Deutschlands beliebtestes Sado-Maso-Setting

Von Oliver Zimski. Der „Kampf gegen rechts“ erinnert bisweilen an ein Sado-Maso-Setting, bei dem die einen die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Opfer schamlos für ihre Zwecke instrumentalisieren, und die anderen sich immer noch damit ins Bockshorn jagen lassen. Erstaunlich ist die Unfähigkeit einmal gewonnene Erkenntnisse auf neue Sachverhalte zu transferieren, beispielsweise auf die Gefahren des fundamentalistischen Islam.

achgut.comVor einigen Tagen kam es auf dem Berliner U-Bahnhof Gesundbrunnen zu einer erschreckenden Gewalttat. Zehn Täter attackierten einen jungen Mann, weil dieser einen muslimischen Kettenanhänger um den Hals trug. Sie stießen ihn brutal zu Boden, traten ihn und trieben ihn auf die U-Bahngleise. Dort konnte sich das Opfer die Angreifer mit einem Messer vom Leibe halten, bis Hilfe kam. Reiner Zufall, dass es keine Toten oder Schwerverletzten gab.

Kurzzeitig, als die Hintergründe des Vorfalls noch nicht bekannt waren, hielt die Hauptstadt den Atem an. Neonazis? Ein schlimmer Fall von Islamhass? Doch bald wurde Entwarnung gegeben. Es war nur eine Gruppe von Sunniten gewesen, die in dem Kettenträger einen Schiiten erkannt hatte. Erstere sehen ja bekanntermaßen Letztere nicht als vollwertige Muslime an. Nicht schön, aber halb so wild. Mit ein paar dürren Zeilen im FOCUS erstarb das Interesse der Öffentlichkeit.

Glaubenskämpfe unterschiedlicher islamischer Strömungen auf deutschem Boden, Diskriminierung von orientalischen Christen – echten Flüchtlingen – durch muslimische Wirtschaftsmigranten in den Sammelunterkünften, fundamentalistische Parallelgesellschaften, ein stetig wachsender Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland, die allmähliche Ausbreitung der Scharia bis hinein ins deutsche Rechtssystem – für große Teile der politischen und medialen Eliten ist das alles Pipifax und kaum der Rede wert. Hochsensibel und tiefbetroffen reagieren sie hingegen, wenn sie auch nur Mikrosymptome der ihrer Ansicht nach einzig wirklichen Gefahr für die deutsche Demokratie entdecken: einer „rechten“ Gesinnung.

Hochsensibel und zugleich blind

Jemand hat ein Wort gebraucht, das auch schon in der Nazizeit Verwendung fand. Jemand kennt jemanden, der jemanden kennt, dessen Onkel auf Facebook eine falsche Meinung „geliked“ hat oder gar AfD-Sympathisant ist. O weh! Sofort braust ein Shitstorm los, der ganz handfeste Konsequenzen für den Betreffenden haben kann: etwa dass er von Antifa-Kämpfern tätlich angegriffen, sein Auto abgefackelt, sein Haus mit Parolen beschmiert oder sein Arbeitgeber aufgefordert wird, ihn zu entlassen. Und geschieht ihm das nicht recht? Haben nicht Nazis und alle, die als solche tituliert werden, ihre Menschen- und Bürgerrechte verwirkt?

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, schrieb Bertolt Brecht im Epilog seines im Exil entstandenen Theaterstücks „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. In seinem Entstehungsjahr 1941 lag die Berechtigung dieses sprachlichen Bildes auf der Hand. Doch auch heute, da Hitlers Asche längst in alle Winde zerstreut ist, ist es für den Mainstream in Deutschland von brennender Aktualität: Überall kriechen braune Ratten aus ihren Löchern, sogar aus der Mitte der Gesellschaft heraus.

Ihnen gegenüber stehen die „Anständigen“, die aus der Geschichte gelernt haben, sich mutig „quer stellen“, „Gesicht zeigen“. Warum besteht auch sieben Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch kein Mangel an Nazi-Zombies, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt? Wieso haben sich in Zeiten der AfD Millionen vorher offensichtlich relativ normaler Menschen plötzlich in „Rassisten“ verwandelt, mit deren Beweggründen man sich nicht auseinandersetzen muss, weil „Rassismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ ist?

In der Pose des Widerstandskämpfers

Hätte es die heutige „Zivilgesellschaft“ schon zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gegeben, die echten Nazis hätten nicht den Hauch einer Chance gehabt. Bei jedem kleinen SA-Aufmarsch in der tiefsten Provinz, bei jedem Treffen finsterer Rechter im Hinterzimmer einer Kiezkneipe, wären deren wachsame Vertreter sofort zur Stelle gewesen – SPD, Linke, Grüne, Kirchen und Gewerkschaften Arm in Arm – hätten die Treffpunkte der Nazis blockiert und dazu mit gereckter Faust Ernst-Busch-Lieder gesungen.

Viele der selbsternannten „Kämpfer gegen Rechts“ verharren seit Jahrzehnten in dieser Pose eines imaginierten Widerständlers der späten Weimarer Republik. Sie sind die Zurückgebliebenen. Das, was ihre Großeltern damals versäumten, möchten sie jetzt doppelt und dreifach nachholen. 84 Jahre nach Hitlers Machtergreifung präsentieren sie der Welt ihre „bunte Republik“ als antifaschistischen Musterschüler. „Schaut her!“, rufen sie. „Wir haben uns total geändert, wollen keine Deutschen mehr sein, nur noch Europäer und Weltbürger. Heute sind wir die Vorreiter des Guten, nehmen mit Abstand die meisten Flüchtlinge auf, trennen am konsequentesten den Müll und sind nicht nur Weltmeister im Fußball, sondern auch in der Aufarbeitung unserer Vergangenheit!“

Dass das die Welt gar nicht interessiert, weil sie inzwischen andere Sorgen hat, sich höchstens lustig macht über „Jürgen – The German“ (einen tumben Touristen, der die Londoner darüber belehren möchte, wie richtiger Antifaschismus auszusehen habe), kann die Zurückgebliebenen nicht beirren. Wie in einem defekten Fahrstuhl gefangen, zuckeln sie immer zwischen dem 33. und 45. Stockwerk hin und her. Mit ihren Körpern im modernen Deutschland des Jahres 2017 wandelnd, hängen ihre Köpfe im Nationalsozialismus fest. Alles sehen sie durch die braune Brille, schnüffeln begierig nach verdächtigen Zahlen- und Buchstabenkombinationen, über die sich irgendein Bezug zur NS-Zeit herstellen ließe, und sei er auch noch so sehr an den Haaren herbeigezogen.  Die AfD halten sie für die neue NSDAP, und die Rolle der Juden haben sie neuerdings den Muslimen angetragen.

Obsession mit Mehrwert

Das uralte Menschheitswissen, dass gute Absichten auch Böses bewirken können, ist den Zurückgebliebenen völlig fremd. Ihr schlichtes Weltbild und ihre Denkfaulheit machen sie unfähig, einmal gewonnene Erkenntnisse auf neue Sachverhalte zu transferieren. Von jeher auf dem linken Auge blind und von kalter Ignoranz gegenüber den Millionen Opfern des Kommunismus, sind sie erst recht außerstande, die Gefahren des fundamentalistischen Islam zu erkennen. Es ist ein trauriger Treppenwitz, dass ausgerechnet diejenigen, die unentwegt die Forderungen nach mehr „Vielfalt“ und „Multikulturalität“ im Munde führen, selbst in einem rein „deutschnationalen“ Denken verharren. Dieses lässt sie die neuen multilateralen Konflikte in einem Staat, dessen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund in vielen Großstädten allmählich die 50 Prozent-Marke  anpeilt, reflexhaft auf den angeblichen alten „Rassismus“ und „Rechtsextremismus“ der Noch-Mehrheitsgesellschaft zurückführen.

Natürlich ist diese Fixierung auf die NS-Zeit eine pathologische Obsession. Zwangsneurotiker, die sich hundertmal am Tag die Hände waschen müssen oder nicht wagen, den auf den Boden gefallenen Schlüssel aufzuheben, aus Angst, sich mit tödlichen Mikroben zu infizieren, leiden üblicherweise unter ihrer Krankheit. Was den Fall der Zurückgebliebenen so diffizil macht, ist zum einen ihr fehlender Leidensdruck – sie fühlen sich ja als die „Normalen“ und beanspruchen die Deutungshoheit für alle anderen – und zum anderen der Nutzen, den sie aus ihrer Obsession ziehen: klare Orientierung haben in einer immer komplexer werdenden Realität; nicht groß nachdenken und differenzieren müssen; die enorme Befriedigung verspüren, endlich einmal auf der vermeintlich richtigen Seite zu stehen.

Hinzu kommt unter der Regierung Merkel die massive finanzielle Förderung des „Kampfes gegen Rechts“ aus dem zynischen politischen Kalkül heraus, in Zeiten staatlichen Rechtsbruchs (Verletzung der Vereinbarungen zum Euro, grundgesetzwidrige Masseneinwanderung) Kritiker und Andersdenkende durch Abschiebung in die rechte Schmuddelecke mundtot zu machen. So werden Denunzianten und weltfremde Ideologen durch die Aussicht angelockt, von Maas und Schwesig Staatsknete abzufassen für den „Kampf gegen Rechts“; immer neue Studien erstellen zu können auf Kosten des Steuerzahlers, und dabei so frech zu sein, demselben stets aufs Neue „rechte Denkmustern“ und ähnliches zu bescheinigen. Ein unappetitliches Sado-Maso-Setting, zu dem allerdings zwei Seiten gehören: eine, die die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Opfer schamlos für ihre Zwecke instrumentalisiert, und die andere, die sich immer noch damit ins Bockshorn jagen lässt.

Die Kinderhymne

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, warnte Michail Gorbatschow 1989 die DDR-Führung, die die Zeichen der Zeit nicht sehen wollte und längst überfällige Reformen ihres verkrusteten Staatssozialismus verweigerte. Die Ergebnisse sind bekannt. Damals ging es nur um einige Jahre, die die ostdeutschen Genossen den Reformern im Kreml hinterher hinkten. Heute geht es um jene, die 70 Jahre zurückgeblieben sind und trotzdem an den Schaltstellen der Macht kleben, in Politik und Medien den Ton angeben. Längerfristig haben sie keine Zukunft, dazu mangelt es ihnen zu sehr an Lebensfreude, Neugier und Selbstreflexion. Doch bis sie endlich abtreten, können sie mit ihrer zwanghaften und bösartigen NS-Fixierung die Zukunft der gesamten Gesellschaft beeinträchtigen.

Brecht schrieb 1949 noch einen anderen Text, nur vier Jahre nach der größten Katastrophe der deutschen Geschichte. Deutschland war der Paria der Welt, ein schändlicher Kriegstreiber und Massenmörder. Durch eine ungeheure Kraftanstrengung fast aller anderen niedergeworfen und besiegt. Zerstört, besetzt und aufgeteilt. 1945 kein Land mehr, sondern nur noch ein jämmerliches Häufchen Elend. Seine Bewohner hatten in ihrer großen Mehrheit mitgemacht oder zumindest zugelassen. Alle schienen mitschuldig, mit Ausnahme der Kinder. Ihnen widmete Brecht seine „Kinderhymne“, mit einer Vision vom „guten Land“ zwischen Oder und Rhein. Anmut sparet nicht noch Mühe, beginnt der Text, Leidenschaft nicht noch Verstand,/ dass ein gutes Deutschland blühe / wie ein andres gutes Land. Und es endet mit der Strophe: Und weil wir dies Land verbessern, / lieben und beschirmen wir’s, / und das liebste mag’s uns scheinen, / so wie andern Völkern ihrs. Keine Frage, dass diese Zeilen für die Zurückgeblieben heute „voll Nazi“ wären. Einen widerwärtigen „Rechtspopulisten“ würden sie Brecht dafür schimpfen.

Die unschuldigen Kinder von damals sind heute 80 Jahre alt. Wir alle, die wir in diesem Land leben – ob Einheimische oder Zugewanderte – die seine Gegenwart und Zukunft konstruktiv gestalten wollen, sind diese Kinder. Es ist unser „gutes Land“. Und wir sollten nicht zulassen, dass die Zurückgebliebenen es uns kaputt machen.

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.

 

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