Das eigene Weltbild als absolute Wahrheit verkaufen zu wollen, ist ein Merkmal des Totalitären. Eines der wesentlichen Prinzipien in der Demokratie ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen.

Von Dirk Maxeiner. Unter dem Label  „Constructive Journalism“ soll endlich wieder das Positive in die Welt kommen. Das ist sehr wünschenswert, allerdings nicht Aufgabe des Journalismus. Der soll berichten, was ist, und den Mächtigen auf die Finger schauen. Hasso Mansfeld hat auf diese schlichte Selbstverständlichkeit hingewiesen mit so wunderschönen Sätzen wie diesem: „Eines der wesentlichen Prinzipien in der Demokratie ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen.“ Jetzt kriegt er von denjenigen mächtig Haue, die ihr eigenes Weltbild als das absolut Positive festschreiben wollen. Wie sagte einmal der langjährige ZDF-Intendant Dieter Stolte. „Ich fürchte Weltverbesserer.“

Ein Gast-Kommentar von Hasso Mansfeld

Der Autor erlebt es relativ selten, dass ihn Reaktionen der Leser auf einen Kommentar bis in die eigenen E-Mails verfolgen. Dass ihm Meinungen zu seinem Meinungsbeitrag in persönlichen Mails kundgetan werden. Das ist schon deshalb merkwürdig, weil es in Furor und Intensität an einen Glaubenskampf erinnert. Mein Thema war Konstruktiver Journalismus (KJ). Die Reaktionen nun sprechen für die These, dass dieser KJ eine eigene spezielle Agenda hat, die über das Journalistische hinauszugehen scheint.

Nun  garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes die Freiheit der Berichterstattung. So soll gewährleistet sein, dass demokratisch legitimierten Mächtigen auf Zeit, dauerhaft auf die Finger geschaut wird. Nicht umsonst gilt die Presse als vierte Gewalt, der eine Kontrollfunktion zugestanden wird. Das muss dann zwar nicht in jedem Falle zu einem Dissens führen, aber diesem kommt in solchen Debatten eine wichtige Rolle zu: Dissens ist in der Demokratie viel wichtiger als Konsens. Eines der wesentlichen Prinzipien in der Demokratie ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen. Ausgesprochenes Misstrauen durch die Instrumente zur Kontrolle derselben. Die Presse findet schon deshalb ihren besonderen Niederschlag im Grundgesetz, weil sie Macht kritisch beschaut.

Wenn man nun meint, Journalismus müsse „konstruktiver“ werden, dann ist das ein Ausfallschritt weg vom Artikel 5 hin zu Artikel 21 des Grundgesetzes. Der nämlich besagt, dass die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken haben.

Aber was ist das nun, wenn Journalismus mit einem bestimmen „positiven“ Weltbild daherkommt?  Was „positiv“ ist liegt doch einzig im Auge des Betrachters, ist also relativ. Ansonsten würde doch jede Definition des Positiven eine absolute Vorstellung von Wahrheit benötigen. Diese aber gibt es nicht. Wenn beispielsweise die Steuern erhöht werden sollen, dann mag das für die Partei Die Linke und für Martin Schulz eine gute Nachricht sein, in der Wahrnehmung von Konservativen und Unternehmern ist sie sicher eine negative.

Diese Debatte ist übrigens nicht einmal neu. „Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche.“, befand einst Ernst Jünger. Und Kurt Tucholsky zitiert einen Husaren, der gerade einen gegnerischen Offizier getötet hat: „Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, und welch schöne Sache ist doch der Krieg!“

Konstruktiver Journalismus würde nun wahrscheinlich alles tun, Kriege zu vermeiden und man könnte annehmen, es gäbe einen allgemeinen Konsens darüber, das Krieg von allen Menschen als etwas Schlechtes empfunden wird. Dafür allerdings werden auch aktuell noch zu viele „heilige Kriege“ geführt, Kriege um Ideologien, Religionen, absolute Wahrheiten und nicht zuletzt um Rohstoffe. Also für einige offensichtlich lohnenswert scheinende Kriege, die eine Umverteilung vornehmen oder sonst wie in höherem heiligem Auftrage die Welt retten wollen.

Aber zurück auf die Erde. Die prominentesten deutschen Wegbereiter des Konstruktiven Journalismus wollen die Gründer von “Perspective Daily“ sein. Eine der Gründerin, Maren Urner, erklärte unverblümt gegenüber der taz: „Wir möchten einen Journalismus machen, der ein realistisches Weltbild vermittelt. So negativ, wie die Medien häufig berichten, lässt es viele Leser apathisch zurück. Wir hingegen wollen unsere Leser ermutigen, ihnen zeigen, dass sie etwas tun können.“

Ist das nicht furchtbar? Selbstverständlich darf man ein eigenes Weltbild haben. „Realistisches“ Weltbild hört sich in meinem Ohren dann aber schon wieder stark nach Verabsolutierung einer Perspektive an. Es bleibt aber Merkmal des Totalitären, sein Weltbild als absolute Wahrheit verkaufen zu wollen.

Journalismus hat eine dienende Funktion innerhalb unserer Demokratie. Er hat die Aufgabe, so definiert es auch der DJV „Sachverhalte oder Vorgänge öffentlich zu machen, deren Kenntnis für die Gesellschaft von allgemeiner, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung ist“. Ob das daraus endstehende Informationsangebot „positiv“ oder dazu geeignet ist, Teile der Bevölkerung zu verunsichern, darf für den Journalismus keine Rolle spielen.

Über den Autor:
Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de.

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