Dem deutschen Nannytum wohnt naturgemäß die Neigung zur Zwangsbeglückung inne. Belehrung, Bevormundung, Geschubse („Nudging“), Einschüchterung. Funktioniert alles nicht, folgen Sanktionierung, Ausgrenzung, In-die-Ecke-Stellung der Hartleibigen


Einige meiner Freunde und Bekannten sind Linksliberale. Oder liberale Linke. Ich beneide sie aufrichtig. Aus Erfahrung weiß ich: Es ist wunderbar, ein Linksliberaler zu sein. Beziehungsweise ein liberaler Linker. So jemand hat den gesellschaftlichen Hauptschlüssel in der Tasche. Damit kommt er überall rein. In jedes Medium, jede Uni, jedes Unternehmen, jede Behörde.

Beinahe jeder Futtertrog hält ein Plätzchen für ihn warm, außer vielleicht bei der CSU oder der AfD. Ein Rechtsnationaler dagegen, der was mit Medien machen möchte, kann sich höchstens bei der „Jungen Freiheit“ bewerben, Plakate für die AfD aufstellen oder auf dem schetterigen Rittergut von Götz Kubitschek neurechte Strategieschriften zum Versand eintüten.

Genau genommen ist die Begriffskoppelung linksliberal ja etwas verwegen. Links und liberal, „das passt zusammen wie Frösche und Rasenmäher“, um den „Sunday Times“-Schreiber A A Gill aus anderem Zusammenhang zu zitieren. Liberalismus hat ideengeschichtlich irgendwas mit Freiheit zu tun, oder? Besonders auch mit der Überzeugung, Menschen seien bis zu einem gewissen Grad freie, selbstverantwortliche Wesen. Während linkes Denken stets um die Idee kreist, der kleine Mann sei ein willenloser Spielball der Herrschenden; niemals von selbst schnallend, was ihm frommt und daher der fürsorglichen Belaberung weltanschaulicher Gouvernanten bedürftig.

Diesem Nannytum wohnt naturgemäß die Neigung zur Zwangsbeglückung inne. Belehrung, Bevormundung, Geschubse („Nudging“), Einschüchterung. Funktioniert alles nicht, folgen Sanktionierung, Ausgrenzung, In-die-Ecke-Stellung der Hartleibigen. Der noch amtierende Justizministerdarsteller ist dafür nur ein harmloses Beispiel. Wo linke Kräfte völlig frei walten dürfen, geht es für andere, wie die Historie zeigte, ungünstigstenfalls schon mal in den Gulag.

Irgendwas mit sozial

Was also soll das sein, linksliberal? Links hat im Deutschen eine klare Konnotation. Irgendwas mit sozial. Heutzutage irgendwo angesiedelt zwischen SPD und PDS, aktueller Markenname „Die Linke“. Es gibt Versuche, dem Mogelpackungsetikett linksliberal frühe Wurzeln zu verleihen, die bis zurück in Kaiserzeiten reichen, was aber leicht herbeigezogen anmutet. Tatsächlich hat der Begriff, wie er gemeinhin verstanden wird, eine ziemlich kurze Geschichte.

Diese datiert von 1969, als die erste sozialliberale Koalition auf Bundesebene gebildet wurde, die Brandt-Scheel-Regierung. Aus deren Wählern, Wahlhelfern und Sympathisanten erwuchs der linksliberale Citoyen, der sich praktischerweise die schönsten Früchte aus zwei Welten auf den Teller legen konnte. Ein homo politicus, welcher gleichermaßen sozial eingestellt wie freiheitlich-weltoffen gesonnen ist, als Mitglied einer ominösen Zivilgesellschaft selbstredend aller dumpfen Deutschtümelei abhold.

Die damals aufkommende Flut solcher Wieselwörter sollte wohl verdunkeln, wer auf dem sozialliberalen Kutschbock die Mütze aufhatte. Als die „Frankfurter Rundschau“ noch ein in breiteren Kreisen für voll genommenes Blatt war – ab den späten 1960ern für anderthalb Jahrzehnte –, firmierte auch dieses Presswerk als linksliberal. War aber im Wesentlichen ein stramm linkes, den noch strammeren, von DKP-Kadern unterwanderten Gewerkschaften wie der IG-Metall nahestehendes Produkt der Frankfurter Gesamtschule, an diversen Schaltstellen besetzt mit Redakteuren aus dem DKP-nahen Spektrum. Von wegen liberal.

Meine linksliberalen Freunde sind überwiegend älter, aber keineswegs senil oder naiv, im Gegenteil. Warum sie sich noch immer hagentreu an ihren „Spiegel“, ihre „Süddeutsche“, ihre „Zeit“ klammern? Wie schaffen sie es, eine Sendung mit Claus Kleber oder Anja Reschke anzuschauen, ohne aufzustöhnen? Wie bringen sie es fertig, keinen Lachanfall zu kriegen, wenn mal wieder der Klimabänkelsänger Mojib Latif auf dem Bildschirm aufpoppt? Fragen über Fragen.

Die meisten Linksliberalen sind privat gar nicht so

Wissen muss man: Die meisten Linksliberalen sind privat gar nicht so. Wer mit ihnen zu tun hat, staunt manchmal. Nein, die machen beim Rotwein kein Hehl daraus, dass sie durchaus nicht scharf darauf sind, dass Migrantencontainer in dem Park aufgestellt werden, der an die Allee mit den blendendweiß getünchten Gründerzeithäusern grenzt, wo sie mit Gattin, Sven-Oluf und Mia-Sophie auf 160 Eigentumsquadratmetern Parkett residieren. Nein, sie finden es nicht sinnvoll, bei einer Staatsquote von 50 Prozent noch weiter am Spitzensteuersatz zu drehen. Nein, viele von ihnen glauben nicht ernstlich, dass selbstfahrende Elektroautos irgendwann das Straßenbild prägen werden oder dass man mit Windrädern oder Biofutter die Welt versorgen könnte. Sie sind bereist, sie lesen viel, sie sind nicht dämlich. Warum aber schreiben sie dann so, wie sie schreiben?

Drei Prototypen aus der Kaste des kundtuenden Justemilieus:

1. Der Publizist. Mit Bergen von Qualitätspresseerzeugnissen bewaffnet, Trophäen der Wahrheitsfindung, kehrt er morgens vom Kiosk zurück in die Wohnung, welche oben beschrieben wurde. Der türkische Gemüsehändler an der Straßenecke grüßt freundlich zurück. Die Printbeute wiegt schwer. Auf seinem Parkett angekommen, liest der Mann, wie die Kollegen der „SZ“, des „Tagesspiegel“ oder der „Zeit“ die Weltläufte kommentieren. Schreibt dann so ziemlich dasselbe; aber, wie er meint, luzider, mit mehr Biss. Welche Texte er auch immer seinen Auftraggebern mailt, selten fehlen Seitenhiebe gegen Trump, Putin, Erdogan oder Höcke/Gauland. Populisten sind ihm ein Graus, da kennt er keine Gnade!

2. Der Redakteur. Er leitet das Ressort Technik und Innovation in einem reichweitenstarken Medium. Akademiker, hochintelligent, hochkompetent. Was er von der Energiewende hält  – nichts –, erzählt er auf dem Redaktionsflur mitunter ungeniert. Aber nur dort. In den Konferenzen schlägt er nach Möglichkeit einen Haken um das Thema. Er weiß, dass in den oberen Etagen seines Hauses darüber affirmativer Konsens herrscht. Einen fundamentalen Verriss des populistischen Meisterwerks der Kanzlerin bekäme er niemals durch. Schon der Versuch würde ihn beschädigen; ihn fortan als unsicheren Kandidaten, als potenziellen „Klimaleugner“ brandmarken. Klar, im Ernstfall würde er wohl einen anderen Job finden. Aber keinen so gut bezahlten.

Solch ein Gestalt muss Henning Sußebach im Auge gehabt haben. Der „Zeit“-Redakteur unternahm unlängst eine Wanderung durch die deutsche Provinz, staunte Bauklötze über die Wut vieler Bürger auf die Verwüstungen des ökologisch-industriellen Komplexes und lieferte in einem Interview einen erstaunlich hellen Satz über den Windradwahn ab: „Wenn man als Großstadt-Journalist aber dieses Thema in der Konferenz vorschlagen würde, sich das überhaupt noch trauen würde, hieße es: Das ist doch längst durch, das interessiert keinen mehr.“ Übersetzt man Großstadt-Journalist mit Linksliberaler, dann liegt man zu 95 Prozent richtig. Trau schau wem.

3. Der Drehbuchschreiber. Der weitaus größte Einzelposten bei fiktiven Sendeinhalten, die für das deutsche Fernsehen produziert werden, entfällt auf Krimis. Es gibt Actionkrimis, Psychokrimis, Interne-Ermittlungen-Krimis, Regionalkrimis, Schmunzelkrimis, Mysterykrimis und unheimlich viele Krimis mit unheimlich starken Frauen.

Millionen halten die Fernsehkrimiwelt für eine mehr oder weniger getreue Nachbildung des tatsächlichen Kriminalitätsgeschehens. Woran Medien wie „Spiegel“ und „FAZ“ seit längerem mit „Faktenchecks“ beitragen, etwa zu „Tatort“-Krimis. Da wird von Experten zum Beispiel geklärt, ob und wann Polizeibeamte in eine Wohnung reinplatzen dürfen, wie ein geisterhaftes „Killerauto“ funktioniert, wie schwer oder leicht es ist, einen Menschen mit einem Kissen zu ersticken und ob wirklich jeder zweite Student leistungssteigernde Drogen einwirft. Unterhaltungsplunder wird da in vollem Ernst penibel auf Plausibilität abgeklopft. Man darf sagen, dass die Infantilisierung der Vierten Gewalt Fortschritte macht.

Was – mit seltenen Ausnahmen – im Fernsehen gar nicht vorkommt, ist die alltägliche Kriminalität, die sich in den für jedermann einsehbaren Polizeipresseportalen abbildet. Die verblüffend hohe Kriminalitätsneigung von Menschen, welche noch nicht so lange hier sind beziehungsweise nur mal kurz durchreisen, wird zum Beispiel kaum gewürdigt.

Was natürlich auch dramaturgische Gründe hat. Wenn Senta Berger in den korrupten Sümpfen der Münchner Society watet, ist das natürlich in Bild und Ton more sexy als ein Fall, in dem ein Mann mit „kurdischen Wurzeln“ seine aufmüpfige Ex-Frau, die er nach islamischem Recht gefreit hatte, mit einem Seil um den Hals an der Anhängerkupplung durch Hameln schleift. Nähme ein Drehbuch diesen Casus als Aufhänger für eine fiktive 90-Minuten-Reise durch Parallelgesellschaften, so bekäme das Ganze politisch unvermeidbar Schlagseite. Ausgewogenheit ist da schwer hinzukriegen.

Und dann: Zehn Millionen Zuschauer – wie der Kalauer-„Tatort“ aus Münster – geniert so ein Stoff nicht.

Wahr ist aber auch, dass ein Drehbuch – bei den Öffis ebenso wie bei den Privatsendern – meist problemlos durchgewunken wird, sofern es in den altvertrauten Klischeemilieus von Bankern, Pharmafirmen, Baulöwen oder sonstigen Pappkameraden spielt. Ich kenne Schreiber, die mir das bestätigt haben und es auch ganz in Ordnung finden. Es handelt sich – Sie haben es erraten – um Linksliberale. „Wasser auf die Mühlen der Rechten“ zu gießen, ist nicht gerade ihr vorrangiges Ziel. Schon gar nicht, wenn die Akzeptanz von Krimistoffen andersrum viel besser flutscht. Denn die für Krimis in den Sendern Verantwortlichen gehören selber ganz überwiegend zur ideellen Kohorte der Linksliberalen. No Sir, dies ist kein Fall von Aluhut, keine Verschwörungstheorie. Dies weiß jeder, der die Branche ein bisschen kennt.

Einladungen in Talkshows würden plötzlich rar

Natürlich ahnen aufgeweckte Linksliberale in der Regel auch, dass Klimaveränderungen nicht aufzuhalten sind. Vielleicht gar nicht aufzuhalten werden brauchen, weil sie im Großen und Ganzen mehr Vorteile bringen als Nachteile, was mittlerweile schon mancher Spatz vom CDU-Dach pfeift. Und dass, wenn es schon mal ums Brauchen geht, kein Mensch in Deutschland, ganz gleich aus welcher Ethnie, pro Jahr hunderttausende unter zumeist falschen Flaggen zugereiste bildungsferne Jünglinge mit archaischen Ehrbegriffen benötigt, denen allzu oft beim nichtigsten Anlass die Sicherung durchknallt.

Öffentlich aussprechen oder gar schreiben würden sie das natürlich nie, meine linksliberalen Freunde. Täten sie es, wäre dies das schleichende Aus für Aufträge von öffentlich-rechtlichen Funkanstalten. Es wäre auch das baldige Aus für Buchverträge mit vielen Verlagen; für Kolumnen im „Tagesspiegel“, der „Zeit“, der „Süddeutschen“ usw. Einladungen in Talkshows oder Debattierrunden würden plötzlich rar. Sie kämen nicht länger in Betracht für Grundsatzreferate in Evangelischen Akademien, für schwungvolle Reden in Körber-, Bertelsmann- und geistesverwandten Stiftungen oder als Juroren bei Grimme- und Nannen-Preisvergaben.

Dann wären auch die oft fünfstellig dotierten Conférencier-Jobs futsch, welche anfallen, wenn ein Verlag oder ein Autobauer oder eine Werbeagentur eine Riesenparty schmeißt und bekannte Mediennasen bucht, die das Publikum durch den glamourösen Abend führen. So was spült weit mehr Geld aufs Konto als die Moderation von, sagen wir, „Titel, Thesen, Temperamente“.

Ein falscher Satz, und Sense. Dafür braucht es keine schwarzen Listen, keinen McCarthy. Genügt, wenn ein geltungsnotgeiler Feuilletonist wie Georg Diez vom „Spiegel“ einem Autor „rechtes Gedankengut“ unterjubeln möchte. So was spricht sich in der Chattering Class rasch rum. Einem wirtschaftlich unabhängigen Autor wie Christian Kracht mögen Anschwärzereien schnurz sein. Der Mann hat schon von Hause aus Geld und legt noch dazu wenig Wert auf Einladungen in die Schnatter-Salons. Anderen kann das linke, doch mitnichten liberale Denunziantentum beruflich das Genick brechen.

Die Nummer mit den Einladungen stammt übrigens von Michael Klonovsky. Der Autor, viele Jahre Redakteur beim „Focus“ (bis ihn das Münchener Fachorgan für Jogger und E-Biker politisch nicht mehr tragbar fand), nennt sich mit gewissem Stolz einen Reaktionär. Ein Reaktionär, sagt er, „ist ein Konservativer, der nicht mehr eingeladen werden will.“ Da ist was dran. Man darf übrigens darauf wetten, dass bei Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk das Telefon seit etwa einem Jahr seltener klingelt.

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