Max Horkheimer: Die Juden und Europa.

Die Juden und Europa.

Von
Max Horkheimer.
Wer den Antisemitismus erklären will, muss den Nationalsozialismus
meinen. Ohne Begriff von dem, was in Deutschland geschehen
ist, bleibt das Reden über den Antisemitismus in Siam oder in
Afrika bedeutungslos. Der neue Antisemitismus ist der Sendbote
der totalitären Ordnung, zu der die liberalistische sich entwickelt
hat. Es bedarf des Rückgangs auf die Tendenzen des Kapitals.
Aber es ist, als seien die vertriebenen Intellektuellen nicht bloss
des Bürgerrechts, sondern auch des Verstands beraubt worden.
Denken, die einzige Verhaltensweise, die ihnen anstünde, ist in
Misskredit geraten. Der „jüdisch-hegelianische Jargon“, der einst
aus London bis zur deutschen Linken drang und schon damals in
den Brustton von Gewerkschaftsfunktionären übertragen werden
musste, gilt jetzt vollends als überspannt. Aufatmend werfen sie
die unbequeme Waffe weg und kehren zum Neuhumanismus, zu
Goethes Persönlichkeit, zum wahren Deutschland und anderem
Kulturgut zurück. Die internationale Solidarität habe versagt.
Weil die Weltrevolution nicht eintrat, seien die theoretischen
Gedanken nichts wert, nach denen sie als Rettung aus rler Barbarei
erschien. Jetzt, da es wirklich so gekommen ist, da Harmonie
und Progressionsmöglichkeit der kapitalistischen Gesellschaft sich
als die Illusion entlarven, die die Kritik der freien Marktwirtschaft
seit je denunzierte, da trotz und wegen des technischen Fortschritts
die Krise, wie vorausgesagt, permanent geworden ist und
die Nachfahren der freien Unternehmer ihre Stellung nur dureh
Abschaffung der bürgerlichen Freiheit behaupten können, jetzt
preisen die literarischen Gegner der totalitären Gesellschaft den
Zustand, dem sie ihr Dasein verdankt, und verleugnen die Theorie,
die sein Geheimnis aussprach, als es noch Zeit war.
Dass die Emigranten der. Welt, die den Faschismus aus
sich erzeugt, gerade dort den Spiegel vorhalten, wo sie ihnen
noch Asyl gewährt, kann niemand verlangen. Wer aber vom
Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.
Die englischen Gastfreunde von heute machen bessere
116 Max Horkheimer
, Erfahrungen als Friedrich mit dem Lästermaul Voltaire. Mag
Has Loblied, das die Intellektuellen auf den Liberalismus anstimmen,
oft schon zu spät kommen, da die Länder rascher in totalitäre
sich umwandeln, als die Bücher Verleger finden, sie geben die
Hoffnung nicht auf, dass irgenr:\wo die Reformierung des westlichen
Kapitalismus glimpflicher sich abspielt als die des deutschen
und gut empfohlene Fremde doch noch eine Zukunft haben.
Aber die totalitäre Ordnung ist nichts anderes als ihre Vorgängerin,
die ihre Hemmungen verloren hat. Wie altl‘ Leute
zuweilen so böse werden, wie sie im Grunde immer waren, nimmt
die Klassenherrschaft am Ende der Epoche die Form der Volksgemeinschaft
an. Den Mythos der Interessenharmonie hat die Theorie
zerstört; sie hat den liberalistischen Wirtschaftsprozess als
Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen vermittels freier Verträge
dargestellt, die durch die Ungleichheit des Eigentums
erzwungen werden. Die Vermittlung wird jetzt abgeschafit. Der
Faschismus ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft, die von
der Theorie von Anfang an getroffen war. Er fixiert die extremen
Unterschiede, die das Wertgesetz am Ende produzierte ..
Ihn· zu erkennen, bedarf es keiner Revision der ökonomischen
‚theorie. Der gleiche und gerechte Tausch hat sich selbst ad
absurdum geführt, und die totalitäre Ordnung ist dies Absurdum.
Folgerecht genug hat sich der Übergang aus dem Liberalismus
vollzoge’n, und nicht so gewaltsam wie der aus dem
Merkantilsystem ins 19. Jahrhundert. Dieselben ökonomischen
Tendenzen, die durch den Konkurrenzmechanismus zur immer
höheren Produktivität der Arbeit treiben, schlagen in Kräfte
sozialer Desorganisation um. Der Stolz des Liberalismus, die
technisch äusserst entfaltete Industrie, macht sein Prinzip zuschanden,
indem der Verkauf der Arbeitskraft für grosse Teile der
Bevölkerung unmöglich wird. Die Reproduktion des Bestehenden
auf dem· Umweg über den Arbeitsmarkt wird unrationell.
Früher war das Bürgertum ökonomisch dezentralisiert, ein vielköpfiger
Herrscher; die Vergrösscrung des Betriebs war für
jeden Unternehmer Bedingung, seinen Anteil am gesellschaftlichen
Mehrprodukt zu steigern. Er brauchte die Arbeiter, um
im Konkurrenzkampf zu bestehen. Im Zeitalter der Monopole
verspricht die unbegrenzte Investierung von immer neuem Kapital
keine grosse Steigerung der Profite mehr. Die Masse der Arbeiter,
äUs denen der Mehrwert herfliesst, geht im Vergleich zum Apparat,
den sie bedienen, zurück. Industrielle Produktion hat in der
neueren Zeit nur als Bedingung für Profit, für Erweiterung der
Gewalt von Gruppen und Individuen über menschliche Arbeit
existiert. Der Hunger .allein bietet keinen Anlass zur HerstelDie
Juden und Europa 117
lung von Konsumgütern. Für das ohnehin zahlungsunfähige
Bedürfnis, . für die arbeitslosen Massen produzieren, liefe dem
Gesetz der Ökonomie und Religion zuwider, das die Ordnung
zusammenhält: ohne Arbeit kein Brot.
Noch die Fassade verrät die Überholtheit der Marktwirtschaft.
Die Reklameschilder in allen Ländern sind ihre Monumente. Ihr
Ausdruck ist lächerlich. Zu den Passanten sprechen sie wie
törichte Erwachsene mit Kindern oder Tieren, in einem verlogen
zutraulichen Jargon. Wie Kindern wird denn auch den
Massen etwas vorgespiegelt : dass sie als selbständige Subjekte
die Freiheit hätten, sich die Waren auszuwählen. Doch ist die
Wahl schon weithin diktiert. Seit Jahrzehnten gibt es ganze
Sphären des Verbrauchs, in denen bloss die Etiketten verschieden
sind. Die bunte Welt der Qualitäten, an der man sich
ergötzt, steht auf dem Papier. Wenn die Reklame stets für die
faux frais der bürgerlichen Warenwirtschaft charakteristisch war,
so hat sie früher als Mittel der Bedürfnissteigerung eine progressive
Funktion ausgeübt. Heute wird noch dem Käufer eine ideologische
Reverenz erwiesen, die er nicht einmal ganz glauben soll.
Die Reklame für die grossen Markenartikel versteht er bereits als
nationale Parolen aufzunehmen, denen man nicht widersprechen
darf. In den faschistischen Ländern kommt die Disziplin, an
welche die Reklame appelliert, zu sich selbst. An den Plakaten
erfahren dort die Menschen, was sie wirklich sind: Soldaten. Die
Reklame wird richtig. Der strikte staatliche Befehl, der bei
totalitären Wahlen von allen Mauern droht, entspricht der modernen
Organisation der Wirtschaft genauer als die einerlei bunten
Beleuchtungseffekte in den Einkaufszentren und Vergnügungsvierteln
der Welt.
Die ökonomischen Programme der guten Europäer unter den
Staatsmännern sind illusionär. In der Endphase des Liberalismus
wollen sie die Unfähigkeit der zerfallenden Marktwirtschaft, die Menschen
zu ernähren, durch staatliche Aufträge kompensieren, im Einverständnis
mit den Wirtschaftsgewaltigen die Wirtschaft ankurbeln,
so dass sie allen einen Unterhalt gewährt. Sie vergessen, dass der
Widerwille gegen neue Investitionen keine Schrulle ist. Die· Industriellen
haben keine Lust, ihre Werke auf dem Umweg über Steuern,
die sie einer allzu unparteiischen Regierung entrichten müssen, in
Gang zu setzen, bloss um die bankrotten Bauern und andere Arbeitslose
aus der Verlegenheit zu ziehen. Für die Klasse zahlte sich ein
solches Verfahren nicht aus. Soviel auch regierungsfreundliche
Ökonomen den Unternehmern vorreden, dass es ihnen zugute
komme, die grossen haben einen besseren Instinkt für ihre Interessen
und höhere Ziele im Auge als eine notdürftige Konjunktur mit
118 Max Horkheimer
Streiks und was sonst zum proletarischen Klassenkampf gehört.
Die Staatsmänner, die den Liberalismus zuguterletzt noch humanitär
lenken wollen, verkennen seine Eigenart. Sie mögen Bildung
repräsentieren und von Experten umgeben sein, ihr Bestreben ist
ein Widersinn: sie wollen die Schicht, deren partikuläre Interessen
wesenhaft den generellen zuwiderlaufen, der Allgemeinheit unterordnen.
Eine Regierung. die mit. den Steuern der Unternehmer aus
den Objekten der Wohlfahrtspflege Subjekte freier Arbeitsverträge
machte, muss schliesslich unterliegen: sie entartete sonst entgegen
ihrem eigenen Willen aus dem Beauftragten der Unternehmer zum
Vollzugsorgan der Arbeitslosen, ja der abhängigen Schichten überhaupt.
Nahezu konfiskatorische Steuern, etwa die Erbschaftssteuer,
die nicht bloss durch die Freisetzung von Arbeitern in der
Industrie, sondern auch durch die Folgen der unlösbaren Agrarkrise
erzwungen sind, drohen ohnehin schon, die kapitalistisch Schwachen
zu „Ausbeutern „der Kapitalisten zu machen. Solche Umkehrung
der Verhältnisse lassen die Unternehmer auf die Dauer in keinem
Weltreich zu. In den Parlamenten und dem ganzen öffentlichen
Leben sabotieren sie die spätliberalistische Wohlfahrtspolitik.
Selbst wenn sie der Konjunktur zugute käme, blieben sie unversöhnt
: Konjunkturen sind ihnen nicht mehr genug. Die Produktionsverhältnisse
setzen sich gegen die humanitären Regierungen
durch. Die Pioniere aus den Unternehmerverbänden schaffen
einen neuen Apparat. Ihre Sachwalter nehmen die Ordnung der
Gesellschaft in die Hand; anstelle des zersplitterten Kommandos in
den einzelnen Fabriken entsteht die totalitäre Herrschaft des
Partikularinteresses über das ganze Volk. Den Individuen wird
dabei eine neue Zucht auferlegt, die an den Grund der Sozialcharaktere
rührt. Die Transformation des gedrückten Arbeitsuchenden
aus dem 19. Jahrhundert in das beflissene Mitglied
faschistischer Organisationen gemahnt in ihrer historischen Trag~ ,
weite an die Umwandlung des mittelalterlichen Handwerksmeisters
in den protestantischen Bürger durch die Reformation oder des
englischen Dorfarmen in den modernen Industriearbeiter. Angesichts
solcher Verlagerung der Fundamente erscheinen die Staatsmänner
des mittleren Fortschritts als reaktionär.
An die Stelle des Tausches mit der Arbeit tritt das Diktat
über sie. Waren die Massen in den letzten Jahrzehnten aus
Kontraktpartnern Bettler, Objekte der Fürsorge geworden, so werden
sie jetzt unmittelbar Objekte der Herrschaft. Im vorfaschi,.
stischen Stadium bedrohten sie die Ordnung. Der Übergang zu
einer Wirtschaft, welche die getrennten Elemente vereinigte, die
Menschen in den Besitz der feiernden Maschinen und des nutzlosen
Getreides setzte, schien in Deutschland unabwendbar und die Welt,.
Die Juden und Europa 119
gefahr des Sozialismus ernst. Zu seinen Feinden stand, was in der
demokratischen Republik etwas zu sagen hatte. Es wurde mit
Unterstützungen, mit kaiserlichen Staatsbeamten und weissen Offizieren
regiert. Aus Organen des Klassenkampfs wollten die Gewerkschaften
sich in staatliche verwandeln, sie wollten dazu dienen, die
Zuwendungen zu verteilen, die Bedachten zur fügsamen Gesinnung
zu erziehen, kurz, an der Beherrschung mitzuwirken. Den Mächtigen
aber war solche Hilfe suspekt. Als das deutsche Kapital die
imperialistische Politik wieder aufnahm, liess es die Arbeiterbürokratie,
die politische und gewerkschaftliche, die ihm dabei geholfen hatte,
fallen. Trotz redlichsten Willens wären sie den neuen Verhältnissen
nicht gewachsen gewesen. Nicht für die Steigerung ihres eigenen
Lebens sollten die Massen aktiviert werden, nicht dass sie essen,
sondern dass sie gehorchen, ist die Aufgabe des faschistischen Apparats.
Regieren hat dort einen andern Sinn bekommen. Anstelle
routinierter Funktionäre werden phantasiereiche Organisatoren
und Fronvögte gebraucht; sie müssen dem Bannkreis der Ideologie
von Freiheit und Menschenwürde entrückt sein. Im Spätkapitalismus
verwandeln sich die Völker zuerst in Unterstützungsempfänger
und dann in Gefolgschaften.
Lange vor dem faschistischen Umschwung bilden die Arbeitslosen
eine unwiderstehliche Versuchung für Industrielle und Agrarier,
die sie für ihre Zwecke organisieren wollen. Wie zu Beginn der
Epoche sind wieder freie Massen vorhanden. Nur kann man
sie nicht wie damals in die Manufakturen pressen, die Zeit der
privaten Unternehmung ist vorbei. Der faschistische Agitator.
fasst seine Leute zum Kampf gegen die demokratischen Regierungen
zusammen. Wenn es während des übergangs immer weniger
lockt, Kapital in die nützliche Produktion zu investieren, so
wird das Geld in die Organisation der Masse gesteckt, die man der
aufgeklärten vorfaschistischen Regierung entreissen will. Ist das zu
Hause gelungen, wird es international versucht. Die faschistischen
Staaten treten auch in fremden Ländern als Organisatoren der Macht
gegen die renitenten Regierungen auf. Ihre Emissäre bereiten den
Boden für faschistische Eroberungen, sie sind die Nachfahren der
christlichen Missionare, die den Kaufleuten voranzogen. Heute
strebt nicht der englische, sondern der deutsche Imperialismus nach
Expansion.
Wenn tatsächlich der Faschismus aus dem kapitalistischen
Prinzip hervorgeht, ist er nicht bloss den „armen „, den „have
not „-Ländern im Gegensatz zu saturierten angepasst. Dass
der Nationalsozialismus ursprünglich von bankrotten Industrien
getragen war, betrifft seine spezifische Auslösung, nicht seine
Eignung zum universalen Prinzip. Schon zur Zeit der höchsten
t20 Max Horkhelmer
Rentabilität hat die Schwerindustrie ihren Anteil am Gewinn der
Klasse durch ihre wirtschaftliche Machtstellung erzwungen. Stets
öberstieg· die Durchschnittsprofitrate, die auch ihr zufiel, den
Mehrwert, der in ihrem eigenen Bereich entstand. Weniger als
andere gehorchten Krupp und Thyssen dem Konkurrenzprinzip.
So zeigte d~nn der Bankrott, den schliesslich die Bilanz auswies,
nichts über die Harmonie zwischen der Schwerindustrie und dem
Bedürfnis des Bestehenden an. Dass die chemische Industrie an
Rentabilität der schweren auf dem Markt überlegen war, konnte
gesellschaftlich nicht den Ausschlag geben. Im Spätkapitalismus
ist die Aufgabe gestellt, die Bevölkerung in ein für zivile und militärische
Zwecke e.insatzbereites Kollektiv umzumodeln, so dass sie
in den Händen der neu formierten Herrscherklasse funktioniert.
Die schlechte Rentabilität trieb bloss bestimmte Teile der deutschen
Industrie vor anderen dazu an, die Entwicklung zu forcieren.
Die herrschende Klasse hat sich gewandelt. Ihre Mitglieder
sind nicht identisch mit den Inhabern des kapitalistischen Eigentums.
Das gespaltene Gros der Aktionäre war längst der Führung
des Direktoriats verfallen. Mit dem Fortschritt des Betriebs von
einer unter vielen konkurrierenden Wirtschaftseinheiten zur uneinnehmbaren
sozialen Machtstellung des modernen Konzerns gewann
die Betriebsführung absolute Gewalt. Der Umfang und die
Differenziertheit der Werke hat eine Bürokratie geschaffen, deren
Spitze mit dem Kapital der Aktionäre notfalls gegen diese ihre
eigenen Ziele verfolgt. Derselbe Grad der organischen Zusammensetzung
des Kapitals, der den ökonomischen Anreiz zu weiteren
Investitionen vermindert, ermöglicht es den Leitern, im Zug
politischer Machinationen den Produktionsmechallismus zu bremsen,
ja die Räder stillzustellen, ohne selber viel zu spüren. Die
Direktorengehälter können sich zuzeiten \“on den Bilanzen emanzipieren.
An die Stelle der juristischen Eigentümer tritt die hohe
industrielle Bürokratie. Es zeigt sich, dass die reale Verfügung,
der physische Besitz und nicht das nominelle Eigentum sozial
entscheidend ist.
Die juristische Form, die über das Glück des Individuums real
bestimmte, hat gesellschaftlich immer zur Ideologie gehört. Die
enteigneten Gruppen der Bourgeoisie klammern sich jetzt an die
hypostasierte Form des Privateigentums und nrnunzieren den
Faschismus als neuen Bolschewismus, währenrl dieser umgekehrt
die Form der Vergesellschaftung des Eigentums theoretisch hypostasiert
und in der Praxis die Monopolisierung des Produktionsapparats
nicht zu unterbinden vermag. Ob es der Staat den Seinen unter
dem Titel von regulierten Privatgewinnen oder direkt als Beamtengehälter
zukommen lässt, ergibt noch keinen wesentlichen Gegensatz.
Die Juden und Europa 121
Die faschistische Ideologie verschleiert das gleiche Verhältnis wie
die alte hannonistische : die Herrschaft einer Minderheit auf Grund
des faktischen Besitzes der materiellen Produktionswerkzeuge.
Das Profitstreben endet heute in dem, was es stets schon war :
im Streben nach gesellschaftlicher Macht. Das wahre Selbst deli
juristischen Eigentümers der Produktionsmittel tritt ihm als
faschistischer Kommandant von Arbeiterbataillonen gegenüber.
Die soziale Herrschaft, die mit ökonomischen Mitteln nicht zu
halten war, weil das private Eigentum sich überlebt hat, wird mit
direkt politischen fortgesetzt. Diesem Zustand gegenüber repräsentiert
der Liberalismus noch in seiner Verfallsfonn das grösstmögliche
Glück der grösstmöglichen Anzahl. Denn die Menge des
Unglücks, das die Majorität in den kapitalistischen Mutterländern
erlitt, ist kleiner als die heute auf die verfolgten Minoritäten
konzentrierte.
Der Liberalismus ist nicht wieder einzurichten. Er hinterlässt
ein demoralisiertes, von den Führern verratenes Proletariat, in dem
die Arbeitslosen eine Art amorpher Klasse bilden, die geradezu nach
Organisierung von oben schreit, Bauern, deren Produktionsmeth0-
den und Bewusstseinsformen hinter der technischen Entwicklung
weit zurückgeblieben sind, und die Generäle der Industrie, des
Heeres und der Verwaltung, die sich verständigen und die Neuordnung
in die Hand nehmen.
•• •
Nach dem hundertjährigen Zwischenspiel des Liberalismus
ist die Oberschicht in den faschistischen Ländern auf ihre Grundeinsichten
zurückgekommen. Die Existenz der Individuen wird
im 20. Jahrhundert wieder bis in alle Einzelheiten kontrolliert. Ob
nach der Entfesselung der Kräfte in der Industriegesellschaft die
totalitäre Unterdrückung auf die Dauer möglich ist, lässt sich nicht
deduzieren. Deduzierbar war der ökonomische Zusammenbruch,
nicht die Revolution. Theorie und Praxis sind nicht unmittelbar
identisch. Nach dem Krieg war die Frage praktisch gestellt. Die
deutschen Arbeiter besassen die Qualifikation zur neuen Einrichtung
der Welt. Sie wurden besiegt. Wie weit der Faschismus sein Ziel
erreieht, wird sich erst in den Kämpfen der Epoche zeigen. Die
Anpassung der Individuen an ihn drückt auch rationale Fähigkeiten
aus. Dass nach dem Verrat der eigenen Bürokratie seit 1914,
nach der Entwicklung der Parteien in welt umspannende Maschinerien
zur Vernichtung der Spontaneität. nach der Ermordung der
Revolutionäre die Arbeiter sich gegen die totalitäre Ordnung
122 Max Horkheimer
neutral verhalten, ist kein Zeichen der Verblödung. Die Erinnerung
an die vierzehn Jahre hat mehr Reize für die Intellektuellen
als für das Proletariat. Der Faschismus hat ihm vielleicht nicht
weniger zu bieten als die Weimarer Republik, die den Faschismus
aufzog.
Die totalitäre Gesellschaft hat ökonomische Chancen auf lange.
Frist. Zusammenbrüche stehen nicht in naher Aussicht. Die
Krisen waren rationale Zeichen, die entfremdete Kritik der Marktwirtschaft,
die, wenn auch blind, am Bedürfnis orientiert war.
In der totalitären Wirtschaft erscheint der Hunger zu Kriegs- und
Friedenszeiten nicht so sehr als Störung wie als vaterländische
Pflicht. Für den Faschismus als Weltsystem wäre ökonomisch
kein Ende abzusehen. Die Ausbeutung reproduziert sich nicht
mehr planlos über den Markt, sondern in der bewussten Ausübung
der Herrschaft. Die Kategorien der politischen Ökonomie
: Äquivalententausch, Konzentration, Zentralisation, sinkende
Profitrate und so fort haben auch heute noch reale Gültigkeit,
nur ist ihre Konsequenz, das Ende der politischen Ökonomie,
erreicht. Die Konzentration in den faschistischen Ländern
schreitet eilends fort. Sie ist jedoch in die Praxis planmässiger
Gewalt eingegangen, die die sozialen Gegensätze unmittelbar zu
meistern sucht. Die Ökonomie hat keine selbständige Dynamik
mehr.‘ Sie verliert ihre Macht an die ökonomisch Mächtigen.
Das Versagen der freien Marktwirtschaft offenbart die Unfähigkeit
weiterer Fortschritte in den Formen der antagonistischen Gesellschaft
überhaupt. Der Faschismus kann trotz des Krieges weiterleben,
wenn die Völker nicht begreifen, dass die Kenntnisse
und Maschinen, die sie besitzen, nicht der Verewigung der Macht
und des Unrechts, sondern ihrem eigenen Glück zu dienen haben.
Er ist nicht rückständig im Vergleich zum bankrotten laissezfaire
Prinzip, sondern zu dem, was für die Menschen erreichbar
wäre.
Selbst wenn es gelungen wäre, die Rüstungen zu limitieren und
die Erde aufzuteilen, worin die Konzerne mit gutem Beispiel vorangehen
(es ist etwa an die Bestrebungen zum britisch-deutschen,
darüber hinaus zum europäischen, Kohlenkartell zu denkenl», so
hätte der Faschismus keine Verlegenheit zu befürchten gebraucht.
Es sind unzählige Werke zu verrichten, die Arbeit und Brot geben
und zugleieh die Individuen nicht übermütig werden lassen.
Mandeville, der wusste, worauf es ankam, hat schon zu Beginn des
Kapitalismus das Fernziel faschistischer Arbeitsbeschaffung desig-
1) Frankfurter Zeitung, 2. Februar und 9. MArz 1939.
Die Juden und Europa 123
niert : „Es gibt bei uns noch für hunderttausend Arme mehr,
als wir tatsächlich haben, Arbeit auf drei- bis vierhundert Jahre
hinaus. Um unser Land in allen Teilen nutzbar und im ganzen
stattlich bevölkert zu machen, wären viele Flüsse schiffbar zu
machen und zahlreiche Kanäle anzulegen. Manche Gegenden
wären zu entwässern und für die Zukunft gegen Überschwemmungen
zu schützen. Weite Strecken dürren Bodens wären fruchtbar,
viele Quadratmeilen Landes leichter zugänglich und damit einträglicher
zu machen. Dii laboribus omnia vendunt. Es gibt
keine Schwierigkeiten auf diesem Gebiete, die Arbeit und Ausdauer
nicht zu bewältigen vermöchten. Die höchsten Berge lassen sich
in die Täler stürzen, die bereitstehen, sie in sich aufzunehmen,
und Brücken können geschlagen werden, wo wir jetzt gar nicht
würden daran zu denken wagen. „1) … „Es ist Sache des Staats,
den sozialen Missständen abzuhelfen und das zuerst in die Hand zu
nehmen, was von seiten der Privatpersonen am meisten vernachlässigt
wird. Gegensätze werden am besten durch Gegensätze geheilt;
und ·da im Falle nationalen Versagens das Beispiel mehr wirkt als
das Gebot, so sollte die Regierung sich zu irgendeinem grossen
Unternehmen entschliessen, das lange Zeit hindurch gewaltige
Arbeit beanspruchen müsste, und sollte so die Welt davon überzeugen,
dass sie nichts tut ohne ängstliche Rücksicht auf die spät.
este Nachkommenschaft. Dies wird festigend wirken auf den
schwankenden Geist und den luftigen Sinn des Volkes, es wird uns
daran erinnern, dass wir nicht blass für uns selbst leben, und wird
schliesslich ein Mittel sein, um die Menschen weniger misstrauisch
zu machen und ihnen dafür mehr wahrhafte Vaterlandsliebe und
treue Anhänglichkeit an den heimatlichen Boden einzuflössen,
was für die Höherentwicklung einer Nation vor allem anderen
notwendig ist. „2)
Der Terror, zu dem die herrschende Klasse dabei ihre Zuflucht
nimmt, ist seit Macchiavelli von den Autoritäten immer wieder
empfohlen worden. „Das wilde Tier, das man Volk nennt, bedarf
notwendig der eisernen Führung : ihr seid sogleich verloren, wenn
ihr zulasst, dass es seiner Kraft bewusst wird. .. Das regierte
Individuum bedarf keiner anderen Tugend als der Geduld und der
Unterordnung; Geist, Talente, Wissenschaften gehören auf die
Seite der Regierung. Das grösste Unglück resultiert aus dem
Umsturz dieser Grundsätze. Die wirkliche Autorität der Regie-
1) Mandevilles Bienenfabel, hrsg. v. Otto Bobertag, Georg Müller. München 1914-
Eine Abhandlung über Barmherzigkeit, Armenpßege und Armenschule, S. 283 f.
I) ib.. S. 286 f. .
124 M.ax Horkheimer
rung wird aufhören, wenn jeder sich berufen glaubt, sie zu teilen;
der Schrecken der Anarchie geht aus solcher Extravaganz hervor.
Das einzige Mittel, diese Gefahren zu vermeiden, ist, die Kette
möglichst anzuspannen, strengste Gesetze zu erlassen, die Aufklärung
des Volkes zu verweigern, vor allem sich der fun esten Pressefreiheit
zu widersetzen, dem Ursprung aller Kenntnisse, die das
Volk entfesseln, und es zum Schluss durch schwere und vielfache
Strafen zu erschrecken… Bilden Sie sich nicht ein, .. dass ich
unter dem Volk die Klasse verstehe, die man als dritten Stand
bezeichnet; gewiss nicht. Ich nenne Volk die feile und verächtliche
Klasse, die, wie der Abschaum der Natur, auf unsere Erde
geworfen, nur· im Schweiss ihres Angesichts existieren kann. „1)
Was die Nationalsozialisten wissen, hat man schon vor hundert
Jahren gewusst. „Man sollte Menschen nur in der Kirche oder
unter den· Waffen versammeln; da überlegen sie nicht, sie hören
und gehorchen. „I) An die Stelle der Peterskirche rückt der
Berliner Sportpalast.
Nicht bloss die dunklen Philosophen, die bei den ideologischen
Na~hfahren als unmenschlich gelten, haben die Abhängigkeit des
Volkes als Voraussetzung stabiler Zustände erklärt, sie haben die
Verhältnisse nur deutlicher bezeichnet als die Idealisten. Der
Späte Kant ist von den Freiheitsrechten der .unteren Schichten
Hicht viel überzeugter als Sade und Bonald. Nach der praktischen
Vernunft hat das Volk zu parieren wie im Zuchthaus, nur mit dem
Unterschied, dass es neben den Schergen der jeweiligen Macht auch
noch sein eigenes Gewissen als Gefängniswärter und Antreiber
haben soll. „Der Ursprung der obersten Gewalt ist für das Volk,
das unter derselben steht, in praktischer Absicht unerforschlich :
d. i. der Unterthan soll nicht über diesen Ursprung .. werkthätig
vernünfteln .. ; denn wollte der Unterthan, der den letzteren
Ursprung nun ergrübelthätte, sich jener jetzt herrschenden Autorität
widersetzen, so würde er nach den Gesetzen derselben, d. i. mit
allem Recht, bestraft, vertilgt, oder (als vogelfrei, exlex) ausgestossen
werden. „3) Kant bekennt sich zu der Lehre, „dass dem; welcher
sich im Besitz der zu oberst gebietenden und gesetzgebenden
Gewalt über ein Volk befindet, müsse gehorcht werden, und zwar
50 juridisch-unbedingt, dass auch nur nach dem Titel dieser seiner
1) De Sade. Histoire de Justine, t. IV,en Hollande 1797, S. 275/78.
2) de Bonald, Pensees sur divers sujets et discours politiques. ffiuvres, tome VI.
fiaris Hst 7. S. 147.
3) Kant, Die l\Ietaph~’sik der Sitten, erster Theil. Metaphysische Anfangsgründe
der Rechtslehre, zweiter Theil. erster Abschnitt. Akademieausgabe. Bd. VI, S .. 318 f.
Die Juden und Europa 125
Erwerbung öffentlich zu forschen, also ihn zu bezweifeln, um sich
bei etwaniger Ermangelung desselben ihm zu widersetzen, schon
strafbar, dass es ein kategorischer Imperativ sei : Gehorchet der
Obrigkeit (in allem, was nicht dem inneren Moralischen widerstreitet),
die Gewalt über euch hat. „1) Aber der Kant-Kenner weiss :
das „innere Moralische“ kann nie gegen eine harte Arbeit protestieren,
die von der jeweiligen Gewalt befohlen ist.
Die faschistische Verstaatlichung, die Aufstellung eines terroristischen
Parteiapparats neben der Administration, ist das Gegenteil
VOll Vergesellschaftung. Nach wie vor funktioniert das Ganze
für die Interessen einer festen Gruppe. Das Kommando über
fremde Arbeit durch die Bürokratie ist jetzt formell die letzte
Instanz, das Kommando der konkurrierenden Eigentümer nur
delegiert, aber die Gegensätze verwischen sich : die Eigentümer
werden Bürokraten und die Bürokraten Eigentümer. Der Begriff
des Staates verliert vollends seinen Widerspruch zum Begriff
einer herrschenden Partikularität, er ist der Apparat der koalierten
Führer, ein privates Machtwerkzeug, und dies je mehr er sich verselbständigt,
je mehr er vergottet wird. Sowohl in Italien wie
auch in Deutschland wurden gros se gemeinnützige Unternehmungen
reprivatisiert. In Italien sind elektrische Betriebe, die Monopole
des Telephons, der Lebensversicherung und andere staatliche und
städtische Verwaltungen, in Deutschland vor allem die Banken an
private Gesellschaften übergegangen.2) Davon profitieren freilich
nur die Grossen. Dass der mittlere Unternehmer gegen die
Konzerne in Schutz genommen werde, erweist sich auf die Dauer
als purer Propagandaschwindel. Die Zahl der Gesellschaften,
welche die gesamte Industrie beherrschen, wird immer kleiner.
Unter der Oberfläche des Führerstaats spielt sich ein wütender
Kampf der Interessenten um die Beute ab. Die deutschen und
sonstigen Eliten in Europa, welche die Absicht, die Bevölkerung
in Schach zu halten, miteinander teilen, würden ohne
dies einigende Band sich drinnen und draussen längst bekriegt
haben. Innerhalb der totalitären Staaten ist diese Spannung so
gross, dass Deutschland über Nacht in ein Chaos von Gangsterkämpfen
sich auflösen könnte. Die Geste der Tragik so gut wie
die unablässige Versicherung vieltausendjähriger Dauer in der
nationalsozialistischen Propaganda reflektierten von Anbeginn die
1) a. a. 0., Anhang, S. 371.
„) Vgl. für Italien: u. a. Perroux, Economie corporative et systeme capitaliste.
In : Revue d’Economie politique. Sept./Oct. 1933; für Deutschland: u. a. Frankfurter
Zeitung, 21. Juli 1936 und 26. Februar 1937.
126 Max Horkheimer
Ahnung solcher Hinfälligkeit. Nur weil die berechtigte Angst vor
den Massen alle immer wieder zusammenbringt, lassen sich die
Unterführer schliesslich vom Mächtigsten integrieren und notfalls
massakrieren. Hinter der Einheit und Harmonie ist, mehr als es
je im Kapitalismus der Fall war, die Anarchie verborgen, hinter
der Planmässigkeit das atomistische Privatinteresse. Es findet ein
Ausgleich statt, der gegenüber menschlichen Bedürfnissen nicht
weniger zufällig ist als ehemals die Preisskala freier Märkte. Die
Kräfte, welche die Verteilung der gesellschaftlichen Energien auf
die verschiedenen Produktionszweige bewirken, sind bei aller Lenkung
so irrational wie die Mechanismen der Profitwirtschaft, die
der menschlichen Macht sich entzogen hatten: Die Freiheit der
Führer ist Trug wie die des Geschäftsmanns; wie er vom Markt
abhing, hängen sie von blinden Konstellationen ab. Das Rüsten
wird ihnen durch das Spiel zwischen den Gruppierungen, durch die
Angst vor den eigenen und fremden Völkern, durch die Abhängigkeit
von Teilen der Geschäftswelt ebenso diktiert wie die Vergrösserung
der Fabriken den Unternehmern in der Industriegesellschaft,
diktiert durch soziale Gegensätze, nicht durch die Auseinandersetzung
der Menschen mit der Natur, von der eine vernünftige
Gesellschaft sich einzig noch bestimmen liesse. Die Stabilität des
Faschismus beruht auf der Allianz gegen die Revolution und der
Ausschaltung des ökonomischen Korrektivs. Das atomistische
Prinzip, nach dem der Erfolg des einen mit depl Elend des anderen
zusammenhing, ist heute noch verschärft. In den faschistischen
Verbänden herrschen Gleichheit und Brüderlichkeit nur an der
Oberfläche. Der Kampf um den Aufstieg in der barbarischen
Hierarchie macht aus den Genossen präsumptive Gegner. Der
Umstand, dass in der Kriegswirtschaft mehr Arbeitsplätze als
Arbeiter vorhanden sind, hebt den Konflikt aller mit allen nicht
auf. Die Unterschiede zwischen den Löhnen in den einzelnen
Fabriken, für Männer und Frauen, für Arbeiter und Angestellte.
für verschiedene Kategorien von Proletariern sind krasser als
früher. Mit der Abschaffung der Arbeitslosigkeit ist die Vereinsamung
der Menschen nicht durchbrochen worden. An die Stelle
der Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes tritt die Furcht vor
dem Staat. Die Angst atomisiert.
Das gemeinsame Interesse aller Ausgebeuteten ist heute, wo es
stärker ist als je, weniger als je zu erkennen. Auf der Höhe des
Liberalismus blieb trotz aller Krisen das Proletariat mit dem
Prozess der Warenproduktion verbunden, die Arbeitslosigkeit des
einzelnen ging vorüber. Die Arbeit der Proletarier in der Industrie
bildete die Basis der Solidarität, wie noch die Sozialdemokratie sie
verstand. In der Zeit, die dem Faschismus unmittelbar vorhergeht.
Die Juden und Europa 127
wird ein grosser Teil der Bevölkerung dauernd arbeitslos und verliert
das Rückgrat. Die Banden der technischen Nothilfe haben
auch den beschäftigten deutschen Arbeitern demonstriert, wie
schwach sie waren. Je weiter zudem die mit der ökonomischen
Ohnmacht gesetzte Vernichtung jeder Spontaneität durch die Politik
. der alten Massenparteien getrieben wurde, um so leichter konnten
die Opfer von der neuen erfasst werden. Hier wie dort ist der Kollektivismus
die Ideologie der atomisierten Masse, die ganz Objekt
der Herrschaft ist. Wie die Arbeit unter dem Diktat des Staates
erscheint der vom Staat propagierte Glaube an Führer und Gemeinschaft
als Ausweg aus dem trostlosen Dasein. Der Glaube lebt
davon, dass es wieder regelmässig Arbeit gibt. Jeder weiss, was er
zu tun hat und wie ungefähr der nächste Tag aussieht. Man ist
kein Bettler mehr, und wenn es Krieg gibt, stirbt man nicht allein.
Die Volksgemeinschaft setzt die Ideologie von 1914 fort. Nationale
Aufbrüche sind der erlaubte Ersatz für die Revolution.
Unbewusst realisieren sie das Grauen ihrer Existenz, das zu ändern
sie doch nicht vermögen. Die Erlösung muss von oben kommen.
So unaufrichtig aber der Glaube an die Nichtigkeit des einzelnen.
an das überleben des Volkes oder an die Führer als Gestalten
immer sein mag, gegenüber dem ausgehöhlten Christentum drückt
er wenigstens eine Erfahrung aus. Verlassen ist die Gefolgschaft
auch von den vergötzten Führern, aber nicht so verlassen wie seit
je vom wahren Gott.
über die Zustände vor seinem Machtantritt geht der Faschismus
nicht bloss negativ; sondern positiv hinaus. Wenn die Lebensformen
der liberalistischen Phase des Kapitalismus hemmende Funktionen
hatten, wenn die idealistische Kultur schon zum Gespött
geworden war, muss ihre Demolierung im Faschismus auch Kräfte
frei machen. Der falschen Sicherheiten wird das Individuum
beraubt, die faschistische Rettung von Eigentum, Familie, Religion
lässt nicht viel von ihnen übrig. Die Massen werden zu mächtigen
Instrumenten, und die Macht der vom fremden Willen durchströmten
totalitären Organisation ist der Schwerfälligkeit des Reichstags
überlegen, der vom eigenen Willen des Volkes getragen war.
Die Zentralisation der Verwaltung, die der Nationalsozialismus in
Deutschland vorgenommen hat, löst eine alte bürgerliche Forderung
ein, die anderswo im siebzehnten Jahrhundert schon erfüllt war.
Der demokratische Zug des neuen Deutschlands, die formelle
Abschaffung der Stände ist bürgerlich rationell. Richelieu freilich
ist energischer mit den Feudalen umgesprungen als Hitler mit der
~ogenannten Reaktion. Der grosse Grundbesitz erfreut sich noch
des gut getarnten Schutzes vor der Siedlungspolitik. Der inneren
Schlagkraft entsprechen die Erfolge der faschistischen Aussenpoli128
Max Horkheimer
tik. Sie beglaubigen die Versprechungen des Regimes. Der
wichtigste Grund der Indolenz, mit dem es von den Massen geduldet
wird, ist die kühle Erwartung, es möchte den brüchigen Staatsgebilden
ringsum einiges abtrotzen, was auch dem kleinen Mann zugute
kommt. Nach der Phase der Eroberungen, die freilich erst begonnen
hat, hotTt der Nationalsozialismus, den Massen so viel abzugeben,
wie geschehen kann, ohne Opfermut und Disziplin etwas zu
entziehen. Im Faschismus nimmt hier der Umfang an Betriebsunfällen,
dort der Umsatz bei den Sektfabriken zu, aber die
Gewissheit, dass es weiter Arbeit gibt, wirkt schliesslich als die
bessere Demokratie. Unter Wilhelm wurde das Volk nicht mehr
respektiert als unter Hitler. Einen langen Krieg wird es schwerlich
zulassen.
Wahr ist, die Produktivkräfte werden im Faschismus stärker
unterdrückt als je zuvor. Die Erfindung von ErsatzstotTen bietet
keinen Ersatz für die Verstümmelung der menschlichen Anlagen,
die bis zur Vernichtung des Menschlichen geht. Aber dies setzt
bloss einen Prozess fort, der ohnehin katastrophisches Ausmass
angenommen hatte. In der jüngsten Phase, der faschistischen,
verstärken sich auch die Gegentendenzen. Der Gedanke von
Nation und Rasse überschlägt sich. Im Grund glauben die Deutschen
nicht mehr daran. Die Auseinandersetzung zwischen Liberalismus
und totalitärem Staat verläuft nicht mehr gemäss den
Landesgrenzen. Der Faschismus erobert von aussen und innen
zugleich. Zum ersten Mal ist die ganze Welt in dieselbe politische
Entwicklung gerissen. Indien und China sind nicht mehr
blosse Randgebiete, historische Grössen sekundärer Ordnung, sie
sind von der gleichen Spannung erfüllt wie die hochkapitalistischen
Länder.
Die Lüge von der Gerechtigkeit innerhalb der modernen Gesellschaft,
die Lüge von der freien Bahn, die Lüge vom Gottesurteil des
Erfolgs, alle Kulturlügen, die das Leben vergifteten, sind durchsichtig
gl’worden oder abgeschafft. Die Bürokratie entscheidet über
Leben und Tod. Sie schiebt die Verantwortung für das Scheitern
von Existenzen nicht wie die alten Kapitalisten auf Gott, sondern
auf die staatliche Notwendigkeit. Wahrscheinlich treffen die
unm<:’nschlichen Figuren, die jetzt über Menschen verfügen, keine
ungc’fcchtcre Auswahl als der Markt, den der blosse Wille zum
Profit bewegte. Der Faschismus hat die Verfügung über die Produktionsmittel
für die Minderheit. gerettet, die als entschlossenste
aus dem Konkurrenzkampf hervorgegangen ist. Er ist die zeitgemässe
Form. Auch wo in Europa der Faschismus nicht an der
Macht ist, regen sich starke gesellschaftliche Tendenzen, welche dip.
administrative, juristische, politische Apparatur in den autoritären
Die Juden und Europa 12~
Stand setzen wollen. Schon aus Konkurrenzgründen, dem wahren
liberalistischen Motiv, sind die Kapitalisten und was an ihnen
hilngt dazu getrieben. „If theBritish Government „, schr~ibt
der Whaley-Eaton Service, „is force Ii to choose between active
inflation and totalitarian control of finance and industry, it will
take the latter course. „1) Ob man es bei Halbheiten und Kompromissen
lange bewenden lässt, steht dahin .
•• •
So steht es mit den Juden. Sie weinen der Vergangenheit
viele Tränen nach. Dass es ihnen im· Liberalismus besfer ging.
verbürgt nicht seine Gerechtigkeit. Selbst die französische Revolution,
die der bürgerlichen Wirtschaft politisch zum Sieg verhalf
und den Juden die Gleichheit gab, war zweideutiger, als sie sich
heute träumen lassen. Nicht die Ideen sondern der Nutzen
bestimmt das Bürgertum. „Die revolutionären Änderungen herbeizuführen
„, sagt Mornet, „hat man sich erst entschieden, weil
man darüber nachgedacht. Solches Nachdenken war nicht die
Sache einiger weniger avancierter Geister; es war eine sehr zahlreiche
Elite, die über ganz Frankreich die Ursache der Übel und
die Natur der Abhilfe diskutierte. „I) Nachdenken heisst hier
kalkulieren. Soweit die Revolution über die ökonomisch wünschenswerten
Ziele hinausschoss, wurden die Dinge später wieder
eingerenkt. Man kümmerte sich nicht so viel um Philosophie wie
um Schwerfälligkeiten der Verwaltung, um provinzielle und staatliche
Reformen. Die Bürger waren stets Pragmatisten, sie hatten
ihr Eigen~um im Auge. Ihm zuliebe fielen die Privilegien. Auch
die radikalere, durch den Sturz der Terroristen unterbrochene
Entwicklung wies nicht bloss in die Richtung· grösserer Freiheit.
Schon damals war man vor die Wahl verschiedener Formen der
Diktatur gestellt. Robespierres und Saint Justs Pläne sahen
etatistische Elemente, eine Befestigung des bürokratischen Apparats
vor, ähnlich den autoritären Systemen der Gegenwart. Die . .;.
Ordnung, die 1789 als fortschrittliche ihren Weg antrat, trug
von Beginn an die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich.
Trotz aller grundlegenden Verschiedenheit zwischen dem Wohlfahrtsausschuss
und den Führern des Dritten Reichs; denen erstaunliche
Parallelen entgegenzuhalten sind, entspringt ihre Prax;~
1) Whaley-Eaton Foreign Service, Letter 1046, ~Iay 2, 1939.
2) D. Mornet, Les origines intellectuelles de la Revolution Fral1~aisc. PJris un.
S.2.
130 Max Horkheimer
derselben politischen Notwendigkeit : die Verfügung über die
Produktionsmittel den Gruppen zu erhalten, die sie schon innehaben,
damit die anderen bei der Arbeit ihrer Leitung unterstehen.
Politische Freiheit für jedermann, die Gleichberechtigung der Juden
und alle humanen Institutionen wurden als Mittel akzeptiert, um
den Reichtum ausgiebig zu verwerten. Die demokratischen Einrichtungen
förderten das Angebot billiger Arbeitskräfte, die Möglichkeit,
sicher zu kalkulieren, die Ausbreitung des freien Verkehrs.
Mit der Änderung der Verhältnisse verlieren die Einrichtungen den
utilitären Charakter, dem sie ihr Dasein verdanken. Vernünftigkeit,
die den spezifischen Verwertungsbedingungen auf der je
erreichten Stufe zuwiderläuft, hat auch der jüdische Unternehmer
für verstiegen oder subversiv gehalten. Diese Art von Rationalität
wendet sich jetzt gegen ihn. Der Wirklichkeit, in der die Juden
gross geworden sind, war eine natürliche Moral immanent, nach
der sie jetzt zu leicht befunden werden, die Moral der ökonomischen
Macht. Dieselbe Rationalität, nach der unterlegene Konkurrenten
schon immer ins Proletariat versanken und um ihr Leben betrogen
waren, diese ökonomische Zweckmässigkeit hat jetzt auch den
Juden das Urteil gesprochen. Wieder diskutiert eine zahlreiche
Elite, diesmal nicht bloss über Frankreich, sondern über ganz
Europa, „die Ursache der Übel und die Natur der Abhilfe H. Das
Resultat ist für die Juden schlecht. Sie kommen unter die Räder.
Andere als sie sind heute die Tüchtigsten : die Führer der neuen
Ordnung in Wirtschaft und Staat. Dieselbe ökonomische Notwendigkeit,
die irrational das Heer der Arbeitslosen schuf, hat sich
jetzt in Gestalt wohl abgewogener Verordnungen gegen ganze
Minderheiten gewandt.
Die Sphäre, die für das Schicksal der Juden in doppelter Weise
bestimmend war, als der Ort ihres Erwerbs und als das Fundament
der bürgerlichen Demokratie : die Sphäre der Zirkulation verliert
ihre ökonomische Bedeutung. Die berühmte Macht des Geldes
ist im Schwinden begriffen. Im Liberalismus knüpft es die Kapitalmacht
an die Erfüllung nützlicher Funktionen. Aus dem
Wachstum oder Schwinden des Geldkapitals, das dem Unternehmer
als Ergebnis jeder Unternehmung am Ende wieder zufloss,
konnte er ersehen, ob und in welchem Umfang sie für die bestehende
Gesellschaft nützlich war. Das Urteil des Marktes über die Verkäuflichkeit
der Waren deklarierte ihren Anteil am Fortgang des
allgemeinen Lebens. Mit der zunehmenden Ausschaltung des
Marktes fällt auch die Rolle des Geldes als des Materials weg, in
dem die Deklaration sich vollzog. Die Bedürfnisse werden jetzt
Dicht angemessener und gerechter befriedigt als durch den mechanischen
Ausgleich verschieden equipierter Kapitalinteressen. Nur
Die Juden und Europa 131
wird der Urteilsspruch des Marktes darüber, wie jeder leben darf,
der Spruch über Wohlsein und Elend, Hunger und Macht, mit dem
auch die herrschenden ökonomischen Gruppen immerhin zu rechnen
hatten, jetzt von ihnen selbst gefällt. Die Anonymität ist in
Planmässigkeit übergegangen, an statt in die freie der geeinten
Menschheit in die abgefeimte ihrer verschworenen Todfeinde.
Anonym war früher nicht bloss der Urteils spruch, er visierte auch
dic Sünder und Auserwählten des Produktionsprozesses ohne
Ansehen ihrer menschlichen Besonderheit, er tat den Personen die
Ehre an, sie zu ignorieren. Soweit war er menschlich in seiner
Unmenschlichkeit. Im Führerstaat werden die, die leben und die
sterben sollen, vorsätzlich designiert. Die Juden sind als Agenten
der Zirkulation entmachtet, weil die moderne Struktur der
Wirtschaft die ganze Sphäre weithin ausser Kurs setzt. Sie werden
als erste Opfer vom Diktat der Herrschenden getroffen, das die
ausgefallene Funktion übernimmt. Die staatliche Manipulierung
des Geldes, die ohnehin den Raub als notwendige Folge hat, schlägt
in die brutale Manipulierung seiner Repräsentanten um.
Die Juden werden sich ihrer Verzweiflung bewusst, wenigstens
die, die es schon getroffen hat. Wer in England und Frankreich
noch mit den Ariern über die Steuern schimpfen darf, sieht die
flüchtigen Rassegenossen nur ungern über die Grenze kommen; die
Faschisten berechnen solche Verlegenheit voraus. Die Ankömmlinge
haben eine schlechte Aussprache und unbeholfene Manieren im
neuen Land. Man sieht es den Koryphäen nach. Die anderen sind
wie Ost juden oder noch Schlimmeres : politisch Anrüchige. Sie kompromittieren
die eingesessenen, die sich da zuhause fühlen und die
wiederum den eingesessenen Christen auf die Nerven gehen. Als ob
der Begriff des Zuhause in einer grauenvollen Wirklichkeit nicht
jedem einzelnen der Judenheit, die es seit Jahrtausenden erfahren
hat, ein Zeichen der Lüge und des Hohnes sein sollte, als ob die
Juden, die sich irgendwo noch eingesessen wähnen, im Innersten
nicht wüssten, dass sich die saubere Hausordnung, von der sie profitieren,
morgen schon gegen sie selbst kehrt. Die Ankömmlinge sind
jedenfalls unbequem. Die ideologische Praxis, die dahin treibt,
Objekte des sozialen Unrechts im Geist noch einmal zu erniedrigen,
um dem Unterschied den Anstric~. der Vernunft zu geben, diese
seit Aristoteles schon klassische Ubung der Herrscherschichten,
von der auch der Antisemitismus lebt, ist jüdisch nicht weniger
als gentil; sie gehört zu jeder antagonistischen Gesellschaft. Wer
in dieser Wirtschaft unterliegt, darf von denen, die zu ihr beten,
in der Regel nichts anderes erwarten als die Anerkennung des
ökonomischen Urteils, das ihn enteignet hat, des anonymen oder
des namentlichen. Wahrscheinlich sind die Betroffenen so schuld132
Max Horkheimer
los nicht. Wie sollten arrivierte Juden oder Arier draussen, die
mit der Verelendung sozialer und nationaler Gruppen, mit der
Massenarmut in Mutter- und Tochterländern, mit den ordentlichen
Zucht- und Irrenhäusern stets sich abgefunden haben, angesichts
der deutschen Juden zur Besinnung kommen?
Der nationalsozialistische Plan, was von ihnen übrig bleibt,
ins Lumpenproletariat hinabzustossen, bezeugt aufs neue, dass
seine Urheber die Umwelt ausgezeichnet kennen. Sind die Juden
einmal verlumpt, wird ihnen auch das flüchtige Gefühl der
bürgerlichen Klassensolidarität nicht mehr zugutekommen : die
Entrüstung, dass auch reiche Leute nicht mehr sicher sind. Arme
Juden sind weniger bedauernswert. Arme Leute muss es geben,
die Welt kann man nicht ändern. Zwischen den ungestillten
Bedürfnissen der Ohnmächtigen und den unstillbaren Bedürfnissen
der Mächtigen besteht eine prästabilierte Harmonie. Die Unteren
dürfen nicht· zu glücklich werden, sonst hören ’sie auf, Objekte zu
sein. Die Wut aber, die durch das Elend erzeugt wird, die tiefe,
inbrünstige, geheime Wut der an Leib und Seele Abhängigen
betätigt sich dort, wo Gelegenheit ist, also gegen das Schwache
und Abhängige selbst. Die Arbeiter in Deutschland, die durch die
Schule einer revolutionären Denkart gegangen sind, haben den
Pogromen mit Ekel zugesehen .: wie die Bevölkerung anderer
Länder sich verhielte, weiss man nicht genau. Wo die auswandernden
Juden ankommen, finden sie, wenn das Interesse wieder
abnimmt und der Alltag beginnt, bei allem Wohlwollen aufgeklärter
Geister die Kälte der Konkurrenz und den dumpfen, ziellosen
Hass der Menge vor, der aus mehr als einem Grund an ihrem
Anblick Nahrung findet.
Heute gegen den Faschismus auf die liberalistische Denkart
des 19. Jahrhunderts sich berufen, heisst an die Instanz appellieren,
durch die er gesiegt hat. Die Parole „freie Bahn dem Tüchtigen“
kann der Sieger für sich in Anspruch nehmen; Er hat den nationalen
Konkurrenzkampf so gut bestanden, dass er ihn abschaffen
kann. Laissez-faire, laissez-aller, könnte er fragen, warum soll
ich nicht machen, was ich will? Für keine kleineren Massen bin
ich Arbeit- und Brotgeber als irgendein Wirtschaftsc~ampion
freien Stils. Ich bin auch in der Chemie voran. Proleten, Kolonialvölker,
unzufriedene Elemente beklagen sich. Mein Gott,
haben sie das nicht schon immer getan-?
Die Hoffnung der Juden, die sich an den zweiten Weltkrieg
heftet, ist armselig. Wie er auch enden mag, die lückenlose
Militarisierung führt die Welt weiter in autoritär-kollektivistische
Lebensformen hinein. Die deutsche Kriegswirtschaft im ersten
Weltkrieg war eine Vorform moderner Jahrespläne, die ZwangsauaDie
Juden und Europa 133
hebung im neuzeitlichen Volkskrieg ist ein Hauptstück totalitärer
Technik. Den Arbeitskolonnen, die der Rüstungsindustrie, dem
Bau von immer neuen Autostrassen, Untergrundbahnen und
Gemeinschaftshäusern zugewiesen waren, bringt die Mobilmachung
nicht viel Neues, es sei denn das Massengrab. Das unablässige
Ausheben des Erdreichs im Frieden war schon der Stellungskrieg.
Ob Krieg ist, bleibt heute den Kämpfenden selbst zuweilen verborgen.
Die Begriffe heben sich nicht mehr wie im 19. Jahrhundert
klar voneinander ab. Die Umsiedlung der Völker in den Unterstand
ist Hitlers Triumph, selbst wenn er geschlagen wird. Vielleicht
werden dann die Juden im ersten Schrecken nicht mehr
hemerkt, auf die Dauer müssen sie mit allen vor dem erzittern,
was jetzt über die Erde kommt.
Ein grosser Teil der Massen, die man gegen die totalitären
Staaten führt, fürchtet den Faschismus im Grunde nicht. Konservierung
ist sinnvoll so wenig als Kriegs- wie als Friedensziel.
Vielleicht werden nach langem Krieg für kurze Zeit in einzelnen
Territorien die alten ökonomischen Verhältnisse wiederhergestellt.
Dann wiederholte sich die ökonomische Entwicklung: der Faschismus
ist nicht durch Zufall entstanden. Seit dem Versagen der
Marktwirtschaft sind die Menschen ein für allemal vor die Wahl
zwischen Freiheit und faschistischer Diktatur gestellt. Als Agenten
der Zirkulation haben die Juden nichts mehr vor sich. Als
Menschen können sie erst dann leben, wenn endlich Menschen die
Vorgeschichte zum Abschluss bringen.
In der totalitären Ordnung wird der Antisemitismus ein natürliches
Ende finden, wenn keine Humanität, aber vielleicht noch
ein paar Juden übrig sind. Der Judenhass gehört der Phase des
faschistischen Aufstiegs an. Ein Ventil ist der Antisemitismus in
Deutschland höchstens noch für jüngere Jahrgänge der SA. Der
Bevölkerung gegenüber wird er als Einschüchterung gebraucht.
Man zeigt, dass das System vor nichts zurückschreckt. Die
Pogrome visieren politisch eher die Zuschauer. Ob sich etwa
einer rührt. Zu holen ist nichts mehr. Die grosse antisemitische
Propaganda wendet sich ans Ausland. Mögen arische Prominente
der Wirtschaft und anderer Ressorts sich noch so empört äussern,
zumal wenn ihre Länder weit vom Schuss liegen : ihre prospektiv
faschistischen Massen nehmen es nicht sehr ernst. Die Grausamkeit,
über die man sich entrüstet, weiss man insgeheim zu würdigen.
In Kontinenten, von deren Ertrag die Menschheit sich ernähren
könnte, fürchtet jeder Bettler, dass der jüdische Einwanderer ihn
um seine Nahrung bringt. Heere von Arbeitslosen und Kleinbürgern
lieben Hitler auf der ganzen Erde um des Antisemitismus
willen, und der Kern der herrschenden Klasse stimmt in solcher
134 Max Horkheimer
Liebe mit ihnen zusammen. Durch das Steigern der Grausamkeit
ins Absurde wird das Entsetzen über sie beschwichtigt. Die
Straflosigkeit, in der die versuchte göttliche Gewalt den Übeltäter
lässt, beweist immer aufs rieue, dass sie gar nicht existiert. In
der Reproduktion der Unmenschlichkeit bestätigt man sich, dass
die alte Humanität und Religion und die ganze liberalistische Ideologie
keinen Wert mehr haben. Die Totalität muss noch das schlechte
Gewissen abschaffen. Das Mitleid ist wirklich die letzte Sünde.
Auch ein unnatürliches Ende ist abzusehen: der Sprung in die
Freiheit. Der Liberalismus enthielt die Elemente einer besseren
Gesellschaft. Das Gesetz besass noch eine Allgemeinheit, die auch
die Herrschenden betraf. Der Staat war nicht unmittelbar ihr
Instrument. Wer sich unabhängig äusserte, war nicht notwendig
verloren. Freilich gab es solchen Schutz nur auf einem kleinen Teil
der Erde, in den Ländern, denen die andern ausgeliefert waren.
Selbst die brüchige Gerechtigkeit war auf partielle geographische
Bezirke beschränkt; Wer jedoch an einer beschränkten menschlichen
Ordnung teilhat, darf sich nicht wundern, wenn er gelegentlich
selbst unter die Beschränkungen fällt. Einer der grössten bürgerlichen
Philosophen hat zustimmend festgestellt : „dass einem
unschuldigen Mann, der kein Untertan ist, irgendein Übel zugefügt
wird, wenn es nur für das Wohl der Allgemeinheit und ohne Verletzung
einer vorhergehenden Abmachung geschieht, ist kein
Bruch des Naturgesetzes. Denn alle Menschen, die keine Untertanen
sind, sind entweder Feinde oder sie haben durch frühere
Abmachungen aufgehört, solche zu sein. Feinde aber, welche
nach Ansicht des Staats ihm gefährlich sind, darf man nach dem
ursprünglichen Naturrecht bekriegen; hierbei trifft das Schwert
kein Urteil, noch unterscheidet der Sieger zwischen schuldig und
unschuldig im Hinblick auf die Vergangenheit, noch nimmt er
irgendeine besondere Rücksicht. auf Gnade, es sei denn, dass es im
Interesse seiner eigenen Leute geschieht. „1) Einer, der nicht
dazugehört, nicht durch Verträge geschützt ist, hinter dem keine
Macht steht, ein Fremder, ein blosser Mensch, ist restlos.preisgegeben.
Selbst durch die biedere Sprache der klassischen Ökonomen
scheint die Beschränktheit des bürgerlichen Begriffs vom Menschen
hindurch. „Unser guter Wille hat keine Grenzen, er kann das
unendliche Weltall umfassen. Die Verwaltung des Weltalls freilich,
die Sorge um das allgemeine Glück aller vernünftigen und
1) The EngJish works of Thomas Hobbes, Vol. 111. John Bohn. London 1839;
the second part of Commonwealth, Kapitel 28, S. 305. VgJ. The Latin works 01
Thomas Hobbes, a. a. 0., S. 228.
Die Juden und E:uropa 135
verständigen Wesen, geht Gott und nicht die Menschen an … Der
den Menschen angewiesene Teil ist bescheidener .. die Sorge um
sein eigenes Wohl, das Glück seiner Familie, seiner Freunde, seines
Landes; dass er das Höhere im Auge hat, entschuldigt niemals
die Vernachlässigung dieses bescheideneren Teils. „1) Die Sorge
um Familie, Land, Nation war in der bürgerlichen Gesellschaft eine
Realität, die Achtung der Menschheit eine Ideologie. So lange
aber ein einziger Mensch durch die blosse Einrichtung der Gesellschaft
elend ist, enthält die Identifikation mit dieser Ordnung im
Namen der Menschlichkeit einen Widersinn. Die praktische
Anpassung mag für das Individuum unausweichlich sein, die
Verschleierung der Gegensätze zwischen dem Begriff des Menschen
und der kapitalistischen Wirklichkeit bringt das Denken um jede
Wahrheit. Wenn die Juden die Vorgeschichte des totalitären
Staats, Monopolkapitalismus und Weimarer Republik, in verständlichem
Heimweh verklären, so behalten die Faschisten gegen sie
recht. Sie haben stets ein offenes Auge für die Hinfälligkeit jener
Zustände gehabt. Die Milde gegenüber den Schäden der bürgerlichen
Demokratie, das Liebäugeln mit den Mächten der Reaktion,
soweit sie nur ilicht zu offen antisemitisch war, das sich Einrichten
im Bestehenden ist schon damals die Schuld der heutigen Refugi<~s
gewesen. Das deutsche Volk, das den Führerglauben krampfhaft
zur Schau stellt, hat ihn heute schon besser durchschaut als jene,
die Hitler einen Irren nennen und Bismarck einen Genius.
Von dem Bündnis zwischen Grossmächten ist nichts zu hofTen.
Auf den Zusammenbruch der totalitären Wirtschaft ist kein
Verlass. Der Faschismus fixiert die sozialen Resultate des kapitalistischen
Zusammenbruchs. Vollends naiv ist es, von draussen
her den deutschen Arbeitern zum Umsturz gut zuzureden. Wer
Politik nur spielen kann, sollte sich von ihr fernhalten. Die
Verwirrung ist so allgemein geworden, dass der Wahrheit um so
grössere praktische Würde zukommt, je weniger sie auf die vermeintliche
Praxis hinschielt. Es bedarf der theoretischen Einsicht
und ihrer Übermittlung an solche, die schliesslich einmal vorangehen
können. Der Optimismus des politischen Aufrufs entspringt
heute der Mutlosigkeit. Dass die fortschrittlichen Kräfte erlegen
sind und der Faschismus endlos dauern kann, verschlägt den Intellektuellen
den Gedanken. Sie meinen, dass alles, was funktioniert,
auch gut sein müsse, und beweisen deshalb, dass der Faschismus
nicht funktionieren könne. Aber es gibt Perioden, in denen das
Bestehende in seiner Kraft und Tüchtigkeit das Schlechte geworden
1) Adam Smlth, Tbe Theory 01 Moral Sentiments, vol. 11. Base11793. S. 79 (83.
1315 Max Horkheimer
ist. Die Juden sind einmal stolz gewesen auf den abstrakten
Monotheismus, die Ablehnung des Bilderglaubens, die Weigerung,
ein Endliches zum Unendlichen zu machen. Ihre Not heute
verweist sie darauf zurück. Die Respektlosigkeit vor einem
Seienden, das sich zum Gott aufspreizt, ist die Religion derer, die
im Europa der Eisernen Ferse nicht davon lassen, ihr Leben an
die Vorbereitung des besseren zu wenden.
(Abgeschlossen erste Septembertage 1939)
The Jews and Europe.
The. artic1e starts from the premise that contemporary anti-Semitism
can only be understood from an analysis of National Socialism. National
SociaIism originated in the coIIapse of German liberaIism, now threatening
to draw the surrounding countries into the catastrophe. One of
the most imponant elements in the pre-Nazi situation was the mass
of unemployed, whose organization within the European state system
seemed an insoluble task after the War. The fascist forces which did
solve the problem were not the owners of industry but a new bureaucracy
made up of dictators of industry and military and political officials.
In Europe the liberal constitution of the nineteenth century appears a
sort of interlude. The possessors of authoritarian power return to the
methods of rule recommended by MachiaveIli and his foIIowers. There is
no prospect of an early end to this situation solely by inner forces, for the
economic criteria of liberaIism, which made themselves apparent as crises,
have been largely eliminated under National Socialism by the suppression
of economic freedom.
Since aII the functions of the market are replaced by functions of the
government in the new totalitarian order, the economic position of the
Jews is shattered because in Germany as in manyother countries it rested
essentially upon their role in banking and commerce. That is why the
present day possessors of power can, for propaganda purposes, hold the
Jewish minority responsible for aII misfortune and destroy it. The purpose
of anti-Semitism is to win the masses of other countries over to National
SociaIism. The elimination of anti-Semitism is identical with· the struggle
against the authoritarian state.
Les Juifs et I’Europe.
Le point de depart de ces remarques, c’est que I’explication de l’antlsemitisme
actueI n’est possible qu’a partir de l’explication du nationalsociaIisme.
Celui-ci prenait son origine dans l’effondrement du liberalisme
europeen – phenomene, qui s’est produit en Allemagne d’abord, mais qui
mena~ait d’engloutir dans la catastrophe les pays environnants. Un des
elements les plus importants de la situation avant l’avenement du nationalsocialisme,
c’etaient les masses de chömeurs dont l’organisation, a l’interieur
Die Juden und Europa 137
des Etats europ~ens, parut, apres la guerre, comme une Uche insoluble.
Les forces fascistes qui ont resolu cette tAche, n’~taient moins le grand
patronat industriel, qu’une nouvelle bureaucratie qui se compose de directeurs
d’usines et de fonctionnaires politiques et militaires.
La constitution liberale du XIX8 siecle en Europe apparatt comme une
sorte d’intermMe. Ceux qui de nos joursdetiennent le pouvoir I’utoritaire,
reviennent ades methodes de domination du genre de celles qui ont ~t~
recommandees par Macchiavelli et ses successeurs. On ne peut aucunement
esperer de voir se produire, dans un avenir prochain, un changement, pro,‘
oque, en quelque sorte, par l’etat m~me des choses; car les « crises »,
teIles que le liberalisme les a a la fois produites et subies sont, dans le
llational-so.cialisme, reduites a l’illefficacite dans une large mesure par
)a suppression de la liberte economique.
Dans le nouvel ordre totalitaire, toutes les fonetions du march~ sont
l’emplacees par des fonctions de gouvernement; des lors, la situation des
Juifs, qui etait fondee, en Allemagne comme dans de nombreux autres
pays, sur leur rOle dans les banques et dans le commerce, est gravement
compromise. Les maitres de l’heure peuvent donc, dans l’inter~t <le leur
propagande, se permettre de rendre la minorite juive responsable de tous
les maux, voire de l’exterminer. Le but de l’antisemitisme est, aujourd’hui,
de faire, aupres des masses dans d’autres pays, la propagande pour lf!
nationaI-socialisme. Vaincre l’antisemitisme veut dire exactement : comhattre
I’Etat autoritaire.

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