Helmut Dahmer: Therapie als Sozialkritik

In der „kulturellen“ Lebenswelt, die Freud analysierte, sind vor allem die Institutionen rätselhaft, die sich gegenüber ihren Produzenten und Trägern verselbständigt haben und ihnen daher fälschlich als „Natur“ erscheinen. Das gilt für kollektive Institutionen (wie Totem und Tabu) ebenso wie für private – Neurosen und Psychosen.
Voraussetzung der Psychoanalyse als Praxis, die genealogisch den Sinn der Symptome erschließt und auf die Revision obsoleter Institutionen abzielt, ist die Ermäßigung oder die Aufhebung des „Widerstands“, den der Patient der Aufdeckung seiner biographischen Geheimgeschichte entgegensetzt. Dieser Widerstand geht von der von Freud als „Über-Ich“ bezeichneten intrapsychischen Zensur-Instanz aus, die im seelischen Haushalt der Individuen durch Entbindung so-zialer Angst die Einhaltung der gesellschaftlichen Tabus verbürgt. Die psychoanalytische Therapie arbeitet an der Ent-kräftung verinnerlichter sozialer Gewalt, sie ist praktische Sozialkritik.
Helmut Dahmer: Prof. i.R.; Soziologe und Publizist, veröf-fentlicht seine Bücher im Verlag Westfälisches Dampfboot.

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