Rüdiger Safranskis Börne-Preis-Rede

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Rüdiger Safranskis Börne-Preis-Rede: Eigenwillig arbeitet die Poesie am Dasein

Rüdiger Safranski

 

Muss die Kunst weichen, wenn die Politik ruft? Nein, erst beide zusammen ergeben die Kultur der Freiheit.

Schöne Seele und guter Mensch: Kann ein Künstler beides sein? Rüdiger Safranski (Bild: Simon Tanner / NZZ)

«Freiheit» ist mittlerweile ein abgenutztes Wort, das seine einstige Strahlkraft hierzulande fast verloren hat. Wenn man sich überlegt, was es bedeuten könnte, lohnt es sich, bei Ludwig Börne nachzufragen. Leider gibt es immer weniger Gelegenheiten, bei denen sich die Öffentlichkeit an Börne erinnert, diesen grossen politischen Schriftsteller aus der Zeit des Vormärz, der bis 1837 seine letzten siebzehn Jahre in Paris zubrachte, dort Mittelpunkt des deutschen Exils war und ein Vermittler und Deuter der französischen Politik und Kultur für Deutschland.

Was also bedeutet Freiheit für Börne? Zum einen das, was wir heute haben: Rechtsstaat, Pressefreiheit, demokratische Selbstbestimmung. Damals, im Deutschland des 19. Jahrhunderts, lag das alles noch in weiter Ferne und erschien als das Kostbare, das es ja ist. Da wir uns aber inzwischen daran gewöhnt haben, entgeht uns das Kostbare. Die Freiheitsrechte haben sich von einer Errungenschaft zu einer selbstverständlichen Gegebenheit gewandelt. Leidenschaft wird dadurch kaum geweckt.

Der Keim der Tyrannei

Ganz anders bei Börne, für den die Republik eine Glaubenssache war. Der Freiheitswille beseelt ihn nicht nur politisch. Freiheit hat eine umfassendere Bedeutung für ihn. In seinen Betrachtungen zur Französischen Revolution findet sich die Bemerkung: «Nur durch gewaltsame Revolutionen wird der Staat verbessert, nur durch Ausgelassenheit wird das Volk zur Freiheit erzogen, denn nur die Anarchie vermag die Keime der Unterwürfigkeit und des Knechttums in den Bürgern zu zerstören, jene Keime, aus welchen bei jeder günstigen Witterung die Tyrannei immer wieder von neuem aufschiesst.»

Börne verteidigt die Revolution auch als seelisches Grossereignis: Man sollte eine Phase der Ausgelassenheit und Anarchie durchlebt haben, andernfalls bleibt man innerlich knechtisch, gefesselt, gehemmt. Es ist der ekstatische Moment der Freiheit, den Börne anvisiert. Der Augenblick, da sich auch die innere Ordnung umwälzt, neue Gedanken und Gefühle aufschiessen, neue Verbindungen eingehen, sich umgruppieren, nach Ausdruck drängen, wie auch immer. Das ganze Dasein fühlt sich neu an. Das alles heisst Ausgelassenheit oder Anarchie. Das kann sich ereignen im Zusammenhang revolutionärer Gewaltausbrüche, von denen hier die Rede ist. Börne war da nicht zimperlich. Wäre doch schön, meint er, wenn die Deutschen, die sich sonst nur für ihre Herren schlagen, endlich einmal für ihre eigene Sache kämpften.

Doch solche Momente ekstatischer Freiheit gibt es natürlich nicht nur auf der Barrikade. Börne entdeckt und schätzt sie auch in anderen Lebens- und Gefühlszusammenhängen. Er hat einmal einen Text verfasst, der, heute fast vergessen, einst so berühmt war, dass Sigmund Freud sich davon anregen liess für sein neues und umwälzendes Konzept der freien Assoziation als psychotherapeutische Behandlungsmethode. Dieses Prosastück ist überschrieben mit «Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden». Ich zitiere ein paar Sätze daraus: «Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozess, vom Jüngsten Gericht, von euren Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz ausser euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden.»

Die Feigheit, zu denken

Auch das ist die Beschreibung einer Umwälzung; die Bastille, die dabei erstürmt wird, ist der innere Ordnungstyrann, das Ich oder das Über-Ich, wie immer die Bezeichnung dafür lautet, jedenfalls eine Instanz, welche das Schöpferische hemmt, die Traumzensur ausübt und dem wilden Denken Einhalt gebietet. Es geht um Kontrolle über das hinaus, was im engeren politischen Sinne als «Schere im Kopf» bezeichnet wird. Aber freilich ist auch sie gemeint. «Eine schimpfliche Feigheit, zu denken, hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt.»

Beim Thema der freien Beweglichkeit von Gedanken und Gefühlen gerät Börne bisweilen auf ein Feld, das eine säuberliche Aufteilung der Sphären eher dem Ästhetischen als dem Politischen zurechnen würde. Doch mit solcher Aufteilung ist Börne nicht einverstanden, er plädiert für eine «ungeteilte Intelligenz», die imstande ist, den Geist der Freiheit überall wirksam werden zu lassen, in der Politik wie auch in Kunst und Literatur.

Er illustriert das am Beispiel des literarischen Humors, der für ihn ein Durcheinanderwirbeln der Hierarchien und ein Sturz von Autoritäten bedeutet, eine «wilde und launische Demokratie der Gedanken und Empfindungen». Den schöpferischen Geist der Freiheit ausbreiten heisst für ihn nicht, dass die Literatur etwa darauf zu verpflichten sei, sich irgendwie dem politischen Kampf thematisch anzuschliessen.

Aufrufe schreiben

Börne verfocht nicht, wie manche der engagierten Autoren des Jungen Deutschland, die Unterordnung von Kunst und Literatur unter die politische Bewegung. In politischen Sturm-und-Drang-Zeiten mag die Kunst in den Hintergrund rücken, wenn sie aber hervortritt, dann wollte er in ihr den Geist der Freiheit in der umfassenden Bedeutung spüren und nicht irgendetwas bloss Politisch-Parteiisches. Wo er den freien Geist nicht spürte, da reagierte er gelangweilt, verärgert oder bisweilen sogar mit Hass. Warum aber dann die Verfeindung mit Heinrich Heine, der doch wahrlich ein solches poetisches Flugwesen war, wie es Börne eigentlich liebte?

1833, nach drei Jahren zwar nicht freundschaftlichen doch respektvollen Umgangs beginnt Börne mit dem offenen Angriff auf Heine: «Ich kann Nachsicht haben mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschaften eines Jünglings. Wenn aber an einem Tage des blutigsten Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde nach Schmetterlingen jagt, mir zwischen die Beine kömmt – so darf uns das . . . wohl ärgerlich machen.»

Schlechte Zeiten für die Schmetterlinge der Poesie, erklärt Börne, denn es gibt im Augenblick Wichtigeres, nämlich den politischen Kampf um Freiheit und Demokratie. Auch er würde sich gerne mit so angenehmeren Dingen beschäftigen, aber nein, das geht nicht, er muss fern der Heimat in verräucherten Hinterzimmern mit Gesinnungsgenossen konspirieren, Aufrufe schreiben, Kollekten organisieren, inzwischen müde wie ein Jagdhund; er würde sich viel lieber so etwas Schönem widmen wie Heines «Florentinischen Nächten». Aber er «opfert sich dem Allgemeinen». Das Eigene, und dazu gehört die Liebe zum Poetischen, muss zurückstehen. Das erinnert an Brechts Ausspruch: «Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume schon fast ein Verbrechen ist.»

Die poetische Existenz

Doch anders als Brecht fordert Börne nicht die Politisierung der Poesie. Für ihn bleibt die Poesie nur sich selbst verpflichtet, dem schöpferischen Geist, der in ihr wirkt. Aber es gibt eben Zeiten, da stört sie, lenkt ab. Börne vermeidet die politische Instrumentalisierung der Poesie, ist aber bereit, sie gegenüber den politischen Erfordernissen zurückzustellen. Sie wird zu einer schönen Nebensache. Das musste Heine kränken, dem die poetische Existenz über alles ging, auch noch über die Politik.

In der Spannung zwischen Börne und Heine macht sich ein Geist bemerkbar, der bis heute wirkt und der Kunst und Literatur unter politisch-moralischen Rechtfertigungsdruck setzt. Was leisten die Künste zur Verbesserung der Welt, fragt der Geist der politisch-moralischen Nützlichkeit, welches ist ihr Beitrag zum Fortschritt? Ist die Kunst mit ihrem Willen zur selbstzweckhaften Schönheit nicht vielleicht doch sozial verantwortungslos, elitär, eskapistisch?

Verzweifeln an der Kunst

Es gibt eine Verzweiflung und bisweilen sogar einen Verrat an der Kunst aus Solidarität mit dem Elend und der Ungerechtigkeit. In Russland und anderswo kam die revolutionäre Zerstörung der Kultur auch aus dieser Quelle. Kunst sollte Waffe im Kampf sein, oder sie sollte einstweilen gar nicht sein. Dieses Denken lebt immer wieder auf, etwa in der 68er Zeit. Damals wurde der «Tod der Literatur» verkündet. In Vietnam, so hiess es, werden Kinder mit Napalmbomben verbrannt, deshalb sei Kunst Lüge, eine falsche Versöhnung, gerechtfertigt sei sie allenfalls als Strassentheater, Flugblatt, Reportage, Dokumentation.

Es gibt deshalb nicht nur eine Gesinnungsethik, sondern auch eine Gesinnungsästhetik. Laut ihr kann die Kunst mit den Übeln der Welt koexistieren unter der Voraussetzung, dass erstens diese Übel ausdrücklich zum Thema gemacht werden, dass man zweitens nicht so zu tun braucht, als könne man sie lösen, es reicht, dass man die Wunden zeigt; woraus dann drittens folgt: die frei schwebende Solidarität mit den Verdammten dieser Erde. Das führt zu Kitschsätzen wie «Die schwache Stimme der Literatur zur Stimme der Schwachen machen». Oder es ergeben sich Peinlichkeiten wie jüngst bei der Biennale in Venedig, wo bei irgendwelchen Performances Flüchtlinge ausgestellt werden. So können Künstler beides zugleich sein: schöne Seelen und gute Menschen. Manche schaffen es sogar bis zum Gewissen der Nation.

Es war Heine, der den politisch-moralischen Rechtfertigungsdruck, der auf den Künsten lastet, explizit formulierte. Ein schrecklicher Syllogismus, schreibt er, habe ihn behext: «Kann ich der Prämisse nicht widersprechen: dass alle Menschen das Recht haben zu essen», so müsse er sich eigentlich auch der Folgerung anschliessen, dass erst einmal für das Elementare gesorgt sein müsse, ehe man sich den «Nachtigallen» der Poesie widme. Doch er sieht auch die Bilderstürmer des politisch-moralischen Utilitarismus die Macht ergreifen, und mit rohen Fäusten zerschlagen sie alle jene «phantastischen Schnurrpfeifereien, die den Poeten so lieb waren, die Nachtigallen, die Sänger werden fortgejagt, und ach! Mein ‹Buch der Lieder› wird der Krautkrämer zu Tüten verwenden, um Kaffee oder Schnupftabak darein zu schütten». Heine schrieb kurz vor seinem Tod: «Es ist nichts aus mir geworden, nichts als ein Dichter.»

Ein heiliges Amt

Indes, Börnes letztes Wort über sich lautet: «Ich strebte nie nach dem Ruhme eines guten Schriftstellers, ich wollte nie für einen Schreibkünstler gelten. Meine Natur hat mir ein heiliges Amt aufgetragen, das ich verrichte, so gut ich kann.» Und dieses Amt verstand er als ein politisches – es war sein publizistischer Einsatz für Demokratie und Freiheit.

Es bleibt, wie sich am Beispiel Börne und Heine zeigt, eine nicht aufzulösende Spannung zwischen Politik und Poesie, auch wenn der Geist der Freiheit hier beide Bereiche durchdringt. Doch warum die Spannung unbedingt auflösen wollen? Beide Leidenschaften, die poetische und die politische, sind nötig, jede für sich. Wenn sie sich allerdings in die Quere kommen, müssen sie begreifen, dass sie erst zusammen die Kultur der Freiheit ergeben, wenn auch auf verschiedenen Wegen und ohne sich wechselseitig zur Dienstbarkeit zu zwingen.

https://www.nzz.ch/zuerich/ruediger-safranskis-boerne-preis-rede-auf-dem-schlachtfeld-jagt-man-keine-schmetterlinge-ld.1298181

 

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