Eine neue Erzählung von Evelyn Kremer: Tod der Schwiegermutter

Tod der Schwiegermutter

von Evelyn Kremer

 

Mir gegenüber, in der U-Bahn, saßen zwei kräftige Frauen mittleren Alters. Sie wirkten beide etwas dümmlich aber sehr selbstzufrieden. Ein wenig ähnelten ihre Gesichter zwei kleinen Schweinchen. Sie trugen figurbetonte, pastellfarbene Hosen, unter denen sich die Speckschwarten abzeichneten und ihr Ausschnitt ließ tief blicken. Breitbeinig und fest saßen sie auf ihrem Sitz in der wackelnden Bahn. Ihre Brüste wippten. Mir fiel auf, dass die beiden Damen eine kleine Goldkette mit einem Kreuz um den Hals trugen. Ihren Gesichtern sah man allerdings keinerlei Frömmigkeit an: Beide wirkten eher durchtrieben. Eventuell waren sie Schwestern. Die eine hatte braune, die andere hellblond gefärbte Haare. Beide waren tief gebräunt, am Hals und Decolleté faltig. Sie trugen einige Goldringe an ihren dicken Wurstfingern und billige aber blinkende Taschen.

Ich lauschte ihrem Gespräch. Sie unterhielten sich über den Tod der Schwiegermutter. Die Schwiegermutter war wohl erst vor Kurzem gestorben und hatte keinerlei Geld für die Beerdigung hinterlassen. Die Blonde regte sich über die Verwandten auf, die ebenfalls keinerlei Ersparnisse hatten, um die Beerdigung zu bezahlen. So waren sie und ihr Mann auf jeglichen Kosten der Trauerfeier sitzen geblieben. Sie rechnete vor, dass ihr Mann und sie von dem Geld mindestens vier Kreuzfahrten hätten machen können. Weil alles so teuer gewesen sei, hätten sie nur einen hässlichen Sarg aus Polen bestellen können. Auf Blumen mussten sie auch verzichten. Außerdem wussten sie nicht, wie lange sie den Liegeplatz auf dem Friedhof noch zahlen könnten.

Die Blonde sagte, dass sie zu der Schwiegermutter sowieso nie ein gutes Verhältnis gehabt habe und sie immer nur besuchte, wenn es unbedingt notwendig gewesen war. Auch ihr Mann habe sich eigentlich nie um die Mutter gekümmert, da sie eine sehr schwierige Frau gewesen und immer störrischer geworden sei. Ständig habe sie ihren Sohn wie einen kleinen Jungen behandelt. Am Schluss habe sie in ihrer eigenen kleinen Welt gelebt, nur noch Lotto gespielt und Kreuzworträtsel gelöst. Die Geschwister des Mannes der Blonden wohnten weiter weg, so dass die Mutter allein im Fernsehsessel gestorben sei. Erst nach zwei Tagen habe man sie gefunden. Neben ihrem Sessel stand ein kleiner Tisch mit einem halbvollen Glas und einer Flasche Eierlikör. Der Fernseher lief noch. Als man sie spät abends fand, lief gerade ein Erotikfilm. Die Nachbarn hatten sich über das „schlimme“ Stöhnen gewundert und gedacht, dass es der Nachbarin nicht gut gehe. Man hatte dann die Polizei gerufen und die Tür aufgebrochen. Die Wohnung stank stark nach Zigaretten, weil die Verstorbene bis zum Schluss zwei Päckchen pro Tag geraucht hatte. Die Blonde sagte, dass die Schwiegermutter im Sarg „richtig gelb“ ausgesehen habe und es aus dem Sarg sogar nach Zigaretten gerochen hätte.

„Eigentlich ein netter Tod – so vor dem Fernseher“, sagte die Braunhaarige. „Ich würde gerne währen der Sendung Traumschiff sterben mit meinem Hund auf dem Arm und bei einem kühlen Bier im Sommer bei offener Balkontür“. Beide lachten. Die Blonde fuhr fort in ihrer Erzählung: Bei dem letzten Besuch der Schwiegermutter hatte diese ihren Kindern gegenüber geäußert, dass sie gerne in ihrer Heimat, in Italien, begraben werden wolle. Beide Frauen lachten wieder und die Blonde sagte: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Sie flüsterte der anderen zu, dass der Leichentransport nach Italien mindestens zehntausend Euro gekostet hätte. Sie regte sich nun darüber auf, dass die Schwiegermutter so etwas verlangen konnte, wo sie doch selbst keinen Pfennig hinterlassen und das Geld beim Lotto lieber verspielt habe. Der Grund für ihren letzten Wunsch war wohl gewesen, dass sie sich von all ihren Kindern vernachlässigt fühlte und sie gerne in der alten Heimat begraben worden sei. Nun lag sie nicht auf dem Friedhof am Meer unter Olivenbäumen ihrer Heimatstadt in Italien, sondern auf einem reinlich deutschen Friedhof in einem Einzelgrab, säuberlich umringt von weißen Kieselsteinen. Auf der noch unbepflanzten Erde hatten Verwandte zwei rote Geranien in einem schwarz-weißen Blumentopf platziert, die inzwischen vertrocknet waren. Der Friedhof befand sich direkt am Standrand einer Kleinstadt, angrenzend an das Industriegebiet.

Dann erzählte die Blonde von der Beerdigung. Zum Zeitpunkt der Beerdigung war das Testament noch nicht eröffnet worden. Deshalb seien alle Verwandte scheinheilig angereist und täuschten bei der Beerdigung große Trauer vor. Viele der Verwandten hatten die Verstorbene jahrelang nicht gesehen. Sie vermuteten, dass die Verstorbene einiges an Geld von ihrer reichen Schwester geerbt hätte und jeder einzelne dachte, dass er im Testament eventuell berücksichtigt worden sei. Für große Aufregung sorgte ein allen unbekannter Herr bei der Beerdigung: Dieser gab an, der Freund der Verstorbenen gewesen zu sein. Er sagte, dass er die Verstorbene vor acht Monaten auf einer Singleplattform für Rentner kennengelernt habe und viel Zeit mit ihr verbracht habe – lachend sagte er, dass die Verstorbene „ein heißer Feger“ gewesen sei. Viele der Verwandte fürchteten, dass die Alte dem Freund das übrige Geld vermacht habe.

Nach der Beerdigungszeremonie in der Kirche war die ganze Gesellschaft in ein schäbiges Restaurant neben dem Friedhof gegangen. Hier heuchelte man bei billigen, belegten Wurst- und Käse-Broten, dünnem Kaffee und trockenem Kuchen Interesse an den anderen Gästen vor, lediglich um sie auszuhorchen und um zu erfahren, ob von dem Geld schon etwas verteilt worden sei. Niemand sprach über die Verstorbene. Nach der Testamentseröffnung am Nachmittag, die nur fünf Minuten dauerte, verließen alle Verwandte schweigend mit verzogenen und griesgrämigen Gesichtern den Notar und verabschiedeten sich gegenseitig kaum. Die Blonde sagte, dass man sich bestimmt erst bei der nächsten Beerdigung wiedersehen würde, in der Hoffnung, dass es hier endlich etwas zu holen gäbe. „Die haben alle selbst nichts erreicht im Leben und die letzte Hoffnung ist dann ein Erbe“, sagte sie.

„Wie schäbig und was für ein Theater“, sagte die Braunhaarige. „Da bildet man sich sein ganzes Leben ein, etwas Besonderes und wichtig für andere Menschen zu sein und dann so eine Beerdigung.“

Die U-Bahn hielt. Die beiden Frauen hätten fast den Ausstieg verpasst. Sich gegen die Schwerkraft aufbäumend erhoben sie sich schnell von ihrem Sitz und wackelten mit schnellem Schritt zum Ausgang der Bahn. Schade. Ich hätte sie gerne weiter belauscht.

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