Was Einbrüche mit Freiheit zu tun haben

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Der Weg zur Knechtschaft – Friedrich August von Hayek

 

Was Einbrüche mit Freiheit zu tun haben

Von Klaus D. Leciejewski.

Am Nachmittag vor meiner Abreise nach Havanna, klingelte es an der Tür. Mein Nachbar stand mit einem Päckchen in der Hand davor, das er für mich angenommen hatte. Erfreut begrüßte ich ihn, denn dies war die letzte Sendung von Amazon, die noch nicht angekommen war. Er beließ es jedoch nicht bei der Übergabe, sondern machte mir Vorwürfe, nicht heftig, aber doch in einem energischen Ton. Ich würde überall erzählen, nun wieder monatelang abwesend zu sein, sogar der DHL-Bote hätte ihn darauf abgesprochen. Das wäre leichtfertig von mir, denn je mehr Menschen davon wüssten, um so größer wäre die Gefahr, daß diese Information in die falschen Ohren gelangen könnten. Deshalb müsste er nun nicht allein noch intensiver auf mein Haus aufpassen, nein, wenn es Versuche geben würde, in meinem Haus einzubrechen, könnten diese Banden es auch schnell bei ihm versuchen.

In der Tat hatte ich Freunden, Nachbarn, Ärzten und Briefboten berichtet, wieder einige Monate auf Kuba bleiben zu wollen, und mir nichts dabei gedacht. Sogar meine Frau meinte, daß der Nachbar recht hätte, denn ich hätte über unsere lange Abwesenheit besser den Mund halten sollen. Was sich zuerst wie eine belanglose rein private Angelegenheit ausnimmt, weist indessen auf ein gravierendes gesellschaftliches Problem hin.

Stetig steigen in unserem Land die Wohnungseinbrüche an. Kaum 10 Prozent davon werden aufgeklärt, und nur etwa 2 Prozent der Täter werden dann auch tatsächlich verurteilt. Wir haben damit die Situation in Deutschland, daß es weitgehend ungefährlich ist, ein Verbrechen zu begehen. Es ist heute leichter, eine Wohnung auszurauben, als bei der Übertretung einer Geschwindigkeitsbegrenzung davon zu kommen.

Die Regierung kann den Grundsatz unserer Verfassung von der Unverletzbarkeit der Wohnung nicht mehr garantieren. Was tut sie dagegen? Sie läßt in den Polizeidienststellen Zettel mit Hinweisen aufhängen, wie die Bürger ihre Wohnungen und Häuser sicherer umbauen können. Nicht eine umfassend stärkere Polizei-Prävention, eine entsprechende Aufklärung der Verbrechen sowie eine zügige Aburteilung der Kriminellen ist das Ziel der Regierung, sondern die Forderung nach mehr privater Aufrüstung. Dabei stellt sie sich erst gar nicht der Frage, wenn Wohnungen einbruchssicherer werden, ob sich darauf nicht auch die Kriminellen einstellen können. Jede neue Panzerung bringt bessere Kanonen hervor.  Hätten wir eine gefestigte Demokratie, müßte der Innenminister sich vor Gericht verantworten, weil er seinen Amtseid, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen, permanent verletzt.

Warum lassen wir unser Verhalten von Kriminellen bestimmen?

Neulich fuhr ich in ein Parkhaus und erblickte nicht allein den obligaten Hinweis, nichts Wertvolles im Auto und rein gar nichts sichtbar liegen zu lassen, sondern auch den Zusatz, daß bei Mißachtung dieser Hinweise, der Versicherungsschutz verloren gehen könne. Ich war geneigt, im Auto sichtbar meine Kamera liegen zu lassen, um später vor Gericht auszufechten, ob derartige Vorschriften nicht gegen unsere Verfassung verstoßen.

Die Reaktion meines Nachbarn kann ich emotional nachvollziehen und ebenso erscheinen die Hinweise in den Parkhäusern verständlich. Aber welch eine Logik verbirgt sich dahinter? Warum lassen wir unser Verhalten von Kriminellen bestimmen? Welche langfristigen Veränderungen in uns selber und in der Ausgestaltung unserer Demokratie werden sich daraus ergeben? Letztlich: Was für eine Republik wollen wir?

Im zweiten Weltkrieg veröffentlichte ein deutschsprachiger Sozialwissenschaftler in Großbritannien ein Buch, daß ihn schlagartig weltberühmt machte. Der emigrierte Österreicher August von Hayek argumentierte darin, daß jegliche Form von Sozialismus zur Unterdrückung, Unfreiheit und Diktatur führen muß. Was hat dies mit meinen hier geschilderten Erlebnissen zu tun?

Wer von unseren prominenten Politikern hat wohl das Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ gelesen? Sicherlich nicht Martin Schulz oder Hannelore Kraft, denn beide wollen Wahlen weitgehend mit dem Versprechen von mehr Gleichheit durch soziale Umverteilung gewinnen. Das Wort Freiheit kommt in ihrer Wahlpropaganda erst gar nicht vor, und Sicherheit wird niemals mit dem Adjektiv „persönliche“, sondern stets nur mit „soziale“ verbunden. Soziale Sicherheit ist ihnen ein Synonym für soziale Gleichheit. Aber Freiheit und (persönliche) Sicherheit sind ein gesellschaftliches Kuppelprodukt, ebenso wie Demokratie und Marktwirtschaft. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Freiheit erfordert Verantwortung für das eigene Schicksal

Bereits seit Jahren hat die Politik einer immer weitergehenden sozialen Gleichheit zur Gleichgültigkeit der Politiker gegenüber dem Ausbau der Freiheit und der persönlichen Sicherheit der Bürger geführt, denn beides bedingt Ungleichheiten. Freiheit erfordert Verantwortung für das eigene Schicksal und diese Verantwortung hängt von der individuellen Verfasstheit eines jeden Menschen ab, die niemals gleichförmig sein wird. Das Verständnis von persönlicher Sicherheit wird bedingt durch die persönliche Lebenseinstellung und nicht zuletzt auch durch persönliches Eigentum und diese sind in unserer Gesellschaft nicht gleich. Aber mit dem Versprechen, Ungleichheiten beseitigen zu wollen, können durchaus Wahlen gewonnen werden.

Es gibt ein Land, in dem es bis vor zwei Jahrzehnten eine fast absolute soziale Gleichheit gab. Fast, weil die obere Nomenklatura sich von der gleichen Verteilung aller Mittel zum Leben selbstverständig ausgenommen hatte. Wozu das führte, ist heute auf Kuba zu besichtigen. Herr Schulz und Frau Kraft nehmen sich in ihrer Politik der sozialen Gleichheit an Kuba ein Beispiel. Die historische Wahrheit ist dabei für sie ein zu vernachlässigender Störfaktor.

Nun könnte dagegen leicht eingewendet werden, daß Befürchtungen über eine derartige Politik durch regelmäßige freie Wahlen in enge Grenzen gehalten werden, denn schließlich haben früher ähnliche Experimente in Großbritannien und in Frankreich sämtlichst durch Wahlen ihre Grenzen gefunden. Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, daß dies durchaus kein beruhigendes Argument ist.

Zum einen findet in einer Demokratie eine solche Politik niemals eine überwältigende Zustimmung. Ein Teil der Bürger wird dadurch veranlaßt, sich zu radikalisieren. Wenn der Bürger durch die Politik nicht mehr ausreichend beschützt wird, wird er veranlasst, sich selber zu beschützen. Wie lange wird es unter diesen Umständen wohl noch dauern, bis eine rechtsradikale Partei den unbeschränkten privaten Waffenbesitz verlangen wird?

Der Aufstieg rechtsradikaler Parteien in einigen europäischen Ländern, ist auf diese Politik der sozialen Gleichheit zurückzuführen, oder wie ist es vorstellbar, daß in extrem wohlfahrtsstaatlich ausgerichteten Ländern wie Schweden oder Finnland oder den Niederlanden sich die Gegenwehr in antidemokratischen Parteien niederschlägt. Wenn selbst Frankreich mit seinen gegenüber Deutschland weitaus tiefergehenden sozialen Sicherungen und dem gleichzeitigen Aufstieg von Frau Le Pen nicht als Warnung für ähnliche Forderungen in Deutschland wirkt, dann sind obige Befürchtungen nicht so arg weit hergeholt.

Am Ende führt eine Politik der sozialen Gleichheit stets zur Diktatur

Zum anderen zeigen Beispiele etlicher Länder eine typische Abfolge der Politik sozialer Gleichheit. Zuerst werden alle verfügbaren Wirtschaftsressourcen auf dieses Ziel konzentriert. Das führt zur Überforderung der Wirtschaftskraft und zurückgehender Wirtschaftsleistung. Die Ursachen dafür werden jedoch nicht in der eigenen Politik gesehen, sondern in der scheinbaren Gegenwehr der Unternehmer, worauf diese in ein staatliches Korsett gezwungen werden, und wenn auch dies keine Verbesserungen bringt, folgen Enteignungen. Die trotzdem anhaltenden wirtschaftlichen Probleme würden bei freien Wahlen zur Ablösung dieser Politik führen, weshalb derartige Wahlen manipuliert und letztlich völlig abgeschafft werden. Am Ende führt eine Politik der sozialen Gleichheit stets zur Diktatur. Von Herrn Schulz mit seiner Bankrotterfahrung als Bürgermeister sowie seinen Rankünen in Brüssel und von Frau Kraft mit ihrer Schuldenpolitik in NRW sind derartige Einsichten nicht zu erwarten.

Es läßt sich so leicht fordern: den Anfängen ist zu wehren. Wir sind jedoch über Anfänge bereits hinaus. Im aktuellen Bundestag hat die Bereitschaft, sich durch Nachgiebigkeit selber zu entleiben, und unsere Freiheiten für die Illusion einer sozialen Sicherheit abzubauen, eine breite Mehrheit. Es ist zu befürchten, daß zum Jahresende im neuen Bundestag diese Mehrheit noch weiter angewachsen sein wird. Die Verantwortung für Intellektuelle mit ökonomischen Verständnis und historischem Bewußtsein ist unübersehbar.

Klaus D. Leciejewski hat an verschiedenen deutschen Hochschulen Wirtschaft gelehrt, ist Autor mehrerer Sachbücher und Publizist. Er ist mit einer Kubanerin verheiratet und lebt einen großen Teil des Jahres auf Kuba.

Zusammenfassung

Der Sozialismus bedroht England
Wir können nicht in die Zukunft blicken, aber wir können aus der Ver­gan­gen­heit lernen, um Fehler zu vermeiden. Die Situation in Groß­bri­tan­ni­en Mitte der 1940er Jahre weist Ähn­lich­kei­ten zu der Entwicklung Deutsch­lands während des Ersten Weltkriegs auf, eine…

Über den Autor

Friedrich August von Hayek wird am 8. Mai 1899 in Wien geboren. Sein Vater ist Arzt und Professor für Botanik an der Universität Wien. Hayek wächst in einem in­tel­lek­tu­ell sti­mu­lie­ren­den Umfeld auf. Nach einem Kriegs­ein­satz als Ar­til­le­rie­of­fi­zier beginnt er 1918 ein Studium der Rechts­wis­sen­schaft, das er 1921 mit der Promotion beendet. 1923 erlangt er zusätzlich in Staats­wis­sen­schaf­ten den Doktortitel. Durch seine Arbeit im Ös­ter­rei­chi­schen Ab­rech­nungs­amt lernt er seinen späteren Mentor und Freund Ludwig von Mises kennen. Dieser vermittelt ihm ein Stipendium für einen Stu­di­en­auf­ent­halt in den USA. Nach seiner Rückkehr gründet Hayek mit Mises 1927 das Ös­ter­rei­chi­sche Kon­junk­tur­for­schungs­in­sti­tut. Er wird dessen Direktor und erhält 1929 die Ha­bi­li­ta­ti­on der Universität Wien. Trotz be­schei­de­ner For­schungs­mit­tel findet Hayek mit der Arbeit des Instituts bald in­ter­na­tio­na­le Beachtung. 1931 wird er der erste aus­län­di­sche Öko­no­mie­pro­fes­sor an der London School of Economics. Seine Arbeiten bringen ihn bald in Opposition zu den Lehren von John Maynard Keynes, der umfassende In­ter­ven­tio­nen des Staates in die Wirtschaft befürwortet. 1947 gründet Hayek zusammen mit 35 anderen liberalen Denkern, darunter Milton Friedman, Ludwig von Mises und Karl Popper, die ein­fluss­rei­che Mont Pelerin Society. Ab 1950 ist er für zwölf Jahre Professor an der University of Chicago, wo er u. a. mit Milton Friedman zu­sam­men­ar­bei­tet. 1962 übernimmt er bis zu seiner Eme­ri­tie­rung die Nachfolge des Lehrstuhls von Walter Eucken an der Universität Freiburg, um in der Folge als Gast­pro­fes­sor an der Universität Salzburg zu lehren. 1974 erhält Hayek den Nobelpreis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Mitt­ler­wei­le ist er in Deutschland hoch geschätzt. Er kehrt nach Freiburg zurück und ist von dort aus auch politisch beratend tätig. 1985 erhält er die seltene britische Aus­zeich­nung „Companion of Honour“, 1991 die höchste US-ame­ri­ka­ni­sche zivile Aus­zeich­nung, die „Pre­si­den­ti­al Medal of Freedom“. Hayek stirbt am 23. März 1992 in Freiburg und ist in Wien begraben.

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– Mahnungen eines Liberalen

Rezensiert von Michael Wohlgemuth

Friedrich August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Friedrich August von Hayek (AP)

Für viele „Gutmenchen“ gelten Friedrich August Hayeks Thesen als Provokation: Nicht nur Faschismus und Sozialismus, sondern auch der westliche Wohlfahrtsstaat seien Gefahren für die Freiheit, so der liberale Ökonom. Hayeks Werk „Der Weg zur Knechtschaft“, erschienen 1944, erlebt heute eine Renaissance.

Hayek oder Keynes: Wer hat recht? Diese Debatte, die vor allem in den Dreißigerjahren um die Erklärung der Weltwirtschaftskrise und die gebotene Krisenpolitik geführt wurde, schien zunächst Keynes gewonnen zu haben. Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren Hochzeiten des Keynesianismus insofern, als schuldenfinanzierte staatliche Ausgabenprogramme mit Keynes begründet wurden, der sich nach seinem Tod 1946 nicht mehr hiergegen wehren konnte. Die 80er und 90er Jahre dagegen gelten als hayekianisches Zeitalter: Die marktfreundlichen „Revolutionen“ von Margret Thatcher und Ronald Reagan wurden von Hayek inspiriert, und der Zusammenbruch des Sozialismus gab Hayek recht.

1944 stand Hayek nahezu allein als liberaler Mahner in einer Wüste des scheinbar unausweichlichen Kollektivismus von rechts und links. „Planung“, „Kontrolle“, „Zentralisierung“ der Wirtschaft und der Gesellschaft galten überall – auch im freien Westen – als unvermeidlich und letztlich auch dem liberalen Individualismus überlegen. Hayek behauptete das Gegenteil. Sein Argument ist mehrdimensional. Es galt damals im politischen Mainstream als skandalös und dürfte noch heute viele „Gutmenschen“ schockieren.

Zum einen legt Hayek dar, dass Sozialismus und Faschismus im Kern gleichermaßen den Weg in die Knechtschaft führen: Beide zielen auf die Zerstörung von Markt, Privateigentum, Demokratie und persönlicher Freiheit. Beide laufen auf ähnlich totalitäre Beherrschung der Gesellschaft durch eine politische Elite hinaus.

Wirklich provozierend war 1944 aber der Umstand, dass ein gebürtiger Österreicher – Hayek lehrte seit 1931 an der London School of Economics – die Briten ausführlich über ihre liberalen Traditionen belehrt und ihnen vorhält, ungewollt oder unbewusst auf den deutschen Weg in den Kollektivismus zu geraten. Der umfangreiche Wohlfahrts- und Lenkungsstaat, den die englische Labour Party unter nahezu einhelliger Unterstützung maßgeblicher Intellektueller anstrebte, sei ein verhängnisvoller Irrweg. Hayek geht es hier nicht einmal vorrangig um ökonomische Folgen. Vor allem betont er die Unmöglichkeit der Kombinationen „demokratischer Sozialismus“ oder „sozialistischer Rechtsstaat“.

Hayek widmet sein Buch „den Sozialisten in allen Parteien“. Tatsächlich entzieht sich sein klassischer Liberalismus dem noch heute gängigen Parteispektrum von „rechts“ und „links“, „konservativ“ und „progressiv“. „Sozialismus“ im Sinne des Vorrangs kollektiver Zwecke vor individueller Freiheit, des politischen Planens vor privatem Austausch, findet sich tatsächlich auf der extremen Rechten und extremen Linken nahezu identisch.

Aber auch dazwischen, im von demokratischen Volksparteien propagierten Fürsorgestaat, gerät die Politik allzu leicht auf den Irrweg. Die ungewollten Nebenwirkungen ihrer Interventionen führen, so Hayek, in eine Planungsspirale, an deren Ende dem demokratischen Staat eine Allzuständigkeit zugemutet wird, der aber keine Allmächtigkeit entspricht. Dies kann zur Frustration der Bürger führen, die dann im Ruf nach politischer Allmacht des „starken Mannes“ gipfelt. Der Weg zur Knechtschaft kann auch mit gutgemeinten, „sozialen“ Vorsätzen gepflastert sein.
Cover: "Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft" (Olzog Verlag)Cover: „Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft“ (Olzog Verlag)Trotz seiner alarmistischen und provokanten Thesen ist der „Weg zur Knechtschaft“ ein, wie Joseph Schumpeter bemerkte, erstaunlich „höfliches Buch“, da Hayek seinen Gegnern nichts anderes als „intellektuellen Irrtum“ vorwirft. Hayek streitet seinen Gegnern nicht den guten Willen ab. Er teilt auch ihre letzten Ziele (vor allem: die Beseitigung der globalen Armut) – nur zeigt er die fatalen und ungewollten ökonomischen und politischen Folgen des Kollektivismus auf. Der Grund sind nicht „ungenügende Pläne“ der Politik, sondern umfassende, zentrale Planung als solche.

Der Ausweg freilich ist bei Hayek nicht, wie oft unterstellt, die Anarchie eines „laissez-faire“. Hayek zeigt sich hier als „Ordo-Liberaler“, der eine „Wettbewerbsordnung“ fordert, in der das staatliche Gewaltmonopol für die Einhaltung und Durchsetzung allgemeiner und gleicher Verhaltensregeln in der Marktwirtschaft gebraucht wird und auch soziale Sicherungssysteme einen Platz haben.

Der Zusammenbruch der Zentralverwaltungswirtschaften hat Hayek eindrucksvoll bestätigt. Ein Zusammenbruch europäischer Wohlfahrtsstaaten steht noch aus. Diese implizite Prophezeiung kann auch als, bisher, eher widerlegt gelten. Schweden etwa leistet sich schon lange einen ausgedehnten Wohlfahrtsstaat, den es durch Reformen immer wieder stabilisieren konnte, um so den Weg in den Bankrott oder in den Totalitarismus zu vermeiden.

Zurück zu Keynes. Er reagierte auf Hayeks „Road to Serfdom“ mit einem langen Brief, in dem er Hayek ungewöhnlich hoch lobt. Zwar könne er nicht alle ökonomischen Argumente akzeptieren; „Aber moralisch und philosophisch finde ich mich in Übereinstimmung mit praktisch allem darin; und nicht nur in Übereinstimmung, sondern in einer tief bewegten Übereinstimmung“.

Am Ende war auch Keynes kein Keynesianer. Gegen die auch in seinem Namen popularisierte Planwirtschaft werde er noch entscheidend einschreiten, versprach er Hayek. Er kam nicht mehr dazu, er starb 1946. Dafür nutzte Winston Churchill Hayeks Buch im Wahlkampf der ersten Nachkriegswahl in England. Seine Parole war: „Freiheit oder Sozialismus!“. Churchill verlor die Wahl.

Heute ist Hayeks „Road to Serfdom“ längst ein Klassiker unter den frühen Warnungen vor einem schleichenden Totalitarismus. George Orwell, der anti-totalitäre Sozialist, war tief beeindruckt von Hayeks Buch. Er teilte Hayeks Kritik durchweg; sah aber im Kapitalismus keine wirklich befreiende Alternative. Sein Buch „1984“ ist deshalb so ausweglos pessimistisch.

Doch zurück zu 1944. Hayeks „Weg zur Knechtschaft“ wurde zum Bestseller, nicht zuletzt in der populären Kurzfassung des „Reader’s Digest“. Nur im besetzten Deutschland durfte der „Weg zur Knechtschaft“ nicht verkauft werden – noch 1947 war das Buch auch in den Westzonen wegen seiner anti-sowjetischen Haltung verboten.

Mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs wurde Hayek zur Kultfigur in den sich befreienden Ländern Osteuropas, der Weg zur Knechtschaft wurde dort zum Bestseller.

Und heute? Vor wenigen Wochen schaffte es das alte Buch des toten österreichischen Ökonomen in den USA in Talksshows und auf Platz eins der amazon-Verkaufsliste. Für viele Amerikaner, etwa in der liberal-konservativen „Tea-party“-Bewegung, scheint Amerika auf dem falschen Weg. Sie suchen Orientierung. Wenn auch der Vergleich zu 1944 mehr als hinkt: Den „Sozialisten in allen Parteien“ sei das Buch auch heute noch empfohlen.

Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft
Neuauflage im Olzog Verlag, München 2009
322 Seiten, 39 Euro

Er selbst war vermutlich am meisten überrascht von seiner plötzlichen Berühmtheit in den USA. Angereist aus Großbritannien, um eine Reihe kleinerer Vorträge anlässlich der Veröffentlichung seines neuesten Buchs im Jahr zuvor zu halten, sah sich Friedrich August von Hayek schon auf der ersten Station seiner Reise in der New Yorker Town Hall einem voll besetzten Auditorium von 3.000 Zuhörern gegenüber. Der Verlagsagent ließ ihn kurz davor noch wissen, dass er nicht nur 45 Minuten, sondern genau eine Stunde sprechen müsse, da der Vortrag auch im Radio übertragen werde und so besser ins Sendeformat passe.

Vor genau 70 Jahren wurde Hayeks The Road to Serfdom(Der Weg zur Knechtschaft) veröffentlicht. Die Publikation sollte sich als einschneidendes Ereignis nicht nur für Hayeks Leben, sondern auch für die Geschichte des modernen Kapitalismus erweisen.

Bis zu dieser Wegscheide war der 1931 aus Wien nach Großbritannien emigrierte Ökonom allenfalls dem interessierten Fachpublikum bekannt. In Erscheinung getreten war er in seiner neuen Heimat in erster Linie als intellektueller Gegenspieler John Maynard Keynes’, mit dem er sich Debatten über Geld- und Konjunkturpolitik sowie über Ursachen und Lehren aus der Weltwirtschaftskrise geliefert hatte. Als Fachökonom genoss er Respekt, doch seine Positionen in den wirtschaftspolitischen Debatten wurden durch den sich abzeichnenden Siegeszug des Keynesianismus zusehends marginalisiert. Auch die damit verbundenen Frustrationen mögen eine Rolle bei Hayeks Entschluss gespielt haben, mit dem Weg zur Knechtschaft die Konventionen des ökonomischen Fachdiskurses zu überschreiten: Um ein breiteres Publikum zu erreichen, gab sich das stellenweise ins Polemische abgleitende Buch nicht einmal den Anschein wissenschaftlicher Werturteilsfreiheit.

Hayek argumentierte, dass der Totalitarismus sowohl in seiner sozialistischen wie auch seiner faschistischen Version sich zwangsläufig aus dem Versuch gesellschaftlicher Planung ergebe. Die Güterproduktion und -verteilung zentral zu koordinieren erfordere über kurz oder lang nicht nur die Abschaffung von Rechtsstaat und Demokratie, sondern auch ideologische Indoktrination und die Etablierung eines repressiven Herrschaftsapparates.

Die eigentliche Provokation des Buches lag jedoch in der damit verbundenen These, dass der „Weg in die Knechtschaft“ auf schiefer Ebene verlaufe: Begebe sich eine Gesellschaft erst einmal durch kleinere planerische Eingriffe in das Marktgeschehen auf diesen abschüssigen Pfad, dann gebe es kein Zurück mehr. Was als gut gemeinte sozialdemokratische Korrektur des Marktes beginnt, muss schließlich im Totalitarismus enden. Konkret beschwor Hayek die Gefahr, dass Großbritannien zwar den Krieg gegen den Faschismus gewinne, aber etwa durch den Ausbau des Sozialstaats oder Verstaatlichungen von Unternehmen selbst in die unheilvolle Dynamik der Knechtschaft gerate.

Obwohl es später zum Bestseller avancierte, fand das Buch beim britischen Establishment, aber auch bei anderen Ökonomen zunächst keinen großen Beifall. Rückblickend hat Hayek selbst die Situation so zusammengefasst: „Keynes starb [im Jahr 1946] und wurde zu einem Heiligen; und ich diskreditierte mich selbst durch die Veröffentlichung von Der Weg zur Knechtschaft.“ Heute gilt dieses Buch weithin als ein Schlüsselwerk jenes Denkens, das unter dem Namen Neoliberalismus für die Modernisierung liberaler Vorstellungen sowohl mit Blick auf die Märkte als auch die Politik eintrat und damit längst nicht nur die wirtschaftswissenschaftlichen Institute der Universitäten eroberte. Hayeks Karriere als Fachökonom war damals hingegen auf Jahre beendet – er war nun ein öffentlicher Intellektueller.

Diesem verweigerte zwar kurioserweise das Economics Department an der University of Chicago noch Jahre später mit ausdrücklichem Verweis auf den Weg zur Knechtschaft die Berufung, doch vor allem in den USA öffneten sich die Türen einflussreicher Konservativer und, was noch wichtiger war, auch deren Geldschatullen. Denn Hayek hatte den Plan gefasst, eine transatlantische Gesellschaft gleichgesinnter Akademiker zu gründen, um neoliberale Reformideen zu entwickeln und diese Vorstellungen in Elitendiskurse und die öffentliche Diskussion im Allgemeinen zu tragen.

Experimentierfeld des real existierenden Neoliberalismus

Schon im Weg zur Knechtschaft stand zu lesen, dass gesellschaftliche Konflikte letztlich durch die Macht von Ideen entschieden werden. Hayek war sich sicher, dass die Neoliberalen diese Auseinandersetzung nur durch die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung für sich entscheiden könnten. So kam es über die kommenden Jahrzehnte zur Bildung eines immer größeren Netzwerks von Forschungsinstituten, Thinktanks und Gesellschaften, die als Sprachrohre des Neoliberalismus fungierten. Den Auftakt bildete die 1947 auf Hayeks persönliche Initiative hin gegründete Mont Pelerin Society, deren Bedeutung für die Verbreitung neoliberaler Vorstellungen kaum zu überschätzen ist und die bis heute eine Art neoliberale Internationale darstellt. Doch ohne den Weg zur Knechtschaft wäre es möglicherweise nie dazu gekommen, denn Hayek hatte jahrelang vergeblich nach einem Geldgeber für die geplante Gesellschaft gesucht, bis sich 1946 endlich der Volker Fund zur Finanzierung des Gründungstreffens bereit erklärte. Der Amerikaner Harold Luhnow, der die Gelder des Fonds verwaltete, hatte bei einem der Vorträge Hayeks im Jahr zuvor im Publikum gesessen.

Als öffentlicher Intellektueller äußerte Hayek sich immer seltener zu ökonomischen Spezialfragen und widmete sich stattdessen verstärkt der Bedeutung des Zusammenhangs von Recht, Staat und Demokratie für eine funktionierende Marktwirtschaft. Denn entgegen dem verbreiteten Klischee lässt sich das neoliberale Denken Hayeks, wie auch etwa das der deutschen Ordoliberalen Walter Eucken oder Wilhelm Röpke, kaum auf einen rein ökonomistischen Marktfundamentalismus reduzieren. Im Weg zur Knechtschaft hatte sich Hayek von einer Politik des reinen Laisser-faire abgegrenzt und deutlich gemacht, dass der Staat letztlich als Ordnungsinstanz zur Durchsetzung gesellschaftlicher Regeln unverzichtbar sei, ja in dieser Funktion sogar noch gestärkt werden müsse. Das warf die Frage auf, wie und wo überhaupt die Linie zwischen notwendigem und schädlichem Staatshandeln zu ziehen sei. Die verschiedenen Strömungen des Neoliberalismus haben darauf unterschiedliche Antworten gegeben. Doch ein zentrales Motiv, das sich in den meisten Variationen des neoliberalen Denkens und auch bei Hayek findet, ist die Problematisierung der Demokratie: Sie wird als hauptverantwortlich für die Aufblähung des staatlichen Aufgabenportfolios gesehen und damit – gemäß der These der schiefen Ebene – als indirekte Geburtshelferin des Totalitarismus.

Hayek ging davon aus, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nach finanziellen Wohltaten oder staatlichen Eingriffen zum Schutz vor den Härten des Kapitalismus rufen würden – und dass Politiker unter demokratischen Bedingungen diesen Wählerwillen kaum ignorieren könnten, weil sie an ihrer Wiederwahl interessiert seien. Um den Politikern entsprechende Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, müsse jedoch der Staat immer mehr Kompetenzen an sich ziehen und sich als allzuständig für jegliches Problem einer Gesellschaft erklären. Das Resultat seien kostenträchtige staatliche Maßnahmen, verbunden mit einer ständig steigenden Anspruchshaltung der Bevölkerung – das Problem aber sei damit selten gelöst.

Was also tun? Hayek hoffte, dass sich der demokratische Aktionismus mit seinen Eingriffen in die Wirtschaftsprozesse vor allem durch eine Stärkung des Rechtsstaates auf der Grundlage strenger allgemeiner Gesetze eindämmen ließe. Darüber hinaus machte er sich Gedanken darüber, wie der parlamentarische Gesetzgeber stärker von gesellschaftlichen Einflussnahmen entkoppelt werden könne. Jede Alterskohorte soll demnach nur einmal im Leben aus ihrer Mitte Volksvertreter bestimmen, die 15 Jahre im Amt verbleiben, nicht wiedergewählt werden können und danach eine staatliche Anstellung oder Rente erhalten. Unter diesen Umständen sollte keinerlei Anreiz bestehen, den Forderungen von Partikularinteressen nachzugeben, und das Problem des gesellschaftlichen Lobbyismus wäre gelöst – allerdings um den Preis der Verwandlung der Legislative in eine Art Areopag, einen höchsten Rat, der jeglicher demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht enthoben ist.

Die sich hier abzeichnende autoritäre Tendenz, der man nicht nur an einer Stelle im politischen Denken des Neoliberalismus begegnet, sollte auch beim ersten Versuch der Umsetzung neoliberaler Reformen genau dreißig Jahre nach der Veröffentlichung von Der Weg zur Knechtschaft eine wichtige Rolle spielen: Der Schauplatz war die chilenische Militärdiktatur unter Augusto Pinochet.

Schon Jahre vor dem Putsch 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende war das Economics Department in Chicago eine Partnerschaft mit der katholischen Universität in Santiago eingegangen. Aus dieser Kooperation ging eine Vielzahl chilenischer Wirtschaftswissenschaftler hervor, deren wirtschaftspolitische Vorstellungswelt von den Ideen neoliberaler Großdenker der Chicago School wie etwa Gary Becker oder Milton Friedman geprägt war. Jene berühmt-berüchtigten Chicago Boys begannen schon am Vorabend des Staatsstreichs gegen die Allende-Regierung mit der Zusammenstellung eines Katalogs von wirtschaftspolitischen Maßnahmen – ein 189-seitiges Buch, genannt The Brick –, deren Umsetzung zunächst nur langsam vorankam, aber von 1975 an volle Fahrt aufnahm: Man privatisierte die Altersvorsorge, liberalisierte den Handel, reduzierte die Ausgaben im öffentlichen Sektor drastisch und verteilte sogenannte Bildungsgutscheine zur freien Schulwahl, eine von Friedmans Lieblingsideen.

Dass das erste Experimentierfeld des real existierenden Neoliberalismus das Gegenteil eines demokratischen Rechtsstaats war, bezeichnet für seine Gegner eine Art Ursünde des Neoliberalismus, der hier schon früh sein wahres Wesen offenbart habe. Die Befürworter bemühen sich dagegen, die Bedeutung der Militärdiktatur für die Umsetzung neoliberaler Reformen zu bagatellisieren: Es sei ein Mythos, dass sich neoliberale Reformen nur durch eine Militärjunta unter massiver Repression der Bevölkerung durchführen ließen, beteuerte schon Friedman zur Verteidigung seines Engagements in Chile.

Zwei Wege – aber beide führten in die Knechtschaft

Auch Hayek reiste mehrmals in das vermeintliche Musterland des Neoliberalismus. Befragt nach seiner Einschätzung, rechtfertigte er in einem Interview mit der regimetreuen chilenischen Zeitung El Mercurio den Putsch als Ultima Ratio gegen die „totalitäre“ Regierung Allendes. Die Militärregierung bezeichnete er als autoritäres Regime; Autoritarismus, rechtsstaatliche Prinzipien und neoliberale Politikinhalte schlössen sich jedoch keineswegs gegenseitig aus. Und Hayek wurde noch deutlicher: „Ich persönlich würde einen liberalen Diktator gegenüber einer demokratischen Regierung, der es an Liberalismus mangelt, bevorzugen.“

Die achtziger Jahre erwiesen sich dann als Ära von Demokratien, denen es ganz und gar nicht an (Neo-)Liberalismus mangelte. Reaganomics in den USA und der Thatcherismus in Großbritannien folgten zwar in ihrer konkreten Politik immer nur punktuell den Vorgaben der neoliberalen Drehbücher, doch am insgesamt gestiegenen Einfluss der Ideen von Hayek und Co. konnte kaum ein Zweifel bestehen: Von Thatcher, die als junge Frau den Weg zur Knechtschaft gelesen hatte, wird die Anekdote berichtet, wie sie zu Beginn einer Kabinettssitzung Hayeks 1960 erschienene Verfassung der Freiheit mit den Worten auf den Tisch warf: „Das ist es, woran wir glauben!“ Vor einer radikalen Rosskur nach chilenischem Vorbild, wie Hayek sie ihr brieflich auch für Großbritannien empfahl, schreckte allerdings selbst die „Eiserne Lady“ zurück – bezeichnenderweise mit dem Hinweis, Großbritannien sei schließlich eine rechtsstaatliche Demokratie.

Die bis dato letzte große Wegmarke in der Geschichte des Neoliberalismus liegt genau 25 Jahre zurück. Der Fall der Mauer und der damit eingeläutete Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus bescherten seinem neoliberalen Pendant ein neues gigantisches Experimentierfeld. Mit dem Wegfall der „Systemkonkurrenz“ sei auch das Ende der Geschichte erreicht, schrieb seinerzeit Francis Fukuyama. Obgleich diese These offensichtlich etwas zu steil ausfiel, lässt sich festhalten: Der Kapitalismus ist seitdem tatsächlich „the only game in town“, wobei seine neoliberale Spielauslegung im Lauf der 1990er Jahre weltweit Hegemonie erlangte.

Ob mit dem Ende des Kommunismus und dem Aufstieg des Neoliberalismus wohl endgültig der Weg in die Knechtschaft umgangen worden ist? Das ließ sich vom 1992 verstorbenen Hayek nicht mehr erfahren. Doch die Warnung vor dem Kontinuum zwischen demokratischem Sozialstaat und totalitärer Planwirtschaft wird noch bis in die jüngste Zeit beschworen.

Als sich im Zuge der Finanzkrise die für ein kapitalistisches System eher peinliche Wahrheit auftat, dass bestimmte Marktakteure schlicht „too big to fail“ seien, und zwar ebenjene, die gerade die Weltwirtschaft an den Rand des Kollapses gebracht hatten und nun die Budgets der sie rettenden Staaten ins Minus rissen, reagierten weite Teile der Meinungseliten verstimmt. Umso mehr beeilten sich Hayeks Jünger, allzu große Zweifel an den Grundkoordinaten des neoliberal ausgeformten Finanzmarktkapitalismus zu zerstreuen. So mahnte etwa Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, in einem Vortrag von 2011: „Wer deshalb das ganze System infrage stellt, hat nichts verstanden.“ Die eigentliche Gefahr liege mit Blick auf Deutschland eher in einer „wachsenden Abneigung gegen die soziale Marktwirtschaft, während die Erwartungen an den Staat unverändert hoch bleiben oder eher noch zunehmen“. Der Titel des Vortrags lautete: Der Weg in die Knechtschaft – der Issing zufolge nicht zuletzt durch den von Jürgen Habermas geforderten Versuch betreten würde, die Europäische Union in Reaktion auf die europäische Schuldenkrise demokratisch-republikanisch umzubauen.

Drei Jahre später kann man Issing beruhigen, eine solche Demokratisierung der EU ist ausgeblieben. Aber Wachsamkeit ist dennoch angebracht, wenn auch aus anderen Gründen. Mit dem 2011 einsetzenden europäischen Reformfuror ist nämlich in etwa das Gegenteil bewerkstelligt worden: eine weitere wirtschaftspolitische Kompetenzverlagerung in Richtung der demokratisch schwach legitimierten Europäischen Kommission. Deren Vertreter verfügen nun über Überwachungs- und Disziplinierungsinstrumente gegenüber Nationalstaaten, die sich zu defizitfreudig aufführen.

Nimmt man noch hinzu, dass diese Nationalstaaten ohnehin schon ihre eigene fiskalpolitische Gestaltungsmacht – ganz im Sinne von Hayeks Idee einer rechtlichen Umhegung demokratischer Souveränität – mit sogenannten Schuldenbremsen massiv eingeschränkt haben und überschuldete Staaten wie Griechenland oder Portugal dem Politikdiktat der Troika unterworfen werden, bietet sich ein beunruhigendes Bild: Fast sieht es so aus, als würde sich die Systemwahl des 21. Jahrhunderts auf die Wahl zwischen einem autoritären Kapitalismus chinesischer Prägung und seinem gleichsam autoritären westlichen Pendant reduzieren. Dann gäbe es zwar zumindest zwei Wege – aber beide führten in die Knechtschaft.

 

Hayeks „Verfassung der Freiheit“


von Tobias Vogel

Der folgende Text beschäftigt sich mit Friedrich August von Hayeks Buch „Die Verfassung der Freiheit“. Die englische Originalausgabe erschien bereits 1960, während die deutschsprachige Ausgabe 1971 erschien. Im Rahmen der folgenden Ausführungen versuche ich die wesentlichen Inhalte dieses Buches systematisch wiederzugeben sowie Grenzen, Schwächen und Widersprüche in der Theorie Hayeks aufzuzeigen. Hayek wurde 1974 der Wirtschaftsnobelpreis überreicht. Er gilt als die Ikone der österreichischen Schule des Neoliberalismus. Neben Milton Friedman, dem Kopf der „Chicago Boys“, gilt er daher als der bedeutendste Vertreter dieser geistigen Strömung.

Freiheitsbegriff

Im ersten Kapitel seines Buches definiert Hayek den Freiheitsbegriff, auf dessen Grundlage er im Folgenden seine Theorie zuspitzt. Er definiert Freiheit, indem er sie ins Verhältnis mit Begriffen wie Zwang und Willkür setzt und seine Freiheitsdefinition mit anderen vergleicht, um diese von jenen abgrenzen zu können.

Freiheit und Zwang werden von Hayek in ihrer Bedeutungsdimension auf direkte zwischenmenschliche Beziehungen eingeschränkt. So kann in diesem Sinne nur der Mensch Urheber, Vermittler und Empfänger von Zwang sein. Als ungesellschaftliche und widersinnige Anwendung des Freiheitsbegriffs führt Hayek das Beispiel eines Bergsteigers an, der in eine Gletscherspalte fiel und dadurch einer ausweglosen Situation ausgeliefert ist. Er kann in diesem Sinne nicht als unfrei bezeichnet werden.‘ Freiheit kann daher Notwendigkeiten unterworfen sein, die als unpersönliche und oftmals ungesellschaftliche Zwänge erscheinen, nicht aber der persönlichen Zwangsausübung durch andere Menschen. Dort, wo die Notwendigkeiten gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen geschuldet sind, wird der Zwang nach Hayek dadurch seiner schädlichen Wirkung beraubt, indem er in Form allgemeiner Pflichten formuliert wird. Das Wesentliche dabei ist zum einen, dass die Pflichten den Menschen befähigen, dieselben in seine Pläne mit einzubeziehen und zum anderen ihre Unabhängigkeit von der Willkür einzelner Personen. Freiheit ist für Hayek ein Zustand, in dem die Zwangsausübung durch andere Menschen so weit herabgemindert ist, wie dies im Gesellschaftsleben möglich ist. Zentral für den hayekschen Freiheitsbegriff ist die Bedingung, dass ein Mensch seine Ziele und Interessen verfolgen kann, ohne dabei durch Andere beschränkt zu werden oder durch Zwang dazu gebracht zu werden, sich in den Dienst der Ziele und Interessen eines Anderen zu stellen. Um die Zwangsausübung eines Menschen gegenüber einem Anderen zu verhindern, bedarf es wiederum der Androhung von Zwang. Eine freie Gesellschaft löst dieses Problem nach Hayek, indem sie das Zwangsmonopol auf den Staat überträgt.2

Fortschrittsbegriff

Nach Hayek beginnt die Zivilisation dann, wenn der Einzelne in der Verfolgung seiner Ziele mehr Wissen verwerten kann, als er selbst erworben hat, und wenn er die Grenzen seines Wissens überschreiten kann, indem er aus Wissen Nutzen zieht, das er nicht selbst besitzt. Je weiter die Zivilisation voranschreitet, desto größer wird dadurch die notwendige Unkenntnis von eben dieser, da sie ja nach seiner Definition die Anhäufung von Wissen über das individuelle Wissen hinaus bedeutet. Der Mensch hat die Zivilisation nicht nach einem bewusst gefassten Plan gestaltet, sondern sie hat sich eher in Form einer Kette unbewusster Zufälle entwickelt. Daher weiß der Mensch auch weder genau, wovon ihr funktionieren abhängt, noch wovon ihr Bestehen.3

So etwas wie gesellschaftliches Wissen, im Sinne einer Summe des Wissens aller Einzelnen als integriertes Ganzes, existiert nach Hayek nicht. Wissen existiert nur als getrenntes und partielles Wissen von Einzelnen.4 Daher eröffnet Hayek die Frage, wie man dieses ausschließlich individuelle Wissen gesellschaftlich am effizientesten nutzen kann, und wie es zum einen unter Zeitgenossen und zum anderen den nachfolgenden Generationen weitergereicht werden kann.5

1 Hayek, Friedrich August von: Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971, S.16.

2 Ebd., S.16f.

3 Ebd., S.30f., S.34f.

4 Ebd., S.33.

5 Ebd., S.35.

 

Die erfolgreiche horizontale Verbreitung und Kombination von Wissen und Fähigkeiten wird nach Hayek nicht durch gemeinsame Erörterung und Kooperation von Menschen verwirklicht. Die Selektion der nützlichsten Kombinationen von Wissen und Fähigkeiten ergibt sich vielmehr dadurch, dass diese sich durchsetzen und von den weniger erfolgreichen nachgeahmt werden.6

Weil jeder so wenig weiß und weil man ebenso wenig weiß, wer etwas am besten weiß, muss man nach Hayek darauf vertrauen, dass die unabhängigen und wettbewerblichen Bemühungen Vieler die besten Errungenschaften hervorbringen. Wobei sich zunächst wenige durchsetzen und dann von den anderen nachgeahmt werden. Im Sinne des partiellen Wissens und des Zufallscharakters, den Hayek dem Fortschritt attestiert hat, ist es die Einräumung der größtmöglichen Gelegenheit für den Eintritt von Zufällen, die den Fortschritt am effizientesten gestaltet. Dazu muss dem Einzelnen in möglichst hohem Maße die Möglichkeit des Experimentierens zugestanden werden. Seine individuellen Bemühungen dürfen daher keiner Lenkung unterworfen werden.‘ Die notwendige Unkenntnis der Einzelnen von dem Ganzen und der experimentelle Zufallscharakter des Fortschritts werden so zu den wichtigsten Grundlagen für Hayeks Argumente für die Freiheit als Minimierung äußerer Restriktionen.

Hayek gesteht zwar ein, dass der Fortschritt nicht immer zum Besseren führt. Allerdings rechtfertigt er den Fortschritt als eine Notwendigkeit, da ohne ihn, so postuliert er, die Zivilisation und all das, was die Menschen schätzen und was sie von den Tieren unterscheidet, nicht bestehen könne.8 Den unbewussten und unplanbaren Charakter des Fortschritts begründet Hayek im Folgenden auch dadurch, dass er auf etwas hinsteuert, was neu und daher eben unvoraussagbar, noch nicht vorstellbar und dadurch eben nicht bewusst planbar ist.9 Je schneller der Fortschritt sich vollzieht, desto sozialer sind seine Auswirkungen, da auf diese Weise die neuen Errungenschaften auch zügig zu den unteren Schichten herabsickern. Andererseits fördert soziale Ungleichheit das Tempo des Fortschritts, weil er von wenigen „Zugpferden“ getragen schneller sei, als wenn er an einer einheitlichen Front vonstatten ginge und sofort für alle realisiert würde» Wenn sich der Fortschritt erst einmal für eine Minderheit realisiert hat, dann kann die Mehrheit ihn zu weitaus geringeren Kosten übernehmen, als er die Avantgarde gekostet hat. Markant ist Hayeks Folgerung, dass es kaum bezweifelt werden könne, dass die Aussichten der „unterentwickelten“ Länder, das Niveau des Westens zu erreichen, wesentlich größer wären, wenn der Westen nicht so weit vorrangeschritten wäre.12 Das Ideal der Umverteilung erscheint Hayek als kurzfristig und kurzsichtig, da es zwar vorerst die sozialen Lücken schließt, dafür allerdings den Fortschritt verlangsamt und somit die gesellschaftliche Wohlstandsmehrung, also das, was letztlich zu verteilen ist, untergräbt und vermindert.13

Überlieferte Freiheitstheorien

Hayek unterscheidet zwei grundlegende Freiheitstheorien. Zum einen benennt er die französische, welche er als rationalistisch und spekulativ charakterisiert. Sie sucht den höchsten Grad politischer Zivilisation durch bewusste Organisation und Planung zu erreichen. Er verwirft diese Freiheitsüberlieferung, weil sie unterstellt, dass der Mensch einen von der Gesellschaft unabhängig und im vorhinein existierenden Verstand besäße, der sich einbildet, die Gesellschaft durch seine reine Vernunftanwendung verbessern zu können und sich daher anmaßt, alle wichtigen Faktoren zu kennen und zu bedenken. Im Gegensatz zu dieser Freiheitsauffassung benennt er die englische Freiheitstheorie. Diese klassifiziert er als empirisch und unsystematisch. Sie vertraut darauf, dass sich das beste Prinzip durchsetzt. Daher versucht sie nicht Neues in Abgrenzung zum Alten zu erfinden, sondern sie versucht das Überlieferte durch Anpassung an neue Problemlagen stückweise weiterzuentwickeln. Eine freiheitliche Gesellschaft ist daher traditionsgebunden und garantiert dadurch die bestmögliche Wissensüberlieferung von Generation zu Generation.14

6 Ebd., S.37.

7 Ebd., S.38f.

8 Ebd., S.50.

9 Ebd., S.51.

10 Ebd. S.53.

11 Ebd. S.54.

12 Ebd. S.58.

13 Ebd. S.59.

14 Ebd.. S.65-71.

 

Gleichheit, Demokratie und Unabhängigkeit

Gleichheit: Die Forderung nach gleicher Behandlung der Menschen, weil diese gleich seien, heißt gleichzeitig stillschweigend zuzugeben, dass die Ungleichheit der Menschen, die Hayek als evident ansieht, eine Ungleichheit der Behandlung rechtfertigen würde. Es ist das Wesentliche an der Forderung nach der Gleichheit vor dem Gesetz, dass die Menschen gleich behandelt werden sollen, obwohl sie verschieden sind. Aus der Tatsache, dass die Menschen sehr verschieden sind, folgt, dass gleiche Behandlung zu einer Ungleichheit in ihren tatsächlichen Positionen führen muss, und dass der einzige Weg, sie in gleiche Positionen zu bringen, wäre, sie ungleich zu behandeln. Gleichheit vor dem Gesetz und materielle Gleichheit sind daher nicht nur zwei verschiedene Dinge, sondern sie schließen einander aus. Die Gleichheit vor dem Gesetz, die die Freiheit fordert, führt zu materieller Ungleichheit. Allerdings profitieren die Benachteiligten von der vorteilhaften Stellung der anderen, indem ihre Erfahrungen und Errungenschaften auch zu ihnen herabsickern.15 Die freiheitliche Vorstellung, dass die Regierung jedem die Möglichkeit einräumen muss, zu versuchen, seine Ziele zu erreichen, darf nicht verwechselt werden mit der Forderung, dass die Regierung für alle gleiche Umstände und Startbedingungen schaffen muss. Letztere Forderung würde eine exorbitante Ausdehnung der Staatstätigkeit nach sich ziehen, welche auch vor dem privaten Bereich der Bürger nicht halt machen würde. Eine Minderung der Freiheit wäre die Folge.16

Demokratie: Des weiteren stellt Hayek den Unterschied zwischen liberalem und demokratischem Standpunkt dar, der in der öffentlichen Meinung oft verschwindet. So sieht Hayek beispielsweise das Gegenteil der Demokratie in einem autoritären Staat und das Gegenteil des Liberalismus in einem totalitären Staat. Ein liberaler Staat kann durchaus autoritär sein und ein demokratischer Staat kann durchaus totalitär sein. Für den dogmatischen Demokraten bildet die Tatsache, dass die Mehrheit etwas will, einen ausreichenden Grund, es auch für gut zu halten; für ihn bestimmt der Mehrheitswille nicht nur, was Gesetz ist, sondern auch, was ein gutes Gesetz ist.17 Der dogmatische Demokrat erachtet es als wünschenswert, dass möglichst viele Fragen durch Mehrheitsentschluss entschieden werden, während der Liberale meint, dass es für den Bereich der Fragen, die so entschieden werden sollen, gewisse Grenzen gibt. Der dogmatische Demokrat meint insbesondere, dass die jeweilige Mehrheit das Recht haben soll, zu bestimmen, welche Gewalt sie hat und wie diese auszuüben ist, während der Liberale findet, dass es wichtig ist, die Gewalt jeder zeitweiligen Mehrheit durch langfristige Grundsätze zu beschränken. Für ihn hat die Mehrheitsentscheidung ihre Gültigkeit nicht kraft eines Willensaktes von Seiten der augenblicklichen Majorität, sondern kraft einer weiterreichenden Übereinstimmung über allgemeine Grundsätze.18 Nach Hayek wurde erst in einem verhältnismäßig späten Stadium der Entwicklung der modernen Demokratie argumentiert, dass für die Gewalt, die in Händen des Volkes lag, keine Notwendigkeit einer Beschränkung bestünde. Wenn behauptet wird, dass Recht das ist, was die Mehrheit dazu macht, dann ist die Demokratie in Demagogie ausgeartet.19

In der Vorstellung, dass eine Gesellschaft desto besser ist, je mehr sie den Anschauungen der Mehrheit entspricht ist nach Hayek eine Verkehrung des Prinzips, auf dem die Zivilisation beruht. Ihre allgemeine Annahme würde wahrscheinlich die Stagnation, wenn nicht den Verfall der Zivilisation bedeuten. Fortschritt besteht darin, dass die Wenigen die Vielen überzeugen. Irgendwo müssen Ansichten zuerst auftreten, bevor sie die Ansichten der Mehrheit werden können. Es gibt keine Erfahrung der Gesellschaft, die nicht zuerst die Erfahrung einiger Individuen ist. Da man normalerweise nicht weiß, wer die Dinge am Besten versteht, ist es wichtig die Entscheidung einem Prozess zu überlassen, den man nicht in der Hand hat, was wohl am ehesten, auch wenn er es nicht explizit formuliert, eine Anspielung auf die „unsichtbare Hand“ zu verstehen ist. Immer lernt die Mehrheit von einer Minderheit, die etwas anders macht, als die Mehrheit es ihr vorschreiben würde. Unabhängigkeit: Hayek geht weiterhin darauf ein, dass die liberalen Ideale zu einer Zeit entstanden, als der Teil der selbstständig beschäftigten aufgrund der größeren Bedeutung des landwirtschaftlichen Sektors weitaus größer war. Im Zuge der Industrialisierung rückten immer mehr lohnabhängige

15 Ebd., S.106E, S.111.

16 Ebd., S.113.

17 Ebd., S.125E

18 Ebd., S.129.

19 Ebd., S.131.

20 Ebd., S.134f.

 

Fabrikarbeiter an die Stelle selbstständiger Bauern. Mit der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts sieht Hayek prinzipiell das Problem gegeben, dass die sich nach der Mehrheit richtende Politik einen Kurs verfolgt, der die Position der abhängig Beschäftigten begünstigt und die Position der selbstständig Tätigen dagegen unattraktiver macht. Das könnte eine politisch bedingte Abnahme der Selbstständigen zur Folge haben.21 Für Hayek ergeben sich daraus gewisse Probleme für die Freiheit.

Zum einen macht er deutlich, dass auch und gerade die Freiheit der Arbeitnehmer davon abhängt, dass es eine Vielzahl und Vielfalt von Arbeitgebern gibt. Denn wenn der Arbeitnehmer sich innerhalb seiner Anstellung in seiner Freiheit beschränkt fühlt, so steht es ihm offen, in einen anderen Betrieb zu wechseln. Das Gegenteil wäre eine Situation, in der es nur einen Arbeitgeber gibt, den Staat; und wenn die Verdingung gegen Lohn die einzige erlaubte Form des Unterhalts wäre. Die Wahlmöglichkeit des Arbeitnehmers bezüglich seiner Anstellung ist, außer in Zeiten schwerer Arbeitslosigkeit, die wesentliche Bedingung für ein freies Abhängigkeitsverhältnis, da es verhindert, dass sich der Arbeitnehmer der Willkür und dem Zwang eines bestimmten Menschen aussetzen muss.22 Außerdem wird angeführt, dass das Gefühl der Verantwortung und die Initiative bei Selbstständigen stärker entwickelt sei. Daher beflügeln die Selbstständigen die spontanen Entwicklungskräfte einer Gesellschaft.23

Sicherung der Freiheit: Die Rolle des Staates

Zwang kann nach Hayek nur ausgeübt werden, wenn der Zwingende die wesentlichen Bedingungen für die Handlungen des anderen in seiner Gewalt hat. Daher muss dem Einzelnen die Sicherung eines privaten Bereichs zugestanden werden, der gegen solche Eingriffe geschützt ist. Die Garantie, einen Menschen in seiner Rechtssphäre vor dem Zwang eines anderen Menschen zu schützen, kann nur von einer Behörde gegeben werden, die zum einen die nötige Macht und zum anderen die nötige Legitimation hat. Einzig der Staat kommt als eine solche Institution in Frage. Die Zwangsausübung eines Menschen über einen anderen kann der Staat nur dadurch verhindern, indem er für den Fall einer solchen Zwangsausübung mit Zwang droht.24

Durch die Anerkennung von allgemeingültigen und bekannten Regeln weiß jeder, wo die Grenzen seines unantastbaren Rechtsbereichs aufhören und wo die eines anderen beginnen. Der Handelnde wird in diesem Sinne erst dann staatlichem Zwang ausgesetzt, wenn er sich selbst in eine Lage begibt, von der er, weil allgemein bekannt, weiß, dass sie eine staatliche Zwangsausübung nötig macht. Es ist daher also nicht der Staat, der den Bürger in eine Zwangslage versetzt, sondern der Bürger selbst.

Nach Hayek ist die Akzeptanz des Privateigentums der Grundstein des privaten Bereichs.25 Nicht nur muss diese private Rechtssphäre durch den Staat vor der Zwangsausübung anderer Bürger geschützt werden. Sondern zugleich muss der private Bereich vor dem Zugriff des Staates selbst geschützt sein, was nicht heißt, dass er gegen den Druck der Öffentlichkeit geschützt sein muss oder sollte.26

Eine allgemeine Regel, bzw. ein Gesetz, unterscheidet sich nach Hayek dadurch vom Befehl, dass es allgemein und abstrakt ist. Die Entscheidung über die vorzunehmende Handlung verschiebt sich von Befehl zu Gesetz immer mehr auf die handelnde Person. Während ein Befehl eine Handlung klar festsetzt, bieten Gesetze Informationen, auf deren Grundlage und innerhalb ihrer Grenzen die Person ihre Handlungen selbst wählt. Je zivilisierter die Gesellschaft wird, desto abstrakter und allgemeiner werden die Gesetze. Die Gesetze bestimmen lediglich die Mittel, mit denen eine Person ihre Ziele verfolgen darf, nicht jedoch die Ziele selbst. Daher bleibt die Freiheit unberührt.27

Weil der Gesetzgeber die Gesetze allgemein formuliert und die besonderen Fälle, in denen sie angewendet werden, nicht kennt, und weil der Richter dem bestehenden Regelwerk in seinem Urteil folgen muss, herrschen nicht die Menschen, sondern die Gesetze. Gesetze und ihre Anwendung wirken nicht immer positiv und der Anspruch, dass sie das sollten, kann zu Willkürentscheidungen führen und die Herrschaft des Gesetzes wieder durch die Herrschaft des Menschen ersetzen, der in konkreten Fällen entscheidet. Zudem ist dies Ausdruck menschlicher Anmaßung, alle besonderen

21 Ebd., 5.145.

22 Ebd., 5.147.

23 Ebd., 5.149.

24 Ebd., 5.168.

25 Ebd., 5.169.

26 Ebd., 5.176.

27 Ebd., S.180-184.

 

Faktoren erkennen zu wollen. Der Zwang der Gesetze ist unpersönlich und allgemein, kein besonderer Befehl. Daher sind die Menschen innerhalb der Gesetze frei, wie innerhalb der Naturgesetze.28

Die Schlussfolgerung, dass der Mensch unter der Herrschaft des Gesetzes frei ist, im Unterschied zu der Herrschaft durch den Menschen, veranlasst Hayek dazu, sich für erstere auszusprechen. Das Ideal der Herrschaft der Gesetze hat seine Wurzeln bereits im Mittelalter, namentlich der englischen Magna Charta von 1215. Im Zuge der modernen Entwicklung konnte sich dieses Ideal in England erhalten, während es in anderen Ländern durch das Aufkommen des Absolutismus zerstört wurde.29

Am Ende des 18. Jahrhunderts fand ein altgriechischer Begriff von Italien her seine Verbreitung in England. Der Begriff „Isonomia“, der „Gleichheit des Gesetzes für Personen aller Art“ bedeutet, wurde grundlegend für die Entwicklung der englischen Freiheitsidee. Isonomie kann nur verwirklicht werden, wenn Willkür in der Staatsgewalt verhindert wird. Dies sollte gesichert werden durch zwei entscheidende Vorstellungen: 1. eine geschriebene Verfassung, 2. durch das Prinzip der Gewaltenteilung.

Die Herrschaft des Gesetzes bedeutet, dass die Regierung niemanden zu etwas zwingen darf, außer in der Durchführung einer allgemein bekannten Regel. Daher wird die Macht der Regierung beschränkt. Ein Großteil der Gesetze sind folgerichtig nicht Anweisungen an den Staatsbürger, sondern Instruktionen des Staates an seine Beamten.31 Weiterhin wird betont, dass die Gesetze zum einen allgemein bekannt sein müssen und zum anderen für jeden gleich sein müssen.32 Zwei weitere wichtige Punkte werden angeführt: Erstens müssen das Aufstellen allgemeiner Regeln und die Anwendung auf spezielle Fälle in ihrer Funktion von verschiedenen Körperschaften getrennt ausgeübt werden. Gesetze dürfen nicht im Gedanken an besondere Fälle erlassen werden und besondere Fälle dürfen nicht anders als im Lichte der allgemeinen Regel entschieden werden. Zweitens bedarf es einer überprüfenden, unabhängigen richterlichen Behörde, um administratives Ermessen von Seiten der Exekutive auszuschließen.33

Im Jahr 1767 wurde in England festgelegt, dass das Parlament durch Mehrheitsentscheidung jedes beliebige Gesetz verabschieden dürfe. Damit gewann Hayek zufolge das Parlament eine Allmacht über die Gesetze und wurde die Herrschaft der Gesetze zu einer Herrschaft des Parlaments, also von Menschen. Die Idee, dass keine Macht willkürlich sein darf und alle Macht durch ein höheres Gesetz beschränkt sein müsse, wurde damit in England wieder vergessen. Erst in Amerika wurde die untergegangene englische Freiheitsidee weitergeführt. Die sich befreienden amerikanischen Kolonisten betrachteten es als grundlegend, dass die Macht einer Regierung durch eine feste Verfassung beschränkt sein müsse. Die Freiheit des Volkes bezog sich in diesem Sinne nicht nur auf die periodischen Wahlen der Regierung, sondern mehr noch auf die Funktion des Volkes als verfassungsgebendes Organ, welches dadurch die Zuständigkeiten verschiedener Regierungsorgane klar umgrenzte und allgemeine Regeln entwarf nach denen sie handeln müssen, um sich vor der Willkür der Obrigkeit zu schützen.34

So wie eine spezielle richterliche Entscheidung dem allgemeinen Rahmen der Gesetze entsprechen muss, so müssen die speziellen Gesetze dem allgemeinen Rahmen der Verfassung entsprechen. Die demokratische Zustimmung, sich einer vorübergehenden Mehrheit zu fügen, beruht auf dem Einverständnis, dass sich diese Mehrheit den allgemeinen Grundsätzen fügen wird, die von einer umfassenderen verfassungsgebenden Körperschaft im voraus festgelegt wird. Die bloße Niederschrift der Verfassung ändert allerdings wenig, wie erkannt wurde, wenn nicht ein geeigneter Apparat geschaffen wird, der ihre Einhaltung erzwingt; ein Verfassungsgericht. Weiterhin wurde die Idee entwickelt, nicht nur die Macht der Regierung, sondern auch die des Volkes durch Föderalismus in Schranken zu halten. Der Föderalismus bildete zudem die Grundlage für die Schaffung einer zweiten Kammer, die in keiner echten Demokratie fehlen darf.35

Das Ideal der Souveränität des Volkes und das der Herrschaft des Gesetzes haben einen gemeinsamen
Sieg errungen; letzteres Ideal trat jedoch gegenüber dem ersteren in den Hintergrund. Der Glaube, dass

28 Ebd., 5.193.

29 Ebd.S.197.

30 Ebd., 5.201, 210.

31 Ebd., S.265-269.

32 Ebd., 5.270, 272.

33 Ebd., 5.274, 278.

34 Ebd., S.221-225.

35 Ebd., S.226-234.

 

allein durch ersteres Ideal das Ende der Willkür gesichert sei, setzte sich durch. Die Exekutive wurde im Glauben, dass sie das Volk repräsentiert, gestärkt, anstatt dass der Einzelne vor ihrer Macht geschützt wurde. In Frankreich zum Beispiel führte die Trennung der Gewalten zunehmend dazu, dass die Exekutive von der richterlichen Überprüfung ausgeschlossen wurde. In der preußischen liberalen Bewegung wurde sogar die Exekutive als Hüterin der Grundrechte eingesetzt, obwohl die Grundrechte ja gerade die Macht der Exekutive beschränken sollten.36

Staat und Wirtschaft

Freiheit der Wirtschaftstätigkeit hatte bei den alten Klassikern schon Freiheit unter dem Gesetz bedeutet, nicht das Fehlen jeglicher Regierungstätigkeit. Entscheidend ist für Hayek die Art und nicht die Ausdehnung oder das Ausmaß der Staatstätigkeit. Sie muss der Herrschaft des Gesetzes folgen und zweckmäßig sein. Eine freie Gesellschaft erfordert nicht nur, dass der Staat das Monopol der Zwangsausübung hat, sondern auch, dass dies sein einziges Monopol ist. In allen anderen Fällen muss er unter den selben Bedingungen arbeiten, wie jemand privates. Besonders in grundsätzlichen Belangen des öffentlichen und allgemeinen Interesses sind Eingriffe des Staates durchaus wünschenswert, allerdings unter keinen privilegierten Voraussetzungen. Sinnvoll wäre es in vielen Gebieten auch, den Staat die finanzielle Verantwortung übernehmen zu lassen und die Durchführung der Geschäfte unabhängigen, privaten und wettbewerblichen Unternehmungen zu überlassen.37

Weiterhin darf der Staat niemandem in der Wirtschaft Privilegien einräumen, da dies gegen die Rechtsgleichheit verstoßen würde. In diesem Sinne lassen sich auch Subventionen nicht durch die Interessen der Empfänger rechtfertigen, sondern lediglich durch den Nutzen für das Gemeinwohl; sie werden also nicht kategorisch abgelehnt. Alle Preis- und Mengenkontrollen sind deshalb in einem freien System unzulässig, weil zum einen jegliche Festsetzung eines dynamischen Mechanismus eine Willkürtat wäre, und zum anderen das Funktionieren des Marktes eingeschränkt werden würde. Als die wichtigsten wirtschaftspolitischen Inhalte benennt Hayek die Verhütung von Gewalt und Betrug, den Schutz des Eigentums, die Erzwingung von Verträgen und die Anerkennung gleicher Rechte für alle Individuen, in beliebigen Mengen zu erzeugen und zu beliebig festgesetzten Preisen zu verkaufen. Der Anspruch an den Staat auf soziale Gerechtigkeit würde eine willkürliche Festsetzung dessen erfordern, was als gerecht angesehen wird. Zudem bildet dieser Anspruch die Grundlage für Dirigismus.38

Gefahren für die Herrschaft des Gesetzes

Im 19. Jahrhundert entwickelten sich geistige Strömungen, die zu einem Vertrauensverlust gegenüber dem Recht führten und seine Herrschaft untergruben.

Erstens benennt Hayek als eine solche Strömung die Interessenjurisprudenz, welche sich durch die Forderung auszeichnet, dass ein Urteil nicht im Hinblick auf ein allgemeines und abstraktes Gesetzeswerk gefällt werden solle, sondern die jeweiligen konkreten Interessen der Beteiligten in den besonderen Fällen als Urteilsgrundlage herangezogen werden sollen. Zweitens benennt er die Freirechtsschule, welche sich dadurch auszeichnete, die Richter so weit wie möglich von den Fesseln strikter Regeln zu lösen und sie einzelne Fälle hauptsächlich auf Grund ihres Gerechtigkeitssinnes entscheiden zu lassen. Drittens benennt er den Historismus, der behauptete, notwendige Gesetze der historischen Entwicklung zu erkennen und aus einer solchen Einsicht Wissen darüber ableiten zu können, welche Institutionen und Gesetze der bestehenden Situation angemessen sind.39 Viertens wird der Rechtspositivismus angeführt, der als Gegenstück zum Naturrechtsglauben, jegliche Idee der Gerechtigkeit verwirft und das Recht als die Legalisierung staatlicher Machtausübung begreift. Als fünftes und letztes benennt er den demokratischen Glauben, dass Recht ist, was die Mehrheit dazu macht.

36 Ebd., S.248-257.

37 Ebd., S. 285-289.

38 Ebd., S. 292-297.

39 Ebd., S. 301.

Ebd., S. 312.

 

Kritik

Hayek geht es in seinem Buch darum, die Herrschaft des Menschen über den Menschen im Gesellschaftsleben aufzuzeigen und darauf basierend einen Ansatz zu entwickeln, der zwischenmenschliche Zwangsverhältnisse so weit wie möglich herabmindert und in freiheitliche Verhältnisse auflöst. Seine Forderungen nach Konstitutionalismus und Herrschaft des Gesetzes sind durchaus folgerichtig und geraten nicht in logischen Widerspruch zu seinen Grundannahmen.

Allerdings bleibt Hayeks Freiheitsbegriff im wesentlichen auf den rein politischen Bezugsraum beschränkt. Im Zusammenhang mit der Bedeutung der Unabhängigkeit berührt er zwar auch den wirtschaftlichen Bereich in Form von Arbeitsverhältnissen und der daraus hervorgehenden Abhängigkeit. Primär wird die wirtschaftliche Abhängigkeit bzw. Selbstständigkeit jedoch nur vor dem Hintergrund ihrer Auswirkungen auf den Fortschritt beurteilt. Die Freiheit erscheint daher in diesem Sinne als rein instrumenteller Wert. Auch Hayeks Argument für die Freiheit auf Grundlage der notwendigen Unkenntnis des Menschen weist in diese Richtung. So erscheint die Freiheit als bloßes Mittel, um die spontanen Kräfte des Fortschritts am effizientesten zu entfalten. Der „Fortschritt“ wird somit zum eigentlichen Zweck.

Der Fortschritt erscheint allerdings nicht als etwas unmittelbar Gutes aus sich selbst heraus, wie es zum Beispiel bei der Freiheit der Fall sein könnte. Die Relativierung Hayeks, dass der Fortschritt nicht unbedingt immer zum Besseren führt, verweist bereits auf einen selbstzweckhaften Charakter, der nur durch das Postulat gerechtfertigt wird, dass der Fortschritt das Einzige sei, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Dieses Argument erscheint als ein sehr fadenscheiniges und unhaltbares geschichtsphilosophisches Konstrukt. Zumal Hayeks Fortschrittsbegriff, auf seinem Zivilisationsbegriff begründet, ein sehr einseitiger bzw. eindimensionaler ist, und in keinster Weise zwischen möglicherweise verschiedenen historischen Qualitäten des Fortschrittcharakters differenziert wird. Der Fortschrittsbegriff bleibt in dieser Hinsicht rein quantitativ.

In seinem Reduktionismus folgt der hayeksche Fortschrittsbegriff dem weitverbreiteten Fortschrittsverständnis, wie es sich etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchsetzte. Hayek ersetzte in diesem Fall nur technologische Weiterentwicklung der Produktionsmittel durch Anhäufung von Wissen. Welcher Natur das Wissen ist oder zu welchem Zweck es erworben wird oder wozu es verwendet wird, bleibt völlig unberücksichtigt. Darin spiegelt sich nur einmal mehr die warenförmige Gleichgültigkeit der abstrakten Form gegenüber dem konkreten Inhalt wider: Ware ist Ware und Wissen ist Wissen: Ob es sich um Unterhosen, rotgenoppte Gummiwürfel oder das Wissen um die Herstellung einer Atombombe handelt ist einerlei, solange es verwertbar ist.

Ebenso begrenzt und in vielerlei Hinsicht unreflektiert erscheint der hayeksche Freiheitsbegriff. Zum einen ist es wesentlich für die hayeksche Freiheit, dass der Mensch seine eigenen Ziele, Interessen und Zwecke verfolgt, ohne dabei von anderen beschränkt zu werden oder gezwungen zu werden, im Dienste fremder Interessen, Ziele und Zwecke zu handeln. Die Ziele, Zwecke und Interessen der Menschen stehen allerdings völlig unbestimmt für sich, ohne dass nach deren gesellschaftlicher Konstitution oder Vermittlung gefragt wird. Völlig selbstverständlich erscheinen die gesellschaftlichen Interessen des Menschen als selbstbestimmt, also rein durch den individuellen Willen konstituiert.

Weiterhin soll Hayeks Freiheitsbegriff ein rein gesellschaftlicher sein, wobei das Verhältnis zwischen Gesellschaft und konkreter menschlicher Interaktion unreflektiert bleibt und stillschweigend als unvermittelt und identisch verstanden wird. So erscheint die Gesellschaft nur auf der Ebene der direkten zwischenmenschlichen Willensäußerung. Alles jenseits der direkten Willensäußerung bleibt damit im Sinne von Gesellschaft unreflektiert.

Außerdem kann die Freiheit nach Hayek zwar der Notwendigkeit, nicht aber dem Zwang unterworfen sein, was vor dem Hintergrund seines „gesellschaftlichen“ Freiheitsbegriffs impliziert, dass der Zwang etwas gesellschaftliches ist, die Notwendigkeit dagegen etwas irgendwie Ungesellschaftliches. Mögliche Unterschiede zwischen gesellschaftlichen und ungesellschaftlichen Notwendigkeiten werden nicht näher ausgeführt. Ebenso wenig wie die Konsequenzen, die eine solche Differenzierung für die hayeksche Theorie haben könnte. Die „Zeiten schwerer Arbeitslosigkeit“ beispielsweise können zwar die Wahlmöglichkeiten des Arbeitsnehmers drastisch einschränken. Sie berühren die Freiheit einer Gesellschaft im hayekschen Sinne allerdings ebenso wenig, wie dies eine zerstörerische Naturkatastrophe tun würde. Der fundamentale Unterschied, dass dies durch die wirtschaftlichen Grundlagen einer „freien“ Gesellschaft hervorgebracht wurde und jenes nicht, bleibt unbeleuchtet. Die Zwangslage, der die Menschen ausgesetzt werden, ist in beiden Fällen unpersönlich, nur eben nicht in beiden Fällen ungesellschaftlich. Ein zentrales Defizit in Hayeks Theorie besteht darin, dass seine

 

„gesellschaftliche” Freiheit als unberührt erscheint, weil er Gesellschaft auf reine, direkte und persönliche Zwischenmenschlichkeit und deren Summe reduziert. Dort, wo direkte und unvermittelte menschliche Willensäußerung aufhört, scheint bei Hayek die Natur zu beginnen. Die kritische Erfassung von so etwas wie einem „stummen Zwang der Verhältnisse“ (Marx) wird durch den theoretischen Ansatz bereits undenkbar. Letzten Endes wird dadurch eben gerade der spezifische Zwangscharakter einer kapitalistischen Gesellschaft verschleiert: nämlich die anonyme, unpersönliche und subjektlose Herrschaft eines ökonomischen Automatismus, der einzig und allein seinen eigenen blinden Verwertungsgesetzen folgt, ohne dass der Mensch im Stande wäre, sich diesen Gesetzen zu entziehen oder sie gar unter seine Verfügungsgewalt zu bringen.

Aus dieser verkürzten Position heraus wird auch die bloß einseitig reflektierte Unkenntnis des Menschen von seiner Gesellschaft und die daraus folgende höchst skeptische Haltung gegenüber jedem gesellschaftstheoretischen Erkenntnisanspruch verständlich. So verwechselt Hayek den Anspruch der Gesellschaftstheorie, die Konstitution und den Metazusammenhang der Individuen zu reflektieren, damit, den undurchdringlichen Wust von Einzelhandlungen und Interessen in einer allumfassenden Summe zu formulieren. Natürlich ist es unmöglich, eine komplexe Gesellschaft zu verstehen, indem man die Handlungen jedes einzelnen Menschen genauestens betrachtet, bestimmt und aufsummiert. Der Anspruch der Theorie erscheint nur dann als eine angemaßte Unmöglichkeit, wenn man sie als die nicht zu formulierende Summe aller Einzelteile begreift, anstatt als die Abstraktion von den konkreten Erscheinungen, um auf das dahinterliegende Wesen zu schließen. Schlussendlich lässt sich anmerken, dass Hayeks Theorie durchaus durchdacht und in sich kohärent ist. Allerdings besteht die wesentliche Schwäche in den Prämissen. Um als klar definierter Ausgangspunkt seiner weiteren Theorieentwicklung dienen zu können, setzt Hayek Begriffe wie Freiheit, Zivilisation und Fortschritt fest. Aber gerade deshalb, weil die Begriffe ihrer historischen Qualität entkleidet und kaum vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Gesellschaftsform interpretiert werden, er sie stattdessen als eine praktisch allem Gesellschaftlichem zugrundeliegende Ontologie aufstellt, beraubt er sie ihres dialektischen und transzendenten Charakters. Sie können in dieser Funktion nicht mehr dazu dienen, die Begriffswelt und Reflektionsdimension des Bestehenden zu erweitern. Stattdessen wird der Bedeutungsradius des Möglichen und Denkbaren durch die Zementierung der Begriffe in den Horizont des positiv gegebenen und bestehenden eingebannt und erhält dadurch einen rein immanenten und stark verengten Charakter. Weder der zugrundeliegende gesellschaftliche Gesamtzusammenhang noch der zugrundeliegende historische Entwicklungsprozess werden hinreichend miteinbezogen, um die Bestimmungen von Freiheit, Fortschritt, menschlicher Interessen u.s.w. innerhalb eines größeren Kontextes relativieren zu können. Stattdessen wird das positiv Gegebene im Sinne einer „überhistorischen“ Ontologisierung verabsolutiert. Die „Notwendigkeit“ möglichst effizienter Nutzung der spontanen Kräfte des Fortschritts erscheint vor diesem Hintergrund zum Beispiel als ein selbstverständliches und nicht weiter hinterfragbares, „überhistorisches“ Naturgesetz menschlicher Gesellschaftlichkeit, anstatt diese „Notwendigkeit“ als ein aus den inneren Widersprüchen speziell der kapitalistischen Produktionsweise erwachsenes Bewegungsgesetz zu begreifen. Dadurch werden wieder einmal, wie bei so manchem liberalen Hofsänger der Moderne, kapitalistische Kategorien zum Apriori der Menschheitsgeschichte überhaupt erhoben.

Die hayeksche Theorie bleibt also allein schon durch ihren methodischen Ansatz in vielerlei Hinsicht beschränkt.

Schließlich ist anzumerken, dass die aus Hayeks Grundannahmen gefolgerte Aussage, dass Fortschritt soziale Ausgewogenheit fördert und soziale Unausgewogenheit den Fortschritt fördert, ganz offensichtlich paradox ist. Sie gipfelt, vermittelt durch die Kostenfrage, wie oben gezeigt, in der paradoxen Annahme, dass die „unterentwickelten“ Länder die westlichen umso schneller erreichen, je größer der Abstand zwischen ihnen ist. Dieses Argument kann leicht dazu dienen, soziale Ungleichheit zu rechtfertigen. Radikale Sozialdarwinisten vom Schlage eines Herbert Spencer hätten sicherlich Gefallen an einem Gesinnungsgenossen wie Hayek gefunden.

 

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