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Tartuffe regiert Europa

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Die Weltwoche, Ausgabe 23/2014 | Mittwoch, 11. Juni 2014

Mit dem Zeigefinger denken

Die Europäische Union wird zur ­«Wertegemeinschaft» aufgepumpt. Dieser Moralismus ist ­lächerlich – und widerspricht der freiheitlichen Seele Europas.

Von Peter Keller

Der Moralismus geht immer schön mit der Zeit. Mal ist Homosexualität ein Verbrechen, dann wieder die natürlichste Lebensform, die man sich denken kann; mal ist die Ehe heilig, mal eine völlig überholte Einrichtung. Was sich jedoch nicht ändert, sind die Moralisten: Sie sind immer gleich in ihrer ­bebenden Selbstgerechtigkeit und in ihrem Drang, die Welt zu verbessern.

Der Moralist denkt mit dem Zeigefinger, und sein Moralismus richtet sich verlässlich an alle anderen. Die Zwinglianer im Zürich des 18. Jahrhunderts verboten Tanzanlässe, Glücksspiele, teure Kleidung. Sie erliessen sogar Vorschriften über das Mobiliar in Privathäusern. Jegliche Verschwendung war verpönt, was Spass machte, verdächtig. Der Zwinglianer von heute ist grün, will Kantinen vegetarisches Essen verordnen und Offroader verbieten. Was ihnen gemeinsam ist: Es geht immer um die Rettung der Menschheit. Mindestens.

Die Moral ändert sich, der Moralist nicht. Und manchmal ergeben sich über die Jahrhunderte seltsame Allianzen: 1768 gebot der Zürcher Rat, «dass sich niemand, wer da wäre, unterstehen solle, über die Gasse gehend, oder auf öffentlichen Plätzen zu rauchen». Heute ist es eine Koalition von linken und «liberalen» Gesundheitsaposteln, die den Tabakkonsum – ebenfalls mit den besten Absichten – zu unterbinden versucht.

Wer hat den Buchdruck erfunden?

Die wichtigste Spielform des modernen Moralismus heisst Political Correctness. Sie legt fest, was gut und, vor allem, was unanständig ist. Die letzten EU-Wahlen haben demonstriert, mit welcher Macht diese politische Korrektheit, selbstverständlich immer unter dem ­Titel «Toleranz» und «Weltoffenheit», vorzugehen pflegt: Kritik an der EU ist neuerdings «populistisch». Wer den Euro in Frage stellt, gilt als «europafeindlich». Wie bitte? Was soll diese Schrumpfdefinition von «Europa»? Wer hat den Buchdruck erfunden? Wem haben wir die Aufklärung, den Petersdom, die Dampfmaschine und die Crème brûlée zu verdanken? Etwa den Bürokraten in Brüssel?

Europa ist mehr: übermütig und tiefgründig, widersprüchlich und kreativ, ein rastloses Laboratorium. Zur Vielfalt gehören freilich auch Abgründe. Um diesen Preis der Freiheit kommen wir nicht herum. Und doch: Wenn schon, ist «europafeindlich», wer diesen Kontinent in ein geistloses Regelwerk pressen und alles über den gleichen Kamm scheren will. Europa ist Merlot, Riesling, Beaujolais, Rioja. Die EU und ihr europäischer «Integrationsprozess» heisst, die verschiedensten Weine in einem Fass zusammenzuschütten und dann wieder abzufüllen. Selection Einfalt.

In diesen Tagen erhielt Herman Van Rompuy den Karlspreis zu Aachen, die international bekannteste Auszeichnung für Persönlichkeiten oder Institutionen, «die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben». Die Jury würdigte den Belgier als «grossen Europäer». Das Problem des Herman Van Rompuy und seiner Lobredner besteht allerdings darin, dass den Namen dieses «grossen Europäers» noch weniger Leute buchstabieren können, als in der Slowakei gerade zur EU-Wahl gingen (es waren dreizehn Prozent). Dabei steht der ehemalige belgische Regierungschef seit 2009 dem EU-Rat als Präsident vor.

«Zusammenwachsen der Völkerfamilie»

Der Karlspreis ist der lächerliche Versuch, ­einer abgehobenen Konstruktion etwas Seele einzuhauchen. Jedes Jahr gebiert diese Retorte einen neuen «grossen Europäer». Preisträger sind vornehmlich Politiker und Funktionäre wie etwa Jean-Claude Juncker (2006) oder Angela Merkel (2008). Die Jury bewegt sich brav auf der Höhe des Zeitgeistes – und schreibt dabei schon mal unfreiwillige Pointen. 2002 wurde der Karlspreis dem «Euro» verliehen, da er «wie kein anderer Integrationsschritt zuvor die Identifikation mit Europa befördert und damit einen entscheidenden, epoche­machenden Beitrag zum Zusammenwachsen der Völkerfamilie leistet». Klebriges Blabla. Nichts hat das jüngere Europa so auseinandergebracht wie diese politisch motivierte, aber ökonomisch fragwürdige Einheitswährung. Nur eben: Eine freie Debatte ist unerwünscht, schliesslich ist die EU ein «Friedensgarant» und wer seine Zweifel an ihr äussert, ein ­«Populist».

Die Europäische Union könnte viel gelas­sener mit Kritik umgehen, würde sie durch ihr Beispiel überzeugen. Aber sie tut es nicht: weder mit ihrem Personal noch durch ihre ­Politik. Darin liegt der tiefere Grund für die moralistische Aufrüstung der EU zur «Wertegemeinschaft». Ein alter Priestertrick zur Absicherung der eigenen Macht. Man versucht, die Schäfchen einzuschüchtern, um sie folgsam zu halten.

Die gute Nachricht: Dem politisch korrekten Moralismus geht der Schnauf aus. Die Wirklichkeit ist stärker. Wenn ein Van Rompuy zum «grossen Europäer» erklärt wird, dann lachen nicht nur die Hühner. Die schlechte Nachricht: Hinter der nächsten Türe lauert schon die nächste Generation von Moralisten.

http://www.weltwoche.ch/index.php?id=551389

 

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