Wo sind all‘ die Mädchen hin?

Im Herbst 2013, also vor gar nicht so lan­ger Zeit, kon­sta­tier­te die Re­dak­ti­on Ba­ha­mas an­läss­lich des Image­ver­lus­tes, den männ­li­che Flücht­lin­ge des Camps am Kreuz­ber­ger Ora­ni­en­platz in Ber­lin bei ihren au­to­chthon-weib­li­chen Sup­por­tern auf­grund se­xis­ti­scher Über­grif­fe er­lit­ten: „Al­ler­dings hätte man dies­be­züg­lich wis­sen kön­nen, dass es – um es vor­sich­tig aus­zu­drü­cken – di­ver­se Schwie­rig­kei­ten be­züg­lich des Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses birgt, wenn (v.a. „mo­der­ne“) Frau­en in ab­so­lu­ter Un­ter­zahl Räume be­tre­ten, in denen Män­ner als Horde zu­sam­men­le­ben: jeder von ihnen al­lein­ste­hend und von der Fa­mi­lie (oder sons­ti­ger so­zia­ler Bin­dung) ge­trennt, frus­triert an­ge­sichts der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on, ge­prägt von Elend und Ge­walt des Her­kunfts­lan­des, das zu ver­las­sen ihm unter er­heb­li­chem Ein­satz sei­ner El­len­bo­gen ge­lun­gen ist, und zudem nicht sel­ten vom Pa­tri­ar­cha­lis­mus.“Das pro­vo­zier­te da­mals schon die ernst ge­mein­te Frage, „was ei­gent­lich an­tis­e­xis­ti­sche und an­ti­ras­sis­ti­sche Frau­en in eine über po­li­ti­sche So­li­da­ri­tät hin­aus­ge­hen­de all­tags­prak­ti­sche Nähe zu eben jenen meist rauen – je­den­falls sel­ten „gen­der­sen­si­blen“ – Män­ner­hor­den treibt, die sie ja zu Recht mei­den, wenn sie von über­wie­gend Wei­ßen ge­bil­det wer­den“. Die Frage ist zwar nie be­ant­wor­tet wor­den, aber sei‘s drum, jede muss schließ­lich sel­ber wis­sen, wohin ihr Frei­zeit-En­ga­ge­ment sie führt.

Probleme öffentlich machen?

Zwei Jahre spä­ter hiel­ten es Links­ra­di­ka­le dann nichts­des­to­trotz für eine gute Idee, sol­che Hor­den nicht mehr nur auf­zu­su­chen, um selbst her­bei­ge­führ­te Aus­nah­me­zu­stän­de mit ihnen zu leben, son­dern sie statt­des­sen in die ei­ge­nen so­ge­nann­ten Frei- und Schutz­räu­me ein­zu­la­den, wohl von dem Wunsch ge­lei­tet, aus der staat­lich ver­ord­ne­ten Will­kom­mens­kul­tur des Som­mers 2015 erst eine rich­tig linke Sause zu ma­chen. Der Flo­ris Bis­kamp frei­lich kann das, je­den­falls nach­dem er „Kon­takt zu zahl­rei­chen Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen aus Leip­zig auf­ge­nom­men“ hat, viel ela­bo­rier­ter aus­drü­cken: „Wenn ein lin­kes Zen­trum sich in der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on ent­schei­det, nicht nur ‚Re­fu­gees Wel­co­me‘-Auf­kle­ber an Klo­wän­de zu pap­pen, son­dern Ge­flüch­te­te per­sön­lich ein­zu­be­zie­hen und ihnen durch einen stark ver­min­der­ten Ein­tritts­preis eine Teil­ha­be am Nacht­le­ben zu er­mög­li­chen, ist das ge­leb­te So­li­da­ri­tät und an­ti­ras­sis­ti­sche Pra­xis – eine Pra­xis, die im Conne Is­land nach wie vor von Ge­flüch­te­ten ge­nutzt wird und auf­grund derer sich po­li­ti­sche und per­sön­li­che Kon­tak­te er­ge­ben.“ (Kon­kret 01/2017)

Für viele Frau­en sind diese „po­li­ti­schen und per­sön­li­chen Kon­tak­te“, um die sie meist gar nicht nach­ge­sucht hat­ten, al­ler­dings wie­der in die Hose ge­gan­gen, wie Taz on­line (12.10.2016) zu be­rich­ten weiß: „Me­la­nie ist 23 Jahre alt und Ju­ra-Stu­den­tin im ers­ten Se­mes­ter. In Leip­zig wohnt sie seit zwei­ein­halb Wo­chen. ‚Ich habe so etwas Zu­dring­li­ches vor­her noch nie er­lebt‘, sagt sie. […] Ein paar Schrit­te wei­ter steht Laura, 30. Sie komme nur ab und an zu Par­tys hier­her, sagt sie, viel­leicht fünf­mal in den letz­ten Mo­na­ten. ‚Aber jedes Mal bin ich auch be­drängt wor­den von Män­nern, die meine Spra­che nicht spre­chen. Das sind pe­ne­tran­te Typen, die nicht ab­las­sen.‘ Hat Laura diese Vor­fäl­le ge­mel­det? ‚Nein‘, sagt sie, ‚das habe ich nicht.‘ Warum nicht? ‚Ich woll­te den Män­nern den Abend nicht ver­sau­en.‘ Wie bitte? ‚Das sind, denke ich, oft trau­ma­ti­sier­te Män­ner aus pa­tri­ar­chal ge­präg­ten Ge­sell­schaf­ten, die noch ler­nen müs­sen, sich hier zu­recht­zu­fin­den.‘ Nach kur­zem Schwei­gen sagt sie: Wenn sie also nun so dar­über nach­den­ke, dann müsse sie ihre Po­si­ti­on wohl in­fra­ge stel­len.“

Die ei­ge­ne Po­si­ti­on in­fra­ge stel­len zu wol­len, gibt auch ein State­ment des Conne Is­land vom Ok­to­ber 2016 vor (https://www.conne-island.de/news/191.html), das es zu ei­ni­ger me­dia­ler Pro­mi­nenz brin­gen konn­te, weil es of­fen­kun­dig eine Art Tabu ge­bro­chen hatte. Nach den „Re­ak­tio­nen aus Pres­se und lin­ken Krei­sen“ auf den „,Hil­fe­ruf‘ des links-al­ter­na­ti­ven Frei­bur­ger Clubs White Rab­bit An­fang des Jah­res [2016]“ (Conne Is­land-State­ment) scheint man sich in der Welt lin­ker Club­be­trei­ber in­for­mell näm­lich dar­auf ver­stän­digt zu haben, dass die an die Über­grif­fe auf der Köl­ner Dom­plat­te ge­mah­nen­den Ver­hält­nis­se auf den von ihnen aus­ge­rich­te­ten Par­ties öf­fent­lich un­be­dingt zu be­schwei­gen seien. „Wir wis­sen aus Ge­sprä­chen, dass an­de­re linke Klubs in einer ähn­li­chen Lage sind, aber kei­ner will dar­über reden“, zi­tiert Spie­gel on­line (19.10.2016) die Par­ty­ma­cher des Conne Is­land, die ein hal­bes Jahr für die Ent­schei­dung be­nö­tig­ten, „die Pro­ble­me öf­fent­lich zu ma­chen“, wor­auf­hin wei­te­re „Wo­chen [ver­gin­gen], bis alle Be­tei­lig­ten mit jeder ein­zel­nen For­mu­lie­rung ein­ver­stan­den waren.“ (ebd.)

Wackertum, Empörung, engagierte Richtigkeiten

Dass Linke Mo­na­te brau­chen, um Fak­ten aus­zu­spre­chen und dann noch wei­te­re Wo­chen, um diese auch zu for­mu­lie­ren, dass sie also ihre weib­li­chen Gäste mut­wil­lig und ohne Vor­war­nung in furcht­ba­re Be­dräng­nis brin­gen, war dann aber ge­ra­de nicht Ge­gen­stand der De­bat­te über White Rab­bit, Conne Is­land und die Fol­gen. Statt­des­sen ei­nig­te man sich dar­auf, dass der Schutz vor Män­ner­hor­den und der Schutz von Män­ner­hor­den zwar ein un­auf­lös­ba­res Di­lem­ma sei, aber ir­gend­wie unter einen Hut ge­zwun­gen wer­den müsse. Der bes­tens in­for­mier­te Bis­kamp, des­sen Spe­zi­al­ge­biet „das Reden über das Reden über“ ist, spricht es als ge­samt­deut­scher Club­be­trei­ber kon­sen­su­al aus: „Das Bild se­xu­ell ag­gres­si­ver an­de­rer, vor denen ‚un­se­re‘ Frau­en ge­schützt wer­den müs­sen, ge­hört zum ras­sis­ti­schen Stan­dard­re­per­toire und ist spä­tes­tens seit den ‚Sil­ves­te­rer­eig­nis­sen von Köln‘ auch ein do­mi­nan­tes Nar­ra­tiv in der ‚Flücht­lings­kri­se‘. Wer in einer sol­chen Si­tua­ti­on Pro­ble­me wie die des Conne Is­land öf­fent­lich the­ma­ti­siert, stärkt ef­fek­tiv den ras­sis­ti­schen Dis­kurs – egal, ob man sich die­ses Dis­kur­ses be­wusst ist, egal, ob man die­sen Ef­fekt be­ab­sich­tigt, egal, wie vor­sich­tig und dif­fe­ren­ziert man for­mu­liert, und egal, wie viele ex­pli­zi­te Ab­gren­zun­gen man vor­nimmt. Es dürf­te nicht zu­letzt an die­ser nicht zu ver­mei­den­den An­schluss­fä­hig­keit an ras­sis­ti­sche Hal­tun­gen ge­le­gen haben, dass die Er­klä­rung des lin­ken Zen­trums so breit re­zi­piert wurde – wie Con­ne-Is­land-Mit­be­trei­be­rin Su­san­ne Fi­scher be­tont, sehr viel brei­ter, als man im Vor­feld er­war­tet hätte. Daher hat Bern­hard Torsch nicht ganz un­recht, wenn er in Kon­kret 12/2016 schreibt, der Con­ne-Is­land-Text sei ‚eine Po­sau­ne‘, die ‚das Or­ches­ter der Ras­sis­ten‘ ver­stär­ke. Un­recht hat er letzt­lich aber doch, weil er auch meint, diese Po­sau­ne sei ‚ohne Not‘ er­grif­fen wor­den. Denn damit igno­riert er die guten an­tis­e­xis­ti­schen Grün­de für einen Gang an die Öf­fent­lich­keit. Man kann das Di­lem­ma von An­ti­ras­sis­mus und An­tis­e­xis­mus an­er­ken­nen und den Text des Conne Is­land den­noch scharf kri­ti­sie­ren.“ (Kon­kret 01/2017)

Ober­fläch­lich be­trach­tet, könn­te man mei­nen, dass die Miss­tö­ne die­ses an­ti­ras­sis­ti­schen und an­tis­e­xis­ti­schen Or­ches­ters mit der Leip­zi­ger Po­sau­ne, dem Tri­an­gel-Spie­ler Bis­kamp und dem Tromm­ler Torsch (der „den ‚jun­gen Män­nern mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund‘ nur gutes Ge­lin­gen dabei wün­schen mag, diese In­seln selbst­ge­rech­ter Sa­tu­riert­heit zu ver­wüs­ten“) le­dig­lich Aus­druck jenes ver­ant­wor­tungs­vol­len Den­kens seien, an dem Rai­nald Goetz vor Jahr­zehn­ten schon irre ge­wor­den ist: „Nichts pro­du­ziert so viel geis­ti­gen Schlamm wie das Ver­ant­wor­tungs­vol­le Den­ken (VD). Die­ses Den­ken hat den Kopf schon ab­ge­ge­ben, bevor es über­haupt die Augen auf­ge­macht und zum Schau­en an­ge­fan­gen hat. Als Blind­ling rennt die­ses Den­ken durch die Welt und darf nichts sehen. Statt­des­sen muss das Ver­ant­wor­tungs­vol­le Den­ken dau­ernd an die Ver­ant­wor­tung den­ken. Des­halb kommt nie eine Wahr­heit über die Welt her­aus, oder we­nigs­tens mal eine klei­ne Neu­ig­keit. Nein, die­ses Den­ken pro­du­ziert au­to­ma­tisch […] immer wie­der das glei­che: Wa­cker­tum, Em­pö­rung, dümms­te en­ga­gier­te Rich­tig­kei­ten und das Al­ler­al­ler­platt­ge­walz­tes­te.“ (Suhr­kamp 1987, 324)

In Wirk­lich­keit ist in­zwi­schen an die Stel­le dümms­ter Rich­tig­kei­ten im lin­ken ver­ant­wor­tungs­vol­len En­ga­ge­ment eine offen und selbst­be­wusst ver­tre­te­ne Mi­schung aus Be­schwei­gen und Lügen ge­tre­ten. Es mag ja sein, dass das Ideal des Conne Is­land „Par­ties ohne se­xis­ti­sche, ho­mo­pho­be, ras­sis­ti­sche oder an­de­re Aus­gren­zun­gen“ sind, wie die Ge­schäfts­füh­re­rin des La­dens Spie­gel on­line mit­teilt. Es mag eben­falls zu­tref­fen, dass, wie das Conne Is­land-Ple­num in sei­nem State­ment ein­räumt, Linke sich „25 Jahre“ ab­stram­peln muss­ten, um zu „er­kämp­fen“, was in der wirk­li­chen Welt, also der, in der nor­ma­le Men­schen ver­keh­ren, seit über 25 Jah­ren längst selbst­ver­ständ­li­che Rea­li­tät ist. Aber wenn Spie­gel on­line ge­gen­über er­klärt wird, „im Conne Is­land […] dürfe eine Frau an­ders als in den Groß­raum­dis­kos der Stadt er­war­ten, nicht von Män­nern be­läs­tigt zu wer­den“, dann ist das eine dreis­te Lüge, die nur des­halb wider bes­se­ren Wis­sens hin­ge­nom­men wird, weil an­dern­falls der linke Über­le­gen­heits­dün­kel gegen all die ver­ach­te­ten „Nor­ma­los“ Scha­den neh­men würde.

In Ber­lin zu­min­dest fei­ern Frau­en und Män­ner, He­te­ros und Ho­mo­se­xu­el­le mit Trans­gen­dern und DragQueens un­ter­schied­lichs­ter Na­tio­na­li­tä­ten und/oder Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grün­de in meh­re­ren ein­schlä­gi­gen nicht-lin­ken Clubs z.T. mit Unisex-Toi­let­ten ihre he­do­nis­ti­schen Feste, ohne dass je­mals „weib­li­che Gäste auf Be­su­che ver­zich­ten, um Über­grif­fen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus dem Weg zu gehen“ (Conne Is­land-State­ment). Das ge­lingt ganz ein­fach des­halb, weil man dort schon aus kom­mer­zi­el­lem In­ter­es­se dafür Sorge trägt, dass im ei­ge­nen Club Zu­stän­de, die in der Köl­ner Dom­plat­te ihr Sym­bol haben, zu­meist prä­ven­tiv un­ter­bun­den wer­den. Zu dan­ken war und ist dies einer von mi­gran­ti­schen wie nicht-mi­gran­ti­schen Tür­ste­hern bei­der­lei Ge­schlechts durch­ge­setz­ten Ein­lass­po­li­tik, die wie selbst­ver­ständ­lich in Ober­gren­zen und Quo­ten denkt und Null To­le­ranz ge­gen­über Män­ner­grup­pen wal­ten lässt, deren Auf­tre­ten be­reits auf ein hohes Maß an Frau­en- und Schwu­len­ver­ach­tung schlie­ßen lässt. Die vor­pro­gram­mier­ten Kon­flik­te mit Grup­pen eben vor­nehm­lich ara­bi­scher, tür­ki­scher und schwar­zer Män­ner wer­den vor der Tür ge­löst und nicht etwa erst hin­ter ihr, wenn den ers­ten Frau­en be­reits der Abend ver­dor­ben ist, aus­dis­ku­tiert.

Egal woher die Betreffenden kommen

Die Be­son­der­heit lin­ker Par­ties be­stand und be­steht an­ders als be­haup­tet nie darin, dass Frau­en sich auf ihnen prin­zi­pi­ell woh­ler füh­len kön­nen als an­ders­wo, son­dern in der dem Ver­gnü­gen vor­ge­zo­ge­nen per­ma­nen­ten ge­gen­sei­ti­gen Be­wa­chung und Selbst­re­fle­xi­on be­züg­lich der Ein­hal­tung von Re­geln, die über die nor­ma­ler Par­ties weit hin­aus­ge­hen, weil schon jedem ers­ten spon­ta­nen zwi­schen­mensch­li­chen An­nä­he­rungs­ver­such (der dem Wesen nach immer über­grif­fig ist) von vorn­her­ein die Un­schulds­ver­mu­tung ge­nom­men wer­den soll. Diese Trost­lo­sig­keit, die em­pa­thie- und ver­nunft­fä­hi­ge Men­schen oh­ne­hin flie­hen, gilt der lin­ken Ge­sin­nung als er­stre­bens­wert: „Na­tür­lich ist auch das Conne Is­land keine Insel, in der sich ge­sell­schaft­li­che Uto­pi­en im Hand­um­dre­hen um­set­zen las­sen und selbst für das vor­han­de­ne Mit­tel­maß ist die per­ma­nen­te Auf­merk­sam­keit aller Be­tei­lig­ten und vor allem ein Re­fle­xi­ons­ver­mö­gen bei den Über­grif­fi­gen nötig.“ An­schei­nend ruft nun ge­ra­de die in lin­ken Räu­men herr­schen­de At­mo­sphä­re der in der Tat dys­to­pi­schen Lust­feind­lich­keit eine ge­nu­in linke se­xu­el­le Ent­kramp­fungs­be­reit­schaft spä­tes­tens nach er­heb­li­chem Al­ko­hol­kon­sum her­vor. Laut State­ment des Conne Is­land waren im zu­tref­fend „Eis­kel­ler“ ge­nann­ten Ju­gend­kul­tur­zen­trum je­den­falls schon lange vor den Be­läs­ti­gun­gen weib­li­cher Gäste durch Flücht­lin­ge „se­xu­el­le Über­grif­fe aus dem Kreis der La­den­be­trei­ben­den selbst“ [!] zu be­kla­gen ge­we­sen, was ei­ni­ges über die Ex­klu­si­vi­tät links­ra­di­ka­ler Fei­er- und Will­kom­mens­kul­tur ver­rät.

Die zwei­te dem ver­ant­wor­tungs­vol­len Den­ken ge­schul­de­te Lüge aus der Welt des ei­si­gen Mit­tel­ma­ßes, die auch als Ras­sis­mus­vor­wurf gegen die Tür­po­li­tik er­folg­rei­cher Clubs vor­ge­tra­gen wird, in denen sich Frau­en auf der Tanz­flä­che eben wohl­füh­len, be­haup­tet, alle Män­ner­grup­pen seien gleich ge­fähr­lich: „Grup­pen um­her­zie­hen­der Män­ner ge­hö­ren wohl zu den meist­ge­hass­ten und – unter Um­stän­den – ge­fürch­te­ten Men­schen­grup­pen vie­ler Frau­en, Les­ben, Schwu­len und Trans­gen­der auf der gan­zen Welt. Egal ob die Be­tref­fen­den Syrer, Con­ne­wit­zer, Gha­na­er, Ei­len­bur­ger, Leutz­scher oder Rus­sen sind, haben sie lei­der in er­schre­ckend vie­len Fäl­len eines ge­mein: Es kommt zu se­xis­ti­schen Kom­men­ta­ren – egal ob ab­fäl­lig oder ver­meint­lich be­wun­dernd – und nicht sel­ten auch zu Hand­greif­lich­kei­ten ge­gen­über Frau­en, die ihren Weg kreu­zen. Ge­sel­len sich zu Selbst­über­schät­zung und man­gel­haf­tem So­zi­al­ver­hal­ten dann noch Al­ko­hol und/oder an­de­re Dro­gen, laute Musik und die un­über­sicht­li­che Si­tua­ti­on im Club, wird für Frau­en der aus­ge­las­se­ne Tanz­abend schnell zum Spieß­ru­ten­lauf. Wer be­reits die Er­fah­rung einer un­ge­woll­ten Be­rüh­rung im Schritt oder eines um­zin­geln­den, pe­ne­tran­ten An­tanz­ver­suchs ge­macht hat, über­legt sich plötz­lich zwei­mal, ob ein Sams­tag­abend mit Net­flix nicht sinn­vol­ler ist, als sich mit auf­dring­li­chen Bli­cken, Sprü­chen und Ge­grap­sche aus­ein­an­der­zu­set­zen.“ (Conne Is­land-State­ment)

Da könn­ten die Con­ne­wit­zer Lau­ras und Me­la­nies zehn Mal be­to­nen, dass sie „so etwas Zu­dring­li­ches vor­her noch nie er­lebt“ hät­ten – also nicht auf dem Ok­to­ber­fest, nicht auf Weih­nachts­märk­ten, nicht auf den öf­fent­li­chen Stra­ßen wäh­rend des Her­ren­tags, nicht in der Leip­zi­ger Eck­pin­te, nicht in nor­ma­len Nacht­clubs, und jeder weiß, dass es stimmt, auch der Torsch, auch der Bis­kamp, und erst recht auch die an­tis­e­xis­ti­schen Leip­zi­ger Platz­kü­he, die sich öf­fent­lich nichts Se­xis­ti­sche­res vor­stel­len kön­nen als den Auf­tritt eines Ba­ha­mas-Re­dak­teurs in ihren Wohl­fühl­räu­men, wis­sen es –: Der er­fahr­ba­re und in den meis­ten Fäl­len auch er­fah­re­ne Un­ter­schied zwi­schen be­stimm­bar ver­schie­de­nen Män­ner­grup­pen und der Angst, die sie aus­lö­sen, muss eben­so ver­wischt wer­den wie der zwi­schen ver­meint­lich be­wun­dern­den Kom­men­ta­ren und jenen Hand­greif­lich­kei­ten, zu denen es bei Con­ne­wit­zer Män­ner­grup­pen kom­men kann und bei zu „Na­fris“ ver­nied­lich­ten Her­ren­men­schen aus dem mus­li­mi­schen Kul­tur­kreis re­gel­mä­ßig kommt. Fol­ge­rich­tig ge­hört zur deut­schen Will­kom­mens­kul­tur – deren Lieb­lings­wort, siehe Bis­kamp und State­ment, nicht zu­fäl­lig „egal“ ist – in­zwi­schen die Hin­nah­me von Ver­hält­nis­sen, die immer mehr west­li­chen Frau­en jed­we­der Her­kunft ab­nö­ti­gen, scha­ria­kon­form nur noch in männ­li­cher Be­glei­tung zum Bei­spiel vom Ber­li­ner U-Bahn­hof War­schau­er Stra­ße zu den Clubs auf dem Ge­län­de des so­ge­nann­ten RAW-Tem­pels in Fried­richs­hain zu gehen, was der Frau­en­ver­ach­ter Bis­kamp scham­los ins al­lein „ras­sis­ti­sche Nar­ra­tiv“ über „un­se­re“ zu schüt­zen­den Frau­en um­lü­gen zu müs­sen meint, weil ja der Höcke von der AfD ent­spre­chend redet.

Strategie gegen rechts: Sachverhalte umschiffen

Na­tür­lich be­zeich­nen die Lin­ken das, was sie tun, nicht als vor­sätz­li­ches Be­schwei­gen und Lügen, und den­noch be­ken­nen sie sich offen zum „zweck­dien­li­chen ver­ba­len Um­schif­fen von Sach­ver­hal­ten“, ohne dass sich ir­gend­wer an die­ser kon­sen­sua­len For­mel, an der das Team des selbst­ver­wal­te­ten Ju­gend­kul­tur­zen­trums wo­chen­lang ge­feilt hat, ge­sto­ßen hätte: „Uns zur Pro­blem­la­ge so ex­pli­zit zu äu­ßern, fällt uns schwer, da wir nicht in die ras­sis­ti­sche Kerbe von AfD und CDU/CSU schla­gen wol­len. Die Si­tua­ti­on ist je­doch der­art an­ge­spannt und be­las­tend für viele Be­trof­fe­ne und auch für die Be­trei­ber_in­nen des Conne Is­lands, dass ein ver­ba­les Um­schif­fen des Sach­ver­halts nicht mehr zweck­dien­lich scheint.“

Nicht mehr zweck­dien­lich… – Mit der in reins­tem Bü­ro­kra­ten­deutsch vor­ge­tra­ge­nen An­kün­di­gung, erst dann mit dem Lügen auf­hö­ren zu wol­len, wenn die Frau­en nicht mehr kom­men und damit der ganze Laden als ho­mo­pho­bes und mi­so­gy­nes Män­ner­zen­trum auf­zu­flie­gen droht, er­weist sich die Linke bei allem Ab­gren­zungs­ge­tue wie­der ein­mal als Avant­gar­de des Team Mer­kel. Denn nur, weil die­sem Team auch nach dem Ber­li­ner Ter­ror­an­schlag das Was­ser of­fen­bar noch nicht am Halse steht wie lin­ken Par­ty-Aus­rich­tern, er­scheint ein ver­ba­les Um­schif­fen des Zu­sam­men­hangs von is­la­mis­ti­schem Sui­zid- und Tu­gend­ter­ror (zu dem ex­trem über­grif­fi­ges Ver­hal­ten ge­hört) hie und all­täg­li­chem is­la­mi­schem Pa­tri­ar­cha­lis­mus bzw. sei­ner Krise da wei­ter­hin zweck­dien­lich. Die eta­blier­ten Par­tei­en, die Me­di­en, die Links­ra­di­ka­len und selbst nicht we­ni­ge An­ti­deut­sche sind sich also prin­zi­pi­ell darin einig, dass man die AfD und an­de­re Rechts­po­pu­lis­ten am bes­ten mit einer post­fak­ti­schen ver­ba­len Um­schif­fung von Sach­ver­hal­ten be­kämpft, wäh­rend ge­ra­de diese Stra­te­gie die AfD erst po­pu­lär ge­macht hat und deren Pro­pa­gan­da gegen die Lü­gen­pres­se mit immer neuen Fak­ten ver­sorgt.

Wer sol­che Fein­de hat, braucht keine Freun­de. So kön­nen sich die Rechts­po­pu­lis­ten ent­spannt zu­rück­leh­nen und den Kon­ser­va­ti­ven, Links­li­be­ra­len und -ra­di­ka­len dabei zu­se­hen, wie diese sie über or­di­nä­re Aus­län­der­fein­de hin­aus zur po­li­ti­schen Al­ter­na­ti­ve für Wäh­ler­grup­pen ma­chen, die frü­her nur die Par­tei­en der lin­ken Mitte ge­wählt haben. Unter ihnen sind ge­ra­de auch jene, die zu­neh­mend von ganz be­stimm­ten Män­ner­grup­pen be­droht wer­den und das herr­schen­de ver­ba­le Um­schif­fen die­ses Sach­ver­halts nicht als zweck­dien­lich, son­dern als Po­ten­zie­rung ihrer per­sön­li­chen Be­las­tung emp­fin­den: Frau­en, Juden, Schwu­le, Trans­gen­der und sä­ku­la­re „Mos­lems“.

Das Bis­kamp­sche „Di­lem­ma von An­ti­ras­sis­mus und An­tis­e­xis­mus“ ist daher kei­nes. Wer den Fe­mi­nis­mus zum In­stru­ment an­tis­e­xis­ti­schen Tu­gend­wäch­ter­tums und damit ein­her­ge­hend kalt­her­zi­ger Be­arg­wöh­nung jeder Trieb­re­gung her­un­ter­ge­wirt­schaf­tet hat und die Kri­tik an Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit aufs Be­ku­scheln von allem, was zu Recht (be)fremd(lich) an­mu­tet, ist nicht nur Kom­pli­ze bei der Scha­ria­ti­sie­rung des öf­fent­li­chen Le­bens. Der ver­höhnt auch die Opfer die­ser Ent­wick­lun­gen und be­treibt damit Stim­mungs­ma­che für den Rechts­po­pu­lis­mus, der pro­du­ziert, mit einem Wort, nichts wei­ter als – um es im in­fan­ti­len Jar­gon des An­tis­e­xis­mus zu sagen –: Kack­schei­ße.

Tho­mas Maul (Ba­ha­mas 75/2017)

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