für die Gesamtheit wichtige Leistungen, die gleichen
narzistischen Impulse sich nicht als „Erwerbstrieb“ äußern, sondern
als „Trieb“ zur sozial wichtigen Leistung. Da die narzistischen Bedürfnisse
zu den elementarsten und mächtigsten seelischen Strebungen
gehören, ist es besonders wichtig zu erkennen, daß die Ziele
und damit die konkreten Inhalte der narzistischen Strebungen von
der bestimmten Struktur einer Gesellschaft abhängen und daß deshalb
der „Erwerbstrieb“ zu einem großen Teil nur der besonderen
Hochschätzung des Besitzes in der bürgerlichen Gesellschaft seine
imponierende Rolle verdankt.
Wenn also in der materialistischen Geschichtsauffassung von
ökonomischen Ursachen gesprochen wird, so ist – abgesehen von der
44 Erich Fromm
eben angeführten Bedeutung – nicht Ökonomie als subjektives
psychologisches Motiv, sondern als objektive Bedingung der
menschlichen Lebenstätigkeit gemeint. Alles menschliche Agieren, die
Befriedigung aller Bedürfnisse hängt ab von der Eigenart der vorgefundenen
natürlichen ökonomischen Bedingungen, und diese Bedingungen
sind es, die das Wie des Lebens der Menschen vorschreiben.
Das Bewußtsein der Menschen ist für Marx nur zu verstehen aus
ihrem gesellschaftlichen Sein, aus ihrem irdischen, realen, eben durch
den Stand der Produktivkräfte bedingten Leben.
„Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst
unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr
der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken,
der geistige Verkehr rler Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß
ihre~ materiellen Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der
Spra.che der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw.
eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten
ihrer Vorstellungen, Ideen usw., aber die wirklichen, wirkenden
:\Ienschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer
Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen
weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas anderes
bein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklieher
Lebensprozeß. ‚Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse
wie in einer camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so
geht dieses Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß
hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem
unmittelbar physischen.“‚)
Der historische Materialismus faßt den geschichtlichen Prozeß als
Prozeß der aktiven und passiven Anpassung des Menschen an die ihn umgebenden
natürlichen Bedingungen auf. „Die Arbeit ist zunächst ein
Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch
seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt,
regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht
gegenüber.“ 2) Der Mensch und die Natur sind die beiden aufeinander
einwirkenden, sich wechselseitig verändernden und bedingenden
Pole. Immer bleibt der historische Prozeß an die Gegebenheiten der
natürlichen Bedingungen außerhalb des Menschen wie seiner eigenen Beschaffenheit
gebunden. ObwohlMarx gerade davon ausging, in welchem
ungeheuren Ausmaß der Mensch die Natur und sich selbst im gesellschaftlichen
Prozeß verändert, hat er immer wieder betont, daß alle
Veränderungen an die natürlichen Bedingungen gebunden sind. Dies
unterscheidet gerade seinen Standpunkt von gewissen idealistischen,
‚) Marx und Engels, Teil I der „Deutsehen Ideologie“. Marx·Engels
Archiv, Bd. I, S. 239.
‚) Marx, Kapital S. 140.
Über Methode und Aufgabe einer 3nalytischen Sozialpsychologie 4[)
dem menschlichen Willen unbeschränkte Macht zutrauenden Positionenl
).
Marx und Engels sagen in der „Deutschen Ideologie“ 2) :
„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen.
keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von .denen man nur in
der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre
Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen
wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind
also auf rein empirischem Wege konstatierbar.
Die erste Voraussetzung aller l\Ienschengeschichte ist natürlich die
Existenz lebendiger menschlicher Individuen.· Der erste zu konstat.ierende
Tat.bestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr
dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. Wir können hier natür·
lieh weder auf die physische Beschaffenheit der Menschen selbst noch auf
die von den Menschen vorgefundenen Naturbedingungen, die geologischen, orohydrographischen,
klimatischen und anderen Verhältnisse eingehen. Alle
Geschichtsschreibung muß von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer
Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der l\‘!enschen ausgehen.“
Wie stellt sich nun, nach Beseitigung der gröbsten Mißverständnisse,
das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und historischem
Materialismus dar ~
Die Psychoanalyse kann die Gesamtauffassung des historischen
Materialismus an einer ganz bestimmten Stelle bereichern, nämlich
in der umfassenderen Kenntnis eines der im gesellschaftlichen
Prozeß wirksamen Faktoren, der Beschaffenheit
des Menschen selbst, seiner „Natur“. Sie reiht den Triebapparat
des Menschen in die Reihe der natürlichen Bedingungen ein,
die selber modifizieren, aber in deren Natur auch die Grenzen der
Modifizierbarkeit liegen; Der Triebapparat des Menschen ist eine
der „natürlichen“ Bedingungen, die zum Unterbau des gesellschaftlichen
Prozesses gehören. Aber nicht der Triebapparat „im allgemeinen“,
in seiner biologischen „Urform“. Als solcher erscheint
er in Wirklichkeit niemals, sondern immer schon in einer bestimmten,
eben durch den gesellschaftlichen Prozeß veränderten Form. Die
menschliche Psyche bzw. deren Wurzeln, die libidinösen Kräfte, gehören
.mit zum Unterbau, sie sind aber nicht etwa „der“ Unterbau,
wie eine psychologistische Interpretation meint, und „die“ menschliche
Psyche ist auch immer nur die durch den gesellschaftlichen Prozeß
1) VgI. zu dieser Frage die das Naturmoment besonders klar hervorhebende
Arbeit von llucharin, Die Theorie des historischen Materialismus,
1922, und die dieses Problem speziell behandelnde und klärende Arbeit
von K. A. Wittfogel, Geopolitik. geographischer Materialismus und ~1arxi,mus.
(Unter dem Banner des Marxismus IH, 1, 4, 5.)
2) a. a. O. S_ 237f.
46 Erich Fromm
modifizierte Psyche. Der historische Materialismus verlangt eine
Psychologie, d. h. eine Wissenschaft von den seelischen Eigenschaften
des Menschen. Erst die Psychoanalyse hat eine Psychologie geliefert,
die für den historischen Materialismus brauchbar ist.
Diese Ergänzung ist besonders aus folgendem Grunde wichtig.
Marx und Engels konstatierten die Abhängigkeit allen ideologischen
Geschehens vom ökonomischen Unterbau, sahen im Geistigen „das in
den Menschenkopf umgesetzte Materielle“. Gewiß konnte in vielen
Fällen der historische Materialismus auch ohne alle psychologischen
Voraussetzungen richtige Antworten geben. Aber doch nur entweder
da, wo die Ideologie einen mehr oder weniger zweckrationalen Charakter
mit Bezug auf gewisse Klassenziele trägt oder da, wo es sich.
darum handelt, richtige Zuordnungen zwischen ökonomischem Unterbau
und ideologischem Überbau vorzunehmen, ohne doch zu erklären,
wie der Weg von der Ökonomie zum menschlichen Kopf oder Herz
gehtl). Aber über das Wie der Umsetzung des Materiellen in den
Menschenkopf konnten und wollten – mangels einer brauchbaren
Psychologie – Marx und Engels keine Antwort geben. Die Psychoanalyse
kann zeigen, daß die Ideologien die Produkte von bestimmten
Wünschen, Triebregungen, Interessen, Bedürfnissen sind, die, selber
zum großen Teil nicht bewußt, als „R,ationalisierung“ in Form der
Ideologie auftreten; daß aber diese Triebregungen selbst zwar einerseits
auf der Basis biologisch bedingter Triebe erwachsen, aber weitgehend
ihrer Quantität und ihrem Inhalt nach von der sozial-ökonomischen
Situation des Individuums bzw. seiner Klasse geprägt sind_
Wenn, wie Marx sagt, die Menschen die Produzenten ihrer Ideologie
sind, so kann eben gerade die analytische Sozialpsychologie die Eigenart
dieses Produktionsprozesses der Ideologien, die Art des Zusammenwirkens
„natürlicher“ und gesellschaftlicher Faktoren in ihm beschreiben
und erklären. Die Psychoanalyse kann also zeigen,
wie sich auf dem Wege über das Triebleben die ökonomische
Situation in Ideologie umsetzt. Dabei ist ganz
besonders zu betonen, daß dieser „Stoffwechsel“ zwischen Triebwelt
und Umwelt dazu führt, daß sich der Mensch als solcher verändert,
1) Zur Frage nach dem \\Tesen des ideologischen Überbaus.ygl. auch
Engels‘ Brief an Mehring (v. 14. Juli 1893, zitiert nach Duncker, Uber histo ..
rischen Materialismus, Berlin 1930): „Nämlich wir alle haben zunächst das
Hauptgewicht auf die Abi e i tun g der politischen, rechtlichen und sonstigen
ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelter
Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und 1 e gen m üs sen.
Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt:
die Art und ‚“Veise, wie diese Vorstellungen zustande kommen.“
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 47
genau so wie die „Arbeit“ die außermenschliche Natur verändert.
Die Richtung dieser Veränderung des Menschen kann hier nur angedeutet
werden. Sie liegt vor allem in dem von Freud verschiedentlich
betonten Wachstum der Ich-Organisation und dem damit verbundenen
Wachstum der Sublimierungsfähigkeitl). Die Psychoanalyse
erlaubt uns also, die Ideologiebildung als eine Art „Arbeitsprozeß“,
als eine der Situationen des Stoffwechsels zwischen Mensch
und Natur anzusehen, wobei die Besonderheit darin liegt, daß die
„Natur“ in diesem Fall innerhalb und nicht außerhalb des Menschen
liegt.
Die Psychoanalyse kann gleichzeitig über die Wirkungsweise der
, Ideologien oder Ideen auf die Gesellschaft Aufschluß geben. Sie kann
aufzeigen, daß die Wirkung einer „Idee“ wesentlich auf ihrem unbewußten
und an bestimmte Triebtendenzen appellierenden Gehalt
beruht, d. h. daß es Art und Stärke des libidinösen Resonanzbodens
der Gesellschaft oder einer Klasse ist, die über die soziale Wirkung
der Ideologien mitbestimmt.
Wenn so klar zu sein scheint, daß die psychoanalytische Sozialpsychologie
in einem ganz bestimmten Punkt ihren Platz innerhalb
des historischen Materialismus hat, so ist noch auf einige Punkte hinzuweisen,
in denen sie ganz unmittelbar gewisse Schwierigkeiten zu
beseitigen imstande ist.
Zunächst einmal kann der historische Materialismus gewissen Einwänden
klarer entgegnen. ‚Wenn darauf hingewiesen wurde, welche
Rolle in der Geschichte ideelle Momente, wie Freiheitswille, Liebe zur
Gruppe, der man angehört, usw. spielen, so konnte man vom Standpunkt
des historischen Materialismus aus wohl diese Fragestellung als
eine psychologische ablehnen und sich darauf beschränken, die objektive
ökonomische Bedingtheit der historischen Ereignisse nachzuweisen.
Man war aber nicht imstande, eine klare Antwort darauf
zu geben, welcher Art und Herkunft denn nun wirklich diese – als
psychische Antriebe doch offenbar sehr wirksamen – menschlichen
Kräfte sind und wie man sie im gesellschaftlichen Prozeß einzuordnen
hat. Die Psychoanalyse kann aufzeigen, daß diese scheinbar ideellen
Motive in Wirklichkeit nichts anderes als der rationalisierte Ausdruck
von triebhaften, libidinösen Bedürfnissen sind und daß Inhalt und
Umfang der jeweils herrschenden Bedürfnisse wiederum nur aus dem
‚) Daß damit allerdings auch ein Wachstum des Über-Ichs und der Verdrängungen
verknüpft sein soll, erscheint uns ein innerer Widerspruch.
Wachstum des Ichs und der Sublimierungsmöglichkeiten heißt ja geradf‘
Bewältigung der Triebe auf anderem Weg als dem der Verdrängung.
48 Erich Fromm
Einfluß der sozialökonomischen Situation auf die gegebene Triebstruktur
der die Ideologie bzw. das dahinterstehende Bedürfnis
produzierenden Gruppe zu verstehen sind. Es ist also der Psychoanalyse
möglich, auch die sublimsten ideellen Beweggründe auf ihren
irdischen libidinösen Kern zu reduzieren, ohne dabei gezwungen zu
sein, die ökonOlilischen Bedürfnisse als die allein wichtigen anzusehen.
Der Mangel an einer dem historischen Materialismus adäquaten
Psychologie führte dazu, daß gewisse Vertreter des historischen
~Iaterialismus an dieser Stelle eine private, rein idealistische Psychologie
aufstellten. Ein typisches Beispiel – typischer noch als offen
idealistische Autoren wie Bernstein – ist Kautsky. Er nimmt an,
daß es einen dem Menschen eingeborenen „sozialen Trieb“ gibt. Das.
Verhältnis zwischen diesem sozialen Trieb und den sozialen Verhältnissen
beschreibt er folgendermaßen: „Je nach der Stärke und
Schwäche seiner sozialen Triebe wird der Mensch mehr zum Bösen
oder Guten neigen. Doch hängt dies nicht minder von seinen Lebensbedingungen
in der Gesellschaft ab“l). Es ist klar, daß dieser eingeborene
soziale Trieb nichts anderes ist als das dem Menschen eingeborene
moralische Prinzip und daß sich der kautskysche Standpunkt
nur in der Ausdrucksweise von einer idealistischen Ethik
unterscheidet 2).
Diejenigen marxistischen Autoren aber, die nicht die Wendung zu
einer idealistischen Psychologie und Ethik gemacht haben, schenken
der Psychologie überhaupt wenig Beachtung3). Nun ist es gewiß
I) a. a. 0., S. 262.
‚) Die gleiche Position vertritt Kautsky, wenn er der Annahme, der historische
:\Iaterialismus sei eine ökonomistische Psychologie, folgendermaßen
entgegnet: „Würde die materialistische Geschichtsauffassung wirklich behaupten,
daß die „‚lenschen nur von ökonomischen Motiven oder von materiellen
Interessen bewegt werden. dann würde es sich nicht lohnen, daß wir
Hlls ausführlich mit ihr beschäftigen. Dann wäre sie nur eine Vergröberung
jener sehr alten Anschauung, die im Egoismus oder im Streben nach Lust
da8 einzige Motiv menschlichen HandeIns erblickt. Dann hätten auch Marx
und Engels ihre Theorie durch ihre eigene Praxis schlagend widerlegt, denn
es hat nie zwei Menschen gegeben, die selbstloser waren und weniger durch
materielle :\Iotive bewegt wurden, als meine beiden Meister“ (a. a. 0., S. 6).
Hier enthüllt sich klar die idealistische Position Kautskys. Er bemerkt
keineswegs, daß ökonomische Motive und Streben nach Lust
zwei ganz verschiedene Dinge sind und daß auch die wertvollen
!Jersönlichen Qualitäten nicht jenseits des von Bedürfnissen der
verschiedensten Art erfüllten und auf ihre Befriedigung bedachten
seelischen Apparates stehen. .
3) Bucharin hat in seiner „Theorie des historischen Materialismus“ dem
Problem der Psychologie ein besonderes Kapitel gewidmet. Er erklärt
darin vollkommen richtig, .daß die Psychologie einer Klasse nicht identisch
Ist mit ihrem „Interesse“, worunter er ihre realen, ökonomischen InterE!
ssen versteht; daß aber immer die Psychologie der Klasse aus ihrer ökoÜber
Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 49
richtig, worauf oben schon hingewiesen wurde, daß der gesellschaftliche
Prozeß auch ohne Psychologie aus der Kenntnis der ökonomischen und
von ihnen abhängigen sozialen Kräfte verstanden werden kann. Da
ja aber nicht die gesellschaftlichen Gesetze es sind, welche handeln,
sondern lebendige Menschen, d. h. da die ökonomischen und sozialen
Notwendigkeiten sich durch das Medium nicht nur des menschlichen
rationalen Denkens, sondern vor allem des menschlichen Triebapparates,
seiner libidinösen Kräfte, durchsetzen, ergibt sich folgendes:
einmal ist die menschliche Triebwelt eine Naturkraft, die gleich andern
(also etwa Bodenfruchtbarkeit, Bewässerung usw.) unmittelbar zum
Unterbau des gesellschaftlichen Prozesses gehört und einen wichtigen
naturalen, sich unter dem Einfluß des gesellschaftlichen Prozesses
verändernden Faktor darstellt, dessen Kenntnis also zum vollständigen
Verständnis des gesellschaftlichen Prozesses notwendig ist; weiterhin,
daß die Produktion und Wirkungsweise der Ideologien nur
aus der Kenntnis des Funktionierens des Triebapparates richtig
verstanden werden kann; endlich, daß‘ beim Auftreffen der ökonomisch
bedingenden Faktoren auf dieses Medium, die Triebwelt,
gleichsam gewisse Brechungen entstehen, d. h. daß durch die
Eigenart der Triebstruktur sich faktisch der soziale Prozeß, yor
allem im Tempo, anders – rascher oder langsamer – yollzieht,
als dies bei theoretischer Vernachlässigung des psychischen
Faktors zu erwarten ist. Es ergibt sich also aus der Verwendung der
Psychoanalyse innerhalb des historischen :VIaterialismus eine Verfeinerung
der Methode, eine Erweiterung der Kenntnis der im gesellschaftlichen
Prozeß wirksamen Kräfte, eine noch größere Sicherheit
sowohl im Verständnis historischer Abläufe als in der Prognose künfnornisch-
sozialen Rolle verstanden werden muß. Er erwähnt als Bei;;piel
Situationen, v.:-o eine Verzweiflungsstimmung die )Iassen oder Gruppen nach
einer großen Niederlage im Klassenkampf erfaßt. „Dann ist ein Zusammenhang
mit dem Klasseninteresse nachweisbar, aber dieser Zusammenhang
ist eigentümlicher Art: der Kampf wurde von verborgenen Triebfedern
der In teressen (gesperrt E. F.) geführt, aber nun ist die Armee der Kämpier
geschlagen; auf diesem Boden entsteht die Zersetzung, die Yerzweiilung. oe“
beginnt das Hoffen auf ein Wunder, das Predigen der )Ienschenflucht, ,lie
Blicke richten sich gen Himmel.“ Bucharin fährt dann fort; „Wir sehen abo,
daß bei der Betrachtung der Klassenpsychologie wir es mit einer wiederum
sehr komplizierten Erscheinung zu tun haben, die sich keineswegs auf das
nackte Interesse allein zurückführen läßt, die aber stets durch jenes konkrete
Milieu zu erklären ist, in das die betreffende Klasse geraten ist. .. Er spricht
dann weiterhin auch von den ideologischen Prozessen als von einer besonderen
Art der gesellschaftlichen Arbeit. Aber da ihm eine entsprechende Psychologie
nicht zur Verfügung steht, kommt er nicht weiter als eben bis zu dieser
Feststellung, kann es ihm nicht gelingen, die Art. dieses Arbeitsprozesses
zu verstehen.
50 Erich Fromm
tigen gesellschaftlichen Geschehens und speziell das vollkommene Verständnis
der Produktion der Ideologien.
Der Grad der Fruchtbarkeit einer psychoanalytischen Sozialpsychologie
hängt natürlich ab von dem Grad der Bedeutung, den die
libidinösen Kräfte im gesellschaftlichen Prozeß haben. Eine auch nur
einigermaßen vollständige Untersuchung müßte weit über den Rahmen
dieses Aufsatzes hinausführen. Wir begnügen uns deshalb an dieser
Stelle mit einigen andeutenden grundsätzlichen Bemerkungen.
Wenn man fragt, durch welche Kräfte eine bestimmte Gesellschaft
in ihrer Stabilität gehalten, durch welche andererseits diese Stabilität
erschüttert wird, so sieht man, daß es zwar die ökonomischen Bedingungen,
die gesellschaftlichen Widersprüche sind, die über Stabilität
oder Zerfall einer Gesellschaft entscheiden, daß aber der Faktor,
der auf der Basis dieser Bedingungen ein überaus wichtiges Element
in der gesellschaftlichen Struktur darstellt, die in den Menschen wirksamen
libidinösen Tendenzen sind. Gehen wir zunächst von einer
relativ stabilen gesellschaftlichen Konstellation aus. Was hält die
Menschen zusammen, was macht gewisse Solidaritätsgefühle, was
gewisse Einstellungen der Unter- und Überordnung möglich 1 Gewiß,
es ist der äußere Machtapparat (also Polizei, Justiz, Militär usw.), der
die Gesellschaft nicht aus den Fugen gehen läßt. Gewiß, es sind die
zweckrationalen, egoistischen Interessen, die zur Formierung und
Stabilität beitragen. Aber weder der äußere Machtapparat noch die
rationalen Interessen würden ausreichen, um das Funktionieren der
Gesellschaft zu garantieren, wenn nicht die libidinösen Strebungen
der Menschen hinzukämen. Es sind die libidinösen Kräfte der
Menschen, die gleichsam den Kitt. formieren, ohne den die Gesellschaft
nicht zusammenhielte, und die zur Produktion der großen gesellschaftlichen
Ideologien in allen kulturellen Sphären beitragen.
Verdeutlichen wir dies an einer besonders wichtigen gesellschaftlichen
Konstellation, am Verhältnis der Klassen zueinander. In der
uns bekannten Geschichte herrscht eine Minorität über die Majorität
der Gesellschaft. Diese Klassenherrschaft war nicht der Erfolg von
List und Betrug, wie es etwa die Aufklärung darstellt, sondern sie
war notwendig und bedingt von der ökonomischen Gesamtsituation
der Gesellschaft, vom Stand der Produktivkräfte. So erscheint etwa
N ecker „das Volk durch Eigentumsgesetze verdammt, immer nur das
Allernotwendigste für seine Arbeit zu bekommen“. Die Gesetze
werden als Schutzmaßregeln der Besitzenden gegen die Besitzlosen
angesehen. Sie seien, so schreibt Linguet, gewissermaßen „eine VerÜber
Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 51
schwörung gegen den zahlreichsten Teil des Menschengeschlechts,
gegen den dieser nirgends und auf keine Art Hilfe finden könne“l).
Die Aufklärung hat das Abhängigkeitsverhältnis beschrieben und
kritisiert, wenn sie auch seine ökonomische Bedingtheit nicht erkannte.
In der Tat entspricht die Feststellung der Herrschaft einer
Minorität dem geschichtlichen Verlauf. Welches sind aber die Faktoren,
die diesem Abhängigkeitsverhältnis Bestand verleihen?
Es sind wohl in erster Reihe die Mittel physischen Zwangs, und es
sind bestimmte Gruppen, die mit der Handhabung dieser Mittel beauftragt
sind, aber daneben gibt es noch einen anderen wichtigen
Faktor: die libidinösen Bindungen, Angst, Liebe, Vertrauen, die die
Seelen der Majorität in ihrem Verhältnis zur herrschenden Klasse
erfüllen. Diese seelische Einstellung ist aber keine willkürliche, zufällige,
sie ist der Ausdruck der libidinösen Anpassung der Menschen
an die ökonomisch notwendigen Lebensbedingungen. Da und solange
diese die Herrschaft einer Minorität üher eine Majorität notwendig
machen, paßt sich auch die Libido dieser ökonomischen
Struktur an und wird damit selbst zu einem das Klassenverhältnis
stabilisierenden Moment.
Über der Anerkennung der ökonomischen Bedingthei t der libidinösen
Struktur darf aber die Sozialpsychologie nicht vergessen, die
psychologische Basis dieser Struktur zu untersuchen; d. h. es ist
nicht nur zu erforschen, warum diese libidinöse Struktur notwendig
ist, sondern auch wie sie psychologisch möglich ist, durch welche
Mechanismen sie funktioniert. Bei der Untersuchung dieser Wurzeln
der libidinösen Bindung der Majorität an die herrschende Minorität
wird etwa die Sozialpsychologie feststellen, daß diese Bindung
eine Wiederholung bzw. eine Fortsetzung der seelischen Haltung
ist, die diese erwachsenen Menschen als Kinder zu ihren Eltern,
speziell zu ihrem Vater gehabt haben (innerhalb der bürgerlichen
Familie) 2). Es handelt sich um eine Mischung von Bewunderung,
Angst, Glauben an die Kraft, Klugheit und guten Absichten des
Vaters, d. h. affektiv bedingte Überschätzung seiner intellektuellen
und moralischen Qualitäten, wie wir sie beim Kind im Verhältnis zum
Vater wie beim Erwachsenen innerhalb der patriarchalischen Klassengesellschaft
im Verhältnis zum Angehörigen der herrschenden Klasse
finden. Hiermit eng verknüpft sind gewisse moralische Prinzipien,
‚) Zitiert nach Grünberg in den „Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik“
in Stuttgart 1924. S. 31.
2) Es darf aber nicht vergessen werden, daß dieses bestimmte Vater·Kind·
Verhältnis seinerseits selbst gesellschaftlich bedingt ist.
52 Erich Fromm
die es den Armen vorziehen lassen zu leiden, als „Unrecht“ zu tun,
die ihn glauben lassen, der Sinn seines Lebens sei Gehorsam und
Pflichterfüllung im Dienste der Mächtigen usf. Auch diese für die
soziale Stabilität so überaus wichtigen ethischen Vorstellungen sind
das Produkt bestimmter affektiver, emotionaler Beziehungen zu
denjenigen, die diese Vorstellungen inaugurieren und vertreten.
Selbstverständlich wird es nicht dem Zufall überlassen, ob solche
Vorstellungen entstehen oder nicht. Vielmehr dient ein ganz wesentlicher
Teil des Kulturapparates dazu, die sozial geforderte Haltung systematisch
und planmäßig zu schaffen. Die Darstellung der Rolle, die
das gesamte Erziehungswesen oder auch z. B die Straf justiz hierbei
spielen, ist eine wichtige Aufgabe der Sozialpsychologie l ).
Wir haben die libidinösen Beziehungen zwischen der herrschenden
Minorität und der beherrschten Majorität herausgegriffen, weil dieses
Verhältnis der soziale wie psychische Kern jeder Klassengesellschaft
ist. Aber auch alle andern Beziehungen innerhalb der Gesellschaft
tragen ihr besonderes libidinöses Gepräge. Etwa die Beziehungen
der Angehörigen der gleichen Klasse weisen eine andere psychische
Färbung innerhalb des Kleinbürgertums als innerhalb des
Proletariats auf, die libidinöse Beziehung zum politischen Führer ist
psychologisch anders strukturiert beim seine Klasse zwar führenden,
aber sich mit ihr identifizierenden und ihren Wünschen dienenden,
proletarischen und anders bei dem der Masse als starker Mann,
als mächtiger, vergrößerter pater familias gegenüberstehenden, kommandierenden
Führer 2).
‚) Vgl. Fromm, Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft.
Imago, XVII, 12. – Der Kulturapparat dient auch nicht nur
dazu, die libidinösen Kräfte (speziell die praegenitalen und die Partialtriebe)
der Menschen in bestimmte, gesellschaftlich erwünschte Richtungen
zu lenken, sondern auch, die libidinösen Kräfte so weit zu schwächen, daß
sie nicht zu einer Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität werden. In
dieser Abdämpfung der libidinösen Kräfte, bzw. ihrer Zurücklenkung auf das
praegenitale Gebiet, ist auch ein Grund der Sexualmoral gewisser Gesellschaften
zu finden.
‚) Freud hat in seiner „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ gerade auf
die libidinösen Momente des Verhältnisses zum Führer hingewiesen. Er hat
aber „den Führer“ abstrakt genommen, wie er „die Masse“ abstrakt nimmt,
d. h. ohne· Rücksicht auf ihre konkrete Situation. Dadurch bekommt auch
die Darstellung der psychischen Vorgänge eine Allgemeinheit, die der Wirklichkeit
nicht entspricht, bzw. es wird ein bestimmter Typ der Beziehung
zum Führer zum allgemeinen gestempelt. Auch wird überhaupt das entscheidende
Problem ,der Sozialpsychologie, das Verhältnis der Klassen, durch
ein sekundäres, das Verhältnis Masse-Führer ersetzt. Es bleibt aber bemerkenswert,
daß Freud in dieser Arbeit die die Masse herabsetzenden
Tendenzen der bürgerlichen Sozialpsychologen feststellt und seinerseits
nicht teilt.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 53
Entsprechend der Mannigfaltigkeit der möglichen libidinösen Beziehungen
herrschen auch tatsächlich die allerverschiedensten Arten
gefühlsmäßiger Bindungen innerhalb der Gesellschaft. Ihre Beschreibung
und Erklärung ist an dieser Stelle auch nur andeutungsweise
ganz unmöglich. Es ist dies eine Hauptaufgabe einer analytischen
Sozialpsychologie. Nur soviel muß gesagt werden, daß jede
Gesellschaft, so, wie sie eine bestimmte ökonomische und eine soziale,
politische und geistige Struktur hat, auch eine ihr ganz spezifische
libidinöse Struktur hat. Die libidinöse Struktur ist das Produkt
der Einwirkung der sozial-ökonomischen Bedingungen auf die Triebtendenzen,
und sie ist ihrerseits ein wichtiges bestimmendes Moment
für die Gefühlsbildung innerhalb der verschiedenen Schichten der
Gesellschaft wie auch für die Beschaffenheit des „ideologischen
Überbaus“. Die libidinöse Struktur einer Gesellschaft ist das
Medium, in dem sich die Einwirkung der Ökonomie auf die eigentlich
menschlichen, seelisch-geistigen Erscheinungen vollzieht.
Selbstverständlich bleibt die libidinöse Struktur einer Gesellschaft
so wenig konstant wie ihre ökonomische und soziale. Sie hat aber eine
relative Konstanz, solange die Gesellschaftsstruktur in einem gewissen
Gleichgewicht ist, d. h. also in den relativ konsolidierten
Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit dem Wachsen der
objektiven Widersprüche innerhalb der Gesellschaft, mit der beginnenden
stärkeren Zersetzung einer bestimmten Gesellschaftsform
treten auch gewisse Veränderungen in der libidinösen Struktur der
Gesellschaft ein; traditionelle, die Stabilität der Gesellschaft erhaltende
Bindungen verschwinden, traditionelle Gefühlshaltungen ändern sich.
Libidinöse Kräfte werden zu neuen Verwendungen frei und verändern
damit ihre soziale Funktion. Sie tragen nun nicht mehr dazu bei, die
Gesellschaft zu erhalten, sondern sie führen zum Aufbau neuer Gesellschaftsformationen,
sie hören gleichsam auf, Kitt zu sein und
werden Sprengstoff.
Kehren wir noch einmal zu der am Eingang diskutierten Fragestellung
zurück, dem Verhältnis der Triebe zu den Lebensschicksalen,
also den äußeren Lebensbedingungen des Menschen! Wir hatten gesehen,
daß die analytische Personalpsychologie die Triebentwicklung
als Produkt der aktiven und passiven Anpassung der Triebstruktur
an die Lebensbedingungen ansieht. Das Verhältnis zwischen der
libidinösen Struktur der Gesellschaft und ihren ökonomischen Bedingungen
ist prinzipiell genau das gleiche. Es handelt sich um
einen Prozeß der aktiven und passiven Anpassung der libidinösen
54 Erich Fromm, Über Methode u. Aufgabe einer analyt. Sozialpsychologie
Struktur der Gesellschaft an die ökonomischen Bedingungen. Die
Menschen, eben getrieben von ihren libidinösen Impulsen, verändern
ihrerseits die ökonomischen Bedingungen, die veränderten ökonomischen
Bedingungen bewirken, daß neue libidinöse Strebungen und
Befriedigungen entstehen usf. Entscheidend ist, daß alle diese Veränderungen
in letzter Instanz auf die ökonomischen Bedingungen
zurückgehen, daß sich die Triebregungen und Bedürfnisse im Sinne
der ökonomischen Bedingungen, d. h. des jeweils Möglichen bzw.
Notwendigen verändern und anpassen.
Innerhalb der Auffassung des historischen Materialismus findet
die analytische Psychologie eindeutig ihren Platz. Sie untersucht
einen der im Verhältnis Gesellschaft-Natur wirksamen natürlichen
Faktoren, die menschliche Triebwelt, die aktive und passive Rolle,
die sie innerhalb des gesellschaftlichen Prozesses spielt. Sie untersucht
damit zugleich einen entscheidenden zwischen der ökonomischen
Basis und der Ideologiebildung vermittelnden Faktor. Die analytische
Sozialpsychologie ermöglicht dadurch das volle Verständnis
des ideologischen Überbaus aus dem zwischen Gesellschaft und Natur
sich abspielenden Prozeß.
Kurz zusammengefaßt ist das Ergebnis dieser Untersuchung über
Methode und Aufgabe einer psychoanalytischen Sozialpsychologie:
Die Methode ist die der klassischen Freudschen Psychoanalyse,
d. h. auf soziale Phänomene übertragen: Verständnis der gemeinsamen,
sozial relevanten seelischen Haltungen aus dem Prozeß der aktiven
und passiven Anpassung desTriebapparates an die sozial-ökonomischen
Lebensbedingungen der Gesellschaft.
Die Auf gab e einer psychoanalytischen Sozialpsychologie liegt
zunächst in der Herausarbeitung der sozial wichtigen libidinösen
Strebungen, mit anderen Worten in der Darstellung der libidinösen
Struktur der Gesellschaft. Ferner hat die Sozialpsychologie die
Entstehung dieser libidinösen Struktur und ihre Funktion im gesellschaftlichen
Prozeß zu erklären. Die Theorie, wie die Ideologien
aus dem Zusammenwirken von seelischem Triebapparat und sozialökonomischen
Bedingungen entstehen, wird dabei ein besonders
wichtiges Stück sein.

Lenin und die Rezeption der Psychoanalyse in der Sowjetunion der Zwanzigerjahre

Christfried Tögel

Lenin und die Rezeption der Psychoanalyse in der Sowjetunion der Zwanzigerjahre

Laut Eugene Garfield vom Institute for Scientific Information sind Lenin und Freud die beiden meistzitierten Autoren des 20. Jahrhunderts (Garfield, 1986). Ihre Namen werden aber nur äußerst selten In einem Atemzuge gerannt. Wir wissen, daß Freud die Entwicklung in Rußland nach der Oktoberrevolution zwar skeptisch, jedoch mit Interesse verfolgt hat (vgl. z.B. Freud, 1974, S.503). Von Lenin aber glauben die meisten Wissenschaftshistoriker mit Ernst Federn, daß er die Psychoanalyse nicht kannte (Federn, 1976, 5.1042). Meine Bemerkungen werden jedoch nicht nur die Hinweise darauf zusammenstellen, daß Lenin die Psychoanalyse kannte – wie genau, läßt sich im Moment nicht sagen -, sondern ich will versuchen, aufgrund der uns bisher zugänglichen Informationen Lenins Einstellung zu Freuds Theorie zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang werde ich auch auf Lenins Kultur- und Wissenschaftspolitik und deren Auswirkungen auf das Schicksal der Psychoanalyse In der Sowjetunion der Zwanzigerjahre eingehen.

  1. Indizien für Lenins Kenntnis der Psychoanalyse

Da wären zuerst drei Bände mit Schriften Freuds In russischer Übersetzung zu nennen, die sich in Lenins Privatbibliothek befinden: 1. Die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“, d.h. die Geschichte des kleinen Hans.‘ (Freud, 1913). Auf der Titelseite der In Lenins Besitz befindlichen Ausgabe ist handschriftlich In lateinischen Buchstaben vermerkt: „S. Freud“. 2. Die „Vorlesungen zur Einführung In die Psychoanalyse“ (Freud, 1922, 1923a) Lenins Exemplar enthält Randbemerkungen seiner Frau Nadeshda Krupskaja. 3. Eine Sammlung von Schriften Freuds unter dem Titel „Grundlegende psychologische Theorien der Psychoanalyse.‘ (Freud, 1923b). In dieser Anthologie, auf deren Titelseite handschriftlich Lenins Name steht, sind folgende Arbeiten enthalten: „Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“, „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“, „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, ‚Trauer und Melancholie.‘, ‚Triebe und Triebschicksale“, „Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik.‘, „Das Unbewußte“, „Die Verdrängung“ und „Metapsychologische Ergänzungen zur Traumlehre“.

Es ist keineswegs ausgeschlossen, ja sogar sehr wahrscheinlich, daß Lenin weit mehr als nur diese Arbeiten Freuds kannte, hielt er sich doch zwischen 1895 und 1917 mehr als 15 Jahre in Westeuropa auf. Wahrend dieser Zeit besuchte er die Bibliotheken In Berlin, Leipzig, Genf, Zürich, Paris, London, in denen er bis zu 15 Stunden täglich verbrachte (Reisberg, 1977, S. 296). Ober die Bibliothek des Britischen Museums schrieb er z.B.: „Wenn ich in London bin, arbeite ich immer In der Bibliothek. Eine bemerkenswerte Institution…. Hier hat jeder Leser seinen gesonderten Platz, wo man auf beliebige Weise die bestellten Bücher, seine Exzerpte, Notizen auslegen kann .. . Man bestellt Bücher und sie werden einem fast augenblicklich gebracht.“ (Lenin, 1907). Und es war keineswegs so, daß Lenin nur Literatur zur Politik und Ökonomie las. In seinem philosophischen Hauptwerk „Materialismus und Empiriokritizismus“ aus dem Jahre 1908 zitiert er z.B. viele der führenden Psychologen dieser Zeit wie William James, Wilhelm Jerusalem, James Ward, Wilhelm Wundt, Theodor Ziehen. Und in seinen „Philosophischen Heften“ (Lenin, 1971) werden Hermann Ebbinghaus, August Forel, Friedrich Jodl, Theodor Lipps und wiederum Wilhelm Wundt erwähnt. Lenin war also recht gut über die Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts informiert und man muß sich fragen, wieso Freuds Name nirgends in seinen Schriften auftaucht. Möglicherweise ist Lenin wirklich nichts von Freud in die Hände gefallen oder er hielt Freuds Hypothesen für nicht erwähnenswert. Andererseits wissen wir aber auch, daß Stalin schon zu Lebzeiten Lenins begonnen hat, dessen Arbeiten zu zensurieren und ihm nicht genehme Passagen einfach zu streichen. Es wäre also keineswegs eine Überraschung, wenn die im Rahmen der Politik von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion vorsichgehende Öffnung der Archive auch Materialien von Lenin zu Freud ans Tageslicht förderte.

Einen zweiten Hinweis auf Lenins Kenntnis der Psychoanalyse gibt uns Clara Zetkin. Sie kannte Lenin seit dem VII. Internationalen Sozialistenkongreß, der im August 1907 In Stuttgart stattfand. Aus der dortigen Bekanntschaft wurde eine herzliche Freundschaft. Wie nun aus Clara Zetkins im Jahre 1933 in Moskau erschienenen Erinnerungen an Lenin hervorgeht, hat dieser sich in einem Gespräch vom Herbst 1920 kritisch zu den Sexualtheorien seiner Zeit geäußert und in diesem Zusammenhang auch Freuds Namen erwähnt (Zetkin, 1933; Zetkin, 1957, 65-68). Alle Versuche jedoch, Clara Zetkins Aufzeichnungen im Sinne einer strikten Ablehnung der Psychoanalyse durch Lenin zu interpretieren, entbehren jeder Grundlage (vgl. z.B. das Vorwort zur russischen Ausgabe von Braun, 1982). Erstens hat Clara Zetkin ihre Erinnerungen erst mehr als vier Jahre nach dem bewußten Gespräch mit Lenin niedergeschrieben, und zweitens wird in der „Vorbemerkung“ zur deutschen Ausgabe der Erinnerungen klar hervorgehoben, daß Clara Zetkin diese aufgezeichnet hat, ohne Lenins Ausführungen wörtlich zu wiederholen“ (Zetkin, 1957, S.5). Doch gibt es auch inhaltliche Gründe, die gegen eine Ausweitung von Lenins Kritik bestimmter Sexualtheorien auf die Psychoanalyse überhaupt sprechen. So hat Lenin seine Ablehnung damit motiviert, „daß die Sexual- und Ehefrage nicht als Teil der großen sozialen Frage erfaßt wird. Umgekehrt, daß die große soziale Frage als ein Teil, als ein Anhängsel der Sexualprobleme erscheint.“ (Zetkin, 1957, 5.68).

An dieser Stelle sei mir ein kurzer Exkurs über Lenin und das Unbewußte gestattet. Es gibt Gründe dafür anzunehmen, daß Lenin die Existenz eines Unbewußten nicht ablehnte. Er hatte im Jahre 1909 Abel Reys Buch „La Philosophie Moderne.“ (Rey,1908) gelesen und sein Exemplar reichlich mit Randbemerkungen versehen. Das fünfte Kapitel enthält einen Abschnitt unter der Oberschrift „Das Problem des Unbewußten‘. Dort schreibt Abel Rey: „Aber wenn man schwerlich den Umfang des unbewußten in unserem Organismus übertreiben kann, so sollte man doch nicht die qualitative Bedeutung dieses Unbewußten übertreiben…“ Lenin hat die zweite Hälfte dieses Satzes unterstrichen die Worte „dieses unbewußten“ sogar doppelt. Allerdings finden sich keine Randbemerkungen wie „haha!“, „Gefasel“, „Unsinn!“, „Schwätzer“ oder andere wenig schmeichelhafte Epitheta, bei deren Verwendung Lenin an anderen Stellen von Reys Buch nicht sparsam ist. Aus dem Fehlen solcher kritischen Bemerkungen läßt sich der Schluß ziehen, daß Lenin die Existenz des Unbewußten nicht in Frage stellte. Und das Unbewußte ist ja eine keineswegs nebensächliche Kategorie der Psychoanalyse.

Doch zurück zu Clara Zetkin. In Zusammenhang mit dem oben erwähnten Gespräch mit Lenin, in dem auch Freuds Name fiel, ist die Tatsache interessant, daß Clara Zetkin seit 1918 mit Heinrich Meng gut bekannt war. Beide waren Nachbarn in Sillenbuch bei Stuttgart und Meng wurde auf Bitten Claras ihr Hausarzt. Damals hatte er schon gute Kontakte zu Freud, mit dem er seit 1918 korrespondierte und den er 1920 zum ersten Mal besuchte. Im Jahre 1923 wurde Heinrich Meng als Konsilarius in den Kreml gerufen, um u.a. auch Lenin zu behandeln, der zu dieser Zeit schon drei Schlaganfälle erlitten hatte. Allerdings bekam Meng Lenin nie zu Gesicht und fuhr bald wieder nach Deutschland zurück (Meng, 1971). Da Clara Zetkin aufgrund ihrer Freundschaft zu Lenin und Nadeshda Krupskaja und als Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale oft für längere Zeit in Moskau war, liegt die Vermutung recht nahe, daß Heinrich Meng auf ihren Vorschlag hin nach Moskau eingeladen wurde.

  1. Weitere Querverbindungen zwischen Lenin und Freud

Neben den sicheren Hinweisen auf Lenins Kenntnis der Psychoanalyse gibt es eine Reihe von möglichen Informationsquellen über Freud und dessen Theorien. Da wäre zuerst Trotzki zu nennen. Zwischen 1907 und 1914 lebte er als politischer Emigrant in Wien. Mitglied des Redaktionskollegiums der von Trotzki herausgegeben »Prawda« war Adolf Joffe, damals Patient Alfred Adlers. Trotzki schreibt in diesem Zusammenhang:“ Durch Joffe wurde ich mit dem Problem der Psychoanalyse bekannt, die mir verführerisch erschien…“ (Trotzki, 1930, 5. 211). Nach der Oktoberrevolution 1917 in Rußland appellierte Trotzki an sowjetische Wissenschaftler – darunter auch an Ivan Petrowitsch Pawlow – der Psychoanalyse ohne Vorurteile zu begegnen (Deutscher, 1965, S. 193). Es kann keineswegs ausgeschlossen werden, daß Trotzki in seinen zahlreichen Gesprächen mit Lenin hin und wieder auch auf Freud und die Psychoanalyse zu sprechen kam und so eine Stellungnahme Lenins provozierte. Antwort darauf könnte das an der Harvard-University befindliche Trotzki-Archiv geben.

Trotzki und Freud haben sich nie getroffen. Es gibt jedoch – soweit ich bisher herausfinden konnte – zwei Personen, die sowohl Freud als auch Lenin persönlich kannten. Die erste ist Liweri Ossipowitsch Darkschewitsch. Er lebte von 1858 bis 1925 und war ein russischer Neurologe. 1884 arbeitete er an der Wiener Universität, wo er Freud zum ersten Mal traf. Ein Jahr später ging Darkschewitsch nach Paris und wurde dort laut Ernest Jones zu einem der Freunde Freuds (Jones, 1984, Bd. 1, S. 225). In einem Brief an Martha Bernays vom 4. November 1885 nannte Freud Darkschewitsch ‚meinen Freund In cerebro“ (Freud, 1960, S. 171) und charakterisierte ihn als einen „stillen und tiefen Fanatiker“ (ebenda, S. 172). Im Jahre 1886 veröffentlichten die beiden Freunde einen gemeinsamen Artikel „Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen (Über zwei Felder der Oblongata.‘ (Freud/Darkschewitsch, 1886). Ein Jahr später kehrte Darkschewitsch nach Rußland zurück, verteidigte seine Doktorarbeit und gründete im Jahre 1892 das erste russische Zentrum zur Alkoholikerbehandlung in Kasan. Gemeinsam mit Bechterev gründete er dann die Kasaner Gesellschaft für Neuropathologen und Psychiater und von 1917 bis zu seinem Tode im Jahre 1925 war er Professor für Neuropathologie an der 1. Moskauer Staatsuniversität. Der für uns interessante Punkt seiner Biographie ist die Tatsache, Daß Darkschewitsch 1922 einer der behandelnden Ärzte Lenins wurde. Besondere diagnostische Fähigkeiten hat er allerdings nicht bewiesen. So konstatierte er „Erschöpfung“, nachdem bei Lenin wiederholte Anfälle von Bewußtlosigkeit aufgetreten waren. Die Obduktion vom 22. Januar ergab dann jedoch „viele breite Erweichungsherde in der rechten Hemisphäre des Gehirns, einen frischen Bluterguß in der Vierhügelplatte.“ (Prawda, 24. Januar 1924). Es ist durchaus möglich, daß Darkschewitsch Lenin gegenüber niemals den Namen Freuds erwähnt hat, doch sollte man ihn als eine mögliche Informationsquelle in Betracht ziehen.

Der zweite gemeinsame Bekannte von Freud und Lenin ist Viktor Adler, Kommilitone Freuds und später Mitbegründer der Österreichischen Sozialistischen Partei (vgl. Freud, 1972, S. 222/223; Jones, 1984, Bd. 1, 5.65). Adler bewohnte früher die Räume im Erdgeschoß der Berggasse 19, in denen Freud von 1891 bis 1908 seine Praxis ausübte (Jones, 1984, Bd.2, S. 445). Wie Ernest Jones berichtet, hatte Freud Adler dort einst mit einem gemeinsamen Freund besucht (ebenda). Adler war der Psychoanalyse freundlich gesinnt, wie Ernst Federn berichtet, und er sah keinen Widerspruch zum Austromarxismus (Federn, 1976, S. 1042). Adler und Lenin kannten sich persönlich aus der Zeit ihrer gemeinsamen Mitgliedschaft im Büro der Sozialistischen Internationale. Am 7. August 1914 war Lenin in Neumarkt (heute Nowy Targ) in Galizien unter Spionageverdacht für Rußland verhaftet worden. Nadeshda Krupskaja schickte daraufhin sofort einen Brief an Viktor Adler mit der Bitte, sich um die Freilassung ihres Mannes zu bemühen (vgl. „Arbeiter-Zeitung“, 20. April 1924). Am 16. August intervenierte Adler gemeinsam mit dem Reichstagsabgeordneten Hermann Diamand im Innenministerium in Wien mit der Bitte, Lenin aus der Haft zu entlassen (Winter, 1957). Das geschah dann drei Tage später und Lenin und Krupskaja schickten umgehend eine Dankkarte an Adler („Arbeiter-Zeitung“, 20 April 1924). Am 30. August 1914 traf Lenin dann in Wien ein und bedankte sich bei Adler persönlich. Möglicherweise geben österreichische Archive darüber Auskunft, ob Viktor Adler mit Lenin nur über Politik gesprochen hat oder ob vielleicht auch Freud und die Psychoanalyse Gegenstand des Gedankenaustauschs waren.

An dieser Stelle wollen wir eine kurze Zwischenbilanz ziehen: Lenin wußte von der Psychoanalyse und besaß einige von Freuds Schriften in russischer Übersetzung. Freuds Sexualtheorie gegenüber war er möglicherweise kritisch eingestellt; die Existenz eines unbewußten dagegen akzeptierte er wohl. Bibliotheksstudien in Westeuropa und gemeinsame Bekannte von Freud und Lenin kommen darüberhinaus als mögliche Quellen für Lenins Kenntnis der Psychoanalyse in Frage, aber gesicherte Informationen dazu gibt es bisher nicht.

  1. Die Wissenschaftspolitik unter Lenin und ihre Bedeutung für die Psychoanalyse

Wir wollen nun den Blickwinkel wechseln. Hatten wir uns eben noch dafür interessiert, wie Lenin persönlich über Psychoanalyse dachte und was es für direkte und indirekte Beziehungen zwischen ihm und Freud gegeben haben könnte, so wollen wir nun fragen, wie Lenins Wissenschaftspolitik aussah und wie sie speziell in bezug auf die Psychoanalyse realisiert wurde.

Lenin war davon überzeugt, daß ohne die drastische Hebung des kulturellen Niveaus und eine beschleunigte Entwicklung der Wissenschaft in Sowjetrußland die Verwirklichung seiner kommunistischen Ideale zum Scheitern verurteilt ist. Er trat deshalb scharf gegen alle Versuche auf, mit der Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung auch deren kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften über Bord zu werfen. An die Jugend Sowjetrußlands gewandt sagte er im Jahre 1920: „Ihr würdet einen großen Fehler begehen, wolltet …. den Schluß ziehen, daß man Kommunist werden kann, ohne sich das von der Menschheit angehäufte Wissen anzueignen…. Kommunist kann einer nur dann werden, wenn er sein Gedächtnis um alle die Schätze bereichert, die von der Menschheit gehoben worden sind.“ (Lenin, 1961 S. 534/535). Und gegen die Auswüchse des Proletkults gewandt sagte er, „daß nur durch eine genaue Kenntnis der durch die gesamte Entwicklung der Menschheit geschaffenen Kultur… eine proletarische Kultur aufgebaut werden …… Die proletarische Kultur fällt nicht vom Himmel, sie ist nicht eine Erfindung von Leuten, die sich als Fachleute für proletarische Kultur bezeichnen. Das ist alles kompletter Unsinn“ (Lenin, 1961, S. 535). In diesem Zusammenhang wies Lenin darauf hin, Daß der Marxismus „die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnte, sondern sich umgekehrt alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete“ (Lenin, 1961 b, S. 549).

Von diesen Überlegungen ließ sich Lenin bei allen praktischen Entscheidungen in der Wissenschafts- und Bildungspolitik leiten. Selbstverständlich kam das auch der Psychoanalyse zugute. Im folgenden wird nun zu zeigen sein, daß die Psychoanalyse von dieser Politik profitierte, nicht weil sie einfach so mit „durchrutschte“, sondern weil sie vom Volksbildungsministerium und der Regierung, deren Vorsitzender Lenin war, ganz bewußt toleriert wurde.

Das erste Beispiel in dieser Hinsicht ist das Programm des Staatsverlags zur Übersetzung der Werke Sigmund Freuds. Der Staatsverlag gehörte zum Volkskommisariat für Aufklärung, d.h. zum Bildungsministerium und war somit eine Regierungsinstitution. Von 1921 bis 1924 war dessen Direktor Otto Julewitsch Schmidt (1891-1956). Dieser Otto Schmidt ist eine zentrale Figur in der sowjetischen Wissenschaftsgeschichte. speziell auch der Geschichte der Psychoanalyse In der Sowjetunion der Zwanzigerjahre. Von 1924 bis 1941 war er Chefredakteur der ersten Auflage der berühmten „Großen Sowjetenzyklopädie“, bekannt wurde er aber besonders durch seine Polarforschungen und -expeditionen. Außerdem leistete er Bedeutendes auf den Gebieten der Mathematik, Astronomie und Geophysik. Er wurde zum Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften gewählt, mit drei Orden „Lenin“ ausgezeichnet und schließlich zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt. Für uns interessant ist jedoch die Tatsache, daß Schmidt auch Vizepräsident der im Jahre 1921 gegründeten Russischen Psychoanalytischen Vereinigung war. Seine Frau, Vera Schmidt, ist durch ihr Buch „Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrußland‘ (Schmidt, 1924) in Psychoanalytikerkreisen jedoch besser bekannt. In diesem Buch, das 1924 im Internationalen Psychoana1ytischen Verlag erschien, berichtet Frau Schmidt über die Arbeit des von Professor Ermakov und ihr geleiteten psychoanalytischen Kinderheim-Laboratoriums in Moskau. Dieses Kinderheim wurde im Herbst 1923 durch ein Ambulatorium und die Einführung von psychoanalytischen Kursen und Seminaren zu einem Staatlichen Psychoanalytischen Institut erweitert.

Otto Julewitsch Schmidt also begann nun in seinem Verlag Freuds Arbeiten in russischer Sprache herauszugeben. Zum Teil konnte er dabei auf Übersetzungen aus der Zeit vor der Oktoberrevolution zurückgreifen. Der größte Teil allerdings waren Neuausgaben. Von den insgesamt 50 ins Russische übersetzen Arbeiten Freuds sind 34 nach 1917 erschienen und von diesen wiederum 28 im Staatsverlag von Otto Schmidt. Fast alle dort übersetzten Arbeiten Freuds wurden in der Reihe „Psychologische und psychoanalytische Bibliothek“ veröffentlicht. Die ersten beiden Bände dieser Reihe umfaßten Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ (Freud 1922, 1923a) und der dritte enthielt eine Sammlung von neun Schriften Freuds unter dem Titel „Grundlegende psychologische Theorien der Psychoanalyse“ (Freud, 1923b). Diese drei Bände – wir hatten das oben schon erwähnt – waren auch im persönlichen Besitz Lenins. Der vierte Band war ebenfalls eine Anthologie mit Freuds Arbeiten unter dem Titel „Methodik und Technik der Psychoanalyse“ (Freud, 1923c) und enthielt folgende Schriften: „Zur Dynamik der Übertragung“, „Ober fausse reconnaissance während der psychoanalytischen Arbeit“, „Die Freudsche psychoanalytische Methode“, „Ober Psychotherapie“, „Zur Vorgeschichte der psychoanalytischen Technik“, „Wege der psychoanalytischen Therapie“, „Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse“ (alle 3 Teile), „Ober ‚wilde‘ Psychoanalyse“ und „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie“. Der fünfte Band erschien unter dem Titel „Psychoanalyse und Charakterlehre“. Neben den beiden Arbeiten Freuds „Charakter und Analerotik“ und „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit“ enthielt er Beiträge von Ernest Jones, Isidor Sadger und Hans von Hattingberg. Als Band 6 erschien Freuds „Totem und Tabu“ (Freud, 1923,d), als Band 7 Jungs „Psychologische Typen“ (Jung, 1923) und Band 8 war wieder eine Freud-Anthologie, diesmal unter dem Titel „Abhandlungen zur Psychologie der Sexualität“ (Freud, 1924). Dieser Band macht den russischen Leser mit folgenden Arbeiten bekannt: „Zur Einführung des Nazismus“, „Die infantile Genitalorgarnisation“, „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens“ und „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“. Der neunte und meines Wissens letzte Band enthielt Arbeiten von Carl Gustav Jung, Sándor Ferenczi und Melanie Klein unter dem Titel „Zur Psychoanalyse des Kindes“. Außerhalb dieser Reihe gab der Staatsverlag Freuds Arbeiten „Die Zukunft einer Illusion“ (Freud, 1930) und „Der Moses des Michelangelo“ (Freud, o.J.) heraus.

Ich bin so ausführlich auf die Freud-Übersetzungen im Staatsverlag eingegangen, weil sie zeigen, daß die Psychoanalyse zu jener Zeit vom Rat der Volkskommissare, d.h. von der Sowjetregierung durchaus ernstgenommen und noch nicht als idealistische und reaktionäre Strömung beschimpft wurde. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß Lenin die Veröffentli-chungspolitik des Staatsverlages entscheidend mitbestimmte (Petrow, 1959). Hätte Lenin die Psychoanalyse Freuds im Prinzip für „anti-sozial“, „ultraindividualistisch“, „antiproletarisch“ und „idealistisch“ gehalten, wie das mit Stoljarov (1930) alle Gegner der Psychoanalyse in der Sowjetunion seit Mitte der Zwanzigerjahre taten, würde er kaum dieses breite Verlagsprogramm psychoana-lytischer Schriften im Staatsverlag gutgeheißen haben.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, daß der Staatsverlag zum Volkskommissariat für Bildungswesen, d.h. zum Bildungsministerium gehörte. Eine wichtige Rolle in diesem Ministerium spielte Lenins Frau, Nadeshda Krupskaja. Im Jahre 1921 gründete sie gemeinsam mit Stanislaw Schatzki (1878 1934) und Pawel Blonski (1884-1941) die pädagogische Sektion des Volkskommissariats für Bildungswesen, die die finanziellen Mittel für die im selben Jahr erfolgte Gründung des psychoanalytischen Kinderheims von Vera Schmidt bereitstellte. Blonski war Gründungsmitglied der ebenfalls 1921 gegründeten Russischen Psychoanalytischen Vereinigung und Schatzki leitete deren pädagogische Sektion. Beide galten als führende russische Pädagogen bzw. Psychologen. Schatzki hatte die Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland besucht und unterhielt Kontakte u.a. zu Georg Kerschensteiner und John Dewey. Ein Teil seines Nachrufs in der „Prawda“ vom 30. Oktober 1934 ist von Nadeshda Krupskaja verfaßt worden. Blonski war der Gründer der später nach Nadeshda Krupskaja benannten Akademie für kommunistische Erziehung und wurde vermutlich von Lenin selbst seiner Frau all Mitarbeiter vorgeschlagen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, daß die beiden zu dieser Zeit wohl einflußreichsten Pädagogen Sowjetrußlands und engsten Mitarbeiter von Lenins Frau im Bildungsministerium gleichzeitig Schlüsselpositionen in der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung einnehmen.

Doch neben Schmidt, Schatzki und Blonski gibt es noch eine Reihe weiterer Personen, die sowohl wichtige Regierungsämter bekleideten, all auch in der psychoanalytischen Bewegung in Sowjetrußland aktiv waren. Wir wollen hier aber nur noch Michail Reisner (1868-1928) erwähnen. Er war 1905 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, arbeitet nach 1917 maßgeblich an dem Entwurf der ersten Sowjetverfassung mit und gründete die Kommunistische Akademie, die er sich all Zentrum marxistischer Sozialwissenschaft dachte. In der kommunistischen Akademie wurde Mitte der Zwanzigerjahre eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen zur Psychoanalyse organisiert. Reisner war einer der Mitbegründer der Russischen PsychoanaIytischen Vereinigung und arbeitete gleichzeitig auch im Bildungsministerium. Sein Interesse an der Psychoanalyse bezog sich hauptsächlich auf deren Religionskritik. Nach Reisners Tod im Jahre 1928 wurden seine Schriften als idealistisch eingestuft und Stoljarov, einer der erbittertsten Gegner der Psychoanalyse, nannte ihn einen „Unglücks-Marxisten“ (Stoljarov, 1930,S.287).

Die theoretisch-philosophische Diskussion um die Psychoanalyse begann in der Zeitschrift „Unter dem Banner des Marxismus“. Das war eine „Monatsschrift für Philosophie und politische Ökonomie“, die seit Januar 1922 in Moskau erschien. Lenin hatte im dritten Heft dieser Zeitschrift in einem Artikel „Ober die Bedeutung des streitbaren Materialismus“ deren Ziel und Aufgabe formuliert: Die Verteidigung des Materialismus und Marxismus (Lenin, 1%1c, S.756). Die einzige noch zu Lebzeiten Lenins in diesem Organ veröffentlichte Arbeit zur Psychoanalyse stammt von Bychowski und trägt den Titel „Über die methodologischen Grundlagen der Lehre Freuds“ (Bychowski, 1923). Für ihn war die Psychoanalyse durchdrungen „vom Monismus,vom Materialismus… und von der Dialektik, d.h. von den Prinzipien des dialektischen und historischen Materialismus“ (Bychowski, 1923, S.169; zitiert nach Budilowa, 1975,S.54). Der Artikel Bychowskis war die erste theoretische Arbeit, die den Vorschlag machte, die Psychoanalyse unter dem Blickwinkel der materialistischen Dialektik weiterzuentwickeln und damit die Voraussetzung für eine psychologische Theorie auf marxistischer Grundlage zu schaffen. Und dieser Artikel ist 1923 im theoretischen Organ der Partei Lenins erschienen! Es bleibt weiterer Forschung vorbehalten herauszufinden, ob das Manuskript von Bychowskis Arbeit über Lenins Schreibtisch ging oder ob und in welchem Sinne er sich über den veröffentlichten Artikel geäußert hat.

Ähnliche Positionen wie Bychowski vertraten auch Salkind (1924), Luria (1925) und Fridman (1925). Im Zusammenhang mit Salkinds Arbeit, die den Titel „Freudismus und Marxismus“ trägt, ist folgender Umstand interessant: A. Woronski, der Chefredakteur der Zeitschrift „Krasnaja Now“, in der Salkinds Artikel erschien, war einer der letzten (wenn nicht überhaupt der letzte) Besucher Lenins in Gorki. Der Besuch fand am 16. Dezember 1923, also einen reichlichen Monat vor Lenins Tod, statt. Zu dieser Zeit befand sich SaIkinds Manuskript höchstwahrscheinlich schon in der Redaktion der Zeitschrift. Es ist kaum anzunehmen, daß Lenin in seinem desolaten Gesundheitsstzustand den Chefredakteur einer Zeitschrift empfängt, außer um von ihm über dessen Arbeit informiert zu werden. Auf jeden Fall ist Salkinds Artikel kurz nach Lenins Tod erschienen.

Das bisher Gesagte kann dahingehend zusammengefaßt werden, daß Lenin der Entwicklung der Psychoanalyse in Sowjetrußland keinerlei Widerstand entgegensetzte. Das zeigen sowohl die Freud-Übersetzungen im Staatsverlag, als auch das Engagement enger Krupskaja-Mitarbeiter für die Psychoanalyse. Lenins Wissenschaftspolitik war eine Politik des wissenschaftlichen Pluralismus, des wissenschaftlichen Meinungsstreits und der Hochschätzung aller wissenschaftlichen Errungenschaften. Es war diese – auch für die Psychoanalyse – günstige Atmosphäre, die Jürgen Kuczynski dazu veranlaßt hat, neben der griechischen Antike und der europäischen Renaissance die Zwanzigerjahre in der Sowjetunion zu den drei großen Blütezeiten der menschlichen Kulturgeschichte zu zählen (Kuczynski, 1986,S.185). Doch leider dauerte diese Blütezeit nicht lange. Als Lenin auf Grund seiner Krankheit nicht mehr in der Lage ist, seine Linie in Politik, Kultur und Wissenschaft zu verteidigen, beginnt Stalin seinen Kampf um persönliche Macht. Er isoliert Lenin mit Hilfe ärztlicher Verbote, entfernt aus Lenins Manuskripten Passagen, die gegen ihn gerichtet sind und unterdrückt die Bekanntmachung des „Briefes an den Parteitag“, in dem Lenin vorschlägt, Stalin vom Posten des Generalsekretärs abzulösen. Alle diese Schritte motiviert Stalin mit angeblichen Interessen der Partei. Auf diese Art und Weise identifiziert sich zum ersten Mal seit der Revolution ein Einzelner mit den Zielen der Allgemeinheit. Dieses Vorgehen ist für Stalin ein effizientes Mittel der Verteidigung gegen jeden, der seine Macht in Frage stellt; denn jede Kritik an Stalin bedeutet unter diesen Bedingungen automatisch Kampf gegen die Grundlagen der Partei. Und das wird grausam bestraft. Dank der Politik von Glasnost wissen wir heute, zu welchen Fälschungen und viel, viel schwereren Verbrechen diese Politik Stalins geführt hat.

Die Stalinschen Methoden im Kampf gegen seine politischen und persönlichen Gegner wurden allmählich zum Modell für die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Kontrahenten. Selbstverständlich haben immer nur mittelmäßige und Pseudowissenschaftler, die nicht in der Lage sind, wissenschaftlich zu argumentieren, Denunziationen als Mittel zur Ausschaltung wissenschaftlicher Opponenten benutzt. Der Algorithmus dieser „pseudowissenschaftlichen“ Argumentation kann folgendermaßen beschrieben werden (vgl. Danailow, 1985):

  1. Konstruktion einer Zerrbild-Theorie (ZT) der einzelwissenschaftlichen Theorie (T) mit dem empirischen Bereich (EB) und der Vermengung, häufig auch Ersetzung von T durch ihre philosophische, soziologische, ideologische usw. Interpretation (PhI);
  2. Suggestion, daß die Zerrbild-Theorie mit der kritisierten Theorie identisch ist;
  3. Beweis, daß T dem vertretenen naturphilosophischen Schema (NPhS) widerspricht;
  4. Schluß, daß T und eventuell auch EB unwissenschaftlich, metaphysisch, idealistisch oder reaktionär ist.

Formal läßt sich dieser Algorithmus so darstellen:

  1. (EB, T) Ph º (ZT und/oder Phl)
  2. (ZT und/oder Pnl) = T
  3. T NPhS
  4. (T und /oder EB) ist unwissenschaftlich, metaphysisch, idealistisch oder reaktionär.

In Bezug auf die Psychoanalyse ist Jurinetz (1925) zuerst nach dieser Methode vorgegangen. Als Zerrbild-Theorie dient ihm Aurel Kolnais Buch „Psychoanalyse und Soziologie“ (Kolnai, 1920). Da Jurinetz Kolnai einen der „eifrigsten Schüler Freuds“ (Jurinetz, 1925; zitiert nach Sandkühler, 1970, S.71) nennt, suggeriert er auf diese Art und Weise dem russischen Leser, daß Freud einen ähnlich primitiven Antikommunismus und Antisowjetismus vertritt. Außerdem ersetzt Jurinetz die fachwissenschaftliche psychoanalytische Theorie Freuds durch eine von ihm gegebene philosophische Interpretation der Psychoanalyse. Auf diese Art und Weise spart er sich die empirische Überprüfung psychoanalytischer Hypothesen und rechnet mit Freud auf ideologischer Ebene ab.

Leider galt dieses Vorgehen jahrzehntelang als paradigmatisch für die „marxistische“ Kritik der Psychoanalyse in den meisten sozialistischen Ländern. Erst in letzter Zeit finden sich häufiger objektive und differenzierte Untersuchungen zu Freuds Theorien. Für viele Jahre war vergessen worden, was der französische Marxist Lucien Seve so formuliert hat: „Das wissenschaftliche Erkenntnisgut ist weder bürgerlich noch proletarisch, es ist wahr… und das Kriterium seiner Wahrheit ist die Übereinstimmung mit seinem Gegenstand, nicht aber mit dieser oder jener philosophischen Auffassung oder mit den Interessen dieser oder jener Gesellschaftsklasse“ (Seve, 1973,S.46/47). Genau das war auch Lenins Position. Er hat sie in den Worten zusammengefaßt: „Die Wahrheit darf nicht davon abhängen, wem sie zu dienen hat“ (Lenin, 1965S.446). Alle Anzeichen sprechen dafür, daß das neue Verhältnis zur Psychoanalyse in den sozialistischen Lindern von dieser Erkenntnis entscheidend mitgeprägt ist.

Bibliographie

Braun, K.-H. (1982): Kritik des Freudomarismus. Moskau: Politisdat (in Russisch). Budilowa,J. (1975): Philosophische Probleme in der sowjetischen
Psychologie. Berlin: Deutscher Verlag der Wissensehaften.
Bychowski, B. (1923): Über die methodologischen Grundlagen der Lehre Freuds. Pod snamenem marisma, 11/12, 1923, 158-177 (in Russisch).
Danailow, A. (1985): Die Rezeption der Weismannschen Theorien in Rußland und Bulgarien (1900-1940). Freiburger Universitätsblätter,
87/88,1985,125-130.
Deutscher, I. (1965): The Prophet Armed. Trotsky: 1879-1921, vol.1, New York: Vintage Books.
Federn E. (1976): Marxismus und Psychoanalyse. In: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd.II. Zürich: Kindler.
Freud, S. (1913): Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Moskau: Nauka (in Russisch).
Freud, S. (1922): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Bd. 1. Moskau:Gosisdat (in Russisch).
Freud, S.(1923a): Vorlesungen zur Einflhrung in die Psychoanalyse, Bd. 2. Moskau: Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (1923b): Grundlegende psychologische Theorien der Psychoanalyse. Moskau:Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (1923c): Methodik und Technik der Psychoanalyse. Moskau:Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (1923d): Totem und Tabu. Moskau: Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (1924): Abhandlungen zur Psychologie der Sexualität. Moskau: Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (1930): Die Zukunft einer Illusion. Moskau: Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (?): Der Moses des Michelangelo. Moskau: Gosisdat (in Russisch).
Freud, S. (1960): Briefe 1873-1939. Frankfurt/M: S. Fischer.
Freud, S. (1972): Die Traumdeutung. Studienausgabe Bd.II. Frankfurt/M.: S. Fischer.
Freud, S. (1974): Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Studienausgabe Bd. IX. Frankfurt/M.: S. Fischer.
Freud, S./Darkschewitsch, L. (1886): Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinteratrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen uber zwei
Felder der Oblongata. Neurologisches Zentnlblatt, 5(6), 1886, 121-129.
Fridman, B. (1925): Die psychologischen Auffassungen Freuds und die Theorie des historischen Materialismus In: Psychologie und Marxismus.
Moskau:     Institut für experimentelle Psychologie (in Russisch).
Garfield, E. (1986): The 250 Most Cited Authors in the Art & Humanities Citation Index 1976-1983. Current Contents, 48, 1986, 3-10.
Jones, E. (1984); Sigmund Freud. Leben und Werk. 3 Bände. München: dtv.
Jung, C. G. (1923): Psychologische Typen. Moskau: Gosisdat (in Russisch).
Jurinetz, W. (1925): Psychoanalyse und Marxismus. Unter dem Banner des Marxismus, 1, 1925, 90-133.
Kolnai, A. (1920): Psychoanalyse und Soziologie. Wien: Internationaler Psychoanalyitscher Verlag.
Kuczinsky, J. (1986): Some remarks on the development of the Social Science. In: Papers prepared for the Vth European Conference of the History of
the Social and Behavioral Sciences, Varna, 4-7 September 1986.
Lenin, W. I. (1907): Gespräch mit N. S. Karshanski. In: A. Reisberg: Lenin – Dokumente seines Lebens, Bd.1. Leipzig: Reclam 1977.
Lenin, W. I. (1961a): Die Aufgaben der Jugendverbinde. Ausgewählte Werke, Bd.III. Berlin: Dietz.
Lenin, W.I. (1961b): Über proletarische Kultur. Ausgewählte Werke, Bd.III. Berlin: Dietz. Lenin, W. I. (1961c): Über die Bedeutung des streitbaren
Materialismus. Ausgewählte Werke, Bd.III. Berlin: Dietz.
Lenin, W. I. (1971): Philosophische Hefte. Berlin: Dietz.
Lenin, W.I. (1965): Brief an E. Varga. Gesammelte Werke, Bd. 54. Moskau: Verlag f. pol. Literatur (in Russisch).
Luria, A. (1925): Psychoanalyse als System monistiseher Psychologie. In: Psychologie und Marxismus. Moskau: Institut für experimentelle Psychologie
(in Russisch).
Meng, H. (1971): Leben als Begegnung. Stuttgart: Hippokrates.
Petrow, F. (1959): An der Front von Kultur und Wissenschaft. In: Otto Julewitsch Schmidt. Leben und Werk. Moskau: Akademieverlag (in Russisch).
Reisberg, A. (1977): Lenin – Dokumente seines Lebens. 2 Bände. Leipzig: Reclam.
Rey, A. (1908): La Philosophie Moderne. Paris: Flammarion.
Salkind, A. (1924): Freudismus und Marismus. Krasnaja Now, 4,1924 (in Russisch).
Sandkühler, H. J. (1970): Psychoanalyse und Marismus. Dokumentation einer Kontroverse. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Schmidt, V. (1924): Psychoanalytisehe Erziehung in Sowjetrußland. Bericht über das Kinderheim-Laboratorium in Moskau. Leipzig(Wien/Zürich:
Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
Semaschko, N. (1967): Unvergessenes Vorbild. In: Genosse Lenin. Erinnerungen von Zeitgenossen. Berlin: Dietz.
Seve, L. (1973): Marxismus und Theorie der Persönlichkeit. Berlin: Dietz.
Stoljarov, A. (1930): Freudismus und „Freudomarxismus“. In: Dialektischer Materialismus und die Mechanizisten. Unsere philosophischen
Meinungsverschiedenheiten. Leningrad (in Russisch).
Trotzki, L (1930): Mein Leben. Berlin: S. Fischer.
Winter, E. (1957): Lenin – Erinnerungen in österreichischen Archiven. Zeitschrift für Slawistik, 2, 1957,484.
Zetkin, C. (1933): Über Lenin. Moskau (in Russisch).
Zetkin, C. (1957): Erinnerungen an Lenin. Berlin: Dietz.

Zusammenfassung

Lenin war die Psychoanalyse bekannt, er besaß persönlich einige Schriften Freuds in russischer Übersetzung. Freuds Sexualtheorie stand er möglicherweise kritisch gegenüber, die Existenz eines Unbewußten dagegen akzeptierte er. 1909 hatte er Abel Reys Buch „La philosophie moderne“ gelesen und mit Randnotizen versehen, besonders reichlich den Abschnitt „Das Problem des unbewußten“ im fünften Kapitel.

Bibliotheksstudien in Westeuropa und gemeinsame Bekannte von Freud und Lenin kommen darüber hinaus als mögliche Quellen für Lenins Kenntnis der Psychoanalyse in Frage, gesicherte Informationen gibt es dazu aber bisher nicht: Liweri Ossipowitsch Darkschewitsch, ein russischer Neurologe, war mit Sigmund Freud befreundet und hat gemeinsam mit ihm 1886 einen Artikel „Ober die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata“ veröffentlicht. Ein Jahr später kehrte Darkschewitsch nach Rußland zurück und wurde in der Folge Professor für Neuropathologie an der Ersten Moskauer Staatsuniversitätsklinik. 1922 war er einer der behandelnden Ärzte Lenins.

Der zweite gemeinsame Bekannte ist Viktor Adler, Mitbegründer der Österreichischen Sozialdemokratischen Partei und jener Arzt, von dem Sigmund Freud 1891 die Raume im Erdgeschoß der Berggasse 19 übernommen hatte; Viktor Adler war durch Interventionen maßgeblich an der Freilassung Lenins im August 1914 beteiligt, als dieser in Galizien unter Spionageverdacht festgenommen worden war. Lenin reiste in der Folge nach Wien und dankte Adler persönlich.

Lenin setzte der Entwicklung der Psychoanalyse in Sowjetrußland keinerlei Widerstand entgegen. Das zeigen sowohl die Freud-Übersetzungen im Staatsverlag als auch das Engagement enger Mitarbeiter von Lenins Frau Nadeshda Krupskaja für die Psychoanalyse. Der Staatsverlag gehörte zum Volkskommissariat für Aufklärung, d.h. zum Bildungsministerium, und war somit eine Regierungsinstitution. Direktor des Staatsverlages war von 1921 bis 1924 Otto Julewitsch Schmidt, gleichzeitig auch Vizepräsident der 1921 gegründeten Russischen Psychoanalytischen Vereinigung. Seine Frau Vera Schmidt war Mitleiterin des psychoanalytischen Kinderheim-Laboratoriums, das 1923 durch ein Ambulatorium und die Einführung von psychoanalytischen Kursen und Seminaren zu einem Staatlichen Psychoanalytischen Institut erweitert wurde. Ein weiteres Gründungsmitglied der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung war Pawel Blonski, sein Kollege Stanislaw Schatzki leitete die pädagogische Sektion. Beide Wissenschaftler waren enge Mitarbeiter von Nadeshda Krupskaja. Die beiden zu dieser Zeit wohl einflußreichsten Pädagogen Sowjetrußlands und engsten Mitarbeiter von Lenins Frau im Bildungsministerium hatten also gleichzeitig Schlüsselpositionen in der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung inne. Diese Blütezeit ging mit Lenins Tod und der Machtübernahme durch Stalin zu Ende. Vor allem Jurinetz bediente sich der Zerrbild-Theorie, um dem russischen Leser zu suggerieren, daß Freud einen Antikommunismus und Antisowjetismus vertrat.

Erst in den letzten Jahren durfte in der Sowjetunion ein neues Verhältnis zur Psychoanalyse wieder Platz greifen, das der Autor mit dem Zitat von Lenin umreißt: „Die Wahrheit darf nicht davon abhängen, wem sie zu dienen hat“.
Summary

Lenin had read some papers of Freud that he had in his library in Russian translation. He might have taken a critical distance to Freud’s sexual theory, but seems to have accepted the theory of the unconscious. In 1909, while reading Abel Rey’s „La philosophic moderne“ he made marginal notes, particularly in the passage on „The problem of the unconscious“ in the fifth chapter.

Lenin’s studies in the libraries of Western Europe and mutual friends of Freud and Lenin might have been other possible sources for Lenin’s knowledge of psychoanalysis. But there is no definite proof: Liweri Ossipowitsch Darkschewitsch, a Russian neurologist, was a friend of Sigmund Freud at Paris and in 1886 they published a paper: „Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata“.

One year later Darkschewitsch returned to Russia and became subsequently Professor of Neuropathology at the First State University Clinic of Moscow. In 1922 he was one of the physicians treating Lenin.

Another mutual acquaintance was Dr. Viktor Adler, founder of the Austrian Socialdemocratic Party, whose flat at Berggasse 19 Sigmund Freud took over in 1891. Partly through Adler’s intervention Lenin was released in August 1914, after he had been arrested in Galicia under suspicion of being a spy.

Later Lenin travelled to Vienna to express his gratitude to Adler in person.

Lenin did in no way oppose development of psychoanalysis in Soviet Russia. Translations of Freud’s works were published by the State publishing house and close colleagues of Lenin’s wife Nadeshda Krupskaja were involved in psychoanalysis. The State publishing house belonged to the People’s Commissariat for Enlightenment, i.e. the Ministry of Education, and therefore was governmental.

From 1921 to 1924 Otto Julewitsch Schmidt was the director of the State publishing house, at the same time vice-president of the Russian Psycho-Analytical Association, founded in 1921. His wife Vera Schmidt was co-director of the Psycho-Analytical Nursery-Laboratory. This was upgraded to a State Psycho-Analytic Institute by addition of an out-patients‘ clinic and the introduction of psychoanalytic courses and seminars.

Pawel Blonski was another founding member of the Russian Psycho-Analytical Association, his colleague Stanislaw Schatski was in charge of the pedagogical section.

These two scientists were close colleagues of Nadeshda Krupskaja in the Ministry of Education. At that time they were the most influential educationalists in Soviet Russia and also held key positions in the Russian Psycho-Analytical Association.

After Lenin’s death and Stalin’s take over of power this favourable period came to an end.

Jurinetz caricatured Freud’s theory so as to convince Russian readers that Freud was anti-communist and anti-soviet.

In recent years a new attitude to psychoanalysis has gained ground characterized by the author in quoting Lenin: „Truth must not depend on whom it serves“.

 http://www.freud-biographik.de/frdsu.htm

« Ältere Einträge Letzte Einträge »