Der Antirassismus als Teil des neubraunen (rotgrünen) Faschismus

Stefan Zenklusen                 www.gam-online.de

Ist der Antirassismus faschistoid geworden?

Beobachtungen und Reflexionen zur Degeneration von Antirassismus, Antifaschismus, Antinationalismus und Multikulturalismus (mit besonderer Berücksichtigung Frankreichs)

Bemerkung: Es wurden, wann immer möglich, bewusst Quellen neueren Datums herangezogen. So lässt sich zeigen, dass es zu bestimmten Themenkomplexen keineswegs notwendig ist, die Archive zu durchforsten, um Einzelbelege aus einem längeren Zeitraum zu kumulieren.

Einleitung

Es werden täglich mehr: Die Opfer einer vollkommen aus den Fugen geratenen, ubiquitären,vollkommen aus den Fugen geratenen, ubiquitären,
totalen und totalitären Denunziationsmaschine des „Antirassismus“. Wer denkt, sie sei aus
historischen Gründen in dieser Drastik ein deutsches Phänomen, täuscht sich. Deutschland wird in dieser Hinsicht von Frankreich womöglich übertroffen.

Es kann jeden treffen, der in heiklen Themen mit der dominierende Vulgata nicht einig geht: Der verdienstvolle Literat, Schriftsteller und Essayist Renaud Camus konnte nur dank des Engagements anderer Intellektueller aus dem Antisemitismus-Sumpf herausgeholt werden, in den ihn der „Antirassismus“ gestoßen hatte. Einer über jeden Verdacht erhabenen Figur wie Lothar Baier erging es ähnlich, als er die billigen Angriffe gegen Österreich (als Haider Erfolge feierte) kritisierte und als er sich später über den Antisemitismusvorwurf gegen Martin Walser lustig machte. Auch er galt fortan als Rassist, und Leute schickten ihm Mails, in denen ihm bescheinigt wurde, er sei schlimmer als Goebbels. Dem Essayisten Jean-Claude MicMa, Sohn eines kommunistischen Widerstandskämpfers, wird wird Pétainismus attestiert. Der
Philosoph Finkielkraut soll „islamophob“ sein. Dem Bielefelder Soziologen Heinz Gess wurde von einem offiziellen islamischen Verband eine „harte Bestrafung wegen Islamophobie und Hetze gegen den Islam“ angedroht, und er wurde von der Rektorin der Universität zur Disziplin gerufen. Der Soziologe Lagrange, der in der Banlieueforschung neue Wege
beschritt, wurde beim Fernsehen regelrecht zur Schnecke gemacht. Nicht zu sprechen von den
Journalisten Eric Zemmour oder Elisabeth Lévy: alles Rassisten und Islamophobe! Bestrafung wegen Islamophobie und Hetze gegen den Islam“ angedroht, und er wurde von der Rektorin der Universität zur Disziplin gerufen. Der Soziologe Lagrange, der in der Banlieueforschung neue Wege beschritt, wurde beim Fernsehen regelrecht zur Schnecke gemacht. Nicht zu sprechen von den Journalisten Eric Zemmour oder Elisabeth Uvy: alles Rassisten und Islamophobe! Bei der Olympiade in London wurde eine deutsche Sportlerin, deren Freund offenbar Rechtsextremer ist, gezwungen, nach Hause zu gehen, womit das archaische Prinzip der Sippenhaftung wieder Urständ feiert. Aktuell ist es gerade der hedonistische Philosoph Onfray, der sich nach Publikation seines Textes zu den Monotheismen mit Antisemitismusvorwürfen herumschlagen muss. Und nun hat es selbst den Schriftsteller Peter Bichsel getroffen: Er
wurde von einem Züricher „Künstler“ aufgrund einiger harmloser Zeilen wegen Rassismus
gegen Deutsche angezeigt. All diesen Beispielen ist gemeinsam, dass die Opfer der Anwürfe relativ prominent sind. Man kann sich nur ausmalen, wie diese Prozesse auf Menschen mit geringem symbolischen und sozialem Kapital wirken. Der Antirassismus in Ländern wie Deutschland oder Frankreich ist drauf und dran, zu einer enormen Repressions- und Zensurmaschine zu werden. Er verhindert nicht Exklusion – er generiert Exklusion.

Es gibt einige Schl üsserlebnisse, die die Evolution zu meiner heutigen Haltung gegenüber der Islamophilie und dem gegenwärtigen Antirassismus auslösten. Dazu gehören das von Tariq Ramadan und gewissen Linken bewirkte Verbot des Mahomet-Stückes von Voltaire in Genf. Ebenfalls prägend war das Schicksal des Philosophen Redeker, der nach der Publikation eines islamkritischen Artikels in den Untergrund abtauchen musste, wo er bis heute sein Dasein fristet. Keine einzige Gewerkschaft (Redeker war Lehrer), kein einziges linkes Medium hat Redeker unterstützt – erst viel später wurde mir bewusst, wieviele dieser Organisationen längst durch den islamophi len Kulturrelativismus eingenommen worden sind. Hinzu kamen die offenen Lügen von Pariser Sozialisten in Bezug auf die Okkupation von mehreren Straßen im 18. Bezirk durch betende Muslime. Die relativ lethargische Reaktion auf den Brandanschlag gegen die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die Mohammed als Chef redaktor eingesetzt hatte, hat mich dann kaum mehr erstaunt. Es scheint zur multikulturellen „Normalisierung“ Frankreichs zu gehören, dass Islamkritiker in ihrer physischen Integrität bedroht werden können – schuld daran ist dann der „rassistische Provokateur“, nicht der Täter.

Danach habe ich mich im Rahmen des Möglichen mit dem Islam auseinandergesetzt und entfernte mich immer mehr von der dominanten Auffassung, die im Islam eine Religion wie jede andere und ein oberflächliches Konstrukt sieht, das als Erklärungsfaktor für soziale Phänomene nicht in Frage kommt. Diese in Frankreich verbreitete Lehrmeinung ist m. E. überholt und ähnelt einem sozioökonomischen Reduktionismus

Die plausibelste Beschreibung des Islam liefert m. E. (cum grano salis) Hartmut Krauss. Kennzeichen (in aller Kürze): unüberbrückbarer Gegensatz zur kulturellen Moderne; geistig-psychologisches Dressurinstrument; totaler und unwandelbarer Gültigkeitsanspruch; expliziter Überlegenheits- und Führungsanspruch; unterschiedlich ausgeformter Dschihad als Pflicht; fehlende Trennung von Sakralem und Säkularem; Gottesstaat als anzustrebendes Grundmodell; normativ festgelegte Diskriminierung von Andersgläubigen und Frauen. (Krauss, Islam, Islamismus muslimische Gegengesellschaft, 2008, pp. 108ff.)

Von grösster Wichtigkeit ist es, hier festzuhalten, dass die äußerst verbreitete Instrumentalisierungsthese, wonach es einen „guten, friedlichen und toleranten“ Islam gibt, der unbesehen mit jeder anderen Religion gleichgesetzt werden kann und der von „Fanatikern“, die ihn pervertieren, instrumentalisiert wird, klar zurückzuweisen ist. Auch der nicht-islamistische Islam ist nicht nur ein Glaubenssystem, sondern ebenso eine totale Weltanschauungslehre mit einem Rechtssystem und einer integralen politischen Ideologie im Sinne eines autoritär-hierarchischen Herrschaftsmodells, das antithetisch zu den durch die bürgerliche Aufklärung erkämpften, unveräußerlichen Rechten des Menschen steht. Bei den Islamisten handelt es sich keineswegs um Spinner oder reine Blender, die ihre Religion ganz bewußt verfälschen und zweckentfremden. Vielmehr sind sie meist tiefgläubige Muslime, die den Koran und die Sunna auswendig lernen. Das Fatale besteht darin, dass sie aus dem Koran und der Sunna durchaus Stellen extrahieren können, die ihr Tun legitimieren.

Das Hauptproblem der Islamdebatte besteht darin, dass die Instrumentalisierungsthese ohne  Überprüfung mehrheitlich vertreten wird. In Frankreich wird sie sogar als alternativlos  betrachtet – wer sie kritisiert, muss mit dem Ausschluss aus dem öffentlichen Diskurs rechnen.

Vor diesem Hintergrund ist denn auch die erste Frage an Medien und Wissenschaft zu stellen: Aus welchem Grund wurde die diskursive und soziale Exklusion, die sich in Frankreich aus der Allmacht der Instrumentalisierungsthese ergibt, noch nicht untersucht?

Vor rund zwei Jahren (Datum unbekannt) erschien in Le Monde ein durchaus ernst gemeinter Artikel, der die islamische Welt Europa gegenüberstellte. Darin war durchwegs die Rede davon, wie offen, tolerant, modern usw. usf. der Islam sei und demgegenüber Europa sklerotisch, intolerant, rassistisch etc. (Dabei durfte auch der berühmte „repli sur soi“ (der Rückzug auf sich selbst) nicht fehlen).

Ich bin der Meinung, es wäre ein ungeheurer Schritt für die Politologie, wenn sie die Kategorie des Liberalpopulismus einführen würde: Ein politischer und medialer Populismus für die links- und rechtsliberale, globalistische Elite in den Metropolen intra muros, der Sätze produziert, wie sie Orwell in seinen Essays beschrieb – absurde Slogans und Texte, die die Widersprüche zukleistern oder die Überbringer der schlechten Botschaft in die extremistische Ecke stellen. Solche Orwellsche Sätze lauten heute etwa: „Der Islam ist Frieden und schafft Diversität“; „Islamkritiker sind rechtsaußen“; „die freie Marktwirtschaft ist ökologisch“; „Gegner der europäischen Verfassung sind (links-) rechtspopulistisch“; „Kritiker der Globalisierung sind (rechts-) linkspopulistisch“; „die Privatisierung der öffentlichen Dienste sorgt für günstigere Preise“; „Kritiker des Denglischen sind faschistoide Sprachpuristen“; „Die Implementierung des Bolognaprozesses schafft Pluralismus“; „Tariq Ramadan ist ein weiser und renommierter Wissenschaftler“; schließlich als grandioser Tiefpunkt: „Wer die Homogenisierung des Weins durch Industrialisierung der Produktion kritisiert, ist ein Brauner.“ (keineswegs ein Witz – aus der Zeit, 16/2005).

Man muss sich letzteres noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: In „renommierten“ deutschen Zeitungen ist es möglich, Menschen, die den internationalen Weinstil nicht mögen, als Faschisten zu bezeichnen – ohne dass dies noch Aufsehen erregen würde. Irgendetwas Entscheidendes ist bei der Entfaschisierung Deutschlands gründlich misslungen…

Le Monde (nicht zu verwechseln mit dem Monde Diplomatique, der redaktionell unabhängig ist) ist, seitdem der Gaullismus in Frankreich erlosch, seinen Erbfeind losgeworden. Das hat dem Blatt nicht gut getan. Heute vertritt die Zeitung einfach das, was man in Paris im Allgemeinen vertreten muss, um Karierezu machen: einen euphorischen Europäismus, einen entschiedenen Immigrationismus (mit dem als Propheten hochgehaltenen Jacques Attali), prinzipielle Globalisierungsfreundlichkeit, eine engagierte IslamophiIie. Obwohl die französischen Zahlen zur Immigration offenbar nicht reliabel sind (cf. M. Tribal at, Les yeux grandsferm&: l’immigration en France, 2010) und (sogar in Frankreich, was einiges heißt) ein Zusammenhang zwischen der Senkung der niedrigsten Löhne und der Immigration nachgewiesen wurde, widmet Le Monde diesen Frühling eine Sonderbeilage für die Jungen (ach, die Jugend! Das bevorzugte Betätigungsfeld aller Populisten!) zugunsten der Immigration. Ein fotografierter Kopf sagt darin in einer Sprechblase sinngemäß: „Dass Frankreich viele Ausländer hat, ist falsch! Die Schweiz hat x% und die Vereinigten Arabischen  Emirate sogar y%!“

Was beim heutigen Antirassismus und Antifaschismus in Frankreich und Deutschland schockiert, ist nicht nur die völlig geschichtsvergessene Überdehnung des Begriffs des Faschismus, sondern (wie bei allen Populismen) die eklatante Dürftigkeit der Kohärenz der vorgebrachten Argumente und Slogans. Wie ist das nun jetzt? Will die Redaktion des Monde ernsthaft die Einbürgerungspraxis und den Umgang mit Ausländern in der Schweiz einführen? Will sie die Arbeitsbedingungen der ausländischen Arbeiter in Golfstaaten in Frankreich übernehmen?

Auch den Postmodernismus mit seiner Ablehnung aller „Großen Erzählungen“ muss der Monde schlecht verdaut haben. Ist es der Kulturrelativismus, der als Folge einer möglichen Lektüre der Poststrukturalisten gesehen werden kann; ist es die intensive Affinität zum „Anderen“ (ein Motiv, zu dem Adorno kompetent hätte Auskunft geben können, wäre er denn in Frankreich gelesen worden); ist es die Erhebung des muslimischen Immigranten zum neuen Subjekt der Weltgeschichte, nachdem der einheimische Arbeiter die Erwartungen nicht erfüllte? Es müßte Gegenstand einer eigenen Untersuchung sein, weshalb der Monde (und leider auch der Monde Diplomatique) so weit sinken konnte, dass er zwei der wirkmächtigsten Islamisten mehrfach ein Forum bot: Tariq Ramadan, Prediger, (faktischer) Muslimbruder und islamischer Imperialist sowie dessen Bruder Hani, seines Zeichens Steinigungsbefürworter.

Tariq Ramadan ist, in zwei Worten, nichts anderes als ein nach außen als Reformist und Liberaler auftretender Maulwurf der Ideologie der Muslimbruderschaft (vgl. Fourest, Frère Tariq, 2004). Er geht nicht wie klassische Islamisten auf Konfrontationskurs, sondern will die Institutionen unterminieren (Aufruf zum Boykott von „nicht islamischen“ Themen in der Schule etc.). Dies soll mit einer forcierten „Reislamisierung“ der Muslime gelingen. Erst wenn Ramadan unter Muslimen spricht (die Kassetten hierzu sind zu kaufen), wird klar, dass der Iiberale Diskurs Taqiya (List, Lüge) ist, die für die Dawa (Bekehrung von Nichtmuslimen) explizit erlaubt ist. In Wirklichkeit will Ramadan die Laizität zerstören, die politische Entität, in der er lebt, ist für ihn nur eine Frage der Geographie, und für seine Schäfchen schlägt er eine Frauen- und Kulturpolitik nach iranischem Vorbild (sic!) vor.

Trivialerweise gibt es nur zwei Gründe, die in Frage kommen, um eine solche Glanzleistung des Monde zu erklären. Entweder gibt es in der Redaktion tatsächlich Elemente, die für einen islamischen Umbau der Gesellschaft eintreten, oder die Redaktoren haben keine Sekunde über die beiden Brüder recherchiert. – Stalinismus, Maoismus, Islam: Es stellt sich die Frage, wieso linke Pariser Intellektuelle immer wieder dazu neigen, mit autoritaristischen und totalitären Ideologien  zu fraternisieren…

Das typische Exempel dieser Tendenz findet sich in der Person des Philosophen Balibar. Ich möchte hier keinesfalls in zwei Sätzen das Opus Balibars in den Senkel stellen. Doch ist es nicht bemerkenswert, dass ein Denker, der bis 1981 Mitglied der moskautreuen KPF war, heute die Banlieuebewohner zur Avantgarde der Menschheit erklärt? Balibar ist einer der Begründer der Neorassismusthese, wonach der neue Rassismus nicht auf Rasse, sondern auf Kultur rekurriert. Er ist also mitverantwortlich für die Islamophobie-Thesen mit ihren gesamten Repressions- und Zensuraggregaten.

Balibar vertritt die Hervorbringung von Gemeinschaften, die sich ohne Staat konstituieren, und deren Gemeinsamkeit der Kampf gegen die strukturellen Ausgrenzungsprozesse ist. Dabei soll jede volksferne Repräsentativität aufgehoben werden. Einer der Hauptakteure für diese offene Bürgerschaft, die sich direktdemokratisch aus jeder nationalstaatlicher Fixierung gelöst hat, ist der Bewohner der Banlieue.

Es fragt sich, welche Abgleichung mit der Empirie in dieser Sache Bali bar vorgenommen hat. Wer ist diese Elite? Etwa die pekuniär und machttechnisch herrschenden Chefs mit ihren Offizieren, die (verständlicherweise) mit Drogen dealen und mit ziemlicher Sicherheit auch für das Abbrennen von Autos ihrer Mitbewohner oder von Schulen verantwortlich zeichnen? Die „spirituell“ dominierenden Reislamisierer und Islamisten mit ihren Anhängern, denen Antisemitismus so selbstverständlich ist wie die Luft zum Atmen? Es gefriert einem das Blut in den Adern bei der Vision, nach Abschaffung des Staates würden diese Speerspitzen der Vorhut der postnationalen Bürgerschaft die Geschicke der Gesellschaft „aushandeln“…

Um aufzuzeigen, dass das großzügige Forum, das den Gebrüdern Ramadan in Le Monde angeboten wurde, kein Zufall oder Missgriff ist, bedarf es keines mühseligen Eintauchens ins Archiv der Zeitung. Etwas herumsurfen in den Juliausgaben genügt vollauf.

Am 20. Juli erscheint ein Bericht über einen Wettbewerb im Deklamieren des Korans in der Moschee von Villeneuve d’Ascq. In dieser Moschee besuchen wöchentlich 600 Schüler die „arabische Schule“. Das Auswendiglernen des Korans, ausgeübt ab dem frühen Kindesalter, ist eine islamische Tradition. Dieses Rezitieren wird in der Moschee als Wettbewerb organisiert von der Vereinigung „Dialog (sic) und Begegnung“ (für Liebhaber von „Der Jargon der Eigentlichkeit“ Adornos ist die Selbstdarstellung des Islam eine wahre Fundgrube). Der Koran wird in der hocharabischen Sprache, in der er nach der Überlieferung vom Engel Gabriel Mohammed eingegeben wurde, memoriert und melodisch wiedergegeben. Inhaltlich verstehen die Kinder aus sprachlichen Gründen kaum, was sie lesen.

Bedenklich an diesem Artikel ist nicht nur, dass er keinen Zusammenhang zwischen dieser Sitte und dem unantastbaren Status des Korans im Islam herstellt. Eine Hintergrundrecherche fehlt also vollständig. Darüber hinaus überlässt der Journalist aber die Erläuterung des Anlasses voll und ganz der Außendarstellung der Teilnehmer und Organisatoren: „Younès, der den Koran seit dem dritten Lebensjahr studiert (sic), und 15 der 114 Suren kennt, ist der Ansicht, dass <es im Leben hilfreich sein kann, den Koran auswendig zu können>.“ Der 25- jährige Rischi Abdelhakim lernte den Koran im Alter von 10 bis 15 Jahren auswendig und will Imam werden. Er sagt: „<Wenn ich den Koran rezitiere, geht es mir gut, es verhilft mir dazu, mental und im Leben gut geordnet zu sein.>“.

Raschid, ein Englischlehrer, der Imam werden will, versichert, dass das Auswendiglernen  die Gläubigen nicht „<blind oder litteralistisch>“ mache. — „< Zum Auswendiglernen gesellt sich zwangsläufig eine Leistung der Interpretation und Reaktualisierung hinzu.>“ Zurzeit befasst sich Raschid mit den Kommentatoren der ersten Jahrhunderte nach der Offenbarung 610. Der Sieger des Wettstreits gewinnt, so endet der Artikel , eine Wallfahrt nach Mekka

Besser als Le Monde hätte es keine für die Öffentlichkeit gestaltete Euphemisierung eigener Aktivitäten von Seiten des Kommunikationssprechers einer Moschee oder Islamvereinigung vermocht, Widersprüche zuzukleistern. Der im Text erwähnte Englischlehrer kennt entweder den Charakter seiner eigenen Religion nicht, oder hat gut gelernt, sich nach außen zu erklären. Im Laufe der gesamten Geschichte des Islam sind großzügig interpretierende oder reaktualisierende Schulen oder Gelehrte stets schnell wieder zur Ordnung gerufen oder abgesetzt worden. Zwar bezeichnet der Litteralismus im Islam spezifisch gewisse Schulen oder Praxisformen. Insgesamt aber ist der Islam im Vergleich zum Juden- und Christentum intrinsisch litteralistisch: „Der Koran (…) ist direkter Offenbarungstext, d. h. jedes Wort und jedes Komma sind unmittelbar von Allah selbst geoffenbart und deshalb in jeder Einzelheit geschützt. Man nennt diese Weise der Eingebung unmittelbarer Offenbarungen durch Gott Verbalinspiration, d. h. wortwörtliche und buchstäbliche Offenbarungskundgabe. Ein solches Verständnis der Inspiration (Eingebung des Textes der Offenbarung durch Gott) ist offenkundig einer besonders fundamentalistischen Gefahr ausgesetzt.“1

Was in dem Text, zur Freude des multikulturalistischen Lesers, als „arabische Schule“ bezeichnet wird, ist nichtsanderes als die frz. Version der in islamischen Ländern verbreiteten Madrassas. Hierbei handelt es sich um reine Koranschulen, deren einzige Funktion darin besteht, den Kindern die unhinterfragbaren Suren des Korans in Form von Sprechmelodien einzutrichtern, wobei bei ungenügendem Lernwillen häufig auch der Stock zum Einsatz kommt. Diese Schulen sind nicht nur für das bedenkliche Bildungsniveau in zahlreichen islamischen Ländern mit verantwortlich, insofern Bildung mit dem Auswendiglernen des Korans gleichgesetzt wird. Vielmehr sind sie auch der institutionelle Ausdruck des Dogmas der Gottgegebenheit des Korans, und sie perpetuieren das Dogma durch ihre schulische Praxis. Denn durch die distanzlose, d. h. fast physische „Internalisierung“ des Textes wird exakt das Gegenteil dessen, was dialogische Vermittlung oder Hermeneutik leisten könnte, übermittelt. 2 Das Tabu, den Koran historisch-kritisch zu reflektieren, muss als solches gar nicht gelernt werden, sondern wird gleichsam zum unmittelbaren Habitus des Gläubigen. So wird der orthodoxe Islam kultiviert und damit die Auffassung des Korans als eines gottgegebenen, fixfertigen Dings: eines Fetischs.

Durch das Weglassen dieses Zusammenhangs leistet der Journalist, ohne es vielleicht zu wissen, Sukkurs für einen Grundpfeiler der spezifisch islamisch-orthodoxen Herrschaftskultur. Der Beitrag zeigt zudem abermals die Bigotterie des sich als progressiv einschätzenden Multikulturalismus auf. Man stelle sich nämlich vor, das französische Erziehungsministerium würde das Auswendiglernen zweier Gedichte pro Schüler und Semester einführen. Gerade Le Monde würde der Empörung zahlreicher Pädagogen viel Platz einräumen: „überholt!“, „vorgestrig!“, „reaktionär!“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben dieselben Pädagogen aber, um nicht als „ethnozentrisch“ zu gelten, nichts gegen das Memorisieren des Korans einzuwenden, das doch ungeheuer kräfteraubend ist und zwangsläufig fruchtbarere intell ektuelle Tätigkeiten verdrängt.

Zur pensée Tietmeyer3 gesellt sich die pensée Heitmeyer. In Deutsche Zustände IV, 2006, untersuchen Leibold/Kühnel die „Islamophobie“ (dieser Kampfbegriff von Islamisten, mit dem internationale muslimische Organisationen das Verbot jeder Kritik am Islam bei der UNO verankern wollen, wird vorbehaltlos übernommen). Was hier an Indikatoren für einen angeblichen Rassismusdefiniert wird, ist, höchst vorsichtig ausgedrückt, surreal. Die Aussage etwa, dass man sich in Deutschland in muslimischer Umgebung wie ein Fremder vorkommt, ist völlig banal. Wenn etwa ein angelsächsischer Amerikaner sich in einigen Quartieren Miamis fremd fühlt, liegt das ganz einfach daran, dass er sich an die in den USA dominierende WASP-Kultur gewöhnt ist. Ist das etwa Rassismus?

Wer verneint, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht hat, neigt gemäß den Autoren zum Rassismus Doch ist diese Frage überhaupt beantwortbar? Wer Staatswesen und Recht der Römer bewundert und mit der Philosophie der Griechen nichts anfangen kann, soll also antigriechischer Rassist sein? Zumindest was die für Nichthistoriker überschaubare jüngste Vergangenheit anbelangt, kann mit Sicherheit gesagt werden: Überall, wo in muslimischen Ländern nach der Enttäuschung über nationalistische und sozialistische Ideale der Islam forciert wurde, hielt Repression und Barbarei Einzug. In diesem Moment sind Islamisten daran, nach dem Knebelvertrag, den die Tuareg-Freiheitskämpfer mit ihnen eingehen mussten, die Kultur Timbuktus zu zerstören (M. Houssouba, NZZ, 30. 6. 2012).4

2 Laut Havelock zielt Platons Kritik der Dichtung in der Politeia in erster Linie auf die Deklamation von Mythen oder Gedichten, die vor allem das Gedächtnis und die körperliche Rhythmik aktiviert und dabei den Logos vernachlässigt. Vgl. Havelock, Preface to Plato, 1963.

3 Bourdieu hatte das neoliberale Dogma als „Tietmeyer-Denken“ bezeichnet.

4 Freilich könnte der islamophile Antirassismus auch hier mit dem amüsanten Neusprech argumentieren: „Die in den Traditionen verwurzelten und ökonomisch schwächeren Bewohner der Wüste werden sozial und ökonomisch von den Städtern in Timbuktu diskriminiert. Der Konflikt ist sozioökonomisch bedingt. Die Anführung von religiösen Ursachen ist ein eurozentrisches Konstrukt.“

Rassistisch soll auch sein, wer verneint, dass die islamische Kultur nicht in die westliche Welt passt. Selbstredend wird diese Kultur nirgends bestimmt. Ich persönlich verspüre keine Lust, mich multikulturell mit dem hinduistischen Kastenwesen zu vermischen. Erstmals erfahre ich von deutschen Soziologen, dass ich deshalb wohl rassistisch bin.

Weiter geht’s: Wer die verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen nicht unterscheiden kann, neigt ebenfalls zur Islamophobie. Was hier gemessen wird, ist aber leider keine Tendenz zum Rassismus, sondern Wissen. Es gilt also die Gleichung: ungebildet, ergo rassistisch. Eine weitere Wissensfrage wird in der Studie zum „Marker“ gemacht. Sodann: Wer feststellt, dass Muslime Distanz zur einheimischen Bevölkerung halten, neigt ebenfalls zum Rassismus Somit wissen wir: Die Armeen von Ethnologen oder Soziologen, die festgestellt haben, dass Ethnien oder Anhänger von Religionen in der Fremde zusammenbleiben, sind allesamt rassistisch…

Idem für alle, die beobachtet haben, dass sich Muslime von Terroristen nicht distanzieren. Gewiss ist diese Aussage in dieser Pauschalität falsch, aber die dem Islam immanente Mühe, sich vom bewaffneten Dschihad zu distanzieren, bildet tatsächlich ein reales Problem. Ebenfalls zum Rassismus neigt gemäss den Autoren, wer Probleme damit hat, in ein muslimisch dominiertes Gebiet zu ziehen. Gewiss kann eine solche Haltung rassistisch motiviert sein, doch das ist nur einer von vielen möglichen Gründen. Auch ich möchte z. B. nicht unbedingt in einer evangelikalen Gemeinde leben. Schleierhaft bleibt, wieso ich deswegen Rassist sein soll.

Insgesamt genügen die meisten der Indikatoren dieser Studie keiner Prüfung durch den common sense. Mit dem common sense ist zwar wissenschaftlich zu brechen, wie Bourdieu zu Recht wiederholte. Doch der common sense ist zunächst einmal ebenfalls zu erarbeiten – er muss ein Minimum an Kohärenz besitzen, sonst bliebe er dysfunktional. Dieses Minimum sucht man bei diesen Marken vergeblich.

Freilich ist das nicht einmal das Schlimmste. Schwerer wiegt, dass so gut wie alle Indikatoren nicht nach Rassismus, sondern nach dem Wissensstand und politischer Korrektheit fragen. Es ist evident, dass es sich hier um Aussagen handelt, die Nichtakademiker und Nichtstädter tätigen, die sich den akademischen und urbanen Habitus nicht angeeignet haben. Es handelt sich um Sprechweisen von weniger Gebildeten, denen aufgrund ihrer mangelnden Bildung eo ipso Rassismus unterstellt wird. Diese Untersuchung ist folglich durch und durch sozialrassistisch. Zwar ist der Sozialrassismus (Hass auf alles Provinzielle, den französischen  Arbeiter, die populäre Kultur, den Fussball, den bon sens, die Kneipe, den Stammtisch etc.) im Multikulturalismus und Antirassismus, wie er sich in Paris entwickelt hat, m. E. weit verbreitet (sehr schön hierzu: Michéa, Le complexe d’orphée – la gauche, les gens ordinaires et la religion du progrès, 2011). Aber es ist wohl das erste Mal , dass der Sozialrassismus eine wissenschaftliche Legitimation erfährt. Dass dies ausgerechnet bei Heitmeyer, einem führenden Sozialrassismusforscher, geschieht, macht die Sache noch schlimmer. Es zeigt nämlich auf, dass die Islamophilie der heutigen Antirassisten so weit fortgeschritten ist, dass sie pauschal der sozialrassistischen Wut auf alle, die ihnen nicht gleichen, nachgeben.

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Innerhalb  der Problematik der Banl ieues (Vorstädte) mit mehrheitlich aus Afrika stammender bzw. muslimischer Bevölkerung wurde mehrfach den Medien gegenüber der Vorwurf erhoben, sie thematisierten die jeweiligen „cits“ nur dann, wenn Gewalt ausbreche, so dass das Bild desgewalttätigen Banlieusard konstruiert werde. Dieser Vorwurf bezieht sich auf die unbestreitbare Tatsache, dass gerade das Fernsehen über sehr lange Zeit diese „verlorenen“ Gebiete vollständig ignorierte und nur dann auftauchte, um die Gewaltausbrüche zu

 

dokumentieren. Dass damit nicht zuletzt ein gewisser Voyeurismus bedient wurde, liegt ebenfallsauf der Hand.

Berücksichtigt man die Entwicklungen der vergangenen Jahre, kann bei dieser Sichtweise aber nicht stehen geblieben werden. Es ist erstens zu beachten, dass es äußerst schwierig ist, als Journalist in den Banlieues zu arbeiten. Etliche dieser Versuche endeten im Diebstahl des Materials der Journalisten und zerstochenen Reifen. Selbst derjenige Journalist, der das Vertrauen einiger Bewohner gewonnen hatte und ein paar Wochen in einer Wohnung einer Siedlung verbringen wollte, wurde nach einigen Tagen von den Bandenführern zurückgepfiffen. Ohne die Einwilligung der „caids“, der Anführer der Banden und Dealergruppen, läuft in der Banlieue nichts Entgegen den ursprünglichen Annahmen handelt es sich bei den Banlieues keineswegs um völlig anomische und anarchische, sondern um sozial sehr hierarchisch strukturierte und patri archal i sch-sozi al darwi ni sti sche Gebi I de.

Was die Berichterstattung angeht, ist schon seit geraumer Zeit Folgendes zu beobachten: Die von ihrer Ausbreitung her dominierenden Pri nt- und audiovisuellenn Medien  i n Paris berichten nur noch von den spektakulärsten Gewaltausbrüchen. Damit entsteht eine höchst schönfärberische Sicht auf die Situation und Ereignisse. Der TV-Sender France 3, der aus der j ewei I igen Region berichtet, verbessert diese Konstellation ein wenig. A I I erdi ngs erhält man auch hier einzig Nachrichten aus der Region, in der man lebt.

Macht man sich die Mühe, sich auf dem Internet über die Provinzpresse „reinformi eren“ zu lassen, wird einem erst bewusst, wie nahe dieses Land in etlichen Territorien bereits einer Libanisierung gekommen ist. Man entdeckt dann (und die Machtübernahme der Sozialisten hat daran nichts geändert), dass pro Woche an mehreren Orten härteste Kämpfe gegen die Polizei oder die Feuerwehr (die jeweils in einen Hinterhalt gelockt wird), zum Teil mit BI ei kugeln und M ol otov-Cocktai I s geführt werden. Diese Kämpfe erstrecken sich nicht selten über mehrere Tage. Gemäß Polizeiangaben gibt es Orte, wo solche Konfrontationen sogar täglich si nd.

Regelmäßig beklagen sich Medienverantwortliche oder Journalisten aus Paris über die Konkurrenz aus dem potenteren Internet. Auch hierbei fallen regelmäßig die Totschlagvorwürfe des Rassismus und des Rechtsextremismus

Solchen Anwürfen kann nur mit einem sardonischen Lachen begegnet werden. Täglich nimmt die Anzahl der Franzosen zu, die sich durch das Internet Zusatzinformationen beschaffen, die ein ganz anderes Licht auf die Ereignisse in ihrem Land werfen, als den dominierenden Medien lieb ist. Die Medienkonsumenten wenden sich nicht aus „Rechtsextremismus“ oder „Rassismus“ dem Internet zu, sondern weil offensichtlich geworden ist, dass die herrschenden Medien wegen der islamophilen Vor-, Selbst- und Nachzensur in etlichen Bereichen keinerlei Glaubwürdigkeit mehr besitzen. Dies gilt in erheblichem Masse auch für die großen nationalen Radiosender, bei denen der Hörer zuweilen den Eindruck hat, mit Multikulti und mehr Islam würden die Probleme dieses bedauernswerten Landes gelöst. Doch wie hieß es schon im Krieg? „Radio Paris ment, Radio Paris ment – Radio Paris est allemand!“ („Radio Paris I ügt, Radi o Paris I ügt – Radio Paris ist deutsch!“).

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Zu den sozioökonomischen und soziohistorischen Erklärungsmodellen der bereits reichen soziologischen Literatur zum unheimlich komplexen Problem der Banlieues möchte ich mich thetisch mangels Kompetenz nur zurückhaltend äussern. Meine Kenntnisse hierzu sind zu beschränkt. Um es transparent zu machen: Nebst Medienberichten kenne ich Keller, Schultheis, Bergman, Urban Riots and Youth Violence, Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 34/2, 2008; Bronf er, La loi du ghetto, 2010; Lagrange, Le dbli des cultures, 2010. Immerhin möchte ich aber einige (naive?) Hypothesen aufstellen und eine Anzahl Fragen

 

stellen. Manche davon mögen bereits beantwortet, andere könnten, so hoffe ich, häretisch sein.

Zur Erklärung der vielfältigen Probleme der Banlieues, insbesondere aber der rekurrenten Gewaltexzesse gegen außen, führen die meisten französischen Sozialwissenschaftler eine ganze Rei he von Faktoren an: A rmut, Rassismus, pol i zei I i che Repressi on, A rbeitsl osi gkeit, Perspektivenl osigkeit, geographische Isoliertheit,  schwache Infrastruktur  etc. Gemeinsam ist den meisten dieser Ansätze, dass ethnisch-kulturelle und religiöse Aspekte kaum eine Rolle spielen.

Ich würde zuerst bei der Polizei repression und -schikane ansetzen. Die US-amerikanischen Polizeikräfte sind bekanntlich weit repressiver als die französischen. Die italienische Polizei hat während des Sozialforums in Genua 2001 eine Blutspur hinterlassen. Dennoch sind aus den USA oder I tal i en ceteri s pari bus kei ne tägl i chen A usei nandersetzungen zwischen Bewohnern in Ghettos bzw. armen Vorstädten und der Polizei bekannt. Ist es nicht möglich, dass diese Konfrontationen i n den Banlieues eine ri tuel I e Eigendynamik angenommen haben, diegänzlich unabhängig von den Interventionen der Polizei geworden ist?

Der Rassismus gerade gegenüber Afrikastämmigen ist nicht zu negieren. Es gibt allerdings auch einen dem Islam inhärenten Rassismus gegenüber Nichtmuslimen sowie einen antiweißen Rassismus Gibt es in Frankreich umfassende Studien über das Zusammenspiel dieser Rassismen? Dem Rassismus ausgesetzt sind zweifellos auch Menschen mit chinesischem oder indochinesischem Migrationshintergrund. Dennoch verzeichnen sie im Vergleich  bessere Integrationserfolge.  Kann sich die Sozialwissenschaft diese Unterschiede erklären? Gemäß Lagrange fällt bei der Untersuchung der aus Asien stammenden Bürger auch die These in sich zusammen, dass die chronologisch jüngste Immigration stets diejenige ist, die am meisten Probleme aufwirft – offenbar trifft sie bei diesen Populationen nicht zu. Warum nicht?

Was die Armut anbelangt, so hat der Sozialgeograph Christophe Guilluy 2011 in seinem Fractures franvaises nachgewiesen, dass 85% der Armen nicht in den Banlieues, sondern in peri urbanen und provinziellen Gebieten leben. Wie kommt es, dass diese Population so wenig beachtet und untersucht wird? In diesen Gebieten sind eine starke geographische Isolierung und eine schwache Infrastruktur anzutreffen, und die Wohnbedingungen sind nicht selten denjenigen in den Banlieues kaum vorzuziehen. Wie lässt sich dann aber erklären, dass in solchen Zonen die Polizei oder Feuerwehr nicht ebenso täglich attackiert wird?

Als Bourdieuaner weiss man, dass das kulturelle Kapital entscheidend für den Schulerfolg ist. Die Studie Malika Sorels zu den französischen Schulen in den Banlieues lässt aber den Schluss zu, dass ein entscheidender Faktor auch die auf die sich verstärkende „Reislamisierung“ folgende Ablehnung vieler Lerninhalte ist. Die Untersuchung der neueren Immigration aus Afrika durch Lagrange scheint diesen Befund zu bestätigen. Sie ist geprägt von einem zunehmenden ideologischen Konservatismus i m Sinne von vormodern-islamischen Wertvorstellungen. Darin inbegriffen ist ein selbst im Vergleich zu den Ursprungsregionen dieser Population patriarchalisch-misogyner Grundzug, der die Stellung der Frauen, insbesondere aber der Mutter, vollends unterminiert. Dies führt zu einer regelrechten Selbstabschließung und Abschottung. Über die Migranten aus dem Sahel schreibt Lagrange: „Die französische Gesellschaft ist nicht ihr einziger, nicht einmal der wichtigste Horizont. Für viele Oberhäupter von afrikanischen Familien ist Europa an sich nicht ein Ort, wo sie leben möchten, sondern ein Moment, ein Mittel in einem nach Afrika zugewandten Leben. (…) Dadurch ist für sie der eigentlich erwünschte Schulerfolg der Kinder sekundär im Vergleich zur Unterstützung, die sie den in Afrika verbliebenen Verwandten angedeihen lassen sowie zur Verstärkung ihres eigenen Prestiges.“5

5 Le dbli des cultures, p. 197

 

Für di ej eni gen Sozi al wi ssenschaf tl er oder A nthropol ogen, di e diese Bef unde tei I en, stellt sich die Frage: Ist unter diesen Umständen so etwas wie „Integration“ möglich? Und wenn ja, wie? Gibt es inzwischen Studien zum Verhältnis von schulischem curriculum und Islamisierung? Bislang ging man von einer Exklusion der Banl i euebewohner durch das „Zentrum“ aus. Gibt es weiterf ührende Studien zur Selbstabschottung gewisser Populationen?

Im August 2012 gab es in der Banlieue Amiens` über mehrere Tage Ausschreitungen, die eine hohe Zahl verletzter Polizisten nach sich zogen. Wiederum wurden Schulen angezündet. Der Soziologe Fabi en Jobard deklarierte, dass öffentliche Bauten die Präsenz des Staates und die Sphäre des Pol iti schen repräsenti erten. I hr Abfackel n sei Ausdruck ei ner pol iti schen Wut. (Le Parisien, 15.8.2012). Frage: Wie stehen französische Sozialwissenschaftler zu einer solchen Aussage? Jobards Präsupposition als Soziologe ist vermutlich, dass die Schule immer auch ein Ort der Reproduktion bestehender sozialer Verhältnisse sei. Doch können wir sicher sein, dass Jobards Sicht der Dinge auch diejenige der Brandstifter ist? Es ist davon auszugehen, dass die Bandenchefs und ihre Offiziere und Soldaten, die auch in ruhigeren Zeiten die jeweilige citä beherrschen, auch die Kontrol I e über die Angriffe gegen Polizei und Feuerwehr haben. Wenn Jobards Annahme zutrifft, müsste bei diesen Chefs und ihren Banden ein erhöhtes politisches Bewusstsein festzustellen sein. Wurde dies sozialwissenschaftlich erhärtet?

Auch wäre von Interesse, ob die französische Banlieueforschung sich schon die Frage gestel lt hat, wem innerhalb der citä solche Vorgänge nützen. Denn lange bevor Schulen brannten, brannten bereits Autos, und zwar in den meisten Fällen di ej eni gen der Mitbewohner. In diesen Fällenn kann Jobards Hypothese unmöglich zutreffen, es sei denn, man überdehne den Begriff des „Politischen“ auf ubueske Art. Eher zutreffend scheint folgende Hypothese: Die Gewalt gegen alles, was von außen kommt (in einigen Fällen sogar gegen Pfleger) dient den beiden herrschenden Fraktionen der jeweiligen Siedlung: zum einen der dominierenden Bande, deren Chefs dank Drogendeals den Mitbewohnern auch pekuniär überlegen sind. So gesehen, wären die Attacken gegen Polizei und Feuerwehr und das Abbrennen von Schulen und Autos eine Machtdemonstration, die den Bewohnern vor Augen führt, wozu man imstande ist. Die Zerstörung von Schulen und die Destabilisierung von Lehrkräften kommen den „Reislamisierern“ und Islamisten entgegen, die die Schule als ideologischen Konkurrenten fürchten.

So ist etwa zu fragen, wie die äußerst gewalttätigen Aufstände in Villeneuve bei Grenoble im Juli 2010 mit den „klassischen“ Mitteln der Banlieuforschung zu erklären sind. Die A usei nandersetzungen, bei denen sogar eine Eliteeinheit der Polizei wieder abgezogen werden musste, brachen aus, nachdem ein Mitglied eines Überfallkommandos nach einer Verfolgungsjagd und einem Schusswechsel mit der Polizei getötet wurde. Dieses Ereignis zum Auslöser für die danach folgende Gewalt zu „rationalisieren“, mutet etwas seltsam an es handelt sich wohl eher um einen Vorwand. Erwarten die Aufständischen allen Ernstes, dass die Polizei bei einem Schusswechsel nach einem Casinoüberfall plötzlich ihre Funktion als „Exekutive“ des staatlichen Machtmonopols aufgibt und mit Platzpatronen zurückschie ßt? Befasst man sich mit dieser Siedlung im Süden von Grenoble, entdeckt man, dass es sich auf keinen Fal I um ein ghettoähnliches Gebi I de handelt. Das Quartier umf asst 11.000 Einwohner und ist sozial und ethnisch durchmischter als die klassischen Problemquartiere in den Banl i eues. Die Siedlung wurde ab 1972 gebaut als ein neuartiges urban-soziales Experiment. Dies erklärt, weshalb die Architektur als auch die Außenanlage m. E. interessanter sind als das meiste, was heute für den gehobenen Mittelstand gebaut wird. Die Infrastruktur umfasst das Vielfache dessen, was man in einer Schweizer Siedlung der gleichen Größe erwarten kann. Auch ist das Quartier nicht isoliert und ist mit einem Tram ans Zentrum angebunden. Weder geographisch, noch von den Wohnbedingungen her, noch infrastrukturell scheint dieses Gebiet benachteiligt zu sein. Die Hypothese der Machtdemonstration wäre gerade hier

 

vermutlich die nahel i egendste: Die dominierenden Banden der citö haben nach außen und gegenüber den Mitbewohnern unmissverständlich klargemacht, wer im Quartier das Macht-und Gewaltmonopol innehat.6 Hierbei ist auch nicht zu unterschätzen, dass es zwischen den citös und den Banlieues so etwas wie einen Konkurrenzkampf um die Auszeichnung der „härtesten Jungs“ gibt.

Illusionär wäre auf jeden Fall die Auffassung, dass die Banlieues so etwas wie eine Gegenwelt zum Kapitalismus im Sinne einer Solidargemeinschaft bilden würden. In den kleinräumigen Welten der citös verstärkt sich ganz im Gegenteil der Druck auf den Einzelnen, dem Ukas der Unterhaltungsindustrie zu folgen. Ein hellsichtiger Junge berichtet: „<Wenn du keine trendigen Klamotten trägst, bist du ein Taugenichts Dann hast du keine Kiste, keine Flamme. Die Leute respektieren dich nicht, sie gehen dir aus dem Weg. Es ist das Geld, das kontrolliert! Du siehst ja in der Werbung, dass du nichts wert bist, wenn du das und das nicht hast. Sie sagen dir, los, konsumiere, dann bist du jemand. Das ist die Gesellschaft von heute.>“7 Umso skeptischer wird man gegenüber dem Frohsinn eines Balibar oder Badiou sein, diedie Banlieues als Vorhut einer revolutionären Gesellschaft sehen.

Gut erforscht scheint das Phänomen des Exodus aus der Banlieue derjenigen zu sein, die den sozioökonomischen Sprung nach oben geschafft haben, um umzuziehen. Es gibt aber noch eine andere Kategorie von Menschen, die ihre Koffer packen, nämlich weil sie gehen müssen. So ist die Dunkelziffer der Gruppenvergewaltigungen (tournantes) anscheinend sehr hoch. Der Grund hierfür liegt in der „Entehrung“ des Mädchens, aber auch in der Angst vor Repressalien, falls die Vergewaltigung zur Anzeige gelangt. Ist Letzteres der Fall, ist es offenbar üblich, die Familie des Mädchens so lange zu schikanieren, bis sie keine andere Möglichkeit mehr sieht, als wegzuziehen. Wurde dieses Phänomen erforscht? Welches ist die al I tagsi deol ogi sch-religiöse „Beschaffenheit“ der Täter?

Zu diesen Vertriebenen gesellen sich diejenigen Bürger, die den Zorn der herrschenden Cliquen auf sich geladen haben. An letztere gerichtete Reklamationen sollten im Eigeninteresse unterbleiben oder sehr vorsichtig angebracht werden. Andernfalls droht ein unablässiges Mobbing verschiedenster Art, das langfristig zum Umzug zwingt. Wurde das Problem dieser Art von Vertriebenen von den französischen Sozialwissenschaften untersucht? Zu den Vertriebenen gehören auch viele Ärzte in den Banlieues von Paris Der Ärztemangel hat also nichts mit der mangelnden Bereitschaft der jungen Mediziner oder strukturell-planerischen Mängeln zu tun. Zahllose idealistische Ärzte wurden regelrecht aus dem Döpartement hinausgeprügelt. Auch hier müsste gefragt werden: Um welche Formen von Gewalt handelt es sich hier? Wer sind die Urheber der Gewalt, und was sind ihre Motive? Weshalb ist dieses Phänomen in vielen armen Territorien, die eine andere Bevölkerungsstruktur als die Banlieues haben, nahezu unbekannt?8

Eine weitere Hypothese, die zum Verständnis der Vorgänge in den Banlieues beitragen könnte, ist die bereits von Marx hervorgehobene, ausgeprägte Zwei wel tenl ehre des Islam (die freilich nicht strikt an den Koran angelehnt ist). Hierbei geht es um die rigorose Trennung zwischen dem Dar-al-Islam, dem Haus des Islam, also den Territorien, in denen mehrheitlich Muslime leben, und dem Dar-al-Harb, dem Haus des Krieges. Wäre es möglich, dass Fremde, die in die „islamischen“ Banlieues vordringen, zumi ndest subl i mi nal als Menschen mi nderen Rechts (Dhimmis) empfunden werden, die eines Schutzvertrags bedürfen?

6 Vgl. hierzu Bronner, op. cit., pp. 56ff.

7 Sauvadet, Jeunes dangereux, jeunes en danger, 2006. Savaudet stellt darüber hinaus fest: „Genau wie die Chefs der amerikanischen, südamerikanischen oder afrikanischen Banden mit ihrer Bewunderung des mafiösen Milieus, übernehmen die Dealer-Leaders neoliberale Werte: Unternehmergeist und Wettbewerb.“ Zitiert nach Bronner, op. cit., pp. 59f. u. 80.

8 Vgl. hierzu die Berichte des Observatoire de la securite des medecins auf dem Web.

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Schliesslich wäre es lohnenswert, darüber nachzudenken, inwieweit die Gewalt in den Banl i eues nicht in den Bereich der von Bataille herausgearbeiten, gänzlich zweckfreien „Souveränität“ gehört, also im weitesten Sinn ein zielloses Spiel, ein Exzess, eine Verausgabung ist, diejenseitsjeder Objektgerichtetheit oder Rationalität verbleibt.

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Im Jahre 2011 fanden sich vier Funktionäre des Französischen Fussballverbandes FFF (darunter der damalige Trainer der Nationalmannschaft, Laurent Blanc) zu einer Sitzung zusammen, die antirassistische Geschichte schreiben sollte. Es wurde diskutiert über den Umstand, dass die Fussballschulen unter der Ägide des FFF deutlich mehr Spieler hervorbri ngen, die als Erwachsene f ür andere statt für die französische  M annschaft spielen. Es wurden dabei Überlegungen angestellt, wie das zu verhindern wäre. Man verstand es offenbar als Verschwendung von Mitteln, Doppelbürger oder werdende Doppelbürger zu trainieren, die dann sozusagen fahnenflüchtig werden.

Des Weiteren wurde debattiert über die einseitige Förderung physisch starker Spieler. Jeder Fussball beobachter konnte in den vergangenen Jahren feststellen, dass die französische Mannschaft, anders als früher, körperlich unheimlich stark, aber technisch limitiert geworden ist und in der Offensive eine seltene Phantasielosigkeit offenbart.

Blanc bemängelte, dass physisch kräftige und grosse Spieler zu früh den Mitkonkurrenten vorgezogen würden. Er wies darauf hin, dass weisse Spieler bereits „ausrangiert“ werden, wenn sie ihre physische Reife noch nicht erlangt hätten, im Gegensatz zu vielen schwarzen Spielern, die früher stark sind und bevorzugt würden. Unter dem Eindruck der Erfolge des spanischen Fussballs forderte Blanc, kl ei nere und weniger muskulöse j unge Spieler länger als bisher üblich zu beobachten und zu fördern.

Nach Enthüllungen des Internetmediums Mediapart übernahm die gesamte linke und linksliberale Presse in Frankreich die These, im Fussballverband würden Quoten nach ethni sch-rassischen Kriterien  diskuti ert.

Gemach. Man kann, was die Binationalität angeht, von Kleinmütigkeit sprechen, wenn der Verband Spieler nicht weiter trainieren würde, bei denen klar ist, dass sie nie in der franzosi schen Mannschaft spielen werden, vor allem wenn bedacht wird, dass Frankreich von afrikastämmigen Fussballern nicht wenig profitiert hat. Aber konnte aufgrund der Gesprächsaufzeichnungen ein Rassismusvorwurf erhoben werden, so dass die Entlassung von zwei Funktionären, wie sie dann vol I zogen wurde, I egi ti m gewesen wäre? Keineswegs.  Leider gehört es nämlich zum Recht und zum „Sinn“ jedes Sportklubs und verbandes zu „diskriminieren“, d. h. aufgrund eigener Kriterien zu entscheiden, wer in die Ausbildungszentren und in die Kader aufgenommen wird. Dass ausgerechnet im FFF, der an internationalen Begegnungen auch schon 11 schwarze Spieler aufgestellt hat, plötzlich rassische Kriterien zum Zuge kommen würden, ist eine Verdrehung und pure Fantasterei, die höchstens dokumentiert, dass der Antirassismus, wenn er sich weiter in diese Richtung entwickelt, endgültig ins Wahnhafte übergehen kann. Der Antirassismus gleicht sich der paranoischen Denkstruktur des Rassismus an.

Dieser ausgeprägte Hang zur Denunziation; dieser linke McCarthyismus; dieses Benthamsche Universum des permanenten Beobachtetwerdens; diese Hexenjagd; dieses Gefängnis, in dem wir Wärter und Gefangene gleichzeitig sind (Dürrenmatt); diese faschistoiden Ausschlussmechanismen (die ich schon am eigenen „Leib“ erfahren musste) es ist die Höhe, dass ausgerechnet militante Anti rassi sten, die für diese Entwicklung verantwortlich zeichnen, gerne die „dunkelsten Stunden unserer Geschichte“ anführen, wenn sie jemand verbal massakrieren und vor Gericht ziehen. Die Denunziation war eines der wichtigsten Werkzeuge

 

unter dem Vichy-Regime Pätai na Wahrlich: Es weht ein eisiger Wind der Kollaboration durch Frankreichs Landschaften.

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Dies schien auch auf, als im gleichen Zeitraum der Soziologe Hugues Lagrange und Tariq Ramadan Gäste des französischen Staatsfernsehens waren. Entgegen der allgemeinen Tendenz der französischen Soziologie hatte Lagrange 2010 mit Le deni des cultures („Die Verleugnung der Kultur“) ethnisch-kulturelle Bestände analysiert und damit aufgezeigt, dass die Situation der Banl i eues rein sozi oökonomi sch nicht zu verstehen ist. In einer Fernsehsendung wurde er mit einer Schriftstellerin und einem Anthropologen konfrontiert -„konfrontiert“ ist das akkurate Wort, denn ich kann mich nicht an brauchbare Argumente der Widersacher Lagranges erinnern. Der Anthropologe deklarierte apodiktisch, dass es im Prinzip keine Kultur gebe, sondern nur Individuen – und merkte wohl nicht einmal, dass er soeben sinngemäss ein Diktum von M aggi e Thatcher von sich gegeben hatte. Diese Veranstaltung glich weniger einer Debatte als einer Austreibung des bösen Geistes aus einem Wissenschaftler, der offensichtlich die vorgegebenen, politkorrekten Denkschemata überschritten hatte. Diese erniedrigende verbale Exekution wurde auch vom passiven Moderator nicht unterbrochen.

Ungefähr zur selben Zeit stieß ich auf eine Sendung, in der Tariq Ramadan als Hauptgast fungierte. Die weiteren Eingeladenen aus dem Showbusiness oder den Medien hingen förmlich  an sei nen Lippen. Off ensi chtl ich waren sie ausnahmslos der A u ßendarstel I ung Ramadans erlegen, derzufolge es sich bei ihm um einen vermittelnden, kosmopolitischen, durch und durch moderaten Muslim und Gelehrten handelt, der einzig gleiche Rechte für die diskriminierten Glaubensbrüder fordert. Der Höhepunkt war dann aber die fröhliche Kumpanei, die von den Eingeladenen Ramadan gegenüber zelebriert wurde. Alle Gäste waren mit Ramadan bereits per Du!

Ein Soziologe, der die erlaubten Denkpfade verlassen hatte, wird vor den Kameras erniedrigt, währenddessen der kamuflierte Muslimbruder von Vertretern des Tout Paris wie ein gerngesehener Kumpel gefeiert wird. Man muss sich diesen Kontrast vor Augen führen, um die desaströse Schwächung der Autoimmunität, um den Niedergang jedes noch so harmlosen kritischen Geistes in den Medien und bei der I ntelligentsija dieses Landes zu verstehen. Dazu passt auch das Fehlen jeder kritischen Debatte über den Islam. Ich kann mich nicht entsinnen (im Gegensatz selbst zu Deutschland), je am französischen Fernsehen auf eine kontradiktorische Diskussion über den Islam gestoßen zu min.

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In der einzigen bedeutenden linken Zeitung der Deutschschweiz, der Wochen Zeitung (für die auch ich während 4 Jahren unregelmäßig geschrieben habe), erschien vor Jahren eine Art antifaschistischer Warnartikel. Berichtet wurde über die Quartierkneipe „Zum Schiefen Eck“ in Kleinbasel (im Artikel das „Ghetto“ genannt). Es wurde insinuiert, dass dort „Faschisten“ sitzen. Weder ich noch der ebenfalls in Basel wohnhafte Soziologe Johannes Gruber konnten dort jemals „Faschisten“ ausmachen. Was auffällt, ist das hohe Durchschnittsalter der Gäste. Es dürfte ebenfalls klar sein, dass der eine oder andere Alkoholiker, Sozialhilfebezieher und/oder I nval i di täts-Rentner dort ei nkehrt.

Damit stellt sich mir inzwischen eine ähnliche Frage wie in Bezug auf Frankreich: Kann wirklich unilateral von einer Instrumentalisierung des Wahlvolkes durch den Rechtspopulismus gesprochen werden? Wenn die Linke sich so pudelwohl fühlt in der coolen, „urbanen“ Lebensweise (über die angeblich „urbane“ Alltagskultur in der Schweiz,

 

insbesondere in Zürich9, ließe sich Vieles schreiben – generell verbindet sie sich mit A ngl oameri kani si erung aller Bereiche, Tyranni s der Unterhaltungsindustrie und Gentrifizierung, d. h. postmoderner Verbürgerlichung) und ihr das angebliche Spießertum wie ein Faschismus vorkommt, weshalb verwundert es sie eigentlich noch, dass Menschen, die von ihrer sozioökonomischen Lage her an sich links stimmen sollten, nicht mehr links stimmen wollen?

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Während Parolen wie „Flexibilität“, „Pluralität“, „Teamgeist“, „flache Hierarchien“ typisch sind für den zeitdiagnostischen Postmodernismus und den Umbau von der fordistischen in die neol i beral-postfordistische Welt, führt i m Frankreich der professionellen M u I ti kultural i sten der „m&issage“ die terminologische Hitparade unangefochten an (in D ist es die „diversity“ die deutschen Funktionäre der diversity haben derart Angst davor, nicht der diversity zu genügen, dass sie auf den Gebrauch der deutschen „Diversität“ verzichten. „Diversität“ besteht inzwischen darin, Termini nur noch in englischer Sprache zu lancieren – ein ebenfalls widersprüchlicher Hang zur Homogenisierung, der den meisten Multikulturalisten gar nicht auffällt … nicht auffallen darf).

Die Verschiebung der einst durchaus auch kulturellen (oder kulturalen) Notion des mötissage hin zum Rassischen ist unübersehbar. Im Spanischen ist „mistos“ nachgewiesen als Ausdruck, der die hispanischen Christen bezeichnete, die sich beim Kampf gegen die christlichen Könige auf die Seite der Muslime geschlagen hatten. Ein französischer Blog, der dem mötissage gewidmet ist, befasst sich heute nur noch in vernachlässigbarer Weise mit den nichtrassischen Differenzen. Auf der Seite präsentieren sich ausschließlich Pärchen, bei denen sich die Hautfarbe des einen von derjenigen des anderen Partners unterscheidet. Wer will, kann sich zum „Pärchen des Monats“ wählen lassen. Gratulation zum m&issage des Monats! Doch was, wenn die beiden das Gleiche denken und wollen und ihre kulturelle Identität vornehmlich aus der Unterhaltungsindustrie stammt? Dann werden sie zu einer Art fusioniertem Vierbeiner, wie ihn sich das dominante wirtschaftliche und kulturelle System geradezu herbeiwünscht. Es wäre also jede Bindung zwischen einem katholischen Appenzeller und einer protestantischen Appenzellerin mehr mötissage.

Es ist illusionär, zu denken, solche Entwicklungen seien Epiphänomene und gingen etwa am wissenschaftlichen Diskurs vorbei. Dies zeigt sich paradigmatisch am unüberprüft aus den USA übernommenen Begriff des „Afroamerikaners“. Angeblich wurde er eingeführt, weil die Ausdrücke „schwarz“ und „farbig“ zu stark die Rasse konnotierten. Hier kann es sich nur um einen Gag handeln, denn die Innovation impliziert genau das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigte. Hatten „black“ oder „coloured“ praktischerweise die Pigmentierung denotiert, ohne damit automatisch eine Herkunft zu hypostasieren, funktioniert „afroamerikanisch“ gemäß der rassisch-völkischen Logik. Hier wird nämlich, statt die staatsbürgerliche Herkunft, die Kultur und Sprache zu den Hauptkomposita individueller Identität zu erklären, das

9 In Zürich lässt sich eine Entsprechung zu den in Paris verbreiteten Projektionsmechanismen beobachten. Alles „Populistische“ oder „Konservative“ wird in den Nachbarkanton Aargau oder die Provinz hineinprojiziert. Hierbei handelt es sich keineswegs um Folklore, sondern um einen tief verankerten Teil des Zürcher Kollektivgeistes, oder, um mit Nietzsche zu sprechen, des „Pfahlbürgertums“. Bei diesem Mechanismus wird die Entstehungsgeschichte des Schweizer Rechtspopulismus (der zu den härtesten in Europa gehört) verdrängt. Herkunftsgebiet dieses Rechtspopulismus (und neoliberalen Sozialdarwinismus) ist nämlich keineswegs der „Aargau“ oder die Provinz. Die ersten Promotoren dieser Ideologie waren auch nicht Bauern oder Handwerker. Vielmehr wurde diese politische Richtung im Raum Zürich aufgebaut, und zwar von großbourgeoisen Kreisen, und finanziert durch den Finanzadel.

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Aussehen mit einer perenni erten Herkunft verbunden. Ein schwarzer Amerikaner gilt somit einzig aufgrund seines Aussehens als „Afroamerikaner“, auch wenn er nicht das Geringste mit Afrika zu tun hat. Statt der citoyennetö determiniert die Hautfarbe auf ewig die Identität des Bürgers – besser hätten es die Rassentheoretiker nicht hingekriegt. Wenn also zum Beispiel ein weißer Südafrikaner sich in den USA niederlässt, wird er nicht ein Afroamerikaner sein, obwohl er exakt das ist.

Was dieses Beispiel darüber hinaus offenbart, ist, wie und in welchem Maße inzwischen in der kontinentaleuropäischen Wissenschaft völlig bedenkenlos und ohne Übertragungsleistung angelsächsische Begriffe übernommen werden. Das ist unzweifelhaft das Symptom einer generalisierten (freiwillig erlittenen) intellektuellen und kulturellen Kolonisierung. Für die umtriebigen Antirassisten, -i mperi al i sten etc. gäbe es gerade in diesem Bereich weite Felder zu beackern. Überraschenderweise wollen sie meist nicht nur nichts davon wissen. Wer sich damit kritisch befasst, gerät im Gegenteil nicht selten in die Denunziationsmaschine und wird als Brauner taxiert.

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Trotz stupender empirischer Evidenz wurde der gegen Wei ße (und es ist hinzuzufügen: gegen Nichtmuslime) gerichtete Rassismus in Frankreich jahrelang beschwiegen (vgl. demgegenüber Yi I di z, Le racisme antiblancs Ne pas en parier: un dbli de r.alit, 2010). Als die Fakten nicht mehr zu negieren waren, griffen Antirassisten und Multikulturalisten in die Trickkiste der Postkolonialismusstudien und deklarierten, dass diese Form des Rassismus inkommensurabel sei relativ zum Rassismus der Weissen, dazu begreifen als Antwort auf die symbolische und strukturelle Gewalt, für die die Weissen verantwortlich zeichneten. Ein rekurrentes Argument, das angesichts des Rassismus gegen Nordaf ri kaner und Schwarze nicht durchwegs falsch ist, aber immer das Schwefelgerüchlein der unmöglichen Falsifizierbarkeit verbreitet. Als die rassistischen Akte quantitativ massiv zunahmen und in ihrer eindeutigen Zielrichtung nicht mehr verharmlost werden konnten, wurde der Ruf laut, sie dennoch nicht zu verurteilen, da dies zu einer rassischen („raciale“) Lektüre von gesellschaftlichen Phänomenen führe. Das entbehrt nicht einer gewissen Tartüfferi e, sind es doch gerade die lautesten Propagatoren des mötissage, die für die Verrassung des Diskurses sorgten. Und ein Weiteres wird hier erneut deutlich: Das Phänomen als solches und seine Analyse ist offensichtlich gar nicht von Interesse – das Wichtigste besteht in seiner moralisch richtigen Beschreibung …

Hinzuzufügen sind an dieser Stelle die massiven Probleme des Zusammenlebens im Pariser Quartier Belleville. Gemäß offiziösen Informationen werden die chinastämmigen Bewohner regelmässig Opfer von Überfällen oder Angriffen, die spezifisch sie als „Chinesen“ treffen. Täter sollen größtenteils Maghrebstämmige sein, die jedoch kaum je auf „eigene“ Leute losgehen. Unter der Hand wird von antichinesischem Rassismus gesprochen. Dies würde insofern nicht erstaunen, als bekanntlich auch die chinesischen Arbeiter in Algerien Opfer von Rassismus sind. Am 20. Juni 2012 organisierten die Chinastämmigen eine große Demonstration gegen die „Straflosigkeit“ der Täter. Gibt es Studien zu diesem multiplen Rassismus?

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Die unbedarftesten Vertreter des mötissage-Diskurses gingen da und dort so weit, den Untergang Frankreichs vorauszusagen. Das Land werde durch den „Rückzug auf sich selbst“ an Konsangui nität untergehen. Mit anderen Worten: Der vorhandene Genpool sei ungenügend, um eine gesunde Erhaltung der Population zu garantieren. Das sind selbstredend

 

marginale Stimmen, die aber doch dokumentieren, zu welchen wahnhaften Äußerungen die heutige Form des Antirassismus in Frankreich imstande ist. Im Übrigen darf hinzugefügt werden, dass Konsanguinität bei afrikanischen Populationen weit häufiger ist als bei europäischen. Zudem sind es gerade nicht die angeblich rassistischen Autochthonen, die den mötissage verhindern, sondern der praktizierte Islam, der die Heirat von islamischen Frauen mit andersgl äubi gen Männern verbietet.

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Würde man sich den Spaß machen, die Berichte deutschsprachiger Medien linker, I i nksl i beral er und rechtsliberaler Provenienz der I etzten 20 Jahre über den Lepeni smus einmal kumulativ zu lesen, dann müsste dabei herauskommen, dass Frankreich das rechtsextremste Land der Welt ist, dass der Rassismus integraler Teil der Volksmentalität ist, dass in weiten Teilen des Territoriums sich kein Schwarzer oder kein Mensch nordafrikanischer Herkunft blicken lässt, da er sich seines Lebens nicht mehr sicher sein kann. Denn die Machart dieser Berichte gleicht sich wie ein Ei dem anderen: Die Rechtsextremen werden immer extremer, die Rechten werden immer rechtsextremer und die Rassisten werden immer rassistischer. Ein Prachtbeispiel hierfür liefert konkret 8/2012. Am 26.3.1998 bereits prophezeite ein Frontartikel der Weltwoche in Zürich die Faschisierung vom Westen her. Solcher Schabernack hat starken Projektionscharakter und muss wohl eher mit ethnopsychoanalytischen Kategorien analysiert werden. Denn gerade der Raum Zürich ist das Zentrum des Entstehens und der Ausbreitung des Schweizer Rechtspopulismus, der mit einer Bildersprache agitiert, die direkt aus den 30er Jahren stammt und die der Front National nie auch nur annähernd gewagt hat. Die damalige Stärke der neoliberal -rechtspopulistischen SVP betrug im Kanton 30%, wobei hier die Stadt Zürich mitgezählt ist. Würde die Stadt subtrahiert, käme man im Kanton auf astronomische Zahlen. Aber nee – die Gefahr kommt aus dem Westen …

Die zahlreichen Savonarol as der Faschi si erungs-Apokal ypti k erinnern ein wenig an Nietzsches tollen Menschen im Zarathustra: „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: <1 ch suche di e f ranzösi schen Nazis! Ich suche di e f ranzösi schen Nazis!>

Da dort viele von denen zusammenstanden, welche nicht mehr an die Rede von den französischen  Nazi s glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.

Sind sie denn verlorengegangen?, sagte der eine. Haben sie sich verlaufen wie ein Kind?, sagte der andere. Oder halten sie sich versteckt? Fürchten sie sich vor uns? Ausgewandert?-so schri en und lachten sie durcheinander.“

In dem Maße, wie die französischen Nazis verschwinden, steigt die Anzahl der Nazijäger. Und weil sie kaum mehr ein Exemplar vor ihre Flinten bekommen, haben sie nun die Spezies der „Nazis“ auf andere Tiere ausgedehnt: Analytiker und Kritiker des Islam und der Islamisierung mit ihren Folgen gelten fortan auch als „Nazis“. Und schon haben die Nazijäger wieder ei ne Daseinsberechtigung.

Nebenbei bemerkt: Die oben angetönte Libanisierung findet bereits statt, in Frankreich und anderen Ländern, aber nicht so, wie es sich die Nazijäger vorstellen. Es nehmen im Gegenteil i n forschem Tempo die afrikanisch-islamischen Territorien zu, i n die sich keine Fremden, insbesondere aber keine Frauen mit Jupe oder als solche erkennbare Juden hineinwagen sol I ten.

10 Dieses Phänomen dehnt sich auf weitere Zonen oder Institutionen aus. Laut dem
linksrepublikanischen Magazin Marianne (Artikel vom 15.10.2012) wurden im August desselben
Jahres im Gefängnis von Liancourt zwei Juden einzig wegen ihres Glaubens von 30(!) muslimischen

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Im gesamten M ulti kulti- und A nti rassismusdiskurs bis weit in die Wissenschaft hinein werden die Probleme der Integration kausal direkt mit dem Rassismus der Autochthonen verknüpft. Dabei wurde ei n entscheidendes Detai I übersehen:

Mehrere Studien aus Ländern, die das Gros der Emigration nach Frankreich ausmachen (namentlich in Marokko und der Türkei) haben ergeben, dass der Rassismus und der rassistisch sich manifestierende religiöse I ntegrismus viel verbreiteter als in Frankreich selbst ist. Der Antisemitismusgehört zum Alltag.

Weite Teileder Bevölkerung möchten zum Beispiel nicht neben einem Christen wohnen (von Polytheisten oder Agnostikern, die als Untermenschen gelten, ist in den Studien schon gar nicht die Rede). Stark ausgeprägt sind auch eine patriarchalische Weltanschauung und die Verachtung der Frauen.

Bereits Lövi-Strauss hat darauf hingewiesen, dass jeder Ethnie zwangsläufig ein gewisser Ethnozentrismus eignet. In Frankreich ist zu beobachten, dass dieser Ethnozentrismus der i ndi genen Bevölkerung tägl ich vorgeworfen wird. Zugleich wird aber absurderweise sofort mit dem „Rassismus“Knüppel gedroht, wenn jemand darauf hinweist, dass angesprochener Ethnozentrismus auch bei den immigrierten Bevölkerungsteilen vorhanden ist. Abermals zeigt sich, dass der Antirassismus und der Multikulturalismus argumentativ nicht einmal grundlegenden Regeln der logischen Kohärenz genügen.

Nun kann gefragt werden, ob oben genannte Eckpfeiler der „Mentalität“ islamischer Populationen am Schwinden begriffen sind; ob darüber hinaus auch tägliche Praxis und Gesetzgebung in islamischen Ländern eine Öffnung und Reform erfahren. Leider gibt es darauf kaum Hinweise. So ist etwa gerade aus dem Maghreb (der sich nach außen gerne als tolerant oder gar „laizistisch“ anpreist) Jahr für Jahr eine Zunahme der zivilen oder polizeilichen Übergriffe gegen Bürger zu vermelden, die den Ramadan nicht wörtlich befolgen. Selbst in Algerien, dessen Regierungspartei FLN sich ursprünglich auch als sozialistische Bewegung sah, wurden unter dem Druck des Islam die Frauenrechte gesetzlich geschwächt. In der Türkei wurden sogar unter den einstigen laizistischen Regimes die Christen und Anhänger anderer Religionen unterdrückt. Von den pogromartigen Massakern an Christen in Indonesien, Ägypten oder Nigeriaganz zu schweigen.

Weite Teile der islamischen Welt erleben zurzeit eine „Reislamisierung“ gro ßen und umfassenden Ausmaßes. In diesem Prozess verschwinden auch gewisse egalitäre oder matriarchalische Anteile des „Volksislam“. Und dass dieser globale Vorstoß des Islam strikter Obedienz in erster Linie mit Armut korreliert, ist längst widerlegt.

Angesichts dieser Vorgänge, die keineswegs nur der situativ-historischen Kontingenz geschuldet sind, sondern das imperialistisch-integristische Wesen des Islam selbst entfalten, muss es (selbst in Frankreich, will es weiterhin ernsthaft als Hochburg der denkerischen Freiheit gelten) erlaubt sein, folgende Frage zu stellen: War und bleibt es nicht ein hochgefährliches, explosives ethno-religiöses Experiment, Dutzende von Millionen Bürgern aus dem islamischen Herrschaftsbereich in einem Europa anzusiedeln, das im Gefolge von 1968 sich auf machte, klerikal -konservative Denk- und Gesel I schaftsstrukturen abzulegen?

Mitgefangenen schwer verletzt. Gemäß der Journalistin würden diese Vorkommnisse (ähnlich wie in der Schule) meist totgeschwiegen. Der islamophile Multikulturalismus und „Antirassismus“ hat somit personell, politisch, finanziell, medial aktiv dazu beigetragen, dass in Frankreich erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs wieder Juden verfolgt werden. Die hohen Zahlen der französischen Juden, die das Land verlassen und sich in Israel ansiedeln, sprechen Bände.

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Die Anhänger des charismatischen türkischen Predigers Fethulla Gül en haben in 140 Ländern Schulen, Medienhäuser und Kliniken aufgebaut. Hinzu kommen eine Bank, eine Universität, eine Versicherung. Die Gülen-Bewegung dient gemäß Selbstdarstellung einzig der Wohltätigkeit und dem f ri edl i chen M itei nander der Religionen. Anders stel len ehemalige Mitglieder die Organisation dar. Gemäß ihrer Sicht ist die Bewegung ein erzkonservativer Geheimbund, vergleichbar mit Scientology. Die Kader werden in sogenannten Lichthäusern geformt, einer Art Mischung aus Wohngemeinschaft und Koranschule, in denen man wie in einem Gefängnis überwacht wird. Laut der M arburger Islamwissenschaftlerin Spuler­Stegemann ist die Gülen-Gemeinde die mächtigste und gefährlichste islamistische Bewegung in Deutschland. Die Organisation führt in Deutschland 15 „Dialogvereine“, so etwa das Forum für Interkulturellen Dialog FID. Der Berliner Leiter des FID sieht als Alliierte der Vereinigung all jene, die an „<Dialog, Toleranz und friedlichem Zusammenleben>“ (Spiegel 32/2012) interessiert seien.

Damit wird die getarnte islamische Sekte ei ne Karikatur ihrer selbst. Sie hat die Terminologie des islamophilen Ökumenismus und Multikulturalismus Wort für Wort übernommen. So ist sie imstande, die Taqiya von „Frieden und Toleranz“ durch eigene Veranstaltungen weiter auszubauen.

Es kann nicht genug betont werden: Wer sich an den „interkulturellen Dialogen“ solcher Organisationen (in Deutschland auch etwa der nationalistischislamischen DITIB oder von Milli Görü5, in Frankreich der UOIF) beteiligt, fällt denjenigen Muslimen in den Rücken, die ganz bewusst nur noch partiell praktizieren, diesich in einem A bnabel ungsprozess vom Islam befinden oder Agnostiker geworden sind. Auf ihrer Homepage beklagen sich Deutschlands Ex-Muslime: „Die nach Deutschland gekommenen Zuwanderer sind Menschen mit sehr unterschiedlichen individuellen Erfahrungen, Interessen und Orientierungen. Darunter sind viele Personen, die dem repressiven Normierungsdruck der islamischen Vorschriftenreligion entrinnen wollten, um hier in Deutschland ein neues selbstbestimmtes Leben führen zu können. Anstatt die Sichtwei sen und Ansprüche dieser isl amgeschädigten Menschen i m Interesse einer gleichberechtigten Integrationspolitik  angemessen zu berücksi chti gen, werden sie durch die vertretungspolitisch erzwungene Muslimisierung entmündigt und ausgegrenzt. Wir protestieren deshalb entschieden gegen die einseitige Fixierung und thematische Ausrichtung auf verbandsislamische Kräfte und streng gläubige Muslime.“

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Die älteren Semester unter den umtriebigen Adepten des heutigen Antirassismus und Multikulturalismus berufen sich noch gerne auf Lövi-Strauss, um ihre Thesen zu untermauern. Doch gerade er lässt sich für diese Ideen nicht einbinden. Die Multikulturalisten scheinen mehrere Textstellen in späteren Schriften (insb. Race et histoire) oder Interviews nicht gelesen zu haben, wo sich der Ethnologe äußerst negativ über rasante Mischungen der Kulturen äußert. Daraus würden sich, so Lövi-Strauss, atomisierte und anonyme Individuen ergeben, die völlig auswechselbar seien. Am fruchtbarsten beurteilt Lövi -Strauss den Austausch von Kulturen, wenn sie nah genug voneinander seien, dass sie sich gegenseitig stimulieren können, aber weit genug, dass sie als einzelne nicht untergehen.

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Ist das für Marine Le Pen allseits selbstverständlich verwendete Prädikat „rechtsextrem“ berechtigt? Sieht man sich ihre Positionen und Vorschläge im Bereich der Immigration, des

 

Sozialen und des Arbeitsrechts an, kann dies bejaht werden: Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft für Nichteuropäer; Verschärfung der Bedingungen für den Familiennachzug; Verkürzung der Dauer der Aufenthaltsberechtigung; Vorrecht der Franzosen bei Vergabeder Arbeit und von Sozialwohnungen; schließlich die Abschaffung des jussoli (Vergabe der Staatsbürgerschaft bei Geburt auf französischem Boden).

Doch auch hier habe ich sehr gemischte Gefühle. Der gegenwärtige, ahistorische Umgang mit dem Begriff des Rechtsextremismus schafft parallel zum Kulturrelativismus einen Relativismus des Pol itischen11, in der alle Kühe in die Hegelsche Nacht eintauchen, wie die bei den französischen Antirassisten populäre Rede vom „Genozid an den Palästinensern“ ei ndrückl ich dokumentiert.

Zumindest wäre es eine Untersuchung wert, wie Le Pens I mmigrations- und Sozialpolitik im Vergleich gerade zu „liberalen“ und „typischen“ Einwanderungsländern wie der USA oder Australien aussehen würde. Bekanntlich interniert z. B. Australien Asylanten auf Inseln im Pazifik, die weit vom Mutterland entfernt sind. Falls ein solcher Vergleich für Australien und die USA unrühmlich ausfiele – was dann? Kohärenterweise müssten diese beiden Staaten zumindest hinsichtlich gewisser Praktiken als rechtsextrem bezeichnet werden …

Den Vorwurf des faschistischen Weltbildes verbindet man bei Le Pen auch gerne mit ihrer Forderung nach Protektionismus. Solches ist nicht aufrechtzuerhalten. Die großen europäischen Handelsnationen waren jahrhundertelang merkantilistisch. Die USA betrieben immer wieder Protektionismus Keynes hat offenbar gewisse Thesen des Merkantilismus geteilt. Japan ist noch immer protektionistisch.

Siewill Souveränitätsabtretungen an Brüssel rückgängig machen und verlangt ein Europa der Vaterländer. Na und? Das ist nichts anderes als gaullistische Politik. Im öffentlichen französischen Diskurs gilt de Gaulle zwar als Säulenheiliger. Doch wehe dem, der seine Politik weiterführen will. Im Übrigen ist dies die Politik, die die Engländer (von Briten zu sprechen, wäre hier ungenau) gegenüber Europa seit Jahrzehnten betreiben. Wäre es einem Journalisten oder Politologen je in den Sinn gekommen, hier von faschistischen Tendenzen Englands zu sprechen?

Schließlich soll die Kritik an der Zunahme des islamischen Einflusses rechtsextrem sein. Folgendes Argument ist zwar etwas schwach, es darf aber in Erinnerung gerufen werden: Mehrere Führungskräfte des Nazismus waren vom Islam begeistert, weil sie darin Ähnlichkeiten zu ihrer Ideologie erkannten. Islamische Würdenträger in Europa und im Nahen Osten paktierten offen mit Hitler.

Manche Wähl er Le Pens haben vi el I ei cht besser als die Antirassisten  i n Erinnerung behalten, was der 1905 eingeführte Laizismus impliziert, nämlich Freiheit der Religion und Freiheit von der Religion (d. h. vom Eindringen von Religion in die politische Sphäre wie in den USA oder vielen islamischen Ländern, oder von zivilen und staatlichen Übergriffen gegen Menschen, die den Ramadan nicht einhalten, wie zunehmend beobachtbar im Maghreb und selbst i n westeuropäischen Zonen). Gerade deshalb ist der französische Lai zi sm us ei ne so wertvolle Errungenschaft, die nicht einzutauschen ist gegen einen Multi kulturalismus mit partieller Ei nf ührung der Scharia (wie etwa in UK).

Diese Wähler verstehen folgende Phänomene sehr zu Recht nicht mehr: Zum einen eine monatelange freitägliche Besetzung mehrerer Straßen des 18. Bezirks durch betende Muslime, obwohl andere Moscheen in Paris explizit dazu aufgerufen hatten, bei ihnen zu beten – das Ganze unter aktiver Mithilfe des sozialistischen Bürgermeisters Andrerseits eine katholische Prozession, die 2010 in einem muslimischen Quartier Nizzas (also nicht von „Islamisten“) angepöbelt wurde und 2011 nur noch unter Polizeischutz möglich war (vgl. die

11 So ist m. E. völlig unverständlich, wie die britische Linke die English Defence League als „faschistisch“ apostrophieren kann.

 

Homepage des Observatoire de l’islamisation). Ich bin zwar als Jugendlicher vom katholischen Religionsunterricht ausgeschlossen worden, aber ein solches Maß an Intoleranz gegenüber dem Christentum gibt auch mir zu denken. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Vorfall in den nationalen Medien kaum Erwähnung fand. Die Präsenz des Islam und die Verfallsform des Antirassismus  sind nunmehr so stark, dass auf die Pariser Medien in diesen Fragen schlichtweg kein Verlass mehr ist. Infolgedessen ist die omnipräsente Rede vom „vivre ensemble“ (Zusammenleben) für die populären Schichten im besten Fall Anlass zu Gelächter, wie etwadie einstigen Phrasen des angeblichen realen Sozialismus in der DDR, im schlimmsten Fall eine Drohung von „dcideurs“, die nicht selten Manhattan oder London besser kennen als ihr eigenes Land.

Ich bin weit entfernt davon, Baudrillard-Adepte zu sein, doch der Aufsatz La conjuration des iniNciles von 1998 (zu meinem Erstaunen erstmals in der Libäration erschienen, die doch so monolithisch geworden ist), leistet mehr, als es die antifaschistische Empörungsindustrie je vermöchte. Baudrillard vergleicht die Fruchtlosigkeit des Kampfes gegen Le Pen päre mit der Fruchtlosigkeit der gegenwärtigen Kunst (im Zusammenhang von Kunstdebatten ist Baudri I lard auch schon als Faschist verleumdet worden) und fragt: «Die eigentliche Frage ist folgende geworden: Ist es nicht mehr erlaubt, den Mund auf zumachen, irgendetwas Eigenes, Ungewöhnliches, Heterodoxes oder Paradoxes zu äussern, ohne automatisch als Rechtsextremer bezeichnet zu werden (was ja jeweils ein ziemliches Lob für den Rechtsextremismus ist)? Weshalb ist alles Moralische, Konforme und Konformistische, das einst der Rechten eignete, links geworden?» Für Baudrillard übernimmt die Linke in Frankreich gewissermassen die einst rechte Funktion der moralischen Instanz, die die Werte des Guten und Wahren für sich beansprucht, eine Art Rechtsprechung, die andauernd am Werk ist und vor der alle Rechenschaft abzulegen haben, die aber selber niemandem Rechenschaft schuldig ist. Mit der Machtergreifung 1981 ist sie nicht Trägerin eines Sinnes der Geschichte, sondern einer Geschichtsmoral geworden: „Einer Moral der Wahrheit, des Rechts und des guten Gewissens unterstes Niveau des Politischen und wahrscheinlich selbst der Genealogie der Moral.“ So könne über den historischen Sinn eines Ereignisses, über die Ästhetik eines Werkes, über den Wahrheitswert einer wissenschaftlichen These nur noch in moralischen Kategorien gerichtet werden. Genau dies ist in meinen Augen die Funktionsweise des gegenwärtigen, von den ursprünglichen Intentionen und historischen Zusammenhängen völlig entkoppelten Antirassismus  und Antifaschismus in Deutschland und Frankreich.

„Die Linke ist politisch genauso entleert wie die Rechte – wo ist denn das Politische hingegangen? Zur extremen Rechten, antwortete Bruno Latour treffend in Le Monde. Der einzige genuin politische Diskurs heutzutage ist derjenige von Le Pen. Alles andere besteht aus moralischen und pädagogischen Diskursen, Diskursen von Lehrern und Predigern, Verwaltern und Managern.“ 2 Je mehr die moralische Koalition mangels genuin politischer Kraft sich gegen Le Pen verhärtet, desto mehr streicht Le Pen den Profit der Immoralität ein –er ist der einzige auf der Seite des Bösen. Einst war es die Linke, die den moralischen Werten der Rechten die Werte der Politik entgegenstellte. Seit rund 30 Jahren hat sich ihr Spiel völlig

12 Was weitherum Angst verbreitet am politischen Programm Le Pens ist in der Tat womöglich gar nicht die Xenophobie, sondern dass es Dinge enthält, die unter transnationalen Bedingungen als unmöglich gelten, sich also nicht an die Politik als der Kunst des Möglichen halten. In mancherlei Hinsicht ähneln 2iieks Reflexionen den Befunden Baudrillards: „Echte Politik ist das genaue Gegenteil davon, das heisst die Kunst des Unmöglichen – sie verändert gerade die Parameter dessen, was als in der existierenden Konstellation <möglich> betrachtet wird.“ 2iiek, Ein Plädoyer für die Intoleranz, 2009, p. 37. Auch hier scheitert aus meiner Sicht die klassische Faschismustheorie, denn die Politik Le Pens ist mit den Interessen der gegenwärtigen Hyperbourgeoisie nicht zu vereinbaren.

 

umgedreht: «(…) sie ist Opfer derselben Verschiebung, desselben Verlustes: eingenommen von der moralischen Ordnung, kann sie nicht anders, als die verdrängte politische Energie anderswo in kristallisierter Form aufzufinden und sich selber dagegen zu kristallisieren. Und indem sie die Tugend des Guten vertritt, kann sie nichts anderes, als das Böse zu alimentieren, indem sie die Herrschaft der Tugend inkarniert, die auch die Herrschaft der grössten Schei nhei I igkeit ist.» Wer könnte bei di esen Zei len nicht an di e f ri schgebackene M i ni steri n Vallaud-Belkacem denken, die das wahnwitzige Projekt hegt, die Prostitution zu verbieten (was einzig die Bedingungen der Prostituierten verschlechtern wird). Wer könnte schließlich nicht auch an die SP und die Grünen in der Schweiz denken, die stets zuvorderst sind, wenn es darum geht, etwas zu verbieten vor allem, wenn es um das „einfache Volk“ geht (das bekanntlich entweder aus Ausländern und Provinzlern besteht oder abstimmungsfaul ist – alles halb so schlimm!)?

Baudrillard argumentiert im Weiteren, dass Le Pen uns die Möglichkeit der Katharsis gibt. Alles, was in uns an Übelstem vorhanden ist, dürfen wir auf ihn projizieren: „Gnade uns, wenn er verschwinden würde. Wir wären allen unseren rassistischen, sexistischen, nationalistischen Viren (die wir alle besitzen) oder einfach der mörderischen Negativität des sozialen Wesens ausgeliefert.“ Man wirft Le Pen, so Baudrillard, die Diskriminierung der Immigranten vor. Doch es handle sich hierbei nur um einen Aspekt des massiven Prozesses der sozialen Exklusion, die in allen Bereichen vor sich geht: „Es ist ein typisch magischer Akt, diesen Virus zu beschwören, der sich überall parallel zu unserem sozialen oder technischen <Fortschritt> verbreitet, einen Exorzismus gegenüber diesem Elend der Exklusion zu betreiben und unsere Ohnmacht auf einen Mann oder eine verabscheuenswerte Gruppe zu projizieren und daraus einen Tumor zu machen, der chirurgisch zu entfernen wäre, während sich überall schon Metastasen gebildet haben.“

Das entspricht ganz meinen Beobachtungen: Der Antirassismus in Frankreich hat eine eigentümliche Eigendynamik entwickelt, die bar jeder Kontextualität exakt das betreibt, was er anderen vorwirft, nämlich denunziatorische Projektion, mit dem aus ihm erfolgenden, fatalen Reduktionismus

Die hal al -Debatte ist für diesen Mechanismus sehr erhellend. Ein Team des (keineswegs rechten) TV-Senders France 2 entlarvte, dass zahllose Schlachthöfe der Einfachheit halber (und aus kommerziellen Gründen) nur noch halal schlachten. Die Le Pen hat dies begierig aufgenommen und behauptet, im Raum Paris werde nur noch halal gegessen. (In Wirklichkeit ist es so, dass sämtliche Schlachthöfe der Region hal al schlachten – geliefert wird auch ni cht­halal). Danach lenkten die Medien fast unisono (exakt wie es Baudrillard beschreibt) die Aufmerksamkeit auf Le Pen. Die zu diskutierenden Probleme des Leidens der Tiere (Schlachten ohne Betäubung), der korrekten Etikettierung13 und der erhöhten Infektionsgefahr mit Escherecia coli wurden kaum mehr erwähnt – damit stehe es, so war wohl die Meinung, gut. Schuld an allem sei einzig die Le Pen, die ein Thema erfunden habe, um vor den Wahlen pol i ti sch davon zu profitieren. Die anti rassi stischen „Konstruktivisten“ konnten in gewohnter Manier verkünden: Es existiert kein Problem mit halal. Das angebliche Problem ist eine rassistische Konstruktion der Le Pen.

Nicht unähnlich verläuft die Diskussion über die Homophobie von Muslimen (vgl. hierzu den immerhin ausgewogenen Artikel „Le nouveau nationalisme est-il gay?“, Le Monde vom 30.6.2012). Studien belegen, dass die Homophobie in Europa, außer bei jungen Muslimen, generell abnimmt. Judith Butler, die philosophische Ikone der LGBT-Bewegung (lesbisch, gay, bi, trans), hat 2010, während der Gay Pri de in Berlin, einen Preis abgelehnt mit der

13 Auffällig in dieser Angelegenheit war die schreiende Stille des Konsumentenschutzes. Es drängt sich die Vermutung auf, dass auch diese Organisationen befürchteten, als rassistisch und islamophob dazustehen.

 

Begründung, die Bewegung habe sich einem „nationalistischen und militaristischen Kampf“ gegen den Islam angeschlossen.

Diesem Verdikt schließen sich inzwischen auch in Frankreich eine gewissen Anzahl Intellektueller an (während sich die LGBT-Bewegung tendenziell gegen die Anwürfe wehrt). Auch dieser Prozess zeigt Ähnlichkeiten mit den von Baudrillard beschriebenen Mechanismen. Das vorliegende Problem liegt, so die islamophilen Antinationalisten, sui generis gar nicht vor. Es wird, weil es dem unwandelbaren antirassistischen Dogmagefährlich werden könnte, durch das „konkret“-essenti al i sti sche Konstrukt des „Nationalisten“ verdrängt. So wie eine verkürzte Kapitalismuskritik das Fantasma des „raffenden Judentums“ hervorbringt, dem die gesamte Schuld am inhärenten Krisencharakter des Kapitalismus zugewiesen werden kann, halluziniert eine ungenügende (um nicht zu sagen: nicht vorhandene) Analyse des Problemkomplexes der Homophobie im Islam und ihrer exkl udi erenden sozialen Praxis, die auch von in Europa geborenen Immigranten nicht abgelegt wird, den perhorreszierten „Nationalisten“ herbei. In einer mustergültigen Verdrängungs- und Verschiebungsaktion rückt der Nationalist, also die Inkarnierung alles Verachtenswerten, in den Fokus der Aufmerksamkeit, so dass einem die Verantwortung entzogen wird, sich mit dem Problemkomplex selber auseinanderzusetzen. Wenn auch historisch und „substanziell“ hier keine leichtfertige Gleichsetzung postuliert wird, ist doch nicht zu negieren, dass sich hier Antisemitismus, Antinationalismus und Antirassismus „strukturell homolog“ zueinander verhalten.

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Ich gehöre zur vernachlässigbaren Minderheit in der Schweiz, die sich einigermaßen seriös mit der älteren kritischen Theorie befasst hat. Ich halte nach wie vor daran fest, dass dieses Denken unverzichtbar ist und habe u. a die These aufgestellt, dass Adorno die Probleme der Dekonstruktion vorausgesehen hat (cf. Zenklusen, Adornos Nichtidentisches und Derridas diff&ance, 2002). Umso mehr bin ich davon überzeugt, dass es nicht im Sinne Adornos sein kann, konzeptuelle Eckpfeiler seiner Forschung und Reflexion umstandslos über auf den ersten Blick ähnliche Phänomene zu legen, wie sie Adorno damals begegnet sind. Eklatant scheint mir dies bei der Beurteilung der möglichen Motive, Marine Le Pen zu wählen. Es zeugt m. E. von analytischer Faulheit, bei diesen Wählern durchwegs eine pathische oder „falsche“ Projektion vorauszusetzen.

Ich will und kann hier selbstverständlich keine umfassende Darstellung des heutigen Lepenismus und der Motive seiner Wähler bieten. Es geht vor allem darum, die von sel bsternannten Antifaschisten sowie der gesamten I i nks- und rechtsl i beral en Presse vertretene Doxa zu destabi I i si eren.

Zunächst einmal will man uns weismachen, beim Lepenismus handle es sich um eine zeitgemäße Form des Antisemitismus ohne Juden, der zu einer „Islamophobie“ geworden sei. Diese alte antifaschistische These steht nun aber genau beim Lepenismus auf tönernen Füßen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass der gerade im Südosten und im Norden große Erfolge feiert? Diese Regionen weisen einen hohen Anteil an extraeuropäischen Immigranten auf, im Gegensatz zum Westen und der Bretagne, wo der FN traditionell chancenlos bleibt. Ausgerechnet der Raum M arsei I les, das seit Jahrhunderten eine der kosmopolitischsten Städte Europas ist, sol I jetzt plötzlich i n angeblicher Unkenntnis der Sache fremdenfeindlich  geworden sein? Die These, hier liege eine „Angst“ vor dem Fremden und Unbekannten vor, scheint die Situation nicht zu treffen.

Sind die Le Pen-Wähler wirklich so irrational und angstvoll-phobisch, wie gemeinhin
dargestellt? In Zeiten des abdankenden National staats fä lt es leicht, den Lepeni sten Nostalgie
und Hass auf Immigranten zu unterstellen, die von den „wirklichen Problemen“ ablenken. Ob

 

dieser Hass aber als solcher, d. h. als eigentlicher Rassenhass, wirklich vorherrschend ist, müsste erwiesen werden. Immerhin ist es unzweifelhaft so, dass der Arbeitgeberverband auf ungebremste Immigration pocht, um damit Lohndumping zu betreiben. Die Opfer dieser Politik sind häufig selbst „arri vierte“ Immigranten. Auch in der privilegierten Schweiz gibt es in gewissen Berufszweigen zurzeit eine steigende Aversion gegenüber Deutschen, die lohnmäßig „kompromissbereiter“ sind. Um Rassismus in einem herkömmlichen und historisch nachvol I zi ehbaren Sinn dürfte es sich hierbei kaum handeln.

Zudem: Bekanntlich handelt es sich bei den gegenwärtigen Le Pen-Wählern vor allem um in peri urbanen oder in der Provinz lebende Arbeiter und Angestellte, im Übrigen nicht selten ehemalige Wähler der Kommunistischen Partei . Der A ntei I von klerikal -wertkonservativen, d. h. wertemäßig rückwärts orientierten Milieus dürfte eher gering sein – der katholische Konservatismus hatte es i n Frankreich schon lange schwer, und er ist in seiner f aschi si erenden Ausformung im Aussterben begriffen. Das Gleiche gilt für die Pätainisten. Mit diesen „Restbeständen“ an Wählern lassen sich keine 15% oder 20% erreichen. Hat man, nebenbei gefragt, den supponierten Rassismus dieses Wählerpools auch einmal mit dem Sozialrassismus in Beziehung gesetzt, dem er von Seiten der hegemonialen, städtischen und terti ari si erten I i nken, I i nksl iberal en und rechtsliberalen (von Konservatismus kann kaum mehr die Rede sein) Milieus ausgesetzt ist? Solch ein Projekt dürfte aufschlussreich sei n.14

Marine Le Pen hat als einzige Präsidentschaftskandidatin die Notwendigkeit des Erhalts der Laizität, insbesondere angesichts der Zunahme des Drucks und der Forderungen von islamischer Seite, nachdrücklich bekräftigt. Die überwiegende Reaktion der Medienlandschaft auf dieses Desiderat war so pawlowsch wie voraussehbar: Le Pen nützt das islamophobe Klima aus und schürt den Rassismus, um von den wirklichen Problemen abzulenken. (Was versteht, so sei an dieser Stelle gefragt, die M edi okratie eigentlich unter einem „wirklichen Problem“?)

Orwell hat wiederholt die Linke dazu aufgerufen, sich selber in Frage zu stellen, wenn die von ihnen anvisierten Massen rechtsaußen statt links wählen. Der Front National ist nun bald 40 Jahre „im Geschäft“, und ich habe nicht den Eindruck, dass die Linke diese Empfehlung des Briten je zu Herzen genommen hätte.

Die Büchse der Pandora der „offenen Laizität“ öffnete bereits die Regierung unter Sarkozy,
indem sie die muslimische Organisation UOIF als offizielle Repräsentanz der Muslime
anerkannte. Bei der UOIF handelt es sich erwiesenermaßen um eine stark integristische, also

14 Gewiss hat das Misstrauen städtisch-jakobinischer oder linksliberaler Kreise gegenüber einem allfälligen ländlichen Konservatismus historisch gesehen eine gewisse Berechtigung. Das prominenteste Beispiel sind die antirevolutionären, königstreu-katholischen Aufstände der sogenannten Chouans in der Bretagne und der Vendee (die allerdings ebenfalls nicht nur rein reaktionäre“ Motive hatten). Hinzuweisen wäre auch auf die „Grünhemden“ des autoritaristischen und faschisierenden Bauernführers Dorgeres in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Vgl. Paxton: Henri Dorg&es‘ Greenshirts and the Crises of French Agriculture, 1929-1939, 1997. Freilich hat derselbe amerikanische Historiker auch eine Studie zu Vichy veröffentlicht, die eigentlich bis heute das gute Gewissen des angeblich kosmopolitischen Parisers erschüttern sollte: Vichy France, Old Guard and New Order, 1940-1944, 1972. Unter anderem weist Paxton in diesem wegweisenden Buch nach, dass Vichy keineswegs, wie es die offizielle Propaganda („Arbeit, Familie, Vaterland“) nahelegen würde (und wie es in Pariser Kreisen bis heute herumerzählt wird), die soziale Revanche und den Aufstieg von provinziellen und rückwärtsgewandten Kräften, sondern ganz im Gegenteil den Durchbruch von sehr „modernistischen“, häufig aus dem städtischen Grossbürgertum stammenden Technokraten und Ingenieuren (die gerade von Speer sehr gelobt wurden) auslöste. Das Nachkriegsfrankreich vollzieht ökonomisch, strukturell und vom Personal her keinen Bruch mit Vichy, sondern verlängert es. Das Vichy-Regime war alles andere als „provinziell“.

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islamistische Organisation, die mit Vorliebe notorische Antisemiten in ihre Veranstaltungen einlädt (vgl. hierzu z. B. die Berichte von Mohamed Sifaoui auf dem Web).

Schlimmer noch stellt sich das Bild auf der linken Seite des politischen Spektrums dar. Die Organisationen und Mitglieder selbst größerer Parteien (insbesondere der Grünen), die der Rosstäuscherei der zahlreichen Adlaten von T. Ramadan aufgesessen sind, sind Legion. Die Debatte um das Kopftuch hat bewirkt, dass sie offen zur Fraternisierung mit den europäischen Vertretern der M usl i mbruderschaft übergegangen sind (entgegen den in Deutschland oft zu vernehmenden Fehlinformationen hat sich Attac nie von der Taqiya einlullen lassen). An Symposien und Demonstrationen scheuen sie selbst den Kontakt mit der Hamas und den Sal af i sten nicht! Die Details dieser tragischen Entwicklung liefert Fourest, op. cit., 335ff.

Für alle diese vorgeblich „antifaschistischen und -rassistischen“ Fraktionen (darunter tut sich besonders die Pariser Filiale der Ligue des droits de l’homme, der Liga für Menschenrechte (sic!) hervor)15 ist beispielsweise die Vereinigung Ni putes ni soumises, die aus der Banlieue geboren wurde, um gegen die islamisch injizierte Unterdrückung der Frauen anzukämpfen, ei ne reaktionäre, rassistische und vom französischen  Neokol onial i sm us gekaufte Sekte. Hier wird offensichtlich, dass der Antiimperialismus so einseitig, partikularistisch und durchwegs anti universal i sti sch interpretiert wird, dass er i n offene Regression kippt.

Es tut mir leid, das zu sagen, aber von appeasement kann in diesen Fälen nicht mehr gesprochen werden. Es liegt eine bewusste und offene Kollaboration von Teilen der Linken mit demjenigen Islam vor, der nur darauf wartet, die Menschen-, Frauen- und Bürgerrechte zu schleifen. Vor diesem Hintergrund ist das prononcierte Einstehen von Le Pen für den Erhalt der Laizität objektiv ein progressiver Akt, und es gibt einen nicht unerheblichen Teil der universalistischen Linken, der jakobinischen Republikaner und der kompromisslosen Laizisten, die in dieser Frage mit ihr vollkommen einig ist. Wenn sich Pseudo-Antifaschisten mit dem grünen Faschismus verbünden, ist selbst die nationale Rechte noch vorzuziehen.

Solche an sich einfachen Einsichten sind noch immer nicht beim überwiegenden Teil der Linken und „Liberalen“ angekommen. In machi avel I i sti scher M ani er lässt sich frei I ich f ragen: Ist der Parti Soci al i ste überhaupt an einer Schwächung Le Pens interessiert? Dadurch, dassdie liberale Rechte (UM P) nicht mit dem FN paktiert, ist der PS, abgesehen von den Präsidentschaftswahlen, in sämtlichen Wahlen bevorteilt. Der PS bildet denn auch auf sämtlichen Ebenen des Landes heute eine Mehrheit. Setzt sich aber die Ausweitung der islamisch dominierten Territorien und die islamische Unterminierung von Parteien, Verbänden und (häufig staatlich f i nanzierten!) Vereinigungen  (associations) fort, wird symmetrisch dazu auch der FN stark bleiben oder weiter zulegen. Ohne verschwörungstheoreti sch etwas zu unterschieben, ist es doch objektiv unleugbar, dass der PS von der Islamisierung und der Stärke des FN nur profitieren kann.

Würde man die Berichte der dominierenden links- und rechtsliberalen Medien über die Gefahren des angeblichen Faschismus in Frankreich ernst nehmen, müssten die blutigen Spuren des Rechtsextremismus allenthalben zu beobachten sein. Man stellt sich Dutzende im Land marodierende Banden von Rassisten vor, die auf alles losgehen, was islamisch oder schwarz ist. So etwas ist aber praktisch inexistent. Es wäre nicht uninteressant, sich in einer Studie eine Übersicht zu verschaffen über die Anzahl der Opfer von gegen Immigranten gerichteter, rassistischer Gewalt und diejenige von gegen autochthone Franzosen gerichteter, rassistischer Gewalt.

15 Die besser informierten Abteilungen in Lyon und Marseille hatten mehrfach vergeblich vor der Falle gewarnt. Auch dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Führungszirkel in Paris zusehends unter einer Käseglocke bewegen und jeden Kontakt mit den Realitäten des Landes verloren haben. Vgl. hierzu meinen (auf Zürich bezogenen) Begriff des Hyperprovinzialismus, in: Im Archipel Coolag, 2006, pp. 103ff.

 

Dem Lepenismus wird vorgeworfen, blind und populistisch auf die „classe politi que“ zu schießen. Unzweifelhaft gehört es zum integralen Bestandteil jedes Faschismus oder Rechtspopulismus, bei den Wählern die anti el iti sti schen Instinkte zu wecken und die Akteure des politischen Feldes als durchwegs korrupt, machtgierig und volksfeindlich erscheinen zu lassen. In der westlichen Welt wurde dies am effizientesten in der Schweiz und in den USA erprobt. Es entspräche allerdings einem allzu abstrakten Schematismus, würde man diese Kenntnis ei ns zu ei ns auf Frankreich appl i zieren.

So sehr der schweizerische Pol itamateuri smus den Populismus begünstigt, so wenig taugt die französische Organisation des Pol i ti schen als valable Alternative.

Zunächst sei festgehalten, dass die Kumulierung von Ämtern einen äußerst hohen Grad erreicht. Über 80% der politischen Vertreter üben mehr als ein Mandat aus – innerhalb Europas eine exotisch anmutende Zahl. Wie vertrauenswürdig ist der Bürgermeister einer Stadt in der Auvergne, wenn er dort kaum je auftaucht, weil er Mitglied der Nationalversammlung ist? Worin besteht der Nutzen eines Regionalrats, der immer in Paris ist?

Zum zweiten ist die ungewöhnlich langsame Reproduktion des politischen Personals anzuführen. In Frankreich ist man nicht nur beruflich Politiker (der Einstieg aus der Zivilgesellschaft ist eher rar), sondern nicht selten auch auf Lebenszeit. Einige Minister der Regierung Mitterrands nach der Machtübernahme 1981 sind noch immer aktiv und werden so schnell nicht aufhören. Diesführt aber zu Abschottungs- und Apparatschikeffekten.

Die Problematik dieser Situation ist im Land wohlbekannt und wird regelmäßig wieder als „mal fran9ais“ (Peyrefitte) kritisiert. Die bisherigen Reformversuche werden allerdings eher zaghaft implementiert. Es zeigt sich also bei näherer Betrachtung, dass Le Pens Ausfälle gegen das Politestablishment „populistisch“ sein mögen, aber durchaus einen existierenden und äußerst relevanten Kern treffen, d. h. eben nicht einfach, wie es sich die Faschismustheorie gerne zurechtlegen würde, auf dem rein demagogischen Konstrukt eines dämonisierten Feindes fußt.

Hinzu kommen noch die Folgen des sogenannten „Endes der Ideologien“, das in Wirklichkeit die hegemoniale Durchsetzung des Wirtschaftsliberalismus und der Freihandelsideologie bedeutet. Niemand in Frankreich hat das freie Unternehmertum derart gefeiert und die neoliberale Terminologie so forciert wie die Sozialisten nach 1983. Die meisten Linken, das Zentrum und die „liberale“ Rechte (eine gaullisti sche ist nicht mehr vorhanden) sind sich seit über 30 Jahren in Fragen der Privatisierung, der Liberalisierung, der europäischen Integration, der Immigration und der Interpretation des Islam als pluralisierender Wohltat einig. Referenden wurden in dieser Zeit ganze zwei organisiert: Die dominierenden politischen Kräfte versprachen durch die Umsetzung des Maastricht-Vertrags Frieden und Wohlstand. Mit welchem Ergebnis? Das Nein zum europäischen Vertrag wurde übergangen. Ein französischer Souveränist hatte vielleicht nicht ganz unrecht, als er sagte, dass sich die auf geblähte und fieberhafte Suche nach dem Rechtsextremismus in der französischen Politik als immer ergebnisärmer erweise. Der Rechtsextremismus sei die Realität selbst, mit ihrer Entmachtung der Staaten und der Bürger.

Die Kritiker Le Pens weisen schließlich (manchmal nicht ganz ohne einen gewissen Zynismus) darauf hin, dass ihre Wähler zu den Verlierern dieser Entwicklung und der Politik der vergangenen 30 Jahren gehören. Ihre Wahl sei eine „Protestwahl“. Unglaublicherweise dient diese Feststellung dem fixen Argument, die Le Pen-Wähler seien „verführt“ und instrumentalisiert worden. Wie sähe denn der Vorschlag der solcherart argumentierenden Journalisten aus? Sie scheinen nicht verstanden zu haben, dass Wahlen in einer repräsentativen Demokratie, selbst wenn sie innerhalb einer einengenden Kapitalismusformation stattfinden und nicht viel zu bewirken vermögen, u. a genau diesen Zweck erfüllen: gegen die herrschenden politischen Fraktionen zu protestieren. Es sind

 

folglich nicht die Le Pen-Wähler, die pathologisiert werden müssen, ganz im Gegenteil: Le Pen-Wähler, die unter den großen politischen Entscheidungen zu leiden hatten, wären krankhaft ängstlich und autoritätsgläubig, müssten also einer Politpsychoanalyse unterzogen werden, wenn sie trotzdem noch immer die linken und rechten Liberalen portieren würden –exakt dies wäre K adavergehorsam. – Wo versteckt sich hier der autoritäre Charakter?

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2011 publizierte Terra Nova, der Think Tank der franzosischen Sozialisten, das Ergebnis einer Reflexion über die Strategie, die zu führen ist, um die Wahlen 2012 zu gewinnen. Dabei wurden die Konturen des „Frankreichs von morgen“, also die Eigenschaften der potentiellen Wählerschaft definiert, die verstärkt angesprochen werden soll. Das Frankreich von morgen, so heißt es da, besteht in erster Linie aus Diplomierten, Jungen, Minderheiten und Frauen. Die Angehörigen der populären Schichten stünden fortan nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit des PS. Sie würden stark vom Front National angezogen, da sie sich inzwischen „kulturell“ nach rechts orientieren würden. Die populären Schichten seien größtenteils in kultureller, ökonomischer und sozialer Hinsicht „protektionistisch“.

„Protektionistisch“? Sind es nicht gerade die Funktionäre dieser Partei, die alles unternehmen, um ihren Kindern „populäre“ Schulen zu ersparen? Der PS predigt die Immigration für die anderen, nicht für sich. Si nd es tatsächlich die französischen  A rbeiter, die pl ötzl ich rechts(au ßen) geworden sind? Wie wäre es mit einem Gran Selbstkriti k beim PS?

Viele Le Pen-Wähler aus den populären Schichten lehnen sich auf gegen die neoliberale und die islamische Globalisierung. Dies ist ein genuin linkes Ansinnen und folgt Marxens Forderung, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, verächtliches Wesen sei. Die Sozialisten hingegen fördern die angesprochenen beiden Seiten der Globalisierung (die sehr viel besser koexistieren, als allgemein angenommen). Wenn auch soziologisch nicht ganz haltbar, ist dem Urteil von Michöa der Tendenz nach beizupflichten: „Es ist also nicht unbedingt das Volk, das aufgrund der Folgen einer Massenkultur, der kaum zu widerstehen ist, sich von der traditionellen Linken und den Gewerkschaftsorganisationen abgewendet hat (…). In Wirklichkeit ist es die Linke selbst, die ab den späten 70er Jahren beschlossen hat, die bescheideneren und am stärksten ausgebeuteten sozialen Kategorien ihrem Schicksal zu überlassen, indem sie fortan <realistisch> und <modern> sein wollte, also von vornherein auf jede radikale Kritik der historischen Phase verzichtete, die nun seit über 30 Jahren die Menschheit unter einer riesigen <Akkumulation von Waren> begräbt.“ (op. cit., p. 252).

Handelten die FN-Wähler wirklich so phobisch und irrational? Es ist der PS, der von ihnen nichts mehr wissen will. Sie sind di ej eni gen, die, wieder Sozialist Jean Jaurös über die Armen gesagt hat, nichts als ihre Heimat besitzen. Oder hat man schon jemals eine Wählerfraktion gesehen, die für eine Partei stimmt, die explizit nichts mit ihr zu tun haben will ?

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Ei ne ausgedehnte Studie von Mal i ka Sorel und weiteren Autoren von 2010 über Probleme i m Schulbereich zeigte deutlich auf, dass der Islam massiv Einzug hält in den Schulzimmern: Frauenfeindlichkeit, Unmöglichkeit, die Schoa oder die Evolutionstheorie zu lehren, prinzipielle Feindlichkeit gegenüber Inhalten, die mit dem Koran nicht vereinbar sind etc. Reaktion eines mir bekannten Soziologen: Die Studie ist von Sarkozy bestellt, also nicht valid. Leider falsch getippt, aber ganz im Sinne von Verschwörungstheorien. Es ist nämlich ein offenes Geheimnis, dass die Hierarchie in den französischen Schulen nichts wissen will von ethnisch-religiösen Konflikten. Oder anders: Die Erwähnung solcher Konflikte als

 

Ursache von Problemen im Schulalltag ist tabu, und die wenigen Lehrer, die dies wagen, werden rasch zur Räson gebracht und erfahren keinerlei Unterstützung. Die Lehrer werden tatsächlich im Stich gelassen, aber nicht nur in der Weise, wie es der linken Orthodoxie passt. Eine Orthodoxie, die nichts dabei findet, evangelikale Auswüchse in den amerikanischen Schulen als solche zu benennen.

Tatsächlich korrelieren oben genannte Phänomene NICHT mit Armut, sondern mit der Präsenz des Islam. Zumindest die (der Sympathie mit der Rechten völlig unverdächtige) Autorin Fourest stellt einen direkten Zusammenhang dieser Entwicklung mit den äußerst beliebten Vorträgen (und Kassetten) Tariq Ramadans her, der die Schule von innen „reformieren“ (d. h. islamisieren) will. Wer vom Evangelikalismus spricht, darf vom Islam nicht schweigen.

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Ei n anti i mperi al i sti scher Professor für Sozialgeographie aus der Schweiz vertrat an einer Veranstaltung die Ansicht, dass alles, was nach der amerikanischen Invasion des Iraks an Terror geschehen ist, gegen jene gerichtet sei. Schiitische und sunnitische Religion seien nur eine „Konstruktion“. In der multikulturalistischen Orthodoxie ist dieser Trick, wie ich seither festgestellt habe, rekurrent. Alles, was einem nicht in den Kram passt, ist eine Konstruktion. Die Güte solcher Argumente ist indiskutabel .

Rätselhaft bleibt ferner in dieser sozialgeographisch-ökonomistischen Sicht, weshalb überhaupt ein Dialog der Kulturen oder ein Multikulturalismus entstehen sollte, wenn Kultur und Religion nur ein „konstruiertes“ Beigemüse sind, das das „Reale“ der ökonomischen Verhältnisse  kaum aff iziert.

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Der in Paris dominierende Antirassismus mit seinem Hang zum Sozialrassismus ist selber keineswegs gefeit vor der Hetze gegen andere Nationen, falls diese gegen die Multikultigebote verstoßen. Man hat noch bleibende Erinnerungen an die pauschale und ignorante frankobelgische Hetze gegen Österreich nach den Erfolgen Haiders, die bis weit in wissenschaftliche Kreise betrieben wurde (cf. Lothar Bai er, Glücklich ist, wer vergisst!, eurozi ne, 31.3.2000). Daraus wurde nichts gelernt, im Gegenteil: In einem Radiosender mit nationaler Bedeutung wurde nach Erfolgen rechtspopulistischer Parteien in Skandinavien von einem „Journalisten“ behauptet, die Skandinavier wollten ihre wische Rasse beibehalten (das ist kein Scherz!).

Es scheint, als erwarteten diese Meister der „Toleranz“ von den Skandinaviern, dass sie die katastrophalen ethnorel igiösen Experimente des social engi neeri ng i n Frankreich kopieren – andernfal I s sie als Nazis dastehen würden.

A uffäl lig ist, dass so gut wie sämtliche Macher dieser Sender überzeugte „Europäer“ sind. Als einstmals sehr frankophiler und euphorischer Befürworter der europäischen Integration kann ich längst das Misstrauen gegenüber der moralisierenden Arroganz der multikulturalistischen EU-Verfechter, wie sie aus den Parolen einer gewissen Pariser I ntel l i gentzi ja hervortritt, verstehen. Der „europäische Geist“ dieser Meinungsmacher ist ein müder Witz geworden: Generell reicht ihr Horizont nicht über den boulevard pöriphörique hinaus, und das Beherrschen einer Fremdsprache kann (im Gegensatz zu Dänen oder Norwegen) nicht erwartet werden.

Die Indifferenz, mit der in der EU der Missachtung des Volksentscheides in Frankreich und
den Niederlanden durch die Implementierung des Lissabon-Vertrages begegnet wurde, kann
aus Schweizer Sicht nur als Warnung verstanden werden. Es ist in der Tat kaum mehr

 

nachvol I zi ehbar, was die Schweiz i n diesem Konstrukt, das offensichtlich nicht einmal basal e Regeln der demokratischen Entscheidungsfindung respektiert, zu gewinnen hätte. Sicherlich haben die Menschen keine Lust, dasselbe Los wie Millionen von Franzosen zu teilen, nämlich i n einem System zu leben, das sie tägl ich als Rassisten und Faschisten beschimpft.

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Immer, wenn der französische Antifaschismus als Burleske seiner selbst scheinbar den Tiefpunkt erreicht hat, gibt es noch einen Bernard-Henri Lövy, der demonstriert, dass es noch schlimmer geht. Als ein in La Rochelle tätiger Politiker des PS sich geweigert hatte, zugunsten der von der Parteizentrale „parachutierten“, aber offenbar nicht heimischen Kandidatin S. Royal für die Nationalversammlung Platz zu machen und danach mit Abstand gewann, griff Lövy zu seiner spitzen Editori al istenfeder für Le Point (2.7.2012). In dem Text bezeichnet er die Auffassung, dass ein Abgeordneter seine Region vertritt, mehrfach als „maurassien“ (nach dem Schriftsteller Charles Maurras), was, wie wir wissen, für Lvy gleichbedeutend mit „faschistisch“ ist (cf. L’idologie franvaise, 1981). Nun bin auch ich, seit ich politisch denken kann, ein passionierter Kritiker des Schweizer Föderalismus mit seinen bedauerlichen Folgeerscheinungen. Aber deshalb die Faschismuskeule schwingen? Diejenigen Parlamentarier in den EU-Ländern, die sich als Vertreter einer Region oder eines Bezirks verstehen, werden erf reut sein zu hören, dass es in Paris begeisterte Befürworter einer politischen EU wie Lövy gibt, die sie allesamt als Faschisten betrachten.

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„Morgen wird die gesamte Gesellschaft den antiweissen Rassismus akzeptieren (<assumer>) müssen. Das wirst Du sein, das werden Deine Kinder sein, die das erleiden werden. Auch der, der sich nichts zuschulde hat kommen lassen, wird seine Geschichte von 1830 an berücksichtigen müssen. Jeder Weisse, auch der antirassistischste, der am wenigsten paternalistische, der sympathischste wird das wie die anderen erleiden müssen. Denn wenn es keine Politik mehr gibt, dann gibt es keine Details mehr, dann gibt es nur noch Hass. Und wer wird dann für alle zahlen? Jeder, jede von euch wird es sein. Deswegen ist dies schlimm und gefährlich. Wenn ihr eure Haut retten wollt, dann jetzt. Die Indienes de la Röpublique, das ist ein Projekt für euch. Diese Gesellschaft, die ihr derart mögt, rettet sie…jetzt! Bald wird es zu spät sein: Die Weissen werden nicht mehr in die Quartiere (der Banlieue, d. V.) reinkommen, so wie jetzt schon die I i nken Organisationen. Sie werden sich beweisen müssen, und werden immer des Paternalismus verdächtigt werden. Heute gibt es noch Leute wie wir, die mit euch reden. Aber es ist ungewiss, ob die morgige Generation die Präsenz der Weissen noch akzeptieren wird.“

Würde man in diesem Text „Jude“ an Stelle von „Weisser“ setzen, könnte es sich com grano salis um eine Ankündigung Himmlers oder Heydrichs handeln. Es handelt sich aber um ein Interview,  das die Gründerin des Parti des I ndigänes de la Räpublique, Houria Bouteldja, der Zeitschrift Nouvelles questions föministes (sic!!!) gab, und das sie ungeniert auf ihrer Homepage publiziert. Kern dieser Aussagen ist nichts anderes als eine völkisch-religiöse Drohung: Falls ihr nicht die islamistisch-arabische Gesellschaft und Politik herstellt, die wir uns wünschen, wird es in Zukunft normal sein, dass Wei ße grundlos massakriert werden. Wie die Politik Bouteldjas aussieht, hat sie zur Genüge unter Beweis gestellt. Jede Analyse und Kritik des Islam ist für sie „Islamophobie“. Als Reaktion auf die Vereinigung Ni putes ni soumises, die gegen die Unterdrückung von Frauen in der Banlieue gerichtet ist, hat sie eine islamophile Gegenorganisation ins Leben gerufen. Sie ist eine hei ße Liebhaberin von Hizbollah und Hamas und bewundert den extrem islamistischen Scheikh Yassin. Als die

 

Büros der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zerstört wurden, hat sie eine Petition lanciert, die forderte, das Unterstützungskomitee zugunsten der Zeitung zu boykottieren. Figuren wie Tariq Ramadan gehören sozusagen zum Mobiliar ihrer Homepage.

Wie nennt man so etwas? Richtig, das ist Islamonazismus in Reinkultur. Wir haben hier eine prototypische Führerin des islamischen Neonazismus im Frankreich des 21. Jahrhunderts vor uns Was unternahmen die Heerscharen von Antifaschisten und Antirassisten gegen sie? Antwort: nichts Das dokumentiert, wie stark die Gegenaufklärung im französischen Antifaschismus und A nti rassi smus bereits präsent ist. Die Dämonen erwachen wieder, und im heutigen Frankreich tarnen sie sich als Antirassisten.

Bouteldja arbeitet übrigens im Institut du monde arabe in Paris und lebt demnach überwiegend von französischen Staatsgeldern. Diejenigen Franzosen, die am Existenzminimum arbeiten, werden entzückt sein, zu erfahren, dass sie mit ihren Abgaben und Steuern Neonazis f i nanzieren, die ihre physische Vernichtung planen und I egi ti mi eren.

Diagnosti kern und Theoreti kern wird, insbesondere i n anti i ntel I ektual i sti schen Kreisen, gerne der Vorwurf gemacht, es mangle ihnen an „praktischen Verbesserungsvorschlägen“, ungeachtet der Tatsache, dass Theorie ebenfalls Praxis ist und praktische Folgen hat.

Doch in vorliegendem Problemkreis scheinen mir zwei juristische Maßnahmen dringlich geboten. Aus meinen Ausführungen folgt, dass heutige Ausformungen des Antirassismus, Antifaschismus und Multikulturalismus sich offensichtlich von ihren emanzipatorischen Quel len gelöst haben. Oft vertreten sie dieselbe Ideologie wie multi nationale Unternehmen, i n ihrem Hang zur Islamophilie und zum Kulturrelativismus werden sie sogar offen reaktionär und regressiv. Soziologisch wäre zu prüfen, ob sie nicht bis zu einem gewissen Grade zu einer Art von Kulturbestand der „urbanen“ Hyperbourgoisie und ihrer Angestelltenschaft geworden sind, um durch die Absetzung von weniger gl obal i si erungsf reudi gen Schichten mit häufig geringerem kulturellem Kapital die eigene soziale Position zu reproduzieren. Dies wäre auch die Erklärung für die erwähnten sozial rassistischen Tendenzen.

Deshalb müsste erstens Sozialrassismus iuridisch mit dem genau gleichen Strafmaß sanktioniert werden wie Rassismus Zweitens müssten ungerechtfertigte Rassismus- und Faschismusvorwürfe mehr als nur symbolische Konsequenzen haben.

Dies hätte den Nachteil, dass das Netz der Verbotsgesellschaft (das nicht zuletzt von denselben Kreisen gespannt wurde) noch engmaschiger würde. Doch der Willkür gewisser Vereinigungen und Lobbys, die den prozeduralen Weg so mögen und von allen Rechenschaft verlangen, selber aber niemandem Rechenschaft schuldig sind, muss etwas entgegengesetzt werden. Es gilt, Sand i n die faschistoide  und islamophi I e Denunziationsmaschi ne zu streuen.

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Vor einiger Zeit hat der Blog eines jungen Mannes in Frankreich Aufsehen erregt. (Heute ist der Text zum Beispiel noch auf www.rue89.com einzusehen). Darin erklärt der Autor, wie er zum Wähler des Front National geworden ist, unter dem Titel: „Ich bin der Fehler in eurem System, ich wähle Front National“ (Je suis une erreur dans votre systäme, je suis votre ölecteur FN). Hier einige Auszüge dieses verstörenden Bekenntnisses:

„Ich bin in den Zwanzigern, lebe mit etwas mehr als 500 Euros, höre Metal, Elektro, Rap, bin in einem linken Umfeld aufgewachsen, in einer Banlieue. (…) Ich war i mmer ein guter Schüler (…) und stehe vor einem Master mit guter Benotung. (…) Noch vor 10 Jahren verzog ich mich jeweils, wenn wir bei Leuten eingeladen waren, die schlecht über Araber sprachen

 

und Le Pen wählten und spuckte ihnen aufs Auto. (…) Meine Kumpels in der Schule hießen A bdel kader und Said, und wir alle fluchten über die <Faschos>. (…)

Linke, ihr könnt mich mal ! Ich war ein Linker, bis auf die Knochen, und habe deshalb das Recht, euch den Tarif durchzugeben. (…) Mit 15 habe ich nach dem ersten Wahlgang zur Präsidentschaft gegen Le Pen demonstriert. (…) Ich bin wegen der Realität zum FNWähl er geworden, obwohl alles in meiner Erziehung, meinen Werten, meinen Vorurteilen dagegen sprach. (…)

Es ist ein <Junger>, der zu euch spricht (ein Wort, das ihr so mögt). Ein Junger, der feststellt, dass ihr es seid, die die Spaltung der Gesellschaft zu verantworten habt (…), indem ihr Völker bei uns importiert habt, die uns feindlich gesinnt sind (…) und die durch die <anti rassistische> Bewegung noch fei ndsel i ger geworden sind (…), indem i hr si e auf ri eft, stolz auf ihre Herkunft zu sein und uns zwangt, uns über unsere Wurzeln zu schämen, indem ihr allen beibrachtet, dass alles, was autochthon ist, nazihaft und kolonialistisch ist (…), indem ihr uns aus eurer <D i versi tät> regelrecht gestrichen habt.

Ihr habt diesen Rassismus geschaffen, der faktisch dominiert, von dem ihr aber nie sprecht: der Rassismus derjenigen, die uns <Kreidengesichter> nennen.

(…) Euren <Multikulturalismus> habe ich voll in die Fresse gekriegt. Ihr wolltet mich glauben machen, dass die, die mich als <Drecksfranzose> oder <Drecksweisser> beschimpft haben, Franzosen sind. (…)

(…) Ich erinnere mich an diese kleine Blondine (…), die in der cite rund um unsere Schule wohnte. Wir mochten uns, aber eines Tages gestand sie mir mit Tränen in den Augen, dass sie nicht mit mir ausgehen könne, dass es sehr schlecht angesehen sei, mit einem Weissen auszugehen. Das Risiko war ihr zu gross.

(…) Einmal kam ich mit meiner Freundin und einigen Kumpels nach Hause, da sind wir in einem Bus umzingelt worden, es waren etwa 15, sie begannen, lachend die Haare meiner Freundin zu berühren. Sie kochte vor Wut, wie wir alle, doch sie waren zu zahlreich, wie immer. Sie begann sich zu wehren. <He, halte deine Frau im Zaum!>, rief einer. Die Stimmung wurde immer aggressiver, und sie kamen immer näher. Der Busfahrer sah alles, hat aber nicht eingegriffen. Bei der nächsten Station haben wir es geschafft auszusteigen, unter Beschimpfungen. (…)

Linke, dank euch musste ich während meiner Jugend rassistische Attacken einstecken, die täglichen Erniedrigungen erleiden, mit Situationen umgehen, deren Schilderung manche an die Geschichten der Leute unter der Okkupation erinnern.

Die Strassen so begehen, dass man nicht auf ihre Banden trifft (…), permanent hellwach bleiben, manchmal auf den Ausgang verzichten, Wegeaustüfteln, um lebendig nach Hause zu kommen, den Kopf senken und den Mund halten – erinnert das euch an etwas? (…)

(…) Ich hatte nie irrationale Ängste, ich habe alles aufgrund von Erfahrungen beurteilt. Ich habe keine Vorurteile, nur <Nachurteile>. Linke, euer ganzes Vokabular gehört auf den Müllhaufen, eure schwere Artillerie und eure permanenten Erpressungen haben keine Wirkung mehr auf mich, wie auch auf Millionen anderer nicht. (…)

Alles, was mich heute ausmacht, hat mich die Wirklichkeit gelehrt. Ich bin nicht der Sohn Hitlers, sondern der Sohn der antirassistischen Jugend. Ich bin der Sohn eurer Weltanschauung. (…)

(…) Ich bin die Sex Pistols und The Clash, ich bin Alliance Ethnik und NTM, ich habe in der Stube neben afrikanischen Statuetten laufen gelernt, mein Universum ist farbig, ich bin eine Mischung, Frucht eines Bretonen und einer Italienerin (…).

(…) Ihr habt mich erschaffen und danach fallen gelassen, ich bin eure Kreatur, die euch
entlaufen ist. Ich bin der Prototyp des aufgeweckten und gescheiten Jungen, ich bin instinktiv
gegen Reaktionäre, ich stehe weit entfernt von Konservativen aller Richtungen, und genau

 

deswegen bin ich meilenweit von euch entfernt, von euren scheinheiligen Slogans und eurer vorgestri gen M oral .

Und ich bin nicht allein. Es gibt in Frankreich eine andere Jugend, die ihr nicht sehen wollt, die euch nicht interessiert, eine Jugend, der ihr nie vergebt, der ihr nie zuhört, die ihr verachtet, (…) die nichts anzündet, aber brennt vor Energie für einen Wandel, einen richtigen Wandel, sie ist in den Strassen und an den Konzerten und will nichts weiter als leben, und ihr werdet sie nicht zum Schweigen bringen, weder mit euren Lügen, noch mit eurem Hass.

Ich bin der einzige kolonisierte Palästinenser, um den ihr euch keinen Deut schert. Ich bin der einzige Typus Franzose, der kein Recht auf eure <Toleranz> hat. (…)

Ich bin der Fehler in eurem System, ich wähle Front National.“

Oktober 2012

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