In deutschen Kindergärten gilt als politisch inkorrekt, das Wort „Trampolin“ zu benutzen. Anstattdessen soll man „Clintolin“ sagen.

Wer sich heute öffentlich äußert, muss eine Meinungsmauer durchbrechen, die uns nicht nur „vorschreibt“, was wir meinen, sondern zu welchen Themen und Fragen wir schreiben dürfen.

In deutschen Kindergärten gilt als politisch inkorrekt, das Wort „Trampolin“ zu benutzen. Anstattdessen soll man „Clintolin“ sagen.

Prominente und Journalisten geben ihre Abscheu gegenüber 
Donald Trump hemmungslos zum Besten. Mordaufrufe und
Nazi-Vergleiche sind schon fast normal geworden.

Der Bann ist gebrochen. Geht es um Donald Trump, sind sämtliche Regeln des Anstands und des guten Geschmacks ausser Kraft gesetzt. Genau die gleichen Leute, die die geringste verbale Grenzüberschreitung von rechts reflex­artig anprangern, schiessen hemmungslos gegen den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Namhafte Publizisten ­kokettieren mit Trumps Ermordung, Popstars wollen gleich das ganze Weisse Haus in die Luft sprengen, Hitler-Vergleiche gehören schon fast zum guten Ton, ­spätestens seit ­sogar Papst Franziskus einen solchen bemüht hat. Eine kleine Auswahl von Ausfälligkeiten der letzten Wochen.

«Ja, ich bin böse, ich bin wütend, ich habe schrecklich oft daran ­gedacht, das Weisse Haus in die Luft zu sprengen.

»

Popsängerin Madonna am Protestzug Women’s March

«Mord im Weissen Haus zum Beispiel.»

Josef Joffe, Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, im TV-Sender Phoenix auf die Frage, welche Möglichkeit es gebe, Donald Trump frühzeitig des Amtes zu entheben

«Andere brüllen ‹Heil Trump› und feiern ihn mit Hitlergruss.»

SRF stellt nach der Inauguration mit einem alten Video eine Verbindung her zwischen Trump und Neonazis, ­siehe auch Artikel links nebenan.

«Ich spüre Hitler in diesen Strassen. [. . .] Ich bin nicht so eklig, wie wenn deine eigene ­Tochter dein liebstes Sexsymbol ist.»

US-Schauspielerin Ashley Judd trägt am Women’s March ein Anti-Trump-Gedicht vor, in dem Trump auch eine ­inzestuöse Beziehung zu seiner Tochter unterstellt wird.

«Ein hitlerischer Hintergrund».

MSNBC-Moderator Chris Matthews über Trumps 
Inaugurationsrede

«[Donald Trump ist] Vorreiter einer autoritären und chauvinistischen Internationale.»

Der deutsche Vizekanzler

Sigmar Gabriel stellt Trump auf eine Ebene mit Wladimir Putin, Marine Le Pen und Recep Tayyip Erdogan.

«Die Ermordung [Trumps] lässt so lange auf sich warten.»

Times-Kolumnistin India Knight auf Twitter, 
28. Januar 2017

«Ein totalitärer Blender und betrügerischer Dilettant hat es geschafft, sich ins Weisse Haus wählen zu lassen.»

Die Wochenzeitung Die Zeit nach der Wahl Trumps

«Ich dachte, Donald Trump würde leiser ­werden nach seiner Inauguration. Ich lag falsch. Kann ihn jemand erschiessen?»

Wegen dieses Facebook-Posts musste der schwedische Lokalpolitiker Roland Peterson zurücktreten.

«Dear God; Trump next, please! Trump next, please! Trump next, please! Trump next, please! Trump next, please! Trump next, please!»

Schauspieler Charlie Sheen ruft auf ­Twitter Gott dazu auf, Trumps Leben ein Ende zu setzen – inklusive ­Stinkefinger-Emoji.

«Hitler hat nicht die Macht an sich gerissen. Er wurde von seinem Volk ­gewählt, und danach hat er sein Volk ­zerstört.»

Papst Franziskus vergleicht in einem Interview mit der spanischen Zeitung El País Trump mit Hitler, ohne ­allerdings dessen Namen zu erwähnen.

«Hassprediger.»

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, als er Donald Trump mit der deutschen Rechtspartei AfD verglich.

«Rattenfänger», «Protz», «Grossmaul», 
«der Prahlhans, der uns so abstösst».

Moderator Stephan Klapproth über Donald Trump ­während der Wahlnacht auf SRF

«[Es handelte sich] bei diesen Wahlen ­entgegen dem äusseren Anschein nicht um ­eine normale Entscheidungsfindung auf ­Basis der demokratischen Grundwerte.» Dies nicht immer wieder zu betonen, «hätte einer Normalisierung des Ungeheuerlichen ­Vorschub geleistet».

Stephan Klapproths offizielle Rechtfertigung 
gegenüber der Ombudsstelle seiner Ausfälligkeiten 
in der Wahlnacht

«Für mich ist Donald Trump der nächste ­Hitler.»

Ozzy Osbourne, 
Rockstar

 

Früher stritten die an der Res Publica Interessierten, was für die einen und anderen „richtig“ und was „falsch“ sei. Oder am Besten: was „besser“ für die Res Publica wäre. Diese konstruktive Zone erreichen immer mehr heutige öffentliche Äußerungen gar nicht mehr.

Bestimmte Reaktionen auf meine zwei Stückchen, „Eine Frage, Mr. Trump“ und „Eine andere Frage, Mr. Trump“ haben das, was ich auch sonst überall beobachte, in kürzester Zeit und auf knappstem Raum wie unter dem Brennglas bestätigt.

Beide Meinungsgruppen mit unbedingter „Treue“ zu ihrem „Meinungslager“ wollen das Gleiche. Erstens: Wer etwas schreibt, in dem das Wort Trump vorkommt, „muss“ Trump entweder zu 100 Prozent „gut“ finden oder zu 100 % „schlecht“. Zweitens: Dass Trump nach Meinung des Autors mit der Feststellung eines Problems recht hat, aber mit seiner Lösungsvorstellung nicht, ist eine unerwünschte Differenzierung – für beide Meinungsseiten. Ersetzen Sie Trump durch jedes andere Schlagwort. Das Muster gilt für alle heißen Thema.

Bei meiner ersten „Frage“ an Mr. Trump wies ich auf den Widerspruch hin, dass er bei seiner Auswahl an islamischen Ländern, aus denen die Einreise in die U.S. für einige Zeit nicht möglich sein soll, ausgerechnet das Finanzzentrum des IS, Saudi-Arabien, ausließ (ich hätte noch andere nennen können). Daran knüpfte ich die Frage, wo sonst noch Trump sich verhalten wird wie das US-Establishment. Auf diese Frage ging so gut wie kein Kommentar ein.

Bei meiner zweiten „Frage“ hob ich auf die Kommunikationsstrategie des Teams Trump ab, die sich einerseits – wie im Wahlkampf erprobt  – mit Twitter und Co. direkt an Trumps Anhänger wendet. Die nun aber von der breiten – gegen Trump gerichteten – Berichterstattung der Mainstream-Medien auch in den letzten Twitter-freien Winkel seiner Anhängerschaft gelangt: Trump also gar nicht schadet, sondern bei der Bestätigung und Ausweitung seiner „Meinungsarmee“ nützt.

Allein die Tatsache, dass ich zweimal das Themenfeld Trump berührte, ohne ihn „gut“ zu finden, brachte mir den Vorwurf des Trump-bashings ein und des Nicht-Abwartens der berühmten ersten 100 Tage (mehrfach in „sozialen“ Medien, sehr vereinzelt auf Tichys Einblick). Diese Kommentierer würden mir selbstverständlich jeden Tag vor Ablauf der 100 Tage zustimmen, würde ich Trumps Vorhaben im einzelnen oder pauschal für „gut“ erklären. Und die Zustimmung aus dem anderen Meinungslager wäre mir gewiss, würde ich Trump und seine vermutlichen Pläne für „schlecht“ erklären.

Ich gehe mal in Vorleistung für beide Meinungslager: Es ist nur meine Nase, aber die sagt mir, Trump ist weniger Zeitenwende zurück in die verschüttete Tradition der U.S. vor ihrer globalen Rolle, die ja erst mit Thomas Woodrow Wilson im Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg begann, also vergleichsweise jung ist. Am Ende, sagt meine Nase, wird die Folge der Präsidentschaft Trump, egal wie kurz oder lange sie währt, ein gründlicherer Personalwechsel im US-Establishment sein als sonst. Nicht mehr, nicht weniger. Dieser Wechsel wird zu einer teilweisen Neuausrichtung der amerikanischen Politik führen – im Inneren mehr als international. Selbst ein vorzeitiger Abgang von Trump führte nicht zurück in die Zeit vor ihm. Nicht mehr, nicht weniger.

Meine Hoffnungen setze ich also nicht auf Herrn Trump, sondern darauf, dass er in anderen Teilen der Welt, vor allem in Europa, ganz unbeabsichtigt so viel Bewegung in die erstarrten Strukturen und Zustände bringt, dass neue Politik möglich wird.

Noch sind wir davon weit entfernt. Wer sich heute öffentlich äußert, muss das Kunststück fertig bringen, die anfangs genannte Meinungsmauer zu durchbrechen, die uns nicht nur „vorschreibt“, was wir meinen dürfen, sondern zu welchen Themen und Fragen das Schreiben erlaubt ist, ohne allein durch die Wahl des Themas oder der Frage durch die Meingsschablonen gepresst zu werden.

Die ganz breite Mehrheit der Leser von Tichys Einblick befindet sich vor, nicht hinter der Meinungsmauer. Und das ist gut so.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s