Stefan Zweig: Über die Psychoanalyse von Sigmund Freud

Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter: der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiet in seine Seelenlehre hinübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten … Stünde einmal wie für die übrigen Reiche der Natur ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassifizierte, wie sehr würde man erstaunen …

Schiller

Situation der Jahrhundertwende

Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? Das wurde für mich immer mehr der eigentliche Wertmesser. Irrtum (– der Glaube ans Ideal –) ist nicht Blindheit, Irrtum ist Feigheit … Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntnis folgt aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich.

Nietzsche

Das sicherste Maß jeder Kraft ist der Widerstand, den sie überwindet. So wird die umstürzende und wiederaufbauende Tat Sigmund Freuds erst voll erkenntlich in ihrer Gegenstellung zur seelischen Situation der Vorkriegsanschauung – oder vielmehr Nichtanschauung – der menschlichen Triebwelt. Heute zirkulieren längst Freudische Gedanken – vor zwanzig Jahren noch Blasphemie und Ketzerei – völlig flüssig im Blut der Zeit und der Sprache; dermaßen selbstverständlich erscheinen die von ihm geprägten Formeln, daß es eigentlich größerer Anstrengung bedarf, sie wieder wegzudenken als sie mitzudenken. Gerade also weil unser zwanzigstes Jahrhundert nicht mehr begreifen kann, weshalb das neunzehnte sich so erbittert gegen die längst fällige Aufdeckung der seelischen Triebkräfte wehrte, tut es not, die Einstellung jener Generation in psychologischen Dingen zurückzubelichten und die lächerliche Mumie der Vorkriegssittlichkeit noch einmal aus ihrem Sarge zu holen.

Mit der Verachtung jener Moral – unsere Jugend hat zu heftig an ihr gelitten, als daß wir sie nicht inbrünstig haßten! – sei an sich nichts gegen den Begriff der Moral und seiner Notwendigkeit gesagt. Jede Menschengemeinschaft, ob religiös oder volkshaft verbunden, sieht sich um ihrer Selbstbehauptung willen gezwungen, die aggressiven, die sexuellen, die anarchischen Tendenzen des einzelnen zurückzudrängen, sie abzustauen und überzuführen hinter jene Dämme, die man Sitte und Satzung nennt. Selbstverständlich auch, daß jede dieser Gruppen sich besondere Normen und Formen der Sitte schafft: von der Urhorde bis zum elektrischen Jahrhundert hat jede Gemeinschaft sich um die Rückdrängung der Ur-Instinkte mit andersartigen Methoden gemüht. Harte Zivilisationen übten harte Gewalt: die lazedämonische, die urjüdische, die kalvinistische, die puritanische Epoche suchen den panischen Lustwillen der Menschheit mit dem roten Eisen auszubrennen. Aber grausam in ihren Geboten und Verboten, dienten solche drakonische Zeitläufte immerhin noch der Logik einer Idee. Und jede Idee, jeder Glaube heiligt bis zu einem gewissen Grade die für ihn eingesetzte Gewalt. Wenn das Spartanertum Zucht bis zur Unmenschlichkeit fordert, geschieht es im Sinne der Züchtung der Rasse, eines männlichen, kriegstüchtigen Geschlechts: seinem Ideal der Polis, der Gemeinschaft, mußte freischweifende Sinnlichkeit als Kraftdiebstahl am Staate gelten. Das Christentum wiederum bekämpft die fleischliche Neigung des Menschen um der Vergeistigung, um der Seelenrettung der allzeit irrenden Natur willen. Gerade weil die Kirche, weiseste Psychologin, die Blutleidenschaft des ewig adamitischen Menschen kennt, setzt sie ihr Geistleidenschaft als Ideal gewalttätig entgegen; in Scheiterhaufen und Kerkern zerstört sie den Hochmut des Eigenwillens, um der Seele in ihre höhere Heimat zurückzuhelfen – harte Logik dies, aber Logik immerhin. Hier und überall entwächst Handhabung des moralischen Gesetzes noch dem Stamm einer gefestigten Weltanschauung. Sittlichkeit erscheint als sinnliche Form einer übersinnlichen Idee.

In wessen Namen aber, im Dienste welcher Idee fordert das längst nur noch scheinfromme neunzehnte Jahrhundert überhaupt noch eine kodifizierte Sittlichkeit? Selber genießerisch, grob materiell und geldverdienerisch, ohne einen Schatten der großen geschlossenen Gläubigkeit früherer frommer Jahrhunderte, Anwalt der Demokratie und der Menschenrechte, kann es seinen Bürgern das Recht auf freien Genuß gar nicht mehr ernsthaft verbieten wollen. Wer einmal Toleranz als Flagge auf dem First der Kultur gehißt, besitzt kein Herrenrecht mehr, sich in die Moralauffassung des Individuums einzumengen. In der Tat bemüht sich auch der neuzeitliche Staat bei seinen Untertanen keineswegs mehr um eine ehrliche innerliche Versittlichung wie einstens die Kirche; einzig das Gesellschaftsgesetz verlangt die Aufrechterhaltung einer äußern Konvention. Nicht ein wirklicher Moralismus also wird gefordert, ein Sittlichsein, sondern bloß ein Sichmoralischverhalten, ein Tun aller vor allen »als ob«. Inwieweit der einzelne dann wirklich sittlich handelt, bleibt seine Privatangelegenheit: er darf sich nur nicht bei einem Verstoß gegen die Schicklichkeit ertappen lassen. Es mag allerhand, sogar sehr viel geschehen, aber es darf nicht davon gesprochen werden. In strengem Sinn kann man also sagen: die Sittlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts geht an das eigentliche Problem gar nicht heran. Sie weicht ihm aus und beschränkt ihren ganzen Kraftaufwand auf dieses Darüberhinwegsehn. Einzig mit diesem törichten Unvernunftsschluß, wenn man etwas verdecke, sei es nicht mehr vorhanden, hat sich die Zivilisationsmoral durch drei oder vier Generationen allen Sitten- und Sexualproblemen gegenübergestellt oder vielmehr entzogen. Und das grimmige Scherzwort erhellt am sinnlichsten die tatsächliche Situation: nicht Kant habe sittlich das neunzehnte Jahrhundert beherrscht, sondern der »cant« (franz. Heuchler Anm.JSB).

Wie aber konnte ein so hellsichtiges, vernünftiges Zeitalter sich in eine derart unwahrhaftige und unhaltbare Psychologie verirren? Wie ein Jahrhundert der großen Entdeckungen, der technischen Vollendungen seine Moral zu einem dermaßen durchsichtigen Taschenspielertrick herabwürdigen? Die Antwort ist einfach: eben aus diesem Stolz auf seine Vernunft. Eben aus dem Hochmut seiner Kultur, aus jenem überspannten Zivilisationsoptimismus. Durch die ungeahnten Fortschritte seiner Wissenschaft war das neunzehnte Jahrhundert in eine Art Vernunftrausch geraten. Alles schien sich ja dem Imperium des Intellekts sklavisch zu unterwerfen. Jeder Tag, jede Weltstunde meldete neue Siege der Geisteswissenschaften; immer neue widerspenstige Elemente des irdischen Raums und der Zeit wurden gebändigt, Höhen und Tiefen öffneten ihr Geheimnis der planhaften Neugier des bewaffneten Menschenblicks, überall wich die Anarchie der Organisation, das Chaos dem Willen rechnerischen Geistes. Sollte da die irdische Vernunft wirklich nicht imstande sein, der anarchischen Instinkte im eigenen Blut Herr zu werden, das zuchtlose Gesindel der Triebe leichthin zu Paaren zu treiben? Die Hauptarbeit in dieser Hinsicht sei ja längst geleistet, und was noch ab und zu dem modernen, dem »gebildeten« Menschen im Blute flamme, das wären nichts als matte kraftlose Blitze eines abziehenden Gewitters, verendende Zuckungen der alten, schon im Absterben befindlichen Tierbestialität. Aber nur ein paar Jahre noch, ein paar Jahrzehnte, und eine Menschheit, die vom Kannibalismus bis zur Humanität und zum sozialen Gefühl sich so herrlich emporerzogen, werde auch noch diese letzten trüben Schlacken in ihren ethischen Feuern läutern und aufzehren: darum tue es gar nicht not, ihre Existenz überhaupt zu erwähnen. Nur nicht die Menschen auf das Geschlechtliche aufmerksam machen, und sie werden vergessen. Nur die uralte, hinter den Eisenstäben der Sitte eingekerkerte Bestie nicht mit Reden reizen, nicht mit Fragen füttern, und sie wird schon zahm werden. Nur rasch, mit abgewendetem Blick überall an allem Peinlichen vorübergehen, immer so tun, als ob nichts vorhanden wäre: das ist das ganze Sittlichkeitsgesetz des neunzehnten Jahrhunderts.

Für diesen konzentrischen Feldzug gegen die Aufrichtigkeit rüstet der Staat alle von ihm abhängigen Mächte einheitlich aus. Alle, Kunst und Wissenschaft, Sitte, Familie, Kirche, Schule und Hochschule empfangen die gleiche Kriegsinstruktion: jeder Auseinandersetzung ausweichen, den Gegner nicht angehen, sondern in weitem Bogen umgehen, niemals sich in wirkliche Diskussion einlassen. Niemals mit Argumenten kämpfen, nur mit Schweigen, immer nur boykottieren und ignorieren. Und wunderbar folgsam dieser Taktik, haben sämtliche geistige Mächte und Knechte der Kultur sich wacker an dem Problem vorbeigeheuchelt. Ein Jahrhundert lang wird innerhalb Europas die sexuelle Frage unter Quarantäne gesetzt. Sie wird weder verneint noch bejaht, weder aufgeworfen noch gelöst, sondern ganz im stillen hinter eine spanische Wand geschoben. Eine ungeheure Armee von Wächtern, uniformiert als Lehrer, Erzieher, Pastoren, Zensoren und Gouvernanten, wird aufgestellt, um eine Jugend von ihrer Unbefangenheit und Körperfreude abzuzäunen. Kein freier Luftzug darf ihre Leiber, keine offene Rede und Aufklärung ihre keuschen Seelen berühren. Und während vordem und überall bei jedem gesunden Volk, in jeder normalen Epoche, der mannbar gewordene Knabe in die Erwachsenheit eintritt wie in ein Fest, während in der griechischen, der römischen, der jüdischen Kultur und sogar in jeder Unkultur der Dreizehnjährige, der Vierzehnjährige redlich aufgenommen wird in die Gemeinschaft der Wissenden, Mann unter Männern, Krieger unter Kriegern, sperrt ihn hier eine gottgeschlagene Pädagogie künstlich und widernatürlich von allen Offenheiten aus. Niemand spricht vor ihm frei und spricht ihn damit frei. Was er weiß, kann er nur in Hurengassen oder im Flüsterton von älteren Kameraden erfahren. Und da jeder diese Wissenschaft der natürlichsten Natürlichkeiten wieder nur flüsternd weiterzugeben wagt, so dient unbewußt jeder neu Heranwachsende der Kulturheuchelei als neuer Helfer.

Konsequenz dieses hundert Jahre beharrlich fortgesetzten Sichverbergens und Sichnichtaussprechens aller gegen alle: ein beispielloser Tiefstand der Psychologie inmitten einer geistig überragenden Kultur. Denn wie könnte sich gründliche Seeleneinsicht entwickeln ohne Offenheit und Ehrlichkeit, wie Klarheit sich verbreiten, wenn gerade diejenigen, die berufen wären, Wissen zu vermitteln, wenn die Lehrer, die Pastoren, die Künstler, die Gelehrten selber Kulturheuchler oder Unbelehrte sind? Unwissenheit aber erzeugt immer Härte. So wird ein mitleidsloses, weil ahnungsloses Pädagogengeschlecht gegen die Jugend entsandt, das in den Kinderseelen durch die ewige Befehlshaberei, »moralisch« zu sein und »sich zu beherrschen«, unheilbaren Schaden anrichtet. Halbwüchsige Jungen, die unter dem Druck der Pubertät, ohne Kenntnis der Frau die dem Knabenkörper einzig mögliche Entlastung suchen, werden von diesen »aufgeklärten« Mentoren seelengefährlich mit der weisen Warnung verwundet, daß sie ein fürchterliches gesundheitszerstörendes »Laster« üben und so gewaltsam in ein Minderwertigkeitsgefühl, ein mystisches Schuldbewußtsein gedrängt. Studenten auf der Universität (ich habe es selbst noch erlebt) bekommen von jener Art Professoren, die man damals mit dem blümeranten Wort »gewiegte Pädagogen« zu bezeichnen liebte, Merkblätter zugeteilt, aus denen sie erfahren, daß jede sexuelle Erkrankung ausnahmslos »unheilbar« sei. Mit solchen Kanonen feuert der Moralkoller von damals rücksichtslos gegen die Nerven. Mit solchen eisenbeschlagenen Bauernstiefeln trampelt die pädagogische Ethik in der Welt der Halbwüchsigen herum. Kein Wunder, daß dank dieser planhaften Aufzüchtung von Angst in noch unsicheren Seelen jeden Augenblick ein Revolver kracht, kein Wunder, daß durch diese gewalttätigen Zurückdrängungen das innere Gleichgewicht Unzähliger erschüttert und jener Typus von Neurasthenikern serienweise erschaffen wird, die ihre Knabenängste als rückgestaute Hemmungen ein Leben lang mit sich herumtragen. Unberaten irren Tausende solcher von der Verheuchlungsmoral Verstümmelter von Arzt zu Arzt. Aber da damals die Mediziner diese Krankheiten nicht an der Wurzel aufzugraben wissen, nämlich im Geschlechtlichen, und die Seelenkunde der vorfreudischen Epoche sich aus ethischer Wohlerzogenheit nie in diese verschwiegenen, weil verschwiegenbleiben-sollenden Reviere wagt, stehen auch die Neurologen völlig ratlos vor solchen Grenzfällen. Aus Verlegenheit schicken sie alle Seelenverstörten als noch nicht reif für Klinik oder Narrenhaus in Wasserheilanstalten. Man füttert sie mit Brom und kämmt ihnen die Haut mit elektrischen Vibrationen, aber niemand wagt sich an die wirklichen Ursächlichkeiten heran.

Noch ärger hetzt der Unverstand hinter den abnorm Veranlagten her. Von der Wissenschaft als ethisch Minderwertige, als erblich Belastete gebrandmarkt, vom Staatsgesetz als Verbrecher, schleppen sie, hinter sich die Erpresser, vor sich das Gefängnis, ihr mörderisches Geheimnis ein Leben lang als unsichtbares Joch mit sich herum. Bei niemandem können sie Rat, bei niemandem Hilfe finden. Denn würde sich in der vorfreudischen Zeit ein homosexuell Veranlagter an den Arzt wenden, so würde der Herr Medizinalrat entrüstet die Stirn runzeln, daß der Patient wage, ihn mit solchen »Schweinereien« zu belästigen. Derlei Privatissima gehörten nicht ins Ordinationszimmer. Aber wohin gehören sie? Wohin gehört der in seinem Gefühlsleben verstörte oder abwegige Mensch, welche Tür öffnet sich diesen Millionen zur Beratung, zur Befreiung? Die Universitäten weichen aus, die Richter klammern sich an die Paragraphen, die Philosophen (mit Ausnahme des einen tapfern Schopenhauer) ziehen vor, diese allen frühern Kulturwelten durchaus selbstverständlichen Abweichungsformen des Eros in ihrem Kosmos überhaupt nicht zu bemerken, die Öffentlichkeit drückt die Augen krampfhaft zu und erklärt alles Peinliche als indiskutabel. Nur kein Wort davon in die Zeitung, in die Literatur, nur keine Diskussion innerhalb der Wissenschaft: die Polizei ist informiert, das genügt. Daß dann in der raffinierten Gummizelle dieser Geheimtuerei hunderttausend Eingekerkerte toben, ist dem hochmoralischen und toleranten Jahrhundert ebenso bekannt wie gleichgültig – wichtig nur, daß kein Schrei nach außen dringt, daß jener selbstfabrizierte Heiligenschein der Kultur, der sittlichsten aller Welten, vor der Welt gewahrt bleibt. Denn der moralische Schein ist jener Epoche wichtiger als das menschliche Sein.

Ein ganzes, ein entsetzlich langes Jahrhundert beherrscht diese feige Verschwörung des »sittlichen« Schweigens Europa. Da plötzlich durchbricht es eine einzelne Stimme. Ohne jede umstürzlerische Absicht erhebt sich eines Tages ein junger Arzt im Kreise seiner Kollegen und spricht, ausgehend von seinen Untersuchungen über das Wesen der Hysterie, von den Störungen und Stauungen der Triebwelt und ihrer möglichen Freilegung. Er gebraucht keine großen pathetischen Gesten, er verkündet nicht aufgeregt, es sei Zeit, die Moralanschauung auf eine neue Grundlage zu stellen, die Geschlechtsfrage frei zu erörtern, – nein, dieser junge, strengsachliche Arzt spielt keineswegs den Kulturprediger im akademischen Kreise. Er hält ausschließlich einen diagnostischen Vortrag über Psychosen und ihre Ursächlichkeiten. Aber gerade die unbefangene Selbstverständlichkeit, mit der er feststellt, daß viele, ja sogar eigentlich alle Neurosen von Unterdrückungen sexuellen Begehrens ihren Ausgang nehmen, erregt aschgraues Entsetzen im Kreise der Kollegen. Nicht etwa, daß sie diese Ätiologie für falsch erklärten – im Gegenteil, die meisten von ihnen haben derlei oft schon geahnt oder erfahren, ihnen allen ist privatim die Wichtigkeit des Sexus für die Gesamtkonstitution wohl bewußt. Aber doch, als Gefühlsangehörige ihrer Zeit, als Hörige der Zivilisationsmoral fühlen sie sich sofort von diesem offenen Hinweis auf eine wasserhelle Tatsache dermaßen verletzt, als wäre dieser diagnostische Fingerzeig selbst schon eine unanständige Geste. Verlegen blicken sie einander an – weiß denn dieser junge Dozent nicht um die ungeschriebene Vereinbarung, daß man über derlei heikle Dinge nicht spricht, am wenigsten in einer öffentlichen Sitzung der hochansehnlichen »Gesellschaft der Ärzte«? Über das Kapitel der Sexualia – diese Konvention sollte der Neuling doch kennen und achten – verständigt man sich unter Kollegen mit Augenzwinkern, man spaßt darüber am Tarocktisch, aber man bringt solche Thesen im neunzehnten Jahrhundert, in einem so kultivierten Jahrhundert, doch nicht vor ein akademisches Forum. Schon das erste öffentliche Auftreten Sigmund Freuds – die Szene hat sich tatsächlich ereignet – wirkt im Kreise seiner Fakultätskollegen wie ein Pistolenschuß in der Kirche. Und die Wohlmeinenden unter den Kollegen lassen ihn sofort merken, er täte schon um seiner akademischen Karriere willen gut, von diesen peinlichen und unreinlichen Untersuchungen in Zukunft lieber abzulassen. Das führe zu nichts oder wenigstens zu nichts, was zur öffentlichen Erörterung tauge.

Aber Freud ist es nicht um Anstand zu tun, sondern um Aufrichtigkeit. Er hat eine Spur gefunden und geht ihr nach. Und gerade das Aufzucken belehrt ihn, daß er unbewußt eine kranke Stelle gepackt, daß er gleich mit dem ersten Griff ganz nah heran an den Nerv des Problems gekommen ist. Er hält fest. Er läßt sich nicht abschrecken, weder von den gutgemeinten Warnungen der altern und brav wohlwollenden Kollegen noch vom Wehklagen einer beleidigten Moral, die nicht gewohnt ist, so brüsk in puncto puncti angefaßt zu werden. Mit jener hartnäckigen Unerschrockenheit, mit jenem menschlichen Mut und jener intuitiven Kraft, die zusammen sein Genie bilden, läßt er nicht ab, gerade an der allerempfindlichsten Stelle fester und fester zuzudrücken, bis endlich das Geschwür dieses Schweigens platzt, bis die Wunde freigelegt ist und man die Heilung beginnen kann. Noch ahnt bei seinem ersten Vorstoß ins Unbekannte dieser einsame Arzt nicht, wieviel er in diesem Dunkel finden wird. Er spürt nur Tiefe, und immer zieht die Tiefe magnetisch den schöpferischen Geist an sich.

Daß gleich diese erste Begegnung Freuds mit seiner Generation trotz der scheinbaren Geringfügigkeit des Anlasses zum Zusammenstoß wurde, ist Symbol und keine Zufälligkeit. Denn nicht bloß eine beleidigte Prüderie, eine angewöhnte Moralitätswürde nimmt hier Ärgernis an einer einzelnen Theorie: nein, hier spürt sofort mit der nervösen Hellsichtigkeit des Bedrohten die abgelebte Verschweigemethode einen wirklichen Widerpart. Nicht wie Freud an diese Sphäre, sondern daß er überhaupt an sie rührt und zu rühren wagt, bedeutet schon Kampfansage zu einer Entscheidungsschlacht. Denn hier geht es vom ersten Augenblick an nicht um Verbesserungen, sondern um völlige Umstellung. Nicht um Lehrsätze, sondern um Grundsätze. Nicht um Einzelheiten, sondern um das Ganze. Stirn an Stirn stehen sich zwei Denkformen, zwei Methoden gegenüber von so senkrechter Verschiedenheit, daß es zwischen ihnen eine Verständigung weder gibt noch jemals geben kann. Die alte, die vorfreudische Psychologie, eingebettet in die Ideologie von der Übermacht des Gehirns über das Blut, fordert vom einzelnen, vom gebildeten zivilisierten Menschen, er solle seine Triebe durch die Vernunft unterdrücken. Freud antwortet grob und klar: Triebe lassen sich überhaupt nicht unterdrücken, und es sei oberflächlich, anzunehmen, sie wären, wenn man sie unterdrücke, fort und aus der Welt verschwunden. Man könne Triebe bestenfalls zurückdrücken aus dem Bewußten ins Unbewußte. Aber dann stauen sie sich, gefährlich verkrümmt, in diesem Seelenraum und erzeugen durch ihre ständige Gärung nervöse Unruhe, Verstörung und Krankheit. Völlig illusionslos, fortschrittsungläubig, rücksichtslos und radikal, stellt Freud fest, daß die von der Moral geächteten Triebkräfte der Libido einen unzerstörbaren Teil des Menschen bilden, der mit jedem Embryo neu geboren werde, ein Kraftelement, das man niemals beseitigen könne, sondern bestenfalls durch Hinüberführung ins Bewußtsein zu ungefährlicher Tätigkeit umschalten. Gerade das also, was die alte Gesellschaftsethik für die Erzgefahr erklärte, die Bewußtmachung, betrachtet Freud als heilsam, gerade was jene als heilsam empfand, die Unterdrückung, beweist er als gefährlich. Wo die alte Methode Zudecken übte, fordert er Aufdecken. Statt des Ignorierens ein Identifizieren. Statt des Aus-dem-Wege-Gehens das Eingehen. Statt des Vorbeisehens ein Tiefhineinsehen. Statt der Vermäntelung die Entblößung. Triebe kann nur zügeln, wer sie erkennt, die Dämonen nur derjenige bändigen, der sie aus ihrer Tiefe holt und ihnen frei ins Auge blickt. Medizin hat mit Moral und Scham so wenig zu tun wie mit Ästhetik oder Philologie, ihre wichtigste Aufgabe ist nicht, das Geheimste des Menschen zum Schweigen, sondern im Gegenteil, es endlich zum Sprechen zu bringen. Ohne jede Rücksicht auf den Bemäntelungswillen des Jahrhunderts, wirft Freud diese Probleme des Selbsterkennens und Selbstbekennens des Verdrängten und Unbewußten in die Mitte der Zeit. Und damit beginnt er nicht nur die Kur an zahllosen einzelnen, sondern auch an der ganzen moralkranken Epoche durch Überführung ihres unterdrückten Grundkonflikts aus der Verheuchelung in die Wissenschaft.

Diese neugeforderte Methode Freuds hat nicht nur die Anschauung unserer Individualseele umgeschaffen, sondern alle Grundfragen unserer Kultur und ihre Genealogie in eine andere Richtung gewiesen. Jeder begeht darum grobe Herabsetzung und flachgeistigen Irrtum, der die Leistung Freuds noch immer von 1890 her als bloß medizinische Angelegenheit bewerten will, denn er verwechselt bewußt oder unbewußt den Ausgangspunkt mit dem Ziel. Daß Freud die chinesische Mauer der alten Seelenkunde zufällig von der ärztlichen Seite her durchstieß, ist historisch zwar richtig, aber nicht wichtig für seine Leistung. Denn nie entscheidet bei einem schöpferischen Menschen, von wo er ausgegangen, sondern einzig, wohin und wie weit er gelangt ist. Freud kam von der Medizin nicht anders als Pascal von der Mathematik und Nietzsche von der Altphilologie. Zweifellos, dieser Ursprung gibt seinem Werk eine gewisse Färbung, aber er bestimmt und begrenzt nicht seine Größe. Denn es wäre nachgerade heute, im fünfundsiebzigsten Jahre seines Lebens, Zeit, zu bemerken, daß sein Werk und Wert sich längst nicht mehr auf die Nebensächlichkeit gründet, ob alljährlich durch die Psychoanalyse ein Schock Neurotiker mehr oder weniger geheilt werden, längst auch nicht mehr auf einzelne seiner theoretischen Glaubensartikel und Hypothesen. Ob die Libido sexuell »besetzt« ist oder nicht, ob der Kastrationskomplex und die narzißtische Einstellung und, ich weiß nicht, welche kodifizierten Glaubensartikel für die Ewigkeit kanonisiert werden sollen oder nicht, all das ist längst Theologengezänk von Privatdozenten geworden und völlig belanglos für jene überdauernde geisteshistorische Entscheidung, die Freud mit seiner Entdeckung der seelischen Dynamik und seiner neuen Fragetechnik für unsere Welt erzwungen hat. Hier hat ein Mann mit schöpferischem Blick die innere Sphäre umgestaltet, und daß es dabei tatsächlich um ein Umstürzen ging, daß sein »Wahrheitssadismus« eine Weltanschauungsrevolution aller seelischen Fragen hervorgerufen hat –, dieses Gefährliche seiner Lehre (nämlich ihnen gefährliche) haben als erste die Vertreter der absterbenden Generation erkannt; sofort merkten sie alle mit Schrecken, die Illusionisten, die Optimisten, die Idealisten, die Anwälte der Scham und der guten alten Moral: hier tritt ein Mann ans Werk, der an allen Warnungstafeln vorübergeht, den kein Tabu schreckt und kein Widerspruch verschüchtert, ein Mann, dem tatsächlich nichts »heilig« ist. Instinktiv haben sie gefühlt, daß knapp nach Nietzsche, dem Antichrist, mit Freud ein zweiter, großer Zerstörer der alten Tafeln gekommen ist, der Antiillusionist, einer der alle Vordergründe mit unbarmherzigem Röntgenblick durchleuchtet, der hinter der Libido den Sexus, hinter dem unschuldigen Kinde den Urmenschen, im trauten Beisammensein der Familie uralte gefährliche Spannungen zwischen Vater und Sohn und in den arglosesten Träumen die heißen Wallungen des Blutes entdeckt. Ein solcher Mensch, der in ihren höchsten Heiligtümern, Kultur, Zivilisation, Humanität, Moral und Fortschritt nichts anderes sieht als Wunschträume, wird er nicht – so quält sie ein unbequemes Ahnen schon vom ersten Augenblick an – mit seiner grausamen Sondierung vielleicht noch weiter gehen? Wird nicht dieser Bilderstürmer seine schamlose analytische Technik von der Einzelseele schließlich noch auf die Massenseele übertragen? Am Ende gar die Fundamente der Staatsmoral und die so mühsam zusammengeleimten Komplexe der Familie mit seinem Hammer beklopfen und das Vaterlandsgefühl und sogar das religiöse mit seinen furchtbar fressenden Säuren zersetzen? Tatsächlich, der Instinkt der absterbenden Vorkriegswelt hat richtig gesehen: der unbedingte Mut, die geistige Unerschrockenheit Freuds hat nirgendwo und nirgends Halt gemacht. Gleichgültig gegen Einspruch und Eifersucht, gegen Lärm und Stille, hat er mit der planenden unerschütterlichen Geduld eines Handwerkers seinen archimedischen Hebel weiter und weiter vervollkommnet, bis er ihn schließlich gegen das Weltall ansetzen konnte. Im siebzigsten Jahre seines Lebens hat Freud schließlich noch jenes letzte unternommen, seine am Individuum erprobte Methode an der ganzen Menschheit und sogar an Gott zu versuchen. Er hat den Mut gehabt, weiter und weiter zu gehen, bis ins letzte Nihil und Nichts jenseits der Illusionen, in jenes großartig Grenzenlose, wo es keinen Glauben mehr gibt, keine Hoffnungen und Träume, nicht einmal jene vom Himmel oder von einem Sinn und einer Aufgabe der Menschheit.

Sigmund Freud hat die Menschheit – herrliche Tat eines einzelnen Menschen – klarer über sich selbst gemacht: ich sage klarer, nicht glücklicher. Er hat einer ganzen Generation das Weltbild vertieft: ich sage vertieft und nicht verschönert. Denn das Radikale beglückt niemals, es bringt nur Entscheidungen. Aber es gehört nicht zur Aufgabe der Wissenschaft, das ewige Kinderherz der Menschheit in immer neue beschwichtigende Träumereien einzuwiegen; ihre Sendung ist, die Menschen zu lehren, gerade und gerecht auf unserer harten Erde zu gehen. An dieser unerläßlichen Arbeit hat Sigmund Freud sein vorbildliches Teil getan: im Werke ist seine Härte zu Stärke, seine Strenge unbeugsames Gesetz geworden. Niemals hat Freud um der Tröstung willen dem Menschen einen Ausweg ins Behagliche gezeigt, eine Flucht in irdische oder himmlische Himmelreiche, immer nur den Weg in sich hinein, den gefährlichen Weg in die eigne Tiefe. Seine Einsicht ist ohne Nachsicht gewesen: nicht um einen Zoll hat seine Denkart den Menschen das Leben leichter gemacht. Wie ein Nordwind scharf und schneidend, hat sein Einbruch in eine dumpfe Atmosphäre viele goldene Nebel und rosige Wolken des Gefühls zerblasen, aber vor den gereinigten Horizonten liegt nun ein neuer Ausblick ins Geistige klar. Mit andern Augen, freier, wissender und ehrlicher sieht eine neue Generation dank seiner Leistung in eine neue Zeit. Daß die gefährliche Psychose der Heuchelei, die ein Jahrhundert lang die europäische Sitte eingeschüchtert hat, endgültig gewichen ist, daß wir gelernt haben, ohne falsche Scham in unser Leben hineinzuschauen, daß uns Wörter wie »Laster« und »Schuld« ein Grauen erwecken, daß die Richter, über die Triebübermächtigkeit der menschlichen Natur belehrt, manchmal mit Schuldsprüchen zögern, daß die Lehrer heute Natürliches schon mit Natürlichkeit nehmen und die Familie Offenes mit Offenheit, daß in die Sittlichkeitsauffassung mehr Aufrichtigkeit gekommen ist und mehr Kameradschaft in die Jugend, daß sich die Frauen freier zu ihrem Willen und ihrem Geschlecht bekennen, daß wir die Einmaligkeit jedes Einzelwesens zu achten gelernt haben und das Geheimnis in unserem eigenen geistigen Wesen schöpferisch zu begreifen – all diese Elemente besseren und sittlicheren Geradegewachsenseins danken wir und unsere neue Welt in erster Linie diesem einen Manne, der den Mut hatte, zu wissen, was er wußte, und den dreifachen Mut, dies sein Wissen einer unwilligen und feige sich wehrenden Zeitmoral aufzuzwingen. Manche Einzelheiten seiner Leistung mögen bestreitbar sein, aber was zählt das einzelne! Gedanken leben ebenso von der Bestätigung wie vom Widerspruch, ein Werk nicht minder von der Liebe wie vom Haß, den es erregt. Ins Lebendige überzugehen, bedeutet den einzig entscheidenden Sieg einer Idee und den einzigen auch, den wir heute noch zu ehren bereit sind. Denn nichts erhebt in unserer Zeit schwankender Gerechtigkeit so sehr den Glauben an die Übermacht des Geistigen wie das atmend erlebte Beispiel, daß es immer wieder genügt, wenn ein einziger Mensch den Mut zur Wahrheit hat, um die Wahrhaftigkeit innerhalb des ganzen Weltalls zu vermehren.

Charakterbildnis

Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität.

Boerne

Die strenge Tür eines Wiener Miethauses verschließt seit einem halben Jahrhundert Sigmund Freuds Privatleben: beinahe wäre man versucht zu sagen, er habe überhaupt keines gehabt, so bescheiden hintergründig verläuft seine persönliche Existenz. Siebzig Jahre in der gleichen Stadt, mehr als vierzig Jahre in dem gleichen Haus. Dort wieder die Ordination in demselben Räume, die Lektüre auf demselben Sessel, die literarische Arbeit vor demselben Schreibtisch. Pater familias von sechs Kindern, persönlich völlig bedürfnislos, ohne andere Passionen als die des Berufs und der Berufung. Kein Gran seiner gleichzeitig sparsamen und verschwenderisch ausgewerteten Zeit jemals vertan an eitles Sichzeigen, an Ämter und Würden, niemals ein agitatorisches Vortreten des schöpferischen Menschen vor das geschaffene Werk: bei diesem Manne unterwirft sich der Lebensrhythmus völlig und einzig dem pausenlosen, gleichmäßig und geduldig strömenden Rhythmus der Arbeit. Jede Woche der tausend und aber tausend seiner fünfundsiebzig Jahre umschreibt den gleichen runden Kreis geschlossener Tätigkeit, jeder Tag verläuft zwillingshaft ähnlich dem andern: in seiner akademischen Zeit einmal in der Woche Vorlesung an der Universität, immer einmal am Mittwoch abends nach sokratischer Methode ein geistiges Symposion in der Runde der Schüler, einmal am Samstagnachmittag eine Kartenpartie – sonst nur von morgens bis abends, oder vielmehr bis spät in die Mitternacht, jede Minute bis zur letzten Sekunde ausgenützt für Analyse, Behandlung, Studium, Lektüre und gelehrte Gestaltung. Dieser unerbittliche Arbeitskalender kennt kein leeres Blatt, der weitgespannte Tag Freuds innerhalb eines halben Jahrhunderts keine ungeistig verbrachte Stunde. Ständiges Tätigsein ist diesem immer motorischen Hirn so selbstverständlich, wie dem Herzen der blutumschaltende Schlag; Arbeit erscheint bei Freud nicht als willensunterworfenes Tun, sondern durchaus als natürliche, als ständige und strömende Funktion. Eben aber diese Pausenlosigkeit der Wachheit und Wachsamkeit ist zugleich das Erstaunlichste seiner geistigen Erscheinung: hier wird Normalität zum Phänomen. Seit vierzig Jahren nimmt Freud täglich acht, neun, zehn, manchmal sogar elf Analysen vor, das will sagen: neun-, zehn-, elfmal konzentriert er je eine ganze Stunde lang sich mit äußerster, mit einer beinahe bebenden Spannung in einen Fremden hinein, behorcht und wägt jedes Wort, während gleichzeitig sein nie versagendes Gedächtnis die Aussagen dieser Psychoanalyse mit jenen aller früheren Sitzungen vergleicht. Er lebt also ganz innen in dieser fremden Persönlichkeit, während er sie gleichzeitig von außen seelendiagnostisch betrachtet. Und mit einem Ruck muß er sich sofort am Ende der Stunde aus diesem einen in einen andern Menschen, den nächsten Patienten, umstellen, achtmal, neunmal an einem Tage, – hundert und aber hundert Schicksale also ohne Notizen und Erinnerungshilfen in sich gesondert bewahrend und bis in die feinsten Verästelungen überschauend. Eine so ständig sich umschaltende Arbeitsumformung erfordert eine geistige Wachheit, eine seelische Bereitschaft und Nervenspannung, der ein anderer nach zwei oder drei Stunden nicht mehr gewachsen wäre. Aber die erstaunliche Vitalität Freuds, diese seine Überkraft innerhalb der geistigen Kraft, kennt kein Erschlaffen und Ermüden. Ist spät abends die analytische Tätigkeit, der Neun- oder Zehnstundendienst am Menschen beendet, dann erst beginnt die denkerische Ausgestaltung der Resultate, jene Arbeit, welche die Welt für seine einzige hält. Und all diese riesenhafte, diese pausenlose an Tausenden von Menschen praktisch wirkende und zu Millionen von Menschen fortwirkende Leistung geschieht ein halbes Jahrhundert lang ohne Helfer, ohne Sekretär, ohne Assistenten; jeder Brief ist mit der eigenen Hand geschrieben, jede Untersuchung allein zu Ende geführt, jedes Werk allein zur Form gestaltet. Nur diese grandiose Gleichmäßigkeit der schöpferischen Kraft verrät hinter der banalen Außenfläche seines Daseins die wahrhafte Dämonie. Erst aus der Sphäre des Geschaffenen enthüllt dies anscheinend normale Leben seine Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit.

Ein solches nie versagendes, innerhalb von Jahrzehnten nie aussetzendes und abweichendes Präzisionsinstrument der Arbeit ist nur denkbar bei vollendetstem stofflichen Material. Wie bei Händel, bei Rubens und Balzac, den gleichfalls strömend Schaffenden, stammt bei Freud das geistige Übermaß aus einer urgesunden Natur. Dieser große Arzt war bis zu seinem siebzigsten Jahre niemals ernstlich krank, dieser feinste Beobachter des Nervenspiels niemals nervös, dieser hellsichtige Durchforscher aller Seelenabnormitäten, dieser vielverschrieene Sexualist in allen seinen persönlichen Lebensäußerungen ein Leben lang unheimlich einlinig und gesund. Von eigener Erfahrung her kennt dieser Körper nicht einmal die gewöhnlichsten, die alltäglichsten Störungen geistiger Arbeit und fast nie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Jahrzehntelang hat Freud nie einen ärztlichen Kollegen zu Rate ziehen, nie eine einzige Stunde wegen Unpäßlichkeit absagen müssen – erst im patriarchalischen Alter versucht eine tückische Krankheit diese geradezu polykratische Gesundheit zu brechen. Aber vergebens! Sofort und völlig unvermindert setzt mit kaum vernarbter Wunde die alte Tatkraft wieder ein. Gesundsein ist für Freud identisch mit Atmen, Wachsein mit Arbeiten, Schaffen mit Leben. Und genau so intensiv und dicht wie seine Spannung bei Tag, so vollkommen ist bei diesem eisern gehämmerten Körper die Entspannung in der Nacht. Ein kurzer, aber fest in sich geschlossener Schlaf erneuert von Morgen zu Morgen diese großartig normale und gleichzeitig großartig übernormale Spannkraft des Geistes. Freud schläft sehr tief, wenn er schläft, und er ist unerhört wach in seinem Wachsein.

Diesem völligen Ausgewogensein der innern Kräfte widerspricht auch nicht das äußerliche Wesensbild. Auch hier eine vollkommene Proportion in jedem Zuge, eine durchaus harmonische Erscheinung. Nicht zu groß, nicht zu klein die Figur, nicht zu schwer, nicht zu locker der Körper: immer und überall zwischen Extremen geradezu vorbildliche Mitte. Jahre und Jahre verzweifeln vor seinem Antlitz alle Karikaturisten, denn nirgends finden sie in diesem völlig ebenmäßig ausgeformten Oval rechten Ansatz für die zeichnerische Übertreibung. Vergebens legt man sich Bild um Bild seiner jüngeren Jahre nebeneinander, ihnen irgendeinen vorherrschenden Zug, etwas charakterologisch Wichtiges abzuspähen. Aber die Züge des Dreißigjährigen, Vierzig- und Fünfzigjährigen sagen nicht mehr als: ein schöner Mann, ein männlicher Mann, ein Herr mit regelmäßigen, beinahe allzu regelmäßigen Zügen. Wohl deutet das dunkle, gesammelte Auge den geistigen Menschen an, aber beim besten Willen findet man in diesen verblaßten Photographieen nicht mehr als eben eines jener von gepflegtem Bart umrahmten Arztantlitze idealisch männlicher Art, wie sie Lenbach und Makart zu malen liebten, dunkel, weich und ernst, aber im letzten nicht aufschlußreich. Und schon meint man jeden charakterologischen Versuch vor diesem in seine eigene Harmonie eingeschlossenen Antlitz aufgeben zu müssen. Da beginnen plötzlich die letzten Bilder zu sprechen. Erst das Alter, das sonst bei den meisten Menschen die individuellen Wesenszüge auflöst und zu grauem Lehm zerbröckelt, erst die patriarchalische Zeit setzt bei Freud den bildnerischen Meißel an, erst Krankheit und Greisenjahre meißeln unwidersprechlich eine Physiognomie aus einem bloßen Gesicht. Seit das Haar ergraut, der Bart nicht mehr so voll das harte Kinn, nicht mehr so dunkel den scharfen Mund verschattet, seit der knochig plastische Unterbau seines Antlitzes zutage tritt, enthüllt sich etwas Hartes, unbedingt Offensives, der unerbittlich und fast verbissen vordringende Wille seiner Natur. Von tiefer her, düsterer, dringlicher, schraubender bohrt sich einem jetzt der früher bloß betrachtende Blick entgegen, eine bittere Mißtrauensfalte schneidet wie eine Wunde scharf die freigelegte, furchige Stirn hinab. Und gespannt wie über einem »Nein« oder »Das ist nicht wahr« schließen sich die schmalen Lippen. Zum erstenmal spürt man die Wucht und die Strenge des Freudischen Wesens in seinem Antlitz und spürt auch: nein, dies ist kein good grey old man, sanft und umgänglich geworden im Alter, sondern ein harter unerbittlicher Prüfer, der sich von nichts täuschen läßt und über nichts täuschen lassen will. Ein Mensch, vor dem man Furcht hätte zu lügen, weil er mit diesem argwohnumschatteten, gleichsam aus dem Dunkel treffenden Pfeilschützenblick jede ausweichende Wendung verfolgt und jeden Schlupfwinkel im voraus sichtet – ein bedrückendes Antlitz vielleicht mehr als ein befreiendes, aber prachtvoll belebt von erkennerischer Intensität, Antlitz nicht eines bloßen Betrachters, sondern eines unbarmherzigen Durchdringers.

Diesen Einschuß von alttestamentarischer Härte, dieses grimmig Inkonziliante, das aus dem beinahe drohenden Auge des alten Kämpfers spricht, versuche man nicht dem Charakterprofil dieses Mannes wegzuschmeicheln. Denn hätte jemals Freud diese scharf geschliffene, diese offen und unbarmherzig zustoßende Entschiedenheit gefehlt, so fehlte auch das Beste und Entscheidendste seiner Tat. Wenn Nietzsche mit dem Hammer, so hat Freud ein Leben lang mit dem Skalpell philosophiert: derlei Instrumente taugen nicht in milde und nachgiebige Hände. Verbindlichkeiten, Höflichkeiten, Mitleid und Nachsicht wären völlig unvereinbar mit der radikalen Denkform seiner schöpferischen Natur, deren Sinn und Sendung einzig die Verdeutlichung der Extreme war, nicht ihre Bindung. Die kämpferische Entschiedenheit Freuds will immer nur ein glattes Dafür oder Dagegen, ein Ja oder Nein zu seiner Sache, kein Einerseits und Anderseits, kein Dazwischen und Vielleicht. Wo es im Geistigen Recht und Rechthaben gilt, kennt Freud keine Rücksicht, keinen Rückhalt, kein Paktieren und keinen Pardon: wie Jahve verzeiht er einem lauen Zweifler noch weniger als einem Abtrünnigen. Halbwahrscheinlichkeiten sind ihm wertlos, ihn lockt nur die reine, die hundertprozentige Wahrheit. Jede Verschwommenheit, sowohl die in den persönlichen Beziehungen von einem Menschen zum andern als auch jene erhabenen Denkunklarheiten der Menschheit, die man Illusionen nennt, fordern seine ungestüme und beinahe erbitterte Lust zum Abteilen, Abgrenzen, Ordnen ganz selbsttätig heraus, – immer will oder muß sein Blick mit der Schärfe ungebrochenen Lichts auf den Erscheinungen ruhen. Dieses Klarsehen, Klardenken und Klarmachen bedeutet für Freud aber keine Anstrengung, gar keinen Willensakt, Analysieren ist die eigentliche, die eingeborene und unhemmbare Instinkthandlung seiner Natur. Wo Freud nicht sofort und unbedingt versteht, kann er sich nicht verständigen, was er aus sich nicht völlig klar sieht, kann ihm niemand erklären. Sein Auge wie sein Geist sind autokratisch und völlig inkonziliant; und gerade im Krieg, im Alleinsein gegen die Übermacht entspannt sich erst die volle Vorstoßlust dieses von der Natur zur durch und durch dringenden Schneide gehämmerten Denkwillens.

Aber hart, streng und unerbittlich gegen andere, zeigt sich Freud nicht minder hart und mißtrauisch gegen sich selbst. Geübt, auch der verstecktesten Unwahrhaftigkeit eines Menschen bis ins geheimste Gespinst des Unbewußten nachzuspüren, hinter jeder Schicht noch eine tiefere, hinter jedem Bekenntnis noch ein aufrichtigeres, hinter jeder Wahrheit noch eine wahrhaftigere zu entlarven, übt er auch gegen sich die gleiche analytische Wachsamkeit der Selbstkontrolle. Darum will mir das so oft angewandte Wort vom »kühnen Denker« bei Freud sehr schlecht gewählt erscheinen. Freuds Ideen haben nichts von Improvisationen, kaum von Intuitionen. Weder leichtfertig noch leicht fertig mit seinen Formulierungen, zögert Freud oft Jahre, ehe er eine Vermutung offen als Behauptung ausspricht; völlig widersinnig wären einem konstruktiven Genie wie dem seinen jähe Denksprünge oder voreilige Zusammenfassungen. Immer nur stufenhaft niedersteigend, vorsichtig und völlig unekstatisch bemerkt Freud als erster jede unsichere Stelle; unzählige Male begegnet man innerhalb seiner Schriften solchen Selbstwarnungen, wie »Dies mag eine Hypothese sein« oder »Ich weiß, daß ich in dieser Hinsicht wenig Neues zu sagen habe«. Freuds wahrer Mut beginnt spät, erst mit der Selbstgewißheit. Nur wenn dieser unbarmherzige Desillusionist sich selber restlos überzeugt und sein eigenes Mißtrauen niedergekämpft hat, er könnte die Weltillusion um einen neuen Wunschtraum vermehren, legt er seine Auffassung vor. Hat er aber eine Idee einmal erkannt und öffentlich bekannt, dann wird sie ihm vollkommen zu Fleisch und Blut, eingewachsenes Teil seiner geistigen Lebensexistenz, und kein Shylock vermöchte ihm auch nur eine Faser davon aus dem lebendigen Leibe herauszuschneiden. Freuds Sicherheit kommt immer erst spät: aber einmal errungen, ist sie nicht mehr zu brechen.

Dieses harte Festhalten an seinen Anschauungen haben die Gegner Freuds ärgerlich seinen Dogmatismus genannt und sogar seine Anhänger manchmal laut oder leise beklagt. Aber diese Unbedingtheit Freuds ist vom Charakterologischen seiner Natur nicht zu lösen: sie stammt nicht aus willensmäßiger Einstellung, sondern aus spontaner, aus der besonderen Optik seines Auges. Was Freud schöpferisch anblickt, sieht er so, als hätte es vor ihm niemand angesehen. Wenn er denkt, vergißt er alles, was andere vor ihm über diesen Gegenstand gedacht. Naturhaft und zwanghaft sieht er seine Probleme, und wo immer er das sibyllinische Buch der menschlichen Seele aufschlägt, blättert sich ihm eine neue Seite auf; und ehe sein Denken sie kritisch anfaßt, hat sein Auge schon die Schöpfung getan. Eine Meinung aber kann man belehren über ihren Irrtum, niemals ein Auge über seinen schaffenden Blick: Vision steht jenseits jeder Beeinflußbarkeit, das Schöpferische jenseits des Willens; was aber nennen wir wahrhaft schöpferisch, wenn nicht dies, jedes der uralt unveränderlichen Dinge so zu schauen, als hätte es nie der Stern eines irdischen Auges belichtet, ein tausendmal Ausgesagtes noch einmal so jungfräulich neu auszusprechen, als hätte es nie ein menschlicher Mund gesagt. Weil unerlernbar, ist diese Magie des intuitiven Forscherblicks auch nie belehrbar und jedes Beharren einer genialen Natur auf ihrer erstmaligen und einmaligen Schau keineswegs Trotz, sondern tiefe Nötigung.

Darum versucht auch Freud niemals, seinen Leser, seinen Hörer zu seinen Anschauungen zu überreden, zu beschwätzen, zu überzeugen. Er legt sie nur vor. Seine unbedingte Redlichkeit verzichtet vollkommen, selbst die ihm wichtigsten Gedanken in poetisch bestechender Form zu servieren und gewisse harte und bittere Bissen für empfindliche Gemüter durch Konzilianz des Ausdrucks mundgerechter zu machen. Mit der Rauschprosa Nietzsches verglichen, die immer die verwegensten Feuerwerke der Kunst und Artistik aufsprühen läßt, scheint die seine zunächst nüchtern, kalt und farblos. Freuds Prosa agitiert nicht, sie wirbt nicht, sie verzichtet völlig auf dichterische Untermalung, auf jede Rhythmisierung durch Musik (zu der ihm, wie er selbst bekennt, jede innere Neigung fehlt – offenbar im Sinne Platos, der sie anschuldigt, das reine Denken zu verwirren). Dieses aber strebt Freud allein an, er handelt nach Stendhals Wort »Pour être bon philosophe, il faut être sec, clair, sans illusion«. Klarheit ist ihm wie in allen menschlichen Äußerungen auch im sprachlichen Ausdruck das Optimum und Ultimum; dieser höchsten Lichthaftigkeit und Deutlichkeit ordnet er alle Kunstwerte als nebensächlich unter, und einzig der so erzielten Diamantschärfe der Umrisse dankt seine Sprache ihre unvergleichliche vis plastica. Völlig prunklos, straff sachlich, eine römische, eine lateinische Prosa, umschweift sie niemals dichterisch ihren Gegenstand, sondern sagt ihn hart und kernig aus. Sie schmückt nicht, sie häuft nicht, sie vermengt und bedrängt nicht; bis zum Äußersten spart sie mit Bildern und Vergleichen. Setzt sie dann aber einen Vergleich ein, so trifft er immer durch seine überzeugende Schlagkraft wie ein Schuß. Manche sprachbildnerische Formulierungen Freuds haben das durchleuchtend Sinnliche von geschnittenen Steinen, und sie wirken inmitten seiner gläsern klaren Prosa wie in Kristallschalen eingesetzte Kameen, unvergeßlich jede einzelne. Nicht ein einziges Mal aber verläßt Freud in seinen philosophischen Darstellungen den geraden Weg – Abschweifungen im Sprachlichen sind ihm so verhaßt wie Umwegigkeiten im Denken –, und innerhalb seines ganzen weiträumigen Werkes findet sich kein Satz, der nicht mühelos auch einem Ungebildeten eindeutig faßbar wäre. Immer zielt sein Ausdruck wie sein Denken zu geradezu geometrisch genauer Bestimmtheit: darum konnte nur eine Sprache scheinbarer Unscheinbarkeit, in Wirklichkeit aber höchster Lichthaftigkeit seinem Klarheitswillen dienen.

Jedes Genie, sagt Nietzsche, trägt eine Maske. Freud hat eine der schwerdurchschaubarsten gewählt: die der Unauffälligkeit. Sein äußeres Leben verbirgt dämonische Arbeitsleistung hinter nüchterner, beinah philiströser Bürgerlichkeit. Sein Antlitz den schöpferischen Genius hinter ebenmäßig ruhigen Zügen. Sein Werk, umstürzlerisch und verwegen wie nur irgendeines, verschattet sich nach außen hin bescheiden als naturwissenschaftlich exakte Universitätsmethode. Und seine Sprache täuscht durch farblose Kälte über das Kristallinisch-Kunstvolle ihrer Bildnerkraft. Genie der Nüchternheit, liebt er nur das Nüchterne in seinem Wesen offenbar zu machen, nicht das Genialische. Nur das Maßvolle wird zunächst sichtbar, erst in der Tiefe dann sein Übermaß. Überall ist Freud mehr, als er von sich sehen läßt, und doch in jedwedem Ausdruck seines Wesens eindeutig derselbe. Denn wo immer in einem Menschen das Gesetz höherer Einheit schöpferisch waltet, tritt es in allen Elementen seines Wesens, in Sprache, Werk, Erscheinung und Leben gleich sinnlich und sieghaft zutage.

Der Ausgang

»Eine besondere Vorliebe für Stellung und Tätigkeit des Arztes habe ich in den Jugendjahren nicht verspürt, übrigens auch später nicht«, gesteht Freud mit der für ihn so charakteristischen Selbstunerbittlichkeit in seiner Lebensdarstellung unverhohlen ein. Jedoch dieses Bekenntnis ergänzt sich höchst aufschlußreich: »Eher bewegte mich eine Art Wißbegierde, die sich aber mehr auf die menschlichen Verhältnisse als auf natürliche Objekte bezog.« Dieser seiner innersten Neigung kommt kein eigentliches Lehrfach entgegen, denn der medizinische Studienkatalog der Wiener Universität kennt keinen Unterrichtsgegenstand »Menschliche Verhältnisse«. Und da der junge Student an baldigen Broterwerb denken muß, darf er nicht lange Privatneigungen nachhängen, sondern muß mit andern Medizinern geduldig über das Pflaster der vorgeschriebenen zwölf Semester marschieren. Freud arbeitet schon als Student ernst an selbständigen Untersuchungen, den akademischen Pflichtkreis dagegen erledigt er nach seinem eigenen freimütigen Geständnis »recht nachlässig« und wird erst »mit ziemlicher Verspätung« im Jahre 1881 als Fünfundzwanzigjähriger zum Doctor medicinae promoviert.

Schicksal Unzähliger: in diesem wegunsichern Menschen ist eine geistige Berufung ahnungshaft vorbereitet, und er muß sie zunächst vertauschen mit einem gar nicht ersehnten praktischen Beruf. Denn von vornherein zieht das Handwerkliche der Medizin, das Schulhafte und Heiltechnische diesen ganz auf das Universelle hin gerichteten Geist wenig an. Im tiefsten Wesensgrund geborener Psychologe – er weiß es nur noch lange nicht – sucht instinktiv der junge Arzt sein theoretisches Wirkungsfeld wenigstens in die Nachbarschaft des Seelischen zu drängen. Er wählt also als Spezialfach die Psychiatrie und betätigt sich in der Gehirnanatomie, denn eine individualisierende Psychologie, diese für uns heute längst unentbehrliche Wissenschaft von der Seele, wird damals in den medizinischen Hörsälen noch nicht gelehrt und geübt: Freud wird sie uns erst erfinden müssen. Alles seelisch Unregelmäßige gilt der mechanistischen Auffassung jener Zeit bloß als Entartung der Nerven, als eine krankhafte Veränderung; unerschütterlich herrscht der Wahn vor, es könne gelingen, dank einer immer genaueren Kenntnis der Organe und mit Versuchen aus dem Tierreich einmal die Automatik des »Seelischen« genau zu errechnen und jede Abweichung zu korrigieren. Darum erhält die Seelenkunde damals im physiologischen Laboratorium ihre Arbeitsstätte, und man glaubt, erschöpfende Seelenwissenschaft zu treiben, wenn man mit Skalpell und Lanzette, mit Mikroskop und elektrischen Reaktionsapparaten die Zuckungen und Schwingungen der Nerven mißt. So muß auch Freud sich zunächst gleichfalls an den Seziertisch setzen und mit allerhand technischen Apparaturen nach Ursächlichkeiten suchen, die sich in Wahrheit niemals in der groben Form sinnlicher Sichtbarkeit offenbaren. Jahrelang arbeitet er im Laboratorium bei Brücke und Meynert, den berühmten Anatomen, und beide Meister ihres Faches erkennen bald in dem jungen Assistenten die eingeborene selbständig-schöpferische Finderbegabung. Beide suchen sie ihn für ihr Spezialgebiet als dauernden Mitarbeiter zu gewinnen, Meynert bietet dem jungen Arzt sogar an, ersatzweise statt seiner Vorlesungen über Gehirnanatomie zu halten. Aber völlig unbewußt widerstrebt bei Freud eine innere Tendenz. Vielleicht hat schon damals sein Instinkt die Entscheidung vorausgefühlt, jedenfalls: er lehnt den ehrenden Antrag ab. Jedoch seine bisher geleisteten, schulmäßig exakt durchgeführten histologischen und klinischen Arbeiten reichen schon vollends aus, ihm die Dozentur für Nervenlehre an der Universität in Wien zuzuerkennen.

Dozent der Neurologie, das bedeutet zu jener Zeit in Wien einen vielbegehrten und auch einträglichen Titel für einen neunundzwanzigjährigen jungen, unbegüterten Arzt. Freud müßte jetzt nur jahraus, jahrein seine Patienten unentwegt nach der brav erlernten, schulmäßig vorgeschriebenen Methode behandeln, und er könnte außerordentlicher Professor und am Ende gar Hofrat werden. Aber schon damals tritt jener für ihn so besonders charakteristische Instinkt der Selbstüberwachung zutage, der ihn sein ganzes Leben lang immer weiter und tiefer führt. Denn dieser junge Dozent gesteht ehrlich ein, was alle andern Neurologen ängstlich vor den andern und sogar vor sich selbst verschweigen, nämlich, daß die ganze Technik der Nervenbehandlung psychogener Phänomene, so wie sie um 1885 gelehrt wird, vollkommen hilflos und vor allem nicht helfend in einer Sackgasse steckt. Aber wie eine andere üben, da doch in Wien keine andere gelehrt wird? Was dort 1885 (und noch lange nachher) den Professoren abzusehen war, das hat der junge Dozent bis in die letzte Einzelheit gelernt, saubere klinische Arbeit, trefflich exakte Anatomie und dazu noch die Haupttugenden der Wiener Schule: strenge Gründlichkeit und unerbittlichen Fleiß. Was ist darüber hinaus weiterzulernen bei Männern, die nicht mehr wissen als er selbst? Deshalb fällt ihn die Nachricht, daß seit einigen Jahren in Paris Psychiatrie von ganz anderer Richtung her betrieben werde, mächtig und als unwiderstehliche Versuchung an. Er hört staunend und mißtrauisch, aber doch verlockt, daß dort Charcot, obwohl selbst ursprünglich Gehirnanatom, eigenartige Versuche mit Zuhilfenahme jener verruchten und verfemten Hypnose vornehme, die in Wien, seit man Franz Anton Mesmer glücklich aus der Stadt vertrieben, in siebenfachem Banne steht. Von der Ferne aus, bloß durch Berichte medizinischer Zeitungen, das erkennt Freud sofort, kann man von diesen Versuchen kein sinnliches Bild gewinnen, man muß sie selber sehen, um sie zu beurteilen. Und sofort drängt der junge Gelehrte mit jener geheimnisvollen innern Witterung, die schöpferische Menschen immer die wahre Zielrichtung ihres Weges ahnen läßt, nach Paris. Sein Lehrer Brücke unterstützt die Bitte des unbegüterten jungen Arztes um ein Reisestipendium. Es wird ihm gewährt. Und um noch einmal neu anzufangen, um zu lernen, ehe er lehrt, reist der junge Dozent im Jahre 1886 nach Paris.

Hier tritt er sofort in eine andere Atmosphäre. Zwar kommt auch Charcot so wie Brücke von der pathologischen Anatomie her, aber er ist über sie hinausgekommen. In seinem berühmten Buch »La foi qui guérit« hat der große Franzose die vom medizinischen Wissenschaftsdünkel bisher als unglaubwürdig abgelehnten religiösen Glaubenswunder auf ihre seelischen Bedingtheiten hin untersucht und gewisse typische Gesetzmäßigkeiten in ihren Erscheinungen festgestellt. Statt Tatsachen zu leugnen, hat er sie zu deuten begonnen, und mit derselben Unbefangenheit ist er allen andern Heilwundersystemen, darunter dem berüchtigten Mesmerismus, nahegetreten. Zum erstenmal begegnet Freud einem Gelehrten, der die Hysterie nicht wie seine Wiener Schule von vornherein verächtlich als Simulation abtut, sondern an dieser interessantesten, weil plastischesten aller Seelenkrankheiten nachweist, daß ihre Anfälle und Ausbrüche Folge von inneren Erschütterungen sind und deshalb nach geistigen Ursächlichkeiten gedeutet werden müssen. Im offenen Hörsaal zeigt Charcot an hypnotisierten Patienten, daß jene bekannten typischen Lähmungen jederzeit mit Hilfe der Suggestion im Wachschlaf ebenso erzeugt wie abgestellt werden können, daß sie also nicht grobphysiologische Reflexe, sondern dem Willen unterworfene seien. Wenn auch die Einzelheiten seiner Lehre auf den jungen Wiener Arzt nicht immer überzeugend wirken, so dringt doch mächtig auf ihn die Tatsache ein, daß in Paris innerhalb der Neurologie nicht bloß körperhafte, sondern psychische und sogar metapsychische Ursächlichkeiten anerkannt und gewürdigt werden; hier ist, so spürt er beglückt, Psychologie der alten Seelenkunde wieder nah, und er fühlt sich von dieser geistigen Methode mehr als von den bisher erlernten angezogen. Auch in seinem neuen Wirkungskreise hat Freud das Glück – aber darf man Glück nennen, was im Grunde nur die ewige wechselseitige Instinktwitterung überlegener Geister ist? –, bei seinen Lehrern besonderes Interesse zu finden. So wie Brücke, Meynert und Nothnagel in Wien, erkennt auch Charcot sofort in Freud die schöpferisch denkende Natur und zieht ihn in seinen persönlichen Umgang. Er überträgt ihm die Übersetzung seiner Werke in die deutsche Sprache und zeichnet ihn oft durch sein Vertrauen aus. Als Freud dann nach einigen Monaten nach Wien zurückkehrt, ist sein inneres Weltbild geändert. Auch der Weg Charcots, dies spürt er dumpf, ist noch nicht der ihm vollkommen gemäße, auch diesen Forscher beschäftigt noch zu sehr das körperliche Experiment und zu wenig, was es seelisch beweist. Aber schon diese wenigen Monate haben einen neuen Mut und Unabhängigkeitswillen in dem jungen Gelehrten zur Reife gebracht. Nun kann seine selbständig schöpferische Arbeit beginnen.

Zuvor bleibt freilich noch eine kleine Formalität zu erfüllen. Jeder Stipendiat der Universität ist verpflichtet, nach seiner Rückkehr über seine wissenschaftlichen Erfahrungen im Ausland Bericht zu erstatten. Dies tut Freud in der Gesellschaft der Ärzte. Er erzählt von Charcots neuen Wegen und schildert die hypnotischen Experimente der Salpêtrière. Aber noch steckt von Franz Anton Mesmer her der Wiener Ärzteschaft ein grimmiges Mißtrauen gegen jedwedes suggestive Verfahren im Leibe. Mit überlegenem Lächeln wird Freuds Nachricht, es sei möglich, die Symptome der Hysterie künstlich zu erzeugen, abgetan, und seine Mitteilung, es gäbe sogar Fälle männlicher Hysterie, erregt unverhohlene Heiterkeit bei seinen Kollegen. Erst klopft man ihm wohlwollend auf die Schulter, was für Bären er sich in Paris habe aufbinden lassen; aber da Freud nicht nachgibt, wird dem Abtrünnigen der geheiligte Raum des Gehirnlaboratoriums, wo man – Gott sei Dank! – Seelenkunde noch auf »ernst wissenschaftliche Art« betreibt, als einem Unwürdigen versperrt. Seit jener Zeit ist Freud die bête noire der Wiener Universität geblieben, er hat den Raum der Gesellschaft der Ärzte nicht mehr betreten, und nur dank der privaten Protektion einer hochvermögenden Patientin (wie er heiter selbst eingesteht) erlangt er nach Jahren den Titel eines außerordentlichen Professors. Höchst ungern aber erinnert sich die erlauchte Fakultät seiner Zugehörigkeit zum akademischen Lehrkörper. An seinem siebzigsten Geburtstag zieht sie es sogar vor, sich ausdrücklich daran nicht zu erinnern und vermeidet jeden Gruß und Glückwunsch. Ordinarius ist er niemals geworden, nicht Hofrat und Geheimrat und nur geblieben, was er dort von Anfang war: ein außerordentlicher Professor unter den andern ordentlichen.

Mit seiner Auflehnung gegen das in Wien geübte mechanistische Verfahren der Neurologie, das ausschließlich vom Hautreiz her oder durch medikamentöse Einwirkung seelisch bedingte Erkrankungen zu heilen versuchte, hat sich Freud nicht nur seine akademische Karriere verdorben, sondern auch seine ärztliche Praxis. Er muß jetzt allein gehen. Noch weiß er in diesem Anfang kaum mehr als das Negative, nämlich, daß entscheidende psychologische Entdeckungen sich weder im Laboratorium der Gehirnanatomie noch am Meßapparat der Nervenreaktionen erhoffen lassen. Nur eine ganz andersartige und von anderer Stelle einsetzende Methode kann sich den geheimnisvollen Verstricktheiten des Seelischen nähern – sie zu finden oder vielmehr zu erfinden, wird nunmehr die leidenschaftliche Bemühung seiner nächsten fünfzig Jahre sein. Gewisse den Weg deutende Winke haben ihm Paris und Nancy gegeben. Aber genau wie in der Kunst genügt auch in der wissenschaftlichen Sphäre niemals ein einziger Gedanke zu endgültiger Gestaltung; auch in der Forschung geschieht wirkliche Befruchtung immer nur durch die Überschneidung einer Idee mit einer Erfahrung. Der geringste Anstoß noch, und die schöpferische Kraft muß zur Entladung gelangen.

Diesen Anstoß nun gibt – so dicht ist die Spannung schon geworden – das persönliche freundschaftliche Beisammensein mit einem älteren Kollegen, Dr. Josef Breuer, dem Freud schon vordem in Brückes Laboratorium begegnet war. Breuer, ein sehr beschäftigter Familienarzt, wissenschaftlich äußerst tätig, ohne selbst entscheidend schöpferisch zu sein, hatte Freud schon vor dessen Pariser Reise über einen Fall von Hysterie eines jungen Mädchens berichtet, bei dem er auf merkwürdige Weise Heilungserfolge erzielt habe. Dieses junge Mädchen produzierte die schulmäßig bekannten Erscheinungen dieser plastischesten aller Nervenerkrankungen, also Lähmungen, Zerrungen, Hemmungen und Bewußtseinstrübungen. Nun hatte Breuer die Beobachtung gemacht, daß jenes junge Mädchen sich jedesmal entlastet fühlte, sobald es ihm viel von sich erzählen durfte. Und der kluge Arzt ließ darum geduldig die Kranke sich aussprechen, da er dabei gewahr wurde, daß jedesmal, wenn die Kranke in Worten ihrer affektiven Phantasie Ausdruck geben konnte, eine zeitweilige Besserung einsetzte. Das Mädchen erzählte, erzählte, erzählte. Aber bei all diesen abrupten, zusammenhanglosen Selbstgeständnissen spürte Breuer, daß die Kranke immer am Eigentlichen, an dem für die Entstehung ihrer Hysterie ursächlich Entscheidenden, geflissentlich vorbeierzählte. Er merkte, daß dieser Mensch etwas von sich wußte, was er durchaus nicht wissen wollte und deshalb unterdrückte. Um nun den verschütteten Weg zu dem vorenthaltenen Erlebnis freizulegen, verfällt Breuer auf den Gedanken, das junge Mädchen regelmäßig in Hypnose zu versetzen. In diesem willensentbundenen Zustand hofft er, alle »Hemmungen« (man fragt sich, welches Wort man hier verwenden könnte, hätte die Psychoanalyse dieses Wort nicht erfunden) dauernd wegräumen zu können, die der endgültigen Erhellung des Tatbestandes entgegenstehen. Und tatsächlich, sein Versuch gelingt; in der Hypnose, wo jedes Schamgefühl gleichsam abgeblendet ist, sagt das Mädchen frei heraus, was es bisher so beharrlich dem Arzt und vor allem sich selbst verschwiegen hatte, nämlich, daß es am Krankenbett des Vaters gewisse Gefühle empfunden und unterdrückt habe. Diese aus Schicklichkeitsgründen zurückgedrängten Gefühle hatten also als Ablenkung sich jene krankhaften Symptome gefunden oder vielmehr erfunden. Denn jedesmal, wenn das Mädchen in der Hypnose diese Gefühle frei bekennt, verschwindet sofort ihre Ersatzerscheinung: das hysterische Symptom. Breuer setzt nun systematisch in diesem Sinne die Behandlung fort. Und in dem Maße, wie er die Kranke über sich selbst aufklärt, weichen die gefährlichen hysterischen Erscheinungen – sie sind unnötig geworden. Nach einigen Monaten kann die Patientin als völlig geheilt und gesundet entlassen werden.

Diesen sonderbaren Fall hatte Breuer gelegentlich als einen besonders auffälligen dem jüngeren Kollegen erzählt. Ihn befriedigte an dieser Behandlung vor allem die geglückte Rückführung einer neurotisch Kranken zur Gesundheit. Freud aber mit seinem Tiefeninstinkt ahnt sofort hinter dieser von Breuer aufgedeckten Therapie ein viel weiter gültiges Gesetz, nämlich, daß »seelische Energieen verschiebbar sind«, daß im »Unterbewußtsein« (auch dieses Wort ist damals noch nicht erfunden) eine bestimmte Umschaltungsdynamik tätig sein müsse, welche die von ihrer natürlichen Auswirkung zurückgedrängten (oder wie wir seither sagen, »nicht abreagierten«) Gefühle umwandle und überleite in andere seelische oder körperliche Handlungen. Gleichsam von einer andern Seite her erlichtet der von Breuer gefundene Fall die aus Paris heimgebrachten Erfahrungen, und um die hier aufgehellte Spur tiefer ins Dunkel zu verfolgen, schließen sich die beiden Freunde zur Arbeit zusammen. Die von ihnen gemeinsam verfaßten Werke »Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene«, 1893, und die »Studien über die Hysterie«, 1895, stellen die erste Niederlegung dieser neuen Ideen dar, in ihnen schimmert zum erstenmal die Morgenröte einer neuen Psychologie. In diesen gemeinsamen Untersuchungen ist erstmalig festgestellt, daß die Hysterie nicht, wie bisher angenommen, auf einer organisch körperlichen Erkrankung beruht, sondern auf einer Verstörung durch einen inneren, dem Kranken selbst nicht bewußten Konflikt, dessen Druck schließlich jene »Symptome«, jene krankhaften Veränderungen herausformt. Wie Fieber durch eine innere Entzündung, so entstehen seelische Verstörungen durch eine Gefühlsüberstauung. Und wie im Körper sofort, wenn die Eiterung ihren Abfluß findet, das Fieber sinkt, so löst sich diese gewaltsame Verschiebung und Verkrampfung der Hysterie, sobald es gelingt, dem bisher zurückgedrängten und zurückgestauten Gefühl Abfluß zu schaffen, »den zur Erhaltung des Symptoms verwendeten Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort gleichsam eingeklemmt war, auf normale Wege zu leiten, wo er zur Abfuhr kommen kann«.

Als Werkzeug für diese seelische Entlastungsaktion verwenden Breuer und Freud anfänglich die Hypnose. Sie bedeutet in jener prähistorischen Epoche der Psychoanalyse aber keineswegs das Heilmittel an sich, sondern nur ein Hilfsmittel. Sie soll bloß die Verkrampfung des Gefühls lösen helfen: sie stellt gleichsam die Narkose für die vorzunehmende Operation dar. Erst wenn die Hemmungen des wachen Bewußtseins wegfallen, spricht der Kranke frei das Verschwiegene aus, und schon dadurch, daß er beichtet, läßt der verstörende Druck nach. Einer gepreßten Seele ist Abfluß geschaffen, jene Spannungserlösung tritt ein, welche schon die griechische Tragödie als ein befreiendes und beglückendes Element preist, weshalb Breuer und Freud, im Sinne der Katharsis des Aristoteles, ihre Methode zunächst die »kathartische« nennen. Durch Erkenntnis, durch Selbsterkenntnis wird die künstliche, die krankhafte Fehlleistung überflüssig, das Symptom entschwindet, das nur symbolischen Sinn hatte. Aussprechen bedeutet also gewissermaßen auch Ausfühlen, Erkenntnis wird zur Befreiung.

Bis zu diesen wichtigen, ja entscheidenden Voraussetzungen waren Breuer und Freud gemeinsam vorgedrungen. Dann trennt sich ihr Weg. Breuer, der Arzt, wendet sich wieder, von manchen Gefährlichkeiten dieses Abstiegs beunruhigt, dem Medizinischen zu; ihn beschäftigen im wesentlichen die Heilungsmöglichkeiten der Hysterie, die Beseitigung der Symptome. Freud aber, der jetzt erst den Psychologen in sich entdeckt hat, fasziniert gerade das hier vorleuchtende Geheimnis dieses Umwandlungsprozesses, der seelische Vorgang. Ihn reizt die neugefundene Tatsache, daß Gefühle zurückgedrängt und durch Symptome ersetzt werden können, zu immer ungestümerer Fragelust; an dem einen Problem ahnt er die ganze Problematik des seelischen Mechanismus. Denn wenn Gefühle zurückgedrängt werden können, wer drängt sie zurück? Und vor allem, wohin werden sie zurückgedrängt? Nach welchen Gesetzen schalten sich Kräfte aus dem Geistigen ins Körperliche um, und in welchem Raum spielen sich diese unablässigen Umstellungen ab, von denen der wache Mensch nichts weiß und doch anderseits sofort weiß, sobald man ihn zwingt, davon zu wissen? Eine unbekannte Sphäre, in welche die Wissenschaft bisher sich nicht vorgewagt hatte, beginnt sich schattenhaft vor ihm abzuzeichnen, eine neue Welt wird ihm von fern in schwankendem Umriß gewahr: das Unbewußte. Und dieser »Erforschung des unbewußten Anteils im individuellen Seelenleben« gilt von nun ab seine Lebensleidenschaft. Der Abstieg in die Tiefe hat begonnen.

Die Welt des Unbewußten

Es fordert immer besondere Anstrengung, etwas vergessen zu wollen, was man weiß, von einer höhern Stufe der Anschauung noch einmal sich künstlich zur naiveren zurückzuschrauben – so auch heute schon, sich zurückzuversetzen in die Vorstellungsart, mit der die wissenschaftliche Welt von 1900 den Begriff des Unbewußten handhabte. Daß unsere seelische Leistung mit der bewußten Vernunfttätigkeit keineswegs gänzlich erschöpft sei, daß dahinter noch eine andere Macht gleichsam im Schatten unseres Seins und Denkens wirke, dies hat selbstverständlich auch die frühere, die vorfreudische Seelenkunde schon gewußt. Nur verstand sie mit diesem Wissen nichts anzufangen, denn nie versucht sie, jenen Begriff wirklich in Wissenschaft und Forschung umzusetzen. Die Philosophie jener Zeit befaßt sich mit seelischen Erscheinungen nur insofern, als sie in den Lichtkreis des Bewußtseins treten. Aber es erscheint ihr widersinnig – eine contradictio in adjecto –, etwas Unbewußtes zum Gegenstand des Bewußtseins machen zu wollen. Gefühl gilt ihr erst als Gefühl, sobald es deutlich fühlbar wird, Wille erst, sobald er tätig will; solange seelische Äußerungen sich aber nicht über die Oberfläche des bewußten Lebens erheben, schaltet die Psychologie sie als nicht wägbar aus der Geisteswissenschaft aus.

Freud nimmt den Terminus technicus »unbewußt« in die Psychoanalyse hinüber, aber er gibt ihm einen völlig andern Sinn als die Schulphilosophie. Für Freud ist nicht einzig das Bewußte ein seelischer Akt und demzufolge das Unbewußte eine völlig andere oder gar untergeordnete Kategorie, sondern er betont entschlossen: alle seelischen Akte sind zunächst unbewußte Geschehnisse; diejenigen, die bewußt werden, stellen keine andersgeartete noch übergeordnete Gattung dar, sondern ihr Ins-Bewußtsein-Treten ist nur eine Eigenschaft, die von außen dazukommt wie das Licht auf einen Gegenstand. Ein Tisch bleibt ebenso ein Tisch, ob er in einem dunklen Raum unsichtbar steht oder die eingeschaltete elektrische Kerze ihn wahrnehmbar macht. Das Licht macht sein Vorhandensein nur sinnlich erkennbarer, aber es erzeugt nicht sein Vorhandensein. Zweifellos: man kann ihn in diesem Zustand erhöhter Wahrnehmbarkeit genauer messen als im Dunkel, obwohl auch dort mit einer anderen Methode, jener des Tastens und Befühlens, eine gewisse abgrenzende Wesensfeststellung möglich gewesen wäre. Aber logisch gehört der im Dunkel unsichtbare Tisch ebenso zur Körperwelt wie der sichtbare und in der Psychologie daher das Unbewußte ebenso in den Seelenraum wie das Bewußte. »Unbewußt« heißt demnach bei Freud zum erstenmal nicht mehr unwißbar und tritt in diesem neuen Sinn in den Kreis der Wissenschaft. Durch diese überraschende Forderung Freuds, mit einer neuen Aufmerksamkeit und einer andern methodologischen Apparatur, der Taucherglocke seiner Tiefenpsychologie, unter den Bewußtseinsspiegel hinabzutasten und nicht nur die Oberfläche der seelischen Erscheinungen, sondern auch ihren untersten Grund zu erleuchten, wird die Schulpsychologie endlich wieder wahrhafte Seelenkunde, praktisch anwendbare und sogar heiltätige Lebenswissenschaft.

Diese Entdeckung eines neuen Forschungsraumes, diese fundamentale Umstellung und ungeheure Erweiterung des seelischen Kräftefeldes bedeutet die eigentliche Genietat Freuds. Mit einem Schlage ist die erkennbare Seelensphäre auf ein Vielfaches ihres bisherigen Inhalts ausgeweitet und zu der Oberflächendimension für die Forschung auch eine Welt der Tiefe freigelegt. Durch diese eine, scheinbar geringfügige Umschaltung – immer erscheinen die entscheidenden Ideen nachträglich als einfache und selbstverständliche – verändern sich innerhalb der seelischen Dynamik alle Maße. Und wahrscheinlich wird eine künftige Geistesgeschichte diesen schöpferischen Augenblick der Psychologie jenen großen und weltwendenden zuordnen, wie sie bei Kant und Kopernikus mit einer einzigen Verschiebung des geistigen Blickwinkels die ganze Denkanschauung der Zeit veränderten. Denn schon heute empfinden wir das Seelenbild der Universitäten zu Anfang des Jahrhunderts so holzschnitthaft plump, so falsch und eng wie eine ptolemäische Landkarte, die einen armen Bruchteil des geographischen Weltalls schon unsern ganzen Kosmos nennt. Ganz wie jene naiven Kartographen bezeichnen die vorfreudischen Psychologen jene unerforschten Kontinente einfach als Terra incognita, »unbewußt« gilt ihnen als Ersatzwort für unwißbar und unerkennbar. Irgendein dunkles, dumpfes Reservoir des Seelischen muß irgendwo sein, so vermuten sie, in das unsere ungenutzten Erinnerungen abfließen, um dort zu verschlammen, ein Lagerraum, in dem das Vergessene und Ungenützte eigentlich zwecklos herumliegt, ein Materialdepot, aus dem sich allenfalls ab und zu die Erinnerung irgendeinen Gegenstand ins Bewußtsein herüberholt. Die Grundanschauung der vorfreudischen Wissenschaft aber ist und bleibt: diese unbewußte Welt sei an sich völlig passiv, völlig untätig, nur abgelebtes, abgestorbenes Leben, eine abgetane Vergangenheit und somit ohne jeden Einfluß, ohne jede Kraft auf unsere geistige Gegenwart.

Gegen diese Auffassung setzt Freud die seine: das Unbewußte ist durchaus nicht Abfall des seelischen Lebens, sondern der Urstoff selbst, von dem nur ein winziger Teil die Lichtfläche des Bewußtseins erreicht. Aber der nicht in Erscheinung tretende Hauptteil, das sogenannte Unbewußte, ist darum keineswegs abgestorben oder undynamisch. Es wirkt in Wahrheit genau so aktiv und lebendig auf unser Denken und Fühlen, ja es stellt vielleicht sogar den lebensplastischeren Teil unserer seelischen Existenz dar. Wer deshalb das unbewußte Wollen nicht bei allen Entschließungen mit einrechnet, der sieht irrig, weil er damit den wesentlichsten Antrieb unserer inneren Spannungen aus der Berechnung läßt; so wie man die Stoßkraft eines Eisbergs nicht nach dem Bruchteil einschätzen darf, der von ihm oberhalb der Wasserfläche zutage tritt (die eigentliche Wucht bleibt unter dem Spiegel verdeckt), so narrt sich selbst, wer vermeint, unsere taghellen Gedanken, unsere wissenden Energieen bestimmten allein unser Fühlen und Tun. Unser ganzes Leben schwebt nicht frei im Element des Rationalen, sondern steht unter dem ständigen Druck des Unbewußten; jeder Augenblick schwemmt von scheinbar vergessenen Vergangenheiten eine Welle hinein in unseren lebendigen Tag. Nicht in dem allherrlichen Maße, wie wir es vermeinen, gehört unsere Oberwelt dem wachen Willen und der planenden Vernunft, sondern aus jener dunklen Wolke zucken die Blitze der eigentlichen Entscheidungen, aus der Tiefe jener Triebwelt kommen die jähen Erdstöße, die unser Schicksal erschüttern. Dort unten haust geballt nebeneinander, was in der bewußten Sphäre durch die gläsernen Grenzen der Kategorieen Raum und Zeit getrennt ist; Wünsche einer verschollenen Kinderzeit, die wir längst begraben meinen, gehen dort gierig um und brechen manchmal heiß und hungrig in unsern Tag hinein; Schreck und Angst, längst vergessen im wachen Sinn, schmettern ihre Schreie plötzlich unvermutet die Leitung der Nerven hinauf, Begierden und Wünsche nicht nur der eigenen Vergangenheit, sondern vermoderter Geschlechter und barbarischer Ahnen verstricken sich dort wurzelhaft in unserem Wesen. Aus der Tiefe kommen die eigentlichsten unserer Taten, aus dem uns selbst Geheimen die plötzlichen Erhellungen, das Übermächtige über unsere Macht. Unkund uns selbst, wohnt dort im Dämmer jenes uralte Ich, von dem unser zivilisiertes Ich nicht mehr weiß oder nicht wissen will; plötzlich aber reckt es sich auf und durchstößt die dünnen Schichten der Kultur, und seine Instinkte, die urtümlichen und unzähmbaren, strömen dann gefährlich ein in unser Blut, denn es ist der Urwille des Unbewußten, aufzusteigen gegen das Licht, bewußt zu werden und sich in Taten zu entladen: »Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.« In jeder Sekunde, bei jedem Wort, das wir sprechen, bei jeder Tat, die wir tun, müssen wir unbewußte Regungen unterdrücken oder vielmehr zurückdrücken; unablässig hat sich unser ethisches oder zivilisatorisches Gefühl zu wehren gegen den barbarischen Lustwillen der Instinkte. Und so erscheint – großartige Vision, von Freud zum erstenmal beschworen – unser ganzes seelisches Leben als ein unablässiger und pathetischer, ein nie endender Kampf zwischen bewußtem und unbewußtem Wollen, zwischen verantwortlichem Tun und der Unverantwortlichkeit unserer Triebe. Aber auch das scheinbar Unbewußte hat in jeder seiner Äußerungen, selbst wenn sie uns unverständlich bleiben, einen bestimmten Sinn; diesen Sinn seiner unbewußten Regungen nun erkennbar zu machen für jedes Individuum, fordert Freud als die zukünftige Aufgabe einer neuen und notwendigen Seelenkunde. Erst wenn wir die unterweltlichen Bezirke eines Menschen erhellen können, wissen wir um seine Gefühlswelt: erst wenn wir bis zum Untergrund einer Seele hinabsteigen, können wir den eigentlichen Grund ihrer Störungen und Verstörungen ermitteln. Was der Mensch bewußt weiß, braucht ihn der Psychologe und der Psychotherapeut nicht zu lehren. Nur dort, wo er sein Unbewußtes nicht kennt, kann der Seelenarzt ihm wahrhaft Helfer werden.

Wie aber hinab in diese Dämmerreiche? Die zeitgenössische Wissenschaft weiß keinen Weg. Sie verneint schroff die Möglichkeit, Phänomene des Unterbewußtseins mit ihren auf mechanische Exaktheit eingestellten Apparaten erfassen zu können. Nur im Taglicht, nur in der Bewußtseinswelt konnte darum die alte Psychologie ihre Untersuchungen führen. Am Sprachlosen oder bloß traumhaft Sprechenden aber ging sie gleichgültig und ohne Blick vorbei. Freud nun bricht diese Auffassung wie ein morsches Holz und wirft sie in den Winkel. Nach seiner Überzeugung ist das Unbewußte nicht stumm. Es spricht, freilich in andern Zeichen und Symbolen als die Bewußtseinssprache. Darum muß, wer von seiner Oberfläche hinab will in seine eigene Tiefe, zunächst die Sprache jener neuen Welt erlernen. Wie die Ägyptologen an der Tafel von Rosette, beginnt Freud einzeln Zeichen um Zeichen zu übertragen, ein Vokabular und eine Grammatik jener Sprache des Unbewußten sich auszuarbeiten, um jene Stimmen verständlich zu machen, die hinter unsern Worten und unserm Wachsein mahnend oder verlockend mitschwingen und denen wir meistens verführter verfallen als unserm lauten Willen. Wer aber eine neue Sprache versteht, begreift auch einen neuen Sinn. So eröffnet Freuds neues Verfahren der Tiefenpsychologie eine unerkannte geistige Welt: erst durch ihn wird wissenschaftliche Psychologie aus bloßer erkenntnistheoretischer Beobachtung der Bewußtseinsvorgänge zu dem, was sie immer hätte sein müssen: zu Seelenkunde. Nicht länger liegt mehr die eine Hemisphäre des innern Kosmos unbeachtet im Mondschatten der Wissenschaft. Und in dem Grade, wie sich die ersten Umrisse des Unbewußten deutsam erhellen, offenbart sich immer untrüglicher ein neuer Einblick in die großartig sinnvolle Struktur unserer geistigen Welt.

Traumdeutung

Comment les hommes ont-ils si peu réfléchi jusqu’alors aux accidents du sommeil, qui accusent en l’homme une double vie! N’y aurait-il pas une nouvelle science dans ce phénomène? … il annonce au moins la désunion fréquente de nos deux natures. J’ai donc enfin un témoignage de la supériorité qui distingue nos sens latents de nos sens apparents.

Balzac, Louis Lambert, 1833.

Das Unbewußte ist das tiefste Geheimnis jedes Menschen: dies ihm aufdecken zu helfen, setzt sich die Psychoanalyse als Aufgabe. Wie aber offenbart sich ein Geheimnis? Auf dreierlei Art. Man kann einem Menschen, was er verhehlt, mit Gewalt abzwingen: nicht umsonst haben Jahrhunderte gezeigt, wie man mit der Folter auch hartnäckig verpreßte Lippen löst. Man kann ferner auf kombinatorische Weise das Versteckte erraten, indem man die ganz kurzen Augenblicke nutzt, da sein flüchtiger Umriß – gleich dem Rücken eines Delphins über dem undurchdringlichen Spiegel des Meeres – für eine Sekunde aus dem Dunkel taucht. Und man kann schließlich mit großer Geduld die Gelegenheit abwarten, wo im Zustand gelockerter Wachsamkeit das Verschwiegene sich selber ausplaudert.

Alle diese drei Techniken übt abwechselnd die Psychoanalyse. Zuerst versuchte sie das Unbewußte durch Willenszwang in der Hypnose gewaltsam zum Reden zu bringen. Daß der Mensch mehr von sich selber weiß, als er bewußt sich und andern eingesteht, war von je der Psychologie wohlbekannt, doch sie verstand nicht, an dieses Unterbewußtsein heranzukommen. Erst der Mesmerismus zeigte, daß im künstlichen Dämmerschlaf oft mehr aus einem Menschen herausgeholt werden kann als im Wachzustande. Da der Willensbetäubte im Trancezustand nicht weiß, daß er vor andern spricht, da er in dieser Schwebe mit sich im Weltenraum allein zu sein glaubt, plaudert er ahnungslos seine innersten Wünsche und Verschwiegenheiten aus. Darum schien die Hypnose zunächst das aussichtsreichste Verfahren; bald aber (aus Gründen, die zu weit ins einzelne führen würden) gibt Freud diese Art, gewaltsam ins Unbewußte einzubrechen, als eine unmoralische und unergiebige auf: wie die Justiz in ihrem humaneren Stadium auf die Folter freiwillig Verzicht leistet, um sie durch die feinmaschigere Kunst des Verhörs und des Indizienbeweises zu ersetzen, so geht die Psychoanalyse von der ersten gewaltübenden Epoche des Geständniserzwingens zu jener des kombinatorischen Erratens über. Jedes Wild, so flüchtig und leichtfüßig es sei, hinterläßt Spuren. Und genau wie der Jäger am winzigsten Fußtapfen die Gangart und Gattung des gesuchten Wildes abliest, so wie der Archäologe aus dem Splitter einer Vase den Generationscharakter einer ganzen verschütteten Stadt feststellt, so übt in ihrer fortgeschritteneren Epoche die Psychoanalyse ihre Detektivkunst an jenen spurhaften Gegenwartszeichen, in denen sich das unbewußte Leben innerhalb des bewußten verrät. Schon bei den ersten Nachforschungen nach solchen kleinen Andeutungen entdeckte Freud eine verblüffende Fährte: die sogenannten Fehlleistungen. Unter Fehlleistungen (immer findet Freud zu dem neuen Begriff auch das wie ein Herzschuß treffende Wort) faßt die Tiefenpsychologie alle jene sonderbaren Phänomene zusammen, welche die größte und älteste Meisterin der Psychologie, die Sprache, längst als einheitliche Gruppe erkannt und deshalb einheitlich durch die Silbe »ver« gekennzeichnet hatte, also das Ver-sprechen, das Ver-lesen, Ver-schreiben, Ver-wechseln, Ver-gessen, Ver-greifen. Winzige Tatsachen, zweifellos: man verspricht sich, man sagt ein Wort für ein anderes, man nimmt ein Ding für das andere, man verschreibt sich, man schreibt ein Wort für das andere – jedem stößt solcher Irrtum dutzendemal am Tage zu. Aber wie kommt es zu diesen Druckfehlerteufeleien des täglichen Lebens? Was ist die Ursache dieser Auflehnung der Materie gegen unsern Willen? Nichts – Zufall oder Ermüdung, antwortete die alte Psychologie, sofern sie überhaupt derlei unbeträchtliche Irrtümer des Alltags ihrer Aufmerksamkeit würdigte. Gedankenlosigkeit, Zerstreutheit, Unachtsamkeit. Aber Freud greift schärfer zu: was heißt Gedankenlosigkeit anderes als eben dies, die Gedanken nicht dort zu haben, wo man sie haben will? Und wenn man schon die gewollte Absicht nicht verwirklicht, wieso springt dann eine andere ungewollte für sie ein? Warum sagt man ein anderes Wort als das beabsichtigte? Da bei der Fehlleistung statt der gewünschten eine andere Leistung ausgelöst wird, so muß sich jemand eingedrängt haben, der sie so unerwartet vollbringt. Ein Irgend-Jemand muß da sein, der dieses falsche Wort hervorholt für das richtige, der den Gegenstand versteckt, den man finden will, der das falsche Ding für das bewußt gesuchte einem heimtückisch in die Hand steckt. Nun erkennt Freud (und diese Idee beherrscht seine ganze Methodik) nirgendwo im Seelischen ein Sinnloses, ein bloß Zufälliges an. Für ihn hat jedes psychische Geschehnis einen bestimmten Sinn, jedes Tun seinen Täter; und da in diesen Fehlleistungen nicht das Bewußte eines Menschen handelnd in Erscheinung tritt, sondern verdrängt wird, was kann diese verdrängende Kraft anderes sein als das Unbewußte, das lang und vergeblich gesuchte? Fehlleistung bedeutet also für Freud nicht Gedankenlosigkeit, sondern das Sichdurchsetzen eines zurückgedrängten Gedankens. Ein Etwas spricht sich im »Ver«sprechen, »Ver»schreiben, »Ver«greifen aus, das unser wacher Wille nicht zu Wort kommen lassen wollte. Und dieses Etwas spricht die unbekannte und erst zu erlernende Sprache des Unbewußten.

Damit ist ein Grundsätzliches geklärt: erstens, in jeder Fehlleistung, in allem scheinbar falsch Getanem drückt sich ein untergründig Gewolltes aus. Und zweitens: in der bewußten Willenssphäre mußte ein Widerstand gegen diese Äußerung des Unbewußten tätig gewesen sein. Wenn zum Beispiel (ich wähle Freuds eigene Beispiele) ein Professor auf einem Kongreß von der Arbeit eines Kollegen sagt: »Wir können diesen Fund gar nicht genug unterschätzen«, so wollte seine unbewußte Absicht zwar »überschätzen« sagen, aber gedacht hat er im Innersten »unterschätzen«. Die Fehlleistung wird nun zum Verräter seiner wahrhaften Einstellung, sie plaudert zu seinem eigenen Entsetzen das Geheimnis aus, daß er die Leistung seines Kollegen innerlich lieber herabsetzen als hervorheben wollte. Oder wenn jene touristisch ausgebildete Dame auf einer Dolomitenpartie klagt, sie habe Bluse und Hemd durchgeschwitzt, und dann fortfährt: »Wenn man aber dann nach Hose kommt und sich umziehen kann« wer versteht da nicht, daß sie ursprünglich die Erzählung vollständiger geben wollte und naiv berichten, daß sie Bluse, Hemd und Hose durchgeschwitzt habe! Der Begriff Hose war nahe daran, sich zum Wort zu formen, – da wird ihr im letzten Moment die Ungehörigkeit der dargestellten Situation bewußt, dieses Bewußtsein stellt sich vor das Wort und drängt es zurück. Aber der unterirdische Wille ist nicht ganz zu Boden geschlagen, und so springt, die momentane Verwirrung benützend, das Wort als »Fehlleistung« in den nächsten Satz. Man sagt beim Versprechen das, was man eigentlich nicht hatte sagen wollen, aber was man wirklich gemeint hat. Man vergißt, was man innerlich eigentlich vergessen wollte. Man verliert, was man zu verlieren wünschte. Fast immer bedeutet eine Fehlleistung Geständnis und Selbstverrat.

Diese im Vergleich zu seinen eigentlichen Funden geringfügige psychologische Entdeckung Freuds ist, weil die amüsanteste und unanstößigste, unter allen seinen Beobachtungen am einhelligsten anerkannt worden: innerhalb seiner Lehre entwickelt sie nur überleitende Kraft. Denn diese Fehlleistungen ereignen sich verhältnismäßig selten, sie liefern nur atomhafte Splitter des Unterbewußten, zu wenige und im Zeitraum zu sehr versprengte, als daß man aus ihnen ein Gesamtmosaik zusammensetzen könnte. Aber selbstverständlich tastet Freuds beobachtende Neugier von hier aus die ganze Fläche unseres Seelenlebens weiter ab, ob nicht andere solcher »sinnloser« Phänomene vorhanden und in diesem neuen Sinne deutbar seien. Und er braucht nicht weit zu suchen, um auf ein Allerhäufigstes unseres Seelenlebens zu stoßen, das gleichfalls als sinnlos gilt, ja sogar als der Typus des Sinnlosen. Selbst der Sprachgebrauch bezeichnet ja den Traum, diesen täglichen Gast unseres Schlafes, als konfusen Eindringling und phantastischen Vaganten auf unserer sonst logisch klaren Gehirnbahn: Träume sind Schäume! Sie gelten als hohles, farbig aufgeblasenes Nichts ohne Zweck und Sinn, eine Fata Morgana des Bluts, und ihre Bilder haben nichts zu »bedeuten«. Man hat nichts zu tun mit seinen Träumen, man ist unschuldig an diesen einfältigen Koboldspielen seiner Phantasie, argumentiert die alte Psychologie und lehnte jede Vernunftdeutung ab: mit diesem Lügner und Narren sich in ernste Rede einzulassen, hat für die Wissenschaft weder Sinn noch Wert.

Wer aber spricht, bildert, schildert, handelt und gestaltet in unseren Träumen? Daß hier jemand anderes spreche, handle und wolle als unser waches Ich, ahnte schon die früheste Vorzeit. Bereits das Altertum erklärte von den Träumen, sie seien »eingegeben«, von etwas Übermächtigem in uns hineingetan. Ein überirdischer oder – wenn man das Wort wagen darf – ein überichlicher Wille trete hier in Erscheinung. Für jeden außermenschlichen Willen aber wußte die mythische Welt nur eine Deutung: die Götter! – denn wer außer ihnen besaß die verwandelnde Kraft und die obere Gewalt? Sie waren es, die sonst unsichtbaren, die in symbolischen Träumen den Menschen nahten, ihnen Botschaft einflüsterten und den Sinn mit Schrecknis oder Hoffnung erfüllten und an die schwarze Wand des Schlafes mahnend oder beschwörend jene bunten Bilder hinzeichneten. Da sie heilige, da sie göttliche Stimme in diesen nächtlichen Offenbarungen zu hören glaubten, wandten alle Völker der Urzeit ihre äußerste Inbrunst daran, diese Göttersprache »Traum« menschlich zu verstehen, um aus ihr den göttlichen Willen zu erkennen. So steht im Anfang der Menschheit als eine der frühesten Wissenschaften die Traumdeutung: vor jeder Schlacht, vor jeder Entscheidung, an jedem Morgen einer durchträumten Nacht werden von den Priestern und Weisen die Träume geprüft und ihre Geschehnisse als Symbole eines kommenden Guten oder drohenden Bösen gedeutet. Denn die alte Traumdeutekunst meint, sehr im Gegensatz zu jener der Psychoanalyse, welche damit die Vergangenheit eines Menschen entschleiern will, in diesen Phantasmagorieen verkündeten die Unsterblichen den Sterblichen die Zukunft. So blüht in den Tempeln der Pharaonen und den Akropolen Griechenlands und den Heiligtümern Roms und unter dem brennenden Himmel Palästinas jahrtausendelang diese mystische Wissenschaft. Für Hunderte und Tausende von Geschlechtern und Völkern war der Traum der wahrhafteste Erklärer des Schicksals.

Die neue, die empirische Wissenschaft bricht selbstverständlich schroff mit dieser Auffassung als einer abergläubischen und naiven. Da sie keine Götter und kaum das Göttliche anerkennt, sieht sie in Träumen weder Sendung von oben noch sonst einen Sinn. Für sie sind Träume ein Chaos, wertlos, weil sinnlos, ein bloßer physiologischer Akt, ein atonales, dissonanzhaftes Nachschwingen der Nervenerregungen, Blasen und Blähungen des blutüberstauten Gehirns, ein letzter wertloser Abhub der am Tage unverdauten Eindrucksreste, den die schwarze Welle des Schlafes mit sich schwemmt. Einem solchen lockeren Gemengsel fehle natürlich jeder logische oder seelische Sinn. Darum billigt die Wissenschaft den Bilderfolgen der Träume weder Wahrheit noch Zweck, Gesetz oder Bedeutung zu; darum versucht ihre Psychologie sich gar nicht an der Sinngebung eines Sinnlosen, an der Deutung eines Bedeutungslosen.

Erst mit Freud beginnt wieder – nach zwei- oder dreitausend Jahren – eine positive Einschätzung des Traumes als eines schicksalverräterischen Akts. Abermals hat die Tiefenpsychologie dort, wo die andern nur ein Chaos, ein regelloses Getriebe annahmen, geregeltes Walten erkannt: was ihren Vorgängern verworrenes Labyrinth ohne Ausgang und ohne Ziel, erscheint ihr als die Via regia, die Hauptstraße, welche das unbewußte Leben dem bewußten verbindet. Der Traum vermittelt zwischen unserer hintergründigen Gefühlswelt und der unserer Einsicht unterworfenen: durch ihn können wir manches wissen, was wir uns weigern, wach zu wissen. Kein Traum, behauptet Freud, ist völlig sinnlos, jeder hat, als ein vollgültiger seelischer Akt, einen bestimmten Sinn. Jeder ist Kundgebung zwar nicht eines höheren, eines göttlichen, eines außermenschlichen Wollens, aber oftmals des innersten, geheimsten Willens im Menschen.

Allerdings, dieser Bote spricht nicht unsere gewöhnliche Sprache, nicht jene der Oberfläche, sondern die Sprache der Tiefe, der unbewußten Natur. Darum verstehen wir seinen Sinn und seine Sendung nicht sofort: wir müssen erst lernen, sie zu deuten. Eine neue, erst zu schaffende Wissenschaft muß uns lehren, was dort in Bildern mit kinematographischen Geschwindigkeiten auf der schwarzen Schlafwand vorbeiflitzt, festzuhalten, zu agnoszieren, ins Verständliche zurückzuübersetzen. Denn wie alle primitiven Ursprachen der Menschheit, wie jene der Ägypter und Chaldäer und Mexikaner, drückt sich die Traumsprache ausschließlich in Bildern aus, und wir stehen jedesmal vor der Aufgabe, ihre Bildsymbole in Begriffe umzudeuten. Dieses Umsetzen von Traumsprache in Denksprache unternimmt die Freudsche Methode in einer neuen, in einer charakterologischen Absicht. Wollte die alte, die prophetische Traumdeutung die Zukunft eines Menschen ergründen, so sucht die werdende, die psychologische Traumdeutung vor allem die seelenbiologische Vergangenheit des Menschen aufzudecken und damit seine innerste Gegenwart. Denn nur scheinbar ist das Ich, das man im Traum ist, das gleiche unseres Wachens. Da im Traum keine Zeit gilt (wir sagen nicht zufällig »traumhaft schnell«), sind wir im Traum alles zugleich, was wir jemals waren und jetzt sind, Kind und Knabe, der Mensch von gestern und heute, das gesamte Ich also, die volle Summe nicht nur unseres Lebens, sondern auch Gelebthabens, während wir im Wachen einzig unser Augenblick-Ich empfinden. Alles Leben ist also Doppelleben. Unten im Unbewußten sind wir unsere Ganzheit, das Einst und Heute, Urmensch und Kulturmensch im wirrgemengten Gefühl, archaische Reste eines naturverbundenen weiteren Ich, oben im klaren, schneidenden Licht nur das bewußte Zeit-Ich. Und von diesem universellen, aber dumpferen Leben geht zu unserem bloß zeitlichen Sein Nachricht fast nur nachts herüber durch diesen geheimnisvollen Boten im Dunkel – den Traum: das Wesentlichste was wir von uns ahnen, wissen wir durch ihn. Ihn zu erlauschen, seine Sendung zu verstehen, heißt darum von unserer eigentlichsten Eigenheit erfahren. Nur wer seinen Willen nicht bloß im Wachraum, sondern auch in den Tiefen seiner Träume kennt, weiß wahrhaftig um jene Summe aus erlebtem und zeitlichem Leben, die wir unsere Persönlichkeit nennen.

Wie aber ein Lot hinabsenken in solche undurchdringliche und unmeßbare Tiefen? Wie deutlich erkennen, was sich nie klar zeigt, war nur maskenhaft wirr durch die Schattengänge unseres Schlafes flackert, was bloß orakelt, statt zu reden? Hier einen Schlüssel zu finden, die entzaubernde Chiffre, welche die unfaßbare Traumbildsprache in Wachsprache übersetzt, scheint Magie zu erfordern, eine geradezu hellseherische Intuition. Aber Freud besitzt in seiner psychologischen Werkstatt einen Dietrich, der ihm alle Türen aufsperrt, er übt eine fast unfehlbare Methodik: überall, wo er das Allerkomplizierteste erreichen will, geht er vom Allerprimitivsten aus. Immer setzt er die Urform neben die Endform; immer und überall tastet er, um die Blüte zu begreifen, zuerst zu den Wurzeln hinab. Deshalb beginnt Freud seine Traumpsychologie statt bei dem hochkultivierten Wachmenschen beim Kinde. Denn im kindlichen Bewußtsein liegen noch wenig Dinge im Vorstellungsraum nebeneinander, der Denkkreis ist noch beschränkt, die Assoziation noch schwächlich, das Traummaterial also übersichtlich. Im Kindtraum ist nur ein Minimum von Deutungskunst nötig, um bei so dünner Denkschicht die seelische Gefühlsunterlage zu durchschauen. Ein Kind ist an einem Schokoladengeschäft vorübergegangen, die Eltern haben sich geweigert, ihm etwas zu kaufen – so träumt das Kind von Schokolade. Vollkommen unfiltriert, vollkommen ungefärbt, verwandelt sich im Kindergehirn Begierde in Bild, Wunsch in Traum. Noch fehlt jede geistige, jede moralische, jede schamhafte, jede intellektuelle Hemmung, jede Voraussicht und jede Rücksicht. Mit der gleichen Unbefangenheit, mit der das Kind sein Äußeres, seinen Körper nackt und schamunkundig jedem Menschen darbietet, zeigt es auch unverhüllt seine inneren Wünsche im Traum.

Damit ist einer künftigen Deutung schon einigermaßen vorgearbeitet. Die Symbolbilder des Traums verbergen also meistens unerfüllte, zurückgedrängte Wünsche, die sich am Tage nicht verwirklichen konnten und nun auf der Traumstraße in unser Leben zurückstreben. Was aus irgendwelchen Gründen bei Tag nicht Tat oder Wort werden konnte, spricht sich dort bildernd und schildernd in farbigen Phantasieen aus; nackt und sorglos können in der unbewachten Flut des Traums alle Begehrungen und Strebungen des innern Ich sich spielend umtummeln. Scheinbar völlig ungehemmt – bald wird Freud diesen Irrtum korrigieren – lebt sich dort aus, was im realen Leben nicht zur Geltung kommen kann, die dunkelsten Wünsche, die gefährlichsten und verbotensten Begierden; in diesem unzugänglichen Revier kann endlich die tagsüber eingehürdete Seele sich all ihrer sexuellen und aggressiven Tendenzen entlasten: im Traum kann der Mann die Frau umarmen und mißbrauchen, die sich im Wachen ihm verweigert, der Bettler Reichtum an sich raffen, der Häßliche sich ein schönes Fell umhängen, der Alte sich verjüngen, der Verzweifelte glücklich, der Vergessene berühmt, der Schwache stark werden. Hier allein kann der Mensch seine Widersacher töten, seinen Vorgesetzten unterjochen, endlich einmal göttlich frei und ungebunden seinen innersten Gefühlswillen ekstatisch ausleben. Jeder Traum bedeutet also nichts anderes, als einen tagsüber unterdrückten oder sogar vor sich selbst unterdrückten Wunsch des Menschen: so scheint die Anfangsformel zu lauten.

Bei dieser ersten provisorischen Feststellung Freuds ist die breitere Öffentlichkeit stehen geblieben, denn diese Formel: Traum ist gleich unausgelebter Wunsch, handhabt sich so denkeinfach und bequem, daß man mit ihr spielen kann wie mit einer Glaskugel. Und tatsächlich meinen gewisse Kreise, ernstlich Traumanalyse zu treiben, wenn sie sich mit dem unterhaltsamen Gesellschaftsspiel amüsieren, jeden Traum auf seine Wunsch- und womöglich Sexualsymbolik abzutasten. In Wirklichkeit hat niemand ehrfurchtsvoller als gerade Freud die Vielmaschigkeit des Traumgewebes und die kunstvolle Mystik seiner verschlungenen Muster betrachtet und immer wieder gerühmt. Sein Mißtrauen gegen allzu rasche Ergebnisse brauchte nicht lange, um gewahr zu werden, daß jene übersichtliche Einstrebigkeit und sofortige Verständlichkeit nur für den Kindertraum gelte, denn beim Erwachsenen bedient sich die bildnerische Phantasie bereits eines ungeheuren symbolischen Materials von Assoziationen und Erinnerungen. Und jenes Bildervokabular, das im Kinderhirn höchstens ein paar hundert gesonderte Vorstellungen umfaßt, webt hier mit unbegreiflicher Fertigkeit und Geschwindigkeit Millionen und vielleicht Milliarden von Erlebnismomenten zu den verwirrendsten Gespinsten zusammen. Vorbei ist im Traum des Erwachsenen jene schamunbewußte Nacktheit und Unverhülltheit der Kinderseele, die ihre Wünsche ungehemmt zeigte, vorbei die unbesorgte Plauderhaftigkeit jener frühen nächtlichen Bilderspiele, denn nicht nur differenzierter, sondern auch raffinierter, hinterhältiger, unaufrichtiger, heuchlerischer gebärdet sich der Traum des Erwachsenen als jener des Kindes: er ist halbmoralisch geworden. Selbst in dieser privaten Scheinwelt hat der ewige Adam im Menschen das Paradies der Unbefangenheit verloren, er weiß um sein Gut und Böse bis tief in den Traum hinab. Die Tür zum sozialen, zum ethischen Bewußtsein ist sogar im Schlaf nicht mehr völlig zugeschlossen, und mit geschlossenen Augen, mit schwanken Sinnen ängstigt sich die Seele des Menschen, von ihrem innern Zuchtmeister, dem Gewissen – dem Über-Ich, wie Freud es nennt –, auf unstatthaften Wünschen, auf verbrecherischen Traumtaten ertappt zu werden. Nicht auf freier Bahn, offen und unverhüllt, bringt also der Traum seine Botschaften aus dem Unbewußten empor, sondern er schmuggelt sie auf geheimen Wegen in den absonderlichsten Verkleidungen durch. Ausdrücklich warnt darum Freud, das, was der Traum erzählt, schon als seinen wirklichen Inhalt gelten zu lassen. Im Traum des Erwachsenen will ein Gefühl sich aussprechen, aber es wagt nicht, sich frei auszusprechen. Es spricht aus Angst vor dem »Zensor« nur in beabsichtigten und sehr raffinierten Entstellungen, es schiebt immer Unsinniges vor, um seinen eigentlichen Sinn nicht erraten zu lassen: wie jeder Dichter, so ist der Traum Wahrheitslügner, das heißt: er beichtet »sub rosa«, er enthüllt, aber nur in Symbolen, ein inneres Erlebnis. Zwei Schichten sind also sorgfältig zu unterscheiden: das, was der Traum »erdichtet« hat, um zu verschleiern, die sogenannte »Traumarbeit«, und das, was er an wahrhaftigen Erlebniselementen hinter diesen bunten Schleiern verbirgt: den »Trauminhalt«. Aufgabe der Psychoanalyse wird nun, das verwirrende Gespinst der Entstellungen aufzulösen und in jenem Schlüsselroman – jeder Traum ist »Dichtung und Wahrheit« – die Wahrheit, das wirkliche Geständnis und damit den Tatsachenkern freizulegen. Nicht was der Traum sagt, sondern was er eigentlich sagen wollte, dies erst führt in den unbewußten Raum des Seelenlebens hinein. Nur dort ist die Tiefe, der die Tiefenpsychologie zustrebt.

Wenn Freud aber der Traumanalyse besondere Wichtigkeit für die Erkundung der Persönlichkeit zumißt, so redet er damit keineswegs einer vagen Traumdeuterei das Wort. Freud fordert einen wissenschaftlich genauen Untersuchungsprozeß, ähnlich jenem, mit dem der Literaturforscher an ein dichterisches Gebilde herantritt. Wie der Germanist versucht, die phantasievolle Zutat vom eigentlichen Erlebnismotiv abzugrenzen, und fragt, was den Dichter gerade zu dieser Gestaltungsform veranlaßt habe – so wie er etwa in der Gretchenepisode das verschobene Friederikenerlebnis als Impuls erkennt, ebenso sucht der Psychoanalytiker in der Traumdichtung und -verdichtung den treibenden Affekt seines Patienten. Das Bild einer Persönlichkeit ergibt sich ihm am deutlichsten aus ihren Gebilden; hier wie immer erkennt Freud den Menschen am tiefsten im produktiven Zustand. Da aber Persönlichkeitserkennung das eigentliche Ziel des Psychoanalytikers sein muß, so liegt es ihm ob, sich der dichterischen Substanz jedes Menschen, seines Traummaterials sichtend zu bedienen: hütet er sich dabei vor Übertreibungen, widerstrebt er der Versuchung, selbst einen Sinn hineinzudichten, so kann er in vielen Fällen wichtige Anhaltspunkte zur innern Lagerung der Persönlichkeit gewinnen. Zweifellos verdankt die Anthropologie Freud für diese produktive Aufdeckung der seelischen Sinnhaftigkeit mancher Träume wertvolle Anregung; darüber hinaus ist ihm aber im Lauf seiner Untersuchung noch ein Wichtigeres gelungen, nämlich zum erstenmal den biologischen Sinn des Traumphänomens als einer seelischen Notwendigkeit auszudeuten. Was der Schlaf im Haushalt der Natur bedeute, hatte die Wissenschaft längst festgestellt: der Schlummer erneuert die von der Tagesleistung erschöpften Kräfte, er erneuert die verbrauchte und verbrannte Nervensubstanz, er unterbricht die ermüdende Bewußtseinsarbeit des Gehirns durch eine Feierschicht. Demgemäß müßte eigentlich ein völlig schwarzes Nichts, ein todähnliches Versinken, ein Abstoppen aller Gehirntätigkeit, Nichtsehen, Nichtwissen, Nichtdenken die vollendetste hygienische Form des Schlafes sein: warum also hat die Natur den Menschen nicht diese scheinbar zweckmäßigste Form der Entspannung zugeteilt? Warum hat sie, die immer sinnvolle, auf diese schwarze Wand so erregendes Bilderspiel hingezaubert, warum unterbricht sie das völlige Nichts, dies Einfluten ins Nirwana, allnächtlich mit flackerndem und seelenversucherischem Wesensschein? Wozu die Träume? Unterbinden, verwirren, stören, hemmen sie nicht eigentlich die so weise ersonnene Entspannung, sind sie, die angeblich sinnlosen, nicht sogar ein Widersinn der sonst allzeit zweckhaften und weithin planenden Natur? Auf diese sehr natürliche Frage wußte die Lebenskunde bisher keine Antwort. Erst Freud stellt zum ersten Male fest, daß die Träume zur Stabilisierung unseres seelischen Gleichgewichts notwendig sind. Der Traum ist ein Ventil unserer Gefühlskraft. Denn zu übermächtiges Begehren, eine Unermeßlichkeit an Lustgier und Lebenssehnsucht ist ja in unsern engen irdischen Leib getan, und wie wenig von diesen myriadenhaften Wünschen kann der durchschnittliche Mensch innerhalb des bürgerlich eingezirkelten Tages wahrhaft befriedigen? Kaum ein Tausendstel seines Lustwillens kommt in jedem von uns zur Verwirklichung; und so drängt ein aufs Unendliche hin zielendes, ungestilltes und unstillbares Begehren selbst in des armseligsten Kleinrentners, Pfründners und Taglöhners Brust. Schlimme Gelüste gären geil in jedem und jedem, machtloser Machtwille, rückgestoßenes und feige verkrümmtes anarchisches Verlangen, verbogene Eitelkeit, Inbrunst und Neid. Von unzähligen Frauen reizt täglich im Vorübergehen jede einzelne eine kurze Gier, und all das unausgelebte Wollen und Habenwollen staut sich, schlangenhaft verstrickt und giftzüngig, im Unterbewußtsein vom frühen Glockenschlag bis in die Nacht. Würde die Seele nicht zerbersten müssen unter solchem atmosphärischen Druck oder plötzlich ausfahren in mörderische Gewaltsamkeiten, wenn nicht nächtens der Traum allen diesen gestauten Wünschen einen Abfluß schaffte? Indem wir unsere tagsüber eingesperrten Begehrlichkeiten in die unverfänglichen Reviere des Traums freilassen, lösen wir den Alp von unserem Gefühlsleben, wir entgiften unsere Seelen in dieser Selbstentwandlung von ihrer Überdrängtheit, so wie wir den Körper von der Intoxikation der Müdigkeit im Schlummer erlösen. In die nur uns allein einsichtige Scheinwelt reagieren wir alle unsere im sozialen Sinne verbrecherischen Akte statt in strafpflichtige Taten in unverpflichtende Scheintaten ab. Traum bedeutet Tatersatz, er erspart uns oftmals die Tat, und darum ist die Formel Platos so herrlich meisterhaft: »Die Guten sind jene, die sich begnügen, von dem zu träumen, was die andern wirklich tun.« Nicht als Lebensstörer, Schlafstörer, sondern als Schlafhüter besucht uns der Traum; in seinen erlösenden Phantasieen halluziniert sich die Seele den Überdruck ihrer Spannungen weg – (»Was sich zutiefst im Herzen anstaut, niest sich im Traume aus« – sagt plastisch ein chinesisches Wort) –, so daß am Morgen der erfrischte Körper eine gereinigte, frei atmende statt einer überfüllten Seele in sich findet.

Diese druckentlastende, kathartische Wirkung hat Freud als den langvermißten und verleugneten Sinn des Traumes für unser Leben erkannt, und sie gilt, diese erlösende Lösung, ebenso für den nächtlichen Schlafgast wie für die höheren Formen alles Phantasierens und Tagträumens, also auch für Dichtung und Mythos. Denn was meint und will Dichtung anders, als im Symbol den überfüllten Menschen erlösen von seinen innern Spannungen, das Drängende aus ihm herausstellen in eine unverfängliche, nicht mehr die eigene Seele überflutende Zone! In jedem echten Kunstwerk wird Gestalten ein »Von-Sich-Weggestalten«, und wenn Goethe bekennt, Werther habe sich für ihn getötet, so drückt er damit wunderbar plastisch aus, daß er durch Abstoßung des beabsichtigten Selbstmords auf eine geträumte Spiegelgestalt sein eigenes Leben gerettet habe, – er hat also, psychoanalytisch gesprochen, seinen Selbstmord in jenen Werthers abreagiert. Wie der einzelne aber seine private Last und Lust im Traum, so erlösen sich die Furchtgefühle und Wünsche ganzer Völker in jenen plastischen Gebilden, die wir Mythen und Religionen nennen: auf den Opferaltären reinigt sich das ins Symbol geflüchtete innere Blutgelüst, in Beichte und Gebet verwandelt sich psychischer Druck in das erlösende Wort. Immer hat sich die Seele der Menschheit – was wüßten wir sonst von ihr? – nur in Dichtung offenbart, als schaffende Phantasie. Nur ihren in Religionen, Mythen und Kunstwerken gestalteten Träumen danken wir ein Ahnen ihrer schöpferischen Kraft. Keine Seelenkunde – diese Erkenntnis hat Freud unserer Zeit aufgeprägt – kann darum das Wahrhaft-Persönliche eines Menschen erreichen, die nur sein waches und verantwortliches Tun betrachtet: auch sie muß hinab in die Tiefe, wo sein Wesen Mythos ist und gerade im flutenden Element der unbewußten Gestaltung das wahrste Bildnis seines innern Lebens schafft.

Die Technik der Psychoanalyse

Sonderbar, daß das Innere des Menschen nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Wie wenig hat man noch die Physik für das Gemüt und das Gemüt für die Außenwelt benutzt.

Novalis

An manchen seltenen Stellen unserer vielgestaltigen Erdkruste bricht ungerufen in plötzlicher Eruption das kostbare Erdöl aus der Tiefe, an manchen zeigt sich Gold freiliegend im Flußsand, an manchen liegt Kohle offen zutage. Aber die menschliche Technik wartet nicht, bis da und dort solche unzulängliche Vorkommnisse sich gnädig offenbaren. Sie verläßt sich nicht auf den Zufall, sondern bohrt selbst die Erde auf, um Quellen zum Strömen zu bringen, sie treibt Stollen in die Tiefe, immer tausend vergebliche, um nur einmal an das kostbare Erz zu gelangen. Ebenso darf eine tätige Seelenkunde sich nicht mit jenen zufälligen Geständnissen begnügen, wie sie der Traum und die Fehlleistungen doch nur spurhaft offenbaren; auch sie muß, um an die eigentliche Schicht des Unbewußten heranzukommen, Psychotechnik anwenden, eine Tiefbaukunst, die bis in das innerste Erdreich in zielstrebiger und systematischer Arbeit vordringt. Eine solche Methode hat Freud gefunden und Psychoanalyse genannt.

Diese Methode erinnert in nichts an irgendeine vorausgegangene der Medizin oder Seelenkunde. Sie ist völlig autochthon und neu, ein Verfahren selbständig neben allen andern, eine Psychologie neben und gleichsam unterhalb jeder früheren, und darum von Freud selbst Tiefenpsychologie genannt. Der Arzt, der sie handhaben will, benötigt dafür seine Hochschulkenntnisse in so geringem Maß, daß bald die Frage entstehen konnte, ob eine medizinisch fachärztliche Ausbildung für den Psychoanalytiker überhaupt nötig sei; und tatsächlich hat Freud nach längerem Zögern die sogenannte »Laienanalyse«, das heißt die Behandlung durch nichtgraduierte Ärzte, freigegeben. Denn der Seelenhelfer im Freudischen Sinn überläßt die anatomische Untersuchung dem Physiologen, seine Anstrengung will nur ein Unsichtbares sichtbar machen. Da nicht mechanisch Faßbares oder Tastbares gesucht wird, erübrigt sich für ihn jedwede Apparatur; der Sessel, auf dem der Arzt sitzt, stellt ebenso wie bei der Christian Science das ganze ärztliche Handwerkzeug dieser Seelentherapie dar. Aber die Christian Science verwandte bei ihren Kuren immerhin noch geistige Narkotika und Anästhetika, sie impfte zur Beseitigung des Leidens gewisse Kräftigungsmittel wie Gott und Gläubigkeit der beunruhigten Seele ein. Die Psychoanalyse dagegen vermeidet jeden Eingriff, den seelischen ebenso wie den körperlichen. Denn ihre Absicht ist nicht, in den Menschen etwas Neues hineinzutun, weder ein Medikament, noch einen Glauben, sondern sie versucht, etwas aus ihm herauszuholen, was schon in ihm steckt. Nur Erkenntnis, nur tätige Selbsterkenntnis bringt Heilung im Sinne der Psychoanalyse; nur wenn der Kranke zu sich selbst zurückgeführt wird, in seine Persönlichkeit (und nicht in einen dutzendmäßigen Gesundheitsglauben hinein), wird er Herr und Meister seiner Krankheit. So geschieht die Arbeit eigentlich nicht von außen am Patienten, sondern gänzlich innerhalb seines seelischen Elements.

Der Arzt bringt in diese Art der Behandlung nichts mit als seine überwachende, vorsichtig lenkende Erfahrung. Er hat nicht wie der Praktiker seine Heilmittel schon bereit und nicht wie der Christian Scientist eine mechanische Formel: sein eigentliches Wissen ist nicht vorgeschrieben und fertig, sondern wird erst aus dem Erlebnisinhalt des Kranken herausdestilliert. Der Patient wieder bringt in die Behandlung nichts mit als seinen Konflikt. Aber er bringt ihn nicht offen, nicht einsichtig, sondern in den sonderbarsten, in den täuschendsten Verpackungen, Entstellungen, Verhüllungen, so daß das Wesen seiner Verstörung zunächst weder für ihn noch für den Arzt erkenntlich wird. Was der Neurotiker vorzeigt und bekennt, ist nur ein Symptom. Aber Symptome zeigen im Seelischen niemals klar die Krankheit, im Gegenteil, sie verstecken sie, denn nach der (völlig neuartigen) Auffassung Freuds besitzen Neurosen in sich gar keinen Inhalt, sie haben nur jede eine Ursache. Was ihn eigentlich verstört, weiß der Neurotiker nicht, oder er will es nicht wissen, oder er weiß es nicht bewußt. Er schiebt seit Jahren seinen innern Konflikt in so viel verschiedenen Zwangshandlungen und Symptomen hin und her, daß er schließlich selber nicht mehr weiß, wo er eigentlich steckt. Hier greift nun der Psychoanalytiker ein. Seine Aufgabe ist, dem Neurotiker bei der Aufdeckung des Rätsels zu helfen, dessen Lösung er selber ist. In »tätiger Erkenntnis zu zweien« tastet er mit ihm gemeinsam die Spiegelwand der Symptome nach den eigentlichen Urbildern der Verstörung ab, Schritt für Schritt gehen die beiden das ganze seelische Leben des Kranken zurück bis zur endgültigen Erkennung und Errichtung des inneren Zwiespalts.

Dieser technische Einsatz der psychoanalytischen Behandlung erinnert zunächst mehr an die kriminalistische Sphäre als an die ärztliche. Bei jedem Neurotiker, jedem Neurastheniker liegt nach der Auffassung Freuds ein irgendwann und irgendwo geschehener Einbruch in die Einheit der Persönlichkeit vor, und die erste Maßnahme muß eine möglichst genaue Erkundung des Tatbestandes sein; Ort, Zeit und Erscheinungsform jenes vergessenen oder verdrängten innern Geschehnisses müssen im Seelengedächtnis möglichst genau rekonstruiert werden. Aber schon bei diesem ersten Schritte steht das psychoanalytische Verfahren vor einer Schwierigkeit, wie es das juridische nicht kennt. Denn im psychoanalytischen Verfahren ist der Patient bis zu einem gewissen Grade alles zugleich. Er ist der, an dem die Tat getan wurde, und zugleich der Täter. Er ist durch seine Symptome Ankläger und Belastungszeuge und gleichzeitig der ingrimmigste Verhehler und Verdunkler des Tatbestandes. Er weiß irgendwo tief unten in sich um jenen Vorgang und weiß doch gleichzeitig nicht von ihm; was er vom Ursächlichen aussagt, ist nicht die Ursache; was er weiß, will er nicht wissen, und was er nicht weiß, weiß er irgendwie doch. Aber noch phantastischer! – dieser Prozeß beginnt gar nicht erst jetzt vor dem Nervenarzt, er ist eigentlich seit Jahren schon im Neurotiker ununterbrochen im Gange, ohne zu einem Ende gelangen zu können. Und was das psychoanalytische Eingreifen als letzte Instanz erreichen soll, ist nichts anderes, als diesen Prozeß zu beendigen; zu dieser Lösung, zu dieser Auflösung beruft (unbewußt) der Kranke den Arzt.

Die Psychoanalyse versucht aber nicht, den Neurotiker, den Menschen, der in seinem seelischen Labyrinth den Weg verloren hat, durch eine rasche Formulierung sofort aus seinem Konflikt herauszuführen. Im Gegenteil: sie drängt, sie lockt den Verstörten durch all die eigenen Erlebnisgänge und Irrgänge zunächst erst zurück bis an jenen entscheidenden Punkt, wo die gefährliche Abweichung begonnen hat. Denn um in einem fehlerhaften Gewebe den falschen Einschuß zu korrigieren, den Faden neu einzuknüpfen, muß der Weber immer die Maschine da wiedereinstellen, wo der Faden gerissen ist. Ebenso muß unvermeidlich (es gibt da keine Geschwindarbeit mit Intuitionen, keine Hellseherei) der Seelenarzt, um die Kontinuität des innern Lebens restlos zu erneuern, immer wieder zurück bis auf die Stelle, wo durch jene geheimnisvolle Gewalttat der Knick und Bruch entstanden ist. Schon Schopenhauer hatte bei einem nachbarlichen Gebiet die Vermutung ausgesprochen, eine völlige Heilung bei Geistesstörung wäre denkbar, wenn man bis zu dem Punkt vordringen könnte, wo sich der entscheidende Schock im Vorstellungsleben ereignete; um das Welke an der Blüte zu begreifen, muß die Untersuchung bis an die Wurzeln hinab, bis ins Unbewußte. Und das ist ein weiter und umwegiger, ein labyrinthischer Gang voll Verantwortung und Gefahr; wie ein Chirurg immer vorsichtiger und behutsamer bei der Operation wird, je mehr er sich im zarten Gewebe dem Nerv nähert, so tastet sich in dieser allerverletzlichsten Materie die Psychoanalyse mühselig-langsam von einer Erlebnisschicht in die tiefere hinab. Jede ihrer Behandlungen dauert nicht Tage und Wochen, sondern immer Monate, zuweilen Jahre, und sie erfordert eine in der Medizin bisher nicht annähernd gekannte Dauerkonzentration in der Seele des Arztes, eine langfristige Zusammenfassung, vergleichbar vielleicht nur den Willensexerzitien der Jesuiten. Alles geschieht innerhalb dieser Kur ohne Aufzeichnung, ohne jedes Hilfsmittel, einzig durch eine über weite Zeiträume verteilte Beobachtungskunst. Der Behandelte legt sich auf ein Sofa, und zwar so, daß er den hinter ihm sitzenden Arzt nicht sehen kann (dies, um die Hemmungen der Scham und der Bewußtheit zu hindern), und erzählt. Er erzählt aber nicht, wie meistens irrig angenommen wird, in geschlossener Folge, er legt keine Beichte ab; durch das Schlüsselloch gesehen, würde die Behandlung das groteskeste Schauspiel bieten, denn es geschieht in vielen Monaten äußerlich nichts, als daß von zwei Menschen einer spricht und der andere lauscht. Ausdrücklich schärft der Psychoanalytiker seinem Patienten ein, bei diesem Erzählen auf jedes bewußte Nachdenken zu verzichten und nicht als Anwalt, Kläger oder Richter in das schwebende Verfahren einzugreifen, also überhaupt nichts zu wollen, sondern einzig den ungewollten Einfällen gedankenlos nachzugeben (denn diese Einfälle fallen ja nicht von außen, sondern von innen aus dem Unbewußten in ihn hinein). Gerade das, wovon er meint, daß es zur Sache gehöre, soll er nicht heranholen, denn was bedeutet im tiefsten seine Seelenverstörung anders, als daß eben dieser Mensch nicht weiß, was seine »Sache« ist, seine Krankheit. Wüßte er dies, so wäre er ja seelisch normal, er schüfe sich keine Symptome und müßte nicht zum Arzt. Die Psychoanalyse lehnt darum alle vorbereiteten Berichte, alles Schriftliche ab und mahnt den Patienten nur, möglichst viel an seelischen Lebenserinnerungen ganz locker zu produzieren. Der Neurotiker soll sich ausreden, aus sich herausreden, monologisch draufloserzählen, kreuz und quer, Kraut und Rüben durcheinander, alles, was ihm gerade durch den Kopf geht, das scheinbar Belangloseste, denn gerade die spontanen, die nicht bewußt gewollten, die zufälligen Einfälle sind für den Arzt die wichtigsten. Nur durch solche »Nebensächlichkeiten« kann der Arzt der Hauptsache nahekommen. Darum, ob falsch oder wahr, ob wichtig oder unwichtig, ob theatralisch oder ehrlich: dem Patienten liegt als Hauptpflicht ob, viel zu erzählen, möglichst viel Erlebnismaterial, also biographische und seelencharakteristische Substanz heranzuschaffen.

Nun setzt die eigentliche Aufgabe des Analytikers ein. Aus dem allmählich in hundert Schüben herangekarrten gewaltigen Schutthaufen abgetragenen Lebensbaus, aus diesen Tausenden von Erinnerungen, Bemerkungen und Traumerzählungen muß der Arzt im psychologischen Sieb die Schlacke des Belanglosen absondern und durch einen langwierigen Umschmelzungsprozeß das eigentliche Erz der Beobachtung herausholen: die psychoanalytische Materie aus dem bloßen Material. Niemals darf er gutgläubig den bloßen Rohstoff des Erzählten als vollgültig anerkennen, immer muß er dessen eingedenk bleiben, »daß die Mitteilungen und Einfälle des Kranken nur Entstellungen des Gesuchten sind, gleichsam Anspielungen, aus denen zu erraten ist, was sich dahinter verbirgt«. Denn nicht das Erlebte des Patienten ist für die Erkenntnis der Krankheit wichtig (das ist längst von seiner Seele abgeladen), sondern das noch nicht Ausgelebte des Neurotikers, jenes überschüssige Gefühlselement, das in ihm noch unverwertet liegt wie ein unverdauter Brocken im Magen und wie jener zur Abfuhr drückt und drängt, aber jedesmal durch einen Gegenwillen zurückgekrampft wird. Dieses Gehemmte und seine Hemmung muß der Arzt mit »gleichschwebender Aufmerksamkeit« innerhalb der einzelnen psychischen Äußerungen zu bestimmen suchen, um allmählich zu einem Verdacht und vom Verdacht zur Sicherheit zu gelangen. Aber solches ruhiges, sachliches, gleichsam von außen Beobachten wird ihm durch den Patienten besonders im Anfang der Behandlung gleichzeitig erleichtert und erschwert durch jene fast unvermeidliche Gefühlseinstellung des Kranken, die Freud »die Übertragung« nennt. Der Neurotiker, ehe er zum Arzt kommt, trägt jenen Überschuß unverwendeten, unausgelebten Gefühls lange mit sich herum, ohne ihn jemals abstoßen zu können. Er rollt ihn durch Dutzende von Symptomen hin und her, er spielt sich selbst in den merkwürdigsten Spielen seinen eigenen unbewußten Konflikt vor; sofort aber, da er im Psychoanalytiker zum erstenmal einen aufmerksamen, einen berufsmäßigen Zuhörer und Mitspieler findet, wirft er seine Last wie einen Ball zunächst auf ihn, er versucht seine unverwertbaren Affekte auf den Arzt abzustoßen. Ob Liebe oder Haß, er gerät in einen bestimmten »rapport« zu ihm, in eine intensive Gefühlsbeziehung. Zum erstenmal gelangt, was bisher in der Scheinwelt sinnlos verzuckte und sich niemals ganz zu entladen vermochte, wie auf einer photographischen Platte bildhaft zum Niederschlag. Mit dieser »Übertragung« ist erst die psychoanalytische Situation gegeben: jeder Kranke, der ihrer nicht fähig ist, muß für die Kur als ungeeignet betrachtet werden. Denn der Arzt muß den Konflikt in emotioneller, in lebenshafter Form vor sich entwickelt sehen, um ihn zu erkennen: der Patient und der Arzt müssen ihn gemeinsam erleben.

Diese Gemeinsamkeit in der psychoanalytischen Arbeit besteht darin, daß der Kranke den Konflikt produziert oder vielmehr reproduziert und der Arzt seinen Sinn deutet. Bei dieser Sinngebung und Deutung hat er aber keineswegs (wie man eilfertig annehmen möchte) auf die Hilfe des Kranken zu zählen; in allem Seelenhaften waltet Zwiespältigkeit und Doppelwertigkeit der Gefühle. Derselbe Patient, der zum Psychoanalytiker geht, um seine Krankheit – von der er nur das Symptom kennt – loszuwerden, klammert sich gleichzeitig unbewußt an sie an, denn diese seine Krankheit stellt ja keinen Fremdstoff dar, sondern sie ist seine eigenste Leistung, sein Produkt, ein tätiger charakteristischer Teil seines Ich, den er gar nicht hergeben will. So hält er hart an seiner Krankheit fest, weil er lieber ihre unangenehmen Symptome auf sich nimmt als die Wahrheit, vor der er sich fürchtet und die ihm der Arzt (eigentlich gegen seinen Willen) erklären will. Da er doppelt fühlt und argumentiert, einmal vom Bewußten und einmal vom Unbewußten aus, ist er in einem der Jäger und der Gejagte; nur ein Teil des Patienten ist also Helfer des Arztes, der andere sein erbittertster Gegner, und während die eine Hand ihm zum Schein willig Geständnisse zusteckt, verwirrt und versteckt die andere gleichzeitig den wirklichen Tatbestand. Bewußt kann also der Neurotiker seinem Helfer gar nicht helfen, er kann ihm »die« Wahrheit gar nicht sagen, weil dies Nicht-Wissen oder Nicht-Wissenwollen der Wahrheit ja eben das ist, was ihn aus dem Gleichgewicht und in die Verstörung geworfen hat. Und selbst in den Augenblicken seines Ehrlichseinwollens lügt er über sich. Hinter jeder Wahrheit verbirgt sich immer eine tiefere Wahrheit, und wo einer gesteht, geschieht es oft nur, um ein noch Geheimeres hinter diesem Geständnis zu verbergen. Geständnislust und Scham spielen hier geheimnisvoll miteinander und gegeneinander, bald gibt und bald verbirgt sich der Erzählende im Wort, und mitten im Geständniswillen setzt unvermeidlich die Geständnishemmung ein. Wie ein Muskel krampft sich etwas in jedem Menschen zusammen, wenn ein anderer sich seinem letzten Geheimnis nähern will: jede Psychoanalyse ist im Wirklichen darum Kampf!

Aber das Genie Freuds versteht immer, gerade aus dem erbittertsten Feind den besten Helfer zu gewinnen. Gerade dieser Widerstand wird oft der eigentliche Verräter für das ungewollte Geständnis. Zwiefach verrät sich ja immer für einen feinhörigen Beobachter der Mensch im Gespräch, einmal in dem, was er sagt, und ein zweites Mal in dem, was er verschweigt; die Freudische Detektivkunst wittert die Nähe des entscheidenden Geheimnisses darum am sichersten dort, wo sie spürt, daß das Gegenüber sprechen will und nicht sprechen kann: die Hemmung wird da verräterisch zum Helfer, sie gibt den Weg deutenden Wink. Wo der Kranke zu laut spricht oder zu leise, wo er zu rasch redet und wo er stockt, da will das Unbewußte selbst sprechen. Und diese vielen kleinen Widerstände, diese winzigen Schwankungen, Stockungen, dies Zulaut- oder Zuleisesprechen, sobald ein bestimmter Komplex angenähert wird, zeigen mit der Hemmung endlich deutlich das Hemmende und das Gehemmte, kurzum den gesuchten, den versteckten und verdeckten Konflikt.

Denn immer handelt es sich im Verlauf einer Psychoanalyse um infinitesimal kleine Erkenntnisse, um Erlebnissplitter, aus denen sich dann allmählich als Mosaik das innere Erlebnisbild zusammensetzt. Nichts Einfältigeres als die in Salons und an Kaffeehaustischen seßhafte Vorstellung, man werfe in den Psychoanalytiker wie in einen Automaten seine Träume und Geständnisse ein, kurble ihn mit ein paar Fragen an, und sofort käme die Diagnose heraus. In Wahrheit ist jede psychoanalytische Behandlung ein ungeheuer komplizierter, ein durchaus unmechanischer und sogar kunstvoller Prozeß, vergleichbar am ehesten der stilgerechten Restauration eines alten verschmutzten, von plumper Hand übermalten Gemäldes, das in bewundernswerter Geduldarbeit millimeterhaft innerhalb einer verletzlichen und kostbaren Materie Schicht um Schicht erneuert und wieder verlebendigt werden muß, ehe nach Ablösung des Übertünchten das ursprüngliche Bild endlich in seinen natürlichen Farben zutage tritt. Obwohl unablässig mit Einzelheiten beschäftigt, zielt die aufbauende Arbeit der Psychoanalyse immer nur auf das Ganze, auf die Erneuerung der Gesamtpersönlichkeit: darum kann in einer wahrhaftigen Analyse niemals bloß ein einzelner Komplex einzeln herausgegriffen werden, jedesmal muß vom Fundament aus das ganze seelische Leben eines Menschen wieder aufgebaut werden. Geduld ist also die erste Eigenschaft, welche diese Methode erfordert, eine tätige Geduld bei ständiger und gleichzeitig doch nicht demonstrativ gespannter Aufmerksamkeit des Geistes, denn, ohne es sich merken zu lassen, muß der Arzt sein unvoreingenommenes Zuhören neutral verteilen auf das, was der Patient erzählt und was er nicht erzählt, und überdies wach auf die Nuancen blicken, mit denen er erzählt. Er muß den jedesmaligen Bericht jeder Sprechstunde mit allen früheren konfrontieren, um zu merken, welche Episoden sein Gegenüber auffällig oft wiederholt, an welchen Punkten seine Erzählung sich widerspricht, und darf bei dieser Wachsamkeit nie das Absichtsvolle seiner Neugierde verraten. Denn sobald der Patient spürt, daß man ihm auflauert, verliert er seine Unbefangenheit, – gerade jene Unbefangenheit, die allein zu dem kurzen phosphoreszierenden Aufleuchten des Unbewußten führt, in dem der Arzt die Konturen dieser fremden Seelenlandschaft erkennt. Aber auch diese seine eigene Deutung darf er dann seinem Patienten nicht aufdrängen, denn gerade das ist ja der Sinn der Psychoanalyse, daß die Selbsterkenntnis im Kranken von innen wachse, daß das Erlebnis sich auslebe. Der ideale Fall der Heilung tritt erst ein, wenn der Patient sein neurotisches Demonstrieren endlich selbst als überflüssig erkennt und seine Gefühlsenergieen nicht mehr an Wahn und Träume verschwendet, sondern in Leben und Leistung erlöst. Dann erst entläßt die Analyse den Kranken.

Wie oft aber – gefährliche Frage! – gelingt der Psychoanalyse solche vollkommene medizinische Lösung? Ich fürchte, nicht allzu häufig. Denn ihre Frage- und Lauschekunst benötigt eine ungemeine Feinhörigkeit des Herzens, eine hohe Hellsichtigkeit des Gefühls, eine so besondere Legierung kostbarster geistiger Substanzen, daß nur ein wahrhaft Prädestinierter, ein wirklich zum Psychologen Berufener hier als Heilhelfer zu wirken vermag. Die Christian Science, die Coué-Methode dürfen es sich erlauben, bloße Mechaniker ihres Systems heranzubilden. Dort genügt es, ein paar allgültige Formeln zu lernen: »Es gibt keine Krankheit«, »Ich fühle mich besser mit jedem Tag«; mit diesen grob gehämmerten Begriffen dreschen ohne sonderliche Gefahr selbst harte Hände so lange auf schwache Seelen los, bis der Krankheitspessimismus total zertrümmert ist. Bei der psychoanalytischen Behandlung aber steht der wahrhaft verantwortliche Arzt vor der Pflicht, in jedem individuellen Fall sich sein System selbständig zu erfinden, und derartige schöpferische Anpassungsfähigkeit läßt sich nicht mit Fleiß und Verstand erlernen. Sie erfordert einen geborenen und geübten Seelenerkenner, von Natur aus befähigt, sich einzudenken, sich einzufühlen in fremdeste Schicksale, gepaart mit menschlichem Takt und stillbeobachtender Geduld; darüber hinaus müßte aber von einem wirklich schöpferischen Psychoanalytiker noch ein gewisses magisches Element ausgehen, ein Strom von Sympathie und Sicherheit, dem sich jede fremde Seele willig und leidenschaftlich dienstwillig anvertraut, – unerlernbare Qualitäten dies alles und nur im Falle der Gnade in einem einzigen Menschen versammelt. In der Seltenheit solcher wirklicher Seelenmeister will mir die Beschränkung liegen, warum Psychoanalyse immer nur Berufung von einzelnen und niemals – wie es leider heute zu oft geschieht – Beruf und Geschäft werden kann. Aber hier denkt Freud merkwürdig nachsichtig, und wenn er sagt, die erfolgreiche Handhabung seiner Deutekunst erfordere zwar Takt und Übung, sei aber »unschwer zu erlernen«, so möge da am Rande ein dickes und beinahe grimmiges Fragezeichen gestattet sein. Denn schon der Ausdruck »Handhabung« scheint mir unglücklich für einen die geistigsten, ja sogar inspirativen Kräfte seelischen Wissens erfordernden Prozeß und der Hinweis auf allgemeine Erlernbarkeit sogar gefährlich. Denn so wenig die Kenntnis der Verstechnik einen Dichter, so wenig schafft das emsigste Studium der Psychotechnik einen wirklichen Psychologen, und keinem andern als ihm allein, dem geborenen, einfühlungsfähigen Seelendurchschauer, dürfte jemals Eingriff in dieses feinste, subtilste und empfindlichste aller Organe gestattet sein. Nur mit Grauen kann man sich vorstellen, wie gefährlich ein inquisitorisches Verfahren, das ein schöpferischer Geist wie Freud in höchster Feinheit und Verantwortung ausdachte, in plumpen Händen werden könnte. Nichts hat wahrscheinlich dem Ruf der Psychoanalyse so sehr geschadet wie der Umstand, daß sie sich nicht auf einen engen, aristokratisch ausgewählten Seelenkreis beschränkte, sondern das Unerlernbare in Schulen lehrte. Denn in dem raschen und unbedenklichen Von-Hand-zu-Hand-Gehen sind manche ihrer Begriffe vergröbert und nicht eben sauberer geworden; was sich heute in der Alten und mehr noch in der Neuen Welt als psychoanalytische Behandlung fachmännisch oder dilettantisch ausgibt, hat oft nur traurig parodistische Ähnlichkeit mit der ursprünglichen, auf Geduld und Genie eingestellten Praxis Sigmund Freuds. Gerade wer unabhängig urteilen will, muß feststellen, daß nur infolge jener Schulanalysen heute jede ehrliche Übersicht fehlt, was die Psychoanalyse eigentlich heilmäßig leistet, und ob sie jemals zufolge des Einbruchs zweifelhafter Laien die absolute Gültigkeit einer klinisch exakten Methode wird behaupten können; hier gehört die Entscheidung nicht uns, sondern der Zukunft.

Freuds psychoanalytische Technik, nur das ist gewiß, bedeutet lange noch nicht das letzte und entscheidende Wort innerhalb der seelischen Heilkunde. Aber dies bleibt ihr Ruhm für alle Zeiten, das erste Blatt dieses allzulange versiegelten Buches gewesen zu sein, der erste methodologische Versuch, das Individuum aus seinem eigenen Persönlichkeitsmaterial heraus zu erfassen und zu heilen. Mit genialem Instinkt hat ein einzelner Mann das Vakuum inmitten der zeitgenössischen Heilkunde erkannt, die unfaßbare Tatsache, daß längst das geringste Organ des Menschen verantwortliche Pflege gefunden hatte – Zahnpflege, Hautpflege, Haarpflege –, während die Not der Seele noch keine Zuflucht in der Wissenschaft hatte. Bis zum Erwachsensein halfen die Pädagogen dem unfertigen Menschen, dann ließen sie ihn gleichgültig mit sich allein. Und vollkommen wurden jene vergessen, die auf der Schule mit sich noch nicht fertig geworden waren, die ihr Pensum noch nicht bewältigt hatten und ratlos ihre unausgetragenen Konflikte mit sich schleppten. Für diese In-sich-selbst-Zurückgebliebenen, für die Neurotiker, die Psychotiker, für die in ihrer Triebwelt Verhafteten hatte eine ganze Generation keinen Raum, keine Beratungsstelle; die kranke Seele irrte hilflos auf den Gassen und suchte vergeblich nach Rat. Diese Instanz hat Freud geschaffen. Er hat die Stelle, wo in antikischen Tagen der Psychagoge, der Seelenhelfer und Weisheitslehrer und in den Zeiten der Frömmigkeit machtvoll der Priester stand, einer neuen und neuzeitlichen Wissenschaft zugewiesen, die ihre Grenzen sich selbst erst erobern muß. Aber die Aufgabe ist großartig gestellt, die Türe aufgetan. Und wo immer der menschliche Geist Weite spürt und unerkundete Tiefen, da ruht er nicht mehr, sondern spannt sich empor und entfaltet seine unermüdbaren Schwingen.

Die Welt des Sexus

Auch das Unnatürliche ist Natur. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgend recht.

Goethe

Daß Sigmund Freud der Begründer einer heute gar nicht mehr entbehrlichen Sexualwissenschaft wurde, ist eigentlich ohne seine eigene Absicht geschehen. Aber es scheint zur geheimen Gesetzmäßigkeit seines Lebensganges zu gehören, daß ihn jedesmal der Weg über das ursprünglich Gesuchte hinausführt und Gebiete eröffnet, die er aus freiem Antrieb nie zu betreten gewagt hätte. Der Dreißigjährige würde wahrscheinlich noch ungläubig gelächelt haben, hätte ihm jemand geweissagt, es wäre ihm, dem Neurologen, vorbehalten, die Traumdeutung und die biologische Schichtung des Geschlechtslebens zum Gegenstand einer Wissenschaft zu erheben, denn nichts deutet in seinen privaten wie in seinen akademischen Neigungen von vornherein das geringste Interesse für so abwegige Betrachtungskreise an. Daß Freud zum sexuellen Problem gelangte, geschah nicht, weil er es suchte; sondern es kommt ihm auf der Gedankenlinie seiner Untersuchungen von selbst entgegen.

Es kommt ihm entgegen, zu seiner eigenen Überraschung, völlig ungerufen und völlig unerwartet, aus jener Tiefe, die er mit Breuer erschlossen hatte. Gemeinsam hatten sie, ausgehend von der Hysterie, die aufdeckende Formel gefunden, daß Neurosen und die meisten Seelenverstörungen entstehen, wenn ein Trieb an seiner ursprünglichen Entladungsform verhindert und unerfüllt ins Unterbewußtsein zurückgedrängt wird. Welcher Gattung aber gehören die Begehrungen an, die der Kulturmensch hauptsächlich zurückdrängt, die er, als seine intimsten und sich selbst peinlichsten, vor der Welt und sogar vor sich selbst versteckt? Es dauert nicht lange, bis sich Freud unüberhörbare Antwort gibt. Die erste psychoanalytische Behandlung einer Neurose zeigt unterdrückte erotische Affekte. Die zweite gleichfalls, die dritte ebenso. Und bald weiß Freud: immer oder fast immer verschuldet die Neurose ein Sexualtrieb, der sein eigenes Lustobjekt nicht erreichen kann und nun, in Hemmungen und Stauungen verwandelt, auf das seelische Leben drückt. Das erste Gefühl Freuds bei diesem ungewollten Fund mag Erstaunen gewesen sein, daß eine derart offenliegende Tatsache allen seinen Vorgängern entgangen war. Ist denn wirklich niemandem diese geradlinige Ursächlichkeit aufgefallen? Nein, sie steht in keinem Lehrbuch. Aber dann erinnert sich Freud plötzlich gewisser Andeutungen und Gespräche seiner berühmten Lehrer. Als Chrobak ihm eine Hysterikerin zur Nervenbehandlung überwies, hatte er ihn gleichzeitig diskret informiert, diese Frau sei, weil mit einem impotenten Manne verheiratet, trotz achtzehnjähriger Ehe Jungfrau geblieben, und grob spaßend fügt er seine persönliche Meinung bei, mit welchem sehr physiologischen und gottgewollten Eingriff diese Neurotikerin eigentlich am besten zu kurieren wäre. Ebenso hatte sein Lehrer Charcot in Paris bei ähnlichem Anlaß die Ursächlichkeit einer Nervenverstörung gesprächsweise bestimmt: »Mais c’est toujours la chose sexuelle, toujours!« Freud erstaunt. Sie hatten es also gewußt, seine Lehrer und wahrscheinlich unzählige ärztliche Kapazitäten vor ihnen! Aber – so fragt seine naive Redlichkeit – wenn sie es wußten, warum haben sie es geheim gehalten und nur gesprächsweise und nie öffentlich mitgeteilt?

Bald wird der junge Arzt energisch belehrt werden, warum jene erfahrenen Männer ihr Wissen vor der Welt zurückhielten. Denn kaum teilt Freud ruhig und sachlich sein Resultat in der Formel mit: »Neurosen entstehen, wo durch äußere oder innere Hindernisse die Befriedigung der erotischen Bedürfnisse in der Realität versagt ist«, so bricht von rechts und links erbitterter Widerstand gegen ihn los. Die Wissenschaft, damals noch unentwegte Fahnenträgerin der Moral, weigert sich, diese sexuelle Ätiologie öffentlich anzuerkennen; sogar sein Freund Breuer, der ihm doch selber die Hand lenkte, um das Geheimnis aufzuschließen, zieht sich eilig von der Psychoanalyse zurück, sobald er entdeckt, welche Büchse der Pandora er hier öffnen geholfen. Es dauert nicht lange, und Freud muß gewahr werden, daß man mit dieser Art Feststellungen Anno 1900 an einen Punkt rührt, wo die Seele genau wie der Körper am empfindlichsten und kitzlichsten ist, und daß die Eitelkeit des Zivilisationszeitalters lieber jede geistige Herabsetzung erträgt, als daran erinnert zu werden, daß noch immer die geschlechtliche Triebkraft in jedem einzelnen formbestimmend weiterwaltet und an den höchsten kulturellen Schöpfungen entscheidend beteiligt ist. »Die Gesellschaft glaubt an keine stärkere Bedrohung ihrer Kultur, als ihr durch die Befreiung der Sexualtriebe und deren Wiederkehr zu ihren ursprünglichen Zielen erwachsen würde. Die Gesellschaft liebt es also nicht, an dieses heikle Stück ihrer Begründung gemahnt zu werden. Sie hat gar kein Interesse daran, daß die Stärke der Sexualtriebe anerkannt und die Bedeutung des Sexuallebens für den einzelnen klargelegt werde. Sie hat vielmehr in erziehlicher Absicht den Weg eingeschlagen, die Aufmerksamkeit von diesem ganzen Gebiet abzulenken. Darum verträgt sie das gesamte Forschungsresultat der Psychoanalyse nicht und möchte es am liebsten als ästhetisch abstoßend, moralisch verwerflich oder als gefährlich brandmarken.«

Dieser Widerstand einer ganzen Zeitanschauung wirft sich Freud gleich beim ersten Schritt in den Weg. Und es gehört zum Ruhm seiner Redlichkeit, nicht nur, daß er den Kampf entschlossen aufgenommen hat, sondern daß er sich ihn durch seine eingeborene Unbedingtheit noch erschwerte. Denn Freud hätte alles oder beinahe alles ohne viel Ärgernis aussprechen können, was er sagte, wenn er sich nur bereit gefunden hätte, seine Genealogie des Geschlechtslebens vorsichtiger, umwegiger, verbindlicher zu formulieren. Nur ein Wortmäntelchen hätte er seinen Überzeugungen umzuhängen brauchen, sie ein wenig poetisch zu überschminken, und sie würden sich ohne arge Auffälligkeit in die Öffentlichkeit eingeschmuggelt haben. Vielleicht hätte es genügt, den wilden phallischen Trieb, dessen Wucht und Stoßkraft er in seiner Nacktheit der Welt zeigen wollte, statt Libido höflicher Eros zu nennen oder Liebe. Denn daß unsere seelische Welt vom Eros beherrscht sei, das hätte allenfalls platonisch geklungen. Aber Freud, der Unhold und allen Halbheiten abholde, nimmt harte, kantige, unverkennbare Wörter, er drückt sich an keiner Deutlichkeit vorbei: geradezu sagt er Libido, Lusttrieb, Sexualität, Geschlechtstrieb, statt Eros und Liebe. Freud ist immer zu ehrlich, um vorsichtig zu umschreiben, wenn er schreibt. »Il appelle un chat un chat«, er nennt alle geschlechtlichen und abwegigen Dinge bei ihren deutschen natürlichen Namen mit derselben Unbefangenheit wie ein Geograph seine Berge und Städte, ein Botaniker seine Pflanzen und Kräuter. Mit klinischer Kaltblütigkeit untersucht er alle – auch die als Laster und Perversitäten gebrandmarkten – Äußerungen des Geschlechtlichen, gleichgültig gegen die Entrüstungsausbrüche der Moralischen und die Schreckensschreie der Schamhaften; gewissermaßen mit verstopften Ohren dringt er geduldig und gelassen in das unvermutet aufgetane Problem ein und beginnt systematisch die erste seelengeologische Untersuchung der menschlichen Triebwelt.

Denn im Triebe erblickt Freud, der bewußt diesseitige und zutiefst antireligiöse Denker, die unterste, feurig flüssige Schicht unseres innern Erdreichs. Nicht die Ewigkeit will der Mensch, nicht ein Leben im Geiste begehrt nach seiner Auffassung die Seele vorerst: sie begehrt nur triebhaft blind. Universelles Begehren ist alles psychischen Lebens erster Atemzug. Wie der Körper nach Nahrung, so lechzt die Seele nach Lust; Libido, dieser urhafte Lustwille, dieser unstillbare Hunger der Seele, treibt sie der Welt entgegen. Aber – und hierin besteht Freuds eigentlicher Urfund für die Sexualwissenschaft – diese Libido hat zunächst keinen bestimmten Inhalt, ihr Sinn ist nur, Trieb aus sich heraus und über sich hinaus zu treiben. Und da nach Freuds schöpferischer Feststellung seelische Energieen immer verschiebbar sind, kann sie ihre Stoßkraft bald diesem, bald jenem Gegenstand zuwenden. Nicht immer also muß Lust sich im Widerspiel von Mann zum Weib und Weib zum Mann ereignen, sie drängt nur blind zur Entladung, sie ist die Spannung des Bogens, der noch nicht weiß, wohin er zielt, die stürzende Kraft des Stromes, der noch nicht die Mündung kennt, in die er sich ergießt. Sie treibt nur ihrer Entspannung entgegen, ohne zu ahnen welcher. Sie kann sich in reinen, normalen Geschlechtsakten auslösen und erlösen und ebenso zu sublimierten Leistungen in künstlerischer und religiöser Tätigkeit vergeistigen. Sie kann sich fehlbesetzen und abwegig werden, jenseits des Genitalischen die unerwartetsten Objekte mit ihrer Begierde »besetzend« und durch zahllose Zwischenschaltungen den ursprünglich geschlechtlichen Antrieb ganz von der körperlichen Sphäre wegleiten. Von der tierischen Brunst bis zu den feinsten Schwingungen des menschlichen Geistes vermag sie sich in alle Formen zu verwandeln, selbst formlos und unfaßlich und doch überall mit im Spiel. Immer aber, in allen niedern Verrichtungen und höchsten Dichtungen erlöst sie den einen und ursprünglichen Willen des Menschen nach Lust.

Mit dieser fundamentalen Umwertung Freuds ist die Einstellung zum Geschlechtsproblem mit einem Schlage völlig geändert. Da bisher die Psychologie, in Unkenntnis der Umwandlungsfähigkeit aller seelischen Energieen, das Geschlechtliche grob gleichbedeutend setzte mit den Funktionen der Geschlechtsorgane, galt Sexualität der Wissenschaft als Erörterung von Unterleibsfunktionen und darum als peinlich und unreinlich. Indem Freud den Begriff der Sexualität von der physiologischen Geschlechtsbetätigung ablöst, erlöst er ihn zugleich von seiner Enge und von der Diffamierung als »niedere« seelisch-körperliche Leistung; das vorahnende Wort Nietzsches »Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in die letzten Gipfel seines Geistes hinauf« wird durch ihn als biologische Wahrheit enthüllt. In unzähligen Einzelfällen beweist er, wie diese stärkste Spannungskraft des Menschen in geheimnisvoller Fernleitung über Jahre und Jahrzehnte hinweg sich in ganz unvermuteten Äußerungen seines seelischen Lebens entlädt, wie durch unzählige Verwandlungen und Verstellungen, in den merkwürdigsten Ersatzhandlungen und Wunschformen die besondere Gebarung der Libido immer wieder durchschlägt. Wo also eine auffällige Sonderheit des Seelischen, eine Depression, eine Neurose, eine Zwangshandlung vorliegt, darf darum der Arzt in den meisten Fällen getrost auf eine Sonderheit oder Absonderlichkeit im Sexualschicksal schließen; dann liegt ihm, gemäß der Methode der Tiefenpsychologie, die Pflicht ob, den Kranken in seinem innern Leben bis an jenen Punkt zurückzuführen, wo durch ein Erlebnis jene Abweichung vom geraden normalen Triebgang erfolgt ist. Diese neue Art der Diagnostik bringt nun Freud abermals zu einer unvermuteten Entdeckung. Schon die ersten Psychoanalysen hatten ihm dargetan, daß jene verstörenden und sexuellen Erlebnisse des Neurotikers weit zurückliegen, und nichts war natürlicher, als sie in der Frühzeit des Individuums, der wahrhaft seelenplastischen Zeit zu suchen, denn einzig, was sich zur Wachstumszeit der Persönlichkeit in die noch weiche und darum klar aufnehmende Platte des werdenden Bewußtseins einschreibt, bleibt immer das eigentlich Unauslöschbare und Schicksalbestimmende für jeden Menschen: »Niemand meine, die ersten Eindrücke seiner Jugend verwinden zu können« (Goethe). Immer tastet sich also in jedem Krankheitsfalle Freud bis zur Pubertät zurück – eine frühere Zeit als diese scheint ihm zunächst nicht in Frage zu kommen: denn wie sollten geschlechtliche Eindrücke entstehen können vor der Geschlechtsfähigkeit? Völlig widersinnig scheint ihm damals selbst noch der Gedanke, sexuelles Triebleben über jene Grenzzone bis in die Kindheit hinein zu verfolgen, die, selig unbewußt, noch nichts von den Spannungen der drängenden, nach außen drängenden Säfte ahnt. Freuds erste Untersuchungen halten also bei der Mannbarkeit inne.

Aber bald kann sich Freud, angesichts mancher merkwürdiger Geständnisse, der Erkenntnis nicht mehr entziehen, daß bei mehreren seiner Kranken durch die Psychoanalyse Erinnerungen an viel frühzeitigere, gleichsam prähistorische Sexualerlebnisse mit unanfechtbarer Deutlichkeit zutage treten. Sehr klare Bekenntnisse seiner Patienten führten ihn dem Verdacht entgegen, auch die Epoche vor der Mannbarkeit, also die Kindheit, müsse bereits Geschlechtstrieb oder gewisse Vorstellungen davon enthalten. Immer dringlicher wird in der vorgetriebenen Untersuchung der Verdacht; Freud erinnert sich, was Kinderfrau und Schullehrer von solchen Frühmanifestationen geschlechtlicher Neugier zu berichten wissen, und mit einemmal klärt ihm seine eigene Entdeckung vom Unterschied bewußten und unbewußten seelischen Lebens lichthaft die Situation. Freud erkennt, daß nicht etwa erst im Zeitalter der Pubertät – denn woher könnte es kommen? – das Geschlechtsbewußtsein plötzlich in den Körper hineinfiltriert wird, sondern daß – wie die Sprache, tausendmal psychologischer als alle Schulpsychologen, es längst prachtvoll plastisch ausgedrückt hatte – der Geschlechtstrieb im halbreifen Menschen nur »erwacht«, daß er also schlafend (das will sagen: latent) längst schon im Kindeskörper vorhanden gewesen sein muß. Wie das Kind das Gehen in seinen Beinen hat als potentielle Kraft, ehe es zu gehen weiß, und den Sprachwillen, ehe es sprechen kann, so liegt die Sexualität – natürlich ohne eine Ahnung zielhafter Betätigung – längst in dem Kinde bereit. Das Kind weiß – entscheidende Formel! – um seine Sexualität. Es versteht sie nur nicht.

Hier vermute ich bloß, statt zu wissen: aber mir ist, als müßte Freud im ersten Augenblick vor dieser seiner eigenen Entdeckung erschrocken sein. Denn sie stürzt die geläufigsten Auffassungen in einer beinahe lästerlichen Weise um. Wenn es schon verwegen war, die seelische Wichtigkeit des Geschlechtlichen im Leben des Erwachsenen zu betonen und, wie alle andern behaupten: überzubetonen – welche Herausforderung der Gesellschaftsmoral erst diese revoltierende Auffassung, im Kinde, mit dem die Menschheit ja sprichwörtlich die Vorstellung der absoluten Reinheit, der Engelhaftigkeit und Trieblosigkeit verbindet, Spuren geschlechtlichen Gefühls entdecken zu wollen! Wie, auch dieses zarte, lächelnde blütenhafte Leben sollte schon von Lust wissen oder zumindest träumen? Absurd, widersinnig, frevelhaft, sogar antilogisch scheint zuerst dieser Gedanke, denn da die Organe des Kindes der Fortpflanzung gar nicht fähig sind, so müßte sich ja die furchtbare Formel ergeben: »Wenn das Kind überhaupt ein Sexualleben hat, so kann es nur von perverser Art sein.« Ein solcher Wort in der Welt von 1900 auszusprechen, war wissenschaftlicher Selbstmord. Aber Freud spricht es aus. Wo dieser unerbittliche Forscher einmal sichern Grund fühlt, da dringt er mit seiner konsequent bohrenden, sich Zug um Zug einschraubenden Kraft unaufhaltsam bis in die unterste Tiefe hinab. Und zu seiner eigenen Überraschung entdeckt er gerade in der unbewußtesten Form des Menschen, im Säugling, die gesuchte Ur- und Allform der Trieblust am sinnvollsten ausgeprägt. Gerade weil dort an der untersten Lebensgrenze noch kein einziger Lichtschein moralischen Bewußtseins in die ungehemmte Triebwelt hinableuchtet, stellt ihm dieses winzige Lebewesen Säugling die plastische Urform der Libido dar: Lust an sich zu saugen, Unlust von sich wegzustoßen. Von überallher schlürft dieses winzige Menschentier Lust in sich ein, von seinem eigenen Körper und der Umwelt, von der Mutterbrust, von Finger und Zehe, von Holz und Stoff, von Fleisch und Kleid; hemmungslos traumtrunken begehrt es, alles, was ihm wohltut, in seinen kleinen weichen Leib hineinzuziehen. In dieser Urlustform unterscheidet das dumpfe Wesen Kind noch nicht das ihm später angelernte Mein und Dein, es spürt die Grenzen noch nicht, weder die körperlichen noch die sittlichen, die ihm später die Erziehung errichtet: ein anarchisches, panisches Wesen, das mit unstillbarer Sauglust das All in sein Ich ziehen will, führt es alles, was seinen winzigen Fingern erreichbar ist, an die ihm einzig bekannte Lustquelle, an den saugenden Mund (weshalb Freud diese Epoche die orale nennt). Unbefangen spielt es mit seinen Gliedern, ganz aufgelöst in sein lallendes und saugendes Begehren und gleichzeitig erbittert alles ablehnend, was ihm dieses traumhaft wilde Einschlürfen stört. In dem Säugling, dem »Noch-nicht-Ich«, dem dumpfen »Es«, lebt sich einzig und allein die universale Libido des Menschen noch ziellos und objektlos aus. Dort trinkt das unbewußte Ich noch gierig alle Lust von den Brüsten der Welt.

Dieses erste autoerotische Stadium dauert aber nicht lange. Bald beginnt das Kind zu erkennen, daß sein Körper Grenzen habe; ein kleines Leuchten zuckt auf in dem winzigen Gehirn, ein erstes Unterscheiden setzt ein zwischen Außen und Innen. Zum erstenmal spürt das Kind den Widerstand der Welt und muß erfahren, daß dieses Außen eine Macht ist, von der man abhängig wird. Strafe belehrt es bald schmerzhaft über ein ihm unfaßbares Gesetz, das nicht duldet, Lust aus allen Quellen unbeschränkt zu schöpfen: es wird ihm verboten, sich nackt zu zeigen, seine Exkremente anzufassen und sich an ihnen zu freuen; unbarmherzig wird es gezwungen, die amoralische Einheit des Gefühls aufzugeben und gewisse Dinge als erlaubte, andere als unerlaubte zu unterscheiden. Die Kulturforderung beginnt, dem kleinen wilden Menschen ein soziales, ein ästhetisches Gewissen einzubauen, einen Kontrollapparat, mit dessen Hilfe er seine Handlungen in gute und böse scheiden kann. Und mit dieser Erkenntnis ist der kleine Adam aus dem Paradiese der Unverantwortlichkeit vertrieben.

Gleichzeitig aber setzt von innen ein gewisser Rücklauf des Lustwillens ein: er tritt im heranwachsenden Kinde zurück gegenüber dem neuen Trieb der Selbstentdeckung. Aus dem »Es«, dem unbewußt triebhaften, formt sich ein »Ich«, und diese Entdeckung seines Ich bedeutet für das Gehirn eine so starke Anspannung und Beschäftigung, daß die ursprünglich panisch vortretende Lustbegier darüber vernachlässigt wird und in einen Zustand der Latenz tritt. Auch dieser Zustand der Selbstbeschäftigung geht dem später Erwachsenen als Erinnerung nicht vollkommen verloren, bei manchem bleibt er sogar als narzißtische Tendenz (wie Freud sich ausdrückt) bestehen, als gefährliche egozentrische Neigung, sich einzig mit sich selbst zu befassen und jede Gefühlsbindung mit der Welt abzulehnen. Der Lusttrieb, der im Säugling seine All- und Urform zeigt, wird im Heranwachsenden wieder unsichtbar, er verkapselt sich. Zwischen der autoerotischen und panerotischen Form des Säuglings und der Geschlechtserotik des Mannbaren liegt ein Winterschlaf der Leidenschaften, ein Dämmerzustand, während dessen sich die Kräfte und Säfte zu zielvoller Entladung vorbereiten.

Wenn dann in dieser zweiten, wieder sexuell betonten Epoche, jener der Pubertät, der schlummernde Trieb allmählich aufwacht, wenn die Libido sich wieder weltwärts wendet, wenn sie wieder eine »Besetzung« sucht, ein Objekt, auf das sie ihre Gefühlspannung übertragen kann – in diesem entscheidenden Augenblick lenkt der biologische Wille der Natur mit entschlossenem Fingerzeig den Neuling in die natürliche Richtung der Fortpflanzung. Unverkennbare Veränderungen am Körper in der Pubertätszeit weisen den jungen Mann, das reifende Mädchen darauf hin, daß die Natur mit ihnen etwas vor habe. Und diese Merkzeichen deuten klar auf die Genitalzone. Sie zeigen damit den Weg, von dem die Natur will, daß der Mensch ihn gehe, um ihrer geheimen und verewigenden Absicht zu dienen: der Fortpflanzung. Nicht mehr spielhaft wie einstmals im Säugling soll die Libido gleichsam sich selber genießen, sondern sich zweckdienlich dem unfaßbaren Weltplan unterordnen, der sich im zeugenden und gezeugten Menschen immer neu erfüllt. Versteht und gehorcht das Individuum diesem gebietenden Fingerzeig der Natur, bindet sich der Mann im schöpferischen Akt des Geschlechts an die Frau, die Frau an den Mann, hat er alle andersartigen Lustmöglichkeiten seiner einstigen panischen All-Lust vergessen, so ist die geschlechtliche Entwicklung dieses Menschenwesens richtig und regelhaft vor sich gegangen, und sein individueller Trieb wirkt sich in der normalen, natürlichen Zielrichtung aus.

Dieser »zweizeitige Rhythmus« bestimmt die Entwicklung des ganzen menschlichen Geschlechtslebens, und für Millionen und aber Millionen ordnet sich derart der Lusttrieb spannungslos diesem gesetzmäßigen Ablauf ein: All-Lust und Selbstlust im Kinde, Zeugungsdrang im Erwachsenen. Völlig selbstverständlich dient der Normale der Absicht der Natur, die ihn ausschließlich zu ihrem metaphysischen Endzweck der Fortpflanzung verwerten will. Aber in einzelnen, verhältnismäßig seltenen Fällen, gerade in jenen aber, die den Seelenarzt beschäftigen, wird eine verhängnisvolle Störung dieses geraden und gesunden Ablaufs erkennbar. Eine Anzahl von Menschen kann sich, aus einem jedesmal nur individuell aufzudeckenden Grunde, nicht entschließen, ihren Lusttrieb in die von der Natur anempfohlene Form restlos überzuleiten; bei ihnen sucht sich die Libido, die geschlechtliche Energie immer eine bestimmte andere Zielrichtung als die normale zu ihrer lustvollen Auslösung. Bei diesen Anomalen und Neurotikern hat sich durch eine Fehlstellung innerhalb der Erlebnisstrecke die sexuelle Neigung auf ein falsches Geleise verschoben und kommt von dieser Einstellung nicht mehr los. Perverse, andersartig Eingestellte sind also nach Freuds Auffassung nicht erblich Belastete oder Kranke oder gar seelische Verbrecher, sondern meist Menschen, die sich an irgendeine andere Form des Lustgewinns aus ihrer vorgenitalischen Epoche verhängnisvoll treu erinnern, an ein Lusterlebnis ihrer Entwicklungszeit und nun aus tragischem Wiederholungszwang immer und einzig Lust in dieser einen Richtung suchen. So stehen, unglückliche Gestalten, Menschen als Erwachsene mit eigentlich infantilen Begehrungsformen mitten im Leben und finden infolge jenes Erinnerungszwanges keine Lust an der ihrem Alter normalen und von der Gesellschaft als selbstverständlich eingesetzten Geschlechtsbetätigung; immer wollen sie wieder jenes (meist ihnen längst unbewußt gewordene) Erlebnis lustvoll wiederleben und suchen dieser Erinnerung Ersatz in der Realität. Den Schulfall einer solchen Pervertierung durch ein einziges Kindheitserlebnis hatte in der Literatur Jean Jacques Rousseau in seiner mitleidslosen Selbstdarstellung längst klassisch gezeichnet. Seine strenge und heimlich geliebte Lehrerin hatte ihn als Kind grimmig und oft mit der Rute gezüchtigt, aber zu seinem eigenen Erstaunen hatte der Knabe bei diesem Züchtigungsschmerz durch seine Erzieherin deutlich Lust empfunden. In dem (von Freud so großartig festgestellten) Latenzzustand vergißt er vollkommen diese Episode, aber sein Körper, seine Seele, sein Unbewußtes vergißt dieses Erlebnis nicht. Und wie dann der Herangereifte mit Frauen in normalem Verkehr Befriedigung sucht, gelangt er niemals zu einer körperlichen Erfüllung. Damit er einer Frau sich vereinen könne, muß sie zuvor jenen historischen Züchtigungsvorgang mit einer Rute erneuern, und so bezahlt Jean Jacques Rousseau die verhängnisvolle und abwegige Früherweckung seines Sexualempfindens zeitlebens mit einem unheilbaren Masochismus, der ihn trotz seines innern Protestes immer wieder auf jene ihm einzige Lustform verweist. Perverse (unter diesem Begriff faßt Freud alle jene zusammen, die Lustbefriedigung auf anderm Wege als dem der Fortpflanzung dienenden suchen) sind also weder kranke noch anarchisch eigenwillige Naturen, die in bewußt frechem Aufruhr die allgemeinen Satzungen überschreiten, sondern Gefangene gegen ihren Willen, festgekettet an ein Erlebnis ihrer Frühzeit, in einem Infantilismus Zurückgebliebene, die überdies das gewaltsame Niederkämpfenwollen ihres abseitigen Triebwillens noch zu Neurotikern und Psychotikern macht. Eine Loslösung von dieser Zwangseinstellung kann darum nie der Justiz gelingen, die mit ihrer Drohung den Abwegigen noch tiefer in seine innere Verstrickung treibt, und ebensowenig der Moral, die an die »Vernunft« appelliert, sondern einzig dem Seelenarzt, der durch teilnehmende Freilegung das ursprüngliche Erlebnis dem Kranken verständlich macht. Denn nur durch Selbsterkenntnis des innern Konflikts – dies ist Freuds Axiom in der Seelenlehre – kann dessen Erledigung gelingen: um sich zu heilen, muß man vorerst den Sinn seiner Krankheit wissen.

Jede seelische Verstörung beruht also nach Freud auf einem – meist erotisch bedingten – Persönlichkeitserlebnis, und selbst, was wir Veranlagung und Vererbung nennen, stellt nichts anderes dar als in die Nerven eingekerbte Erlebnisse vorangegangener Geschlechter; Erlebnis ist darum für die Psychoanalyse das Formentscheidende jeder Seelengestaltung, und darum sucht sie jeden einzelnen Menschen immer nur individuell aus seiner erlebten Vergangenheit zu verstehen. Für Freud gibt es keine andere als Individualpsychologie und Individualpathologie: alles innerhalb des seelischen Lebensraumes darf nie von einer Regel, von einem Schema her betrachtet, sondern jedesmal müssen die Ursächlichkeiten in ihrer Einmaligkeit aufgedeckt werden. Das schließt natürlich nicht aus, daß die meisten sexuellen Früherlebnisse von einzelnen, obwohl sie selbstverständlich persönlich gefärbt sind, untereinander doch gewisse typische Ähnlichkeitsformen aufweisen; so wie im Traum immer wieder Unzählige die genaue gleiche Gattungsform von Träumen erleben, etwa den Flugtraum, den Prüfungstraum, den Verfolgungstraum, so glaubt Freud im frühen Sexualerleben gewisse typische Gefühlseinstellungen als beinahe zwanghaft erkennen zu müssen, und um die Aufdeckung und Anerkennung dieser Typenformen, dieser »Komplexe«, hat er sich mit besonderer Leidenschaft bemüht. Der berühmteste unter ihnen – auch der berüchtigtste – ist der sogenannte Ödipuskomplex geworden, den Freud sogar als einen der Grundpfeiler seines psychoanalytischen Lehrgebäudes bezeichnet (während er mir nicht mehr als einer jener Stützpfeiler erscheint, der nach vollendetem Bau ohne Gefahr entfernt werden kann). Er hat inzwischen so verhängnisvolle Popularität erlangt, daß es kaum not tut, ihn ausführlich zu erläutern: Freud nimmt an, daß jene verhängnisvolle Gefühlseinstellung, die sich in der griechischen Sage an Ödipus tragisch verwirklicht, nämlich daß der Sohn den Vater tötet und die Mutter besitzt, daß diese für unser Gefühl barbarisch anmutende Situation noch heute in jeder Kinderseele wunschhaft vorhanden ist, weil – dies Freuds meist umstrittene Annahme! – die erste erotische Gefühlseinstellung des Kindes immer auf die Mutter, seine erste aggressive Tendenz gegen den Vater zielt. Dieses Kräfteparallelogramm von Mutterliebe und Vaterhaß glaubt Freud als natürliche und unausweichliche erste Gruppierung in jedem kindlichen Seelenleben nachweisen zu können, und ihm zur Seite stellt er eine Reihe anderer unterweltlicher Gefühle wie die Kastrationsangst, den Inzestwunsch – Gefühle, die gleichfalls in den Urmythen der Menschheit bildnerische Gestaltung erfahren haben (denn Mythen und Legenden der Völker sind nach Freuds kulturbiologischer Auffassung nichts anderes als »abreagierte« Wunschträume ihrer Frühzeit). Alles also, was die Menschheit längst als unkulturell von sich zurückgestoßen hat, Mordlust und Inzest und Vergewaltigung, alle diese finstern Verirrungen ihres Hordenlebens, all das zuckt noch einmal wunschhaft in der Kindheit, dieser seelischen Urstufe des Menschen, wieder auf: jedes einzelne Individuum muß in seiner ethischen Entwicklung die ganze Kulturgeschichte der Menschheit symbolisch wiederholen. Unsichtbar, weil unbewußt, tragen wir alle in unserem Blute versenkt noch alte barbarische Instinkte in uns weiter, und keine Kultur schützt den Menschen völlig vor einem unvermuteten Aufleuchten solcher ihm selbst fremder Instinkte und Gelüste: geheimnisvoll führen in unserm Unbewußten immer wieder Strömungen zurück in jene Urzeiten vor aller Satzung und Sitte. Und mögen wir alle Kraft einsetzen, diese Triebwelt von unserm wachen Tun fernzuhalten – wir können sie bestenfalls nur im geistigen und sittlichen Sinne fruchtbar machen, niemals aber uns völlig von ihr ablösen.

Um dieser angeblich »zivilisationsfeindlichen« Anschauung willen, die in gewissem Sinne das tausendjährige Bemühen der Menschheit um eine völlige Triebbeherrschung als vergeblich betrachtet und die Unbesiegbarkeit der Libido unablässig betont, haben Freuds Gegner seine ganze Geschlechtslehre Pansexualismus genannt. Er überschätze, so beschuldigen sie ihn, den Geschlechtstrieb als Psychologe dadurch, daß er ihm einen so überwiegenden Einfluß auf unser seelisches Leben zuerkenne, und er übertreibe als Arzt, indem er versuche, jede psychische Verstörung einzig auf diesen Punkt zurückzuführen und von ihm aus zu heilen. In diesem Einwand ist nach meinem Empfinden Wahres mit Unwahrhaftigem undeutlich gemischt. Denn tatsächlich hat Freud zwar niemals das Lustprinzip als die einzige weltbewegende Seelenkraft monistisch bezeichnet. Er weiß wohl, daß alle Spannung und Bewegung – und was ist Leben anderes als dies? – einzig dem Polemos, dem Widerstreit, entstammt. Darum hat er von allem Anfang an der Libido, dem zentrifugalen, dem über das Ich hinausbegehrenden, dem Bindung suchenden Trieb, einen andern Trieb theoretisch entgegengestellt, den er zuerst Ichtrieb, dann Aggressionstrieb und schließlich Todestrieb nennt – jenen Trieb, der statt zur Zeugung zur Vernichtung, statt zum Schöpferischen zur Zerstörung, statt ins All ins Nichts drängt. Nur – und bloß in diesem Sinne haben seine Gegner nicht völlig unrecht – ist es Freud nicht gelungen, diesen Gegentrieb mit so beweisender und bildnerischer Kraft darzustellen wie den Sexualtrieb: das Reich der sogenannten »Ichtriebe« ist in seinem weltphilosophischen Bilde ziemlich schattenhaft geblieben, denn wo Freud nicht ganz deutlich sieht, überall also im rein spekulativen Raum, fehlt ihm das Herrlich-Plastische seiner abgrenzenden Darstellungsfähigkeit. So mag tatsächlich eine gewisse Überwertung des Sexuellen in seinem Werke und seiner Therapie vorwalten, aber dieses starke Betonen war historisch bedingt durch die von den andern jahrzehntelang systematisch geübte Verschweigung und Unterwertung des Geschlechtlichen. Ein Übertreiben tat not, um die Zeit für den Gedanken zu erobern; und indem Freud den Damm des Verschweigens mit Gewalt durchbrach, hat er die Diskussion überhaupt erst in Fluß gebracht. In Wirklichkeit hat diese vielbeschrieene Überbetonung des Geschlechtlichen niemals eine wirkliche Gefahr bedeutet, und was an Übertreibungen den ersten Versuchen innewohnte, ist längst überwunden durch den ewigen Regulator aller Werte: die Zeit. Heute, fünfundzwanzig Jahre seit Beginn der Darlegungen Freuds, kann auch der Ängstlichste darüber beruhigt sein, daß durch unser neues, ehrliches, besseres und wissenschaftlicheres Wissen um das Problem der Sexualität die Welt durchaus nicht sexueller, geschlechtswütiger und amoralischer geworden ist, sondern daß im Gegenteil die Freudische Lehre nur ein seelisches Gut zurückerobert hat, das die vorhergegangene Generation mit ihrer Prüderie vertan: die Unbefangenheit des Geistes vor allem Körperlichen. Ein ganzes neues Geschlecht hat gelernt – und schon wird es in den Schulen gelehrt –, den innern Entscheidungen nicht mehr auszubiegen, nicht die wichtigsten, die persönlichsten Probleme zu verstecken, sondern gerade das Gefährliche und Geheimnisvolle der innern Krisen sich selbst mit möglichster Klarheit bewußt zu machen. In allem Wissen um sich aber ist schon Freiheit gegen sich selbst, und zweifellos wird diese neue freiere Geschlechtsmoral sich für die kommende Kameradschaft der Geschlechter sittlich schöpferischer bewähren als die alte Verschweigemoral, deren endgültige Erledigung beschleunigt und bereinigt zu haben zu den unleugbaren Verdiensten dieses einen kühnen und freien Mannes gehört. Immer dankt ein ganzes Geschlecht seine äußere Freiheit der inneren Freiheit eines einzelnen Menschen, immer beginnt jede neue Wissenschaft mit einem Ersten, der allen andern das Problem erst bewußt gemacht.

Abendlicher Blick ins Weite

Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren.

Goethe

Herbst ist die gesegnete Zeit der Überschau. Da sind die Früchte geerntet, das Tagwerk getan: rein und klar lichtet in die Landschaft des Lebens der Himmel und alle Ferne herein. Wenn nun Freud, siebzigjährig, zum erstenmal prüfend zurückblickt auf die gestaltete Tat, kann er sich wohl selbst eines Staunens nicht erwehren, wie weit ihn der schaffende Weg geführt. Ein junger Nervenarzt geht einem neurologischen Problem nach, der Deutung der Hysterie. Rascher, als er vermutet, führt es ihn hinab in seine Tiefe. Aber dort auf dem Grunde des Brunnenschachtes blinkt schon ein neues Problem: das Unbewußte. Er hebt es empor und siehe: es erweist sich als magischer Zauberspiegel. Auf welchen geistigen Gegenstand immer sein Licht fällt, er ist erleuchtet in einem neuen Sinn. Und so, mit einer deutenden Kraft ohnegleichen bewehrt, von innerer Sendung geheimnisvoll geführt, gelangt Freud von einer Erkenntnis zur andern, von jeder geistigen Schau zu immer höheren und weiteren empor – una parte nasce dall‘ altra successivamente, nach Leonardos Wort –, und jeder dieser spiralisch erhobenen Kreise fügt sich ungezwungen zusammen in ein einheitliches Bild der seelischen Welt. Längst ist das Reich der Neurologie, der Psychoanalyse, der Traumdeutung, der Sexualforschung überschritten, und noch immer neue Wissenschaften bieten sich zur Erneuerung entgegen. Die Pädagogie, die Religionswissenschaft, die Mythologie, die Dichtung und die Kunst danken seinen Anregungen namhafte Bereicherung: kaum kann von der Höhe seines Alters der greise Forscher selbst überschauen, wie weit hinein ins Zukünftige seine eigene unvermutete Wirksamkeit reicht. Wie Moses vom Berge, sieht Freud am Abend seines Lebens für seine Lehre noch unendlich viel ungepflügtes und fruchtträchtiges Land.

Fünfzig Jahre lang war dieser Forscher unentwegt auf dem Kriegspfad gewesen, Geheimnisjäger und Wahrheitssucher; unermeßlich ist seine Beute. Wie viel hat er geplant, geahnt, gesehen, geschaffen, geholfen – wer kann sie zählen, diese Taten auf allen Gebieten des Geistes? Nun könnte er ruhen, der alte Mann. Und tatsächlich, etwas in ihm begehrt nach linderer, unverantwortlicherer Schau. Sein Auge, das streng und prüfend in viele, in zu viele dunkle Seelen geblickt, nun möchte es einmal unverbindlich in einer Art geistigen Träumens das ganze Weltbild umfassen. Der immer nur die Tiefen durchpflügt, jetzt begehrt er einmal die Höhen und Weiten des Daseins zu betrachten. Der ein Leben lang als Psychologe nur rastlos forschte und fragte, nun möchte er als Philosoph versuchen, sich selbst eine Antwort zu geben. Der unzählige Analysen an einzelnen unternommen, er möchte nun einmal den Sinn der Gemeinschaft zu ergründen wagen und seine Deutekunst erproben an einer Psychoanalyse der Zeit.

Alt ist diese Lust, einmal in reiner Schau des Geistes durchaus nur denkerisch das Weltgeheimnis zu betrachten. Aber die Strenge seiner Aufgabe hat Freud ein Leben lang spekulative Neigungen verboten; erst mußten die Gesetze des seelischen Aufbaus an unzähligen einzelnen erforscht sein, ehe er wagen durfte, sie auf das Allgemeine anzuwenden. Immer noch schien es dem allzu Verantwortungsbewußten zu früh am Tage. Jetzt aber, da es Abend wird, da fünfzig Jahre unermüdlicher Arbeit ihm Anrecht geben, einmal denkträumend über das einzelne hinauszusehen, jetzt tritt er noch einmal hinaus, einen Blick in die Ferne zu tun und die Methode, die er an Tausenden von Menschen erprobt, an der ganzen Menschheit zu versuchen.

Ein wenig zag, ein wenig ängstlich geht er, der sonst so sichere Meister, an dieses Beginnen. Fast möchte man sagen, mit schlechtem Gewissen wagt er sich hinaus über sein exaktes Wissenschaftsreich der Tatsachen in jenes des Unbeweisbaren, denn gerade er, der Entlarver vieler Illusionen, gerade er weiß, wie leicht man philosophischen Wunschträumen verfällt. Hart hatte er bisher jede spekulative Verallgemeinerung abgewehrt: »Ich bin gegen die Fabrikation von Weltanschauungen.« Nicht leichten Herzens also, und nicht mit der alten, unerschütterlichen Sicherheit wendet er sich hinüber in die Metaphysik – oder wie er es vorsichtiger nennt: in die Metapsychologie – und entschuldigt gleichsam vor sich selbst dieses späte Wagnis: »In meinen Arbeitsbedingungen ist eine gewisse Veränderung eingetreten, deren Folgen ich nicht verleugnen kann. Früher einmal gehörte ich nicht zu jenen, die eine vermeintliche Neuheit nicht eine Weile bei sich behalten können, bis sie Bekräftigung gefunden hat … Aber damals dehnte sich die Zeit unübersehbar vor mir aus, oceans of time, – wie ein liebenswürdiger Dichter sagt –, und das Material strömte mir so reichlich zu, daß ich mich der Erfahrungen kaum erwehren konnte … Das ist nun alles anders geworden. Die Zeit vor mir ist begrenzt, sie wird nicht vollständig von der Arbeit ausgenützt, die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen, kommt also nicht so reichlich. Wenn ich etwas Neues zu sehen glaube, bleibt es mir unsicher, ob ich die Bestätigung abwarten kann.« Man sieht: im voraus weiß der strengwissenschaftliche Mann, daß er sich diesmal allerhand verfängliche Probleme vorlegen wird. Und gleichsam nur monologisch, in einer Art geistigen Selbstgesprächs erörtert er vor sich selbst einige der ihn bedrückenden Fragen, ohne Antwort zu fordern, ohne vollkommene Antwort zu geben. Diese seine Spätbücher, die »Zukunft einer Illusion« und »Das Unbehagen in der Kultur« sind vielleicht nicht so dicht mehr wie die früheren; aber sie sind dichterischer. Sie enthalten weniger beweisbare Wissenschaft, aber mehr an Weisheit. Statt des unerbittlichen Zerlegers enthüllt sich endlich der groß zusammenfassende Geist, statt des exakt naturwissenschaftlichen Mediziners der solange gefühlte Künstler. Und es ist, als ob zugleich hinter dem forschenden Auge jetzt zum ersten Male der ganze langverborgene Mensch Sigmund Freud vorträte.

Aber es ist ein düsteres Auge, das hier die Menschheit anblickt, ein Auge, das dunkel geworden, weil es zuviel Dunkles gesehen. Nur mit ihren Sorgen, ihren Nöten, ihren Qualen und Verstörungen sind fünfzig Jahre lang die Menschen ununterbrochen zu ihm gekommen, klagend, fragend, eifernd, erregt, hysterisch und wild, immer nur Kranke, Bedrückte, Gequälte, Verrückte; nur die melancholische, die tatunkräftige Seite der Menschheit war diesem Manne ein Leben lang mitleidslos zugewandt. Vermauert in den ewigen Schacht seiner Arbeit, hat er selten das andere, das helle, das freudige, das gläubige Antlitz der Menschheit gesehen, die Hilfsbereiten, die Sorglosen, die Heiteren, die Leichtsinnigen, die Frohmütigen, die Glücklichen und Gesunden: immer nur Kranke, Unlustige, Verstörte, immer nur dunkle Seelen. Er ist zu lange und zu viel Arzt gewesen, Sigmund Freud, um nicht allmählich auch die ganze Menschheit wie einen Kranken anzusehen. Und sein erster Eindruck, als er aus seiner Forscherstube in die Welt blickt, stellt aller weiteren Untersuchung schon eine furchtbar pessimistische Diagnose voran: »Wie für den einzelnen, so ist auch für die ganze Menschheit das Leben schwer zu ertragen.«

Verhängnisvoll düsteres Wort, das wenig Hoffnung verheißt, mehr ein Seufzer von tiefinnen her als eine Erkenntnis! Man sieht: wie an das Bett eines Kranken tritt Freud an seine kulturbiologische Aufgabe heran. Und gewohnt, als Seelenarzt zu betrachten, meint er deutliche Symptome einer Seelenverstörung in unserer Zeit zu gewahren. Da seinem Auge die Freude fremd ist, sieht er nur Unfreude in unserer Kultur und beginnt analytisch dieser Neurose der Zeitseele nachzuforschen. Wie kommt es, fragt er sich selbst, daß so wenig wirkliches Behagen unsere Zivilisation beseelt, die doch die Menschheit weit über alles Ahnen und Hoffen früherer Geschlechter emporgehoben hat? Haben wir denn nicht tausendfach den alten Adam in uns übersprungen, sind wir nicht schon Gott ähnlicher als ihm? Hört nicht das Ohr dank der telephonischen Membran in die entferntesten Kontinente, sieht das Auge nicht dank des Teleskops in die Myriadenwelt der Sterne und mit Hilfe des Mikroskops einen Kosmos im Wassertropfen? Überschwingt nicht unsere Stimme Zeit und Raum in einer Sekunde, spottet sie nicht der Ewigkeit, festgebannt auf der Platte eines Grammophons, trägt uns nicht der Aeroplan sicher durch das seit Tausenden von Jahren dem Sterblichen versagte Element? Warum aber trotz dieser Gottähnlichkeit kein rechtes Siegesgefühl in der Seele des Menschen, sondern bloß das drückende Bewußtsein, daß wir nur Herren dieser Herrlichkeit auf Borg, nur »Prothesengötter« sind (durchschlagendes Wort!) und daß doch keine dieser technischen Errungenschaften unser tiefstes Ich befriedet und beglückt? Wo ist der Ursprung dieser Hemmung, dieser Verstörung, wo die Wurzel dieser Seelenkrankheit? – so fragt sich Freud in die Menschheit hinein. Und ernst, streng und sachlich, als gelte es einen einzelnen Fall seiner Ordination, geht Freud daran, die Ursachen unseres Kulturunbehagens, dieser Seelenneurose der gegenwärtigen Menschheit, zu erforschen.

Nun beginnt Freud immer jede Psychoanalyse mit einer Aufdeckung der Vergangenheit: so auch jene der seelenkranken Kultur mit einem Rückblick auf die Urformen der menschlichen Gesellschaft. Im Anfang steht für Freud der Urmensch (gewissermaßen der Kultursäugling), aller Sitten und Gesetze unbewußt, tierhaft frei und völlig hemmungslos. In zusammengefaßter, ungebrochen egoistischer Kraft entlädt er seine aggressiven Triebe in Mord und Kannibalismus, seinen Sexualtrieb in Pansexualismus und Inzest. Aber kaum, daß sich dieser Urmensch zu einzelnen Horden, zum Clan zusammentut, muß er gewahr werden, daß seine Gier an Grenzen stößt, an den Gegenwillen der Gefährten: alles soziale Leben, selbst auf der frühesten Stufe, erfordert Beschränkung. Der einzelne muß sich bescheiden, gewisse Dinge als verboten anerkennen, Recht und Sitte, gemeinsame Konventionen werden eingesetzt, die Strafen heischen für jedes Vergehen. Dieses Wissen um das Verbotene, diese Furcht vor der Strafe verschiebt sich aber bald nach innen und schafft in dem bisher tierisch dumpfen Gehirn eine neue Instanz, ein Über-Ich, gewissermaßen einen Signalapparat, der rechtzeitig warnt, die Geleise der Sitte zu überschreiten, um nicht von der Strafe erfaßt zu werden. Mit diesem Über-Ich, dem Gewissen, beginnt die Kultur und zugleich die religiöse Idee. Denn alle Grenzen, welche die Natur dem menschlichen Lusttrieb von außen entgegenstellt, Kälte, Krankheit, Tod, sie begreift die blinde Urangst der Kreatur immer nur als von einem unsichtbaren Gegner gesandt, von einem Gott-Vater, der alle Macht hat, zu strafen und zu belohnen, von einem Fürchtegott, dem man gehorchen und dienen muß. Gleichzeitig höchstes Ich-Ideal als Urbild aller Machtvollkommenheit und doch Angstgestalt, weil Urheber alles Schreckens, treibt die vermeinte Gegenwart eines allschauenden, alles könnenden Gott-Vaters durch den Büttel des Gewissens den ungebärdigen Menschen in seine Grenzen zurück; durch diese Selbstbeschränkung, durch diesen Verzicht, durch Zucht und Selbstzucht fängt das wilde barbarische Wesen allmählich an, sich zu zivilisieren. Indem sich aber die ursprünglich kampfwütigen Menschenkräfte zu gemeinsamer und schöpferischer Tätigkeit vereinen, statt bloß mörderisch und blutlüstern gegeneinander zu fahren, steigert sich die geistige, die ethische und technische Fähigkeit der Menschheit, und allmählich nimmt sie ihrem eigenen Ideal, dem Gotte, ein gut Teil seiner Macht. Der Blitz wird eingefangen, die Kälte geknechtet, die Entfernung überwunden, durch Waffen die Gefährlichkeit der Raubtiere gebändigt, alle Elemente, Wasser, Luft, Feuer werden allmählich der Kulturgemeinschaft untertan. Immer höher steigt die Menschheit dank ihrer schöpferischen, organisierten Eigenkräfte die Himmelsleiter zum Göttlichen empor, und, Herrin über Höhen und Tiefen, Überwinderin des Raums, wissend und beinahe allwissend, darf sie sich, die vom Tier aufgestiegene, selbst schon als gottähnlich empfinden.

Aber, fragt Freud, der unheilbare Desillusionist, – genau wie Jean Jacques Rousseau mehr als hundertfünfzig Jahre früher – in diesen schönen Zukunftstraum von der allbeglückenden Kultur hinein: warum ist die Menschheit trotz dieser Gottähnlichkeit nicht glücklicher und froher geworden? Warum fühlt unser tiefstes Ich sich nicht bereichert, befreit und erlöst durch all diese zivilisatorischen Triumphe der Gemeinschaft? Und er antwortet darauf selbst mit seiner harten und eindringlichen Unbarmherzigkeit: weil uns diese Besitzbereicherung durch die Kultur nicht einfach geschenkt wurde, sondern gleichzeitig bezahlt ist mit einer ungeheuren Einschränkung unserer Triebfreiheit. Die Rückseite alles Kulturzuwachses der Gattung ist Glücksverlust bei dem einzelnen (und Freud nimmt immer die Partei des Individuums). Dem Gewinn an gemeinschaftlicher Zivilisation der Menschheit steht eine Freiheitseinbuße, eine Gefühlskraftverminderung jeder Einzelseele entgegen. »Unser heutiges Gefühl des Ich ist nur ein eingeschrumpfter Teil eines weitumfassenden, ja allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ich mit der Umwelt entspricht.« Wir haben zuviel an die Gesellschaft, an die Gemeinschaft abgegeben von der Ungebrochenheit unserer Kraft, als daß unsere Urtriebe, der Sexualtrieb und der Aggressionstrieb, noch die alte einheitliche Gewalt aufweisen könnten. In um so feinere und verästeltere Kanäle sich unser seelisches Leben verteilt, um so mehr verliert es sein stromhaft Elementares. Die durch die Jahrhunderte immer strenger werdenden sozialen Beschränkungen verengen und verkrümmen unsere Gefühlskraft, und insbesondere »das Sexualleben des Kulturmenschen ist schwer geschädigt. Es macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung begriffenen Funktion, wie es unsere Organe, unser Gebiß und unsere Kopfhaare zu sein scheinen«. In geheimnisvoller Weise läßt sich aber die Seele des Menschen nicht darüber betrügen, daß ihr für die Unzahl neuer, höherer Lustbefriedigungen, wie sie die Künste, Wissenschaften, die Technik, die Naturbeherrschung und die anderen Lebensbequemlichkeiten tagtäglich vortäuschen, irgendeine andere, vollere, wildere, naturhafte Art der Lust entzogen worden ist. Etwas in uns, vielleicht biologisch versteckt in irgendeinem Winkel der Gehirngänge und mitströmend in den Adern unseres Blutes, erinnert sich in jedem von uns mystisch an jenen Urzustand höchster Ungehemmtheit: alle die längst von der Kultur überwundenen Instinkte, Inzest, Vatermord, Pansexualität, geistern noch in unseren Wünschen und Träumen. Und selbst im wohlgepflegten Kind, das im bakterienfreien, elektrisch erhellten, wohldurchwärmten Luxusraum einer Privatklinik auf zarteste und schmerzloseste Weise von einer hochkultivierten Mutter geboren wird, erwacht noch einmal der alte Urmensch; noch einmal muß es die ganze Jahrtausendreihe von den panischen Urtrieben bis zur Selbstbeschränkung stufenweise durchschreiten und an seinem kleinen wachsenden Leib die ganze Erziehungsarbeit zur Kultur noch einmal erleben und erleiden. So bleibt ein Erinnern der alten Selbstherrlichkeit unzerstörbar in uns allen, und in manchen Augenblicken sehnt sich unser ethisches Ich ganz wild ins Anarchische, nach dem nomadisch Freien, nach dem Tierhaften unseres Anfangs zurück. Ewig hält sich in unserm Lebensgefühl Gewinn und Verlust die Waage, und je weiter sich die Spanne zieht zwischen der immer engeren Bindung zur Gemeinschaft und der ursprünglichen Ungebundenheit, um so stärker wird das Mißtrauen der Einzelseele werden, ob sie durch diesen Fortschritt nicht eigentlich beraubt und durch die Sozialisierung des Ichs um ihr innerstes Ich betrogen sei.

Wird es nun der Menschheit jemals gelingen, fragt Freud, angestrengt in die Zukunft blickend, diese Unruhe, dieses gleichzeitig Hin- und Hergerissensein ihrer Seele endgültig zu bemeistern? Wird sie, die zwischen Gottesangst und Tierlust wirr hintaumelnde, von Verboten umstellte, von der Zwangsneurose der Religion bedrückte, sich aus dem Kulturdilemma selbst einen Ausweg finden? Werden die beiden Urmächte, der Aggressionstrieb und der Geschlechtstrieb, sich nicht endlich freiwillig der sittlichen Vernunft unterwerfen und wir nicht schließlich die »Hilfshypothese« des strafenden und richtenden Gottes als überflüssig entbehren können? Wird die Zukunft – psychoanalytisch gesprochen – durch Bewußtmachung dieses ihres geheimsten Gefühlskonfliktes ihn auch endgültig überwinden, wird sie jemals völlig gesunden? Gefährliche Frage dies! Denn mit dieser Frage, ob die Vernunft einmal Herrin unseres Trieblebens werden könnte, gerät Freud in einen tragischen Zwiespalt. Einerseits leugnet ja die Psychoanalyse die Übermacht der Vernunft über das Unbewußte »Die Menschen sind Vernunftsgründen wenig zugänglich, sie werden von Triebwünschen bewegt«, und doch behauptet sie: »daß wir kein anderes Mittel haben zur Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als unsere Intelligenz«. Als theoretische Lehre verficht die Psychoanalyse die Übermacht der Triebe und des Unbewußten – als praktische Methode wendet sie die Vernunft als einziges Heilmittel des Menschen und somit der Menschheit an. Hier versteckt sich schon lange in der Psychoanalyse ein geheimer Widerspruch, und er wächst jetzt gemäß den Dimensionen der Betrachtung ins Gewaltige hinaus: jetzt müßte Freud endlich die endgültige Entscheidung treffen, gerade hier im philosophischen Raum müßte er entweder der Vernunft oder der Triebhaftigkeit in der menschlichen Natur die Vorherrschaft zuerkennen. Aber diese Entscheidung wird ihm, der nicht lügen kann und nie sich selber belügen will, furchtbar schwer. Denn wie entscheiden? Mit erschüttertem Blick hat der alte Mann seine Lehre von der Triebübermacht über die bewußte Vernunft durch die Massenpsychose des Weltkriegs eben bestätigt gesehen: niemals war grauenhafter sichtbar geworden als in diesen vier apokalyptischen Jahren, wie dünn der Überwurf der Humanität noch immer den hemmungslosesten, haßvollsten Blutrausch der Menschheit deckt, und daß ein einziger Ruck aus dem Unbewußten genügt, um alle die kühnen Kunstbauten des Geistes und alle Tempel der Sittlichkeit einstürzen zu lassen. Die Religion, die Kultur, alles, was die Bewußtheit des Menschen adelt und erhöht, hatte er in diesem einen Augenblick preisgegeben gesehen für die wildere und urtümlichere Lust des Zerstörens; all die heiligen und heiliggesprochenen Mächte hatten sich abermals wieder als kindlich schwach erwiesen gegen den dumpfen, blutgierigen Trieb des Urmenschen in der Menschheit. Aber doch weigert sich etwas in Freud, diese moralische Niederlage der Menschheit im Weltkrieg als gültig anzuerkennen. Denn wozu die Vernunft und sein eigener jahrzehntelanger Dienst an der Wahrheit und Wissenschaft, wenn schließlich doch alle erziehliche Bewußtmachung der Menschheit ohnmächtig bleiben sollte gegen ihr Unbewußtes? Unbestechlich redlich, wagt Freud nicht, die Wirkungskraft der Vernunft zu verneinen und ebensowenig die unberechenbare des Triebs. So schiebt er schließlich die Antwort auf die selbstgestellte Frage vorsichtig in ein »Vielleicht«, in ein »Vielleicht irgend einmal«, in ein ganz weites drittes Reich der Seele hinüber, denn nicht ganz ungetröstet möchte er von dieser späten Wanderung zu sich selbst zurückkehren. Und es ist für mich ergreifend, wie seine sonst so strenge Stimme nun, da er am Abend seines Lebens der Menschheit noch ein kleines Lichtlein Hoffnung ans Ende ihres Weges stellen möchte, weich und versöhnlich wird: »Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen findet sie es doch. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber er bedeutet in sich nicht wenig. Das Primat des Intellekts liegt gewiß in weiter, aber wahrscheinlich doch nicht unerreichbarer Ferne.«

Das sind wunderbare Worte. Aber dies kleine Lichtlein im Dunkel flackert doch zu fern und ungewiß, als daß die fragende, die an der Wirklichkeit frierende Seele sich daran erwärmen könnte. Jedes »Wahrscheinliche« ist nur dünner Trost, und kein »Vielleicht« befriedigt den unstillbaren Glaubensdurst nach höheren Gewißheiten. Aber hier stehen wir vor der eigentlichen und unübersteigbaren Grenze der Psychoanalyse: wo das Reich der innern Gläubigkeiten, der schöpferischen Zuversicht beginnt, da endet ihre Macht, – in diese obern Sphären hat sie, die bewußt desillusionistische und jeden Wahn befeindende, keine Schwinge. Ausschließlich Wissenschaft vom Individuum, von der Einzelseele, weiß sie nichts und will sie nichts von einem gemeinschaftlichen Sinn oder einer metaphysischen Sendung der Menschheit wissen: darum erlichtet sie nur seelische Tatsachen, aber sie erwärmt nicht die menschliche Seele. Nur Gesundheit kann sie geben, jedoch Gesundheit, sie allein ist nicht genug. Um glücklich, um schöpferisch zu werden, bedarf die Menschheit immer wieder der Bestärkung durch den Glauben an einen Sinn ihres Daseins. Die Psychoanalyse aber hat keine Opiate wie die Christian Science, keine Rausch-Ekstasen wie Nietzsches dithyrambische Verheißungen, sie verheißt und verspricht nichts, sie schweigt lieber, statt zu trösten. Diese ihre Wahrhaftigkeit, ganz dem strengen und redlichen Geiste Sigmund Freuds entstammend, ist im moralischen Sinne wunderbar. Aber allem bloß Wahrhaften ist unvermeidlich ein Senfkorn Bitternis und Skepsis beigemengt, über allem bloß vernunfthaft Aufklärenden und Analysierenden schattet eine gewisse tragische Düsternis. Etwas Entgötterndes haftet unleugbar an der Psychoanalyse, etwas, was nach Erde und Vergängnis schmeckt, was wie alles Nurmenschliche nicht frei und froh macht; Redlichkeit kann den Geist großartig bereichern, nie jedoch das Gefühl völlig erfüllen, nie die Menschheit jenes Hinausstürzenwollen über den eigenen Rand lehren, diese ihre törichteste und doch notwendigste Lust. Der Mensch aber – wer hat dies großartiger bewiesen als Freud? – kann selbst im leiblichen Sinne nicht leben ohne den Traum, sein enger Körper würde zerbersten unter der Übermacht der unausgelebten Gefühle – wie sollte da die Seele der Menschheit es ertragen, ohne die Hoffnung eines höhern Sinns, ohne gläubige Träume zu bestehen? Mag auch alle Wissenschaft immer wieder den Widersinn dieses ihres gottschaffenden Spieles beweisen, immer wird sich ihre Bildnerlust wieder an einem neuen Weltsinn mühen müssen, um nicht in Nihilismus zu verfallen, denn diese Mühelust ist selbst schon alles geistigen Lebens ureigenster Sinn.

Für diesen Hunger der Seele nach Gläubigkeit hat die harte, die streng sachliche, die kaltklare Nüchternheit der Psychoanalyse keine Nahrung. Sie gibt Erkenntnis und nicht mehr, und weil ihr alle Weltgläubigkeit fehlt, kann sie immer nur eine Wirklichkeitsanschauung bleiben und nie Weltanschauung werden. Hier ist ihre Grenze. Sie vermochte näher als irgendeine geistige Methode vor ihr den Menschen bis an sein eigenes Ich heranzubringen, aber nicht – und dies wäre zur Ganzheit des Gefühls notwendig – über dies eigene Ich wieder hinaus. Sie löst und teilt und trennt, sie zeigt jedem Leben seinen eigenen Sinn, aber sie weiß nicht dies tausendfach Vereinzelte zu einem gemeinsamen Sinne zu binden. Darum müßte, um sie wahrhaft schöpferisch zu ergänzen, zu ihrer Denkform, der zerteilenden und erhellenden, noch eine andere treten, eine verbindende und verschmelzende – die Psychosynthese zur Psychoanalyse: diese Vereinigung wird vielleicht die Wissenschaft von morgen sein. Soweit Freud auch gelangt ist, über ihn hinaus sind noch weite Räume der Betrachtung frei. Und nachdem seine Deutekunst der Seele ihre geheimen Gebundenheiten gezeigt, dürften jetzt andere sie wieder ihre Freiheit lehren, ihr Strömen und Überströmen aus dem eigenen Wesen ins Weltall hinein.

Geltung in die Zeit

Wir wollen das Individuum – das aus dem Einen und dem Vielen entsteht und sowohl das Bestimmte wie das Unbestimmte von Geburt in sich trägt – nicht eher ins Grenzenlose verschwimmen lassen, bevor wir nicht alle seine Vorstellungsreihen überblickt haben, die zwischen dem Einen und dem Vielen vermitteln.

Plato

Zwei Entdeckungen von symbolischer Gleichzeitigkeit ereignen sich im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts: in Würzburg erweist ein bisher wenig bekannter Physiker namens Wilhelm Röntgen durch ein unerwartetes Experiment die Möglichkeit, den bisher undurchdringlich vermeinten menschlichen Körper zu durchleuchten. In Wien entdeckt ein ebenso unbekannter Wiener Arzt, Sigmund Freud, die gleiche Möglichkeit für die Seele. Beide Methoden ändern nicht nur die Grundlagen ihrer eigenen Wissenschaft, sondern befruchten alle Nachbargebiete; in merkwürdiger Überkreuzung zieht gerade aus der Entdeckung des Physikers die Medizin Gewinn, aus dem Fund des Mediziners wiederum die Psychophysik, die Lehre von den seelischen Kräften.

Durch Freuds großartige und heute in ihrer Wirkung noch lange nicht erschöpfte Entdeckung überschreitet endlich die wissenschaftliche Seelenkunde ihre akademische und theoretische Abgeschlossenheit und mündet in das praktische Leben. Durch ihn wird Psychologie als Wissenschaft zum erstenmal anwendbar auf alle Formen des schöpferischen Geistes. Denn die Psychologie von vordem, was war sie? Ein Schulfach, eine theoretische Spezialforschung, eingesperrt auf Universitäten, eingekapselt in Seminare, Bücher zeitigend in unerträglicher und unlesbarer Formelsprache. Wer sie studierte, wußte nicht mehr von sich und seinen individuellen Gesetzen, als ob er Sanskrit studiert hätte oder Astronomie, und mit gutem Instinkt empfand die Allgemeinheit ihre Laboratoriumsresultate als belanglos, weil völlig abstrakt. Indem Freud die Seelenforschung mit entschlossener Umstellung vom Theoretischen auf das Individuum wendet und die Kristallisation der Persönlichkeit zum Gegenstand der Untersuchung erhebt, schiebt er sie aus dem Seminar in die Wirklichkeit und macht sie dem Menschen lebenswichtig, weil anwendbar. Nun erst kann Psychologie dem Aufbau des werdenden Menschen in der Pädagogik, der Heilung des Kranken in der Medizin, der Beurteilung des Irrenden in der Justiz, dem Verständnis des Schöpferischen in der Kunst mithelfend dienen; indem sie die immer einmalige Individuation eines jeden einzig ihm selber zu erklären sucht, hilft sie zugleich allen andern. Denn wer einmal in sich den Menschen verstehen gelernt hat, der versteht ihn in allen.

Mit dieser Wendung der Seelenforschung auf die Einzelseele hat Freud unbewußt den innersten Willen der Zeit erlöst. Nie war der Mensch neugieriger auf sein eigentliches Ich, auf seine Persönlichkeit, als in diesem unseren Jahrhundert der fortschreitenden Monotonisierung des äußern Lebens. Immer mehr vereinheitlicht und entpersönlicht das technische Zeitalter seinen Bürger zum farblosen Typus; in gleiche Gehaltsklassen abgeteilt, in denselben Häusern wohnend, dieselben Kleider tragend, dieselben Arbeitsstunden an der gleichen Maschine abwerkend und dann hinaus in dieselbe Form des Vergnügens flüchtend, vor das gleiche Radio, dieselbe Schallplatte, in denselben Sport, werden alle einander äußerlich in erschreckender Weise ähnlicher, die Städte mit denselben Straßen immer uninteressanter, die Nationen immer homogener; der ungeheure Schmelztiegel der Rationalisierung zerkocht alle offenbaren Unterschiede. In dem Maße aber, wie unsere Oberfläche immer mehr ab und auf gleich geschliffen wird, je serienhafter und dutzendmäßiger sich die Menschen ins Massenphysiognomische gliedern, um so wichtiger wird inmitten der fortschreitenden Entpersönlichung der Daseinsformen jedem einzelnen die einzige von außen nicht erreichbare und beeinflußbare Erlebnisschicht: seine einmalige, unwiederholbare Persönlichkeit. Sie ist das höchste und fast das einzige Maß des Menschen geworden, und man nenne es nicht Zufall, daß alle Künste und Wissenschaften jetzt so leidenschaftlich dem Charakterologischen dienen. Die Typenlehre, die Deszendenzwissenschaft, die Erbmassentheorie, die Untersuchungen über die individuelle Periodizität bemühen sich, das Persönliche vom Generellen immer systematischer abzugrenzen; in der Literatur erweitert die Biographie die Kenntnis der Persönlichkeitskunde, und längst abgestorben vermeinte Methoden zur Erforschung der innern Physiognomie, wie Astrologie, Chiromantie, Graphologie, gelangen in unseren Tagen zu unvermuteter Blüte. Von allen Rätseln des Daseins ist keines dem Menschen von heute wichtiger als das Wissen um sein eigenes Sein und Gewordensein, um das besonders Bedingte und Nur-Ihm-Gehörige seiner Persönlichkeit.

Diesem innern Lebenszentrum hat Freud die schon abstrakt gewordene Seelenkunde wieder zugeführt. Er hat zum erstenmal das Dramatische im Persönlichkeitsaufbau jedes Menschen beinahe dichterisch groß entwickelt, dies glühende und drängende Durcheinander im Zwielichtreich zwischen Bewußt und Unbewußt, wo der winzigste Anstoß die weitesten Wirkungen zeitigt und in wundersamsten Verstrickungen sich Vergangenes mit Gegenwärtigem bindet – eine Welt, wahrhaft welthaft im engen Blutkreis des Leibes, unübersehbar in ihrer Ganzheit und doch lustvoll wie ein Kunstwerk zu betrachten in ihrer unergründlichen Gesetzmäßigkeit. Das Gesetzhafte eines Menschen aber – dies die entscheidende Umschaltung seiner Lehre – kann niemals schulhaft schematisch beurteilt, sondern nur erlebt, mitgelebt, nachgelebt und aus diesem Erleben als das einzig hier Gültige erkannt werden. Nie mit einer starren Formel, sondern immer nur aus der eigenen erlebnisgeprägten Form eines Schicksals kann man eine Persönlichkeit begreifen: alles Heilen im medizinischen, alles Helfen im moralischen Sinne setzt deshalb bei Freud Erkenntnis voraus, und zwar eine jasagende, mitfühlende und dadurch wahrhaft wissende Erkenntnis. Ehrfurcht vor der Persönlichkeit, vor diesem im Goethischen Sinne »offenbaren Geheimnis« ist darum für ihn aller Seelenkunde und aller Seelenheilkunst unumgänglichster Anbeginn, und diese Ehrfurcht hat Freud wie kein anderer als moralisches Gebot wieder achten gelehrt. Erst durch ihn haben Tausende und Hunderttausende zum erstenmal die Verletzlichkeit der Seele, insbesondere der Kinderseele begriffen und haben angesichts der von ihm aufgedeckten Verwundungen zu ahnen begonnen, daß jedes grobe Zufassen, jedes brutale Hineinfahren (oft nur mit einem Wort!) in diese überempfindliche, mit einer verhängnisvollen Kraft des Sicherinnerns begabte Materie ein Schicksal zerstören kann, daß also jedes unbesonnene Strafen, Verbieten, Drohen und Züchtigen den Strafenden mit einer bisher ungekannten Verantwortung belädt. Ehrfurcht vor der Persönlichkeit, selbst in ihren abwegigen Besonderheiten, sie hat er immer tiefer in das Bewußtsein der Gegenwart, in Schule, Kirche, Gerichtssaal, diese Stätten der Starre und Strenge, neueingeführt und durch diese bessere Einsicht ins Seelische auch eine höhere Rücksicht und Nachsicht in der Welt verbreitet. Die Kunst des gegenseitigen Sichverstehens, diese wichtigste innerhalb der menschlichen Beziehungen, die immer notwendigere zwischen den Nationen, diese einzige Kunst, die uns zum Aufbau einer höheren Humanität helfen kann, sie hat von keiner geistigen Methode unserer Zeit so viel Förderung erfahren wie von Freuds Persönlichkeitslehre; durch ihn ist die Wichtigkeit des Individuums, der unersetzbar einmalige Wert jeder Menschenseele, in einem neuen und tätigen Sinn unserer Gegenwart erst gewahr geworden. Es gibt keinen einzigen namhaften Menschen in Europa auf allen Gebieten der Kunst, der Forschung und der Lebenskunde, dessen Anschauungen nicht direkt oder indirekt durch Freuds Gedankenkreise in Anziehung oder Gegenwehr schöpferisch beeinflußt worden wären: überall hat dieser Außenseiter die Mitte des Lebens – das Menschliche erreicht. Und während die Fachleute sich noch immer nicht damit abfinden können, daß dieses Werk weder im medizinischen noch naturwissenschaftlichen noch philosophischen Schulsinn sich streng regelhaft gebärdet, während um Einzelheit und Endwert Geheimräte und Gelehrte noch ingrimmig streiten, hat sich längst schon Freuds Lehre als unwiderleglich wahr bewiesen – als wahr in jenem schöpferischen Sinne, den uns Goethe geprägt hat mit dem unvergeßlichen Wort: »Was fruchtbar ist, allein ist wahr.«

 http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-heilung-durch-den-geist-6857

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s