Fluchtmöglichkeiten für Juden sind heute besser als 1933

Die Juden von Umeå, dem wichtigsten Zentrum im nördlichen Schweden, haben zum April 2017 ihr Kulturzentrum geschlossen. Es wurde immer wieder mit Hakenkreuzen beschmiert. Überdies haben die Verfolger unmissverständlich hinzugefügt, dass man genau wisse, wo in der Stadt mit 80.000 Einwohnern die Juden wohnen. „Unsere Kinder sollen nicht in einer Welt leben, in der sie sich für ihre Herkunft schämen müssen“, erklärt die Sprecherin des Zentrums.

Einen Verdacht zur Identität der Täter formuliert sie nicht. Das ähnelt dem Vorgehen der Berliner Schule, in der fast gleichzeitig ein jüdischer Junge erst gemobbt, dann misshandelt und schließlich durch seine Mutter in Sicherheit gebracht wird. Dass 75 Prozent seiner Mitschüler nicht Deutsch als Muttersprache pflegen, bleibt momentan der deutlichste Hinweis auf das Tätermilieu.

Unter Migranten hierzulande gibt es allerdings nicht nur Muslime, sondern auch christliche Europäer. Unten denen halten Griechen mit 69 Prozent Antisemiten im Jahre 2015 den Rekord der Alten Welt. Selbst Iraner, deren Führer regelmäßig die Vernichtung Israels ankündigen, wirken 2015 mit 60 Prozent Judenhass vergleichsweise harmlos. Vorschnelle Schuldzuweisungen verbieten sich ohnehin und auch junge Altdeutsche aus dem linken Antizionismus oder dem rechten Neonazismus können nicht vorab exkulpiert werden.

Doch gänzlich im Dunkeln über gruppenspezifische Ausprägungen des Judenhasses tappen wir nicht. 2014 ist für einen großen Teil der Welt und 2015 noch einmal für neunzehn ausgesuchte Nationen, die Verteilung judenfeindlicher Haltungen ermittelt worden. Bei rund 26 Prozent Judenhass in der Weltbevölkerung steht Deutschland mit 16 Prozent sehr viel besser da als etwa die Schweiz (ebenfalls 26 Prozent) oder Österreich (28 Prozent). Gemessen an den Dänen (8 Prozent) jedoch hat die Bundesrepublik noch Aufholbedarf. Das kleine Volk, das 1943 in einer Nacht- und Nebelaktion seine Juden vor Hitlers Schergen in Sicherheit bringt, gehört auch 2015 zu den besonders Toleranten. Noch besser schneidet 2014 (2015 nicht erhoben) mit 4 Prozent Schweden ab, wo damals die dänischen Juden unterkommen. Das indiziert, dass die dortigen Judenverfolger mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu den Alteingesessenen gehören.

Für 100.000 Juden eine halbe Million neue Feinde geholt

Als Sprachgruppe schneiden die angelsächsischen Staaten am besten ab (AUS, CDN und NZ 14 Prozent [2014], UK 12 und USA 9 [2015]). Die überwiegend muslimischen Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten hingegen stehen mit 74 Prozent Judenhass global an der Spitze.

Hat das Auswirkungen auf ihre Glaubensgenossen in Deutschland? Gegenüber 16 Prozent Antisemiten in der Gesamtbevölkerung (2015) empfinden 56 Prozent der hiesigen Muslime antijüdisch. Da dasselbe nur für 14 Prozent der Christen gilt, sorgen Muslime für eine Verschlechterung des Durchschnitts. Dabei helfen ihnen übrigens Atheisten mit ihren außergewöhnlich hohen 20 Prozent. In Großbritannien, wo Muslime zu 54 Prozent ähnlich antijüdisch sind wie hier, bescheiden sich Atheisten mit 10 Prozent.

Bei den 2015er Zahlen für Deutschland sind die im selben Jahr aufgenommen Migranten und Flüchtlinge nicht mitgezählt. Sollten auch sie zu 56 Prozent antisemitisch sein, hätte Berlins Führung gegen die knapp 100.000 Juden im Land ein halbe Million Feinde zusätzlich ins Land geholt. Während alles dafür spricht, dass Deutschland nach 1945 – das zeigt schon der Vergleich mit Österreich – Bedeutendes bei der Überwindung des Antisemitismus geleistet hat, macht seine Einwanderungspolitik davon einiges wieder zunichte.

Dennoch ist für die betroffenen Juden die Lage heute weniger bedrohlich als nach 1933. Nicht nur die Existenz Israels, sondern auch die Fluchtmöglichkeiten in die knapp 28 Millionen Quadratkilometer der angelsächsischen Länder schaffen ganz andere Sicherheitsperspektiven. Dazu kommt der „war for foreign talent“, in dem weltweit und ununterbrochen um Qualifizierte geworben wird, unter denen Juden gut vertreten sind. Ihre Abwanderung scheint begonnen zu haben, weil bereits 2005 die Mitgliedschaft in Deutschlands jüdischen Gemeinden mit gut 108.000 ihren Höhepunkt erreicht. 2015 sind es nicht einmal mehr 100.000. Wer gering qualifizierte Judenhasser holt, darf nicht erstaunt sein, dass deren Opfer andernorts gern genommen werden.

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