Syrien: Die Schuld der Rebellen und deren westlichen Unterstützern

Ost-Aleppo ist gefallen, und der Westen 
hat weggeschaut. Nun ist es Zeit, auch unter der syrischen Opposition nach Schuldigen zu suchen.

Von Kurt Pelda

Das Elend der Zivilisten in Aleppo hat Heerscharen von Möchtegern-Experten auf den Plan gerufen, von denen die meisten noch nie in der zerstörten Stadt waren. Manche von ihnen geben den Russen und Assad die Schuld am Debakel, andere dem Westen. Bei mehr als einem Dutzend Reisen habe ich in den von den Rebellen kontrollierten Stadtvierteln Ost-Aleppos recherchiert. Jahrelang habe ich diese Fakten in der Weltwoche präsentiert und dem Westen dabei schwere Fehler unterstellt. Amerika und Europa haben die syrische Revolution im Stich gelassen und den Aufstieg der Islamisten so erst ermöglicht.

Statt diese Vorwürfe zu wiederholen, fokussiere ich für einmal auf die Versäumnisse 
der Opposition.

Bei meinem letzten Besuch in Aleppo vor einem Jahr konnte ich kaum Anstrengungen der Rebellen ausmachen, die Stadt ernsthaft zu verteidigen, obwohl sich der Belagerungsring des Regimes schon damals immer enger zuzog. Weder baute man Bunker und Tunnels, noch legte man ausreichende Lager mit Nahrungsmitteln, Treibstoff, Waffen und Munition an. Getreu dem ­fatalistischen Motto, Allah werde es schon richten, liefen die Rebellen sehenden Auges in die Katastrophe.

Abkehr von der Demokratie

Im irakischen Mossul hat die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) mit mehr als 600 Selbstmordattentaten und unzähligen Sprengfallen, Bunkern und Tunnels den Vormarsch der irakischen Armee gestoppt. Von einer Einnahme der Stadt sind die Streitkräfte noch Monate entfernt. In Aleppo gab es dagegen nichts Vergleichbares – auch ein Indiz dafür, dass die ähnlich wie der IS vorgehenden syrischen Al-Qaida-Terroristen in der Stadt kaum präsent waren.

Als grösster Fehler entpuppten sich allerdings die ständigen Querelen zwischen den verschiedenen Rebellenfaktionen, die sich noch bis kurz vor der Niederlage bekämpften und ein einheitliches Militärkommando verhinderten. Dabei zeigt die jüngere Geschichte klar, dass Rebellen immer dann erfolgreich waren, wenn sie sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigten.

Kurz nachdem es al-Qaida und anderen Rebellen im Juli für kurze Zeit gelungen war, den Belagerungsring zu durchbrechen, liess sich ein grosser Teil der Aufständischen von der Türkei in einen Stellvertreterkrieg gegen den IS und kurdische Milizen im Norden des Landes verwickeln. Die Rebellen gaben Aleppo damit dem Regime und seinen schiitischen Söldnerverbänden preis. Wahrscheinlich steckt dahinter ein Geheimabkommen zwischen Ankara und Moskau. Statt für ihre eigenen Ziele zu kämpfen, liessen sich Teile der Opposition für ausländische Interessen einspannen. Das hat im syrischen Bürgerkrieg eine lange Tradition. Die Zersplitterung der Rebellen geht auch auf die Zerstrittenheit der ausländischen Geldgeber und Waffenlieferanten zurück, allen voran Saudi-Arabien, Katar und die Türkei.

Der lachende Dritte

Am folgenreichsten war jedoch, dass die einst demokratisch und teilweise sogar prowestlich eingestellten Rebellen den Schalmeienklängen der Islamisten erlagen. Man radikalisierte sich und schwafelte vom Dschihad, womit man zunehmend einen Religionskrieg der Sunniten gegen die Schiiten meinte. Dass sich Minderheiten wie Alawiten, Drusen oder Christen in der Folge hinter Assad scharten, kümmerte die Extremisten wenig. Doch auf westliche Schützen- und Waffenhilfe konnte der so von Islamisten unterwanderte Widerstand nicht mehr zählen. Und deshalb bleibt Diktator Assad der lachende Dritte.

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