Lenin in Zürich: Der russische Revolutionär und die Spiesser

Von 1916 bis 1917 lebte Lenin in Zürich. Zwischen der Absteige mit stinkendem Hinterhof und dem Lesesaal der Zentralbibliothek entstand jener geistige Sprengstoff, der kurz darauf gezündet wurde.

Der grosse Etikettenschwindel an der Spiegelgasse 14

«Hier wohnte v. 21. Februar 1916 bis 2. April 1917 Lenin, der Führer der russischen Revolution.» So steht es auf der Gedenktafel an der Spiegelgasse 14, die allerdings deutlich älter ist als das Haus, an dem sie hängt. Im Jahr 1970 liess der Stadtschreiber verlauten, dass Zürichs Stadtrat das Haus kaufen und unter Denkmalschutz stellen wolle. Doch die Bausubstanz erwies sich als deutlich schlechter als angenommen. Nicht einmal die Fassade konnte erhalten werden, nachdem man «bedenkliche Risse» entdeckt hatte, wie die NZZ ein Jahr später schrieb. Und so war dann im Oktober 1971 von einer Baulücke zwischen den Häusern Spiegelgasse 12 und 16 zu berichten: «Spiegelgasse 14 ist nicht mehr, und man weiss nicht so recht, wer das mehr bedauert, die Fondue-Esser oder die Historiker.» Zwei Etagen unter Lenins ehemaligem Wohnsitz hatte sich ein Restaurant befunden, das seinen Gästen angeblich das beste Fondue der Stadt auftischte.

Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin, aufgenommen 1916 in Zürich. (Bild: Friedrich / Interfoto / Keystone)

Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin, aufgenommen 1916 in Zürich. (Bild: Friedrich / Interfoto / Keystone)

Raus aus dem «kleinbürgerlichen demokratischen Käfig»

Seit September 1914 hatten Lenin und seine Frau Nadeschda Krupskaja in Bern gelebt, dann hatten sie genug und siedelten im Februar 1916 nach Zürich über. In Bern seien sie in einem «kleinbürgerlichen demokratischen Käfig gefangen» gesessen, schrieb Krupskaja später. In Zürich hingegen erhofften sie sich Kontakte zu der «revolutionär gesinnten Jugend aus verschiedenen Ländern». Schon kurz nach der Ankunft in Zürich schrieb Lenin an seine Mutter: «Der See hier gefällt uns sehr, und die Bibliotheken sind besser als in Bern, so dass wir wohl noch länger bleiben werden, als wir vorhatten.» Lenin arbeitete in der Zentralstelle für soziale Literatur, dem heutigen Sozialarchiv, und in der Zentralbibliothek, die sich damals noch in der Wasserkirche befand. Der ZB-Ausweis ist ebenso noch vorhanden wie der Schein, mit dem sich Fritz Platten gegenüber dem Sozialarchiv für den Benutzer «Wladimir Uljanoff» verbürgt. Lenin schrieb in Zürich an seinem Buch «Der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus». Daneben hielt er, nicht zuletzt, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, politische Vorträge, unter anderem im Volkshaus oder im Gewerkschaftshaus Eintracht, dem heutigen Neumarkt-Theater.

Die Revierpolizei weiss nichts Nachteiliges zu berichten

Das offizielle Gesuch für die Aufenthaltsbewilligung stellt Lenin am 18. April 1916. Stadtrat Otto Lang und Fritz Platten übernehmen die Bürgschaft in der Höhe von 3000 Franken. Ende des Jahres wird die Bewilligung verlängert, nachdem der Bericht der Revierpolizei nichts Nachteiliges zu vermelden wusste. Uljanow scheine «seinen Verpflichtungen regelmässig nachzukommen», hiess es darin. Lenin selber hatte einen «Fragebogen für Deserteure und Refraktäre» auszufüllen, der sich ebenfalls erhalten hat. Darin schreibt er, dass er in Zürich literarisch und journalistisch arbeite, kein Vermögen besitze und weder Deserteur noch Refraktär (Dienstverweigerer) sei, «sondern politischer Emigrant seit der Revolution von 1905».

Im Hinterhof ihres Hauses riecht es fürchterlich

Lenin und Krupskaja wohnten an der Spiegelgasse 14 beim Schuhmacher Titus Kammerer, der weitere Zimmer untervermietete. Die Wohnverhältnisse sind aus heutiger Sicht beinahe unvorstellbar: Kammerer bewohnte mit seiner Frau und den drei Kindern zwei Zimmer, eines war an Lenin und Krupskaja vermietet, eines an die Frau eines deutschen Soldaten mit ihren Kindern, eines an einen Italiener und eines schliesslich «an österreichische Schauspieler». Nadeschda Krupskaja schrieb später: «Zwar war unser Haus hell, aber seine Fenster gingen auf den Hof hinaus, in dem es fürchterlich roch, weil sich dort eine Wurstfabrik befand. Nur spät nachts konnten wir die Fenster öffnen.»

Das «Lenin-Haus», kurz vor dem Abbruch 1971. (Bild: Bildarchiv ETH-Bibliothek)

Das «Lenin-Haus», kurz vor dem Abbruch 1971. (Bild: Bildarchiv ETH-Bibliothek)

Zwar war unser Haus hell, aber seine Fenster gingen auf den Hof hinaus, in dem es fürchterlich roch, weil sich dort eine Wurstfabrik befand.

Bergwanderungen und ihre Wirkung auf den Menschen

Lenin verschlang in den Schweizer Bibliotheken alles, was er an politischer und philosophischer Literatur in die Finger bekam. Daneben aber interessierte er sich für alle möglichen Themen. Das kann man nachvollziehen dank einer Liste der Bücher und Zeitschriften, die Lenin in der Landesbibliothek Bern (heute Nationalbibliothek) ausgeliehen hat. Die Liste reicht von Reiseführern über Werke zur «Fleischversorgung des Deutschen Reiches» oder zu «Heerwesen und Kriegsführung» bis zu einer Abhandlung zum Thema «Höhenklima und Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen». Neben lesen und schreiben tat Lenin, was ein Revolutionär offenbar so tut: «Er konspirierte nach allen Seiten», schrieb der Schweizer Arbeiterführer Robert Grimm. Lenin nahm Verbindungen mit Revolutionären in Russland auf, korrespondierte mit Emigranten auf der ganzen Welt, «erteilte Weisungen, gab Ratschläge, arbeitete Thesen und Resolutionen aus». Ausserdem traf er sich gelegentlich mit ein paar jungen Sympathisanten zu Diskussionsabenden, die bald den Über- oder Tarnnamen «Kegelclub» bekamen.

Mit zwei Tafeln Schokolade auf den Zürichberg

Wenn die Bibliotheken geschlossen waren, unternahmen Lenin und seine Frau Spaziergänge oder Ausflüge in die nähere Umgebung. Man habe gelegentlich «zwei kleine Tafeln Nussschokolade zu 15 Rappen das Stück» gekauft, schrieb Krupskaja, sei auf den Zürichberg gezogen, wo man an einem Lieblingsplatz «im Grase liegend, ungestört lesen» konnte.

Lenin stellt in Zürich «geistigen Sprengstoff» her

Kurz vor seiner Abfahrt im April 1917 verlas Lenin einen Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter, in dem er seine Positionen erläutert und sich von den linken «Sozialpatrioten und Opportunisten» abgrenzt. Nach der erfolgreichen Durchquerung Deutschlands im Zug erteilte er den Auftrag zum Druck des Textes. «Der Brief Lenins löste kein besonderes Echo aus», schreibt Willi Gautschi in seinem Standardwerk «Lenin als Emigrant in der Schweiz» trocken. Er sei in der offiziellen sozialdemokratischen Presse überhaupt nicht abgedruckt worden, in einer Gewerkschaftszeitung aus der Romandie spottete der Arbeiterführer Achille Grospierre hingegen über das «document pastoral», dessen Verfasser ein Phrasendrescher sei, der während seines Aufenthalts in der Schweiz vollkommen unbekannt geblieben sei. Lenin hatte nach Gautschi keinen Einfluss auf die Schweizer Sozialdemokratie oder auf die Forderungen des Generalstreiks von 1918, wie das später in einigen Artikeln behauptet wurde. Allerdings seien seine Schweizer Jahre für seine eigenen Theorien wichtig gewesen. «Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der geistige Sprengstoff, der in der Oktoberrevolution gezündet wurde, von Lenin in der Schweiz hergestellt und durch seine Anhänger von hier aus vertrieben worden ist», schreibt Gautschi.

Spiesser und Opportunisten im Zürcher Stadtrat

Von den Schweizer Sozialdemokraten hielt Lenin nicht allzu viel, besonders nicht von jenen, die ein Regierungsamt innehatten. Über den Zürcher Stadtrat beispielsweise schrieb er wenig schmeichelhaft: «Der Magistrat von Zürich besteht aus neun Mitgliedern, von ihnen sind vier Sozialdemokraten: Erismann, Pflüger, Vogelsanger und Klöti . . . Erismann & Co. sind keineswegs gewöhnliche Überläufer in das Lager des Feindes, sie sind einfach friedliche Spiesser, Opportunisten, die sich an den parlamentarischen Kleinkram gewöhnt haben und mit konstitutionell-demokratischen Illusionen belastet sind.»

Eine Gedenktafel mindert den Wert des Hauses

Bei den Wahlen 1928 holte sich die SP einen fünften Sitz im Stadtrat und damit die Mehrheit. Gleichzeitig stellte sie nun mit Emil Klöti auch den Stadtpräsidenten. Das «Rote Zürich» war damit Tatsache geworden. Nach dem linken Wahlerfolg vergingen nur gut drei Monate, bis am Haus Spiegelgasse 14 eine Gedenktafel für Lenin montiert wurde – als hätte man nur auf die neuen Mehrheiten gewartet. Nun entbrannte allerdings ein heftiger Streit über diese Tafel in den Zeitungen, der schliesslich den neuen Stadtpräsidenten zu einer Stellungnahme in der NZZ veranlasste. Emil Klöti machte darauf aufmerksam, dass die Tafel schon zwei Jahre früher vom Gemeinderat gewünscht worden sei, dass sich die Sache aber wegen Nachforschungen im Stadtarchiv verzögert habe. Schliesslich habe der Stadtrat dem Bauvorstand die Kompetenz erteilt, die Tafel ans Haus zu hängen. Diese sei ja für Freunde und Gegner der russischen Revolution interessant und Lenin unbestritten eine «weltgeschichtliche Gestalt». Ganz erledigt war die Sache damit aber noch nicht. Nun klagte nämlich der Eigentümer, dass sein Haus durch die Tafel eine Wertminderung erfahre. Kurz und trocken ist dazu in der NZZ zu lesen, der Stadtrat habe Verhandlungen «über eine angemessene Entschädigung für die Belassung der Tafel eingeleitet, die gegenwärtig noch in der Schwebe sind». Wie die Sache ausging, wurde nicht mehr vermeldet.

Der Schuhmacher Titus Kammerer bleibt standhaft

Vom Zürcher Schuhmachermeister Titus Kammerer hätte ausserhalb des Kreises seiner Kundschaft kaum jemand Kenntnis genommen – wäre nicht Lenin ein gutes Jahr lang sein Untermieter gewesen. So aber reichte es sogar für einen längeren Nachruf in der NZZ am 7. Juni 1951, worin unter anderem zu lesen war, dass Kammerer auch nach Lenins Auszug stets nur mit Achtung von seinem früheren Mieter gesprochen habe. Auch habe er alle «Neuigkeitsjäger und Raritätensammler» immer konsequent abgewiesen und sich ihrem Wunsch nach einem von Lenin benützten Einrichtungsstück stets verweigert. Selbst als die Sowjetregierung die ganze Wohnungseinrichtung für ein Lenin-Museum habe kaufen wollen, sei Kammerer standhaft geblieben. Lenin und seine Frau Nadeschda Krupskaja hätten in bescheidenen Verhältnissen gelebt, seien aber, wie Kammerer einmal sagte, «ihren finanziellen Verpflichtungen immer pünktlich nachgekommen». In der Einschätzung von Willi Gautschi war Kammerer «der demokratisch-kritisch eingestellte Typ des ruhigen, fleissigen Handwerkers, der den Krieg verabscheute».

Vom Zürcher Schuhmachermeister Titus Kammerer hätte kaum jemand Kenntnis genommen – wäre nicht Lenin ein gutes Jahr lang sein Untermieter gewesen.

Ein Ausleihschein ist weg – und kommt wieder zurück

Willi Gautschi berichtet davon, dass sich ursprünglich auch eine Steuer-Selbsttaxation Uljanows in den Lenin-Akten des Stadtarchivs befunden habe. «Dieses Dokument wird seit 1950 vermisst.» Über die näheren Umstände ist heute im Stadtarchiv nichts mehr zu erfahren. Übrigens war in den vierziger Jahren auch aus dem Sozialarchiv ein Ausleihschein Lenins verschwunden. Man konnte diesen aber schliesslich in einem Antiquariat zurückkaufen. Heute ist er sicher im Tresor verstaut.

Lenin im Gedränge der verschiedenen Revolutionäre

Neben der Gedenktafel an der Spiegelgasse gibt es eine weitere im Blauen Saal des Volkshauses, wo Lenin im Januar 1917 einen Vortrag über die Revolution von 1905 gehalten hat. Im April 1970 wurde sie in einer kleinen Feier enthüllt – ohne irgendwelche Nebengeräusche. Der Berichterstatter der NZZ erinnerte daran, welche Polemik die erste Tafel im Jahr 1928 noch ausgelöst hatte. Vermutlich sei Zürich in den letzten vierzig Jahren toleranter geworden, heisst es im Bericht. Vielleicht aber sei «Lenin im Gedränge der Revolutionäre verschiedenster Prägung und Färbung» auch etwas «unaktueller geworden».

Enthüllung der Lenin-Gedenktafel im Volkhaus. (Bild: Bildarchiv ETH-Bibliothek)

Enthüllung der Lenin-Gedenktafel im Volkhaus. (Bild: Bildarchiv ETH-Bibliothek)

Die meisten Zitate stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus dem Werk «Lenin als Emigrant in der Schweiz» von Willi Gautschi, erschienen 1973. Die Aussage Lenins über den Stadtrat ist der Klöti-Biografie von Paul Schmid-Ammann von 1965 entnommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s