Eine neue Erzählung von Evelyn Kremer: Der Ring

Der Ring

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie ihr die Großeltern den Ring damals geschenkt hatten: Sie feierte ihren zwanzigsten Geburtstag mit der Familie. Schon einige Monate zuvor hatten die Großeltern sie gefragt, was sie sich zum Geburtstag wünschte. Ohne zu zögern sagte sie, dass sie sich über einen Ring freuen würde. Sie zeigte ihren Großeltern mehrere Bilder von Ringen, die ihr gefielen, um sicherzugehen, dass der Ring genau ihren Vorstellungen entsprechen würde. Sie wollte einen Ring haben, den sie zu besonderen Anlässen tragen konnte. Der Ring sollte goldfarben sein und mit schönen, glitzernden, weißen Steinen besetzt sein:  Vielleicht in Form einer Blüte oder eines Sterns. Der Ring sollte nicht zu klein sein, aber dennoch fein wirken. Es sollte ein Ring sein, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, den sie bei Feiern, Festen und Partys tragen könnte. Der Ring sollte außerdem möglichst neutral aussehen, so dass er zu ihren verschiedenen Kleidern passte.
Auch eine ihrer Freundinnen hatte einen solchen Ring und insgeheim hoffte sie, dass ihr Ring noch viel schöner sein würde und sie der Freundin die Schau stehlen würde. Damals maß sie sich ständig mit ihren Freundinnen. Es ging immer wieder darum, wer hübscher, besser geschminkt, beliebter und besser gekleidet war. Eigentlich war ihr Schmuck nie wichtig gewesen, aber das, was ihre Freundinnen hatten, wollte auch sie haben. Es sollte ein „perfekter“ Ring sein, den alle bewunderten. Der Ring sollte genauso perfekt sein, wie sie sich damals – kurz vor ihrem Geburtstag – auch ihr späteres Leben vorstellte: Sie träumte sehr naiv von einer Karriere als Journalistin und davon, während des Studiums ihren Traummann zu treffen. Auch dieser sollte „perfekt“ sein: Charmant, gutaussehend, intelligent, mit einem interessanten Beruf und einem guten Gehalt. Obwohl sie diesen Mann noch nicht kannte, stellte sie sich damals sogar ihre Hochzeit vor. Sie wusste genau, wo und wie sie heiraten wollte, hatte bereits genaue Vorstellungen von ihrem Kleid und dem Hochzeitsstrauß. Nach der Hochzeit wollte sie zwei Kinder haben und keinesfalls ihre erfolgreiche Karriere als Journalistin aufgeben. Sie würde – genau wie ihre Eltern – in einem schönen und gut eingerichteten Altbau am Stadtrand wohnen, ein vorbildliches Familienleben führen und begabte Kinder haben. All das, hatte sie mit Neunzehn genau vor Augen und sie war der festen Überzeugung, dass alles genauso eintreffen würde: Sie hatte von ihrem Leben genauso konkrete Vorstellungen wie von dem Ring, den sie sich von ihren Großeltern wünschte.
Als ihr die Großeltern zum Geburtstag feierlich die kleine Schmuckschatulle überreichten, war sie aufgeregt wie ein kleines Kind. Sie entfernte die blaue Schleife und öffnete vorsichtig und mit voller Erwartung die dunkelrote Schatulle. Bevor sie einen Blick in die Schatulle warf, schaute sie dankbar ihre Großeltern und fröhlich mit glänzenden Augen ihre Eltern an, die ebenfalls neugierig auf das Geschenk waren. Als sie den Blick senkte, um den Ring zu betrachten, schossen ihr Tränen in die Augen: Der Ring war ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Er war nicht gold- sondern silberfarben, mit einem matten, eckigen und großen Stein in einem tiefen Korallenrot. Zu allem Überfluss sah man außerdem deutlich, dass eine Ecke aus dem Stein gebrochen war. Außerdem verlief in der Mitte des Steins ein Riss. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte – so entsetzt war sie. Tausende von Gedanken schossen ihr durch den Kopf und in die Gedanken mischten sich Wut und Traurigkeit. Sie konnte ihre Großeltern unmöglich enttäuschen und so versuchte sie, ihr Entsetzen und ihre Wut zu verbergen und mit einem Lächeln zu überspielen. Sie tat so, als sei sie gerührt und sie umarmte ihre Großeltern zum Dank. Dabei hoffte sie, dass ihr niemand die Enttäuschung ansehen würde. Doch ihr Großvater beobachtete sie ernst und eindringlich, während sie sich den Ring an den Finger steckte und ihn an den schlanken Fingern betrachtete. Ihr Großvater sagte leise zu ihr: „Ich weiß, dass der Ring nicht Deinen ursprünglichen Vorstellungen entspricht und er einen Riss hat sowie eine kleine Ecke herausgebrochen ist. Aber der Ring stammt von meiner Mutter und glaube mir: Irgendwann wirst auch Du ihn schön finden, ihn zu schätzen wissen und ihn mit anderen Augen betrachten.“ Sie wusste nicht, was der Großvater meinte, umarmte ihn und tat weiterhin so, als ob ihr der Ring gefallen würde. Innerlich aber bebte sie und am liebsten hätte sie den Ring direkt vom Finger gerissen und in die Ecke geworfen. Nun aber prangte er wie ein dicker und fieser Käfer noch den ganzen Nachmittag an ihrem Finger.
Als sie am Abend allein in ihrem Zimmer war, betrachtete sie den Ring und war abermals so enttäuscht, dass sie aus Selbstmitleid weinte. Sie konnte nicht begreifen, wie ihr die Großeltern einen so hässlichen und dazu noch kaputten Ring schenken konnten. Sie zog den Ring von ihrem Finger, packte ihn in die kleine Schatulle, öffnete eine Schreibtischschublade, warf die Schatulle abfällig hinein und knallte die Schublade mit lachendem, schadenfrohen Gesicht zu. Dann ging sie ins Bett und träumte die ganze Nacht von dem Ring. Sie träumte, dass sie mit ihren Freundinnen auf einer Feier sei und alle über ihren Ring lachten. Der Ring verwandelte sich ständig in andere widerwärtige Kriechtiere und Insekten, die ihr die Arme hochkrochen und ihre Freunde angeekelt zurückweichen ließen.
Nach einigen Tagen hatte sie den Ring vergessen und die Schatulle in der Schublade verschwand mit der Zeit unter Papieren, Stiften, Radiergummis und allerlei anderen Gegenständen – genauso, wie unangenehme Gedanken und Erlebnisse mit der Zeit verdeckt werden von vielen anderen Gedanken und Geschehnissen.
Es vergingen viele Jahre und ihr Leben entwickelte sich ganz anders, als sie es sich damals vorgestellt hatte: Zwar meisterte sie ihr Studium, aber sie schaffte nicht den Einstieg als Journalistin. Jahrelang hangelte sie sich als Lektorin von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob und auch der richtige Mann ließ auf sich warten. Erst mit Mitte dreißig traf sie einen Mann, mit dem sie sich eine Familie vorstellen konnte – auch wenn er keinesfalls ihren ursprünglichen Vorstellungen entsprach: Er war nicht besonders gutaussehend, hatte nicht studiert und verdiente nur wenig. Irgendwann wurde sie schwanger und bekam eine Tochter. Die Schwangerschaft und Geburt sowie die Jahre der Erziehung danach, machten ihr so zu schaffen, dass sie keine weiteren Kinder haben wollte. Irgendwann beschloss sie sogar, sich von ihrem Mann zu trennen. Nach einigen schweren und unschönen Jahren schaffte sie es, beruflich einen großen Schritt voran zu kommen: Sie war als Journalistin bei einer Tageszeitung tätig. Eine eigene Wohnung, geschweige denn ein eigenes Haus, konnte sie sich nicht leisten. Aber sie war glücklich: Sie genoss die Stunden mit ihrer Tochter, die als Teenager bereits schwanger geworden war; Sie mochte ihren Job und ihre Kollegen; Sie liebte es zu Kochen; Sie genoss die Zeit mit ihrem Enkelkind und mit ihren vielen Freunden; Am glücklichsten jedoch war sie bei der Gartenarbeit in ihrem kleinen Schrebergarten. Hier genoss sie die Sonne, beobachte die Pflanzen im Verlauf der Jahreszeiten, pflanzte, züchtete, erntete und säte. Wenn sie – damals mit Zwanzig – von ihrem späteren Leben erfahren hätte, wäre sie entsetzt gewesen. Alles war ganz anders gekommen als sie es sich damals vorgestellt hatte – aber sie war zufrieden und glücklich.
Als sie eines Tages in einem längeren Urlaub endlich dazu kam, alte Schubladen und Kisten auszumisten, fiel ihr zufällig die Schmuckschatulle ihrer Großeltern in die Hände. Sie betrachtete die Schatulle und öffnete sie ohne große Erwartungen vorsichtig. Zunächst traute sie sich nicht den Blick zu senken, weil sie sich plötzlich sehr genau an das schreckliche Geschenk und die Enttäuschung von damals erinnerte. Doch dann fasste sie Mut und schaute neugierig in die Schatulle: War das der Ring, den sie damals so abschätzig in die Schublade geworfen hatte? Sie konnte es kaum glauben: Der Stein des Rings hatte eine wunderschöne, rote Farbe mit lebendigen und interessanten Musterungen. Der Riss, der durch die Mitte des Steins verlief, hatte einen besonderen Reiz; Die fehlende Ecke im Stein verlieh dem Ring eine ungewöhnliche Note und machte ihn interessant und charmant; Das angelaufene Silber passte zu dem besonderen Muster des Steins und verlieh ihm eine außergewöhnliche Patina. Sie zog den Ring langsam und vorsichtig an. Er schmiegte sich genau passend an ihren rechten Ringfinger. Sie betrachte den Ring an ihrer Hand lange. Der Ring war wunderschön. Ein wohliges und warmes Gefühl durchströmte sie, so dass ihr vor Glück Tränen in die Augen stiegen. Sie erinnerte sich daran, was ihr Großvater damals zu ihr gesagt hatte und erst jetzt verstand sie: Der Ring war ein Symbol für das Leben mit all seinen Rissen und Brüchen. Gerade in dieser Imperfektion konnte sie Schönheit und Glück entdecken. Wie langweilig wäre es gewesen, wenn ihr Leben genauso verlaufen wäre, wie sie es sich damals – kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag – vorgestellt hatte. Ihr Leben wäre eine Kopie ihrer Vorstellungen gewesen und sie hätte nicht gelebt, sondern sich in ein Muster und in eine genaue Vorstellung gepresst. Sie konnte nicht mehr aufhören zu Weinen und beschloss den Ring irgendwann ihrer Enkelin zu schenken. Doch bis dahin würde sie ihn nicht mehr vom Finger nehmen.
In der Nacht träumte sie – genau wie damals – von einer Feier mit Freunden. Die Insekten und Kriechtiere auf ihrer Hand hatten sich in Blüten und Schmetterlinge verwandelt.

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