Political Correctness: Ihr verteidigt auch nur eure Privilegien


Die gut ausgebildeten Vorkämpfer des politisch korrekten Sprechens feiern Buntheit, Vielfalt und die grosse Inklusion. In Wahrheit etablieren sie bloss eine neue Norm der Herrschaft – und diskriminieren Minderheiten, die wenig zu sagen haben.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau, prominenter Privilegierter bei der Vancouver Pride Parade 2016. (Bild: Ben Nelms/Reuters)

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau, prominenter Privilegierter bei der Vancouver Pride Parade 2016. (Bild: Ben Nelms/Reuters)

Die Political Correctness ist eine ernste Sache. Das hehre Ziel des neuen korrekten Sprechens besteht darin, alle Individuen in den Diskurs mit einzubeziehen und niemanden zu diskriminieren, oder genauer: niemandem einen Grund zu geben, sich beleidigt zu fühlen. Die Welt der Korrekten ist darum todernst, Ironie absolut verboten.

Oftmals produziert die Political Correctness nun aber ihrerseits neue paradoxe Effekte, die zeigen, dass mit ihr etwas Grundlegendes nicht stimmt. Sie etabliert neue Normen, schliesst neue Minderheiten aus – und vor allem: Der hochkorrekte ernste Sprachgebrauch kippt in sein Gegenteil und wirkt unfreiwillig komisch.

Die strahlende Macht der Liebe

Vor einiger Zeit war ich in Vancouver und verfolgte in meinem Hotelzimmer die Live-Übertragung der lokalen Pride-Parade. «Die Macht der Liebe strahlte», wie es die Mainstream-Medien nannten. Die ganze Stadt war auf den Beinen, Hunderttausende von Menschen, die entweder im Umzug mitliefen (an ihrer Spitze der kanadische Premierminister Justin Trudeau, der mit seiner ganzen Familie allen die Show stahl) oder öffentlich die Parade verfolgten und herzlich Beifall klatschten.

Diese grosse und allumfassende Vorführung der «Einheit in Vielfalt» brauchte natürlich einen Feind: «Heterosexismus». Die Fernsehkommentatoren beschworen ihn ebenso gekonnt wie permanent, als wären sie Teil der Show. Natürlich griffen sie nicht Heterosexualität als solche an, sondern lediglich die Bevorzugung und Etablierung derselben als einer universellen Ordnung, die andere sexuelle Orientierungen auf eine sekundäre Abweichung reduziert. Dieser kritische Blick auf den Heterosexismus tut so, als ob er selbst nicht normativ und für jegliche Richtung offen sei. Aber stimmt das wirklich?

So marschierten also die vielen Gruppen, die nicht nur queere und LGBT-Organisationen umfassten, sondern auch Büchereien und Buchläden, Restaurants, Theater, Anwaltskanzleien, ökologische Gruppierungen, industrielle und landwirtschaftliche Firmen bis hin zum Nachtklub, der «immer offen für Schwule und Transsexuelle» ist. Die offizielle Selbstdarstellung der Organisatoren lautete: «Seid bereit, euch begeistern und inspirieren zu lassen vom Anblick der meterhohen Kopfbedeckungen, der pinkfarbenen Löschfahrzeuge, von mehr Regenbogenfahnen, als ihr zählen könnt, und den Symbolen der Hoffnung und Veränderung. Zu den unvergesslichen Teilen der Parade zählen die Kostüme, die so aufwendig und ausgefallen sind, dass Federboa und Go-go-Boots dagegen alt aussehen!»

Mehr als Duldung

Junge Männer tanzten in engen Hosen, die die Konturen ihrer Penisse betonten, umarmten und küssten sich. Übergewichtige Jungs und Mädchen stellten die Fettschichten zur Schau, die ihnen von den Bäuchen hingen, und unterliefen damit die sexistischen Schönheitsideale. Kurzum, das war weit von der Lage vor Jahrzehnten weg, als Schwule und Lesben im schemenhaften Untergrund lebten und im besten Fall geduldet und ignoriert wurden. Indem sie und andere stolz die eigene sexuelle Orientierung präsentierten, überwanden die Queers nicht nur ihre eigene Zurückhaltung, sondern wiesen auch die Zuschauer auf deren anhaltende Vorurteile hin, die durch das Unbehagen bestätigt werden, mit dem Einzelne, je nach Sozialisierung, ein solches Treiben beobachten.

Ironischerweise ist nun bei diesem Umzug die Vergangenheit fast spiegelbildlich verkehrt. Jetzt ist es die Heterosexualität, die geduldet ist, wobei erwartet wird, dass die heterosexuelle Mehrheit ihre Präferenzen nicht mehr mit allzu viel Stolz zur Schau stellt. Dies würde sofort als heterosexistisch denunziert. Heterosexualität wird nicht direkt, aber unterschwellig als Beschränkung wahrgenommen, als eine Sexualität, die sich opportunistisch mit den alten, bestehenden Mustern zufriedengibt und die Risiken scheut, neue, befreiende Möglichkeiten zu entdecken – als eine passive Unterwerfung unter die herrschende Triebordnung, die zu sozialer Unterdrückung führt. Das Label LGBT+ lieferte damit die konkrete Färbung für das gesamte Feld. Es zwang alle, sich unter ihrem Banner zu vereinen.

Wir alle sind also queer, auch wenn einige noch queerer als andere sind. Eine solche Einheit ist natürlich Ideologie in Reinform, und wir sollten sofort die Frage stellen: Wer (oder was) wurde de facto ausgeschlossen? Viele ethnische Gruppen lehnten die Teilnahme tatsächlich ab, aus Solidarität mit dem Protest von «Black Lives Matter Vancouver» gegen die Beteiligung eines Wagens der Polizei am Umzug. Viele Ureinwohner sind Mitglieder von «Black Lives Matter» und nahmen daher nicht teil.

Die queer-muslimische Gruppe «Salaam» und die queere Südostasiengruppe «Trikone» kamen ebenfalls nicht. «Salaam» sagte: «Wegen rassistischer Reaktionen [. . .] sollten wir unseren eigenen Umzug haben [. . .] Die Veranstalter der Pride-Parade sprechen nicht mit uns. Die Stadt spricht nicht mit uns.» Diese Abwesenheiten signalisieren deutlich die Standorte der heutigen gesellschaftlichen Antagonismen. Wir sollten in dieses Bild auch diejenigen Transgender aufnehmen, deren Leben voll Furcht und sozialer Ungewissheit ist und damit weit entfernt von der Vorstellung glücklicher junger Männer, die halbnackt tanzen und sich küssen.

«Einheit in Vielfalt»

Aus all diesen Gründen hinterliess die Vancouver-Pride-Parade bei mir (und auch vielen LGBT-Mitgliedern) einen bitteren Nachgeschmack. Hier waren mehrheitlich gut ausgebildete weisse, privilegierte Frauen und Männer unterwegs, die über hohen sozialen Status verfügen. Die Parade erinnerte mich an so viele ähnliche Aufmärsche, die ich in meiner Jugend im kommunistischen Jugoslawien miterlebte. Paraden zum Tag der Arbeit, an dem unterschiedliche Kollektive ihre «Einheit in Vielfalt» feierten, alle unter dem gemeinsamen Schirm der herrschenden Ideologie (Bruderschaft und Einheit aller Nationen im selbstregierten und blockfreien sozialistischen Jugoslawien).

Sogar die subtile Langweile und die bürokratische Sprache der TV-Kommentatoren von Vancouver mit ihrer politisch korrekten Vorhersehbarkeit (sie waren stets sorgsam darauf bedacht, den ideologischen Schirm der Parade als LGBTQIA+ zu bezeichnen) erinnerten mich an den Jargon der Kommunisten, bei dem jegliche Form von Ironisierung unter Androhung von Strafe verboten war. Alle haben sich an die offizielle Sprachregelung zu halten, alle haben das angeblich subversive Potenzial alternativer, in Wahrheit jedoch privilegierter Lebensentwürfe zu loben und zu preisen.

Wie damals verwandelte sich das ganze Spektakel vor meinen Augen in eine Art Farce. Am Ende wirkt der offizielle Sprachgebrauch selbst wie sein eigener ironischer Kommentar. Zensurierter Ernst schlägt um in unfreiwillige Komik – und geschieht nicht genau dies notwendigerweise mit der Political Correctness? Sie beansprucht mit den besten Absichten, niemanden zu verletzen, produziert aber neue Ausgeschlossene und etabliert eine neue Norm – bloss darf dies niemand mehr sagen, weil er dadurch die schöne neue Herrschaftsharmonie störte.

https://www.nzz.ch/feuilleton/das-paradox-der-political-correctness-ihr-verteidigt-auch-nur-eure-privilegien-ld.1298419?utm_content=buffer47293&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

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