Sigmund Freud: Zeitgemässes über Krieg und Tod

Von Markus Somm.

Im Frühling 1915, kein Jahr nach Ausbruch des ersten Weltkrieges schrieb Sigmund Freud einen Text über den Krieg, auf den ich vor Kurzem gestossen bin – und den ich nicht mehr vergessen kann. «Zeitgemässes über Krieg und Tod», lautet der Titel. Es lohnt sich, den Text wieder zu lesen, gerade heute, in unserer Zeit des nahenden Umbruchs.

Was Freud vielleicht am meisten verstörte, war der unverzügliche und vollständige Absturz der europäischen Zivilisation in die Hölle, einer Zivi­lisation, die sich nicht nur auf ihre wissenschaft­lichen und ökonomischen Errungenschaften so viel eingebildet hatte, sondern auch auf ihre ­globalisierte Moral, ihre Toleranz, ihre Rechtsstaatlichkeit und politische Vernunft, ihre vielen völkerrechtlichen Verträge. Dass ausgerechnet diese Länder Europas nun über einander herfielen, auf eine Art, die dem ethischen Niveau der Völkerwanderung oder von Dschingis Khan entsprachen: Es war unfassbar.

„Von den grossen welt­beherrschenden Nationen weisser Rasse, denen die ­Führung des Menschengeschlechtes zugefallen ist, die man mit der Pflege weltumspannender Interessen beschäftigt wusste, deren Schöpfungen die technischen Fortschritte in der Beherrschung der Natur wie die künstlerischen und wissenschaftlichen Kulturwerte sind, von diesen Völkern hatte man erwartet, dass sie es verstehen würden, Misshelligkeiten und Interessenkonflikte auf anderem Wege zum Austrage zu bringen.“

Das alles galt auf einmal nicht mehr. Von ­Staates wegen wurde nun gelogen, betrogen, gestohlen, misshandelt, gemordet und getötet. Kaum waren die ersten Gefechte im Gang, fand eine beispiellose Umwertung der Werte statt. Besonders die Staaten taten alles, was sie vorher ihren Bürgern nie erlaubt hätten. Was richtig und wahr gewesen war, galt nun als falsch, was falsch und unmoralisch gewesen war, galt neuerdings als erwünscht und gerecht. Verbrechern steckte man Orden an, Kriminellen spendete man Lob.

Artikel, in denen nur die Orthografie stimmte

Kriegsrecht, Völkerrecht? Schon in den ersten Tagen nach Ausbruch der Feindseligkeiten wogen sie weniger als das Papier, auf dem sie geschrieben standen. Ohne Mitleid erschoss man Kriegsgefangene, ohne Barmherzigkeit wurden ­Zivilisten niedergemacht – auf beiden Seiten, was aber keine Seite zugeben würde, stattdessen schrieben Journalisten mit Propagandaauftrag Artikel, in denen nur die Orthografie stimmte. Die zunehmenden Nachrichten aus der Hölle jedoch trafen zu. Illusionen verrauchten.

Wenn jemand davon besonders betroffen war, dann die Eliten jener Epoche, die Klugen und die Reichen, die tüchtige Bourgeoisie und der ­fröh­liche Adel, die sich an ein sicheres, weltum­spannendes Leben gewöhnt hatten, das, so schien es, sich nie mehr verändern würde. Das war die Epoche der ersten Globalisierung. ­

«Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben ungezählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen den Aufenthalt in der Fremde ­eingetauscht und ihre Existenz an die Verkehrs­beziehungen zwischen den befreundeten Völkern geknüpft.

Wen aber die Not des Lebens nicht ­ständig an die nämliche Stelle bannte, der konnte sich aus allen Vorzügen und Reizen der ­Kulturländer ein neues, grösseres Vaterland zusammensetzen, in dem er sich ungehemmt unverdächtigt erging. Er genoss so das blaue und das graue Meer, die Schönheit der Schneeberge und die der grünen Wiesen­flächen, den Zauber des nordischen Waldes und die Pracht der südlichen Vegetation, die ­Stimmung der Landschaften, auf denen grosse histo­rische Erinnerungen ruhen, und die Stille der unberührten Natur.»

Ferien vor dem Krieg

Es hatte etwas Fürchterliches und Ironisches zugleich, dass Freud gerade in Karlsbad vom Krieg erfuhr, denn Karlsbad war einer der bevorzugten Aufenthaltsorte der globalisierten Elite jener Zeit, wo Russen, Deutsche, Amerikaner, Franzosen oder Engländer seit Jahren friedfertig ihren Urlaub verbracht hatten: Man parlierte, spielte, flirtete, spazierte, fuhr Automobil und las sich Gedichte vor. Dass innert weniger Tage die ­gleichen Leute sich gegenseitig totschossen, weil sie verschiedenen Nationen angehörten: Es zeigte Freud, wie brüchig die Grundlagen der ­Zivilisation waren. Völkerverständigung, Dialog, internationales Recht, Globalisierung: Das alles ging im August 1914 innert Stunden zugrunde. Wenn Freud davon schrieb, dass vielleicht nichts verheerender war als die Tatsache, dass der Staat die eigenen Maximen verletzte: Es erwies sich als klarsichtig.

«Man darf sich auch nicht darüber verwundern, dass die Lockerung aller sittlichen ­Beziehungen zwischen den Grossindividuen der Menschheit (den Völkern) eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit des Einzelnen geäussert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge ‹soziale Angst› und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Rohheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für unverein-­ bar gehalten hätte.»

1933 übernahmen in Deutschland die Nazis die Macht. Freuds Bücher wurden öffentlich ­verbrannt. 1938, kurz nach dem Anschluss ­Österreichs an das Dritte Reich, floh Sigmund Freud vor den Nazis aus Wien nach London. Ein Jahr später gab ihm sein Hausarzt Gift – worum er gebeten hatte. Denn Freud litt inzwischen unter schwerem Krebs, sodass er kaum mehr sprechen konnte. Er starb am 23. September 1939. Wenige Tage nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Markus Somm ist Chefredakteur der Basler Zeitung in der dieser Beitrag zuerst erschien.

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