Kategorie-Archiv: Art

September-Oktober 1942

Alexander Alexandrowitsch Deineka

Berlin. Tiergarten

1945 year

Watercolor

Kiev Museum of Russian Art

 

Erich Später

Ende Oktober 1942 hat die 6. Armee der Wehrmacht nach monatelangen Kämpfen Stalingrad an der Wolga fast vollständig erobert. Die Rote Armee plant eine Offensive zur Befreiung der Stadt. Elfter Teil einer unregelmäßigen Serie aus Anlaß des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion vor siebzig Jahren.
Die deutsche Sommeroffensive des Jahres 1942 in der südlichen Sowjetunion hatte die Eroberung des Kaukasus und die Vertreibung der sowjetischen Truppen aus der Wolga-Region zum Ziel. Stalingrad sollte als Rüstungszentrum und Verkehrsknotenpunkt ausgeschaltet werden. Die Eroberung der Stadt würde zudem das Land in zwei Teile spalten und die zentralrussischen Gebiete sowie die Hauptstadt Moskau von den lebenswichtigen Rohstofflieferungen aus dem Kaukasus abschneiden. Der Zusammenbruch der Sowjetunion wäre, so die Erwartung des deutschen Generalstabs, dann unvermeidlich.
Der unerwartet schnelle Vormarsch der deutschen Verbände und der teilweise einer Flucht ähnelnde Rückzug der Roten Armee führten Ende Juli zu einer Änderung des deutschen Offensivplans. Um den Vormarsch zu beschleunigen, wurde die Heeresgruppe Süd in zwei Großverbände aufgeteilt – in die Heeresgruppe A, die unverzüglich in den Kaukasus vormarschieren, und die Heeresgruppe B, die Stalingrad erobern und die Wolga sperren sollte. Die 6. Armee war eine Eliteeinheit der deutschen Wehrmacht. Seit dem Beginn des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hatte sie als wichtiger Bestandteil der Heeresgruppe Süd gekämpft. Auf ihrem Vormarsch durch die Ukraine und Südrußland hatte sie sich an Kriegsverbrechen und Völkermord beteiligt. Bereits im Juli 1941 waren die Befehle über die Behandlung »feindlicher Teile der Zivilbevölkerung« durch das Armeeoberkommando verschärft worden. Jeder Widerstand sollte durch »Vergeltungsmaßnahmen« geahndet werden: »Diese können im Erschießen von ortsansässigen Juden oder Russen, Abbrennen von jüdischen oder russischen Häusern bestehen.« Eng koordiniert wurde der Massenmord mit dem Sonderkommando (SK) 4a, einer Teileinheit der Einsatzgruppe (EG) C, die hinter der 6. Armee durch das eroberte Gebiet zog. Bis zum 30. November 1941 meldete das Sonderkommando bereits 59.018 Exekutionen von Juden und Kommunisten nach Berlin. Das Kommando umfaßte lediglich 70 SS-Männer und war für die Durchführung des Massenmords auf die enge Zusammenarbeit mit der 6. Armee angewiesen. Die Eroberung der ostukrainischen Großstadt Charkow durch die 6. Armee im Oktober 1941 führte zu einem Massenmord an über 20.000 Bewohnern der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war die Ermordung der sowjetischen Zivilbevölkerung bereits zur militärischen Routine geworden. Allein der sogenannten Partisanenbekämpfung fielen jeden Monat Tausende Zivilisten zum Opfer. Hinzu kamen die Auswirkungen der deutschen Hunger- und Ausplünderungspolitik auf die Bevölkerung des eroberten Landes. In den nördlich von Charkow gelegenen Landkreisen Obojan und Medwenka wurde die Zivilbevölkerung im Winter 1941/42 durch Besatzungstruppen der 6. Armee vollkommen ausgeplündert und jeder Lebensmöglichkeit beraubt. Bis zur nächsten Ernte standen für jeden der 53.000 Einwohner gerade noch 100 Gramm Getreide pro Tag zur Verfügung. Lange vor ihrem Angriff auf Stalingrad hatte die 6. Armee sich in eine genozidale Organisation verwandelt, zu deren Aufgabe die massenhafte Ermordung von Zivilisten gehörte.
Am 23. August 1942 erreichte die 16. Panzerdivision der 6. Armee südlich von Stalingrad die Wolga. Stalingrad hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 500.000 Einwohner. Hinzu kamen unzählige Flüchtlinge, die Zuflucht in der Stadt gefunden hatten, die sich über fast 30 Kilometer längs des Westufers der Wolga erstreckte. Das ehemalige Zarizyn war 1925 in Stalingrad umbenannt worden, weil Stalin den Ort im russischen Bürgerkrieg von 1918 – 20 angeblich vor Armeen der Konterrevolution gerettet hatte. Stalingrad profitierte vom sowjetischen Industrialisierungsprogramm und war Standort großer Maschinenfabriken geworden, die Werkzeugmaschinen, Rüstungsgüter und Traktoren in großer Zahl produzierten. Die Stadt war zudem ein wichtiger Wolga-Hafen für den Transit von Öl und Nahrungsmitteln aus dem Kaukasus in die Industriestädte des Nordens. Nach dem Verlust der Ukraine und weiter Teile Rußlands waren diese Lieferungen für die Fortführung des Krieges entscheidend.
An dem Tag, an dem die ersten deutschen Panzer die Wolga erreichten und die sowjetischen Linien durchtrennten, flogen 600 Bomber der 4. Deutschen Luftflotte einen vernichtenden Angriff auf die Stadt. Ihr Kommandeur, Fliegergeneral Richthofen, hatte seine militärische Laufbahn 1937 mit der Zerstörung der baskischen Stadt Guernica begonnen. Die unverteidigte spanische Stadt war von seinen Bombern in Schutt und Asche gelegt worden.
Über Stalingrad warfen Richthofens Bomber mehr als 1.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. Die Öl- und Rohstofflager der Industriekombinate und die zahllosen Holzhäuser der Vororte ließen die durch die wochenlange Sommerhitze ausgedörrte Stadt wie eine Riesenfackel brennen. Der Ausfall der gesamten Wasser- und Stromversorgung erschwerte die Löscharbeiten und verstärkte das Chaos und die Panik der Zivilbevölkerung. Vorsichtige Schätzungen beziffern die Zahl der Toten unter der Stalingrader Zivilbevölkerung auf etwa 40.000. Die Angriffe wurden bis zum 25. August fortgesetzt und verwandelten die Stadt in ein rauchendes Trümmerfeld. Die Luftherrschaft der deutschen Fliegerverbände zeigte sich in dem Verlust von lediglich drei Flugzeugen während der dreitägigen Angriffe.
Sowjetischen Angaben zufolge wurden bis Mitte September etwa 300.000 Zivilisten auf das Ostufer der Wolga evakuiert. Am 2. September hatte Hitler befohlen, die eroberten Teile der Stadt restlos von Zivilisten zu räumen. Sowjetischen Quellen zufolge wurden während der Schlacht etwa 3.000 Zivilisten exekutiert und 60.000 Stalingrader Bürger zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Zudem verhaftete und ermordete die Feldgendarmerie der 6. Armee alle identifizierten Juden und Kommunisten. Tausende Zivilisten wurden am 14. September und 5. Oktober in langen Kolonnen aus der Stadt in das von den Deutschen besetzte Hinterland geführt. Die meisten waren damit zum Hungertod verurteilt, da die Region um Stalingrad von deutschen Truppen vollständig ausgeplündert worden war. In der Stadt selbst verblieben dennoch Zehntausende Zivilisten, die versuchten, das Inferno der Schlacht zu überleben. Die völlig zerstörte Stadtlandschaft wurde zum Schauplatz der blutigsten Schlacht des Zweiten Weltkriegs.
Für die sowjetischen Verteidiger war an eine Kapitulation oder einen Rückzug nicht zu denken. Es gab keinen Ort mehr, an den man sich hätte zurückziehen können. Die Wolga war die letzte Verteidigungslinie vor dem Ural. Die erschöpften und dezimierten Verteidiger der Stadt zählten Ende August noch etwa 40.000 Soldaten und wurden von den deutschen Angreifern trotz erbitterter Gegenwehr auf immer engerem Raum zusammengedrängt. Das sowjetische Oberkommando, entschlossen, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen, schickte Reservetruppen, die zu Teilen über keinerlei militärische Ausbildung oder ausreichende Bewaffnung verfügten.
Innerhalb der Roten Armee zeigten sich Auflösungserscheinungen, denen man mit allen Mitteln zu begegnen versuchte. Im August und September wurde die Todesstrafe für Rückzug ohne Befehl, Desertion, Selbstverstümmlung und versuchtes Überlaufen massenhaft vollstreckt. Die Soldaten wurden auch dann einer Straftat für schuldig befunden, wenn sie es versäumt hatten, auf einen Kameraden zu schießen, der zu desertieren versuchte. Man schätzt, daß im Verlauf der fünfmonatigen Schlacht etwa 13.500 sowjetische Soldaten von eigenen Leuten exekutiert wurden.
Am Morgen des 13. September begann der Sturm der deutschen Truppen auf die Stellungen der sowjetischen Verteidiger. Es gelang der zur Verstärkung herangeführten 13. sowjetischen Gardeschützendivision, den Angriff der Deutschen zu stoppen. In den ersten 24 Stunden verlor sie dabei 30 Prozent ihres Mannschaftsbestands, konnte aber verhindern, daß die zentralen Hafenanlagen, die entscheidend für die Versorgung der Verteidiger mit Nachschub waren, an die Deutschen fielen. Insgesamt blieben von 10.000 Soldaten der Division bis zum Ende der Schlacht nur 320 am Leben.
Es war eine vollkommen neue Art von Krieg, die sich in der Trümmerlandschaft abspielte. Der Nahkampf in den Ruinen, Bunkern, Kellern und Kanälen wurde von den deutschen Soldaten bald als »Rattenkrieg« bezeichnet. Ende September war die Stadt vollkommen zerstört und wirkte auf Beobachter, als hätte sie sich im Zentrum eines gewaltigen Erdbebens befunden. Die deutschen Truppen kämpften sich durch die zertrümmerten Vororte, riegelten sie ab und besetzten so einen Stadtteil nach dem anderen. Die 6. Armee konnte mehr Panzer und schwere Waffen einsetzen als die sowjetischen Verteidiger. Diese waren auf das Gebiet der Arbeitersiedlungen und großen Fabriken im Norden der Stadt konzentriert und verteidigten die wichtigen Wolga-Übergänge. Am 25. September begannen die Kämpfe um die großen Fabrikkomplexe im Norden. Einen klaren Frontverlauf gab es längst nicht mehr. Die Nahkämpfe führten zu immensen Verlusten auf beiden Seiten. Allein vom 21. August bis zum 16. Oktober verlor die 6. Armee nach eigenen Angaben 40.011 Soldaten, davon 1.068 Offiziere. Mitte November galt die Hälfte der deutschen Batallione als kaum mehr kampffähig. Um die Verluste auszugleichen, wurden Fahrer, Köche, Sanitäter und Funker zu Kampfeinheiten zusammengefaßt und in die Schlacht geschickt. Ende Oktober waren die meisten Rotarmisten gefallen und die zerstörten Fabriken in deutscher Hand. Die wenigen überlebenden sowjetischen Soldaten sammelten sich in den zerstörten Fabrikanlagen der »Barrikade« am Wolga- Ufer. Sie hielten nur noch wenige Brückenköpfe, die nicht tiefer als ein paar hundert Meter reichten, und waren wegen des Treibeises auf der Wolga kaum mehr mit Nachschub zu versorgen.
Die sich im September 1942 abzeichnende Niederlage der deutschen Truppen im Kaukasus spielte eine wichtige Rolle bei dem Entschluß der Nazi-Führung, Stalingrad mit allen Mitteln einzunehmen. Die Stadt, die Stalins Namen trug, mußte erobert werden. Dieser Erfolg würde der Welt erneut die Überlegenheit der deutschen Waffen demonstrieren.
Am 8. November 1942 sprach Hitler im Münchener Bürgerbräukeller vor Hunderten hochrangigen Nazis über die Stalingrader Schlacht: »Ich wollte zur Wolga kommen«, erklärte er, »und zwar zu einer bestimmten Stelle, in einer bestimmten Stadt. Zufälligerweise trägt sie den Namen von Stalin selber. Aber denken Sie nicht, daß ich aus diesem Grunde dorthin marschiert bin – sie könnte auch anders heißen – , sondern weil dort ein wichtiger Punkt ist … den wollte ich nehmen … den wollte ich nehmen und – wissen Sie – wir sind bescheiden, wir haben ihn nämlich! Es sind nur noch ein paar ganz kleine Plätzchen da.«
Während Hitler vor seinen begeisterten Anhängern die Eroberung der Stadt verkündete, war der sowjetische Aufmarsch an der Wolga- Front fast abgeschlossen. Die Gegenoffensive trug den Decknamen »Uranus« und war über Wochen vorbereitet worden. Unter höchster Geheimhaltung wurden die Reserven der Roten Armee zusammengezogen. Über eine Million Soldaten, 14.000 schwere Geschütze, 1.300 Flugzeuge und 1.000 Panzer standen Mitte November zum Gegenschlag bereit. Der Aufmarsch wurde von den deutschen Geheimdiensten nicht bemerkt. Auf deutscher Seite ging man davon aus, daß die Rote Armee, die während der Kämpfe des Jahres 1942 katastrophale Verluste erlitten hatte, bestenfalls noch zu örtlichen Gegenangriffen in der Lage war. Am 18. November, unmittelbar vor dem Beginn der sowjetischen Offensive, lautete die kurze Tagesmeldung der 6. Armee aus Stalingrad: »An der gesamten Front keine wesentlichen Veränderungen. Treibeis auf der Wolga schwächer als am Vortag.« ??Literatur: Das beste Buch über Stalingrad hat der britische Historiker Antony Beevor geschrieben: Stalingrad. München 1998, 543 Seiten, 16,99 Euro Den Vormarsch der 6. Armee durch Rußland haben Bernd Boll und Hans Safrian beschrieben: »Auf dem Weg nach Stalingrad. Die 6. Armee 1941/42«. Ihr Aufsatz ist in dem von Hannes Heer und Klaus Naumann herausgegebenen und sehr zu empfehlenden Sammelband Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht (Frankfurt a. M. 1997, 749 Seiten, 30 Euro) enthalten.
Erich Später schrieb in KONKRET 9/12 über das Jüdische Antifaschistische Komitee
Konkret 11/12, S. 24
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