Über den türkischen Islamfaschismus und warum es keinen Widerstand gegen ihn gibt

Vortrag & Diskussion in Kassel

Am Freitag, den 24. Februar 2017, um 19:00 Uhr
im Willi Seidel Haus – Haus der Jugend,
Mühlengasse 1, 34125 Kassel

Über den türkischen Islamfaschismus

mit Justus Wertmüller

Seit dem 20.1.2017 ist alles vor­bei. Das tür­ki­sche Par­la­mant hat mit den Stim­men von Edo­gans AKP und der Mehr­heit der Ab­ge­ord­ne­ten der na­tio­nal­chau­vi­nis­ti­schen MHP – zu­sam­men 80 % der Ab­ge­ord­ne­ten – für die Er­rich­tung einer Prä­si­di­al­di­kta­tur ge­stimmt. Damit hat sich im Grun­de wenig ge­än­dert, denn die Prä­si­di­al­dik­ta­tur, ist schon seit 10 Jah­ren im Vor­marsch und seit dem Putsch­ver­such vom 16.7.16 fak­tisch, wenn auch nicht recht­lich, Rea­li­tät.

Es soll nicht darum gehen, eine er­mü­den­de Auf­zäh­lung der Schreck­nis­se nach der Putsch­nacht zu prä­sen­tie­ren, denn zur Auf­klä­rung über das, was im ganz nahen Osten vor sich geht, trägt das nicht viel bei. Viel­mehr soll in dem Vor­trag Cha­rak­ter und Ent­ste­hung des tür­ki­schen Is­lam­fa­schis­mus’ aus dem Geist und der Pra­xis der ke­ma­lis­ti­schen Re­pu­blik er­klärt wer­den. Denn so bit­ter es ist, viele von denen, die als die nächs­ten Opfer des un­auf­halt­sa­men Durch­mar­sches des ein­fa­chen Vol­kes unter sei­nem ge­lieb­ten Füh­rer schon fest­ste­hen, haben am Un­ter­gang einer Re­pu­blik, in der es nie selbst­be­wuss­te Bür­ger ge­ge­ben hat, flei­ßig mit­ge­wirkt. Kaum ein tür­ki­scher So­zi­al­de­mo­krat oder Lin­ker würde zu­ge­ben, dass der selbst­be­wusst und ag­gres­siv Tür­ken­tum ge­hei­ße­ne Na­tio­nal­stolz, an dem kei­ner rüh­ren mag, auf dem Ge­no­zid an den Ar­me­ni­ern 1916 ge­nau­so wie den Mas­sen­mor­den an vor allem Grie­chen in den Jah­ren 1920 bis 1923 auf­ruht. Im Ge­gen­teil: Wenn einer die Grün­dungs­ver­bre­chen auch nur be­nennt, kommt es zum ganz gro­ßen Schul­ter­schluss, dann gibt es keine Par­tei­en mehr, son­dern nur noch Tür­ken. Zu­letzt war es am 17.1.2017 wie­der so weit:Am fünf­ten Tag der Ma­ra­thon­de­bat­te um die Ver­fas­sungs­än­de­run­gen trat Garo Pay­lan von der pro­kur­di­schen Par­tei HDP ans Red­ner­pult, um für eine plu­ra­lis­ti­sche De­mo­kra­tie zu plä­die­ren: Kol­le­gen, zwi­schen 1913 bis 1923 haben wir vier Völ­ker ver­lo­ren – die Ar­me­ni­er, die Grie­chen, die As­sy­rer und die Juden. Sie sind aus die­sem Land ver­trie­ben wor­den, mit Mas­sa­kern und mit einem Völ­ker­mord. Liebe Kol­le­gen… Dann muss­te er seine Rede wegen der vie­len Un­muts­be­kun­dun­gen und Zwi­schen­ru­fe un­ter­bre­chen. In die­sem Land hat es nie einen Völ­ker­mord ge­ge­ben, schrien Ab­ge­ord­ne­te aus den Rei­hen der is­la­mi­schen Re­gie­rungs­par­tei AKP und der na­tio­na­lis­ti­schen MHP eben­so wie Ver­tre­ter der ke­ma­lis­ti­schen CHP, die sich als so­zi­al­de­mo­kra­tisch ver­steht. Hören Sie auf, die Ge­schich­te die­ser Na­ti­on zu be­lei­di­gen!, brüll­te ein Ab­ge­ord­ne­ter. Schließ­lich schal­te­te sich Sit­zungs­prä­si­dent Ahmet Aydin ein: Kol­le­ge Pay­lan, bitte be­rich­ti­gen Sie Ihre Worte. Es hat kei­nen Völ­ker­mord ge­ge­ben.
Be­schwich­ti­gend wand­te sich Pay­lan aber­mals an das Ple­num. Sehen Sie mal, Kol­le­gen, wir Ar­me­ni­er waren frü­her 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung, heute sind wir 0,1 Pro­zent, ir­gend­et­was muss uns doch pas­siert sein!, be­schwor er das Par­la­ment. Aber er wurde wie­der nie­der­ge­brüllt. Herr Pay­lan, pas­sen Sie auf, was Sie sagen, herrsch­te Par­la­ments­vi­ze Aydin den Ar­me­ni­er an. Ich habe Sie ge­warnt: Sie dür­fen hier nicht die Na­ti­on be­lei­di­gen. Die Sit­zung wurde un­ter­bro­chen. An­schlie­ßend schloss die Volks­ver­tre­tung mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit Garo Pay­lan für drei Sit­zun­gen aus dem Par­la­ment aus. Seine An­spra­che, so be­schlos­sen die Ab­ge­ord­ne­ten, wird aus dem Par­la­ments­pro­to­koll ge­löscht.
(Ta­ges­spie­gel, 18.1.17)

http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20170215berlin.html

Die DITIB und die Milli Görüs sind in Kassel Partner des städtische geführten Dialoges. Beide Organisationen sind sowohl im Rat der Religionen als auch am Runden Tisch der Religionen vertreten. Dabei gehört nicht viel dazu, der fragwürdigen Ideologie, die in diesen Organisationen vertreten wird, auf die Spur zu kommen. Sowohl das BgA-Kassel als auch das AK Racoons haben zum Thema recherchiert und Statements veröffentlicht. Auch die hiesige Presse die HNA hat jüngst kritisch angemerkt (HNA-02-02-17-hetze-gegen-juden), dass innerhalb der DITIB Haß auf Christen und Juden durchaus gängig ist, gleichwohl wird auch dort immer wieder die Bereitschaft zum Dialog geworben.

Die Ideologie, die von DITIB und Milli Görüs verbreitet wird, hat unmittelbar etwas mit den politischen Verhältnissen in der Türkei zu tun. Dort ist seit dem 20. Januar 2017 alles vorbei. Das türkische Parlamant hat mit den Stimmen von Edogans AKP und der Mehrheit der Abgeordneten der nationalchauvinistischen MHP – zusammen 80 % der Abgeordneten – für die Errichtung einer Präsidialdikatatur gestimmt. Damit hat sich im Grunde wenig geändert, denn die Präsidialdiktatur, ist schon seit 10 Jahren im Vormarsch und seit dem Putschversuch vom 16.7.16 faktisch, wenn auch nicht rechtlich, Realität. Doch auch schon bevor die AKP in der Türkei die Mehrheit in den Parlamentswahlen erlingen konnte und Erdogan zum Präsidenten gewählt wurde, wiesen die Verhältnisse in der Türkei auf das hin, was jetzt zu beobachten ist.

Es soll nicht darum gehen, eine ermüdende Aufzählung der Schrecknisse nach der Putschnacht zu präsentieren, denn zur Aufklärung über das, was im ganz nahen Osten vor sich geht, trägt das nicht viel bei. Vielmehr soll in dem Vortrag Charakter und Entstehung des türkischen Islamfaschismus’ aus dem Geist und der Praxis der kemalistischen Republik erklärt werden. Denn so bitter es ist, viele von denen, die als die nächsten Opfer des unaufhaltsamen Durchmarsches des einfachen Volkes unter seinem geliebten Führer schon feststehen, haben am Untergang einer Republik, in der es nie selbstbewusste Bürger gegeben hat, fleißig mitgewirkt. Kaum ein türkischer Sozialdemokrat oder Linker würde zugeben, dass der selbstbewusst und aggressiv Türkentum geheißene Nationalstolz, an dem keiner rühren mag, auf dem Genozid an den Armeniern 1916 genauso wie den Massenmorden an vor allem Griechen in den Jahren 1920 bis 1923 aufruht. Im Gegenteil: Wenn einer die Gründungsverbrechen auch nur benennt, kommt es zum ganz großen Schulterschluss, dann gibt es keine Parteien mehr, sondern nur noch Türken. Zuletzt war es am 17. Januar 2017 wieder so weit:

Am fünften Tag der Marathondebatte um die Verfassungsänderungen trat Garo Paylan von der prokurdischen Partei HDP ans Rednerpult, um für eine pluralistische Demokratie zu plädieren: Kollegen, zwischen 1913 bis 1923 haben wir vier Völker verloren – die Armenier, die Griechen, die Assyrer und die Juden. Sie sind aus diesem Land vertrieben worden, mit Massakern und mit einem Völkermord. Liebe Kollegen… Dann musste er seine Rede wegen der vielen Unmutsbekundungen und Zwischenrufe unterbrechen. In diesem Land hat es nie einen Völkermord gegeben, schrien Abgeordnete aus den Reihen der islamischen Regierungspartei AKP und der nationalistischen MHP ebenso wie Vertreter der kemalistischen CHP, die sich als sozialdemokratisch versteht. Hören Sie auf, die Geschichte dieser Nation zu beleidigen!, brüllte ein Abgeordneter. Schließlich schaltete sich Sitzungspräsident Ahmet Aydin ein: Kollege Paylan, bitte berichtigen Sie Ihre Worte. Es hat keinen Völkermord gegeben.
Beschwichtigend wandte sich Paylan abermals an das Plenum. Sehen Sie mal, Kollegen, wir Armenier waren früher 40 Prozent der Bevölkerung, heute sind wir 0,1 Prozent, irgendetwas muss uns doch passiert sein!, beschwor er das Parlament. Aber er wurde wieder niedergebrüllt. Herr Paylan, passen Sie auf, was Sie sagen, herrschte Parlamentsvize Aydin den Armenier an. Ich habe Sie gewarnt: Sie dürfen hier nicht die Nation beleidigen. Die Sitzung wurde unterbrochen. Anschließend schloss die Volksvertretung mit überwältigender Mehrheit Garo Paylan für drei Sitzungen aus dem Parlament aus. Seine Ansprache, so beschlossen die Abgeordneten, wird aus dem Parlamentsprotokoll gelöscht.
(Tagesspiegel, 18.1.17)

Eine gemeinsame Veranstaltung des AK Raccoons und des BGA-Kassel

http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20170224kassel.html

 

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